Inhaltsverzeichnis
1 Sequenzarten
2 Tonale und reale Sequenz
2.1 Beispiel für eine tonale Sequenz
2.2 Beispiel für eine reale Sequenz
3 Quintfall- und Quintanstiegssequenz
3.1 Beispiele für Quintfallsequenzen
3.1.1 Tonale Quintfallsequenz
3.1.2 Reale Quintfallsequenz
3.2 Anwendungen
4 Literatur
5 Siehe auch
6 Weblinks
7 Einzelnachweise
Sequenz (Musik)
Sequenz (lat. sequentia, „Folge“) bezeichnet in
der musikalischen Satzlehre eine zeitliche Folge
von gleichartigen musikalischen Abschnitten auf
verschiedenen Tonstufen. Jede Sequenz besteht
aus mehreren Sequenzgliedern. Sie beginnt mit
einem (melodischen und/oder harmonischen)
Sequenzmodell (Motiv oder Figur, kurz Modell).
Anschließend wird das Modell wörtlich oder
leicht variiert auf anderen Stufen wiederholt
(sequenziert). Diesen Vorgang nennt man
Sequenzierung. Dieselbe Bezeichnung verwendet Melodisch-figurative Sequenz in Chopins Etüde in cis-
man auch für die auf das Modell folgenden Moll op. 10,4
Sequenzglieder. Eine n-gliedrige Sequenz besteht
also aus dem Modell und n – 1 Sequenzierungen.
Üblicherweise spricht man von einer Sequenz im eigentlichen Sinne erst dann, wenn das Modell
mindestens zweimal sequenziert wird. Eine durch nur einmalige Sequenzierung entstehende
zweigliedrige Sequenz nennt man auch Halbsequenz oder einfach Versetzung.
Eine oftmalige Sequenzierung kurzer Motive oder Figuren bezeichnet man auch als Kettensequenz oder
Sequenzkette.
Bei der mehr als dreimaligen Sequenzierung längerer Abschnitte besteht die Gefahr einer monotonen und
fantasielosen Wirkung, so dass solches manchmal verächtlich als Organistenzwirn bezeichnet wird. Die
ebenfalls abfälligen Bezeichnungen Schusterfleck und Rosalie beziehen sich auf ein seit ca. 1750 als
abgedroschen geltendes Sequenzmuster.
„Beim Eintritt in eine Sequenz weiß der Hörer für eine Weile voraus, was geschehen wird.
Ein rechtes Maß an Sequenzen vermittelt den Eindruck der Verständlichkeit einer Sprache,
ihrer Leichtigkeit und Mühelosigkeit; zu viele Sequenzen den Eindruck der Banalität.“
– Diether de la Motte: Harmonielehre[1]
Sequenzarten
Die Vielfalt der möglichen
Erscheinungsformen lässt folgende
Unterscheidungen zu:
nach Art des Sequenzmodells: Fallende diatonische und akkordische Sequenz:
melodische (motivische oder J.S. Bach, Violinkonzert E-Dur, BWV 1042, 1. Satz
figurative) oder harmonische
Sequenzen, wobei beide auch häufig
in Kombination auftreten,
nach Richtung der Versetzung:
steigende oder fallende Sequenzen,
nach dem jeweiligen Prinzip der
Versetzung: diatonische (in den Steigende chromatische Sequenz:
natürlichen Stufen der Tonart Franz Schubert, Impromptu Es-Dur op. 90,2
fortschreitende), chromatische (in
Halbtonschritten vorrückende) oder
akkordische (innerhalb einer Harmonie versetzte) Sequenzen,
nach dem Intervall der Versetzung: Sekund-, Terz-, seltener auch Quart- und Quint-
Sequenzen,
nach dem Verhältnis zur Tonart: tonale (nicht modulierende) und reale (modulierende)
Sequenzen.
Tonale und reale Sequenz
Bei der tonalen Sequenz wird innerhalb der Tonart sequenziert, so dass die Intervalle des
musikalischen Abschnitts (kleine/große Sekunden; kleine/große Terzen) sich ändern
können.
Bei der realen Sequenz werden alle Intervalle der musikalischen Gestalt identisch verrückt,
wobei sich die Tonart ändert.
Beispiel für eine tonale Sequenz
Das Beispiel zeigt die Sequenz im Zwischenspiel einer Fuge. Motivisch gesehen handelt es sich in allen
drei Stimmen um eine tonale Sequenz, die in Sekundschritten abwärts führt. Jeder Takt stellt ein
Sequenzglied dar. Die eingekreisten Töne der Bassstimme bilden eine Quintfallsequenz.
Johann Sebastian Bach, Fuge G-Dur BWV 860, Takt 17–19. anhören ⓘ
Beispiel für eine reale Sequenz
Chopin: aus Nocturne op. 37,2, Takt 129 ff. anhören ⓘ (Das Hörbeispiel setzt das
Notenbeispiel noch bis zum Ende des Stücks fort.)
Im nebenstehenden Beispiel wird ein musikalischer Abschnitt („Sequenzglied“) dreimal intervallgetreu
im Abstand einer kleinen Terz aufwärts wiederholt („sequenziert“), so dass eine insgesamt viergliedrige
Sequenz entsteht. Dabei findet eine „schweifende“ Modulation statt, wobei die rot markierten Töne im
Bass (nahezu) den gesamten Quintenzirkel abwärts durchschreiten.
Quintfall- und Quintanstiegssequenz
Die Quintfallsequenz (auch fallende Quintschrittsequenz oder Dominantkette genannt[2][3]) ist ein sehr
gängiger Sequenztyp in tonaler Musik. (Die ebenfalls denkbare Bezeichnung Quartanstiegssequenz ist
nicht üblich.) Gemeint ist eine Akkordfolge, deren Grundtöne in Quint-Schritten abwärts gehen. Sofern
die Akkorde in Grundstellung erklingen, schreitet die Bassstimme dabei in der Regel abwechselnd in
Quintfällen und Quartsprüngen aufwärts fort, wodurch sich insgesamt eine stufenweise
Abwärtsbewegung ergibt.
Die Quintanstiegssequenz ist seltener, gehört aber ebenfalls zu den Satzmodellen, die im 17. bis 19.
Jahrhundert in der Musikerausbildung gelehrt wurden.
Beispiele für Quintfallsequenzen
Tonale Quintfallsequenz
in a-Moll
Aus Schuberts Es-Dur-Impromptu op. 90,2 anhören ⓘ
Klangbeispiel Quintfallsequenz a-Moll ⓘ
Im obigen Beispiel ist jeder Ton der Tonleiter einmal Grundton eines Akkords. Zwischen dem 5. und 6.
Basston erfolgt ein verminderter Quintschritt.
Das Literaturbeispiel (es-Moll-Passage aus Franz Schuberts Es-Dur-Impromptu op. 90,2) entspricht in
seinem harmonischen Ablauf exakt dem obigen Schulbeispiel. Einzige Unterschiede sind die andere
Tonart (es-Moll) und die Ersetzung der Quintschritte abwärts durch Quartschritte aufwärts. Es ergibt sich
eine insgesamt viergliedrige in Sekundschritten diatonisch absteigende Sequenz, deren Glieder durch rote
Klammern gekennzeichnet sind. Dabei sind die Sequenzierungen keine exakten Abbilder des Modells,
sondern unterscheiden sich von ihm geringfügig in ihrer Intervallstruktur. Die blauen Klammern
markieren eine weitere zweigliedrige Sequenz, die mit der ersten verzahnt ist. Ein Vergleich beider
Sequenzen verdeutlicht den Unterschied zwischen einer Quintfallsequenz und einer Quintsequenz (bzw.
hier zwischen deren äquivalenten Gegenstücken: Quartstiegsequenz und Quartsequenz): Die „rote“
Quartstiegsequenz besteht aus Gliedern, die jeweils einen Quartschritt der Harmoniegrundtöne enthalten,
selbst aber in Sekundschritten abwärts sequenziert werden. Es handelt sich also nicht um eine
„Quartsequenz“, sondern um eine diatonische oder auch Sekundsequenz. Bei der „blauen“ Sequenz
(streng genommen ist es nur eine Halbsequenz oder Versetzung) liegt jedoch eine echte Quartsequenz
vor, weil das eintaktige Sequenzglied mit allen Stimmen um eine Quarte versetzt wird.
in C-Dur
Klangbeispiel Quintfallsequenz C-Dur ⓘ
Das obige Beispiel hat vierzehn Schritte, da es den Oktavraum zweimal abschreitet. Hier erfolgt zwischen
dem 2. und 3. Basston ein übermäßiger Quart- und zwischen dem 9. und 10. Basston ein verminderter
Quintschritt. Diese Tritonusschritte lassen sich vermeiden, wenn man abwechselnd Dreiklänge in
Grundstellung und als Sextakkorde notiert:
anhören ⓘ
Beim Dreiklang der VII. Stufe (3. und 10. Akkord) wird der Leitton verdoppelt, was normalerweise
„verboten“ und nur in Sequenzen wie der vorliegenden ausnahmsweise erlaubt ist.[4]
Reale Quintfallsequenz
anhören ⓘ
Hier werden ausschließlich reine Quintschritte ab- und Quartschritte aufwärts verwendet. Es findet ein
modulierender Rundgang durch den Quintenzirkel abwärts statt. (Im viertenTakt wird Ges-Dur
enharmonisch in Fis-Dur umgedeutet.)
Anwendungen
Quintschritt- und insbesondere Quintfallsequenzen trifft man in der Musikliteratur seit mehr als 300
Jahren immer wieder an. Als besonders erfolgreiches Mittel zur Modulation oder zur Durchwanderung
einer bestimmten Tonart findet man sie in allen Zeiten und Epochen wieder. Thematisiert wurde sie
deutlich von Simon Sechter (1788–1867), dem Lehrer Franz Schuberts. Deshalb spricht man bei den
Quintfallsequenzen auch von der „Sechter-Sequenz“.
Besonders häufig hörbar sind sie in der Musik des 17. und 18. Jahrhunderts, in Barock und Klassik. Vor
allem im Barock werden fast sämtliche Modulationen über Quintfallsequenzen vorgenommen. Besonders
ausgedehnte Quintfallsequenzen begegnet man in den Kompositionen von Claudio Monteverdi und
Heinrich Schütz.[5] Modulierende Beispiele finden sich in fast sämtlichen Werken von Johann Sebastian
Bach. Der charakteristische Bass bleibt nur bei den grundstelligen Sequenzformen erhalten.
Quintfallsequenzen sind ein prägendes Element auch in der Jazz-Harmonik und finden sich in vielen
Jazz-Standards wieder, wie beispielsweise „Autumn Leaves“ und „Fly Me to the Moon“ sowie in Rock-
und Popmusik, beispielsweise in „Still Got The Blues“ von Gary Moore (Akkordfolge Dm - G - Cmaj7 -
Fmaj7 - Hmb5 - E7 - Am), bei „I Will Survive“ von Gloria Gaynor oder bei Santana in „Europa“ (Fm - B -
Esmaj7 - Asmaj7 ...). Taizé-Lieder mit Quintfallsequenzen sind „Nada te turbe“ und „Miserere domini“.
Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt aus Liedern und Songs aller Gattungen seit dem Barock. In dem Jazz-
Standard „Fly me to the moon“ findet sich die Quintfallsequenz mit Septakkorden, hier in der Tonart a-
Moll, gleich zum Beginn. (Vgl. erstes Notenbeispiel mit Akkordsymbolen)
Literatur
Willibald Gurlitt, Hans Heinrich Eggebrecht (Hrsg.): Riemann Musik Lexikon. Sachteil. 12.,
völlig neubearbeitete Auflage. B. Schott’s Söhne, Mainz 1967, S. 865 f.
Marc Honegger, Günther Massenkeil (Hrsg.): Das große Lexikon der Musik. Band 7:
Randhartinger – Stewart. Aktualisierte Sonderausgabe. Herder, Freiburg im Breisgau u. a.
1987, ISBN 3-451-20948-9, S. 335 f.
Wulf Arlt: Satzlehre und ästhetische Erfahrung. In: Angelika Moths, Markus Jans, John
MacKeown, Balz Trümpy (Hrsg.): Musiktheorie an ihren Grenzen. Neue und Alte Musik.
Peter Lang, Bern u. a. 2009, ISBN 978-3-03910-475-8, S. 47–66.
Clemens Kühn: Musiktheorie unterrichten - Musik vermitteln. Bärenreiter, Kassel 2006,
ISBN 978-3-7618-1835-0.
Johannes Menke: Historisch-systematische Überlegungen zur Sequenz seit 1600. In:
Christian Utz, Martin Zenck (Hrsg.): Passagen. Theorien des Übergangs in Musik und
anderen Kunstformen (= [Link] der gegenwart. 3). Pfau, Saarbrücken 2009, ISBN
978-3-89727-422-8, S. 87–111.
Werner Pöhlert, Jochen Schulte: Analyse der Skalen-„Theorie“ auf Basis der Pöhlertschen
Grundlagenharmonik. Musikverlag Zimmermann, Frankfurt am Main 1988, ISBN 3-921729-
36-X, S. 322.
Jan Philipp Sprick: Die Sequenz in der deutschen Musiktheorie um 1900. Olms, Hildesheim
u. a. 2012, ISBN 978-3-487-14830-4.
Michael von Troschke: Sequentia/Sequenz. In: Handwörterbuch der musikalischen
Terminologie. Bd. 5, hrsg. von Hans Heinrich Eggebrecht und Albrecht Riethmüller,
Schriftleitung Markus Bandur, Steiner, Stuttgart 1972 (online ([Link]
[Link]/~db/0007/bsb00070513/images/[Link]?fip=[Link]&seite=525&pdfseitex
=)).
Siehe auch
Fonte
Karussell
Monte
Parallelismus
Satzmodell
Voglerscher Tonkreis
Weblinks
Everard Sigal: Ausführliche Erläuterungen zur Sequenz ([Link]
satz/[Link])
OpenBook ›Harmonielehre: Sequenzen‹ (freies Unterrichtsmaterial für den Musikunterricht)
([Link]
Einzelnachweise
1. Diether de la Motte: Harmonielehre. 5. Auflage. Bärenreiter-Verlag, Kassel 1985, ISBN 3-
7618-0540-3, S. 113.
2. Everard Sigal: Tonsatz zu Dominantkette ([Link]
[Link])
3. Siehe z. B. Kühn 2006, S. 41, 87, 109, 113.
4. Heinrich Lemacher, Hermann Schroeder: Harmonielehre. 3. Auflage. Musikverlag Hans
Gerig, Köln 1958, S. 76.
5. Gerald Drebes: Schütz, Monteverdi und die „Vollkommenheit der Musik“ – „Es steh Gott auf“
aus den „Symphoniae sacrae“ II (1647). In: Schütz-Jahrbuch. Jg. 14, 1992,
ISSN 0174-2345, S. 25–55, spez. S. 40 und 49, online ([Link]
03210657/[Link] (Memento des Originals ([Link]
[Link]/?url=http%3A%2F%[Link]%[Link]) vom 3.
März 2016 im Internet Archive) Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht
geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis..
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