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Varia Rtion

Die Diskussion um die Reform der deutschen Rechtschreibung, die seit 1901 immer wieder aufgegriffen wurde, führte 1996 zu einer Einigung zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz, jedoch blieb die Umsetzung umstritten. Die Reformbemühungen umfassten verschiedene Aspekte wie Groß- und Kleinschreibung, Getrennt- und Zusammenschreibung sowie Zeichensetzung, wobei die Akzeptanz in der Öffentlichkeit variierte und einige Bundesländer die neuen Regeln nicht umsetzten. Trotz der Komplexität und der emotionalen Widerstände wurde 2006 eine überarbeitete Fassung der Rechtschreibregelungen beschlossen, deren allgemeine Akzeptanz in der Öffentlichkeit noch abzuwarten bleibt.

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Varia Rtion

Die Diskussion um die Reform der deutschen Rechtschreibung, die seit 1901 immer wieder aufgegriffen wurde, führte 1996 zu einer Einigung zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz, jedoch blieb die Umsetzung umstritten. Die Reformbemühungen umfassten verschiedene Aspekte wie Groß- und Kleinschreibung, Getrennt- und Zusammenschreibung sowie Zeichensetzung, wobei die Akzeptanz in der Öffentlichkeit variierte und einige Bundesländer die neuen Regeln nicht umsetzten. Trotz der Komplexität und der emotionalen Widerstände wurde 2006 eine überarbeitete Fassung der Rechtschreibregelungen beschlossen, deren allgemeine Akzeptanz in der Öffentlichkeit noch abzuwarten bleibt.

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204 1 Vorgeschichte und Geschichte der deutschen Sprache 1.8.

ache 1.8. Das Deutsch der jüngsten Neuzeit (1950 bis zur Gegenwart) 205

Orthographie chen Stellen der betrofenen Länder abgestimmter Neuregelungsvorschlag vorlag, der
Nach wie vor waren die Hauptprobleme der deutschen Rechtschreibung – insbesonde- nach einer gründlichen redaktionellen Bearbeitung den politischen Entscheidungsins-
re die Bezeichnung der Länge und Kürze der Vokale sowie die Groß- und Kleinschrei- tanzen zur Annahme empfohlen wurde. Die Unterzeichnung einer gemeinsamen Ab-
bung – ungelöst. Dabei wurde (seit 1901) durchschnittlich einmal pro Jahr der Ver- sichtserklärung erfolgte in Deutschland, Österreich und der Schweiz im Sommer 1996.
such unternommen, die Einheitsschreibung zu verbessern; doch keiner davon hatte Obwohl die Reformvorschläge seit Anfang der 90er Jahre publiziert worden waren,
Erfolg. „Die Argumente in der Auseinandersetzung wiederholen sich seit Beginn der erhob sich nun ein oft stark emotionaler, mitunter unsachlicher Widerstand, der insbe-
Diskussionen immer wieder, und sehr häuig inden wir auf diesem Felde auch un- sondere von einzelnen Schriftstellern, Parlamentariern, Professoren und (z. T. landes-
sachliche, stark emotionale und unqualiizierte Stellungnahmen. Zeitlich waren etwa weiten) Einzelinitiativen getragen wurde (s. Eroms 1997b, Zabel 1997 u. a). Mehrere
die Jahre 1931, 1946/47, 1954, 1958–1963 und 1973/74 Höhepunkte solcher Ausei- Klagen von Eltern forcierten die öfentliche Diskussion. Dessen ungeachtet zeigte sich
nandersetzungen.“ (Nerius 1990, 275.) recht bald nach Beginn der Einführung der neuen Regeln in den Grundschulen (1998)
Da Dänemark 1949 zur gemäßigten Kleinschreibung übergegangen war, ist das und ihrer Besprechung in den oberen Klassenstufen sowie nach ihrer Einführung in
Deutsche nunmehr die einzige Buchstabenschrift, in der die Großschreibung beibehal- weiten Teilen der Presse (1999), dass damit keine größeren Probleme als zuvor verbun-
ten wurde, was die Diskussion noch verschärfte. 1954 einigten sich auf der Stuttgarter den waren, zumindest wenn man vernachlässigt, dass Unsicherheiten selbst innerhalb
Konferenz Delegierte aus der DDR, der BRD, aus Österreich, Luxemburg und der desselben Textes ‚übersehen‘ oder (stillschweigend) toleriert werden. Allerdings stehen
Schweiz über eine Reform, deren Grundsätze in den „Stuttgarter Empfehlungen“ nie- aussagefähige vergleichende fehleranalytische Untersuchungen, die eine Verbesserung
dergelegt sind. In der DDR fanden die Empfehlungen weithin Anerkennung. Auch in der Rechtschreibkompetenz nachweisen, verständlicherweise noch aus. Eine seit 1997
der BRD stimmte eine Fachkommission zu („Wiesbadener Empfehlungen“ 1958). In berufene „Kommission für die deutsche Rechtschreibung“, der insgesamt zwölf wissen-
Österreich konnte man sich in einer Vertreterkonferenz 1961/62 über die gemäßigte schaftlich ausgewiesene Fachleute aus allen drei Ländern angehören, begleitet die Ein-
Kleinschreibung nicht einigen, die Schweizer Kommission lehnte diese mit großer führung der Reform und soll zukünftig kontinuierlich auf der Grundlage der geltenden
Mehrheit ab. Regeln für die Klärung von Zweifelsfällen sorgen.
Ende der 70er Jahre konnten durch fehleranalytische Untersuchungen die Diskus- Das neue Regelwerk enthielt nicht nur einen vereinfachten Regelteil, sondern auch
sionen wieder versachlicht werden. An der Akademie der Wissenschaften der DDR ein umfangreiches Wörterverzeichnis, in dem mit etwa 12000 Beispielwörtern alle
wurde 1975 eine „Arbeitsgruppe Orthographie“ gegründet und 1976 durch die deut- Stammschreibungen des Deutschen erfasst sind, „sofern sie nicht auf fachsprachliche,
sche Kultusministerkonferenz eine baldige Orthographiereform befürwortet. Reform- umgangssprachliche oder landschaftlich gebundene Wörter beschränkt sind.“ (Hel-
vorschläge wurden weiterhin unterbreitet von der 1977 gegründeten „Kommission für ler 1994, 2.)
Rechtschreibfragen“ und in dem 1978 veröfentlichten Wiener „Regelwerk für die
Wichtige Veränderungen betrafen:
gemäßigte kleinschreibung“.
Auch in den 80er Jahren hielt die Diskussion um eine Orthographiereform unver- A Laut-Buchstaben-Zuordnungen (einschließlich Fremdwortschreibung): Beseitigung von
mindert an. 1986 setzte mit den „1. Wiener Gesprächen zu Fragen der Rechtschreib- Verstößen gegen die Stammschreibung (behände, Gämse, schwänzen), Einzelfälle mit Ver-
reform“ zwischen amtlichen Vertretern und Wissenschaftlern aus fast allen Gebieten, dopplung der Konsonantenbuchstaben nach kurzem Vokal (nummerieren, Tollpatsch), ss für ß
nach kurzem Vokal (Hass, muss, dass /Konjunktion/), Erhalt der Stammschreibung bei Zu-
in denen Deutsch gesprochen wird, eine erneute Diskussion ein, in der endlich Einver-
sammensetzungen (Flusssand, Schiffahrt, Rohheit, selbstständig), Systematisierungen in Ein-
nehmen in Bezug auf das allgemeine Verfahren und Programm einer Rechtschreibre- zelfällen (rau, Diferential/Diferenzial), Fremdwörter (unter Berücksichtigung bisheriger Ent-
form hergestellt wurde. In der Abschlusserklärung betonten die Teilnehmer, dass ins- wicklungen (Portemonnaie/Portmonee, Orthographie/Orthograie, Rheuma/Reuma).
besondere die in vielen Teilbereichen kompliziert gewordenen Regeln vereinfacht B Getrennt- und Zusammenschreibung (von der Getrenntschreibung als dem Normalfall
werden müssten. Dabei standen zunächst die Worttrennung, die Zeichensetzung, die wird ausgegangen): Radfahren, nahe gehen, übrig bleiben, wie viel.
Getrennt- und Zusammenschreibung sowie die Laut- und Buchstabenschreibung ein- C Schreibung mit Bindestrich: Ichform/Ich-Form, 8-fach, Zoo-Orchester/Zooorchester.
D Groß- und Kleinschreibung: in Bezug auf, im Großen und Ganzen, das ohmsche Gesetz.
schließlich der Fremdwortschreibung im Mittelpunkt der Reformbemühungen. Die
E Zeichensetzung: Verzicht auf das Komma bei Hauptsätzen, die mit und oder oder verbunden
umstrittene Groß- und Kleinschreibung sollte erst in einem zweiten Schritt in Angrif sind; diferenzierte Regelungen und Reduzierung der Regeln bei Ininitiv- und Partizipgrup-
genommen werden. Dieser Weg wurde 1990 von der „2. Internationalen Konferenz in pen.
Wien“ bestätigt. F Worttrennung am Zeilenende: Wes-te, Zu-cker, U-fer.
Wie dringend notwendig eine Lösung inzwischen geworden war, machte 1990 auch
Wie schon diese wenigen Beispiele zeigen, handelte es sich insgesamt um stärker
ein erster Vorstoß der Berliner Schulsenatorin zur Vereinfachung der Orthographie
strukturbezogene (schreiberorientierte) Regelfestlegungen, wobei teilweise jedoch
deutlich. Dieser Alleingang und die damit verbundene Diskussion bestätigten zu-
auch inkonsequente Änderungen vorgeschlagen wurden. Insbesondere die vermehrte
gleich, dass eine Orthographiereform nur von allen deutschsprachigen Staaten ge-
Großschreibung und Getrenntschreibung waren umstritten, berücksichtigten sie doch
meinsam durchgeführt werden kann.
in zu geringem Maße sprachhistorische Entwicklungstendenzen. Aber auch Einzelfall-
Im November 1994 fanden schließlich die „3. Wiener Gespräche“ statt. Die Konfe-
entscheidungen bei Stammschreibungen (Gämse, behände) führten zu Unsicherheiten,
renz kam in allen vorgesehenen Fragen zu einvernehmlichen Lösungen, sodass nun ein
sind gegenüber den anderen Fällen jedoch eher marginal.
zwischen dem Internationalen Arbeitskreis und Vertretern aller zuständigen staatli-
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Eine lang bemessene Übergangszeit bis 2005 sollte helfen, die Kosten der Umstellung einer gewissen Ignoranz durch die Schule bei, wie überhaupt die Schule bei der Ver-
auf ein Minimum zu reduzieren. Mit dem Kompromissvorschlag der Deutschen Akade- breitung von Aussprachenormen zurückhaltend ist. Und schließlich hat sich im Laufe
mie für Sprache und Dichtung „Zur Reform der deutschen Rechtschreibung“ (2003) der Zeit die für die Anfangsphase des Hörfunks charakteristische Vorbildrolle für eine
wurde ein Material vorgelegt, das ausgehend von den bestehenden Diferenzen im überregionale Standardaussprache insofern verändert, als dieser zunehmend „zu ei-
Sprachgebrauch einen Anstoß für die Wiederherstellung einer einheitlichen Recht- nem Verbreitungsmedium für Regionalsprache und für Regionalismen in standard-
schreibung gab und zugleich einen Weg dahin zeigte. Doch 2004 mit der Rückkehr des sprachlichen Texten geworden“ ist (v. Polenz 1999, 341) und somit auch eher eine
Springer-Verlages und des „Spiegels“ zur „alten“ Orthographie und wenige Wochen vor umgangssprachliche Aussprachenorm fördert. In eingeschränkter Weise gilt dies auch
dem endgültigen Inkrafttreten verstärkten sich die kontroversen Diskussionen erneut. für einzelne Sparten des Fernsehens.
Der 36-köpige „Rat für deutsche Rechtschreibung“ beschloss, dass die Regelungen in Entsprechend der von verschiedenen Linguisten vertretenen These von der plurizen-
der Getrennt- und Zusammenschreibung teilweise wieder geändert werden sollten, wo- tristischen Entwicklung der deutschen Sprache ist sogar „von phonetisch-phonologi-
bei insbesondere dem Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg (2006a, b, c; 2011 scher Seite die Frage aufgeworfen worden, ob man nicht auf ein generelles System der
u. a.) ein großes Verdienst bei der „Rettung“ zahlreicher Wörter zukommt. Zugleich Aussprache verzichten und Gruppen-Subsysteme erarbeiten sollte.“ (Moser 1985,
verständigten sich die Kultusminister der Länder im Sommer 2005 darauf, die Reform 1683.) Auch ist es wohl nicht notwendig, die Aussprache überhaupt auf allen Stilebe-
nur in den nach Ansicht der Minister unstrittigen Bereichen verbindlich werden zu nen normieren zu wollen, besonders dann nicht, wenn unter Standardaussprache in
lassen. Toleranz sollte aber auch in bestimmten Bereichen der Worttrennung und Zei- ihrer strengen Form verstanden wird, dass ein Sprecher „in der Lage ist, alle Phoneme
chensetzung geübt werden. Trotz der damit verbundenen Problematik führten Bayern der deutschen Sprache so zu realisieren, daß ein kompetenter Muttersprachler keiner-
und Nordrhein-Westfalen im Unterschied zu allen anderen deutschen Bundesländern lei Anhaltspunkte hat, von welcher Sprachlandschaft der betrefende Sprecher phone-
die neuen Regeln dennoch nicht zum 1. August 2005 als verbindlich ein. tisch geprägt sein könnte.“ (Meinhold/Stock 1982, 112.) Da ohnehin die Tendenz
Schließlich beschloss die Kultusministerkonferenz im März 2006 erneut Änderun- zu einer großen Akzeptanz von Varianten hingeht und Österreich und die Schweiz aus
gen zu einigen besonders umstrittenen Regelungen: verschiedenen Gründen (u. a. der Rolle des mundartlichen Substrats) traditionell ein
geringeres Interesse an einer Vereinheitlichung zeigen, wird es bis zu einer befriedi-
Getrennt- und Zusammenschreibung: Das formale Kriterium der Getrenntschreibung wird zu-
gunsten des Kriteriums der neuen idiomatisierten Gesamtbedeutung als Kriterium der Entschei- genden Normierung – in welchem Toleranzbereich auch immer – noch ein weiter Weg
dungsindung aufgegeben; bei Verbindungen aus Verb + Verb werden verschiedene Ausnahme- sein.
gruppen mit fakultativer Zusammenschreibung zugelassen. Eine wichtige Etappe dorthin bildete die 1957 erschienene 16., völlig neu bearbei-
Groß- und Kleinschreibung: In festen nominalen Wortgruppen mit einer idiomatisierten Ge- tete Aulage von „Siebs Deutscher Hochsprache“ (mit dem nun bereits deutlich kleiner
samtbedeutung wird fakultativ auch die Großschreibung des Adjektivs zugelassen, das Anrede- gesetzten Untertitel „Bühnenaussprache“), die sich den 1910 von Wilhelm Viëtor
pronomen du kann fakultativ wieder großgeschrieben werden.
(1850–1918) empfohlenen Regelungen anschloss. Im 1962 veröfentlichten „Duden –
Zeichensetzung: Die Zahl der Fallgruppen mit obligatorischem Komma wird um zwei erweitert.
Worttrennung: Die Abtrennung einzelner Buchstaben wird wieder untersagt. (Siehe Nerius Aussprachewörterbuch“ wurde zunächst noch zwischen Bühnenaussprache und gemä-
2007, 400f.) ßigter Aussprache unterschieden, doch schon in der zweiten Aulage wie auch in dem
1964 in Leipzig erschienenen „Wörterbuch der deutschen Aussprache“ (4. Aul. 1974;
Abschließend sei etwas ausführlicher Nerius zitiert, der die Orthograiereform zu- 1982 Neubearbeitung unter dem Titel „Großes Wörterbuch der deutschen Ausspra-
sammenfassend würdigt: che“), das im Wesentlichen auf der Aussprache geschulter DDR-Sprecher in Funk, Film
„Ob nun nach der Überarbeitung durch den Rat für deutsche Rechtschreibung die jetzt vorliegen- und Fernsehen beruhte, war das nicht mehr der Fall. (s. Mangold 2000).
de Fassung der Neuregelung der deutschen Orthographie allgemeine Akzeptanz in der Öfent- Mit dem Erscheinen der zweiten Aulage des „Duden-Aussprachewörterbuch“ (1974;
lichkeit indet, wird die Zukunft zeigen. Unabhängig davon, wie man die Neuregelung beurteilt, inzwischen 6. Aul. 2010), das weitgehend dem Leipziger Aussprachewörterbuch ent-
ist es ein orthographiegeschichtlich bedeutsames Ereignis, dass es in Anbetracht der Komplexität spricht, scheint die Regelung auf deutschem Gebiet zunächst abgeschlossen. Doch auch
des Bedingungsgefüges einer Orthographieänderung und sogar über Staatsgrenzen hinweg erst-
hier gilt wie bei der Orthographie: Weitere Untersuchungen sind nötig (und werden
mals seit 1901 gelungen ist, eine, wenn auch bescheidene Reform der deutschen Rechtschrei-
bung in den deutschsprachigen Ländern oiziell zu beschließen und diesen Beschluss auch in die insbesondere an den Universitäten in Halle und Köln auch durchgeführt), ehe es zu
Praxis umzusetzen.“ (2007, 402.) einer „umfassenden Neukodiizierung der deutschen Standardaussprache“ kommt, de-
ren Norm im Sinne eine „demoskopischen Methode“ „von der Akzeptanz bestimmter
Regelung der Aussprache Sprecher durch bestimmte Hörer“ ausgehen soll (Mangold 2000, 1807).
Obwohl in den Medien gelegentlich über die Norm der Aussprache gesprochen und
geschrieben wird – Fernsehen und Rundfunk geben dazu ausreichend Anlass –, ist das
öfentliche Interesse an einer Regelung der Aussprache doch insgesamt gering. Das hat 1.8.5. Entwicklungstendenzen in den Teilsystemen der
verschiedene Ursachen. So zeigen deutsche Sprecherinnen und Sprecher gegenüber
landschaftlichen Aussprachebesonderheiten ihrer Gesprächspartner eine große Tole-
deutschen Sprache (einschließlich der Wortbildung)
ranz. Außerdem trugen die maßgeblich durch Theodor Siebs (1862–1941) ixierten
Wenn im Folgenden einige wichtige Entwicklungstendenzen dargestellt werden, so
Aussprachenormen durch ihre enge Orientierung an der Bühnenaussprache u. a. zu
kann es sich hierbei nur um eine Auswahl handeln, weist doch das Diasystem der
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Sprache eine viel stärkere Schichtung auf, als dies die folgenden Aspekte deutlich zu semantische Oppositionsbetonung gegeben wird (z. B. ’Bewässerung, ’Entsorgung […])“
machen vermögen, selbst wenn man nur die Standardsprache im Blick hat. Weiterhin (v. Polenz 1999, 342; s. auch Moser 1985, Mangold 2000). Veränderungen in der
gilt: „Da Entwicklungstendenzen stets eine größere Anzahl von Veränderungen umfas- Standardaussprache können sowohl durch umgangssprachliche und mundartliche Ein-
sen, besitzen sie vielfach einen übergreifenden Charakter, und zwar in dem Sinne, daß lüsse wie auch durch kommunikationsbedingte Faktoren hervorgerufen werden.
sich die Tendenzen in mehreren oder allen Teilsystemen einer Sprache zeigen, mitun-
Morphologie
ter auch mehrere Sprachen erfassen, oder in der Weise, daß sie über mehrere Entwick-
Veränderungen im morphologischen System sind an mehreren Stellen zu beobachten.
lungsperioden einer Sprache wirken. Häuig sind beide Formen des übergreifenden
Beim Verb, bei dem traditionell zwischen „starker“ und „schwacher“ Konjugation un-
Charakters miteinander verbunden.“ (Langner 1980, 674.)
terschieden wird (s. auch [Link].1.), von denen sich Verben mit unregelmäßiger oder
Die geringsten Verschiebungen zeigen sich im relativ geschlossenen phonologischen
schwankender Konjugation abheben, ist auf die seit Jahrhunderten wirkende allge-
Teilsystem; mit zunehmender Ofenheit im morphologischen, syntaktischen und lexi-
meine Ausbreitung der schwachen Verben zu verweisen. Die starken Verben sind
kalischen Teilsystem wachsen auch die Möglichkeiten sprachlichen Wandels. Die Ver-
nicht mehr produktiv. Beim Übergang in die schwache Konjugation lassen sich ver-
änderungen in der Sprache gehen nicht explosiv, sondern evolutionär vor sich, denn
schiedene Entwicklungsstufen unterscheiden.
die Sprache muss in jeder Entwicklungsphase der Gesellschaft als lebensnotwendiges
Verständigungsmittel funktionstüchtig sein. Im Allgemeinen treten bei Wandlungen Neue verbale Bildungen wie auch Fremd- und Lehnwörter folgen nur noch dem Muster der schwa-
im Sprachgebrauch zunächst fakultative Varianten auf, die eine Zeitlang mehr oder chen Konjugation: beschallen, drahten, bestuhlen, entölen, entstören, ilmen, funken, radeln, röntgen,
weniger gleichberechtigt neben den bisherigen Formen stehen, diese dann ablösen recyceln, chatten, parken, tanken, telefonieren, surfen, synchronisieren. Beim Übergang starker Verben
in die schwache Konjugation sind zu unterscheiden: Verben, bei denen der Übergang abgeschlos-
oder ergänzen und auf diese Weise allmählich zu neuen Elementen der Norm und des
sen ist, vgl. rächen: Der fromme Dichter wird gerochen (Schiller), bellen; Verben, die sich mitten in
Systems werden. Dass solche neuen Varianten – treten sie in größerer Zahl auf – auch dem Prozess beinden: schafen – schuf/schafte – geschafen/geschaft (semantische Diferenzie-
öfentlich sprachkritisch thematisiert und in jüngerer Zeit zunehmend im Zusammen- rung); hängen – hing/hängte – gehangen/gehängt (grammatische Diferenzierung; infolge dieser se-
hang mit „Zweifelsfällen“ diskutiert werden, zeigt ein verändertes Sprachbewusstsein mantischer und grammatischen Diferenzierungen werden wohl beide Formen erhalten bleiben);
und bietet gute Ansatzpunkte, Sprache und insbesondere Sprachwandelphänomene melken – molk/melkte – gemolken/gemelkt (ohne Diferenzierung) (s. Langner 1980, 676).
auch in der Öfentlichkeit zu diskutieren (s. Schneider 2005, Klein 2009).
Die Ausbreitung der schwachen Formen wird dadurch begünstigt, dass mit diesen
Insgesamt gilt, dass die Wandlungen im Wesentlichen die seit frühneuhochdeut-
Wandlungen eine Vereinfachung im Paradigma erzielt wird. Das trift auch auf die
scher Zeit eingetretenen Tendenzen fortsetzen. Wirkliche Neuerungen sind demgegen-
(noch nicht standardsprachlichen) Imperativ-Formen lese, nehme, spreche, werfe zu, die
über gering und betrefen lediglich einzelne Wortbildungstypen und pragmatische
auf den Einluss der Umgangssprache zurückzuführen sind. Nach Bittner/Köpcke
Mittel und Regeln (hier insbesondere die Anreden) (s. Sommerfeldt 1988, v. Po-
sind von den ca. 400 im Althochdeutschen belegten ablautenden und unregelmäßigen
lenz 1999, 338; Besch 1998, Glück/Sauer 1997, Braun 1998, 2004).
Verben „heute weniger als die Hälfte stark lektierend geblieben […] Dieser Prozess
Lautsystem erfasst die jeweiligen Verben zu unterschiedlichen Zeitpunkten und verläuft unter-
Im Lautsystem vollziehen sich Wandlungen bei der Artikulation des /r/. schiedlich schnell.“ (2008, 69.) Gegenwärtig beinden sich mehr als 50 Verben im
Übergang zur schwachen Flexion. Dabei verlaufen die Übergänge gerichtet, d. h. nicht
Neben dem Zungenspitzen-/r/ wird seit längerem das Zäpfchen-/r/ und das sog. Reibe-/r/ ge-
willkürlich, sondern „entlang prognostizierbarer Pfade“ (a. a. O., 71), wie auch die
sprochen wie in [bʊʀk] (Burg). Zungenspitzen- und Zäpfchen-/r/ halten sich heute schon nicht
mehr die Waage; das Zungenspitzen-/r/ ist sogar im Rückzug begrifen. folgende Übersicht verdeutlicht:
Diesen Veränderungen tragen die Aussprachenormen Rechnung, indem sie die neue Artikulations-
weise anerkennen. Außerdem sind in bestimmten Positionen auch Reduktionsformen – Reibelaut- Imperativ Präsens Präteritum Konj. II Part. II
r; z. B. /vaxtn/ ‚warten‘, vokalische Aulösungen des Phonems /r/ [hiɐ] (hier) bis hin zum völligen werfen wirf wirft warf wärfe/würfe geworfen
Schwund [va:] (war) – zugelassen. Diese Wandlungen führen noch nicht zu einer Änderung im
phonologischen System, da die einzelnen Realisierungen des Phonems /r/ fakultative Varianten werden werde wird wurde würde geworden
(Allophone) – [r], [ʀ] und [ʁ] – ohne Bedeutungsunterschiede sind. Der Hörer wird immer ein /r/ heben hebe hebt hob höbe gehoben
verstehen. (Dass in Einzelfällen, etwa bei der Reduktion von zur > zu, Missverständnisse entste- schinden schinde schindet schindete schünde geschunden
hen könnten, wird auch durch den Einluss des Kontextes weitgehend vermieden.)
melken melke melkt melkte melkte gemolken
Weiterhin kann der ə-Laut (Schwa-Laut) weitgehend, außer im absoluten Auslaut, bellen belle bellt bellte bellte gebellt
unterdrückt und der vorangehende Konsonant silbisch gesprochen werden /a:tm/, (Bittner/Köpcke 2008, 70)
/li:bm/.
Und schließlich werden heute Phonem-Oppositionen zwischen ofen artikuliertem Sie zeigt, dass der Abbau starker Flexionsformen beim Imperativ beginnt und sich von
<ä> als /ɛ/ und engem /e/ weitgehend nicht mehr beachtet, sodass bestimmte Mo- hier stufenweise fortsetzt (s. ebd.). „Wenn Sprecher also z. B. ein starkes Präteritum
dusformen und Lexempaare (gäbe/gebe) nicht mehr auseinandergehalten werden. Gele- benutzen, dann bilden sie zwar auch starke Flexionsformen beim Konjunktiv II und
gentlich kommt es zur emphatisch-akzentuierten Erstsilbenbetonung sowohl mehrsilbi- beim Partizip II […], nicht aber zwangsläuig bei der 3. Person Singular Präsens und
ger Lehnwörter (’Attentat, ’defensiv) als auch „bei indigenen Wörtern, wo Präixen eine im Imperativ […]“ (a. a. O., 71).
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Verbale analytische Sprachformen. Stark verbreitet ist die Tendenz der Ausbrei- der Schulkinder. Als gegenläuige Tendenz lassen sich auch bei einer Reihe von Präpositionen
tung verbaler analytischer Sprachformen auf Kosten der synthetischen. „wie etwa anhand, anlässlich, aufgrund, kraft, mittels usw. […] „Aufbauprozesse“ bei der Genitiv-
kennzeichnung erkennen (Bittner/Köpcke 2008, 64).
Zur Bezeichnung der Dauer eines Vorganges (und anderer Aktionsarten) dringen im Präsens
Umschreibungen folgender Art über die Umgangssprache ein: er ist am Arbeiten, er tut arbeiten. Veränderungen zeigen sich auch im Dativ Singular. Die Verwendung des Dativ-e ist
Andere Konstruktionen sind bereits standardsprachlich: sein Ansehen ist im Wachsen. – Auch Pas- vor allem vom landschaftlichen Gebrauch und vom Wohlklang abhängig. Die Funk-
sivumschreibungen mit Hilfe von Streckform-Syntagmen breiten sich aus: das Theaterstück kommt tion des Dativs wird zunehmend durch Präpositionen, Artikel oder Pronomen ange-
zur Auführung für … wird aufgeführt; ferner Umschreibungen mit bekommen, erhalten, kriegen: er
zeigt: auf dem Berg, im Jahr 1945, nach dem Krieg, an jedem Nachmittag. Außerdem
bekommt es geschickt – es wird ihm geschickt; er erhält es ausgehändigt – es wird ihm ausgehändigt; er
kriegt es gesagt – es wird ihm gesagt.
werden sog. schwache Maskulina zunehmend stark lektiert, „zumindest gilt dies für
Entgegen der von Sprachkritikern negativ bewerteten Ausweitung der Funktionsverbgefüge er- den Dativ und Akkusativ Singular: dem/den Bär/Präsident statt dem/den Bären/Präsi-
möglichen sie semantische und stilistische Diferenzierungen gegenüber den entsprechenden denten“ (Bittner/Köpcke 2008, 64).
Verben, durch die die Ausdrucksfähigkeit der Sprache erhöht wird, vgl. entscheiden (punktuell) Diese Veränderungen in der Deklination reihen sich ein in die sprachliche Tendenz
gegenüber zur Entscheidung bringen (Verlaufscharakter, kausativ); sie können Aktionsarten oder der Vereinfachung der Deklinationsklassen zugunsten einer straferen Systematisie-
Verlaufsformen ausdrücken und das Passiv ersetzen (s. Braun 1998, 233). Als Tendenz zum
rung nach den Genera. Gleichzeitig wird bei der Umstrukturierung die stärkere Singu-
analytischen Formenbau ist auch die Umschreibung des Konjunktiv Präteritum mit werden (wür-
de) in der indirekten Rede und im Konditionalgefüge anzusehen: ich sagte ihm, dass ich starten lar-Plural-Opposition herausgehoben. Hier ist eine Übersicht der charakteristischen
würde; wenn die Medizin helfen würde, wäre ich froh; würdest du mir schreiben, wenn du Zeit hättest? Pluralmorpheme instruktiv: Maskulina -e, etwa 80%; Feminina -en, etwa 75%; Neutra
Für das Vordringen der Konjunktivumschreibung mit würde + Ininitiv (und anderen Varianten) -er, etwa. 60%. Bei Kurz- und Fremdwörtern (besonders nach vokalischem Auslaut) ist
gibt man im Allgemeinen drei Ursachen an: a) Die Formen des Konjunktiv Präteritum der starken vor allem das -s produktiv: Gruftis, Realos, Hotels, Wracks, Spontis, Akkus, LKWs, PKWs
Verben werden als altertümlich oder gekünstelt empfunden (beföhle/befähle, bärge, löhe, drösche, (s. Glück/Sauer 1990, 69f.).
löge, mäße), b) sie unterscheiden sich lautlich nur geringfügig vom Präsens Indikativ (läse – lese,
Bei der Adjektivlexion breitet sich immer stärker -en als Flexiv aus, insbesondere in
sähe – sehe, träte – trete), c) bei den schwachen Verben stimmen sie völlig mit dem Präteritum
Indikativ überein (baggerte, baute, faltete, nutzte, zahlte) (s. Langner 1980, Braun 1998). Verbindung mit bestimmten Präpositionen: wegen meinen Eltern, als Ersatz für Genitiv-
endungen: frohen Mutes sowie durch die zunehmende Verwendung der schwachen
Eine deutliche Veränderung vollzieht sich auch im Tempussystem. Die seit dem 16. Flexion: trotz der zahlreichen Mängel für trotz zahlreicher Mängel.
Jh. belegte so genannte 4. Vergangenheit (habe + Partiz. II + gehabt) breitet sich – Im Zusammenhang mit der Ausbreitung präpositionaler Fügungen erweitert sich
ausgehend von (wohl süddeutschen) Mundarten und der Umgangssprache – gegen- auch der Anwendungsbereich mancher Präpositionen. Dabei kommt es nicht selten zu
wärtig auch in der Standardsprache aus; das gilt ebenso für die „5. Vergangenheit“ Abweichungen vom bisherigen Gebrauch: jemandem (an jemanden) Aufgaben stellen,
(hatte + Part. II + gehabt): Ditte hatte schon ein gutes Ende zurückgelegt gehabt (A. Nexö) eine Charakteristik des (über den) Bewerber(s) geben, (von) jemandem etwas abverlangen.
(s. Langner 1980, 677). Hier (wie auch bei anderen Sprachwandelerscheinungen) ist
davon auszugehen, dass damit eine funktionale „Lücke“ im System gefüllt wird, die in Syntax
diesem Fall durch die speziische Verwendung der Tempora im süddeutschen Raum Im Bereich der Syntax ist auf die allgemeine Tendenz zur Verkürzung der Sätze hin-
entstanden ist, und nicht (wie z. B. vom Sprachkritiker S. Sick behauptet) ein „Ultra- zuweisen. Gegenwartssprachlichen Sätzen mit durchschnittlich 14–18 Wörtern (popu-
Perfekt“ oder gar „Hausfrauenperfekt“ vorliegt. lärwissenschaftliche Texte), mit 5–13 Wörtern (journalistische Texte, Presse) und mit
10–11 Wörtern (Belletristik; Remarque 10, Strittmatter 8) stehen Sätze gegenüber mit
Substantiv einer Durchschnittszahl von 24 Wörtern bei Lessing, 30 bei Goethe, 36 bei Heine (s.
In der Morphologie der Substantive ist der seit Jahrhunderten zu beobachtende Um- Sommerfeldt 1988, 216f.). Allerdings sind diese Angaben insofern zu relativieren,
bau im Kasussystem auch heute noch nicht abgeschlossen. Er äußert sich im Kasussyn- als nicht alle Sprachverwendungsbereiche in gleicher Weise untersucht wurden und
kretismus sowie im weiteren Vordringen der präpositionalen Kasus gegenüber den auch die Unterschiede innerhalb der Kommunikationsbereiche groß sind. Trotz dieser
reinen Kasus. Diese Prozesse sind am deutlichstem am Gebrauch des Genitivs zu er- Tendenz zur Verkürzung der Sätze werden die vielfältigen Möglichkeiten syntakti-
kennen. scher Konstruktionen voll ausgeschöpft (s. Admoni 1985, 1553; 1990; Sommerfeldt
Das s im Genitiv der starken Maskulina und Neutra weicht immer mehr zurück. Während Goethe 1988, 216f.; Braun 1998, 104f.).
seinen Roman 1774 noch „Die Leiden des jungen Werthers“ nannte, taucht dieser Titel in späte- Dessen ungeachtet wird eine zunehmende Tendenz zur Bevorzugung einfacher,
ren Literaturgeschichten ohne Genitivendung auf. Eigennamen und namenähnliche Wörter ste- leicht handhabbarer Satzmodelle deutlich. Nach Braun (1998, 110) werden von ins-
hen vielfach ohne Genitiv-s: Entwicklungstendenzen des neuesten Deutsch, in den Bergen des Balkan, gesamt 31 möglichen Satzbauplänen nur die folgenden häuig genutzt: Subj.-Präd.
die schönen Tage des Juli. In der Mundart ist er fast völlig geschwunden, auch in der Umgangs- (-Akk.-Obj.); Subj.-Präd.-Präpositionalobj.; Subj.-Präd.-Raumergänzung; Subj.-Präd.-
sprache wird er meist durch andere Kasus ersetzt. Da die wenigen Verben und Adjektive, die
Artergänzung. Diesen Modellen entsprechen über 60% aller Sätze. Die Tendenz zum
noch den Genitiv regieren, meist der gehobenen Stilschicht angehören, korrespondiert der Wech-
sel des Kasus öfter mit einem Wechsel des regierenden Wortes: Wir gedenken seiner – wir denken Gebrauch einfacher Satzmodelle äußert sich weiterhin im Vordringen von Sätzen mit
an ihn. Er bedarf des Trostes – er braucht den Trost. Streckformen (Funktionsverbgefügen): unter Beweis stellen, Protest erheben, Einluss
Dem Rückgang des Genitiv-Objekts steht allerdings „die außergewöhnlich Zunahme des adnomi- nehmen wie auch in der Bevorzugung von Sätzen mit einem transitiven Verb, vgl. be-
nalen Genitivs in der Substantivgruppe“ (Braun 1998, 112) gegenüber: die Ursachen des Unfalls grünen, bestuhlen, bespielen, erinnern.
212 1 Vorgeschichte und Geschichte der deutschen Sprache 1.8. Das Deutsch der jüngsten Neuzeit (1950 bis zur Gegenwart) 213

Die im Zusammenhang mit der These „vom inhumanen Akkusativ“ ausgelöste Diskussion erbrach- Satzrahmen und Ausrahmung. Obgleich die Tendenz zur Ausrahmung von Satzglie-
te letztlich die Ablehnung der Moralisierung dieses grammatischen Kasus. Die Ausweitung von dern (wie auch Herausstellung, Nachstellung und Parenthese) unter dem Einluss ge-
Akkusativkonstruktionen ist auf deren syntaktisch vorteilhafte Funktionen wie mögliche Einspa-
sprochener Sprache, insbesondere der Umgangssprache, zunimmt, indet auch weiter-
rung des Sach-Subjekts, Passivierung, Partizipbildung u. a. zurückzuführen.
hin der volle Satzrahmen seine Verwendung (s. Admoni 1985, Sommerfeldt 1988):
Im Bereich der Konjunktionen vollzieht sich ein Wandel im Gebrauch von weil, gele- Er stieg blasend und rückwärtsgehend die Treppe zu der kleinen Bühne hinauf, die sie sich
gentlich obgleich, obwohl und trotzdem. Während weil – ausgehend von der Umgangs- gebaut hatten/für die Feierabende und Sonntage (H. Kant). Obwohl „die Häuigkeit von
sprache – immer häuiger (auch in öfentlicher Kommunikation) Hauptsatzposition Ausklammerungen in verschiedenen Funktionalstilen unterschiedlich ist“ (Sommer-
einnimmt (Ich kann nicht pünktlich kommen, weil ich habe den Zug verpasst), indet sich feldt 1988, 234), konnte zumindest nachgewiesen werden, dass besonders Präposi-
trotzdem zunehmend in subordinierender Funktion und konkurriert hier mit standard- tionalobjekte zunehmend ausgerahmt werden, „weil sie besonders eng mit dem Rah-
sprachlichem obwohl: Trotzdem ich den Zug verpasst habe, versuche ich pünktlich zu menende verbunden sind“ (S. 237).
kommen. In der inzwischen umfangreichen Literatur zu weil-Konstruktionen inden Insgesamt lässt sich im Bereich der Syntax eine teilweise Annäherung an die Um-
sich neben strukturellen Erklärungen auch solche, die pragmatische Gründe für diesen gangssprache beobachten, die „zumindest als Entstehung eines sozial nicht mehr dis-
Wandel anführen, z. B. die Unterscheidung zwischen Äußerungsrechtfertigung vs. kriminierten Substandards erklärt werden kann“ (v. Polenz 1999, 359).
Sachverhaltsbegründung – sog. „epistemisches“ weil (s. u. a. Wegener 1999, Keller
Wortbildung
2005, 200). Dem stehen „sprachgeschichtlich-langfristige Erklärungen“ (v. Polenz
Zusammensetzung. „Die Zunahme und Verstärkung der Univerbierung kann als
1999, 358; Selting 1999) gegenüber, die diese Entwicklung mit der stärkeren Ver-
Haupttendenz im Bereich der deutschen Wortbildung angesehen werden.“ (Braun
wendung sprechsprachlicher Muster, z. B. mit der Zunahme der Herausstellung, in
1998, 168.) (Univerbierung meint die Tendenz, Wortgruppen zu einem Wort zusam-
Verbindung bringen.
menzufassen.) Dabei ist bei der Zusammensetzung von der Form her sowohl die Ten-
Mit der Tendenz zur Verkürzung und Vereinfachung komplexer Satzstrukturen im
denz zu immer längeren Komposita als auch zu Verkürzungen zu beobachten. Den
Zusammenhang steht die Tendenz zur Nominalisierung, wie sie vor allem durch den
Mehrfach-Komposita liegt das Bestreben zur Genauigkeit zugrunde.
Gebrauch von Suixen wie -heit, -keit, -ung (Verlorenheit, Zögerlichkeit, Durchwegung,
Besonders in der Sprache der Verwaltung, Technik und Wirtschaft sind solche über-
Bestuhlung), durch substantivierte Ininitive (das Befahren, Prüfen) und andere Nomina
langen substantivischen Bildungen beliebt:
actionis (der Abzug, die Vergabe) sowie kurze, deverbale Ableitungen auf -e (Schreibe
‚Schreibgerät‘, Glotze ‚Fernseher‘, Latsche ‚Teppich‘) realisiert wird. Rindleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz (1999 auf Platz 10 der „Wörter
des Jahres“), Wohnraummodernisierungssicherungsgesetz, Umsatzrückerstattungsnovellierungsverord-
Übermäßige Nominalisierung war besonders auch im politischen Sprachgebrauch der DDR ver- nung, Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft, Eisenbahntransportfacharbeiter, Datenverarbeitungsanla-
breitet und führte zu dem zu Recht kritisierten ‚gestelzten Parteistil‘: Zur Sicherung der kontinuier- genindustrie, Ersatzteillagerregaleinlegeboden, warmwasserfußbodenbeheizungsgeeignet.
lichen Steigerung der Arbeitsproduktivität und zur Durchführung des technisch-wissenschaftlichen
Höchststandes sowie der Übererfüllung des Planes. Er indet sich aber auch in aktuellen, insbeson- In der Schreibweise tritt zugleich verstärkt der Durchkopplungsbindestrich mit und
dere amtlichen Texten: Wegfall der Zahlungserinnerungen vor Fälligkeit für gleichbleibende Voraus- auf: Arbeiter-und-Bauern-Staat, Kohle-und-Energie-Programm, daneben auch ohne und:
zahlungsbeträge bei der Einkommenssteuer und Körperschaftssteuer einschließlich Folgesteuern; Ent-
Alkali-Mangan-Batterie, Krankenversicherungs-Neuordnungsgesetz, Ein-Aus-Tastung. In
schließung des Bundesrates zur Aufhebung der Einstufung des westlichen Maiswurzelbohrers (Diabroti-
ca vigifera Le Conte) durch die Kommission als Quarantäneschadorganismus in der Europäischen Ge- jüngster Zeit verstärkt sich ausgehend von der Werbung auch die Binnengroßschrei-
meinschaft (Pressemitteilung 1997). bung: MegaFUNParty, BahnCard, KulturBahnhof, TeleBanking.
Die Kennzeichnung der Fugen bei Komposita nimmt zu:
Mit der Nominalisierung sind zugleich Bestrebungen nach Vergrößerung des Umfan-
ges der Satzglieder und zur Reihung verbunden. Dabei ist die Substantivgruppe selbst Antriebsmechanismus, Gesprächsthema, Ideenkraft, Löwenzwinger, Nachrichtenagentur, Gästebuch,
Kräfteverhältnis, Discothekenanlage.
„grammatikalisch durchaus nichts Neues, aufällig ist nur die überaus starke Nutzung
und quantitative Ausweitung.“ (Braun 1998, 119). Das zeigt sich u. a. in der Auf- Bei den Determinativkomposita wird das Modell attributives Adjektiv + Substantiv +
schwellung von Attributen in der nominalen Klammer: Substantiv bevorzugt: Altstofsammlung, Klarsichtfolie, Großwetterlage.
durch die – in einem Bericht des Ausschusses zur Bekämpfung der Rassenungleichheit in der amerika- Einen produktiven Wortbildungstyp bei adjektivischen Zusammensetzungen stellen
nischen Hauptstadt wiedergegebene – Auskunft Verbindungen von Substantiven mit Partizip I und II dar: friedliebend, postlagernd,
schlafraubend, richtungsweisend; gasbeheizt, preisgekrönt, abgasreduziert.
und in überlangen Attributketten: Verben bilden unter dem Einluss der Fachsprachen häuiger „(Pseudo-)Verbzusam-
Die Haftung der Eisenbahn für die Tötung und Verletzung von Reisenden auf Grund des internationalen mensetzungen“ (v. Polenz 1999, 368): bergwandern, zweckentfremden, schutzimpfen,
Personenbeförderungsvertrages unter besonderer Berücksichtigung der internationalen Bestrebungen für windsurfen.
Vereinheitlichung der Haftungsprinzipien.

Knappheit und Streben nach Abstraktion laufen mit diesen Entwicklungstendenzen


parallel. Besonders groß ist hierbei der Einluss der Fachsprachen.
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Verkürzung. Die Tendenz zur Verkürzung gehört zum Prinzip der Ökonomie, gewis- In Weiterführung älterer Vorbilder bei der Namensgebung (Andy/i, Mausi, Mutti) so-
sermaßen als sprachliche Reaktion auf die Mehrfachzusammensetzungen. Dabei sind wie infolge englischen Einlusses (Yuppi, Dandy) werden als neue Kurzwörter-Diminu-
verschiedene Bildungsweisen zu beobachten: tiva Formen auf -i/y, -o, gelegentlich auch schon (feministisches) -a gebildet, die. z. T.
diminutive Bedeutung haben:
Kopfwörter: Oberkellner > Ober, Bockbier > Bock, Lokomotive > Lok, Kriminalroman > Krimi;
vgl. auch Firmenbezeichnungen wie Hertie (Hermann Tietz), Leica (Leitz-Camera) (s. Tschirch Soi (für die Sonneninsternis 1999), Sponti, Ossi/Wessi/Wossi, Ossa-Wessi-Ehe, Tussi, Studi, Prolo,
1989, 219). Klammerformen: Laub(holz)säge, Tank(stellen)wart, Mo(torho)tel. Schwanzwörter: Realo/Reala, Demo, Memo, Euro. Besonders erfolgreich ist die Neubildung Handy (eine Schein-
(Ton)Band, (Eisen)Bahn. Entlehnung), die sich gegenüber der oiziellen Bezeichnung Mobiltelefon 1993 innerhalb weniger
Monate durchgesetzt hat.
Ihre extremste Form indet die Verkürzung in den Initial- oder Buchstabenwörtern: AEG (Allge-
Andere Kurzformen sind endungslos: Prof., Stud, Kat, Fax.
meine Elektricitäts-Gesellschaft), BGB (Bürgerliches Gesetzbuch); DGB (Deutscher Gewerkschafts-
bund); GEWOBA (Gemeinnützige Wohnungsbau-Genossenschaft); EG (Europäische Gemeinschaft), EU Nicht zuletzt sei auf verschiedene Veränderungen verwiesen, die sich im Zusammen-
(Europäische Union). Dieser Wortbildungstyp ist nach v. Polenz (1999, 364) ein wirklich inno-
hang mit den Forderungen der in der Frauenbewegung engagierten feministischen
vativer Teilbereich, der die volle Alphabetisierung der Bevölkerung am Ende des 19. Jh. zur
Voraussetzung hat. Zu den jüngsten Bildungen gehören ASCII, MS-Dos, CAD, ROM, RAM, CPU, Linguistinnen und anderer nach sprachlicher Gleichbehandlung von Frauen und Män-
DVD, SARS, PISA, AStA. In der Wirtschaft und Wissenschaft, aber auch in der Kultur zeigt sich nern allmählich durchsetzen.
vermehrt die Tendenz, Projekte, Institutionen und Funktionen mit entsprechenden Namen zu Nachdem – zunächst angeregt durch die amerikanischen Feministinnen und ver-
versehen: SIN (Sprachvariation in Norddeutschland, Studio im Netz e. V.), EPK (Kommission für stärkt durch die 68er-Studentenbewegung – das Problem der (sprachlichen) Diskrimi-
Entwicklung und Planung). Dabei kommt es auch zu gleichen Bezeichnungen für unterschiedli-
nierung von Frauen sowohl durch Mittel des Sprachsystems wie auch durch den
che Gegebenheiten, so steht SAP u. a. für: Systeme Anwendungen Produkte (der größte europäische
Softwarehersteller), South African Police, Service Access Point, Sozialistische Arbeiterpartei, Struk-
Sprachgebrauch in das Blickfeld gerückt war, galt es, Veränderungen zu fordern,
turanpassungsprogramm. durch welche der als sexistisch erkannte Sprachgebrauch zugunsten einer sprachli-
chen Gleichbehandlung der Geschlechter überwunden wird.
Die (übermäßige) Verwendung solcher Kurzwörter kann jedoch auch zu Problemen in
„Sprache ist sexistisch, wenn sie Frauen und ihre Leistungen ignoriert, wenn sie Frauen nur in
der Kommunikation führen. Diese treten z. B. dann auf, wenn bei häuiger Verwen-
Abhängigkeit von und Unterordnung zu Männern beschreibt, wenn sie Frauen nur in stereotypen
dung der Kurzform die Semantik der Vollform nicht mehr vorhanden ist (vgl. Nach- Rollen zeigt und ihnen so über das Stereotyp hinausgehende Interessen und Fähigkeiten abspricht,
richtenagentur dpa); die Orthographie (vgl. GEWOBA; Stasi für Staatssicherheit, Trabbi und wenn sie Frauen durch herablassende Sprache demütigt und lächerlich macht.“ (Guen-
für Trabant) ebenso wie das Genus (das/die PS) oder die Deklination (des BND/BNDs) therodt u. a. 1980, 15.)
von der entsprechenden Langform abweichen. So zeigt auch die nach wie vor unter-
schiedliche Schreibung der inzwischen sehr populären Abkürzungen für Electronic Im Ergebnis einer z. T. sehr emotionalen, kontroversen und von (durchaus bewusst
Mail (Elektronische Post), wie groß die Unsicherheit gerade bei den jüngsten Entleh- provozierend gemeinten) überspitzten Forderungen begleiteten Diskussion, die auch
nungen noch ist, auch wenn durch Duden- und Bertelsmann-Rechtschreibung nur E- in der Öfentlichkeit breites Interesse fand und nach wie vor indet, lassen sich – zu-
Mail als normgerecht gilt: E-mail, email, e-mail, eMail: dem steht die Schreibung von mindest für den öfentlichen und halböfentlichen Sprachgebrauch sowie bei Spreche-
Email/Emaille ‚Schmelzüberzug‘ gegenüber. rinnen und Sprechern, die den grundlegenden Ansichten der Feministinnen folgen –
eine Reihe von Veränderungen im System und im Sprachgebrauch beobachten. Diese
Ableitung. Im Bereich der adjektivischen Ableitungen nimmt die Bildungsweise mit werden gestützt durch zahlreiche amtliche Richtlinien zur sprachlichen Gleichbe-
-mäßig zu. Sie dient der Verkürzung und bereichert die Möglichkeit, „Zugehörigkeits- handlung sowie durch erfolgreiche Klagen von Frauen gegen als diskriminierend be-
beiwörter“ zu bilden: rechtmäßig, plan-, verkehrs-, gesetz-. Klischeehafte Verwendung urteilte (maskuline) Amts- und Berufsbezeichnungen.
mit der Tendenz zum Modewort tritt häuig in adverbialer Verwendung auf: ich kann Solche Veränderungen betrefen: Die zunehmende Beidbenennung durch Verwen-
zeitmäßig nicht kommen (ich kann aus Zeitmangel nicht kommen/weil ich keine Zeit habe) dung der Paarformel mit movierendem Ableitungssuix (Bürgerinnen und Bürger); die
Der Übergang vom freien zum gebundenen Morphem und damit zur Reihenbildung ist zunehmende Verwendung des Binnen-I (BürgerInnen, StudentInnen). Dieses indet un-
auch zu beobachten bei -los, -arm, -reich, -voll, -trächtig, beim Substantiv bei -gut, -werk, geachtet seiner schriftsprachlichen Herkunft auch Eingang in die gesprochene Spra-
-zeug, -wesen u. a. (s. Braun 1998, 177). che, wobei Sprechpausen und/oder durch Handbewegung angedeutete Anführungs-
Produktive verbale Ableitungsmittel sind die Präixe be-, er-, ent-, ver-, zer-, die nicht striche die Doppelform signalisieren. (Gestützt wird diese Form allerdings auch durch
selten der Verdeutlichung der Verbinhalte und der Ausdrucksverkürzung dienen: die zunehmend in Wirtschaft und Werbung verwendete Initialgroßschreibung von
Mehrfachkomposita: InterCityTref, PrickNadelTest – s. o.) Hier ordnen sich weiterhin
bedachen (‚mit einem Dach versehen‘), -lichten, -vorschussen; erarbeiten, -kunden, -schließen; entbei-
nen, -graten, -rosten; verbildlichen, -dichten, -zimmern, -karten, -opern; zergehen, -spanen. Neuere ein: der Gebrauch von Paarformeln bei Pronomen (er/sie, deren/dessen), die Verwen-
Bildungen weisen auch schon zwei Präixe auf: verbeamten, bezuschussen, abverlangen. Zuneh- dung „feministischer Kongruenz“ (Wer kann mir ihr Fahrrad leihen?) sowie die Ver-
mend werden deonomastische Verben gebildet: verkohlen, verschrödern, vermerkeln, verriestern, wendung der neuartigen Personalpronomen frau (auch mensch), jedefrau, die Bil-
die allerdings nur selten auch ins Lexikon eingehen. dung echter generischer Formen (Neutralisation) wie Studierende, Lehrende, Reini-
Mehr Verben werden auch mit trennbaren Präixen wie aus-, auf-, ein- gebildet. Produktiv sind
gungskraft, Lehrperson, Studierendenschaft sowie die Durchsetzung (movierter) femi-
auch einfache Verbableitungen (mit Nullsuix): faxen, ilmen, lacken, mailen.
niner Berufs- und Amtsbezeichnungen bei vorhandenen maskulinen Bezeichnungen
216 1 Vorgeschichte und Geschichte der deutschen Sprache 1.8. Das Deutsch der jüngsten Neuzeit (1950 bis zur Gegenwart) 217

(Heilpraktikerin, Standesbeamtin) bzw. deren Neubildung: Politesse, Bankkaufrau, Fri- wörter einen weiten Bedeutungsumfang besitzen: System: Fahrschein-Entwerter-System,
seurin (gegen älteres Frisösin/Friseuse). Andere Maßnahmen betrefen die bewusste Wettsystem; Kraft (z. T. nur/vorwiegend im Plural): Aufsichtskraft, Lehrkräfte, Reini-
Vermeidung geschlechtsspeziischer Bezeichnungen, wo sie nicht erforderlich gungskräfte, Verwaltungskräfte. „Da viele dieser Wörter Ausgangspunkt von Reihenbil-
sind (nur Unterschrift statt Unterschrift des Pass-Inhabers), und die weitgehend durchge- dungen sind, bewirkt dieser Prozeß auch semantische Veränderungen des Grundwor-
setzte Vermeidung der Anredebezeichnung Fräulein zugunsten von Frau unabhängig tes und – besonders bei Adjektiven, Adverbien – den Übergang zu Wortbildungsmor-
vom Familienstand. Zu nennen sind auch Veränderungen in der Familiennamen- phemen.“ (Langner 1980, 681.)
Gesetzgebung sowie im Gesprächsverhalten. Rationalisierung/Ökonomie: Darunter versteht man oft zweierlei, „einmal das Be-
Wenn auch die durch den Feminismus eingetretenen Wandlungen durchaus kontro- streben, mit wenigen sprachlichen Mitteln viele Informationen zu vermitteln, zum
vers bewertet werden und auch unterschiedlich ‚erfolgreich‘ sind, so kann dennoch anderen Veränderungen, die der Systematisierung und der Vereinfachung des Sprach-
eine höhere Sprachsensibilität und Kooperationsbereitschaft festgestellt werden, die baus dienen“ (Langner 1980, 682). Dabei werden neben den bereits genannten Ver-
eine allmählich immer breitere Akzeptanz sprachlicher Gleichbehandlung zeigen kürzungen insbesondere Komposita (vgl. Spitzenkandidat ‚führender Vertreter einer
(Eichhoff-Cyrus 2004, Schmidt/Lutjeharms 2006). Partei/Massenorganisation, der an der Spitze einer Wahlliste steht‘; Gipfelkonferenz
‚Konferenz der obersten Staatsmänner besonders einlussreicher Staaten‘), noch weiter
Lexik
verkürzt in K[anzler]-Frage, und Abstraktbildungen (sie fahren nach Berlin – die Fahrt
Wie oben bereits gezeigt wurde, können Veränderungen in der Lexik als dem beweg-
nach Berlin – die Berlinfahrt) verwendet.
lichsten Teil des Sprachsystems nicht losgelöst von außersprachlichen Faktoren be-
Integration: Auch sie ist eine übergreifende Entwicklungstendenz und äußert sich
trachtet werden, spiegelt sich doch in ihnen die gesellschaftliche Veränderung be-
im Wortschatz vor allem darin, dass nichtstandardsprachliche Mittel – insbesondere
sonders deutlich wider. Die wissenschaftlich-technische Revolution und die sozialen
Wortgut mit einer territorial und sozial begrenzten Geltung – Eingang in die Standard-
Entwicklungen haben dabei nicht nur die Quantität, sondern auch die Qualität des
sprache inden, vgl. ursprünglich regional begrenzten Wörter und Wendungen: Bube,
deutschen Wortschatzes wesentlich erweitert und verändert. Folgende Entwicklungs-
Pelle, Samstag, schauen, Schrippe, tschüs; ferner ursprünglich sozial begrenzt gültigen
tendenzen sind zu unterscheiden (s. Langner 1980, Braun 1998):
Lexeme bzw. Sememe: zum alten Eisen gehören, in Fahrt kommen, sich (k)einen Kopf
Einluss der Fachsprachen auf die Gemeinsprache: Infolge erweiterter Bildungs- machen; aus der Gruppensprache: Chef, Kumpel, Meister, schwänzen, büfeln, durchfal-
möglichkeiten, der Massenkommunikation und der Auswirkungen von Wissenschaft len. (Zum Eindringen von Fachwörtern als einer weiteren Form der Integration s. o.)
und Technik auf das Alltagsleben dringen verstärkt Fachwörter in den allgemeinen Internationalisierung: Sie kann als besondere Ausprägung der Integration betrach-
Wortschatz ein: Kommunikation, AIDS, Satellitenfernsehen, Interaktion, Paranoia, Kom- tet werden und wird mitunter als die aufälligste und stärkste Triebkraft in der Ent-
petenz, Stress, Demenz, Gen, EKG. Allein die Tatsache, dass heute von mehr als 300 wicklung der deutschen Gegenwartssprache bezeichnet. Die Tendenz zur Internatio-
Terminologien ausgegangen werden kann, macht dabei das Ausmaß und die Kompli- nalisierung erfasst heute fast alle Lebensbereiche, wobei Wissenschaft und Technik in
ziertheit der semantischen Veränderungen, die bei der Übernahme erfolgen, deutlich. besonderem Maße beeinlusst werden. Unter Internationalismen werden Lexeme und
Die mit dem Übergang von Fachwörtern in die Gemeinsprache verbundene Determi- Wortgruppen verstanden, „die in verschiedenen – meist genetisch verwandten – Spra-
nologisierung birgt auch die Gefahr von Missverständnissen und unangemessener Ver- chen in gleicher oder ähnlicher Semantik und in gleicher oder ähnlicher Form ge-
wendung in sich. Der Fachmann assoziiert mit fachsprachlichen Lexemen, wie Laser, braucht werden“ (Langner 1990a, 1403; s. auch Braun/Schhaeder/Vollmert
Düsenantrieb, Metarmorphose, andere Bedeutungen als der Laie, auch wenn sie sich auf 2003). Ein entscheidendes Kriterium ist die Existenz dieser Lexeme in mehreren Welt-
dasselbe Denotat beziehen. sprachen. Für das Deutsche spielen bei Neubildungen nach wie vor Wörter und Mor-
Tendenz der Spezialisierung: Sie äußert sich vor allem in der Zunahme der Mehr- pheme der lateinischen und griechischen Sprache eine besondere Rolle: Biathlon, Bio-
fachkomposita und Wortgruppen und zeugt für das Streben, einen Gegenstand knapp nik, Mikroelektronik, Television. Besonders produktiv sind dabei die Morpheme anti-,
und doch umfassend zu kennzeichnen, vgl. Plichtschirmbilduntersuchung, Fernsprech- auto-, bi-, co/ko(m)-, ex-, inter-, iso-, kilo-, makro-, mikro-, pro-, super-. Neben diesen
vermittlungsanlage. Dieser Tendenz ordnen sich auch Terminologisierungen zu, d. h. haben in der Gegenwart aus dem Englischen stammende Lexeme eine große Bedeu-
die Übernahme gemeinsprachlicher Wörter in die Fachsprache, vgl. Abprodukt, Herz- tung. Jüngere Internationalismen sind: Interface, Kompatibilität, Hardware, Software,
schrittmacher, Presse, Strom, sowie die Nutzung veralteter/veraltender Wörter für neue Cursor, online, oline, Terminal, Chip, Byte, Bit, Basic, Compiler, Interface. Dies führt
Erscheinungen: Musiktruhe, Verkehrsampel. aufgrund der starken romanischen Beeinlussung des Englischen zugleich zu einer
Bedeutungsdiferenzierungen unter dem Einluss der Computertechnologie inden Wiederbelebung bzw. Zweitentlehnung lateinischer Wörter (Innovation, Session) und
sich z. B. bei Maus, Fenster, klicken, rollen, Ausschnitt, einfügen, löschen, hochfahren, ab- stützt die Produktivität lateinischer und griechischer Morpheme. „Heute hat das Eng-
stürzen, Speicherplatz. Diese betrefen sogar jüngste Entlehnungen, vgl. (wind)surfen lische als lingua franca der westlichen Welt die Stelle des Französischen und Lateini-
gegenüber (im Internet) surfen. schen eingenommen. Es entstand in bestimmten Bereichen eine englisch geprägte eu-
Generalisierung: Sie stellt eine Ergänzung zur Spezialisierung dar und ist Ausdruck rop. Koine […] Diese Koine hat eine zusammenführende Wirkung, stellt aber zugleich
des Bestrebens, viele Einzelheiten bzw. komplizierte Zusammenhänge in einem Wort auch eine sprachliche Barriere dar.“ (Moser 1985, 1685; s. auch Lehnert 1990;
zusammenzufassen: Ausdruck dieser Entwicklung sind z. B. Komposita, deren Grund- Carstensen 1990; Vossen 1992, Ehlich/Schubert 2008.)
218 1 Vorgeschichte und Geschichte der deutschen Sprache 1.8. Das Deutsch der jüngsten Neuzeit (1950 bis zur Gegenwart) 219

Entgegen pessimistisch argumentierenden sprachkritischen Äußerungen, die vor einer Computereinsatz undenkbar ist. ‚Ohne EDV geht nichts mehr‘ prophezeit so das
‚Amerikanisierung‘ der deutschen Sprache warnen („Wir sind im Begrif, uns kulturell Münchner Control Data Institut, das die Versäumnisse der Schule durch EDV-Weiter-
zu degradieren“, „Denglisch“, „Engländerei“) erfordert die Bewertung dieses Einlus- bildungsmaßnahmen ‚nachbessert‘“. (Zit. nach Hage/Schmitt 1988, 75.)
ses eine diferenziertere Betrachtung. Neben den diferenziert zu bewertenden Einlüs- Der Computer reiht sich damit in die Reihe neuer Kommunikationstechniken ein,
sen in den verschiedenen Lebensbereichen (z. B. Wissenschaft – Freizeit) sind auch die die durch „ihre massenhafte Verbreitung […] nicht nur die Modi und die Mittel des
unterschiedlichen Funktionen, die Anglizismen in der Kommunikation erfüllen – z. B. sprachlichen Kommunizierens verändert, sondern auch die Sprachentwicklung selbst
Kürze, Fachlichkeit, Variation, Lokalkolorit – zu berücksichtigen. Gewachsene Fremd- beeinlusst [haben]. Die herkömmliche Domänenaufteilung zwischen den beiden
sprachenkenntnisse, immer engere internationale wirtschaftliche und kulturelle Ver- Grundmodi des Schreibens/Lesens und des Sprechens/Hörens hat sich verschoben.“
lechtungen machen pauschalierend ablehnende Urteile ebenso problematisch wie (Glück/Sauer 1990, 162.) Kaum noch aus der Alltagssprache wegzudenken ist in-
allzu unkritische Übernahmen. Wenn es gelingt, die „Sorge“ um die deutsche Sprache zwischen die große Anzahl neuer Wörter, die bereits breite Bevölkerungsteile – wenn
produktiv zu nutzen für einen in der breiten Öfentlichkeit diferenzierteren Umgang natürlich auch in unterschiedlichem Maße – erreicht hat und sich mit enormer Ge-
mit den Anglizismen, wobei Schule, Presse und sprachplegerisch wirkende Institutio- schwindigkeit vervielfacht, vgl. z. B. die massenhaften Weiterbildungen zu Computer:
nen eine besondere Verantwortung tragen, dann wird sich ein Sprachwandel vollzie- -branche, -experte, -freak, -service, -literatur, -viren, -kriminalität, -graphik u. a. oder zu
hen, der zwar eine zunehmende Öfnung des Deutschen, nicht aber seinen „Sprachver- Cyber: -cash, -girl, -slang, -sex, -space, -naut u. a.
fall“ oder gar „Untergang“ bedeutet (zur Integration von Fremdwörtern in das Deut- Inzwischen gibt es eine Reihe von Untersuchungen, die sich mit den (ersten) Aus-
sche vgl. Eisenberg 2011). Dass sprachkritische Diskussionen allerdings auch zu ei- wirkungen der ‚Neuen Medien‘ auf die Kommunikation beschäftigen. „Aus heutiger
nem Bewusstseinswandel führen können, zeigen Änderungen von Werbeslogan, so Sicht im Jahre 2010 ist die Forschungsliteratur der letzten Jahre thematisch breiter,
z. B. von Douglas – come in and ind out zu Douglas macht das Leben schöner. begrilich sicherer und methodisch (auch dank korpuslinguistischer Verfahren) oft
Diferenzierung: Von der Diferenzierung durch den wissenschaftlich-technischen gründlicher geworden, häuig aber auch kleinteiliger, diversiizierter und heterogener
Fortschritt, der zu einem gewaltigen Ausbau der Fachsprachen und damit zu einer (übrigens auch was Publikationsformen und -orte bis hin zum Internet betrift). So
Ausweitung der spezialisierten, fachsprachlichen Kommunikation führt, ist ein Dife- fällt es schwer, einheitliche Tendenzen auszumachen. Der Medientag vergeht so
renzierungsprozess zu unterscheiden, der durch die sozialen Unterschiede innerhalb schnell, dass die linguistische Eule der Minerva kaum Ruhe in der Nacht indet.“
einer Gesellschaft (Soziolekte) hervorgerufen wird, vgl. z. B. die Jugend- u. „Szene- (Schmitz 2011, 119f.)
sprache“: Dabei liegt die Problematik einer auch nur annähernd angemessenen Bewertung der
ablaufenden Prozesse also in der im Einzelnen kaum zu verfolgenden, geradezu explo-
„[…] also ick echt stoned wa total zu oder so ne und denn – p – tja ick weeß nich wa voll inne
Bullenfalle rinjegeigt wa – g – also, alles klar: Pappe weg, wa … Alles klar: von der Einbehaltung sionsartigen Entwicklung der Branche. Dies gilt nicht nur im Hinblick auf die rasante
der Fahrerlaubnis gemäß Paragraph 316, 69 Abs. 1 u. 2., 69a StGB (fahrlässige Führung eines Zunahme der Nutzer (User) der modernen Medien, sondern auch bezüglich der Er-
Kraftfahrzeuges unter Alkoholeinluß) nach einer Verkehrskontrolle war die Rede.“ (Hess-Lüt- schließung immer neuer Anwendungen in de facto allen Lebensbereichen. Einige der
tich 1987, 24.) zu beobachtenden Veränderungen in der medial vermittelten Kommunikation sollen
im Folgenden unter den Aspekten Hypertextualität und Multimedialität als den grund-
Bei diesem Beispiel macht die Gegenüberstellung von Jugend- und Juristensprache
legend neuen Eigenschaften computergestützter Produktion und Rezeption von Texten
den Unterschied besonders deutlich. Aber ebenso, wie es die Jugend als homogene
sowie unter dem Aspekt neuer interaktiver Kommunikationsformen skizziert werden.
Gruppe nicht gibt, ist auch die Jugendsprache vielfältig diferenziert (s. Neuland
2003, 2007, 2008a, 2008b). In einem mit Macker, packt die Badehose ein überschriebe- Hypertext beruht auf der Grundlage, dass die ursprünglich für Print- und audiovi-
nen Presseartikel fand sich in den 90er Jahren folgendes Zitat, das gleichzeitig die suelle Medien charakteristischen linearen Anordnungen von Texteinheiten nun „via
Tendenz der Integration verdeutlicht: einer komplexen Struktur von Verknüpfungen interaktiv gehandhabt werden können“
Diese Kerle“, stöhnt die 12jährige im Kölner Agrippa-Bad, „ständig müssen sie dich irgendwie anbag- (Pfammatter 1998, 46). Hypertext entspricht nicht nur den kognitiven Grundlagen
gern. Ätzend. (taz vom 16.6.90.) der Verarbeitung von Wissen, sondern fördert zugleich die Kreativität des Nutzers,
weil er in einem hohen Maße selbstverantwortlich, aktiv und lexibel aus einem virtu-
ellen Angebot Wissen in seinen eigenen Bezugsrahmen in für ihn plausible Sinnzusam-
1.8.6. Zur Sprache und Kommunikation im Zeitalter der menhänge zu integrieren hat. „Hypertextstrukturen helfen die Vernetzung von Phäno-
Digitalisierung und Globalisierung menen zu begreifen, sie in verschiedene Kontexte einzubetten und immer wieder neue
Perspektiven einzunehmen.“ (A. a. O., 59.) Die speziisch neue Qualität von Hypertext
Kaum eine technische Erindung hat unsere Welt so schnell und so nachhaltig verän- besteht also darin, dass er multipel und ofen ist, der hermetische Textbegrif, dem die
dert wie das „Schlüsselmedium“ (Faulstich 2006, 167) Computer. Schon in den 80er Vorstellung von einem abgeschlossenen Werk zugrunde liegt, somit zugunsten eines
Jahren prognostizierten führende Unternehmen: „Der Computer ist zur größten Her- „Textbegrifs mit rhizomatisch verzweigten Links“ aufgelöst wird. Damit löst sich
ausforderung dieses Jahrhunderts geworden; zu einer Herausforderung an Wissen und auch die „klassische Leseperspektive“ auf, da der Leser eines Hypertextes beliebige
Qualiikation. Schon heute gibt es Branchen, in denen jeder zweite Arbeitsplatz ohne Lesepfade einnehmen kann und selbst zum Autor wird. Und schließlich ändert sich
220 1 Vorgeschichte und Geschichte der deutschen Sprache 1.8. Das Deutsch der jüngsten Neuzeit (1950 bis zur Gegenwart) 221

der Text insofern, als neben schriftlichen auch visuelle (Bild, Video) und akustische rum von wissenschaftlichen bis hin zu stark gruppenbezogenen Sprachkodes ausma-
(Ton) Informationen integriert werden (können) (s. Runkehl/Schlobinski/Siever chen. Neben den in traditionellen Diskussionsforen üblichen Normen inden sich
1998, 208), mithin Text multimedial konstituiert wird. In diesem Zusammenhang ebenfalls verstärkt sprechsprachliche Elemente und eine Newsgroup-speziische Lexik.
muss die Frage nach der Kohärenz von Texten völlig neu diskutiert werden. Die Chance, in unterschiedlichen Newsgroups zu agieren, erfordert und fördert jedoch
Die Folge von Multimedialität, der Verknüpfung unterschiedlicher Kommunika- zugleich eine speziische kommunikative Kompetenz, die Fähigkeit, unterschiedliche
tionsmodi (Bild – Text – Ton – Graik – Animation – Musik usw.) zu einem Gesamttext, Sprachregister zu benutzen (s. a. a. O., 72).
wird in ihren Auswirkungen auf die Produktion und Rezeption von Texten noch kon-
Chatten, obwohl erst 1988 eingeführt, ist die gegenwärtig wohl populärste Form der
trovers diskutiert. So ist der ‚Mehrwert‘ des Einsatzes multimedialer Informationsquel-
Internet-Kommunikation, die gegenüber der E-Mail-Kommunikation in ‚Echtzeit‘, also
len für den Rezipienten nur dann gegeben, wenn ihre speziischen Möglichkeiten für
synchron erfolgt: „Die Chat-Kommunikation ist ein komplexer Kommunikationsraum,
die Konstituierung des Gesamttextes adäquat integriert werden. Z. B. kann redundan-
der aus unzähligen Channels besteht, in denen sich Menschen trefen, um zu plaudern,
te, ‚überlüssige‘ Visualisierung den Rezeptionsprozess ebenso behindern wie die Un-
neue Leute kennenzulernen, Informationen auszutauschen, zu lirten. Hier wie in den
terschätzung der Bedeutung der unterschiedlichen semiotischen Kodes. Noch kaum
MuDs, den textbasierten iktionalen Kommunikationswelten, in denen Spieler sich
beschrieben sind die Folgen, die sich aus der in der Regel notwendigen interdiszipli-
und ihre Umwelten konstruieren, wird die Identität durch Pseudonyme camouliert.“
nären Zusammenarbeit unterschiedlichster Experten bei der Produktion von Hyper-
(Runkehl/Schlobinski/Sievers 206.) Diese grundsätzlich an traditionelle Konver-
texten für die gemeinsame Gesprächspraxis ergeben.
sationsnormen anknüpfende Kommunikationsform ist vor allem dadurch charakteri-
Besondere Aufmerksamkeit verdienen die durch das Internet – ein gigantisches
siert, dass „sprachliche Elemente und Versatzstücke aus diversen Diskurswelten zu
Kommunikationsnetzwerk (World-Wide-Web/WWW), das die Kommunikation über
einem speziischen Stilmix zusammengebastelt werden“ (a. a. O., 115). Alltägliche
Raum und Zeitzonen (in einem global village) hinweg ermöglicht – entstandenen neuen
Sprachkonventionen inden sich ebenso wie para- und nonverbale ikonographische
Interaktionsformen, z. B.: E-Mail-Kommunikation, Kommunikation in News-
Symbole, Sprachspiele, Anglizismen, eine eigenartige Kurzsprache (hdl – hab dich lieb;
groups, Chat. Hier entsteht gegenwärtig eine weltweite Kommunikationsgemein-
hdgdl – hab dich ganz doll lieb, rol – rolling on the loor laughing, g – grins) sowie speziell
schaft, die durch unterschiedliche Grade der Entpersonalisierung und Anonymität
kreierte graphostilistische Mittel (Smileys), die für Außenstehende zu Verständnispro-
gekennzeichnet ist. Unter diesem Aspekt ist „diese Gemeinschaft eine weltweite Ge-
blemen führen (können). Ob sich allerdings tatsächlich im Chat-Slang eine neue
meinschaft von Texten und Intersubjektivität wird somit zur Interpersonalität“ (Run-
Schriftsprache entwickelt, ist derzeit noch ofen (s. Benning 1998, 98; Schmitz 2004,
kehl/Schlobinski/Siever 1998, 210).
Siever 2005, Schlobinski 2006).
Inzwischen kaum mehr aus der berulichen wie auch zunehmend der privaten Praxis
Insgesamt haben die bisherigen Analysen der neuen Kommunikationspraxen gezeigt,
wegzudenken ist die E-Mail-Kommunikation, der „elektronisch beschleunigte Brief-
dass es eine Vielzahl von Variationen gibt, die das Internet als einen „Varietätenraum“
verkehr, in dem Verabredungen getrofen, Informationen subskribiert und Geschäfte
erscheinen lassen, für den das Prinzip der Bricolage konstitutiv ist (Runkehl/Schlo-
getätigt werden, mittels derer Werbung verschickt wird wie auch Bilder und Töne.“
binski/Sievers 1998, 209). Ofensichtlich ist die stärker sprechsprachliche Orientie-
(A. a. O. 206.) Untersuchungen haben deutlich gemacht, dass hier ein großes Spekt-
rung, die mit speziischen medialen Elementen verbunden wird und die Normen kon-
rum von Schreibpraxen vorliegt, das je nach Teilnehmerkreis und Kommunikationssi-
zeptioneller Mündlichkeit und Schriftlichkeit verändern. Aber: „Das Innovative in der
tuation variiert. Wirklich neue kommunikative Praktiken lassen sich (bisher) nicht
computer-vermittelten Kommunikation liegt nicht in der – wenn auch partiell in neuen
feststellen, am aufälligsten ist noch der (zumindest im eher privaten Bereich) ver-
Konstellationen auftretenden – Interaktion von (Sprech)sprache und Schrift, sondern
stärkte Gebrauch sprechsprachlicher Elemente und graphostilistischer Mittel sowie
einerseits im Binäralphabet, also der Interaktion von alphabetischen und numerischen
ein großzügiger Umgang mit der Orthographie und Grammatik.
Notationen zu einem Zeichensatz, und der Interaktion von Bild, Ton und Schrift ande-
Halloele m.!!! rerseits.“ (Krämer 1996, zit. nach Runkehl/Schlobinski/Sievers 1998, 210.)
nicht dass du jetzt zu viel erwartest weil ich am telefon eben so rumgeschwaermt habe wie cool es dochj Andere Kommunikationspraxen wie Fax, Internet-Telefonie, Internet-Konferenz,
war, weil soooo umwerfend wars nicht aber genug um mich happy zu machen. also, erstmal kam der
Skype, Surfen (z. B. auf der Suche nach Informationen in Datenbanken) u. a. erweitern
rammler an und meinte:wie jetzt, ist das nicht doof so alleine? Da hab ich ihmverklickert dasss nicht
und warum ich gehen sollte wenn ich dich nioch lawenger darf und man kann ja auch allein zugucken die kommunikativen Möglichkeiten ebenso, wie Online-Radio, Web-TV und Online-
und ob er mich etwa loswerden wolle. Er so ach quatsch nein! (ich so *freu!*) dann haben wir uns noch Presse sowie multimediale Handy-Nutzung (neu: iPhone) das Rezeptionsverhalten bis
unterhalten, fuer unsere verhaeltnisse echt lange.[…] also dann, ciao, deine S. (Quelle: Runkehl/ in den Freizeitbereich beeinlussen.
Schlobinski/Siever 1998, 41.) Dass die neuen Medien das Sprachverhalten verändern, ist unbestritten. Prognosen
darüber, in welchem Maße und in welcher Richtung dieses auch zu einem Sprachwan-
Einen höheren Grad der Anonymität besitzen Diskussionsgruppen, sogenannte News-
del führen wird, werden heute allerdings vorsichtiger formuliert als noch zu Beginn
groups, in denen wissenschaftlich konferiert und über „Gott und die Welt“ diskutiert
der Einführung der Computertechnologie. Trotz der zahlreichen Untersuchungen, die
wird. Inzwischen gibt es zu jedem denkbaren Thema Diskussionsforen, an denen
bereits zu diesem Themenfeld vorliegen, wird die Forschung hier auch weiterhin ein
man partizipieren kann. Auch hier lassen sich vielfältige Variationen in einem Spekt-
umfangreiches Betätigungsfeld inden.

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