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Woyzeck: Georg Buchner

Das Fragment 'Woyzeck' von Georg Büchner handelt von einem einfachen Soldaten, der unter der Last seiner sozialen Umstände leidet und von seinem Hauptmann und der Gesellschaft verachtet wird. Die Handlung entfaltet sich in einer nicht festgelegten Reihenfolge und thematisiert Woyzecks innere Konflikte, seine Beziehung zu Marie und die gesellschaftlichen Missstände. Die Figuren sprechen im Dialekt von Darmstadt, was die Authentizität der Darstellung unterstreicht.

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Woyzeck: Georg Buchner

Das Fragment 'Woyzeck' von Georg Büchner handelt von einem einfachen Soldaten, der unter der Last seiner sozialen Umstände leidet und von seinem Hauptmann und der Gesellschaft verachtet wird. Die Handlung entfaltet sich in einer nicht festgelegten Reihenfolge und thematisiert Woyzecks innere Konflikte, seine Beziehung zu Marie und die gesellschaftlichen Missstände. Die Figuren sprechen im Dialekt von Darmstadt, was die Authentizität der Darstellung unterstreicht.

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Woyzeck

Georg Buchner
Woyzeck

Table of Contents
Woyzeck.....................................................................................................................................................................1
Georg Buchner...............................................................................................................................................1
Vorbemerkung...............................................................................................................................................1

i
Woyzeck
Georg Buchner
This page copyright © 2002 Blackmask Online.

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This eBook was prepared by Gunther Olesch from a Project Gutenberg of DE


source file created by Erik Pischel.

Vorbemerkung
Dieses Stück ist ein Fragment. Es gibt keine einzig richtige Reihenfolge der einzelnen Szenen, denn sie sind
weder nummeriert noch in Akte aufgeteilt.

Die hier vorliegende Reihenfolge stimmt mit der Verfilmung mit Klaus Kinski in der Hauptrolle überein, vom
Ende vielleicht einmal abgesehen.

Das Stück spielt in Darmstadt, die Figuren sprechen größtenteils in dortigem Dialekt. Deshalb haben im
Hochdeutschen grammatikalisch falsche Konstruktionen hier seine Richtigkeit.

Personen

Woyzeck
Marie
Hauptmann
Doktor
Tamboumajour
Unteroffizier
Andres
Margret
Budenbesitzer
Marktschreier
Alter Mann mit Leierkasten
Jude
Wirt
Erster Handwerksbursch
Zweiter Handwerksbursch
Käthe
Narr Karl
Grossmutter
Erstes, zweites, drittes Kind
erste, zweite Person
Polizeikommissar

Soldaten. Studenten. Burschen und Mädchen Kinder. Volk

Woyzeck

Beim Hauptmann

Woyzeck 1
Woyzeck

[Hauptmann auf dem Stuhl, Woyzeck rasiert ihn.]

HAUPTMANN: Langsam, Woyzeck, langsam; eins nach dem andern! Er macht mir ganz schwindlig. Was soll
ich dann mit den 10 Minuten anfangen, die Er heut zu früh fertig wird? Woyzeck, bedenk Er, Er hat noch seine
schönen dreißig Jahr zu leben, dreißig Jahr! Macht dreihundertsechzig Monate! und Tage! Stunden! Minuten!
Was will Er denn mit der ungeheuren Zeit all anfangen? Teil Er sich ein, Woyzeck!

WOYZECK: Jawohl, Herr Hauptmann.

HAUPTMANN: Es wird mir ganz angst um die Welt, wenn ich an die Ewigkeit denke. Beschäftigung, Woyzeck,
Beschäftigung! Ewig: das ist ewig, das ist ewigdas siehst du ein; nur ist es aber wieder nicht ewig, und das ist
ein Augenblick, ja ein AugenblickWoyzeck, es schaudert mich, wenn ich denke, daß sich die Welt in einem Tag
herumdreht. Was 'n Zeitverschwendung! Wo soll das hinaus? Woyzeck, ich kann kein Mühlrad mehr sehen, oder
ich werd melancholisch.

WOYZECK: Jawohl, Herr Hauptmann.

HAUPTMANN: Woyzeck, Er sieht immer so verhetzt aus! Ein guter Mensch tut das nicht, ein guter Mensch, der
sein gutes Gewissen [Link] er doch was Woyzeck! Was ist heut für Wetter?

WOYZECK: Schlimm, Herr Hauptmann, schlimm: Wind!

HAUPTMANN: Ich spür's schon. 's ist so was Geschwindes draußen: so ein Wind macht mir den Effekt wie eine
Maus.[Pfiffig:] Ich glaub', wir haben so was aus Süd−Nord?

WOYZECK: Jawohl, Herr Hauptmann.

HAUPTMANN: Ha, ha ha! Süd−Nord! Ha, ha, ha! Oh, Er ist dumm, ganz abscheulich dumm![Gerührt:]
Woyzeck, Er ist ein guter Mensch −−aber−− [Mit Würde:] Woyzeck, Er hat keine Moral! Moral, das ist, wenn
man moralisch ist, versteht Er. Es ist ein gutes Wort. Er hat ein Kind ohne den Segen der Kirche, wie unser
hocherwürdiger Herr Garnisionsprediger sagtohne den Segen der Kirche, es ist ist nicht von mir.

WOYZECK: Herr Hauptmann, der liebe Gott wird den armen Wurm nicht drum ansehen, ob das Amen drüber
gesagt ist, eh er gemacht wurde . Der Herr sprach: Lasset die Kleinen zu mir kommen.

HAUPTMANN: Was sagt Er da? Was ist das für eine kuriose Antwort? Er macht mich ganz konfus mit seiner
Antwort. Wenn ich sag': Er, so mein' ich Ihn, Ihn

WOYZECK: Wir arme LeutSehn Sie, Herr Hauptmann: Geld, Geld ! Wer kein Geld hatDa setz einmal eines
seinesgleichen auf die Moral in der Welt! Man hat auch sein Fleisch und Blut. Unsereins ist doch einmal unselig
in der und der andern Welt. Ich glaub', wenn wir in Himmel kämen, so müßten wir donnern helfen.

HAUPTMANN: Woyzeck, Er hat keine Tugend! Er ist kein tugendhafter Mensch! Fleisch und Blut? Wenn ich
am Fenster lieg', wenn's geregnet hat, und den weißen Strümpfen nachseh', wie sie über die Gassen
springenverdammt, Woyzeck, da kommt mir die Liebe! Ich hab' auch Fleisch und Blut. Aber, Woyzeck, die
Tugend! Die Tugend! Wie sollte ich dann die Zeit rumbringen? Ich sag' mir immer: du bist ein tugendhafter
Mensch[gerührt:] −, ein guter Mensch, ein guter Mensch .

WOYZECK: Ja, Herr Hauptmann, die Tugendich hab's noch nit so aus. Sehn Sie: wir gemeine Leut, das hat
keine Tugend, es kommt nur so die Natur; aber wenn ich ein Herr wär und hätt' ein' Hut und eine Uhr und eine
Anglaise und könnt' vornehm rede, ich wollt' schon tugendhaft sein. Es muß was Schönes sein um die Tugend,

Woyzeck 2
Woyzeck

Herr Hauptmann . Aber ich bin ein armer Kerl!

HAUPTMANN: Gut, Woyzeck. Du bist ein guter Mensch, ein guter Mensch. Aber du denkst zuviel, das zehrt;
du siehst immer so verhetzt aus. Der Diskurs hat mich ganz angegriffen. Geh jetzt, und renn nicht so; langsam,
hübsch langsam die Straße hinunter!

Freies Feld, die Stadt in der Ferne

[Woyzeck und Andres schneiden Stecken im Gebüsch. Andres pfeift .]

WOYZECK: Ja, Andres, der Platz ist verflucht. Siehst Du den lichten Streif da über das Gras hin, wo die
Schwämme so nachwachsen? Da rollt abends der Kopf. Es hob ihn einmal einer auf, er meint', es wär ein Igel:
drei Tag und drei Nächt, er lag auf den Hobelspänen. [Leise:] Andres, das waren die Freimaurer! Ich hab's, die
Freimaurer!

ANDRES [singt]: Saßen dort zwei Hasen, fraßen ab das grüne, grüne Gras...

WOYZECK: Still: Hörst du's, Andres? Hörst du's? Es geht was!

ANDRES: Fraßen ab das grüne, grüne Gras... bis auf den grünen Rasen.

WOYZECK: Es geht hinter mir, unter mir.[Stampft auf den Boden:] Hohl, hörst Du? Alles hohl da unten! Die
Freimaurer!

ANDRES: Ich fürcht' mich.

WOYZECK: 's ist so kurios still. Man möcht' den Atem halten. − Andres!

ANDRES: Was?

WOYZECK: Red was![Starrt in die Gegend.]Andres, wie hell! Über der Stadt is alles Glut! Ein Feuer fährt
um den Himmel und ein Getös herunter wie Posaunen. Wie's heraufzieht!Fort! Sieh nicht hinter dich![Reißt
ihn ins Gebüsch.]

ANDRES [nach einer Pause]: Woyzeck, hörst du's noch?

WOYZECK: Still, alles still, als wär' die Welt tot.

ANDRES: Hörst du? Sie trommeln drin. Wir müssen fort!

Die Stadt

[Marie mit ihrem Kind am Fenster. Margret. Der Zapfenstreich geht vorbei, der Tambourmajor voran.]

MARIE [das Kind wippend auf dem Arm]: He, Bub! Sa ra ra ra! Hörst? Da kommen Sie!

MARGRET: Was ein Mann, wie ein Baum!

MARIE: Er steht auf seinen Füßen wie ein Löw.

[Tambourmajor grüßt.]

Woyzeck 3
Woyzeck

MARGRET: Ei, was freundliche Auge, Frau Nachbarin! So was is man an ihr nit gewöhnt.

MARIE [singt]: Soldaten, das sind schöne Bursch ...

MARGRET: Ihre Auge glänze ja noch

MARIE: Und wenn! Trag Sie Ihr Aug zum Jud, und laß Sie sie putze; vielleicht glänze sie noch, daß man sie für
zwei Knöpfe verkaufen könnt.

MARGRET: Was, Sie? Sie? Frau Jungfer! Ich bin eine honette Person, aber Sie, es weiß jeder, Sie guckt sieben
Paar lederne Hose durch!

MARIE: Luder![Schlägt das Fenster durch.]Komm, mei Bub ! Was die Leute wolle. Bist doch nur ein arm
Hurenkind und machst deiner Mutter Freud mit deim unehrlichen Gesicht! Sa! sa![Singt] Mädel, was fangst Du
jetzt an? Hast ein klein Kind und kein' Mann! Ei, was frag' ich danach? Sing' ich die ganze Nacht heio, popeio,
mei Bu, juchhe! Gibt mir kein Mensch nix dazu.

[Es klopft am Fenster.]

MARIE: Wer da? Bist du's, Franz? Komm herein!

WOYZECK: Kann nit. Muß zum Verles'.

MARIE: Hast du Stecken geschnitten für den Hauptmann?

WOYZECK: Ja, Marie.

MARIE: Was hast du, Franz? Du siehst so verstört.

WOYZECK [geheimnisvoll]: Marie, es war wieder was, viel steht nicht geschrieben: Und sie, da ging ein
Rauch vom Land, wie der Rauch vom Ofen?

MARIE: Mann!

WOYZECK: Es ist hinter mir hergangen bis vor die Stadt. Etwas, was wir nicht fassen, begreifen, was uns von
Sinnen bringt. Was soll das werden?

MARIE: Franz!

WOYZECK: Ich muß [Link] abend auf die Meß! Ich hab wieder gespart.[Er geht.]

MARIE: Der Mann! So vergeistert. Er hat sein Kind nicht angesehn! Er schnappt noch über mit den
Gedanken!Was bist so still, Bub? Furchtest dich? Es wird so dunkel; man meint, man wär' blind. Sonst scheint
als die Latern herein. Ich halt's nit aus; es schauert mich! [Geht ab.]

Buden. Lichter. Volk

ALTER MANN [singt und Kind tanzt zum Leierkasten]: Auf der Welt ist kein Bestand, Wir müssen alle sterben,
das ist uns wohlbekannt.

WOYZECK: Hei, Hopsa's!Armer Mann, alter Mann! Armes Kind, junges Kind! Sorgen und Feste!

Woyzeck 4
Woyzeck
MARIE: Mensch, sind noch die Narrn von Verstande, dann ist man selbst ein [Link] Welt! Schöne
Welt!

[Beide gehn weiter zum Marktschreier.]

MARKTSCHREIER [vor seiner Bude mit seiner Frau in Hosen und einem kostümierten Affen]: Meine Herren,
meine Herren! Sehn Sie die Kreatur, wie sie Gott gemacht: nix, gar nix. Sehn Sie jetzt die Kunst: geht aufrecht,
hat Rock und Hosen, hat ein' Säbel! Der Aff ist Soldat; s' ist noch nicht viel, unterste Stuf von menschliche
Geschlecht. Ho! Mach Kompliment! Sobist Baron. Gib Kuß![Er trompetet:] Wicht ist [Link]
Herren, hier ist zu sehen das astronomische Pferd und die kleine Kanaillevögele. Sind Favorit von alle gekrönte
Häupter Europas, verkündigen den Leuten alles: wie alt, wieviel Kinder, was für Krankheit. Die Repräsentationen
anfangen! Es wird sogleich sein Commencement von Commencement.

WOYZECK: Willst Du?

MARIE: Meinetwegen. Das muß schön Ding sein. Was der Mensch Quasten hat! Und die Frau Hosen!

[Beide gehn in die Bude.]

TAMBOURMAJOR: Halt, jetzt! Siehst du sie! Was ein Weibsbild!

UNTEROFFIZIER: Teufel! Zum Fortpflanzen von Kürassierregimentern!

TAMBOURMAJOR: Und zur Zucht von Tambourmajors!

UNTEROFFIZIER: Wie sie den Kopf trägt! Man meint, das schwarze Haar müßt' sie abwärts ziehn wie ein
Gewicht. Und Augen

TAMBOURMAJOR: Als ob man in ein' Ziehbrunnen oder zu einem Schornstein hinunter guckt. Fort,
hintendrein!

Das Innere der hellerleuchteten Bude

MARIE: Was Licht!

WOYZECK: Ja, Marie, schwarze Katzen mit feurigen Augen. Hei, was ein Abend!

DER BUDENBESITZER [ein Pferd vorführend]: Zeig dein Talent! Zeig deine viehische Vernünftigkeit!
Beschäme die menschliche Sozietät ! Meine Herren, dies Tier, was Sie da sehn, Schwanz am Leib, auf seine vier
Hufe, ist Mitglied von alle gelehrt Sozietät, ist Professor an unsre Universität, wo die Studente bei ihm reiten und
schlagen lernen. − Das war einfacher Verstand. Denk jetzt mit der doppelten Raison! Was machst du, wann du
mit der doppelten Raison denkst? Ist unter der gelehrten Société da ein Esel?[Der Gaul schüttelt den
Kopf.]Sehn Sie jetzt die doppelte Raison? Das ist Viehsionomik. Ja, das ist kein viehdummes Individuum, das
ist ein Person, ein Mensch, ein tierischer Menschund doch ein Vieh, ein Bête.[Das Pferd führt sich
ungebührlich auf.]So, beschäme die Société. Sehn Sie, das Vieh ist noch Natur, unideale Natur! Lernen Sie bei
ihm! Fragen Sie den Arzt, es ist sonst höchst schädlich! Das hat geheißen: Mensch, sei natürlich ! Du bist
geschaffen aus Staub, Sand, Dreck. Willst du mehr sein als Staub, Sand, Dreck?Sehn Sie, was Vernunft: es kann
rechnen und kann doch nit an den Fingern herzählen. Warum? Kann sich nur nit ausdrücken, nur nit explizieren,
ist ein verwandelter Mensch. Sag den Herren, wieviel Uhr ist es! Wer von den Herren und Damen hat ein Uhr?
ein Uhr?

Woyzeck 5
Woyzeck

UNTEROFFIZIER: Eine Uhr?[Zieht großartig und gemessen eine Uhr aus der Tasche:] Da, mein Herr!

MARIE: Das muß ich sehn.[Sie klettert auf den ersten Platz; Unteroffizier hilft ihr.]

TAMBOURMAJOR: Das ist ein Weibsbild.

Mariens Kammer

MARIE [sitzt, ihr Kind auf dem Schoß, ein Stückchen Spiegel in der Hand]: Der andre hat ihm befohlen, und er
hat gehen müssen! [Bespiegelt sich:] Was die Steine glänzen! Was sind's für? Was hat er gesagt?− Schlaf,
Bub! Drück die Augen zu, fest![Das Kind versteckt die Augen hinter den Händen.]Noch fester! Bleib so still,
oder er holt dich![Singt:] Mädel, mach's Ladel zu 's kommt e Zigeunerbu, führt dich an deiner Hand fort ins
Zigeunerland. [Spiegelt sich wieder.]'s ist gewiß Gold! Wie wird mir's beim Tanzen stehen? Unsereins hat nur
ein Eckchen in der Welt und ein Stück Spiegel, und doch hab ich ein' so roten Mund als die großen Madamen mit
ihrem Spiegeln von oben bis unten und ihren schönen Herrn, die ihnen die Händ küssen. Ich bin nur ein arm
Weibsbild![Das Kind richtet sich auf.]Still, Bub, die Augen zu! Das Schlafengelchen! Wie's an der Wand
läuft.[Sie blinkt ihm mit dem Glas:] Die Auge zu, oder es sieht dir hinein, daß du blind wirst!

[Woyzeck tritt herein, hinter sie. Sie fährt auf, mit den Händen nach den Ohren.]

WOYZECK: Was hast du?

MARIE: Nix.

WOYZECK: Unter deinen Fingern glänzt's ja.

MARIE: Ein Ohrringlein; hab's gefunden.

WOYZECK: Ich hab' so noch nix gefunden, zwei auf einmal!

MARIE: Bin ich ein Mensch?

WOYZECK: 's ist gut, [Link] der Bub schläft! Greif ihm unters Ärmchen, der Stuhl drückt ihn. Die hellen
Tropfen stehn ihm auf der Stirn; alles Arbeit unter der Sonn, sogar Schweiß im Schlaf. Wir arme Leut!Da ist
wieder Geld, Marie; die Löhnung und was von meim Hauptmann.

MARIE: Gott vergelt's, Franz.

WOYZECK: Ich muß fort. Heut abend, Marie! Adies!

MARIE [allein, nach einer Pause]: Ich bin doch ein schlechter Mensch! Ich könnt' mich [Link], was
Welt! Geht doch alle zum Teufel, Mann und Weib! Vorige Seite Nächste Seite

Beim Doktor

[Woyzeck. Der Doktor.]

DOKTOR: Was erleb' ich, Woyzeck? Ein Mann von Wort!

WOYZECK: Was denn, Herr Doktor?

Woyzeck 6
Woyzeck

DOKTOR: Ich hab's gesehn, Woyzeck; er hat auf die Straß gepißt, an die Wand gepißt, wie ein [Link] doch
drei Groschen täglich und die Kost! Woyzeck, das ist schlecht; die Welt wird schlecht, sehr schlecht!

WOYZECK: Aber, Herr Doktor, wenn einem die Natur kommt.

DOKTOR: Die Natur kommt, die Natur kommt! Die Natur! Hab' ich nicht nachgewiesen, daß der Musculus
constrictor vesicae dem Willen unterworfen ist? Die Natur! Woyzeck, der Mensch ist frei, in dem Menschen
verklärt sich die Individualität zur [Link] Harn nicht halten können![Schüttelt den Kopf, legt die Hände
auf den Rücken und geht auf und ab.]Hat Er schon seine Erbsen gegessen, Woyzeck? Nichts als Erbsen,
cruciferae, merk Er sich's! Es gibt eine Revolution in der Wissenschaft, ich sprenge sie in die Luft. Harnstoff 0,10,
salzsaures Ammonium, HyperoxydulWoyzeck, muß Er nicht wieder pissen? Geh Er einmal hinein und probier
Er's!

WOYZECK: Ich kann nit, Herr Doktor.

DOKTOR [mit Affekt]: Aber an die Wand pissen! Ich hab's schriftlich, den Akkord in der Hand!Ich hab's
gesehen, mit diesen Augen gesehen; ich steckt' grade die Nase zum Fenster hinaus und ließ die Sonnenstrahlen
hineinfallen, um das Niesen zu beobachten.[Tritt auf ihn los:] Nein, Woyzeck, ich ärgre mich nicht; Ärger ist
ungesund, ist unwissenschaftlich. Ich bin ruhig, ganz ruhig; mein Puls hat seine gewöhnlichen sechzig, und ich
sag's Ihm mit der größten Kaltblütigkeit. Behüte, wer wird sich über einen Menschen ärgern, ein' Mensch! Wenn
es noch ein Proteus wäre, der einem krepiert! Aber, Woyzeck, Er hätte nicht an die Wand pissen sollen

WOYZECK: Sehn Sie, Herr Doktor, manchmal hat einer so 'en Charakter, so 'ne [Link] mit der Natur
ist's was anders, sehn Sie; mit der Natur[er kracht mit den Fingern] −, das is so was, wie soll ich sagen, zum
Beispiel ...

DOKTOR: Woyzeck, Er philosophiert wieder.

WOYZECK [vertraulich]: Herr Doktor, haben Sie schon was von der doppelten Natur gesehn? Wenn die Sonn in
Mattag steht und es ist, als ging' die Welt in Feuer auf, hat schon eine fürchterliche Stimme zu mir geredt!

DOKTOR: Woyzeck, Er hat eine Aberratio.

WOYZECK [legt den Finger auf die Nase]: Die Schwämme, Herr Doktor, da, da steckt's. Haben Sie schon
gesehn, in was für Figuren die Schwämme auf dem Boden wachsen? Wer das lesen könnt!

DOKTOR: Woyzeck, Er hat die schönste Aberratio mentalis partialis, die zweite Spezies, sehr schön ausgeprägt.
Woyzeck, Er kriegt Zulage! Zweite Spezies: fixe Idee mit allgemein vernünftigem [Link] tut noch alles wie
sonst? Rasiert seinen Hauptmann?

WOYZECK: Jawohl.

DOKTOR: Ißt seine Erbsen?

WOYZECK: Immer ordentlich, Herr Doktor. Das Geld für die Menage kriegt meine Frau.

DOKTOR: Tut seinen Dienst?

WOYZECK: Jawohl.

Woyzeck 7
Woyzeck

DOKTOR: Er ist ein interessanter Kasus. Subjekt Woyzeck, Er kriegt Zulage, halt Er sich brav. Zeig Er seinen
Puls. Ja.

Mariens Kammer

[Marie. Tambourmajor.]

TAMBOURMAJOR: Marie!

MARIE [ihn ansehennd, mit Ausdruck]: Geh einmal vor dich hin ! Über die Brust wie ein Rind und ein Bart wie
ein Löw. So ist keiner! − Ich bin stolz vor allen Weibern!

TAMBOURMAJOR: Wenn ich am Sonntag erst den großen Federbusch hab' und die weiße Handschuh,
Donnerwetter! Der Prinz sagt immer: Mensch, Er ist ein Kerl.

MARIE [spöttisch]: Ach was![Tritt vor ihn hin:] Mann!

TAMBOURMAJOR: Und du bist auch ein Weibsbild! Sapperment, wir wollen eine Zucht Tambourmajors
anlegen. He?[Er umfaßt sie.]

MARIE [verstimmt]: Laß mich!

TAMBOURMAJOR: Wild Tier!

MARIE [heftig]: Rühr mich an!

TAMBOURMAJOR: Sieht dir der Teufel aus den Augen?

MARIE: Meinetwegen! Es ist alles eins!

Straße

[Hauptmann. Doktor. Hauptmann keucht die Straße herunter, hält an; keucht, sieht sich um.]

HAUPTMANN: Herr Doktor, rennen Sie nicht so! Rudern Sie mir Ihrem Stock nicht so in der Luft! Sie hetzen
sich ja hinter dem Tod drein. Ein guter Mensch, der sein gutes Gewissen hat, geht nicht so schnell. Ein guter
Mensch[Er erwischt den Doktor am Rock:] Herr Doktor, erlauben Sie, daß ich ein Menschenleben rette!

DOKTOR: Pressiert, hh, pressiert!

HAUPTMANN: Herr Doktor, ich bin so schwermütig, ich habe so was Schwärmerisches; ich muß immer
weinen, wenn ich meinen Rock an der Wand hängen sehen −.

DOKTOR: Hm! Aufgedunsen, fett, dicker Hals: apoplektische Konstitution. Ja, Herr Hauptmann, Sie können
eine Apoplexia cerebri kriegen; Sie können sie aber vielleicht auch nur auf der einen Seite bekommen und auf der
einen gelähmt sein, oder aber Sie können im besten Fall geistig gelähmt werden und nur fort vegetieren: das sind
so ohgefähr Ihre Aussichten auf die nächsten vier Wochen! Übrigens kann ich Sie versichern, daß Sie einen von
den interessanten Fällen abgeben, und wenn Gott will, daß Ihre Zunge zum Teil gelähmt wird, so machen wir
unsterbliche Experimente.

Woyzeck 8
Woyzeck
HAUPTMANN: Herr Doktor, erschrecken Sie mich nicht! Es sind schon Leute am Schreck gestorben, am bloßen
hellen [Link] sehe schon die Leute mit den Zitronen in den Händen; aber sie werden sagen, er war ein
guter Mensch, ein guter MenschTeufel Sargnagel!

DOKTOR [hält ihm den Hut hin]: Was ist das, hh?Das ist ein Hohlkopf, geehrtester Herr Exerzierzagel!

HAUPTMANN [macht eine Falte]: Was ist das, Herr Doktor? Das ist Einfalt, bester Herr Sargnagel! Hähähä!
Aber nichts für ungut! Ich bin ein guter Mensch, aber ich kann auch, wenn ich will, Herr Doktor, hähähä, wenn
ich will ...[Woyzeck kommt und will vorbeieilen]He, Woyzeck, was hetzt Er sich so an uns vorbei. Bleib er
doch, Woyzeck! Er läuft ja wie ein offnes Rasiermesser durch die Welt, man schneidt sich an Ihm; Er läuft, als
hätt er ein Regiment Kastrierte zu rasieren und würde gehenkt über dem längsten Haar noch vor dem
Verschwinden. Aber, über die langen Bärtewas wollt' ich doch sagen? Woyzeck: die langen Bärte ...

DOKTOR: Ein langer Bart unter dem Kinn, schon Plinius spricht davon, man müßt es den Soldaten abgewöhnen
...

HAUPTMANN [fährt fort]: Ha, über die langen Bärte! Wie is, Woyzeck, hat Er noch nicht ein Haar aus einem
Bart in seiner Schüssel gefunden? He, Er versteht mich doch? Ein Haar eines Menschen, vom Bart eines Sapeurs,
eines Unteroffiziers, eineseines Tambourmajors? He, Woyzeck? Aber Er hat eine brave Frau. Geht Ihm nicht
wie andern.

WOYZECK: Jawohl! Was wollen Sie sagen, Herr Hauptmann?

HAUPTMANN: Was der Kerl ein Gesicht macht! ... Vielleicht nun auch nicht in der Suppe, aber wenn Er sich
eilt und um die Eck geht, so kann er vielleicht noch auf ein Paar Lippen eins finden. Ein Paar Lippen, Woyzeck.
Kerl, Er ist ja kreideweiß!

WOYZECK: hh, ich bin ein armer Teufelund hab's sonst nichts auf der Welt. hh, wenn Sie Spaß machen

HAUPTMANN: Spaß ich? Daß dich Spaß, Kerl!

DOKTOR: Den Puls, Woyzeck, den Puls!Klein, hart, hüpfend, unregelmäßig.

WOYZECK: hh, die Erd is höllenheißmir eiskalt, eiskalt Die Hölle is kalt, wollen wir wetten.− Unmöglich!
Mensch! Mensch! Unmöglich!

HAUPTMANN: Kerl, will Erwill Er ein paar Kugeln vor den Kopf haben? Er ersticht mich mit seinen Augen,
und ich mein' es gut mit Ihm, weil Er ein guter Mensch ist, Woyzeck, ein guter Mensch.

DOKTOR: Gesichtsmuskeln starr, gespannt, zuweilen hüpfend. Haltung aufgeregt, gespannt.

WOYZECK: Ich geh'. Es is viel möglich. Der Mensch! Es is viel möglich. Wir haben schön Wetter, hh. Sehn
Sie, so ein schöner, fester, grauer Himmel; man könnte Lust bekommen, ein' Kloben hineinzuschlagen und sich
daran zu hängen, nur wegen des Gedankenstriches zwischen Ja und wieder Jaund Nein. hh, Ja und Nein? Ist das
Nein am Ja oder das Ja am Nein schuld? Ich will darüber nachdenken.[Geht mit breiten Schritten ab, erst
langsamer, dann immer schneller.]

HAUPTMANN: Mir wird ganz schwindlig vor den Menschen. Wie schnell! Der lange Schlingel greift aus, als
läuft der Schatten von einem Spinnbein, und der Kurze, das zuckelt. Der Lange ist der Blitz und der Kleine der
Donner. Haha ... Grotesk! grotesk!

Woyzeck 9
Woyzeck

Mariens Kammer

[Marie. Woyzeck.]

WOYZECK [sieht sie starr an und schüttelt den Kopf]: Hm! Ich seh' nichts, ich seh nichts. O man müßt's sehen,
man müßt's greifen könne mit Fäusten!

MARIE [verschüchtert]: Was hast du, Franz?Du bist hirnwütig, Franz.

WOYZECK: Eine Sünde, so dick und so breites stinkt, daß man die Engelchen zum Himmel hinausräuchern
könnt'! Du hast ein' roten Mund, Marie. Keine Blase drauf? Wie, Marie, du bist schön wie die Sünde kann die
Totsünde so schön sein?

MARIE: Franz, du redest im Fieber!

WOYZECK: Teufel!Hat er da gestanden? So? So?

MARIE: Dieweil der Tag lang und die Welt alt is, können viele Menschen an einem Platz stehen, einer nach dem
andern.

WOYZECK: Ich hab ihn gesehn!

MARIE: Man kann viel sehn, wenn man zwei Auge hat und nicht blind is und die Sonn scheint.

WOYZECK: Mensch![Geht auf sie los.]

MARIE: Rühr mich an, Franz! Ich hätt' lieber ein Messer in den Leib als deine Hand auf meiner. Mein Vater hat
mich nit anzugreifen gewagt, wie ich zehn Jahre alt war, wenn ich ihn ansah.

WOYZECK: Weib!Nein, es müßte was an dir sein! Jeder Mensch ist ein Abgrund; es schwindelt einem, wenn
man [Link] wäre! Sie geht wie die Unschuld. Nun, Unschuld, du hast ein Zeichen an dir. Weiß ich's?
Weiß ich's? Wer weiß es?[Er geht.]

Die Wachstube.

[Woyzeck. Andres.]

ANDRES [singt]: Frau Wirtin hat ne brave Magd, sie sitzt im Garten Tag und Nacht, sie sitzt in ihrem Garten ...

WOYZECK: Andres!

ANDRES: Nu?

WOYZECK: Schön Wetter.

ANDRES: SonntagswetterMusik vor der Stadt. Vorhinsind die Weibsbilder hinaus; die Mensche dampfe, das
geht!

WOYZECK [unruhig]: Tanz, Andres, sie tanze!

ANDRES: Im Rössel und in Sternen.

Woyzeck 10
Woyzeck

WOYZECK: Tanz, Tanz!

ANDRES: Meinetwege. Sitzt in ihrem Garten, bis dass das Glöcklein zwölfe schlägt, und paßt auf die
Solda−aten.

WOYZECK: Andres, ich hab' kei Ruh.

ANDRES: Narr!

WOYZECK: Ich muß hinaus. Es dreht sich mir vor den Augen. Tanz, Tanz! Wird sie heiße Händ habe!
Verdammt, Andres!

ANDRES: Was willst du?

WOYZECK: Ich muß fort, muß sehen.

ANDRES: Du Unfried! Wegen dem Mensch?

WOYZECK: Ich muß hinaus, 's is so heiß dahie.

Wirtshaus

[Die Fenster offen, Tanz. Bänke vor dem Haus. Bursche.]

ERSTER HANDSWERKSBURSCH: Ich hab' ein Hemdlein an, das ist nicht mein; meine Seele stinkt nach
Branndewein

ZWEITER HANDWERKSBURSCH: Bruder, soll ich dir aus Freundschaft ein Loch in die Natur machen?
Vorwärts! Ich will ein Loch in die Natur maehen! Ich bin auch ein Kerl, du weißtich will ihm alle Flöh am Leib
totschlagen.

ERSTER HANDWERKSBURSCH: Meine Seele, meine Seele stinkt nach Branndewein!Selbst das Geld geht
in Verwesung über! Vergißmeinnicht, wie ist diese Welt so schön! Bruder, ich muß ein Regenfaß voll greinen vor
Wehmut. Ich wollt', unsre Nasen wären zwei Bouteillen, und wir könnten sie uns einander in den Hals gießen.

ANDRE [im Chor]: Ein Jäger aus der Pfalz ritt einst durch einen grünen Wald. Halli, hallo, ha lustig ist die
Jägerei allhier auf grüner Heid. Das Jagen is mei Freud.

[Woyzeck stellt sich ans Fenster. Marie und der Tambourmajor tanzen vorbei, ohne ihm zu bemerken.]

WOYZECK: Er! Sie! Teufel!

MARIE [im Vorbeitanzen]: Immer zu, imer zu

WOYZECK [erstickt]: Immer zuimmer zu![Fährt heftig auf und sinkt zurück auf die Bank:] Immer zu, immer
zu![Schlägt die Hände ineinander:] Dreht euch. wälzt euch! Warum bläst Gott nicht die Sonn aus, daß alles in
Unzucht sich übereinanderwälzt, Mann und Weib, Mensch und Vieh?! Tut's am hellen Tag, tut's einem auf den
Händen wie die Mücken!Weib! Das Weib is heiß, heiß!Immer zu, immer zu! [Fährt auf:] Der Kerl, wie er an
ihr herum greift, an ihrem Leib! Er, er hat siewie ich zu Anfang.[Er sinkt betäubt zusammen.]

Woyzeck 11
Woyzeck
ERSTER HANDWERKSBURSCH [predigt auf dem Tisch]: Jedoch, wenn ein Wandrer, der gelehnt steht an
dem Strom der Zeit oder aber sich die göttliche Weisheit beantwortet und sich anredet: Warum ist der Mensch?
Warum ist der Mensch?Aber wahrlich, ich sage euch: Von was hätte der Landmann, der Weißbinder, der
Schuster, der Arzt leben sollen, wenn Gott den Menschen nicht geschaffen hätte? Von was hätte der Schneider
leben sollen, wenn er dem Menschen nicht die Empfindung der Scham eingepflanzt hätte, von was der Soldat,
wenn er ihm nicht mit dem Bedürfnis sich totzuschlagen ausgerüstet hätte? Darum zweifelt nichtja, ja, es ist
lieblich und fein, aber alles Irdische ist übel, selbst das Geld geht in Verwesung über. Zum Beschluß, meine
geliebten Zuhörer, laßt uns noch übers Kreuz pissen, damit ein Jud stirbt!

[Unter allgemeinem Gejohle erwacht Woyzech und rast davon.]

Freies Feld

WOYZECK: Immer zu! Immner zu! Hisch, hasch! So gehn die Geigen und die [Link] zul Immer
zu!Still, Musik! Was spricht da unten?Recht sich gegen den Boden: Ha, was, was sagt ihr? Lauterl Lauter!
Stich, stich die Zickwolfin tot?Stich, stich die Zickwolfin tot!Soll ich! Muß ich? Hör' ich's da auch?Sagt's der
Wind auch? Hör' ich's immer, immer zu: stich tot, tot!

Ein Zimmer in der Kaserne

[Nacht. Andres und Woyzech in einem Bett.]

WOYZECK [leise]: Andres!

[Andres murmelt im Schlaf.]

WOYZECK [schüttelt Andres]: He, Andres! Andres!

ANDRES: Na was is?

WOYZECK: Ich kann nit schlafen! Wenn ich die Aug zumach', dreht sich's immer, und ich hör' die Geigen,
immer zu, immer zu. Und dann spricht's aus der Wand. Hörst du nix?

ANDRES: Jalaß sie tanze! Einer is müd, und dann Gott behüt uns, amen.

WOYZECK: Es redt lmmer: stich! stich! und zieht mir zwischen den Augen wie ein Messer

ANDRES: Schlaf, Narr![Er schläft wieder ein.]

WOYZECK: Immer zu! Immer zu!

Der Hof des Doktors

[Studenten und Woyzeck unten, der Doktor am Dachfenster.]

DOKTOR: Meine Herren, ich bin auf dern Dach wie David, als er die Bathseba sah; aber ich sehe nichts als die
culs de Paris der Mädchenpension im Garten trocknen. Meine Herren, wir sind an der wichtigen Frage über das
Verhältnis des Subjekts zum Objekt. Wenn wir nur eins von den Dingen nehmen, worin sich die organische
Selbstaffirmation des Göttlichen, auf einem so hohen Standpunkte, manifestiert, und ihre Verhältnisse zum Raum,
zur Erde, zum Planetarischen untersuchen, meine Herren, wenn ich diese Katze zum Fenster hinauswerfe: wie
wird diese Wesenheit sich zum centrum gravitationis gemäß ihrem eigenen Instinkt verhalten?He, Woyzeck

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Woyzeck

[brüllt] −, Woyzeck!

WOYZECK [fängt die Katze auf]: Herr Doktor, sie beißt!

DOKTOR: Kerl, Er greift die Bestie so zärtlich an, als wär's seine Großmutter.[Er kommt herunter.]

WOYZECK: Herr Doktor, ich hab's Zittern.

DOKTOR [ganz erfreut]: Ei, ei! Schön, Woyzeck!Reibt sich die Hände. [Er nimmt die Katze:] Was seh' ich,
meine Herren, die neue Spezies Hasenlaus, eine schöne Spezies ...[Er zieht eine Lupe heraus, die Katze läuft
fort.]Meine Herren, das Tier hat keinen wissenschaftlichen Instinkt ... Die können dafür was anders sehen.
Sehen Sie: der Mensch, seit einem Vierteljahr ißt er nichts als Erbsen; bemerken Sie die Wirkung, fühlen Sie
einmal: Was ein ungleicher Puls! Der und die Augen!

WOYZECK: Herr Daktor, es wird mir dunkel![Er setzt sich.]

DOKTOR: Courage, Woyzeck! Noch ein paar Tage, und dann ist's fertig. Fühlen Sie, meine Herren, fühlen
Sie![Sie betasten ihm Schläfe, Puls und Busen.]Apropos, Woyzeck, beweg den Herren doch einmal die Ohren!
Ich hab' es Ihnen schon zeigen wollen, zwei Muskeln sind bei ihm tätig. Allons, frisch!

WOYZECK: Ach, Herr Doktor!

DOKTOR: Bestie, sall ich dir die Ohren bewegen? Willst du's machen wie die Katze? So, meine Herren! Das
sind so Übergänge zum Esel, häufig auch die Folge weiblicher Erziehung und die Muttersprache . Wieviel Haare
hat dir die Mutter zum Andenken schon ausgerissen aus Zärtlichkeit? Sie sind dir ja ganz dünn geworden seit ein
paar Tagen. Ja, die Erbsen, meine Herren!

Kasernenhof

WOYZECK: Hast nix gehört?

ANDRES: Er is da, noch mit einem Kameraden.

WOYZECK: Er hat was gesagt.

ANDRES: Woher weißt du's? Was soll ich's sagen? Nu, er lachte, und dann sagt er: Ein köstlich Weibsbild! Die
hat Schenkel, und alles so heiß!

WOYZECK [ganz kalt]: So, hat er das gesagt? Von was hat mir doch hat nacht geträumt? War's nicht von einem
Messer? Was man doch närrische Träume hat!

ANDRES: Wohin, Kamerad?

WOYZECK: Meim Offizier Wein [Link], Andres, sie war dach ein einzig Mädel.

ANDRES: Wer war?

WOYZECK: Nix. Adies![Ab.]

Wirtshaus

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Woyzeck

[Tambourmajor. Woyzeck. Leute.]

TAMBOURMAJOR: Ich bin ein Mann![Schlägt sich auf die Brust :] Ein Mann, sag' ich. Wer will was? Wer
kein be− soffner Herrgott ist, der laß sich von mir. Ich will ihn die Nas ins Arschloch prügeln! Ich will[Zu
Woyzeck:] Du Kerl, sauf! Ich wollt' die Welt wär' Schnaps, Schnapsder Mann muß saufen![Woyzech
pfeift.]Kerl, soll ich dir die Zung aus dem Hals ziehn und sie um den Leib herumwickeln? Sie ringen,
Woyzeck [Link] ich dir noch so viel Atem lassen als 'en Altweiberfurz, soll ich?[Woyzech setzt sich
erschöpft zitternd auf eine Bank.]Der Kerl soll dunkelblau pfeifen. Branndewein, das ist mein Leben;
Branndwein gibt Courage!

EINE: Der hat sein Fett.

ANDRE: Er blut'.

WOYZECK: Eins nach dem andern.

Kramladen

[Woyzeck. Der Jude.]

WOYZECK: Das Pistolchen ist zu teuer.

JUDE: Nu, kauft's oder kauft's nit, was is?

WOYZECK: Was kost' das Messer?

JUDE: 's ist ganz grad. Wollt Ihr Euch den Hals mit abschneiden? Nu, was is es? Ich geb's Euch so wohlfeil wie
ein andrer. Ihr sollt Euern Tod wohifeil haben, aber doch nit umsonst. Was is es? Er soll ein ökonomischer Tod
haben.

WOYZECK: Das kann mehr als Brot schneiden

JUDE: Zwee Grosche.

WOYZECK: Da!Geht ab.

JUDE: Da! Als ob's nichts wär! Und es is doch [Link] Hund !

Mariens Kammer

NARR [liegt und erzählt sich Märchen an den Fingern]: Der hat die goldne Kron, der Herr König ... Morgen hol'
ich der Frau Königin ihr Kind ... Blutwurst sagt: komm, Leber− wurst ...

MARIE [blättert in der Bibel]: "Und ist kein Betrug in seinem Munde erfunden": ... Herrgott, Herrgott! Sieh mich
nicht an! [Blättert weiter:] "Aber die Pharisäer brachten ein Weib zu ihm, im Ehebruch begriffen, und stelleten
sie ins Mittel dar ... Jesus aber sprach: So verdamme ich dich auch nicht. Geh hin und sündige hinfort nicht
mehr!"[Schlägt die Hände zusammen:] Hergott! Hergott! Ich kann nicht!Herrgott, gib mir nur so viel, daß ich
beten kann. [Das Kind drängt sich an sie.]Das Kind gibt mir einen Stich ins Herz . [Zum Narrn:] Karl! Das
brüst' sich in der Sonne![Narr nimmt das Kind und wird still.]Der Franz ist nit gekommen, gestern nit, heut nit.
Es wird heiß hier![Sie macht das Fenster auf und liest wieder :] "Und trat hinten zu seinen Füßen und weinete,
und fing an, seine Füße zu netzen mit Tränen und mit den Haaren ihres Hauptes zu trocknen, und küssete seine

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Woyzeck

Füße und salbete sie mit Salbe ..." [Schlägt sich auf die Brust:] Alles tot! Heiland! Heiland! ich möchte dir die
Füße salben!

Kaserne

[Andres. Woyzeck kramt in seinen Sachen.]

WOYZECK: Das Kamisolchen, Andres, ist nit zur Montur: du kannst's brauchen, Andres.

ANDRES [ganz starr, sagt zu allem]: Jawohl.

WOYZECK: Das Kreuz meiner Schwester und das Ringlein.

ANDRES: Jawohl.

WOYZECK: Ich hab' auch noch ein Heiligen, zwei Herze und schön Gold es lag in meiner Mutter Bibel, und
da steht: Herr, wie dein Leib war rot und wund, so laß mein Herz sein aller Stund. Mein Mutter fühlt nur noch,
wenn ihr die Sonn auf die Händ scheint das tut nix.

ANDRES: Jawohl.

WOYZECK [zieht ein Papier hervor]: Friedrich Johann Franz Woyzeck, Wehrmann, Füsilier im 2. Regiment, 2.
Bataillion 4. Kompanie, geboren Mariä Verkündigung, den 20. [Link] bin heut alt 30 Jahr, 7 Monat und 12
Tage.

ANDRES: Franz, du kommst ins Lazarett. Armer, du mußt Schnaps trinken und Pulver drin, das töt' das Fieber.

WOYZECK: Ja, Andres, wenn ein Schreiner die Hobelspäne sammelt, es weiß niemand, wer seinen Kopf
drauflegen wird.

Straße

[Marie mit Mädchen vor der Haustür, Großmutter; später Woyzeck]

MÄDCHEN: Wie scheint die Sonn am Lichtmeßtag und steht das Korn im Blühn. Sie gingen wohl die Wiese
hin, sie gingen zu zwein und zwein. Die Pfeifer gingen voran, die Geiger hinterdrein, sie hatten rote Socken an ...

ERSTES KIND: Das ist nit schön.

ZWEITES KIND: Was willst du auch immer!

ERSTES KIND: Marie, sing du uns!

MARIE: Ich kann nit.

ERSTES KIND: Warum?

MARIE: Darum.

ZWEITES KIND: Aber warum darum?

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Woyzeck
DRITTES KIND: Großmutter, erzähl!

GROSSMUTTER: Kommt, ihr kleinen Krabben!Es war einmal ein arm Kind und hatt' kein Vater und keine
Mutter, war alles tot, und war niemand mehr auf der Welt. Alles tot, und es is hingangen und hat gesucht Tag und
Nacht. Und weil auf der Erde niemand mehr war, wollt's in Himmel gehn, und der Mond guckt es so freundlich
an; und wie es endlich zum Mond kam, war's ein Stück faul Holz. Und da is es zur Sonn gangen, und wie es zur
Sonn kam, war's ein verwelkt Sonneblum. Und wie's zu den Sternen kam, waren's kleine goldne Mücken, die
waren angesteckt, wie der Neuntöter sie auf die Schlehen steckt. Und wie's wieder auf die Erde wollt, war die
Erde ein umgestürzter Hafen. Und es war ganz allein. Und da hat sich's hingesetzt und geweint, und da sitzt es
noch und is ganz allein.

WOYZECK [erscheint]: Marie!

MARIE [erschreckt]: Was is?

WOYZECK: Marie, wir wollen gehn. 's is Zeit.

MARIE: Wohin?

WOYZECK: Weiß ich's?

Waldsaum am Teich

[Marie und Woyzeck.]

MARIE: Also dort hinaus is die Stadt. 's is finster.

WOYZECK: Du sollst noch bleiben. Komm, setz dich!

MARIE: Aber ich muß fort.

WOYZECK: Du wirst dir die Füße nit wund laufe.

MARIE: Wie bist du nur auch!

WOYZECK: Weißt du auch, wie lang es jetzt is, Marie?

MARIE: Am Pfingsten zwei Jahr.

WOYZECK: Weißt du auch, wie lang es noch sein wird?

MARIE: Ich muß fort, das Nachtessen richten.

WOYZECK: Friert's dich, Marie? Und doch bist du warm. Was du heiße Lippen hast! Heiß, heißen Hurenatem!
Und doch möcht' ich den Himmel geben, sie noch einmal zu kü[Link]'s dich? Wenn man kalt is, so friert
man nicht mehr. Du wirst vom Morgentau nicht frieren .

MARIE: Was sagst du?

WOYZECK: Nix.

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Woyzeck

[Schweigen.]

MARIE: Was der Mond rot aufgeht!

WOYZECK: Wie ein blutig Eisen.

MARIE: Was hast du vor, Franz, du bist so blaß.[Er holt mit dem Messer aus.]Franz halt ein! Um des
Himmels willen, Hilfe, Hilfe!

WOYZECK [sticht drauflos:] Nimm das und das! Kannst du nicht sterben? So! So!Ha, sie zuckt noch; noch
nicht? Noch nicht? Immer noch. [Stößt nochmals zu.]Bist du tot! Tot! Tot![Er läßt das Messer fallen und
läuft weg.]

Das Wirtshaus

WOYZECK: Tanzt alle, immer zu! Schwitzt und stinkt! Er holt euch doch einmal alle![Singt:] Ach. Tochter,
lieb Tochter was hast du gedenkt, daß du dich an die Landkutscher und die Fuhrleut haßt gehenkt. [Er tanzt:] So,
Käthe, setz dich! Ich hab' heiß heiß! [Er zieht den Rock aus.]Es ist einmal so, der Teufel holt die eine und läßt
die andre laufen. Käthe, du bist heiß! War− um denn? Käthe, du wirst auch noch kalt werden. Sei
vernü[Link] du nicht singen?

KÄTHE [singt]: Ins Schwabenland, das mag ich nicht, und lange Kleider trag' ich nicht, denn lange Kleider,
spitze Schuh, die kommen keiner Dienstmagd zu.

WOYZECK: Nein, keine Schuh, man kann auch ohne Schuh in die Höll gehn.

KÄTHE [singt]: O pfui mein Schatz, das war nicht fein, behalt dein Taler und schlaf allein.

WOYZECK: Ja, wahrhaftig, ich möcte mich nicht blutig machen.

KÄTHE: Aber was hast du an deiner Hand?

WOYZECK: Ich? Ich?

KÄTHE: Rot! Blut!

[Es stellen sich Leute um sie.]

WOYZECK: Blut? Blut?

WIRT: UuBlut!

WOYZECK: Ich glaub', ich hab' mich geschnitten, da an der rechten Hand.

WIRT: Wie kommt's aber an den Ellenbogen?

WOYZECK: Ich hab's abgewischt.

WIRT: Was, mit der rechten Hand an den rechten Ellenbogen Ihr seid geschickt!

NARR: Und da hat der Ries gesagt: Ich riech', ich riech' Menschenfleisch. Puh, das stinkt schon!

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Woyzeck
WOYZECK: Teufel, was wollt ihr? Was geht's euch an? Platz, oder der ersteTeufel! Meint ihr, ich hätt' jemand
umgebracht? Bin ich ein Mörder? Was gafft ihr? Guckt euch selbst an! Platz da![Er läuft hinaus.]

Am Teich

WOYZECK [allein]: Das Messer? Wo ist das Messer? Ich hab' es da gelassen. Es verrät mich! Näher, noch
näher! Was is das für ein Platz? Was hör' ich? Es rührt sich was. [Link] in der Nähe. Marie? Ha, Marie! Still.
Alles still! Was bist du so bleich, Marie? Was hast du eine rote Schnur um den Hals? Bei wem hast du das
Halsband verdient mit deinen Sünden? Du warst schwarz davon, schwarz! Hab' ich dich gebleicht? Was hängen
deine Haare so wild? Hast du deine Zöpfe heute nicht geflochten? ...Das Messer, das Messer! Hab' ich's? So! −
[Er läuft zum Wasser.] So, da hinunter![Er wirft das Messer hinein .]Es taucht in das dunkle Wasser wie ein
[Link], es liegt zu weit vorn, wenn sie sich baden.[Er geht in den Teich und wirft weit .]So, jetztaber im
Sommer, wenn sie tauchen nach Muscheln? Bah, es wird rostig, wer kann's erkennen.Hätt' ich es zerbrochen!
− Bin ich noch blutig? Ich muß mich waschen. Da ein Fleck, und da noch einer ...

[Es kommen Leute.]

ERSTE PERSON: Halt!

ZWEITE PERSON: Hörst du? Still! Dort!

ERSTE: Uu! Da! Was ein Ton!

ZWEITE: Es ist das Wasser, es ruft: Schon lang ist niemand ertrunken. Fort! Es ist nicht gut, es zu hören!

ERSTE: Uu! Jetzt wieder!Wie ein Mensch, der stirbt!

ZWEITE: Es ist unheimlich! So dunstig, allenthalben Nebelgrauund das Summen der Käfer wie gesprungne
Glocken. Fort!

ERSTE: Nein. zu deutlich, zu laut! Da hinauf! Komm mit!

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