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Edmund Weitz

MATHEMATIK
(Skript für den Studiengang Media Systems an der HAW Hamburg)
2. Juni 2024, 23:15

Dieses Skript ist momentan noch „work in progress“ und wird regelmäßig
aktualisiert. Sie sollten ab und zu nachschauen, ob es eine neue Version
(siehe Datum oben) gibt. Den jeweils letzten Stand finden Sie unter der
Adresse [Link]
Falls Sie Fehler entdecken (auch „kleine“ Tippfehler), freue ich mich über
eine E-Mail an [Link]@[Link]. Für bereits entdeckte
Fehler bedanke ich mich bei Adem Aksu, Jörg Balzer, Célina Berbig, Till-
mann Bewer, Florian Christoph, Frank Conrad, Karl Diedrichsen, Pawel
Gitlevich, Cedric Johanson, Oktay Kjasimov, Pascal Klintworth, Finn Lun-
derup, Lucy Mäge, Ronny Manjang, Fabian Matischok, Andreas Menschen,
Vu Thanh Tung Paeper, Laura Reinermann, Thomas Schneider, Sriraam
Sinnarajah, Tres Thoenen, Anna-Lena Wagner und Zanna Wahedi. Für di-
verse Hinweise auf Pannen in den Videos zum Skript danke ich Marvin
Behrmann.
Außerdem wird es sicher an manchen Stellen passieren, dass ich Formulie-
rungen verwende, die mir als Mathematiker seit Jahrzehnten geläufig sind,
die Ihnen jedoch kryptisch vorkommen. Auch in so einem Fall freue ich
mich über eine Mitteilung. Ich möchte gerne, dass alle das Skript verstehen
können, bin dabei aber auf Ihre Hilfe angewiesen.

Der gesamte Text ist unter der Creative-Commons-Lizenz BY-NC-ND 3.0 DE verfügbar. Eine
vereinfachte Zusammenfassung dieser Lizenz findet man unter der folgenden Adresse:
[Link]
Inhaltsverzeichnis

Gebrauchsanweisung 1
I Grundlagen 5
1 Logik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
2 Mengen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
II Elementare Kombinatorik 37
3 Komplexere Mengenstrukturen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37
4 Abzählende Kombinatorik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46
III Relationen und Funktionen 61
5 Relationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61
6 Funktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71
IV Algebraische Strukturen 93
7 Eigenschaften von inneren Verknüpfungen . . . . . . . . . . . . . . . . . 93
8 Gruppen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97
9 Permutationsgruppen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107
10 Ringe und Körper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117
V Zahlentheorie 125
11 Teilbarkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
12 Primzahlen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133
13 Modulare Arithmetik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138
14 Der chinesische Restsatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148
VI Die reellen und die komplexen Zahlen 151
15 Ordnungsrelationen und geordnete Körper . . . . . . . . . . . . . . . . . 151
16 Die reellen Zahlen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159
17 Die komplexen Zahlen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167
18 Etwas Topologie (in metrischen Räumen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 178
VII Folgen und Reihen 189
19 Folgen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189
20 Die Landau-Notation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 203
21 Reihen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 205
VIII Unendliche Mengen 231
22 Vergleich von Mächtigkeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 231
23 Abzählbare Mengen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 235
24 Überabzählbare Mengen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 238
IX Reelle und komplexe Funktionen 243

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


IV INHALTSVERZEICHNIS

25 Stetige Funktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 243


26 Differenzierbare Funktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 249
27 Potenzreihen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 256
28 Exponentialfunktionen und Logarithmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 259
29 Die trigonometrischen Funktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 268
30 Polarkoordinaten und Arkusfunktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 275
X Lineare Algebra 283
31 Vektorräume . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 283
Lösungen zu ausgewählten Aufgaben 295
Literatur 381
Index 383
Mathematische Symbole 393

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


Gebrauchsanweisung

Dass Sie diesen Satz lesen, ist schon mal ein guter Anfang!

Leider lehrt die Erfahrung, dass viele Studierende nicht gerne lesen und Bücher
oder Skripte meiden wie der Teufel das Weihwasser. Das ist allerdings keine gute
Idee, wenn man erfolgreich studieren will. Menschen, für die Lesen eine Qual ist,
rate ich dringend von einem Studium ab!

Vorlesung oder Skript? Beides!


Brauchen Sie überhaupt ein Skript, wenn Sie regelmäßig in der Vorlesung sitzen
und mitschreiben? Oder umgekehrt: Müssen Sie noch (eventuell frühmorgens und
im Wintersemester womöglich im Dunkeln und bei Minusgraden) in die Vorlesung
kommen, wenn Sie das Skript haben? Ich behaupte, dass für fast alle Studierenden
die Antwort auf diese beiden Fragen ja ist. Vorlesung und Skript decken zwar die-
selben Themen ab und theoretisch können Sie mit einem von beiden auskommen.
Aber dafür brauchen Sie entweder (nur Skript) sehr viel Selbstdisziplin oder (nur
Vorlesung) eine besonders gut ausgeprägte Auffassungsgabe.

Die wöchentliche Vorlesung sorgt für Regelmäßigkeit und gibt damit gleichsam
den „Takt“ für das Semester vor. Sie können dem Prof live dabei zusehen, wie man
mathematisch arbeitet (und Fehler macht). Sie haben die Gelegenheit, Fragen zu
stellen. Sie treffen die anderen Studierenden Ihres Semesters und können sich mit
Ihnen austauschen. (Wenn Sie meinen, dass Sie auf all das verzichten können,
dann hätten Sie sich vielleicht besser für ein Fernstudium entscheiden sollen,
oder?)

Im Skript haben Sie alles noch einmal schwarz auf weiß. Sie können sich die Stellen
heraussuchen und nacharbeiten, die Sie nicht gleich verstanden haben. (In der
Mathematik versteht so gut wie niemand alles gleich beim ersten Mal!) Sie können
Dinge aus den vergangenen Wochen, an die Sie sich nicht mehr so genau erinnern,
nachschlagen. Sie können sich auf die kommende Vorlesung vorbereiten, indem
Sie ein paar Seiten vorab lesen oder zumindest überfliegen. Und Sie finden evtl.
Materialien, die über den in der Vorlesung durchgenommenen Stoff hinausgehen.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


2 Gebrauchsanweisung

Für die Prüfungen gehen wir jedenfalls davon aus, dass Ihnen die Inhalte des
Skripts bekannt sind!

Das wichtigste Werkzeug


Wie liest man so ein Skript? Das ist eigentlich schon die falsche Frage. Man liest
es nicht wie einen Roman im Sessel, sondern man arbeitet es durch. Um an einer
Mathevorlesung mit Gewinn teilzunehmen, braucht es zwei Zutaten: Verständnis
und Routine. Sie können auf Dauer nicht folgen, wenn Sie die Inhalte der Vorwo-
chen nicht verstanden haben, denn in der Regel baut das, was folgt, auf ihnen
auf. Deshalb müssen Sie langsam lesen, sich dabei quasi selbst ständig über die
Schulter schauen und sich immer wieder hinterfragen, ob sie „nur“ gelesen haben
oder ob Sie das Gelesene auch mit Ihren eigenen Worten wiedergeben könnten.

Aber selbst dann, wenn Sie alles verstanden haben, brauchen Sie auch Routine.
Sie dürfen nicht nur passiv rezipieren, sondern Sie müssen auch aktiv am Stoff
arbeiten. Das ist wie mit dem Fahrradfahren oder mit dem Schwimmen: Sie be-
herrschen es nicht dadurch, dass Sie ein Buch darüber gelesen oder ein Video
darüber gesehen haben. Oder wie es der Mathematiker Carl Runge mal formulierte:
„Man lernt das Klavierspielen nicht durch den Besuch von Konzerten.“ Aus diesem
Grund sollten Zettel und Bleistift Ihre wichtigsten Werkzeuge werden und beim
Durcharbeiten des Skripts immer zur Hand sein. Machen Sie sich Notizen. Fertigen
Sie eigenständig Zusammenfassungen der Kapitel an. Gehen Sie Beispiele aus
dem Skript selbst durch und glauben Sie nicht einfach, was Sie lesen. Zeichnen
Sie eigene Skizzen. Und vor allem: Bearbeiten Sie die Aufgaben! Dafür sind Sie da:
die Aufgaben sind ein Service, um Sie beim Lernprozess zu unterstützen. Aber sie
helfen Ihnen nur dann, wenn Sie sich mit ihnen beschäftigen.1

Die Aufgaben
Wenn Sie Abschnitte des Skripts zur Vorbereitung auf die Vorlesung vorab lesen,
dann sollten Sie die Aufgaben zu lösen versuchen, bevor Sie weiterlesen. Häufig
werden Sie die Lösung im folgenden Text finden oder am Ende des Skripts. Aber
wenn Sie nicht selbst über die Fragen nachgedacht haben, lernen Sie nichts.

Wenn Sie hingegen das Skript nach dem Besuch der Vorlesung noch einmal durch-
arbeiten, dann kann es sicherlich nicht schaden, sich erneut mit den Aufgaben zu
beschäftigen, auch wenn die vielleicht schon besprochen wurden. Versuchen Sie,
die Aufgaben zu lösen, ohne Ihre Notizen aus der Vorlesung zur Hilfe zu nehmen.

Unabhängig davon, wie Sie an die Aufgaben herangehen, sollten Sie auf jeden Fall
nach getaner Arbeit die Lösungen durchlesen – auch dann, wenn Sie sich sicher
sind, dass Ihr Ergebnis korrekt ist. In den Lösungen finden Sie evtl. noch weitere
Hinweise oder „Tricks“ bzw. Warnungen.
1 Die Aufgaben sind aber nicht als „Probeprüfungen“ misszuverstehen. Sie werden in Testaten

und Klausuren mit Sicherheit mit Aufgaben konfrontiert werden, die in diesem Skript nicht zu finden
sind, denn Sie sollen ja nicht nur wiederkäuen . . .

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


3

Videos und Links


Die QR-Codes in der Randspalte kann man scannen oder im PDF einfach anklicken.
Sie führen zu Videos von der Vorlesung zu diesem Skript, die vom Sommersemester
2023 bis zum Sommersemester 2024 aufgenommen wurden. Eine sortierte Liste
aller Videos findet man unter der URL [Link] Text in
blauer Schrift ist ebenfalls anklickbar und verlinkt zu anderen Teilen des Skripts
oder auf weiterführende Videos und Wikipedia-Artikel.

Beweise
Viele Aussagen in diesem Skript werden bewiesen. Da es sich um eine Vorlesung für
Medieninformatiker an einer Fachhochschule handelt, geht es jedoch nicht darum,
zu lernen, selbst Beweise zu führen. Die Beweise sollen vielmehr beim Verstehen
des Stoffes unterstützen und eine Gelegenheit geben, sich mit der mathematischen
Denkweise vertraut zu machen und die Fachsprache lesen zu lernen. Sollten Sie zu
den Leserinnen und Lesern gehören, die nicht in einer meiner Vorlesung sitzen,
dann weise ich vorsichtshalber darauf hin, dass das Skript nicht „beweisvollständig“
in dem Sinne ist, dass jeweils nur vorausgesetzt wird, was vorher definiert und
bewiesen wurde. Wenn Sie Mathematik als Hauptfach studieren, dann eignet sich
das Skript für Sie nur bedingt und Sie sollten es höchstens als ergänzende Lektüre
betrachten.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


I
Grundlagen

Wer sich ernsthaft mit Musik beschäftigen will, wird nicht umhinkommen, die
Notenschrift zu erlernen und die Bedeutung von Begriffen wie Quinte oder Triole zu
verstehen. Das ist die Fachsprache, mit der Musikerinnen und Musiker miteinander
kommunizieren. Auch die Mathematik hat eine Fachsprache. Dazu gehören die
Objekte, die gemeinhin als Formeln bezeichnet werden. Darüber hinaus hat die
Mathematik auch eine ihr eigene Sprech- und Denkweise. Das wird unser Thema
auf den nächsten Seiten sein.

Dieses Kapitel legt das Fundament für alles, was danach folgen wird, und ist deswe-
gen besonders wichtig. Wenn Sie die Sprache des Landes, in dem Sie Ihren Urlaub
verbringen, nicht beherrschen, dann können Sie vielleicht mit Händen und Füßen
einen Kaffee bestellen, Sie werden sich jedoch nicht mit den Einheimischen unter-
halten können. Und wenn Sie die Sprache der Mathematik nicht verstehen, dann
sind mathematische Formeln für Sie unverständliche Hieroglyphen, bei deren
Anblick Sie regelmäßig verzweifeln.

Man könnte Mathematik auch ohne Formeln betreiben. In früheren Jahrhunder-


ten hat man das gemacht. Aber die Sache wird dadurch nicht einfacher, sondern
schwerer, weil natürliche Sprachen wie Deutsch oder Englisch für diesen Zweck zu
umständlich sind. Mathematik ohne Formeln führt zu unhandlichen Bandwurm-
sätzen, die Missverständnisse geradezu herausfordern.

1. Logik
Zuerst sollten wir darüber sprechen, was Mathematikerinnen und Mathematiker
eigentlich machen. Womit beschäftigt sich die Mathematik als Wissenschaft?

Es gibt keine allgemein anerkannte Definition dafür, was Wissenschaft ist. Es


dürfte jedoch nicht besonders umstritten sein, wenn man sagt, dass in den Na-
turwissenschaften versucht wird, wahre und möglichst allgemeingültige Aussagen
über die uns umgebende Welt zu formulieren. Das grundlegende Problem dieses
Unterfangens ist, dass man sich so gut wie nie völlig sicher darüber sein kann, ob
solche Theorien wahr sind. Man kann sie noch so oft durch Beobachtungen bestä-

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


6 Grundlagen

tigen, sie können jederzeit durch neue Fakten widerlegt werden, die der Theorie
widersprechen.

Beispielsweise ist man bis vor gut hundert Jahren davon ausgegangen, dass die
Newtonsche Theorie der Gravitation das Verhalten von Himmelskörpern korrekt
beschreibt. Inzwischen wurde diese jedoch durch die allgemeine Relativitätstheo-
rie von Einstein abgelöst. Dass die „wahrer“ ist als ihr Vorgänger, lässt sich unter
anderem damit begründen, dass ohne sie Satellitennavigation nicht funktionieren
würde. Andererseits besteht in der Physik Einigkeit, dass auch die Relativitätstheo-
rie noch nicht das letzte Wort ist, weil sie nicht mit der Quantentheorie vereinbar
ist.1

Mathematik ist ganz anders. Insbesondere ist Mathematik keine Naturwissen-


schaft, obwohl sie diesen oft fälschlicherweise zugeschlagen wird. Die Mathematik
untersucht nicht die reale Welt um uns herum, sondern Objekte wie Zahlen, Funk-
tionen oder geometrische Figuren, die nur in unseren Köpfen existieren. Und im
Gegensatz zu den Naturwissenschaften ist sie in der Lage, über diese Objekte
allgemeingültige Aussagen zu machen, die mit Sicherheit wahr sind.

Vergegenwärtigen wir uns den Unterschied an einem einfachen Beispiel. Sie könn-
ten, nachdem Sie jahrelang Vögel beobachtet haben, zu dem Schluss kommen,
dass alle Raben schwarz sind. Aber können Sie sich vollkommen sicher sein, dass
das stimmt? Es ist gut möglich, dass Sie in Ihrem ganzen Leben nur Raben zu
Gesicht bekommen, die schwarz sind. Sie werden es jedoch niemals schaffen,
alle Raben auf der Welt zu überprüfen – erst recht nicht die, die noch gar nicht
geschlüpft sind.2

Betrachten wir nun zum Vergleich die mathematische Aussage, dass es unmöglich
ist, positive ganze Zahlen a, b und c zu finden, für die a 3 + b 3 = c 3 gilt. Man
könnte durch Herumprobieren versuchen, ein Gegenbeispiel zu finden. Da wir
heutzutage Computer zur Verfügung haben, kann man in kurzer Zeit sehr viele
Kombinationen von drei Zahlen durchrechnen. Finden wir nur eine einzige, die
die besagte Gleichung erfüllt, dann haben wir unseren „weißen Raben“ gefunden –
das „Experiment“, das die Aussage widerlegt. Finden wir jedoch nach sehr langer
Suche kein Gegenbeispiel, so kann das eventuell als Indiz für die Korrektheit der
Aussage interpretiert werden, aber faktisch ist die Unsicherheit noch größer als bei
den Raben: unabhängig davon, wie viele Zahlen wir durchprobiert haben, es gibt
immer noch unendlich viele Kombination, die auf uns warten.

Trotzdem sind sich die Mathematiker absolut sicher, dass man die Gleichung
a 3 + b 3 = c 3 unter den gegebenen Bedingungen nicht erfüllen kann. Diese Si-
1 Hier noch ein weiteres Beispiel: Über einen langen Zeitraum ging die Medizin davon aus, dass

„Übersäuerung des Magens“ und psychische Ursachen verantwortlich für Magengeschwüre seien.
Seit Ende der 1980er Jahre weiß man, dass der Hauptverursacher ein Bakterium namens Helicobacter
pylori ist, dessen Entdecker dafür 2005 den Nobelpreis erhielten.
Auch in der Geschichte der Geologie findet man diverse Theorien, die lange aufrechterhalten
wurden, inzwischen aber als widerlegt gelten.
2 Und tatsächlich ist die Aussage falsch, da es beispielsweise in Afrika sogenannte Schildraben gibt,

die eine weiße Brust haben.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


1. Logik 7

cherheit liefern Beweise.3 Beweise sind Argumentationsketten, die auf logischen Beweise
Schlussfolgerungen beruhen. Sie haben große Ähnlichkeit mit den Beweisen, die
in Krimis die Täter überführen. Allerdings werden an mathematische Beweise
noch höhere Anforderungen gestellt, weil sie über jeglichen Zweifel erhaben sein
müssen.

Wir werden nicht lernen, selbst Beweise zu führen. Dafür muss man Mathematik als
Hauptfach studieren. Aber wir werden uns mit den Basics der Logik beschäftigen
und mit den damit zusammenhängenden Konventionen, weil man das für das
Verständnis mathematischer Texte dringend braucht.

Aussagenlogik
Im letzten Abschnitt war die Rede von wahr und falsch. Einen Satz, der wahr oder
falsch sein kann, nennt man eine Aussage. Überspitzt formuliert geht es in der
Mathematik einzig und allein um Aussagen und um die Frage, ob diese Aussagen
wahr oder falsch sind.

Hier ein paar Beispielsätze:


(i) Hamburg hat mehr als eine Million Einwohner.
(ii) Jazz ist besser als Punk.
(iii) Wie spät ist es?
(iv) Am 21.12.1940 hat es in Baltimore geregnet.
(v) Jetzt sei doch bitte mal ruhig!
(vi) Hoffentlich ist bald Herbst.
(vii) Nachts ist es kälter als draußen.

Aufgabe 1.1. Welche von diesen Sätzen würden Sie im obigen Sinne als Aussagen
bezeichnen und welche nicht? Begründen Sie Ihre Entscheidungen.

Es dürfte wohl klar sein, dass (iii), (v) und (vi) keine Aussagen sind. Fragen, Auffor-
derungen und Wünsche können nicht wahr oder falsch sein. (vii) ist auch keine
Aussage, weil der Satz zwar grammatikalisch korrekt sein mag, er aber keinen Sinn
ergibt. (ii) würde man nicht als Aussage bezeichnen, weil es sich um ein subjektives
Urteil handelt. Man wird keine Einigkeit darüber herstellen können, ob der Satz
„wahr“ ist. (i) wirkt auf den ersten Blick so, als handele es sich um eine Aussage,
aber es gibt einen Haken: Der Satz ist Anfang des 21. Jahrhunderts wahr, aber Ende
des 19. Jahrhunderts war er falsch. Wir wollen nur Sätze zulassen, die entweder
immer wahr oder immer falsch sind. So gesehen ist nur (iv) eine Aussage.4 Man
beachte, dass wir dafür nicht wissen müssen, ob es am 21. Dezember 1940 in der
größten Stadt Marylands geregnet hat. Nichtsdestotrotz ist diese Aussage entweder
3 Leider ist der Beweis für die Aussage, die hier als Beispiel fungiert, zu kompliziert für uns. Es

handelt sich um einen Spezialfall des Großen Fermatschen Satzes.


4 Man könnte jetzt ganz kleinlich sein und beispielsweise fragen, ob der Satz besagt, dass es den

ganzen Tag und in der ganzen Stadt geregnet hat. Oder darauf hinweisen, dass es mehr als einen Ort
gibt, der Baltimore heißt. Aber wir wollen es nicht übertreiben.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


8 Grundlagen

wahr oder falsch. Und wenn wir 1940 durch 1740 ersetzen, dann gibt es höchst-
wahrscheinlich keine Möglichkeit, jemals zu erfahren, ob die Aussage wahr oder
falsch ist. Baltimore gab es damals schon, aber es wird aus dieser Zeit wohl kaum
verlässliche Wetteraufzeichnungen geben. Trotzdem ist die Aussage entweder wahr
oder falsch.

Versuchen wir es so:

Definition Eine Aussage ist ein sprachliches Gebilde, dem man einen der Wahrheits-
werte wahr („trifft zu“) oder falsch („trifft nicht zu“) zuordnen kann. Diese
Zuordnung muss objektiv und zeitlos sein. (Es ist allerdings nicht notwendig,
dass der Wahrheitswert bekannt ist oder dass man ihn überhaupt ermitteln
kann. Es muss lediglich sinnvoll sein, nach dem Wahrheitswert einer Aussage
zu fragen.)
Die beiden Wahrheitswerte schließen sich gegenseitig aus. Eine Aussage ist
also immer entweder wahr oder falsch, aber niemals beides.

Ganz schön aufwendig, oder? Wir hätten uns nicht unbedingt so viel Arbeit machen
müssen, aber ich wollte gleich zu Anfang klarmachen, dass es nicht so einfach
ist, sich präzise auszudrücken und Missverständnisse auszuschließen. Zum Glück
werden wir uns im Wesentlichen nur mit mathematischen Aussagen befassen,
wodurch sich viele der angesprochenen Probleme erledigen. Bei so etwas wie
„42 > 23“ oder „6 · 7 = 41“ muss man nicht darüber diskutieren, ob es sich um
Aussagen handelt.5 Ein weiteres mathematisches Beispiel, das nicht so trivial ist:

Es gibt eine ungerade vollkommene Zahl.

Das Adjektiv vollkommen ist ein mathematischer Fachbegriff, den Sie nicht un-
bedingt kennen müssen. Entscheidend sind im Moment nur zwei Dinge: Erstens
handelt es sich um eine präzise formulierte Aussage im Sinne der obigen Definition.
Und zweitens weiß momentan niemand, ob diese Aussage wahr oder falsch ist.
Es handelt sich nämlich um ein ungelöstes mathematisches Problem. Als ich am
Anfang des Abschnitts schrieb, dass es in der Mathematik darum geht, ob Aussagen
wahr oder falsch sind, meinte ich so etwas.

Wir wollen uns aber zunächst mit viel banaleren Dingen beschäftigen. Man kann
Verknüpfung Aussagen verknüpfen. Dadurch entstehen neue Aussagen, deren Wahrheitswert
nur von denen der verknüpften Aussagen abhängt.

Das klingt vielleicht komplizierter, als es gemeint ist. Also wie ist es gemeint?
Nehmen wir die folgenden vier Sätze:
(i) Neil Armstrong war der erste Mensch auf dem Mond und Konrad Adenauer
war der erste Kanzler der Bundesrepublik Deutschland.
(ii) Konrad Adenauer war der erste Mensch auf dem Mond und Konrad Adenauer
war der erste Kanzler der Bundesrepublik Deutschland.

5 Und es ist hoffentlich klar, dass „6 · 7“ keine Aussage ist.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


1. Logik 9

(iii) Neil Armstrong war der erste Mensch auf dem Mond und Neil Armstrong
war der erste Kanzler der Bundesrepublik Deutschland.
(iv) Konrad Adenauer war der erste Mensch auf dem Mond und Neil Armstrong
war der erste Kanzler der Bundesrepublik Deutschland.

Offensichtlich ist die erste Aussage wahr, während die anderen drei falsch sind.
Das Entscheidende ist hier das Wörtchen und. Alle vier Beispiele bestehen aus und
zwei Aussagen, die jede für sich wahr oder falsch sind. Durch das Bindewort und
werden sie zu einer Aussage verknüpft und die so entstandene verknüpfte Aussage
ist nur dann wahr, wenn die beiden „Einzelteile“ wahr sind. Die zweite Aussage ist
falsch, weil der erste Teilsatz falsch ist. Die dritte Aussage ist falsch, weil der zweite
Teilsatz falsch ist. Die vierte Aussage ist falsch, weil beide Teilsätze falsch sind.

Das ist schon das Wesentliche, das man über die Bedeutung des Wortes und wissen
muss, wenn es im mathematischen Kontext verwendet wird. Erwähnenswert ist
allerdings noch, dass mathematische Texte in Lehrbüchern oder Fachartikeln in
ganz normalem Deutsch oder Englisch geschrieben werden und die Ausdruckswei-
se dort etwas lockerer als in den obigen Beispielen ist. Einen Satz wie (ii) würde
man wohl eher so formulieren: „Konrad Adenauer war der erste Mensch auf dem
Mond und der erste Kanzler der Bundesrepublik Deutschland.“ Und typischerwei-
se würde man „p und q sind Primzahlen“ schreiben und nicht etwa „p ist eine
Primzahl und q ist eine Primzahl“.

Vielleicht sollte man noch ergänzen, dass im täglichen Sprachgebrauch das Wort
und manchmal einen kausalen Zusammenhang oder eine zeitliche Abfolge andeu-
tet. Wenn wir sagen „Sie aß Krabben und ihr wurde schlecht“, dann meinen wir
eventuell, dass ihr schlecht wurde, nachdem oder gar weil sie Krabben gegessen hat.
So wird dieses Bindewort in der mathematischen Fachsprache nicht verwendet.

Machen wir gleich weiter mit der nächsten Verknüpfung und verwenden wir als
Beispiel dieselben beiden Sätze:
(i) Neil Armstrong war der erste Mensch auf dem Mond oder Konrad Adenauer
war der erste Kanzler der Bundesrepublik Deutschland.
(ii) Konrad Adenauer war der erste Mensch auf dem Mond oder Konrad Adenau-
er war der erste Kanzler der Bundesrepublik Deutschland.
(iii) Neil Armstrong war der erste Mensch auf dem Mond oder Neil Armstrong
war der erste Kanzler der Bundesrepublik Deutschland.
(iv) Konrad Adenauer war der erste Mensch auf dem Mond oder Neil Armstrong
war der erste Kanzler der Bundesrepublik Deutschland.

Hier wurde lediglich und durch oder ersetzt. Die Verknüpfung oder hat dabei eine oder
in der Logik klar festgeschriebene Funktion: Die verknüpfte Aussage wird dadurch
wahr, dass mindestens eine der beiden Einzelaussagen wahr ist. In diesem Fall sind
also alle Aussagen bis auf die letzte wahr. Auch hier gilt, dass man sich nicht immer
so umständlich wie in dem Beispiel ausdrückt.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


10 Grundlagen

Wie bei und gibt es auch noch eine kleine Tücke. Das Wort oder wird in der deut-
exklusives Oder schen Sprache manchmal exklusiv verwendet, ohne dass das explizit gesagt wird.
Damit ist gemeint, dass sich die beiden Alternativen gegenseitig ausschließen. Ein
Beispiel wäre: „Am Eingang bekommen Sie ein rotes oder ein blaues Armband.“ Die
meisten Menschen, die das lesen, werden wohl davon ausgehen, dass sie nur ein
Armband bekommen.6 Augenzwinkernd könnte man sagen, dass Mathematiker
jedoch nicht überrascht wären, wenn sie zwei verschiedenfarbige Armbänder er-
hielten. Wenn man sich präzise ausdrücken will, dann sollte man für das exklusive
Oder Formulierungen wie „entweder ein rotes oder ein blaues Armband“ oder „ein
rotes oder ein blaues Armband, aber nicht beide“ verwenden. Sollten Sie in einem
Lehrbuch eine Formulierung wie „p oder q sind gerade“ lesen, dann müssen Sie
jedenfalls davon ausgehen, dass p und q auch beide gerade sein können.

Die dritte Verknüpfung ist die Verneinung. Dabei geht es nicht wie in den anderen
Fällen darum, dass zwei Aussagen zusammengesetzt werden; vielmehr wird hier
einfach der Wahrheitswert einer Aussage umgekehrt – aus wahr wird falsch, aus
falsch wahr. Banaler kann’s kaum sein. Im Deutschen wird das mit den Wörtern
nicht oder kein gemacht: „p ist keine Primzahl“ ist die Verneinung von „p ist eine
Primzahl“, „Franks Auto ist nicht grün“ ist die Verneinung von „Franks Auto ist
grün“.

Die für mathematische Argumentationen wohl wichtigste Verknüpfung ist die


Implikation sogenannte Implikation, die man üblicherweise in Sätzen mit wenn und dann
verpackt, z. B.: „Wenn es geregnet hat, dann ist die Straße nass.“ Damit ist gemeint,
dass aus der Wahrheit der ersten Aussage (es hat geregnet) die der zweiten (die
Straße ist nass) folgt.

Eigentlich ganz einfach; Implikationen sind jedoch eine Quelle von Missverständ-
nissen. Beispielsweise sind Nicht-Mathematiker häufig verwundert, wenn sie er-
fahren, dass Aussagen wie die folgenden beiden wahr sind:
(i) Wenn 6 eine Primzahl ist, dann ist die Erde eine Scheibe.
(ii) Wenn ich morgen einen Sechser im Lotto habe, dann ist 5 eine Primzahl.

Um das richtig zu verstehen, sollten Sie sich klarmachen, dass es bei der Impli-
kation um einen rein logischen Zusammenhang geht. Anders als im täglichen
Sprachgebrauch geht es nicht um kausale Zusammenhänge (Ursache und Wir-
kung) oder um zeitliche Abläufe. Eine Implikation im Sinne der Logik kann nur
dann falsch sein, wenn die erste Aussage wahr und die zweite falsch ist. Beispiel (i)
ist deshalb wahr, weil 6 keine Primzahl ist. Es ist in diesem Zusammenhang völlig
irrelevant, ob die Erde eine Scheibe ist. Und Beispiel (ii) ist deshalb wahr, weil
5 eine Primzahl ist. Unabhängig von der morgigen Lottoziehung ist die Aussage
schon heute wahr und sie wird immer wahr bleiben. Anders ausgedrückt: Das
Lottospiel, die Form der Erde und Primzahlen haben miteinander nichts zu tun,
auf die Korrektheit der Implikation hat das jedoch keinen Einfluss.

Noch ein Beispiel. Ich verspreche meiner Tochter:


6Würde man die Beispiele so interpretieren, dann wäre Aussage (i) falsch!

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


1. Logik 11

Wenn Du eine Eins in Erdkunde schreibst, dann bekommst Du ein Eis.

Natürlich muss sie ein Eis bekommen, wenn sie eine Eins schreibt. Und wenn
sie keine Eins schreibt, wird sie sich nicht beschweren können, wenn sie kein
Eis bekommt. Sie wird aber sicher auch nicht meckern, wenn Sie ein Eis erhält,
obwohl sie keine Eins geschrieben hat. Lediglich dann, wenn Sie eine Eins schreibt
und ich ihr daraufhin kein Eis spendiere, wird sie zu Recht sagen, dass ich mein
Versprechen nicht eingehalten habe. Nur dann war die Aussage nicht wahr.

Man spricht in diesem Zusammenhang auch von hinreichenden und notwendigen hinreichend
notwendig
Bedingungen. Der erste Teil einer Wenn-Dann-Aussage ist eine hinreichende Be-
dingung für den zweiten, der zweite eine notwendige Bedingung für den ersten.
Um beim Beispiel zu bleiben: Eine Eins in der Erdkundeklausur ist eine hinrei-
chende Bedingung dafür, ein Eis zu bekommen. Die Eins ist jedoch nicht zwingend
notwendig, weil der Vater ja vieleicht auch ohne Eins ein Eis ausgibt. Andererseits
gibt es – wenn die Aussage wahr ist – auf jeden Fall ein Eis, wenn eine Eins geschrie-
ben wurde. In diesem Sinne ist das Eis eine notwendige Bedingung für die Eins.
Damit ist gemeint: Wenn es kein Eis gab, kann die Tochter keine Eins geschrieben
haben.

Kommen wir zum zweiten Missverständnis im Zusammenhang mit Implikationen:


Die Reihenfolge wird umgedreht, d. h., hinreichende und notwendige Bedingung
werden in der Erwartung vertauscht, dass sich dadurch am Wahrheitsgehalt der
Aussage nichts ändert. Beim ersten Beispiel mit der nassen Straße wäre das der
folgende Satz: „Wenn die Straße nass ist, hat es geregnet.“ Diese Aussage ist aber
nicht wahr, denn es kann andere Gründe dafür geben, dass die Straße nass ist.
Beispielsweise könnte ein LKW mit Milch umgekippt sein. Oder um ein Beispiel
für so einen Fehlschluss aus der Mathematik zu liefern: Wenn x eine positive
natürliche Zahl ist, dann ist x 2 positiv. Das stimmt. Die umgedrehte Aussage ist:
Wenn x 2 positiv ist, dann ist x eine positive natürliche Zahl. Das ist jedoch falsch,
denn unter anderem ist das Quadrat von −3 positiv, obwohl −3 keine positive
natürliche Zahl ist.

Will man korrekt vorgehen, dann muss man nicht nur die Reihenfolge ändern,
sondern dabei auch beide Teilaussagen verneinen:
(i) Wenn die Straße nicht nass ist, hat es nicht geregnet.
(ii) Wenn die Tochter kein Eis bekommt, hat sie keine Eins geschrieben.
(iii) Wenn x 2 nicht positiv ist, dann ist x keine positive natürliche Zahl.

Aber wieso ist das korrekt? Wie genau ist das gemeint und wie kann man das
begründen? Bisher habe ich absichtlich mit Beispielen aus dem täglichen Leben
gearbeitet, aber nun werden wir den in der Logik üblichen Formalismus verwenden.
Ich behaupte, dass die Dinge dadurch übersichtlicher und besser nachvollziehbar
werden. Hoffentlich sehen Sie das auch so.

Wir werden für Aussagen wie „Konrad Adenauer war der erste Mensch auf dem
Mond“ als Platzhalter Buchstaben wie A, B , C und so weiter verwenden. (Man

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


12 Grundlagen

Aussagenvariable nennt das Aussagenvariablen.) Für die Verknüpfungen, die wir bisher kennenge-
lernt haben, benutzen wir die in der mathematischen Logik üblichen Symbole:7

Verknüpfung Fachbegriff Symbol Programmieren


Konjunktion ∧ und Konjunktion ∧ &&
Disjunktion ∨ oder Disjunktion ∨ ||
Negation ¬ nicht Negation ¬ !
Implikation ⇒ wenn, dann Implikation ⇒

Außerdem schreiben wir 1 für wahr und 0 für falsch. (Wie in der Informatik, in
der solche Verknüpfungen unter anderem als Logikgatter eine Rolle spielen.) Da-
mit können wir das, was wir bisher besprochen haben, ganz knapp tabellarisch
zusammenfassen:

A ¬A A B A ∧B A ∨B A⇒B
0 1 0 0 0 0 1
1 0 0 1 0 1 1
1 0 0 1 0
1 1 1 1 1

Dadurch werden zwei Sachen sofort klar. Erstens ist es für den Wahrheitswert von
zusammengesetzten Aussagen wie A ∧ B oder A ⇒ B völlig egal, ob wir über die
Mondlandung, über Speiseeis oder über Primzahlen sprechen. Es geht einzig und
allein darum, ob A bzw. B wahr oder falsch sind. Und zweitens gibt es immer nur
eine kleine Anzahl von Fällen, die wir betrachten müssen. Die rechte Tabelle hat
beispielsweise nur vier Zeilen, da es lediglich vier mögliche Kombinationen von
wahr und falsch für A und B gibt. Links brauchen wir sogar nur zwei Zeilen, weil A
nur wahr oder falsch sein kann.

Aufgabe 1.2. Wie viele Zeilen würde eine Tabelle mit drei bzw. vier Aussagen haben?

Die obigen Tabellen sind die mathematisch exakte Definition für unsere logischen
Junktor Verknüpfungen – die man übrigens Junktoren nennt. Wenn wir in Zukunft wissen
wollen, ob eine Aussage wie die mit der Fünf und dem Lotto wahr ist, dann müssen
wir nur in der entsprechenden Tabelle nachschauen. Genauer: Wir nennen die Aus-
sagen „Morgen habe ich einen Sechser im Lotto“ und „5 ist eine Primzahl“ A und
B , überlegen, welchen Wahrheitswert A und B haben, und suchen anschließend
den zugehörigen Wahrheitswert von A ⇒ B in der passenden Zeile der Tabelle
heraus. In diesem konkreten Fall stellen wir fest, dass wir den Wahrheitswert von A
7 Es gibt noch diverse Alternativen, z. B. A statt ¬A oder A · B statt A ∧ B , aber es würde wohl nur

Verwirrung stiften, die hier alle aufzuführen. Die vierte Spalte zeigt informationshalber den Operator,
der in vielen weitverbreiteten Programmiersprachen wie C und Java verwendet wird.
Bitte beachten Sie, dass diese Symbole zwar in solchen Formeln der Logik Sinn ergeben, dass
sie jedoch nicht als Abkürzungen für die Wörter in der ersten Spalte gedacht sind. Es wäre furcht-
bar schlechter Stil, so etwas wie „p ∧ q sind positiv“ oder „x ist ¬ rational“ zu schreiben; jede
Fachzeitschrift würde das ablehnen.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


1. Logik 13

gar nicht wissen müssen, weil B wahr ist und in beiden Zeilen, in denen B wahr ist,
auch A ⇒ B wahr ist.

Die obige Frage nach dem „korrekten“ Umgang mit der Implikation lässt sich nun
auch leicht beantworten:

A B ¬A ¬B A⇒B B⇒A ¬B ⇒ ¬A
0 0 1 1 1 1 1
0 1 1 0 1 0 1
1 0 0 1 0 1 0
1 1 0 0 1 1 1

Wir sehen, dass in der fünften und siebten Spalte immer dieselben Wahrheitswerte
stehen. A ⇒ B ist also genau dann wahr, wenn ¬B ⇒ ¬A wahr ist. Die sechste Spal-
te sieht jedoch anders aus. (Solche Tabellen nennt man Wahrheitstafeln. Und eine Wahrheitstafel
Zuordnung wie A = 0 und B = 1 nennt man eine Belegung der Aussagenvariablen.) Belegung

Aufgabe 1.3. In welcher Zeile findet man den Fall mit dem Milchlaster?

Wenn wie eben zwei Aussagen immer dieselben Wahrheitswerte haben, dann kann
man das auch durch eine logische Verknüpfung ausdrücken. Der Fachbegriff dafür
ist Äquivalenz und das zugehörige Zeichen ⇔. Äquivalenz ⇔

A B A⇔B
0 0 1
0 1 0
1 0 0
1 1 1

Entsprechende Formulierungen für A ⇔ B im Deutschen sind „genau dann, wenn“


oder „dann und nur dann, wenn“.8 Manchmal sagt man auch einfach dass die
Aussagen A und B äquivalent sind. Gemeint ist damit jedenfalls immer: Ist A
wahr, dann muss zwangsläufig auch B wahr sein; und ist A falsch, dann muss
zwangsläufig auch B falsch sein. Ein Beispiel: n ist genau dann gerade, wenn n + 1
ungerade ist. Noch ein Beispiel: Wir haben gerade gesehen, dass die Aussagen
A ⇒ B und ¬B ⇒ ¬A äquivalent sind.

Aufgabe 1.4. Wir wissen inzwischen, dass A ⇒ B und B ⇒ A nicht dasselbe aussagen.
Der mathematische Fachbegriff dafür ist, dass die Verknüpfung ⇒ nicht kommutativ Kommutativität
ist, d. h., man darf nicht einfach links und rechts vertauschen. Machen Sie sich anhand
der Tabellen klar, dass die Junktoren ∧, ∨ und ⇔ kommutativ sind.

Junktoren machen mit den Wahrheitswerten von Aussagen das, was Operationen
wie Addition und Multiplikation mit Zahlen machen. Wir können damit auch
8 Im Englischen if and only if, was gerne mit iff abgekürzt wird. Wenn Sie das in einem Mathebuch

lesen, dann ist das also höchstwahrscheinlich kein Druckfehler.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


14 Grundlagen

komplexere Ausdrücke bilden und werden das gleich tun. Wie beim Rechnen mit
Zahlen sind allerdings ein paar Konventionen hilfreich. (3 · 4) + 2 ist nicht dasselbe
wie 3 · (4 + 2). Es kommt darauf an, in welcher Reihenfolge man die Operationen
durchführt, und die Klammern geben vor, was zuerst berechnet werden muss.
Außerdem haben wir Regeln wie "Punkt- vor Strichrechnung", mit denen wir
Klammern sparen. Multiplikation (Punktrechnung) hat eine höhere Priorität als
Addition (Strichrechnung) und daher ist 3 · 4 + 2 eine Abkürzung für (3 · 4) + 2.

Für die Priorität der Junktoren nehmen wir die Reihenfolge von links nach rechts
in der Tabelle auf Seite 12, gefolgt von ⇔. ∧ hat also z. B. höhere Priorität als ∨ und
∨ hat höhere Priorität als ⇔. Damit ist A ∧ B ∨C eine Abkürzung für (A ∧ B ) ∨C .

Aufgabe 1.5. Erstellen Sie eine Tabelle, mit der Sie sich überzeugen, dass die Konjunk-
Assoziativität tion assoziativ ist, dass also (A ∧B )∧C immer denselben Wahrheitswert wie A ∧(B ∧C )
hat. Es ist in so einem Fall also unproblematisch, die Klammern wegzulassen. Sind die
Verknüpfungen Disjunktion, Implikation und Äquivalenz auch assoziativ? (Hinweis:
Die Tabelle fängt mit drei Spalten für A, B und C an und besteht aus acht Zeilen. Siehe
Aufgabe 1.2.)

Aufgabe 1.6. Ein altes Sprichwort lautet: „Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, dann
ändert sich das Wetter oder es bleibt, wie es ist.“ Wie sieht das als Formel der Aussa-
genlogik aus?

Angesichts der oben angesprochenen Missverständnisse bezüglich der Implikation


ist es ganz instruktiv, sich die folgende Tabelle anzuschauen.

A B ¬A ¬B A⇒B ¬A ∨ B ¬(A ∧ ¬B )
0 0 1 1 1 1 1
0 1 1 0 1 1 1
1 0 0 1 0 0 0
1 1 0 0 1 1 1

Die drei letzten Spalten sind identisch. Man erkennt, dass man A ⇒ B auch schlicht
und einfach als Abkürzung für ¬A ∨B oder ¬(A ∧¬B ) lesen kann. Diese Sichtweise
hilft hoffentlich gegen die durch die Formulierung „wenn-dann“ hervorgerufene
falsche Assoziation mit Kausalität oder zeitlichem Ablauf.

Aufgabe 1.7. Machen Sie sich mit einer Tabelle klar, dass A ⇔ B dieselben Wahrheits-
werte wie (A ⇒ B ) ∧ (B ⇒ A) hat.

Aufgabe 1.8. Geben Sie eine Formel an, die dieselben Wahrheitswerte wie ¬(A ∧ B )
hat, in der aber nur die Junktoren ¬ und ∨ verwendet werden. Überprüfen Sie Ihr
Ergebnis mit einer Wahrheitstafel. Stellen Sie dann ¬(A ∨ B ) ohne ∨ dar.

Die Zusammenhänge aus Aufgabe 1.8 nennt man übrigens auch de-morgansche
de-morgansche Regeln Regeln nach dem englischen Mathematiker Augustus De Morgan aus dem 19.
Jahrhundert.

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1. Logik 15

Aufgabe 1.9. In der Schule lernt man, dass für reelle Zahlen x und y immer genau
eine der drei Aussagen x < y, x = y oder x > y wahr ist. Begründen Sie, warum deshalb
x ≥ y äquivalent zur Negation von x < y ist.

Zum Üben der gerade vorgestellten Begriffe und Techniken können Logikrätsel
ganz hilfreich sein.9 Wir gehen eines exemplarisch durch: Vor Ihnen stehen zwei
verschlossene Kisten. Sie wissen, dass sich in jeder der Kisten genau ein Stück Obst
befindet, und zwar jeweils ein Apfel oder eine Orange. Sie wissen aber natürlich
nicht, welche Sorte Obst sich in welcher Kiste befindet, und es kann auch sein,
dass in beiden Kisten ein Apfel oder in beiden eine Orange ist. Ferner klebt auf
jeder Kiste ein Schild. Auf dem Schild auf der ersten Kiste steht: „In dieser Kiste ist
eine Orange und in der anderen ist ein Apfel.“ Auf dem Schild auf der zweiten Kiste
steht: „Es befindet sich nicht in beiden Kisten dieselbe Sorte Obst.“ Schließlich
wird Ihnen noch mitgeteilt, dass eine der beiden Aussagen wahr und die andere
falsch ist, aber Ihnen wird natürlich nicht gesagt, welche der beiden Aussagen die
wahre ist. Sie lieben Orangen. Welche Kiste sollten Sie öffnen, wenn Sie nur eine
öffnen dürfen? (Oder können Sie vielleicht schließen, dass in beiden Kisten Äpfel
sind?)

Aufgabe 1.10. Versuchen Sie es erst einmal selbst und arbeiten Sie möglichst mit
Aussagenlogik, Junktoren und Wahrheitstafeln.

Man könnte das Rätsel folgendermaßen lösen: A sei die Aussage, dass sich in der
ersten Kiste eine Orange befindet, und B die entsprechende Aussage für die zweite
Kiste. Das Schild auf der ersten Kiste besagt somit A ∧ ¬B und das auf der zweiten
(A ∧ ¬B ) ∨ (¬A ∧ B ). Das liefert die folgende Tabelle:

A B ¬A ¬B A ∧ ¬B (A ∧ ¬B ) ∨ (¬A ∧ B )
0 0 1 1 0 0
0 1 1 0 0 1
1 0 0 1 1 1
1 1 0 0 0 0

Nur in der zweiten Zeile sind die Wahrheitswerte für die beiden Schilder unter-
schiedlich. Die muss es sein und deshalb ist B wahr: Sie finden in der zweiten Kiste
eine Orange.

Aufgabe 1.11. Haben Sie das Schild auf der zweiten Kiste anders übersetzt? Wie könn-
te man es noch machen?

Aufgabe 1.12. Zwei der folgenden vier Sätze machen (abgesehen von grammatikali-
schen Feinheiten) rein logisch exakt dieselbe Aussage . Welche beiden sind es?
(i) Wenn der HSV die Champions League gewinnt, dann springe ich in die Alster.

9 Die sind in manchen Kreisen offenbar so beliebt, dass es regelmäßig erscheinende Zeitschriften

mit solchen Aufgaben gibt.

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16 Grundlagen

(ii) Wenn der HSV nicht die Champions League gewinnt, dann springe ich nicht in
die Alster.
(iii) Wenn ich nicht in die Alster springe, dann hat der HSV die Champions League
nicht gewonnen.
(iv) Wenn der HSV die Champions League gewinnt, dann springe ich nicht in die
Alster.

Aufgabe 1.13. Sie haben eine Druckerei beauftragt, Spielkarten nach den folgenden
Regeln zu bedrucken:
(i) Auf einer Seite steht ein Buchstabe, auf der anderen eine natürliche Zahl.
(ii) Wenn auf der Buchstabenseite ein Vokal steht, dann muss auf der Zahlenseite
eine gerade Zahl stehen.

Vor Ihnen liegen vier Probedrucke, auf denen Sie die Zeichen U, 4, P und 7 sehen.
Sie sind sich sicher, dass die Druckerei die erste Regel bei allen vier Karten befolgt
hat, aber Sie wollen überprüfen, ob auch die zweite Regel immer eingehalten wurde.
Wie viele und welche der vier Karten müssen Sie dafür umdrehen? (Sie sind faul und
wollen möglichst wenige Karten umdrehen!)

Aufgabe 1.14. Kommissar Gödel muss einen Mordfall lösen und hat drei Tatverdäch-
tige: Gauß, Euler und Hilbert. Aufgrund der bisherigen Ermittlungen weiß er die
folgende Dinge mit Sicherheit:
(i) Es kann einen, aber auch mehrere Täter gegeben haben.
(ii) Ist Hilbert schuldig, so war auch Euler einer der Täter.
(iii) Stellen sich Gauß oder Hilbert als Täter heraus, dann ist Euler unschuldig.
(iv) Sind aber Euler oder Hilbert unschuldig, dann muss Gauß an der Tat beteiligt
gewesen sein.

Helfen Sie dem Kommissar mit Methoden der Aussagenlogik.

erfüllbar Aufgabe 1.15. Eine Formel der Aussagenlogik wird erfüllbar genannt, wenn es (min-
destens) eine Belegung der in ihr vorkommenden Variablen gibt, die die Formel wahr
Tautologie macht. Eine Formel, die für alle möglichen Belegungen wahr ist, wird Tautologie
genannt. Begründen Sie, dass (A ⇒ B ) ⇔ (B ⇒ A) erfüllbar, aber keine Tautologie ist.

Aufgabe 1.16. Überprüfen Sie mit einer Wahrheitstafel, ob

(A ∨ B ⇒ C ) ⇔ (A ⇒ C ) ∧ (B ⇒ C )

erfüllbar oder sogar eine Tautologie ist.

Aufgabe 1.17. Wenn Sie noch Übung im Umgang mit Wahrheitstafeln brauchen, dann
überzeugen Sie sich, dass F ∧(F ∨G) ⇔ F und F ∨(G∧H ) ⇔ (F ∨G)∧(F ∨H ) Tautologien
sind und dass das auch dann noch gilt, wenn man in den beiden Formeln die Rollen
von ∧ und ∨ vertauscht.

Aufgabe 1.18. Eine Astronautin besucht einen Planeten, dessen Bewohner – die Froods
genannt werden – entweder blau oder grün sind. Die blauen Froods sagen immer die
Wahrheit, die grünen Froods lügen immer. Die Astronautin trifft die beiden Froods
Andrew und Bert, aber es ist zu dunkel, um ihre Farben zu erkennen. Sie fragt Andrew,
ob er und Bert beide blau seien. Andrew antwortet, aber die Astronautin weiß danach

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


1. Logik 17

noch nicht, welche Farbe die beiden haben. Darauf fragt sie Andrew, ob er und Bert
dieselbe Farbe haben. Nachdem Andrew auch diese Frage beantwortet hat, kennt sie
die Farben der beiden. Sie auch?

Prädikatenlogik

Die Sprache der Aussagenlogik ist für manche Zwecke hilfreich, aber sie ist für
die Mathematik nicht reichhaltig genug. Das liegt daran, dass die meisten mathe-
matischen Aussagen Behauptungen über bestimmte Objekte (Zahlen, Vektoren,
Funktionen, Mengen und so weiter) sind und dass so etwas in der Aussagenlogik
gar keine Rolle spielt. Nehmen wir ein Beispiel aus dem letzten Abschnitt:

Wenn x eine positive natürliche Zahl ist, dann ist x 2 positiv.

Aus Sicht der Aussagenlogik hat dieser Satz die Struktur A ⇒ B . An der ist aber
nicht mehr zu erkennen, dass es in A und B um dasselbe Objekt x geht und dass
die Wahrheitswerte von A und B davon abhängen, wofür genau dieses x steht.10
Deshalb erweitert man die Sprache:

Eine Aussageform ist ein sprachliches Gebilde, in dem Individuenvariablen Definition


vorkommen können und das dadurch, dass man für diese Variablen konkrete
Werte einsetzt, zu einer Aussage wird.

Dazu ein Beispiel: „x ist negativ“ ist eine Aussageform mit der Individuenvariable x.
In dieser Form handelt es sich nicht um eine Aussage, denn es ergibt keinen Sinn,
über die Wahrheit von „x ist negativ“ zu sprechen. Setzt man für x jedoch die
Zahlen −3 oder 42 ein, so ergibt sich in beiden Fällen eine Aussage; im ersten Fall
eine wahre, im zweiten eine falsche. Man würde für so eine Aussageform eine
Abkürzung wie A(x) verwenden, an der man die Individuenvariable erkennt.11

Das kann man nun mit der Aussagenlogik verbinden, indem man Aussageformen
wie Aussagen verknüpft. Das Beispiel vor der Definition hat in diesem Sinne die
Struktur B (x) ⇒ C (x).

Ein paar Anmerkungen dazu:


• Auch so etwas wie m > n ist eine Aussageform, nämlich eine mit zwei In-
dividuenvariablen, für die man dann z. B. A(m, n) schreiben würde. Eine
Aussage wird daraus erst, indem man für beide Variablen Werte einsetzt.
• Aussagen sind auch Aussageformen, und zwar solche mit null Individuenva-
riablen.

10 Oder: Alle Menschen sind sterblich. Sokrates ist ein Mensch. Mit den Mitteln der Aussagenlogik

kann man daraus nicht schließen, dass Sokrates sterblich ist.


11Wir werden in diesem Abschnitt für Individuenvariablen kleine Buchstaben wie x und y verwen-

den und für Aussagen und Aussageformen große wie A und B . Das ist aber nur eine Konvention und
keine feste Regel, die in der gesamten Mathematik eingehalten wird.

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18 Grundlagen

• In einer Aussageform können Variablen auch mehrfach auftreten, beispiels-


weise in x · x = x. Setzt man für so eine Variable einen Wert ein, dann ist das
natürlich so gemeint, dass man überall dasselbe einsetzt.
• Umgekehrt ist es jedoch nicht verboten, für verschiedene Variablen densel-
ben Wert einzusetzen.12 Zum Beispiel kann man aus m > n durch Einsetzen
die wahre Aussage 7 > 3 machen, aber auch die falsche 4 > 4.
• In der Regel kann man für die Individuenvariablen nur bestimmte Objekte
einsetzen, etwa nur Zahlen oder nur Matrizen. Es wäre z. B. sinnlos, in „x
ist negativ“ für x das Wort Apfel einzusetzen. In der Prädikatenlogik gibt
es dafür klare Regeln. So tief wollen wir aber nicht in die Materie einstei-
gen. Wir werden uns darauf verlassen, dass üblicherweise aus dem Kontext
hervorgeht, was sinnvoll ist.

Aufgabe 1.19. Drücken Sie die Aussageform x ≤ y mithilfe der beiden Aussageformen
x < y und x = y aus, indem Sie sie durch einen Junktor verbinden.

Aufgabe 1.20. Im 1582 eingeführten gregorianischen Kalender ist ein Jahr dann ein
Schaltjahr, wenn die Jahreszahl durch 4, aber nicht durch 100 teilbar ist. Eine Aus-
nahme von dieser Regel bilden die durch 400 teilbaren Jahreszahlen: die gehören zu
Schaltjahren. (Beispiele: 1940, 1984 und 2000 sind Schaltjahre; 1900 und 1993 sind
keine Schaltjahre.) Wir führen die folgenden Aussageformen ein, wobei die Individu-
envariable n jeweils für eine Jahreszahl ab 1582 stehen kann.

A 4 (n) : n ist durch 4 teilbar.


A 100 (n) : n ist durch 100 teilbar.
A 400 (n) : n ist durch 400 teilbar.

Basteln Sie daraus mithilfe von Junktoren eine Aussageform mit der Individuenvaria-
ble n, die genau dann wahr ist, wenn n ein Schaltjahr ist.

Quantor Aussageformen erhalten ihre expressive Kraft durch sogenannte Quantoren. Um


deren Gebrauch zu verstehen, schauen wir uns vier Aussageformen an, bei denen
die Individuenvariable x jeweils für eine ganze Zahl steht.

A(x) B (x) C (x) D(x)


x −x =0 x +x >0 x ·x =0 x +1 = x

Beim ersten Beispiel ist A(x) immer wahr – unabhängig davon, welche Zahl Sie
für x einsetzen. Man sagt dann, dass A(x) für alle x wahr ist, und schreibt das mit
Allquantor ∀ dem umgedrehten Anfangsbuchstaben des Wortes alle: ∀x A(x). Wenn man – wie
in diesem Beispiel – deutlich machen will, dass es um ganzen Zahlen geht, dann
schreibt man13 ∀x ∈ Z A(x) und liest das als: „Für alle ganzen Zahlen x gilt A(x).“
gelten (Dass eine Aussage gilt , ist also lediglich eine andere Formulierung dafür, dass sie
wahr ist.)
12Wenn man dieses Verbot aus dem letzten Punkt folgern würde, dann hätte man ¬A ⇒ ¬B aus

A ⇒ B geschlossen.
13 Das Zeichen ∈ ist ein Vorgriff auf den folgenden Abschnitt über Mengenlehre. Das Symbol Z für

die Menge der ganzen Zahlen sollten Sie aus der Schule kennen. Siehe auch Seite 27.

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1. Logik 19

B (x) ist hingegen nicht immer wahr, z. B. ist B (0) falsch und B (−3) ist auch falsch.
Allerdings wird die Aussageform für manche x wahr, etwa B (1) oder B (42). In der
Mathematik sagt man in so einem Fall: „Es gibt ein x, für das B (x) wahr ist.“ Die
Abkürzung dafür ist ∃x B (x) bzw. ∃x ∈ Z B (x).14 Diese Sprechweise ist typisch, aber Existenzquantor ∃
gewöhnungsbedürftig. Man meint damit eigentlich, dass es mindestens ein x gibt,
das B (x) wahr macht, aber das Wort mindestens wird so gut wie immer weggelas-
sen. Wenn man so etwas liest oder hört, muss man also aufpassen, dass man das
Wörtchen ein nicht überbewertet.

Was beide Quantoren gemeinsam haben: Sie machen aus Aussageformen Aussagen.
x + x > 0 ist eine Aussageform, die weder wahr noch falsch sein kann. ∀x (x + x > 0)
und ∃x (x + x > 0) sind jedoch beides Aussagen; die erste ist falsch, die zweite ist
wahr.

Ich habe im letzten Absatz Klammern gesetzt, obwohl sie rein technisch nicht nötig
wären. Üblicherweise vereinbart man, dass Quantoren eine höhere Priorität als
Junktoren haben, so dass z. B. ∀x A 1 (x) ∧ A 2 (x) eine Abkürzung für (∀x A 1 (x)) ∧
A 2 (x) ist. Beachten Sie aber, dass diese Formel zwar formal korrekt ist, jedoch
zu Missverständnissen führen kann. (∀x A 1 (x)) ∧ A 2 (x) ist eine Aussageform und
keine Aussage, weil das x in A 2 (x) nicht im „Einflussbereich“ des Quantors steht
(der bei der Klammer endet). Das x in A 1 (x) und das x in A 2 (x) spielen also ganz
unterschiedliche Rollen15 und man könnte auch andere Variablennamen nehmen:
∀x A 1 (x) ∧ A 2 (y).

Die Aussage ∃x C (x) ist ebenfalls wahr. Der Unterschied zum Beispiel davor ist
allerdings, dass es in diesem Fall wirklich nur eine einzige Möglichkeit für x gibt,
um C (x) wahr werden zu lassen – nämlich die Zahl null. Wenn man das zum
Ausdruck bringen will, dann sagt man, dass es „genau ein x“ gibt. Dafür werden
manchmal auch Schreibweisen wie ∃1 x oder ∃!x verwendet. ∃1 ∃!

In die letzte Aussageform kann man schließlich einsetzen, was man will, sie wird
nie wahr werden; es gibt keine Zahl x, für die x + 1 = x gilt. Um das auszudrücken,
braucht man jedoch kein neues Symbol. Man kann es mit den vorhandenen Zei-
chen sogar auf zwei Arten hinschreiben: ∀x ¬D(x) oder ¬∃x D(x). Die erste Formel
besagt, dass D(x) für jedes x falsch ist, die zweite sagt aus, dass es kein x gibt, für
das D(x) wahr ist.

14 Hier wird der Anfangsbuchstabe von Existenz umgedreht. An den Zeichen für die Quantoren

kann man übrigens gut erkennen, dass der Fortschritt in der Mathematik nicht so geradlinig verläuft,
wie man sich das vielleicht vorstellt. Die beiden Quantoren werden heute wohl in jedem Lehrbuch
gleichzeitig eingeführt und man könnte denken, sie wären schon immer ein unzertrennliches Paar
gewesen. Tatsächlich wurde das Symbol ∃ jedoch Ende des 19. Jahrhunderts von dem Italiener
Giuseppe Peano „erfunden“, während das Zeichen ∀ erst fast 40 Jahre später von dem Deutschen
Gerhard Gentzen eingeführt wurde.
15 Man sagt in der Logik, dass die Variable x in A (x) frei auftritt, während sie in ∀x A (x) durch frei gebunden
2 1
den Quantor gebunden ist. Wir werden diese Begriffe jedoch nicht präzise definieren. Die Bedeutung
ist jedenfalls, dass A 2 (x) etwas über x aussagt, während der Übergang von ∀x A 1 (x) zu ∀y A 1 (y) die
Bedeutung nicht ändert – der Name x ist hier bedeutungslos. (Für die, die ganz genau aufpassen:
Der letzte Satz setzt voraus, dass y in A 2 (x) nicht vorkommt.)

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20 Grundlagen

Aufgabe 1.21. Es ist ganz wesentlich, dass Ihnen klar ist, dass ∀x ¬D(x) und ¬∃x D(x)
wirklich dasselbe aussagen. Erfahrungsgemäß lauert an diesem Punkt oft ein Ver-
ständnisproblem. Deshalb sollten Sie darüber nicht einfach hinweglesen, sondern
sich das noch einmal in Ruhe durch den Kopf gehen lassen.

Aufgabe 1.22. Jemand behauptet, alle Bremer könnten Fußball spielen. Sie wollen das
Gegenteil dieser Aussage formulieren. Welchen der folgenden Sätze dürfen Sie dann
nicht verwenden?
(i) Einige Bremer können nicht Fußball spielen.
(ii) Es gibt mindestens einen Bremer, der nicht Fußball spielen kann.
(iii) Kein Bremer kann Fußball spielen.
(iv) Nicht alle Bremer können Fußball spielen.

Formalisieren Sie die Sätze mit Quantoren!

Zum Verständnis der Quantoren ∀ und ∃ kann vielleicht noch die folgende Sicht-
weise beitragen. Dass A(x) für jedes x wahr ist, könnte man theoretisch auch so
aufschreiben:

A(0) ∧ A(1) ∧ A(−1) ∧ A(2) ∧ A(−2) ∧ A(3) ∧ . . .

Aber eben nur theoretisch, denn man müsste unendlich viele Aussagen durch die
Konjunktion verbinden. In diesem Sinne kann man sich den Allquantor ∀ jedoch
als ein „großes ∧“ vorstellen.16

Aufgabe 1.23. Kann man analog den Existenzquantor ∃ auch durch (unendlich) viele
aussagenlogische Junktoren ersetzen?

Aufgabe 1.24. Schreiben Sie die Aussagen ∀x W (x) und ∃x W (x) aus der Lösung von
Aufgabe 1.21 ohne Quantoren auf.

Mit dieser Analogie zwischen ∀ und ∃ einerseits sowie ∧ und ∨ andererseits wird
klar, dass es in den Aufgaben 1.21 und 1.22 wieder um die de-morganschen Regeln
ging. Weil die so wichtig sind, führe ich sie noch einmal explizit auf:
(i) ¬∀x A(x) und ∃x ¬A(x) sind äquivalent.
(ii) ¬∃x A(x) und ∀x ¬A(x) sind äquivalent.

Als Eselsbrücke kann man sich vielleicht merken, dass die Negation einen Quantor
in einen anderen „verwandelt“, wenn sie sich auf dessen andere Seite bewegt.
Außerdem sollte man im Kopf behalten, dass man eine Aussage der Form ∀x A(x)
über „viele“ Objekte bereits dadurch widerlegen kann, dass man ein Gegenbeispiel
findet: ∃x ¬A(x).
Aufgabe 1.25. Sei p(n) die Aussageform „n ist gerade“ und q(n) die Aussageform „n ist
durch 4 teilbar“. Welche der folgenden Aussagen ist wahr? Geben Sie bei den falschen
Aussagen jeweils ein Gegenbeispiel an, das begründet, warum die Aussage nicht wahr
ist. (Mit N sind die natürlichen Zahlen gemeint. Siehe Seite 27.)
(i) ∃n ∈ N (¬p(n) ∧ q(n))
16 Und in manchen Mathebüchern verwenden die Autoren statt ∀ auch ein Zeichen wie V.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


1. Logik 21

(ii) ∃n ∈ N (p(n) ∧ ¬q(n))


(iii) ∀n ∈ N p(n) ⇒ ∀n ∈ N q(n)
(iv) ∀n ∈ N (p(n) ⇒ q(n))
(v) ∀n ∈ N (q(n) ⇒ p(n))
(vi) ∀n ∈ N (p(n) ⇔ q(n))
(vii) ∀n ∈ N (¬q(n) ⇒ ¬p(n))

Schließlich müssen wir noch besprechen, was es bedeutet, wenn mehrere Quan-
toren direkt hintereinander stehen. Bei gleichen Quantoren ist das nicht weiter
problematisch. Es ist hoffentlich sofort einsichtig, dass die hier in einer Zeile ste-
henden Aussagen jeweils äquivalent sind:17
(i) ∀m ∈ N ∀n ∈ N (m + n = n + m) und ∀n ∈ N ∀m ∈ N (m + n = n + m)
(ii) ∃m ∈ N ∃n ∈ N (m + n = 7) und ∃n ∈ N ∃m ∈ N (m + n = 7)

Interessant wird es jedoch, wenn man All- und Existenzquantor mischt. Nehmen
wir als Beispiel ein Geschäft, das behauptet, zu jedem Smartphone eine passende
Hülle anbieten zu können. Wenn die Variable s für Smartphones steht und h für
Hüllen sowie P (h, s) für die Aussage, dass die Hülle h zum Smartphone s passt,
dann wirbt der Laden also mit der Aussage ∀s ∃h P (h, s). Vertauscht man die Rei-
henfolge, so erhält man jedoch eine völlig andere Aussage: ∃h ∀s P (h, s) besagt,
dass es eine „Universalhülle“ gibt, die zu allen Smartphones passt! Die erste Be-
hauptung würde man einem gut sortierten Geschäft vielleicht noch abnehmen,
die zweite ist mit Sicherheit nicht wahr.

Aufgabe 1.26. Formalisieren Sie analog zum Smartphone-Beispiel das Sprichwort


„Auf jeden Topf passt ein Deckel“. Wie müsste die Aussage nach Vertauschen der
Quantoren lauten?

Aufgabe 1.27. Welche der folgenden Aussagen sind wahr?


(i) ∀m ∈ N ∃n ∈ N (n > m)
(ii) ∃n ∈ N ∀m ∈ N (n > m)
(iii) ∀m ∈ Z ∃n ∈ Z (mn = n)
(iv) ∃n ∈ Z ∀m ∈ Z (mn = n)

Aufgabe 1.28. Die Individuenvariablen a 1 bis a 4 stehen für vier Geheimagenten. Die
Aussageform P (x, y) soll bedeuten, dass Agent x das Passwort von Agent y kennt. Wer
wessen Passwort kennt, kann man in der folgenden Tabelle sehen. Steht im Schnitt-
punkt der i -ten Zeile mit der j -ten Spalte ein Kreuz, dann kennt a i das Passwort von
a j , sonst nicht.

a1 a2 a3 a4
a1 × ×
a2 × × ×
a3 × ×
a4 ×

17 Man verwendet in solchen Fällen manchmal auch Abkürzungen wie ∀m, n statt ∀m ∀n.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


22 Grundlagen

Dieser Tabelle kann man z. B. entnehmen, dass niemand das Passwort von a 2 kennt,
nicht einmal a 2 selbst: ¬∃x P (x, a 2 ). Und man sieht auch, dass alle das Passwort von
a 4 kennen: ∀x P (x, a 4 ). Verändern Sie die Tabelle durch Hinzufügen oder Entfernen
von Kreuzen so, dass ∀y ∃x P (x, y) wahr ist, ∃x ∀y P (x, y) aber nicht. (Und was besagen
diese beiden Aussagen eigentlich, wenn man sie ins Deutsche „übersetzt“?)

Aufgabe 1.29. Begründen Sie, dass man aus ∃x ∈ N A(x) ∧ ∃x ∈ N B (x) nicht schließen
kann, dass ∃x ∈ N (A(x) ∧ B (x)) gilt, indem Sie Aussageformen A(x) und B (x) finden,
für die diese Folgerung falsch wäre.

Aufgabe 1.30. Jemand behauptet, jede natürliche Zahl hätte eine ganzzahlige Qua-
dratwurzel. Sie kontern, dass das für 2 oder 3 nicht stimmen könne, denn 12 sei 1,
22 sei 4 und alle anderen Quadrate von ganzen Zahlen seien logischerweise noch
größer als 4, also würden 2 und 3 nie als Quadrate vorkommen. Begründen Sie mit
Mitteln der Prädikatenlogik, warum dieses Argument ausreicht, um die ursprüngliche
Aussage zu widerlegen.

Beweise
Am Anfang des Abschnitts wurde die Beschäftigung mit der Logik mit Beweisen
motiviert. Zum Abschluss schauen wir uns daher kurz und in vereinfachter Form
an, wie mathematische Beweise „funktionieren“, wenn man sie durch die Brille
der Logik betrachtet.

Wie ich eingangs schrieb, sind Beweise Argumentationsketten. Damit ist gemeint,
dass man sich quasi schrittweise zum Ziel „durchhangelt“. Stellen Sie sich für
ein ganz banales Beispiel vor, dass Sie erstens wissen, dass x 2 positiv ist, wenn
x nicht null ist, und zweitens, dass 1/x und x dasselbe Vorzeichen haben. Dann
können Sie schließen, dass 1/x 2 für x ̸= 0 immer positiv ist. Formal können wir
mit den Aussagen x ̸= 0, x 2 > 0 und 1/x 2 > 0 arbeiten, die wir A, B und C nennen.
Dann gehen Sie von A ⇒ B und B ⇒ C aus und schließen daraus, dass A ⇒ C gilt.
Unabhängig davon, wofür A, B und C stehen, ist dieser Schluss immer erlaubt:

Aufgabe 1.31. Zeigen Sie mit einer Wahrheitstafel, dass die Implikation

(A ⇒ B ) ∧ (B ⇒ C ) ⇒ (A ⇒ C )

eine Tautologie ist.

Die meisten Beweise bestehen aus vielen aneinandergereihten Implikationen wie


direkter Beweis im obigen Beispiel. Man nennt das einen direkten Beweis.

Manchmal dreht man den Spieß jedoch auch um und beweist ¬B ⇒ ¬A, wenn
indirekter Beweis man eigentlich A ⇒ B beweisen will. Das wird indirekter Beweis genannt. Wir
wissen bereits, dass diese beiden Implikationen äquivalent sind. Es kann jedoch
unter Umständen leichter sein, die zweite Variante zu beweisen. Nehmen wir als
Beispiel an, Sie wollten beweisen, dass eine natürliche Zahl n ungerade ist, wenn n 2
ungerade ist. Man kann das direkt beweisen, aber einfacher ist die Argumentation,
dass n 2 gerade ist, wenn n gerade ist: n hat dann die Form 2k und n 2 ist deshalb
die offensichtlich gerade Zahl 4k 2 .

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


1. Logik 23

Aufgabe 1.32. Was waren in diesem Fall A und B ?

Eine häufig verwendete Variante des indirekten Beweises ist schließlich der Beweis
durch Widerspruch. Die Idee ist, dass man eine Aussage A beweist, indem man Beweis durch
Widerspruch
zeigt, dass aus ihrer Negation ¬A eine offensichtlich falsche Aussage folgt. Das
funktioniert, weil (¬A ⇒ B ∧ ¬B ) ⇒ A eine Tautologie ist. B ∧ ¬B spielt dabei die
Rolle des Widerspruchs: einer Aussage, die garantiert nicht wahr ist.

Aufgabe 1.33. Überprüfen Sie, dass (¬A ⇒ B ∧ ¬B ) ⇒ A eine Tautologie ist.

Ein über 2000 Jahre alter Klassiker des Widerspruchsbeweises ist Euklids Begrün- Satz des Euklid
dung dafür, dass es keine größte Primzahl gibt: Um das zu beweisen, nehmen wir
an, es gäbe eine Zahl p, die die größte Primzahl ist. Wir bilden das Produkt m aller
Zahlen von 2 bis p. Dann ist keine Primzahl, die kleiner als m + 1 ist, ein Teiler
von m + 1,18 also müsste m + 1 nach Definition eine Primzahl sein. Andererseits ist
m + 1 größer als die „größte“ Primzahl p und kann daher keine Primzahl sein. Da
haben wir unseren Widerspruch.

Das soll als kleiner Einblick in die Mechanik der Beweise reichen. Wenn Sie ganz
genau aufgepasst haben, dann ist Ihnen aufgefallen, dass man noch viel klein-
teiliger sein müsste, wenn man sich ganz sicher sein wollte. (Fußnote 18 besteht
zum Beispiel aus vielen Zwischenschritten.) Insbesondere sind wir gar nicht auf
die Rolle der Individuenvariablen und der Quantoren eingegangen. Das Zerlegen
von Beweisen in „atomare“ (also: nicht mehr weiter zerlegbare) Einzelschritte
ist mühsam, aber es wird tatsächlich gemacht und ist auch für die Informatik
von Bedeutung. Unter der URL [Link] finden
Sie Beispiele dafür. Unter anderem findet man dort auch Beweise des Satzes von
Euklid in maschinenlesbarer Form.

Resümee
Die Logik als Lehre vom Schlussfolgern, die die Gültigkeit von Argumenten un-
abhängig von ihren Inhalten untersucht, ist über 2500 Jahre alt und wurde im
klassischen Griechenland hauptsächlich durch Aristoteles geprägt. Die moder-
ne mathematische Logik entwickelte sich erst im 19. Jahrhundert unter anderem
durch die wegweisenden Arbeiten des Engländers George Boole und des Deutschen
Gottlob Frege. Inzwischen spielt sie auch eine wichtige Rolle in der Informatik.

Wir haben hier nur einen kleinen Ausschnitt betrachtet, denn wir wollen uns nicht
vertieft mit Logik beschäftigen. Wir werden Junktoren und Quantoren ab und
zu verwenden, aber sie sind kein zwingender Bestandteil der mathematischen
Fachsprache. Wenn Sie sich mathematische Fachartikel anschauen, werden Sie
feststellen, dass viele von denen ohne solche Zeichen auskommen und dann
18 Im Detail: Jede Zahl von 2 bis p teilt offenbar m, also teilt keine von denen m +1. Da nach unserer

Annahme alle Primzahlen unter den Zahlen von 2 bis p sind, gibt es keine Primzahl, die m + 1 teilt;
„erst recht“ keine, die kleiner als m + 1 ist.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


24 Grundlagen

beispielsweise in Worten „und“ oder „for all“ schreiben.19 Entscheidend ist die
hinter solchen Formulierungen stehende Logik.

Der Sinn der letzten Seiten war, Ihr Gespür für logische Zusammenhänge zu schär-
fen und auf typische Missverständnisse hinzuweisen. Die mathematische Logik
modelliert quasi die Art und Weise, wie man in der Mathematik denkt, und häufig
ist es sinnvoll, sich die logische Struktur von Argumenten klarzumachen. Dabei
kann Ihnen das hier Gelernte hoffentlich helfen.

⋆ Logik im Computer
⋆ Abschnitte oder Aufgaben, die mit einem Stern gekennzeichnet sind, sind optional.
Wenn Sie Angst haben, aus Versehen etwas zu lernen, das Sie für die Prüfung nicht
brauchen, sollten Sie sie überspringen.

Ich werde zwischendurch ab und zu zeigen, wie die Mathematik, um die es in


diesem Skript geht, auf dem Computer eingesetzt werden kann. Dazu verwende
ich die Programmiersprache P YTHON.20

Wenn Sie in P YTHON

42 > 23

eingeben, dann erhalten Sie die Antwort True. Das ist in dieser Programmierspra-
che eine Konstante, die für wahr steht. Gleichzeitig erkennt man an der Antwort,
dass 42 > 23 als Aussage aufgefasst und ihr ein Wahrheitswert zugeordnet wurde.
Die Eingabe

not 42 > 23

liefert die Antwort False. Darin sieht man nicht nur, dass False die Konstante mit
der Bedeutung falsch ist und dass not für die Negation steht, sondern man lernt
auch gleich etwas über die Priorität der Operatoren. (Nämlich was?)

Die Eingabe type(True) führt zur Ausgabe bool.21 Das ist der Datentyp, den True
und False haben – und außer ihnen kein anderer Wert.

Schließlich noch ein einfaches Beispiel dafür, wie Konjunktion und Disjunktion in
P YTHON aussehen.22 Probieren Sie es aus!

19 Darum sei hier noch gesagt, dass die stilistische Anmerkung in der Fußnote auf Seite 12 auch für

Quantoren gilt: Verwenden Sie die bitte nie als Abkürzungen außerhalb von Formeln! So etwas wie
„Die Gleichung gilt ∀ natürlichen Zahlen“ sollten Sie niemandem zumuten . . .
20 Das Skript kann Ihnen allerdings keine umfassende Einführung in P YTHON liefern. Es gibt dafür

z. B. in der Bibliothek der HAW Hamburg genügend kostenlose Materialien. Unter anderem können
Sie P YTHON auch mit meinem Buch Konkrete Mathematik (nicht nur) für Informatiker lernen.
21 Benannt nach dem bereits erwähnten George Boole.
22 P YTHON verwendet also nicht die Symbole, die in der Tabelle auf Seite 12 aufgeführt sind.

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2. Mengen 25

for x in [10,30,50]:
if x > 23 and x < 42:
print(f"{x} > 23 UND {x} < 42")
if x > 23 or x < 42:
print(f"{x} > 23 ODER {x} < 42")

Prädikatenlogik im mathematischen Sinne spielt in der üblichen imperativen


Programmierung keine Rolle. Wenn Sie sich trotzdem damit befassen wollen, dann
sollten Sie sich Programmiersprachen wie P ROLOG anschauen.

2. Mengen
Mengen sind heutzutage die Grundbausteine der gesamten Mathematik, obwohl
sie im Vergleich zum Alter dieser Wissenschaft junge Hüpfer sind. Insbesondere ist
die Mengenschreibweise ein wesentlicher Teil der mathematischen Fachsprache.
Wenn man sie nicht beherrscht, wird man große Teile der Fachliteratur, auch in der
Informatik, nicht verstehen können.23 Zudem ist die Mengenlehre ein wichtiger Be-
standteil der Theoretischen Informatik und Mengen können beim Programmieren
eine nützliche Datenstruktur sein.

Was also ist eine Menge?

Eine Menge ist eine Ansammlung von Objekten. Definition

Das ist schon alles! Es klingt total banal, aber der „Erfolg“ des Mengenkonzeptes
liegt gerade darin begründet, dass es so einfach ist. Schauen wir uns ein paar
Beispiele an:
(i) die Menge der Münzen in meinem Portemonnaie
(ii) die Menge der 16 Bundesländer Deutschlands
(iii) die Menge der Mitschüler Harry Potters
(iv) die Menge, die aus den drei Zahlen 1, π und 42 besteht
(v) die Menge der Geraden, die parallel zur x-Achse verlaufen

Wenn also eben von Objekten die Rede war, dann kann damit alles Mögliche ge-
meint sein: reale Objekte, die man anfassen kann, wie zum Beispiel Geldstücke,
aber auch imaginäre Objekte wie Romanfiguren, die nur in unseren Köpfen exis-
tieren. In der Mathematik geht es natürlich hauptsächlich um mathematische
Objekte.24 Da fallen den meisten Menschen zuerst Zahlen wie im Beispiel (iv) ein.
Die Menge (v) zeigt jedoch, dass auch andere Dinge infrage kommen: Geraden,
Vektoren, Matrizen, Funktionen und so weiter.

23 Das gilt auch für dieses Skript!


24 Die ja grundsätzlich nur in unseren Köpfen existieren. Oder haben Sie schon einmal eine Zahl

oder einen Vektor angefasst?

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26 Grundlagen

Die Objekte, die in einer bestimmten Menge versammelt sind, nennt man die
Element Elemente dieser Menge.25 Im Beispiel (ii) ist also Hamburg ein Element der Menge,
München ist aber keins und 42 auch nicht. In der Aussagenlogik hatten wir gesagt,
dass die einzig sinnvolle Frage, die man zu einer Aussage stellen kann, die ist, ob
sie wahr oder falsch ist. In diesem Sinne gibt es auch nur einen Typ Frage, den man
zu Mengen stellen kann: Ist M eine Menge und x irgendein Objekt, dann kann
man fragen, ob x ein Element von M ist oder nicht. Mehr „weiß“ M nicht.

Besteht eine Menge nur aus einer überschaubaren Anzahl von Elementen, dann
gibt es für sie eine ganz einfache Schreibweise: man schreibt die Elemente durch
Kommata26 getrennt zwischen geschwungene Klammern, sogenannte Mengen-
Mengenklammern klammern. Nennen wir die Menge aus Beispiel (iv) X , so sieht das folgendermaßen
aus:
X = {1, π, 42}. (2.1)

Für die Aussageform „a ist ein Element von B “ ist international die Abkürzung
Elementzeichen ∈ a ∈ B üblich.27 In dem aktuellen Beispiel ist also 42 ∈ X wahr und 23 ∈ X falsch.
∉ Für die Negation schreibt man auch kurz 23 ∉ X . Ferner ist so etwas wie x, y ∈ M
als Abkürzung für x ∈ M ∧ y ∈ M üblich.

Die meisten Mengen, mit denen man es in der Mathematik zu tun hat, sind jedoch
zu groß, um alle Elemente wie in (2.1) aufzuschreiben. Manchmal behilft man sich
mit Auslassungspunkten wie zum Beispiel in
Y = {1, 2, 3, . . . , 100} oder Z = {3, 5, 7, . . . }, (2.2)
aber das ist problematisch. Während es bei Y relativ klar zu sein scheint, dass es
um die natürlichen Zahlen von 1 bis 100 geht, kann man bei Z schon ins Grübeln
kommen: Ist die nächste Zahl 9, dann sind wohl die ungeraden natürlichen Zahlen
gemeint, die größer als 1 sind. Ist sie aber 11, dann sind vielleicht nur die ungeraden
Primzahlen gemeint. Oder doch etwas ganz anderes? Eigentlich verlässt man sich
darauf, dass die Leser hoffentlich verstehen, was man vorhat, denn es sind immer
mehrere Interpretationen möglich.

Daher geht man in der Regel anders vor. Man beschreibt die Menge; so, wie wir
es bei den Beispielen (i) bis (v) am Anfang des Abschnitts gemacht haben. Etwas
formaler: Man gibt eine Aussageform A(x) an, die genau dann wahr ist, wenn x ein
beschreibende Element der Menge ist. Diese beschreibende Mengenschreibweise hat die Form28
Mengenschreibweise
M = { x : A(x) }
25 Man verwendet auch andere naheliegende Formulierungen, z. B., dass ein Objekt zu einer Menge

gehört oder dass es in einer Menge enthalten ist.


26 In manchen Büchern werden auch andere Trennzeichen wie z. B. Semikola verwendet. Das

Komma wird wohl am häufigsten verwendet, hat aber in Ländern wie Deutschland den Nachteil,
dass es mit dem Dezimalkomma verwechselt werden kann. Dazu später noch mehr.
27 Dieses Symbol, das sogenannte Elementzeichen, geht ebenfalls auf den schon erwähnten Giu-

seppe Peano zurück. Es ist abgeleitet vom griechischen Buchstaben Epsilon, soll aber von diesem
unterscheidbar sein: Man vergleiche ε und ∈.
28 In manchen Büchern findet man statt des Doppelpunkts auch andere Trennzeichen wie zum

Beispiel einen senkrechten Strich.

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2. Mengen 27

und wird gelesen als „M ist die Menge aller x, für die A(x) gilt“. Vielleicht stellen
Sie sich eine Menge als einen exklusiven Club vor. Die Aussageform ist dann der
Türsteher, der entscheidet, wer eingelassen wird. x darf in den Club (also x ∈ M ),
wenn A(x) wahr ist. Ist A(x) nicht wahr, dann muss x draußen bleiben: x ∉ M . Um
es etwas konkreter zu machen: Die Menge aus (ii) würde man z. B. als

{ x : x ist ein Bundesland }

schreiben.

Aufgabe 2.1. Schreiben Sie die folgenden Mengen in aufzählender Mengenschreibwei-


se auf, also so wie in (2.1): aufzählende
Mengenschreibweise
A = { n : n ist eine positive ganze Zahl und n 2 < 100 }
B = { m : m ist eine ganze Zahl und |m| ≤ 4 }

Aufgabe 2.2. Geben Sie die beiden Mengen aus (2.2) in beschreibender Mengen-
schreibweise an. (Bei Z können Sie sich aussuchen, was gemeint sein soll.)

Aufgabe 2.3. Kann man eine Menge wie X aus (2.1) auch in beschreibender Mengen-
schreibweise aufschreiben?

Einige Mengen werden so oft benötigt, dass es für sie feste Namen gibt, die sich
weltweit eingebürgert haben. Dazu gehören die folgenden:29

Symbol Beschreibung
N Menge der natürlichen Zahlen N
Z Menge der ganzen Zahlen Z
Q Menge der rationalen Zahlen Q
R Menge der reellen Zahlen R
P Menge der Primzahlen P

In der Welt der Mathematik ist man sich allerdings nicht einig darüber, ob die Null
zu den natürlichen Zahlen gehört. Da müssen Sie in jedem Buch, das Sie lesen,
genau hinschauen. Wir müssen auch eine Entscheidung treffen. Wir machen es
folgendermaßen:

In dieser Vorlesung ist null eine natürliche Zahl: 0 ∈ N. Konvention

Aufgabe 2.4. Die Symbole und die Bezeichnungen aus der obigen Tabelle sollten
Ihnen eigentlich aus der Schule bekannt vorkommen, aber vielleicht gehen Sie zur
Kontrolle noch einmal die folgenden Zahlen
p durch und überlegen für jede, zu welcher
p
der obigen Mengen sie gehört: −1/3, 9, 1, 8, 42, 14/2, π, −12, 3/8, 0, 0.01.
29 Neben der Schreibweise mit dem Doppelstrich, die ursprünglich durch Kreide und Tafel entstand,

gibt es auch die Konvention, im Druck einfach fette Buchstaben zu verwenden, also etwa N statt N.
Der Buchstabe Q steht übrigens für Quotient, weil rationale Zahlen ja Brüche sind, und das Z kommt
vom deutschen Wort Zahl.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


28 Grundlagen

Aus der Tatsache, dass eine Menge außer „Ist x ein Element von Dir?“ keine wei-
teren Fragen beantworten kann, kann man eine ganz wesentliche Eigenschaft
schließen: Zwei Mengen sind genau dann gleich, wenn sie dieselben Elemente
haben – denn andere Unterscheidungsmerkmale kann es ja nicht geben. Daraus
folgt erstens, dass Mengen keine Reihenfolge kennen. {π, 42, 1} ist z. B. dieselbe
Menge wie {1, π, 42}, denn beide würden auf dieselben Fragen exakt dieselben Ant-
worten geben. Zweitens folgt, dass man so etwas wie {1, π, 42, 1} zwar hinschreiben
kann, dass es sich aber immer noch um dieselbe Menge handelt. Die Zahl 1 ist
entweder Element der Menge oder nicht; sie kann nicht „zweimal“ Element der
Menge sein.30 (Wenn Sie Mengen als Datenstrukturen in Programmiersprachen
– wo meistens die englische Bezeichnung set verwendet wird – einsetzen, dann
sind das die beiden wesentlichen Unterschiede zu Arrays.)

Enthält eine Menge B mindestens alle Elemente von A, dann sagt man, dass A eine
Teilmenge von B ist. Wir machen das zur Übung ganz formal:

Definition Die Menge A ist eine Teilmenge der Menge B , in Zeichen A ⊆ B , wenn die
Aussage ∀x (x ∈ A ⇒ x ∈ B ) gilt. Man sagt auch, dass B eine Obermenge von A
ist, und schreibt B ⊇ A.

Es gilt also beispielsweise {1, 13} ⊆ {1, 5, 13} und {1, 5, 13} ⊆ N. Beachten Sie, dass
nach dieser Definition auch A ⊆ A für jede Menge A gilt. Daher definieren wir
zusätzlich das Folgende:31

Definition Gilt A ⊆ B und A ̸= B , dann nennt man A eine echte Teilmenge von B und
schreibt A ⊂ B .

Erinnern Sie sich noch, wie man begründet, dass eine Aussage mit einem Allquan-
tor nicht wahr ist? Man muss lediglich ein Gegenbeispiel finden. A ⊆ B gilt also
nicht, wenn es (mindestens) ein Element von A gibt, das nicht Element von B ist.
̸⊆ Man streicht in diesem Fall wieder das Zeichen durch: A ̸⊆ B . Außerdem können
wir festhalten, dass zwei Mengen genau dann gleich sind, wenn jede der beiden
Teilmenge der anderen ist. Es gilt also:

A = B ⇔ (A ⊆ B ∧ B ⊆ A)

Aufgabe 2.5. In der Schule lernt man, dass P ⊆ N ⊆ Z ⊆ Q ⊆ R gilt. (Obwohl man
es dort vielleicht nicht so hinschreibt. Ist Ihnen die Bedeutung der Aussage klar?)
30 Dahinter steckt auch, dass es jedes mathematisches Objekt nur einmal gibt, obwohl man es evtl.

auf verschiedene Arten darstellen kann. Auch {1, π, 42, 6 · 7} wäre immer noch dieselbe Menge, denn
6 · 7 ist 42.
31 Leider gibt es viele Bücher, in denen das Zeichen ⊂ für die (unechte) Teilmengenbeziehung

verwendet wird. Da muss man, wie bei dem Symbol N, beim Lesen aufpassen.
Außerdem ist auch die Sprechweise ab und zu etwas ungenau. „A enthält B “ kann sowohl B ∈ A
als auch B ⊆ A bedeuten. Mit dieser Mehrdeutigkeit muss man umzugehen lernen, indem man aus
dem Kontext schließt, was gemeint ist. Die formale Notation ist jedenfalls unmissverständlich.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


2. Mengen 29

Begründen Sie mit Gegenbeispielen, dass man keines der Zeichen umkehren kann,
dass also z. B. P ⊂ N bzw. P ̸⊇ N gilt.

Aufgabe 2.6. Machen Sie sich klar, dass aus A ⊆ B und B ⊆ C folgt, dass A eine Teil-
menge von C ist. Es gibt also eine gewisse Ähnlichkeit zwischen ≤ und ⊆. Es gibt
jedoch auch einen wesentlichen Unterschied: Geben Sie zwei Mengen X und Y an,
für die weder X ⊆ Y noch Y ⊆ X gilt.

Es spricht nichts dagegen, eine Menge hinzuschreiben, die gar keine Elemente hat:
{}. Man nennt das die leere Menge und es gibt dafür auch noch das gebräuchlichere leere Menge ;
Symbol ;. Es heißt übrigens die leere Menge und nicht etwa „eine“ leere Menge,
denn eine andere Menge ohne Elemente kann es nicht geben. (Erinnern Sie sich,
dass Mengen genau dann gleich sind, wenn sie dieselben Elemente haben.)

Aufgabe 2.7. Begründen Sie, warum ; ⊆ A für jede Menge A gilt.

Mengenverknüpfungen
Auch Mengen kann man auf verschiedene Arten verknüpfen. Die Verknüpfung von
Aussagen erzeugt neue Aussagen und die Verknüpfung von Mengen erzeugt neue
Mengen. Wir beginnen mit den drei wichtigsten.

Für Mengen A und B definieren wir deren Vereinigung, Durchschnitt und Definition
(mengentheoretische) Differenz als

A ∪B = {x : x ∈ A ∨x ∈ B }
A ∩B = {x : x ∈ A ∧x ∈ B }
A \B = {x : x ∈ A ∧x ∉ B }

Die Vereinigung A ∪ B ist also die Menge, die dadurch entsteht, dass man alle
Elemente in einer neuen Menge versammelt, die sich in mindestens einer der
beiden Mengen A und B befinden. Der Durchschnitt A ∩ B entsteht hingegen
dadurch, dass man nur die Elemente berücksichtigt, die sich sowohl in A als auch
in B befinden. Die Differenz A \ B erhält man, indem man aus der Menge A die
Elemente entfernt, die auch zu B gehören.32 Beachten Sie die Ähnlichkeit der
Symbole ∪ und ∨ sowie ∩ und ∧. Das ist natürlich Absicht.33

Ein einfaches Beispiel:

{1, 10, 17, 23} ∪ {10, 23, 42} = {1, 10, 17, 23, 42}
{1, 10, 17, 23} ∩ {10, 23, 42} = {10, 23}
{1, 10, 17, 23} \ {10, 23, 42} = {1, 17}
32 Statt A \ B findet man in manchen Büchern auch das normale Minuszeichen A − B .
33 Falls Sie eine Eselsbrücke brauchen, dann stellen Sie sich vielleicht ∪ als einen Topf vor, in den al-

les hineingeworfen wird. Oder falls Sie Latein können, dann stellen Sie sich ∨ als Anfangsbuchstaben
von vel vor.

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30 Grundlagen

Natürlich taucht in der ersten Zeile rechts vom Gleichheitszeichen das Element
10 nicht doppelt auf. Wir hatten ja bereits darüber gesprochen, dass es keine
„mehrfachen Elemente“ gibt. Beachten Sie außerdem, dass in der letzten Zeile das
Element 42 keine Rolle spielt. Man kann aus der linken Menge nichts entfernen,
was nicht schon drin war.

Aufgabe 2.8. Es ist offensichtlich, dass Vereinigung und Durchschnitt kommutativ


sind. Begründen Sie mit einem Gegenbeispiel, dass die mengentheoretische Differenz
nicht kommutativ ist.

Häufig kann man sich die Beziehungen zwischen Mengen und ihren Verknüp-
Mengendiagramm fungen grafisch durch sogenannte Mengendiagramme klarmachen. Dafür werden
die einzelnen Mengen als Kreise, Ellipsen oder ähnliche geometrische Gebilde
dargestellt und man stellt sich vor, dass die Elemente der Mengen sich im Inneren
dieser Figuren befinden.

10 42
1
A 23 B
17

Dabei ist wesentlich, dass jedes Objekt in so einem Diagramm nur einmal vor-
kommt. Die Zahl 10 darf also beispielsweise nicht sowohl links als auch rechts
auftauchen, sondern sie muss in der Mitte im gemeinsamen Gebiet beider Mengen
zu finden sein.

Die gerade eingeführten Verknüpfungen kann man dann wie in der folgenden
Grafik visualisieren.34

10 42 10 42
1 1
23 23
17 17

A ∪B A ∩B

10 42 10 42
1 1
23 23
17 17

A \B B\A

Aufgabe 2.9. Im Folgenden sind eine Reihe von Aussagen aufgeführt, die jeweils für
alle Mengen A, B und C gelten. Einige davon wurden im Text schon behandelt, die
meisten aber nicht.
(i) A ⊆ A
(ii) ; ⊆ A
(iii) A ⊆ B ∧ B ⊆ C ⇒ A ⊆ C
(iv) A ⊆ B ∧ B ⊆ A ⇒ A = B
34 Das „funktioniert“ auch dann noch, wenn es sich um unendliche Mengen handelt, die man sich

als Flächen und nicht als aus einzelnen Punkten bestehend vorstellen kann.

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2. Mengen 31

(v) A ∩ A = A
(vi) A ∪ A = A
(vii) A ∩ B = B ∩ A
(viii) A ∪ B = B ∪ A
(ix) A ∩ (B ∩C ) = (A ∩ B ) ∩C
(x) A ∪ (B ∪C ) = (A ∪ B ) ∪C
(xi) A ∩ (B ∪C ) = (A ∩ B ) ∪ (A ∩C )
(xii) A ∪ (B ∩C ) = (A ∪ B ) ∩ (A ∪C )
(xiii) A ∪ B = A ⇔ B ⊆ A
(xiv) A ∩ B = A ⇔ A ⊆ B
(xv) A ∩ ; = ;
(xvi) A ∪ ; = A
(xvii) A ∩ B ⊆ A
(xviii) A ⊆ A ∪ B
(xix) A ⊆ C ∧ B ⊆ C ⇒ A ∪ B ⊆ C
(xx) A ⊆ B ∧ A ⊆ C ⇒ A ⊆ B ∩C
(xxi) A \ ; = A
(xxii) A \ A = ;
(xxiii) A \ (B ∩C ) = (A \ B ) ∪ (A \ C )
(xxiv) A \ (B ∪C ) = (A \ B ) ∩ (A \ C )
(xxv) B ⊆ C ⇒ A \ C ⊆ A \ B
(xxvi) A \ B = ; ⇔ A ⊆ B
(xxvii) B ∪C ⊆ A ⇒ B \ C = B ∩ (A \ C )

Machen Sie sich jeweils klar, ob Sie die Aussagen verstanden haben. Überzeugen
Sie sich außerdem durch Beispiele oder Mengendiagramme von der Korrektheit der
Aussagen. Erkennen Sie in (xxiii) und (xxiv) die de-morganschen Regeln?

Aufgabe 2.10. Da in diesem Skript die Null ein Element von N ist, führen wir das
Symbol N+ für die positiven natürlichen Zahlen ein, also für die, die größer als null N+
sind. Definieren Sie N+ einmal durch die beschreibende Mengenschreibweise und
einmal mithilfe von Mengenverknüpfungen.

Abkürzungen
Wenn man die beschreibende Mengenschreibweise verwendet, besteht die die
Menge definierende Aussageform (der „Türsteher“) meistens aus einer Konjunk-
tion und eine der Teilaussagen ist die Angabe einer Grundmenge; zum Beispiel
N+ = { n : n ∈ N ∧ n > 0 } aus Aufgabe 2.10, wobei hier N die Grundmenge ist. In
solchen Fällen hat es sich eingebürgert, diesen Teil vor den Doppelpunkt zu ziehen:
{ n ∈ N : n > 0 }. Allgemein formuliert:

Ist M eine Menge und A(x) eine Aussageform, dann ist { x ∈ M : A(x) } eine Konvention
Abkürzung für { x : x ∈ M ∧ A(x) }.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


32 Grundlagen

Sie werden wahrscheinlich denken, dass man kaum von einer „Abkürzung“ spre-
chen kann, weil man gerade mal ein Zeichen spart. Diese Schreibweise hat aber den
Vorteil, dass man sofort sieht, um welche Objekte es geht. Man liest { n ∈ N : n > 0 }
als „Menge aller natürlichen Zahlen, die größer als 0 sind“ und das lässt sich besser
verstehen als „Menge aller Objekte, die natürliche Zahlen und größer als 0 sind“.

Außerdem gibt es noch eine weitere, sehr hilfreiche Abkürzung. Wie würden Sie
die Menge

M = {0, 1, 4, 9, 16, 25, . . . }

aufschreiben? Offenbar sind die Quadrate 02 , 12 , 22 und so weiter der natürlichen


Zahlen gemeint. Jedes Element der Menge M entsteht also dadurch, dass man sich
ein Element von N herausgreift und damit etwas macht: man quadriert es. Das
könnte man als

M = { k : ∃n (n ∈ N ∧ k = n 2 ) }

notieren. Man spart sich aber in der Regel den „Zwischenschritt“ der Einführung
einer weiteren Variablen und schreibt stattdessen so etwas wie

M = { n 2 : n ∈ N }. (2.3)

Ganz allgemein kann man das so formulieren:

Konvention Ist A(x 1 , . . . , x n ) eine Aussageform und t (x 1 , . . . , x n ) ein von den Variablen x 1
bis x n abhängender Term, dann ist

{ t (x 1 , . . . , x n ) : A(x 1 , . . . , x n ) }

eine Abkürzung für { y : ∃x 1 . . . ∃x n (A(x 1 , . . . , x n ) ∧ y = t (x 1 , . . . , x n )) }.

Wir haben natürlich nicht definiert, was ein „Term“ sein soll,35 aber das wird hof-
fentlich durch die folgenden Beispiele klarer werden. t (x) wird im Allgemeinen
etwas sein, das man „ausrechnen“ kann, wenn man x kennt; so etwas wie 3x, x 2 −7
aber auch x ∪ {42}, denn x muss nicht unbedingt eine Zahl sein. In (2.3) ist der
Term t (n) beispielsweise n 2 und die Aussageform A(n) ist n ∈ N. Die Variable n
„durchläuft“ quasi alle Objekte, die A(n) wahr machen (in diesem Fall die natür-
lichen Zahlen) und in M werden die zugehörigen Werte t (n) (also die Quadrate)
gesammelt.

Die Definition wurde absichtlich so allgemein formuliert, dass auch mehrere Varia-
blen involviert sein können. Ein Beispiel dafür könnte folgendermaßen aussehen:

X = {1, 2, 3, 4}
Y = {10, 20, 30}
Z = { y − x : x ∈ X ∧ y ∈ Y } = {9, 8, 7, 6, 19, 18, 17, 16, 29, 28, 27, 26}
35 Man kann das präzise machen, dafür müssten wir jedoch tief in die Prädikatenlogik einsteigen.

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2. Mengen 33

Hier ist der Term t (x, y) die Differenz y − x und die Aussageform A(x, y) ist die
Konjunktion x ∈ X ∧ y ∈ Y . Das ist so gemeint, dass alle Kombinationen von x
und y, die A(x, y) wahr machen, durchlaufen werden. Unter anderem sind A(1, 10)
und A(2, 20) wahr, aber auch A(2, 10) oder A(1, 20).

Das ist fürs Erste alles zur Sprache der Mengenlehre. Es bleibt nur noch zu ergänzen,
dass Sie die beiden in diesem Abschnitt vorgestellten Abkürzungen vorerst bitte
nicht gleichzeitig verwenden sollten! So etwas wie

{ n − 7 ∈ N : n < 10 }

ist bestenfalls verwirrend und meistens sogar falsch. Wahrscheinlich ist

{ n − 7 : n ∈ N ∧ n < 10 }

gemeint. Dann ergibt aber n − 7 ∈ N keinen Sinn, denn zu dieser Menge gehört
auch 6 − 7 = −1 und das ist keine natürliche Zahl. Sie werden in manchen Büchern
(und vielleicht sogar auch weiter hinten im Skript) Varianten dieser Schreibweisen
sehen. Mit etwas Erfahrung versteht man, was gemeint ist, aber erst einmal muss
man sich langsam daran gewöhnen.

Aufgabe 2.11. Welche Beziehung besteht zwischen { n 2 : n ∈ N } und { n 2 : n ∈ Z }?

Aufgabe 2.12. Man kann Z durch Z = N ∪ { −n : n ∈ N } definieren. Definieren Sie Q


mithilfe von N, N+ und Z.

Aufgabe 2.13. Die Definition von Z aus Aufgabe 2.12 wird von Studierenden manch-
mal fälschlicherweise (!) auch als { n, −n : n ∈ N } geschrieben. Was ist daran falsch?

Aufgabe 2.14. Konstruieren Sie einen Ausdruck für die Menge aller Schaltjahre seit
Einführung des gregorianischen Kalenders (siehe Aufgabe 1.20), in dem nur die vier
Mengen

G = { n ∈ N : n ≥ 1582 },
A 4 = { n ∈ G : 4 teilt n },
A 100 = { n ∈ G : 100 teilt n } und
A 400 = { n ∈ G : 400 teilt n }

sowie die Verknüpfungen Vereinigung, Durchschnitt und Differenz vorkommen.

Aufgabe 2.15. Finden Sie für die folgenden Mengen, die alle absichtlich kompliziert
aufgeschrieben wurden, jeweils möglichst einfache Darstellungen:

A = { n ∈ N : n2 < 1 } B = { n ∈ N : n2 ≥ 0 }
C = {x ∈ Q : x ∈ R} D = {x ∈ R : x ∈ Q}
E = N∪Q F = N\Q
G = { |z| : z ∈ Z } H = { −z : z ∈ Z }

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


34 Grundlagen

Aufgabe 2.16. Jeweils zwei der unten aufgeführten Mengen sind gleich. Finden Sie die
entsprechenden Paare.

A = R∩R B = { x ∈ Q : x2 = 8 } ∪ N
C = R∪R D = { x ∈ Q : x2 = x ∧ x < 1 }
E = N ∪ {42} F = { x ∈ R : x2 = x ∧ x < 0 }
p
G = {2 2} H = { x ∈ R : x2 = 8 ∧ x > 0 }
I = { n ∈ N : n2 ≤ 0 } J = { x ∈ Q : x2 = 8 ∧ x > 0 }

Aufgabe 2.17. Jeweils zwei der unten aufgeführten Mengen sind gleich. Finden Sie die
entsprechenden Paare.

A={m +
n : m ∈ N∧n ∈ N } B = Z∩N
C = { r ∈ R : ∃z ∈ Z (z < 0 ∧ r = |z|) } D = {1, 2, 3, 4, . . . }
2
p
E = {r ∈ R : r < 0∧r = r } F = N \ { 2, π, −42}
G = { 5y : y ∈ Q ∧ y ≥ 0 } H = {s ∈ R : s < 1∧1− s < 0}

Aufgabe 2.18. Schreiben Sie die folgenden Mengen in beschreibender Mengenschreib-


weise auf:
(i) Die ganzen Zahlen, deren Quadrat kleiner als 100 ist.
(ii) Die natürlichen Zahlen, die durch 3 teilbar und nicht größer als 300 sind.
(iii) Die positiven Brüche, deren Zähler in gekürzter Form 2 ist.

Resümee
Das mathematische Teilgebiet der Mengenlehre wurde erst nach 1870 von dem
Deutschen Georg Cantor begründet, entwickelte sich dann aber ziemlich stür-
misch. Der faszinierendste Aspekt der Mengenlehre sind die von Cantor entdeck-
ten unterschiedlichen Unendlichkeiten. Mit denen werden wir uns allerdings erst
wesentlich später und nur kurz beschäftigen.

Die Wichtigkeit der Mengenlehre rührt daher, dass man alles andere,36 was in der
Mathematik benötigt wird, mithilfe von Mengen aufbauen kann – sogar Zahlen!
Mengen sind die Legobausteine, aus denen man sich mit genügend Geduld den
gesamten Rest der Mathematik zusammenbasteln kann. Insbesondere kann man
mit ihnen alle anderen mathematischen Objekte präzise beschreiben. Die große
Mehrheit der Mathematikerinnen und Mathematiker befasst sich in der täglichen
Arbeit nicht mit Fragen der Mengenlehre, aber alle kennen und nutzen die Sprache
der Mengenlehre.

Schließlich muss noch erwähnt werden, dass wir – wie es in so einem Rahmen
naive Mengenlehre üblich ist – sogenannte naive Mengenlehre betreiben. Damit ist gemeint, dass wir
den Begriff der Menge nicht genau genug abgegrenzt haben und damit theoretisch
axiomatische Gefahr laufen, auf Widersprüche zu stoßen. In der axiomatischen Mengenlehre
Mengenlehre
36 Für die, die es ganz genau wissen wollen: alles außer der sogenannten Kategorientheorie.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


2. Mengen 35

geht man wesentlich vorsichtiger vor. Das ist jedoch etwas für die „Profis“ und
würde das Niveau dieser Vorlesung deutlich überschreiten.

⋆ Mengen im Computer
P YTHON hat einen eigenen Datentyp set für Mengen und man kann „kleine“
Mengen so eingeben, wie man sie auch von Hand schreiben würde:37

A = {1,10,17,23}
B = {10,23,42}

Nach den obigen Zuweisungen können Sie z. B. das Folgende ausprobieren:

10 in A # Element
{10} <= A # Teilmenge
A | B # Vereinigung
A & B # Durchschnitt
A - B # mengentheoretische Differenz

Vielleicht gehen Sie Aufgabe 2.9 mal mit P YTHON durch?

P YTHON bietet außerdem eine comprehension genannte Syntax, die der beschrei-
benden Mengenschreibweise sehr ähnlich ist und von dieser inspiriert wurde.38
Dazu hier nur zwei einfache Beispiele:

C = {x for x in A if x**2 > 100}


D = {x**2 for x in B}

Damit hätte man C = { x ∈ A : x 2 > 100 } sowie D = { x 2 : x ∈ B } definiert.

Man kann auch Elemente zu Mengen hinzufügen bzw. vorhandene entfernen:

[Link](100)
[Link](42)

Damit macht man allerdings etwas, was in der Mathematik tabu ist. Wenn dort
eine Bezeichnung wie B vergeben wird, dann wird sich diese Zuordnung nicht
wieder ändern. Es wird in einem Fachtext nie so sein, dass beispielsweise B erst
für {10, 23, 42} steht und etwas später dann auf einmal für {10, 23}.39 Mengen in
P YTHON sind mutable (veränderlich), mathematische Objekte nicht.

Dadurch werden Mengen im Computer jedoch zur Datenstruktur der Wahl, wenn
es darum geht, in einem Programm zu speichern, ob bestimmte Objekte schon
37 Lediglich für die leere Menge muss man set() schreiben, weil {} in P YTHON eine andere

Bedeutung hat.
38 Man findet diese angenehme Syntax nur in wenigen anderen Programmiersprachen wie J ULIA

oder H ASKELL.
39 Natürlich kann wie im Skript A erst für eine Aussage und dann ein paar Seiten später in einem

anderen Abschnitt für eine Menge stehen. Aber so eine „Transformation“ findet nicht innerhalb ein
und desselben Gedankengangs statt.

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36 Grundlagen

einmal untersucht oder bearbeitet wurden. Sie eignen sich dafür besser als bei-
spielsweise Arrays.

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II
Elementare Kombinatorik

Es ist nicht so einfach, kurz und knapp zu beschreiben, was genau mit dem Wort
Kombinatorik aus der Überschrift gemeint ist. Auf jeden Fall geht es in dem Teil der
Kombinatorik, mit dem wir uns zunächst beschäftigen wollen, oft darum, Dinge zu
zählen. Das klingt banal, kann aber ziemlich kompliziert werden. Gleichzeitig ist
es in vielen Fällen von Bedeutung für die Informatik, weil man dort oft abschätzen
muss, welchen Ressourcenverbrauch bestimmte Algorithmen oder Datenstruktu-
ren haben. Auch für die Stochastik – und damit für die statistischen Methoden, die
heutzutage in fast allen Wissenschaften eine Rolle spielen – ist die Kombinatorik
eine wichtige Grundlage.

3. Komplexere Mengenstrukturen
In den Beispielen im letzten Abschnitt haben wir uns auf Mengen von Zahlen
beschränkt. Wir haben jedoch von Anfang an vorgesehen, dass Mengen nicht nur
Zahlen, sondern beliebige (mathematische) Objekte enthalten können. Wesentli-
che Beispiele dafür, was Mengen außer Zahlen noch so enthalten können, werden
auf den nächsten Seiten vorgestellt. Parallel dazu werden wir uns mit der Frage
beschäftigen, wie „groß“ gewisse Mengen sind.

Mengen von Mengen


Wir hatten Mengen sehr allgemein als Ansammlungen von Objekten definiert.
Mengen selbst sind auch Objekte, also können auch Mengen Elemente von Mengen
sein,1 z. B.

A = {1, 2, {3, 4}}. (3.1)

Diese Menge besteht aus drei Objekten: den beiden Zahlen 1 und 2 sowie der
Menge {3, 4}. Es gilt also insbesondere {1, 2} ⊆ A und {3, 4} ∈ A. Aber es gilt nicht
1 Man könnte die spitzfindige, aber völlig legitime Frage stellen, ob eine Menge ein Element von

sich selbst sein kann. In der axiomatischen Mengenlehre „verbietet“ man das in der Regel durch das
sogenannte Fundierungsaxiom. Aber es würde auch nicht schaden und für die Praxis außerhalb der
Grundlagenforschung ist es nicht relevant.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


38 Elementare Kombinatorik

{1, 2} ∈ A und auch nicht 3 ∈ A oder {3, 4} ⊆ A. Eigentlich sollte das allein durch
das Betrachten von (3.1) klar sein, denn dort werden die drei Elemente von A ja
– durch Kommata getrennt – aufgezählt. Aber die Erfahrung lehrt, dass es an dieser
Stelle oft Verständnisprobleme gibt.

Dagegen hilft wohl nur, sich die Bedeutung von ∈ und ⊆ noch einmal klarzu-
machen. Und vielleicht hilft es auch, die Elemente der Menge im Geiste durch
Variablen zu ersetzen. Schreibt man x und y für 1 und 2 sowie B für {3, 4}, dann ist
A die Menge {x, y, B }. Jetzt sieht man, dass B ein Element von A ist, oder? Und dass
3 kein Element von A ist (und deshalb B auch keine Teilmenge von A sein kann),
liegt daran, dass 3 weder x noch y noch B ist. Sollten Sie mit dem Konzept immer
noch Schwierigkeiten haben, dann lesen Sie eventuell zu schnell. Vielleicht noch
einmal die Gebrauchsanweisung anschauen?

Aufgabe 3.1. Denken Sie sich zwei Mengen A und B mit A ∈ B und A ⊆ B aus.

Wir führen nun eine spezielle Menge von Mengen ein:

Definition Die Potenzmenge einer Menge A ist die Menge aller Teilmengen von A:
P (A) = { X : X ⊆ A }.

Wie muss man sich das vorstellen? Fangen wir ganz klein an. Wie sieht die Potenz-
menge der leeren Menge aus? Die leere Menge ist – siehe Aufgabe 2.7 – Teilmenge
jeder Menge. Und andere Teilmengen kann ; natürlich nicht haben. Also ergibt
sich P (;) = {;}. Achtung! {;} ist nicht dasselbe wie ;. Die erste Menge hat genau
ein Element, nämlich ;, während die zweite kein Element hat. Es gilt also ; ∈ {;}
und ; ∉ ;. Darum sind die beiden Mengen nicht gleich, denn zwei Mengen sind
– Sie erinnern sich? – dann und nur dann gleich, wenn sie dieselben Elemente
haben.

Vielleicht kommen Ihnen solche Feinheiten pedantisch vor. Wen interessiert der
Unterschied zwischen ; und {;}? Für einen erfolgreichen Umgang mit der Mathe-
matik ist es jedoch wichtig, sich an eine Ausdrucksweise zu gewöhnen, die präziser
als die Alltagssprache ist. Sie müssen Ihre Gedanken eindeutig und unmissver-
ständlich artikulieren können. Und Sie müssen in der Lage sein, in mathematischen
Texten nur das zu lesen, was dort wirklich steht, ohne etwas hineinzuinterpretieren.
Beides gelingt nur durch Übung.

Aber zurück zur Potenzmenge. Die nächstgrößere Menge ist eine, die nur aus
Singleton einem Element besteht, z. B. {42}. Das liest man übrigens als Singleton 42.2 Es ist
wohl offensichtlich, dass es in diesem Fall zwei Teilmengen gibt, also
P ({42}) = {;, {42}}.
Und wenn wir eine Menge wie {23, 42} mit zwei Elementen haben, dann ergibt sich
als Potenzmenge
P ({23, 42}) = {;, {23}, {42}, {23, 42}}.
2 Es wäre falsch, einfach „42“ zu sagen, weil die Menge {42} nicht dasselbe wie die Zahl 42 ist.

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3. Komplexere Mengenstrukturen 39

Ich zeige auch noch ein Beispiel für eine dreielementige Menge und hebe dabei
das Element hervor, das gegenüber dem letzten Beispiel hinzugekommen ist:

P ({7, 23, 42}) = {;, {7}, {23}, {7, 23}, {42}, {7, 42}, {23, 42}, {7, 23, 42}}. (3.2)

Aufgabe 3.2. Können Sie ein Muster erkennen? Welcher Zusammenhang besteht zwi-
schen der Anzahl der Elemente von A und der Anzahl der Teilmengen von A?

Vielleicht sind Sie beim Nachdenken über die letzte Aufgabe von selbst darauf
gekommen: Wenn man zu einer Menge ein Element hinzufügt, dann verdoppelt
sich die Anzahl der Teilmengen.3 Den Grund kann man am Beispiel (3.2) erkennen:
Die Teilmengen von {23, 42} sind auch Teilmengen von {7, 23, 42}, aber zu jeder
dieser „alten“ Teilmengen kommt durch Ergänzen des Elements 7 eine „neue“
Teilmenge hinzu – aus ; wird {7}, aus {23} wird {7, 23} und so weiter.

Dieses Ergebnis wollen wir festhalten und führen dafür eine Schreibweise ein.4

Für eine endliche Menge A bezeichnen wir mit |A| die Anzahl ihrer Elemente. Definition
Man nennt das die Mächtigkeit von A.

Was wir uns vor dieser Definition überlegt haben, können wir nun kurz und knackig
so aufschreiben:5

Mächtigkeit der Potenzmenge Satz 3.1


Für jede endliche Menge A gilt |P (A)| = 2|A| .

Hier sehen wir zum ersten Mal einen wichtigen Begriff der Mathematik. Darum
sollte ich darüber ein paar Worte verlieren, bevor wir fortfahren. Am Anfang des
Abschnitts über Aussagenlogik hatte ich geschrieben, dass es in der Mathematik
darum geht, welche Aussagen wahr oder falsch sind.6 Ist man sich bei einer Aussage
sicher, dass sie wahr ist, dann spricht man von einem Satz. Wenn Sie also in einem Satz
Lehrbuch oder in einem Skript wie diesem etwas sehen, dass als Satz markiert ist,
dann können Sie davon ausgehen, dass es wahr ist.

In einem Studium der Mathematik muss auf einen Satz immer der Beweis fol-
gen. Da wir hier die Mathematik aus einer etwas anderen Perspektive betrachten,
werden wir das nicht so streng halten. In vielen Fällen werden Sie mir einfach
glauben müssen, dass eine Aussage wahr ist. Ich werde Ihnen jedoch häufig ei-
ne Begründung (quasi einen nicht so streng ausgearbeiteten Beweis) anbieten,
3 Vorsicht! Das gilt nur für endliche Mengen. Lesen Sie weiter!
4Wir setzen eine intuitive Vorstellung davon voraus, wann eine Menge endlich ist. Wenn man

Mengenlehre „ernsthaft“ betreibt, dann muss man erstens präzise definieren, was man mit endlich
meint, und man kann zweitens auch für unendliche Mengen deren Kardinalität (ein anderes Wort
für Mächtigkeit) angeben. Übrigens findet man statt |A| in manchen Büchern auch die Notation #A.
5Wegen dieses Zusammenhangs wird für die Potenzmenge von A in manchen Büchern auch 2 A

statt P (A) geschrieben. Wir werden diese Schreibweise nicht verwenden.


6 Natürlich geht es nicht um beliebige Aussagen wie 2 + 3 = 5, sondern um interessante.

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40 Elementare Kombinatorik

wenn ich das didaktisch für geboten halte. Im Falle von Satz 3.1 finden Sie den
relevanten Teil der Begründung vor dem Satz: Wir hatten uns bereits überlegt,
dass die Potenzmenge der leeren Menge aus einem Element besteht und dass bei
Hinzunahme eines Elements sich die Anzahl der Teilmengen verdoppelt. Das war’s
schon. Für ein Lehrbuch über Mengenlehre müsste man genauer vorgehen, aber
für uns soll es reichen. Erwähnenswert ist noch, dass wir in diesem Rahmen nur
etwas über endliche Mengen aussagen können; darum steht das auch explizit in
der Formulierung des Satzes. Außerdem haben wir stillschweigend vorausgesetzt,
dass die Anzahl der Teilmengen von A nur von der Anzahl der Elemente von A
abhängt. {3} hat also nicht mehr oder weniger Teilmengen als die Menge {π} oder
eine Menge, die nur aus einem Vektor besteht. Das ist zwar hoffentlich klar, sollte
aber ruhig auch ausgesprochen werden.

Proposition Statt Satz sind auch andere Bezeichnungen gebräuchlich, unter anderem Propo-
Theorem sition und Theorem. Ein Satz, der für sich genommen nicht so interessant ist, der
Lemma jedoch für den Beweis anderer Sätze hilfreich sein kann, wird gerne auch Lemma
genannt. Ein Satz, der aus einem anderen Satz ohne große Arbeit direkt folgt, wird
Korollar oft als Korollar bezeichnet. Diese Einteilung ist jedoch subjektiv. In allen Fällen
handelt es sich um Aussagen, von denen man beweisen kann, dass sie wahr sind.

Definition Nicht beweisen kann man hingegen Definitionen. Definitionen sind lediglich Fest-
legungen der Fachsprache und sie können nicht wahr oder falsch sein, höchs-
tens sinnvoll oder weniger sinnvoll. Zum Glück sind die meisten Definitionen
inzwischen allseits akzeptierter Standard. Wir haben aber auch schon Beispiele
Konvention gesehen, bei denen Uneinigkeit besteht.7 Definitionen und Konventionen sind für
das Verständnis eines mathematischen Textes wichtig, aber sie sind nicht in Stein
gemeißelt.

Aufgabe 3.3. Welche der folgenden Aussagen ist wahr? Geben Sie bei den falschen
Aussagen jeweils ein Element an, das in der einen, aber nicht in der anderen Menge
enthalten ist.
(i) {1, {2}} = {2, {1}}
(ii) {1, {2}} ∪ {2, {1}} = {1, 2}
(iii) {1, {2}} ∪ {2, {1}} = {{1, 2}}
(iv) {1, {2}} ∪ {2, {1}} = {{1}, {2}}
(v) {1, {2}} \ {2, {1}} = {2, {1}} \ {1, {2}}
(vi) {;} ∪ ; = {;}
(vii) {1} ∪ ; = {1, ;}
(viii) {1} ∪ {;} = {1}
(ix) P (N) \ {{0}} = P (N+ )

Aufgabe 3.4. Sei A = { n ∈ N+ : n < 4 } und B = { mn : m, n ∈ A }. Geben Sie |B | an.


Worauf müsste man zusätzlich achten, wenn in der Aufgabenstellung statt 4 zum
Beispiel 7 stünde?

7 Schreibt man lieber A statt ¬A? Soll null eine natürliche Zahl sein?

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3. Komplexere Mengenstrukturen 41

Aufgabe 3.5. Sei A = { n ∈ N+ : n < 7 } und B = { mn : m, n ∈ A }. Geben Sie die Mächtig-


keit von P ({B }) an.

Aufgabe 3.6. Wenn A und B Mengen mit A ∩ B = ; sind, dann ist auch der Durch-
schnitt von P (A) und P (B ) leer.8 Stimmt das oder stimmt das nicht? Oder stimmt es
nur für bestimmte Mengen?

Aufgabe 3.7. Die Aussageformen P (A\B ) = P (A)\P (B ) und P (A∪B ) = P (A)∪P (B )


sind beide nicht für beliebige Mengen A und B wahr. Finden Sie jeweils konkrete
Beispiele für A und B , die sie zu falschen Aussagen machen.

Aufgabe 3.8. Seien a, b und c ganze Zahlen. Was kann man über die Mächtigkeit von
X = {a, b, c} \ {a} aussagen?

Aufgabe 3.9. Sortieren Sie die folgenden Mengen nach Mächtigkeit:

A = { n ∈ N : n 2 = 42 } B = { n ∈ N : n 2 + 1 < 42 }
C = { n ∈ N : n 2 − 7 = 42 } D = { n ∈ N : (n + 1)2 < 42 }
E = { n ∈ N : n teilt 42 } F = { n ∈ N : 2n < 42 }

Aufgabe 3.10. Wie viele Teilmengen von A = { n ∈ N : n < 20 } enthalten mindestens


eine Primzahl?

Aufgabe 3.11. Wie viele Teilmengen von A = { k ∈ N : 3 ≤ k ≤ 30 } gibt es, die mindes-
tens eine durch 3 teilbare Zahl enthalten?

⋆ Mengen von Mengen im Computer


P YTHON bietet zusätzlich zu Mengen "gefrorene Mengen" an. Damit kann man
Mengen als Elemente von Mengen speichern, was mit dem Datentyp set nicht
möglich ist:9

X = frozenset({1,2,3})
Y = {1,2,3,X}
X <= Y, X in Y

Eine Aufgabe wie 3.4 würde man für größere Zahlen wohl lieber bequem mit
Computerhilfe lösen. Das könnte so aussehen:

A = set(range(1,7))
len({m*n for m in A for n in A}) # Mächtigkeit einer Menge

8 Das ist wieder so eine typische Sprechweise, die sich eingebürgert hat. Wenn man sagt, dass eine

Menge leer ist, meint man damit natürlich, dass es sich um die leere Menge handelt. leer
9Wenn Sie in dem folgenden Beispiel frozenset({1,2,3}) durch {1,2,3} ersetzen, erhalten Sie

eine Fehlermeldung. In Mengen kann man nur Objekte speichern, die nicht mutable (siehe Seite 35)
sind, und gefrorene Mengen sind solche Objekte: add und remove erlauben sie nicht. In diesem
Sinne sind sie „mathematischer“ als die normalen Mengen von P YTHON. (Für die P YTHON-Experten:
Eigentlich geht es darum, ob die Objekte hashable sind.)

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42 Elementare Kombinatorik

Die folgende Funktion ist ein Generator, der rekursiv durch die Potenzmenge einer
Menge iteriert.10

def powerSet(M): # engl. Wort für Potenzmenge


if M == set():
yield set()
else:
S = {next(iter(M))} # {x} für ein x aus M
for A in powerSet(M - S):
yield A
yield A | S

Dass Satz 3.1 zumindest für die ersten zehn natürlichen Zahlen stimmt, kann man
so überprüfen:

all(2**n == sum(1 for A in powerSet(set(range(n))))


for n in range(10))

Will man wirklich die Potenzmenge haben, dann muss man auf die eben erwähnten
gefrorenen Mengen zurückgreifen:

{frozenset(X) for X in powerSet({1,23,42})}

Mengen von Tupeln

Weil Mengen weder Reihenfolge noch Dopplung kennen, sind {1, 2} und {2, 1}
identisch und {1, 1} ist dasselbe wie {1}. Manchmal braucht man jedoch gerade
diese Eigenschaften. Dafür gibt es sogenannte geordnete Paare und Tupel.

Definition Sind a und b irgendwelche (mathematischen) Objekte (die nicht notwendig


verschieden sein müssen), dann bezeichnet man deren Zusammenfassung
(a, b) als geordnetes Paar von a und b. a und b nennt man die Komponenten
des Paares.
Die definierende Eigenschaft von geordneten Paaren ist, dass (a, b) und (c, d )
dann und nur dann identisch sind, wenn sowohl a = c als auch b = d gelten.

Nach dieser Definition sind (1, 2) und (2, 1) zwei verschiedene geordnete Paare
und (2, 2) ist ein geordnetes Paar, dessen linke und rechte Komponente jeweils die
Zahl 2 ist.

⋆Aufgabe 3.12. Im letzten Kapitel konnte man lesen, dass man alle mathematischen
Objekte aus Mengen zusammenbasteln kann. Dann müsste das auch für geordnete

10 In der kommentierten Zeile wird ein beliebiges Element von M ausgewählt. Die Konstruktion ist

etwas umständlich, weil man nicht einfach so etwas wie M[0] schreiben kann.

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3. Komplexere Mengenstrukturen 43

Paare gelten. Aber wie bringt man Reihenfolge und Dopplung in die Welt der Mengen,
die so etwas nicht kennen? Eine Möglichkeit11 ist, Paare durch

(a, b) = {{a}, {a, b}}

zu definieren. Begründen Sie, warum die so konstruierten Paare wirklich das tun, was
sie tun sollen.

Mithilfe von geordneten Paaren können wir das Mengenprodukt definieren:12

Das kartesische Produkt oder Mengenprodukt der Mengen A und B ist die Definition
Menge A × B = { (a, b) : a ∈ A, b ∈ B }. Für A × A schreibt man auch A 2 .

A × B ist also die Menge aller Paare, bei denen die erste Komponente ein Element
von A und die zweite eines von B ist. Nebenbei habe ich in der Definition absicht-
lich ein Komma an der Stelle verwendet, wo eigentlich ∧ stehen müsste. Das ist
eine weit verbreitete Konvention, an die Sie sich gewöhnen sollten.

Mengenprodukte kann man sich ganz gut in Tabellenform vorstellen. Mit den
Mengen A = {1, 10, 17, 23} und B = {10, 23, 42} sieht A × B so aus:

10 23 42
1 (1, 10) (1, 23) (1, 42)
10 (10, 10) (10, 23) (10, 42)
17 (17, 10) (17, 23) (17, 42)
23 (23, 10) (23, 23) (23, 42)

Man beachte, dass nach Definition des geordneten Paares alle Einträge in dieser
Tabelle zwangsläufig verschieden sein müssen. Es kann keine Dopplungen geben.
Deshalb können wir sofort folgern:

Sind A und B endliche Mengen, dann gilt |A × B | = |A| · |B |. Lemma 3.2

Aber wie sieht es mit unendlichen Mengen aus? Wie kann man sich deren kartesi-
sches Produkt vorstellen? Dazu zwei wichtige Beispiele.

Ein Produkt wie N × N ist auch nichts anderes als eine Tabelle, aber eine mit un-
endlich vielen Zeilen und Spalten, die jeweils mit den Zahlen 0, 1, 2 und so weiter
durchnummeriert sind. Es geht nach rechts und nach unten jeweils – durch Aus-
lassungspunkte angedeutet – immer weiter.

11 Diese Idee stammt von dem polnischen Mathematiker Kazimierz Kuratowski. Es gibt jedoch

noch diverse andere Möglichkeiten.


12 Das Adjektiv kartesisch bezieht sich auf den latinisierten Namen des französischen Philosophen

und Mathematikers René Descartes.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


44 Elementare Kombinatorik

0 1 2 3 ...
0 (0, 0) (0, 1) (0, 2) (0, 3) ...
1 (1, 0) (1, 1) (1, 2) (1, 3) ...
2 (2, 0) (2, 1) (2, 2) (2, 3) ...
3 (3, 0) (3, 1) (3, 2) (3, 3) ...
.. .. .. .. .. ..
. . . . . .

Das Produkt R2 kennen Sie schon aus der Schule, obwohl Sie es bisher vielleicht
nicht unter diesem Blickwinkel betrachtet haben. Man stellt sich dafür die Menge R
Zahlengerade der reellen Zahlen als Zahlengerade vor,13 legt zwei solche Geraden senkrecht
zueinander so auf die Ebene, dass sie sich an der Stelle treffen, wo jeweils die Null
sitzt, und erhält dadurch eine eindeutige Zuordnung zwischen den Punkten der
Ebene und deren „Adressen“ (Koordinaten), die geordnete Paare reeller Zahlen
kartesisches sind. Das ist ein sogenanntes kartesisches Koordinatensystem.
Koordinatensystem
(4, 4)

(1, 2)
(5/2, 1)
1

(−π, −1) 1 p
(2, − 3)

Stellen Sie sich nun vor, wo die Elemente der Menge N × N in diesem Koordinaten-
system zu finden sind. Sie erhalten ein Gitter aus Punkten.

Aufgabe 3.13. Die Menge B aus Aufgabe 3.4 könnte man auch als

B = { mn : (m, n) ∈ A 2 }

schreiben. Machen Sie sich klar, warum B weniger Elemente als A 2 hat.

Aufgabe 3.14. Sei M = {23, 42, π}. Wie sehen {0} × M und ; × M aus?

Aufgabe 3.15. Ist das Mengenprodukt kommutativ?

Aufgabe 3.16. Können Sie eine Menge A angeben, für die |A × A| = 42 gilt? Können Sie
Mengen A und B angeben, für die |A × B | = 42 gilt?

Aufgabe 3.17. Sei A q = { p ∈ P : p < q }. Für welche Primzahl q gilt |A q × A q | = 100?

Wir verallgemeinern nun die Definition des geordneten Paares auf mehr als zwei
Komponenten:14

13 Diese Identifikation der Zahlengerade mit der aus einzelnen Punkten bestehenden Menge R ist

philosophisch umstritten, in der Mathematik aber gängige Praxis. Zu den Hintergründen gibt es
weitere Informationen im Video "Das Rätsel des Kontinuums".
14 Indizierte Buchstaben wie a sind nichts weiter als praktische Namen für Variablen. Noch im
1
19. Jahrhundert hätte man statt a 1 , . . . , a n so etwas wie A, B,C , . . . , K geschrieben und musste dann

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


3. Komplexere Mengenstrukturen 45

Sind a 1 bis a n irgendwelche Objekte, dann bezeichnet man deren Zusammen- Definition
fassung (a 1 , . . . , a n ) als das n-Tupel aus diesen Objekten und nennt die a i die
Komponenten des n-Tupels.
Die definierende Eigenschaft von n-Tupeln ist, dass (a 1 , . . . , a n ) und (b 1 , . . . , b n )
dann und nur dann identisch sind, wenn a i = b i für alle i von 1 bis n gilt.

Geordnete Paare sind damit ein Spezialfall dieser Definition, nämlich 2-Tupel. Zu
3-Tupeln sagt man manchmal auch Tripel und es gibt auch Namen wie Quadrupel Tripel
oder Quintupel für n = 4 oder n = 5, aber wir werden die wohl nicht brauchen. Quadrupel
Quintupel
Der Vollständigkeit halber seien noch die relativ nutzlosen 1-Tupel der Form (23)
erwähnt.

Aufgabe 3.18. Gibt es 0-Tupel?

⋆Aufgabe 3.19. Wie würden Sie 3-Tupel mithilfe von 2-Tupeln konstruieren, damit sie
die gewünschten Eigenschaften haben?

Natürlich wird nun auch das Mengenprodukt verallgemeinert und wir können
Lemma 3.2 entsprechend anpassen.

Das kartesische Produkt oder Mengenprodukt der Mengen A 1 bis A n ist die Definition
Menge

A 1 × A 2 × · · · × A n = { (a 1 , a 2 , . . . , a n ) : a 1 ∈ A 1 , a 2 ∈ A 2 , . . . , a n ∈ A n }.

Für A × · · · × A mit n Faktoren schreibt man auch A n .

Für endliche Mengen gilt |A 1 × A 2 × · · · × A n | = |A 1 | · |A 2 | · · · · · |A n |. Lemma 3.3

⋆ Tupel im Computer
Auch in P YTHON gibt man Tupel mit Klammern und Kommata ein.15 Lediglich bei
1-Tupeln muss man ein „überflüssiges“ Komma hinzufügen.

(42,23,1) == (1,23,42) # vergleiche mit {42,23,1} == {1,23,42}


type((42,)) # vergleiche mit type((42))

Das Mengenprodukt zweier Mengen könnte man so definieren:

product = lambda A,B: {(a,b) for a in A for b in B}

ergänzend hinzufügen, dass man eigentlich n verschiedene Namen meint – und nicht etwa zehn,
weil K zufällig der zehnte Buchstabe des Alphabets ist.
15 In vielerlei Hinsicht sind die Tupel von P YTHON das „gefrorene“ Pendant der Listen.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


46 Elementare Kombinatorik

Die Standardbibliothek ITERTOOLS bietet allerdings eine flexiblere und effizientere


Funktion product. Mehr dazu auf Seite 60.

4. Abzählende Kombinatorik
Auf den folgenden Seiten wird es in der einen oder anderen Form immer darum
gehen, Dinge zu zählen. Vieles davon ist in der Schule bereits behandelt worden,
wird hier jedoch noch einmal wiederholt und in der Fachsprache der Mengenlehre
ausgedrückt.

Das Inklusions-Exklusions-Prinzip
Lemma 3.3 ist eine Aussage über die Mächtigkeit von Produkten von Mengen. Wie
sieht es mit der Vereinigung aus? Es stellt sich heraus, dass es da leider keine so
einfache Formel gibt.

Aufgabe 4.1. Unter welcher Bedingung gilt |A ∪ B | = |A| + |B | für endliche Mengen A
und B ?

Auch ohne exakten mathematischen Beweis sollte hoffentlich nach einigem Nach-
denken klar sein, dass die Behauptung aus Aufgabe 4.1 dann und nur dann gilt,
wenn A und B kein gemeinsames Element haben, wenn also A ∩ B = ; gilt. Man
disjunkt sagt dazu auch, dass A und B disjunkt sind.

Sind A und B nicht disjunkt, dann haben wir es mit einem Fall wie diesem zu tun,
der aus didaktischen Gründen absichtlich redundant aufgeschrieben wurde:

{1, 2, 3, 4, 5} ∪ {4, 5, 6, 7} = {1, 2, 3, 4, 4, 5, 5, 6, 7} = {1, 2, 3, 4, 5, 6, 7}

Würden wir die Mächtigkeiten der beiden Mengen, die vereinigt werden, einfach
addieren, so würden wir die Elemente, die in beiden Mengen vorkommen, „doppelt
zählen“. (Im Beispiel wären das also die Zahlen 4 und 5.) Um das zu korrigieren,
müssen wir die wieder abziehen:

Lemma 4.1 Für beliebige endliche Mengen A und B gilt |A ∪ B | = |A| + |B | − |A ∩ B |.

Beachten Sie, dass dieses Lemma den vorab behandelten Spezialfall zweier dis-
junkter Mengen umfasst, denn für die gilt |A ∩ B | = 0.

Aufgabe 4.2. Machen Sie sich mit einem Mengendiagramm klar, dass die Aussage von
Lemma 4.1 korrekt ist.

Bei der Vereinigung zweier Mengen behält man eventuell auch ohne Mengendia-
gramm den Überblick. Spätestens bei drei Mengen ist es jedoch hilfreich, wenn
man grafisch an die Sache herangeht. Hier ein Beispiel für die folgenden drei
Mengen:

A = {1, 2, 3, 4, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12}

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4. Abzählende Kombinatorik 47

B = {1, 2, 3, 4, 5, 13, 14, 15}


C = {1, 2, 5, 6, 7, 8, 16, 17}

B
15
14
A
3
13 4
12

5 1
11
10
2

7 9
6
17 8

C 16

Überzeugen Sie sich anhand der Skizze, dass die folgende Überlegung korrekt ist:
Wenn wir die Elemente in jeder Menge separat zählen, dann werden die Elemente
im Durchschnitt A ∩ B doppelt gezählt und müssen daher (wie in Lemma 4.1)
abgezogen werden. Das gilt natürlich auch für A ∩ C und B ∩ C . Die Elemente, die
im gemeinsamen Schritt A ∩ B ∩ C aller drei Mengen liegen, werden dann jedoch
erst dreimal gezählt und dann dreimal abgezogen. Darum müssen sie zur Korrektur
am Ende noch einmal gezählt werden. Wenn man das sauber aufschreibt, erhält
man den folgenden Satz, den man das Inklusions-Exklusions-Prinzip (für drei Inklusions-Exklusions-
Prinzip
Mengen) nennt.

Inklusions-Exklusions-Prinzip für drei Mengen Satz 4.2


Für beliebige endliche Mengen A, B und C gilt

|A ∪ B ∪C | = |A| + |B | + |C | − |A ∩ B | − |A ∩C | − |B ∩C | + |A ∩ B ∩C |.

Aufgabe 4.3. In einem kleinen Dorf gibt es den Fußball-, den Kleingärtner- und den
Kaninchenzüchterverein, die 98, 76 bzw. 55 Mitglieder haben. Bis auf den alten Son-
derling Albert ist jeder Einwohner des Dorfes Mitglied in mindestens einem dieser
Vereine. Sieben Mitglieder des Fußballvereins sind auch Kleingärtner, fünf Mitglie-
der des Kleingärtnervereins sind gleichzeitig Kaninchenzüchter und ebenfalls fünf
Kaninchenzüchter spielen auch im Fußballverein mit. Die Bürgermeisterin und ihr
Ehemann sind die einzigen Personen im Dorf, die Mitglieder in allen drei Vereinen
sind. Wie viele Menschen leben in diesem Dorf?

Aufgabe 4.4. Wenn Sie Satz 4.2 verstanden haben, sollte es Ihnen nicht schwerfallen,
eine entsprechende Formel für vier Mengen aufzuschreiben.

Aufgabe 4.5. A, B und C sind Mengen, die jeweils 30 Elemente haben. A ∩ B hat fünf
Elemente, A ∩ C hat sechs Elemente. Ferner sind A ∩ B und A ∩ C disjunkt und es gilt
|A ∪ B ∪C | = 70. Wie viele Elemente hat B ∩C ?

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48 Elementare Kombinatorik

Aufgabe 4.6. Berechnen Sie mithilfe des Inklusions-Exklusions-Prinzips, wie viele


natürliche Zahlen es gibt, die kleiner als 100 und weder durch 2 noch durch 3 noch
durch 5 teilbar sind.

Weitere Aufgaben zum Inklusions-Exklusions-Prinzip finden Sie am Ende dieses


Abschnitts ab Seite 58.

Permutationen

Da wir für die nächsten Schritte eine bestimmte Sorte Mengen öfter brauchen
werden, definieren wir die Abkürzung16

[n] = { k ∈ N : 1 ≤ k ≤ n } = {1, . . . , n}.

[n] für n ∈ N.

Aufgabe 4.7. Verständnisfrage: Welche Mengen sind nach dieser Definition mit [0]
und [π] gemeint?

Wir wollen uns nun überlegen, auf wie viele Arten man eine vorgegebene Men-
ge X von Objekten sortieren kann.17 Das kann man mit Tupeln ausdrücken. Ist X
beispielsweise die Menge {7, 23, 42}, dann erhalten wir

{(7, 23, 42), (7, 42, 23), (23, 7, 42), (23, 42, 7), (42, 7, 23), (42, 23, 7)}

Permutationen als Menge aller möglichen Anordnungen von X , die wir die Permutationen von X
nennen. Hat X allgemein n Elemente, dann sind die Permutationen von X also
alle n-Tupel, deren Komponenten genau die Elemente von X sind. Die Menge PX
aller Permutationen von X sieht demnach so aus:

PX PX = { (a 1 , . . . , a |X | ) : {a 1 , . . . , a |X | } = X }

Aufgabe 4.8. Stellen Sie sicher, dass Sie die Definition von PX verstanden haben, in-
dem Sie sie für eine konkrete (kleine) Menge X durchgehen.

Aufgabe 4.9. Wie sieht P ; aus?

Uns interessiert die Mächtigkeit von PX . Offenbar kommt es dabei nur auf die
Mächtigkeit von X und nicht auf den Inhalt dieser Menge an.18 Es reicht somit,
16 Obwohl es ähnlich aussieht, hat diese Schreibweise nichts mit den Intervallen zu tun, die Sie aus

der Schule kennen. Da stehen zwischen den eckigen Klammern immer zwei Zahlen und es geht um
Mengen von reellen Zahlen. Wir kommen später noch auf Intervalle zurück.
17 Im Rest des Kapitels wird es immer um endliche Mengen gehen. Darum wird das im Folgenden

nicht immer explizit erwähnt werden.


18 Mit anderen Worten: Es gibt genauso viele Permutationen von {0, −4, π} wie es Permutationen

von {1, 2, 3} gibt.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


4. Abzählende Kombinatorik 49

wenn wir uns auf Mengen der Form Pn = P [n] konzentrieren,19 deren Mächtigkeit Pn
wir mit p n = |Pn | bezeichnen. Einfache Beispiele sind pn

P 0 = {()},
P 1 = {(1)},
P 2 = {(1, 2), (2, 1)} und
P 3 = {(1, 2, 3), (1, 3, 2), (2, 1, 3), (2, 3, 1), (3, 1, 2), (3, 2, 1)},

woraus wir p 0 = 1, p 1 = 1, p 2 = 2 und p 3 = 6 schließen können.

Aufgabe 4.10. Schreiben Sie alle Elemente von P 4 auf. Wie viele sind es?

Wenn Sie die letzte Aufgabe bearbeitet haben, dann sollten Sie auf p 4 = 24 ge-
kommen sein. Für n = 4 ist das schon recht mühsam und für größere Zahlen erst
recht. Einfacher ist es, systematisch vorzugehen. Wie stellt man beispielsweise
sicher, dass man alle Elemente von P 3 erhält?20 Jede der Zahlen 1 bis 3 kann vorne
stehen. Und nachdem man sich für eine von denen entschieden hat, können die
restlichen beiden dahinter irgendwie angeordnet werden. Dafür gibt es jeweils p 2
Möglichkeiten. Das macht insgesamt 3 · p 2 Permutationen von [3]. Bei P 4 läuft es
ebenso. Jede der vier Zahlen 1 bis 4 kann vorne stehen und es bleiben jeweils drei
Zahlen dahinter, die man auf p 3 verschiedene Arten anordnen kann, wodurch sich
insgesamt 4 · p 3 Möglichkeiten ergeben. Verallgemeinert man das, so erhält man
immer (n +1)·p n Permutationen von [n +1]. Mithilfe der aus der Schule bekannten
Fakultät n! = 1 · 2 · · · · · n sieht das folgendermaßen aus: Fakultät n!

p 0 = 1 = 0!,
p 1 = 1 · p 0 = 1 · 0! = 1!,
p 2 = 2 · p 1 = 2 · 1! = 2!,
p 3 = 3 · p 2 = 3 · 2! = 3! und so weiter.

Wir haben damit, zumindest informell, diese Aussage bewiesen:

Anzahl der Permutationen Satz 4.3


Gilt |X | = n, so gibt es n! Permutationen von X , d. h., PX hat n! Elemente.

Als Nächstes gehen wir einen Schritt weiter und schauen uns Anordnungen von Ob-
jekten an, die nicht unbedingt alle verschieden sind. Man kann dazu ebenfalls mit
Tupeln arbeiten und sich beispielsweise fragen, auf wie viele Arten man (1, 1, 1, 2, 2)
umsortieren kann. Mit etwas Rumprobieren kommt man auf zehn Möglichkeiten:

(1, 1, 1, 2, 2), (1, 1, 2, 1, 2), (1, 1, 2, 2, 1), (1, 2, 1, 1, 2), (1, 2, 1, 2, 1),
19 Eine typische „Abkürzung“, mit der man nicht viel Schreibarbeit spart, die aber die Ausdrucks-

weise etwas prägnanter macht.


20 Speziell für diesen Abschnitt werden Sie in den am Rande verlinkten Videos teilweise aufwendi-

gere Grafiken als hier im Skript finden, die hoffentlich helfen, falls etwas unklar ist.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


50 Elementare Kombinatorik

(1, 2, 2, 1, 1), (2, 1, 1, 1, 2), (2, 1, 1, 2, 1), (2, 1, 2, 1, 1), (2, 2, 1, 1, 1)

Wie kann man das systematisieren, um auf eine Formel zu kommen? Wären alle
fünf Komponenten verschieden gewesen, dann hätte es 5!, also 120 Permutatio-
nen gegeben. Wir können das „simulieren“, in dem wir die zunächst die Einsen
durch Farben künstlich unterscheidbar machen. Dann erhalten wir z. B. die sechs
Permutationen

(1, 1, 1, 2, 2), (1, 1, 1, 2, 2), (1, 1, 1, 2, 2),


(1, 1, 1, 2, 2), (1, 1, 1, 2, 2), (1, 1, 1, 2, 2),

die ohne Färbung für uns alle gleich aussehen und zu der einen (1, 1, 1, 2, 2) „ver-
schmelzen“. Warum sind es sechs? Weil es 3! = 6 Permutationen der drei unter-
schiedlich gefärbten Einsen gibt. Für jeden dieser sechs Fälle gibt es aber jeweils
noch 2! = 2 Varianten, wenn wir auch noch die Zweien färben. Aus (1, 1, 1, 2, 2)
werden dann (1, 1, 1, 2, 2) und (1, 1, 1, 2, 2), so dass wir auf diese Art insgesamt 3! · 2!
„bunte Versionen“ des Tupels (1, 1, 1, 2, 2) erhalten. Rechnet man nun „rückwärts“,
so wird klar, dass sich die Zahl zehn von oben dadurch ergibt, dass wir die 120
„theoretisch möglichen“ Permutationen durch 3! · 2! = 12 dividieren müssen.
Permutationen mit Man spricht in so einem Fall von Permutationen mit Wiederholungen. Wie schrei-
Wiederholungen
ben wir das korrekt und konzis auf? Da die möglichen Dopplungen eine zentrale
Rolle spielen, müssen wir mit Tupeln statt mit Mengen arbeiten. Die Menge der
möglichen Umordnungen eines Tupels (b 1 , . . . , b n ) kann man so aufschreiben:

P (b1 ,...,bn ) P (b1 ,...,bn ) = { (b a1 , . . . , b an ) : (a 1 , . . . , a n ) ∈ Pn }

Aufgabe 4.11. Können Sie mit Ihren eigenen Worten beschreiben, wie diese mengen-
theoretische Definition „funktioniert“?

Die obigen Überlegungen zum Umsortieren von (1, 1, 1, 2, 2) haben Sie hoffentlich
überzeugt, dass der folgenden Satz wahr ist.

Satz 4.4 Anzahl der Permutationen mit Wiederholungen


Sei (b 1 , . . . , b n ) ein Tupel mit r verschiedenen Komponenten, also |{b 1 , . . . , b n }| =
r . Nennt man diese unterschiedlichen Objekte a 1 bis a r , so soll a i k i -mal im
Tupel auftreten, d. h. {b 1 , . . . , b n } = {a 1 , . . . , a r } und |{ j ∈ [n] : b j = a i }| = k i für
i = 1, . . . , r . Dann gilt

n!
|P (b1 ,...,bn ) | = .
k1 ! k2 ! · · · kr !

Leider lässt sich dieser Satz nicht wesentlich einfacher formulieren. Haben Sie
seine Aussage verstanden?

Aufgabe 4.12. „Übersetzen“ Sie das konkrete Beispiel (1, 1, 1, 2, 2) in die allgemeine
Formulierung von Satz 4.4. Welche Werte haben n, r , b 2 und so weiter?

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4. Abzählende Kombinatorik 51

Aufgabe 4.13. Wie viele Permutationen hat (2, 3, 2, 3, 7, 2, 2)?

Aufgabe 4.14. Satz 4.4 ist eine Verallgemeinerung von Satz 4.3 in dem Sinne, dass man
Satz 4.3 eigentlich vergessen kann, wenn man Satz 4.4 kennt. Wie ist das gemeint?

Der Ausdruck, der in Satz 4.4 vorkommt, hat in der Mathematik einen Namen. Wir
werden ihn nicht verwenden, aber der Vollständigkeit halber notieren wir ihn.

Sind k 1 bis k r und n natürliche Zahlen mit k 1 + · · · + k r = n, dann nennt man Definition
die Zahl
à !
n n!
=
k1 , . . . , kr k1 ! · · · kr !

den Multinomialkoeffizienten dieser Zahlen.

In gewissem Sinne ist die Zahl n in dieser Definition überflüssig, weil sie zwangs-
läufig die Summe der Zahlen k 1 bis k r sein muss. Für den fehlerfreien Umgang
mit solchen Berechnungen ist diese Beobachtung allerdings ganz hilfreich: Wenn
Sie Permutationen mit Wiederholungen ausrechnen, dann sollten Sie vorsichts-
halber auch die Komponenten in die Berechnung einbeziehen, die nur einmal
auftreten, obwohl der Term 1! eigentlich nichts ändert. In der Lösung von Aufga-
be 4.13 sieht man beispielsweise, dass die Zahlen 4, 2 und 1, die im Nenner vor den
Ausrufezeichen stehen, in der Summe die Zahl n = 7 ergeben.

Variationen
Bei den Permutationen ging es darum, dass wir eine feste Sequenz von Objek-
ten hatten und uns fragten, auf wie viele Arten wir sie umsortieren können. Jetzt
erweitern wir die Fragestellung etwas und lassen zu, dass wir die Objekte, deren
mögliche Sortierungen uns interessieren, erst aus einem gewissen Vorrat auswäh-
len. Das ist zwar eine allgemeinere Frage, aber die Antwort wird dadurch leichter
werden.

Fangen wir mit einer Menge X der Mächtigkeit n an und fragen uns, wie viele
k-Tupel es geben kann, bei denen die Komponenten Elemente von X und alle
verschieden sind. (Offensichtlich ergibt diese Frage nur Sinn, wenn k ≤ n gilt.) Uns
interessiert die Mächtigkeit der Menge

V X ,k = { (x 1 , . . . , x k ) ∈ X k : |{x 1 , . . . , x k }| = k } V X ,k

und man spricht in diesem Fall von Variationen.21 Variationen

Auch hier reicht hoffentlich ein Beispiel, um Sie davon überzeugen, dass es ein
allgemeines Prinzip gibt, das die Frage beantwortet. Wie kann man systematisch
21 In der Stochastik nennt man Variationen auch Stichproben oder in diesem Fall präziser Stichpro-

ben ohne Zurücklegen unter Berücksichtigung der Reihenfolge. Stellen Sie sich ein Experiment vor,
bei dem nacheinander k „Dinge“ aus der Menge X entnommen und notiert werden. Das Versuchs-
protokoll ist dann ein Element von V X ,k .

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52 Elementare Kombinatorik

die Elemente von V[7],3 erzeugen? Ein Element dieser Menge ist ein 3-Tupel und hat
drei Komponenten. Für die erste Komponente kann man ein beliebiges Element
von [7] auswählen und dafür gibt es sieben Möglichkeiten. Nachdem man diese
Wahl getroffen hat, verbleiben für die zweite Komponente jedoch nur noch sechs
Alternativen, weil die Komponenten alle verschieden sein sollen. Und für die dritte
Komponente hat man entsprechend nur noch fünf Möglichkeiten, weil die beiden
vorher gewählten Elemente von X nicht erneut auftauchen dürfen. Anders ausge-
drückt enthält V[7],3 fünf Tripel der Form (2, 6, n), denn n muss eine der Zahlen 1,
3, 4, 5 oder 7 sein. Und es gibt in dieser Menge 6 · 5 = 30 Tupel der Form (2, m, n).
Insgesamt gibt es 7 · 6 · 5 = 210 Variationen dieser Art. Verallgemeinert wird daraus:

Satz 4.5 Anzahl der Variationen


Unter der Voraussetzung |X | = n ≥ k hat die Menge V X ,k die Mächtigkeit

n!
n · (n − 1) · (n − 2) · · · · · (n − k + 1) = .
(n − k)!

Zu der sich ergebenden Formel sind noch ein paar Anmerkungen angebracht. Ers-
tens sollten Sie sich klarmachen, dass dort wirklich „plus eins“ stehen muss. Wenn
man das vergisst, dann ist das ein Beispiel für den auch beim Programmieren sehr
„beliebten“ Off-by-one-Error. (Zählen Sie nach: Es müssen k Faktoren sein.) Zwei-
tens ist der Ausdruck rechts mit den beiden Fakultäten kürzer und für theoretische
Überlegungen evtl. besser geeignet, aber für das Rechnen von Hand sollte man den
linken Term verwenden. Drittens wird n!/(n − k)! in manchen Büchern als n k oder
fallende Faktorielle (n)k geschrieben und als fallende Faktorielle bezeichnet. Und viertens verbirgt sich
nk (n)k
die entsprechende Funktion auf Taschenrechnern häufig hinter der Taste nPr ,
wobei der Buchstabe P für das Wort permutation steht, denn Variationen nennt
man im Englischen auch k-permutations.

Aufgabe 4.15. Überzeugen Sie sich anhand von Beispielen, dass die beiden Ausdrücke
in Satz 4.5 tatsächlich denselben Wert beschreiben. (Nicht einfach alles glauben!)

Aufgabe 4.16. Wie viele Elemente hat V[8],5 ?

Aufgabe 4.17. Wie viele dreistellige natürliche Zahlen gibt es, bei denen alle Ziffern
verschieden sind? (Es geht natürlich um die Darstellung im Dezimalsystem, also um
Zahlen wie 123 oder 813. Zahlen wie 42 oder 7 sind keine dreistelligen Zahlen.)

Variationen mit Der Vollständigkeit erwähnen wir auch noch Variationen mit Wiederholungen.
Wiederholungen
Da geht es darum, wie viele k-Tupel man bilden kann, wenn die Komponenten
beliebige Elemente einer vorgegebenen Menge X sein dürfen, also darum, welche
Mächtigkeit X k hat. Diese Frage haben wir im Prinzip schon beantwortet und
können daher einfach die Antwort festhalten:

Satz 4.6 Anzahl der Variationen mit Wiederholungen


Für alle endlichen Mengen X gilt |X k | = |X |k .

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4. Abzählende Kombinatorik 53

Aufgabe 4.18. Auf welcher Aussage aus diesem Kapitel basiert Satz 4.6?

Kombinationen
Bei den Permutationen hatten wir ein vorgegebenes Tupel und fragten uns, auf wie
viele Arten man es umsortieren kann. Bei Variationen ging es auch um Tupel, die
allerdings zunächst „bestückt“ wurden, d. h., wir konnten sozusagen auswählen. In
beiden Fällen war die Reihenfolge relevant. Nun schauen wir uns den Fall an, dass
wir zwar auswählen, uns die Reihenfolge jedoch nicht interessiert. Das bedeutet
technisch einen Wechsel von Tupeln zu Mengen: Wie viele k-elementige Teilmen-
gen hat eine Menge X ? (X muss natürlich mindestens k Elemente haben, damit die
Frage einen Sinn ergibt.) In der Kombinatorik spricht man von Kombinationen.22 Kombinationen

Zum Glück haben wir in den vorherigen Abschnitten die wesentliche Vorarbeit
bereits geleistet. Nehmen wir als Beispiel X = [7] und k = 3. Eine 3-elementige Teil-
menge von X ist A = {2, 5, 7}. Wir können A durch das Tripel (2, 5, 7) repräsentieren,
aber z. B. auch durch (5, 2, 7). Wie viele solche Tripel gibt es, deren Komponenten
genau die Elemente von A sind? Die Frage beantwortet Satz 4.3: Es sind 3!. Und
wie viele Tripel gibt es, die 3-elementigen Teilmengen von X entsprechen? Diese
Antwort liefert Satz 4.5: Es sind 7!/(7 − 3)!. Wir müssen nur noch diese Zahl durch 3!
teilen und das war’s. Bevor wir daraus eine allgemeine Aussage machen, definieren
wir noch ein paar praktische Begriffe.

Für natürliche Zahlen k und Mengen X verwenden wir die Abkürzungen Definition

P k (X ) = { Y ∈ P (X ) : |Y | = k },
P <k (X ) = { Y ∈ P (X ) : |Y | < k } und
P ≤k (X ) = { Y ∈ P (X ) : |Y | ≤ k }.

Das hier sollten Sie aus der Schule noch kennen:

Für n, k ∈ N mit n ≥ k definieren wir den Binomialkoeffizienten durch Definition


à !
n n!
= .
k k! (n − k)!

Man liest das als „n über k“. Im Englischen sagt man „n choose k“ und deswegen
ist nCr oft die Taschenrechnertaste für den Binomialkoeffizienten.

Wir können die Konsequenz der obigen Vorüberlegungen nun kurz und knapp als
Satz formulieren:23

22 Und in der Stochastik nennt man so etwas eine ungeordnete Stichprobe.


23Wegen dieses Satzes ist mancherorts auch die Schreibweise X für P (X ) üblich.
¡ ¢
k k

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54 Elementare Kombinatorik

Satz 4.7 Anzahl der Kombinationen à !


n
Mit |X | = n ≥ k gilt |P k (X )| = .
k

Wie Sie sich vielleicht schon gedacht haben, fehlen noch Kombinationen mit
Wiederholungen. Dazu überlegen wir uns zunächst eine andere Methode, Kombi-
nationen darzustellen, die auch für die Informatik relevant ist:

Jede Teilmenge A von [n] können wir als n-Tupel repräsentieren, dessen Kom-
ponenten nur Nullen und Einsen sind, wenn wir es so interpretieren, dass eine
Eins als i -te Komponente für i ∈ A steht, während eine Null an dieser Stelle i ∉ A
bedeutet. In diesem Sinn steht (0, 1, 0, 0, 1, 0, 1) für die Teilmenge {2, 5, 7} von [7].
Das ergibt insbesondere:
à !
Korollar 4.8 n n
Mit |X | = n ≥ k gilt |{ (x 1 , . . . , x n ) ∈ {0, 1} : x 1 + · · · + x n = k }| = .
k

Aufgabe 4.19. Mithilfe von Satz 4.6 erhalten wir durch diese Darstellung einen alter-
nativen Beweis für Satz 3.1. Nämlich wie?

Aufgabe 4.20. Was kommt heraus, wenn man die Summe


à ! à ! à ! à ! à !
n n n n n
+ + +···+ +
0 1 2 n −1 n

berechnet? (Hinweis: Satz 4.7.)

Aufgabe 4.21. Wie viele Elemente hat die Menge

{ (x 1 , . . . , x k ) ∈ X k : x 1 < x 2 < · · · < x k },

wenn |X | = n ≥ k gilt?

Kombinationen mit Nun aber zu den Kombinationen mit Wiederholungen. Bei denen soll es darum ge-
Wiederholungen
hen, Elemente aus einer Menge auszuwählen, ohne auf die Reihenfolge zu achten.
Der Zusatz mit Wiederholungen bedeutet, dass wir Elemente auch mehrfach ent-
nehmen dürfen. Wir erweitern dafür die „0-1-Schreibweise“ aus Korollar 4.8 und
betrachten Tupel, deren Komponenten beliebige natürliche Zahlen sein können.
Eine Zahl r als i -te Komponente soll dann bedeuten, dass das Element i r -mal
entnommen wurde. Wir wollen wissen, welche Mächtigkeit die Menge

C n,k C n,k = { (x 1 , . . . , x n ) ∈ Nn : x 1 + · · · + x n = k }

hat; wie viele Möglichkeiten es also gibt, k-mal ein Element von [n] auszuwählen,
wenn die Reihenfolge irrelevant ist. Da wir die Elemente nach dem Auswählen
wieder „zurücklegen“, kann k dabei ruhig größer als n sein.

Während die bisherigen kombinatorischen Formeln vergleichsweise naheliegend


waren, verwenden wir für die Herleitung in diesem Fall einen cleveren Trick, der

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


4. Abzählende Kombinatorik 55

zwar einfach zu verstehen ist, auf den man aber erst einmal kommen muss. Er
ist gleichzeitig ein gutes Beispiel dafür, dass man in der Mathematik oft anstrebt,
ein neues Problem auf ein bereits bekanntes zurückzuführen, um sich Arbeit zu
ersparen.24

Nehmen wir als Beispiel n = 4 und k = 6. Einige Elemente von C 4,6 sehen so aus:

(x 1 , . . . , x 4 ) x1 x2 x3 x4
(1, 1, 4, 0) 1 1 4 0
(2, 0, 3, 1) 2 0 3 1
(1, 1, 2, 2) 1 1 2 2
(0, 0, 1, 5) 0 0 1 5

Der besagte Trick ist nun, die Tabelle als „Strichliste“ aufzuschreiben. Zahlen
stellen wir durch eine entsprechende Anzahl von Kreuzen dar (also × × × statt 3),
die Tabellenspalten trennen wir durch senkrechte Striche:
× | × | × × × × |
× × | | × × × | ×
× | × | × × | × ×
| | × | × × × × ×
Nach kurzem Nachdenken sollte klar sein, dass man zu jedem Eintrag aus C 4,6
so einen „Code“ erstellen kann und dass sich aus dem das ursprüngliche Tupel
eindeutig wieder rekonstruieren lässt. Die Anzahl der Kreuze ist dabei immer 6
und man kommt immer mit 3 Strichen aus (einem weniger als der Mächtigkeit 4
der Grundmenge), weil die Striche zwischen den Spalten ausreichen. Um die
Mächtigkeit von C 4,6 zu bestimmen, können wir somit alternativ herausfinden, wie
viele „Kreuz-Strich-Zeilen“ sich nach diesen Regeln bilden lassen. Das wissen wir
aber schon, denn dafür können wir einfach Satz 4.4 verwenden. Die Antwort ist
9!/(3! 6!) = 84. Verallgemeinert sieht das so aus:

Anzahl der Kombinationen mit Wiederholungen


à ! Satz 4.9
(n − 1 + k)! n +k −1
Die Menge C n,k hat = Elemente.
(n − 1)! k! k

Man kann eine Auswahl wie (2, 0, 3, 1) aus der Menge {1, 2, 3, 4} übrigens auch als
eine mengenähnliche Struktur interpretieren, in der Elemente mehr als einmal vor-
kommen können. Dafür sind Schreibweisen wie {|1, 1, 3, 3, 3, 4|} oder {1, 1, 3, 3, 3, 4}b
gebräuchlich25 und man spricht dann von Multimengen. Für die in Satz 4.9 berech- Multimenge
nete Anzahl der k-elementigen „Multiteilmengen“ einer n-elementigen Menge
schreibt man in diesem Zusammenhang auch nk . Für die Informatik spielen
¡¡ ¢¢

Multimengen als Datenstrukturen eine Rolle, aber wir werden das nicht weiter
verfolgen.
24 Das haben wir bereits beim Abzählen der Kombinationen ohne Wiederholungen gemacht, indem

wir es auf „Variationen geteilt durch Permutationen“ zurückführten.


25 Der Buchstabe b steht für das englische Wort bag.

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56 Elementare Kombinatorik

Resümee
Den Begriff Kombinatorik prägte Gottfried Wilhelm Leibniz 1666, als er sich – in
dem Büchlein Dissertatio de arte combinatoria – mit Permutationen beschäftigte.
Was wir bisher gesehen haben, sind nur die Grundlagen der sogenannten abzählen-
den Kombinatorik. Dieser „klassische“ Teil der Kombinatorik war im Wesentlichen
bereits im 17. Jahrhundert bekannt und wurde ursprünglich für die Untersuchung
der Wahrscheinlichkeiten bei Glücksspielen entwickelt. Einer der Pioniere in die-
sem Bereich war, bereits vor Leibniz, der Franzose Blaise Pascal.

Auch über 300 Jahre später spielt die Kombinatorik als Teildisziplin der Mathematik
allerdings immer noch eine gewissen Außenseiterrolle gegenüber den dominanten
Bereichen Algebra, Geometrie und Analysis. Gleichzeitig hat ihre Bedeutung für
die Anwendung – z. B. in der Informatik – in den letzten Jahrzehnten immer weiter
zugenommen. Für uns soll es aber fürs Erste reichen.

Die folgende Tabelle kann vielleicht als informelle Gedächtnisstütze für die letzten
drei Abschnitte dienen.

ohne Wdh. mit Wdh.


Permutationen (1, 2, 3, 4, 5) → (3, 2, 4, 5, 1) (1, 2, 2, 3, 3) → (3, 2, 2, 1, 3)
Variationen {1, 2, 3, 4, 5} → (3, 2, 5) {1, 2, 3, 4} → (3, 2, 2, 4, 3)
Kombinationen {1, 2, 3, 4, 5} → {2, 3, 5} {1, 2, 3, 4} → {|1, 1, 2, 3, 3, 3|}

Es ist allerdings eine Sache, die abstrakten kombinatorischen Überlegungen aus


den letzten Abschnitten zu verstehen. Eine ganz andere ist die Fähigkeit, diese
Überlegungen auf konkrete Probleme anzuwenden. Dazu muss man realisieren,
wann und in welcher Form die gerade analysierten Tätigkeiten des Auswählens
und Sortierens in Anwendungsfragen auftauchen und wie sie sich in die Sprache
der Mathematik übersetzen lassen. Die folgenden Aufgaben sollen Ihnen helfen,
das zu üben.

Aufgabe 4.22. Kombinatorische Auswahl- und Anordnungsverfahren werden insbe-


sondere in der Stochastik gerne auch mit einem sogenannten Urnenmodell erklärt.
In einer Urne befinden sich Kugeln, die mit Zahlen beschriftet sind. Nun wird eines
der folgenden „Experimente“ durchgeführt, bei denen die Kugeln jeweils „blind“ der
Urne entnommen werden.
(i) Die Urne enthält für jede Zahl von 1 bis n genau eine Kugel. Es werden gleich-
zeitig k Kugeln entnommen und die Zahlen der entnommenen Kugeln werden
notiert.
(ii) Die Urne enthält für jede Zahl von 1 bis n (mindestens) k Kugeln. Es werden
nacheinander k Kugeln entnommen und die abgelesenen Zahlen werden in der
Reihenfolge der Entnahme notiert.
(iii) Die Urne enthält für jede Zahl von 1 bis n genau eine Kugel. Es werden nach-
einander k Kugeln entnommen und die abgelesenen Zahlen werden in der
Reihenfolge der Entnahme notiert.
(iv) Die Urne enthält n Kugeln mit natürlichen Zahlen. Es können jedoch evtl. man-
che Zahlen mehrfach vorkommen. Es werden nacheinander alle Kugeln ent-

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4. Abzählende Kombinatorik 57

nommen und die abgelesenen Zahlen werden in der Reihenfolge der Entnahme
notiert.
(v) Die Urne enthält für jede Zahl von 1 bis n genau eine Kugel. Es werden nach-
einander alle Kugeln entnommen und die abgelesenen Zahlen werden in der
Reihenfolge der Entnahme notiert.
(vi) Die Urne enthält für jede Zahl von 1 bis n (mindestens) k Kugeln. Es werden
gleichzeitig k Kugeln entnommen und die Zahlen der entnommenen Kugeln
werden zusammen mit ihrer Häufigkeit notiert.

Welches kombinatorische Verfahren wird jeweils beschrieben und wie berechnet man
in den einzelnen Fällen die Anzahl der möglichen Ausgänge des Experiments?

Aufgabe 4.23. Beim Pokern (Five Card Draw) erhält jeder Spieler am Anfang fünf von
insgesamt 52 Karten. Wie viele Möglichkeiten für so ein Blatt gibt es?

Aufgabe 4.24. Beim Spiel Mastermind legt ein Spieler zu Beginn einen vierstelligen
Farbcode fest, bei dem an jeder Position (Stelle) eine von sechs Farben stehen kann
und Farben auch mehrfach vorkommen können. Wie viele Möglichkeiten für diesen
Farbcode gibt es?

Aufgabe 4.25. An der Fakultät Mathematik der Universität Freedonia gibt es zwölf
Professoren. Besonders beliebt sind die Einzelbüros mit Fenstern nach Süden im
Elfenbeinturm. Davon gibt es jedoch nur fünf Stück. Wie viele Möglichkeiten hat
die Dekanin, diese fünf (übrigens sehr unterschiedlichen) Büros unter den zwölf
Mathematikern zu verteilen?

Aufgabe 4.26. Der feindliche Nachrichtendienst hat das Passwort der Geheimagen-
tin 042 fast geknackt. Mit cleveren statistischen Methoden hat man herausgefunden,
dass es aus elf Großbuchstaben besteht und dass exakt dieselben Zeichen wie in dem
Wort MISSISSIPPI verwendet werden. Dummerweise hat man keinerlei Anhaltspunkte
dafür, in welcher Reihenfolge die Buchstaben eingegeben werden müssen. Wie viele
Möglichkeiten müsste man durchprobieren, wenn man genügend Zeit hätte?

Aufgabe 4.27. Sie haben eine Muffin-Form, mit der Sie zwölf Muffins auf einmal ba-
cken können. Sie haben drei Sorten Teig angerührt – für Blaubeermuffins, für Kokos-
muffins und für Schokomuffins. Die Teigmengen würden jeweils reichen, um alle
zwölf Mulden zu füllen. Wie viele verschiedene Möglichkeiten gibt es, die Form zu
befüllen, wenn es Ihnen nur auf die Anzahl der Blaubeer-, Kokos- und Schokomuffins
ankommt?

Aufgabe 4.28. Beim Gummibärchen-Orakel werden aus einer vollen Tüte mit Gummi-
bärchen zufällig fünf Bärchen entnommen. Für die Aussage des Orakels ist nur die
Verteilung der Farben (z.B. zweimal rot, zweimal grün, einmal weiß), nicht jedoch die
Reihenfolge relevant. Wie viele verschiedene Ergebnisse sind möglich, wenn es fünf
Geschmacksrichtungen (also Farben) gibt?

Aufgabe 4.29. Der Kegelclub „Meinungsvielfalt“ plant einen Ausflug nach Hamburg.
Dabei sollen auf jeden Fall die folgenden fünf Sehenswürdigkeiten besichtigt werden:
Der alte Elbtunnel, Planten un Blomen, die Reeperbahn, die Elbphilharmonie sowie
der Kunst- und Mediencampus Finkenau. Leider besteht keine Einigkeit darüber,
in welcher Reihenfolge diese Orte besucht werden sollen. Jedes Clubmitglied darf

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58 Elementare Kombinatorik

daher drei Vorschläge für die Tour machen. Bei der Auszählung der Stimmen wird
dann allerdings festgestellt, dass alle Mitglieder tatsächlich drei Vorschläge abgegeben
haben und dass alle abgegebenen Vorschläge paarweise verschieden26 sind. Wie viele
Mitglieder kann der Club höchstens haben?

Aufgabe 4.30. Die Post in Taka-Tuka-Land benutzt zur Kennzeichnung der Postleit-
zahlen auf Briefen und Paketen Strichcodes, die immer aus genau sieben schwarzen
Strichen bestehen, die durch sechs identisch breite weiße Lücken getrennt sind. Jeder
der sieben Striche kann entweder breit oder schmal sein. Zwei mögliche Strichcodes
sehen also so aus:

Wie viele verschiedene Strichcodes dieser Art gibt es?

Sie haben alle Fragen korrekt beantwortet? Herzlichen Glückwunsch! Vergessen Sie
aber nicht, dass es immer auch Fälle wie Aufgabe 4.17 geben kann, bei denen nicht
einfach eine der sechs Formeln passt. Durch entsprechende Nebenbedingungen
kann jede Fragestellung noch etwas komplizierter werden. Dafür folgen nun noch
weitere Beispiele.

Aufgabe 4.31. Um die Arbeit der Lesegeräte aus Aufgabe 4.30 zu vereinfachen, werden
zwei Strichcodes als identisch angesehen, wenn sie sich nur durch die Lesereihen-
folge (von rechts nach links oder von links nach rechts) unterscheiden.27 Die beiden
Strichcodes in dem Bild von oben codieren also z. B. dieselbe Postleitzahl. Wie viele
verschiedene Postleitzahlen kann es in Taka-Tuka-Land höchstens geben?

Aufgabe 4.32. Wie ändert sich das Ergebnis von Aufgabe 4.27, wenn der Schokomuf-
finteig nur für maximal sechs Mulden reicht?

Aufgabe 4.33. Was wäre, wenn man bei Aufgabe 4.24 fordern würde, dass für den
Farbcode höchstens drei der sechs Farben verwendet werden dürfen?

Aufgabe 4.34. Bei einer Matheklausur gab es eine Aufgabe mit einer Multiple-Choice-
Frage und sechs Antwortkästchen. Beim Korrigieren der Klausur stellt der Professor
fest, dass tatsächlich alle Teilnehmer unterschiedliche Antworten abgegeben haben.
Allerdings gab es keinen, der alle sechs Kästchen angekreuzt hat, und auch keinen,
der gar kein Kästchen angekreuzt hat. Außerdem hat leider auch niemand die richtige
Lösung (die ersten fünf Kästchen) abgegeben. Wie viele Personen können maximal an
der Klausur teilgenommen haben?

paarweise 26 Das Adverb paarweise ist typischer „Mathematikerschnack“. An dieser Stelle ist es so gemeint,

dass immer dann, wenn man sich zwei Vorschläge (also ein Paar) herausgreift, sie verschieden sind.
Umgangssprachlich würde man einfach sagen, dass die Vorschläge alle unterschiedlich sind.
27 Mit anderen Worten: Zwei Strichcodes gelten als gleich, wenn sich der eine aus dem anderen

durch Drehung um 180 Grad ergibt. Alternativ können Sie sich das auch als Spiegelung am mittleren
schwarzen Strich vorstellen.

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4. Abzählende Kombinatorik 59

Aufgabe 4.35. Die folgende Abbildung zeigt fünf Beispiele für 3 × 3-Matrizen, die mit
schwarzen und weißen Pixeln gefärbt sind. Wie viele verschiedene Muster gibt es, bei
denen sowohl mindestens zwei Pixel schwarz als auch mindestens zwei Pixel weiß
sind?

Aufgabe 4.36. Wie viele verschiedene Zeichenketten der Länge 4, die mindestens ei-
ne der folgenden Bedingungen erfüllen, kann man aus den 8 Buchstaben A bis H
konstruieren?
(i) Der erste Buchstabe ist A.
(ii) Der zweite Buchstabe ist B.
(iii) Der dritte Buchstabe ist C.

Erlaubt sind also z.B. die Zeichenketten ADBH oder DBDH, aber auch AHCC oder ABCA.

Aufgabe 4.37. Stellen Sie sich selbst Aufgaben nach dem Muster von Aufgabe 4.36,
indem Sie beispielsweise die dritte Bedingung abändern und stattdessen eine der
folgenden Eigenschaften fordern:
– Die ersten beiden Buchstaben sind unterschiedlich.
– Die letzten beiden Buchstaben sind gleich.
– Alle vier Buchstaben sind verschieden.

⋆ Kombinatorik im Computer
P YTHON kann selbstverständlich die Fakultät berechnen:

from math import factorial


factorial(6)

Den Multinomialkoeffizienten kann man in einer Zeile programmieren:

from math import prod


multi = lambda L: factorial(sum(L))//prod(map(factorial, L))
multi([4,2,1])

Beachten Sie, dass die Summe, die hinter der Definition des Multinomialkoeffizi-
enten als „überflüssig“ bezeichnet wurde, hier nicht eingegeben wird.

Wenn Sie programmieren können, dann ist es eine hervorragende Übung, Funk-
tionen zu schreiben, die zu einer vorgegebenen Menge alle Permutationen, Varia-
tionen oder Kombinationen (mit oder ohne Wiederholungen) ausgeben können.
Dabei bietet sich oft die Technik der Rekursion an. Exemplarische Lösungen finden
Sie beispielsweise in Kapitel 17 des bereits erwähnten Buchs Konkrete Mathematik
(nicht nur) für Informatiker. Und in Kapitel 18 wird gezeigt, wie man diese durch
die Verwendung von Generatoren effizienter macht.

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60 Elementare Kombinatorik

Aber Sie müssen das natürlich nicht selbst schreiben, sondern können auch die
Funktionen verwenden, die bereits im „Lieferumfang“ enthalten sind:

from itertools import product, permutations, combinations, \


combinations_with_replacement
permutations((1,2,3)) # Permutationen
permutations((1,2,2,2)) # Permutationen mit Wiederholungen
permutations((1,2,3),2) # Variationen
product((1,2,3,4),repeat=2) # Variationen mit Wiederholungen
combinations((1,2,3,4),2) # Kombinationen
combinations_with_replacement((1,2,3,4),2) # Kombinationen mit W.

Diese Funktionen geben alle Iteratoren zurück. Um etwas zu sehen, kann man so
etwas wie set(permutations((1,2,3))) eingeben. Man muss auch nicht unbe-
dingt Tupel verwenden. combinations({1,2,3,4},2) würde z. B. auch funktio-
nieren.

Für Multimengen gibt es in P YTHON die Klasse Counter:

from collections import Counter


c = Counter(x1=2, x2=0, x3=3, x4=1)
sorted([Link]())

Manche Menschen verstehen übrigens nicht, wieso 0! den Wert 1 hat (obwohl man
z. B. bei der Formel für die Anzahl der Permutationen sieht, dass das gut passt).
Vielleicht überzeugt Sie die folgende kleine Funktion, die die Fakultät korrekt
berechnet:

def fact(n):
f = 1
while n > 0:
f = f * n
n = n - 1
return f

Die Zeile f=1 ist einerseits nötig, damit das Programm funktioniert, und gleichzei-
tig ist das der Rückgabewert für die Eingabe fact(0). 1 ist das, was herauskommt,
wenn man gar nicht multipliziert. Ist es nicht logisch, dass es nur so und nicht
leeres Produkt anders sein kann? Siehe dazu auch den Wikipedia-Artikel zum leeren Produkt.

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III
Relationen und Funktionen

Wir sind immer noch dabei, uns die grundlegenden Klassen von Objekten zu
erarbeiten, um die es in der Mathematik geht. Eine davon ist die der Funktionen,
die Sie aus der Schule bereits kennen, die wir aber in diesem Kapitel unter einem
etwas anderen Blickwinkel unter die Lupe nehmen werden. Vorher schauen wir
uns jedoch Relationen an, die man rein strukturell als Verallgemeinerung von
Funktionen betrachten kann, die aber inhaltlich eine ganz andere Bedeutung (um
nicht zu sagen: Funktion) haben.

5. Relationen
Wir fangen gleich mit einer Frage an:
Aufgabe 5.1. Was haben die vier Ausdrücke x ∈ { y n : n ∈ N }, x 2 + y 2 = 1, x ⊆ y und
x < y gemeinsam?

Eine Aussageform A(x, y) mit zwei Individuenvariablen x und y kann man so


interpretieren, dass sie eine Beziehung zwischen x und y ausdrückt: Ist A(x, y)
wahr, dann stehen x und y in einer bestimmten Beziehung zueinander; ist sie
falsch, dann tun sie das nicht. Solche Beziehungen werden wir in diesem Abschnitt
untersuchen. Man kann sie durch Mengen ausdrücken.

Eine Menge R von Paaren nennt man eine Relation.1 Für (x, y) ∈ R schreibt Definition
man in so einem Fall auch oft xR y. Ist R eine Teilmenge von A×B , dann spricht
man von einer Relation zwischen A und B . Ist R eine Teilmenge von A 2 , dann
spricht man von einer Relation auf A.

Aus der Aussageform x < y können wir also nun z. B. die Relation

R = { (x, y) ∈ R2 : x < y }
1 In manchen Situationen ist es sinnvoll, auch ganz allgemein Mengen von n-Tupeln als sogenann-

te n-stellige Relationen zu betrachten. Das brauchen wir aber nicht. In diesem Sinne beschäftigen
wir uns ausschließlich mit zweistelligen Relationen, lassen das Adjektiv zweistellig jedoch weg.

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62 Relationen und Funktionen

auf R machen. Und rein formal können wir uns vorstellen, dass wir es mit dieser
Menge R von Paaren zu tun haben, ohne zu wissen, wie sie definiert wurde. Wir
nehmen uns die Freiheit heraus, diese Menge mit dem Zeichen < statt mit einem
Buchstaben zu bezeichnen, und schreiben x < y als Abkürzung dafür, dass (x, y) zu
der Menge gehört. In diesem Sinne definiert die Menge die Relation – im konkreten
Kleiner-Relation Fall die sogenannte Kleiner-Relation.

Die vielleicht wichtigste Relation überhaupt ist die, für die wir das Gleichheitszei-
chen verwenden. Rein technisch erhalten wir für jede Menge eine andere Relation,
der wir einen eigenen Namen und gleich zwei Schreibweisen verpassen.

Definition Für jede Menge A definieren wir die Identität auf A als die Menge

id A = ∆ A = { (x, y) ∈ A 2 : x = y } = { (x, x) : x ∈ A }.

Aufgabe 5.2. Machen Sie sich klar, dass durch { (x, y) ∈ A 2 : x = y } und { (x, x) : x ∈ A }
tatsächlich dieselbe Menge beschrieben wird.

Relationen auf R kann man mithilfe des kartesischen Koordinatensystems visuali-


sieren, weil dann die Elemente der Relation (also die Paare) Punkten in der Ebene
entsprechen. Aus der Relation { (x, y) ∈ R : x 2 + y 2 = 1 } wird beispielsweise ein Kreis
Einheitskreis mit Radius 1 um den Ursprung, der sogenannte Einheitskreis.

Aufgabe 5.3. Wie sehen ∆R und die Kleiner-Relation aus?

Wir fangen jedoch zunächst mit „kleinen“ Relationen an: mit endlichen Mengen
von Paaren. Die haben den Vorteil, dass man sie besser überblicken kann. Au-
ßerdem bieten sie uns weitere Möglichkeiten der Visualisierung. Nehmen wir als
Beispiel die Menge A = [4] und die folgende Relation auf A:

R = {(1, 2), (2, 1), (2, 3), (2, 4), (3, 3), (4, 4)}

Man kann das übersichtlich als Tabelle darstellen:


1 2 3 4
1 ×
2 × × ×
3 ×
4 ×

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5. Relationen 63

Oder auch in der folgenden Form, die wohl selbsterklärend ist:2

2
4
1
3

Aufgabe 5.4. Erstellen Sie für die Relation { (x, M ) ∈ [3] × P ([3]) : x ∈ M } eine Tabelle.

Aufgabe 5.5. Zeichnen Sie für die Relation { (A, B ) ∈ P ([3])2 : A ⊂ B } einen gerichteten
Graphen.

Die Gleichheitsrelation, die wir unter dem Namen Identität formalisiert haben,
ist das Muster für eine große Klasse von Relationen, die in der Mathematik eine
zentrale Rolle spielen. Sie ahmen gleichsam drei wesentliche Eigenschaften der
Identität nach, die wir folgendermaßen formulieren können.
(i) Für alle a gilt a = a.
(ii) Aus a = b folgt b = a.
(iii) Aus a = c und c = b folgt a = b.

Diese Merkmale verallgemeinern wir nun und geben ihnen Namen.

Sei R eine Relation. R wird reflexiv auf A genannt, wenn das Paar (a, a) für Definition
alle a ∈ A ein Element von R ist. R wird symmetrisch genannt, wenn für alle
(a, b) ∈ R auch (b, a) ein Element von R ist. R wird transitiv genannt, wenn
aus (a, c) ∈ R und (c, b) ∈ R immer (a, b) ∈ R folgt.

Die Begriffe sind so definiert, dass die Identität sie zwangsläufig erfüllt. Für jede
Menge A ist id A offenbar reflexiv auf A, symmetrisch und transitiv.

Aufgabe 5.6. Fällt Ihnen außer id A noch eine andere Relation auf A ein, die garantiert
reflexiv auf A, symmetrisch und transitiv ist? Dabei soll A nach wie vor eine beliebige
Menge sein, über die Sie nichts weiter wissen. [Tipp: id A ist in dem Sinne minimal,
dass man von dieser Relation nichts mehr wegnehmen kann. Würde auch nur ein Paar
fehlen, wäre das Ergebnis nicht mehr reflexiv auf A. Überlegen Sie sich stattdessen,
wie eine besonders „große“ Relation aussehen würde.]

Aufgabe 5.7. Ist idN reflexiv auf Z?

Aufgabe 5.8. Ist der Einheitskreis, also die Relation E = { (x, y) ∈ R : x 2 + y 2 = 1 }, sym-
metrisch? Was bedeutet Symmetrie in Sinne unserer Definition geometrisch?

Aufgabe 5.9. Ist der Einheitskreis transitiv?

2 Man kann das als gerichteten Graphen interpretieren, dessen Ecken oder Knoten die Elemente

von A und dessen Kanten die Elemente von R sind. Das ist aber momentan nicht unser Thema.

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64 Relationen und Funktionen

Aufgabe 5.10. Sei L die Menge der 16 Bundesländer Deutschlands. Ist die Relation

{ (x, y) ∈ L 2 : x und y haben eine gemeinsame Grenze }

transitiv?

⋆Aufgabe 5.11. Wenn man eine Relation auf R als geometrische Figur in der Ebene
darstellt, dann ist sie offenbar genau dann reflexiv auf R, wenn die Hauptdiagonale Teil
der Figur ist. Was die Symmetrie geometrisch bedeutet, haben wir uns in Aufgabe 5.8
überlegt. Fällt Ihnen zur Transitivität von solchen Relationen auch eine geometrische
Entsprechung ein?

Aufgabe 5.12. Geben Sie bei den drei folgenden Relationen jeweils an, ob sie reflexiv
auf [4], symmetrisch und transitiv sind. Begründen Sie Ihre Antworten.

1 2 3 4 1 2 3 4 1 2 3 4
1 × × × 1 × × × 1 × ×
2 × × × 2 × × 2 ×
3 × × × 3 × × 3 ×
4 4 × × × 4 ×

Man kann auch etwas anders an die Sache herangehen, indem man die folgenden
Operationen für Relationen definiert.

Definition Ist R eine Relation, so definieren wir die Umkehrrelation zu R durch

R −1 = { (y, x) : (x, y) ∈ R }.

Sind R und S Relationen, so definieren wir deren Komposition durch

R ◦ S = { (x, y) : ∃z (xSz ∧ zR y) }.

R −1 entsteht ganz simpel dadurch, dass wir alle Paare „umdrehen“:

R = {(1, 2), (2, 7), (4, 4), (5, 6), (6, 5)}
−1
R = {(2, 1), (4, 4), (5, 6), (6, 5), (7, 2)}

Die Komposition ist ein bisschen komplizierter. Hier werden immer Paare aus
den beiden Relationen „verschmolzen“, wenn sie „zusammenpassen“. Dabei ist
die Reihenfolge gewöhnungsbedürftig, weil sie einem anfangs „falsch“ vorkommt.
Wieso wir es so machen, wird klar werden, wenn wir uns mit Funktionen befassen.3
Außerdem wird es durchaus passieren, dass Paare bei der Komposition entweder
keinen oder mehrere „Partner“ finden. Ein Beispiel, das nebenbei zeigt, dass die
Komposition nicht kommutativ ist:

R = {(2, 4), (5, 3), (5, 4)}


3 Und in manchen Büchern macht man es auch andersherum. Leider wieder so eine Sache, bei

der man beim Lesen aufpassen muss . . .

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5. Relationen 65

S = {(1, 2), (2, 7), (3, 5)}


R ◦ S = {(1, 4), (3, 3), (3, 4)}
S ◦ R = {(5, 5)}

Aufgabe 5.13. Wenn R die Kleiner-Relation { (x, y) ∈ R2 : x < y } ist, wie sieht dann R −1
in beschreibender Mengenschreibweise aus?

Aufgabe 5.14. Sei R = { (m, n) ∈ N+ ×N+ : 2m teilt n }. Wie sieht R ◦R in beschreibender


Mengenschreibweise aus?

Mithilfe der neuen Begriffe können wir die drei uns interessierenden Eigenschaften
von Relationen nun rein mengentheoretisch formulieren.

Sei R eine Relation auf A. Dann gilt: Satz 5.1


(i) R ist genau dann reflexiv auf A, wenn id A ⊆ R gilt.
(ii) R ist genau dann symmetrisch, wenn R −1 ⊆ R gilt.
(iii) R ist genau dann transitiv, wenn R ◦ R ⊆ R gilt.

Aufgabe 5.15. Ich erspare mir einen Beweis für Satz 5.1. Sie sollten sich jedoch klar-
machen, dass es da eigentlich nichts zu beweisen gibt, sondern dass es sich jeweils
nur um unterschiedliche Formulierungen desselben Sachverhalts handelt.

Äquivalenzrelationen

Wir sind jetzt endlich so weit, dass wir formulieren können, was mit „verhält sich
im Wesentlichen so wie die Gleichheitsrelation“ gemeint ist.

Eine Relation R auf A wird Äquivalenzrelation auf A genannt, wenn R reflexiv Definition
auf A, symmetrisch und transitiv ist.

Auf jeden Fall ist id A immer eine Äquivalenzrelation auf A. Das war ja auch der
Sinn der Definition. Außerdem hatten wir uns bereits in Aufgabe 5.6 überlegt, dass
A 2 auch immer eine Äquivalenzrelation auf A ist. Eine Mathematikerin würde
sagen, dass das „triviale“ Exemplare sind. Wäre das alles, dann wäre die Definition
ziemlich sinnlos. Es gibt jedoch unzählige weitere Beispiele. Davon schauen wir
uns nun ein paar an. Fangen wir in Anlehnung an Aufgabe 5.12 mit übersichtlichen
Tabellen an.
1 2 3 4 1 2 3 4 1 2 3 4
1 × × × 1 × × 1 × ×
2 × × × 2 × × 2 × ×
3 × × × 3 × × 3 × ×
4 × 4 × × 4 × ×

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


66 Relationen und Funktionen

Sie werden inzwischen geübt genug sein, um zu sehen, dass es sich in allen drei
Fällen um Äquivalenzrelationen handelt. Weitere Beispiele folgen in den Aufgaben.
Wir werden dabei übrigens öfter die Formulierung verwenden, dass durch eine
Aussageform A(x, y) eine Relation auf einer Menge M definiert wird. Gemeint ist
damit die Relation { (x, y) ∈ M 2 : A(x, y) }. (Wir kehren damit in gewissem Sinne zu-
rück zum Anfang des Abschnitts, in dem Relationen über Aussageformen motiviert
wurden.)

Quersumme Aufgabe 5.16. Die (dezimale) Quersumme q(n) einer natürlichen Zahl n ist die Sum-
me ihrer Ziffern (im Dezimalsystem), also ist z. B. q(945) = 18. Die einstellige oder
iterierte Quersumme Q(n) von n erhält man, indem man so lange die Quersumme bil-
det, bis das Ergebnis einstellig ist. Also ist z. B. Q(945) = q(18) = 9. Durch Q(m) = Q(n)
wird eine Relation ∼ auf N definiert. Handelt es sich um eine Äquivalenzrelation?

Aufgabe 5.17. Warum wird durch „x und y wurden am selben Wochentag geboren“
eine Äquivalenzrelation auf der Menge aller Einwohner Hamburgs definiert?

Aufgabe 5.18. Wird durch x−y ∈ Z eine Äquivalenzrelation auf R definiert? Was ändert
sich, wenn man Z durch N ersetzt?

Durch die Relation aus Aufgabe 5.17 werden die Einwohner Hamburgs in sieben
„Clubs“ aufgeteilt. Jeder gehört zu einem der Clubs, aber auch nur zu einem. Äqui-
valenzrelationen teilen ihre Grundmenge immer auf diese Art auf. Das wird nun
formalisiert.

Definition Sei R eine Äquivalenzrelation auf A. Für a ∈ A definieren wir die Äquivalenz-
klasse von a (bezüglich R) als4

[a]R = { b ∈ A : aRb }

und die Faktor- oder Quotientenmenge von A nach R durch

A/R = { [a]R : a ∈ A }.

Wegen der Reflexivität gilt offenbar immer a ∈ [a]R . Insbesondere ist damit jedes
Element von A Element einer Äquivalenzklasse. Außerdem sieht man leicht, dass
[a]R = [b]R dann und nur dann gilt, wenn aRb gilt, und dass unterschiedliche
Äquivalenzklassen disjunkt sein müssen. Letzteres impliziert, dass jedes Element
von A Element von genau einer Äquivalenzklasse ist.

Aufgabe 5.19. Wie sehen die Äquivalenzklassen und Faktormengen zu den drei durch
Tabellen definierten Relationen auf Seite 65 aus?

Aufgabe 5.20. Wie sehen die Äquivalenzklassen und Faktormengen zu den Äquiva-
lenzrelationen aus den Aufgaben 5.16 und 5.18 aus?

4 Nicht zu verwechseln mit der Notation [n] aus dem Kapitel über Kombinatorik!

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


5. Relationen 67

Das, was Äquivalenzrelationen mit ihrer Grundmenge machen, kann man auch
anders – unabhängig von Relationen – beschreiben. Dafür brauchen wir allerdings
noch ein paar Begriffe.

Ist A eine Menge von Mengen, dann definieren wir die Vereinigungsmenge Definition
von A als

A= M = { x : ∃M ∈ A x ∈ M }.
[ [
M ∈A

Ist A nicht leer,5 dann definieren wir außerdem die Schnittmenge von A als

A= M = { x : ∀M ∈ A x ∈ M }.
\ \
M ∈A

Wir haben es hier mit drei „Stufen“ zu tun: Objekte, Mengen von Objekten und
Mengen von solchen Mengen. Aus didaktischen Gründen verwenden wir in diesem
Abschnitt unterschiedliche Symbole für diese Stufen: Kleinbuchstaben, Großbuch-
staben und kalligraphische Buchstaben. Diese Unterscheidung werden wir jedoch
später wieder aufgeben.

x ist nach dieser Definition ein Element der Vereinigungsmenge A , wenn x


S

Element mindestens einer Menge aus A ist. Ist A endlich, so ergibt sich eigentlich
nichts Neues, z. B.
[
{A} = { x : ∃X ∈ {A} x ∈ X } = { x : x ∈ A } = A,
[
{A, B } = { x : ∃X ∈ {A, B } x ∈ X } = { x : x ∈ A ∨ x ∈ B } = A ∪ B,
[
{A, B,C } = { x : ∃X ∈ {A, B,C } x ∈ X }
= { x : x ∈ A ∨ x ∈ B ∨ x ∈ C } = A ∪ B ∪C

A sieht das analog ebenso aus.


T
und so weiter. Für die Schnittmenge

Interessant wird es erst, wenn A unendlich ist. Und dafür sollte man sich vielleicht
an Aufgabe 1.23 und den Absatz davor erinnern. In diesem Sinne kann man sich
Vereinigungs- und Schnittmenge informell als
[
{A 1 , A 2 , A 3 , . . . } = A 1 ∪ A 2 ∪ A 3 ∪ · · ·
\
{A 1 , A 2 , A 3 , . . . } = A 1 ∩ A 2 ∩ A 3 ∩ · · ·

vorstellen, obwohl dieser Vergleich etwas hinkt, weil erstens die rechten Seiten
dieser beiden „Gleichungen“ nicht definiert sind und weil zweitens die in der
obigen Definition auftretende Menge A nicht notwendig in der Form A 1 , A 2 und
so weiter „sortiert“ sein muss.6

5Würden wir T ; erlauben, so würden wir so etwas wie „die Menge aller Objekte“ erhalten. Das

führt auf einen der am Ende von Abschnitt 2 erwähnten Widersprüche.


6 Genauer: Sie muss nicht abzählbar sein.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


68 Relationen und Funktionen

Aufgabe 5.21. Sei A = { [n] : n ∈ N+ }. Geben Sie A und A an. Was ändert sich,
S T

wenn wir N+ durch N ersetzen?

Aufgabe 5.22. Sei A = { N \ {n} : n ∈ N }. Geben Sie A und A an.


S T

S
Aufgabe 5.23. Was ist ;?

Aufgabe 5.24. Dies ist quasi eine Fortsetzung von Aufgabe 2.13: Begründen Sie, warum
die beiden folgenden „Definitionen“ von Z mithilfe von N beide falsch (!) sind:
Z = { (n, −n) : n ∈ N }
Z = { {n, −n} : n ∈ N }
Wie könnte man die zweite Variante durch das Hinzufügen eines einzigen Symbols
„retten“?

Aufgabe 5.25. Fällt Ihnen eine Menge A mit den drei Eigenschaften R ∈ A , A ∈A
S

und A ∈ A ein? [Tipp: Probieren Sie mit einfachen Beispielen herum.]


T

Für eine Vereinigungsmenge wie in Aufgabe 5.21 werden wir in Zukunft auch
S
n∈N+ [n]
S
Schreibweisen wie n∈N+ [n] verwenden und analog auch für die Schnittmenge.
Das sollte hoffentlich selbsterklärend sein.

Definition Eine Menge P von Mengen wird Partition der Menge M genannt, wenn sie
die folgenden drei Bedingungen erfüllt:
(i) P = M
S

(ii) ; ∉ P
(iii) Die Elemente von P sind paarweise disjunkt, d. h., für A, B ∈ P mit
A ̸= B gilt A ∩ B = ;.

So etwas haben wir u. a. in der Lösung von Aufgabe 5.19 gesehen: {{1, 2, 3}, {4}} und
{{1, 2}, {3, 4}} und {{1, 3}, {2, 4}} sind drei Beispiele für Partitionen der Menge [4]. Die
bildliche Vorstellung, die Sie dabei haben sollten, ist die, dass eine Partition die
gegebene Menge in getrennte Gebiete aufteilt.

Aufgabe 5.26. Wie unterscheiden sich Partitionen in der Mathematik und Partitionen
in der Informatik?

Aufgabe 5.27. Welche der folgenden Mengen sind keine Partitionen von N? Geben Sie
in diesen Fällen jeweils ein konkretes Gegenbeispiel als Begründung an.
A = { {2n, 2n + 1, 2n + 2} : n ∈ N }
B = { {2n + 1, 2n + 2} : n ∈ N }
C = { { k ∈ N : 2n ≤ 3k < 2n+1 } : n ∈ N }
D = {{0}, {1}, N \ {0, 1}}

Äquivalenzklassen sind natürlich eine der Motivationen für den Begriff der Partiti-
on. Den angekündigten Zusammenhang können wir nun formulieren.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


5. Relationen 69

Für jede Menge A ̸= ; gilt: Satz 5.2


(i) Ist R eine Äquivalenzrelation auf A, dann ist A/R eine Partition von A.
Man nennt sie die von R induzierte Partition.
(ii) Ist P eine Partition von A, dann ist

R = { (x, y) ∈ A 2 : ∃C ∈ P (x ∈ C ∧ y ∈ C ) }

eine Äquivalenzrelation auf A und A/R ist P . Man nennt R die von P
induzierte Äquivalenzrelation.

Dass (i) gilt, hatten wir uns bereits im Anschluss an die Definition der Begriffs
Äquivalenzklasse überlegt. Dass (ii) gilt, will ich nicht formal beweisen, aber es ist
hoffentlich anschaulich klar, was passiert: Zwei Elemente von A stehen genau dann
in der Relation R zueinander, wenn sie bezüglich der Partition im selben „Gebiet“
liegen. Man kann es auch so sehen: Weil P eine Partition von A ist, gibt es für jedes
Element x von A genau ein „Gebiet“ P x ∈ P , in dem es liegt, für das also x ∈ P x gilt.
Damit hat man eine Funktion, die den Elementen ihre Gebiete zuordnet, und zwei
Elemente stehen in der Relation R zueinander, wenn sie denselben Funktionswert
haben. Mit der Argumentation aus der Lösung von Aufgabe 5.16 ist dann klar, dass
R eine Äquivalenzrelation ist.

Aufgabe 5.28. Denken Sie sich eine Äquivalenzrelation auf der Menge [6] aus (nicht
gerade eine der beiden trivialen) und zeichnen Sie sie als Graph wie auf Seite 63. Wel-
che Gestalt müssen Graphen von Äquivalenzrelationen zwangsläufig immer haben?
Können Sie an dem Bild die Aussage von Satz 5.2 sehen?

Aufgabe 5.29. P = { {2n , . . . , 2n+1 − 1} : n ∈ N } ist eine Partition von N+ . Wie sehen die
Elemente von P aus? Beschreiben Sie mit Worten die von P induzierte Äquivalenzre-
lation. (Hinweis: Das sollten Sie aus der Informatik kennen.)

Aufgabe 5.30. Wie viele verschiedene Äquivalenzrelationen kann man auf der Men-
ge [4] definieren? (Hinweis: Das ist nicht schwer, sondern eher eine Fleißarbeit. Ver-
wenden Sie Satz 5.2.)

Resümee
In gewissem Sinne hat schon Euklid in den legendären Elementen vor über zwei
Jahrtausenden das Konzept der Äquivalenzrelation vorweggenommen. Die heutzu-
tage übliche Definition ist jedoch ein Produkt des 20. Jahrhunderts. Und aus diesem
Jahrhundert stammt auch die vielleicht wichtigste Anwendung von Relationen in
der Informatik: relationale Datenbanken.

Satz 5.2 mag Ihnen vielleicht nicht besonders spektakulär vorkommen (und er ist
es auch nicht), er ist jedoch ein einfaches Beispiel für ein wiederkehrendes Thema
in der Mathematik: Man ist bestrebt, interessante Strukturen aus unterschiedlichen
Blickwinkeln zu betrachten und mit unterschiedlichen Methoden zu untersuchen.
Wir haben gesehen, dass wir zu einer gegebenen Menge A einerseits Mengen

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


70 Relationen und Funktionen

von Paaren aus A 2 mit bestimmten Eigenschaften betrachten können, die wir
Äquivalenzrelationen genannt haben, und andererseits Mengen von Teilmengen
von A mit bestimmten Eigenschaften, die wir Partitionen genannt haben – und
dass beides exakt dieselben Phänomene beschreibt. Aufgabe 5.30 war eine simple
Demonstration dafür, inwiefern so eine Korrespondenz hilfreich sein kann. (Es
wäre wesentlich schwieriger gewesen, die Anzahl der Äquivalenzrelationen direkt
– ohne den „Umweg“ über die Partitionen – zu berechnen.)

⋆ Relationen im Computer
Rein technisch sind einige der Operatoren von P YTHON Relationen; nämlich die,
die einen Wert vom Typ bool zurückgeben, z. B. == oder <. Auch manche Schlüs-
selwörter wie in sind in diesem Sinne Relationen.

Man kann aber Relationen auch wie in der Mathematik als Mengen von Paaren
interpretieren und die Definitionen aus dem Skript „nachbauen“. Die Syntax von
P YTHON macht das im Vergleich zu vielen anderen Programmiersprachen beson-
ders angenehm. Hier zunächst Identität, Umkehrrelation und Komposition.

identity = lambda A: {(x,x) for x in A}


inv = lambda R: {(y,x) for (x,y) in R}
comp = lambda R,S: {(x,y) for (x,z) in S for (w,y) in R if z==w}

Die Tests auf Reflexivität, Symmetrie und Transitivität könnten so aussehen:

refl = lambda R,A: identity(A) <= R


symm = lambda R: inv(R) <= R
trans = lambda R: comp(R,R) <= R

Man könnte es aber auch „direkt“ programmieren. So kann man besonders gut
erkennen, dass Satz 5.1 wirklich nur eine Umformulierung der Definitionen ist:

refl = lambda R,A: all((x,x) in R for x in A)


symm = lambda R: all((y,x) in R for (x,y) in R)
trans = lambda R: all((x,y) in R for (x,z) in R
for (w,y) in R if z==w)

In beiden Fällen hat man dann jedenfalls einen einfachen Test für die Eigenschaft,
eine Äquivalenzrelation auf einer bestimmten Menge zu sein:

eqRel = lambda R,A: refl(R,A) and symm(R) and trans(R)

Vereinigungs- und Schnittmenge könnte man folgendermaßen definieren:

def Union(A):
R = set()
for M in A:
R |= M

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


6. Funktionen 71

return R
def Intersection(A):
R = next(iter(A))
for M in A:
R &= M
return R

Intersection wird automatisch „meckern“, wenn A leer ist. Anderenfalls wäre


auch nicht klar, wie man anfangen sollte, d. h., welchen Wert die Variable R initial
haben sollte.

6. Funktionen
Aus der Schulzeit dürften Sie eine ungefähre Vorstellung davon mitbringen, was
man in der Mathematik unter einer Funktion versteht. Wenn Sie das präzise be-
schreiben sollen, werden Sie aber vielleicht Probleme haben. Dieser Abschnitt
liefert eine moderne und exakte Definition dieses Begriffs auf mengentheoreti-
scher Basis und führt gleichzeitig diverse Konzepte ein, die wir in den folgenden
Kapiteln immer mal wieder brauchen werden.

In der Schule verbindet man mit dem Funktionsbegriff im Allgemeinen eine Re-
chenvorschrift, die Zahlen andere Zahlen zuordnet. Ein „Klassiker“ ist die Wurzel-
p
funktion, die einer Zahl x ihre Quadratwurzel x zuordnet. Ein anderes Beispiel
ist eine Gerade mit der Steigung m und dem Achsenabschnitt b, die einer Zahl x
die Zahl mx + b zuordnet.7

Anhand solcher Beispiele wollen wir herausarbeiten, was alle Funktionen im ma-
thematischen Sinne gemeinsam haben, inwieweit diese Beispiele jedoch zu speziell
sind und nicht den gesamten Funktionsbegriff umfassen:
(i) Man kann sich Funktionen als „Vorrichtungen“ oder „Maschinen“ vorstellen,
die eine Eingabe erhalten und dazu eine Ausgabe liefern. Die Wurzelfunktion
liefert z. B. bei der Eingabe 4 die Ausgabe 2 und bei der Eingabe 9 die Ausga-
be 3. In diesem Sinne haben Funktionen große Ähnlichkeit mit Funktionen
in Programmiersprachen.
(ii) Mathematische Funktionen sind „verlässlich“: Für dieselbe Eingabe liefern
sie immer dieselbe Ausgabe.8 Das unterscheidet sie von Funktionen in Pro-
grammiersprachen, die u.a. auch zufällige Werte ausgeben, je nach Uhrzeit
unterschiedliche Dinge tun oder ein „Gedächtnis“ haben können.
(iii) Nicht jeder Eingabewert ist zulässig. Die erwähnte Wurzelfunktion akzeptiert
etwa keine negativen Zahlen als Eingabe. Das kennen Sie aus der Schule als
Definitionsbereich der Funktion.

7 In der Schule wird so etwas oft als „lineare Funktion“ bezeichnet, was sich aber leider mit der

Hochschulmathematik beißt. Besser wäre das Adjektiv affin-linear.


8 Man kann es auch so sehen, dass Mathematik „zeitlos“ ist, was teilweise schon im Abschnitt über

Logik angeklungen ist. Es ist egal, wann man die Funktion mit einer Eingabe füttert.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


72 Relationen und Funktionen

(iv) Es muss nicht um Zahlen gehen. Sowohl die Eingabewerte als auch die
Ausgabewerte von Funktionen können beliebige mathematische Objekte
wie Mengen, Tupel, Vektoren, Matrizen und so weiter sein. Wir werden dafür
schon bald Beispiele sehen.
(v) Anders als in den genannten Beispielen muss es keine Rechenvorschrift ge-
ben, die festlegt, wie die Ausgabe aus der Eingabe generiert wird. Es geht
einzig und allein darum, dass es zu jeder möglichen Eingabe eine klar defi-
nierte Ausgabe gibt. (Beispielsweise könnte diese einer vorher festgelegten
Tabelle entstammen, die „ausgewürfelt“ wurde.)

Besonders der letzte Punkt ist wohl erklärungsbedürftig. Warum belässt man es
nicht einfach bei Funktionen, die man berechnen kann? Eine Antwort darauf liefert
die Physik. Dort ist man häufig auf der Suche nach Funktionen – meistens nach
solchen, die bestimmte Werte in Abhängigkeit von der Zeit liefern: Welche Position
hat ein Himmelskörper zu einem bestimmten Zeitpunkt? Welche Geschwindigkeit
hat ein Elementarteilchen zu einem bestimmten Zeitpunkt? Und in der Regel kann
die Physik mit sogenannten Differentialgleichungen die gesuchten Funktionen
so beschreiben, dass man mathematisch beweisen kann, dass sie existieren und
eindeutig bestimmt sind. Gleichzeitig kann man aber auch beweisen, dass man die
Funktionswerte nicht exakt berechnen kann. Man kann mit anderen Worten kein
Computerprogramm schreiben, das sie auswirft, indem es sie durch eine Formel
berechnet. Die folgende Grafik zeigt ein Beispiel für so eine Funktion: den zeitli-
chen Verlauf eines der Winkel des in der Vorlesung vorgeführten Doppelpendels.

90◦

f (t 0 )

t
t0

−90◦

Die grafische Darstellung wurde zwar durch einen Computer erzeugt, aber die
dafür benötigten Zahlen konnten nur näherungsweise durch eine Simulation er-
mittelt werden. Wir sehen die Visualisierung der Funktion und wir können uns
vorstellen, wie wir für einen Zeitpunkt t 0 den Winkel f (t 0 ) ablesen. Aber es ist eben
nur so wie das Ablesen der Zahlen aus einer Tabelle.9

Die moderne Vorstellung einer Funktion ist daher auch die einer Tabelle mit zwei
Spalten: einer für die Eingabe und einer für die Ausgabe. Und solche „Tabellen“
kennen wir schon, nämlich Relationen! Die Relation

R = {(1, 2), (2, 6), (3, 4), (4, 2), (5, 1)} (6.1)
9 Es hätte auch so sein können, dass die Punkte, aus denen die Grafik zusammengesetzt ist,

Messwerte sind. Die hätten dann ja ebenfalls einmal in einer Tabelle gestanden.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


6. Funktionen 73

ist die mengentheoretische Repräsentation der folgenden Tabelle:

Eingabe Ausgabe
1 2
2 6
3 4
4 2
5 1

R können wir beispielsweise entnehmen, dass der Eingabe 3 die Ausgabe 4 zugeord-
net wird. Und wir können an R auch sehen, dass als Eingaben nur die natürlichen
Zahlen von 1 bis 5 zugelassen sind. Aus mathematische Sicht ist R eine Funktion,
weil man mehr über eine Funktion nicht wissen muss.

Manchmal ist es auch hilfreich, sich ein solche Zuordnung mittels eines Pfeildia-
gramms zu visualisieren:10

1 1
2
2
3
3 4
4
5
5 6

Bevor wir daraus eine Definition machen, müssen wir jedoch noch klären, dass
nicht jede Relation sich als Funktion eignet. Wenn wir eine kleine Änderung vor-
nehmen und statt R die Relation

S = {(1, 2), (2, 6), (3, 4), (4, 2), (4, 1)}

betrachten, dann ist nicht mehr klar, was bei der Eingabe 4 geschehen soll: Soll 2
oder 1 ausgegeben werden? So etwas darf nicht passieren. Das halten wir jetzt fest:

Eine Relation R – also eine Menge von Paaren – wird rechtseindeutig genannt, Definition
wenn aus (x, y 1 ) ∈ R und (x, y 2 ) ∈ R immer y 1 = y 2 folgt.11 Eine Funktion ist
eine rechtseindeutige Relation.

Funktionen werden oft auch Abbildungen genannt.12

Aufgabe 6.1. Was bedeutet Rechtseindeutigkeit für Pfeildiagramme wie das obige?
Was darf man in so einem Diagramm also nicht sehen?
10 Das ist allerdings kein Mengendiagramm im Sinne des Abschnitts über Mengen, denn hier

werden Objekte ja mehrfach gezeichnet. Bis auf die Sechs tauchen alle Zahlen links und rechts auf.
11 R darf also keine zwei Paare (x , y ) und (x , y ) mit x = x und y ̸= y enthalten. Im Englischen
1 1 2 2 1 2 1 2
wird so eine Relation auch univalent genannt.
12 In manchen Büchern wird aus didaktischen Gründen zwischen Funktionen und Abbildungen

unterschieden. Wir werden das aber nicht tun. Es ist allerdings so, dass bestimmte Funktionen aus
historischen Gründen eher als Abbildungen bezeichnet werden, z. B. die linearen Abbildungen der
linearen Algebra.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


74 Relationen und Funktionen

Aufgabe 6.2. Welche der folgenden Mengen ist eine Funktion?

f 1 = { (n, n/3) : n ∈ N } f 2 = { (x, y) ∈ R2 : x 2 + y 2 = 1 }


f 3 = {(1, 2), 3, (4, 5)} f 4 = {(1, 3), (3, 5), (4, 5)}
f 5 = {(1, 2), (1, 3), (4, 5)} f6 = ;

Definition Ist f eine Relation, dann nennen wir die Menge dom( f ) = { x : (x, y) ∈ f } den
Definitionsbereich der Relation und rng( f ) = { y : (x, y) ∈ f } ihren Wertebe-
reich bzw. ihre Bildmenge.13

Der Definitionsbereich ist also einfach die Menge aller ersten Komponenten der
Paare der Relation und der Wertebereich die Menge aller zweiten Komponenten.
In einem Pfeildiagramm wie auf Seite 73 ist der Definitionsbereich die Menge der
Objekte, von denen ein Pfeil ausgeht, und der Wertebereich die Menge der Objekte,
auf die mindestens ein Pfeil zeigt. Beachten Sie, dass nach unserer Definition
jede Relation (und damit insbesondere jede Funktion) ihren Definitions- und
Wertebereich „mit sich herumträgt“: die beiden Mengen sind fest in die Relation
„hineincodiert“.

Aufgabe 6.3. Geben Sie Definitions- und Wertebereich der Relationen an, die in Auf-
gabe 6.2 vorkamen.

Die Menge f 1 aus Aufgabe 6.2 ist das „klassische“ Beispiel für eine Funktion. Hier
wird jeder Eingabe n eine Ausgabe durch die Rechenvorschrift n/3 zugeordnet.
Solche Funktionen schreibt man ganz ausführlich in der folgenden Form:
(
N→Q
f1 : (6.2)
n 7→ n/3

Vor dem Doppelpunkt steht optional der Name der Funktion. In der oberen Zeile
Zielmenge steht links der Definitionsbereich und rechts eine sogenannte Zielmenge. In der
unteren Zeile steht links ein Platzhalter für ein Element des Definitionsbereichs
und rechts die Rechenvorschrift angewandt auf diesen Platzhalter. (Linke und
rechte Seite der unteren Zeile sind also die beiden Komponenten eines Paares der
Funktion, wenn man sie als Relation betrachtet.) Beachten Sie, dass die beiden
Pfeile unterschiedlich aussehen.14

Verwechseln Sie die Zielmenge (engl. codomain) nicht mit dem Wertebereich!15 Der
Wertebereich ist eine durch die Funktion eindeutig bestimmte Menge, während die
Zielmenge irgendeine Obermenge des Wertebereichs ist. Wir hätten in (6.2) statt
13Wir verwenden dabei die internationalen Bezeichnungen domain und range. In der Schule

Df Wf schreibt man für den Definitionsbereich von f oft auch D f und für den Wertebereich W f .
14 Der untere Pfeil wird maplet genannt.
15 Sie wussten aus Aufgabe 6.3 bereits, dass Q nicht der Wertebereich von f ist.
1

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


6. Funktionen 75

Q beispielsweise auch R schreiben können und hätten damit dieselbe Funktion


definiert!16

Aufgabe 6.4. Bei der Angabe der Zielmenge kann man also irgendeine Obermenge
des Wertebereichs angeben. Warum ist man da so „liberal“? Es wäre doch präziser,
wenn man in der Schreibweise (6.2) statt der Zielmenge den Wertebereich angeben
würde. Haben Sie eine Idee, warum man es so macht?

Ist f eine Funktion mit Definitionsbereich A und Zielmenge B , dann sagt man
auch, dass f eine Funktion von A nach B ist und schreibt als Abkürzung dafür
f : A → B . Ebenso sagt man dann, dass f auf A definiert ist. f : A→B

Durch die Rechtseindeutigkeit ist sichergestellt, dass es für jedes Element x des
Definitionsbereichs einer Funktion f genau ein y mit (x, y) ∈ f gibt. Für dieses
eindeutig bestimmte y schreibt man f (x) und nennt es das Bild von x unter f . Man f (x)
sagt auch, dass die Funktion x auf f (x) abbildet und schreibt dafür auch x 7→ f (x). x 7→ f (x)
x und f (x) entsprechen also dem, was wir am Anfang des Abschnitts Ein- und
Ausgabe genannt haben. Weitere verbreitete Bezeichnungen sind Argument für x Argument
und Funktionswert für f (x). Funktionswert

Manchmal werden auch informelle Sprechweisen wie „die Funktion x 7→ x 2 “ oder


„die Funktion f (x) = x 2 “ verwendet. Das sollte jedoch nur geschehen, wenn aus
dem Kontext der Definitionsbereich der Funktion hervorgeht, weil sie nur dann
vollständig beschrieben ist.

Aufgabe 6.5. Welche der folgenden Relationen sind Funktionen? Begründen Sie bei
den Relationen, die keine Funktionen sind, Ihre Antwort jeweils durch ein konkretes
Gegenbeispiel. Geben Sie in allen Fällen auch Definitions- und Wertebereich an.

g 1 = idN g 2 = { (P (A), A) : A ⊆ N }
g 3 = { (B, A) : A ⊆ B ⊆ N } g 4 = { (A, P (A)) : A ⊆ N }
g 5 = { (R \ {a, b}, R \ {a}) : a, b ∈ R } g 6 = { (R \ {a}, R \ {a, b}) : a, b ∈ R }

Bilder, Urbilder, Restriktionen


Es lässt sich leider nicht vermeiden, dass Sie in diesem Kapitel mit diversen neuen
Begriffen bombardiert werden . . .

Für f : A → B und C ⊆ A bzw. D ⊆ B definieren wir Definition

f [C ] = { f (c) : c ∈ C } und
f −1 [D] = { c ∈ A : f (c) ∈ D }.

16 Auch hier muss ich leider wieder darauf hinweisen, dass in der Mathematik nicht immer Einigkeit

besteht. Es gibt auch Bücher, in denen die Zielmenge fester Bestandteil der Funktionsdefinition ist.
In diesem Fall würden wir beim Wechsel von Q nach R tatsächlich eine andere Funktion erhalten. In
solchen Büchern ist eine Funktion aber auch nicht mehr einfach eine Menge von Paaren.

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76 Relationen und Funktionen

f [C ] wird als Bild von C unter f bezeichnet, f −1 [D] entsprechend als Urbild
von D unter f .

f [C ] ist also die Menge aller möglichen Funktionswerte, wenn das Argument
ganz C durchläuft. f −1 [D] ist die Menge aller Argumente, die auf Funktionswerte
in D abgebildet werden. Insbesondere ist dann natürlich f [A] – manchmal auch
Bild kurz Bild von f genannt – dasselbe wie die Bildmenge rng( f ) und f −1 [B ] dasselbe
wie der Definitionsbereich von f .

Im folgenden Pfeildiagramm sehen wir zweimal dieselbe Funktion f von A nach B .


Links ist in blauer Farbe eine Teilmenge C von A hervorgehoben und in Rot sieht
man dazu die Elemente von f [C ]. Rechts ist in Blau eine Teilmenge D von B
markiert, während man in roter Farbe die Elemente von f −1 [D] sieht. Beachten Sie,
dass links die Menge f [C ] weniger Elemente als C hat und dass rechts ein Element
von D für zwei Elemente in f −1 [D] verantwortlich ist, während ein anderes gar
keine Auswirkungen hat.

A B A B

Ist f beispielsweise die durch n 7→ n + 1 auf N definierte Funktion, G die Menge der
geraden und U die Menge der ungeraden natürlichen Zahlen, dann haben wir u. a.
f [{0}] = {1}, f [G] = U , f [N] = N+ und f −1 [U ] = G.

Aufgabe 6.6. Sei f die auf R durch x 7→ x 2 definierte Funktion sowie A = {0, 1}. Geben
Sie f [A], f −1 [A], f [;] und f −1 [{−1}] an.

Aufgabe 6.7. Sei f die auf R durch x 7→ x 2 − 7 definierte Funktion und A = {−7, 2, 9}.
Geben Sie f [A], f −1 [A], f [ f −1 [A]] und f −1 [ f [A]] an.

Aufgabe 6.8. Sei g die Funktion {(0, 23), ({0}, 42)}. Geben Sie dom(g ), rng(g ), g ({0}) und
g [{0}] an.

Leider gibt es auch die Unsitte, f (C ) bzw. f −1 (D) statt f [C ] bzw. f −1 [D] zu schrei-
ben. Aufgabe 6.8 sollte gezeigt haben, dass das keine gute Idee ist, weil es zu
Missverständnissen führen kann. Diese Schreibweise ist aber so weit verbreitet,
dass ich sie hier erwähnen muss, weil sie Ihnen sicher einmal begegnen wird.

Aufgabe 6.9. Sei f wie in (6.1) die Funktion

f = {(1, 2), (2, 6), (3, 4), (4, 2), (5, 1)}.

Geben Sie eine Menge M ⊆ [5] an, für die f −1 [ f [M ]] = M nicht gilt. Kann man auch
eine Teilmenge N von rng( f ) mit f [ f −1 [N ]] ̸= N finden?

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


6. Funktionen 77

Aufgabe 6.10. Sei f die Funktion aus Aufgabe 6.9. Geben Sie Teilmengen M und N
von [5] mit f [M ∩ N ] ̸= f [M ] ∩ f [N ] an.

⋆Aufgabe 6.11. Schauen Sie sich die Lösung von Aufgabe 5.16 noch einmal an. Wir
hatten dort eine Funktion Q, die auf der Menge N definiert war und die dadurch eine
Äquivalenzrelation definiert hat, dass sie quasi die Gleichheitsrelation von ihrem Wer-
tebereich auf N „übertragen“ hat. Können Sie das als allgemeine Aussage definieren
in dem Sinne, dass jede Funktion auf diese Art eine Äquivalenzrelation generiert?

⋆Aufgabe 6.12. Wie sehen für die Relation R aus der Lösung von Aufgabe 6.11 die
Äquivalenzklassen aus?

Manchmal ist es sinnvoll, den Definitionsbereich einer Funktion einzuschränken:

Für f : A → B und C ⊆ A definiert man die Restriktion (Einschränkung) von Definition


f auf C durch

f |C = { (x, y) ∈ f : x ∈ C }.

f |C ist also selbst wieder eine Funktion, und zwar eine Funktion mit Definitionsbe-
reich C . Es ist die Funktion, die man erhält, wenn man aus f alle Paare entfernt,
deren erste Komponente nicht in C liegt. Auf C „macht“ f |C aber dasselbe wie f .
Eine weitere übliche Schreibweise für die Restriktion ist f C . f C

Aufgabe 6.13. Sei R die in (6.1) definierte Funktion und X = {1, 2, 3}. Wie sieht die
Menge R| X aus?

Aufgabe 6.14. Sei f die Funktion aus Aufgabe 6.6 und M = { x ∈ R : x ≤ 0 }. Geben Sie
die Definitions- und Wertebereiche von f und von f |M an.

Injektivität, Surjektivität, Bijektivität

Eine der angenehmsten Eigenschaften, die Funktionen haben können, ist die
Injektivität. Dann kann man sie nämlich umkehren und zum „Zählen“ verwenden.
Darum geht es in diesem Abschnitt.

Eine Funktion f wird injektiv genannt, wenn für alle x, y ∈ dom( f ) aus x ̸= y Definition
immer f (x) ̸= f (y) folgt.

Injektivität bedeutet in Worten, dass für unterschiedliche Eingaben (Argumente)


auch unterschiedliche Ausgaben (Funktionswerte) herauskommen. Am Pfeildia-
gramm von Seite 73 kann man das ganz gut nachvollziehen. Die dort dargestellte
Funktion ist nicht injektiv, denn die Zahl 2 wird von zwei Pfeilen getroffen.17
17 Erinnern Sie sich, dass Rechtseindeutigkeit bedeutet, dass von jedem Objekt links nur ein Pfeil

ausgeht. Injektivität bedeutet, dass bei jedem Objekt rechts (höchstens) ein Pfeil ankommt. Man
nennt Injektivität daher manchmal auch Linkseindeutigkeit. linkseindeutig

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


78 Relationen und Funktionen

Ein „klassisches“ Beispiel, an dem man sich dieses neue Konzept ebenfalls gut
vergegenwärtigen kann, ist die Funktion
(
R→R
f: . (6.3)
x 7→ x 2

Sie ist nicht injektiv, denn beispielsweise gilt f (2) = 4 = f (−2), obwohl 2 und −2
natürlich zwei verschiedene Argumente sind.

Aufgabe 6.15. Fällt Ihnen eine ganz einfache Klasse von Funktionen von R nach R ein,
die alle injektiv sind?

Aufgabe 6.16. Im Lösungshinweis für Aufgabe 6.15 habe ich absichtlich etwas unprä-
zise formuliert. Ist Ihnen aufgefallen, was man noch hätte hinzufügen müssen?

Aufgabe 6.17. Machen Sie sich klar, dass eine Funktion f genau dann injektiv ist,
wenn aus f (x) = f (y) immer x = y folgt.

Aufgabe 6.18. Die folgenden Funktionen sind alle nicht injektiv. Begründen Sie das
jeweils mit konkreten Gegenbeispielen.

f = { (x, ⌊x⌋) : x ∈ R }
g = { (A, |A|) : A ⊆ [6] }
h = { (n,Q(n)) : n ∈ N }

Dabei soll Q die iterierte Quersumme aus Aufgabe 5.16 sein. Die untere Gaußklammer
kennen Sie aus der Lösung zu Aufgabe 5.20.

Die Bedeutung der Injektivität steckt in der folgenden Aussage, die ich nicht formal
beweisen werde, die man sich aber leicht anhand eines Pfeildiagramms klarma-
chen kann.

Satz 6.1 Eine Funktion f ist genau dann injektiv, wenn f −1 eine Funktion ist.

Injektive Funktionen sind also die, die man umkehren kann. Die Umkehrrelation
Umkehrfunktion ist in diesem Fall eine Funktion, die man dann auch Umkehrfunktion nennt. Jede
Funktion ordnet jedem Argument eindeutig einen Funktionswert zu. Injektive
Funktionen ordnen zusätzlich auch jedem Funktionswert eindeutig ein Argument
zu. Häufig kann man – wie in Aufgabe 6.20 – auch eine Rechenvorschrift für die
Umkehrfunktion angeben, die dann gleichzeitig ein Beleg dafür ist, dass man es
tatsächlich mit einer injektiven Funktion zu tun hat. Mit anderen Worten: Wenn
Sie ein Verfahren angeben können, wie man aus jeder Ausgabe eindeutig die zuge-
hörige Eingabe rekonstruieren kann, dann ist die Funktion injektiv.

Aufgabe 6.19. Wenn f injektiv ist, was ist dann der Definitionsbereich der Umkehr-
funktion f −1 ?

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


6. Funktionen 79

Aufgabe 6.20. Begründen Sie für die folgenden Funktionen, dass sie injektiv sind,
indem Sie jeweils eine Rechenvorschrift für die Umkehrfunktion angeben.

f = { (x, 2x + 8) : x ∈ R }
g = { (A, [6] \ A) : A ⊆ [6] }
h = { (n, n 2 ) : n ∈ N }

Aufgabe 6.21. In Aufgabe 6.20 kam eine Funktion vor, die ihre eigene Umkehrfunktion
war. Können Sie noch ein (ganz einfaches) Beispiel für so eine Funktion angeben?

Aufgabe 6.22. Sei A = { x ∈ R : x ≥ 0 } und f die Funktion, die jedes x ∈ R auf den
Absolutbetrag |x| abbildet. Ist f injektiv? Ist f | A injektiv?

⋆Aufgabe 6.23. Wie sieht die Relation R aus der Lösung von Aufgabe 6.11 aus, wenn
die Funktion f injektiv ist?

Wenn eine Funktion nicht injektiv ist, dann wird das offenbar dadurch verhindert,
dass sie „zu viele“ Paare enthält. Das kann man immer dadurch „reparieren“, dass
man solche Paare entfernt. Dafür verwendet man die weiter oben eingeführte
Restriktion. Ein Beispiel dafür haben Sie gerade in Aufgabe 6.22 gesehen. Durch
die Restriktion erhält man eine Funktion, die eine Umkehrfunktion hat.

Diese Vorgehensweise kennen Sie auch schon länger, allerdings vielleicht nicht
unter diesem Namen: Beispielsweise ist die durch (6.3) definierte Funktion f nicht
injektiv. Die Restriktion von f auf { x ∈ R : x ≥ 0 } ist jedoch injektiv und deren
Umkehrfunktion kennen Sie als die Wurzelfunktion, die als Beispiel schon erwähnt Wurzelfunktion
p
wurde. Erst durch die Einschränkung von f wird klar, dass durch 9 eindeutig der
Wert 3 (und nicht etwa die Zahl −3) bezeichnet wird.

⋆Aufgabe 6.24. Fallen Ihnen weitere Funktionen aus der Schule ein, die als Umkehr-
funktionen von Restriktionen definiert sind?

Ein zur Injektivität gleichsam komplementäres Konzept ist das der Surjektivität.

Man sagt, dass eine Funktion f die Menge A surjektiv18 auf die Menge B Definition
abbildet, wenn es für jedes y ∈ B ein x ∈ A mit f (x) = y gibt.

Das bedeutet informell, dass alle „möglichen“ Ausgaben auch wirklich vorkommen.
Wir können dazu wieder das Pfeildiagramm von Seite 73 betrachten. Die dort vi-
sualisierte Funktion bildet nicht surjektiv auf [6] ab, denn die Zahl 3 wird z. B. nicht
„getroffen“. Die Funktion bildet jedoch surjektiv auf {1, 2, 4, 6} ab. Und die in (6.3)
definierte Funktion f eignet sich auch hier als „klassisches“ Beispiel. f bildet R
18 Das wird „sürjektiv“ ausgesprochen, weil es aus dem Französischen kommt. Die Begriffe in

diesem Abschnitt stammen alle von dem legendären Mathematiker Nicolas Bourbaki – den es
gar nicht gab. (Der Name war ein Pseudonym einer Gruppe französischer Mathematiker im 20.
Jahrhundert.)

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


80 Relationen und Funktionen

nicht surjektiv auf R ab, weil es u. a. kein Argument gibt, das den Funktionswert −1
liefert.

Man erkennt hier auch, dass Injektivität eine Eigenschaft ist, die eine Funktion
entweder hat oder nicht hat, während Surjektivität nur im Zusammenhang mit der
Angabe einer Menge Sinn ergibt.19 Obige Funktion f bildet nämlich R surjektiv auf
die Zielmenge { x ∈ R : x ≥ 0 } ab. Trotzdem werden Sie im informellen Sprachge-
brauch öfter hören, dass eine Funktion einfach als surjektiv bezeichnet wird. Dann
sollte aber aus dem Kontext hervorgehen, welche Zielmenge gemeint ist. Wenn
man beispielsweise f durch (6.3) definiert und dann sagt, dass f nicht surjektiv ist,
dann sollte wohl klar sein, dass als Zielmenge implizit die gemeint war, die in (6.3)
steht.

Aufgabe 6.25. Begründen Sie die folgenden Aussagen jeweils mit konkreten Gegen-
beispielen.
(i) f aus Aufgabe 6.18 bildet R nicht surjektiv auf R ab.
(ii) g aus Aufgabe 6.18 bildet P ([6]) nicht surjektiv auf N ab.
(iii) h = { (x, x 2 ) : x ∈ Q } bildet Q nicht surjektiv auf { q ∈ Q : q ≥ 0 } ab.

Aufgabe 6.26. Die folgenden vier Funktionen haben alle sowohl als Definitionsbereich
als auch als Zielmenge die Menge N der natürlichen Zahlen. Welche sind injektiv,
welche bilden N surjektiv auf N ab? Begründen Sie negative Antworten jeweils mit
konkreten Gegenbeispielen.

f 1 = { (n, n + 1) : n ∈ N }
f 2 = { (n, ⌊n/2⌋) : n ∈ N }
f 3 = { (n, ⌊n/2⌋ + 1) : n ∈ N }
f 4 = { (n, n) : n ∈ N }

Auch die Surjektivität kann man etwas anders charakterisieren als durch die Defi-
nition und wie bei Satz 6.1 sollte hoffentlich auch hier ohne strengen Beweis klar
sein, dass die folgende Aussage korrekt ist.

Satz 6.2 Sei f eine Funktion von A nach B . f bildet A genau dann surjektiv auf B ab,
wenn B der Wertebereich von f ist, wenn also f [A] = B gilt.

Für den Fall, dass die Begriffe noch nicht „sitzen“, schlage ich noch die folgende
Eselsbrücke vor: Wenn die Eintrittskarten eines Kinos mit Platznummern versehen
sind, dann kann man sie als Abbildung der Menge der Besucher auf die Menge
der Sitzplätze betrachten. Die Besucher möchten, dass diese Funktion injektiv ist,
denn sonst könnte es passieren, dass jemand anders denselben Platz wie sie hat.
Der Kinobesitzer möchte, dass die Funktion surjektiv auf die Menge der Plätze
abbildet, weil dann das Kino ausverkauft ist.

19 Das ist so wie mit der Symmetrie und der Reflexivität bei Relationen. Eine Relation ist entweder

symmetrisch oder nicht, aber es ergibt keinen Sinn, von einer reflexiven Relation zu sprechen, wenn
man nicht hinzufügt, welche Grundmenge gemeint ist.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


6. Funktionen 81

Man sagt, dass eine Funktion f die Menge A bijektiv bzw. eineindeutig auf Definition
die Menge B abbildet, wenn f injektiv ist und die Menge A surjektiv auf B
abbildet.

Das ist also eigentlich kein neuer Begriff, sondern lediglich eine Zusammenfassung
der beiden vorherigen. Informell steht bijektiv einfach für injektiv und surjektiv.
Bijektivität ist eine wichtige Eigenschaft im Zusammenhang mit der Mächtigkeit
von Mengen:

Seien A und B endliche Mengen. Dann sind die beiden folgenden Aussagen Satz 6.3
äquivalent:
(i) |A| = |B |
(ii) Es gibt eine Funktion, die A bijektiv auf B abbildet.

Dass aus der zweiten Aussage die erste folgt, wird intuitiv klar, wenn man ein
Pfeildiagramm einer bijektiven Funktion zeichnet.

1 1
2
2 3
3
4
4
5
5

Dass die Funktion injektiv ist, bedeutet, dass man Pfeile in beide Richtungen zeich-
nen kann, und die Surjektivität sorgt dafür, dass von jedem Element rechts ein Pfeil
in die linke Menge zeigt. Wenn man nun die Elemente einer der beiden Mengen
zählt, dann zählt man durch die Zuordnung automatisch die der anderen mit. Das
ist so, als würden Sie überprüfen wollen, ob in einer Tüte mit Gummibärchen
dieselbe Anzahl von roten und gelben Bärchen enthalten ist, Sie aber keine Lust
zum Zählen haben: Sie legen die Bärchen einfach immer paarweise hin. Wenn das
möglich ist, dann haben Sie eine Bijektion20 generiert. Und damit sollte wohl auch
klar sein, wieso aus der ersten Aussage von Satz 6.3 die zweite folgt, wie man also
so eine Funktion erhält.

Aufgabe 6.27. Gilt Satz 6.3 auch für den Fall A = B = ;?

Aufgabe 6.28. Sie erinnern sich sicher aus dem Abschnitt über Prädikatenlogik, dass
mit Aussage (ii) im Satz 6.3 gemeint ist, dass es mindestens eine Funktion mit dieser
Eigenschaft gibt. pGeben Sie zwei verschiedene Funktionen an, die A = [5] bijektiv auf
B = {23, 42, π, 0, 3} abbilden. Wie viele solche Funktionen gibt es insgesamt?

20Wie Sie sich schon gedacht haben, ist Bijektion von A auf B einfach ein anderes Wort für eine Bijektion
Funktion, die A bijektiv auf B abbildet.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


82 Relationen und Funktionen

Aufgabe 6.29. In Aufgabe 6.28 ist von „verschiedenen“ Funktionen die Rede. Wann
sind denn zwei Funktionen überhaupt gleich? Liefern unsere bisherigen Definitionen
darauf eine klare Antwort?

⋆Aufgabe 6.30. Können Sie analog zu Satz 6.3 eine hinreichende und notwendige
Bedingung für |A| ≤ |B | angeben?

⋆Aufgabe 6.31. Sei f eine Funktion mit der Eigenschaft, dass f −1 [ f [M ]] = M für alle
M ⊆ dom( f ) gilt.21 Was kann man dann über f sagen?

Mehrstellige Funktionen und Definition durch Fallunterscheidung

In diesem kurzen Abschnitt definieren wir keine neuen Begriffe, aber wir lernen
weitere Arten kennen, wie in der Praxis Funktionen eingesetzt werden. Eine davon
ist, dass die Argumente der Funktion Tupel sind. Das ist nichts Neues und durch die
Definitionen der vorherigen Seiten bereits abgedeckt, aber es wird häufig anders
notiert. Hier ein Beispiel:
(
N×N → N
f: (6.4)
(m, n) 7→ m 2 + n 2

Diese Funktion bildet z. B. das Argument (1, 5) auf 12 +52 = 26 ab und das Argument
(4, 4) auf 42 + 42 = 32. Man müsste also eigentlich f ((1, 5)) = 26 schreiben. In der
Regel wird man sich jedoch die „überflüssigen“ Klammern sparen und einfach
zweistellige Funktion f (1, 5) schreiben. Man spricht dann auch von einer zweistelligen Funktion22 und
Verknüpfung verwendet manchmal auch das Wort Verknüpfung statt Funktion. Wenn Sie schon
ein bisschen programmiert haben, wird Ihnen das nicht neu vorkommen. Man
beachte jedoch die Feinheiten:
– Der Prototyp des Arguments links vom Zeichen 7→ muss zu den Elementen
des Definitionsbereichs passen. Im Beispiel ist (m, n) in Ordnung, weil die
Elemente von N × N Paare sind. (m, m) wäre nicht in Ordnung gewesen, weil
die Paare aus N × N typischerweise nicht zwei gleiche Komponenten haben.
– Man interpretiert einen Ausdruck wie f (1, 5) oft so, dass die Funktion zwei
Eingaben – nämlich 1 und 5 – bekommt. Aber formal bekommt sie nur eine
Eingabe: das Paar (1, 5).
– Der letzte Punkt ist insbesondere für die Frage relevant, ob so eine Funktion
injektiv ist. Unser Beispiel ist nämlich nicht injektiv, weil auch f (5, 1) = 26
gilt und (1, 5) und (5, 1) verschiedene Paare sind.

Mit dieser Sichtweise kann man auch ganz „alltägliche“ Operationen wie Addition
oder Multiplikation als Funktionen betrachten – und so sieht man sie in der Ma-
thematik auch: Ist M irgendeine Menge, dann bezeichnet man eine Funktion von
21 Aufgabe 6.9 hat gezeigt, dass das nicht für jede Funktion der Fall ist.

mehrstellige Funktion 22 Analog gibt es natürlich auch dreistellige oder allgemein mehrstellige Funktionen, deren Argu-

mente Tripel bzw. n-Tupel sind. Man schreibt dann so etwas wie f (x, y, z).

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


6. Funktionen 83

M × M nach M als (zweistellige) innere Verknüpfung auf M . In diesem Sinne ist innere Verknüpfung
beispielsweise die Funktion, die (x, y) auf x + y abbildet, eine innere Verknüpfung
auf N (und auch auf Z, Q oder R).

Aufgabe 6.32. Wenn man Multiplikation als innere Verknüpfung auf R betrachtet, ist
diese Funktion dann injektiv?

Aufgabe 6.33. Ist die Funktion, die jedem Tupel (m, n) aus N2 die Zahl m −n zuordnet,
eine innere Verknüpfung auf N?

Aufgabe 6.34. Welche der folgenden Funktionen ist injektiv? Begründen Sie negative
Antworten jeweils mit einem konkreten Gegenbeispiel.
( ( (
N×N → N N×N → N×N N → N×N
f1 : f2 : f3 :
(m, n) 7→ m (m, n) 7→ (n, m) n 7→ (n, n)

⋆Aufgabe 6.35. Ist es möglich, dass eine Funktion von N×N nach N injektiv ist? Geben
Sie entweder ein Beispiel für eine solche Funktion an oder begründen Sie, warum das
nicht geht.

Manchmal definiert man Funktionen auch durch eine Fallunterscheidung. Das Fallunterscheidung
sieht dann beispielsweise so aus:

R → (
R


f: x x ≥0 (6.5)
x 7→ −x


x <0

Für den Funktionswert f (x) stehen hier die beiden Alternativen x und −x zur
Verfügung und dahinter steht jeweils, unter welcher Bedingung eine der beiden
Alternativen gewählt wird.23 Das Prinzip ist hoffentlich nicht schwer zu verstehen
und das Gleiche kann man natürlich auch mit mehr als zwei Fällen machen. Da
Funktionen eigentlich Relationen sind, lässt sich unser Beispiel auch leicht als

{ (x, x) : x ∈ R ∧ x ≥ 0 } ∪ { (x, −x) : x ∈ R ∧ x < 0 }

übersetzen. Daran kann man besonders gut sehen, worauf man achten muss: Es
werden zwei Funktionen vereinigt und damit die Vereinigung immer noch eine
Funktion ist, müssen die beiden Definitionsbereiche (wie hier) disjunkt sein oder
im Schnitt der Definitionsbereiche müssen die Funktionswerte übereinstimmen.
Siehe dazu die folgenden Aufgaben.

Aufgabe 6.36. Was wäre, wenn man in (6.5) die Bedingung x < 0 durch x ≤ 0 ersetzen
würde?

23 Das entspricht offenbar einer Verzweigung beim Programmieren.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


84 Relationen und Funktionen

Aufgabe 6.37. Nur in einem der beiden folgenden Fälle wird wirklich eine Funktion
definiert. Wo liegt beim anderen der Fehler?

N → (N N → (N
 
 
f1 : ⌊n/10⌋ n≤9 f2 : ⌊n/10⌋ n≤9
n 7→
 n 7→

⌊(n − 4)/10⌋ n ≥ 4 ⌊(n + 4)/10⌋ n ≥ 4

Aufgabe 6.38. Unter welchem Namen kennt man die in (6.5) definierte Funktion?

Aufgabe 6.39. Schreiben Sie die Funktion

[6] →(N


f: n n ist gerade
n 7→

6−n n ist ungerade

als Menge von Paaren auf. Was ist der Wertebereich von f ?

Komposition und arithmetische Verknüpfung von Funktionen


Wir kennen bereits die Komposition, die aus zwei Relationen eine neue Relation
generiert. Funktionen kann man natürlich auch komponieren, weil die ja nach
Definition Relationen sind.

Satz 6.4 Sind f und g Funktionen, dann ist die Relation f ◦ g ebenfalls eine Funktion
und für alle x aus dem Definitionsbereich von f ◦ g gilt ( f ◦ g )(x) = f (g (x)).

Wir wollen uns in diesem Fall wirklich einmal einen Beweis „gönnen“, weil das
nicht sehr aufwendig ist. Um zu zeigen, dass die Relation R = f ◦ g eine Funktion
ist, greifen wir uns zwei Paare (x, z 1 ) und (x, z 2 ) aus R heraus und müssen zeigen,
dass z 1 = z 2 gilt. Weil die beiden Paare zu R gehören, gibt es nach Definition der
Komposition Objekte y 1 und y 2 mit (x, y i ) ∈ g und (y i , z i ) ∈ f für i = 1, 2. Weil g
nach Voraussetzung eine Funktion ist, gilt y 1 = y 2 . Und weil f nach Voraussetzung
ebenfalls eine Funktion ist, folgt daraus z 1 = z 2 . Das war’s schon. Und den zweiten
Teil des Satzes haben wir damit auch schon bewiesen, denn wir haben offenbar
z 1 = R(x), z 1 = f (y 1 ) und y 1 = g (x) und damit R(x) = f (g (x)).

Die Komposition f ◦g ist also das Hintereinanderausführen der beiden Funktionen:


Die Ausgabe von g wird als Eingabe von f verwendet. Damit wird nun auch klar,
warum die Komposition scheinbar „verkehrt herum“ definiert wurde. Es liegt
daran, dass in der Schreibweise g (x) für den Funktionswert die Funktion g links
vom Argument x steht. Wenn wir diesen Wert als Argument in eine Funktion f
einsetzen wollen, dann wird daraus f (g (x)). f kommt quasi nach g „dran“, steht
aber links davon, obwohl wir ansonsten von links nach rechts schreiben.24
24 Aus diesem Grund wird f ◦g auch als „ f nach g “ gelesen; manchmal aber auch als „ f komponiert

mit g “, „ f Kuller g “ oder „ f Kringel g “.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


6. Funktionen 85

Als übersichtliches Beispiel betrachten wir die Funktionen

f = {(1, 3), (2, 1), (3, 4), (5, 5)} und g = {(1, 2), (2, 4), (3, 5), (4, 3), (5, 5)}

und erhalten die Komposition f ◦ g = {(1, 1), (3, 5), (4, 4), (5, 5)}. Siehe dazu auch die
folgende Grafik.

1 1 1 1 1

2 2 2 2 2

3 3 3 3 3

4 4 4 4 4

5 5 5 5 5
g f f ◦g

Wenn diese Begriffe neu für Sie sind, dann sollten Sie das Beispiel im Detail nach-
vollziehen und überprüfen. Dabei sind Ihnen vielleicht zwei Dinge aufgefallen:
(i) Die Zahl 2 gehört zum Definitionsbereich von g , aber nicht zum Definiti-
onsbereich der Komposition f ◦ g . Das liegt daran, dass g diese Zahl auf die
Zahl 4 abbildet, die aber nicht zum Definitionsbereich von f gehört.
(ii) Die Zahl 3 gehört zum Wertebereich von f , aber nicht zum Wertebereich der
Komposition f ◦ g . Das liegt daran, dass f die Zahl 1 auf 3 abbildet, 1 jedoch
nicht zum Wertebereich von g gehört.

Aufgabe 6.40. Berechnen Sie auch g ◦ f . Was fällt Ihnen auf?

In der Praxis wird man zumindest die Situation (i) von oben in der Regel vermei-
den und nur Kompositionen f ◦ g bilden, bei denen der Wertebereich von g eine
Teilmenge des Definitionsbereichs von f ist. Grafisch gesprochen soll also jeder
Pfeil von g eine „Fortsetzung“ durch einen von f bekommen. Dann haben g und
f ◦ g denselben Definitionsbereich. So werden wir es im Folgenden auch halten
(wenn wir nicht explizit nach seltsamen Gegenbeispielen suchen).

Haben wir für die Funktionen, die komponiert werden, Rechenvorschriften, dann
brauchen wir nicht mühsam passende Paare zusammenzusuchen, sondern wir
können Satz 6.4 anwenden und eine Rechenvorschrift in die andere „einsetzen“.
Haben wir z. B. die durch f (x) = x 2 und g (x) = 3 + 2x jeweils auf ganz R definierten
Funktionen, dann ergibt sich die Rechenvorschrift für f ◦ g durch

( f ◦ g )(x) = f (g (x)) = f (3 + 2x) = (3 + 2x)2 = 9 + 12x + 4x 2 .

Ganz einfach, wenn man nicht den leider recht häufigen Fehler macht, Klammern
zu vergessen. Der Ausdruck für g (x) wird in die Rechenvorschrift für f (x) anstelle
von x eingesetzt, aber als Ganzes. Vorsichtshalber sollte man ihn dort immer zuerst
mit Klammern einsetzen. Sollten die sich als unnötig herausstellen, kann man sie
immer noch entfernen. Hier wäre die Alternative 3 + 2x 2 ohne Klammern auf jeden
Fall falsch gewesen!

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


86 Relationen und Funktionen

Aufgabe 6.41. Die Funktionen f (x) = x 2 und g (x) = 2x sind auf ganz R definiert. Ge-
ben Sie die Rechenvorschriften für f ◦ g und g ◦ f an. Begründen Sie mit einem
konkreten Gegenbeispiel, dass die beiden Kompositionen nicht gleich sind.

Aufgabe 6.42. Geben Sie zu den Funktionen


( (
N×N → N N → N×N
f : und g:
(x, y) 7→ x x 7→ (x, x)

die Kompositionen f ◦ g und g ◦ f in derselben ausführlichen Schreibweise wie in der


Aufgabenstellung an.

Was in der Lösung von Aufgabe 6.41 schon anklang, sei hier noch einmal explizit
ausgesprochen. Dass die Komposition nicht kommutativ ist, dass also nicht immer
f ◦ g = g ◦ f gilt, heißt natürlich nicht, dass f ◦ g = g ◦ f nie gilt.25 Der typische
Mathematikerschnack für so eine Situation ist, dass f ◦ g = g ◦ f „im Allgemeinen
im Allgemeinen nicht nicht“ gilt; eine andere Formulierung dafür, dass es mindestens eine Ausnahme
gibt. Man kann das also auch mit „nicht immer“ übersetzen.

Aufgabe 6.43. Fallen Ihnen zwei Funktionen f und g mit f ◦ g = g ◦ f ein? (Gemeint
sind wirklich zwei Funktionen, d. h., es soll f ̸= g gelten. Sonst wäre die Lösung
„trivial“, wie eine Mathematikerin sagen würde.)

Mithilfe der Komposition können wir Aussagen über die Rolle der Identität und der
Umkehrfunktion formulieren, die leicht zu beweisen sind, wenn man sich einfach
die jeweiligen Definitionen vergegenwärtigt:

Satz 6.5 Sei f eine Funktion mit Definitionsbereich A und Wertebereich B . Dann gilt:
(i) idB ◦ f = f = f ◦ id A
(ii) f ◦ f −1 = idB und f −1 ◦ f = id A , falls f injektiv ist.

Man kann das so interpretieren, dass ◦ eine Art Multiplikation von Funktionen ist
und die Identität die Rolle der Eins spielt, während die Umkehrfunktion quasi der
Kehrwert ist.26 (Das erklärt auch die Schreibweise mit dem Exponenten −1.)

Es dürfte offensichtlich sein, dass f ◦ g injektiv ist, wenn f und g beide injektiv
sind. (Machen Sie sich das ggf. mit Pfeildiagrammen klar.) Ist mindestens eine der
beiden Funktionen nicht injektiv, dann ist ihre Komposition das im Allgemeinen
auch nicht mehr. Nehmen Sie als Beispiel f (x) = x und g (x) = x 2 auf den reellen
Zahlen: Keine der Funktionen f ◦ g , g ◦ f und g ◦ g ist injektiv.

Aufgabe 6.44. Versuchen Sie Funktionen f und g von N nach N zu finden, für die eine
der folgenden Aussagen gilt.
(i) f ist nicht injektiv, aber f ◦ g ist injektiv.
25 Erinnern Sie sich an Aufgabe 1.22.
26 Natürlich ist die Analogie nicht vollständig, weil es hier viele verschiedene „Einsen“ gibt und

weil die Komposition anders als die Multiplikation reeller Zahlen nicht kommutativ ist. Mehr dazu in
Abschnitt 7.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


6. Funktionen 87

(ii) g ist nicht injektiv, aber f ◦ g ist injektiv.

Sie werden feststellen, dass das für eine der beiden Aussagen möglich ist und für die
andere nicht. Können Sie begründen, warum das so ist?

⋆Aufgabe 6.45. Finden Sie Funktionen f und g , so dass f und g beide nicht injektiv
sind, f ◦ g aber injektiv ist. Wieso steht das nicht im Widerspruch zu Aufgabe 6.44?
[Tipp: Arbeiten Sie mit ganz einfachen Funktionen, die nur aus wenigen Paaren
bestehen.]

Aufgabe 6.46. Welche der vier Funktionen aus Aufgabe 6.42 sind injektiv? Denken Sie
wie üblich daran, dass für negative Antworten konkrete Gegenbeispiele am überzeu-
gendsten sind.

Aufgabe 6.47. Welche der vier Funktionen


( (
Z×Z → Z Z → Z×Z
f : , g: ,
(x, y) 7→ y + 1 x 7→ (x − 1, x + 1)

f ◦ g und g ◦ f sind injektiv?

Aufgabe 6.48. Welche der vier Funktionen


( (
Z×Z → Z×Z Z×Z → Z×Z
f : , g: ,
(x, y) 7→ (x + y, x − y) (x, y) 7→ (y − 1, x + 1)

f ◦ g und g ◦ g sind injektiv?

Mit Funktionen, deren Funktionswerte Zahlen27 sind, kann man „rechnen“:

Sind f und g Funktionen von einer Menge A nach R, dann definieren wir die Definition
folgenden Funktionen:
( (
A→R A→R
f +g : f −g :
x 7→ f (x) + g (x) x 7→ f (x) − g (x)
( (
A→R { x ∈ A : g (x) ̸= 0 } → R
f ·g : f /g :
x 7→ f (x) · g (x) x 7→ f (x)/g (x)

Wenn Sie so etwas zum ersten Mal sehen, kommt es Ihnen vielleicht komplizierter
vor, als es ist. Haben wir es z. B. mit f (x) = x 2 und g (x) = 5x zu tun, dann ist f + g
einfach die Funktion, die x auf x 2 + 5x abbildet, und f · g bildet x auf 5x 3 ab. Zu
beachten ist bei diesen Definitionen lediglich:
– f + g , f − g und so weiter sind wieder Funktionen.
– f und g müssen denselben Definitionsbereich haben.
27Wir definieren das hier zunächst für reelle Zahlen. Später führen wir noch andere Objekte ein,

mit denen man rechnen kann, z. B. komplexe Zahlen, Vektoren oder ganz allgemein Elemente von
algebraischen Strukturen. Die Definitionen übertragen sich dann sinngemäß.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


88 Relationen und Funktionen

– Wie üblich wird f · g oft auch als f g abgekürzt.


– Bei der Definition von f /g wird der Definitionsbereich ggf. eingeschränkt,
damit nicht durch Null dividiert wird.

Aufgabe 6.49. Die Funktionen


( (
Z→R Z→R
f : und g:
n 7→ 2n + 4 n 7→ 4 − 2n

sind zweifelsohne beide injektiv. Was ist mit f + g , f − g und f g ?

Aufgabe 6.50. Was würde sich bei Aufgabe 6.49 ändern, wenn man überall Z durch N
ersetzen würde?

⋆Aufgabe 6.51. Sei f eine Bijektion von A auf B und g eine Bijektion von B auf C .
Begründen Sie oder machen Sie sich zumindest mit Pfeildiagrammen klar, warum
f −1 eine Bijektion von B auf A und g ◦ f eine Bijektion von A auf C ist.

Funktionen als Tupel, Folgen oder Familien


Im letzten Abschnitt des Kapitels geht es darum, dass man Funktionen je nach Kon-
text auch ganz anders verwenden kann, nämlich als Mechanismen zum Aufzählen
bzw. Sortieren ihres Wertebereichs.

Schauen wir uns noch einmal eine ganz simple Funktion wie

f = {(1, 2), (2, 6), (3, 4), (4, 2), (5, 1)}

an, die wir schon mehrfach betrachtet haben. Als Tabelle könnte man das folgen-
dermaßen notieren:

Eingabe: 1 2 3 4 5
Ausgabe: 2 6 4 2 1

Wenn wir wissen, dass der Definitionsbereich [5] ist, dann können wir uns die
erste Zeile dabei auch sparen, wenn wir uns darauf einigen, die Funktionswerte in
der „richtigen“ Reihenfolge aufzuschreiben: (2, 6, 4, 2, 1). Das kann man offenbar
folgendermaßen verallgemeinern:

Lemma 6.6 Sei n eine natürliche Zahl. Jede Funktion f mit dom( f ) = [n] determiniert
eindeutig ein n-Tupel, nämlich

( f (1), f (2), f (3), . . . , f (n)).

Umgekehrt wird durch jedes n-Tupel (a 1 , a 2 , a 3 , . . . , a n ) eindeutig eine Funk-


tion mit Definitionsbereich [n] festgelegt, nämlich

{(1, a 1 ), (2, a 2 ), (3, a 3 ), . . . , (n, a n )}.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


6. Funktionen 89

In diesem Sinne identifiziert man in der Mathematik häufig auch n-Tupel mit
solchen Funktionen und verwendet die Tupel als abkürzende Schreibweise. Diese
Idee wird auch auf unendliche Definitionsbereiche übertragen. Beispielsweise
kann man das „unendliche Tupel“

(0, 1, 4, 9, 16, 25, . . . )

als die Funktion lesen, die jeder natürlichen Zahl n den Funktionswert n 2 zuordnet.
Man würde das typischerweise als
¡ 2
n : n ∈ N oder n 2 n∈N
¢ ¡ ¢

schreiben.

Eine Funktion f mit Definitionsbereich I kann man auch in einer der Formen Konvention
¡ ¢ ¡ ¢
f (i ) : i ∈ I oder f (i ) i ∈I

aufschreiben. Das macht man insbesondere dann, wenn es für die Menge I
eine „kanonische Ordnung“ gibt, wodurch die Menge der Funktionswerte
„sortiert“ wird. Man spricht dann manchmal auch von einer Familie statt von
einer Funktion. Ist I die Menge N oder N+ , dann nennt man solche Funktionen
auch Folgen.

Aufgabe 6.52. Schreiben Sie die Folge


(
N+ → R
:
n → 1/n

in der gerade vorgestellten Schreibweise auf.

Sind A und B Mengen, so schreiben wir B A für die Menge aller Funktionen Definition
von A nach B .28

Man beachte, dass B in dieser Definition die Rolle der Zielmenge (und nicht die
des Wertebereichs) spielt. Die Funktion {(1, 42)} ist z. B. ein Element von N[1] .

Aufgabe 6.53. Wenn A und B endliche Mengen sind, wie viele Elemente hat B A dann?

⋆Aufgabe 6.54. Sei n ∈ N. Geben Sie eine Bijektion von P ([n]) auf [2][n] an.

28 In der axiomatischen Mengenlehre schreibt man stattdessen A B , um Verwechslungen mit der

kardinalen Exponentiation zu vermeiden.

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90 Relationen und Funktionen

Resümee
Das Wort Funktion stammt von dem bereits erwähnten Leibniz aus dem 17. Jahr-
hundert. Die Schreibweise f (x) geht auf den berühmten Schweizer Mathematiker
Leonhard Euler zurück, der sie 1734 zum ersten Mal verwendete. Bis zum heutigen
Funktionsbegriff war es allerdings ein weiter Weg. Noch bis ins 19. Jahrhundert
hinein bestanden nur recht schwammige Vorstellungen davon, was genau als
Funktion gelten sollte, und sie waren eng mit dem Konzept einer Rechenvorschrift
verbunden. Erst durch diverse pathologische Beispiele, die u.a. von Bernard Bolza-
no, Peter Gustav Lejeune Dirichlet und Karl Weierstraß entwickelt wurden, wurde
nach und nach klar, dass man ein allgemeineres Konzept benötigte. Wie im Falle
der Relationen konnte die inzwischen übliche Definition erst im 20. Jahrhundert
entstehen, weil sie auf der Mengenlehre basiert.

⋆ Funktionen im Computer
Ob ein Objekt eine Funktion ist, kann man in P YTHON z. B. so überprüfen:

def rightUnique(R):
return all(x1!=x2 or y1==y2 for (x1,y1) in R for (x2,y2) in R)
def isRelation(A):
return all(type(x) is tuple and len(x)==2 for x in A)
def isFunction(A):
return type(A) is set and isRelation(A) and rightUnique(A)

Und an den Definitionsbereich einer Funktion kommt man folgendermaßen heran:

def dom(f):
return {x for (x,y) in f}

Vielleicht schreiben Sie als Übung noch P YTHON-Funktionen für den Wertebereich
oder für das Testen auf Injektivität.

Natürlich ging es hier um mathematische Funktionen im Sinne dieses Kapitels.


Die Kompositionen zweier P YTHON-Funktionen lässt sich aber auch recht elegant
realisieren:

def comp(f, g):


return lambda x: f(g(x))

f, g = lambda x: 3 * x, lambda x: x + 2
comp(f,g)(42)

Dass man wie in (6.4) das Argument einer Funktion vorab bereits in seine Ein-
zelteile (im Beispiel sind das m und n) „zerlegt“, nennt man in der Informatik
Destrukturierung. In P YTHON würden Sie die besagte Funktion typischerweise
sicher so schreiben:

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


6. Funktionen 91

def f(m,n):
return m**2+n**2

Dann würden Sie sie in der Form f(1,5) aufrufen. Man könnte das aber auch
näher am „Original“ so schreiben:

def f(p):
(m,n) = p
return m**2+n**2

Der Aufruf wäre nun f((1,5)), d. h., f wird mit einem Paar als Argument aufge-
rufen und das Destrukturieren findet in der ersten Zeile der Funktion statt.29 In
Programmiersprachen wie H ASKELL, in denen mit Pattern Matching gearbeitet
wird, wird diese Vorgehensweise besonders deutlich.
Das Addieren von Funktionen könnte man in P YTHON so erreichen:

def plus(f,g):
return lambda x: f(x)+g(x)

Für das Beispiel aus Aufgabe 6.49 sähe es dann so aus:

f, g = lambda n: 2*n+4, lambda n: 4-2*n


plus(f,g)(10)

In der Sprache J ULIA könnte man sogar die mathematische Syntax verwenden:

import Base:+
+(f::Function, g::Function) = x -> f(x)+g(x)

f(n) = 2n+4
g(n) = 4-2n
(f+g)(10)

In dieser Sprache wird auch deutlicher, dass Operationen wie Addition und Mul-
tiplikation „ganz normale Funktionen“ sind, weil man dort z. B. statt 40+2 auch
+(40,2) schreiben kann.

29 Die Klammern sind in diesem Fall nicht nötig und stehen dort aus didaktischen Gründen.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


IV
Algebraische Strukturen

Die Algebra ist eines der größten und wichtigsten Teilgebiete der Mathematik. Wir
werden nicht besonders tief in diese teilweise sehr abstrakte Materie einsteigen,
aber zumindest sollen einige grundlegende Strukturen eingeführt werden. Das
wird uns später beim präzisen Formulieren helfen und es wird hoffentlich auch
den Blick dafür schärfen, worum es beim „Rechnen“ eigentlich geht.

Wenn man in der Mathematik von Strukturen redet, dann meint man damit heutzu-
tage fast immer Mengen mit weiteren „Zutaten“. In Abschnitt 5 waren die Zutaten
Relationen. In diesem Kapitel werden es innere Verknüpfungen sein.

Wir werden ab jetzt häufiger Beweise sehen. Nach meiner Erfahrung kann man
die Aussagen so besser verstehen und sie sich besser merken. Außerdem sind die
meisten Beweise, die wir brauchen, nicht besonders umfangreich.

7. Eigenschaften von inneren Verknüpfungen


Aufgabe 7.1. Im Internet kursieren Aufgaben wie 6 ÷ 2(1 + 2), über die sich viele Men-
schen in den Haaren liegen. Was kommt denn bei dieser Aufgabe heraus?

Zur Erinnerung: Eine innere Verknüpfung auf einer Menge M ist eine Funktion
von M × M nach M . „Typische“ Beispiele, die auch die Vorbilder für die Themen
dieses Kapitels sind, sind Addition und Multiplikation von Zahlen, also z. B.
( (
N×N → N Q×Q → Q
: oder : .
(m, n) 7→ m + n (r, s) 7→ r · s

Wir werden für solche Funktionen in diesem Kapitel immer die sogenannte In-
fixnotation verwenden, d. h., wenn im Folgenden f eine innere Verknüpfung ist, Infixnotation
dann schreiben wir für die Funktionswerte x f y statt f (x, y). Allerdings bezeichnen
wir solche Funktionen dann nicht mit Buchstaben wie f , g und h, sondern mit
Operatorsymbolen wie ⊕ oder ⊗.

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94 Algebraische Strukturen

Definition Eine innere Verknüpfung ⊗ auf einer Menge M heißt assoziativ, wenn

(a ⊗ b) ⊗ c = a ⊗ (b ⊗ c)

für alle a, b, c ∈ M gilt.

Wir fangen mit einem Beispiel für eine Verknüpfung an, die nicht assoziativ ist:
(
N×N → N
⊗: (7.1)
(m, n) → m(n + 1)

Unter anderem haben wir dann

(1 ⊗ 2) ⊗ 3 = (1 · (2 + 1)) ⊗ 3 = 3 ⊗ 3 = 3 · (3 + 1) = 12 und
1 ⊗ (2 ⊗ 3) = 1 ⊗ (2 · (3 + 1)) = 1 ⊗ 8 = 1 · (8 + 1) = 9

und wie immer reicht ein Gegenbeispiel.

Verknüpfungen, die assoziativ sind, sind die übliche Addition und Multiplikation
von Zahlen.1 Es gilt also a +(b+c) = (a +b)+c und a(bc) = (ab)c und Sie haben sich
darüber vielleicht noch nie Gedanken gemacht. Das Beispiel davor hat aber gezeigt,
dass so etwas keine Selbstverständlichkeit ist. Innere Verknüpfungen sind immer
nur für zwei Argumente definiert. Wenn man es mit mehr als zwei Argumenten zu
tun hat, muss man Klammern setzen, um festzulegen, was zuerst berechnet werden
soll. Nur dann, wenn eine Verknüpfung assoziativ ist, kann man die Klammern
weglassen. Es ist also OK, wenn man 3 · 7 · 5 schreibt,2 aber im obigen Beispiel wäre
3 ⊗ 7 ⊗ 5 ein undefinierter Ausdruck gewesen.

Aufgabe 7.2. Welche der folgenden Verknüpfungen sind assoziativ?


(i) (a, b) 7→ a b für a, b ∈ N
(ii) (x, y) 7→ x ⊕ y = (x + 1)(y + 1) für x, y ∈ N
(iii) (x, y) 7→ x ⊗ y = 2x y für x, y ∈ N
(iv) (x, y) 7→ x/y für x, y ∈ Q \ {0}
(v) (M , N ) 7→ M ∩ N für M , N ⊆ N
(vi) ( f , g ) 7→ f ◦ g für f , g ∈ NN

Aufgabe 7.3. Geben Sie das hier in P YTHON ein:3

1 Kann man das beweisen? Ja, aber dafür müsste man ganz tief in den Keller der Grundlagenma-

thematik hinabsteigen. Wir belassen es hier dabei, dass wir das einfach glauben bzw. es aus der
Schule „wissen“.
2Wenn Sie so etwas im Kopf ausrechnen, fangen Sie aber sicher trotzdem immer mit zwei der drei

Zahlen an, weil Sie das kleine Einmaleins nicht für Produkte von drei Faktoren auswendig gelernt
haben. Auch die ALU und die FPU Ihres Rechners können immer nur zwei Argumente verknüpfen.
3 Oder probieren Sie es mit einer anderen Programmiersprache. In jeder Sprache, die sich an den

Standard IEEE 754 hält, werden Sie vergleichbare Ergebnisse bekommen.

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7. Eigenschaften von inneren Verknüpfungen 95

(1.111111111111111+0.000000000000001)+0.000000000000001
1.111111111111111+(0.000000000000001+0.000000000000001)

Was kann man daraus schließen?

Aufgabe 7.4. Geben Sie die folgenden beiden Ausdrücke aus der Lösung von Aufga-
be 7.2 in P YTHON ein (oder probieren Sie das mit einer anderen Programmiersprache):

2**3**2 # ** ist der Operator für die Potenz in Python


1/2/3

Was kann man daraus schließen?

Wie in Aufgabe 7.4 muss man sich auch in der Mathematik bei manchen Ausdrü-
cken für eine Reihenfolge entscheiden, wenn keine durch Klammern vorgegeben
wird. Dabei gilt zunächst einmal immer die bekannte und schon am Anfang des
Skripts erwähnte Regel "Punkt- vor Strichrechnung", aus der folgt, dass Multipli-
kation und Division Vorrang vor Addition und Subtraktion haben. Daher wird so
etwas wie 4 + 3 · 2 wie 4 + (3 · 2) = 10 interpretiert. Zudem hat Potenzierung eine
noch höhere Priorität. 5 · 23 ist deshalb 40 und −24 ist −16 und nicht 16.

Stehen hintereinander mehrere gleichwertige Operatoren ohne Klammern, dann


werden diese in der Regel als linksassoziativ behandelt, womit gemeint ist, dass linksassoziativ
von links nach rechts ausgewertet wird. 10 − 5 + 2 würde man also wie (10 − 5) + 2
und 1/2/3 wie (1/2)/3 behandeln.4 Man sollte so etwas aber besser ganz vermeiden.
Eine Ausnahme von der Linksassoziativität bildet die Potenz, die als rechtsassoziativ rechtsassoziativ
32 (32 )
angesehen wird: 2 wird als 2 ausgewertet.

Aufgabe 7.5. Was kommt denn nun bei Aufgabe 7.1 heraus?

Eine innere Verknüpfung ⊗ auf einer Menge M heißt kommutativ, wenn Definition

a ⊗b = b ⊗a

für alle a, b ∈ M gilt.

Ein Beispiel für eine Verknüpfung, die nicht kommutativ ist, ist ⊗ aus (7.1): 2⊗3 = 8,
3 ⊗ 2 = 9. Addition und Multiplikation sind aber kommutativ.

Aufgabe 7.6. Welche der Verknüpfungen aus Aufgabe 7.2 sind kommutativ?

Aufgabe 7.7. Die symmetrische Differenz zweier Mengen A und B ist definiert als symmetrische
Differenz A △ B
A △ B = (A \ B ) ∪ (B \ A) = (A ∪ B ) \ (A ∩ B ). (7.2)
4 Man könnte an dieser Stelle noch erwähnen, dass es natürlich egal ist, ob man für die Division

das Zeichen / oder das in der Schule gebräuchlichere : verwendet.

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96 Algebraische Strukturen

Machen Sie sich mit Mengendiagrammen klar, dass diese Verknüpfung assoziativ
und kommutativ ist und dass die beiden alternativen Definitionen aus (7.2) dieselbe
Menge beschreiben.

Vorsichtshalber sei an dieser Stelle noch angemerkt, dass zwar klar sein sollte,
was gemeint ist, wenn man sagt, dass ∩, ∪ oder △ assoziativ oder kommutativ
sind, dass es sich aber rein technisch nur dann um innere Verknüpfungen handelt,
wenn man wie in Punkt (v) von Aufgabe 7.2 eine Menge angibt, auf der die Ver-
knüpfung definiert ist. Siehe dazu die Bemerkungen über naive und axiomatische
Mengenlehre am Ende des ersten Kapitels.

Definition Ist ⊗ eine innere Verknüpfung auf einer Menge M , so nennt man e ∈ M ein
neutrales Element für ⊗, wenn

e ⊗a = a = a ⊗e

für alle a ∈ M gilt.

Die „typischen“ Beispiele für neutrale Elemente sind die Null für die Addition
und die Eins für die Multiplikation. Für ⊗ aus (7.1) gibt es hingegen kein neutrales
Element. Damit immer a ⊗ e = a gilt, müssten wir e = 0 wählen, aber 0 ⊗ a ist
immer 0 und im Allgemeinen nicht a.5

Aufgabe 7.8. Welche der Verknüpfungen aus Aufgabe 7.2 haben neutrale Elemente?

Bei den Beispielen, bei denen wir neutrale Elemente gefunden haben, haben wir
immer nur eines gefunden. Das war kein Zufall (und man kann daher auch von
dem neutralen Element für eine bestimmte Verknüpfung sprechen).

Lemma 7.1 Ist ⊗ eine innere Verknüpfung auf M und e ein neutrales Element für ⊗, dann
ist e das einzige Element von M mit dieser Eigenschaft.

Beweis. Was nun folgt, ist einer der wohl einfachsten Beweise in der gesamten
Mathematik. Seien e und e ′ neutrale Elemente für ⊗. Dann gilt e = e ⊗ e ′ = e ′ .
Dabei gilt die erste Gleichheit, weil e ′ neutrales Element ist, und die zweite, weil e
neutrales Element ist. ■

Ist Ihnen das schwarze Quadrat am rechten Rand aufgefallen? Damit wird in der
Mathematik das Ende eines Beweises markiert. Die Tradition, explizit auszuspre-
chen, dass ein Beweis beendet ist, ist über zweitausend Jahre alt. Das schwarze
Quadrat – scherzhaft auch Grabstein genannt – wurde erst 1950 von Paul Halmos
eingeführt, ist inzwischen jedoch sehr weit verbreitet.
linskneutral An diesem Beweis sieht man übrigens nebenbei, dass es ausreicht, wenn e nur
rechtsneutral
linksneutral und e ′ nur rechtsneutral ist, d. h., wenn lediglich e ⊗a = a und a⊗e ′ = a
5 In der fortgeschrittenen Algebra würde man von einem rechtsneutralen Element sprechen, aber

das werden wir nicht benötigen.

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8. Gruppen 97

für alle a ∈ M gilt. Man erhält dann trotzdem, dass e = e ′ gelten muss, und hat
damit ein (beidseitig) neutrales Element gefunden.

Sei ⊗ eine innere Verknüpfung auf einer Menge M , e das neutrale Element Definition
für ⊗ und a ∈ M . Ein Element b von M mit

a ⊗b = e = b ⊗a

nennt man ein inverses Element zu a (bezüglich ⊗) oder einfach invers zu a.

Man beachte, dass nach dieser Definition das neutrale Element immer invers
zu sich selbst ist. Interessant wird die Sache also erst, wenn es auch für andere
Elemente Inverse6 gibt. Dabei kann die Menge, auf der die Verknüpfung definiert
ist, durchaus eine Rolle spielen:
– Für die Addition auf N gibt es nur zum neutralen Element 0 ein Inverses. Für
die Addition auf Z hat hingegen jede ganze Zahl a ein Inverses, nämlich −a.
– Für die Multiplikation auf N hat nur das neutrale Element 1 ein Inverses.
Für die Multiplikation auf Q hat hingegen jeder Bruch a/b ̸= 0 ein Inverses,
nämlich b/a. Und die Null hat natürlich kein Inverses, weil es keine Zahl
gibt, die mit null multipliziert eins ergibt.

Aufgabe 7.9. Wie sieht es bei der Multiplikation mit inversen Elementen aus, wenn
sie auf Z definiert ist?

Aufgabe 7.10. Wenn man (x, y) 7→ x ⊗ y = 2x y als Verknüpfung auf Q definiert, dann
hat diese Verknüpfung das neutrale Element 1/2, wie wir uns schon in Aufgabe 7.8
überlegt haben. Wie steht es mit inversen Elementen?

Aufgabe 7.11. Wenn b invers zu a ist, gibt es dann auch ein inverses Element zu b?

Aufgabe 7.12. Wie vereinfachen sich die Definitionen für das neutrale Element und
für die inversen Elemente, wenn die Verknüpfung kommutativ ist?

8. Gruppen
Die Methoden der Gruppentheorie haben inzwischen fast alle Bereiche der Ma-
thematik durchdrungen und die Entwicklung dieses Begriffs kann im Nachhinein
wohl als einer der wichtigsten konzeptionellen Fortschritte in der Mathematik
in Richtung Abstraktion bezeichnet werden. Wir haben leider nicht die Zeit, aus-
führlich auf die historische Motivation einzugehen. Eine allgemeinverständliche
Darstellung finden Sie in den ersten circa 25 Minuten des zweiteiligen Videos "Der
längste Beweis aller Zeiten".

6Wie Sie sehen, benutzt man den Begriff auch als Substantiv.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


98 Algebraische Strukturen

Definition Ist M eine Menge und ⊗ eine innere Verknüpfung auf M , dann nennt man das
Paar (M , ⊗) eine Gruppe, wenn die folgenden drei Bedingungen erfüllt sind:
(i) ⊗ ist assoziativ.
(ii) Es gibt ein neutrales Element für ⊗.
(iii) Zu jedem Element von M gibt es bezüglich ⊗ ein inverses Element.
Sind zumindest die ersten beiden Bedingungen erfüllt, spricht man von einem
Monoid. Ist wenigstens die erste Bedingung erfüllt, so handelt es sich um
eine Halbgruppe. Ist ⊗ zusätzlich kommutativ, so nennt man die Struktur
kommutativ oder abelsch.7

Es würde rein technisch reichen, nur ⊗ als die Gruppe zu bezeichnen, weil man aus
⊗ ja M rekonstruieren kann. Üblicherweise macht man es jedoch sogar andersher-
um und nennt die Grundmenge M die Gruppe, wenn aus dem Kontext hervorgeht,
welche Verknüpfung gemeint ist.

Zunächst ein paar Beispiele aus der Welt der Zahlen, die sich größtenteils bereits
aus den Überlegungen des letzten Abschnitts ergeben.
– Die natürlichen Zahlen bilden mit der Addition ein Monoid mit dem neu-
tralen Element 0. Und mit der Multiplikation bilden sie auch ein Monoid
mit dem neutralen Element 1. Weil es sich um Monoide handelt, handelt es
sich „erst recht“ um Halbgruppen. In beiden Fällen hat jedoch keine Zahl
außer dem neutralen Element inverse Elemente, es handelt sich also nicht
um Gruppen.
– Wenn man die Addition stattdessen auf Z betrachtet, hat man eine Gruppe,
weil man nun immer Inverse findet. Bei der Multiplikation hat man es aber
nach wie vor nur mit einem Monoid zu tun.
– Geht man über zu Q, so liefert die Addition immer noch eine Gruppe. Durch
die Multiplikation erhält man nun auch eine Gruppe, wenn man statt Q als
Grundmenge Q \ {0} nimmt. Nur durch das Entfernen der Null kann man
erreichen, dass jedes Element ein Inverses hat.
– Schließlich bilden auch die reellen Zahl mit der Addition eine Gruppe und
mit der Multiplikation bildet R \ {0} eine.

Bei all diesen Überlegungen muss man natürlich darauf achten, dass die jeweili-
gen Operationen auch wirklich innere Verknüpfungen sind: Die Addition zweier
natürlicher Zahlen ergibt wieder eine natürliche Zahl, die Multiplikation zweier
von null verschiedener rationaler Zahlen liefert wieder eine von null verschiedene
rationale Zahl und so weiter.
Aufgabe 8.1. In welchen der folgenden Fälle ist (M , ⊗) eine Gruppe oder ein Monoid?
Überprüfen Sie jeweils alle Eigenschaften und begründen Sie negative Antworten
durch konkrete Gegenbeispiele.
(i) M = { x ∈ R : x ≥ 0 } mit x ⊗ y = x 2 + y 2
p

(ii) M = Z mit x ⊗ y = x + 2y

7 Benannt nach dem Norweger Niels Henrik Abel.

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8. Gruppen 99

(
x x≥y
(iii) M = N mit x ⊗ y =
y x<y

Aufgabe 8.2. Wir definieren eine Verknüpfung ⊕ auf R2 durch8

(x 1 , y 1 ) ⊕ (x 2 , y 2 ) = (x 1 + x 2 , y 1 + y 2 ).

Überzeugen Sie sich, dass es sich um eine Gruppe handelt und geben Sie an, wie das
neutrale Element bzw. die inversen Elemente aussehen. Ist diese Gruppe abelsch?

Aufgabe 8.3. Bildet die Menge M = { q ∈ Q : 0 < |q| ≤ 1 } mit der üblichen Multiplikati-
on ein Monoid oder eine Gruppe?

Aufgabe 8.4. Bildet die Menge R+ = { q ∈ R : q > 0 }, also das Intervall (0, ∞), mit der R+
üblichen Addition bzw. Multiplikation ein Monoid oder eine Gruppe?

Aufgabe 8.5. Bildet die Menge P (N) mit der Vereinigung eine Gruppe oder ein Mono-
id? Und was ist mit dem Durchschnitt?

⋆Aufgabe 8.6. Wenn man die Bedingungen (ii) und (iii) in der Definition einer Grup-
pe durch die folgenden, schwächeren Bedingungen ersetzt, beschreibt man damit
trotzdem immer noch eine Gruppe:
(ii’) Es gibt ein linksneutrales Element e für ⊗.
(iii’) Zu jedem Element a von M gibt es bezüglich ⊗ ein linksinverses Element b. linksinvers
Damit ist gemeint, dass b ⊗ a = e gilt.

Können Sie begründen, warum das stimmt? (Das ist ein bisschen Knobelei, aber nicht
wirklich schwer. Man muss lediglich aufpassen, dass man nicht etwas verwendet, das
gar nicht vorausgesetzt wurde. Beispielsweise kann man Lemma 7.1 nicht verwenden,
solange nicht klar ist, dass e auch rechtsneutral ist.)

Es gibt auch endliche Gruppen. Deren Erforschung hat sich im 20. Jahrhundert
sogar als besonders schwierig und aufwendig erwiesen. Aber keine Angst, wir
schauen uns nur ein paar einfache Beispiele an.

Die einfachste Gruppe, die es überhaupt gibt, besteht nur aus einem Element. Um
welches Element es sich handelt, spielt keine Rolle. Nennen wir es einfach e, denn
es muss ja in Ermangelung anderer Alternativen das neutrale Element sein. Die
Grundmenge ist also M = {e} und die Verknüpfung, die wir ⊗ nennen werden, steht
damit auch fest: e ⊗ e muss e sein und damit ist der Definitionsbereich M × M
bereits erschöpft. Es sollte hoffentlich klar sein, dass dieses seltsame Konstrukt alle
Bedingungen für eine Gruppe erfüllt. Das ist alles trivial und darum nennt man
diese Gruppe auch die triviale Gruppe. triviale Gruppe

Aufgabe 8.7. Was ist denn mit unserer Freundin, der leeren Menge, die doch alle
möglichen Eigenschaften hat? Erhält man mit der als Grundmenge nicht eine Gruppe,
die noch kleiner als die triviale ist?
8Wenn Sie in der Schule mit Vektoren zu tun hatten, sollte Ihnen das bekannt vorkommen.

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100 Algebraische Strukturen

In Gruppen sind nicht nur die neutralen, sondern auch die inversen Elemente
eindeutig bestimmt.

Lemma 8.1 Ist (M , ⊗) eine Gruppe, dann gibt es zu jedem Element von M genau ein inver-
ses Element.

⋆Aufgabe 8.8. Der Beweis für Lemma 8.1 verläuft analog zu dem für die Eindeutigkeit
des neutralen Elements (Lemma 7.1). Probieren Sie’s mal selbst!

Aufgabe 8.9. Geben Sie für jedes der Gleichheitszeichen in (L-2) an, warum die jewei-
lige Umformung erlaubt ist.

Konvention Man schreibt abstrakte Gruppen oft multiplikativ. Damit ist gemeint, dass
man die Verknüpfung mit · bezeichnet und sie häufig auch weglässt, dass man
also ab statt a · b schreibt. Das neutrale Element wird dann in der Regel 1
a −1 1/a genannt und das zu a inverse Element schreibt man a −1 oder (seltener) 1/a.
Man schreibt außerdem abkürzend a 2 für aa, a 3 für aaa und so weiter.9
Abelsche Gruppen schreibt man auch additiv: Als Verknüpfungszeichen wird
dann + verwendet, für das neutrale Element das Symbol 0 und für das zu a
−a inverse Element die Schreibweise −a.

Bei dieser Konvention ist das Wort abstrakt hervorzuheben. Dass man für ein Ele-
ment 0 oder 1 schreibt, heißt nicht, dass es sich um die gleichnamige Zahl handelt,
sondern lediglich, dass es in der jeweiligen Gruppe eine bestimmte „Sonderrolle“
einnimmt. Wir wenden diese Konvention gleich für eine wichtige generelle Aussage
über Gruppen an.

Aufgabe 8.10. Man kann die Aussage aus Aufgabe 8.2 verallgemeinern und dabei
gleich diese Konvention verinnerlichen: Sind G 1 bis G n Gruppen, dann wird auf der
Menge G = G 1 × · · · ×G n durch
(x 1 , . . . , x n ) · (y 1 , . . . , y n ) = (x 1 · y 1 , . . . , x n · y n ) (8.1)
10
eine innere Verknüpfung definiert, durch die man eine Gruppe erhält. Sind zudem
alle G i abelsch, dann ist auch G abelsch. Stellen Sie sicher, dass Sie verstanden haben,
was hier behauptet wird, und begründen Sie die Korrektheit der Aussage, indem Sie
die Argumentation aus Aufgabe 8.2 kopieren.

Aufgabe 8.11. Auch Aufgabe 8.10 kann man noch einmal verallgemeinern, nämlich so:
Ist G eine Gruppe und M irgendeine Menge, dann wird auf der Funktionsmenge G M
durch die Verknüpfung f · g eine Gruppe definiert.11 Überprüfen Sie die Assoziativität
und geben Sie das neutrale Element an.
9 Dabei ist zu beachten, dass diese Form der „Exponentiation“ keine neue Operation, sondern

lediglich eine Abkürzung ist. Sie ergibt in diesem Zusammenhang nur Sinn, wenn der Exponent eine
natürliche Zahl ist. Dann passt aber auch a 0 für 1 und a 1 = a und es gilt a m+n = a m a n .
direktes Produkt 10 Man nennt diese Gruppe das direkte Produkt der G .
i
11 Hier ist die Multiplikation von Funktionen im Sinne der Definition auf Seite 87 gemeint. Wie in

der dortigen Fußnote 27 bereits angekündigt wurde, sind die Funktionswerte nun keine „Zahlen“ im
klassischen Sinne mehr.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


8. Gruppen 101

Ist G eine Gruppe, dann kann man für alle a, b ∈ G die beiden Gleichungen Satz 8.2
ax = b und y a = b eindeutig nach x bzw. y auflösen. Die Lösungen sind
x = a −1 b und y = ba −1 . Ist die Gruppe abelsch, dann sind die beiden Lösungen
offenbar identisch.

Beweis. Dass a −1 b die erste Gleichung löst, bestätigt man einfach durch Einsetzen.
Dass es die einzige Lösung ist, ergibt sich durch Multiplikation der Gleichung mit
a −1 . Für die zweite Gleichung argumentiert man analog. Das war’s schon.

Zu beachten ist hier lediglich, dass wir das Zeichen · nicht fälschlicherweise so
interpretieren dürfen, als wäre die Verknüpfung kommutativ. Wenn wir beispiels-
weise ax = b mit a −1 multiplizieren, dann müssen wir „von links“ multiplizieren;
und zwar auf beiden Seiten, denn es soll dort ja dasselbe gemacht werden und
Multiplikation von links ist evtl. nicht dasselbe wie Multiplikation von rechts. ■

Ist (G, ·) eine Gruppe und a ∈ G, dann sind die Abbildungen x 7→ ax und Korollar 8.3
x 7→ xa bijektive Funktionen von G auf G.

Beweis. Die Surjektivität von x 7→ ax folgt daraus, dass man die Gleichung ax = b
für jedes b ∈ G lösen kann. Die Injektivität folgt daraus, dass die Lösung eindeutig
bestimmt ist. Beides liefert Satz 8.2. Für x 7→ xa verläuft der Beweis analog mit der
anderen Gleichung aus dem Satz. ■

Korollar 8.3 hilft bei der Konstruktion weiterer Gruppen. Die nach der trivialen
nächstgrößere Gruppe könnte eine mit zwei Elementen sein. Schreiben wir die
Grundmenge als G = {1, a}. Die Verknüpfung können wir als Verknüpfungstabelle Verknüpfungstabelle
aufschreiben:12
· 1 a
1 1 a
a a 1
Mit etwas Nachdenken sieht man, dass die Tabelle so wie oben aussehen muss.
Weil 1 das neutrale Element ist, ergibt sich zwangsläufig, was in der ersten Zeile
und Spalte stehen muss. Und Korollar 8.3 besagt, dass es in keiner Zeile oder Spalte
zu Dopplungen kommen darf. Es muss somit a · a = 1 gelten, anders geht es nicht.
Damit ist klar, dass a zu sich selbst invers ist.

Aufgabe 8.12. Ist damit auch schon klar, dass wir eine Gruppe vor uns haben?

Aufgabe 8.13. Die Beispielgruppe mit zwei Elementen ist abelsch. Wie kann man
einer Verknüpfungstabelle allgemein ansehen, dass die Verknüpfung kommutativ ist?

Aufgabe 8.14. Erinnert Sie diese Gruppe mit zwei Elementen an etwas?

12 Das ist natürlich so gemeint, dass im Schnittpunkt der Zeile zum Element x und der Spalte zum

Element y der Wert x · y stehen soll.

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102 Algebraische Strukturen

Aufgabe 8.15. Wir haben nun gelernt, dass es nur eine Gruppe mit zwei Elementen
gibt. Es gibt auch nur eine mit drei Elementen. Erstellen sie eine entsprechende Ver-
knüpfungstabelle. Dabei werden Sie feststellen, dass Ihnen gleichsam „aufgezwungen“
wird, welche Einträge Sie machen müssen.

Aufgabe 8.16. In der Lösung von Aufgabe 8.15 steht, dass die Verknüpfungstabelle
einer Gruppe nach ähnlichen Regeln wie Sudoku befüllt werden muss. Wie kann man
diese Regeln noch etwas präziser formulieren?

Aufgabe 8.17. Was kann man über die Positionen des neutralen Elements in einer
Verknüpfungstabelle sagen?

Aufgabe 8.18. Wenn man außer einer Verknüpfungstabelle nichts hat, kann man die
Assoziativität nur durch systematisches Probieren nachprüfen. Angenommen, Sie
würden ein Computerprogramm schreiben, das alle möglichen Fälle für die Gruppe
aus Aufgabe 8.15 durchgeht. Wie viele Fälle wären das?

In der Gruppentheorie würde man sagen, dass die oben definierte Gruppe mit
den zwei Elementen 1 und a die einzige Gruppe mit zwei Elementen ist. Diese
Sichtweise liegt einerseits nahe, weil wir gar keine andere Wahl für die Verknüpfung
hatten, andererseits klingt es aber auch falsch, weil in Aufgabe 8.14 mehrere andere
Gruppen mit zwei Elementen vorkamen. Inwieweit diese Gruppen „nicht wirklich
anders“ sind, lässt sich mit den nun folgenden Begriffen beschreiben.

Definition Seien (G, ⊕) und (H , ⊗) Gruppen.13 Eine Abbildung f : G → H heißt Gruppen-


homomorphismus, wenn f (a ⊕b) = f (a)⊗ f (b) für alle a, b ∈ G gilt. Wenn aus
dem Kontext hervorgeht, dass es um Gruppen geht, spricht man auch kürzer
einfach von einem Homomorphismus.

Man kann das so interpretieren, dass f die Gruppenstruktur von G derart nach H
überträgt, dass sie mit der Struktur am Ziel übereinstimmt.

Eine Reihe von Beispielen für diesen neuen Begriff:


– Es ist immer eine gute Idee, zunächst mit ganz einfachen Beispielen anzu-
fangen. Wenn G irgendeine Gruppe ist und {e} die triviale Gruppe, dann ist
die Abbildung, die alle Elemente von G konstant auf e abbildet, ein Homo-
morphismus.
– Ein ebenso einfaches Beispiel ist die Identität idG , wenn (G, ⊕) und (H , ⊗)
dieselbe Gruppe sind.
– Etwas weniger banal ist die Abbildung von (Z, +) nach (Q \ {0}, ·), die n auf 2n
abbildet.

Aufgabe 8.19. Schreiben Sie für diese Beispiele jeweils die Bedingung dafür auf, dass
es sich bei den genannten Abbildungen um Homomorphismen handelt, und über-
zeugen Sie sich, dass die Bedingungen erfüllt sind.
13Wir verwenden hier aus didaktischen Gründen wieder Zeichen wir ⊕ und ⊗, um zu verdeutlichen,

dass es typischerweise um verschiedene Verknüpfungen gehen wird.

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8. Gruppen 103

Jeder Homomorphismus von G nach H bildet das neutrale Element von G Lemma 8.4
auf das neutrale Element von H ab. Ferner ist für jedes a ∈ G das Bild von a −1
invers zum Bild von a.

Beweis. Sei f der Homomorphismus. Nach Definition muss für a ∈ G einerseits


f (a) = f (1 · a) = f (1) · f (a) gelten. Andererseits hat die Gleichung f (a) = y · f (a)
nach Satz 8.2 eine eindeutige Lösung in H und diese Lösung ist offenbar y = 1. Also
muss f (1) = 1 gelten.14 Weiter gilt 1 = f (1) = f (a · a −1 ) = f (a) · f (a −1 ). Erneut mit
Satz 8.2 folgt f (a −1 ) = f (a)−1 . ■

Aufgabe 8.20. Sei f : R → R durch f (x) = ⌊x⌋ definiert. Begründen Sie mit einem kon-
kreten Gegenbeispiel, dass f kein Homomorphismus von (R, ·) nach (R, ·) ist.

Aufgabe 8.21. Wenn (G, ⊕) die Gruppe aus Ausgabe 8.2 ist und die Funktion f auf G
durch f (x, y) = x definiert wird, was ist dann der Wertebereich von f und welche
Verknüpfung muss man auf diesem Wertebereich definieren, damit f ein Homomor-
phismus ist?

Sowohl die Menge der rationalen Zahlen als auch die Menge der rellen Zahlen
bilden mit der Addition jeweils eine Gruppe. Die Grundmenge der einen Gruppe
ist eine Teilmenge der anderen Grundmenge und die Verknüpfungen sind in ge-
wissem Sinne identisch, obwohl es sich rein technisch um zwei unterschiedliche
Funktionen handelt. Das formalisieren wir nun.

Man nennt eine Gruppe (G, ⊕) eine Untergruppe der Gruppe (H , ⊗), wenn G Definition
eine Teilmenge von H und ⊕ die Restriktion von ⊗ auf G ×G ist.

Das klingt komplizierter, als es ist. Beispielsweise ist (Z, +) eine Untergruppe von
(Q, +), wobei mit dem Zeichen + einmal eine Abbildung von Z × Z nach Z und
einmal eine von Q × Q nach Q gemeint ist.

In der Regel nimmt man es mit der Sprache nicht so genau: Man bezeichnet oft nur
die Menge G als die Untergruppe und verwendet wie im Beispiel eben in beiden
Gruppen dasselbe Verknüpfungszeichen. Entscheidend ist, dass sich durch die
Einschränkung der Verknüpfung wieder eine Gruppe ergeben muss. Das heißt
insbesondere, dass a ⊗ b = a ⊕ b für alle a, b ∈ G wieder ein Element von G sein
muss.15 Außerdem muss das neutrale Element von G wegen der Eindeutigkeit das
neutrale Element von H sein.

Aufgabe 8.22. Unabhängig davon, wie eine Gruppe (G, ·) konkret aussieht, bieten sich
zwei triviale Untergruppen an. Welche sind es? triviale Untergruppen

14 Sie haben bemerkt, dass in der Gleichung f (1) = 1 die Eins links für das neutrale Element von G

und die Eins rechts für das neutrale Element von H steht, oder? Auch das Verknüpfungszeichen ·
bedeutet mal dies und mal das. Wir verwenden dieselben Symbole für G und H und verlassen uns
darauf, dass aus dem Kontext jeweils ersichtlich ist, in welcher Gruppe wir uns gerade befinden. Das
ist eine „Nachlässigkeit“, die in der Algebra weitverbreitet ist.
15 Man sagt dann auch, dass G abgeschlossen bezüglich ⊗ ist. abgeschlossen

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104 Algebraische Strukturen

Aufgabe 8.23. Ist N eine Untergruppe von (Z, +)?

Aufgabe 8.24. Ist die Menge der ungeraden ganzen Zahlen eine Untergruppe von
(Z, +)? Ist die Menge der geraden ganzen Zahlen eine Untergruppe von (Z, +)?

Aufgabe 8.25. Ist { q ∈ Q : 0 < |q| < 1 } eine Untergruppe von (Q \ {0}, ·)?

Aufgabe 8.26. Fällt Ihnen eine Untergruppe von (R \ {0}, ·) ein, die nicht trivial ist?
Gehen Sie ggf. die Aufgaben aus diesem Kapitel noch einmal durch.

Aufgabe 8.27. Auf der Menge G = {1, a, b, c} wird durch

· 1 a b c
1 1 a b c
a a 1 c b
b b c 1 a
c c b a 1

eine Gruppe definiert. Wie viele nichttriviale Untergruppen können Sie finden?

Das folgende Lemma gibt ein einfaches Kriterium dafür an, wann man es mit einer
Untergruppe zu tun hat.

Lemma 8.5 Eine nichtleere Teilmenge G von H ist genau dann eine Untergruppe von H ,
wenn ab −1 ∈ G für alle a, b ∈ G gilt.

Beweis. Die eine Richtung dieser Äquivalenz ist einfach: Ist G eine Gruppe, dann
müssen für a, b ∈ G natürlich b −1 und damit auch ab −1 Elemente von G sein.
Gehen wir also nun umgekehrt davon aus, dass G eine Teilmenge von H mit dieser
Eigenschaft ist. Wegen G ̸= ; gibt es mindestens ein Element a ∈ G und nach
Voraussetzung ist dann auch 1 = aa −1 ein Element von G. Damit ist aber für jedes
b ∈ G auch 1 · b −1 = b −1 Element von G. Da die Assoziativität von H „vererbt“ wird,
fehlt nur noch, dass G abgeschlossen bezüglich · ist: Sind a, b ∈ G, dann wissen wir
bereits, dass b −1 ∈ G gilt, und es folgt ab = a(b −1 )−1 ∈ G. ■

Wir wenden dieses Lemma gleich an, um die nächste Aussage zu beweisen:

Lemma 8.6 Ist f ein Homomorphismus von G nach H , dann ist f [G] eine Untergruppe
von H und f −1 [{1}] eine Untergruppe von G.

Beweis. Sind a und b Elemente von f [G], dann gibt es c und d aus G mit f (c) = a
und f (d ) = b. Mit Lemma 8.4 folgt

ab −1 = f (c) f (d )−1 = f (c) f (d −1 ) = f (cd −1 ) ∈ f [G].

Sind andererseits a und b Elemente von K = f −1 [{1}], dann gilt f (a) = f (b) = 1 und
wir haben

f (ab −1 ) = f (a) f (b −1 ) = f (a) f (b)−1 = 1 · 1−1 = 1 · 1 = 1

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8. Gruppen 105

und damit ab −1 ∈ K . ■

Die Menge f −1 [{1}] wird auch als Kern von f bezeichnet. In der folgenden Skizze Kern
wird durch Pfeile schematisch angedeutet, was f macht. Alle vier Ellipsen sind
Gruppen. Die rechte graue Ellipse ist f [G], die linke graue Ellipse ist der Kern
von f .

1 1

G H

⋆Aufgabe 8.28. Man kann den Kern von f als „Maß für die Injektivität“ von f betrach-
ten. Das werden wir hier nicht weiter ausarbeiten, aber versuchen Sie zumindest
einmal, die folgende Aussage zu beweisen: Ein Homomorphismus f ist genau dann
injektiv, wenn der Kern von f die Menge {1} ist.

⋆Aufgabe 8.29. Sei U eine Untergruppe von G. Begründen Sie, warum durch a −1 b ∈ U
für a, b ∈ G eine Äquivalenzrelation auf G definiert wird.

⋆Aufgabe 8.30. Begründen Sie, dass die Äquivalenzklassen zur Relation aus Aufgabe
8.29 die Form aU = { au : u ∈ U } für ein a ∈ G haben. aU

Ist G eine endliche Gruppe, so nennt man |G| auch die Ordnung der Gruppe. Definition

Satz von Lagrange Satz 8.7


Ist U Untergruppe einer endlichen Gruppe G, dann ist die Ordnung von U ein
Teiler der Ordnung von G.

Beweis. Die Mengen aU aus Aufgabe 8.30 nennt man Nebenklassen16 von U . Nach Nebenklasse
Satz 5.2 sind für a, b ∈ G die Nebenklassen aU und bU entweder identisch oder
disjunkt. Außerdem wird durch au 7→ bu offenbar eine Bijektion von aU auf bU
definiert. Nach Satz 6.3 haben daher alle Nebenklassen dieselbe Mächtigkeit. Da
U = 1U eine der Nebenklassen ist, wird G somit in gleich große „Portionen“ der
Größe |U | aufgeteilt. ■

Damit folgt beispielsweise sofort, dass eine Gruppe der Ordnung 5 keine nichttri-
vialen Untergruppen haben kann. (Das gilt für jede Gruppe, deren Ordnung eine
Primzahl ist.) Außerdem ist damit klar, dass man in Aufgabe 8.27 nicht nach drei-
elementigen Untergruppen suchen muss. Die naheliegende Umkehrung des Satzes
16 Genauer eigentlich Linksnebenklassen. Im Englischen nennt man sie (left) cosets.

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106 Algebraische Strukturen

von Lagrange gilt übrigens nicht: Es gibt nicht für jeden Teiler der Ordnung von G
eine Untergruppe dieser Ordnung. Das kleinste Gegenbeispiel ist eine Gruppe der
Ordnung 12, die keine Untergruppe der Ordnung 6 hat.

Lemma 8.8 Ist f ein injektiver Homomorphismus von G nach H , dann ist f −1 ein Homo-
morphismus von f [G] nach G.

Beweis. Wir greifen uns zwei Elemente a und b der Gruppe f [G] heraus. Dazu
gibt es c und d mit f (c) = a und f (d ) = b bzw. (siehe Satz 6.5) f −1 (a) = c und
f −1 (b) = d . Damit haben wir sofort

f −1 (a · b) = f −1 ( f (c) · f (d )) = f −1 ( f (cd )) = cd = f −1 (a) · f −1 (b).

Wie man sieht, folgt die Aussage direkt daraus, dass f ein Homomorphismus ist.
Man braucht die Injektivität lediglich, damit f −1 eine Funktion ist. ■

Definition Ein Homomorphismus von G nach H wird Isomorphismus genannt, wenn


es sich um eine bijektive Abbildung von G auf H handelt. Gibt es so eine
Abbildung, dann sagt man, dass G isomorph zu H ist.

Nach Lemma 8.8 folgt sofort, dass f −1 ein Isomorphismus von H auf G ist, wenn f
einer von G auf H ist. Isomorphie ist also symmetrisch,17 d. h., wenn G isomorph
zu H ist, ist H auch isomorph zu G. Darum kann man kürzer auch einfach sagen,
dass G und H isomorph sind.

Aufgabe 8.31. Isomorphie ist auch reflexiv in dem Sinne, dass jede Gruppe isomorph
zu sich selbst ist. Wieso?

⋆Aufgabe 8.32. Wieso ist Isomorphie auch transitiv?

Dass jede Gruppe isomorph zu sich selbst ist, ist natürlich nicht so spannend. Ein
einfaches Beispiel für Isomorphie zwischen zwei verschiedenen Gruppen liefern
die Gruppen G = {1, a} und H = {0, b}, deren Verknüpfungen ⊗ und ⊕ durch die
folgenden Tabellen definiert werden.
⊗ 1 a ⊕ 0 b
1 1 a 0 0 b
a a 1 b b 0
Es lässt sich leicht nachprüfen, dass {(1, 0), (a, b)} ein Isomorphismus von G auf H
ist. Man sieht ja, dass die beiden Gruppen „gleich“ sind. Aber sie sind eben nicht
identisch im mathematischen Sinne, sondern nur „als Gruppen gleich“. Genau
dafür ist der Begriff der Isomorphie gedacht. Die Wörter Homomorphismus und
17 Vorsichtshalber sei hier gesagt, dass Begriffe wie Symmetrie oder Transitivität hier etwas infor-

meller als auf Seite 63 interpretiert werden müssen, weil es so etwas wie „die Menge aller Gruppen“
nicht gibt, auf der man eine Relation definieren könnte. Siehe dazu die Bemerkungen über naive
und axiomatische Mengenlehre am Ende des ersten Kapitels.

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9. Permutationsgruppen 107

Isomorphismus kommen beide aus dem Altgriechischen und bedeuten ungefähr


dasselbe, nämlich „von gleicher Gestalt“. Isomorphie ist aber offensichtlich der
stärkere Begriff. Informell sind zwei Gruppen dann isomorph, wenn sie sich nur
durch Umbenennung unterscheiden. Der Isomorphismus f : G → H ordnet die
unterschiedlichen Namen einander zu: f (a) verhält sich in der Gruppe H genau
so, wie sich a in der Gruppe G verhält. Man sagt auch, dass G und H „bis auf
Isomorphie gleich“ sind. Obwohl also in Aufgabe 8.14 diverse Gruppen mit zwei
Elementen genannt wurden, würde eine Mathematikerin sagen, dass es „bis auf
Isomorphie“ nur eine Gruppe mit zwei Elementen gibt.

Aufgabe 8.33. Begründen Sie, warum im obigen Beispiel {(1, b), (a, 0)} kein Isomor-
phismus wäre.

Aufgabe 8.34. Geben Sie für die Gruppe aus Aufgabe 8.15 einen Isomorphismus auf
sich selbst18 an, der nicht die Identität ist.

Aufgabe 8.35. Die Gruppen (R, +) und (R+ , ·) sind isomorph. Können Sie einen Iso-
morphismus angeben?

Aufgabe 8.36. Im Folgenden sieht man rechts (bis auf Isomorphie) die Gruppe aus
Aufgabe 8.27. Links sieht man eine andere Gruppe.

⊗ 1 a b c ⊕ 0 x y z
1 1 a b c 0 0 x y z
a a b c 1 x x 0 z y
b b c 1 a y y z 0 x
c c 1 a b z z y x 0

Es handelt sich wirklich um eine andere Gruppe, d. h., die beiden sind nicht isomorph.
Das bedeutet, dass man keinen Isomorphismus zwischen den beiden finden kann.
Können Sie das begründen?

9. Permutationsgruppen

Eine bijektive Abbildung einer Menge X auf sich selbst, nennt man Permuta- Definition
tion von X . Für die Menge aller Permutationen von X schreiben wir S X .

Den Begriff kennen wir schon aus dem Kapitel über Kombinatorik und er liegt auch
nahe: Stellt man sich die Elemente einer Menge sortiert vor, dann bewirkt eine
bijektive Abbildung der Menge auf sich selbst eine Umordnung dieser Elemente.19

1 2 3 4 5

3 5 4 2 1

18 Falls Sie Fachbegriffe sammeln: So etwas nennt man einen Automorphismus. Automorphismus
19 Man vergleiche dazu auch den Abschnitt über Funktionen als Tupel.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


108 Algebraische Strukturen

Die Komposition zweier Permutationen von X ist wieder eine Permutation von X
und die Umkehrfunktion einer solchen Permutation ist ebenfalls eine.20 S X bildet
also zusammen mit der Komposition eine Gruppe. Untergruppen von S X nennt
Permutationsgruppe man Permutationsgruppen.

Aufgabe 9.1. Was ist das neutrale Element der Gruppe S X ?

Es gibt einen wichtigen Grund dafür, sich mit solchen Gruppen zu beschäftigen:

Satz 9.1 Satz von Cayley


Jede Gruppe G ist isomorph zu einer Permutationsgruppe, nämlich zu einer
Untergruppe von SG .

Beweis. Für a ∈ G sei πa die Abbildung von G nach G, die x auf ax abbildet. Nach
Korollar 8.3 ist πa eine Permutation von G. Ist b ∈ G mit a ̸= b, dann gilt natürlich
πa ̸= πb , weil bereits πa (1) und πb (1) verschieden sind. Ferner gilt für a, b, x ∈ G
immer

(πa ◦ πb )(x) = πa (πb (x)) = πa (bx) = a(bx) = (ab)x = πab (x)

und damit ist die durch a 7→ f (a) = πa definierte Funktion f ein injektiver Ho-
momorphismus von G nach SG . G ist also isomorph zu f [G] und das ist nach
Lemma 8.6 eine Untergruppe von SG . ■

Aufgabe 9.2. Wenn G die Gruppe (Z, +) ist, was ist dann die Permutation πa aus dem
Beweis des Satzes von Cayley für a = 42?

Aufgabe 9.3. Geben Sie eine Permutation von Z an, die nicht von der Form πa für ein
a ∈ Z wie in Aufgabe 9.2 ist.

Aufgabe 9.4. Geben Sie für die Gruppe aus Aufgabe 8.15 alle drei Elemente der Per-
mutationsgruppe an, die man durch den Satz von Cayley erhält.

Aufgabe 9.5. Eine der Motivationen für die Gruppentheorie ist die Untersuchung
von Symmetrien. Beispielsweise bilden die Rotationen um den Mittelpunkt, die ein
Quadrat auf sich selbst abbilden, zusammen mit der Hintereinanderausführung eine
Gruppe. (Dreht man etwa erst um 180 und dann um 270 Grad, dann ergibt das zusam-
men eine Drehung um 90 Grad.) Stellen Sie diese Gruppe als Permutationsgruppe der
vier Eckpunkte des Quadrats dar.

⋆Aufgabe 9.6. Fügen Sie zu den Drehungen aus Aufgabe 9.5 noch die Achsenspiege-
lungen hinzu, die das Quadrat ebenfalls auf sich selbst abbilden, und führen Sie die
Aufgabe dann erneut durch.

Permutationsgruppen werden wir in diesem Abschnitt etwas näher betrachten.


Dabei wollen wir uns allerdings auf endliche Grundmengen X beschränken und
dann reicht es offenbar, wenn wir Mengen der Form [n] für n ∈ N betrachten.

20 Siehe Aufgabe 6.51.

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9. Permutationsgruppen 109

Für die Menge S [n] schreiben wir abkürzend S n . Die Gruppe (S n , ◦) wird die Definition
symmetrische Gruppe vom Grad n genannt.

Aufgabe 9.7. Wie viele Elemente hat S n ?

Für Elemente von S n werden häufig griechische Buchstaben wie σ, τ und so weiter
verwendet. Wir verwenden außerdem die Konvention von Seite 100, d. h., wir
schreiben gelegentlich στ für σ ◦ τ, σ0 für id[n] , σ2 für σσ et cetera. In diesem
Sinne spricht man manchmal auch von Produkten statt von Kompositionen von
Permutationen.

Eine übliche Notation für eine Permutation σ ist die Zweizeilenform, bei der man Zweizeilenform
die Elemente von [n] zweimal jeweils horizontal aufschreibt und dabei unter dem
Element i der ersten Zeile jeweils sein Bild σ(i ) in der zweiten Zeile einträgt:
µ ¶
1 2 3 ··· n
σ(1) σ(2) σ(3) · · · σ(n)

Dabei muss die erste Zeile nicht notwendig aufsteigend sortiert sein.

Aufgabe 9.8. Schreiben Sie die Permutation



[8] →([8]

τ: n + 1 n ungerade
n →

n − 1 n gerade

aus S 8 in Zweizeilenform auf.

Aufgabe 9.9. Schreiben Sie die Permutationen

σ = {(1, 3), (2, 1), (3, 4), (4, 2)}, τ = {(1, 1), (2, 4), (3, 2), (4, 3)}

und στ aus S 4 in Zweizeilenform auf.

Aufgabe 9.10. Ein Vorteil der Zweizeilenform ist, dass man ohne Mühe das inverse
Element zu einer so notierten Permutation erhält. Nämlich wie?

Aufgabe 9.11. Begründen Sie mit einem konkreten Beispiel, dass S 3 nicht abelsch ist.

Aufgabe 9.12. Warum folgt aus Aufgabe 9.11, dass für n ≥ 3 keine der Gruppen S n
abelsch sein kann?

Aufgabe 9.13. Seien σ und τ die Permutationen aus Aufgabe 9.9. Gibt es eine Permu-
tation ρ ∈ S 4 mit σρ = τ?

Eine Permutation wie


µ ¶
1 2 3 4 5 6 7 8
σ= (9.1)
1 8 7 4 2 6 5 3

kann man als gerichteten Graphen so darstellen:

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110 Algebraische Strukturen

7 8 1 4 6

5 2

Entscheidend ist dabei, dass ein Teil des Graphen ein Kreis wie der links ist und
alle anderen Pfeile Schleifen sind, die direkt auf den Ausgangspunkt zurückzeigen.
Solche Permutationen nennt man Zyklen:

Definition Eine Permutation σ ∈ S n nennt man Zyklus (der Länge m), wenn es für ein
m ≥ 1 eine Menge M = {k 1 , . . . , k m } ⊆ [n] mit |M | = m sowie σ(k i ) = k i +1 für
i ∈ [m − 1], σ(k m ) = k 1 und σ(k) = k für k ∉ M gibt.21 Dafür schreibt man kurz
σ = (k 1 k 2 . . . k m ).

Aufgabe 9.14. Ist die auf Seite 107 abgebildete Permutation ein Zyklus?

Aufgabe 9.15. Schreiben Sie σ aus (9.1) in der gerade definierten Schreibweise für
Zyklen auf.

Aufgabe 9.16. Ist die Zyklenschreibweise eindeutig?

Aufgabe 9.17. Auf wie viele verschiedene Arten kann man den Zyklus (2 8 3 7 5) auf-
schreiben?

Aufgabe 9.18. Schreiben Sie den Zyklus (3 6 1 7 5) ∈ S 7 in Zweizeilenform auf.

Aufgabe 9.19. Ist der Zyklus (1 2 3) ein Element von S 3 oder von S 4 ?

Aufgabe 9.20. Was ist mit dem Zyklus (1) gemeint?

Aufgabe 9.21. Wie sieht in Zyklenschreibweise die Umkehrfunktion eines Zyklus aus?

Aufgabe 9.22. Ist die Menge der Zyklen eine Untergruppe von S n ?

Definition Für σ ∈ S n bezeichnen wir die Menge supp(σ) = { k ∈ [n] : σ(k) ̸= k } als den
Träger22 von σ. Zwei Permutationen werden disjunkt genannt, wenn ihre
Träger disjunkt sind.

Im Träger von σ befinden sich also die Zahlen, die von σ „bewegt“ werden. Und
sind zwei Permutationen disjunkt, dann „bewegt“ jede von ihnen nur Elemente,
die von der anderen „festgehalten“ werden. Sie kommen sich quasi nicht „ins
Gehege“.

21 Beachten Sie, dass die Bedingung |M | = m dafür sorgt, dass die k paarweise verschieden sind.
i
22 Die Abkürzung steht für das englische Wort support.

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9. Permutationsgruppen 111

Aufgabe 9.23. Geben Sie für die auf Seite 107 abgebildete Permutation und für den
Zyklus aus Aufgabe 9.15 jeweils den Träger an.

Aufgabe 9.24. Was kann man über eine Permutation sagen, deren Träger die leere
Menge ist?

Aufgabe 9.25. Was kann man über eine Permutation sagen, deren Träger aus genau
einem Element besteht?

Aufgabe 9.26. Was kann man über eine Permutation sagen, deren Träger die Mächtig-
keit zwei hat?

Aufgabe 9.27. Geben Sie zwei Zyklen der Länge 3 an, deren Produkt die Identität ist.

Das folgende Lemma sammelt ein paar einfache Eigenschaften von Permutationen
und Zyklen, die durch die Beschäftigung mit den Aufgaben hoffentlich größtenteils
schon klar geworden sind.

In der symmetrischen Gruppe S n gelten die folgenden Aussagen: Lemma 9.2


(i) Die Identität ist ein Zyklus (der Länge eins) und die einzige Permutation,
deren Träger die leere Menge ist. Wir werden sie als trivialen Zyklus
bezeichnen. trivialer Zyklus

(ii) Disjunkte Permutationen kommutieren, d. h., es gilt στ = τσ, wenn σ kommutieren


und τ disjunkt sind.
(iii) Sind σ und τ disjunkte Permutationen, dann ist supp(στ) die Vereini-
gung der (disjunkten) Mengen supp(σ) und supp(τ).23
(iv) Der Träger eines nichttrivialen Zyklus (k 1 k 2 . . . k m ) ist die Menge
{k 1 , k 2 , . . . , k m }.
(v) Ist σ ein Zyklus der Länge m und k ein Element von supp(σ), dann gilt
σ = σ0 (k) σ1 (k) σ2 (k) . . . σm−1 (k) .
¡ ¢

(vi) Ist σ ein Zyklus der Länge m, dann ist σk die Identität, wenn k ein
Vielfaches von m ist.
(vii) Zyklen unterschiedlicher Länge sind verschieden.
(viii) Ein Zyklus σ lässt sich nicht als Produkt disjunkter Zyklen darstellen, die
alle eine geringere Länge als σ haben.

Aufgabe 9.28. Stellen sie für jede der Aussagen aus Lemma 9.2 sicher, dass Sie sie
verstanden haben, und machen Sie sich anhand von Beispielen auch klar, dass sie
stimmt. (Evtl. versuchen Sie sich ja auch daran, einen Beweis zu formulieren?)

⋆Aufgabe 9.29. Was passiert bei Punkt (vi) von Lemma 9.2, wenn k kein Vielfaches
von m ist? Probieren Sie herum und versuchen Sie, eine Antwort zu finden, die alle
Fälle abdeckt.
23 Man beachte, dass diese Aussage und die davor nach den Aufgaben 9.12 und 9.27 im Allgemeinen

nicht gelten.

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112 Algebraische Strukturen

Aussage (viii) von Lemma 9.2 zeigt, dass es bezüglich der „Multiplikation“ in S n
eine gewisse Analogie zwischen Zyklen und Primzahlen gibt. Das werden wir
nun ausarbeiten. Dadurch wird die Bedeutung der Zyklen für die symmetrischen
Gruppen klar werden.

Lemma 9.3 Jede Permutation σ ∈ S n \ {(1)} „enthält“ einen nichttrivialen Zyklus in dem
Sinne, dass es einen Zyklus τ ̸= (1) und ein ρ ∈ S n gibt, so dass σ = τρ gilt und
τ und ρ disjunkt sind.

Beweis. Weil σ nicht die Identität ist, gibt es ein k ∈ [n] mit σ(k) ̸= k. Man bildet
nun nacheinander σ0 (k), σ1 (k), σ2 (k), σ3 (k) und so weiter. Da [n] nur endlich
viele Elemente hat, muss es irgendwann zum ersten Mal zu einer Wiederholung
kommen, also zu m 1 < m 2 mit σm1 (k) = σm2 (k). Dabei muss m 1 = 0 gelten, denn
sonst hätten wir σm1 −1 (k) = σm2 −1 (k), weil σ injektiv ist, und bei m 2 wäre nicht die
erste Wiederholung aufgetreten. Dann ist

τ = σ0 (k) σ1 (k) σ2 (k) . . . σm2 −1 (k)


¡ ¢

ein Zyklus. Setzen wir T = supp(τ) und ρ = idT ∪ σ|[n]\T , dann erfüllen τ und ρ die
Bedingung des Lemmas. ■

Wir gehen das am Beispiel der Permutation


µ ¶
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12
σ=
9 2 7 1 11 4 5 8 6 12 3 10

aus S 12 durch. Als Startwert k können wir jede Zahl außer 2 und 8 wählen. Wir
beginnen mit k = 1. Dann erhalten wir σ0 (k) = 1, σ1 (k) = 9, σ2 (k) = 6, σ3 (k) = 4
und schließlich σ4 (k) = 1 = k. Damit ergibt sich τ = (1 9 6 4) und wir setzen
µ ¶
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12
ρ= ,
1 2 7 4 11 6 5 8 9 12 3 10

wobei die grauen Zahlen die Elemente des Trägers von τ sind.

Der folgende Satz ist eine Analogie zum Fundamentalsatz der Arithmetik.

Satz 9.4 Jede Permutation lässt sich als Produkt paarweise disjunkter nichttrivialer
Zyklen schreiben. Diese Darstellung ist bis auf die Reihenfolge eindeutig.

Eventuell haben Sie sich gefragt, wie man einen Zyklus als Produkt von Zyklen
darstellen soll. Wenn man sich an die Denkweise der Mathematik gewöhnt hat,
ist das jedoch kein Problem: ein Zyklus lässt sich als ein Produkt darstellen, das
aus einem Faktor besteht. Und wenn wir schon einmal dabei sind: Was ist mit der
Identität? Die kann man doch nun wirklich nicht als Produkt von nichttrivialen
Zyklen darstellen, oder? Da würde jede professionelle Mathematikerin mit den

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9. Permutationsgruppen 113

Schultern zucken und sagen: „Doch, die Identität ist das Produkt von null nicht-
trivialen Zyklen.“ Das passt zu der (sinnvollen) Festlegung, dass σ0 immer für die
Identität steht.

Beweis. Nach dieser Vorbemerkung können wir uns auf nichttriviale Zyklen be-
schränken. Nach Lemma 9.3 enthalten die immer einen nichttrivialen Zyklus als
Faktor. Außerdem ist klar, dass der Träger des anderen Faktors (ρ) eine geringe
Mächtigkeit als der Träger des ursprünglichen Zyklus (σ) hat. Ist der „Rest“ ρ
nicht die Identität, dann können wir auf diesen erneut das Lemma anwenden.
Diesen Vorgang wiederholen wir, bis wir als Rest die Identität erhalten. Das muss
irgendwann passieren, weil die Träger der Reste immer kleiner werden.

Dass die Reihenfolge dieser Darstellung nicht eindeutig sein kann, ergibt sich
aus Punkt (ii) in Lemma 9.2. Dass andererseits die Faktoren eindeutig bestimmt
sind, folgt auch aus diesem Lemma. Ich werde das jedoch hier nicht ausführlich
beweisen, weil es hoffentlich durch die folgenden Beispiele ausreichend illustriert
wird. ■

Wir setzen das hinter Lemma 9.3 angefangene Beispiel fort und wenden das Lemma
auf den Rest ρ an. Wenn wir mit der Zahl 3 anfangen, erhalten wir den Zyklus
(3 7 5 11). Der neue Rest ist nun
µ ¶
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12
1 2 7 4 11 6 5 8 9 12 3 10

und für den ergibt eine dritte Anwendung des Lemmas die Darstellung (10 12) ◦ (1).
Insgesamt haben wir damit

σ = (1 9 6 4) (3 7 5 11) (10 12) (9.2)

erhalten.

Aufgabe 9.30. Stellen Sie die Permutation


µ ¶
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13
σ=
8 5 12 7 1 4 13 2 6 3 11 10 9

aus S 13 als Produkt disjunkter Zyklen dar.

Aufgabe 9.31. Stellen Sie sich selbst ähnliche Aufgaben wie 9.30, indem Sie z. B. in
Wolfram Alpha so etwas wie RandomPermutation[13] eingeben. Das generiert eine
zufällige Permutation und zeigt zur Kontrolle auch gleich die Zerlegung in disjunkte
Zyklen an.

Aufgabe 9.32. Schreiben Sie das Produkt

(1 4 2 3 8) (6 7) (9 11 14 13 12 10)

aus S 15 in Zweizeilenform auf.

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114 Algebraische Strukturen

Aufgabe 9.33. Geben Sie die Permutation

σ = (1 2 4) (1 2 3) (1 3 5) (1 3)

aus S 5 in Zweizeilenform und als Produkt disjunkter Zyklen an.

Aufgabe 9.34. Auf wie viele verschiedene Arten kann man das Produkt aus (9.2) hin-
schreiben?

Aufgabe 9.35. Wie viele verschiedene Zyklen gibt es zu einer vorgebenen Trägermenge
der Mächtigkeit m?

Transposition Einen Zyklus der Länge 2 bezeichnet man als Transposition. Aufgrund der Aufgaben
9.25 und 9.26 wissen wir, dass Transpositionen die einfachsten Permutationen
nach der Identität sind. Erstaunlicherweise reichen sie als „Bausteine“ für alle
Permutationen bereits aus:

Lemma 9.5 Jede Permutation aus S n lässt sich als Produkt von Transpositionen darstellen.

Beweis. Wegen Satz 9.4 reicht es, Zyklen als Produkte von Transpositionen darzu-
stellen. Das geht aber immer durch

(k 1 k 2 k 3 . . . k m ) = (k 1 k 2 ) (k 2 k 3 ) · · · (k m−1 k m ),

wie man leicht nachrechnet. ■

Aufgabe 9.36. Was ist mit der Identität? Lässt die sich auch als Produkt von Transposi-
tionen darstellen?

Aufgabe 9.37. Stellen Sie die Permutation σ aus Aufgabe 9.30 als Produkt von Trans-
positionen dar.

Aufgabe 9.38. Begründen Sie, warum man für n ≥ 2 jede Permutation auf unendlich
viele verschiedene Arten als Produkt von Transpositionen darstellen kann.

Aufgabe 9.39. Stellen Sie σ = (1 3) (3 4) (2 4) (1 4) (2 3) als Produkt von drei Transposi-


tionen dar.

Nachbartransposition ⋆Aufgabe 9.40. Eine Nachbartransposition ist eine Permutation aus S n , die die Form
(k k + 1) für k ∈ [n − 1] hat. Begründen Sie, warum man jede Permutation als Produkt
von Nachbartranspositionen darstellen kann.

⋆Aufgabe 9.41. In Lemma 9.5 wird nicht (wie in Satz 9.4) gefordert, dass die Transposi-
tionen paarweise disjunkt sind. Das geht auch gar nicht: Geben Sie eine Permutation
an, die man nicht als Produkt paarweise disjunkter Transpositionen darstellen kann.

Wie man an den Aufgaben 9.37 und insbesondere 9.38 gesehen hat, ist die Dar-
stellung durch Transpositionen im Gegensatz zu der durch disjunkte Zyklen nicht
eindeutig. Man kann aber trotzdem eine Aussage darüber machen, welche Darstel-
lungen möglich sind und welche nicht.

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9. Permutationsgruppen 115

Ein Fehlstand bzw. eine Inversion einer Permutation σ ∈ S n ist ein Paar (i , j ) Definition
aus [n]2 mit i < j und σ(i ) > σ( j ).

Fehlstände kann man visualisieren, indem man die Permutationen anders als
üblich aufschreibt. Die Menge [n] wird zweimal horizontal aufgeschrieben, aber
anders als bei der Zweizeilenform jeweils sortiert. Pfeile von oben nach unten
verbinden jeweils Argument und zugehörigen Funktionswert. Jeder Schnittpunkt
zweier Pfeile führt zu einem Fehlstand, wenn man die Pfeile zu ihren Anfangs-
punkten zurückverfolgt. In der folgenden Grafik sieht man in S 5 die Permutation
σ = {(1, 1), (2, 4), (3, 2), (4, 5), (5, 4)} mit den drei Fehlständen (2, 3), (2, 5) und (4, 5).

1 2 3 4 5

1 2 3 4 5

Wir haben bereits gesehen, dass es für ein und dieselbe Permutation unterschiedli-
che Darstellungen als Produkt von Transpositionen gibt, bei denen sich die Anzahl
der Transpositionen unterscheidet. Wir werden aber nun begründen, warum sich
zumindest die Parität dieser Zahl nicht ändert – damit meint man, dass die Zahl Parität
entweder immer gerade oder immer ungerade ist. Wenn es um solche Unterschei-
dungen geht, dann nutzt man in der Mathematik oft aus, dass (−1)n für gerade n
positiv und für ungerade n negativ ist.

Die Menge aller Fehlstände einer Permutation σ ∈ S n wird Definition

inv(σ) = { (i , j ) ∈ [n]2 : i < j ∧ σ(i ) > σ( j ) }

geschrieben. Das Signum von σ ist die Zahl sgn(σ) = (−1)| inv(σ)| .

Das Signum ist also genau dann 1 bzw. −1, wenn die Anzahl der Fehlstände gerade
bzw. ungerade ist. Man unterteilt gemäß der Parität von | inv(σ)| auch in gerade
und ungerade Permutationen. (un)gerade
Permutation
Aufgabe 9.42. Berechnen Sie für einige Permutationen das Signum. Sie können dabei
wie in Aufgabe 9.31 vorgehen. Die Website wird Ihnen nämlich auch das Signum
ausgeben und als Bonus ein Pfeildiagramm generieren, dem man die Fehlstände
entnehmen kann.

Offensichtlich hat die Identität keine Fehlstände und daher das Signum (−1)0 = 1.
Transpositionen haben immer das Signum −1, denn eine Transposition vertauscht
immer zwei Zahlen k und m mit k < m und daraus ergibt sich auf jeden Fall
der Fehlstand (k, m). Hinzu kommen für jede Zahl j zwischen k und m jeweils
zwei Fehlstände, nämlich (k, j ) und ( j , m). Die Zahlen vor k und hinter m sind an
Fehlständen offenbar nicht beteiligt. Die folgende Skizze zeigt dafür zwei Beispiele:
(k m) = (2 3) und (k m) = (2 5).

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116 Algebraische Strukturen

Die zentrale Aussage über die Parität von Permutationen ist die folgende:

Satz 9.6 Für alle Permutationen σ, τ ∈ S n gilt sgn(στ) = sgn(σ) sgn(τ).

Beweis. Den Beweis führt man am einfachsten grafisch, indem man für die Kompo-
sition zwei der obigen Visualisierungen kombiniert. Als Beispiel folgt die Darstel-
lung von {(1, 3), (2, 4), (3, 1), (4, 2), (5, 5)} ◦ {(1, 1), (2, 4), (3, 3), (4, 5), (5, 2)}.

Für das Zählen der Fehlstände muss man immer nur zwei Pfeile betrachten. Die
schneiden sich entweder (Fehlstand) oder sie schneiden sich nicht (kein Fehlstand).
Durch das „Hintereinanderhängen“ zweier Diagramme gibt es vier Möglichkeiten:

In den drei Fällen rechts ergibt sich die Anzahl der Fehlstände der Komposition
immer durch die Addition der Fehlstandzahlen der beiden Faktoren. Den Fall ganz
links kann man so zählen, als würde auch addiert, danach aber zwei subtrahiert.
Insgesamt ergibt das

| inv(στ)| = | inv(σ)| + | inv(τ)| − 2k,

wobei die Zahl k angibt, wie oft der linke Fall eintritt. Das spielt aber keine Rolle,
weil 2k auf jeden Fall gerade ist und die Parität von | inv(στ)| daher nicht beeinflusst.
Damit ist der Satz bewiesen. ■

Korollar 9.7 Wenn eine Permutation durch ein Produkt von m Transpositionen dargestellt
wird, dann ist m genau dann gerade, wenn die Permutation gerade ist.

Beweis. Da alle Transpositionen das Signum −1 haben, hat das Produkt von m
Transpositionen nach Satz 9.6 das Signum (−1)m . ■

Aufgabe 9.43. Ist der Zyklus σ = (1 2 3 4 5 6) gerade oder ungerade?

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10. Ringe und Körper 117

Aufgabe 9.44. In Informatik-Vorlesungen wird gerne der Algorithmus Bubblesort vor- Bubblesort
geführt. Was sagt Korollar 9.7 über dieses Sortierverfahren?

Die Menge der geraden Permutationen bildet für n ≥ 2 eine Untergruppe der Korollar 9.8
symmetrischen Gruppe S n mit der Ordnung |S n |/2 = n!/2.

Die Gruppe aus Korollar 9.8 wird alternierende Gruppe vom Grad n genannt. alternierende Gruppe

Aufgabe 9.45. Wenn σ = τ1 τ2 . . . τm ein Produkt von m Transpositionen ist, wie sieht
dann σ−1 als Produkt von Transpositionen aus?

⋆Aufgabe 9.46. Beweisen Sie Korollar 9.8.

⋆Aufgabe 9.47. Wenn Sie Aufgabe 9.6 bearbeitet haben, dann schreiben Sie alles noch
einmal in der Form von Zyklen und Transpositionen auf und identifizieren Sie eine
nichttriviale Untergruppe, die nicht aus den vier Drehungen besteht.

10. Ringe und Körper


In Gruppen gibt es immer nur eine innere Verknüpfung. Beim täglichen Umgang
mit Zahlen hantieren wir jedoch in der Regel mit Addition, Multiplikation, Subtrak-
tion und Division. Die Strukturen, die dieses „Alltagsrechnen“ abstrahieren, sind
Ringe und Körper. Wir werden uns mit ihnen nicht so lange beschäftigen, wie mit
Gruppen, aber wir wollen uns zumindest mit den Begriffen und den wichtigsten
Beispielen vertraut machen. Viele Konzepte sind einfach sinngemäße Übetragun-
gen der entsprechende Konzepte für Gruppen.

Der „Prototyp“ für einen Ring sind die ganzen Zahlen. Der Prototyp für einen
Körper sind die rationalen Zahlen.

Ist R eine Menge und sind ⊕ und ⊗ innere Verknüpfungen auf R, dann nennt Definition
man das Tripel (R, ⊕, ⊗) einen Ring, wenn die folgenden drei Bedingungen
erfüllt sind:
(i) (R, ⊕) ist eine abelsche Gruppe.
(ii) (R, ⊗) ist eine Halbgruppe.
(iii) Es gilt a ⊗ (b ⊕ c) = (a ⊗ b) ⊕ (a ⊗ c) und (b ⊕ c) ⊗ a = (b ⊗ a) ⊕ (c ⊗ a) für
alle a, b, c ∈ R.
Ist (R, ⊗) sogar ein Monoid, dann spricht man von einem unitären Ring. Ist ⊗
kommutativ, dann spricht man von einem kommutativen Ring.

Eigenschaft (iii) wird Distributivität genannt. Sie stellt einen Zusammenhang zwi- Distributivität
schen den beiden Verknüpfungen her. (Sonst wären es einfach zwei Strukturen auf

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118 Algebraische Strukturen

derselben Grundmenge, die „nebeneinanderher leben“.) Die Ringe, mit denen wir
arbeiten, werden so gut wie immer unitär und kommutativ sein.24

Aufgabe 10.1. Wie vereinfacht sich Eigenschaft (iii) für kommutative Ringe?

Konvention Die Gruppe (R, ⊕) schreibt man meistens additiv im Sinne der Konvention
von Seite 100, während man die Verknüpfung ⊗ multiplikativ schreibt. Da-
bei beachtet man zur Klammerersparnis auch immer die Regel „Punkt- vor
Strichrechnung“, d. h., dass beispielsweise a + bc eine Abkürzung für a + (b · c)
ist.

Bekannte Beispiele für (kommutative und unitäre) Ringe sind (Z, +, ·), (Q, +, ·) und
(R, +, ·). Dass alle Eigenschaften erfüllt sind, ist (unbewiesenes) Schulwissen.

Für zwei weitere Beispiele haben wir die Grundidee bereits bei den Gruppen
kennengelernt:
– Sind R 1 bis R n Ringe, so erhält man auf dem Mengenprodukt R 1 × · · · × R n
einen Ring, indem man beide Verknüpfungen komponentenweise wie in
(8.1) definiert. Sind alle R i unitär bzw. kommutativ, dann hat auch das Pro-
direktes Produkt dukt (das man auch wieder direktes Produkt nennt) diese Eigenschaften.
Die Begründung verläuft völlig analog wie in Aufgabe 8.10 durch simples
Nachrechnen.
– Ist M irgendeine Menge und R ein Ring, dann erhält man auf R M einen Ring,
indem man Addition und Multiplikation analog zu Aufgabe 8.11 definiert.
Auch hier ist der Ring der Funktionen unitär bzw. kommutativ, wenn der
Ausgangsring R es ist.

Aus der Definition geht bereits hervor, dass Addition und Multiplikation in Ringen
nicht gleichberechtigt sind. Man erkennt das auch an der folgenden Aussage, die in
gewissem Sinne bemerkenswert ist, weil diese spezielle Eigenschaft der Null nicht
etwa gefordert wird, sondern sich automatisch ergibt.

Lemma 10.1 In jedem Ring R gilt a · 0 = 0 = 0 · a für alle a ∈ R.

Beweis. Weil 0 das neutrale Element der Addition ist, gilt 0 = 0 + 0. Und wegen der
Distributivität folgt a · 0 = a · (0 + 0) = a · 0 + a · 0. Damit ist a · 0 eine Lösung der
Gleichung a ·0 = x +a ·0. 0 löst diese Gleichung aber auch. Und weil es nach Satz 8.2
nur eine Lösung gibt, folgt a · 0 = 0. Für 0 · a verläuft der Beweis natürlich völlig
analog. ■

Ich weise immer gerne darauf hin, dass die im Deutschen übliche Formulierung
„vier Grundrechenarten“ irreführend ist. Die daraus resultierende Vorstellung führt
häufig zu Denkfehlern bei einfachen Umformungen. Anhand von Ringen und
24 Und wie so oft muss man beim Lesen von Büchern aufpassen, da manchmal nur unitäre oder

sogar nur unitäre und kommutative Ringe als Ringe bezeichnet werden.

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10. Ringe und Körper 119

Körpern wird klar, dass es mathematisch sinnvoller ist, von zwei Grundrechen-
arten zu sprechen: Addition und Multiplikation. Subtraktion und Division sind
„nur“ abgeleitete Operationen. Über die Division sprechen wir demnächst. Die
Subtraktion ist gleichsam die Umkehrung der Addition:25

Im Folgenden schreiben wir abkürzend a − b für a + (−b). Konvention

Beachten Sie, dass rechts gemäß der bereits verabredeten Konventionen das Mi-
nuszeichen im Ausdruck −b für das zu b inverse Element bezüglich der Addition
steht. Das Zeichen bildet zusammen mit dem Symbol b eine Einheit. Hingegen
ist das Minuszeichen links neu und bekommt seine Bedeutung erst durch diese
Konvention. Es steht zwischen a und b.

Wenn es um konkrete Zahlen geht, kann man das Minuszeichen noch auf eine
dritte Art interpretieren: Mit −42 kann das inverse Element zu 42 gemeint sein,
aber auch die negative Zahl −42. „Zum Glück“ ist es natürlich egal, wie es gemeint
ist; sonst wäre diese Schreibweise auch sehr dumm.

Außerdem muss noch erwähnt werden, dass das Minuszeichen in beiderlei Form
als „Strichrechnung“ gilt. Das impliziert, dass beispielsweise −ab eine Abkürzung
für −(ab) ist und a − bc eine Abkürzung für a − (bc). Schließlich sei an die Links-
assoziativität erinnert. So etwas wie a − b − c wird als (a − b) − c interpretiert und
auch a − b + c als (a − b) + c, weil es zwischen Addition und Subtraktion im Bezug
auf die Priorität keinen Unterschied gibt.
Aufgabe 10.2. Studieren Sie die Dokumentation einer gängigen Programmiersprache
und machen Sie sich klar, wie dort mit dem Minuszeichen umgegangen wird.

Es folgen ein paar einfache und aus der Schule bekannte Regeln für das Minus-
zeichen, von denen man hier sieht, dass (und warum) sie in jedem Ring gelten.
Außerdem eignen sich diese Aussagen vielleicht ganz gut als Wiederholung, wenn
Umformen von Termen nicht Ihre Stärke ist . . .

Ist R ein Ring, dann gilt für alle a, b, c ∈ R: Lemma 10.2


(i) 0 − a = −a
(ii) (−a) · b = a · (−b) = −ab
(iii) (−a) · (−b) = ab
(iv) a · (b − c) = ab − ac
(v) (b − c) · a = ba − ca
(vi) −(a − b) = b − a
(vii) a − (b − c) = a − b + c

25 Übrigens sollten Sie beim Aufschreiben mathematischer Ausdrücke durch Klammerung dafür

sorgen, dass nie zwei Rechenzeichen direkt aufeinanderfolgen. Das ist erstens unästhetisch und
zweitens kann es missverständlich sein. Schreiben Sie also nicht „3 + −2“ oder „3 · −2“, sondern
3 + (−2) und 3 · (−2).

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120 Algebraische Strukturen

Beweis. Die erste Aussage ist sofort klar, wenn man sich die unterschiedliche Be-
deutung der Minuszeichen vor Augen führt. Links steht nämlich die Abkürzung für
0 + (−a) und das ist −a, weil 0 das neutrale Element der Addition ist.

Für die zweite Aussage berechnet man


¡ ¢
a · b + (−a) · b = a + (−a) · b = 0 · b = 0.

Dabei folgt die erste Gleichheit wegen der Distributivität, die zweite, weil −a invers
zu a ist, und die dritte nach Lemma 10.1. Insgesamt hat man damit gezeigt, dass
(−a)·b bezüglich der Addition invers zu a·b ist.26 Weil die Inversen nach Lemma 8.1
eindeutig bestimmt sind, ist (−a) · b also −ab = −(ab). Für a · (−b) verläuft der
Beweis natürlich analog.

Der Beweis der vierten Aussage verläuft so:


¡ ¢
a · (b − c) = a · b + (−c) = a · b + a · (−c) = ab + (−ac) = ab − ac.

Ganz links und ganz rechts wurde lediglich die Konvention für das Minuszeichen
verwendet. Die zweite Gleichheit folgt aus der Distributivität und die dritte wurde
im letzten Absatz begründet.

Die fünfte Aussage beweist man analog zur vierten. Vielleicht schreiben Sie das zur
Übung noch einmal hin.

Für die sechste Aussage berechnen wir


¡ ¢ ¡ ¢
(a − b) + (b − a) = a + (−b) + b + (−a) = a + (−a) + b + (−b) = 0

und sie folgt dann wegen der Eindeutigkeit der Inversen. (Ist Ihnen klar, warum
die Zwischenschritte erlaubt sind?) ■

Aufgabe 10.3. Sie glauben, den Beweis der dritten und der siebten Aussage von Lem-
ma 10.2 hätte ich vergessen? Aber nein, das sollen Sie machen!

Aufgabe 10.4. Ich habe oben geschrieben, dass die Interpretation der Subtraktion
als abgeleitete Operation mathematisch sinnvoller ist. Sie ist auch für das Rechnen
vorteilhafter. Warum ist es „besser“, sich b − a als b + (−a) vorzustellen?

Analog zu den Untergruppen kann man auch Unterringe definieren.

Definition Ist R ein Ring, dann nennt man eine Teilmenge U von R einen Unterring
von R, wenn U zusammen mit der auf U eingeschränkten Addition und Multi-
plikation selbst wieder ein Ring ist.

Beispielsweise ist (Z, +, ·) ein Unterring von (Q, +, ·) und (Q, +, ·) ein Unterring von
(R, +, ·).
26Weil + in Ringen immer kommutativ ist, müssen wir nur eine Bedingung nachweisen.

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10. Ringe und Körper 121

Zusammen mit Lemma 8.5 liefert die folgende Aussage ein vergleichsweise einfach
zu überprüfendes Kriterium dafür, wann man es mit einem Unterring zu tun hat.
Auf den (unkomplizierten) Beweis verzichte ich.

U ⊆ R ist ein Unterring von R, wenn (U , +) eine Untergruppe von (R, +) und U Lemma 10.3
abgeschlossen bzgl. der Multiplikation ist, d. h., wenn ab ∈ U für alle a, b ∈ U
gilt.

Aufgabe 10.5. Ist die Menge 2Z aller geraden ganzen Zahlen ein Unterring von Z? 2Z

Ist R ein unitärer und kommutativer Ring, dann erhält man einen interessanten
Ring folgendermaßen: Eine Funktion der Form
(
R →R
:
x 7→ a 0 + a 1 x + a 2 x 2 + · · · + a n x n

wird Polynomfunktion über R vom Grad n genannt, wenn n eine natürliche Zahl ist, Polynomfunktion
alle a i Elemente von R sind und a n ̸= 0 gilt.27 Die a i nennt man die Koeffizienten
der Polynomfunktion. Ergänzend wird die Funktion von R nach R, die x konstant Koeffizient
auf 0 abbildet, als Polynomfunktion vom Grad −∞ bezeichnet. Für die Menge aller
Polynomfunktionen über R schreibt man R[x]. R[x]

Polynomfunktionen werden oft auch einfach als Polynome bezeichnet. Zwischen Polynom
beiden Begriffen gibt es im Gebrauch zwar subtile Unterschiede, aber auf die
werden wir vorerst nicht eingehen. In der Schule werden Polynomfunktionen
manchmal auch ganzrationale Funktionen genannt

Aufgabe 10.6. Begründen Sie, dass R[x] ein Unterring von R R ist.

Wie versprochen kommt nun noch die Division dran. Analog zur Subtraktion, die
die Addition umkehrt, werden wir die Division als Umkehrung der Multiplikation
interpretieren. Da jedoch zur Multiplikation in Ringen nicht die Existenz von inver-
sen Elementen gefordert wird, brauchen wir „mehr Struktur“, wenn wir dividieren
wollen.

Ein Ring (R, +, ·) wird Körper genannt, wenn er kommutativ und unitär ist Definition
und wenn zusätzlich (R \ {0}, ·) eine Gruppe ist.

Wegen Lemma 10.1 ist es unmöglich, dass es ein multiplikativ Inverses der Null gibt.
Daher kann (R, ·) keine Gruppe sein. Die Forderung, dass (R \ {0}, ·) eine Gruppe ist,
beinhaltet insbesondere, dass R \ {0} abgeschlossen bezüglich der Multiplikation
ist. Daher folgt:

27 Zur Erklärung von Ausdrücken wie x n sei an die Konvention von Seite 100 erinnert.

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122 Algebraische Strukturen

Lemma 10.4 Ist K ein Körper und sind a, b ∈ K mit ab = 0, dann muss 0 ∈ {a, b} gelten.

nullteilerfrei Hat ein Ring diese Eigenschaft, dann nennt man ihn nullteilerfrei. Körper haben
die Eigenschaft immer.

Die „Standardbeispiele“ für Körper sind Q und R. Der Ring Z ist hingegen offenbar
kein Körper.

Aufgabe 10.7. Wie viele Elemente muss ein Körper mindestens haben?

Aufgabe 10.8. Das direkte Produkt R × R ist ein Ring. Ist es auch ein Körper?

Aufgabe 10.9. Wir definieren auf der Menge28 C = R × R dieselbe Addition wie beim
direkten Produkt, aber eine andere Multiplikation durch

(a, b) · (c, d ) = (ac − bd , ad + bc).

Überprüfen Sie, dass man dadurch einen Körper erhält.

Aufgabe 10.10. Ist der Polynomring R[x] ein Körper?

b
Konvention In Körpern kürzt man ba −1 oft als b/a bzw. a ab. Das erklärt auch die alterna-
tive Schreibweise 1/a für a −1 .

Wie die Subtraktion ist die Division aus mathematischer Sicht also keine eigenstän-
dige Rechenoperation, sondern lediglich eine Abkürzung. Die alternative Schreib-
weise b : a für b/a wird in der Schule gerne verwendet, kommt in der wissenschaft-
lichen Mathematik aber selten vor.

Analog zu Lemma 10.2 könnte man nun diverse Aussagen über die Division be-
weisen. Zum Beispiel, dass b/a bezüglich der Division invers zu a/b ist, oder dass
(a + b)/c dasselbe wie a/c + b/c ist. Vielleicht überlegen Sie sich das selbst zur
Übung einmal. Wir belassen es an dieser Stelle bei der Bemerkung, dass man in
jedem Körper so rechnen kann, wie man es von den rationalen Zahlen gewohnt ist,
solange man nur Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division verwendet.

Aufgabe 10.11. Welche der folgenden Aussagen gelten in jedem Körper K , wenn a
und b Elemente von K sind?
(i) (a + b)2 = a 2 + ab + ab + b 2
(ii) (a + b)(a − b) = a 2 − b 2
(iii) a 2 ≥ 0

Wir sparen es uns, Homomorphismen und Isomorphismen für Ringe und Körper
formal zu definieren. Es sollte klar sein, dass sie sowohl die Addition als auch die
Multiplikation erhalten müssen. Was es bedeutet, dass beispielsweise zwei Körper
isomorph sind, wird Ihnen hoffentlich intuitiv auch so klar sein.
28 Das Symbol C steht hier im Vorgriff für die komplexen Zahlen, die wir später im Detail behandeln

werden. Für diese Aufgabe muss man über komplexe Zahlen nichts wissen.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


10. Ringe und Körper 123

Resümee
Heutzutage kommt man um algebraische Strukturen in der Mathematik nicht
mehr herum. Ihre moderne Darstellung hat sich jedoch erst im 20. Jahrhundert
entwickelt. Die deutsche Mathematikerin Emmy Noether war die vielleicht ein-
flussreichste Person in diesem Zusammenhang.

Einer der wichtigsten Vorreiter war Anfang des 19. Jahrhunderts der Franzose Éva-
riste Galois, der bereits mit 20 Jahren verstarb, vorher aber schon die Grundideen
für Gruppen und Körper entwickelt hatte. Bereits vor Galois lebte der italienische
Mathematiker Joseph-Louis Lagrange. Er bewies den nach ihm benannten Satz
nicht in der Form, in der er heute rezipiert wird, aber er hatte die wesentliche
Idee, auf der dann andere aufbauten. Mit dem nach dem Engländer Arthur Cay-
ley benannten Satz verhält es sich ähnlich. Überlegungen zu den Eigenschaften
von Permutationen stellten bereits Leibniz und der Japaner Seki Takakazu im 16.
Jahrhundert im Zusammenhang mit Determinanten an, aber auch das war weit
entfernt von der heutigen Theorie.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


V
Zahlentheorie

Wir werden uns nun mit den Grundzügen der sogenannten Zahlentheorie befassen.
Abgesehen davon, dass es sich einfach um ein spannendes Thema handelt, ist
die Zahlentheorie auch für die Anwendung relevant, weil sie eine zentrale Rolle
in der Kryptographie spielt. Zudem kann man einige ihrer Techniken wie z. B. die
modulare Arithmetik gewinnbringend in der Informatik einsetzen.

Das Wort Zahlentheorie (engl. number theory) stammt aus einer Zeit, als man nur
als Zahlen ansah, was wir heutzutage als positive natürlichen Zahlen bezeichnen
(während man Brüche oder irrationale Zahlen Größen nannte). Wir werden das
etwas ausweiten und teilweise auch mit negativen Zahlen arbeiten, aber andere
Zahlen werden auf den folgenden Seiten keine Rolle spielen.

In diesem Kapitel geht es ausschließlich um ganze Zahlen. Wenn eine Variable Konvention
für eine Zahl steht und nichts weiter über sie gesagt wird, dann wird implizit
immer vorausgesetzt, dass sie ein Element von Z ist. Und wenn von Zahlen
ohne weiteren Zusatz die Rede ist, dann sind damit ganze Zahlen gemeint.

11. Teilbarkeit
Wir brauchen zunächst eine ganz grundlegende Eigenschaft von N. Wenn man
die Mathematik auf der Mengenlehre aufbaut, dann handelt es sich um einen
Satz, für dessen Beweis uns allerdings die technischen Voraussetzungen fehlen. Be-
treibt man die Zahlentheorie „klassisch“ ohne Mengenlehre, dann ist die folgende
Aussage etwas, das man einfach – als Axiom – „glaubt“.

Wohlordnung der natürlichen Zahlen Satz 11.1


Jede nichtleere Menge A von natürlichen Zahlen hat ein kleinstes Element.

Dieses Element wird als Minimum von A bezeichnet und min A geschrieben. Das Minimum min A
Minimum von {42, 23, 1000} ist beispielsweise 23 und das Minimum der Menge
aller ungeraden natürlichen Zahlen ist 1.

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126 Zahlentheorie

Der Satz wird Ihnen vielleicht selbstverständlich erscheinen, aber es sind trotzdem
ein paar Anmerkungen angebracht.
– Mit einem Minimum einer Menge meint man ein Element dieser Menge.
Darum wird die leere Menge in der Formulierung auch ausgeschlossen, denn
sie kann kein Minimum haben.
– Die Aussage gilt beispielsweise nicht für die ganzen Zahlen. Mengen wie
{−5, −10, −15, . . . } oder Z selbst haben kein Minimum.
– Auch eine Menge wie { 1/n : n ∈ N+ } hat kein Minimum. (Falls Sie an die Null
gedacht hatten: die ist kein Element dieser Menge!)
– Das größte Element einer Menge A (wenn es existiert) nennt man das Maxi-
Maximum max A mum von A und schreibt dafür max A. Satz 11.1 gilt offensichtlich nicht mehr,
wenn man Minima durch Maxima ersetzt: Beispielsweise hat die Menge der
ungeraden natürlichen Zahlen kein Maximum.

Aufgabe 11.1. Geben Sie min{ 42n : n ∈ N } und max{ 42n : n ∈ N } an, sofern sie existie-
ren.

Aufgabe 11.2. Begründen Sie mithilfe von Satz 11.1, dass es keine unendliche Folge
(a n )n∈N von natürlichen Zahlen mit a n+1 < a n für alle n ∈ N geben kann.

Aufgabe 11.3. Begründen Sie mithilfe von Satz 11.1, warum jede nichtleere endliche
Menge von reellen Zahlen ein Minimum und ein Maximum hat.

Aufgabe 11.4. Warum funktioniert das Verfahren aus der Lösung von Aufgabe 11.3
nicht für unendliche Mengen von reellen Zahlen?

⋆Aufgabe 11.5. Satz 11.1 haben wir implizit bereits verwendet, z. B. im Abschnitt über
Permutationsgruppen. Finden Sie dort die entsprechend Stelle?

Für Minima und Maxima sind auch andere Schreibweisen gebräuchlich, die aber
selbsterklärend sein sollten. Das Minimum aus Aufgabe 11.1 kann man beispiels-
weise auch als

min 42n
n∈N

schreiben.

Wir kommen nun zur Teilbarkeit, die das zentrale Thema der Zahlentheorie ist.
Vieles davon sollte Ihnen aus Ihrer Schulzeit bekannt vorkommen. Neu ist evtl.,
dass wir teilweise mit ganzen statt mit natürlichen Zahlen arbeiten.

Satz 11.2 Division mit Rest


Ist m ∈ Z \ {0}, so gibt es zu jedem a ∈ Z eindeutig bestimmte Zahlen k ∈ Z und
r ∈ N mit r < |m| und a = km + r .

Beweis. Zu vorgegebenen Zahlen m und a definieren wir R = { a − km : k ∈ Z }. Es


ist hoffentlich offensichtlich, dass die Elemente von R ganze Zahlen sind, die im

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11. Teilbarkeit 127

Abstand m auf der Zahlengeraden liegen. Außerdem erhält man beliebig große
Elemente von R, wenn man k groß genug oder – je nach Vorzeichen von m – klein
genug wählt.1 Insbesondere enthält R nicht nur negative Zahlen, d. h., A = R ∩ N
ist nicht leer und hat nach Satz 11.1 ein Minimum r . r muss kleiner als m sein,
denn sonst wäre r − |m| auch eine natürliche Zahl aus R und r nicht das Minimum
von A. Nach Definition von R gilt außerdem a = km + r .

Dass r eindeutig bestimmt ist, folgt daraus, dass alle Werte, die für r infrage kom-
men, in R liegen und dass der nächstgrößere Wert r +|m| nicht mehr kleiner als |m|
ist. Dass k dann auch eindeutig bestimmt ist, folgt aus der Gleichung a = km + r ,
die nur eine Lösung hat, wenn r feststeht. ■

Die Zahl r aus Satz 11.2 wird als Rest bei der Division von a durch m bezeich- Definition
net und a mod m geschrieben.

a mod m wird „a modulo m“ gelesen und mod ist damit quasi eine innere Ver-
knüpfung auf Z wie Addition oder Multiplikation.

Beispielsweise haben wir:

14 mod 5 = 4 14 = 2 · 5 + 4
14 mod −5 = 4 14 = −2 · (−5) + 4
−14 mod 5 = 1 −14 = −3 · 5 + 1
−14 mod −5 = 1 −14 = 3 · (−5) + 1

Die erste Zeile dürfte Ihnen bekannt vorkommen. Die anderen drei sollten Sie sich
genau anschauen, weil mod sich auf den ersten Blick etwas überraschend verhält,
wenn negative Zahlen ins Spiel kommen. Nach unserer Definition ist das Ergebnis
a mod m nie negativ. Da besteht jedoch leider mal wieder keine Einigkeit. Zum
Glück ist zumindest der Gebrauch für positive m in der Mathematik einheitlich
und nur für solche werden wir das auch verwenden.2

Aufgabe 11.6. Rechnen Sie ein paar Beispiele durch, um sich mit dieser Operation
vertraut zu machen. Sie können Ihre Ergebnisse unter [Link]
überprüfen.

Aufgabe 11.7. Wenn Sie (wie in der Klausur) nur einen einfachen Taschenrechner zur
Verfügung haben, wird der höchstwahrscheinlich keine Taste für den Rest haben. Be-
herrscht er jedoch das Rechnen mit Brüchen, so kann man trotzdem Reste berechnen
lassen. Wie?

Aufgabe 11.8. Warum steht oben „quasi“? Warum ist mod nicht wirklich eine innere
Verknüpfung im Sinne von Seite 83?

1 Stellen Sie sich die durch y = −mx + a beschriebene Gerade vor.


2 In vielen Programmiersprachen wird für mod das Zeichen % verwendet. Auch dort ist man sich

nicht einig. Details dazu findet man hier.

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128 Zahlentheorie

Aufgabe 11.9. Für die Zahl k aus Satz 11.2 gibt es keine allgemein übliche Schreibweise.
Wie kann man kann k aus a und m berechnen, wenn m positiv ist?

Definition Für a, b ∈ Z bezeichnet man a als Teiler von b bzw. b als Vielfaches von a,
wenn es ein k ∈ Z mit b = ka gibt. Man sagt auch, dass a die Zahl b teilt, und
schreibt dafür a | b. Die Abkürzung für ¬(a | b) ist a̸ | b. Die Zahlen 1, −1, b
und −b nennt man triviale Teiler von b, alle anderen Teiler von b werden
echte Teiler genannt.

Wie aus der Definition schon hervorgeht, sind die Zahlen 1, −1, a und −a immer
Teiler von a. Das folgt aus den Gleichungen a = 1 · a bzw. a = (−1) · (−a), wobei
jeder der Faktoren die Rolle von k in der Definition spielen kann. Außerdem sind
zwei weitere Punkte offensichtlich:
– Weil die Aussagen b = ka, b = (−k)(−a), −b = (−k)a und −b = k(−a) alle
äquivalent sind, kann man sich bei Teilbarkeitsfragen auf die nichtnegativen
Zahlen konzentrieren.
Konkretes Beispiel: Wenn man die positiven Teiler von 35 – also 1, 5, 7 und
35 – kennt, dann kennt man auch die negativen. Man erhält sie, indem man
zu den positiven Teilern jeweils die negativen Gegenstücke hinzunimmt:
−1, −5, −7 und −35. Und dann kennt man auch die Teiler von −35: es sind
dieselben wie die von 35.
– Für a ̸= 0 gilt a | b genau dann, wenn b mod a null ist, wenn man also b ohne
Rest durch a teilen kann.

Aufgabe 11.10. Stimmt es, dass jede Zahl mindestens vier verschiedene Teiler hat?

Aufgabe 11.11. Ist 7 ein Teiler von 0? Ist 0 ein Teiler von 7?

Aufgabe 11.12. Fallen Ihnen aus der Schule noch ein paar Regeln ein, mit denen man
einer Zahl schnell ansehen kann, ob sie durch bestimmte Zahlen teilbar ist?

gerade ungerade Aufgabe 11.13. Was sind gerade bzw. ungerade Zahlen? Das wissen Sie doch, oder?

Es folgen zwei ganz wesentliche Eigenschaften, die häufig gebraucht werden.

Lemma 11.3 Die Teilbarkeitsrelation ist transitiv, d. h., aus a | b und b | c folgt a | c.

Beweis. Wenn a | b und b | c gilt, dann gibt es nach Definition ganze Zahlen k 1
und k 2 mit b = k 1 a und c = k 2 b. Setzt man die eine Gleichung in die andere ein,
dann erhält man c = k 2 (k 1 a) = (k 2 k 1 )a. k 2 k 1 ist eine ganze Zahl, die „bezeugt“,
dass a ein Teiler von c ist. ■

Lemma 11.4 Wenn a sowohl b als auch c teilt, dann teilt a auch xb + yc, wobei x und y
beliebige (ganze) Zahlen sind.

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11. Teilbarkeit 129

Beweis. Wenn a | b und a | c gilt, dann gibt es nach Definition ganze Zahlen k 1
und k 2 mit b = k 1 a und c = k 2 a. Nun kann man wieder einsetzen und erhält
xb + yc = xk 1 a + yk 2 a = (xk 1 + yk 2 )a. Die ganze Zahl xk 1 + yk 2 „bezeugt“ die zu
beweisende Aussage. ■

Einen Ausdruck der Form xb+yc nennt man eine Linearkombination von b und c.3 Linearkombination
Beachten Sie, dass u. a. auch Fälle wie x = y = 1 oder x = 1 und y = −1 durch
Lemma 11.4 abgedeckt werden. Die Summe b + c und die Differenz b − c sind also
insbesondere auch durch a teilbar, wenn b und c es sind.

Wenn c Teiler von a ist, folgt aus der Definition offenbar |c| ≤ |a|, wenn a nicht null
ist. Zwei beliebige Zahlen a und b haben also erstens immer mindestens einen
gemeinsamen positiven Teiler (nämlich 1) und zweitens können ihre gemeinsamen
Teiler nicht größer als max{|a|, |b|} sein.4 Daher ergibt die folgende Definition Sinn.

Der größte gemeinsame Teiler ggT(a, b) von a und b ist die größte Zahl, die a Definition
und b teilt, wenn {a, b} ̸= {0} gilt.5 Zur Vervollständigung der Definition setzen
wir außerdem ggT(0, 0) = 0.

Beispielsweise hat 20 die positiven Teiler 1, 2, 4, 5, 10 und 20 und 35 hat die positiven
Teiler 1, 5, 7 und 35. Die größte Zahl, die in beiden Aufzählungen vorkommt, ist 5.
Also gilt ggT(20, 35) = 5. Offenbar ist der größte gemeinsame Teiler zweier Zahlen
nie negativ und nur dann null, wenn beide Zahlen verschwinden.6

Aufgabe 11.14. Welchen Wert haben ggT(−20, 35), ggT(20, −35) und ggT(−20, −35)?

Aufgabe 11.15. Und was ist mit ggT(42, 42) und ggT(0, 42)?

Wie berechnet man den größten gemeinsamen Teiler? Man könnte erst alle Teiler
der beiden Zahlen ermitteln und dann den größten herauspicken, der sich in bei-
den Mengen befindet. Das wäre aber sehr ineffizient. Zum Glück kennt man seit
der Zeit von Euklid ein cleveres Verfahren, das erstaunlicherweise auch zwei Jahr-
tausende später noch immer der beste bekannte Algorithmus für diese Aufgabe ist
und das in dieser Form auch von Computern eingesetzt wird. Es ist der euklidische
Algorithmus zur Berechnung von ggT(a, b):7 euklidischer
Algorithmus
(i) Setze A und B auf die Werte a und b.
(ii) Gilt A = 0, dann ist das Ergebnis B und der Algorithmus ist beendet.
(iii) Ist B = 0, dann ist das Ergebnis A und der Algorithmus ist beendet.
3 Genauer: eine Linearkombination mit ganzzahligen Koeffizienten.
4 Auch hier wieder mit der Ausnahme, dass nicht a = b = 0 gelten darf.
5 Manchmal wird statt ggT(a, b) auch einfach (a, b) geschrieben.
6 Verschwinden? Was soll das denn bedeuten? Das ist mal wieder Mathematikerschnack. Wenn

man sagt, dass etwas verschwindet, dann meint man damit, dass es null ist.
7 Falls Sie sich an Seite 35 erinnern, auf der man lesen kann, dass sich in der Mathematik die Werte

von Variablen nie ändern: A und B, die sich absichtlich typographisch von a und b unterscheiden,
sind keine Variablen, sondern so etwas wie Speicherplätze in einem Computer.

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130 Zahlentheorie

(iv) Ist A > B, dann ersetze A durch A − B, anderenfalls ersetze B durch B − A.


(v) Fahre fort mit Schritt (iii).

Schauen wir uns zunächst ein Beispiel an. Hier wird in jeder Zeile der Stand eines
Durchlaufs am Punkt (iii) gezeigt.

A B
400 225
175 = 400 − 225 225
175 50 = 225 − 175
125 = 175 − 50 50
75 = 125 − 50 50
25 = 75 − 50 50
25 25 = 50 − 25
25 0 = 25 − 25

Am Ende haben wir ggT(400, 225) = 25 errechnet.

Aufgabe 11.16. Rechnen Sie selbst ein paar Beispiele durch. Ruhig auch mit größeren
Zahlen. Der Algorithmus wird trotzdem immer nach recht wenigen Schritten zu einem
Ergebnis kommen. Sie können Ihre Resultate überprüfen, indem Sie z. B. in Wolfram
Alpha so etwas wie gcd(400,225) eingeben.8

Satz 11.5 Der euklidische Algorithmus liefert für jede Eingabe a, b ≥ 0 immer den größ-
ten gemeinsamen Teiler von a und b.

Beweis. Zunächst einmal wird durch (ii) und (iii) dafür gesorgt, dass das Ergebnis
korrekt ist, wenn mindestens eine der beiden Zahlen null ist. Für den Rest des
Beweises nennen wir nun die Werte, die A und B nach dem n-ten Schritt annehmen,
a n und b n . (Wir starten also mit a 0 = a und b 0 = b.)

Nach dem n-ten Schritt haben wir a n+1 = a n − b n und b n+1 = b n oder a n+1 = a n
und b n+1 = b n − a n . In beiden Fällen folgt aus Lemma 11.4 bzw. der Bemerkung
dahinter, dass jeder gemeinsame Teiler von a n und b n auch einer von a n+1 und
b n+1 ist. Umgekehrt kann man jedoch auch argumentieren: Wir haben entweder
a n = a n+1 +b n+1 und b n = b n+1 oder a n = a n+1 und b n = a n+1 +b n+1 . Mit derselben
Begründung folgt, dass jeder gemeinsame Teiler von a n+1 und b n+1 auch einer
von a n und b n ist. Mit anderen Worten: Den ganzen Algorithmus über bleibt
die Menge der gemeinsamen Teiler von A und B gleich und damit auch deren
größter gemeinsamer Teiler. Da es mit den Werten a und b losgeht und am Ende A
korrekterweise als größter gemeinsamer Teiler von A und 0 ausgegeben wird, ist
das Resultat richtig.

Wir sind aber noch nicht fertig! Wir müssen uns noch überzeugen, dass der Algorith-
mus auch immer terminiert.9 Das kann man sich folgendermaßen klarmachen: a n
8 Im Englischen (und vielen Programmiersprachen) heißt es greatest common divisor.
9 Siehe dazu auch die Bemerkung im Lösungshinweis für Aufgabe 11.3.

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11. Teilbarkeit 131

und b n können nie negative Werte annehmen und in jedem Schritt ist a n+1 + b n+1
kleiner als a n + b n . Das kann nicht immer so weitergehen, denn sonst stünde die
Folge (a n + b n : n ∈ N) im Widerspruch zu Aufgabe 11.2. ■

Weil wir gerade gesehen haben, dass sich die Menge der gemeinsamen Teiler von A
und B die ganze Zeit nicht ändert und da A und B am Ende die Werte d = ggT(a, b)
und 0 haben, besteht diese Menge aus den Teilern von d . Damit folgt:10

Es gilt genau dann d = ggT(a, b), wenn d Teiler von a und b ist und jeder Korollar 11.6
gemeinsame Teiler von a und b auch d teilt.

Wir wissen nach Lemma 11.4 bereits, dass jeder gemeinsame Teiler von a und b
jede Linearkombination von a und b teilt. Aus dem euklidischen Algorithmus
ergibt sich zusätzlich noch das Folgende:

Lemma von Bézout Korollar 11.7


ggT(a, b) lässt sich als Linearkombination von a und b darstellen.

Die Begründung für diese Aussage ist, dass sowohl A als auch B in jedem Schritt
Linearkombinationen von a und b sind. Denn am Anfang sind sie es11 und in
jedem Schritt danach werden Linearkombinationen der vorherigen Werte gebildet,
die wieder Linearkombinationen der Ausgangswerte sind:

x(x 1 a + y 1 b) + y(x 2 a + y 2 b) = (xx 1 + y x 2 )a + (x y 1 + y y 2 )b

Darum ist auch der letzte Wert, also das Ergebnis des Algorithmus, eine solche
Linearkombination.

Hier sieht man das noch einmal am Beispiel von vorhin:

A B
400 = a 225 = b
175 = a − b 225 = b
175 = a − b 50 = b − (a − b) = 2b − a
125 = (a − b) − (2b − a) = 2a − 3b 50 = 2b − a
75 = (2a − 3b) − (2b − a) = 3a − 5b 50 = 2b − a
25 = (3a − 5b) − (2b − a) = 4a − 7b 50 = 2b − a
25 = 4a − 7b 25 = (2b − a) − (4a − 7b) = −5a + 9b
25 = −5a + 9b 0

Aufgabe 11.17. Rechnen Sie für die Werte aus Aufgabe 11.16 auch solche Linearkom-
binationen aus. Ob die Ergebnisse richtig sind, lässt sich ja leicht überprüfen.

10 Daher ist die Setzung ggT(0, 0) = 0 auch nicht willkürlich, sondern die einzige, die zu dieser

Charakterisierung passt.
11 A ist 1 · a + 0 · b, B ist 0 · a + 1 · b.

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132 Zahlentheorie

⋆Aufgabe 11.18. Ist die Linearkombination, die der euklidische Algorithmus liefert,
eindeutig bestimmt? (Hinweis: Wenn man 3 · 14 Schritte vorwärts und dann 14 · 3
Schritte rückwärts macht, dann ist man wieder am Ausgangspunkt.)

Aufgabe 11.19. Im Beispiel mit 400 und 225 wurde dreimal nacheinander 50 subtra-
hiert. Das hätte man auch einfacher haben können, oder? Mit anderen Worten: Man
hätte doch gleich sehen können, dass 50 in 175 dreimal „reinpasst“ und dass es eigent-
lich um etwas anderes geht. Formulieren Sie eine verbesserte Form des euklidischen
Algorithmus, die das berücksichtigt.

Definition Zwei Zahlen werden teilerfremd genannt, wenn ihr größter gemeinsamer
Teiler eins ist.

Aufgabe 11.20. Nach dem Lemma von Bézout gibt es zu teilerfremden Zahlen a und b
Zahlen x und y mit 1 = xa + yb. Begründen Sie die umgekehrte Aussage: Wenn es
Zahlen x und y mit 1 = xa + yb gibt, dann sind a und b teilerfremd.

Wenn eine Zahl ein Produkt teilt, muss sie nicht notwendig einen der Faktoren
teilen. Beispielsweise teilt 6 die Zahl 30 = 3 · 10, aber 6 teilt weder 3 noch 10. Es gilt
jedoch:

Lemma 11.8 Aus a ̸= 0, a | bc und ggT(a, b) = 1 folgt a | c.

Beweis. Nach dem Lemma von Bézout gibt es x und y mit 1 = xa + yb. Multipli-
kation mit c liefert c = (xc)a + y(bc). Nun stehen rechts zwei Summanden, die
durch a teilbar sind. (Der zweite nach Lemma 11.3.) Nach Lemma 11.4 ist auch
ihre Summe, also c, durch a teilbar. ■

⋆Aufgabe 11.21. Kann man natürliche Zahlen x und y finden, für die x!y! = x! + y! + 2
gilt? Begründen Sie Ihre Antwort.

⋆Aufgabe 11.22. Eine Knobelaufgabe, mit der man viele Teilbarkeitsregeln üben kann:
Finden Sie eine neunstellige Zahl mit der folgenden Eigenschaft: Die aus den ers-
ten beiden Ziffern gebildete Zahl ist durch 2 teilbar, die aus den ersten drei Ziffern
gebildete Zahl ist durch 3 teilbar, die aus den ersten vier Ziffern gebildete Zahl ist
durch 4 teilbar und so weiter – schließlich soll die gesamte Zahl durch 9 teilbar sein.
Außerdem soll jede der Ziffern 1 bis 9 in der Dezimaldarstellung der Zahl genau einmal
vorkommen.

⋆ Teilbarkeit im Computer
In P YTHON wird das Zeichen % für mod verwendet. Die Zahl k aus Satz 11.2 kann
man mit a//m berechnen. In beiden Fällen wird man jedoch nicht immer dieselben
Ergebnisse wie in diesem Kapitel erhalten, wenn negative Zahlen ins Spiel kommen.
Da sollten Sie vorsichtshalber die Dokumentation lesen. Den Test auf Teilbarkeit
könnte man jedenfalls so programmieren:

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12. Primzahlen 133

divides = lambda a,b: b==0 or a!=0 and b%a==0

Die wortwörtliche Übersetzung des euklidischen Algorithmus von oben sieht fol-
gendermaßen aus:

def ggT(a,b):
if a==0:
return b
while b!=0:
if a>b:
a = a-b
else:
b = b-a
return a

Aber man muss das nicht selbst machen:

from math import gcd


gcd(400,225)

Sogar für die Faktoren aus dem Lemma von Bézout kann man sich eine fertige
Funktion laden, wenn man die Bibliothek S YM P Y installiert hat.12

from sympy import gcdex


gcdex(400,225)

Und in Kapitel 5 von Konkrete Mathematik (nicht nur) für Informatiker sowie in
den zugehörigen Lösungshinweisen findet man diverse Beispiele dafür, wie man
das auch selbst programmieren kann.

12. Primzahlen
Nun kommen wir zu den Hauptakteuren der Zahlentheorie.

Eine ganze Zahl, die größer als 1 ist, heißt Primzahl,13 wenn sie außer den Definition
trivialen Teilern keine weiteren hat. Positive Zahlen, die mehr als zwei positive
Teiler haben, werden zusammengesetzt genannt.

Damit haben wir drei Kategorien für positive natürlichen Zahlen. Jede dieser Zah-
len landet in genau einer dieser Kategorien.
– Die Primzahlen sind die, die nur zwei positive Teiler – nämlich die trivialen –
haben, z. B. 2, 3 oder 104 729.
12 Das Kürzel ex steht für extended. Wenn man nicht nur den größten gemeinsamen Teiler, son-

dern nebenbei noch diese Faktoren ausrechnet, spricht man auch vom erweiterten euklidischen
Algorithmus.
13 Man verwendet auch das Adjektiv prim. prim

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134 Zahlentheorie

– Die zusammengesetzten Zahlen sind die, die mehr als zwei positive Teiler
haben, also außer den trivialen noch mindestens einen weiteren. Beispiele
sind 4 (durch 2 teilbar) oder 161 051 (u. a. durch 11 teilbar).
– Die Zahl 1.

Viele Menschen finden es verwunderlich, dass die Eins eine eigene Kategorie be-
kommt. Hat sie nicht wie die Primzahlen keine Teiler außer den trivialen und sollte
sie deswegen nicht auch eine Primzahl sein? In der Tat hat man das früher teilweise
so gesehen. Es hat sich jedoch herausgestellt, dass die obige Unterteilung wesent-
lich praktischer ist. Ich erinnere noch einmal an die Anmerkung auf Seite 40, in der
erklärt wird, dass Definitionen nicht wahr oder falsch sein können, sondern bes-
tenfalls sinnvoll oder weniger sinnvoll. Inzwischen ist sich die Mathematikerzunft
einig, dass die aktuelle Definition die sinnvollste ist.

Aufgabe 12.1. Zwischendurch mal wieder etwas Mengenlehre. Wie kann man die
Menge der zusammengesetzten Zahlen möglichst kurz und knapp hinschreiben?

Definition Ein Teiler einer Zahl a, der eine Primzahl ist, wird Primteiler oder Primfaktor
von a genannt.

42 hat also z. B. die Primteiler 2, 3 und 7, aber auch noch die Teiler 1, 6, 14, 21
und 42, die alle keine Primteiler sind.

Lemma 12.1 Jede Zahl, die größer als 1 ist, hat (mindestens) einen Primteiler.

Beweis. Wir führen einen Beweis durch Widerspruch durch und nehmen dafür
an, dass es Zahlen gibt, die größer als 1 sind und keinen Primteiler haben. Nach
Satz 11.1 gibt es dann eine kleinste Zahl a mit dieser Eigenschaft. Wegen a > 1 hat a
mindestens einen Teiler, der größer als 1 ist, nämlich a. Wenn das der einzige Teiler
dieser Art wäre, dann wäre a eine Primzahl und damit gleichzeitg ein Primteiler
von a. Das kann nicht sein, also gibt es einen weiteren Teiler b zwischen 1 und a.
Weil a minimal gewählt wurde und b kleiner ist, hat b jedoch einen Primteiler, der
nach Lemma 11.3 auch ein Primteiler von a ist. Da haben wir den Widerspruch. ■

Da jede Primzahl p nur die zwei positiven Teiler 1 und p hat, ist der größte ge-
meinsame Teiler von p und irgendeiner anderen Zahl a eine dieser beiden Zahlen.
Entweder sind p und a also teilerfremd oder p teilt a. Damit hat man nach Lem-
ma 11.8 sofort:

Korollar 12.2 Wenn eine Primzahl p ein Produkt a 1 a 2 · · · a n teilt, dann teilt p (mindestens)
einen der Faktoren a 1 bis a n .

Aufgabe 12.2. Formulieren Sie eine etwas ausführlichere Begründung für Korollar 12.2.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


12. Primzahlen 135

Die Menge der zusammengesetzten Zahlen hat offensichtlich unendlich viele


Elemente, denn bereits die Menge der geraden Zahlen ist unendlich und bis auf 2
sind alle geraden Zahlen zusammengesetzte Zahlen. Der Menge der Primzahlen
hatten wir bereits das Symbol P spendiert und wir wissen, dass sie so aussieht:

P = {2, 3, 5, 7, 11, 13, 17, 19, . . . }.

Aber bedeuten die Auslassungspunkte, dass es immer so weiter geht? Ja! Das besagt
ein Satz, der schon vor Beginn der Zeitrechnung bewiesen wurde.

Satz des Euklid Satz 12.3


Es gibt unendlich viele Primzahlen, d. h., P ist eine unendliche Menge.

Beweis. Damals hätte man das allerdings nicht so formuliert, weil man mit dem
Begriff des Unendlichen sehr vorsichtig war. In der ursprünglichen Form besagt
der Satz: Zu jeder endlichen Menge M von Primzahlen kann man (mindestens)
eine finden, die nicht in M enthalten ist. So werden wir das jetzt auch beweisen.14
Wir betrachten die ersten n Primzahlen, die wir p 1 , p 2 und so weiter bis p n nennen
und begründen, warum das nicht alle Primzahlen sind.

Dazu setzen wir Q = 1 + p 1 p 2 · · · p n . Offenbar erhält man, wenn man Q durch eine
der Primzahlen p 1 bis p n dividiert, als Rest immer 1. Also ist keine dieser Zahlen
ein Teiler von Q. Nach Lemma 12.1 muss Q jedoch einen Primteiler haben. Das ist
dann zwangsläufig eine Primzahl, die nicht in der Ausgangsmenge {p 1 , p 2 , . . . , p n }
enthalten ist. ■

Aufgabe 12.3. Ein häufiges Missverständnis ist, dass die im Beweis von Satz 12.3
definierte Zahl Q selbst eine Primzahl sei. Und Zahlen wie 2 + 1 = 3, 2 · 3 + 1 = 7
und 2 · 3 · 5 + 1 = 31 sind in der Tat Primzahlen. Begründen Sie mit einem konkreten
Gegenbeispiel, dass diese Annahme trotzdem falsch ist.

Die folgende Aussage erklärt, warum die Primzahlen so wichtig sind. Sie sind
gleichsam die „Bausteine“ der Zahlenwelt, aus denen die anderen Zahlen zusam-
mengesetzt sind. Man könnte fast von den „Atomen der Artithmetik“ sprechen: Ein
Kohlenstoffmonoxid-Molekül besteht beispielsweise immer aus einem Kohlenstoff-
und einem Sauerstoffatom. Da wird nicht auf einmal ein zweites Sauerstoffatom
auftauchen oder der Kohlenstoff durch Natrium ersetzt werden.15 So ist das auch
mit den Primzahlen.

Fundamentalsatz der Arithmetik Satz 12.4


Jede positive ganze Zahl lässt sich eindeutig (bis auf die Reihenfolge) als Pro-
dukt von Primzahlen darstellen.

14Wir haben diesen Satz auf Seite 23 übrigens schon bewiesen. Die hier gezeigte Variante ist jedoch

näher am Original.
15 Allerdings hinkt der Vergleich etwas, weil es nur endlich viele chemische Elemente gibt, während

wir gerade bewiesen haben, dass es unendlich viele Primzahlen gibt.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


136 Zahlentheorie

Beweis. Zunächst sollten wir klären, was mit „eindeutig (bis auf die Reihenfolge)“
gemeint ist. Die Reihenfolge eines Produktes kann bei unterschiedlichen Faktoren
gar nicht eindeutig festliegen, weil die Multiplikation kommutativ ist. 2·2 ·7 ist nun
einmal dasselbe wie 2 · 7 · 2. Aber bei der Auswahl der Faktoren und der Häufigkeit
ihres Auftretens gibt es nach diesem Satz nur eine Möglichkeit: Weil man 28 als
Produkt von zwei Zweien und einer Sieben darstellen kann, gibt es keine andere
Möglichkeit – weder durch Ersetzen einzelner Faktoren durch andere Primzah-
len noch durch Erhöhen oder Verringern der Anzahl der Faktoren kann man 28
darstellen: es geht nur mit zwei Zweien und einer Sieben.

Dass sich überhaupt jede positive Zahl a als Produkt von Primzahlen darstellen
lässt, ist aufgrund der bereits bewiesenen Aussagen einfach zu begründen. Man
findet nach Lemma 12.1 einen Primfaktor p von a, wenn a nicht gerade eins ist.
Dann schaut man sich a/p an. Das ist eine ganze Zahl und ein Teiler von a. Jeder
Teiler dieser Zahl ist auch ein Teiler von a. Für diese Zahl findet man wieder einen
Primteiler und verfährt dann ebenso. Weil die Zahlen in jedem Schritt kleiner wer-
den, muss dieser Prozess nach Satz 11.1 bzw. Aufgabe 11.2 irgendwann aufhören.
Das kann nur daran liegen, dass sich durch die Division die Zahl 1 eins ergeben
hat. Das Produkt aller bis dahin erhaltenen Primteiler ist das gesuchte.16

Ein bisschen aufwendiger ist der Beweis der Eindeutigkeit. Das erledigen wir wieder
mit einem Widerspruch und nehmen an, es gäbe Beispiele von Zahlen, die sich
auf mindestens zwei unterschiedliche Arten als Produkt von Primzahlen darstellen
lassen. Dann gibt es nach Satz 11.1 Beispiele, bei denen die Gesamtanzahl der
Faktoren minimal ist.17 So ein Beispiel greifen wir uns heraus. Wir haben also

p 1 p 2 · · · p n = q1 q2 · · · qm , (12.1)

wobei alle Faktoren p i und q j Primzahlen sind, die links und rechts der Größe
nach sortiert sind und für die (p 1 , . . . , p n ) ̸= (q 1 , . . . , q m ) gilt – entweder wegen m ̸= n
oder weil die Einträge nicht alle übereinstimmen. Nach Korollar 12.2 teilt p 1 einen
Faktor q j des rechten Produkts. Weil beides Primzahlen sind, folgt p 1 = q j . Man
kann daher in Gleichung (12.1) auf beiden Seiten durch p 1 dividieren und erhält
eine neue Gleichung, die ebenfalls ein Gegenbeispiel zum Fundamentalsatz ist.
Das ist jedoch ein Widerspruch, weil in dieser neuen Gleichung insgesamt zwei
Faktoren weniger als in (12.1) auftreten. ■

⋆Aufgabe 12.4. Wie genau ist das mit der Minimalität am Ende des Beweises von
Satz 12.4 gemeint?

⋆Aufgabe 12.5. Vielleicht schauen Sie sich nun Aufgabe 6.35 und die Lösung dazu
noch einmal an, falls Ihnen vorher nicht ganz klar war, worum es ging.

16 Z. B. könnten Sie für a = 63 den Primteiler 3 finden. Division ergibt 21. Zu dieser Zahl finden Sie

vielleicht den Primteiler 7. Division ergibt 3 und hier können Sie nur noch den Primteiler 3 finden.
Erneute Division führt auf 1 und der Prozess ist damit beendet. Insgesamt haben Sie die Primteiler 3,
7 und noch einmal 3 gesammelt und kommen damit auf 63 = 3 · 3 · 7.
17 Siehe dazu die auf den Beweis folgende Aufgabe 12.4.

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12. Primzahlen 137

Eventuell haben Sie sich gefragt, wie man eine Primzahl oder die Zahl eins als
Produkt von Primzahlen darstellen soll. Das lässt sich aber wie in Anmerkung
hinter Satz 9.4 beantworten: Eine Primzahl lässt sich als ein Produkt darstellen, das
aus einem Faktor besteht und die Eins ist das Produkt von null Primzahlen. (Siehe
dazu auch die Anmerkung zu 0! auf Seite 60.)

Die Reihenfolge spielt zwar für das Ergebnis keine Rolle, aber man kann die an
einem Produkt beteiligten Faktoren natürlich trotzdem sortieren und gleiche Fak-
toren zu Potenzen zusammenfassen. Damit erhält man dann die sogenannte ka-
nonische Primfaktorzerlegung, für die wir hier ein paar Beispiele sehen: kanonische
Primfaktorzerlegung
16 = 24 27 = 33
42 = 2 · 3 · 7 43 = 43
5
96 = 2 · 3 1 320 574 363 = 292 · 31 · 373

Aufgabe 12.6. Berechnen Sie zur Übung ein paar Primfaktorzerlegungen. Sie können
Ihre Ergebnisse z. B. kontrollieren, indem Sie so etwas wie factor 1320574363 in
Wolfram Alpha eingeben.

Aufgabe 12.7. Wenn Sie (wie in der Klausur) nur einen einfachen Taschenrechner zur
Verfügung haben und die Primfaktorzerlegung einer großen Zahl wie 32 892 berechnen
sollen, wie gehen Sie dann „strategisch“ am besten vor?

Aufgabe 12.8. In Aufgabe 12.7 kommt die Zahl 2 741 vor, von der Sie sicher nicht aus
dem Kopf wissen, dass es eine Primzahl ist. Wie kann man sich mit möglichst wenigen
Divisionen sicher sein, dass eine Zahl prim ist?

Aufgabe 12.9. Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem größten gemeinsamen


Teiler zweier Zahlen und deren Primfaktorzerlegungen?

Aufgabe 12.10. Sie haben sicher schon einmal etwas vom kleinsten gemeinsamen
Vielfachen zweier Zahlen a und b gehört: Zwei beliebige Zahlen a und b, die beide kleinstes gemeinsames
nicht verschwinden, haben immer mindestens ein gemeinsames positives Vielfaches, Vielfaches
nämlich |a| · |b|. Nach Satz 11.1 gibt es daher ein kleinstes positives Vielfaches, das
beide gemeinsam haben. Dafür schreibt man kgV(a, b). (Und ergänzend setzt man kgV(a, b)
kgV(a, b) = 0, wenn ab = 0 gilt.)

Berechnen Sie das kleinste gemeinsame Vielfache für ein paar Zahlenpaare oder lassen
Sie es berechnen, z. B. in Wolfram Alpha mit einer Eingabe wie lcm(400,225).18

Aufgabe 12.11. Erkennen Sie einen Zusammenhang zwischen ggT(a, b) und kgV(a, b)
sowie a und b?

⋆ Primzahlen im Computer
Die schon erwähnte Bibliothek S YM P Y enthält diverse zahlentheoretische Funktio-
nen, zum Beispiel diese drei:

18 Im Englischen least common multiple.

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138 Zahlentheorie

from sympy import prime,isprime,factorint

prime(424242) # n-te Primzahl


factorint(4200420042) # Primfaktorzerlegung
isprime(4242424243) # Test, ob Argument prim ist

Grundsätzlich ist allerdings zu beachten, dass das Finden von Teilern bzw. das
Zerlegen in Primfaktoren ein schwieriges mathematisches Problem ist, für das
bisher keine effizienten Algorithmen bekannt sind. Auf diesem „Mangel“ basieren
diverse kryptographische Verfahren.

Auch ein verlässlicher Test, ob eine Zahl eine Primzahl ist, ist für große Argumente
recht zeitaufwendig. Funktionen wie isprime arbeiten deshalb in der Regel proba-
bilistisch und liefern Ergebnisse, die mit einer geringen Wahrscheinlichkeit auch
falsch sein können. In Kapitel 9 von Konkrete Mathematik (nicht nur) für Infor-
matiker wird der in der Praxis am häufigsten eingesetzte Primzahltest ausführlich
besprochen und auch in P YTHON implementiert. Im 10. Kapitel wird das weit ver-
breitete RSA-Kryptosystem erläutert, das die gerade angesprochene Schwierigkeit
bei der Faktorisierung ausnutzt. Damit Sie diese beiden Kapitel verstehen, sollten
Sie aber erst den folgenden Abschnitt über modulare Arithmetik durcharbeiten.

13. Modulare Arithmetik


Viele Fragestellungen der Zahlentheorie lassen sich dadurch vereinfachen, dass
man mit Resten arbeitet.

Definition Sei n > 1. Durch a mod n = b mod n wird eine Äquivalenzrelation19 auf Z
definiert. Man sagt dazu: a ist kongruent zu b modulo n.
Für die Äquivalenzklasse der Zahl a schreiben wir [a]n und für die Faktormen-
ge Z/n Z. Diese Menge nennt man den Restklassenring modulo n und ihre
Elemente Restklassen.

Beachten Sie, dass hier unendlich viele Äquivalenzrelationen definiert wurden –


für jedes n eine. Wir werden im Folgenden zwar meistens allgemein für alle n
argumentieren, aber im konkreten Anwendungsfall arbeiten wir dann mit einem
festen n und entsprechend nur mit einer Äquivalenzrelation zur Zeit. Warum von
Ringen die Rede ist, wird noch klar werden.

Aufgabe 13.1. Wie sehen die Äquivalenzklassen und die Faktormenge für ein konkre-
tes Beispiel wie n = 6 aus?

Dass zwei Zahlen in der gerade definierten Relation zueinander stehen, kann man
auch anders ausdrücken:

19 Dass es sich um eine Äquivalenzrelation handelt, folgt aus Aufgabe 6.11, weil wir es mit einer

Funktion zu tun haben, die dem Argument a den Funktionswert a mod n zuordnet.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


13. Modulare Arithmetik 139

Für n > 1 und a, b ∈ Z gilt [a]n = [b]n genau dann, wenn n | a − b gilt. Lemma 13.1

Beweis. Haben a und b denselben Rest r bei Division durch n, dann gibt es Zahlen
k 1 und k 2 mit a = k 1 n +r und b = k 2 n +r . Das liefert die Differenz a −b = (k 1 −k 2 )n,
was gleichbedeutend mit n | a − b ist.

Ist umgekehrt die Differenz a − b durch n teilbar, dann gibt es ein k mit a − b = kn.
Hat nun b den Rest r , wenn man durch n teilt, dann bedeutet das b = j n + r für
eine ganze Zahl j . Damit ergibt sich a = b +(a −b) = j n +r +kn = ( j +k)n +r , d. h.,
auch a hat diesen Rest. ■

Weil ein Bild angeblich mehr als tausend Worte sagt, hier eine Illustration für das
konkrete Beispiel n = 4, a = 22 und b = 14. Rechts jeweils in grau der Rest 2, der
sich bei der Division durch 4 ergibt, und links daneben Gruppen zu je 4 Blöcken.
Ich glaube, man sieht den Zusammenhang, den Lemma 13.1 behauptet.

Die durch die Relation induzierte Partition zerlegt also Z in n Mengen, die jeweils
aus Zahlen bestehen, die gleichmäßig auf der Zahlengeraden verteilt sind. Diese
Zahlen haben zu ihren beiden direkten „Nachbarn“ aus derselben Äquivalenzklasse
den Abstand n. In der folgenden Grafik sieht man das für n = 3 an einem Ausschnitt
von Z dargestellt. Die Farben stehen dabei für

[0]3 = {. . . , −12, −9, −6, −3, 0, 3, 6, 9, 12, . . . },


[1]3 = {. . . , −11, −8, −5, −2, 1, 4, 7, 10, . . . } und
[2]3 = {. . . , −10, −7, −4, −1, 2, 5, 8, 11, . . . }.

−10 −5 0 5 10

Nun der entscheidende Grund für die Nützlichkeit der Restklassenringe:

Sei n > 1. Gilt [a]n = [c]n und [b]n = [d ]n , dann gelten auch20 Satz 13.2

[a ± b]n = [c ± d ]n und
[a · b]n = [c · d ]n .

Beweis. Wir verwenden für die Argumentation die Darstellung aus Lemma 13.1.
Wegen [a]n = [c]n und [b]n = [d ]n gibt es k 1 und k 2 mit a −c = k 1 n und b −d = k 2 n.
Daraus folgt

(a ± b) − (c ± d ) = (a − c) ± (b − d ) = k 1 n ± k 2 n = (k 1 ± k 2 )n
20 Das Zeichen ± in der ersten Zeile ist eine gelegentlich verwendete Abkürzung. Gemeint sind

eigentlich zwei Zeilen, eine für + und eine für −, und ± steht durchgehend für einen der beiden
Operatoren, aber immer für denselben.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


140 Zahlentheorie

und das war’s schon: die Differenz ganz links ist durch n teilbar. Wie in der For-
mulierung des Satzes kann ± sowohl für Addition als auch für Subtraktion stehen.
k 1 ± k 2 ist in beiden Fällen eine ganze Zahl.

Für die Multiplikation muss man ein kleines bisschen mehr rechnen, aber auch in
diesem Fall kommt am Ende ein Vielfaches von n heraus:
ab − cd = ab − cb + cb − cd = (a − c)b + c(b − d )
= k 1 nb + ck 2 n = (k 1 b + ck 2 )n. ■

Auch von diesem Satz kann man sich durch Grafiken überzeugen lassen. In der
folgenden Skizze sieht man die beiden Zahlen a = 10 und b = 17 und darunter
deren Summe 27. Entscheidend sind jedoch die rechts grau dargestellten Reste
bei Division durch n = 4. Zeichnen Sie ein vergleichbares Bild für Zahlen c und d ,
die kongruent zu a bzw. b modulo 4 sind, z. B. c = 18 und d = 5. Sie werden sehen,
dass der rechte Teil der Grafik identisch ist.

Schließlich noch eine Grafik für das Produkt von 10 (vertikal) und 17 (horizontal),
wo Sie ebenfalls selbst ein bisschen kritzeln und nachdenken sollten, wenn Ihnen
nicht ohnehin schon alles klar ist.

Aufgabe 13.2. Was bisher in diesem Abschnitt passiert ist, erfordert keine großen
Rechenkünste, aber haben Sie die Konzepte dahinter verstanden? Lesen Sie nicht
einfach weiter, sondern stellen Sie sicher, dass Sie Fragen wie die folgenden beantwor-
ten können: Was ist [3]7 ? Was ist Z/7Z? Welcher Zusammenhang besteht zwischen
diesen beiden Objekten? Besteht ein Zusammenhang zwischen [3]7 und [7]3 ? Können
Sie zwei verschiedene Methoden angeben, mit denen man begründen kann, warum
[424242]11 und [424341]11 identisch sind?

Aufgabe 13.3. Warum kommen in Satz 13.2 nur drei der vier Grundrechenarten vor?
Was ist mit der Division?

Wir können nun definieren, wie man mit Restklassen rechnet:

Definition Sei n > 1. Wir definieren

[a]n ± [b]n = [a ± b]n und


[a]n · [b]n = [a · b]n .

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


13. Modulare Arithmetik 141

Es mag sein, dass Ihnen das sowohl banal als auch sinnlos vorkommt. Nach dieser
Definition haben wir beispielsweise [4]5 + [3]5 = [7]5 und [4]5 · [3]5 = [12]5 . Was soll
das? Dass 4 + 3 = 7 und 4 · 3 = 12 gilt, wissen Sie schon seit der Grundschule. Nun
soll durch das Hinzufügen von eckigen Klammern etwas Neues entstanden sein?
Das ist in der Tat so:
– Zunächst einmal handelt es sich um eine Definition und nicht um einen Satz.
Es wird festgelegt, was Ausdrücke wie [a]n + [b]n bedeuten sollen.
– Und was wird definiert? Auf der linken Seite der Gleichungen stehen jeweils
zwei Äquivalenzklassen und rechts steht auch eine. Hier werden also innere
Verknüpfungen auf Z/n Z definiert.
– Das bedeutet, dass die Zeichen +, − und · links und rechts von den Gleich-
heitszeichen für unterschiedliche Funktionen stehen, denn rechts ist einfach
die Verknüpfung ganzer Zahlen gemeint. Diese Art von Operatorüberladung
kennen Sie vielleicht schon vom Programmieren und auf jeden Fall aus
dem letzten Kapitel. Hier wird es aber noch konkreter und die Gefahr von
Verwechslungen wird größer.
Der französische Mathematiker Henri Poincaré hat einmal gesagt: „Mathe-
matik ist die Kunst, unterschiedlichen Dingen denselben Namen zu geben.“
Das war zwar etwas allgemeiner gemeint, aber es beschreibt auch gut, dass
in dieser Wissenschaft häufig dieselben Symbole für verschiedene Dinge
verwendet werden. Das ist im Endeffekt auch ganz gut so, weil man sonst
vielleicht schon mehr mathematische Zeichen als chinesische Schriftzei-
chen hätte. Aber man muss sich daran gewöhnen und sich klarmachen, dass
Dinge, die gleich aussehen, nicht unbedingt gleich sind.
– Ein wichtiges Detail, das Anfängern oft nicht klar ist: Ist diese Definition
überhaupt eindeutig? Es wird z. B. festgelegt, dass [4]5 + [3]5 den Wert [7]5
bekommen soll. Man kann der Definition jedoch auch entnehmen, dass
[9]5 + [3]5 der Wert [12]5 zugewiesen wird und [4]5 und [9]5 sind dasselbe
Objekt. Damit hier wirklich eine Funktion definiert wird, muss [7]5 auch
dasselbe wie [12]5 sein, denn anderenfalls würde keine Rechtseindeutigkeit
vorliegen. Zum Glück ist [7]5 dasselbe wie [12]5 . Dass das immer funktioniert,
besagt Satz 13.2. Deswegen haben wir ihn bewiesen.
Die grundsätzliche Eigenschaft, um die es hier geht, nennt man Wohldefi-
niertheit. Man muss sie immer überprüfen, wenn es für Objekte mehr als wohldefiniert
eine Darstellung gibt und man etwas auf der Basis dieser Darstellungen
definiert.
– Letzte Anmerkung: Dass die Zeile mit dem Symbol ± für zwei Definitionen
(+ und −) steht, haben Sie natürlich bemerkt . . .

Aufgabe 13.4. Machen Sie sich mit diesen Operationen vertraut, indem Sie ein paar
Beispiele berechnen: [8]11 + [5]11 , [4]12 − [7]12 , [4]12 + [−7]12 , [10]15 · [6]15 und so weiter.
Finden Sie für das Ergebnis immer eine möglichst einfache Darstellung (in dem Sinne,
dass die Zahl a in [a]n nichtnegativ und klein ist).

Aufgabe 13.5. Was ist [3]7 + [7]3 ?

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142 Zahlentheorie

⋆Aufgabe 13.6. Inwieweit spielt Wohldefiniertheit eine Rolle bei der „ganz normalen“
Bruchrechnung, die Sie aus der Schule kennen?

Es ergibt sich nun eine interessante neue Klasse von algebraischen Strukturen.

Lemma 13.3 Sei n > 1. Dann ist mit den gerade definierten Verknüpfungen (Z/n Z, +, ·) ein
kommutativer und unitärer Ring. Die neutralen Elemente für Addition und
Multiplikation sind [0]n und [1]n , das bzgl. der Addition zu [a]n inverse Ele-
ment −[a]n ist [−a]n . Insbesondere entspricht die Definition der Subtraktion
auch der Konvention von Seite 119.

Aufgabe 13.7. Für den Beweis von Lemma 13.3 muss man eine ganze Reihe von Ei-
genschaften nachweisen. Das ist jedoch nicht schwer, weil der Ring Z/nZ diese Ei-
genschaften aufgrund der Definition der Addition und Multiplikation von Z „erbt“.
Vielleicht machen Sie das mal für ein oder zwei Punkte, um sich klarzumachen, dass
Sie alles verstanden haben.

Aufgabe 13.8. Begründen Sie, dass die Gruppe aus Aufgabe 8.15 isomorph zur Gruppe
(Z/3Z, +) ist.

Aufgabe 13.9. Eine der beiden Gruppen aus Aufgabe 8.36 ist isomorph zu (Z/4Z, +).
Welche ist es?

Wir wollen nun mit Restklassen rechnen und werden uns zunächst etwas Schreib-
arbeit sparen.

Konvention Wenn durch eine Formulierung wie „wir rechnen in Z/n Z“ oder „wir rechnen
modulo n“ klar ist, dass mit einem festen n gerechnet wird, schreiben wir statt
[a]n abkürzend die Zahl a mod n. Z/n Z wird dadurch zu {0, . . . , n − 1}.

Beim Rechnen modulo 5 haben wir es dann also z. B. mit der Menge {0, 1, 2, 3, 4} zu
tun. Statt [4]5 schreiben wir nun also einfach 4. Beachten Sie, dass damit nicht die
ganze Zahl 4 gemeint ist.21 Insbesondere gelten dann ganz neue und „seltsame“
Rechenregeln: 4 + 3 ist nun 2, denn es gilt ja [4]5 + [3]5 = [2]5 . Und 4 + 3 ist nicht 7,
obwohl auch [4]5 + [3]5 = [7]5 nicht falsch ist. Nach der obigen Konvention wird
für [7]5 jedoch 2 geschrieben.

Aufgabe 13.10. Berechnen Sie 10 + 9, 3 − 8 und 6 · 6 in Z/11Z. Berechnen Sie danach


10 + 9, 3 − 8 und 6 · 6 in Z/12Z.

Aufgabe 13.11. Denken Sie daran, dass mit −a das inverse Element zu a bezüglich
der Addition gemeint ist. Konkret ist also −3 die „Zahl“ 5, wenn wir modulo 8 rechnen.
Was ist −3, wenn wir modulo 9 rechnen? Und was ist −7, wenn wir uns in Z/20Z
befinden?
21 Damit wird die Konvention von Seite 125 natürlich temporär außer Kraft gesetzt.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


13. Modulare Arithmetik 143

Diese Form der Arithmetik ist gewöhnungsbedürftig, aber Sie praktizieren sie
eigentlich schon seit Jahren. Es ist die übliche Art und Weise, in der wir alle auf dem
Ziffernblatt einer Uhr rechnen. Wenn jemand Ihnen sagt, dass er um zehn Uhr
morgens ankam und fünf Stunden blieb, dann wissen Sie ohne großes Nachdenken,
dass er um drei Uhr nachmittags gegangen ist. Implizit haben Sie 10 + 5 = 15
gerechnet und dann 12 abgezogen. Oder Sie haben es „visuell“ ausgerechnet,
indem Sie den „Zeiger“ auf 10 stellten und dann fünf Schritte vorwärts bewegten.
Sie rechnen dabei modulo 12. Wenn Sie stattdessen modulo 5 rechnen, dann ist
das dasselbe Prinzip, nur mit einer anderen „Uhr“.
0 0
11 1
10 2
4 1
9 3

8 4
7 5 3 2
6

Aufgabe 13.12. Beim Programmieren haben Sie es auch manchmal (häufig eher un-
gewollt) mit dieser sogenannten modularen Arithmetik zu tun. Wenn ich auf meinem
Rechner mit der folgenden C-Funktion die Fakultät von 13 berechnen will, dann
erhalte ich als Ausgabe die Zahl 1 932 053 504.

int fact (int n) {


int f = 1;
while (n > 0) {
f = f * n;
n = n - 1;
}
return f;
}

Aber die korrekte Antwort wäre 6 227 020 800 gewesen. Woran liegt das?

Aufgabe 13.13. Nebenbei bemerkt kann man übrigens ohne Rechnen sofort sehen,
dass die Antwort 1 932 053 504 aus Aufgabe 13.12 nicht richtig sein kann. Wieso?

Aufgabe 13.14. Erinnern Sie sich an die Teilbarkeitsregeln mit den Quersummen
aus Aufgabe 11.12. Begründen Sie an einem konkreten Beispiel wie 7164, warum das
klappt, indem Sie in Z9 bzw. Z3 rechnen. (Welche Reste erhalten Sie, wenn Sie 1, 10,
100, 1000 und so weiter durch 9 bzw. 3 teilen?)

Aufgabe 13.15. Um auf Teilbarkeit durch 11 zu testen, geht man wie bei der Teilbar-
keit durch 9 vor, berechnet jedoch die alternierende Quersumme, indem man – bei alternierende
der kleinsten Stelle beginnend – die Ziffern abwechselnd addiert und subtrahiert. Quersumme
Die alternierende Quersumme von 97364 ist also 4 − 6 + 3 − 7 + 9 = 3. Und weil 3
nicht durch 11 teilbar ist, ist auch 97364 nicht durch 11 teilbar. Finden Sie analog zu
Aufgabe 13.14 eine Begründung dafür, warum diese Regel funktioniert.

⋆Aufgabe 13.16. Für die Sieben gibt es eine weitere Teilbarkeitsregel, die allerdings
etwas komplizierter als die bisherigen ist. Um festzustellen, ob eine Zahl durch 7

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144 Zahlentheorie

teilbar ist, verdoppeln Sie die letzte Ziffer und subtrahieren das Ergebnis vom Rest
der Zahl (ohne die letzte Ziffer). Wiederholen Sie das so lange, bis Sie dem Ergebnis
ansehen können, ob es durch 7 teilbar ist. Das ist genau dann der Fall, wenn auch die
ursprüngliche Zahl durch 7 teilbar ist.

Um z. B. zu sehen, ob 35 581 durch 7 teilbar ist, berechnen wir 3 558 − 2 · 1 = 3 556. Aus
diesem Ergebnis machen wir 355 − 2 · 6 = 343. Daraus wird 34 − 2 · 3 = 28. Und dass 28
durch 7 teilbar ist, wissen wir. Darum ist auch 35 581 durch 7 teilbar.

Können Sie begründen, warum das immer klappt?

Ein großer Unterschied zwischen der modularen Arithmetik und der „normalen“
in Z ist, dass Z/n Z nur endlich viele Elemente hat. Man kann also theoretisch alles,
was es dort überhaupt auszurechnen gibt, einmal aufschreiben und dann auf das
Rechnen verzichten und stattdessen Verknüpfungstabellen konsultieren. Für n = 6
würde das so aussehen:
+ 0 1 2 3 4 5 · 0 1 2 3 4 5
0 0 1 2 3 4 5 0 0 0 0 0 0 0
1 1 2 3 4 5 0 1 0 1 2 3 4 5
2 2 3 4 5 0 1 2 0 2 4 0 2 4
3 3 4 5 0 1 2 3 0 3 0 3 0 3
4 4 5 0 1 2 3 4 0 4 2 0 4 2
5 5 0 1 2 3 4 5 0 5 4 3 2 1

Die beiden farblich hervorgehobenen Zahlen stehen für 5 + 2 = 1 und 3 · 4 = 0.

Aufgabe 13.17. Vergegenwärtigen Sie sich noch einmal, welche Ringeigenschaften


man solchen Tabellen direkt ansehen kann.

Aufgabe 13.18. Für die Subtraktion muss man keine eigene Tabelle aufstellen, son-
dern kann die für die Addition „zweckentfremden“. Wie würde man das machen?

Aufgabe 13.19. Nach Satz 8.2 kann man in Z/6Z jede Gleichung der Form x + a = b
nach x auflösen. Wie kann man das der linken Tabelle entnehmen?

Aufgabe 13.20. Stellen Sie zu Übung solche Tabellen wie auf Seite 144 für n = 5 oder
n = 7 auf. Können Sie bei der Multiplikation einen signifikanten Unterschied zum Fall
n = 6 erkennen?

Die Multiplikationstabelle zu Z/6Z ist kein lateinisches Quadrat (siehe Aufgabe


13.19). Auch dann nicht, wenn man die Zeile und die Spalte für die Null ignoriert.
Z/6Z ist also kein Körper. Man kann der Tabelle noch weitere „Merkwürdigkeiten“
entnehmen, die wir von der üblichen Arithmetik mit rationalen oder reellen Zahlen
nicht gewohnt sind:
– Man kann die Gleichung x · 2 = 3 nicht lösen.
– Es gilt 5 · 2 = 2 · 2, obwohl 5 und 2 zwei verschiedene Elemente von Z/6Z sind.
– Es gilt 3 · 2 = 0, obwohl beide Faktoren von null verschieden sind.22
22 Siehe Lemma 10.4.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


13. Modulare Arithmetik 145

Alle drei Beispiele lassen sich darauf zurückführen, dass 2 in diesem Ring kein
Inverses bzgl. der Multiplikation hat. Wenn Sie Aufgabe 13.20 bearbeitet haben,
werden Sie jedoch gesehen haben, dass Z/5Z und Z/7Z Körper sind. Das liegt an
der folgenden wichtigen Aussage:

(Z/n Z, +, ·) ist genau dann ein Körper, wenn n eine Primzahl ist. Satz 13.4

Beweis. Um Verwechslungen zu vermeiden, verwenden wir im Beweis wieder die


„umständliche“ Schreibweise [a]n für Elemente von Z/n Z, so dass klar ist, dass wir
„normale“ ganze Zahlen meinen, wenn wir a schreiben.

Es geht um die Frage, wann die Gleichung [a]n · [x]n = [1]n eine Lösung [x]n hat,
wenn [a]n nicht [0]n ist. In den ganzen Zahlen ist das äquivalent zu der Gleichung
ax mod n = 1, die für 0 < a < n gelöst werden soll. Und das kann man wiederum
als ax = kn + 1 bzw. ax − kn = 1 für ein k ∈ Z ausdrücken.

Sind a und n teilerfremd, dann kann man nach dem Lemma von Bézout x und k
mit dieser Eigenschaft finden. Gibt es umgekehrt solche Zahlen, dann teilt nach
Lemma 11.4 jeder gemeinsame Teiler von a und n auch 1 und daher sind a und n
nach Korollar 11.6 teilerfremd.

Für alle a, die infrage kommen, lässt sich die besagte Gleichung also dann und nur
dann lösen, wenn in jedem Fall a und n teilerfremd sind. Die Zahlen n mit dieser
Eigenschaft sind genau die Primzahlen. ■

Ist p eine Primzahl, dann schreibt man auch Zp statt Z/p Z und spricht dann Konvention
auch vom Restklassenkörper modulo p. Wir würden also beispielsweise Z5
oder Z19 schreiben, aber nicht Z16 . Zp

Wie findet man nun konkret ein multiplikativ Inverses (auch Kehrwert genannt) zu Kehrwert
einem vorgegebenen Element eines Restklassenkörpers? Nehmen wir als Beispiel
Z97 und das Element [67]97 . Spielen wir den Beweis des Satzes durch, dann haben
wir n = 97 und a = 67. Da wir das Lemma von Bézout anwenden wollen, müssen
wir den euklidischen Algorithmus durchspielen:23

A B
97 = n 67 = a
30 = n − a 67 = a
30 = n − a 7 = a − 2(n − a) = 3a − 2n
2 = (n − a) − 4(3a − 2n) = 9n − 13a 7 = 3a − 2n
2 = 9n − 13a 1 = (3a − 2n) − 3(9n − 13a) = 42a − 29n

Wir haben den Prozess in diesem Fall etwas abgekürzt. (Siehe dazu Aufgabe 11.19.)
Entscheidend ist die Zahl 42, die am Ende als Faktor vor a steht (während der
23 Obwohl wir schon wissen, dass das Ergebnis ggT(67, 97) = 1 sein wird, weil 97 eine Primzahl ist.

Uns interessiert die rechte Spalte.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


146 Zahlentheorie

zweite Faktor 29 nicht weiter interessant ist). Die Antwort wäre also [42]97 und Sie
können (z. B. mit dem Tool aus Aufgabe 11.6) nachrechnen, dass in Z97 tatsächlich
42 · 67 = 1 gilt. Gemäß der Konvention für Körper würden wir 1/67 = 42 schreiben.

Aufgabe 13.21. Berechnen Sie so wie eben 1/106 in Z173 . Ermitteln Sie außerdem den
Kehrwert von 5 in Z13 .

Aufgabe 13.22. Stellen Sie sich selbst entsprechende Aufgaben. Sie können Ihre Er-
gebnisse überprüfen, indem Sie in Wolfram Alpha so etwas wie

inverse of 67 modulo 97

eingeben.

Aufgabe 13.23. Was ist 4/5 in Z13 ?

Zum Abschluss dieses Abschnitts beweisen wir noch einen Satz, der in der Zahlen-
theorie häufig verwendet wird. Dabei geht es um Potenzen in Restklassenringen,
die wir gemäß der Konvention von Seite 100 interpretieren. x 3 ist also einfach eine
Abkürzung für x · x · x und allgemein betrachten wir nur Ausdrücke der Form x n ,
bei denen n eine natürliche Zahl ist.

Solche Potenzen lassen sich oft auch dann erstaunlich einfach berechnen, wenn
der Exponent sehr groß ist. Wollen wir beispielsweise 10200 in Z11 berechnen, so
können wir ausnutzen, dass 10 = −1 gilt. Nach Punkt (iii) von Lemma 10.2 gilt
(−1)2 = 1 und damit haben wir
¢100 ¡ ¢100
10200 = 102 = (−1)2 = 1100 = 1.
¡

Aufgabe 13.24. Berechnen Sie mit möglichst geringem Rechenaufwand 4100 in Z13 .
(Hinweis: Berechnen Sie zuerst 43 .)

Aufgabe 13.25. Moment mal! Es gilt [100]13 = [9]13 und daher hätte in Aufgabe 13.24
¡ ¢3
doch 4100 = 49 = 43 = (−1)3 = −1 herauskommen müssen, oder? Wo ist hier der
Denkfehler?

Der angekündigte Satz besagt, dass in jedem Restklassenkörper für einen bestimm-
ten Exponenten die Potenz immer dieselbe ist.

Satz 13.5 Kleiner Satz von Fermat


Ist p prim, so gilt in Zp die Gleichung a p−1 = 1 für alle a ∈ Zp \ {0}.

Beweis. Wir schreiben abkürzend Z× p für Zp \ {0} und rechnen die ganze Zeit mo-
dulo p. Sei a ∈ Z×
p fest gewählt. Weil (Z ×
p , ·) eine Gruppe ist, bildet die zugehörige
Verknüpfungstabelle ein lateinisches Quadrat. (Siehe Aufgabe 8.16.) Das bedeu-
tet, dass die Mengen Z× p und { ka : k ∈ Zp } identisch sind. Weil die Multiplikation
×

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


13. Modulare Arithmetik 147

außerdem kommutativ ist, folgt, dass die Produkte über diese Mengen ebenfalls
gleich sein müssen. Es gilt also

1 · 2 · 3 · · · (p − 1) = a · 2a · 3a · · · (p − 1)a.

Diese Gleichung können wir nun sukzessive auf beiden Seiten erst durch 1, dann
durch 2 und so weiter dividieren. Nachdem wir schließlich durch p − 1 dividiert
haben, steht links nur noch 1 und rechts a p−1 . ■

Dieser Satz ist die Grundlage für diverse in der Praxis relevante Primzahltests.
Seinen etwas seltsamen Namen trägt er übrigens, weil es auch einen „großen“ Satz
von Fermat gibt. (Siehe dazu die Fußnote 3 auf Seite 7.)

Aufgabe 13.26. Wenn in einem Restklassenring Z/nZ für ein Element a ∈ Z/nZ \ {0}
die Gleichung a n−1 = 1 gilt, dann folgt daraus nicht notwendig, dass n prim ist. Finden
Sie ein nichttriviales Beispiel dafür.

Aufgabe 13.27. Wir wissen bereits, dass man Kehrwerte in Restklassenkörpern mittels
des erweiterten euklidischen Algorithmus berechnen kann. Der kleine Satz von Fermat
liefert noch eine weitere (zumindest theoretische) Möglichkeit zur Berechnung von
Kehrwerten. Sehen Sie sie?

Restklassenkörper werden in vielen Fehlererkennungs- und Fehlerkorrekturver-


fahren eingesetzt. So wird die Prüfziffer für Buchnummern im System ISBN-10
z. B. in Z11 berechnet24 und das Verfahren, das verhindern soll, dass Sie beim
Online-Banking aus Versehen eine falsche IBAN eingeben, rechnet in Z97 .

Dass Z/n Z kein Körper ist, wenn n keine Primzahl ist, heißt übrigens nicht not-
wendig, dass es keinen Körper mit genau n Elementen gibt. Es gibt beispielsweise
Körper mit 9, 32 oder 125 Elementen und solche sogenannten Galoiskörper wer-
den unter anderem für die automatische Korrektur von Fehlern bei DVDs und
anderen digitalen Medien eingesetzt. Mehr dazu im Video Fehlerkorrektur mit
Reed-Solomon-Codes.

⋆ Modulare Arithmetik im Computer


Viele Berechnungen, die mit modularer Arithmetik zu tun haben, lassen sich in
P YTHON einfach mit dem Operator % durchführen. Es gibt jedoch zusätzlich in
S YM P Y eine spezielle Funktion zur Berechnung der Kehrwerte:

from sympy import mod_inverse


mod_inverse(67,97)

Außerdem hat P YTHON eine Standardfunktion pow für Potenzen (nicht zu verwech-
seln mit der gleichnamigen Funktion aus der MATH-Bibliothek), die man mit einem
dritten Argument dazu bringen kann, modular zu rechnen:

24 Siehe dazu Kapitel 6 in Konkrete Mathematik (nicht nur) für Informatiker.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


148 Zahlentheorie

4**100, pow(4,100), pow(4,100,13)

Durch den Einsatz der sogenannten binären Exponentiation ist diese Funktion
auch für große Exponenten sehr schnell.

14. Der chinesische Restsatz


In diesem Kapitel behandeln wir kurz einen Algorithmus, der in der Kryptographie
an verschiedenen Stellen benutzt wird.25 Das Verfahren basiert auf Ideen, die schon
dem chinesischen Mathematiker Sun Zi im dritten Jahrhundert bekannt waren.

Definition a ≡ b (mod m) ist lediglich eine andere, in der Zahlentheorie häufig ver-
wendete, Schreibweise für [a]m = [b]m bzw. a mod m = b mod m.26 Solche
Aussagen werden auch als Kongruenzen bezeichnet.

Satz 14.1 Chinesischer Restsatz


Ein Kongruenzsystem der Form

x ≡ a1 (mod m 1 )
x ≡ a2 (mod m 2 )
..
.
x ≡ an (mod m n )

hat für beliebige vorgegebene natürliche Zahlen a i eine Lösung, wenn m 1


bis m n paarweise teilerfremde natürlichen Zahlen sind.

Kongruenzsystem Bevor wir diese Aussage beweisen, klären wir, was mit einem Kongruenzsystem
gemeint ist: Wie bei einem (linearen) Gleichungssystem (das Sie aus der Schule
kennen) wird eine Zahl x gesucht, die alle Kongruenzen gleichzeitig simultan erfüllt.
Und natürlich geht es wie im gesamten Kapitel um eine ganze Zahl. (Sonst würden
die Kongruenzen auch gar keinen Sinn ergeben.)

Die Beweisidee können wir ebenfalls vorwegnehmen, indem wir uns das einfache
System

x ≡ 1 (mod 3)
(14.1)
x ≡ 2 (mod 5)

anschauen. Markieren Sie ein paar Lösungen der ersten Kongruenz auf der Zahlen-
geraden: 1, 4, 7, 10, −2, −5 und so weiter. Markieren Sie dann ein paar Löungen
25 Unter anderem für Geheimnisteilungsverfahren sowie für die Steigerung der Effizienz des RSA-

Kryptosystems, das in Kapitel 10 von Konkrete Mathematik (nicht nur) für Informatiker ausführlich
beschrieben wird.
26 Man muss allerdings beachten, dass mod in einem Ausdruck wie a mod b ein Operator wie +

ist, während die Zeichenfolge (mod m) nur zusammen mit dem Teil a ≡ b davor Sinn ergibt.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


14. Der chinesische Restsatz 149

der zweiten Kongruenz in einer anderen Farbe. Sie werden schnell merken, dass es
Zahlen gibt, die beide Kongruenzen lösen, zum Beispiel 7. Aber wie kommt man
ohne Probieren auf so eine Lösung?

Der Trick ist, nach einer Lösung x 1 der ersten Kongruenz zu suchen, die durch 5
teilbar ist. Warum? Weil wir die zu einer Lösung der zweiten Kongruenz addie-
ren könnten und das Ergebnis wieder eine Lösung der zweiten Kongruenz wäre.
Ebenso können wir eine Lösung x 2 der zweiten Kongruenz, die durch 3 teilbar
ist, „gefahrlos“ zu einer Lösung der ersten Kongruenz addieren. Insbesondere
muss, wenn wir solche Zahlen finden, x 1 + x 2 eine Lösung des Systems (14.1) sein.
Und das war’s schon! (Im konkreten Fall könnten x 1 = 10 und x 2 = 12 diese Rollen
spielen und die Lösung 22 liefern.)

Der komplette Beweis begründet nun, warum man Zahlen wie x 1 und x 2 immer
finden kann und warum das auch mit mehr als zwei Kongruenzen klappt.

Beweis. Weil die Zahlen m i paarweise teilerfremd sind, ist jede von ihnen auch
teilerfremd zum Produkt der anderen. Wären beispielsweise m 1 und das Produkt
m 2 m 3 · · · m n nicht teilerfremd, so gäbe es nach dem Lemma von Bézout Zahlen k 1
und k 2 mit

k 1 · m 1 + k 2 · m 2 m 3 · · · m n > 1.

Diese Gleichung würde aber gleichzeitig nach Lemma 11.4 ein Beleg dafür sein,
dass m 1 und m 2 nicht teilerfremd sind, weil man den rechten Summanden auch
als (k 2 m 3 · · · m n ) · m 2 lesen kann. Und das wäre ein Widerspruch.

Wiederum nach dem Lemma von Bézout gibt es also Zahlen r 1 und s 1 mit

r 1 · m 1 + s 1 · m 2 m 3 · · · m n = 1.

Multipliziert man diese Gleichung mit a 1 , dann erhält man die Zahl

x1 = a1 · m2 m3 · · · mn ,

die ein Vielfaches von m 2 m 3 · · · m n ist und gleichzeitig die erste Kongruenz löst.
Analog findet man für jedes i eine Zahl x i , die die i -te Kongruenz löst und ein
Vielfaches von m 1 m 2 · · · m n /m i ist.

Die Summe x = x 1 + · · · + x n löst offenbar das Kongruenzsystem: x 1 löst die erste


Kongruenz und die anderen Summanden sind Vielfache von m 1 , also löst x die ers-
te Kongruenz. Ebenso überzeugt man sich, dass x die anderen n − 1 Kongruenzen
löst. ■

Aufgabe 14.1. Lösen Sie das folgende Kongruenzsystem, indem Sie den Schritten des
obigen Beweises folgen:

x ≡ 1 (mod 3)
x ≡ 2 (mod 5)
x ≡ 4 (mod 7)

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150 Zahlentheorie

Aufgabe 14.2. Stellen Sie sich selbst solche Aufgaben und lösen Sie sie – auch welche
mit mehr als drei Kongruenzen. Man kann bei solchen Aufgaben offensichtlich sofort
eine Probe machen und damit die eigenen Ergebnisse überprüfen. Wenn Sie Ihren
Rechenkünsten nicht trauen, können Sie aber auch in Wolfram Alpha so etwas wie
ChineseRemainder[{1,2,4},{3,5,7}] eingeben.

Aufgabe 14.3. Ihnen wird bereits aufgefallen sein, dass Kongruenzsysteme, die die Vor-
aussetzungen des chinesischen Restsatzes erfüllen, mehr als eine Lösung haben. Wie
viele sind es und welcher Zusammenhang besteht zwischen verschiedenen Lösungen?

Aufgabe 14.4. Auf die Voraussetzung, dass die m i paarweise teilerfremd sind, kann
man nicht verzichten. Begründen Sie das, indem Sie ein Kongruenzsystem angeben,
für das man garantiert keine Lösung finden kann.

⋆ Der chinesische Restsatz im Computer


In der schon mehrfach erwähnten Bibliothek S YM P Y gibt es eine Funktion für den
chinesischen Restsatz:

from [Link] import crt


crt([3,5,7],[1,2,4])

Sie können sich sicher denken, welche Bedeutung der zweite Rückgabewert hat.

Resümee
Die Zahlentheorie ist eines der ältesten Gebiete der Mathematik. Einige der Resul-
tate, die in diesem Kapitel vorgestellt wurden, waren bereits in der griechischen
Antike bekannt und wurden in den schon erwähnten Elementen von Euklid bewie-
sen. Im Mittelalter verfiel die Zahlentheorie jedoch in einen „Dornröschenschlaf“
und wurde erst durch Mathematiker wie Pierre de Fermat im 17. Jahrhundert wie-
derbelebt. Die modulare Arithmetik stammt wie unzählige weitere Beiträge von
Carl Friedrich Gauß, der die Mathematik als „Königin der Wissenschaften“ und
die Zahlentheorie als „Königin der Mathematik“ bezeichnete. Bis Mitte des 20.
Jahrhunderts behielt die Zahlentheorie ihren Status als spannendes, aber nutzloses
„Spielzeug“ der Mathematiker. Inzwischen ist sie allerdings ein unverzichtbares
Hilfsmittel in der Kryptographie und der Kodierungstheorie geworden. Der ameri-
kanische Geheimdienst NSA soll aus diesem Grund der weltweit größte Arbeitgeber
für promovierte Mathematiker sein.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


VI
Die reellen und die komplexen Zahlen

Mit den reellen Zahlen rechnet man eigentlich schon regelmäßig während des
größten Teils der Schulzeit, aber man macht sich über sie kaum wirklich Gedanken.
Dabei handelt es sich bei ihnen nach wie vor um sehr rätselhafte Objekte. Auf
den folgenden Seiten wollen wir sie ein wenig genauer unter die Lupe nehmen.
Außerdem führen wir die komplexen Zahlen ein, die in der Schule selten eine Rolle
spielen, die aber für die moderne Mathematik und auch für viele Anwendungen
unverzichtbar sind.

15. Ordnungsrelationen und geordnete Körper


Was die reellen Zahlen von anderen Körpern, derer es ja viele gibt, unterscheidet,
sind ihre topologischen bzw. ordnungstheoretischen Eigenschaften. Diese Adjek-
tive werden Ihnen momentan voraussichtlich nicht viel sagen. Die kommenden
Abschnitte sollen diese Begriffe mit Leben füllen.

Eine Relation R auf einer Menge A heißt total auf A, wenn für alle a, b ∈ A Definition
(mindestens) eine der Aussagen aRb oder bRa wahr ist. R heißt antisymme-
trisch, wenn aus aRb und bRa immer a = b folgt. Eine Relation, die auf A
reflexiv, antisymmetrisch und transitiv ist, wird Halbordnung von A genannt.
Ist eine Halbordnung zusätzlich total, so spricht man von einer Totalordnung
bzw. einer linearen Ordnung von A.

Der Prototyp für lineare Ordnungen ist die Relation ≤ auf den uns bekannten
Zahlenmengen.

Aufgabe 15.1. Geben Sie bei den drei folgenden Relationen jeweils an, ob sie (auf
der Menge [4]) reflexiv, transitiv, total und antisymmetrisch sind. Begründen Sie Ihre
Antworten.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


152 Die reellen und die komplexen Zahlen

1 2 3 4 1 2 3 4 1 2 3 4
1 × × 1 × × × × 1 ×
2 × × 2 × × × × 2 ×
3 × × 3 × × × × 3 ×
4 × × × × 4 × × × × 4 ×

Aufgabe 15.2. Sei A eine Menge. Wird durch ⊆ eine Halbordnung auf P (A) definiert?
Handelt es sich um eine lineare Ordnung?

Aufgabe 15.3. Wird durch T = { (m, n) ∈ N+ × N+ : m | n } eine Halbordnung auf N+


definiert? Handelt es sich um eine lineare Ordnung?

Aufgabe 15.4. Wird durch T = { (m, n) ∈ Z × Z : m | n } eine Halbordnung auf Z defi-


niert?

Aufgabe 15.5. Beachten Sie, dass Antisymmetrie nicht das Gegenteil von Symmetrie
ist! Geben Sie als Begründung für diese Warnung eine Relation auf [3] an, die weder
symmetrisch noch antisymmetrisch ist.

Definition Eine Relation R auf einer Menge A wird strenge Totalordnung auf A genannt,
wenn für alle a, b ∈ A genau eine der drei Aussagen

aRb oder bRa oder a =b (15.1)

gilt1 und sie außerdem transitiv ist. R wird irreflexiv auf A genannt, wenn
aRa für kein a ∈ A gilt.

Der Prototyp für strenge Totalordnungen ist die Relation < auf den uns bekannten
Zahlenmengen.

Die folgende Aussage ist es eigentlich gar nicht wert, in ein eigenes Lemma „ver-
packt“ zu werden, aber aus didaktischen Gründen und zum Einüben der Begriffe
habe ich es doch gemacht.

Lemma 15.1 Jede strenge Totalordnung auf einer Menge A ist irreflexiv auf A.

Beweis. Ist R eine Relation auf A, die nicht irreflexiv ist, dann gibt es ein a ∈ A
mit aRa. Aber natürlich gilt auch a = a und damit gelten zwei der drei Aussagen
aus (15.1). R ist somit keine Totalordnung auf A. ■

Aufgabe 15.6. Fällt Ihnen eine Relation ein, die für jede Menge A transitiv und irrefle-
xiv auf P (A) ist? (Tipp: Schauen Sie sich noch einmal Aufgabe 15.2 an.)

Aufgabe 15.7. Analog zu Aufgabe 15.5 sei davor gewarnt, dass Irreflexivität nicht das
Gegenteil von Reflexivität ist. Wie Sie sich schon gedacht haben, sollen Sie eine Relati-
on (auf einer möglichst kleinen Menge) angeben, die weder reflexiv noch irreflexiv
auf dieser Menge ist.

Trichotomie 1 Diese Eigenschaft nennt man auch Trichotomie.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


15. Ordnungsrelationen und geordnete Körper 153

⋆Aufgabe 15.8. Eine Relation R auf einer Menge A heißt asymmetrisch auf A, wenn aus asymmetrisch
aRb immer ¬bRa folgt. Beweisen Sie, dass so eine Relation sowohl irreflexiv als auch
antisymmetrisch auf A ist. Ist jede Relation, die nicht symmetrisch ist, asymmetrisch?

Einige der bisher definierten Begriffe hängen eng zusammen. In gewissem Sinne
sind sie sogar austauschbar:

Sei A eine Menge. Lemma 15.2


(i) Ist R eine lineare Ordnung auf A, dann wird durch

S = { (a, b) ∈ A 2 : aRb ∧ a ̸= b } = R \ id A

eine strenge Totalordnung auf A definiert.


(ii) Ist S eine strenge Totalordnung auf A, dann wird durch

R = { (a, b) ∈ A 2 : aSb ∨ a = b } = S ∪ id A

eine lineare Ordnung auf A definiert.

Beweis. Wir beginnen mit dem ersten Teil und setzen voraus, dass R eine lineare
Ordnung auf A ist.
– Transitivität von S: Es gelte aSb und bSc. Wir müssen aSc zeigen, also aRc
und a ̸= c. Nach Definition von S gilt aRb und bRc und damit aRc, weil R
transitiv ist. Würde a = c gelten, dann hätten wir cRa wegen der Reflexivität
von R und somit auch bRa wegen der Transitivität von R und schließlich
a = b wegen der Antisymmetrie von R. Das widerspricht jedoch aSb.
– Trichotomie von S: Seien a und b Elemente von A. Gilt a = b, dann ist aSb
und bS A nach Definition von S nicht möglich. Es gelte also nun a ̸= b. Wir
müssen zeigen, dass aSb oder bSa, aber nicht beides gilt. Das ist aber klar,
weil wegen der Totalität von R mindestens eine der Aussagen aRb oder bRa
gilt und da wegen a ̸= b und der Antisymmetrie von R nicht beide gelten
können.

Nun der zweite Teil, S sei eine strenge Totalordnung auf A.


– Reflexivität von R: Die ist in die Definition von R „eingebaut“.
– Transitivität von R: Es gelte aRb und bRc. Wir müssen aRc zeigen, also aSc
oder a = c. Gilt a = b oder b = c, dann gilt aRc trivialerweise. Wir können
also a ̸= b und b ̸= c annehmen, was aSb und bSc nach Definition von R
liefert. Mit der Transitivität von S folgt aSc.
– Antisymmetrie von R: Es gelte aRb und bRa. Würde a ̸= b gelten, dann
würde aSb und bSa aus der Definition von R folgen, was der Trichotomie
widerspricht.
– Totalität von R: Seien a und b Elemente von A. Gilt a = b, so folgt aRb
wegen der bereits bewiesenen Reflexivität von R. Gilt a ̸= b, so folgt aus der
Trichotomie von S, dass eine der Aussagen aSb oder bSa gelten muss, und
das bedeutet aRb oder bRa nach Definition von R. ■

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


154 Die reellen und die komplexen Zahlen

Konvention Für abstrakte Halbordnungen verwendet man häufig suggestive Symbole wie ⪯
statt Buchstaben und analog Zeichen wie ≺ für irreflexive und transitive Re-
lationen. Insbesondere soll mit ≺ die strenge Totalordnung aus dem ersten
Teil von Lemma 15.2 gemeint sein, wenn ⪯ eine lineare Ordnung ist. Und
umgekehrt soll ⪯ die lineare Ordnung aus dem zweiten Teil dieses Lemma
sein, wenn ≺ eine strenge Totalordnung ist.
Zudem verwenden wir a ⪰ b und a ≻ b als Abkürzungen für b ⪯ a bzw. b ≺ a.

In manchen Büchern nimmt man es mit den Begriffen nicht so genau und nennt
beispielsweise auch ≺ eine lineare Ordnung, wenn ⪯ eine ist. Das ist aber nicht so
schlimm, weil diese beiden Relationen nach Lemma 15.2 ja sozusagen immer im
Tandem auftreten.

Ist A aus Aufgabe 15.2 zum Beispiel die Menge [3], dann kann man die Relation
Hasse-Diagramm folgendermaßen als sogenanntes Hasse-Diagramm visualisieren:

{1} {1, 2}

; {2} {1, 3} [3]

{3} {2, 3}

Die Pfeile sind dabei wie in den Grafiken in Abschnitt 5 (z. B. Seite 63) gemeint, wo-
bei wie dort wegen der Reflexivität und der Transitivität diverse Pfeile weggelassen
werden. Man sieht unter anderem, dass {1} und {2} nicht in Relation zueinander
stehen.

Aufgabe 15.9. Sei A = { n ∈ N : n | 12 } und T = { (m, n) ∈ A 2 : m | n }. Zeichnen Sie ein


Hasse-Diagramm für diese Halbordnung.

Ich zeige das hauptsächlich deshalb, um klarzumachen, woher das Adjektiv linear
für lineare Ordnungen kommt. Wegen der geforderten Totalität ergibt sich bei
solchen Ordnungen als Hasse-Diagramm immer eine durchgehende Linie. Die
Totalordnung id[4] ∪ {(1, 2), (1, 3), (1, 4), (2, 3), (2, 4), (3, 4)} auf [4] sieht beispielsweise
so aus:

1 2 3 4

Uns interessieren Ordnungsrelationen in Zukunft hauptsächlich im Zusammen-


hang mit algebraischen Operationen.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


15. Ordnungsrelationen und geordnete Körper 155

Ein Körper (K , +, ·) wird geordneter oder angeordneter Körper genannt, wenn Definition
es eine lineare Ordnung ⪯ auf K gibt, die sich im folgenden Sinne mit den
Rechenoperation „verträgt“:2
– GK1: ∀a, b, c ∈ K (a ⪯ b ⇒ a + c ⪯ b + c)
– GK2: ∀a, b ∈ K (0 ⪯ a ∧ 0 ⪯ b ⇒ 0 ⪯ ab)
In so einem Körper nennt man Elemente a mit 0 ≺ a positiv und Elemente b
mit b ≺ 0 negativ.

Auch hier gibt es natürlich einen naheliegenden Prototypen: den Körper Q der
rationalen Zahlen mit der üblichen Relation ≤. So ziemlich alle Rechengesetze,
die Sie aus der der Schule für < und ≤ kennen, gelten in jedem geordneten Körper
und das folgt schon aus den beiden simplen Eigenschaften GK1 und GK2 in der
Definition. Im folgenden Lemma habe ich einige wichtige aufgezählt.

In jedem geordneten Körper K gelten die folgenden Aussagen für alle Elemente Lemma 15.3
a, b, c von K :
(i) a ≺ b ⇒ a + c ≺ b + c
(ii) 0 ≺ a ∧ 0 ≺ b ⇒ 0 ≺ ab
(iii) 0 ≺ a ⇔ −a ≺ 0
(iv) 0 ⪯ a ∧ 0 ⪯ b ⇒ 0 ⪯ a + b
(v) 0 ⪯ a 2
(vi) 0 ≺ 1
(vii) a ≺ b ⇔ 0 ≺ b − a
(viii) a ≺ b ∧ 0 ≺ c ⇒ ac ≺ bc
(ix) a ≺ b ∧ c ≺ 0 ⇒ bc ≺ ac
(x) 1 ≺ a ∧ 0 ≺ b ⇒ b ≺ ab
(xi) a ≺ 1 ∧ 0 ≺ b ⇒ ab ≺ b
(xii) 0 ≺ ab ⇔ (0 ≺ a ∧ 0 ≺ b) ∨ (a ≺ 0 ∧ b ≺ 0)
(xiii) 0 ≺ a ⇒ 0 ≺ 1/a
(xiv) 1 ≺ a ⇒ 0 ≺ 1/a ≺ 1
(xv) 0 ≺ a ≺ b ⇒ 0 ≺ 1/b ≺ 1/a

Beweis. Ich picke mir einige Punkte heraus und überlasse Ihnen den Rest als
Übung – siehe Aufgabe 15.10.
(iii) Das folgt aus (i), indem man auf beiden Seiten −a bzw. a addiert.
(iv) O. B. d. A. (wegen der Totalität) gelte a ⪯ b. Aus 0 ⪯ a folgt b = 0 + b ⪯ a + b
mit GK1 und wegen der Transitivität von ⪯ haben wir 0 ⪯ a ⪯ b ⪯ a + b.

2Wenn man es ganz genau nimmt, dann muss man das Tupel (K , +, ·, ⪯) als den angeordneten

Körper bezeichnen. Auf solche Feinheiten verzichten wir jedoch. Es wird jeweils aus dem Kontext
hervorgehen, welche Relation und welche Verknüpfungen gemeint sind.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


156 Die reellen und die komplexen Zahlen

(v) Für 0 ⪯ a ist das eine direkte Folgerung aus GK2 (mit b = a). Gilt hingegen
a ≺ 0, so wissen wir nach (iii), dass daraus 0 ≺ −a folgt. Die Aussage folgt
dann, weil a 2 = (−a)2 nach Lemma 10.2 in jedem Ring gilt. ■

⋆Aufgabe 15.10. Ergänzen Sie die fehlenden Beweise in Lemma 15.3. Beweisen Sie
dabei die Aussagen in der angegebenen Reihenfolge, die absichtlich so gewählt wurde.
Was bereits bewiesen ist, dürfen Sie für die folgenden Beweise natürlich verwenden.

Satz 15.4 Jeder angeordnete Körper enthält eine isomorphe3 Kopie von Q. Insbesondere
hat jeder angeordnete Körper unendlich viele Elemente.

Beweis. Wir wissen bereits, dass 0 ≺ 1 gelten muss. Durch sukzessive Addition von 1
folgt daraus 1 ≺ 1 + 1, 1 + 1 ≺ 1 + 1 + 1 und so weiter. Die Körperelemente 0, 1, 1 + 1,
1+1+1 et cetera sind also also verschieden und aus den Rechengesetzen für Körper
folgt, dass sie sich so wie die natürlichen Zahlen verhalten. Es ist daher legitim, sie
als „Kopien“ der natürlichen Zahlen 0, 1, 2, 3 und so weiter zu betrachten. Nimmt
man die additiv Inversen hinzu, so findet man auf diese Art auch alle ganzen
Zahlen wieder. Und bildet man dann Kehrwerte und multipliziert, so kommt man
zu „Kopien“ der Brüche.

Das war nur eine Beweisskizze, aber das soll reichen. Entscheidend ist dies: Ist K
ein angeordneter Körper, dann ist Q natürlich im Allgemeinen keine Teilmenge
von K , aber K hat einen Teilkörper, der sich bezüglich der Rechenoperationen und
Relationen von K genauso verhält wie Q. ■

Wir haben damit sofort einen großen „Vorrat“ an Körpern, die garantiert keine
geordneten Körper sein können:

Korollar 15.5 Endliche Körper können nicht angeordnet werden. Das gilt insbesondere für
Körper der Form Zp wie in Abschnitt 13.

Da solche Körper endlich sind, gibt es nichts mehr zu beweisen. Aber es sei noch
einmal darauf hingewiesen, woran es scheitert: Im Körper Z2 gilt 1 + 1 = 0, in Z3
gilt 1 + 1 + 1 = 0 und so weiter. In einem angeordneten Körper darf so etwas nicht
passieren. Das heißt aber auch, dass Sie nicht der Versuchung erliegen dürfen, so
etwas wie „1 ist kleiner als 2“ zu denken, wenn Sie in einem Körper der Form Zp
arbeiten!

3 Machen Sie sich nicht zu viele Gedanken über den Begriff der Isomorphie. Wenn Ihnen die Aus-

sage des Satzes durch den Beweis intuitiv klar wird, dann reicht das. Siehe dazu auch die Anmerkung
auf Seite 122 direkt vor dem Resümee.
Zur Formulierung „enthält“ siehe die Fußnote 31 auf Seite 28. Hier ist natürlich gemeint, dass die
Kopie eine Teilmenge des Körpers ist.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


15. Ordnungsrelationen und geordnete Körper 157

Aufgabe 15.11. Auf dem mathematischen Niveau, auf dem wir uns hier bewegen, ist
es schwer, Beispiele für angeordnete Körper außer Q und R zu finden. Aber einen
sollen Sie zumindest einmal gesehen haben. Wenn man die Menge
p p p
Q( 2) = { a + b 2 : a, b ∈ Q }, Q( 2)

die eine echte Teilmenge von R und eine echte Obermenge von Q ist, mit den üblichen
Bedeutungen von +, · und ≤ betrachtet, dann erhält man einen angeordneten Körper.
Wenn Sie es sich zutrauen, dann versuchen Sie, das zu beweisen (wobei Sie natürlich
voraussetzen dürfen, dass Sie „wissen“, dass R ein angeordneter Körper ist). Wenn Sie
es sich nicht zutrauen, dann lesen Sie sich vielleicht wenigstens die Lösung durch.

Ein wichtiges Zwischenziel dieses Kapitels wird eine eindeutige Charakterisierung


der reellen Zahlen sein. Wie wir gesehen haben, bilden sie einen angeordneten
Körper, aber nicht den einzigen. Wir brauche noch eine weitere Eigenschaft und
dafür noch ein paar Begriffe.

Sei ⪯ eine Halbordnung auf einer Menge A und B ⊆ A. Ein Element m von B Definition
heißt Maximum bzw. größtes Element von B , wenn b ⪯ m für alle b ∈ B gilt.
Analog werden Minimum und kleinstes Element definiert.

Beachten Sie, dass diese Definition natürlich nicht der von Seite 125 widerspricht.
Das wäre ja sonst auch ziemlich dumm. Und wir übernehmen auch die Schreib-
weise min B bzw. max B aus Abschnitt 11. Mit der üblichen Ordnung ≤ haben wir min B max B
also beispielsweise 1 = min N+ oder 42 = max{−17, 23, 42}.

Aufgabe 15.12. Wir betrachten Q mit der üblichen Halbordnung ≤. Geben Sie eine
Menge von rationalen Zahlen an, die kein Minimum hat.

Aufgabe 15.13. Sei A = [4] und ⊆ die Halbordnung auf B = P (A), die wir aus Aufga-
be 15.2 kennen. Geben Sie eine Teilmenge von B an, die kein Maximum hat.

Aufgabe 15.14. Begründen Sie, dass eine Menge nicht zwei verschiedene Maxima
(bzw. Minima) haben kann. (Darum spricht man auch von dem Maximum und nicht
von einem.)

Maxima und Minima müssen Elemente der jeweiligen Menge sein. Für die nun
definierten Schranken gilt das nicht.

Sei ⪯ eine Halbordnung auf einer Menge A und M ⊆ A. Ein Element a ∈ A Definition
heißt obere Schranke von M , wenn m ⪯ a für alle m ∈ M gilt. Gibt es eine
obere Schranke, dann nennt man M nach oben beschränkt. Analog werden
die Begriffe untere Schranke und nach unten beschränkt definiert. Eine
Menge, die nach oben und unten beschränkt ist, wird beschränkt genannt.

Mit der üblichen Relation ≤ ist beispielsweise 12 eine obere Schranke von {1, 2, 3}
aber 3 ist auch eine. 0 ist eine untere Schranke der Menge { 1/n : n ∈ N+ }. Beide
Mengen sind beschränkt. N ist nach unten, aber nicht nach oben beschränkt und

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158 Die reellen und die komplexen Zahlen

daher auch nicht beschränkt. Hat eine Menge ein Maximum bzw. ein Minimum,
so ist dieses natürlich eine obere bzw. untere Schranke der Menge.

Aufgabe 15.15. Wir betrachten die Halbordnung ⊆ auf der Menge A = P (N) \ {N}.
Seien B 1 , B 2 und B 3 drei endliche Teilmengen von N. Geben Sie eine obere Schranke
von {B 1 , B 2 , B 3 } an. Geben Sie eine nach oben unbeschränkte Teilmenge von A an.

Definition Sei ⪯ eine Halbordnung auf einer Menge A und M ⊆ A. Ist M nach oben
beschränkt und hat die Menge der oberen Schranken ein Minimum, dann
bezeichnet man dieses als Supremum von M und schreibt dafür sup M . Ana-
log wird das Maximum der unteren Schranken (wenn es existiert) einer nach
unten beschränkten M das Infimum von M genannt und inf M geschrieben.

Mit anderen Worten: Das Supremum ist die kleinste obere Schranke, das Infimum
ist die größte untere Schranke.

Aufgabe 15.16. Geben Sie für die Mengen { x ∈ Q : x < 2 } und { x ∈ Q : x ≤ 2 } jeweils
das Supremum an.

Aufgabe 15.17. Gegeben sei die folgende, durch ein Hasse-Diagramm dargestellte
Relation ⪯ auf [5]:

3 5

2 4

Geben Sie eine Teilmenge von [5] an, die nach oben beschränkt ist, aber kein Supre-
mum hat.

Lemma 15.6 Ist ⪯ eine Halbordnung auf A und m das Maximum von A, dann ist m das
Supremum von A. Ist umgekehrt das Supremum von A ein Element von A,
dann handelt es sich um das Maximum.4

Beweis. Dass m eine obere Schranke von A ist, hatten wir uns bereits überlegt. Ist
m ′ ebenfalls eine obere Schranke von A, dann gilt insbesondere m ⪯ m ′ , weil m ein
Element von A ist. Und das war schon der erste Teil. Ist umgekehrt s das Supremum
von A (oder sogar irgendeine obere Schranke) und gleichzeitig ein Element von A,
dann erfüllt s offenbar die Eigenschaften, die das Maximum erfüllen muss. ■

⋆ Ordnungsrelationen im Computer
Aufbauend auf dem Code von den Seiten 45 und 70 kann man auch Antisymmetrie,
Totalität und Irreflexivität implementieren.

4 Natürlich gilt das alles auch, wenn man stattdessen Infima und Minima betrachtet.

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16. Die reellen Zahlen 159

antisymm = lambda R,A: R&inv(R) <= identity(A)


total = lambda R,A: product(A,A) <= R|inv(R)
irr = lambda R,A: identity(A)&R == set()

P YTHON bietet außerdem die Funktionen max und min zum effizienten Ermit-
teln von Maxima und Minima von z. B. Listen und Mengen und ganz allgemein
Iteratoren.

S = set([-17,23,42])
min(S)
max(-x**2+5*x-3 for x in range(-10,11))

Da man in P YTHON Operatoren wie <= überladen kann, kann man sich mit eigenen
Klassen natürlich auch eigene Interpretationen dieser Relationen bauen.

16. Die reellen Zahlen


Die „Lebensberechtigung“ für die reellen Zahlen ist, dass den rationalen Zahlen
etwas „fehlt“. Betrachtet man nur den angeordneten Körper der rationalen Zahlen,
dann ist beispielsweise die Menge C = { q ∈ Q : q 2 < 2 } nach oben beschränkt,
hat aber kein Supremum. (Siehe dazu Aufgabe 16.2.) Wenn man sich diese linear
geordnete Menge als Punkte auf einer Geraden vorstellt, dann gibt es Lücken.5 Wie
müsste ein Körper aussehen, der solche Lücken nicht aufweist?

Ein angeordneter Körper K heißt vollständig angeordnet, wenn jede nichtlee- Definition
re, nach oben beschränkte Teilmenge von K ein Supremum hat.

Die Menge der reellen Zahlen hat diese Eigenschaft:

Der Körper R der reellen Zahlen ist vollständig angeordnet. Bis auf Isomorphie Satz 16.1
ist es der einzige dieser Art.

Uns fehlen die mathematischen Hilfsmittel, um diesen Satz zu beweisen,6 und es


würde davon abgesehen auch zu viel Zeit kosten. (Wenn Sie einen Eindruck davon
bekommen wollen, wie man vorgeht, dann schauen Sie sich das Video "Dedekind-
sche Schnitte" an.) Aber es ist wichtig, sich über diese grundlegende Eigenschaft
der reellen Zahlen im Klaren zu sein. Die gesamte Analysis basiert darauf und es
ist keine große Übertreibung, wenn man sagt, dass die Mathematikerzunft zwei
5 Allerdings ist es schwierig, das mit unseren Alltagsvorstellungen in Übereinstimmung zu bringen,

denn zwischen je zwei rationalen Zahlen a und b liegt immer noch eine weitere rationale Zahl,
nämlich ihr Mittelwert (a +b)/2, und daher liegen zwischen ihnen unendlich viele Zahlen. (Zwischen
dem Mittelwert und a bzw. b liegt wieder eine Zahl und immer so weiter.) Wo sollen da denn „Lücken“
sein? Aber es gibt sie offenbar . . .
6 Auch in Uni-Vorlesungen für Studierende der Mathematik wird der Satz in den Einführungsvor-

lesungen oft nicht bewiesen, sondern als Axiom an den Anfang gestellt. Auf die Hintergründe geht
man dann ggf. später in Spezialvorlesungen ein.

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160 Die reellen und die komplexen Zahlen

Jahrhunderte lang um saubere Begriffe gerungen hat, bis man an diesem Punkt
angelangt war.

Aufgabe 16.1. Begründen Sie, dass in R jede nichtleere, nach unten beschränkte Men-
ge ein Infimum hat.

⋆Aufgabe 16.2. Begründen Sie, dass C = { q ∈ Q : q 2 < 2 } in Q kein Supremum hat,


ohne die Vollständigkeit der reellen
p Zahlen zu verwenden. Es gibt also nur Brüche und
insbesondere gibt es die „Zahl“ 2 nicht. (Hinweis: Wissen Sie, wie "babylonisches
Wurzelziehen" funktioniert?)

Nach Satz 15.4 muss R eine Kopie von Q enthalten. Wir ignorieren die technischen
Feinheiten und betrachten Q als Teilmenge von R, wie wir es schon die ganze Zeit
gemacht haben. Jede rationale Zahl ist also eine reelle Zahl. Damit haben wir jetzt
„offiziell“ den Stand erreicht, mit dem wir inoffiziell schon seit der Tabelle auf
Seite 27 arbeiten und den ich hier noch einmal wiederhole:7

P⊂N⊂Z⊂Q⊂R (16.1)

Die reellen Zahlen, die nicht rational sind, also die Elemente von R \ Q, nennt man
irrational irrational. Die Menge C vom Anfang des Abschnitts hat im Reellen ein Supremum.
p
Es handelt sich um die Zahl, die man gewöhnlich als 2 bezeichnet.8 Dass Wurzeln
wie diese irrational sind, weiß man bereits seit weit über zweitausend Jahren.
Beweise für die Irrationalität anderer Zahlen ergaben sich erst in der Neuzeit.

Die mathematisch idealisierte Vorstellung von R ist also, dass diese Menge die
Menge der Punkte der (lückenlosen) Zahlengeraden ist.
p
−4 −3 −2 −1 0 1 2 2 3 4 5

Lemma 16.2 Archimedisches Axiom


Zu beliebigen positiven reellen Zahlen x und y gibt es immer eine natürliche
Zahl n mit nx > y.

Beweis. Wir führen einen Widerspruchsbeweis und nehmen an, dass es Zahlen
x, y > 0 mit der Eigenschaft gibt, dass nx ≤ y für alle n ∈ N gilt.9 Dann ist y eine
obere Schranke für die Menge X = { nx : n ∈ N }. Wegen der Vollständigkeit von R
muss X ein Supremum s haben. Der „Witz“ ist nun, dass auch s − x eine obere
Schranke von X ist: Ist nx irgendein Element von X , dann gilt (n + 1)x ≤ s und
damit nx ≤ s − x. Aber s − x ist kleiner als s und das ist ein Widerspruch dazu, dass
s die kleinste obere Schranke von X ist. ■
7 Erinnern Sie sich an Aufgaben wie 2.4 und 2.5.
8 Dass das Quadrat dieser Zahl tatsächlich 2 ist, werden wir allerdings erst später richtig beweisen

können.
9Wir benutzen ab jetzt die ordnungstheoretischen Eigenschaften aus dem letzten Abschnitt, ohne

darauf jeweils im Einzelnen einzugehen. Eben wurde z. B. verwendet, dass wegen der Trichotomie
nx < y oder nx = y gelten muss, wenn nx > y nicht gilt.

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16. Die reellen Zahlen 161

Dass man hier von einem Axiom spricht, obwohl man die Aussage beweisen kann,
hat historische Gründe. Die Aussage des Satzes verdeutlicht man sich am bes-
ten, wenn man sich x als eine sehr kurze Strecke (vielleicht wenige Millimeter)
vorstellt und y als sehr lang (vielleicht Lichtjahre). Trotzdem kann man die Län-
ge y übertreffen, wenn man nur genügend viele Stücke (nämlich n) der Länge x
aneinanderlegt.

Nebenbei folgt aus diesem Lemma auch, dass N nach oben unbeschränkt ist: Mit
x = 1 zeigt man, dass keine reelle Zahl y eine obere Schranke von N sein kann.

Häufig werden wir das archimedische Axiom in der folgenden Form verwenden:

Zu jeder positiven reellen Zahl x gibt es ein n ∈ N+ mit 1/n < x. Korollar 16.3

Beweis. Nach Lemma 16.2 (mit x = 1 und y = 1/x) gibt es ein n ∈ N mit n · 1 > 1/x.
Mit den Rechenregeln für angeordnete Körper ergibt sich 1/n < x. ■

Jede nichtleere, nach oben beschränkte Menge von ganzen Zahlen hat ein Lemma 16.4
Maximum.

Beweis. Sei M so eine Menge. Weil R vollständig ist, hat sie ein Supremum s. s − 1
ist dann keine obere Schranke von M , weil s − 1 kleiner als s ist. Also gibt es ein
m ∈ M mit s − 1 < m. Addiert man auf beiden Seiten 1, so folgt s < m + 1 und damit
kann (die ganze Zahl) m + 1 kein Element von M sein. Das gilt „erst recht“ für alle
noch größeren ganzen Zahlen. Also ist m die größte Zahl in M und es gilt s = m. ■

Damit können wir nun eine Operation begründen, die wir schon verwendet haben,
nämlich das Runden auf ganze Zahlen.

Zu jeder reellen Zahl x gibt es eine größte ganze Zahl z 1 mit z 1 ≤ x und eine Korollar 16.5
kleinste ganze Zahl z 2 mit x ≤ z 2 .

Beweis. Nach dem archimedischen Axiom gibt es eine natürliche Zahl n, für die
n > −x bzw. −n < x gilt.10 Die Menge { z ∈ Z : z ≤ x } ist also nicht leer und nach
oben beschränkt. Nach Lemma 16.4 hat sie ein größtes Element. Die andere Hälfte
beweist man analog. ■

Für die eindeutig bestimmten Zahlen aus Korollar 16.5 schreibt man ⌊x⌋ bzw. Definition
⌈x⌉. Das sind die sogenannten unteren und oberen Gaußklammern.

Beispielsweise gilt ⌊7/2⌋ = 3 = ⌈27/10⌉ und ⌊−7/2⌋ = −4 = ⌈−47/10⌉. Man beachte


das Verhalten bei negativen Zahlen!

10 Das archimedische Axiom braucht man nur, wenn x negativ ist. Ansonsten kann man einfach

n = 1 wählen.

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162 Die reellen und die komplexen Zahlen

Aufgabe 16.3. Begründen Sie mit Gegenbeispielen, dass die beiden folgenden „Re-
chenregeln“ falsch sind: ⌊x + y⌋ = ⌊x⌋ + ⌊y⌋ und ⌊x y⌋ = ⌊x⌋ · ⌊y⌋. (Und wie ist das mit
den oberen Gaußklammern?)

Wir definieren noch eine wichtige (und aus der Schule bekannte) Funktion durch
Fallunterscheidung und beweisen einige ihrer Eigenschaften.

Definition Der Absolutbetrag bzw. Betrag ist die Funktion von R nach R, die jede reelle
Zahl x auf den folgenden Wert abbildet:
(
x x ≥0
|x| =
−x x <0

Für später ist der folgende Zusammenhang besonders wichtig:

Lemma 16.6 Für alle x, ε ∈ R mit ε > 0 gilt |x| < ε genau dann, wenn −ε < x < ε gilt.

⋆Aufgabe 16.4. Wahrscheinlich (bzw. hoffentlich) ist Ihnen klar, dass Lemma 16.6 gilt.
Aber versuchen Sie ruhig einmal, einen präzisen Beweis dafür aufzuschreiben.

⋆Aufgabe 16.5. Beweisen Sie, dass −|x| ≤ x ≤ |x| für alle x ∈ R gilt.

Lemma 16.7 Für alle x, y ∈ R gilt:


(i) |x| ≥ 0
(ii) |x| = 0 ⇔ x = 0
(iii) |x y| = |x| · |y| (Multiplikativität)
(iv) |x + y| ≤ |x| + |y| (Dreiecksungleichung)

Beweis. Die ersten beiden Punkte sollten wohl offensichtlich sein. Der dritte Punkt
folgt mit einer Fallunterscheidung aus den Rechenregeln für angeordnete Körper.
Nach Aufgabe 16.5 gilt schließlich −|a| ≤ a ≤ |a| und −|b| ≤ b ≤ |b|. Addiert man
diese beiden Ungleichungen, dann erhält man −(|a|+|b|) ≤ a +b ≤ |a|+|b|. Daraus
folgt die Dreiecksungleichung nach Lemma 16.6. ■

Aufgabe 16.6. Begründen Sie mit einem Gegenbeispiel, dass man in der Dreiecksun-
gleichung ≤ nicht durch = ersetzen kann.

Die folgenden Aussagen hätte man im Prinzip auch gleich zum letzten Lemma
hinzufügen können. Aus Gründen, die später noch klar werden, führen wir sie
jedoch explizit als Folgerungen aus diesem Lemma auf.

Korollar 16.8 Für alle x, y ∈ R gilt:


(i) |x/y| = |x|/|y| für y ̸= 0

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16. Die reellen Zahlen 163

(ii) |x − y| ≤ |x| + |y|


(iii) ||x| − |y|| ≤ |x ± y|

Beweis. Aus der Multiplikativität folgt |y| · |x/y| = |x| und durch Multiplikation mit
|x/y| folgt der erste Punkt. Der zweite Punkt folgt aus der Dreiecksungleichung,
wenn man y durch −y ersetzt, weil natürlich | − y| = |y| gilt.

Für den dritten Punkt liefert die Dreiecksungleichung zunächst

|x| = |(x − y) + y| ≤ |x − y| + |y|

und damit |x| − |y| ≤ |x − y|. Vertauscht man die Rollen von x und y, so erhält man
−(|x| − |y|) = |y| − |x| ≤ |y − x| = |x − y|. Beides zusammen liefert ||x| − |y|| ≤ |x − y|.
Ersetzt man y durch −y, so erhält man analog ||x| − |y|| ≤ |x + y|. ■

Manchmal ist auch die folgende Funktion ganz hilfreich.

Die Vorzeichen- oder Signumfunktion wird für alle x ∈ R definiert durch11 Definition

1

 x >0
sgn(x) = 0 x =0.


−1 x < 0

Aus der Definition der beiden Funktionen durch Fallunterscheidung folgt sofort
ein Zusammenhang zwischen Betrags- und Signumfunktion:

Für alle x ∈ R gilt x = sgn(x) · |x|. Lemma 16.9

Obwohl wir noch sehen werden, dass die rationalen Zahlen eine kleine Minderheit
innerhalb der Menge der reellen Zahlen bilden, sind sie in gewissem Sinne deren
Rückgrat, weil sie gleichsam „überall“ sind:

Q liegt dicht in R. Das bedeutet: Zu beliebigen reellen Zahlen r 1 und r 2 mit Satz 16.10
r 1 < r 2 gibt es eine12 rationale Zahl q mit r 1 < q < r 2 .

Beweis. Zu ε = r 2 − r 1 gibt es nach Lemma 16.3 ein n ∈ N+ mit 1/n < ε. Nach
Lemma 16.4 gibt es ein größtes a ∈ Z mit a ≤ nr 1 und ein kleinstes b ∈ Z mit
nr 2 ≤ b. Es folgt
a b b−a b a 1
≤ r1 < r2 ≤ und damit = − ≥ r2 − r1 > .
n n n n n n
11Wir hatten dasselbe Zeichen auch für das Signum einer Permutation verwendet. Es besteht

allerdings keine Gefahr von Verwechslungen, weil Permutationen und reelle Zahlen offensichtlich
unterschiedliche Dinge sind.
12 Sie sind inzwischen mit der mathematischen Sprechweise natürlich vertraut genug, dass Sie

diesen Satz nicht so interpretieren, dass zwischen r 1 und r 2 nur eine rationale Zahl liegt.

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164 Die reellen und die komplexen Zahlen

Also gibt es mindestens eine ganze Zahl c zwischen a und b. Die rationale Zahl c/n
liegt nach Konstruktion zwischen r 1 und r 2 . ■

Den Prozess kann man natürlich beliebig fortsetzen. Zwischen r 1 und q bzw. zwi-
schen q und r 2 muss nach dem Satz wieder eine rationale Zahl liegen und so
weiter . . .

Aufgabe 16.7. Begründen Sie: Ist q rational und r irrational, dann ist q + r irrational.
Außerdem ist qr irrational, wenn q ̸= 0 gilt.

Aufgabe 16.8. Geben Sie zwei irrationale Zahlen an, deren Summe und Produkt ratio-
nal sind.

Es gilt allerdings auch die „Umkehrung“ von Satz 16.10:

Lemma 16.11 Zwischen zwei verschiedenen rationalen Zahlen liegt immer eine irrationale
Zahl, d. h., zu q 1 , q 2 ∈ Q mit q 1 < q 2 existiert ein r ∈ R \ Q mit q 1 < r < q 2 .

Beweis. Sei n ∈ N+ beliebig. n 2 + 1 ist offensichtlich kein Quadrat einer natürlichen


Zahl. Völlig analog zu Aufgabe 16.2 kann man zeigen, dass das Supremum s der
Menge { q ∈ Q : q 2 < n 2 + 1 } irrational sein muss.13 Es gilt dann s 2 ≥ n 2 + 1 > n 2
und damit s > n. Da mit s auch 1/s irrational ist (weil Q ein Körper ist), haben wir
gerade gezeigt, dass wir zu n ∈ N+ eine irrationale Zahl r mit 0 < r < 1/n finden
können.

Sind nun q 1 und q 2 wie in der Formulierung des Lemmas gegeben, dann stellen wir
sie als Brüche mit gemeinsamen Nenner n ∈ N+ dar: q 1 = m 1 /n und q 2 = m 2 /n mit
q 2 − q 1 ≥ 1/n. Wir wählen eine irrationale Zahl r zwischen 0 und 1/n und erhalten
mit m 1 /n + r eine Zahl zwischen q 1 und q 2 , die nach Aufgabe 16.7 irrational ist. ■

Definition Eine Menge I von reellen Zahlen wird Intervall genannt, wenn für alle r 1 , r 2 ∈ I
und alle x ∈ R aus r 1 < x < r 2 immer x ∈ I folgt.

Ein Intervall ist also ein „lückenloses Stück der Zahlengeraden“. Die einfachsten
Intervalle sind die leere Menge und alle Singletons. (Siehe Aufgabe 16.9.) Diese
Mengen werden auch als unechte Intervalle bezeichnet, während man Intervalle
unechte/echte mit mehr als einem Element echt nennt. Die sind die eigentlich interessanten.
Intervalle

Lemma 16.12 Ist eine nichtleere Menge I von reellen Zahlen ein Intervall, dann erfüllt sie
eine der folgenden vier Bedingungen, die sich gegenseitig ausschließen:
(i) I ist beschränkt und { x ∈ R : inf I < x < sup I } ⊆ I
(ii) I ist nur nach unten beschränkt und { x ∈ R : inf I < x } ⊆ I
(iii) I ist nur nach oben beschränkt und { x ∈ R : x < sup I } ⊆ I

p
13 Es handelt sich um die Zahl n 2 + 1. In Aufgabe 16.2 ging es um den Spezialfall n = 1.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


16. Die reellen Zahlen 165

(iv) I = R
Insbesondere enthalten alle echten Intervalle unendlich viele Zahlen.

Beweis. Für den ersten Teil wählen wir uns eine Zahl x ∈ R mit inf I < x < sup I . Weil
x größer als das Infimum von I ist, ist x keine untere Schranke von I . Also muss
es ein r 1 ∈ I mit r 1 < x geben. Analog muss es wegen x < sup I ein r 2 ∈ I mit x < r 2
geben. Weil I ein Intervall ist, folgt x ∈ I .

Die Formulierung „nur nach unten beschränkt“ im zweiten Teil soll natürlich
bedeuten, dass I nach unten beschränkt und nach oben unbeschränkt ist. Gilt
inf I < x für eine beliebige reelle Zahl, dann findet man wie im ersten Teil ein r 1 ∈ I
mit r 1 < x. Außerdem kann nach Voraussetzung x keine obere Schranke von I sein.
Also gibt es ein r 2 ∈ I mit x < r 2 . Damit haben wir wieder dieselbe Situation wie
eben. Die anderen beiden Fälle beweist man analog.

Hat ein Intervall I mindestens zwei Elemente r 1 und r 2 , so liegen nach Definition
alle Zahlen zwischen r 1 und r 2 in I . Aus Satz 16.10 und Lemma 16.11 folgt dann,
dass I unendlich viele Zahlen enthalten muss. ■

Intervalle können also nur bestimmte Formen annehmen, für die wir eine Schreib-
weise einführen, die aus der Schule bekannt sein sollte.

Für a, b ∈ R definieren wir die folgenden Mengen: Definition

[a, b] = { x ∈ R : a ≤ x ≤ b } [a, b) = { x ∈ R : a ≤ x < b }


(a, b] = { x ∈ R : a < x ≤ b } (a, b) = { x ∈ R : a < x < b }
[a, ∞) = { x ∈ R : a ≤ x } (a, ∞) = { x ∈ R : a < x }
(−∞, b] = { x ∈ R : x ≤ b } (−∞, b) = { x ∈ R : x < b }
(−∞, ∞) = R

Dazu ein paar Anmerkungen:


(i) Es gibt in jedem Semester ein paar Studierende, die berichten, dass man in
der Schule [a, b[ statt [a, b) geschrieben habe. Wenn Sie das unbedingt so
schreiben wollen, dann machen Sie das. (Dann aber konsistent und nicht
mal so und mal so!) Ich persönlich finde solche „verdrehten“ Klammern
ausgesprochen häßlich und werde sie in diesem Skript nicht verwenden.
(ii) Das Zeichen ∞ in Ausdrücken wie [a, ∞) ist nur ein Symbol. ∞ ist keine
reelle Zahl! Daher würde auch so etwas wie „[a, ∞]“ keinen Sinn ergeben.14
(iii) Wir verwenden dieselbe Schreibweise (a, b) für Intervalle und für geordnete
Paare. Solche Überschneidungen werden sich nie ganz vermeiden lassen. In
der Praxis wird sich die Verwechslungsgefahr als sehr gering herausstellen

14 Es gibt verschiedene Möglichkeiten, unendliche Elemente zu R hinzuzufügen. Das werden wir in

diesem Rahmen jedoch nicht behandeln.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


166 Die reellen und die komplexen Zahlen

und zur Not kann man durch eine Formulierung wie „das Intervall (a, b)“
klarstellen, was gemeint ist.
R≥0 (iv) Wir werden manchmal auch Schreibweisen wie R≥0 für [0, ∞) oder R<0 für
(−∞, 0) verwenden. Die sollten hoffentlich suggestiv genug sein, um nicht
explizit definiert werden zu müssen.

Aufgabe 16.9. Wer noch nicht so viel Erfahrung mit der Denkweise der Mathematik
hat, wundert sich evtl. darüber, dass Mengen wie ; oder {42} Intervalle sind. Begrün-
den Sie diese Aussage, indem Sie die Definition in eine Formel der Prädikatenlogik
übersetzen und anhand derer nachweisen, dass sie auf unechte Intervalle zutrifft.

Aufgabe 16.10. Mit der oben definierten Intervallschreibweise sind wirklich alle Inter-
valle abgedeckt. Wie kann man mit dieser Notation unechte Intervalle aufschreiben?

Aufgabe 16.11. Wie viele Elemente hat die Menge [1, 5]?

Aufgabe 16.12. Machen Sie sich klar, dass aus der Definition folgt, dass der Durch-
schnitt von zwei Intervallen wieder ein Intervall ist. Geben Sie zur Übung [1/2, 5)∩(3, 7],
(1/2, 5] ∩ [3, 7), [1/2, ∞) ∩ (3, 7], [1/2, 3] ∩ [3, 7] und [1/2, 3) ∩ [3, 7] an.

Aufgabe 16.13. Geben Sie zwei Intervalle an, deren Vereinigung ein Intervall ist. Geben
Sie dann zwei Intervalle an, deren Vereinigung kein Intervall ist.

Aufgabe 16.14. Ist I 1 \ I 2 immer ein Intervall, wenn I 1 und I 2 Intervalle sind?

Aufgabe 16.15. Jeweils zwei der unten aufgeführten Mengen sind gleich. Finden Sie
die entsprechenden Paare.

A = (−2, 4] ∩ [−4, 2) B = {x ∈ R : x > 0∨ x < 2}


C = (−2, 2) ∩ Q D = {x ∈ R : x ≤ 0∧ x ≥ 2}
E = { x ∈ Q : x2 < 4 } F = { x ∈ R : |x| < 4 }
G = (−∞, 2] ∪ [−2, ∞) H = { x ∈ R : x2 < 4 }
I = (−∞, −2] ∩ [2, ∞) J = (−4, 4)

Aufgabe 16.16. Welche der folgenden Mengen sind echte Intervalle?

[40, 42] \ [40, 41) [40, 41] \ N [40, 42] \ [40, 42)
[40, 41] \ Q [40, 41] ∩ [41, 43] (40, 42) \ N

⋆ Betrag, Signumfunktion und Gaußklammern im Computer


Der Absolutbetrag heißt in P YTHON, wie in vielen Programmiersprachen, abs. Die
Signumfunktion gibt es in P YTHON nicht, aber man kann sie nach Lemma 16.9
leicht selbst bauen.

sgn = lambda x: 0.0 if x==0 else x/abs(x)

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


17. Die komplexen Zahlen 167

Diese Funktion gibt immer Fließkommazahlen zurück. Falls Sie lieber ganzzahlige
Ergebnisse haben möchten oder sich wegen der Division Gedanken ob der Effizienz
machen, können Sie es etwas kryptischer auch so programmieren:

sgn = lambda x: (x>0)-(x<0)

Die Gaußklammern erhält man folgendermaßen:

from math import floor, ceil


floor(-7/2), ceil(-47/10)

17. Die komplexen Zahlen


Komplexe Zahlen haben sich im 16. Jahrhundert gleichsam in die Mathematik
"eingeschlichen". Inzwischen sind sie aber ein unverzichtbarer Bestandteil nicht
nur der Mathematik, sondern auch der Naturwissenschaften und der Informatik.
So kann man z. B. die Programmierung von Quantencomputern ohne komplexe
Zahlen nicht verstehen.

In Aufgabe 10.8 haben wir gesehen, dass das direkte Produkt R × R kein Körper
ist. Es gibt jedoch eine andere Möglichkeit, auf dieser Menge einen Körper zu
definieren.

Auf der Menge R × R definieren wir die inneren Verknüpfungen + und · durch Definition

(a, b) + (c, d ) = (a + c, b + d ) und


(a, b) · (c, d ) = (ac − bd , ad + bc).

Wenn wir so rechnen, schreiben wir C statt R × R und bezeichnen die Elemente
von C als komplexe Zahlen.

Wir wissen bereits (Aufgabe 8.2), dass wir durch diese Definition eine abelsche
Gruppe (C, +) erhalten, deren neutrales Element (0, 0) ist. Wir werden nun sehen,
dass auch die Multiplikation alle Anforderungen für einen Körper erfüllt. Teilweise
ist das einfach Rechenarbeit.

Aufgabe 17.1. Überprüfen Sie durch Einsetzen in die Definition, dass die gerade defi-
nierte Multiplikation assoziativ, kommutativ und zudem distributiv über der Addition
ist und dass (1, 0) das neutrale Element der Multiplikation ist.

C ist ein Körper, der eine Kopie von R enthält. Satz 17.1

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


168 Die reellen und die komplexen Zahlen

Beweis. Der größte Teil der Arbeit wurde bereits in Aufgabe 17.1 erledigt. Es fehlt
noch der Kehrwert zu einer komplexen Zahl (a, b) ̸= (0, 0). Da wenden wir einen
ähnlichen Rechentrick an wie in der Lösung von Aufgabe 15.11:
³ a −b ´ ³ a · a − b · (−b) a · (−b) + b · a ´
(a, b) · , = , = (1, 0)
a2 + b2 a2 + b2 a2 + b2 a2 + b2
Was ist mit der Kopie von R? Dafür betrachten wir die komplexe Zahlen, deren
zweite Komponente verschwindet. Für die gilt nach den Rechenregeln in C:

(a, 0) + (b, 0) = (a + b, 0) und (a, 0) · (b, 0) = (a · b, 0).

Eine komplexe Zahl von der Form (a, 0) verhält sich beim Rechnen also exakt so
wie die reelle Zahl a. ■

Es bietet sich daher die folgende Konvention an:

Konvention Für komplexe Zahlen der Form (a, 0) schreiben wir einfach a und behandeln
sie wie reelle Zahlen.

In diesem Sinne ist R eine Teilmenge von C (d. h., reelle Zahlen sind komplexe
Zahlen) und wir können (16.1) folgendermaßen erweitern:

P ⊂ N ⊂ Z ⊂ Q ⊂ R ⊂ C.

Wir geben nun der komplexen Zahl (0, 1), die keine reelle Zahl ist, einen Namen,
i (imaginäre Einheit) nämlich i. Man nennt sie auch die imaginäre Einheit. Mit i und der obigen Konven-
tion ergeben sich zwei grundlegende Gleichungen:

a + b · i = (a, 0) + (b, 0) · (0, 1) = (a, b) für alle a, b ∈ R und


i2 = (0, 1) · (0, 1) = (−1, 0) = −1. (17.1)

Die Tupel (a, b) haben damit ihre Schuldigkeit getan und wir können komplexe
Zahlen in Zukunft so schreiben, wie man es üblicherweise macht.

Konvention Für komplexe Zahlen (a, b) schreiben wir ab jetzt a + b · i oder kürzer a + bi.

Definition Ist z die komplexe Zahl a + bi, so nennt man a den Realteil von z und b den
Imaginärteil. Man schreibt dafür Re(z) bzw. Im(z).15 Komplexe Zahlen der
Form bi werden rein imaginär genannt. Elemente von C \ R, also komplexe
Zahlen, die nicht reell sind, nennt man man echt komplex.

Bei reellen Zahl verschwindet also der Imaginärteil, bei rein imaginären der Realteil.
Echt komplexe Zahlen sind solche, bei denen der Imaginärteil nicht verschwindet.
15 In manchen Büchern auch ℜ(z) und ℑ(z) in Fraktur.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


17. Die komplexen Zahlen 169

Das Adjektiv imaginär stammt aus einer Zeit, zu der man den komplexen Zahlen
noch die Existenzberechtigung absprach und sie als „nur imaginiert“ ansah. Das
Adjektiv komplex – nicht zu verwechseln mit kompliziert – kommt daher, dass
diese Zahlen aus reellen und imaginären Zahlen zusammengesetzt sind. Nebenbei
haben wir hier zum ersten Mal gesehen, dass man für komplexe Zahlen die Varia-
blennamen z und w bevorzugt, während man für reelle eher x und y verwendet.
Das ist aber lediglich eine Konvention und keine feste Regel.

Weil wir es mit einem Körper zu tun haben und i sowie die reellen Zahlen Körper-
elemente sind, können wir wie gewohnt rechnen, dabei aber gemäß (17.1) immer
i2 durch −1 ersetzen. Hier ein Beispiel:16

(2 − 3i) · (4 + i) = 2 · 4 − 3i · 4 + 2i − 3i · i = 8 − 12i + 2i − 3 · (−1) = 11 − 10i

Aufgabe 17.2. Geben Sie Real- und Imaginärteil von z = 3 − 4i an.

Aufgabe 17.3. Wenn eben alles mit rechten Dingen zuging, dann müsste sich nach
der „alten“ Schreibweise (2, −3) · (4, 1) = (11, −10) ergeben. Vielleicht rechnen Sie das
vorsichtshalber noch einmal nach.

Addition, Subtraktion und Multiplikation von komplexen Zahlen sollten damit


klar sein. Für die Division kann man sich die Vorgehensweise aus dem Beweis von
Satz 17.1 wohl am besten so merken: Will man durch c +d i teilen, so erweitert man
mit c − d i. Im Nenner ergibt sich dann die reelle Zahl c 2 + d 2 . Zum Beispiel so:

4+i 4 + i 2 + 5i 3 + 22i 3 22
= · = = + i
2 − 5i 2 − 5i 2 + 5i 22 + 52 29 29

Aufgabe 17.4. Wenn die komplexen Zahlen neu für Sie sind, dann sollten Sie das
Rechnen mit ihnen auf jeden Fall üben. In Wolfram Alpha können Sie Ausdrücke wie
(4+i)/(2-5i) direkt eingeben und damit Ihre Ergebnisse überprüfen.

Bevor wir dazu kommen, wozu die komplexen Zahlen eigentlich gut sind, zunächst
eine schlechte Nachricht.

Die komplexen Zahlen lassen sich nicht anordnen. Lemma 17.2

Beweis. Aus Lemma 15.3 wissen wir über angeordnete Körper, dass 1 immer positiv
und −1 daher immer negativ ist. Und wir wissen, dass Quadrate nie negativ sind.
Aber nach (17.1) ist das Quadrat von i negativ. Das war’s schon. ■

Es ergibt also keinen Sinn, sich die komplexen Zahlen analog zu den reellen auf so
etwas wie einer „komplexen Zahlengeraden“ vorzustellen. So eine Anordnung wür-
de jedenfalls nicht zu den Rechenoperationen passen. Komplexe Zahlen können
16 Es ist hoffentlich klar, dass 2 − 3i eine Abkürzung für 2 + (−3)i ist, also für die Zahl, die gerade

eben noch (2, −3) hieß.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


170 Die reellen und die komplexen Zahlen

deswegen auch nicht „positiv“ oder „negativ“ sein.17 Es gibt jedoch eine geome-
trische Interpretation der komplexen Zahlen, die sehr hilfreich ist: Man trägt die
Zahlen a + bi als Punkte (a, b) in ein kartesisches Koordinatensystem ein.

3i

p 3 + 2i
2i
−π + 2i
i

−4 −3 −2 −1 1 2 3 4

−i
5
2 − 43 i
−2i

−3i

Die reelle Zahlengerade bildet die horizontale Achse und der Rest der Ebene ist mit
echt komplexen Zahlen bedeckt. Auf der vertikalen Achse liegen die rein imaginä-
gaußsche Zahlenebene ren Zahlen. Man nennt das die gaußsche Zahlenebene.

Das ist nicht nur eine hübsche Darstellung, sondern sie liefert auch sinnvolle
geometrische Gegenstücke zu den Rechenoperationen. Für die Addition zweier
komplexer Zahlen w und z stellt man sich beide als Pfeile vor, die von 0 (also vom
Ursprung des Koordinatensystems) auf diese Zahlen zeigen. Verschiebt man den
z-Pfeil so, dass sein Anfang auf der Spitze des w-Pfeils landet, so zeigt seine Spitze
auf w + z.18 Das kennen Sie aus der Schule vom Rechnen mit Vektoren bzw. vom
Kräfteparallelogramm.

w +z

w
i

Aufgabe 17.5. Wenn Sie die Lage einer komplexen Zahl z in der gaußschen Zahlen-
ebene kennen, wo liegt dann −z?

Aufgabe 17.6. Zeichnen Sie eine ähnliche Skizze wie oben für die Subtraktion zweier
komplexer Zahlen.

17 Das hat u. a. die Konsequenz, dass Sie, wenn Sie in einem Mathebuch so etwas wie x > 0 lesen,

sich sicher sein können, dass x nicht komplex ist.


18 Und mit vertauschten Rollen erhält man dasselbe Ergebnis, wodurch man gleich eine visuelle

Bestätigung der Kommutativität der Addition erhält.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


17. Die komplexen Zahlen 171

Wie gesagt sollten Ihnen die graphische Addition und Subtraktion komplexer
Zahlen (wenn auch nicht unter diesem Namen) vertraut sein. Aber wie kann man
sich die Multiplikation vorstellen? Dafür müssen wir noch ein wenig Vorarbeit
leisten, die wir ohnehin brauchen werden. Wie berechnet man den Abstand eines
Punktes (a, b) vom Ursprung? Genau, mit dem Satz des Pythagoras. Der Abstand
ist die Quadratwurzel von a 2 + b 2 . Dieser Zahl geben wir einen Namen.

Der Absolutbetrag bzw. Betrag ist die Funktion


p p C nach R, die jede kom-
von Definition
plexe Zahl z = a + bi auf den Wert |z| = a + b = Re(z)2 + Im(z)2 abbildet.
2 2

Man beachte, das z zwar irgendeine komplexe Zahl sein kann, a 2 + b 2 aber immer
eine nichtnegative reelle Zahl ist. Die Quadratwurzel ist also immer definiert und
ebenfalls eine nichtnegative reelle Zahl (wie es sich für einen Abstand gehört.)

Aufgabe 17.7. Berechnen Sie |i|.

Aufgabe 17.8. Sei z = a + bi. Vergleichen Sie |z| und | − z|.

Aufgabe 17.9. Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem komplexen Betrag und
dem auf Seite 162 definierten reellen Betrag?

Aufgabe 17.10. Sei w = a + bi und z = c + d i. Berechnen Sie |w z| und |w| · |z|. Was fällt
Ihnen auf?

Für alle w, z ∈ C gilt: Lemma 17.3


(i) |w| ≥ 0
(ii) |w| = 0 ⇔ w = 0
(iii) |w z| = |w| · |z| (Multiplikativität)
(iv) |w + z| ≤ |w| + |z| (Dreiecksungleichung)

Beweis. Die ersten beiden Punkte sollten wohl offensichtlich sein. Der dritte Punkt
wurde in Aufgabe 17.10 bewiesen. Der vierte Punkt erfordert etwas Rechnerei.
Für beliebige reelle Zahlen a, b, c und d gilt 0 ≤ (bc − ad )2 , weil Quadrate nie
negativ sind. Berechnet man das Quadrat mit der zweiten binomischen Formel
und subtrahiert dann einen der drei Summanden, so ergibt sich 2abcd ≤ b 2 c 2 +
a 2 d 2 . In der folgenden Kette von Ungleichungen folgt nun jeweils eine aus der
nächsten, indem entweder umgeformt oder auf beiden Seiten dasselbe addiert
p p
oder ausgenutzt wird, dass aus 0 ≤ x ≤ y immer x ≤ y folgt.

2abcd ≤ b 2 c 2 + a 2 d 2
a 2 c 2 + 2abcd + b 2 d 2 ≤ a 2 c 2 + b 2 c 2 + a 2 d 2 + b 2 d 2
(ac + bd )2 ≤ (a 2 + b 2 )(c 2 + d 2 )
p p p
2(ac + bd ) ≤ 2 (ac + bd )2 ≤ 2 a 2 + b 2 c 2 + d 2
p p
a 2 + 2ac + c 2 + b 2 + 2bd + d 2 ≤ a 2 + b 2 + 2 a 2 + b 2 c 2 + d 2 + c 2 + d 2

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


172 Die reellen und die komplexen Zahlen

³p p ´2
(a + c)2 + (b + d )2 ≤ a2 + b2 + c 2 + d 2
p p p
(a + c)2 + (b + d )2 ≤ a 2 + b 2 + c 2 + d 2

Setzt man nun w = a + bi und z = c + d i, so steht in der letzten Zeile die zu bewei-
sende Dreiecksungleichung. ■

Aufgabe 17.11. In Wolfram Alpha können Sie mit Eingaben wie |3+5i| Beträge von
komplexen Zahlen ausrechnen. Berechnen Sie |w| + |z| und |w + z| für w = 3 + i und
z = 1+2i, um sich zu überzeugen, dass man in der Dreiecksungleichung ≤ nicht durch
= ersetzen kann. (Siehe auch Aufgabe 16.6.) Zeichnen Sie eine Skizze, in der man w, z
und w + z sieht, und erklären Sie daran den Namen Dreiecksungleichung.

Blättern Sie zurück und Sie werden sehen, dass das gerade bewiesene Lemma 17.3
exakt dieselben Aussagen macht wie Lemma 16.7. Daher können wir auch diesel-
ben Dinge folgern wie in Korollar 16.8 und müssen das nicht mehr beweisen (denn
wir könnten den Originalbeweis wortwörtlich abschreiben).

Korollar 17.4 Für alle w, z ∈ C gilt:


(i) |w/z| = |w|/|z| für z ̸= 0
(ii) |w − z| ≤ |w| + |z|
(iii) ||w| − |z|| ≤ |w ± z|

Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass der „Pythagoras“-Term, der im Betrag unter
der Wurzel auftaucht, bei der Division bereits vorkam und wie wir dort auf ihn ge-
kommen sind. Das wollen wir noch aufschreiben, weil dahinter eine unscheinbare,
aber wichtige Funktion steht.

Definition Die zu z = a + bi konjugiert komplexe Zahl ist a − bi und wird z geschrieben.

Beim Konjugieren (man verwendet das Wort auch als Verb) wird also einfach das
Vorzeichen des Imaginärteils umgedreht. Einfacher geht’s kaum.

Aufgabe 17.12. Wenn Sie die Lage einer komplexen Zahl z in der gaußschen Zahlen-
ebene kennen, wo liegt dann z?

Aufgabe 17.13. Sei w = a + bi und z = c + d i. Berechnen Sie w + z und w + z. Was fällt


Ihnen auf? Und wie ist es mit w · z und w · z.

Aufgabe 17.14. Was kommt heraus, wenn man z + z bzw. z − z berechnet?

In Anbetracht dessen, was wir schon wissen, müssen wir die wichtigsten Eigen-
schaften der Konjugation nur noch zusammenfassen und nichts mehr beweisen.

Lemma 17.5 Für alle w, z ∈ C gilt:


p
(i) |z| = zz

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


17. Die komplexen Zahlen 173

(ii) w + z = w + z
(iii) w · z = w · z
(iv) z + z = 2 Re(z)
(v) z − z = 2i Im(z)

Nun kommen wir zur Multiplikation und schauen uns zunächst zwei besonders
einfache Fälle an, von denen der erste auch eine Entsprechung beim Rechnen mit
Vektoren hat. Multipliziert man nämlich eine komplexe Zahl z = a + bi mit einer
positiven reellen Zahl r , so erhält man r z = r a+r bi. Das entspricht offenbar einfach
einer Streckung (r > 1) bzw. Stauchung (r < 1) des entsprechenden Pfeils um diesen
Faktor. Bei Vektoren nennt man das skalare Multiplikation. Insbesondere hat r z
den Abstand |r z| = r · |z| von null, ist also r -mal so „lang“ wie z.19

3z

i z

Multipliziert man z = a + bi mit i, so ergibt sich iz = −b + ai. Die Komponenten des


zugehörigen Punktes in der gaußschen Zahlenebene werden also vertauscht und
bei der hinteren ändert sich zudem bei diesem Tausch das Vorzeichen. Geome-
trisch ist das eine Drehung um einen rechten Winkel (wobei sich der Abstand von
der Null nicht ändert, weil i den Betrag eins hat).

iz iw

z
i i

1 1

Jetzt schauen wir uns die Multiplikation einer beliebigen komplexen Zahl z mit
irgendeiner anderen komplexen Zahl w = a + bi an. (Der Einfachheit halber gehen
wir von positiven Zahlen a und b aus. Den Fall, dass a oder b oder beide negativ
sind, sollten Sie danach zur Kontrolle selbst skizzieren.) Wir zerlegen das Produkt
als w z = (a + bi)z = az + biz. Wir haben uns vorher überlegt:
(i) az entspricht einer Streckung von z um den Faktor a.
(ii) iz entspricht einer Drehung von z um einen rechten Winkel.
(iii) biz entspricht einer Streckung von iz um den Faktor b.
(iv) Die Resultate aus dem ersten und dritten Schritt werden addiert.
19 Ist r negativ, so ändert sich außerdem noch die Richtung und r z ist |r |-mal so „lang“ wie z.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


174 Die reellen und die komplexen Zahlen

Das sieht im Ergebnis so aus:

wz

az

w = a + bi w = a + bi

biz i z i z

1 1

Mit Schulkenntnissen aus der Elementargeometrie können wir nun die folgenden
Beobachtungen machen:
– Wir sehen zwei rechtwinklige Dreiecke.
– Das rechte hat die Kathetenlängen a und b.
– Das linke hat die Kathetenlängen a|z| und b|z|.
– Also sind die beiden Dreiecke ähnlich und das linke ist aus dem rechten
durch Streckung (oder Stauchung) um den Faktor |z| hervorgegangen.
– Darum sind erstens alle Winkel in den Dreiecken gleich und zweitens hat
die Hypotenuse des linken Dreiecks die Länge |z||w| (weil die Hypotenuse
des rechten Dreiecks die Länge |w| hat).

Dass |w||z| der Betrag des Produktes w z ist, wussten wir bereits, aber es ist beruhi-
gend, das noch einmal bestätigt zu bekommen. Neu ist jedoch die sehr wichtige
Erkenntnis über die Winkel, für die wir einen Begriff einführen.

Definition Für z ∈ C\{0} sei das Argument von z, geschrieben arg(z), der Winkel zwischen
der positiven reellen Achse und der Verbindunglinie von z mit dem Nullpunkt.
Um eine eindeutige Angabe zu garantieren, legen wir fest, dass das Argument
(in Bogenmaß) immer ein Winkel aus dem Intervall (−π, π] sein soll.

Damit können wir festhalten: Das Argument von w z ist die Summe der Argumente
von w und z. Wir erhalten dadurch übrigens auch eine schöne geometrische Be-
gründung für die Regel „minus mal minus ist plus“, die wir schon aus der Schule
kennen.20 Negative reelle Zahlen haben das Argument π (also 180 Grad). Multipli-
ziert man zwei solche Zahlen, so hat das Ergebnis das Argument 2π bzw. 360 Grad,
was bedeutet, dass es auf der positiven Hälfte der reellen Achse liegen muss.

Aufgabe 17.15. Sei z = −a + bi mit a, b > 0. In welcher Hälfte der gaußschen Zahlen-
ebene liegt z 2 mit Sicherheit nicht?

Aufgabe 17.16. Sei z ∈ C mit Re(z) > 0 und Im(z) < 0. Was kann man über die Lage
von z 3 in der gaußschen Zahlenebene aussagen?

20 Nach Lemma 10.2 gilt das in jedem Ring. Damit ist die Aussage aber nicht unbedingt „klar“.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


17. Die komplexen Zahlen 175

Das Argument von z 2 erhält man also, indem man das Argument von z verdoppelt.
p
Daraus folgt, wie man eine Zahl w mit w 2 = z findet: Der Betrag von w muss |z|
sein und das Argument von w muss die Hälfte des Arguments von z betragen.
Zumindest geometrisch ist also klar, dass es so eine „Wurzel“ immer geben muss.
Da beweisen wir nun auch algebraisch.

Für jede komplexe Zahl z ∈ C \ {0} hat die Gleichung w 2 = z genau zwei ver- Satz 17.6
schiedene Lösungen, wobei die zweite Lösung sich durch −w 1 ergibt, wenn
w 1 die erste ist.

Beweis. Bevor wir zu eigentlichen Berechnung einer Lösung kommen, klären wir
die einfachen Punkte. Dass mit w 1 auch −w 1 eine Lösung ist, folgt aus Lemma 10.2.
Ist eine Lösung w 1 bekannt, so können wir die Gleichung w 2 = z außerdem als
w 2 = w 12 schreiben. Durch Umformen (dritte binomische Formel) wird daraus
(w − w 1 )(w + w 1 ) = 0. Nach Lemma 10.4 kann das Produkt auf der linken Seite nur
verschwinden, wenn einer der Faktoren verschwindet, wenn also w − w 1 = 0 oder
w + w 1 = 0 gilt. Daher kann es außer w 1 und −w 1 keine weiteren Lösungen geben.

Um auf eine Lösung zu kommen, gehen wir nun von z = a + bi aus und machen
den Ansatz w 1 = c + d i. w 12 = z bedeutet ausgeschrieben

c 2 − d 2 + 2cd i = a + bi

und damit c 2 − d 2 = a und 2cd = b. Beachten Sie, dass wir ab hier nur noch im
Reellen arbeiten. a, b, c und d stehen für reelle Zahlen!

Die zweite Gleichung formen wir zu d = b/(2c) um und setzen das in die erste ein.
Das liefert die folgenden Gleichungen, die jeweils durch einfache Umformungen
der vorherigen entstanden sind:

c 2 − b 2 /(4c 2 ) = a
4c 4 − b 2 = 4ac 2
c 4 − ac 2 − b 2 /4 = 0
x 2 − ax − b 2 /4 = 0

Die letzte Gleichung ergab sich, indem wir eine neue Variable x für c 2 substituiert
haben. Mit der bekannten p-q-Formel erhält man
p
x 1,2 = a/2 ± a 2 /4 + b 2 /4 = a/2 ± |z|/2.

Wegen x = c 2 kann x nicht negativ sein. Wir wählen daher die positive der beiden
Lösungen21 und nennen sie x 1 . Daraus ergeben sich zwei mögliche Werte für c, die
mit d = b/(2c) zwei zugehörige Werte für d liefern. ■

Aufgabe 17.17. Gehen Sie den Beweis von Satz 17.6 für den konkreten Fall z = 3 + 4i
durch und geben Sie die beiden Lösungen an.
21Wegen |a/2| ≤ |z|/2 muss eine von beiden Lösungen positiv sein.

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176 Die reellen und die komplexen Zahlen

Aufgabe 17.18. Wolfram Alpha kann natürlich auch Gleichungen wie w^2=-7+24i
lösen. Wenn Sie aber einfach irgendwelche komplexen Zahlen einsetzen, werden
die Ergebnisse selten „schön“ sein. Zum Üben würde ich das folgende Vorgehen
vorschlagen: Berechnen Sie für ein paar komplexe Zahlen z 1 bis z n die Quadrate z 12
bis z n2 und schreiben Sie die beiden Listen auf zwei verschiedene Zettel. Am nächsten
Tag haben Sie die Zahlen sicher vergessen. Sie können dann aus der zweiten Liste
eine Zahl z k2 entnehmen, die Aufgabe w 2 = z k2 lösen und danach Ihr Ergebnis w mit
dem Wert z k aus der ersten Liste vergleichen. Arbeiten Sie ruhig auch ab und zu mit
Brüchen und nicht nur mit ganzen Zahlen!

⋆Aufgabe 17.19. Im Beweis von Satz 17.6 habe ich (absichtlich) etwas gepfuscht. Kön-
nen Sie das Problem erkennen (und beheben)?

p
Ist es nun also OK, 2 + i = 3 + 4i zu schreiben? Leider ist die Sache etwas kom-
pliziert. Wenn a eine positive reelle Zahl ist, dann hat die Gleichung x 2 = a zwei
p
Lösungen, von denen eine positiv und eine negativ ist. Mit a ist dann per defini-
tionem immer die positive der beiden Lösungen gemeint! Man muss es irgendwie
p
festlegen, damit durch die Zuordnung x 7→ x eine Funktion von R nach R definiert
wird.22 Wenn die komplexen Zahlen ins Spiel kommen, kann man aber nicht mehr
von positiv oder negativ reden. Man könnte nun willkürlich etwas festlegen (z. B.
die Lösung, die in der rechten Hälfte der gaußschen Zahlenebene liegt), aber keine
solche Festlegung liefert eine Funktion, die für alle komplexen Zahlen definiert
ist und „angenehme“ mathematische Eigenschaften wie Stetigkeit oder Differen-
zierbarkeit hat. Auf weitere Details kann ich hier nicht eingehen und belasse es bei
p
dem Hinweis, dass Sie nicht z schreiben sollten, wenn z eine beliebige komplexe
Zahl ist.

Auf jeden Fall können wir aber nun jede Gleichung der Form w 2 = z lösen und wir
können sogar noch mehr.

Satz 17.7 Sind a, b und c beliebige komplexe Zahlen mit a ̸= 0, dann hat die Gleichung
aw 2 + bw + c = 0 immer mindestens eine Lösung (und höchstens zwei ver-
schiedene).

Beweis. Man kann die gesamte Gleichung offenbar durch a dividieren, ohne ihre
Lösungsmenge zu ändern. Es reicht daher, sich mit Gleichungen der Form

w 2 + pw + q = 0 (17.2)

zu beschäftigen, wobei p und q beliebige komplexe Zahlen sind.

Wir begründen zunächst, warum es nicht mehr als zwei Lösungen geben kann. Ist
w 1 eine Lösung, dann kann man die Gleichung als

w 2 + pw + q = w 12 + pw 1 + q
22 Ich habe schon öfter die falsche Vorstellung gehört, pa stehe für beide Lösungen. Das ist aber
p
schlicht und einfach falsch und wäre auch nicht sehr hilfreich. a wäre dann nicht einmal eine
Zahl . . .

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


17. Die komplexen Zahlen 177

schreiben und zu w 2 − w 12 + pw − pw 1 = 0 umformen. Mit der dritten binomischen


Formel wird daraus (w − w 1 )(w + w 1 + p) = 0. Wie im Beweis von Satz 17.6 ist klar,
dass es nur noch eine weitere Lösung, nämlich die von w + w 1 + p = 0, geben kann.

Man verschafft sich nun eine Lösung z 1 von z 2 = p 2 /4−q, die es nach Satz 17.6 gibt.
w 1 = −p/2 + z 1 und w 2 = −p/2 − z 1 sind dann zwei (evtl. identische) Lösungen
von (17.2), wie man durch Einsetzen leicht nachprüft. ■

Aufgabe 17.20. Berechnen Sie beide Lösungen von 2w 2 + (2 + 2i)w + (12 + 36i) = 0.

Aufgabe 17.21. Wie in Aufgabe 17.18 sollten Sie sich selbst Aufgaben stellen und diese
dann später lösen. Aufgaben generiert man, indem man sich zwei komplexe Zahlen
w 1 und w 2 (die Lösungen) ausdenkt und dann den Term (w − w 1 )(w − w 2 ) ausmulti-
pliziert.

Abschließend sei darauf hingewiesen, dass wir die geometrische Interpretation


der komplexen Zahlen bisher nur zur Illustration und Motivation der Konzepte
verwendet haben. In den Beweisen kam sie nicht vor. In Abschnitt 29 werden wir
auf das Thema zurückkommen und diese Sichtweise präzisieren.

⋆ Komplexe Zahlen im Computer


P YTHON bietet als Standard bereits komplexe Zahlen. Fügt man direkt hinter einer
Zeichenkette, die als Zahl erkennbar ist, den Buchstaben j (klein oder groß) an, so
wird das als rein imaginäre Zahl erkannt.23 Ein alleinstehendes j wird jedoch als
die Variable mit diesem Namen interpretiert. Beliebige komplexe Zahlen gibt man
als Summe von Real- und Imaginärteil ein oder mit der Funktion complex.

42J, 42j, 2.3j, 23e-1j


2+3j, complex(2,3)
(5+3j)*(3+2j)
z = 5+3j
abs(z), [Link], [Link]

Das letzte Beispiel zeigt, dass Real- und Imaginärteil intern grundsätzlich als Fließ-
kommazahlen gespeichert werden.24 Für das Rechnen mit komplexen Zahlen
sollte in der Regel die Standardbibliothek CMATH benutzt werden.

import cmath
# würde mit dem "normalen" sqrt nicht funktionieren:
[Link](-15-8j), [Link](-4)
[Link](-42) # das Argument

23 P YTHON übernimmt hier die in den Ingenieurwissenschaften übliche Bezeichnung j für die

imaginäre Einheit.
24 Sprachen wie J ULIA oder C OMMON L ISP bieten auch Typen an, in denen die beiden Teile einer

komplexen Zahl intern als ganze Zahl oder als Bruch gespeichert werden können.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


178 Die reellen und die komplexen Zahlen

18. Etwas Topologie (in metrischen Räumen)


Die Topologie ist ein wichtiges Teilgebiet der Mathematik, in dem vereinfacht
gesagt die Lage und die Anordnung geometrischer Objekte abstrakt untersucht
wird – wobei Geometrie in einem sehr allgemeinen Sinne gemeint ist, der mit der
Schulgeometrie nicht mehr viel gemeinsam hat. Wir werden diesen großen Bereich
nur streifen und es kann auch sehr schnell ziemlich kompliziert werden, aber ein
paar wichtige Begriffe werden immer wieder eine Rolle spielen und darum sollen
sie in diesem Abschnitt definiert und erklärt werden.

Wir hatten die Betragsfunktion so definiert, dass |z| anschaulich der Abstand der
Zahl z von der Zahl 0 in der gaußschen Zahlenebene ist. Daraus folgt sofort (siehe
die Skizze zur Lösung von Aufgabe 17.6), dass |w − z| der Abstand der Zahlen w
und z ist. Es ist offensichtlich, dass der Abstand von w und z nur null sein kann,
wenn w = z gilt, und dass der Abstand von w und z dasselbe wie der Abstand von
z und w ist. Zudem zeigt ein simpler „Rechentrick“, dass die folgende Aussage gilt:

Lemma 18.1 Dreiecksungleichung für Abstände


Für alle v, w, z ∈ C gilt |w − z| ≤ |w − v| + |v − z|.

Aufgabe 18.1. Sehen Sie, wieso Lemma 18.1 aus der Dreiecksungleichung in Lem-
ma 17.3 folgt?

Weil diese Ungleichung so wichtig ist, spendiere ich noch einmal eine Skizze. Es
ist hoffentlich evident, dass die direkte Verbindung von w und z nicht länger sein
kann als der „Umweg“ über v. Und auch, dass sich an der Korrektheit der Aussage
nichts ändert, wenn wir die Namen der Punkte vertauschen.
w

v
z

Die Idee des Abstands wird nun abstrahiert.

Definition Ist X irgendeine Menge und d eine Funktion von X 2 nach R, die die folgenden
drei Eigenschaften für alle x, y, z ∈ X hat, dann nennt man d eine Metrik auf X
und (X , d ) einen metrischen Raum.25
– M1: d (x, y) ≥ 0 ∧ (d (x, y) = 0 ⇔ x = y) (positive Definitheit)
– M2: d (x, y) = d (y, x) (Symmetrie)
– M3: d (x, y) ≤ d (x, z) + d (z, y) (Dreiecksungleichung)

25 Häufig geht aus dem Zusammenhang hervor, was d ist, und man bezeichnet dann einfach X

als metrischen Raum. Wir haben das schon bei Gruppen gemacht, wenn wir statt (G, ⊗) einfach G
geschrieben haben.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


18. Etwas Topologie (in metrischen Räumen) 179

Eine Metrik ist also ein verallgemeinerter Abstandsbegriff. Zwei Objekten x und y
wird ein „Abstand“ d (x, y) zugeordnet, wobei gefordert wird, dass Abstände nicht-
negative Zahlen sind, dass zwei Objekte dann und nur dann den Abstand null
haben, wenn sie identisch (also ein Objekt) sind, dass der Abstand von x und y
dasselbe wie der Abstand von y und x ist und dass „Umwege“ keine Abkürzungen
sein können.

Nach unseren Vorüberlegungen ist klar, dass C ein metrischer Raum ist, wenn
wir als Metrik d (x, y) = |x − y| festsetzen. Ebenso ist natürlich R mit dieser Metrik
ein metrischer Raum, weil R eine Teilmenge von C ist. (Wir messen dann einfach
Abstände auf der Zahlengeraden.) Es gibt jedoch noch viele weitere Beispiele, von
denen wir uns nun ein paar anschauen wollen.
– Mit Geometrie werden wir uns später noch beschäftigen. Im Vorgriff können
wir jedoch schon einmal das Berechnen von Abständen im Raum R3 betrach-
ten. Um herauszufinden, wie weit der Punkt P in der folgenden Skizze vom
Ursprung entfernt ist, berechnet man zunächst die Länge der dunkelblauen
Strecke, die den Nullpunkt mit der Projektion von P in die x-y-Ebene verbin-
det. Das macht man mithilfe des Satzes von Pythagoras in dem dunkelgrauen
rechtwinkligen Dreieck, das komplett in dieser Ebene liegt. Danach wendet
man den Satz erneut auf das hellgraue (ebenfalls rechtwinklige) Dreieck an.
z
P

y
x

Das liefert eine Formel für die sogenannte Norm ∥P ∥ des Punktes (bzw. Norm
eigentlich seines Ortsvektors). Mit d (P,Q) = ∥P − Q∥ erhält man eine Metrik
auf R3 (und kann das sogar auf Rn für beliebige n ∈ N verallgemeinern).
Diese Metrik (die mit den obigen für C und R übereinstimmt, wenn man
diese Zahlenmengen als R2 bzw. R1 interpretiert), bezeichnet man auch als
euklidischen Abstand. euklidischer Abstand

– Man kann aber vertraute geometrische Räume auch ganz anders metrisie-
¡ ¢
ren. Durch d (x 1 , y 1 ), (x 2 , y 2 ) = |x 1 − x 2 | + |y 1 − y 2 | wird beispielsweise die
sogenannte Manhattan-Metrik auf R2 definiert. Manhattan-Metrik
y
(x 2 , y 2 )

(x 1 , y 1 )
x

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


180 Die reellen und die komplexen Zahlen

Ihren Namen erhält sie daher, dass man sich vorstellen kann, dass der Ab-
stand gemessen wird, den man zurücklegen müsste, wenn man nur auf
„Straßen“ fahren darf, die parallel zu den Achsen verlaufen.
– Eine weitere „lustige“ Metrik in der Ebene ist die französische Eisenbahn-
französische metrik. Am einfachsten kann man sie hinschreiben, wenn man die Punkte
Eisenbahnmetrik
der Ebene als komplexe Zahlen betrachtet. Der Abstand von z und w wird
in dieser Metrik als d (z, w) = |z − w| definiert, falls z und w auf derselben
Gerade durch den Nullpunkt liegen, und als d (z, w) = |z| + |w| für andere
Paare von Punkten.
iR
z

Die scherzhafte Bezeichnung kommt daher, dass es angeblich im 19. Jahr-


hundert im Eisenbahnnetz Frankreichs keine direkten Verbindungen zwi-
schen größeren Städten gab, sondern man immer über Paris (den Nullpunkt)
fahren musste.
– Eine Anwendung dieses Konzepts aus der Informationstheorie ist der nach
einem amerikanischen Mathematiker aus dem 20. Jahrhundert benannte
Hamming-Abstand Hamming-Abstand. Dabei geht es z. B. um Tupel aus der Menge B = {0, 1}n ,
die man als Nachrichten betrachten kann, die aus n Bits bestehen. Der
Abstand zweier solcher Tupel ist definiert als die Anzahl der Komponenten,
an denen sie nicht übereinstimmen. Das ist eine Metrik auf B . Für n = 4 wäre
der Hamming-Abstand von (0, 1, 1, 0) und (1, 1, 0, 0) beispielsweise 2, weil die
erste und die dritte Komponente sich unterscheiden. Wenn man es nun etwa
mit einem Code zu tun hat, bei dem der Abstand zweier Codewörter immer
mindestens drei ist, dann bedeutet das, dass man auch dann, wenn zwei Bits
falsch übertragen wurden, noch erkennen kann, dass es Fehler gab.
– Eine Anwendung im Bereich der Informatik und gleichzeitig eine Verallge-
meinerung des Hamming-Abstands ist die nach einem russischen Mathema-
Levenshtein-Distanz tiker benannte Levenshtein-Distanz. Dabei geht es um Wörter, für die drei
Operationen definiert sind: einen beliebigen Buchstaben des Wortes entfer-
nen, einen beliebigen Buchstaben des Wortes durch einen anderen ersetzen,
einen Buchstaben an einer beliebigen Position des Wortes hinzufügen. Der
Abstand zweier Wörter ist die minimale Anzahl solcher Operationen, die
man benötigt, um aus dem einen Wort das andere zu machen. Man kann
z. B. HUMBUG aus HAMBURG machen, indem man erst A und R entfernt und
dann hinter dem H ein U einfügt. Das sind drei Operationen. Man kann aber
auch das R entfernen und das A direkt durch ein U ersetzen. Die Levenshtein-
Distanz der beiden Wörter ist daher zwei. Eingesetzt wird das u. a. bei der
Autokorrektur: Es sollen Wörter vorgeschlagen werden, die im Sinne dieser
Metrik möglichst „nahe“ an den getippten liegen.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


18. Etwas Topologie (in metrischen Räumen) 181

Aufgabe 18.2. Rechnen Sie nach, dass die Manhattan-Metrik die Bedingung M3 der
Dreiecksungleichung erfüllt.

Aufgabe 18.3. Überprüfen Sie M3 auch für die französische Eisenbahnmetrik.

⋆Aufgabe 18.4. Wie ändert sich die Formel für die Eisenbahnmetrik, wenn Paris nicht
im Nullpunkt, sondern an der Stelle p ∈ C liegt? Ist das dann immer noch eine Metrik?

Aufgabe 18.5. Geben Sie eine möglichst große Teilmenge von B = {0, 1}3 an, für die
der Hamming-Abstand zweier Elemente von B immer mindestens 2 ist.

Aufgabe 18.6. Können Sie einen Zusammenhang zwischen dem Hamming-Abstand


und der Manhattan-Metrik erkennen?

⋆Aufgabe 18.7. Überlegen Sie sich einen Algorithmus (oder programmieren Sie ihn),
mit dem man die Levenshtein-Distanz zweier vorgegebener Wörter berechnen kann.
Sie werden feststellen, dass das gar nicht so einfach ist, wenn das Verfahren effizient
sein soll.

Viele der folgenden Begriffe werden gleich ganz allgemein für metrische Räume
definiert. Wir werden sie jedoch zunächst hauptsächlich auf den euklidischen
Abstand in R und C anwenden. Zumindest für diese beiden Räume sollten Sie
jeweils Beispiele vor Ihrem inneren Auge parat haben.

Sei (X , d ) ein metrischer Raum, x ∈ X und ε > 0. Die Menge Definition

Uε (x) = { y ∈ X : d (x, y) < ε }

wird als (offene) ε-Kugel oder ε-Umgebung um x bezeichnet.26

In der gaußschen Zahlenebene ist Uε (z) also eine Kreisscheibe mit dem Radius ε
um den Mittelpunkt z, wobei – weil in der Definition < und nicht ≤ steht – der
Kreisrand nicht dazugehört. U1 (0) ist der Einheitskreis und zu dieser Menge gehö-
ren unter anderem die Zahlen 0, 1/2 oder (1 + i)/10, aber z. B. nicht −1 und i und
„erst recht“ nicht 42 oder 2 − 7i.

ε
z

26 Eigentlich müsste am U noch irgendwo das d stehen, damit man weiß, um welche Metrik es

geht. Das lässt man aber üblicherweise weg und verlässt sich darauf, dass die Leser schon verstehen
werden, was gemeint ist. Im Englischen nennt man diese Kugeln übrigens ball und verwendet die
Schreibweise B ε (x).

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


182 Die reellen und die komplexen Zahlen

Die Bezeichnung Kugel kommt daher, dass die offenen Kugeln im Raum R3 mit dem
euklidischen Abstand tatsächlich Kugeln (ohne Oberfläche) sind. In diesem Sinne
sind Mengen der Form Uε (x) in beliebigen metrischen Räumen „verallgemeinerte
Kugeln“. In der Mathematik abstrahiert man eben gerne . . .
Umgebung Außerdem bezeichnet man auch oft eine Menge U ⊆ X einfach als Umgebung
von x ∈ X , wenn es ein ε > 0 mit Uε (x) ⊆ U gibt. Jede ε-Umgebung ist damit
automatisch eine Umgebung, aber auch Mengen, die nicht genau diese Form
haben, können Umgebungen sein.27

Aufgabe 18.8. Wie sehen die offenen ε-Kugeln in R aus?

Aufgabe 18.9. Seien a, b reelle Zahlen mit a < b. Begründen Sie, dass das Intervall
(a, b) eine offene ε-Kugel ist.

Aufgabe 18.10. Wie sehen die offenen ε-Kugeln bezüglich der Manhattan-Metrik aus?

Aufgabe 18.11. Endliche Zeichenketten (oder Strings, wie sie beim Programmieren
genannt werden) bezeichnen wir für diese Aufgabe als Wörter. X sei die (unendliche)
Menge aller Wörter, die man mit den drei Buchstaben A, B und C bilden kann. Zu
X gehören also Wörter wie B, CC, ABBA, ABCABC und so weiter.28 Wie sieht U2 (AC)
bezüglich der Levenshtein-Metrik auf X aus?

Lemma 18.2 Ist (X , d ) ein metrischer Raum, x ∈ X und ε > 0, dann gibt es zu jedem y ∈ Uε (x)
ein δ > 0 mit Uδ (y) ⊆ Uε (x).

Beweis. Wegen y ∈ Uε (x) gilt r = d (x, y) < ε. Wir setzen δ = ε − r . Für y ′ ∈ Uδ (y) gilt
dann nach der Dreiecksungleichung

d (y ′ , x) ≤ d (y ′ , y) + d (y, x) = d (y ′ , y) + r < δ + r = ε

und damit y ′ ∈ Uε (x). ■

Das schematische Bild zur Aussage von Lemma 18.2 sieht so aus:

δ
y ε

27 Auch hier sind sich leider die Bücher nicht einig. Manchmal werden nur offene Mengen als

Umgebungen bezeichnet.
28 Für diese Aufgabe ist es nicht relevant, aber da Sie diesem Konzept in der Theoretischen Infor-

matik erneut begegnen werden, sei darauf hingewiesen, dass auch das leere Wort zu X gehört, also
ein String der Länge null.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


18. Etwas Topologie (in metrischen Räumen) 183

Jeder Punkt y aus der Menge Uε (x) hat dort also ein bisschen „Platz“ um sich
herum. Er kann sich etwas „bewegen“, ohne Uε (x) zu verlassen (solange die neue
Position weniger als δ von seiner alten entfernt ist). ε-Kugeln sind nicht die einzigen
Mengen, die diese Eigenschaft haben. Weil sie wichtig ist, geben wir ihr einen
Namen.

Sei (X , d ) ein metrischer Raum. Eine Menge A ⊆ X heißt offen, wenn es zu Definition
jedem y ∈ A ein δ > 0 mit Uδ (y) ⊆ A gibt.

In Lemma 18.2 haben wir also bewiesen, dass ε-Kugeln das Adjektiv offen, das
ihnen bereits in der Definition angeheftet wurde, tatsächlich verdienen.

Fangen wir gleich mit einem Beispiel für eine Menge an, die nicht offen ist. Das
Intervall I = [0, 1) ist nicht offen in R, denn egal wie klein δ > 0 ist, in der δ-Kugel
um 0 werden sich immer negative Zahlen befinden, die nicht zu I gehören. Ein
anderes einfaches Beispiel sind endliche Mengen wie {42} oder {1, 2, 3}, die weder
in R noch in C offen sind.

Und noch ein triviales Beispiel: In jedem metrischen Raum (X , d ) sind ; und X
offen. Sie haben sich inzwischen hoffentlich genügend an die mathematische
Denkweise gewöhnt, um einzusehen, warum das so ist.

Aufgabe 18.12. Fallen Ihnen außer den Mengen aus Aufgabe 18.9 noch andere offene
Mengen in R ein?

Aufgabe 18.13. Ist das Intervall I = (0, 1) offen in C?

Aufgabe 18.14. Sei X irgendeine Menge. Definiert man d durch


(
0 x=y
d (x, y) =
1 x ̸= y

für x, y ∈ X , dann erhält man die sogenannte diskrete Metrik auf X . Wie sehen die diskrete Metrik
offenen Mengen bezüglich dieser Metrik aus?

Sei (X , d ) ein metrischer Raum und A ̸= ; eine Menge von offenen Teilmengen Lemma 18.3
von X . Dann ist A offen. Ist A endlich, dann ist auch A offen.
S T

Beweis. Ist y ∈ A , dann gibt es eine Menge A ∈ A mit y ∈ A. Weil A offen ist, gibt
S

es ein δ > 0 mit Uδ (y) ⊆ A. Wegen A ⊆ A ist der erste Teil des Lemmas damit
S

bereits bewiesen.

Für den zweiten Teil sei A die Menge {A 1 , . . . , A n }. Gilt y ∈ A = A 1 ∩ · · · ∩ A n ,


T

dann gibt es positive Zahlen δ1 bis δn mit Uδi (y) ⊆ A i für i = 1, . . . , n. Setzt man
δ = min{δ1 , . . . , δn }, dann gilt offenbar Uδ (y) ⊆ A .
T

Der obige Beweis des zweiten Teils von Lemma 18.3 funktioniert nicht mehr bei
unendlich vielen Mengen, weil dann das Minimum, das dort vorkommt, nicht exis-
tieren muss. Und tatsächlich stimmt die Aussage für unendlich viele offene Mengen

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


184 Die reellen und die komplexen Zahlen

im Allgemeinen auch nicht mehr. Ein Standardbeispiel für R sind die Intervalle
(−1/n, 1/n), die für n ∈ N+ alle offen sind. Ihre Schnittmenge n∈N+ (−1/n, 1/n) ist
T

jedoch {0} und das ist keine offene Menge.

Definition Sei (X , d ) ein metrischer Raum, A ⊆ X , x ∈ X und a ∈ A. a heißt innerer Punkt


von A, wenn es eine offene Menge B ⊆ X mit a ∈ B ⊆ A gibt. a heißt isolierter
Punkt von A, wenn es eine offene Menge B ⊆ X mit B ∩ A = {a} gibt. x heißt
Berührungspunkt von A, wenn B ∩ A ̸= ; für jede offene Menge B ⊆ X mit
x ∈ B gilt. x heißt Randpunkt von A, wenn x Berührungspunkt von A und von
X \ A ist. Der Rand ∂A von A ist die Menge der Randpunkte von A. Das Innere
A ◦ von A ist die Menge der inneren Punkte von A. Der Abschluss A von A ist
die Menge der Berührungspunkte von A. A heißt abgeschlossen, wenn A = A
gilt.

Das sind zugegebenermaßen ziemlich viele Begriffe auf einmal. Man sollte sich
diese am besten anhand von schematischen Skizzen merken, statt abstrakte Defi-
nitionen auswendig zu lernen. Im linken Teil der folgenden Grafik soll die Menge
A aus der grauen Fläche sowie dem Punkt a 1 bestehen. a 1 ist damit ein isolierter
Punkt von A und a 2 ein innerer Punkt. a 3 ist ein Randpunkt von A und zusammen
mit der schwarzen Linie Teil des Randes ∂A. Dafür ist es unerheblich, ob die Punkte
auf dieser Linie Elemente von A sind oder nicht. (Das „sieht“ man anhand so einer
Zeichnung ja ohnehin nicht.) Alle drei Punkte sind Berührungspunkte von A. Die
gestrichelten Kreise sollen jeweils offene Mengen um die Punkte darstellen.

Im mittleren Teil sieht man das Innere A ◦ . a 1 gehört nicht dazu und auch keiner der
Randpunkte – auch dann nicht, wenn diese Randpunkte Elemente von A waren.
Rechts sieht man schließlich den Abschluss A. a 1 gehört dazu und der gesamte
Rand auch. Auch dabei ist es irrelevant, welche Randpunkte Elemente von A waren.

a3
a2
a1

Ein Versuch einer anschaulichen Interpretation: Wie wir uns oben bereits über-
legt hatten, haben Elemente von offenen Mengen in diesen Mengen immer ein
bisschen „Platz“ um sich herum; sie können sich kleine Bewegungen in alle Rich-
tungen „leisten“, ohne die offene Menge zu verlassen. Das gilt auch für die inneren
Punkte einer Menge. Berührungspunkte einer Menge A sind Elemente von X , die
mit kleinen Bewegungen29 A erreichen können. (Wenn sie schon Elemente von A
sind, müssen sie sich gar nicht bewegen.) Randpunkte von A können daher „mit
minimalem Aufwand“ sowohl A erreichen als auch A verlassen. (Für einen von
beiden Schritten müssen sie logischerweise gar nichts machen, denn entweder

29Wenn hier informell von „kleinen“ Bewegungen die Rede ist, dann bedeutet das, dass das Ziel der

Bewegung ein Ort ist, dessen Abstand vom Startpunkt beliebig klein sein kann, solange er positiv ist.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


18. Etwas Topologie (in metrischen Räumen) 185

gehören sie zu A oder nicht.) Eine Menge ist genau dann abgeschlossen, wenn ihr
Rand zur Menge gehört. (Siehe dazu auch Aufgabe 18.19.)

Ein paar Beispiele:


– Seien a und b reelle Zahlen mit a < b. Wir betrachten die Intervalle I 1 = [a, b],
I 2 = [a, b), I 3 = (a, b] und I 4 = (a, b). a und b sind (die einzigen) Randpunkte
dieser Intervalle. I 1 ist der Abschluss aller vier Intervalle und die einzige
abgeschlossene Menge unter den vieren. I 4 ist das Innere aller vier Intervalle
und die einzige offene Menge unter den vieren. Keines der vier Intervalle hat
isolierte Punkte.
– Für a ∈ R ist I = [a, a] = {a} abgeschlossen. a ist Randpunkt und isolierter
Punkt von I . Das Innere von I ist die leere Menge.
– Im konkreten Fall der Räume C bzw. R2 mit euklidischem Abstand gilt für
alle x ∈ X und alle ε > 0

Uε (x) = { y ∈ X : d (x, y) ≤ ε } und


∂Uε (x) = { y ∈ X : d (x, y) = ε }.

Dabei geht es um Kreise und der Rand eines solchen Kreises ist dann auch
das, was wir uns anschaulich darunter vorstellen.
– Ist eine Menge X , die mit der diskreten Metrik (siehe Aufgabe 18.14) versehen
ist, dann sind alle Teilmengen von X sowohl offen als auch abgeschlossen.

Aufgabe 18.15. Gehen Sie die obigen Beispiele durch und machen Sie sich jeweils klar,
dass Sie verstanden haben, warum die dort stehenden Aussagen wahr sind. (Glauben
Sie das nicht einfach und lernen Sie es auf keinen Fall auswendig!)

Aufgabe 18.16. Gehen Sie analog zum obigen Beispiel unbeschränkte Intervalle der
Formen [a, ∞), (a, ∞), (−∞, b] und (−∞, b) durch.

Aufgabe 18.17. Geben Sie eine offene Teilmenge von R an, die kein Intervall ist.

Aufgabe 18.18. Begründen Sie, dass in jedem metrischen Raum A ◦ ⊆ A ⊆ A für alle
Teilmengen A des Raumes gilt.

Aufgabe 18.19. Begründen Sie, dass in jedem metrischen Raum A = A ∪ ∂A für alle
Teilmengen A des Raumes gilt.

Sei (X , d ) ein metrischer Raum und A ⊆ X . Dann ist A genau dann offen, wenn Lemma 18.4
A = A ◦ gilt. Und das ist genau dann der Fall, wenn X \ A abgeschlossen ist.

Beweis. Bei der ersten Äquivalenz geht es nur darum, die Definitionen richtig zu
lesen. Sei A offen. Nach Aufgabe 18.18 gilt A ◦ ⊆ A und wir müssen nur A ⊆ A ◦
zeigen. Das folgt aber aus der Definition von offenen Mengen und Lemma 18.2.
Nun gelte umgekehrt A = A ◦ . Wir wollen zeigen, dass A offen ist. Aber weil jeder
Punkt von A innerer Punkt von A ist, liegt er in einer offenen Menge B , die ganz

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


186 Die reellen und die komplexen Zahlen

in A liegt. Und die enthält nach Definition eine ε-Umgebung des Punktes, die „erst
recht“ in A liegt.

Nun zur zweiten Äquivalenz. Sei A offen. Nach Aufgabe 18.18 müssen wir nur noch
zeigen, dass x ∈ X \ A aus x ∈ X \ A folgt. Wir machen das indirekt: Gilt x ∉ X \ A,
also x ∈ A, dann gibt es, weil A offen ist, ein ε > 0 mit Uε (x) ⊆ A. Das ist eine offene
Menge, die x enthält und disjunkt zu X \ A ist. Daher ist x kein Berührungspunkt
von X \ A.

Sei umgekehrt X \ A abgeschlossen. Ist a ∈ A beliebig, dann gilt a ∉ X \ A und a ist


daher kein Berührungspunkt von X \ A. Also gibt es eine offene Menge B mit x ∈ B ,
die disjunkt zu X \ A ist. Das heißt aber, dass B eine Teilmenge von A ist. Damit ist
gezeigt, dass A offen ist (denn o. B. d. A. ist B eine ε-Umgebung von a). ■

Korollar 18.5 Sei (X , d ) ein metrischer Raum und A ̸= ; eine Menge von abgeschlossenen
Teilmengen von X . Dann ist A abgeschlossen. Ist A endlich, dann ist auch
T

A abgeschlossen.
S

Beweis. Nach den de-morgansche Regeln (siehe KapitelI) gilt

A = X \ { X \ A : A ∈ A } und A = X \ { X \ A : A ∈ A }.
\ [ [ \

Mit den Lemmata 18.3 und 18.4 folgt dann sofort die Behauptung. ■

Korollar 18.6 In jedem metrischen Raum sind alle endlichen Mengen abgeschlossen. Damit
sind auch alle offenen Mengen, von denen nur endlich viele Elemente entfernt
wurden, offen.

Beweis. Offensichtlich sind Singletons A = {a} immer abgeschlossen, denn für


jedes x ∈ A mit x ̸= a gilt r = d (x, a) > 0 und A und Ur (x) disjunkt, d. h. x ist kein
Berührungspunkt von A. Nach Korollar 18.5 sind damit auch endliche Mengen
abgeschlossen. Ist schließlich B offen und sind b 1 bis b n Elemente von B , dann ist
B \ {b 1 , . . . , b n } Durchschnitt der offenen Mengen B und X \ {b 1 , . . . , b n }, die beide
offen sind. ■

Insbesondere sind nach Lemma 18.4 in jedem metrischen Raum (X , d ) die Mengen
; und X offen und abgeschlossen. Anhand des Beispiels der diskreten Metrik
haben wir gesehen, dass es noch viele andere Mengen mit dieser Eigenschaft
geben kann. Das ist aber nicht in jedem Raum so.

Lemma 18.7 Im Raum der reellen Zahlen sind ; und R die einzigen Mengen, die sowohl
offen als auch abgeschlossen sind.

Beweis. Sei A ⊆ R weder leer noch ganz R. Dann gibt es Zahlen x und y mit x ∈ A
und y ∉ A. O. B. d. A. sei x < y. Wir definieren A 1 = { r ∈ A : x ≤ r < y }. Diese Menge
ist nicht leer und nach oben beschränkt, hat also ein Supremum s. Ist s ein Element

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18. Etwas Topologie (in metrischen Räumen) 187

von A, dann ist s das Maximum von A 1 und sicher kleiner als y. Das Intervall (s, y]
ist damit eine Teilmenge von X \ A. Für alle ε < y − s liegen aber dann in U = Uε (s)
Zahlen zwischen s und y, die nicht zu A gehören, d. h., U ist keine Teilmenge von A.
Das bedeutet, A ist nicht offen. Ist s hingegen kein Element von A, so liegen in jeder
ε-Umgebung von s Elemente von A 1 ⊆ A, denn sonst wäre s nicht das Supremum
von A 1 . Damit liegt aber keine ε-Umgebung von s ganz in X \ A und X \ A ist nicht
offen. ■

Die obige Aussage gilt auch für C, aber das können wir momentan noch nicht
richtig begründen.

Aufgabe 18.20. Es sollte eigentlich bereits klar sein, aber wegen der Wahl der Wörter30
gibt es ab und zu das Missverständnis, dass eine Menge, die nicht offen ist, abgeschlos-
sen sein müsste und umgekehrt. Geben Sie daher, damit Sie das erst gar nicht denken,
eine Teilmenge von R an, die weder offen noch abgeschlossen ist.

Der Vollständigkeit halber präzisieren wir noch die Wortwahl aus Satz 16.10.

Sei (X , d ) ein metrischer Raum und A ⊆ X . A liegt dicht in X , wenn A = X gilt. Definition

Wenn es stimmt, dass Q dicht in R liegt, dann muss jede reelle Zahl r Berührungs-
punkt von Q sein. Und das stimmt auch. Ist B eine offene Menge, die r enthält,
dann gibt es ein ε > 0 mit Uε (x) ⊆ B und nach Satz 16.10 gibt es ein q ∈ Q mit
x − ε < q < x + ε, also mit q ∈ B .

Aufgabe 18.21. Liegt R \ Q auch dicht in R?

Für die Analysis brauchen wir noch eine Verallgemeinerung des Begriffs der be-
schränkten Menge.

Sei (X , d ) ein metrischer Raum und A ⊆ X . Gibt es ein r > 0 und ein x ∈ X mit Definition
A ⊆ Ur (x), dann wird A beschränkt genannt.

Aufgabe 18.22. Begründen Sie, warum A genau dann beschränkt ist, wenn es ein r > 0
und ein x ∈ X mit A ⊆ Ur (x) gibt.

Aufgabe 18.23. Begründen Sie, warum eine Menge A von reellen Zahlen im Sinne
dieser Definition genau dann beschränkt ist, wenn sie im Sinne der Definition von
Seite 157 beschränkt ist. (Sonst wäre es auch nicht sehr clever, denselben Begriff zu
verwenden.)

Aufgabe 18.24. Identifizieren Sie unter den metrischen Räumen, die Sie schon ken-
nengelernt haben, einen, in dem alle Mengen beschränkt sind.

30 Ein Fenster oder eine Tür sind immer entweder offen oder abgeschlossen.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


188 Die reellen und die komplexen Zahlen

Anschaulich bedeutet dieser Begriff, dass die Abstände innerhalb einer beschränk-
ten Menge nicht beliebig groß werden können:

Lemma 18.8 Sei (X , d ) ein metrischer Raum und A ⊆ X . A ist genau dann beschränkt, wenn
{ d (a 1 , a 2 ) : a 1 , a 2 ∈ A } nach oben beschränkt ist.

Beweis. Gilt A ⊆ Ur (x) und sind a 1 und a 2 Elemente von A, dann gilt nach der
Dreiecksungleichung d (a 1 , a 2 ) ≤ d (a 1 , x) + d (x, a 2 ) < r + r . Ist umgekehrt b eine
obere Schranke für die Abstände zweier Elemente von A und a irgendein Element
von A, dann liegen alle Elemente von A in Ub+1 (a). ■

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


VII
Folgen und Reihen

In den folgenden Abschnitten werden Grenzwertprozesse eine zentrale Rolle spie-


len. Sie bilden die Basis der sogenannten Analysis und sind auch der Grund dafür,
warum wir die reellen Zahlen brauchen.

19. Folgen
In Abschnitt 6 hatten wir bereits definiert, was eine Folge ist, nämlich eine Ab-
bildung f , deren Definitionsbereich N ist und die man in Kurzform als ( f (n))n∈N
schreibt. Mit Folgen werden wir uns nun ausführlich beschäftigen.

Wir schreiben allgemeine Folgen meistens in der Form (a n )n∈N . Damit ist Konvention
gemeint, dass a n der Funktionswert der Folge für das Argument n ist. Man
nennt a n dann auch das n-te Folgenglied. Häufig werden wir auch den Index
weglassen und einfach (a n ) schreiben, wenn klar ist, dass von Folgen die (a n )
Rede ist. Und schließlich ignorieren wir gelegentlich den Fall, dass endliche
viele Folgenglieder evtl. nicht definiert sind. Wir würden beispielsweise (1/n)
schreiben, obwohl diese Folge eigentlich für n = 0 nicht definiert ist.1
Wir sagen, dass (a n ) eine Folge in der Menge M ist, wenn der Wertebereich der
Folge eine Teilmenge von M ist. Folgen in R bzw. C bezeichnen wir auch als
reelle bzw. komplexe Folgen.
Schließlich sei in den folgenden Aussagen in diesem Abschnitt (X , d ) immer
ein beliebiger metrischer Raum, wenn in den Voraussetzungen nicht explizit
etwas anderes steht.

Eine Folge (a n ) in X konvergiert gegen (oder geht gegen) a ∈ X , wenn es für Definition
alle ε > 0 ein n 0 ∈ N gibt, so dass a n ∈ Uε (a) für alle n ≥ n 0 gilt.

1 Zur Folge (1/n) siehe auch Aufgabe 6.52. Dass wir so etwas wie Division durch null einfach unter

den Tisch kehren, liegt daran, dass wir in diesem Kapitel nur daran interessiert sein werden, was „am
Ende“ der Folge passiert. Trotzdem darf man natürlich nicht durch null teilen.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


190 Folgen und Reihen

Für reelle oder komplexe Folgen wird der Abstand zweier Zahlen bekanntlich durch
den Absolutbetrag ihrer Differenz berechnet. Daher kann man für solche Folgen
die Definition auch so lesen, dass für alle ε > 0 ein n 0 ∈ N existieren muss, so dass
|a n − a| < ε für alle n ≥ n 0 gilt.

Wir schauen uns ein Beispiel an: Die reelle Folge (1/n), die man übrigens harmoni-
harmonische Folge sche Folge nennt,2 konvergiert gegen 0. Die Begründung dafür liefert Korollar 16.3.
Das besagt nämlich, dass es zu jedem vorgegebenem ε > 0 ein n 0 ∈ N+ mit 1/n 0 < ε
gibt. Für alle n mit n ≥ n 0 gilt dann |1/n − 0| = 1/n ≤ 1/n 0 < ε.

Dass der Abstand spätestens ab einem bestimmten Index n 0 kleiner als ε sein soll,
bedeutet, dass höchstens für die Indizes 0, 1, . . . , n 0 − 1 der Abstand nicht kleiner
als ε ist. Es gibt also „nur“ endlich viele Ausnahmen im Vergleich zu den unendlich
vielen Folgengliedern, für die die Aussage gilt.3 Das kann man präzisieren und
kommt dadurch zu einem Begriff, der das Konzept der Konvergenz evtl. etwas
anschaulicher beschreibt.

Definition Ist M eine unendliche Menge und P eine Eigenschaft, die Elemente von M ha-
ben oder nicht haben können,4 dann sagt man, dass fast alle Elemente von M
die Eigenschaft P haben, wenn die Menge { m ∈ M : ¬P (m) } der „Ausnahmen“
endlich ist. Entsprechend sagt man, dass fast alle Glieder einer Folge (a n )
die Eigenschaft P haben, wenn es nur endlich viele Indizes k ∈ N gibt, für die
P (a k ) nicht gilt.

Aufgabe 19.1. Welche der folgenden Aussagen sind wahr?


(i) Fast alle natürlichen Zahlen sind größer als 999 999 999.
(ii) Fast alle natürlichen Zahlen sind gerade.
(iii) Fast alle natürlichen Zahlen sind zusammengesetzte Zahlen.
(iv) Fast alle Glieder der Folge (⌊n/100⌋) sind positiv.

Mit dieser Sprechweise kann man Konvergenz auch so formulieren:

Lemma 19.1 Eine Folge (a n ) konvergiert genau dann gegen a, wenn für alle ε > 0 fast alle
Folgenglieder in Uε (a) liegen.

Für reelle Folgen heißt Konvergenz gegen a anschaulich, dass in jedem offenen
Intervall, in dessen Mitte a liegt, auch fast alle Folgenglieder liegen. Für komplexe
Zahlen gilt das entsprechend für jede offene Kreisscheibe mit Mittelpunkt a.

2 Das hat etwas mit der Harmonik in der Musik zu tun, weil die Wellenlängen der Obertöne eines

Grundtons 1/2, 1/3 und so weiter sind.


3 Die Anführungszeichen stehen dort, weil die Menge der Ausnahmen ggf. riesengroß sein kann.

Es könnte beispielsweise mehr Ausnahmen geben als es Atome im Universum gibt. Trotzdem wäre
das eine verschwindend geringe Minderheit gegenüber den unendlich vielen Elementen, die keine
Ausnahem sind.
4 Formal ist P also eine Aussageform P (x), in die man für x Elemente von M einsetzen kann.

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19. Folgen 191

Aufgabe 19.2. Konvergiert die Folge (42) gegen 42? (Mit dieser Folge ist die Funktion
gemeint, die jeder natürlichen Zahl den Funktionswert 42 zuordnet.)

Aufgabe 19.3. Konvergiert die Folge ((−1)n ) gegen 1, gegen −1 oder gegen 1 und −1?

Wenn eine Folge (a n ) in X gegen a und gegen b konvergiert, dann gilt a = b. Lemma 19.2

Beweis. Würde a ̸= b gelten, dann müsste wegen der positiven Definitheit von
Metriken d (a, b) positiv sein. Nennen wir diesen Abstand ε. Wegen der Konvergenz
gegen a liegen fast alle Folgenglieder in Uε/2 (a). Wegen der Konvergenz gegen b
liegen aber auch fast alle Folgenglieder in Uε/2 (b). Das ist aber offensichtlich ein
Widerspruch, weil diese beiden Umgebungen disjunkt sind. ■

Aufgabe 19.4. Warum sind Uε/2 (a) und Uε/2 (b) im Beweis von Lemma 19.2 disjunkt?

Wegen dieser Eindeutigkeitsaussage ergibt die folgende Definition Sinn.

Konvergiert die Folge (a n ) gegen a, so nennt man a den Grenzwert oder Limes Definition
n→∞
der Folge und schreibt a = limn→∞ a n oder a n −→ a oder einfach nur a n → a,
wenn durch den Kontext klar wird, was gemeint ist. So eine Folge nennt man
konvergent. Folgen, die nicht konvergent sind, nennt man divergent.

0 ist also z. B. der Grenzwert von (1/n) bzw. limn→∞ 1/n = 0. Folgen mit dem
Grenzwert 0 nennt man übrigens auch Nullfolgen. Dieser Begriff ist natürlich nur Nullfolge
sinnvoll in metrischen Räumen wie R oder C, in denen es eine Null gibt.

Aufgabe 19.5. Wie sehen die konvergenten Folgen in einem Raum mit der diskreten
Metrik aus?

Eine Folge in einem metrischen Raum nennen wir beschränkt, wenn ihr Definition
Wertebereich beschränkt ist.

Jede konvergente Folge ist beschränkt. Lemma 19.3

Beweis. Sei (a n ) eine Folge, die gegen a konvergiert. Dann gibt es ein n 0 ∈ N, so
dass a n ∈ U1 (a) für alle n ≥ n 0 gilt. Nach Aufgabe 11.3 hat die endliche Menge

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192 Folgen und Reihen

{ d (a n , a) : n < n 0 } ein Maximum m. Mit m ′ = max{m + 1, 1} gilt dann a n ∈ Um ′ (a)


für alle n ∈ N. ■

Aufgabe 19.6. Begründen Sie mit einem Gegenbeispiel, dass die Umkehrung von
Lemma 19.3 nicht gilt, dass es also eine beschränkte Folge gibt, die nicht konvergiert.

In der folgenden Aussage geht es um Summen, Differenzen, Produkte und Quoti-


enten von Folgen. (Erinnern Sie sich an die Definition auf Seite 87, die natürlich
auch für komplexe Zahlen Sinn ergibt. (a n +b n ) ist z. B. die Summe der Funktionen
(a n ) und (b n ).)

Lemma 19.4 Seien (a n ) und (b n ) konvergente komplexe Zahlenfolgen mit den Grenzwerten
a und b. Dann konvergieren auch die Folgen (a n + b n ), (a n − b n ) und (a n · b n ),
und zwar gegen a + b, a − b und ab. Gilt b ̸= 0, dann konvergiert auch (a n /b n ),
und zwar gegen a/b.

Beweis. Zunächst zur Summe (a n + b n ). Sei ε > 0 vorgegeben. Weil (a n ) und (b n )


konvergieren, gibt es natürliche Zahlen n a und n b mit |a n − a| < ε/2 für alle n ≥ n a
und |b n − b| < ε/2 für alle n ≥ n b . Setzt man n 0 = max{n a , n b }, dann gilt mit der
Dreiecksungleichung

|(a n + b n ) − (a + b)| ≤ |a n − a| + |b n + b| < ε/2 + ε/2 = ε

für alle n ≥ n 0 . Für die Differenz verläuft der Beweis völlig analog, wobei man
lediglich die „Dreiecksungleichung für Differenzen“, also Korollar 17.4, verwendet.

Nun zum Produkt (a n b n ). Nach Lemma 19.3 gibt es eine Schranke C > 0 mit
|a n | ≤ C für alle n ∈ N. Ist nun ε > 0 vorgegeben, so findet man wie eben ein n 0 ∈ N
mit |a n − a| < ε/(2|b|) und |b n − b| < ε/(2C ) für alle n ≥ n 0 . Damit folgt für solche n

|a n b n − ab| = |a n b n − a n b + a n b − ab| = |a n (b n − b) + (a n − a)b|


≤ |a n | · |b n − b| + |a n − a| · |b| < C · ε/(2C ) + ε/(2|b|) · |b| = ε.

Für den Quotienten ist zunächst zu beachten, dass die Sache nur funktioniert,
wenn b nicht verschwindet. Dann gibt es nach Definition der Konvergenz ein n 1
mit |b n − b| < |b|/2 für alle n ≥ n 1 . Insbesondere heißt das |b n | > |b|/2 und damit
b n ̸= 0 für alle n ≥ n 1 . Man kann also (spätestens ab n = n 1 ) gefahrlos durch b n
dividieren. Man muss nun nur noch zeigen, dass (1/b n ) gegen 1/b konvergiert.
Der Rest folgt dann durch Multiplikation mit der Folge (a n ). Dazu wähle man
sich zu vorgegebenem ε > 0 ein n 2 mit |b n − b| < ε · |b|2 /2 für alle n ≥ n 2 . Für alle
n ≥ max{n 1 , n 2 } gilt dann
¯ 1 1 ¯¯ ¯¯ b − b n ¯¯ |b − b n | ε · |b|2 /2
− ¯=¯ ¯= < = ε. ■
¯
|b|2 /2
¯
bn b bb n |b| · |b n |

Aufgabe 19.7. Begründen Sie mit Lemma 19.4, dass für eine konstante Zahl λ die
Folge (λa n ) gegen λa konvergiert, wenn (a n ) gegen a konvergiert.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


19. Folgen 193

Aufgabe 19.8. Wieso folgt im Beweis von Lemma 19.4 |b n | > |b|/2 aus |b n − b| < |b|/2?

Damit können wir nun einige weitere Beispiele für Grenzwerte angeben:
– Eine Folge wie (i + 1/n) ist die Summe der konstanten Folge (i) (die nach
Aufgabe 19.2 gegen i geht) und der harmonischen Folge, von der wir wissen,
dass sie eine Nullfolge ist. Die Summe hat daher den Grenzwert i + 0 = i.
– Die Folge (1/n 2 ) kann man als Produkt der harmonischen Folge mit sich
selbst betrachten und daher ist ihr Grenzwert 0·0 = 0. Offenbar gilt allgemein
1/n k → 0 für alle k ∈ N+ ; man muss zur Begründung dasselbe Argument
einfach mehrfach anwenden.
¡ ¢
– Für die Folge (2n + 5)/(3n + 2) kann man einen „Trick“ anwenden: man
multipliziert Zähler und Nenner mit 1/n. (Das ist legitimes Erweitern von
Brüchen und nur problematisch für den uninteressanten Fall n = 0.) Mit
Anwendung der obigen Rechenregeln erhält man
2n + 5 2n + 5 1/n 2 + 5/n 2+5·0 2
= · = −→ = .
3n + 2 3n + 2 1/n 3 + 2/n 3+2·0 3
Dabei ist zu beachten, dass wie die Regel für den Quotienten nur anwenden
durften, weil der Nenner nicht gegen null konvergierte.

Aufgabe 19.9. Berechnen Sie die Grenzwerte der Folgen


³ 3n 2 + 5n − 10 ´ ³ 3n 2 + 5n − 10 ´
(i/n)3 ,
¡ ¢
und .
3 − 4n − 6n 2 3 − 4n − 6n 3

Die beiden folgenden Lemmata sind recht unscheinbar, aber bei der Ermittlung
von Grenzwerten oft hilfreich.

Majorantenkriterium für Folgen Lemma 19.5


Seien (a n ) eine komplexe Nullfolge und (b n ) irgendeine komplexe Folge. Gibt
es eine komplexe Zahl b mit |b − b n | ≤ |a n | für fast alle n ∈ N, dann konvergiert
(b n ) gegen b.

Beweis. Sei ε > 0 vorgegeben. Dazu gibt es nach Voraussetzung ein n 0 ∈ N mit
|a n | = |a n − 0| < ε für alle n ≥ n 0 . Für solche n folgt sofort |b − b n | ≤ |a n | < ε. ■

Mithilfe des Majorantenkriteriums kann man zeigen, dass (−1/n)n eine Nullfolge
¡ ¢

ist, indem man b n = (−1/n) und a n = 1/n nimmt. Dieses Beispiel ist deshalb
anders als alle bisherigen, weil die Folgenwerte ständig das Vorzeichen wechseln
und mal auf der einen, mal auf der anderen Seite des Grenzwertes liegen. Der
Pfeil in der Grenzwertschreibweise sollte also nicht so verstanden werden, dass die
Folgenglieder sich dem Grenzwert in einer bestimmten Richtung nähern müssen.
Siehe dazu auch Aufgabe 19.10.

Aufgabe 19.10. Geben Sie den Grenzwert von (i/n)n an und beschreiben Sie das
¡ ¢

geometrische Verhalten der Folgenglieder.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


194 Folgen und Reihen

Lemma 19.6 Seien (a n ) und (b n ) konvergente reelle Folgen, für die a n ≤ b n für fast alle n ∈ N
gilt. Dann gilt limn→∞ a n ≤ limn→∞ b n .

Beweis. Wir nennen die Grenzwerte a und b. Gilt nicht a ≤ b, dann muss a > b
wegen der Trichotomie von < gelten. Insbesondere ist ε = a − b dann positiv und
es liegen fast alle Folgenglieder von (b n ) in I b = (b − ε/2, b + ε/2) und fast alle
Folgenglieder von (a n ) in I a = (a − ε/2, a + ε/2). Da aber alle Elemente von I b
kleiner als alle von I a sind, ist das ein Widerspruch zur Voraussetzung. ■

Aufgabe 19.11. Begründen Sie mit einem Gegenbeispiel, dass man in Lemma 19.6
nicht ≤ an beiden Stellen durch < ersetzen kann.

Aufgabe 19.12. Begründen Sie mithilfe von Lemma 19.6 die folgende Aussage: Kon-
vergiert eine Folge von positiven reellen Zahlen, dann ist ihr Grenzwert nicht negativ.

Wir haben in den vorherigen Kapiteln schon öfter die Wurzelfunktion verwendet
und diese auch als Beispiel dafür angeführt, dass die rationalen Zahlen „Lücken“
aufweisen. Nun können wir beweisen, dass es in den (nichtnegativen) reellen
Zahlen Wurzeln tatsächlich immer gibt.5

Satz 19.7 Ist y eine nichtnegative reelle Zahl und n ∈ N+ , dann gibt es eine eindeutig
bestimmte nichtnegative reelle Zahl x mit x n = y.

Beweis. Wir können y > 0 voraussetzen, denn für y = 0 ist die Aussage trivial. Die
Eindeutigkeit ist einfach zu begründen: Sind x 1 , x 2 ∈ [0, ∞) zwei verschiedene
Zahlen, dann gilt o. B. d. A. x 1 > x 2 und damit x 1n > x 2n wegen (ii) aus Lemma 15.3.

Um die Existenz zu beweisen, definieren wir M = { r ∈ R : r ≥ 0 ∧ r n ≤ y }. Sicher


gilt M ̸= 0, denn 0 ist ein Element von M , und zwar sogar das Minimum von M .
Außerdem ist M offensichtlich ein Intervall. Auch das folgt aus Lemma 15.3 bzw.
der Tatsache, dass R ein angeordneter Körper ist. Ferner ist M beschränkt, denn
für y > 1 gilt r n > y für r > y und für y ≤ 1 gilt r n > y für r > 1; also ist max{y, 1}
eine obere Schranke für M . Weil R sogar ein vollständig angeordneter Körper ist,
existiert x = sup M und sicher gilt x > 0.

Wir betrachten nun die Folgen (x − 1/k)k∈N und (x + 1/k)k∈N , die offenbar beide
gegen x konvergieren. Außerdem sind fast alle Folgenglieder der ersten Folge
Elemente von M und alle Folgenglieder der zweiten Folge positiv und nicht in M
enthalten. Damit folgt
¢n
y ≤ lim (x + 1/k)n = lim (x + 1/k) = x n
¡
k→∞ k→∞
¢n
= lim (x − 1/k) = lim (x − 1/k)n ≤ y
¡
k→∞ k→∞

aus den Rechenregeln (Lemma 19.4) für Grenzwerte. ■

5 In Abschnitt 17 haben wir gesehen, dass das deswegen auch für alle komplexen Zahlen gilt.

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19. Folgen 195

⋆Aufgabe 19.13. Wieso ist im Beweis von Satz 19.7 klar, dass das Supremum x von M
positiv ist?

Die eindeutig bestimmte Zahl x aus Satz 19.7 nennt man die n-te Wurzel von Definition
p p
y und schreibt dafür n y. 2 y nennt man auch die Quadratwurzel von y und
p
schreibt dafür kurz y.

p
es wichtig, dass der Ausdruck n y durch diese
Damit wir eine Funktion erhalten, ist p
Definition eindeutig bestimmt ist.6 4 ist z. B. 2 und nicht −2 oder so etwas wie
„±2“ (obwohl das Quadrat von −2 natürlich 4 ist). Außerdem kann man die Glei-
chung x n = y zwar auch für negative y lösen, wenn n ungerade ist (beispielsweise
gilt (−3)3 = −27), aber man verwendet die Wurzelschreibweise in der Regel nur für
nichtnegative y.

Insbesondere für Folgen kann man eine bestimmte Beweistechnik oft einsetzen,
deren Korrektheit wir nun begründen.

Vollständige Induktion Satz 19.8


Ist P eine Eigenschaft, die natürliche Zahlen haben oder nicht haben können,
und gilt einerseits P (0) und andererseits P (n) ⇒ P (n + 1) für alle n ∈ N, dann
gilt P (n) für alle n ∈ N.

Beweis. Wenn P (n) nicht für alle n ∈ N gilt, dann ist die Menge M = { n ∈ N : ¬P (n) }
nicht leer und hat daher nach Satz 11.1 ein kleinstes Element m. m kann wegen
P (0) nicht null sein, es muss also m > 0 gelten. Nach Definition von M gilt dann
aber P (m − 1) und nach der Voraussetzung des Satzes würde P (m), also m ∉ M
folgen. ■

In Beweisen, die das Prinzip der vollständigen Induktion aus Satz 19.8 verwenden,
bezeichnet man P (0) als den Induktionsanfang und die Implikation P (n) ⇒ P (n+1) Induktionsanfang
Induktionsschritt
als den Induktionsschritt oder Induktionsschluss, wobei der vordere Teil P (n) als
Induktionsvoraussetzung
Induktionsvoraussetzung bezeichnet wird.

Als erstes Beispiel beweisen wir, dass 5n + 3 für alle n ∈ N ein Vielfaches von 4 ist.
Die Aussageform P (n) ist in diesem Fall also 4 | 5n + 3. Der Induktionsanfang P (0)
ist die Aussage, dass 4 ein Teiler von 50 + 3 = 4 ist, und das stimmt offensichtlich.
Im Induktionsschritt müssen wir zeigen, dass 4 ein Teiler von 5n+1 + 3 ist, wenn 4
ein Teiler von 5n + 3 ist. Dafür zerlegen wir den Term in der Form

5n+1 + 3 = 5 · 5n + 3 = (4 + 1) · 5n + 3 = 4 · 5n + (5n + 3).

Nun haben wir es mit einer Summe zu tun und der erste Summand 4 · 5n ist wegen
des Faktors 4 offensichtlich durch 4 teilbar, während der zweite Term 5n + 3 nach
Induktionsvoraussetzung durch 4 teilbar ist. Daher ist auch die Summe durch 4
teilbar. Das war’s.
6Wir hatten das Thema bereits auf Seite 176.

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196 Folgen und Reihen

Aufgabe 19.14. Dass 4 | 5n + 3 für alle n ∈ N gilt, hätte man auch mit modularer Arith-
metik beweisen können. Machen Sie das bitte.

Aufgabe 19.15. Beweisen Sie mit vollständiger Induktion, dass die sogenannte gauß-
sche Summenformel
n(n + 1)
1+2+3+···+n =
2

für alle n ∈ N gilt.

⋆Aufgabe 19.16. Im Beweis von Satz 19.7 (und nicht nur dort) wird etwas behauptet,
das man eigentlich mit vollständiger Induktion beweisen müsste. Sehen Sie, was
gemeint ist?

⋆Aufgabe 19.17. Das Prinzip der vollständigen Induktion lässt sich noch allgemeiner
formulieren: Gilt

∀m ∈ N (m < n ⇒ P (m)) ⇒ P (n) (19.1)

für alle n ∈ N, dann gilt P (n) für alle n ∈ N. Können Sie das mithilfe der Wohlordnung
der natürlichen Zahlen begründen? Und warum ist diese Formulierung allgemeiner
als die von Satz 19.8?

Aufgabe 19.18. Vollständige Induktion lässt sich auch dann anwenden, wenn man
für eine Eigenschaft P beweisen will, dass P (n) nur für alle n ab einer Zahl k ∈ N gilt.
Dafür wendet man Satz 19.8 einfach auf die Aussageform P (k + n) statt auf P (n) an.
Der Induktionsanfang ist dann P (k) und im Induktionsschritt müssen wir zeigen, dass
P (n + 1) aus P (n) für alle n ≥ k folgt.7

Benutzen Sie diese Technik, um zu beweisen, dass 2n > n 2 für alle n > 4 gilt.

Aufgabe 19.19. Ein gerne verwendetes Beispiel an dieser Stelle ist der folgende „Be-
weis“ per vollständiger Induktion, dass alle Katzen dieselbe Augenfarbe haben: Wir
zeigen für alle positiven natürlichen Zahlen n, dass in jeder beliebigen Menge von
n Katzen alle dieselbe Augenfarbe haben. Für n = 1 (Induktionsanfang) ist das klar.
Wenn wir es nun mit einer Menge M von n + 1 Katzen zu tun haben, dann greifen
wir uns eine Katze k 1 ∈ M heraus und betrachten die Menge M ′ = M \ {k 1 }. Nach
Induktionsvoraussetzung haben alle Katzen in M ′ dieselbe Augenfarbe. Anschließend
greifen wir uns eine Katze k 2 ∈ M ′ heraus und betrachten die Menge {k 1 , k 2 }. Nach
Induktionsvoraussetzung haben auch k 1 und k 2 dieselbe Augenfarbe. Also hat k 1
dieselbe Augenfarbe wie k 2 und damit wie die Katzen in M ′ . Ergo haben alle Katzen
in M dieselbe Augenfarbe. Wo ist der Denkfehler?

Die folgende Abschätzung ist hilfreich, wenn man Potenzen „loswerden“ will.

Satz 19.9 Bernoullische Ungleichung


Für alle x ≥ −1 und alle n ∈ N gilt (1 + x)n ≥ 1 + nx.

7 Verwenden wir Aufgabe 19.17, dann müssen wir zeigen, dass P (n) für n ≥ k folgt, wenn P (m) für

alle m ∈ N mit k ≤ m < n gilt.

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19. Folgen 197

Beweis. Für ein festes x ≥ −1 beweisen wir die Aussage mit vollständiger Induktion
über n. Für n = 0 (Induktionsanfang) gilt sie offensichtlich. Gehen wir für den
Induktionsschritt nun also davon aus, dass sie für n gilt. Es folgt

(1 + x)n+1 = (1 + x)n (1 + x) ≥ (1 + nx)(1 + x) = 1 + (n + 1)x + nx 2


≥ 1 + (n + 1)x.

Man beachte dabei, dass die erste Ungleichung in dieser Kette nach Induktionsvo-
raussetzung gilt, dass das aber nur funktioniert, weil der Faktor 1 + x nach Voraus-
setzung nicht negativ ist. Die zweite Ungleichung ist korrekt, weil der Ausdruck
nx 2 wegen des Quadrats nie negativ ist. ■

Aufgabe 19.20. Schreiben Sie formal korrekt (als Aussageform) auf, was im Beweis
von Satz 19.9 die Eigenschaft P (n) ist, die wir mit vollständiger Induktion beweisen.

In den beiden folgenden Lemmata werden zwei sehr wichtige Klassen von Folgen
mit ihren Grenzwerten vorgestellt. Die sollten Sie auf jeden Fall kennen.

Geometrische Folge8 Lemma 19.10


Für q ∈ C mit |q| < 1 gilt limn→∞ q n = 0.

Beweis. Weil 1/|q| größer als 1 ist, ist 1/|q| − 1 größer als 0 und wir dürfen die
bernoullische Ungleichung anwenden:
³ 1 ´n ³ 1 ´n ³ 1 − |q| ´n ³ 1 − |q| ´ |q| + n(1 − |q|)
= 1+ −1 = 1+ ≥ 1+n =
|q| |q| |q| |q| |q|

Durch Bilden der Kehrwerte erhält man:

|q| |q| |q| 1


|q|n ≤ ≤ = ·
|q| + n(1 − |q|) n(1 − |q|) 1 − |q| n

Nun steht aber rechts die harmonische Folge multipliziert mit einem konstanten
Faktor, also eine Nullfolge. (Siehe Aufgabe 19.7.) Nach dem Majorantenkriterium
steht links daher auch eine Nullfolge. ■

Aufgabe 19.21. Finden Sie den Beweis dafür, dass die geometrische ¢ Folge eine Nullfol-
ge ist, umständlich? Ist es nicht klar, dass eine Folge wie (3/5)n gegen null geht, weil
¡

jedes Folgenglied kleiner als das vorherige ist? (Man nimmt in jedem Schritt 40 % vom
vorherigen Wert weg.) Geben Sie ein Beispiel für eine Folge von positiven Zahlen an,
bei der jedes Folgenglied kleiner als das vorherige ist, obwohl die Folge nicht gegen
null geht.

8 Diese Folge heißt so, weil jedes Folgenglied das geometrische Mittel seiner beiden Nachbarn

ist. Warum man wiederum diesen Mittelwert geometrisch nennt, wird in dem verlinkten Wikipedia-
Artikel anhand von Beispielen ganz gut erklärt.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


198 Folgen und Reihen

Lemma 19.11 Für k ∈ N und b ∈ (1, ∞) ist (n k /b n ) eine Nullfolge.


¡ ¢
Beweis. Offensichtlich geht die Folge (n + 1)/n gegen 1 und damit geht nach
den Rechenregeln für Grenzwerte auch (n + 1)k /n k gegen 1. Deshalb gibt es ein
¡ ¢

n 0 ∈ N, so dass alle (n + 1)k /n k < b für alle n ≥ n 0 gilt. Mit q n = (n + 1)k /(bn k ) gilt
also q n ≤ q n0 < 1 für alle n ≥ n 0 . Wir setzen C = q 1 · q 2 · · · · · q n0 −1 /b.

Sei nun ε > 0 vorgegeben. Da die geometrische Folge (q nm0 )m∈N nach Lemma 19.10
gegen null konvergiert, gibt es ein m 0 ∈ N, so dass q nm0 < ε/C für alle m ≥ m 0 gilt.
Für n ≥ n 0 + m 0 (und damit n − n 0 ≥ m 0 ) folgt dann

n k 1k 2k 3k (n − 1)k nk
= · · · · · · · ·
bn b b · 1k b · 2k b(n − 2)k b(n − 1)k
1
= · q 1 · q 2 · · · · · q n0 −1 · q n0 · q n0 +1 · · · · · q n−2 · q n−1
b
n−n
= C · q n0 · q n0 +1 · · · · · q n−2 · q n−1 ≤ C · q n0 0 < ε. ■

Lemma 19.11 besagt, dass ein Exponentialterm der Form b n immer schneller
wächst als irgendein Polynom in n. Das werden wir auch in Abschnitt 20 wieder
brauchen.
Rekursion Folgen werden häufig rekursiv definiert. Damit ist gemeint, dass man den Startwert
der Folge vorgibt und sich die weiteren Folgenglieder dadurch ergeben, dass eine
bestimmte Rechenvorschrift (allgemeiner: eine Funktion) auf den Vorgänger ange-
wandt wird. Ein einfaches, wenn auch nicht besonders spannendes Beispiel erhält
man durch a 0 = 1 und a n+1 = (n + 1)a n . Damit hat man a 1 = 1 · 1 = 1, a 2 = 2 · 1 = 2,
a 3 = 3 · 2 = 6 und so weiter. Es ergibt sich also a n = n! und das hätte man auch ohne
Rekusion gleich so hinschreiben können. Wir werden aber noch interessantere
Beispiele kennenlernen.

Aufgabe 19.22. Wie kann man die Folge, die rekursiv durch a 0 = 1 und a n+1 = a n /3
definiert ist, kürzer hinschreiben?

Der guten Ordnung halber wollen wir festhalten, dass man so etwas überhaupt
machen darf. Dafür definieren wir in Anlehnung an die Schreibweise [n] aus dem
Abschnitt über Permutationen
[n]0 [n]0 = { k ∈ N : k < n } = {0, . . . , n − 1} = { k − 1 : k ∈ [n] }.

für n ∈ N. Man beachte, dass [0]0 die leere Menge ist und allgemein |[n]0 | = n gilt.

Satz 19.12 Sei M irgendeine Menge und F eine Funktion von


[ [n]
{M 0 : n ∈ N}

nach M . Dann gibt es genau eine Funktion f von N nach M (also eine Folge
in M ) mit der Eigenschaft, dass f (n) = F ( f |[n]0 ) für alle n ∈ N gilt.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


19. Folgen 199

Beweis. Der Beweis ist im Prinzip nicht schwer, aber für sein Verständnis ist we-
sentlich, dass man mit den verwendeten Notationen und Begriffen umgehen kann,
die alle in Kapitel III eingeführt wurden.

Dass es nur eine Funktion mit dieser Eigenschaft geben kann, folgt wie üblich: Gäbe
es zwei verschiedene, z. B. f 1 und f 2 , dann gäbe es eine kleinste natürliche Zahl n
mit f 1 (n) ̸= f 2 (n). Wegen der Minimalität von n folgt dann jedoch f 1 |[n]0 = f 2 |[n]0
und damit der Widerspruch f 1 (n) = F ( f 1 |[n]0 ) = F ( f 2 |[n]0 ) = f 2 (n).

Man zeigt nun mit vollständiger Induktion, dass es für alle n ∈ N genau eine Funk-
tion f n von [n +1]0 nach M mit der Eigenschaft f n (k) = F ( f n |[k]0 ) für alle k ∈ [n +1]0
gibt: Im Induktionsanfang ist f 0 durch die Forderung f 0 (0) = F (;) eindeutig fest-
gelegt. Für den Induktionsschluss definiert man f n+1 durch f n ∪ {(n, F ( f n ))}. Dass
diese Festlegung alternativlos ist, begründet man wie im letzten Absatz.
S
Da nach Konstruktion immer f n ⊆ f n+1 gilt, ist f = n∈N f n offenbar eine Funktion
von N nach M mit den gewünschten Eigenschaften. ■

Die folgende Aussage liefert eine vereinfachte Version dieses Satzes, die für viele
Fälle ausreichend ist.

Sei M eine Menge, x ein Element von M und h eine Funktion von M nach M . Korollar 19.13
Dann ist durch die Eigenschaften a 0 = x sowie a n+1 = h(a n ) für alle n ∈ N
eindeutig eine Folge (a n ) in M bestimmt.

Beweis. Definiert man F durch F (;) = x und F (g ) = h(g (n)) für alle g ∈ M [n+1]0 , so
kann man Satz 19.12 anwenden und erhält dadurch eine Funktion f . Mit a n = f (n)
gilt dann

a 0 = f (0) = F ( f |[0]0 ) = F (;) = x und


a n+1 = f (n + 1) = F ( f |[n+1]0 ) = h( f (n)) = h(a n ). ■

⋆Aufgabe 19.23. Beweisen Sie die Eindeutigkeitsaussage aus Korollar 19.13 mithilfe
des Prinzips der vollständigen Induktion.

Hier noch zwei etwas interessantere Beispiele für rekursive Definitionen:


– Die berühmte Fibonacci-Folge wird definiert durch a 0 = 0, a 1 = 1 sowie
a n+2 = a n + a n+1 für alle n ∈ N. Hier werden also immer zwei Vorgänger für
die Berechnung des nächsten Wertes benötigt.
– Ähnlich wie im Beweis des Satzes von Euklid definieren wir p 0 = 2 und p n+1
für n ∈ N als den kleinsten Primteiler von 1 + p 0 · p 1 · · · · · p n . In diesem Fall
braucht man für die Ermittlung des nächsten Folgenglieds sogar alle bisher
berechneten Folgenwerte.

Aufgabe 19.24. Geben Sie für die Fibonacci-Folge a 6 und a 7 an.

Aufgabe 19.25. Geben Sie p 4 für das Beispiel nach der Fibonacci-Folge an.

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200 Folgen und Reihen

Aufgabe 19.26. Wie müsste die Funktion h aus Korollar 19.13 aussehen, um die Folge
a n aus Aufgabe 19.22 zu erhalten? Und wie müsste h für das Beispiel vor dieser Aufgabe
(a n = n!) aussehen?

Aufgabe 19.27. Wie müsste die Funktion F aus Satz 19.12 aussehen, um die Fibonacci-
Folge bzw. das Beispiel danach – also die Folge (p n ) – zu erhalten?

Wäre dies ein Skript für ein Studium der Mathematik, dann müsste die Reihenfolge
der behandelten Themen eine andere sein, weil man in so einem Fall darauf achtet,
nur Dinge zu verwenden, die vorher bereits definiert bzw. bewiesen wurden. Das
geschieht hier aus didaktischen Gründen nicht immer. Wir haben aber nun zu-
mindest das gesamte Handwerkszeug zusammen, um nachträglich das bekannte
Schulwissen über Potenzen und Wurzeln zusammenzufassen und zu begründen,
wieso das alles seine Richtigkeit hat. Würde man ganz sauber vorgehen, dann liefe
es folgendermaßen ab:
(i) Man definiert zunächst rekursiv für alle x ∈ R und alle n ∈ N, was x n bedeuten
soll: x 0 ist immer 1 und x n+1 steht für x n · x. Das führt zu der üblichen
Bedeutung, die wir kennen: x n ist eine Abkürzung für

|x · x {z
· · · · · x} .
n-mal

(ii) Dann setzt man fest, dass x −n für den Kehrwert von x n steht, wenn n eine
positive natürliche Zahl ist und x nicht verschwindet.
(iii) Für x ≥ 0 definiert man im nächsten Schritt x 1/n als die n-te Wurzel von x
für n ∈ N+ .
(iv) Und schließlich setzt man, ebenfalls für x ≥ 0, fest, dass x p/q für (x 1/q )p
stehen soll, wenn p und q ganze Zahlen mit q ̸= 0 sind.9

Damit ist der Ausdruck x r für alle rationalen Exponenten definiert,10 wenn x
eine nichtnegative reelle Zahl ist. Man kann nun u. a. die folgenden Rechenregeln
beweisen, die wie gesagt aus der Schule bekannt sein sollten, hier aber noch einmal
zusammengefasst werden:

Lemma 19.14 Für alle a, b ∈ [0, ∞) und alle r, s ∈ Q gelten die folgenden Aussagen:
(i) a r · a s = a r +s
(ii) a r /a s = a r −s für a ̸= 0
(iii) a r · b r = (ab)r
(iv) a r /b r = (a/b)r für b ̸= 0
(v) (a r )s = a r s

9 Dabei muss man sich überlegen, dass dieser Ausdruck wohldefiniert ist, weil es mehr als eine

Darstellung für den Bruch p/q gibt. Siehe Seite 141.


10 Beachten Sie, dass wir noch nicht wissen, was x r bedeuten soll, wenn r irrational ist. Dazu

kommen wir später.

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19. Folgen 201

Beweis. Der Beweis besteht aus vielen kleinen Schritten, die hier nicht alle vorge-
führt werden sollen. Am Anfang überzeugt man sich beispielsweise mittels voll-
ständiger Induktion, dass (i), (iii) und (v) für natürliche Zahlen r und s gelten.
Dann zeigt man, dass alle fünf Regeln auch für negative Exponenten gelten. Und
so hangelt man sich nach und nach durch. ■

Daraus ergeben sich sofort entsprechende Folgerungen für Wurzeln.

Für alle a, b ∈ [0, ∞) und alle m, n ∈ N+ gelten die folgenden Aussagen: Korollar 19.15
p
n
p
n
p
n
(i) a · b = ab
p
n
± p
n
p
n
(ii) a b = a/b für b ̸= 0
p
n mp p
(iii) a = mn a

Aufgabe 19.28. Wieso folgen die Regeln in Korollar 19.15 direkt aus denen in Lem-
ma 19.14?
p
Aufgabe 19.29. Nach Lemmap 19.14 gilt a 2 = (a 2 )1/2 = a 2·1/2 = a 1 = a. Geben Sie eine
reelle Zahl a an, für die a 2 = a nicht gilt. Wieso ist das kein Widerspruch?

Aufgabe 19.30. Berechnen Sie den Grenzwert der Folge (4n+1 + 2n )/(4n + 22n ) . Wen-
¡ ¢

den Sie dabei einen ähnlichen „Trick“ wie in Aufgabe 19.9 an.

p
Sei a > 0.11 Dann gilt n
a → 1. Lemma 19.16

p
Beweis. Wir gehen zunächst von a ≥ 1 aus. Mit x n = n a gilt dann x n − 1 ≥ 0 und wir
können die bernoullische Ungleichung anwenden:

a = x nn = (1 + x n − 1)n ≥ 1 + n(x n − 1)

Durch Umformen dieser Ungleichung erhält man x n − 1 ≤ (a − 1)/n, also geht


(x n − 1) nach Lemma 19.6 gegen
p 0 und (x n ) daher nach dem Majorantenkriterium
n
gegen 1. Für a < 1 gilt nun 1/a → 1 und der Rest folgt mit den Rechenregeln für
Wurzeln und Grenzwerte. ■

¡p
n n+1 ¢
Aufgabe 19.31. Berechnen Sie den Grenzwert der Folge 2 .

Aufgabe 19.32. In Wolfram Alpha kann man sich mit Eingaben wie

limit of (3n^3+2n-100)/(n^2-5n^3) as n to infinity

Grenzwerte berechnen lassen. Das kann man verwenden, um sich selbst Aufgaben zu
stellen oder eigene Lösungen zu überprüfen. Man sollte nur jeweils zuerst nachschau-
en, ob das System die Eingabe so verstanden hat, wie sie intendiert war.

11 Dies ist vielleicht eine gute Gelegenheit, noch einmal an Fußnote 17 von Seite 170 zu erinnern:

Durch die Angabe a > 0 ist implizit klar, dass a reell sein muss.

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202 Folgen und Reihen

Definition Sei (a n ) eine reelle Folge. Wenn es für alle C > 0 ein n 0 ∈ N mit a n ≥ C für alle
n ≥ n 0 gibt, dann sagt man, dass die Folge bestimmt gegen ∞ divergiert. Man
sagt ferner, dass eine reelle Folge (b n ) bestimmt gegen −∞ divergiert, wenn
(−b n ) bestimmt gegen ∞ divergiert.

Wenn (a n ) bestimmt gegen ∞ divergiert, dann verwendet man Schreibweisen wie


limn→∞ a n = ∞ oder a n → ∞ und sagt auch manchmal, dass die Folge gegen ∞
geht. Dabei darf jedoch nicht vergessen werden, dass erstens ∞ keine reelle Zahl
ist und dass zweitens so eine Folge nicht konvergiert und ∞ kein Grenzwert ist.

Das Standardbeispiel für eine Folge, die gegen ∞ divergiert, ist nach dem archime-
dischen Axiom die Folge (n). Und offensichtlich gilt das auch für Folgen wie (n 2 )
oder (2n ). Die Gültigkeit der folgenden Aussage sollte hoffentlich klar sein.

Lemma 19.17 Sei (a n ) eine reelle Folge, die bestimmt divergiert. Dann ist diese Folge unbe-
schränkt und (1/a n ) ist eine Nullfolge.

Aufgabe 19.33. Geben Sie ein Beispiel für eine reelle Nullfolge (a n ) an, für die (1/a n )
nicht bestimmt divergiert.12

⋆ Rekursion im Computer
Rekursion ist auch beim Programmieren eine wichtige Technik, mit der sich kom-
plexe Algorithmen häufig klarer und kürzer formulieren lassen. Das Beispiel mit
der Fakultät würde in P YTHON so aussehen:

def fact(n):
if n==0:
return 1
return n*fact(n-1)

Oder in einer Zeile so:

fact = lambda n: 1 if n==0 else n*fact(n-1)

Die beiden anderen Beispiele könnte man folgendermaßen programmieren:

fibo = lambda n: n if n<2 else fibo(n-2)+fibo(n-1)

from sympy import factorint


from math import prod
def p(n):
if n == 0:
return 2
return min(factorint(1+prod(p(k) for k in range(n))).keys())

12 (1/a ) soll definiert sein, d. h. fast alle Folgenglieder von (a ) müssen von null verschieden sein.
n n

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20. Die Landau-Notation 203

Rekursiv programmierte Algorithmen können jedoch aufgrund des höheren „Ver-


waltungsaufwands“ durch Funktionsaufrufe auch langsamer als ihre iterativen
Gegenstücke sein. Partielle Abhilfe verschaffen Compiler, die sogenannte Endre-
kursionen automatisch erkennen und auflösen. Ein Beispiel dafür ist die Program-
miersprache S CHEME.

Eine weitere Möglichkeit, rekursive Algorithmen zu beschleunigen, ist Memoisati-


on. Für die Funktion p von oben könnte das so aussehen:

from sympy import factorint as fi


from math import prod

def p(n, memo={0:2}):


if n in memo:
return memo[n]
return min(fi(1+prod(p(k,memo) for k in range(n))).keys())

20. Die Landau-Notation


In diesem kurzen Abschnitt führen wir eine Schreibweise ein, die in der Informatik
häufig benutzt wird, um die Komplexität von Algorithmen zu beschreiben. Sie
ist benannt nach dem deutschen Mathematiker Edmund Landau (obwohl sie
eigentlich von Landaus Landsmann Paul Bachmann eingeführt wurde).

Ist f eine Folge reeller Zahlen, so definieren wir Definition

O ( f ) = { g ∈ RN : Es gibt ein C > 0 mit |g (n)| ≤ C | f (n)| für fast alle n ∈ N }.

Gilt g ∈ O ( f ), so sagt man, dass g von der Ordnung f oder auch „groß-Oh“
von f ist.13

In der Informatik sind die Folgen, für die diese Notation verwendet wird, in der
Regel solche, die bestimmt gegen ∞ konvergieren, z. B. (2n ). Gilt g ∈ O ( f ), so heißt
das, dass g nicht wesentlich stärker anwächst als f , denn es gibt ja eine feste Zahl C ,
für die fast immer g (n) ≤ C f (n) gilt. Die Folgenglieder von g sind also bis auf
endliche viele Ausnahmen höchstens C -mal so groß wie die von f zum selben
Index. Entsprechend bedeutet g ∉ O ( f ), dass g deutlich schneller wächst als f .

Wenn wir in diesem Abschnitt Schreibweisen wie n 2 verwenden, dann sind Konvention
damit häufig die entsprechenden Folgen gemeint. Statt 3n 2 ∈ O (n 2 ) müsste
man eigentlich (3n 2 )n∈N ∈ O (n 2 )n∈N schreiben, aber das wäre natürlich sehr
¡ ¢

umständlich.

13 Im Englischen spricht man deshalb auch von der big O notation. Im Original war eigentlich ein

Omikron gemeint, aber im Druck ist der Unterschied in der Regel nicht zu erkennen.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


204 Folgen und Reihen

Das Beispiel 3n 2 ∈ O (n 2 ) ist korrekt, denn wir können hier C = 3 wählen. Ande-
rerseits gilt auch n 2 ∈ O (3n 2 ), weil wir in diesem Fall C = 1/3 verwenden können.
Der Sinn der Landau-Notation ist allerdings das Vereinfachen der Terme bzw. das
Weglassen „unwichtiger“ Anteile. Daher ist die erste Variante, bei der der Faktor 3
„entfernt“ wurde, die typische Verwendung dieser Schreibweise.

Satz 20.1 Seien f 1 , f 2 , g 1 , g 2 ∈ RN mit g i ∈ O ( f i ) für i = 1, 2. Dann gilt:


(i) λg 1 ∈ O ( f 1 ) für λ ∈ R
(ii) g 1 + g 2 ∈ O ( f 1 ), wenn | f 2 (n)| ≤ | f 1 (n)| für fast alle n ∈ N gilt.
(iii) g 1 g 2 ∈ O ( f 1 f 2 )
(iv) O (g 1 ) ⊆ O ( f 1 )

Beweis. Nach Voraussetzung gibt es für i = 1, 2 ein C i > 0 mit |g i (n)| ≤ C i | f i (n)| für
fast alle n ∈ N. Sicher gilt dann |λg 1 (n)| ≤ |λ|C 1 | f 1 (n)| für fast alle n und damit ist
die erste Aussage bereits bewiesen. Und wenn | f 2 (n)| ≤ | f 1 (n)| für fast alle n gilt,
dann gilt

|g 1 (n) + g 2 (n)| ≤ |g 1 (n)| + |g 2 (n)| ≤ C 1 | f 1 (n)| +C 2 | f 2 (n)|


≤ C 1 | f 1 (n)| +C 2 f 1 |(n)| ≤ (C 1 +C 2 )| f 1 (n)|

für fast alle n. Die dritte Aussage folgt mit

|g 1 (n)g 2 (n)| = |g 1 (n)||g 2 (n)| ≤ C 1 | f 1 (n)| · C 2 | f 2 (n)| = C 1C 2 | f 1 (n) f 2 (n)|.

Für die vierte Aussage sei h ∈ O (g 1 ) und dazu C > 0 mit |h(n)| ≤ C |g 1 (n)| für fast
alle n. Dann folgt natürlich |h(n)| ≤ CC 1 | f 1 (n)|. ■

Sind f und g Folgen von reellen Zahlen und ist g (n)/ f (n) definiert14 und
¡ ¢
Lemma 20.2
konvergent, dann gilt g ∈ O ( f ). Ist diese Folge sogar eine Nullfolge, dann gilt
f ∉ O (g ).
¡ ¢
Beweis. Nach Lemma 19.3 ist g (n)/ f (n) beschränkt, d. h., es gibt ein C > 0 mit
|g (n)/ f (n)| ≤ C und damit |g (n)| ≤ C | f (n)| für fast alle n ∈ N.
¡ ¢
Konvergiert die Folge g (n)/ f (n) gegen null, dann gilt für alle positiven Zahlen C
die Ungleichung |g (n)/ f (n)| < 1/C für fast alle n ∈ N. Daher kann | f (n)| ≤ C |g (n)|
nicht für fast alle n ∈ N gelten, denn das ist die Negation dieser Ungleichung. ■

Lemma 20.3 Seien k, m ∈ N und a, b ∈ (1, ∞). Dann gilt:


(i) Aus k < m folgt O (n k ) ⊂ O (n m ).
(ii) Aus a < b folgt O (a n ) ⊂ O (b n ).
(iii) O (n k ) ⊂ O (a n )

14 Damit ist gemeint, dass fast alle Folgenglieder von f von null verschieden sind, damit nicht zu

oft durch null dividiert wird.

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21. Reihen 205

Beweis. Wir verwenden jeweils die „Nullfolgen-Version“ von Lemma 20.2. (n k /n m ),


also (n k−m ), ist als Potenz der harmonischen Folge eine Nullfolge – siehe Seite 193.
(a n /b n ), also (a/b)n ist als geometrische Folge eine Nullfolge. Und (n k /a n ) ist
¡ ¢

nach Lemma 19.11 eine Nullfolge. ■

Mit den obigen Aussagen ergibt sich z. B. 5 ∈ O (n 2 ) wegen 5 = 5·n 0 und −2n ∈ O (n 2 )
und 8n 2 ∈ O (n 2 ) sowie schließlich 8n 2 − 2n + 5 ∈ O (n 2 ) für die Summe. Wie oben
bereits angedeutet ist es der „Job“ der Landau-Notation, die für das asymptotische
Wachstumsverhalten „unwichtigen“ Anteile zu entfernen. Mathematisch wäre
natürlich auch 8n 2 − 2n + 5 ∈ O (n 3 ) korrekt, aber in den Anwendungen ist man
immer an einer möglichst „scharfen“ Schranke interessiert.

Lemma 20.3 beschreibt die wesentlichen „Stufen“, die in der Informatik eine Rolle
spielen. Außer denen und deren Beziehungen untereinander, braucht man manch-
mal noch eine weitere, die wir jetzt noch nicht beweisen können, die hier aber der
Vollständigkeit halber schon einmal erwähnt sein soll: Es gilt O (loga n) ⊂ O (n) für
alle a > 0. Da außerdem O (loga n) = O (logb n) für alle a, b > 0 gilt, schreibt man in
der Regel einfach O (log n).

Aufgabe 20.1. Welche der folgenden Aussagen sind wahr?


(i) 2n+42 ∈ O (3n )
(ii) 3n ∈ O (2n+42 )
(iii) n 2 2n ∈ O (2n )
(iv) n 2 2n ∈ O (3n )
(v) (2n )2 ∈ O (2n )
(vi) n log n ∈ O (n 2 )

In Fachtexten findet man übrigens häufig Ausdrücke wie n 2 + 5n + 2 = O (n 2 ), d. h.,


statt ∈ wird = verwendet. Das ist leider didaktisch sehr unglücklich, weil es sich
nicht um eine Gleichung handelt. Wenn Sie so etwas lesen, dann sollten Sie es im
Geiste immer in die korrekte Schreibweise aus diesem Abschnitt „übersetzen“.

⋆ Die Landau-Notation im Computer


Die in diesem Skript bereits erwähnten Bibliothek S YM P Y „versteht“ auch die
Landau-Notation. Details entnehmen Sie bitte der Dokumentation.

from sympy import *


n = symbols("n")

O(8*n**2-2*n+5,(n,oo))
2**(n+42) in O(3**n,(n,oo))

21. Reihen
Reihen sind so etwas wie „unendliche Summen“, allerdings kann man den Begriff
der Summe nicht ohne Weiteres auf unendlich viele Summanden erweitern. Zur

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206 Folgen und Reihen

Erinnerung wiederholen wir zunächst die Schreibweise für endliche Summen, die
aus der Schule bekannt sein sollte.

Wir definieren rekursiv, wofür der Ausdruck nk=m a k steht, wenn m und n
P
Definition
ganze Zahlen sind und a k wie bei Folgen ein von k abhängende komplexe Zahl
sein soll: nk=m a k soll null sein, wenn n < m gilt. Anderenfalls soll nk=m a k
P P
Pn−1
den Wert a n + k=m a k haben.

Pn
k=m
a k steht also für

a m + a m+1 + a m+2 + · · · + a n ,

wobei die obige Definition im Gegensatz zu der mit Auslassungspunkten unmiss-


verständlich ist.

Beachten Sie, dass k als sogenannte Laufvariable gebunden (siehe Fußnote 15 auf
Seite 19) und daher in gewissem Sinne bedeutungslos ist. Der Wert nk=m a k ändert
P

sich nicht, wenn man stattdessen ni=m a i schreibt.


P

Zur Schreibweise ist außerdem zu sagen, dass nach wie vor „Punkt- vor Strich-
rechnung“ gilt, so dass man bei einem Ausdruck wie 8i =2 (5i ) die Klammern in
P

der Regel weglassen wird, weil die Multiplikation 5i eine höhere Priorität als die
Summe hat. Bei 8i =2 (i + 5) gilt das jedoch nicht, weil man diese Summe ohne
P

Klammern für 5 + 8i =2 i halten könnte.


P

Aufgabe 21.1. Geben Sie den Wert 5k=3 k 2 an. Gehen Sie dabei zur Wiederholung der
P

Technik der Rekursion explizit nach der obigen Definition vor.

Da es sich um ganz normale Addition handelt, kann man bekannte Rechenregeln


anwenden, zum Beispiel die im nächsten Lemma zusammengefassten.

Lemma 21.1 Für endliche Summen gelten die folgenden Rechenregeln.


n
X n
³X ´ Xn
(a k ± b k ) = ak ± bk
k=m k=m k=m
n n
λa k = λ für λ ∈ C
X X
ak
k=m k=m
n
X n
³X ´ m−1
X
ak = ak − ak für n ≥ m ≥ 0
k=m k=0 k=0
n
X n−m
X
ak = a k+m
k=m k=0

Aufgabe 21.2. Machen Sie sich anhand von Beispielen klar, was die Regeln in Lem-
ma 21.1 besagen und warum sie korrekt sind.

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21. Reihen 207

Aufgabe 21.3. Begründen Sie mit einem einfachen Gegenbeispiel, dass die erste Regel
aus Lemma 21.1 für die Multiplikation nicht stimmt, dass

n
X n
³X ´ Xn
ak bk = ak · bk
k=m k=m k=m

also im Allgemeinen nicht korrekt ist.

Für bestimmte regelmäßige Summen kann man sich das Addieren sparen, weil
eine einfache Formel für den Wert bekannt ist. Die beiden wichtigsten sind die
folgenden.

Gaußsche (bzw. arithmetische) und geometrische Summenformel Satz 21.2


Für alle n ∈ N und alle q ∈ C \ {1} gilt:
n
X n(n + 1)
k=
k=1 2
n q n+1 − 1
qk =
X
k=0 q −1

Beweis. Die erste Formel wurde bereits in Aufgabe 19.15 bewiesen. Für die zweite
setzen wir S = nk=0 q k . Dann ergibt sich
P

n
³X ´ Xn
(q − 1)S = qS − S = q k+1 − qk
k=0 k=0
n+1
+ q + · · · + q + q − q n + q n−1 + · · · + q 1 + q 0 )
n 2 1
¡
=q
= q n+1 − q 0 = q n+1 − 1.

Dabei ergibt sich die vorletzte Gleichheit, weil q 1 , q 2 und so weiter bis q n jeweils
links addiert und dann rechts wieder subtrahiert werden. Es bleiben nur zwei
Terme übrig. Dividiert man nun auf beiden Seiten durch q − 1 (was OK ist, weil
nach Voraussetzung q ̸= 1 gilt), so ist man fertig. ■

Aufgabe 21.4. Verwenden Sie Lemma 21.1 und Satz 21.2 zusammen, um die Summen
P20 P8 n
n=5 3n sowie n=3 1/2 zu berechnen.

Aufgabe 21.5. Schreiben Sie 40 + 50 + 60 + · · · + 230 mittels des Summenzeichens auf


und berechnen Sie dann diese Summe.

Aufgabe 21.6. Es gibt außer den beiden in Satz 21.2 aufgeführten noch weitere Sum-
menformeln. Wichtig ist z. B. die Faulhabersche Formel. Schauen Sie sich den zugehö-
rigen Wikipedia-Artikel an und berechnen Sie mithilfe dieser Formel 8n=1 n 2 .
P

Der Vollständigkeit halber definieren wir auch noch die analoge Schreibweise für
Produkte.

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208 Folgen und Reihen

Wir definieren rekursiv, wofür der Ausdruck nk=m a k steht, wenn m und n
Q
Definition
ganze Zahlen sind und a k wie bei Folgen ein von k abhängende komplexe Zahl
sein soll: nk=m a k soll eins sein, wenn n < m gilt. Anderenfalls soll nk=m a k
Q Q
Qn−1
den Wert a n · k=m a k haben.

Qn
k=1
k ist dann beispielsweise n!. Beachten Sie, dass bei Summen als „Startwert“
null genommen werden muss und bei Produkten eins – in beiden Fällen das
neutrale Element der jeweiligen Operation.

Q8 k
Aufgabe 21.7. Berechnen Sie k=3 k+1
.

Qn
Aufgabe 21.8. Wie muss eine Rechenregel analog zu Lemma 21.1 für k=m
λa k ausse-
hen, wenn m ≤ n gilt?

Qk n−i +1
Aufgabe 21.9. Welche andere Schreibweise für i =1 i haben Sie in diesem Skript
schon kennengelernt?

Jetzt können wir mit dem eigentlichen Thema beginnen: mit den „unendlichen
Summen“. Zunächst sollte man sich klarmachen, dass es so etwas gar nicht gibt,
wenn man es nicht definiert, weil Addition nur für zwei Summanden (und damit für
endlich viele) definiert ist. Dass eine naive Herangehensweise nicht funktioniert,
zeigt das folgende Beispiel:

1 + (−1) + 1 + (−1) + 1 + (−1) + . . . = (1 − 1) + (1 − 1) + (1 − 1) + · · · = 0


1 + (−1) + 1 + (−1) + 1 + (−1) + . . . = 1 − (1 − 1) − (1 − 1) − (1 − 1) − · · · = 1
1 + (−1) + 1 + (−1) + 1 + (−1) + . . . = (−1) + 1 + (−1) + 1 + (−1) + 1 + . . .
= −1 + (1 − 1) + (1 − 1) + (1 − 1) + · · · = −1

Was kommt denn da nun heraus? 0, 1, −1 oder etwas ganz anderes? Es sieht jeden-
falls so aus, als könne man nicht einfach „drauflos addieren“ und bekannte Regeln
wie Assoziativität und Kommutativität ins Unendliche „übersetzen“.

Sei (a k )k∈N eine komplexe Folge und m ∈ N. Für die Folge nk=m a k n∈N schrei-
¡P ¢
Definition
P∞
ben wir k=m a k und sprechen von der Reihe mit den Reihengliedern a k und
den Partialsummen nk=m a k . Wenn die Reihe (also die Folge der Partialsum-
P

men) konvergiert, so nennt man den Grenzwert den Wert bzw. die Summe
der Reihe und schreibt dafür ∞
P
a .
k=m k

P∞
a bezeichnet also einerseits die Reihe und anderseits den Wert der Reihe
k=m k
(wenn er existiert). Man kann somit sagen, dass ∞
P
a konvergiert, andererseits
k=m k
ergibt aber auch so etwas wie ∞
P
a
k=m k
= 42 Sinn. Das ist zwar theoretisch miss-
verständlich, aber historisch so gewachsen und führt erfahrungsgemäß kaum zu
Problemen.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


21. Reihen 209

Eher problematisch ist anfangs für viele, dass in der Definition zwei Folgen vor-
kommen, die man auseinanderhalten muss. Geht es beispielsweise um a k = 1/2k ,
so haben wir erstens die Folge 1, 1/2, 1/4, 1/8, . . . und zweitens die Folge

= 1,
1 + 1/2 = 3/2,
1 + 1/2 + 1/4 = 7/4,
1 + 1/2 + 1/4 + 1/8 = 15/8 und so weiter.

= 1/2k so etwas wie die „Summe“


P∞
Die Idee ist, dass k=0

1 + 1/2 + 1/4 + 1/8 + 1/16 + · · ·

darstellen soll, wobei die erste Folge die Folge der „Summanden“ (Reihenglieder)
ist, während die zweite die der „Zwischenergebnisse“ (Partialsummen) ist. Die
Begriffe stehen in Häkchen, weil es keine unendlichen Summen gibt, solange
man nur Addition hat. Erst durch das Konzept der Reihe (für das man Folgen und
Grenzwerte braucht) wird klar definiert, was damit gemeint sein soll.

Außerdem noch eine Klarstellung zum „Anfang“ einer Reihe:

Sei (a n ) eine komplexe Folge und m ∈ N. Die Reihe ∞


P
a konvergiert genau Lemma 21.3
P∞ P∞ n=m¡Pnm−1 ¢ P∞
dann, wenn n=0 a n konvergiert. Es gilt dann n=0 a n = n=0 a n + n=m a n .

Das folgt direkt aus der Definition, denn die eine Reihe ist die Folge nk=m a k , die
¡P ¢
¡Pn ¢
andere ist k=0 a k , d. h., die zweite Folge erhält man aus der ersten, indem man
zu jedem Folgenglied m−1
P
n=0 a n addiert. Für die Konvergenz ist dieses Addieren
eines konstanten Wertes egal, für den Grenzwert natürlich nicht. Außerdem kann
man sicher den „Start“ n = 0 auch durch n = 1 oder einen anderen Wert ersetzen,
wenn man das an beiden Stellen macht.

Aufgabe 21.10. Was ist mit dem Beispiel 1 + (−1) + 1 + (−1) + . . . von eben? Wie würde
man es als Reihe schreiben und was für ein Ergebnis bekommt man?

Bevor wir uns spezifischen Reihen zuwenden, machen wir uns zuerst ein paar
allgemeine Gedanken über die Konvergenz von Reihen. Dafür müssen wir noch
einmal auf Folgen eingehen.

Sei (a n ) eine Folge in einem metrischen Raum X . Ein Element x ∈ X wird Definition
Häufungspunkt von (a n ) genannt, wenn die Menge { n ∈ N : a n ∈ Uε (x) } für
alle ε > 0 unendlich ist.

Man beachte den Unterschied zur Definition des Grenzwerts. Bei Grenzwerten
müssen fast alle n in der besagten Menge liegen, bei Häufungspunkten „nur“
unendlich viele. Daher hat jede konvergente Folge genau einen Häufungspunkt,
nämlich ihren Grenzwert. Die Folgen ((−1)n ) und ((−1)n + 1/n) haben jedoch

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


210 Folgen und Reihen

beispielsweise beide zwei Häufungspunkte, nämlich 1 und −1, und die Folge (n)
hat gar keinen Häufungspunkt.

Aufgabe 21.11. Denken Sie sich eine Folge aus, die genau einen Häufungspunkt hat,
aber nicht konvergiert.

⋆Aufgabe 21.12. Schwere Knobelaufgabe: Denken Sie sich eine Folge aus, die unend-
lich viele Häufungspunkte hat. (Hinweis: Satz 16.10.)

Satz 21.4 Satz von Bolzano-Weierstraß


Jede beschränkte Folge reeller Zahlen hat einen Häufungspunkt.

Beweis. Sei (x n ) eine beschränkte Folge. Es gibt also ein Intervall [a 0 , b 0 ], in dem alle
Folgenglieder liegen. Wir teilen das Intervall in der Mitte durch c 0 = (a 0 + b 0 )/2 auf.
In mindestens einer der beiden Hälften [a 0 , c 0 ] und [c 0 , b 0 ] liegen unendlich viele
Folgenglieder.15 Diese Hälfte nennen wir [a 1 , b 1 ]. Dann teilen wir [a 1 , b 1 ] in zwei
Hälften auf und nennen eine Hälfte, in der unendlich viele Folgenglieder liegen,
[a 2 , b 2 ]. Setzen wir das fort, so erhalten wir Folgen (a n ) und (b n ). Der Prozess
könnte so anfangen wie in der folgenden Skizze.

a0 b0

a1 b1

a2 b2

a3 b3

a4 b4

Weil sie in [a 0 , b 0 ] verlaufen, sind beide Folgen beschränkt. Also existieren die
Zahlen a = supn∈N a n und b = infn∈N b n und es gilt a n ≤ a ≤ b ≤ b n für alle n ∈ N.
Offenbar muss sogar a = b gelten, denn sonst wäre b n − a n für alle n größer als
die positive Zahl b − a. Diese Zahl a ist nach Konstruktion ein Häufungspunkt der
Folge. ■

Definition Eine Folge (a n ) in einem metrischen Raum (X , d ) heißt Cauchy-Folge oder


Fundamentalfolge, wenn es für alle ε > 0 ein k ∈ N gibt, so dass d (a m , a n ) < ε
für alle m, n ≥ k gilt.

Diese Definition hat zunächst einmal nichts mit Konvergenz zu tun. Sie klingt zwar
sehr ähnlich, es kommt jedoch kein Grenzwert vor, sondern es wird lediglich gefor-
dert, dass die Folgenwerte nach und nach immer dichter beieinander liegen. Man
15 Die Formulierung ist hoffentlich einprägsam, allerdings etwas unpräzise. Unendlich ist die

Menge der Indizes, während die Menge der Folgenglieder das nicht notwendig sein muss, z. B. im
Fall einer konstanten Folge. Wenn im Folgenden von „unendlich vielen Folgengliedern“ die Rede ist,
ist das immer so zu verstehen wie hier.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


21. Reihen 211

überlegt sich leicht, dass jede konvergente Folge eine Cauchy-Folge ist. Umgekehrt
muss allerdings nicht jede Cauchy-Folge konvergieren. Ein Beispiel dafür liefert
Aufgabe 16.2 für den metrischen Raum X = Q. Es gilt aber der folgende Satz.

In den metrischen Räumen R und C konvergiert jede Cauchy-Folge. Satz 21.5

Beweis. Sei (a n ) eine beliebige Cauchy-Folge. Man wähle ein k ∈ N derart, dass
d (a m , a n ) < 1 für m, n ≥ k gilt. Insbesondere liegen dann alle Folgenglieder ab k
in U1 (a k ). Da es außer diesen nur noch endlich viele weitere gibt, ist die Folge
offenbar beschränkt.

Ist nun (a n ) speziell eine reelle Cauchy-Folge, so gibt es nach dem Satz von Bolzano-
Weierstraß einen Häufungspunkt a. Zu vorgegebenem ε > 0 findet man nun einer-
seits ein k, so dass |a m − a n | < ε/2 für alle m, n ≥ k gilt, und andererseits ein n 0 ≥ k
mit |a − a n0 | < ε/2. (k existiert, weil wir es mit einer Cauchy-Folge zu tun haben,
und n 0 gibt es, weil a ein Häufungspunkt ist.) Für n ≥ k folgt

|a − a n | ≤ |a − a n0 | + |a n0 − a n | < ε/2 + ε/2 = ε

und damit ist a der Grenzwert der Folge.

Ist (a n + ib n ) eine komplexe Cauchy-Folge, dann sind die Folgen (a n ) und (b n )


(die natürlich reell sein sollen) offenbar auch Cauchy-Folgen. Nach den vorheri-
gen Überlegungen haben sie Grenzwerte a und b. Mit einer inzwischen üblichen
Abschätzung zeigt man leicht, dass a + ib Grenzwert der komplexen Folge ist. ■

⋆Aufgabe 21.13. Vervollständigen Sie den Beweis von Satz 21.5 für komplexe Folgen.

Satz 21.5 ist eine wichtige Aussage über R, die daraus folgt, dass R vollständig
angeordnet ist. Man sagt auch, dass R als metrischer Raum vollständig ist. Führt vollständig
man die reellen Zahlen axiomatisch ein (siehe Fußnote 6 auf Seite 159), so wird
häufig als Axiom gefordert, dass R ein vollständiger metrischer Raum ist.

Die folgende Aussage ist eine direkte Übersetzung von Satz 21.5 in die Sprache der
Reihen. Das darauf folgende Korollar ist nichts weiter als der Spezialfall n = m.

Cauchy-Kriterium Korollar 21.6


Eine Reihe16 ∞ a konvergiert genau dann, wenn es für alle ε > 0 ein N ∈ N
P
Pn k=0 k
mit | k=m a k | < ε für alle n ≥ m ≥ N gibt.

Nullfolgenkriterium Korollar 21.7


Wenn ∞
P
a konvergiert, dann ist (a n ) eine Nullfolge.
k=0 k

16Wenn hier und im Folgenden nicht explizit etwas anderes steht, sind immer komplexe Reihen

gemeint.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


212 Folgen und Reihen

Das Nullfolgenkriterium kann man sich anschaulich folgendermaßen klarmachen:


Wenn die Reihe gegen die Zahl S konvergiert, dann liegen nach Definition der
Konvergenz zu vorgegebenem ε > 0 fast alle Partialsummen im Intervall (S−ε, S+ε).
Die zugehörigen Summanden (Reihenglieder) müssen dann aber auf jeden Fall
einen kleineren Betrag als 2ε haben, weil das Intervall sonst beim Übergang von
einer Partialsumme s n zur nächsten verlassen würde. Weil ε beliebig klein werden
kann, müssen auch die Beträge der Summanden beliebig klein werden.17

S −ε S +ε

S sn

Man beachte, dass Korollar 21.7 lediglich ein notwendiges, aber kein hinreichendes
harmonische Reihe Kriterium ist. Dafür schauen wir uns als wichtiges Beispiel die harmonische Reihe
P∞
n=1 1/n an. Nach einer Beweisidee von Nikolaus von Oresme aus dem 14. Jahr-
hundert betrachtet man dafür ausgewählte Partialsummen nach dem folgenden
Muster:

X1 1 1 1 1
= + = 2·
k=1 k 2 2 2
X2 1 X1 1 1 1
= + = 3·
k=1 k k=1 k 2 2
X4 1 X2 1 1 1 1 1 1
= + + ≥ 3· +2· = 4·
k=1 k k=1 k 3 4 2 4 2
X8 1 X4 1 1 1 1 1 1 1 1
= + + + + ≥ 4· +4· = 5·
k=1 k k=1 k 5 6 7 8 2 8 2
X16 1 X8 1 1 1 1 1 1 1
= + + +···+ ≥ 5· +8· = 6·
k=1 k k=1 k 9 10 16 2 16 2

Allgemein ist die 2m -te Partialsumme offenbar immer mindestens so groß wie
(m + 2)/2. Daher ist die Folge der Partialsummen unbeschränkt und die Reihe
konvergiert nicht, obwohl die Folge der Reihenglieder das Nullfolgenkriterium
erfüllt!

17 Stellen Sie sich zur Übung vor, wie die folgende Skizze im Komplexen aussehen müsste. Dort gilt

das Nullfolgenkriterium ja auch.

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21. Reihen 213

Geometrische Reihe Satz 21.8


n
Sei q ∈ C. Für |q| < 1 konvergiert ∞ −1
P
n=0 q gegen (1 − q) . Für |q| ≥ 1 divergiert
diese Reihe.

Beweis. Nach Satz 21.2 ist die Folge der Partialsummen (q n+1 − 1)/(q − 1) . Da
¡ ¢

q n+1 nach Lemma 19.10 für |q| < 1 eine Nullfolge ist, folgt sofort der erste Teil der
Behauptung. Der zweite Teil ergibt sich aus dem Nullfolgenkriterium. ■

Für q = 1/2 ergibt sich 2 als Reihenwert. Das kann man an der folgenden Skizze
ganz gut geometrisch sehen.

1/16
1/32
1/4
1/8
1

1/2

Und für q = 1/4 erhält man ∞ 4−k = 1/3. (Rechnen Sie es nach!) Das kann man
P
k=1
aus der folgenden Grafik schließen, in der jeweils eines von drei gleich großen
Quadraten (also ein Drittel) durch kräftiges Blau hervorgehoben ist.

1/16

1/4

P∞ −n
Aufgabe 21.14. Wenden Sie Satz 21.8 und Lemma 21.3 an, um n=2 3 zu berechnen.

Natürlich gibt es auch für Reihen ein paar Rechenregeln. Die einfachsten folgen
direkt aus denen für endliche Summen.

Seien (a n ) und (b n ) komplexe Folgen, λ eine komplexe Zahl und m eine natür- Lemma 21.9
liche Zahl. Dann gilt:
(i) Konvergiert ∞ n=m a n gegen a, dann konvergiert auch n=m λa n , und
P P∞

zwar gegen λa.


Ï

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214 Folgen und Reihen

(ii) Konvergieren ∞ a n und ∞


P P
P∞ n=m n=m b n gegen a bzw. b, dann konvergiert
auch n=m (a n ± b n ), und zwar gegen a ± b.

Aufgabe 21.15. Den Beweis von Lemma 21.9 erspare ich mir. Es wäre für Ihr Verständ-
nis allerdings sehr hilfreich, wenn Sie sich anhand der Definition der Reihenkonver-
genz überzeugen würden, dass das Lemma korrekt ist und dass es im Wesentlichen
aus Lemma 19.4 folgt.

(k 2 + k)−1 konvergiert gegen 1.


P∞
Lemma 21.10 Die Reihe k=1

Beweis. Es gilt

1 (k + 1) − k 1 1
= = −
k2 + k k(k + 1) k k +1
für alle k ∈ N+ und damit erhält man mit Lemma 21.9 für die Partialsummen
Xn 1 X n ³1 1 ´ ³X n 1´ Xn 1
2
= − = −
k=1 k + k k=1 k k +1 k=1 k k=1 k + 1
³ 1 1 1 1 ´ ³1 1 1 1 ´
= 1+ + +···+ + − + +···+ +
2 3 n −1 n 2 3 n n +1
1
= 1−
n +1
mit dem Grenzwert 1 für n → ∞. ■

Die beiden Reihen aus Satz 21.8 und Lemma 21.10 gehören zu den wenigen, für
die man vergleichsweise einfach Grenzwerte berechnen kann. Insbesondere die
geometrische Reihe spielt jedoch eine wichtige Rolle, weil man die Konvergenz
vieler anderer Reihen mit ihrer Hilfe beweisen kann.
Aufgabe 21.16. Berechnen Sie

X 3 X∞ 5 X∞ 2 · 4n + 3n+1
, n
und .
n=3 n + n2 n=2 2 n=0 6n

Definition Ist A ⊆ R und f : A → R, dann nennt man f monoton steigend, wenn für alle
x, y ∈ A aus x < y immer f (x) ≤ f (y) folgt. f heißt streng monoton steigend,
wenn aus x < y sogar immer f (x) < f (y) folgt. Analog werden monoton
fallend und streng monoton fallend definiert.

Jede Gerade der Form x 7→ mx+b ist streng monoton steigend, wenn (ihre Steigung)
m positiv ist, und streng monoton fallend, wenn m negativ ist. Eine konstante
Funktion wie x 7→ 42 (also eine Gerade mit der Steigung 0) ist monoton steigend
und fallend aber weder streng monoton steigend noch streng monoton fallend.
Folgen wie (n), (2n) oder (2n ) sind streng monoton steigend.

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21. Reihen 215

Aufgabe 21.17. Geben Sie eine Funktion an, die weder monoton steigend noch mo-
noton fallend ist.

Aufgabe 21.18. Welche Eigenschaft aus Kapitel 6 haben alle Funktionen, die streng
monoton steigen oder fallen?

Aufgabe 21.19. Formulieren Sie die Aussage von Aufgabe 11.2 mithilfe dieser neuen
Begriffe.

Leibniz-Kriterium Satz 21.11


n
Ist (a n ) eine monoton fallende Nullfolge,18 so konvergiert ∞
P
n=0 (−1) a n .

Beweis. Für m ≤ n gilt immer


n ³ n ´
(−1)k a k = (−1)m a m − (−1)k−m−1 a k .
X X
(21.1)
k=m k=m+1
Durch vollständige Induktion über n − m kann man damit zeigen, dass
¯Xn ¯
(−1)k a k ¯ ≤ |a m | (21.2)
¯ ¯
¯
k=m
für alle m ≤ n gilt. Mit dem Cauchy-Kriterium folgt nun sofort die Behauptung,
weil (a n ) eine Nullfolge ist. ■

Grafisch kann man sich das wie folgt vorstellen, wobei die s k die entsprechenden
Partialsummen sein sollen.
+a 0
0 s0
−a 1
0 s1 s0
+a 2
0 s1 s2
−a 3
0 s3 s2
+a 4
0 s3 s4

Aufgabe 21.20. Beim Beweis von Satz 21.11 muss man auf die Vorzeichen achten. Er
funktioniert nur, weil alle Folgenglieder a n nichtnegativ sind und daher in der großen
Klammer in (21.1) vom nichtnegativen Wert a m ein nichtnegativer Wert subtrahiert
wird. Warum können in (a n ) keine negativen Werte vorkommen?

n+1
Damit folgt sofort, dass die alternierende harmonische Reihe ∞ alternierende
P
n=1 (−1) /n im
19 harmonische Reihe
Gegensatz zur harmonischen Reihe konvergiert. Allerdings liefert uns das Leibniz-
Kriterium nicht den Grenzwert. (Man kann ihn lediglich anhand der obigen Skizze
18 Beachten Sie, dass „monoton fallend“ für komplexe Folgen keinen Sinn ergibt. (a ) muss eine
n
reelle Folge sein.
19Warum nimmt man als Exponent n + 1 statt n? Das ist nur eine Konvention, damit das erste

Reihenglied positiv ist. Ansonsten spielt das keine Rolle, weil das ja nur einer Multiplikation mit dem
konstanten Faktor −1 entspricht.

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216 Folgen und Reihen

eingrenzen, weil er offensichtlich immer zwischen zwei aufeinanderfolgenden


Partialsummen liegt, also beispielsweise zwischen 1 und 1/2.)

Die komplexe Reihe ∞


P P∞
Definition n=0 a n konvergiert absolut, wenn die Reihe n=0 |a n |
konvergiert. Eine Reihe, die konvergiert, aber nicht absolut konvergiert, wird
bedingt konvergent genannt.

Zum Beispiel konvergiert die geometrische Reihe für q = −1/2 absolut, die alter-
nierende harmonische Reihe nur bedingt. Zu beachten ist, dass man die folgende
Aussage trotz der Wortwahl in der Definition tatsächlich beweisen muss!

Lemma 21.12 Wenn eine Reihe absolut konvergiert, dann konvergiert sie.

Beweis. Wegen | nk=m a k | ≤ | nk=m |a k || (nach der Dreiecksungleichung) folgt das


P P

aus dem Cauchy-Kriterium. ■

Die (absolute) Konvergenz einer Reihe wird über die Konvergenz einer anderen
Reihe definiert. Das wirkt seltsam. Die Definition ist jedoch sinnvoll, weil absolut
konvergente Reihen viele angenehme Eigenschaften haben, die bedingt konver-
gente im Allgemeinen nicht haben. Hier gleich das erste Beispiel.

Ist σ eine Permutation von N und konvergiert ∞


P
Satz 21.13 a absolut, dann konver-
k=0 k
P∞
giert auch k=0 a σ(k) absolut und hat denselben Reihenwert.

Satz 21.14 Riemannscher Umordnungssatz


Ist ∞
P
a eine bedingt konvergente reelle Reihe, so kann man für jede reelle
k=0 k
Zahl S eine Permutation σ von N mit ∞ = S finden.20
P
a
k=0 σ(k)

Satz 21.13 besagt also, dass für absolut konvergente Reihen die „unendliche Additi-
on“ quasi kommutativ ist, und Satz 21.14 besagt, dass das für bedingt konvergente
Reihen definitiv nicht der Fall ist. Diese beiden Sätzen werden hier nicht bewie-
sen. Das Video Reihen, Riemannscher Umordnungssatz und komplex-analytische
Funktionen geht jedoch ausführlich auf diese Thematik ein.

Lemma 21.15 Majorantenkriterium für Reihen


Ist ∞
P
k=0 k
b eine konvergente reelle Reihe (die sogenannte Majorante) und gilt
|a n | ≤ b n für fast alle n ∈ N, dann konvergiert ∞
P
a absolut.
k=0 k

Beweis. Das folgt mit dem Cauchy-Kriterium und der Dreiecksungleichung aus
¯Xn ¯ ¯X n ¯
|a k |¯ ≤ ¯ bk ¯
¯ ¯ ¯ ¯
¯
k=m k=m

20 Und das ist auch für bestimmte Divergenz möglich, also für S = ∞ oder S = −∞.

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21. Reihen 217

für m ≤ n. ■

Wurzelkriterium Lemma 21.16


p
Gibt es eine Zahl q < 1, so dass n |a n | ≤ q für fast alle n ∈ N gilt, dann konver-
giert ∞
P
a absolut.
k=0 k

Beweis. Die Voraussetzung kann man auch als |a n | ≤ q n schreiben. Damit ist
P∞ n
n=0 q eine Majorante und nach Lemma 21.15 und Satz 21.8 sind wir bereits
fertig. ■

Quotientenkriterium Lemma 21.17


Gibt es eine Zahl q < 1, so dass a n ̸= 0 und |a n+1 /a n | ≤ q für fast alle n ∈ N gilt,
dann konvergiert ∞
P
k=0 k
a absolut.

Beweis. O. B. d. A. gelte die Voraussetzung für alle n ∈ N. (Siehe dazu Lemma 21.3.)
Mit vollständiger Induktion zeigt man leicht, dass dann |a n | ≤ q n |a 0 | für alle n ∈ N.
Bis auf den irrelevanten Faktor |a 0 | hat man nun dieselbe Situation wie im Beweis
des Wurzelkriteriums. ■

Die Bedingung des Wurzelkriteriums ist insbesondere dann erfüllt, wenn die Folge
¡p n
¢
|a n | gegen eine Zahl konvergiert, die kleiner als 1 ist. Sie ist jedoch nicht durch
pn
|a | < 1 für fast alle n ∈ N erfüllt. Für das Quotientenkriterium und die Folge
¡ n ¢
|a n+1 /a n | gilt dieselbe Anmerkung.

Aufgabe
¡p
n
¢ 21.21. Warum ist die Bedingung des Wurzelkriteriums erfüllt, wenn die Folge
|a n | gegen eine Zahl b < 1 konvergiert?
P∞
Aufgabe 21.22. Geben Sie ein Beispiel für eine Reihe
p n=1 a n an, die nicht konvergiert,
obwohl fast immer n |a n | < 1 gilt.
P∞ n
Aufgabe 21.23. Wenden Sie das Wurzelkriterium auf die Reihe n=1 (1/2 − 1/n) an.
P∞ 2
Aufgabe 21.24. Wenden Sie das Quotientenkriterium auf n=1 (3 + n )7−n an.

Ohne Beweis hier noch zwei Verallgemeinerungen der bereits betrachteten harmo-
nischen Reihe, von denen man schon einmal gehört haben sollte.
– Die allgemeine harmonische Reihe allgemeine
harmonische Reihe
X∞ 1

α
k=1 k

ist eine Verallgemeinerung der harmonischen Reihe. Sie konvergiert für


α ∈ (1, ∞) und sie divergiert für α ∈ [0, 1].21 Exakte Reihenwerte können nur
21 Daran sieht man auch, dass die (spezielle) harmonische Reihe in gewissem Sinne genau an der

Grenze zwischen Konvergenz und Divergenz liegt.

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218 Folgen und Reihen

in speziellen Fällen angegeben werden, z. B. π2 /6 für α = 2 oder π4 /90 für


α = 4.22 Was es bedeutet, wenn α irrational ist, haben wir noch gar nicht
geklärt. Das kommt aber noch. Lässt man für α sogar komplexe Werte zu, so
erhält man die Zeta-Funktion, um die es in der berühmten Riemannschen
Vermutung geht.
allgemeine – Die allgemeine alternierende harmonische Reihe
alternierende
harmonische Reihe X∞ (−1)k+1

k=1 kα

unterscheidet sich von der vorherigen Reihe nur durch das Vorzeichen. Sie
konvergiert absolut für α ∈ (1, ∞) und bedingt für α ∈ (0, 1]. Auch hier können
Reihenwerte nur in speziellen Fällen angegeben werden, z.B. ln 2 für α = 1
oder π2 /12 für α = 2.

Die vielleicht wichtigste Reihe überhaupt bekommt später noch ihr eigenes Kapitel.

⋆Aufgabe 21.25. Zeigen Sie mit dem Majorantenkriterium, dass die allgemeine har-
monische Reihe ∞ k −2 konvergiert. (Hinweis: Als Majorante müssen Sie eine Reihe
P
k=1
verwenden, von der Sie bereits vor Seite 217 wussten, dass sie konvergiert. So viele
gibt es davon ja nicht.)

Man beachte, dass man die Konvergenz der Reihe aus Aufgabe 21.25 nicht mithilfe
des Wurzel- oder Majorantenkriteriums beweisen kann. Die Folgen
³p
n
´ ³ (n + 1)−2 ´
n −2 und
n −2
konvergieren beide gegen 1 und daher kann es (nach Lemma 19.6) keine Zahl q < 1
geben, unterhalb derer fast alle Folgenglieder liegen. Die Kriterien sind also nur
hinreichende Bedingungen, aber keine notwendigen.

⋆ Summen, Produkte und Reihen im Computer


Es ist eine gute Übung, das Summenzeichen und das Produktzeichen in einfa-
che Funktionen in einer Programmiersprache zu übersetzen. (Machen Sie das
ruhig einmal!) Für die Praxis bietet P YTHON mit sum und prod allerdings bereits
Funktionen für das Berechnen endlicher Summen und Produkte.

from math import prod

sum(k**2 for k in range(10))


prod(k for k in range(1,10))

Die bereits mehrfach erwähnte Bibliothek S YM P Y kann auch mit Folgen und Reihen
umgehen und deren Grenzwerte berechen. Mehr dazu in Konkrete Mathematik
22 Den Wert π2 /6 hat übrigens Leonhard Euler 1734 zum ersten Mal ermittelt, nachdem die Frage

nach der Summe dieser Reihe fast hundert Jahre ungeklärt gewesen war. Diese Frage ist als Basler
Problem bekannt geworden.

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21. Reihen 219

(nicht nur) für Informatiker ab Kapitel 21. Und in Kapitel 18 wird gezeigt, wie man
mit Generatoren unendliche Folgen simulieren kann.

Die Dezimaldarstellung von Zahlen

Durch unser Wissen über Reihen können wir an dieser Stelle noch einmal gründ-
lich auf die inzwischen weltweit übliche Darstellung von Zahlen eingehen. Diese
hat sich in Indien in den ersten Jahrhunderten nach Beginn der Zeitrechnung
entwickelt und kam über den arabischen Raum nach Europa, wo sie sich erst
ab dem Spätmittelalter langsam gegen die römische Zahlschrift durchsetzte. Der
große Vorteil gegenüber allen früher verwendeten Methoden ist die konsequente
Verwendung eines Stellenwertsystems inklusive der Null. Dass dabei die Zahl 10 Stellenwertsystem
eine besondere Rolle spielt, ist hingegen ein historischer „Zufall“.23 Man hätte
auch eine andere Zahl nehmen können.

Die Grundlagen sollten Ihnen bereits vertraut sein. Eine Zeichenfolge wie 9419
steht für

9419 = 9 · 1000 + 4 · 100 + 1 · 10 + 9 · 1 = 9 · 103 + 4 · 102 + 1 · 101 + 9 · 100 .

Wir verwenden zehn verschiedene Ziffern (die Zahlzeichen 0 bis 9); die Ziffer an
der n-ten Position von rechts wird mit der Zehnerpotenz 10n−1 multipliziert und
alle Produkte werden addiert. Man nennt das ein Stellenwertsystem, weil der Wert
einer Ziffer von der Stelle abhängt, an der sie steht.

In diesem Kapitel wird es um die Nachkommastellen gehen. Diese Ergänzung


zum Dezimalsystem wurde wesentlich durch den flämischen Mathematiker Simon
Stevin im 16. Jahrhundert geprägt (obwohl seine Schreibweise noch nicht die
heutige war). Man schreibt dabei rechts hinter einem Trennzeichen weiter und die
Werte entstehen nun durch Zehnerpotenzen mit negativen Exponenten:

1 1
94.19 = 9 · 10 + 4 · 1 + 1 · +9· = 9 · 101 + 4 · 100 + 1 · 10−1 + 9 · 10−2
10 100

Ab hier wird in diesem Skript als Dezimaltrennzeichen ein Punkt verwendet, Konvention
obwohl in Deutschland das Komma üblicher ist.

Diese Entscheidung beruht auf ganz pragmatischen Gründen. Erstens sind De-
zimalpunkte in den meisten Programmiersprachen üblich und zweitens kann es
dann keine Verwechslungsgefahr mit Kommata in Mengen oder Tupeln geben. Wir
werden trotzdem von Nachkommastellen sprechen. Offensichtlich kann man sich
beim Studium dieser Stellen auf Zahlen zwischen 0 und 1 konzentrieren, weil der
ganzzahlige Anteil dann uninteressant ist.

23 Vermutlich liegt es daran, dass Menschen zehn Finger haben.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


220 Folgen und Reihen

Fangen wir mit der einfachsten Variante an. Zahlen die nur endlich viele Nachkom-
mastellen haben,24 kann man offenbar immer als Brüche darstellen, deren Nenner
eine Zehnerpotenz ist:25

9 4 1 9
0.9419 = + + +
10 100 1000 10000
9000 400 10 9 9419
= + + + =
10000 10000 10000 10000 10000
455 91
0.445 = =
1000 200
306 153
0.0306 = =
10000 5000

Umgekehrt kann man für manche Brüche durch einfaches Erweitern ihre Dezimal-
darstellung ermitteln:

3 3 · 25 75
= = = 0.75
4 4 · 25 100
17 17 · 2 34
= = = 0.0034
5000 5000 · 2 10000

Aufgabe 21.26. Für den Fall, dass Ihnen das nicht ohnehin klar ist, sollten Sie es üben,
indem Sie ein paar ausgedachte Zahlen von Hand umwandeln und dann mit einem
Taschenrechner Ihre Ergebnisse überprüfen. Beachten Sie dabei insbesondere auch
die Rolle führende Nullen wie bei den Beispielen 0.0306 und 17/5000 oben. Was
passiert mit den Dezimaldarstellung, wenn man mit Zehnerpotenzen multipliziert
oder durch sie dividiert?

Damit ist aber auch klar, dass man Zahlen, die sich nicht in diese Form bringen
kann, nicht mit endlich vielen Nachkommastellen darstellen kann. Diese Zahlen
fallen in zwei Kategorien:
– Brüche, deren Nenner in gekürzter Form außer 2 und 5 noch andere Primfak-
toren hat, denn durch Erweitern wird man diese Faktoren nicht „loswerden“
und daher im Nenner keine Zehnerpotenz erhalten.
p
– Zahlen, die gar keine Brüche sind, also irrationale Zahlen wie 2 oder π.

Wie erhält man generell für beliebige Brüche die Dezimaldarstellung? Das kann
man durch schriftliche Division erreichen. Analysieren wir das am Beispiel 3/7:

3.0000000. . . : 7 = 0.4285714 . . .
−2.8
20
24Wenn von endlich vielen Nachkommastellen gesprochen wird, dann ist das natürlich immer so

gemeint, dass es sich um endlich viele handelt, die von null verschieden sind. Theoretisch kann man
0.5 ja auch als 0.50, 0.500000 oder 0.50 schreiben.
25 Evtl. kann man noch kürzen

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


21. Reihen 221

− 14
60
− 56
40
− 35
50
− 49
10
− 7
30
− 28
2

Die erste Nachkommastelle 4 haben wir erhalten, indem wir im Prinzip 30 durch 7
dividiert haben. Wenn wir uns nicht verrechnet haben, ist 30/7 also mindestens 4,
evtl. etwas mehr (wenn es einen Rest gibt), aber weniger als 5 (denn sonst hätten
wir doch einen Fehler gemacht). Da wir eine Null „geborgt“ haben, haben wir
eigentlich herausbekommen, dass 3/7 mindestens 0.4 und auf jeden Fall weniger
als 0.5 ist. In diesem Sinne ist 4 die „richtige“ erste Nachkommastelle. Analog
sagt uns die zweite Nachkommastelle, dass 3/7 mindestens 0.42 und weniger als
0.43 ist. Und so geht es weiter. Weil dieses Vorgehen offenbar korrekt funktioniert,
muss es bei Brüchen, die sich mit endlich vielen Nachkommastellen darstellen
lassen, abbrechen. Das heißt, dass als Rest (das sind im Beispiel die blauen Zahlen)
irgendwann null herauskommt.

Was passiert bei den anderen Brüchen? Im Beispiel kommt es zu einer Wiederho-
lung. Ganz unten kommt der Rest 2 heraus, der weiter oben schon einmal vorkam.
So eine Wiederholung musste sich ergeben, weil bei der Division durch 7 außer der
Null nur sechs verschiedene Reste möglich sind. Und offenbar gilt das immer. Bei
der Division durch 23 muss es spätestens nach 22 Divisionen zu einer Wiederho-
lung gekommen sein und so weiter.26 Wir können damit festhalten, dass es in der
Dezimaldarstellung von rationalen Zahlen immer zu periodischen Wiederholun-
gen kommen wird.27 Die entsprechende Schreibweise mit einem Querstrich sollte
Ihnen aus der Schule geläufig sein; für 3/7 ist es beispielsweise 0.428571.

Aber wie genau sind „unendlich viele Nachkommastellen“ zu verstehen? Als Reihe!
Die Ziffer k an der n-ten Stelle hinter dem Komma steht wie im endlichen Fall für
k · 10−n , aber man benötigt eine Reihe, um diese Brüche alle zu addieren. Es folgen
ein paar Beispiele, die zeigen, wie das gemeint ist.

3 3 ∞ ∞
3 · 10−n = 3 10−n
X X
0.3 = + +··· =
10 100 n=1 n=1

26 Man kann das noch verfeinern und genauer vorhersagen, wann es zum ersten Mal passiert. Dazu

gibt es ein ausführliches Video von mir.


27 Damit der Satz auch für abbrechende Darstellungen stimmt, muss man Zahlen wie 0.32 als 0.320

oder 0.319 interpretieren.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


222 Folgen und Reihen

³1 ´ 1 1
= 3· −1 = 3· =
1 − 1/10 9 3
9 9 ∞ ∞
9 · 10−n = 9 10−n
X X
0.9 = + +··· =
10 100 n=1 n=1
³ 1 ´ 1
= 9· −1 = 9· = 1
1 − 1/10 9
27 27 ∞ ∞
27 · 100−n = 27 100−n
X X
0.27 = + +··· =
100 10000 n=1 n=1
³ 1 ´ 1 3
= 27 · − 1 = 27 · =
1 − 1/100 99 11
27 27 ∞ 1 X ∞ 3
27 · 100−(n+1) = 27 · 100−n =
X
0.027 = + +··· = ·
1000 100000 n=1 10 n=1 110
2 3 47
0.427 = 0.4 + 0.027 = + =
5 110 110

Daran erkennt man offenbar eine allgemeine Methode, eine Zahl der Form

0.k 1 . . . k m p 1 . . . p n

in einen Bruch umzurechnen. Der vordere Teil ist einfach die Zahl 0.k 1 . . . k m und
daraus erhält man den Bruch mit dem Zähler k 1 . . . k m und dem Nenner 10m . Der
periodische Teil hinten ist 10−m · 0.p 1 . . . p n und 0.p 1 . . . p n wiederum ist der Bruch
mit dem Zähler p 1 . . . p n und dem Nenner 10n −1. Die beiden Teilergebnisse müssen
dann nur noch addiert werden.

Am Beispiel 0.0012017 noch einmal vorgerechnet:


– Hier haben wir m = 4, k 1 . . . k 4 = 0012, n = 3 und p 1 . . . p 3 = 017.
– Der nichtperiodische Teil ist 12/104 = 3/2500.
– 0.017 ist 17/999.
– 0.0000017 ist daher 10−4 · 17/999 = 17/9990000.
– Insgesamt ergibt sich 3/2500 + 17/9990000 = 2401/1998000.

Aufgabe 21.27. Überprüfen Sie durch schriftliche Division, dass man für den Bruch
3/11 tatsächlich die Dezimaldarstellung 0.27 erhält.

Aufgabe 21.28. Wenn Sie trotz der mathematischen Herleitung nicht so richtig „glau-
ben“ können, dass 0.9 dasselbe wie 1 ist, dann schauen Sie sich das Video "Das Rätsel
des Kontinuums" an.

Aufgabe 21.29. Wenn Sie den Umgang mit unendlichen Dezimaldarstellungen üben
wollen, können Sie beispielsweise Wolfram Alpha verwenden. Gibt man dort etwa

decimal digits of 49/660


ein, dann erhält man als Antwort {{7,{4,2}},-1}. Dabei steht der erste Teil für
den nichtperiodischen Anfang, der zweite für die Periode. Hier geht es somit um
die Ziffernfolge 742. Die letzte Zahl gibt an, wie viele der Ziffern der Folge links vom
Dezimaltrennzeichen stehen. Weil die Zahl in diesem Fall negativ ist, fängt die Sequenz
erst mit einer Stelle „Verspätung“ an: es kommt also 0.0742 heraus.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


21. Reihen 223

Wie sieht es mit irrationalen Zahlen aus? Einerseits konvergiert jede Reihe der
Form ∞ −n
P
n=1 a n · 10 , wobei die a n Ziffern (also einstellige natürliche Zahlen) sind,
nach dem Wurzelkriterium, denn es gilt
p
n
p p
n
a n · 10−n = n a n /10 ≤ 9/10 ≤ 9/10

für alle n ≥ 1. Jede endliche oder unendliche Folge von Nachkommastellen reprä-
sentiert also eine reelle Zahl. Andererseits können wir jede reelle Zahl r ∈ [0, 1)
durch eine Folge von Partialsummen der Form s m = m −n
P
n=1 a n · 10 mit a n ∈ [10]0
28 −m
annähern, wobei immer s m ≤ r < s m +10 gilt. Wie man dafür rekursiv die Folge
(a n ) der Reihenglieder konstruieren müsste, wird hoffentlich durch die folgenden
Skizze deutlich.

sm s m + 10−m
10−(m+1)

Dezimaldarstellung von Zahlen Satz 21.18


Ist (a n ) eine Folge von Dezimalziffern – also von Zahlen aus [10]0 –, so konver-
giert die Reihe ∞ −n
P
n=1 a n 10 gegen eine Zahl aus dem Intervall [0, 1], für die
man

0.a 1 a 2 a 3 a 4 . . .

schreibt. Ist umgekehrt r eine Zahl aus dem Intervall [0, 1], so gibt es eine Folge
(a n ) von Dezimalziffern, so dass ∞ −n
P
n=1 a n 10 gegen r konvergiert.
Für reelle Zahlen r ≥ 1 erhält man eine entsprechende Darstellung, indem
man ⌊r ⌋ und r −⌊r ⌋ getrennt betrachtet. Für negative Zahlen r verwendet man
die Dezimaldarstellung von r mit einem Minus davor.
Eine Zahl ist genau dann rational, wenn die Ziffern in der Folge ihrer Nachkom-
mastellen sich ab einer gewissen Stelle periodisch wiederholen. Für Zahlen,
die sich in gekürzter Form als Bruch p/q ̸= 0 darstellen lassen, wobei q außer
2 und 5 keine weiteren Primfaktoren hat, gibt es zwei verschiedene Dezimal-
darstellungen.29 Für alle anderen Zahlen ist die Dezimaldarstellung eindeutig
bestimmt.

Wenn wir in Zukunft von der n-ten Nachkommastelle einer Zahl sprechen und Konvention
es sich um eine Zahl handelt, die zwei Darstellungen hat, dann soll immer die
Darstellung mit unendlich vielen Nullen gemeint sein. Die dritte Nachkomma-
stelle von 1/4 ist also beispielsweise 0 und nicht 9. Durch diese Konvention
sind für jede reelle Zahl die Nachkommastellen eindeutig bestimmt.

Aufgabe 21.30. Geben Sie die dritte Nachkommastelle von 10100 /7 an. (Hinweis: Was
passiert mit den Nachkommastellen, wenn man mit 10 oder allgemeiner mit 10n
multipliziert?)
28 Siehe die Definition auf Seite 198.
29 Siehe auch Fußnote 27.

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224 Folgen und Reihen

1000
Aufgabe 21.31. Geben Sie die dritte Nachkommastelle von 105 /7 an. (Hinweis:
Erinnern Sie sich an die modulare Arithmetik.)

Satz 21.18 gilt in entsprechend abgewandelter Form auch dann noch, wenn man
statt 10 eine andere Basis wählt. Das ist insbesondere für Computer relevant,
die im Dualsystem – also mit der Basis 2 – rechnen. Im Dualsystem ergibt sich
beispielsweise

1 1 1 1 1 1 1
= 0.00011002 = 4 + 5 + 8 + 9 + 12 + 13 + . . .
10 2 2 2 2 2 2

und es gibt dann noch weniger Zahlen als im Dezimalsystem, die sich mit end-
lich vielen Nachkommastellen darstellen lassen. (Nämlich nur die Brüche, deren
Nenner in gekürzter Form eine Zweierpotenz ist.)

Runden und Fehlerfortpflanzung


In der Praxis rechnet man oft mit ungenauen Werten. Das kann verschiedene
Gründe haben:
– Man hat Ausgangsdaten, die durch Messungen oder Schätzungen entstanden
sind. Exakte Messungen von physikalischen Größen wie Länge oder Masse
sind grundsätzlich unmöglich. Und bei Mengen von Objekten, die zu groß
zum Erfassen aller Einzelfälle sind, kann man sich nur mit Schätzungen
behelfen.
– Zahlen werden durch die Darstellung und das Rechnen im Computer unge-
nau. Das liegt daran, dass Computer nur ganz wenige Zahlen exakt darstellen
können.30
– Für viele Berechnung werden numerische Verfahren eingesetzt, die nur Nä-
herungswerte liefern. Das kann daran liegen, dass man exakte Werte gar
nicht angeben kann, aber auch daran, dass die Ermittlung derselben zu
aufwendig wäre.

In der Regel gibt es also einen „korrekten“ Wert x und ein Näherungswert, der sich
mehr oder weniger von x unterscheiden kann. Die Anführungszeichen stehen dort,
weil x typischerweise unbekannt oder nicht darstellbar ist; sonst müsste man ja
nicht mit Näherungen rechnen.

Wenn die Ausgangsdaten und die Berechnung fehlerhaft sind, dann wird auch das
Ergebnis nicht exakt sein. Taschenrechner, Computer und andere technische Gerä-
te geben jedoch eine konkrete Zahl aus, die man in so einer Situation nicht kritiklos
weitergeben darf. Sinnvoll wäre im Allgemeinen die Angabe von Fehlerschranken.
Wir werden uns allerdings nicht ausführlich mit der sogenannten Fehlerrechnung
beschäftigten. Es geht zunächst nur darum, ein Bewusstsein für „zu genaue Zahlen“
zu entwickeln.
30 Ausführlich wird das in Konkrete Mathematik (nicht nur) für Informatiker erklärt, insbesondere

in Kapitel 13 über das Format IEEE 754.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


21. Reihen 225

Nehmen wir als konkretes Beispiel an, dass Sie für eine handwerkliche Arbeit die
Fläche eines Kreises berechnen müssen. Sie messen als Radius 84 Zentimeter aus,
geben in P YTHON

from math import pi

r = 0.84
pi*r**2

ein und erhalten als Ergebnis: 2.216707776372958. Aber was heißt denn das? Die
beiden Angaben 2.216707776372 und 2.216707776373 unterscheiden sich beispiels-
weise nur um einen Quadratmikrometer. Ihre Messung stimmte aber höchstwahr-
scheinlich nur bis auf einem Zentimeter oder maximal einen Millimeter. Daher
ergibt es keinen Sinn, so viele Nachkommastellen anzugeben. Man rundet das
Ergebnis.

Wenn eine Zahl x ∈ R auf n Stellen nach dem Komma gerundet wird, dann ist Definition
damit gemeint, dass man eine Zahl x̃ angibt, die zwei Bedingungen erfüllt:
(i) In der Dezimaldarstellung von x̃ sind höchstens die ersten n Nachkom-
mastellen von null verschieden.
(ii) Der Betrag |x̃ − x| der Abweichung vom richtigen Wert ist nicht größer
als 5 · 10−(n+1) .

Ist x die Zahl 2.216707776372958 von oben und will man auf drei Stellen nach dem
Komma runden, so soll die Abweichung nicht größer als 5 · 10−4 = 0.0005 werden.
Das ist die Hälfte des Abstands zweier Zahlen in der folgenden Skizze.
x

2.21 2.211 2.212 2.213 2.214 2.215 2.216 2.217 2.218 2.219 2.22

Der gerundete Wert kann also nur 2.217 sein. Offensichtlich ist durch die obige
Definition der gerundete Wert nur dann nicht eindeutig bestimmt, wenn x genau
zwischen zwei „Kandidaten“ liegt. Will man beispielsweise x = 0.265 auf zwei
Stellen nach dem Komma runden, so sind sowohl 0.26 als auch 0.27 in Ordnung.
Es gibt dafür jedoch zwei Konventionen:
– Beim kaufmännischen Runden wird „nach oben“ gerundet. Im obigen Bei- kaufmännisches
Runden
spiel würde man sich also für 0.27 entscheiden.31
– Beim wissenschaftlichen oder mathematischen Runden wird so gerundet, mathematisches
Runden
dass die letzte Ziffer (nach dem Runden) gerade ist. Dann käme oben 0.26
heraus.

Man beachte, dass beide Konventionnen nur dann greifen, wenn es eine Wahl-
möglichkeit gibt! Im ersten Beispiel kommt immer 2.217 heraus, egal ob man
kaufmännisch oder mathematisch rundet.
31 Diese Regel wird im Allgemeinen nur für positive Zahlen angewendet.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


226 Folgen und Reihen

Der Sinn des mathematischen Rundens, das Computer typischerweise auch intern
einsetzen, ist das Vermeiden systematischer Abweichungen. Man kann sich das
anhand einer Summe wie

0.15 + 0.25 + · · · + 0.85 + 0.95

vor Augen führen. Die korrekte Summe ist 4.95. Würde man die neun Summanden
vor der Addition kaufmännisch auf eine Stelle nach dem Komma runden, so käme
man auf 5.4 und läge um 0.45 daneben, weil immer in dieselbe Richtung gerundet
wurde. Mit mathematischem Runden kommt man auf den wesentlich besseren
Wert 5.0, weil sich die Rundungsfehler größtenteils gegenseitig neutralisieren.

Aufgabe 21.32. Geben Sie den Wert von π gerundet auf drei, vier und sieben Stellen
nach dem Komma an. Geben Sie den Wert von 3/80 gerundet auf drei Stellen nach
dem Komma an.
p
Aufgabe 21.33. Warum wird man sich beim Runden von 2 niemals die Frage stellen
müssen, ob man kaufmännisch oder mathematisch runden sollte?

Aufgabe 21.34. In Aufgabe 21.32 hat man gesehen, dass beispielsweise beim Runden
auf drei Nachkommastellen die dritte Nachkommastelle des gerundeten Wertes nicht
die dritte Nachkommastelle von π war. Geben Sie ein Beispiel für eine Zahl an, bei
der nach Runden auf drei Nachkommastellen keine Nachkommastelle mehr mit dem
Original übereinstimmt.

Aufgabe 21.35. Falls Sie noch nie so richtig über Runden und Näherungswerte Gedan-
ken gemacht haben, sollten Sie sich vielleicht die Videos "Genau oder ungefähr?" und
"Wenn Zahlen zu genau sind . . . " anschauen.

Die Angabe von Nachkommastellen ist oft nicht zielführend. Bei physikalischen
Größen hängt deren Relevanz z. B. von der Maßeinheit ab. Eine Nachkommastelle
bei einer Angabe in Tonnen ist etwas ganz anderes als eine Nachkommastelle bei
einer Angabe in Gramm. Daher spricht man auch von signifikanten Stellen, die
unabhängig von solchen Skalierungen sind.

Definition Wenn eine Zahl x ∈ R>0 auf n signifikante Stellen nach dem Komma gerundet
wird, dann ist damit gemeint, dass man eine Zahl x̃ angibt, die folgenderma-
ßen konstruiert wird:
(i) Es gibt ein eindeutig bestimmtes k ∈ Z mit 0 ≤ 10k x < 1 ≤ 10k+1 x.
(ii) x̃ wird so gewählt, dass 10k x̃ der auf n Nachkommastellen gerundete
Wert von 10k x ist.
Für negative x geht man entsprechend vor. Die Konventionen für kaufmänni-
sches und mathematisches Runden sind dieselben wie oben.

Im ersten Schritt wird die erste Ziffer von x, die von null verschieden ist, direkt
hinter das Dezimaltrennzeichen verschoben. Aus x 1 = 0.000346 wird mit k = 3 z. B.
0.346 und aus x 2 = 42.81 wird mit k = −2 der Wert 0.4281. Dann wird auf Nachkom-
mastellen gerundet und anschließend die Verschiebung rückgängig gemacht. x 1

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


21. Reihen 227

auf zwei signifikante Stellen gerundet ist 0.00035, x 2 auf zwei signifikante Stellen
gerundet ist 43.

In der Regel wird so gerundet, dass man den verbleibenden Stellen „trauen“ Konvention
kann. Daher ist es üblich, „überflüssige“ Nullen auszuschreiben, wenn sie
beim Runden entstanden sind.

p x = 0.198 auf zwei Nachkommastellen gerundet 0.20 ist


Damit ist gemeint, dass
und nicht 0.2. Und 24 auf drei signifikante Stellen gerundet ist 4.90 und nicht
4.9. Mathematisch macht das zwar keinen Unterschied, aber die Signalwirkung
beim Lesen ist eine andere. Außerdem sollte man, wenn es sich um Näherungs-
werte handelt, ein anderes Zeichen als = verwenden, weil das (zumindest in der
Mathematik) für exakte Gleichheit steht. Üblich ist in so einem Fall das Symbol ≈. ≈

Ist x̃ ein Näherungswert für die Zahl x ∈ R, so bezeichnet man die Differenz Definition
x̃ − x als den absoluten Fehler von x̃.
Ist x̃ ein Näherungswert für die Zahl x ∈ R \ {0}, so bezeichnet man den Quoti-
enten (x̃ − x)/x als den relativen Fehler von x̃.

Runden auf n Nachkommastellen stellt also sicher, dass der Betrag des absoluten
Fehlers höchstens 5 · 10−n−1 ist. Runden auf signifikante Stellen sorgt hingegen
dafür, dass der relative Fehler unabhängig von der Wahl der Maßeinheit immer
gleich ist. Da es sich bei relativen Fehlern um Verhältnisse handelt, werden diese
oft in Prozent angegeben.

Zum Thema Fehlerfortpflanzung nur zwei einfache Beispiele, um deutlich zu


machen, dass auch bei fehlerfreier Rechnung einmal vorhandene Abweichungen
immer größer werden können.

Seien x und y reelle Zahlen und x̃ und ỹ Näherungswerte für diese Zahlen mit Lemma 21.19
absoluten Fehlern ∆x bzw. ∆ y und relativen Fehlern δx bzw. δ y .
Betrachtet man x̃ ± ỹ als Näherung für x ± y, so ist der Betrag des absoluten
Fehlers höchstens |∆x | + |∆ y |. Betrachtet man x̃ · ỹ als Näherung für x · y, so ist
der Betrag des relativen Fehlers höchstens |δx | + |δ y | + |δx ||δ y |. Die angegeben
Schranken lassen sich nicht verbessern, d. h., im schlimmsten Fall können die
Fehler tatsächlich so groß wie angegeben sein.

Aufgabe 21.36. Geben Sie Beispiele dafür an, wie in Lemma 21.19 die Fehler maximal
groß werden.

In der (reinen) Mathematik kommt im Gegensatz zu den Natur- und Ingenieur- Konvention
wissenschaften die Schreibweise von Zahlen mit Nachkommastellen so gut
wie nie vor. Sie sollten grundsätzlich immer Brüche verwenden, wenn dies
Ï

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


228 Folgen und Reihen

möglich ist. Schreiben Sie also beispielsweise 3/4 und nicht 0.75, weil Letzteres
einen ungenauen Wert suggeriert.

Beachten Sie, dass irrationale Zahlen ohnehin in dieser Schreibweise nicht korrekt
p
geschrieben werden können. 0.75 statt 3/4 ist nur schlechter Stil, 1.73205 statt 3
ist jedoch schlicht und einfach falsch!

⋆ Typische Fehlerfortpflanzung im Computer


Im Folgenden will ich an zwei Beispielen Probleme mit der Arithmetik im Com-
puter darstellen. Die Berechnung werden zwar in P YTHON vorgeführt, in anderen
Programmiersprachen kommt es jedoch zu denselben Ergebnissen, da Fließkom-
maarithmetik von der CPU durchgeführt wird und standardisiert ist.

from math import sqrt

x = sqrt(2)
m = 1000000
s,S = 0,0
for k in range(m):
s += x
for k in range(m):
S += s
S*x - 2*m*m

Hier wurde x · m
P ¡Pm ¢
k=1 k=1
x berechnet. Das ist dasselbe wie m 2 x 2 . Der Unterschied
zwischen beiden Werten im Computer ist jedoch größer als 45.

s0,s1 = 0,0
for k in range(0,14):
s0 += 9*10**(-k)
s1 += 9*10**(k-13)
s0,s1

Und hier wurde 13 9/10−k auf zwei verschiedene Arten (einmal „vorwärts“ und
P
k=0
einmal „rückwärts“) berechnet. Es kommen zwei unterschiedliche Ergebnisse
heraus. (Welches ist richtig?)

Die Beispiele kommen Ihnen vielleicht konstruiert vor. Das sind sie jedoch nur,
um die Probleme besonders deutlich hervorzuheben. Grundsätzlich sollten Sie
davon ausgehen, dass mit dem Computer berechnete Fließkommawerte immer
falsch sind. Exakt richtig sind sie nur in Ausnahmefällen. Daher ist es auch keine
gute Idee, solche Zahlen auf Gleichheit zu testen. Probieren Sie z. B. einmal aus,
welche Antwort Sie auf die Eingabe

6*0.1 == 0.6

erhalten. Für vertiefende Informationen zu diesem Thema siehe Fußnote 30.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


21. Reihen 229

Resümee
Folgen und Reihen spielten zwar sporadisch bereits in der Antike und im Mittelalter
eine gewisse Rolle, aber erst in der Neuzeit – unter anderem durch die Arbeiten von
Isaac Newton – rückten sie in den Mittelpunkt der mathematischen Forschung. Die
sogenannte „Epsilontik“, mit der Grenzwerte heutzutage präzise definiert werden,
geht auf Karl Weierstraß zurück, der Ende des 19. Jahrhunderts auch demonstrierte,
dass man große Teile der Analysis auf der Basis von Reihen entwickeln kann.

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VIII
Unendliche Mengen

Durch die Überlegungen zur Dezimaldarstellung irrationaler Zahlen wissen wir


nun genug, um ein wichtiges Resultat der Mengenlehre verstehen zu können.
Daher unterbrechen wir die Ausführungen zur Analysis und beschäftigen uns eine
Zeit lang mit unendlichen Mengen. Die Resultate aus diesem Kapitel werden unter
anderem in der Theoretischen Informatik (viertes Semester) benötigt, sind aber
unabhängig davon auch einfach interessant und sollten zum mathematischen
Allgemeinwissen gehören.

22. Vergleich von Mächtigkeiten


Satz 6.3 stellt einen Zusammenhang zwischen der Größe endlicher Mengen und
Funktionen zwischen ihnen her. Insbesondere ermöglicht er uns, die Mächtigkeit
zweier Mengen zu vergleichen, ohne dass wir zählen müssen. Stellen Sie sich
zwei Kinder vor, die wissen wollen, wer von ihnen mehr Legosteine hat, die aber
noch nicht zählen können. Sie könnten die Legosteine paarweise hinlegen. Dieses
Konzept übertragen wir durch die folgenden Definition auf beliebige (also auch
unendliche) Mengen.

Wenn es eine Bijektion von der Menge A auf die Menge B gibt, dann sagen wir, Definition
dass A und B gleichmächtig sind bzw. dass sie dieselbe Mächtigkeit haben.
Wir verwenden dafür die Schreibweise A B .

In Kapitel II hatten wir für endliche Mengen bereits definiert, was deren Mäch-
tigkeit sein soll. Das war einfach die Anzahl ihrer Elemente. Dieses Konzept kann
man auch auf unendliche Mengen erweitern, wenn man mit sogenannten Kardi-
nalzahlen1 arbeitet. Das werden wir jedoch nicht machen. Im Kontext unendlicher
Mengen vergleichen wir zwar Mächtigkeiten von zwei Mengen im Sinne von „gleich
groß“ oder „größer“, wir lassen jedoch offen, was die Mächtigkeit einer einzelnen
Menge für ein mathematisches Objekt sein soll.

1 Im Video Was sind Kardinalzahlen? erfahren Sie bei Interesse mehr darüber.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


232 Unendliche Mengen

Bezeichnen wir mit 2N die Menge aller geraden natürlichen Zahlen, so wird durch
n 7→ 2n offenbar eine Bijektion von N auf 2N beschrieben. Es gilt nach der obigen
Definition also N 2N und wir interpretieren die beiden Mengen als „gleich groß“,
obwohl eine von beiden eine echte Teilmenge der anderen ist. Das wirkt einerseits
paradox, wenn man zum ersten Mal damit zu tun hat, andererseits ist es sogar eine
definierende Eigenschaft unendlicher Mengen.

Aufgabe 22.1. Begründen Sie durch die Angabe einer Bijektion, dass N N+ gilt.

Aufgabe 22.2. Begründen Sie durch die Angabe einer Bijektion, dass N Z gilt.

Der folgenden Satz besagt, dass sich wie eine Äquivalenzrelation verhält.2

Lemma 22.1 Für beliebige Mengen A, B und C gilt:


(i) A A
(ii) A B ⇒B A
(iii) A B ∧B C⇒A C

Beweis. A A folgt mithilfe der Abbildung id A . Die beiden anderen Aussagen wur-
den bereits in Aufgabe 6.51 bewiesen. ■

Gibt es eine injektive Abbildung von einer endlichen Menge A in eine endliche
Menge B , so kann A offenbar nicht mehr Elemente als B haben. Auch diese Idee ver-
wenden wir für beliebige Mengen. Die Vorstellung dahinter ist, dass A zumindest
nicht „größer“ als B ist.

Definition Wenn es eine injektive Funktion von der Menge A in die Menge B gibt, dann
schreiben wir dafür A B .

Lemma 22.2 Für beliebige Mengen A, B und C gilt:


(i) A ⊆ B ⇒ A B
(ii) A A
(iii) A B ∧B C⇒A C

Beweis. Den ersten Teil beweist man wieder mit id A und der zweite folgt aus dem
ersten wegen A ⊆ A. Der dritte Teil wird wie in Lemma 22.1 mit der Komposition
der entsprechenden Funktionen bewiesen. ■

Satz 22.3 Satz von Cantor-Bernstein


Sind A und B beliebige Mengen mit A B und B A, so gilt A B.

2 Die vorsichtige Formulierung „verhält sich wie“ (statt einfach „ist“) rührt daher, dass eine Äqui-

valenzrelation immer auf einer Menge definiert ist und es eine "Menge aller Mengen" nicht gibt.
Über solche Dinge müssen wir uns hier jedoch keine Gedanken machen.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


22. Vergleich von Mächtigkeiten 233

Beweis. Wie können o. B. d. A. davon ausgehen, dass A und B disjunkt sind.3 (Ande-
renfalls betrachten wir stattdessen die Mengen A × {0} und B × {1}, die garantiert
disjunkt sind. Finden wir eine Bijektion zwischen diese beiden Mengen, dann
liefert diese uns offensichtlich eine zwischen A und B .)

Seien f und g injektive Funktionen von A nach B bzw. von B nach A. Zur Illustra-
tion der Beweisidee zeigen die beiden folgenden Skizzen Teile dieser Abbildungen
als Pfeildiagramme wie in Abschnitt 6. In der ersten Skizze (für f ) geht von je-
dem Element von A ein Pfeil aus, aber nicht jedes Element von B wird von einem
Pfeil getroffen. Auf jeden Fall zeigt jedoch auf kein Element von B mehr als eine
Pfeilspitze.

··· ··· A

··· ··· B

In der zweiten Skizze sehen wir dasselbe für die Funktion g mit vertauschten Rollen
von A und B .

··· ··· A

··· ··· B

Nun betrachten wir Ketten. Damit ist gemeint, dass von jedem Punkt in A oder B
genau ein Pfeil ausgeht. Dieser Pfeil zeigt auf einen Punkt, von dem wieder ein
Pfeil ausgeht, und so weiter. Bei jedem Punkt startet also ein „Zick-Zack-Weg“, der
zwischen den beiden Mengen hin- und her springt und nie endet. Man kann aber
evtl. auch „rückwärts“ gehen: Gibt es einen Pfeil, der auf einen Punkt zeigt, dann
geht man zum Ausgangspunkt dieses Pfeils und schaut dort wiederum, ob ein Pfeil
auf diesen Punkt zeigt. Auch das kann man fortsetzen, aber im „Rückwärtsgang“
ist es nicht mit Sicherheit so, dass der Weg nie endet, weil man bei einem Punkt
angelangen kann, auf den kein Pfeil zeigt. Die Menge aller Punkte, die man von
einem Punkt aus erreicht, wird dann Kette genannt. Die folgende Skizze zeigt ein
Beispiel. Und wenn wir davon ausgehen, dass auf den hervorgehobenen Punkt
kein Pfeil zeigt, dann hat diese Kette einen definitiven Anfang.

··· ··· A

··· ··· B

Ketten müssen aber keinen Anfang haben. Wir können uns vorstellen, dass man
nicht nur immer weiter nach „vorne“, sondern auch beliebig weit „rückwärts“
gehen kann. Das soll durch die Auslassungspunkte in der folgenden Skizze ange-
deutet werden.
3 Das ist gar nicht unbedingt nötig, erleichtert allerdings die Vorstellung und die Visualisierung.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


234 Unendliche Mengen

··· ··· A

··· ··· B

Und auch „Schleifen“, die zum Ausgangspunkt zurückkehren sind denkbar. Das
sind ebenfalls Ketten ohne Anfang. Das einfachste Beispiel ist eine Schleife aus nur
zwei Punkten wie in der folgenden Grafik.

··· ··· A

··· ··· B

Es sollte jedenfalls das Folgende klar sein: Erstens liegt jeder Punkt aus A ∪ B auf
einer Kette, weil von ihm auf jeden Fall ein Pfeil ausgeht. Zweitens liegt kein Punkt
auf mehr als einer Kette, denn von jedem Punkt geht nur ein Pfeil aus und bei
jedem Punkt kommt höchstens ein Pfeil an. Ebenso gehört auch jeder Pfeil zu
genau einer Kette.

Ketten, die einen Anfangspunkt haben, der in B liegt, nennen wir B -Ketten. Die
folgende Skizze zeigt dafür ein Beispiel. Alle vorher gezeigten Ketten sind damit
keine B -Ketten, denn sie haben entweder keinen Anfangspunkt oder dieser liegt in
der Menge A.

··· ··· A

··· ··· B

Nun definieren wir die folgende Funktion:



 A →( B


h: g −1 (x) x liegt auf einer B -Kette

 x →
7
 f (x) x liegt nicht auf einer B -Kette

In der letzten Skizze würden wir also von den A-Punkten auf der Kette aus jeweils
den hellen Pfeilen in umgekehrter Richtung folgen. In den Skizzen davor würden
wir hingegen den dunklen Pfeilen vorwärts folgen.

h ist damit eine bijektive Funktion von A auf B . Zunächst einmal ist h überhaupt
sinnvoll definiert: f (x) existiert ohnehin für jedes x ∈ A und g −1 (x) existiert zu-
mindest für x ∈ A, das auf einer B -Kette liegt, denn so eine Kette fängt nicht im
Punkt x an. Dass h injektiv ist, folgt aus den obigen Überlegungen über Ketten.
Es fehlt nur noch die Surjektivität: Ist y ∈ B ein Punkt auf einer B -Kette, dann gilt
nach Definition h(g (y)) = y. Liegt y ∈ B nicht auf einer B -Kette, dann ist y nicht
der Anfangspunkt der Kette und es gibt einen f -Pfeil, der auf y zeigt.4 ■
4 Die hier gezeigte Beweisidee stammt übrigens von dem ungarischen Mathematiker Julius König.

Weitere Beweise und mehr über den historischen Hintergrund im Video "Der Satz von Cantor-
Bernstein".

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


23. Abzählbare Mengen 235

Während sich wie eine Äquivalenzrelation verhält, verhält sich also wie eine
Halbordnung, wenn man als Gleichheit interpretiert.5 Man kann A B und
A B auch als |A| = |B | bzw. |A| ≤ |B | verstehen. Das ist zwar korrekt, aber im
Rahmen dieses Skripts wissen wir nicht, was mit |A| gemeint sein soll, wenn A
unendlich ist. (Siehe die Bemerkung auf Seite 231.)

Aufgabe 22.3. Mit dem Satz von Cantor-Bernstein kann man ohne großen Aufwand
zeigen, dass die Intervalle A = (0, 1) und B = [0, 1] gleichmächtig sind. Haben Sie eine
Idee, welche Funktionen man nehmen könnte?

⋆Aufgabe 22.4. Können Sie eine Bijektion von B = [0, 1] auf A = (0, 1) explizit angeben?

Aufgabe 22.5. Geben Sie für die Lösung von Aufgabe 22.3 an, ob die Zahlen 1/2 und
3/8 als Elemente von A auf einer B -Kette (im Sinne des Beweise von Satz 22.3) liegen.

23. Abzählbare Mengen


Wir sind bisher immer von einer intuitiven Vorstellung von „endlich“ ausgegangen.
Für die folgenden Überlegungen ist es jedoch sinnvoll, das zu präzisieren.

Wir nennen eine Menge A endlich, wenn es eine natürliche Zahl n mit A [n] Definition
gibt. Eine Menge, die nicht endlich ist, wird unendlich genannt.

Aufgabe 23.1. Verständnisfrage: Ist nach der obigen Definition die leere Menge end-
lich? Begründen Sie Ihre Antwort.

N ist offenbar unendlich, denn wenn es eine Zahl n ∈ N mit N [n] gäbe, dann
könnten wir mit einem Algorithmus wie in Aufgabe 11.3 das größte Element M von
N ermitteln. Aber das kann es nicht geben, denn M + 1 ist ja ebenfalls ein Element
von N. Man kann aber noch mehr über N aussagen:

N ist die „kleinste“ unendliche Menge in dem Sinne, dass N A für jede un- Lemma 23.1
endliche Menge A gilt.

Beweis. Sei A eine beliebige unendliche Menge. Wir definieren rekursiv eine injekti-
ve Folge (a n ) von Elementen von A: a 0 sei irgendein Element von A. (Es muss eins
geben, weil A nach Aufgabe 23.1 nicht leer ist.) Sind a 0 bis a n−1 bereits definiert, so
ist A n = {a 0 , . . . , a n−1 } offenbar eine Menge mit A n [n]. Da A unendlich ist, muss
A ̸= A n gelten. Also gibt es ein Element a n ∈ A \ A n . ■

5 Eine naheliegende Frage ist übrigens, ob diese „Halbordnung“ total in dem Sinne ist, dass für

zwei Mengen A und B immer mindestens eine der beiden Aussagen A B oder B A gilt. Die
Antwort hängt vom sogenannten Auswahlaxiom ab. Siehe dazu das Video Das (berühmt-berüchtigte)
Auswahlaxiom.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


236 Unendliche Mengen

Definition Eine Menge, die endlich ist oder dieselbe Mächtigkeit wie N hat, wird abzähl-
bar genannt. Abzählbare Mengen, die nicht endlich sind, werden abzählbar
unendlich genannt.

Diese Bezeichnung rührt daher, dass man die Elemente einer abzählbaren Mengen
mithilfe einer entsprechenden Bijektion der Reihe nach „abzählen“ kann: das
erste, das zweite, das dritte und so weiter. Nach Aufgabe 22.2 ist beispielsweise Z
abzählbar.

Lemma 23.2 Jede Teilmenge einer abzählbaren Menge ist abzählbar.

Beweis. Sei A abzählbar. Dann gibt es eine injektive Abbildung von A nach N.
(Entweder gilt A N oder A [n] für ein n ∈ N. Im zweiten Fall kann man die
Bijektion von A nach [n] als Injektion6 von A nach N nehmen.)

Sei nun B eine Teilmenge von A. Die Restriktion auf B der Injektion aus dem letzten
Absatz ist dann eine Injektion von B nach N. O. B. d. A. sei B unendlich (denn sonst
gibt es nichts mehr zu zeigen). Nach Lemma 23.1 gibt es eine Injektion von N
nach B . Nach Satz 22.3 folgt N B . ■

Will man nun von einer Menge A zeigen, dass sie abzählbar ist, so reicht es nach
diesem Lemma, eine injektive Abbildung f von A in irgendeine abzählbare Men-
ge B anzugeben. A hat dann nämlich dieselbe Mächtigkeit wie die Teilmenge f [A]
von B .

Satz 23.3 Q+ = { q ∈ Q : q > 0 } und N × N sind abzählbar.

Beweis. Eine Abbildung von N × N nach N erhalten wir, indem wir jedes Paar (m, n)
auf 2m 3n abbilden.7 Injektiv ist diese Funktion nach dem Fundamentalsatz der
Arithmetik. Und eine injektive Abbildung von Q+ nach N × N erhalten wir, indem
wir jeden Bruch p/q (in gekürzter Form) auf das Paar (p, q) abbilden. ■

Obwohl wir sie wegen der Verwendung des Satzes von Cantor-Bernstein nicht
benötigten, ist es doch ganz sinnvoll, sich Cantors ursprüngliche Beweisidee anzu-
schauen, weil man sie häufig gut gebrauchen kann. Dazu stellt man sich zunächst
alle positiven Brüche in einer Tabelle wie der folgenden vor.
1 2 3 4 5 6 ···
1 1/1 1/2 1/3 1/4 1/5 1/6 ···
2 2/1 2/2 2/3 2/4 2/5 2/6 ···
3 3/1 3/2 3/3 3/4 3/5 3/6 ···
4 4/1 4/2 4/3 4/4 4/5 4/6 ···
.. .. .. .. .. .. .. ..
. . . . . . . .

Injektion 6 Injektion ist einfach ein anderes Wort für injektive Funktion.
7 Auf derselben Idee basiert die Technik der sogenannten Gödelisierung.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


23. Abzählbare Mengen 237

In der m-ten Zeile stehen die Brüche mit dem Zähler m, in der n-ten Spalte die
Brüche mit dem Nenner n. Damit wirklich alle Brüche in der Tabelle zu finden
sind, muss diese natürlich unendlich viele Zeilen und unendlich viele Spalten
haben. Dass hat zur Folge, dass man die Tabelle nicht zeilen- oder spaltenweise
durchgehen kann, denn bereits mit dem Abzählen aller Einträge der ersten Zeile
oder Spalte würde man niemals fertig werden.

Cantors clevere Idee bestand darin, stattdessen die Tabelle quasi um 45 Grad zu
drehen und sich die Diagonalen der Reihe nach vorzunehmen. Die werden zwar
immer länger, haben aber jede für sich nur eine endliche Länge, so dass nach und
nach alle drankommen. Die Reihenfolge sieht wie folgt aus.

1
2 3
4 5 6
7 8 9 10
11 12 13 14 15
16 17 18 19 20 21

Für die Tabelle der Brüche würde das mit

1/1 2/1 1/2 3/1 2/2 1/3 4/1 3/2 2/3 1/4 5/1 ...

anfangen. Um daraus eine bijektive Funktion von N nach Q+ zu machen, muss


man gewissermaßen Buch führen und bereits „gesehene“ Brüche überspringen.
(Beispielsweise würde 2/2 gestrichen werden, weil vorher bereits 1/1 vorkam.)
Alternativ kann man die obige Reihenfolge verwenden, um daraus eine injektive
Abbildung von Q+ nach N zu konstruieren: 1/1 wird beispielsweise auf 1 abgebildet,
1/3 auf 6, 4/3 auf 18 und so weiter.

⋆Aufgabe 23.2. Schreiben Sie eine Rechenvorschrift für die eben angedeutete injektive
Abbildung von Q+ nach N auf.

Q ist abzählbar. Korollar 23.4

Beweis. Sei f eine bijektive Abbildung von N+ auf Q+ . (Siehe Aufgabe 22.1.) Durch

 f (n) n>0


n 7→ 0 n=0


− f (−n) n < 0

wird dann eine Bijektion von der abzählbaren Menge Z auf Q definiert. ■

Ist A abzählbar, dann ist A n für alle n ∈ N abzählbar.8 Korollar 23.5

8 Mit A 1 ist natürlich A gemeint – oder etwas formaler { (a) : a ∈ A } – und mit A 0 die Menge, die als

einziges Element das leere Tupel (siehe Aufgabe 3.18) enthält.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


238 Unendliche Mengen

Beweis. Dass A 0 und A 1 abzählbar sind, ist klar. Sei nun f eine Injektion von A nach
N und g eine Bijektion von N × N auf N. Durch (a 1 , a 2 ) 7→ g ( f (a 1 ), f (a 2 )) wird dann
eine Injektion von A 2 = A × A nach N definiert. Für A 3 zeigt man anschließend
die Abzählbarkeit, indem man die Bijektion (a 1 , (a 2 , a3)) 7→ (a 1 , a 2 , a 3 ) von A × A 2
auf A 3 verwendet.9 Induktiv folgt die Behauptung dann für A 4 und so weiter. ■

Sind die Mengen A n für n ∈ N alle abzählbar, dann ist auch


S
Satz 23.6 n∈N A n abzählbar.

Beweis. Nach Voraussetzung gibt es für alle n ∈ N eine Injektion f n von A n auf N.
Für a ∈ A = n∈N A n sei n a = min{ n ∈ N : a ∈ A n }. Durch a 7→ (n a , f n a (a)) wird
S

dann eine injektive Funktion von A nach N × N definiert. ■

Man beachte, dass Satz 23.6 insbesondere auch für die Vereinigung von endlich
vielen Mengen gilt, weil es ja nicht verboten ist, dass fast alle A n leer sind.

A n abzählbar.
S
Korollar 23.7 Ist A abzählbar, dann ist n∈N

Korollar 23.7 ist u. a. für die Theoretische Informatik interessant, weil daraus folgt,
dass es „nur“ abzählbar viele (endliche) Zeichenketten gibt, wenn man einen endli-
chen (oder sogar einen abzählbar unendlichen) Zeichenvorrat hat. Ist U beispiels-
weise die (endliche) Menge aller Unicode-Zeichen, so kann man die Menge aller
Strings, die sich mit diesen Zeichen darstellen lassen, mit n∈N U n identifizieren.
S

Aufgabe 23.3. Begründen Sie, warum P abzählbar unendlich ist.

Aufgabe 23.4. Begründen Sie, warum die Menge aller Polynomfunktionen über Q
abzählbar ist. (Hinweis: Ein Polynom vom Grad n wird durch die Angabe von n + 1
Koeffizienten eindeutig beschrieben.)

⋆Aufgabe 23.5. Begründen Sie die folgende Aussage: Ist A abzählbar, dann ist

P <∞ (A) P <∞ (A) = { Y ∈ P (A) : Y ist endlich }

ebenfalls abzählbar.

24. Überabzählbare Mengen


Durch den letzten Abschnitt könnte man den Eindruck gewinnen, alle Mengen
seien abzählbar. Dem ist aber nicht so, wie das folgende berühmte Resultat von
Georg Cantor zeigt.

Satz 24.1 Das Intervall (0, 1) ist nicht abzählbar.

9 Dabei nutzt man aus, dass A 2 schon als abzählbar bekannt ist und dass wir im letzten Schritt

eigentlich bewiesen haben, dass A × B abzählbar ist, wenn A und B abzählbar sind. (Denn man hätte
a 1 und a 2 auch in unterschiedliche Injektionen einsetzen können.)

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


24. Überabzählbare Mengen 239

Beweis. Während es bisher immer ausreichte, eine spezifische Bijektion oder In-
jektion anzugeben, müssen wir nun beweisen, dass es keine Bijektion von N+
auf (0, 1) geben kann.10 Das machen wir mit einem Widerspruchsbeweis, indem
wir annehmen, es gäbe so eine Bijektion f . Wir bezeichnen dann mit a n die n-te
Nachkommastelle von f (n). Und definieren die Folge (b n ) durch b n = 4, wenn
a n = 5 gilt, und b n = 5 für alle anderen Fälle. Die Zahl b = ∞ −n
P
n=1 b n 10 liegt dann
im Intervall (0, 1), aber nicht im Wertebereich von f , denn für alle n ∈ N unter-
scheiden sich nach Konstruktion die n-te Nachkommastelle von f (n) und die n-te
Nachkommastelle von b. f ist also nicht surjektiv. ■

Cantors wesentliche Idee bei der Konstruktion von b nennt man inzwischen ein
Diagonalargument und dieselbe Technik wurde später auch in anderen mathema- Diagonalargument
tischen Beweisen eingesetzt. Die folgende Tabelle illustriert die Vorgehensweise an
einem Beispiel. Die unterstrichenen Ziffern sind die relevanten Nachkommastellen.
b würde in diesem Fall mit 0.5454455 . . . anfangen.

f (1) 2/3 0.66666666666666. . .


f (2) 1/4 0.25000000000000. . .
f (3) 1/2 0.50000000000000. . .
f (4) π−3 0.14159265358979. . .
f (5) 1/7 0.14285714285714. . .
p
f (6) 5−2 0.23606797749979. . .
f (7) π2 − 9 0.86960440108936. . .
..
.

Mengen, die nicht abzählbar sind, nennt man überabzählbar. Definition

Jede Obermenge einer überabzählbaren Menge ist überabzählbar. Lemma 24.2

Beweis. Sei A überabzählbar und B ⊇ A. Wäre B nicht überabzählbar, so wäre A


nach Lemma 23.2 abzählbar. ■

Jedes echte Intervall ist überabzählbar. Insbesondere ist R überabzählbar. Korollar 24.3

Beweis. Sind a und b reelle Zahlen mit a < b, so ist x 7→ (b − a)x + a eine Bijektion
von (0, 1) auf (a, b). Alle Intervalle von diesem Typ sind damit nach Satz 24.1 über-
abzählbar. Nach Lemma 24.2 gilt die Aussage auch für unbeschränkte Intervalle
oder solche mit eckigen statt runden Klammern. ■

Es gilt sogar eine noch stärkere Aussage:

10 Aus technischen Gründen nehmen wir N+ statt N. Nach Aufgabe 22.1 ist das OK.

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240 Unendliche Mengen

Satz 24.4 Alle echten Intervalle haben dieselbe Mächtigkeit.

Beweis. Nach Aufgabe 22.3 haben (0, 1) und [0, 1] dieselbe Mächtigkeit. Daher müs-
sen offensichtlich auch [0, 1) und (0, 1] diese Mächtigkeit haben. Mit der im Beweis
von Korollar 24.3 angegebenen Bijektion folgt dann, dass alle beschränkten echten
Intervalle dieselbe Mächtigkeit haben. Um auch noch die unbeschränkten Inter-
valle ins Boot zu holen, reicht eine Injektion von R in ein beschränktes Intervall.11
Dafür kann man beispielsweise so vorgehen:


 R → (−1, 1)

 
0 x =0



 


:

(x + 1)/2 x ∈ (0, 1)

 x 7→






(x − 1)/2 x ∈ (−1, 0)

(2x)−1

x ∉ (−1, 1)
 

Dass diese Funktion tatsächlich injektiv und ihr Wertebereich (eine Teilmenge von)
(−1, 1) ist, kann man mit den Rechenregeln aus Lemma 15.3 nachweisen.12 ■

Aufgabe 24.1. Begründen Sie, warum die Menge R \ Q aller irrationalen Zahlen über-
abzählbar ist.

Satz 24.5 Satz von Cantor


Für keine Menge A gibt es eine surjektive Abbildung von A auf P (A).

Beweis. Das beweist man wieder mit einem Diagonalargument. Wir nehmen an,
es gäbe eine surjektive Abbildung f von A auf P (A) und definieren die Menge
B = { a ∈ A : a ∉ f (a) }. Da B eine Teilmenge von A ist, muss es ein a ∈ A geben
mit f (a) = B . Es gilt also entweder a ∈ B oder a ∉ B . a ∈ B = f (a) ist nach Defi-
nition von B jedoch äquivalent zu der Aussage a ∉ B . Das ist offensichtlich ein
unauflösbarer Widerspruch. ■

Da andererseits durch a 7→ {a} offenbar eine Injektion von A nach P (A) definiert
wird, hat P (A) immer eine größere Mächtigkeit als A. Zu jeder Menge gibt es
also eine, die noch größer ist. Es gibt unendlich viele verschiedenen Stufen der
11 Jedes andere unbeschränkte Intervall ist eine Teilmenge von R und kann damit „erst recht“

injektiv in ein beschränktes Intervall abgebildet werden.


12 Eine elegante Alternative zum „Zusammendrücken“ von R auf ein beschränktes Intervall ist der

Arkustangens, den wir allerdings erst später einführen werden.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


24. Überabzählbare Mengen 241

Unendlichkeit, die durch den Begriff überabzählbar nur unzureichend erfasst


werden. Leider können wir das Thema hier nicht weiter vertiefen. Bei Interesse
blättern Sie vielleicht mal in einem Buch wie Introduction to Cardinal Arithmetic
nach.

Zumindest sei aber noch erwähnt, dass nach dem Satz von Cantor P (N) überab-
zählbar ist. Man kann sogar noch mehr zeigen:

P (N) und R haben dieselbe Mächtigkeit. Satz 24.6

Beweis. Analog zu Satz 21.18 hat jede Zahl im Intervall [0, 1) eine Binärdarstellung,
also eine Folge von Nachkommastellen, die aus Nullen und Einsen besteht.13 Ist x
eine Zahl aus diesem Intervall und a n die n-Nachkommastelle von x, dann bildet
man x auf die Menge { n ∈ N+ : a n = 1 } ab. Damit erhält man eine Injektion von
[0, 1) nach P (N).

Umgekehrt kann man zu einer Teilmenge X von N eine Folge (a n ) in {0, 1} dadurch
definieren, dass a n genau dann 1 ist, wenn n ∈ X gilt. Daraus ergibt sich eine Zahl
P∞ −n−1
n=0 a n 10 , die im Intervall [0, 1) liegt. Diese Abbildung von Mengen auf Zahlen
ist offenbar ebenfalls injektiv.

Nach dem Satz von Cantor-Bernstein haben [0, 1) und P (N) dieselbe Mächtigkeit
und nach Satz 24.4 gilt das auch für R. ■

Aufgabe 24.2. Begründen Sie, warum die Menge aller Polynomfunktionen über R
überabzählbar ist. (Hinweis: Für die Begründung braucht man nicht einmal alle
Polynomfunktionen, sondern nur einen kleinen Teil von R[x].)

Aufgabe 24.3. Welche der folgenden Mengen sind überabzählbar? Begründen Sie Ihre
Antworten.
p p
A = { n : n ∈ N+ } B ={ k
n : k, n ∈ N+ }
C = { ⌊r ⌋ : r ∈ R } D = R×Q
P ([n])
[ [
E= [n, n + 1/n) F=
n∈N+ n∈N
G = R×;

⋆Aufgabe 24.4. Geben Sie eine Bijektion von P (N) auf [2]N
0 an. (Zur Erinnerung: Ge-
meint ist die Menge aller Funktionen von N nach [2]0 .

Resümee
Um Mengenlehre ging es bereits ganz am Anfang des Skripts und dort wurde auch
schon auf deren Bedeutung eingegangen. Erst durch die genaue Untersuchung
13 Positive Brüche, deren Nenner in gekürzter Form eine Zweierpotenz ist, haben zwei verschiedene

Darstellungen. Das ist aber kein Problem. In so einem Fall entscheidet man sich einfach für eine von
beiden.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


242 Unendliche Mengen

unendlicher Mengen wird jedoch die Komplexität der Mengenlehre deutlich. Die
Ergebnisse in diesem Kapitel beruhen alle auf den Forschungen von Georg Cantor,
der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein uraltes Denkverbot überwand
und mit der sogenannten aktualen Unendlichkeit arbeitete. Das führte seinerzeit
zu erheblichem Widerstand im Kreise seiner Kollegen. (Dabei ging es nicht darum,
ob Cantors Resultate formal richtig oder falsch waren, sondern ob seine Metho-
den aus philosophischer Sicht überhaupt zulässig waren.) Heute werden Cantors
Pionierleistungen jedoch als Geburtsstunde eines wesentlichen Teilbereichs der
Mathematik betrachtet.

Zudem warf Cantor schon sehr früh eine Frage auf, die inzwischen Kontinuums-
hypothese genannt wird: Kann es sein, dass es eine Teilmenge von R gibt, die
eine größere Mächtigkeit als N bzw. Q, aber eine kleinere als ganz R hat? Diese
Frage galt fast ein Jahrhundert lang als eines der wichtigsten offenen Probleme der
Mathematik und stellte sich schließlich als unlösbar heraus.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


IX
Reelle und komplexe Funktionen

Auf der Basis des Wissens über Grenzwerte aus dem letzten Kapitel erarbeiten wir
uns weitere Ergebnisse der Analysis. Im Mittelpunkt stehen dabei die sogenannten
elementaren Funktionen und ihre Eigenschaften.

25. Stetige Funktionen


Der Begriff der Stetigkeit präzisiert mathematisch in gewissem Sinne eine Grundan-
nahme der Philosophie und Naturwissenschaft seit der Antike, die man als Natura
non facit saltus – „Die Natur macht keine Sprünge“ – bezeichnet. Heutzutage be-
trachtet man Stetigkeit als eine topologische Eigenschaft, die man unabhängig von
der Differenzierbarkeit einer Funktion untersuchen kann.

Sei f : A → C mit A ⊆ C, a ∈ A und L ∈ C. Gilt limn→∞ f (a n ) = L für alle Folgen Definition


(a n ) in A mit limn→∞ a n = a, dann nennt man L den Grenzwert von f an der
Stelle a und schreibt limx→a f (x) = L. Ist f eine reellwertige Funktion und A
eine Teilmenge von R, so verwendet man diese Schreibweise auch für die Fälle
L = ∞ oder L = −∞.

Es ist wichtig, den Unterschied zur Grenzwertdefinition für Folgen zu verstehen.


Man kann eine Folge zwar als Funktion im Sinne dieser Definition interpretieren,
aber ∞ ist kein Berührungspunkt ihres Definitionsbereichs. (∞ ist ja nicht einmal
eine Zahl.) Es ist zwar möglich, beide Definitionen unter einen Hut zu bringen,
aber das wäre zu abstrakt für das Niveau dieses Skripts.

Ganz wesentlich ist außerdem, dass a nicht notwendig im Definitionsbereich von f


liegen muss. Man kann also vom Grenzwert an der Stelle a sprechen, obwohl der
Funktionswert f (a) evtl. gar nicht definiert ist.

Ein paar einfache Beispiele, die hoffentlich dem Verständnis dienen. Wenn nichts
anderes erwähnt wird, sind f , A und a immer wie in der Definition gemeint.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


244 Reelle und komplexe Funktionen

– Ist f durch f (x) = x definiert, dann gilt offenbar limx→a f (x) = limx→a x = a
für alle a ∈ A, denn natürlich konvergiert ( f (a n )) immer gegen denselben
Grenzwert wie (a n ), weil es sich in beiden Fällen um dieselbe Folge handelt.
– Ist f durch f (x) = c für eine konstante Zahl c definiert, dann gilt natürlich
limx→a f (x) = limx→a c = c für alle a ∈ A, denn ( f (a n )) ist dann immer die
konstante Folge (c).
– Ist a ein isolierter Punkt von A, dann muss a ∈ A gelten und es gibt außer
Folgen, deren Folgenglieder fast alle den Wert a haben, keine weiteren in A,
die gegen a konvergieren. Daher folgt limx→a f (x) = f (a).
– Betrachtet man die durch f (x) = g (x) = 0 für x ̸= 0 und f (0) = 1 definierten
Funktionen f : R → R und g : R \ {0} → R, dann gilt limx→0 g (x) = 0, während
limx→0 f (x) nicht existiert. Der Unterschied kommt dadurch zustande, dass
für den Grenzwert nur Folgen verwendet werden können, die im Definitions-
bereich der Funktion verlaufen. Für f muss man auch die Folge betrachten,
die konstant null ist, während das für g nicht möglich ist.1

Direkt aus den Rechenregeln für Folgen (Lemma 19.4) erhält man:

Lemma 25.1 Sei f und g Funktionen von A nach C mit A ⊆ C und a ∈ A. Existieren die
Grenzwerte von f und g an der Stelle a, dann existieren auch die von f ±g und
f · g . Ist limx→a g (x) nicht null, so existiert auch der entsprechende Grenzwert
von f /g . Unter den genannten Voraussetzungen gilt dann:
¡ ¢
lim f (x) ± g (x) = lim f (x) ± lim g (x)
x→a x→a x→a
¡ ¢
lim f (x) · g (x) = lim f (x) · lim g (x)
x→a x→a x→a
¡ ¢
lim f (x)/g (x) = lim f (x)/ lim g (x)
x→a x→a x→a

Aufgabe 25.1. Gilt auch eine Rechenregel wie

lim f (x) = lim f (x) + lim f (x)?


x→a+b x→a x→b

Begründen Sie Ihre Antwort.

Definition Sei f : A → C mit A ⊆ C. Man sagt, dass f stetig an der Stelle a ∈ A ist, wenn
limx→a f (x) = f (a) gilt. Ist B ⊆ A und f stetig an allen Stellen a ∈ B , dann
nennt man f stetig auf B . Ist f stetig auf dem gesamten Definitionsbereich A,
so nennt man f einfach stetig.

Wegen Lemma 25.1 hat man sofort:

1 Für das Folgende ist das nicht wichtig, aber an dieser Stelle unterscheidet sich die „moderne“ De-

finition, die wir hier verwenden, von der „klassischen“, die auf den schon erwähnten Karl Weierstraß
zurückgeht. Weitere Informationen dazu findet man z. B. im Wikipedia-Artikel über Grenzwerte von
Funktionnen.

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25. Stetige Funktionen 245

Sei f und g Funktionen von A nach C mit A ⊆ C. Sind f und g stetig in a ∈ A, Lemma 25.2
so sind f ± g und f · g dort auch stetig. Gilt g (a) ̸= 0, so ist auch f /g an der
Stelle a stetig.

Die ersten Beispiele haben gezeigt, dass konstante Funktionen und die Identität
stetig sind. Mit Lemma 25.2 folgt, dass alle Polynomfunktionen über C stetig sind.
Und das gilt auch noch für alle rationalen Funktionen, also für Quotienten von Po- rationale Funktion
lynomfunktionen (die natürlich an den Stellen, an denen der Nenner verschwindet,
nicht definiert sind).

Einfache Beispiele für Funktionen, die an einer Stelle a ihres Definitionsbereichs


nicht stetig sind, liefern Funktionen, die „absichtlich“ in diesem Punkt „umdefi-
niert“ werden oder die dort einen „Sprung“ machen. Beispiele sind die auf ganz R
definierten Funktionen f und g mit
( (
0 x ̸= 0 0 x <0
f (x) = und g (x) = . (25.1)
1 x =0 1 x ≥0

Ein extremeres Beispiel ist die Dirichlet-Funktion, die durch Dirichlet-Funktion


R → R

 (
: 1 x ∈Q
x 7→ 0 x ∉ Q

definiert ist. Sie ist in keinem Punkt a ∈ R stetig. (Das folgt aus Satz 16.10 und
Lemma 16.11.)

Aufgabe 25.2. Wenn Ihnen nicht völlig klar ist, wie diese Funktionen aussehen, dann
skizzieren Sie die Funktionsgraphen für die Beispiele f und g in (25.1). Überlegen Sie
sich dann, warum man die Dirichlet-Funktion nicht zeichnen kann, und versuchen
Sie, sich diese Funktion vorzustellen.

Die intuitive Vorstellung, dass stetige Funktionen keine "Sprünge" machen, dass sie
also keine Werte „auslassen“, kann man (zumindest im Reellen) folgendermaßen
präzisieren.

Zwischenwertsatz Satz 25.3


Ist f : [a, b] → R stetig (wobei a < b gelten soll), so gibt es für alle Zahlen d
zwischen f (a) und f (b) ein c ∈ [a, b] mit f (c) = d .

Beweis. O. B. d. A. können wir f (a) < d < f (b) annehmen.2 Wir betrachten die
Menge C = { x ∈ [a, b] : f (x) < d }. Wegen a ∈ C und C ⊆ [a, b] besitzt diese Menge
ein Supremum c, weil R vollständig angeordnet ist. Es gibt also eine Folge (x n ) von
2 Für f (b) < d < f (a) verläuft der Beweis analog und für d = f (a) oder d = f (b) ist er trivial.

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246 Reelle und komplexe Funktionen

Elementen von C , die gegen c konvergiert. Wegen der Stetigkeit konvergiert ( f (x n ))


gegen f (c) und mit Lemma 19.6 folgt f (c) ≤ d .

Wegen d < f (b) gilt c ̸= b und damit c < b. Für alle x ∈ (c, b] muss f (x) ≥ d nach
Wahl von c gelten. Und in (c, b] gibt es Folgen, die gegen c konvergieren und mit
denen man wie eben f (c) ≥ d begründen kann. ■

Die folgende Skizze zeigt, wie eine Funktion f eine Zahl d „überspringt“, sie also
nicht als Funktionswert annimmt, obwohl d zwischen f (a) und f (b) liegt. Bei
stetigen Funktionen kann so etwas nicht passieren.

d
a b

⋆Aufgabe 25.3. Man kann den Zwischenwertsatz auch so formulieren: Das stetige Bild
eines Intervalls ist ein Intervall. Begründen Sie, warum diese Aussage aus Satz 25.3
folgt.

Der Zwischenwertsatz sichert für viele Gleichungen die Existenz einer Lösung
und liefert gleichzeitig ein Verfahren, um Näherungswerte für so eine Lösung zu
Bisektion bestimmen, das man Bisektion nennt:
– Jede Gleichung mit einer Unbekannten x lässt sich so umformen, dass auf
einer Seite der Gleichung 0 steht. Interpretiert man die andere Seite als
Funktion f von x, so bekommt die Gleichung die Form f (x) = 0. Beim Lösen
der Gleichung geht es also darum, eine Nullstelle von f zu finden.
– Ist f auf einem Intervall [a 0 , b 0 ] definiert und stetig und haben f (a 0 ) und
f (b 0 ) unterschiedliche Vorzeichen, so gibt es nach dem Zwischenwertsatz
eine Zahl c ∈ (a 0 , b 0 ) mit f (c) = 0. Damit ist schon einmal klar, dass eine
Lösung existiert.
– Nun setzt man c 0 = (a 0 + b 0 )/2 und berechnet f (c 0 ). Gilt f (c 0 ) = 0, so ist
man fertig. Das ist allerdings sehr unwahrscheinlich. Anderenfalls haben
aber entweder a 0 und c 0 oder c 0 und b 0 unterschiedliche Vorzeichen. Man
kann dann [a 0 , b 0 ] durch [a 0 , c 0 ] oder [c 0 , b 0 ] ersetzen, dieses neue Intervall
[a 1 , b 1 ] nennen und den Vorgang wiederholen, indem man die Mitte c 1 von
[a 1 , b 1 ] berechnet. Und so weiter.
– Damit erhält man eine Folge (c n ), die offenbar gegen eine Nullstelle von f
konvergiert. In der Praxis wird man nach endlich vielen Schritten aufhören,
wenn der Abstand zwischen den Intervallgrenzen so gering ist, dass man mit
der Genauigkeit der Näherung zufrieden ist.

Für die Gleichung x 5 + 1 = x, für die es übrigens keine Lösungsformel gibt, wäre f
die durch f (x) = x 5 − x + 1 definierte Funktion. Es gilt f (−2) = −29 und f (2) = 31.
Mit den Startwerten −2 und 2 würden die ersten Schritte so aussehen:

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25. Stetige Funktionen 247

k ak bk
0 −2 2
1 −2 0
2 −2 −1
3 −1.5 −1
4 −1.25 −1
5 −1.25 −1.125
6 −1.1875 −1.125
7 −1.1875 −1.15625
8 −1.171875 −1.15625
9 −1.171875 −1.1640625
10 −1.16796875 −1.1640625
11 −1.16796875 −1.166015625
12 −1.16796875 −1.1669921875
13 −1.16748046875 −1.1669921875
14 −1.16748046875 −1.167236328125
15 −1.1673583984375 −1.167236328125

Eine Lösung der Gleichung3 liegt also zwischen a 15 und b 15 .

Aufgabe 25.4. Greifen Sie sich einen Taschenrechner und rechnen Sie zumindest die
ersten Zeilen der obigen Tabelle nach, um sicherzustellen, dass Sie das Verfahren
verstanden haben.

Aufgabe 25.5. Wenn man wie in diesem Beispiel bis zum 15. Schritt gerechnet hat,
wie viele Nachkommastellen der Lösung sollte man dann angeben?

Aufgabe 25.6. Berechnen Sie mit dem Bisektionsverfahren eine Näherung für die
reelle Lösung der Gleichung x 5 + 2x 2 = x + 8 auf zwei Stellen nach dem Komma.

⋆Aufgabe 25.7. Programmieren Sie das Bisektionsverfahren in einer Programmier-


sprache Ihrer Wahl.

Eine weitere Interpretation der Stetigkeit, die insbesondere für Anwendungen hilf-
reich ist, ist die, dass bei einer stetigen Funktion kleine Änderungen des Arguments
auch nur kleine Änderungen des Funktionswertes bewirken.

Sei f : A → C mit A ⊆ C. f ist genau dann stetig an der Stelle a ∈ A, wenn für Lemma 25.4
alle ε > 0 ein δ > 0 existiert, so dass | f (a) − f (x)| < ε für alle x ∈ Uδ (a) ∩ A gilt.

Beweis. Wir führen für beide Richtungen der Äquivalenz einen indirekten Beweis.

Ist f nicht stetig in a, dann gibt es eine gegen a konvergierende Folge (a n ) in A,


so dass ( f (a n )) nicht gegen f (a) konvergiert. Das bedeutet, dass es für alle ε > 0
unendlich viele Folgenglieder a n gibt, für die | f (a n ) − f (a)| ≥ ε gilt. Weil in jeder
3 Es gibt insgesamt fünf, aber die anderen vier sind echt komplex.

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248 Reelle und komplexe Funktionen

δ-Umgebung von a fast alle Folgenglieder liegen, kann man also kein δ wie in der
Formulierung des Lemmas finden.

Für die andere Richtung ist es evtl. hilfreich, sich die Aussage, um die es geht, mit
Quantoren aufzuschreiben:
¡ ¢
∀ε ∈ (0, ∞) ∃δ ∈ (0, ∞) ∀x ∈ A x ∈ Uδ (a) ⇒ f (x) ∈ Uε ( f (a))

Negiert man diese mithilfe der de-morganschen Regeln, so heißt das, dass es ein
ε > 0 gibt, so dass man für alle δ > 0 ein x ∈ A∩Uδ (a) finden kann, für das f (x) nicht
in Uε ( f (a)) liegt. Zu diesem ε kann man nun einfach für jede positive natürliche
Zahl ein entsprechendes x zu δ = 1/n auswählen und es a n nennen. Dann hat man
eine Folge (a n ) konstruiert, die limx→a f (x) = f (a) widerlegt. ■

Ein weiteres Beispiel p für eine stetige Funktion ist die komplexe Konjugation: Of-
fensichtlich gilt |z| = zz = |z| für alle z ∈ C und damit |z − w| = |z − w| = |z − w|
für alle z, w ∈ C. (Siehe Lemma 17.5.) Man kann also in Lemma 25.4 einfach δ = ε
nehmen.

Definition Ist (a n )n∈N eine beliebige Folge und (n k )k∈N eine streng monotone Folge von
natürlichen Zahlen, dann nennt man (a nk )k∈N eine Teilfolge von (a n )n∈N .

Beispielsweise sind (2n) und (2n + 1) Teilfolgen von (n) – und (n) selbst ist auch
eine. (1/p)p∈P (also 1/2, 1/3, 1/5, 1/7, 1/11, . . . ) ist eine Teilfolge der harmonischen
Folge.

Eine Folge hat also genau dann einen Häufungspunkt, wenn sie eine Teilfolge hat,
die gegen diesen Punkt konvergiert. Den Satz von Bolzano-Weierstraß kann man
dann mit anderen Worten auch so formulieren, dass jede beschränkte Folge reeller
Zahlen eine konvergente Teilfolge hat.

Satz 25.5 Satz vom Minimum und Maximum


Ist f : [a, b] → R stetig (wobei a < b gelten soll), so ist der Wertebereich rng( f )
von f beschränkt und hat ein Minimum und ein Maximum.

Beweis. Wäre rng( f ) nicht nach oben beschränkt, so gäbe es eine Folge (x n ) in
[a, b] mit limn→∞ f (x n ) = ∞. (x n ) müsste nach dem Satz von Bolzano-Weierstraß
jedoch eine konvergente Teilfolge (x nk ) mit einem Grenzwert x ∗ in [a, b] haben.
Wegen der Stetigkeit müsste ( f (x nk )) aber gegen f (x ∗ ) konvergieren. Das ist ein
Widerspruch zur bestimmten Divergenz von ( f (x n )).

rng( f ) hat also ein Supremum S, weil R vollständig angeordnet ist. Daher gibt es
eine Folge (y n ) in rng( f ), die gegen S konvergiert. Zu jedem n ∈ N muss es wegen
y n ∈ rng( f ) ein x n ∈ [a, b] mit y n = f (x n ) geben. Wie können wieder den Satz
von Bolzano-Weierstraß anwenden und erhalten eine Teilfolge (x nk ) mit einem
Grenzwert x ∗ ∈ [a, b]. ( f (x nk )) ist dann eine Teilfolge von (y n ) und wegen der
Stetigkeit folgt S = f (x ∗ ) und damit S ∈ rng( f ).

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26. Differenzierbare Funktionen 249

Die Beschränktheit nach unten und die Existenz eines Minimums zeigt man natür-
lich völlig analog. ■

Die beiden folgenden Beispiele demonstrieren, dass die Aussage des Satzes vom
Minimum und Maximum nicht selbstverständlich ist:


[0, 2](→ R
 (
(0, 1) → R

f: x x ∈ [0, 1) g:
x 7→ 1/2 x ∈ [1, 2] x 7→ 1/x

f ist zwar auf einem abgeschlossenen und beschränkten Intervall definiert, aber
nicht stetig. rng( f ) hat kein Maximum. g ist zwar stetig und auf einem beschränk-
ten Intervall definiert, aber das Intervall ist nicht abgeschlossen. rng(g ) ist unbe-
schränkt und hat weder Maximum noch Minimum.

Zum Abschluss dieses Abschnitts noch eine Bemerkung über den Zusammenhang
zwischen Grenzwerten und der Komposition von Funktionen.

Sei g : A → C mit A ⊆ C und a ∈ A, so dass der Grenzwert L von g an der der Lemma 25.6
Stelle a existiert. Ferner sei f : B → C stetig mit g [A] ⊆ B und L ∈ B , so dass der
Grenzwert von f an der Stelle L existiert. Dann gilt

lim f (g (x)) = lim f (y). (25.2)


x→a y→L

Beweis. Sei (a n ) eine Folge in A mit a n → a. Nach der Voraussetzung über g konver-
giert (g (a n )) gegen L. Da alle Glieder von (g (a n )) in B liegen, konvergiert ( f (g (a n )))
gegen die rechte Seite von (25.2). ■

Insbesondere ist unter den Voraussetzungen von Lemma 25.6 f ◦ g in a stetig,


wenn g in a stetig und f in L stetig ist. Das bedeutet, dass die Funktion f ◦ g stetig
ist, wenn f und g stetig sind.

26. Differenzierbare Funktionen

Die Idee der Ableitung ist (in Kombination mit der des Integrals) die wohl wichtigste
Innovation der letzten tausend Jahre in der Mathematik. Motivieren kann man
diese Idee dadurch, dass man an den Funktionsgraphen einer Funktion f im Punkt
(x 0 , f (x 0 )) eine Tangente anlegen will, deren Steigung man ermitteln möchte.

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250 Reelle und komplexe Funktionen

f (x)

f (x 0 )

x0 x

Die in der Skizze eingezeichnete Gerade hat die Steigung ( f (x) − f (x 0 ))/(x − x 0 ).
Sie ist nicht die Tangente, aber es sieht so aus, als würde man nach und nach
bessere Näherungswerte für die Steigung der Tangente erhalten, wenn x näher
an x 0 heranrückt.

Definition Sei f : A → R mit A ⊆ R und x 0 ein innerer Punkt von A. f ist differenzierbar
an der Stelle a wenn der Grenzwert4
f (x) − f (x 0 )
lim (26.1)
x→x 0 x − x0

existiert. Für diesen Grenzwert schreibt man dann


df d d f (x) ¯¯
(x 0 ) oder f (x 0 ) oder ¯
dx dx dx x=x0

und nennt ihn die Ableitung bzw. den Differentialquotienten von f an der
Stelle x 0 . Ist klar, welche Variable gemeint ist, so verwendet man für die Ablei-
tung auch die Kurzschreibweise f ′ (x 0 ). Analog definiert man Differenzierbar-
keit für den Fall, dass oben an beiden Stellen R durch C ersetzt wird.

Wie bei der Stetigkeit spricht man auch von der Differenzierbarkeit auf einer Menge
von Punkten bzw. von der Differenzierbarkeit einer Funktion, wenn diese in jedem
Punkt ihres Definitionsbereichs differenzierbar ist. (Dabei ist jedoch zu beachten,
dass es um innere Punkte geht. Die Mengen müssen daher offen sein.)

Der geniale „Trick“ bei dieser Definition ist, dass die Funktion in (26.1) an der Stelle
x = x 0 nicht definiert ist (weil sonst durch null dividiert würde).

Durch simples Einsetzen in die Definition kann man sich überzeugen, dass kon-
stante Funktionen überall differenzierbar mit der Ableitung 0 sind. Ebenso ist die
Identität überall differenzierbar mit der Ableitung 1.

Aufgabe 26.1. Rechnen Sie anhand der Definition nach, dass die obigen Aussagen
über konstante Funktionen und die Identität korrekt sind.

4Wohlgemerkt ist hier eine Zahl und nicht etwa ∞ gemeint!

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26. Differenzierbare Funktionen 251

Aufgabe 26.2. Berechnen Sie nur mithilfe der obigen Definition (also ohne die Ver-
wendung Ihres Vorwissens aus der Schule) die Ableitung der Funktion x 7→ x 2 an der
Stelle x 0 . (Hinweis: Dritte binomische Formel.)

Um Schreibarbeit zu sparen, sollen im Folgenden die Funktionen, um die es Konvention


geht, immer solche sein, die reelle auf reelle oder komplexe auf komplexe
Zahlen abbilden. Bei den Stellen, an denen differenziert wird, soll es zudem
immer um innere Punkte des Definitionsbereichs gehen.

Sind f und g an der Stelle x 0 differenzierbar und ist λ eine Konstante, so sind Lemma 26.1
auch f ± g und λ f an dieser Stelle differenzierbar und für die Ableitungen gilt
( f ± g )′ (x 0 ) = f ′ (x 0 ) + g ′ (x 0 ) und (λ f )′ (x 0 ) = λ f ′ (x 0 ).

Beweis. Das folgt direkt aus den Rechenregeln für Grenzwerte (Lemma 25.1). Zum
Beispiel gilt

( f + g )(x) − ( f + g )(x 0 ) f (x) + g (x) − ( f (x 0 ) + g (x 0 ))


lim = lim
x→x 0 x − x0 x→x 0 x − x0
³ f (x) − f (x ) g (x) − g (x ) ´
0 0
= lim −
x→x 0 x − x0 x − x0
f (x) − f (x 0 ) g (x) − g (x 0 )
= lim − lim . ■
x→x 0 x − x0 x→x 0 x − x0

Damit erhält man beispielsweise, dass die Funktion x → 3x + 5 überall differenzier-


bar mit der Ableitung 3 ist.

f ist genau dann in x 0 differenzierbar, wenn es eine in einer Umgebung U Lemma 26.2
von x 0 stetige Funktion r mit r (x 0 ) = 0 und eine Konstante L gibt, so dass

f (x) = f (x 0 ) + L(x − x 0 ) + r (x)(x − x 0 ) (26.2)

für alle x ∈ U gilt. Ist diese Bedingung erfüllt, so ist L die eindeutig bestimmte
Ableitung von f an der Stelle x 0 .

Beweis. Gleichung (26.2) kann man für x ̸= x 0 zu

f (x) − f (x 0 )
r (x) = −L (26.3)
x − x0

umformen. Ist f in x 0 differenzierbar und setzt man L = f ′ (x 0 ), so liefert (26.3)


eine Funktion r mit den gewünschten Eigenschaften. Ist umgekehrt r stetig in x 0
mit r (x 0 ) = 0, so folgt aus (26.3) die Differenzierbarkeit von f in x 0 , wenn man x
gegen x 0 gehen lässt. ■

Die Bedeutung von Lemma 26.2 ist, dass sich f an der Stelle x 0 im Wesentlichen wie
die Gerade f (x 0 ) + L(x − x 0 ) mit der Steigung L = f ′ (x 0 ) verhält. (Und diese Gerade

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252 Reelle und komplexe Funktionen

ist natürlich die am Anfang des Abschnitts erwähnte Tangente.) Die Abweichung
von dieser Geraden ist so gering, dass ihr Verhältnis zu x − x 0 gegen null geht, wenn
x sich x 0 nähert. Anschaulich kann man sich das so vorstellen, dass differenzierbare
Funktionen „unter dem Mikroskop wie Geraden aussehen“. Grafisch wird dies in
dem Video Die Ableitung unter dem Mikroskop demonstriert.

Aufgabe 26.3. Geben Sie die Gleichung für die Tangente an den Funktionsgraphen
von x 7→ x 2 an der Stelle x 0 = −1 an.

Ein Beispiel für eine nicht überall differenzierbare Funktion ist die Betragsfunktion
x 7→ |x|. An der Stelle x 0 = 0 ist diese Funktion nicht differenzierbar, denn der Quo-
tient (|x| − |0|)/(x − 0) ist positiv für x > 0 und negativ für x < 0. Darum würde man
mit den Folgen (1/n) und (−1/n), die beide gegen 0 konvergieren, unterschiedliche
Grenzwerte erhalten, wenn man sie in diesen Quotienten einsetzen würde. Man
„sieht“ ja auch, dass es an dieser Stelle keine eindeutige Tangente gibt.

Lemma 26.2 liefert „nebenbei“ einen wichtigen Zusammenhang zwischen Diffe-


renzierbarkeit und Stetigkeit.

Korollar 26.3 Ist f an der Stelle x 0 differenzierbar, dann ist f dort auch stetig.

Beweis. Das folgt sofort aus Gleichung (26.2), denn die rechte Seite ist aus lauter
Funktionen zusammengesetzt, die in x 0 stetig sind. ■

Man beachte, dass die Betragsfunktion stetig ist. Stetigkeit folgt also aus der Dif-
ferenzierbarkeit, aber nicht umgekehrt. (Sonst wäre es ja auch sinnlos, zwei ver-
schiedene Begriffe zu verwenden.) Man kann sogar mit entsprechendem Aufwand
Funktionen konstruieren, die überall stetig und nirgends differenzierbar sind. Bei-
spiele dafür finden Sie in dem Video Die Monster der Analysis.

Damit können wir nun weitere Ableitungsregeln beweisen.

Satz 26.4 Leibniz- bzw. Produktregel


Sind f und g an der Stelle x 0 differenzierbar, so ist auch ihr Produkt f g an
dieser Stelle differenzierbar und es gilt ( f g )′ (x 0 ) = f ′ (x 0 )g (x 0 ) + f (x 0 )g ′ (x 0 ).

Beweis. Nutzt man die Stetigkeit einer der beiden Funktionen und die Rechenregeln
für Grenzwerte aus, so braucht man lediglich einen „Trick“, den wir schon öfter
gesehen haben, und erhält

( f g )(x) − ( f g )(x 0 ) f (x)g (x) − f (x 0 )g (x 0 )


lim = lim
x→x 0 x − x0 x→x 0 x − x0

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26. Differenzierbare Funktionen 253

f (x)g (x) − f (x 0 )g (x) + f (x 0 )g (x) − f (x 0 )g (x 0 )


= lim
x→x 0 x − x0
f (x)g (x) − f (x 0 )g (x) f (x 0 )g (x) − f (x 0 )g (x 0 )
= lim + lim
x→x 0 x − x0 x→x 0 x − x0
f (x) − f (x 0 ) g (x) − g (x 0 )
= lim g (x) · + lim f (x 0 ) ·
x→x 0 x − x0 x→x 0 x − x0
= g (x 0 ) · f ′ (x 0 ) + f (x 0 ) · g ′ (x 0 ). ■

Aufgabe 26.4. Berechen Sie die Ableitung von x 7→ x 2 erneut (siehe Aufgabe 26.2),
indem Sie diesmal x 2 als Produkt x · x interpretieren und die Leibnizregel anwenden.

Aufgabe 26.5. Beweisen Sie mit vollständiger Induktion und mithilfe der Leibnizregel,
dass für alle n ∈ N die Ableitung von x 7→ x n an der Stelle x 0 den Wert nx 0n−1 hat.

Aufgabe 26.6. Mit Aufgabe 26.5 und Lemma 26.1 können wir nun jedes Polynom
differenzieren. Wie sieht z. B. die Ableitung von x 7→ 3x 3 − 5x 2 + 8x − 2 an der Stelle x 0
aus?

Ist die Funktion f auf der Menge A differenzierbar, so bezeichnet man die Definition
Funktion f ′ , die jedem x 0 ∈ A die Ableitung f ′ (x 0 ) zuordnet, als Ableitungs-
funktion oder manchmal auch einfach als Ableitung von f . Ist f ′ an der Stelle
x 0 ∈ A ebenfalls differenzierbar, so sagt man, dass f dort zweimal differen-
zierbar ist, und schreibt für diese sogenannte zweite Ableitung

d 2f d2 d 2 f (x) ¯¯
f ′′ (x 0 ) oder (x 0 ) oder f (x 0 ) oder .
dx 2 dx 2 dx 2 x=x0
¯

Entsprechend werden auch n-te Ableitungen definiert, für die man entweder
f (n) schreibt oder eine der obigen Schreibweisen (mit n statt 2) verwendet. Ist
eine Funktion n-mal differenzierbar für alle n ∈ N, so spricht man auch von
einer glatten Funktion.

Aufgabe 26.7. Geben Sie für das Polynom aus Aufgabe 26.6 die ersten vier Ableitungs-
funktionen an. Wie sieht die 42. Ableitung aus?

Aufgabe 26.8. Berechnen Sie für die Funktion f (x) = (x 2 + 3)(x 3 − x) die Ableitungs-
funktion auf zwei Arten: einmal durch Anwendung der Leibnizregel auf das Produkt
der beiden Terme und einmal, indem Sie ausmultiplizieren und das resultierende
Polynom ableiten. Kommt in beiden Fällen dasselbe heraus?

Kehrwertregel Satz 26.5


Ist f an der Stelle x 0 differenzierbar und gilt f (x 0 ) ̸= 0, so ist auch der Kehrwert
1/ f an dieser Stelle differenzierbar und es gilt (1/ f )′ (x 0 ) = − f ′ (x 0 )/ f (x 0 )2 .

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


254 Reelle und komplexe Funktionen

Beweis. Das ist eine simple Rechenaufgabe, bei der man lediglich geeignet erwei-
tern muss:
1 1 f (x 0 )− f (x)
f (x) − f (x 0 ) f (x) f (x 0 )
lim = lim
x→x 0 x − x0 x→x 0 x − x0
1 f (x 0 ) − f (x) 1
· − f ′ (x 0 )
¡ ¢
= lim · = ■
x→x 0 f (x) f (x 0 ) x − x0 f (x 0 ) f (x 0 )

Aufgabe 26.9. Berechnen Sie mit der Kehrwertregel die Ableitung von f (x) = x −3 .

Aufgabe 26.10. Begründen Sie, dass die Regel aus Aufgabe 26.5 auch dann noch gilt,
wenn n eine beliebige ganze Zahl ist.

Korollar 26.6 Quotientenregel


Sind f und g an der Stelle x 0 differenzierbar und gilt g (x 0 ) ̸= 0, so ist auch der
Quotient f /g an dieser Stelle differenzierbar und es gilt

f ′ (x 0 )g (x 0 ) − f (x 0 )g ′ (x 0 )
( f /g )′ (x 0 ) = .
g (x 0 )2

Beweis. Man wendet die Leibnizregel auf das Produkt aus f und 1/g an und be-
rechnet die Ableitung des zweiten Faktors mit der Kehrwertregel. ■

Aufgabe 26.11. Es kann sicher nicht schaden, wenn Sie den Beweis von Korollar 26.6
noch einmal nachrechnen und ihn nicht einfach glauben.

Aufgabe 26.12. Berechnen Sie die Ableitung von f (x) = (x 2 + 2x + 2)/(3x 2 − 2).

Aufgabe 26.13. Wenn Sie sich selbst ähnliche Aufgaben stellen und Ihre Lösungen
überprüfen wollen, können Sie z. B. in Wolfram Alpha so etwas wie

derivative of (x^2+2x+2)/(3x^2-2)

eingeben. Wenn das System Terme nicht ausmultipliziert (wie in diesem Fall den
Nenner), dann können Sie es mit einer Eingabe wie

expand (3x^2-2)^2

dazu „zwingen“.

Die folgende Aussage ist vielen durch die Merkregel „äußere mal innere Ableitung“
bekannt.

Satz 26.7 Kettenregel


Sei g an der Stelle x 0 differenzierbar und f an der Stelle g (x 0 ). Dann ist f ◦ g
an der Stelle x 0 differenzierbar und es gilt ( f ◦ g )′ (x 0 ) = f ′ (g (x 0 ))g ′ (x 0 ).

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26. Differenzierbare Funktionen 255

Beweis. Man erweitert und wendet Lemma 25.6 sowie die Stetigkeit von g an der
Stelle x 0 (nach Korollar 26.3) an:

f (g (x)) − f (g (x 0 )) f (g (x)) − f (g (x 0 )) g (x) − g (x 0 )


lim = lim ·
x→x 0 x − x0 x→x 0 g (x) − g (x 0 ) x − x0
f (y) − f (g (x 0 ))
= g ′ (x 0 ) · lim = g ′ (x 0 ) · f ′ (g (x 0 )). ■
y→g (x 0 ) y − g (x 0 )

Aufgabe 26.14. Berechnen Sie die Ableitung von h(x) = (3x 2 − 5x + 2)4 mithilfe der
Kettenregel. Sie sollen dabei weder h(x) noch h ′ (x) ausmultiplizieren.

Umkehrregel Satz 26.8


Sei f an der Stelle x 0 differenzierbar mit f ′ (x 0 ) ̸= 0. Ist f injektiv und die
Umkehrabbildung f −1 stetig an der Stelle f (x 0 ), dann ist sie an dieser Stelle
auch differenzierbar mit der Ableitung

1
( f −1 )′ ( f (x 0 )) = , (26.4)
f ′ (x 0 )

die man auch als


1
( f −1 )′ (y 0 ) = (26.5)
f ′ ( f −1 (y 0 ))

mit y 0 = f (x 0 ) schreiben kann.

Beweis. Einen ausführlichen Beweis findet man beispielsweise in dem Video Der
Satz über implizite Funktionen und der lokale Umkehrsatz. An dieser Stelle zeige
ich ersatzweise nur ein einfaches Plausibilitätsargument für (26.4), bei dem bereits
vorausgesetzt wird, dass f −1 differenzierbar ist.

Weil f −1 die Umkehrfunktion von f ist, ist f −1 ◦ f die Identität, deren Ablei-
tung konstant eins ist. Ist f −1 differenzierbar, so gilt somit nach der Kettenregel
( f −1 )′ ( f (x 0 )) f ′ (x 0 ) = 1. Teilt man nun durch die Ableitung von f an der Stelle x 0 ,
die nach Voraussetzung nicht verschwindet, so erhält man den gewünschten Zu-
sammenhang. ■

Für Funktionen, die komplexe auf komplexe Zahlen abbilden, reicht es übrigens,
wenn f auf einer offenen Menge U differenzierbar und x 0 ein Element von U
mit f ′ (x 0 ) ̸= 0 ist. Existenz und Stetigkeit der Umkehrfunktion ergeben sich dann
automatisch. Das gilt ebenfalls für reelle Funktionen, wenn die Ableitungsfunktion
zusätzlich stetig ist.

Aufgabe 26.15. Für n ∈ N+ ist durch f (x) = x n eine auf dem Intervall (0, ∞) streng
monoton steigende (und damit nach Aufgabe 21.18 injektive) Funktion definiert,
p
deren Umkehrfunktion die n-te Wurzelfunktion f −1 (x) = n x ist, die ebenfalls auf
(0, ∞) definiert ist. Geben Sie mithilfe der Umkehrregel die Ableitung von f −1 an.

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256 Reelle und komplexe Funktionen

Aufgabe 26.16. Schreiben Sie, falls Sie das nicht bereits gemacht haben, Aufgabe 26.15
und deren Lösung so um, dass statt Wurzeln nur noch Potenzen vorkommen.

Lemma 26.9 Für alle q ∈ Q ist die auf (0, ∞) definierte Funktion x 7→ x q differenzierbar mit
der Ableitung q x q−1 .

Beweis. Die wesentliche Arbeit wurde mit den Aufgaben 26.10 und 26.16 bereits
erledigt. Man muss sie nur noch mit der Kettenregel verbinden. Sei q ∈ Q dazu
der Bruch z/n mit z ∈ Z und n ∈ N+ . Für die Ableitung von f (x) = x q = (x 1/n )z gilt
dann
1 1/n−1 z z/n−1/n 1/n−1
f ′ (x) = z · (x 1/n )z−1 · ·x = ·x ·x
n n
z z/n−1
= ·x = q x q−1 . ■
n

Mit den Regeln aus diesem Abschnitt wissen Sie über das Ableiten elementarer
Funktionen mehr oder weniger alles, was man wissen muss. Und mithilfe der
besagten Regeln wird Differenzieren (leider) zu einem mechanischen Vorgang,
den man ohne Nachdenken durchführen kann. Mehr dazu im Video Wie man
Computern das Ableiten beibringt.

27. Potenzreihen
Die einfachsten Funktionen, mit denen man es in Anwendungen zu tun haben
kann, sind zweifelsohne die Polynome. Die Funktionen, um die es im Folgenden
gehen wird, sind so etwas wie „unendliche Polynome“. Sie haben viele angenehme
Eigenschaften und verhalten sich häufig so ähnlich wie Polynome.

Definition Ist (a n ) eine Folge komplexer Zahlen, so bezeichnet man eine Funktion wie
(
A→C
: n
z 7→ ∞
P
n=0 a n z

n
als Potenzreihe, wenn A ⊆ C derart gewählt ist, dass die Reihe ∞
P
n=0 a n z für
alle z ∈ A konvergiert. Die Glieder der Folge (a n ) nennt man die Koeffizienten
der Potenzreihe.

Die Menge, die in dieser Definition A heißt, kann, wie sich nun herausstellen
wird, im Komplexen immer eine kreisförmige Gestalt haben (bzw. im Reellen ein
Intervall sein).

Lemma 27.1 Ist (a n ) eine Folge komplexer Zahlen und q eine komplexe Zahl, für die
n n
n=0 a n b absolut für alle b ∈ C
P∞ P∞
n=0 a n q konvergiert, dann konvergiert
mit |b| < |q|.

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27. Potenzreihen 257

Beweis. Nach dem Nullfolgenkriterium ist (a n q n ) eine Nullfolge. Also gilt |a n q n | ≤ 1


für fast alle n. Für |b| < |q| folgt damit

|a n b n | = |a n q n | · |b/q|n ≤ |b/q|n
n
für fast alle n. Wegen |b/q| < 1 konvergiert die geometrische Reihe ∞
P
n=0 |b/q|
nach Satz 21.8 und nach dem Majorantenkriterium konvergiert damit die Reihe
P∞ n
n=0 a n b absolut. ■

n
Ist (a n ) eine Folge komplexer Zahlen, so konvergiert die Reihe ∞
P
n=0 a n z Korollar 27.2
entweder für alle z ∈ C absolut oder es gibt ein ρ ∈ R≥0 , so dass diese Reihe für
alle z ∈ C mit |z| < ρ absolut konvergiert und für alle z ∈ C mit |z| > ρ divergiert.

Beweis. Sei A die Menge der nichtnegativen reellen Zahl r , für die die Reihe für alle
z ∈ C mit |z| < r konvergiert. Trivialerweise gilt 0 ∈ A und nach Lemma 27.1 ist A
ein Intervall. Ist A unbeschränkt, so konvergiert die Reihe also (absolut) für alle
z ∈ C. Ist A beschränkt, so existiert das Supremum ρ von A, das den zweiten Teil
der Aussage des Korollars erfüllt. ■

n
Die Zahl ρ aus Korollar 27.2 wird als Konvergenzradius der Potenzreihe ∞ Konvergenzradius
P
n=0 a n z
bezeichnet. Konvergiert die Reihe für alle z ∈ C, so sagt man, dass der Konvergenz-
radius unendlich ist.

Man beachte, dass Korollar 27.2 nichts über die Zahlen aussagt, deren Absolutbe-
trag genau ρ ist. Dass das Verhalten der Reihe für solche Werte durch den Konver-
genzradius tatsächlich nicht bestimmt wird, zeigen Beispiele auf der Wikipedia-
Seite zum Konvergenzradius.

In gewissem Sinne darf man Potenzreihen wie „unendliche Polynome“ differenzie-


ren, also jeden „Summanden“ einzeln:

n
Wenn die Potenzreihe f (z) = ∞ Konvergenzradius ρ hat, der
P
n=0 a z z einenP Satz 27.3
n−1
nicht null ist, dann hat die Potenzreihe g (z) = ∞ n=1 na z z denselben Kon-
vergenzradius und für |z| < ρ ist g (z) die Ableitung von f an der Stelle z.

Der Beweis für diesen Satz wird im Video Reihen, Riemannscher Umordnungssatz
und komplex-analytische Funktionen gezeigt. Man beachte jedoch, dass es sich
nicht um eine Anwendung von Lemma 26.1 handelt, weil dieses Lemma nur für
endliche Summen anwendbar ist.

Satz 27.3 besagt also, dass konvergente Potenzreihen Funktionen liefern, die dif-
ferenzierbar (und damit auch stetig) sind. Und da die Ableitung eine Potenzreihe
mit demselben Konvergenzradius ist, sind solche Funktionen sogar beliebig oft
differenzierbar, also glatt.

Betrachtet man statt einer Funktion f die durch g (x) = x + c definierte Funktion,
wobei c eine Konstante ist, dann wird der Funktionsgraph nur um c vertikal ver-
schoben und wir würden erwarten, dass g dieselben wesentlichen Eigenschaften

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258 Reelle und komplexe Funktionen

wie f hat. Ebenso erhält man mit h(x) = f (x − c) eine lediglich horizontal verscho-
bene Funktion, die sich nicht grundsätzlich von f unterscheiden sollte.

f (x) + c f (x − c)
f (x) f (x)

Entsprechend kann man auch Potenzreihen „verschieben“.

Definition Ist (a n ) eine Folge komplexer Zahlen und z 0 ∈ C, so bezeichnet man eine
Funktion wie
(
A→C
: n
(27.1)
z 7→ ∞
P
n=0 a n (z − z 0 )

als Potenzreihe mit Entwicklungspunkt z 0 , wenn A ⊆ C derart gewählt ist,


n
dass die Reihe ∞
P
n=0 a n (z − z 0 ) für alle z ∈ A konvergiert.

Die Potenzreihen, mit denen wir uns bisher beschäftigt haben, sind in diesem
Sinne einfach Spezialfälle, bei denen der Entwicklungspunkt die Zahl null ist. Und
selbstverständlich übertragen sich die Aussagen aus diesem Abschnitt auch auf
allgemeinere Potenzreihen. Insbesondere haben auch solche Potenzreihen einen
Konvergenzradius ρ, der eine nichtnegative reelle Zahl oder ∞ sein kann. Die
Menge der Zahlen, für die die Reihe mit Sicherheit konvergiert, ist dann die Menge
der z, für die |z − z 0 | < ρ gilt, wobei z 0 der Entwicklungspunkt ist. Im Komplexen
ist das für ρ ̸= ∞ eine offene Kreisscheibe mit Radius ρ und Mittelpunkt z 0 , im
Reellen das Intervall (z 0 − ρ, z 0 + ρ).

n
Aufgabe 27.1. Die Potenzreihe ∞
P
n=0 a n (z + 3) habe den Konvergenzradius 2. Was
kann man über die Konvergenz der Reihe an den Stellen −4, −1, 1 und 2 sagen? Was
ist mit einer komplexen Zahl wie −3 + 2i?

n
Aufgabe 27.2. Die Potenzreihe ∞
P
n=0 a n (z −2+i) habe den Konvergenzradius 3. Zeich-
nen Sie die Menge der Zahlen, für die diese Reihe auf jeden Fall konvergiert.

⋆Aufgabe 27.3. Wie muss man Satz 27.3 wohl für Potenzreihen der Form (27.1) for-
mulieren?

Funktionen, die über Potenzreihen definiert sind bzw. sich über Potenzreihen
analytisch definieren lassen, nennt man analytisch. Die meisten Funktionen, mit denen man
es in Anwendungen zu tun hat, sind analytisch. Insbesondere sind auch Polynome
analytisch, denn bei ihnen handelt es sich um Potenzreihen, bei denen fast alle Ko-
effizienten verschwinden. Auch rationale Funktionen und Wurzelfunktionen sind
beispielsweise analytisch, haben aber nicht unbedingt Potenzreihen, die überall
konvergieren. Mehr dazu im Video Taylorpolynome und den darauf folgenden.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


28. Exponentialfunktionen und Logarithmen 259

⋆ Potenzreihen im Computer
Potenzreihen sind die Erklärung dafür, dass Computer Funktionen wie den Sinus
oder den Logarithmus berechnen können, die in den folgenden Abschnitten be-
handelt werden. Wenn Sie Informatik studieren, dann wissen Sie, dass es Gatter
gibt, die die vier Grundrechenarten durchführen können. Damit kann man aber
nur rationale Funktionen berechnen. Für andere Funktionen werden mithilfe von
Reihen Approximationen ermittelt. Beispielsweise werden wir gleich sehen, dass
die Funktion exp durch die Reihe 28.1 definiert ist. Man könnte diese Funktion in
P YTHON also näherungsweise z. B. folgendermaßen berechnen:

from math import factorial, exp


exp1 = lambda x: sum(x**k/factorial(k) for k in range(42))

exp1(1), exp(1)

In der Realität ist es allerdings nicht ganz so simpel, weil natürlich erstens die
Geschwindigkeit eine Rolle spielt und zweitens die Genauigkeit. Was tatsächlich
„unter der Haube“ eingesetzt wird, ist in der Regel ein über viele Jahre optimierter
Algorithmus. Wenn Sie ein bisschen herumspielen, werden Sie beispielsweise
feststellen, dass der relativen Fehle von exp1 (im Vergleich zum „richtigen“ Wert
exp) inakzeptabel groß wird, wenn der Betrag des Arguments deutlich größer als 1
ist. Das ließe sich mit einem kleinen Kunstgriff verbessern:

exp2 = lambda x: exp1(x) if abs(x)<=1 else exp2(x/2)**2

Trotzdem ist diese Implementation noch weit davon entfernt, wie exp tatsächlich
realisiert ist.

28. Exponentialfunktionen und Logarithmen


Wir kommen nun zur wohl wichtigsten Funktion der gesamten Mathematik.

Die durch Definition


X∞ zn
exp(z) = (28.1)
n=0 n!

für z ∈ C definierte Funktion wird (natürliche) Exponentialfunktion genannt.


Für den Funktionswert exp(1) schreibt man e und nennt ihn die eulersche
Zahl.

e ist übrigens eine irrationale Zahl, wie ihr Namenspate Leonhard Euler 1737
bewies. Einen kurzen Beweis dafür, den man verstehen kann, wenn man das Skript
bis hier durchgearbeitet hat, finden Sie in dem Video Die eulersche Zahl e ist
irrational.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


260 Reelle und komplexe Funktionen

Mit dem Quotientenkriterium erhält man sofort:

Lemma 28.1 Die Exponentialfunktion hat unendlichen Konvergenzradius, d. h., ihre Reihe
konvergiert für alle z ∈ C.

Aufgabe 28.1. Welchen Wert hat exp(0)? Berechnen Sie mit einem Taschenrechner
gemäß der Definition in (28.1) einen ungefähren Wert für e.

⋆Aufgabe 28.2. Führen Sie den Beweis von Lemma 28.1 aus.

Aus Satz 27.3 (rechnen Sie nach!) folgt:

Lemma 28.2 Die Funktion exp ist beliebig oft differenzierbar und ihre eigene Ableitung.

Aufgabe 28.3. Berechnen Sie die Ableitungen der beiden Funktionen x 7→ exp(x 2 ) und
x 7→ exp(x)2 .

Aufgabe 28.4. Durch Komposition mit der Exponentialfunktion kann man weitere
Funktionen konstruieren, die ihre eigene Ableitung sind. Fallen Ihnen Beispiele ein?

Wie werden zwei endliche Summen multipliziert? Gemäß der Distributivität wird
ausmultipliziert, so dass jeder Summand der einen Summe mit jedem der anderen
multipliziert und alle Produkte danach addiert werden. Will man z. B.

(a 0 + a 1 + a 2 )(b 0 + b 1 + b 2 + b 3 )

berechnen, so kann man das systematisch als Tabelle folgendermaßen notieren:

b0 b1 b2 b3
a0 a0 b0 a0 b1 a0 b2 a0 b3
a1 a1 b0 a1 b1 a1 b2 a1 b3
a2 a2 b0 a2 b1 a2 b2 a2 b3

Wie bei Cantors Diagonalverfahren kann man diese Terme nun immer entlang der
Diagonalen zusammenfassen. Allgemein ergibt sich

m
³X n
´ ³X ¢ m+n
X Xk
ak · bk = a j b k− j ,
k=0 k=0 k=0 j =0

wobei man Faktoren der Form a j mit j > m bzw. b i mit i > n wie Nullen behandelt.

Kann man das auch mit „unendlichen Summen“ machen? Es klappt zumindest
immer dann, wenn diese Reihen absolut konvergieren.

Satz 28.3

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28. Exponentialfunktionen und Logarithmen 261

Wenn die Reihen ∞


P P∞
n=0 a n und n=0 b n absolut gegen A bzw. B konvergieren,
dann konvergiert die Reihe
n
∞ X
X
a k b n−k (28.2)
n=0 k=0

absolut gegen AB .

Die Reihe (28.2) wird als Cauchy-Produkt der beiden anderen Reihen bezeichnet. Cauchy-Produkt

Einen Beweis für diesen Satz findet man z. B. auf der Wikipedia-Seite zum soge-
nannten Satz von Mertens (der besagt, dass es reicht, wenn eine der Reihen absolut
konvergiert, solange die absolute Konvergenz des Cauchy-Produktes nicht benötigt
wird). Dort findet man auch ein Beispiel dafür, dass die Aussage im Allgemeinen
nicht mehr gilt, wenn beide Reihen nur bedingt konvergieren.

Für den nächsten Schritt benötigen wir ein grundlegendes algebraisches Resultat,
das wir auch schon früher hätten beweisen können. Es handelt sich um eine
Verallgemeinerung eines aus der Schule wohlbekannten Resultats.

Binomischer Lehrsatz Satz 28.4


Ist (R, +, ·) ein kommutativer unitärer Ring, dann gilt
à !
n n
(a + b)n = a k b n−k
X
(28.3)
k=0 k

für alle a, b ∈ R und alle n ∈ N.5

Beweis. Formal beweist man das mittels vollständiger Induktion. (Siehe Aufga-
be 28.6.) Man kann sich aber auch einfach kombinatorisch klarmachen, dass die
Aussage stimmen muss: Wir haben n Faktoren, die jeweils aus den zwei Summan-
den a und b bestehen. Beim Ausmultiplizieren muss aus jedem Faktor einer der
Summanden ausgewählt werden und alle Möglichkeiten müssen berücksichtigt
werden. (Wie bei den binomischen Formeln, allerdings ggf. mit mehr als zwei
Faktoren.) Da es wegen der Kommutativität der Multiplikation auf die Reihenfolge
nicht ankommt, ist nur entscheidend, wie oft man a (bzw. b) ausgewählt hat. Ist k
die Anzahl der as, dann bleiben n − k bs übrig. Multiplikation ergibt a k b n−k . Nach
Satz 4.7 gibt es für diese Auswahl nk Möglichkeiten.
¡ ¢

Aufgabe 28.5. Setzen Sie in (28.3) n = 2 ein und verifizieren Sie, dass sich die bekannte
binomische Formel ergibt. Überprüfen Sie auch die Korrektheit der Formel für n = 1
und schließlich für n = 3, indem Sie (a + b)3 manuell ausmultiplizieren.

⋆Aufgabe 28.6. Beweisen Sie den binomischen Lehrsatz durch Induktion über n.

5 Dabei ist das Summenzeichen natürlich so gemeint, dass es um die Addition im Ring R geht.

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262 Reelle und komplexe Funktionen

P19
Aufgabe 28.7. Wenn man (x+1)19 ausmultipliziert, ergibt sich ein Polynom k=0
ak x k .
Geben Sie den Koeffizienten a 13 dieses Polynoms an.

Satz 28.5 Funktionalgleichung der Exponentialfunktion


Für alle z, w ∈ C gilt exp(z + w) = exp(z) exp(w).

Beweis. Das folgt mit dem Cauchy-Produkt und dem dem binomischen Lehrsatz
durch einfaches Nachrechnen:
¡X∞ z n ¢¡ X
∞ wn ¢ ∞ X
X n zk w n−k
exp(z) exp(w) = = ·
n=0 n! n=0 n! n=0 k=0 k! (n − k)!
à !
∞ X n n! z k w n−k ∞ 1 X n n
z k w n−k
X X
= · =
n=0 k=0 n! k!(n − k)! n=0 n! k=0 k
X∞ (z + w)n
= = exp(z + w) ■
n=0 n!

Funktionalgleichung Als Funktionalgleichung bezeichnet man eine Gleichung, die man so interpretiert,
dass die durch die Gleichung beschriebene Unbekannte eine Funktion ist. Man
kann beweisen, dass die Exponentialfunktion im Wesentlichen die einzige stetige
Funktion ist, die die Gleichung f (z + w) = f (z) f (w) aus Satz (28.5) erfüllt.6 Ob-
wohl der Beweis aufgrund der Vorarbeit recht einfach ist, ist der Satz sehr wichtig,
weil aus ihm viele grundlegende Eigenschaften der Exponentialfunktion gefolgert
werden können.

Lemma 28.6 Für x ∈ R ist exp(x) reell und positiv. Außerdem ist exp |R streng monoton
steigend und es gibt es kein z ∈ C mit exp(z) = 0.

Beweis. Hätte die Exponentialfunktion eine Nullstelle z ∈ C, dann hätten wir mit
der Funktionalgleichung

X1 1n X∞ 1n
2 = 1+1 = < = exp(1) = exp(1 − z + z) = exp(1 − z) exp(z) = 0,
n=0 n! n=0 n!

was offenbar ein Widerspruch ist.

Dass exp(x) für reelle x reell ist, folgt sofort aus der Definition (28.1). Mit der
Funktionalgleichung folgt dann

exp(x) = exp(x/2 + x/2) = exp(x/2)2 > 0.

Für h > 0 gilt sogar exp(h) > 1, was ebenfalls direkt aus (28.1) folgt. Die Monotonie
folgt damit durch exp(x + h) = exp(x) exp(h) > exp(x). ■

Man kann auch exp(x) ≥ 1 + x für x ∈ R zeigen, worauf wir hier verzichten. Insge-
samt sieht der reelle Verlauf der Exponentialfunktion so aus wie in der folgenden
6Was mit „im Wesentlichen“ gemeint ist, wird bald klar werden.

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28. Exponentialfunktionen und Logarithmen 263

Skizze. Auf der linken Seite bleibt die Kurve immer oberhalb der horizontalen
Achse, nach rechts steigt sie sehr stark an.7

exp(x)

e
1+x

Für alle q ∈ Q und r ∈ R gilt exp(qr ) = exp(r )q . Insbesondere gilt exp(q) = eq . Satz 28.7

Beweis. Zunächst zeigen wir exp(nr ) = exp(r )n für alle n ∈ N mit vollständiger
Induktion über n. Für n = 0 gilt die Aussage offensichtlich – siehe Aufgabe 28.1.
Der Induktionsschluss ist dann mithilfe der Funktionalgleichung

exp (n + 1)r = exp(nr ) exp(r ) = exp(r )n · exp(r ) = exp(r )n+1 .


¡ ¢

Für n ∈ N folgt ebenfalls aus der Funktionalgleichung

1 = exp(0) = exp(−nr + nr ) = exp(−nr ) exp(nr )

und damit exp(−nr ) = 1/ exp(nr ) = 1/ exp(r )n = exp(r )−n . Also gilt die Behauptung
für alle ganzen Zahlen.

Schließlich haben wir für m ∈ Z und n ∈ N+

exp(r )m = exp(mr ) = exp(n · m/n · r ) = exp(m/n · r )n

bzw. exp(m/n · r ) = n exp(r )m = exp(r )m/n .


p

Der Beweis zeigt, dass Satz 28.7 auch dann gilt, wenn r komplex und q eine ganze
Zahl ist. Für beliebige rationale Zahlen q können wir das jedoch nicht formulieren,
weil nicht klar ist, was die n-te Wurzel einer komplexen Zahl sein soll. (Siehe die
Diskussion auf Seite 176.)

Für z ∈ C definieren wir ez als exp(z). Definition

Wir können also nun beispielsweise sagen, was eπ oder ei bedeuten sollen, während
diese Ausdrücke vorher keinen Sinn ergeben hätten – wohingegen Terme der Form
eq mit rationalen Exponenten q definiert waren. z → ez ist damit eine auf ganz C
definierte glatte Funktion, die nach Satz 28.7 für rationale Argumente mit der
bisherigen Definition übereinstimmt.

7 Nach Lemma 20.3 steigt exp stärker als jedes Polynom.

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264 Reelle und komplexe Funktionen

⋆Aufgabe 28.8. Begründen Sie, warum der Wertebereich von exp |R das komplette
Intervall (0, ∞) ist.

Wegen Aufgabe 28.8 und da die Funktion exp |R nach Lemma 28.6 außerdem injek-
tiv ist, ergibt die folgende Definition Sinn.

Definition Die auf (0, ∞) definierte Umkehrfunktion von exp |R wird als natürlicher Lo-
garithmus bezeichnet und ln geschrieben.8

Grundsätzlich ergeben sich die Funktionsgraphen von Umkehrfunktionen reeller


Funktionen durch Spiegelung an der Hauptdiagonalen idR , denn es werden (siehe
Abschnitt 6) lediglich die Komponenten der Paare vertauscht. Für den Logarithmus
sieht das folgendermaßen aus.

exp(x)

1 ln x

Offensichtlich ist der Logarithmus streng monoton steigend mit ln 1 = 0.

⋆Aufgabe 28.9. Begründen Sie: Ist A ⊆ R und f : A → R streng monoton steigend,


dann ist die Umkehrfunktion f −1 ebenfalls streng monoton steigend.

Lemma 28.8 Die Ableitung des Logarithmus ist die Funktion x 7→ 1/x.

Beweis. Mit der Umkehrregel und Lemma 28.2 erhält man sofort 1/ exp(ln x). ■

Aufgabe 28.10. Berechnen Sie die Ableitungen von ln(x 2 + 1) und (ln x)2 + 1.

Lemma 28.9 Funktionalgleichung des Logarithmus


Für alle x 1 , x 2 ∈ (0, ∞) gilt ln x 1 x 2 = ln x 1 + ln x 2 .

Beweis. Mit der Funktionalgleichung der Exponentialfunktion erhält man

exp(ln x 1 + ln x 2 ) = exp(ln x 1 ) exp(ln x 2 ) = x 1 x 2 .


8 In mathematischen Fachtexten wird statt ln oft auch log verwendet. Auch in vielen Programmier-

sprachen heißt die entsprechende Funktion log.

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28. Exponentialfunktionen und Logarithmen 265

Damit ergibt sich die Behauptung sofort, wenn man auf beiden Seiten den Loga-
rithmus anwendet. ■

Aufgabe 28.11. Begründen Sie, dass auch ln(x 1 /x 2 ) = ln x 1 − ln x 2 gilt.

Ihnen ist vielleicht aufgefallen, dass ich exp(x) immer mit Klammern, ln x aber
manchmal ohne diese geschrieben habe. Damit folge ich einer historisch gewachse-
nen Tradition, bei manchen Funktionen – z. B. auch beim Sinus oder beim Kosinus –
die Klammern wegzulassen. Dafür gibt es keine festen Regeln, aber üblicherweise
versteht man es so, dass der „Geltungsbereich“ der Funktion sich bis zum nächsten
Operatorsymbol erstreckt. Das würde beispielsweise implizieren, dass ln x y, ln x 3
und ln 34 Abkürzungen für ln(x y), ln(x 3 ) und ln( 34 ) sind, während ln x + y oder ln 3/4
im Sinne von ln(x) + y bzw. ln(3)/4 gemeint sind. Besonders Letzteres lädt jedoch
zu Missverständnissen ein. Im Zweifelsfall sollte man lieber Klammern verwenden.
(Und natürlich dürfen Sie in typischen Programmiersprachen Funktionen wie log
und sin nie ohne Klammern verwenden.)

Ist a eine positive reelle Zahl und q ∈ Q, dann gilt nach Satz 28.7

a q = exp(ln a)q = exp(q ln a).

Analog zur Definition von ez ergibt daher auch die folgende Definition Sinn, stimmt
für rationale Exponenten mit der gewohnten überein, liefert nun jedoch (für fes-
tes a) eine auf ganz C definierte und differenzierbare Funktion.

Für a > 0 und z ∈ C definieren wir a z als exp(z ln a) bzw. ez ln a . Definition

Lemma 19.14 kann damit auf komplexe Zahlen verallgemeinert werden. Bewie-
sen werden diese Eigenschaften ganz simpel durch Einsetzen in die Definition
und Anwendung der Funktionalgleichungen für die Exponentialfunktion und den
Logarithmus.

Für alle a, b ∈ (0, ∞) und alle r, s ∈ C gelten die folgenden Aussagen: Lemma 28.10
r s r +s
(i) a · a = a
(ii) a r /a s = a r −s
(iii) a r · b r = (ab)r
(iv) a r /b r = (a/b)r
(v) (a r )s = a r s

Aufgabe 28.12. Beweisen Sie Lemma 28.10.

Aufgabe 28.13. Begründen Sie, warum die reelle Funktion x 7→ a x für a > 1 streng
monoton steigt und für 0 < a < 1 streng monoton fällt.

Aufgabe 28.14. Geben Sie für r ∈ R die Ableitung der auf dem Intervall (0, ∞) definier-
ten Funktion x 7→ x r an.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


266 Reelle und komplexe Funktionen

Aufgabe 28.15. Geben Sie für a > 0 die Ableitung von x 7→ a x an.

Exponentialfunktion Funktionen der Art x 7→ a x werden allgemein als Exponentialfunktionen bezeich-


net. Einige Beispiele zeigt die folgende Skizze. Beachten Sie, dass alle diese Funk-
tionen sich im Punkt (0, 1) schneiden. Außerdem folgt aus den Rechenregeln in
Lemma 28.10, dass der Funktionsgraph von (1/a)x sich durch Spiegelung des
Graphen von a x an der vertikalen Achse ergeben muss.

3x
ex

2x

(1/2)x

Wegen Aufgabe 28.13 kann man nun auch allgemeine Logarithmen definieren.

Definition Sei a > 0 und a ̸= 1. Die auf (0, ∞) definierte Umkehrfunktion von x 7→ a x wird
als Logarithmus zur Basis a bezeichnet und loga geschrieben.9

Da es erfahrungsgemäß oft zu gewissen Verwirrungen kommt, sei hier ein wichtiger


Punkt explizit hervorgehoben. Wenn Sie Gleichungen wie x + y = a oder x y = a
nach x auflösen, dann erhalten Sie x = a − y bzw. x = a/y, weil Subtraktion und
Division die Umkehrung von Addition und Multiplikation sind – siehe Abschnitt 10.
Und wenn Sie diese Gleichungen nach y auflösen, dann ergeben sich y = a − x bzw.
y = a/x. Das ist dieselbe Rechnung, bei der nur die Rollen von x und y vertauscht
wurden. Und das liegt daran, dass Addition und Multiplikation kommutativ sind.

Das Potenzieren ist aber nicht kommutativ – siehe z. B. Aufgabe 7.6.10 Daher ist es
bei einer Gleichung wie x y = a nicht egal, ob Sie nach x oder nach y auflösen. Nach
x aufgelöst erhält man x = a 1/y und beantwortet die Frage, welche Zahl zur y-ten
Potenz a ergibt.11 Nach y aufgelöst erhält man jedoch y = loga x und beantwortet
die Frage, mit was man x potenzieren muss, damit a herauskommt.

Aufgabe 28.16. Geben Sie ohne Zuhilfenahme eines Taschenrechners oder anderer
Hilfsmittel die Werte log2 64 und log10 100 000 an.

9 In technischen Texten findet man auch die Abkürzungen lg für log sowie lb oder ld für log .
10 2
Und ln ist natürlich dasselbe wie loge .
10 Siehe auch die Aufgaben 28.14 und 28.15, bei denen es offenbar um zwei sehr unterschiedliche

Funktionen geht. Dafür muss man nur die Funktionsgraphen von x 7→ x 2 und x 7→ 2x vergleichen.
11Wenn y ∈ N+ gilt, spricht man bekanntlich auch von der y-ten Wurzel.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


28. Exponentialfunktionen und Logarithmen 267

Die Funktionalgleichung des natürlichen Logarithmus gilt für alle Logarithmen.


Und man kann noch weitere angenehme Eigenschaften beweisen.

Für alle a, b, x, y > 0 mit a, b ̸= 1 gelten die folgenden Aussagen: Lemma 28.11
(i) loga x = logb x/ logb a
(ii) loga x y = loga x + loga y
(iii) loga (x/y) = loga x − loga y
(iv) loga x y = y loga x

Beweis. Nach Definition gilt exp(ln a loga x) = a loga x = x und damit ln x = ln a loga x
bzw. loga x = ln x/ ln a. Substitutiert man für a bzw. x andere Variablen, erhält man

ln x ln x/ ln b logb x
loga x = = = .
ln a ln a/ ln b logb a

Das beweist den ersten Punkt und man kann damit insbesondere alle weiteren
Punkte auf Eigenschaften des natürlichen Logarithmus zurückführen. (loga „ist“
quasi der natürliche Logarithmus, der lediglich mit dem konstanten Faktor 1/ ln a
multipliziert wird.)

Die nächsten beiden Punkte folgen daher direkt aus der Funktionalgleichung des
natürlichen Logarithmus sowie aus Aufgabe 28.11. Der letzte Punkt ist für a = e
nach Definition von x y offensichtlich und damit auch für beliebige Logarithmen
klar. ■

Aufgabe 28.17. Viele Taschenrechner kennen nur die zwei Logarithmusfunktionen ln


und log10 . Wie würden Sie mit so einem Taschenrechner log7 42 berechnen?

1 p
Aufgabe 28.18. Sei a = 500− 2 und b = 5/a. Berechnen Sie c = log10 b + log10 20. (Ar-
beiten Sie mit Zettel und Bleistift. Das Ergebnis ist eine rationale Zahl und kann daher
exakt angegeben werden.)

Aufgabe 28.19. Seien b und c positive reelle Zahlen und x = eb ln c . Geben Sie einen
möglichst einfachen Ausdruck für x −2/b an, in dem weder x und e noch Logarithmen
vorkommen.

Aufgabe 28.20. Sei a > 0. Geben Sie die Lösung x der Gleichung a x = 5/a 2 in Abhän-
gigkeit von a in möglichst einfacher Form an.

Aufgabe 28.21. Sei a > 0 mit a ̸= 1. Geben Sie die Ableitung von x 7→ loga x an. (Hin-
weis: Verwenden Sie Lemma 28.11.)

⋆ Exponentialfunktionen und Logarithmen im Computer


In P YTHON gibt es für die Exponentiation drei Möglichkeiten, die sich subtil unter-
scheiden.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


268 Reelle und komplexe Funktionen

import math
2**3, pow(2,3), [Link](2,3)

Die dritte Version rechnet immer mit Fließkommazahlen gemäß der Definition
auf Seite 265, während die anderen beiden bei ganzzahligen Argumenten auch
ganzzahlige Werte zurückgeben. Außerdem können diese auch mit P YTHONs kom-
plexen Zahlen umgehen. Man beachte die Klammern, die in diesem Fall notwendig
sind:

(2+5j)**3j, pow(2+5j,3j)

Dass pow auch modulare Arithmetik beherrscht, wissen wir schon.

Die Standardbibliothek MATH beinhaltet die natürliche Exponentialfunktion, Loga-


rithmen und die eulersche Zahl. Ruft man log mit zwei Argumenten auf, dann ist
das zweite die Basis.

from math import *


exp(1), e, log(e), log(1000,10)

Wenn Sie mit komplexen Zahlen arbeiten wollen, müssen Sie die Bibliothek CMATH
verwenden.12

import cmath
x=[Link](2+3j)
x, [Link](x)

Zusätzlich gibt es Spezialfunktionen wie expm1 oder log10, die in Grenzfällen


genauer rechnen. Für Einzelheiten sei auf die Dokumentation verwiesen.

log10(1000), log(1000,10)

29. Die trigonometrischen Funktionen


In der Schule lernt man die trigonometrischen Funktionen als Seitenverhältnisse
in rechtwinkligen Dreiecken kennen. Das ist gewissermaßen der „klassische“ geo-
metrische Ansatz. Wir wählen in diesem Kapitel jedoch den modernen Weg der
Einführung mithilfe der Exponentialfunktion, damit wir klar definierte Funktionen
haben, die man mit den Mitteln der Analysis untersuchen kann. Im Zuge dessen
werden wir auch präzisieren, was genau mit der Zahl π gemeint ist. Die folgende
Skizze soll dabei als Motivation für die nächsten Seiten dienen.

12 Komplexe Logarithmen haben wir in diesem Skript gar nicht definiert.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


29. Die trigonometrischen Funktionen 269

eit = x + iy

Wir werden feststellen, dass komplexe Zahlen der Form eit für t ∈ R immer den
Absolutbetrag 1 haben, dass sie also anschaulich auf dem skizzierten Einheitskreis
liegen. Hat so eine Zahl den Realteil x und den Imaginärteil y, dann sind diese
Werte die Längen der Katheten des hellblau gefüllten rechtwinkligen Dreiecks –
und gleichzeitig die Verhältnisse dieser Längen zur Länge der Hypotenuse (weil
die die Länge 1 hat). Wir definieren Funktionen, die x und y in Abhängigkeit von t
ausdrücken. Und wir werden sehen, dass es Sinn ergibt, t als den hervorgehobenen
Winkel (also als das Argument der Zahl eit ) zu betrachten.

Für alle z ∈ C gilt ez = ez . Lemma 29.1

Beweis. Da das Konjugieren stetig ist (siehe Seite 248), gilt für jede konvergente
Folge (a n ) mit Grenzwert a, dass (a n ) gegen a konvergiert. exp(z) ist als Wert einer
Reihe nach Definition der Grenzwert der Folge der Partialsummen. Also gilt

Xn zk Xn zk Xn zk
exp(z) = lim = lim = lim = exp(z).
k=0 k! k=0 k! k=0 k!
n→∞ n→∞ n→∞

Bei der vorletzten Gleichheit wurden die Rechenregeln zum Konjugieren (Lem-
ma 17.5) angewandt sowie die Tatsache, dass k! sich als reelle Zahl durch das
Konjugieren nicht ändert. ■

Für alle z ∈ C gilt |ez | = eRe(z) . Insbesondere gilt |eit | = 1 für alle t ∈ R. Korollar 29.2

Beweis. Erneut unter Anwendung der Regeln aus Lemma 17.5 erhält man
q p p p
z
|e | = ez · ez = ez · ez = ez+z = e2 Re(z) = eRe(z) .

(Man beachte, dass unter der Wurzel garantiert nur nichtnegative reelle Zahlen
stehen. Die auf Seite 176 angesprochene Problematik der Wurzeln echt komplexer
Zahlen spielt hier also keine Rolle.) ■

Allgemein gilt in = (−1)n/2 für gerade n ∈ N und in = (−1)(n−1)/2 i für ungerade n.


(Siehe Aufgabe 19.10.) Damit kann man exp(iz) für z ∈ C in zwei Reihen zerlegen:

X∞ (iz)n X∞ in z n X∞ (−1)n z 2n X∞ (−1)n z 2n+1


exp(iz) = = = +i (29.1)
n=0 n! n=0 n! n=0 (2n)! n=0 (2n + 1)!

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270 Reelle und komplexe Funktionen

Dass diese Reihen für alle z ∈ C konvergieren, zeigt man wieder mit dem Quotien-
tenkriterium.

Definition Der Sinus und der Kosinus werden folgendermaßen auf ganz C definiert:
∞ (−1)n
z 2n
X
cos z =
n=0 (2n)!
(29.2)
X∞ (−1)n 2n+1
sin z = z
n=0 (2n + 1)!

Mit (29.1) haben wir gezeigt:

Satz 29.3 Eulersche Formel


Für alle z ∈ C gilt exp(iz) = cos z + i sin z.

Man sieht zudem, dass Sinus und Kosinus für reelle Argumente reelle Funktions-
werte liefern (und das insbesondere cos 0 = 1 und sin 0 = 0 gilt). Es folgt:

Korollar 29.4 Für alle t ∈ R sind cos t und sin t Real- und Imaginärteil von eit (und damit
gelten auch | cos t | ≤ 1 und | sin t | ≤ 1).

Damit haben wir den wesentlichen Teil des am Anfang des Abschnitts verspro-
chenen Zusammenhangs bereits gezeigt. Wir werden die neuen Funktionen nun
genauer unter die Lupe nehmen.

Satz 27.3 liefert die folgende Aussage, die man leicht durch Nachrechnen verifizie-
ren kann.13

Lemma 29.5 Die Funktionen sin und cos sind beliebig oft differenzierbar mit sin′ = cos und
cos′ = − sin.

Aufgabe 29.1. Geben Sie die Ableitungen von sin(x 2 + 1) sowie von ln sin x an.

Aufgabe 29.2. Wie Sie wahrscheinlich aus der Schule wissen, ist der Tangens durch
tan x = sin x/ cos x definiert. (Natürlich nur an den Stellen, an denen cos x ̸= 0 gilt.
Details später.) Ermitteln Sie die Ableitung des Tangens.

gerade Funktion Außerdem ist der Kosinus eine sogenannte gerade Funktion, womit gemeint ist,
ungerade Funktion dass cos(−z) = cos z für alle z ∈ C gilt. Und der Sinus ist ungerade, d. h., es gilt
immer sin(−z) = − sin z. Der Funktionsgraph des reellen Kosinus ist also achsen-
symmetrisch zur vertikalen Achse und der des reellen Sinus ist punktsymmetrisch

13 Eine geometrische Begründung für diesen Zusammenhang demonstriert das Video Warum der

Kosinus die Ableitung des Sinus ist.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


29. Die trigonometrischen Funktionen 271

zum Ursprung des Koordinatensystems. Beides lässt sich ohne Mühe durch Einset-
zen in (29.2) nachprüfen.14

cos

sin

Der folgende Satz wird sich für Sinus und Kosinus als ähnlich hilfreich herausstellen
wie die Funktionalgleichung der Exponentialfunktion (mit deren Hilfe er auch
bewiesen wird).

Additionstheoreme für Sinus und Kosinus Satz 29.6


Für alle z, w ∈ C gilt

cos(z ± w) = cos z cos w ∓ sin z sin w und


sin(z ± w) = sin z cos w ± cos z sin w.

Beweis. Mit der eulerschen Formel und der Funktionalgleichung der Exponential-
funktion ergibt sich

cos(z + w) ± i sin(z + w) = e±i(z+w) = e±iz e±iw


= (cos z ± i sin z)(cos w ± i sin w)
= cos z cos w − sin z sin w ± i(cos z sin w + sin z cos w).

Das sind zwei Gleichungen, eine für plus und eine für minus. Addiert bzw. subtra-
hiert man die beiden und dividiert anschließend durch 2 bzw. 2i, so ergeben sich
die Additionstheoreme für plus. Die Additionstheoreme für minus folgen dann
sofort, weil der Kosinus gerade ist und der Sinus ungerade. ■

Satz des Pythagoras Korollar 29.7


Für alle z ∈ C gilt sin2 z + cos2 z = 1.

Beweis. Das ergibt sich, wenn man w = z im Additionstheorem für cos(z − w)


einsetzt und dabei cos 0 = 1 verwendet. ■

Das ist natürlich eine ganz allgemeine Aussage über zwei komplexe Funktionen
und nicht der klassische Satz des Pythagoras. (Zwischen Pythagoras und der ersten
Verwendung komplexer Zahlen liegen etwa zweitausend Jahre.) Aber angesichts
der geometrischen Interpretation der komplexen Zahlen ergibt die Benennung
durchaus Sinn.
14 Die Bezeichnungen kommen von den Funktionen der Form x 7→ x n , die genau dann gerade bzw.

ungerade sind, wenn ihre Exponenten diese Eigenschaft haben.

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272 Reelle und komplexe Funktionen

Die Schreibweise sin2 z ist eine weitere weitverbreitete Konvention. Es handelt sich
um eine Abkürzung für (sin z)2 .

Satz 29.8 Der Kosinus hat auf dem Intervall [0, 2] genau eine Nullstelle.

Beweis. Setzt man den Wert 2 in die Definition (29.2) ein, so erhält man die Reihen-
entwicklung
∞ 22n ∞ 22n
(−1)n (−1)n
X X
cos 2 = = 1−2+ .
n=0 (2n)! n=2 (2n)!
| {z }
S
Wir wissen zwar schon, dass die Reihe konvergiert, aber da die Folge der Reihen-
glieder eine Nullfolge ist,15 kann man in diesem Fall auch das Leibniz-Kriterium
anwenden. Dessen Beweis liefert mit (21.2) und Lemma 19.6 die Abschätzung
¯ 22·2 ¯¯ 24 2
|S| ≤ ¯(−1)2 ¯= =
¯
(2 · 2)! 4! 3
und damit cos 2 = 1 − 2 + S ≤ −1/3. Da cos 0 = 1 positiv ist, gibt es nach dem
Zwischenwertsatz zwischen 0 und 2 mindestens eine Nullstelle.

Mit der Reihendarstellung


sin x X ∞ x 2n ∞ x 2n
(−1)n (−1)n
X
= = 1+
x n=0 (2n + 1)! n=1 (2n + 1)!
kann man genau wie eben argumentieren und daraus
sin x x2
≥ 1−
x 3!
sin x 1
für x > 0 folgern. Für x ∈ (0, 2] folgt daraus x ≥ 3 und damit insbesondere die
Ungleichung sin x > 0 .

Mit den Additionstheoremen erhält man


³x + y y −x ´ ³x + y y −x ´
cos x − cos y = cos − − cos +
2 2 2 2
³x + y ´ ³y −x ´
= · · · = 2 sin sin
2 2
und speziell für x, y ∈ (0, 2) mit x < y folgt dann zusammen mit der vorherigen
Überlegung cos x − cos y > 0. cos x ist also auf (0, 2) streng monoton fallend, daher
insbesondere injektiv und es kann somit dort nur eine Nullstelle geben. ■

15 Dass eine Folge der Form (b n /n!) gegen Null geht, wissen wir „offiziell“ noch nicht. Man kann

das ähnlich wie Lemma 19.11 beweisen. Siehe dazu z. B. das Video Folgen mit Polynomen und
Exponentialfunktionen.

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29. Die trigonometrischen Funktionen 273

Die Zahl, die sich ergibt, wenn man die eindeutig bestimmte Nullstelle aus Definition
Satz 29.8 verdoppelt, wird als die Kreiszahl π bezeichnet.16

Bekanntlich hat π ungefähr den Wert 3.141592. Wie e ist auch π irrational. Das hat
der Schweizer Johann Heinrich Lambert 1761 bewiesen. Einen Beweis, den man
mit soliden Kenntnissen der Schulmathematik verstehen kann, zeigt das Video Die
Kreiszahl Pi ist irrational. Ein paar interessante Fakten zur Historie von π und den
Versuchen, einen möglichst genauen Wert für diese Zahl zu bestimmen, präsentiert
das Video Eine kurze Geschichte der Kreiszahl Pi.

Es gilt also cos(π/2) = 0 und mit Korollar 29.7 folgt daraus17 sin(π/2) = 1. Die
eulersche Formel liefert nun für n ∈ Z

= eiπ/2 = cos π2 + i sin π2 = in .


niπ/2
¢n ¡ ¢n
cos nπ nπ
¡
2 + i sin 2 = e

Vergleich man links und rechts jeweils Real- und Imaginärteile, so ergibt sich die
folgende Aussage.

Nullstellen und Extrema von Sinus und Kosinus im Reellen Lemma 29.9
Für alle n ∈ Z gilt

cos π2 + nπ = sin(nπ) = 0 und


¡ ¢

cos(nπ) = sin π2 + nπ = (−1)n .


¡ ¢

Insbesondere ergibt sich eiπ = cos π + i sin π = −1. Schreibt man das absichtlich
etwas umständlich auf, dann erhält man das, was regelmäßig von Mathematikerin-
nen und Mathematikern als „schönste Formel der Welt“ gekürt wird.

Eulersche Identität Korollar 29.10


eiπ + 1 = 0

Was macht diese Formel so besonders? Erstens kommen in ihr die drei wesent-
lichen Rechenoperationen Addition, Multiplikation und Exponentiation jeweils
einmal vor und zweitens stellt sie einen Zusammenhang zwischen den fünf wich-
tigsten Zahlen der Mathematik her:
– 0 und 1 sind als neutrale Elemente von Addition und Multiplikation die
Grundlage des Rechnens und aus ihnen kann man in gewissem Sinne alle
reellen Zahlen generieren – siehe z. B. Satz 15.4.
– π ist als Verhältnis von Kreisumfang zum Durchmesser so etwas wie die
„Naturkonstante“ der Geometrie.
16 Obwohl dieser Wert in verschiedenen Kulturen schon seit Jahrtausenden verwendet wurde,

stammt die heute übliche Bezeichnung mit einem griechischen Buchstaben erst aus dem 18. Jahr-
hundert. Sie wird dem walisischen Mathematiker William Jones zugeschrieben.
17Weil wir aus dem Beweis von Satz 29.8 wissen, dass nicht −1 herauskommen kann.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


274 Reelle und komplexe Funktionen

– e ist die Basis der natürlichen Exponentialfunktion, von deren Wichtigkeit


wir schon gehört haben.
– i ist die „Keimzelle“ der komplexen Zahlen, die das Zahlenuniversum gleich-
sam komplettieren.

Durch einfache Anwendung der Additionstheoreme und die Werte aus Lemma 29.9
erhält man eine weitere wichtige Eigenschaft von Sinus und Kosinus.

Lemma 29.11 Periodizität von Sinus und Kosinus


Sinus und Kosinus sind periodisch mit der Periode 2π. Damit ist gemeint, dass
die Beziehungen cos(z + 2π) = cos z und sin(z + 2π) = sin z für alle z ∈ C gelten.

Auch der folgende Zusammenhang folgt durch einfaches Ausrechnen mit den
Additionstheoremen und bereits bekannte Funktionswerte. Der Sinus ist quasi nur
ein „verschobener“ Kosinus.18

Lemma 29.12 Phasenverschiebung von Sinus und Kosinus


Für alle z ∈ C gilt cos(z + π/2) = − sin z und sin(z + π/2) = cos z.

Die Aussagen der beiden Lemmata lassen sich in der Skizze auf Seite 271 gut
erkennen. Lemma 29.11 besagt, dass man beispielsweise nur die Werte zwischen
0 und 2π kennen muss, um den gesamten reellen Verlauf von Sinus und Kosinus
zu kennen. Lemma 29.12 besagt, dass es reicht, eine der beiden Funktionen zu
kennen. Schließlich kann man sich noch überlegen (ein weiteres Mal mit den
Additionstheoremen), dass es sogar ausreicht, die Funktionswerte in einem der
vier Viertel einer Periode zu kennen. Das folgende Lemma formuliert das für den
Kosinus, aber wegen der obigen Zusammenhänge kann man das natürlich auch
für den Sinus machen.

Lemma 29.13 Determiniertheit durch den ersten Quadranten


Für alle z ∈ C gilt cos(π/2 + z) = − cos(π/2 − z) und cos(π + z) = cos(π − z).

π 2π

Damit folgt dann auch, dass die in Lemma 29.9 genannten Nullstellen die einzigen
reellen Nullstellen der beiden Funktionen sind.

Aufgabe 29.3. Sie haben einen Taschenrechner, bei dem die Kosinusfunktion nur
für Eingabewerte zwischen 0 und π/2 funktioniert. Was müssen Sie eingeben, um
cos(7π/6) zu berechnen? (Verwenden Sie Lemma 29.13.)
18 Der Begriff Phase stammt aus der Physik.

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30. Polarkoordinaten und Arkusfunktionen 275

Aufgabe 29.4. Der Billigtaschenrechner aus Aufgabe 29.3 hat zu allem Überfluss auch
keine Taste für den Sinus. Wie können Sie trotzdem sin(5π/9) berechnen?

Aufgabe 29.5. Führen Sie die Beweise der Lemmata 29.11 bis 29.13 durch, indem Sie
jeweils in die Additionstheoreme einsetzen.

⋆Aufgabe 29.6. Leiten Sie mithilfe der Additionstheoreme und mit Korollar 29.7 eine
Formel für cos 2z her, in der der Sinus nicht vorkommt.

Aufgabe 29.7. Berechnen Sie mit der Formel aus der Lösung von Aufgabe 29.6 nach-
einander cos(π/4) und cos(π/8).

Ein paar Werte von Sinus und Kosinus sollte man im Kopf haben.19

x 0 π/6 π/4 π/3 π/2


90◦
x 0◦ 30◦ 45◦ 60◦ 90◦ 60◦
45◦
n 0 1 2 3 4
p p p 30◦
n/2 0 1/2 1/ 2 3/2 1
p p
sin x 0 1/2 1/ 2 3/2 1
p p 0◦
cos x 1 3/2 1/ 2 1/2 0
p p
tan x 0 1/ 3 1 3 –

Man kann noch diverse weitere Zusammenhänge beweisen, die Sie sich aber
ohnehin nicht alle merken werden. Im Bedarfsfall kann man zum Beispiel in der
Formelsammlung zur Trigonometrie auf Wikipedia nachschlagen.
Aufgabe 29.8. Die Gleichung cos x = x hat zwischen 0 und 1 genau eine Lösung. (Wie-
so?) Geben Sie diese Lösung auf zwei Stellen nach dem Komma genau an.

30. Polarkoordinaten und Arkusfunktionen


An dieser Stelle können wir zur Skizze vom Anfang des letzten Abschnitts zurück-
kommen. Es ist nun klar, dass die komplexe Zahl eit gegen den Uhrzeigersinn auf
dem Einheitskreis „wandert“, wenn t auf der reellen Achse nach rechts bewegt
wird. Sie startet im Punkt 1 für t = 0, kommt bei t = π/2 bei i vorbei, bei t = π bei −1
und ist bei t = 2π wieder am Ausgangspunkt. Ab hier wiederholt sich der Vorgang.

eit = x + iy

y = sin t
t
x = cos t

19 Die grau eingefärbten Zeilen sind als Merkhilfe für den Sinus gedacht. Man beachte, dass die

Zeile für den Kosinus der für den Sinus in umgekehrter Reihenfolge entspricht. Der Tangens ergibt
sich bekanntlich durch Division der beiden Zeilen darüber.

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276 Reelle und komplexe Funktionen

Es liegt daher nahe, den Parameter t als Maß für den Winkel zu nehmen. Sinus
und Kosinus bekommen dadurch für Punkte auf dem ersten Viertel des Kreises die
geometrische Bedeutung, die wir mit ihnen ohnehin schon verbinden, sind nun
aber für beliebige komplexe Zahlen sinnvoll definiert.

Damit ist t auch der Wert, den wir als Argument der komplexen Zahl bezeichnet
hatten. Nach den Überlegungen aus dem vorherigen Abschnitt ist

z = r eit = r (cos t + i sin t ) (30.1)

für r ≥ 0 und t ∈ R eine Zahl mit dem Absolutbetrag r und dem Argument t . Setzen
wir noch gemäß einer üblichen Konvention fest, dass t im Intervall (−π, π] liegen
soll, dann sind r und t für jede komplexe Zahl z ̸= 0 eindeutig bestimmt. Man
Polardarstellung bezeichnet (30.1) als die Polardarstellung von z.20

Etwas gewöhnungsbedürftig ist die „Maßeinheit“ für Winkel, die hier verwendet
Radiant wird und die man als Radiant bezeichnet. Es sollte jedoch durch die Herleitung
klargeworden sein, dass diese Festlegung sich gewissermaßen von selbst ergibt
und ganz natürlich ist. Man kann (mithilfe der Integralrechnung) zeigen, dass t
in der obigen Skizze genau die Länge des (hellblauen) Kreisbogens ist. Deshalb
Bogenmaß spricht man auch vom Bogenmaß .

Die uns vertraute Unterteilung des Kreises in 360 Grad führt eine Tradition fort,
die vor vielen Jahrtausenden wahrscheinlich von babylonischen Astronomen be-
gründet wurde. Sie ist im Gegensatz zum Bogenmaß willkürlich. Würden wir in
Grad rechnen, würden Aussagen wie die von Lemma 29.5 komplizierter werden,
weil wir dann Vorfaktoren bräuchten. Zum Glück ist die Umrechnung zwischen
Grad und Bogenmaß simpel, weil eine einfache Proportionalität besteht: 360 Grad
entsprechen 2π.

Bogenmaß π/6 π/4 π/2 π 2π


Grad 30◦ 45◦ 90◦ 180◦ 360◦

Man beachte dabei, dass für Grad das Einheitenzeichen ◦ verwendet wird, wäh-
rend das Bogenmaß einfach nur eine Zahl ist. Taschenrechner bieten in der Regel
Tasten wie RAD und DEG für das Umschalten zwischen Radiant und Grad (engl.
degree) an. Achtung: Das Arbeiten mit dem falschen Winkelmaß ist eine typische
Fehlerquelle!

Kennt man von einer komplexen Zahl z den Betrag r und das Argument t , so ist
nach (30.1) sofort klar, wie man Real- und Imaginärteil ausrechnet, nämlich durch

Re(z) = r cos t und


Im(z) = r sin t .

Aber wie kommt man umgekehrt von der kartesischen Darstellung z = x +iy zur Po-
lardarstellung? Der Betrag r ist kein Problem: wir müssen einfach seine Definition
kartesische 20 Die bereits bekannte Variante z = x + iy mit expliziter Angabe von Real- und Imaginärteil nennt

Darstellung man kartesische Darstellung.

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30. Polarkoordinaten und Arkusfunktionen 277

p
nachschlagen und erhalten r = x 2 + y 2 . Für das Argument t liefert (30.1) die Zu-
sammenhänge cos t = x/r und sin t = y/r . Aber um das nach t aufzulösen, braucht
man Umkehrfunktionen der trigonometrischen Funktionen. Die sind jedoch auf
direktem Wege nicht zu erhalten, weil Sinus und Kosinus wegen der Periodizität
nicht injektiv sind. Man muss die Methode von Seite 79 anwenden, und entspre-
chend eingeschränkte Versionen dieser Funktionen betrachten. Wiederum wegen
der Periodizität hat man dafür theoretisch unendlich viele Möglichkeiten. Man
entscheidet sich in der Regel für eine relativ nahe bei null liegende.

Die Umkehrfunktion von sin |[−π/2,π/2] wird Arkussinus genannt und arcsin Definition
geschrieben. Die Umkehrfunktion von cos |[0,π] wird Arkuskosinus genannt
und arccos geschrieben.

Den Verlauf dieser Funktionen zeigen die beiden folgenden Grafiken. Beide sind
auf dem Intervall [−1, 1] definiert. Sie haben als Wertebereich [−π/2, π/2] bzw.
[0, π]. Wegen der angesprochenen Wahlmöglichkeiten, nennt man die Funktionen
aus der obigen Definition auch die Hauptzweige. Hauptzweige

arcsin

1 π

Auf Taschenrechnern sind oft die Tasten sin−1 und cos−1 für diese Funktionen
vorgesehen, während sie in vielen Programmiersprachen asin und acos heißen.
Die Bezeichnung Arkus (lat. für Bogen) rührt daher, dass geometrisch betrach-
tet die Arkusfunktionen als Argument ein Seitenverhältnis bekommen und als
Funktionswert einen Winkel – also die Länge eines Bogens – liefern.
arccos

1 π

Aufgabe 30.1. Berechnen Sie mit der Umkehrregel die Ableitungen von arcsin und
arccos oder schauen Sie sich zumindest die Lösung an, damit sie die Ableitungen
kennen. (Hinweis: Verwenden Sie den Satz des Pythagoras, um zwischen Sinus und
Kosinus hin und her zu wechseln.)

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278 Reelle und komplexe Funktionen

⋆Aufgabe 30.2. Es ist offensichtlich, dass der Kosinus nicht injektiv ist. Aber ist ei-
gentlich klar, dass seine Restriktion auf [0, π] tatsächlich injektiv ist? Und was ist mit
sin |[−π/2,π/2] ?

Beim Versuch, aus der kartesischen Darstellung z = x+iy das Argument zu erhalten,
waren wir oben bei cos t = x/r stehengeblieben. Es sieht so aus, als wäre die Lösung
t = arccos(x/r ). Aber leider liefert der Arkuskosinus nur Werte zwischen 0 und π.
Das bedeutet, dass diese „Lösung“ für komplexe Zahlen unterhalb der reellen
Achse falsche Angaben liefert. Interpretiert man das Argument jedoch wie in der
Definition auf Seite 174 als eine Zahl aus dem Intervall (−π, π] und nutzt aus, dass
der Kosinus gerade ist, dann erhält man
(
arccos(x/r ) y ≥0
t=
− arccos(x/r ) y <0

für r ̸= 0. (Für r = 0 ist das Argument nicht definiert.)

Aufgabe 30.3. Man kann das besagte Problem auch nicht aus der Welt schaffen, wenn
man stattdessen den Zusammenhang sin t = y/r und den Arkussinus verwendet. Wie
sieht dann die Fallunterscheidung aus?

Zum Abschluss führen wir noch den in Aufgabe 29.2 bereits erwähnten Tangens of-
fiziell ein. Dabei verwenden wir ohne Beweis, dass der Kosinus auch im Komplexen
außer den in Lemma 29.9 erwähnten keine weiteren Nullstellen hat.

Definition Der Tangens ist durch

sin z
tan z =
cos z
für alle z ∈ C definiert, für die cos z ̸= 0 gilt. Der Definitionsbereich dieser
Funktion ist also C \ { π/2 + nπ : n ∈ Z }.

Da Sinus und Kosinus beide periodisch, aber gegeneinander phasenverschoben


sind, ist der Tangens periodisch mit der „halben“ Periode π. Der reelle Teil sieht so
aus wie in der folgenden Grafik. Insbesondere ist das Bild eines Intervalls der Form
(π/2 + nπ, 3π/2 + nπ) immer ganz R.

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30. Polarkoordinaten und Arkusfunktionen 279

Eine Umkehrfunktion erhält man wieder durch Restriktion, indem man beispiels-
weise nur den mittleren „Streifen“ betrachtet.

Die Umkehrfunktion von tan |(−π/2,π/2) wird Arkustangens genannt und Definition
arctan geschrieben.

Der Definitionsbereich des Arkustangens ist also ganz R und er sieht so aus wie in
der folgenden Skizze.

π/2

Der Arkustangens liefert eine weitere Möglichkeit, das Argument einer komplexen
Zahl x + iy zu berechnen. Zwar ist man aus demselben Grund wie oben auch
wieder auf eine Fallunterscheidung angewiesen (und muss dabei zusätzlich noch
auf die Definitionslücken achten), hat aber den Vorteil, dass man den Betrag nicht
benötigt, sondern direkt mit x und y rechnen kann:21


 arctan(y/x) x >0

arctan(y/x) + π x < 0 ∧ y ≥ 0

t=


 arctan(y/x) − π x < 0 ∧ y < 0

sgn(y)π/2 x =0

Siehe dazu auch die Bemerkung zur Hilfsfunktion atan2 im folgenden Abschnitt
über Trigonometrie im Computer.

Aufgabe 30.4. Berechnen Sie mithilfe der Lösung von Aufgabe 29.2 die Ableitung des
Arkustangens.

Aufgabe 30.5. Üben Sie das Umrechnen zwischen kartesischen und Polarkoordinaten.
Sie können zur Kontrolle Ausdrücke wie

2.3-5.2i in polar oder (-1.8,0.2) in cartesian

in Wolfram Alpha eingeben.

⋆ Trigonometrie im Computer
In P YTHON bietet die Bibliothek MATH alle gängigen trigonometrischen Funktionen
und die Konstante pi. Man beachte den Rundungsfehler:

21 Zur Erinnerung: Die Signumfunktion wurde auf Seite 163 definiert.

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280 Reelle und komplexe Funktionen

from math import *


sin(pi), cos(pi)

Wie die meisten Programmiersprachen erwartet P YTHON Angaben in Bogenmaß.


Obwohl die Umrechnung zwischen Grad und Radiant ganz einfach ist, gibt es dafür
sogar fertige Funktionen, damit man sich das Denken abgewöhnen kann.

degrees(pi), radians(180)

Die Arkusfunktionen haben typische Kurznamen, z. B. asin statt arcsin.

asin(1/sqrt(2))/pi

Speziell für den Arkustangens gibt es eine sinnvolle zweistellige Erweiterung na-
mens atan2. Warum es diese Funktion in vielen Programmiersprachen gibt, sollte
im Laufe von Abschnitt 30 klar geworden sein. Es wird zudem in dem Video Der
"bessere" Arkustangens noch einmal ausführlich erklärt.

atan(3/4),atan2(3,4),atan2(-3,-4)

Für das Umrechnen zwischen kartesischen Koordinaten und der Polardarstellung


gibt es Funktionen in der CMATH-Bibliothek.

import cmath
[Link](3+2j), [Link](2,pi/4)/sqrt(2)

Resümee
Das Differenzieren von Funktionen ist ein wesentlicher Bestandteil der sogenann-
ten Infinitesimalrechnung, mit der der Engländer Isaac Newton und der Deutsche
Gottfried Wilhelm Leibniz Ende des 17. Jahrhunderts die Mathematik revolutio-
nierten. Damals konnte jedoch nicht zufriedenstellend erklärt werden, warum die
neuen Methoden funktionierten. Die moderne Herangehensweise auf der Basis
von Grenzwerten wurde im 19. Jahrhundert hauptsächlich von dem Franzosen
Augustin-Louis Cauchy und dem Deutschen Karl Weierstraß entwickelt.

Die Stetigkeit von Funktionen wurde erst Anfang des 19. Jahrhunderts als grundle-
gendes Konzept erkannt. Bis dahin hatte man diese Eigenschaft gewissermaßen als
selbstverständlich vorausgesetzt, ohne sich darüber genaue Gedanken zu machen.
Das lag auch daran, dass sich der Begriff der Funktion erst entwickeln musste.
Dazu trugen unter anderem Beispiele wie die Dirichlet-Funktion bei, die an der
hergebrachten Vorstellung davon, was eine „Funktion“ ist, rüttelten. Das Video
Was ist Nichtstandardanalysis? geht ausführlicher auf die historische Entwicklung
der Analysis ein.

Logarithmen tauchten in der Mathematik bereits Ende des 16. Jahrhunderts (und
damit schon vor der Exponentialfunktion) auf. „Entdeckt“ wurden Sie von dem

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30. Polarkoordinaten und Arkusfunktionen 281

Schotten John Napier und dem Schweizer Jost Bürgi. Sie wurden wegen ihrer
Eigenschaft, Multiplikation durch Addition ersetzen zu können, als Rechenhilfe22
eingesetzt – zunächst in der Form von Logarithmentafeln, die später oft durch
Rechenschieber ersetzt wurden. Letztere wurden erst Ende des 20. Jahrhunderts
durch die Taschenrechner abgelöst. In dem Video Was sind Logarithmen? wird
beschrieben, wie Rechenschieber funktionieren und wie Logarithmen in Technik
und Wissenschaft eingesetzt werden.

Trigonometrische Funktionen wurden bereits im fünften Jahrhundert in Indien


verwendet und dann später auch im arabischen Reich. Die in diesem Skript vorge-
stellte moderne Definition über Reihen beruht auf den Vorarbeiten des Schweizers
Leonhard Euler aus dem 18. Jahrhundert. Eine geometrisch orientierte Einführung
liefert das Video Die trigonometrischen Funktionen.

22 Das war z. B. überlebenswichtig für die Seefahrt. Für denselben Zweck wurden auch die trigono-

metrischen Funktionen eingesetzt. Im Video Wie hat man früher Sinus und Kosinus berechnet? wird
das genauer erklärt.

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X
Lineare Algebra

Im Folgenden werden wir uns mit Blick auf Anwendungen wie die Computergrafik
hauptsächlich mit sogenannter analytischer Geometrie beschäftigen. Dieser Be-
reich der Mathematik ist allerdings heutzutage in eine größere Theorie eingebettet,
die man lineare Algebra nennt und die wir zumindest in Ansätzen entwickeln
werden. Das wird keine Abstraktion um ihrer selbst Willen sein, denn diese all-
gemeinere Theorie lässt sich einerseits noch in vielen anderen mathematischen
Zusammenhängen anwenden und andererseits zeigen sich durch eine erweiterte
Sichtweise auch neue Anwendungen, u. a. in der Codierungstheorie.

Für das Verständnis der folgenden Seiten ist eine gewisse Vertrautheit mit der
Schulgeometrie sehr hilfreich. Zum Wiederholen eignen sich unter anderem die
beiden Vorkursvideos Elementargeometrie und Rechtwinklige Dreiecke.

31. Vektorräume
Für typische geometrische Anwendungen reicht es im Prinzip, die Ebene R2 und
den Raum R3 (siehe Seite 44) zu betrachten. Wir werden jedoch gleich R durch
einen beliebigen Körper K und 2 und 3 durch eine beliebige natürliche Zahl n
ersetzen.

Wir wissen bereits, dass das direkte Produkt von Ringen wieder ein Ring ist. Ins-
besondere erhalten wir dadurch eine algebraische Struktur auf K n , wenn K ein
Körper ist. Die Addition1 ⊕ ist komponentenweise durch

(x 1 , . . . , x n ) ⊕ (y 1 , . . . , y n ) = (x 1 + y 1 , . . . , x n + y n ) (31.1)

definiert und auch die Verknüpfung

y ⊙ (x 1 , . . . , x n ) = (y · x 1 , . . . , y · x n ) (31.2)
1 Auch eine komponentenweise Multiplikation ist definiert, aber das wird hier keine Rolle spielen.

Aus Aufgabe 10.8 wissen wir bereits, dass wir dadurch im Allgemeinen keinen Körper erhalten.
Man kann sogar beweisen, dass die komplexe Multiplikation, durch die R2 quasi eine „vollwertige“
Multiplikation erhält, eine Ausnahme ist.

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284 Lineare Algebra

ist naheliegend.

Wie es in der Algebra üblich ist, werden die Rechengesetze, die in solchen Struktu-
ren gelten, in möglichst konzentrierter Form zusammengefasst, um zu untersu-
chen, auf welche anderen Bereiche sie sich anwenden lassen. Das geschieht durch
die folgende Begriffsbildung.

Definition Sei (V, ⊕) eine abelsche Gruppe und K ein Körper.2 Ferner sei ⊙ eine Funk-
tion von K × V nach V . Man nennt V einen Vektorraum über K bzw. einen
K -Vektorraum, wenn für alle α, β ∈ K und alle u, v ∈ V die folgenden Bedin-
gungen erfüllt sind:
(i) α ⊙ (u ⊕ v) = (α ⊙ u) ⊕ (α ⊙ v)
(ii) (α + β) ⊙ v = (α ⊙ v) ⊕ (β ⊙ v)
(iii) (α · β) ⊙ v = α ⊙ (β ⊙ v)
(iv) 1 ⊙ v = v
Die Elemente von V nennt man in diesem Zusammenhang Vektoren, die
von K Skalare. Die Abbildung ⊙ wird skalare Multiplikation genannt.

Die ersten drei Bedingungen sehen so aus wie die Distributivität und die Assoziati-
vität von inneren Verknüpfungen und so sind sie auch gemeint. Es ist allerdings zu
beachten, dass ⊙ keine innere Verknüpfung ist, weil diese Funktion einen Skalar
und einen Vektor zu einem Vektor verknüpft. So etwas nennt man eine äußere
äußere Verknüpfung Verknüpfung.

Aus didaktischen Gründen wird in diesem Skript für Vektoren Fettdruck verwendet,
also beispielsweise v statt v. Auch das neutrale Element von V (der sogenannte
Nullvektor Nullvektor ) wird entsprechend 0 statt 0 geschrieben.3 Sie können sich jedoch nicht
darauf verlassen, dass das in allen Büchern so gehandhabt wird.

Schauen wir uns ein paar grundlegende Beispiele an.


– Das „Standardbeispiel“ ist der Vektorraum K n , bei dem ⊕ und ⊙ durch (31.1)
und (31.2) definiert sind. Es ist eine simple Fingerübung, die entsprechenden
Eigenschaften nachzuprüfen.
– Ein wichtiges Beispiel aus der Analysis sind Vektorräume von Funktionen.
Ist etwa I ein Intervall, dann ist RI ein Vektorraum.4 Mit ⊕ ist die Addition
von Funktionen gemeint und für α ∈ R und f ∈ RD soll α ⊙ f die Funktion
(
I →R
:
x 7→ α · f (x)

sein. (In solchen Räumen verwendet man für die Vektoren – also die Funk-
tionen – typischerweise keinen Fettdruck, sondern wie üblich Buchstaben
wie f , g und h.)
2 Für K verwenden wir die üblichen Schreibweisen mit +, · und so weiter.
3 An der Tafel werde ich stattdessen einen kleinen Pfeil oberhalb der Zeichen machen.
4 Und auch ein Ring. Erinnern Sie sich an das Beispiel auf Seite 118.

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31. Vektorräume 285

– Ist {0} die triviale Gruppe, dann erhält man dadurch für jeden Körper K einen
K -Vektorraum. Dieser triviale Vektorraum ist zwar sehr langweilig, weil es trivialer Vektorraum
nur einen Vektor gibt, aber es ist immer instruktiv, sich die Minimalbeispiele
anzuschauen.
– Und wenn wir schon bei nicht so interessanten, aber trotzdem erwähnens-
werten Vektorräumen sind: Setzt man im obigen „Standardbeispiel“ n = 1
und identifiziert K 1 mit K , so erhält man, dass jeder Körper K ein Vektorraum
über K ist. + und ⊕ sind dann identisch und ebenso · und ⊙. Die Elemente
von K sind sowohl Skalare als auch Vektoren.
– Das vorherige Beispiel wird auf einmal wesentlich interessanter, wenn man
einen Teilkörper L von K betrachtet.5 Dann ist nämlich K ein Vektorraum Teilkörper
über L. Die Elemente von K sind immer noch die Vektoren, aber nur die
von L sind auch Skalare. Insbesondere ist R ein Vektorraum über Q und C
ein Vektorraum über R und über Q.

Aufgabe 31.1. Überprüfen Sie durch Nachrechnen, dass die vier aufgezählten Eigen-
schaften für den R-Vektorraum R2 erfüllt sind.

Aufgabe 31.2. Sei K der Restklassenkörper Z5 . Wir verwenden die Konvention von
Seite 142. Berechnen Sie (4, 3) ⊕ (2, 4) und 3 ⊙ (2, 4) in K 2 .

Aufgabe 31.3. Verständnisfrage: Wie sieht im trivialen K -Vektorraum {0} die skalare
Multiplikation aus?

Rein mathematisch formal betrachtet sind Vektoren nur als Elemente p eines Vektor-
raums existent. Es ergibt also keinen Sinn, von „dem Vektor (π, 2)“ zu sprechen,
wenn man nicht vorher vereinbart hat, dass es um den Vektorraum R2 geht. Spe-
ziell für Vektorräume der Form Rn – und insbesondere für R2 und R3 – haben
Vektoren jedoch in der Geometrie und in Anwendungen wie der Physik und den
Ingenieurwissenschaften noch eine andere Bedeutung, die wir ebenfalls im Hinter-
kopf behalten sollten, weil sie auch der Sichtweise der Computergrafik entspricht:
Vektoren des Rn werden in diesem Sinne durch Pfeile visualisiert. Im R2 entspre-
chen die Operationen ⊕ und ⊙ dann dem, was wir uns bereits für die komplexen
Zahlen überlegt haben – siehe Seite 170 bzw. Seite 173. Im R3 kann man sich das
analog vorstellen. Wichtig ist dabei lediglich, dass ein Pfeil nur ein Repräsentant
für einen Vektor ist, während der Vektor als die Menge aller Pfeile mit derselben
Länge und derselben Richtung zu verstehen ist. Ein Vektor hat als Pfeil also gewis-
sermaßen keinen festen Anfangspunkt, aber durch die Wahl eines Anfangspunktes
ist der Pfeil eindeutig festgelegt. Diese Perspektive, die aus der Schule bekannt sein
sollte, wird in dem Vorkursvideo Was sind Vektoren? ausführlicher dargestellt.

Wie schon bei Ringen ergeben sich aus der Definition einige Rechenregeln, die
automatisch in allen Vektorräumen gelten. Hier seien nur ein paar exemplarisch
aufgeführt.

5 Das ist so gemeint, dass L ein Unterring von K mit 1 ∈ L und a −1 ∈ L für alle a ∈ L ist.

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286 Lineare Algebra

Lemma 31.1 Sei V ein K -Vektorraum. Dann gilt für alle v ∈ V und alle α ∈ K :6
(i) 0 ⊙ v = 0
(ii) λ ⊙ 0 = 0
(iii) λ ⊙ v = 0 ⇒ λ = 0 ∨ v = 0
(iv) (−1) ⊙ v = ⊖v

Beweis. Die erste Behauptung folgt aus 0 ⊙ v = (0 + 0) ⊙ v = 0 ⊙ v + 0 ⊙ v mit den


bekannten Eigenschaften von Gruppen, die zweite analog mit λ ⊙ 0 = λ ⊙ (0 + 0).

Gilt λ · v = 0 und λ ̸= 0, dann folgt, wie gerade bewiesen,

v = 1 ⊙ v = (λ−1 · λ) ⊙ v = λ−1 ⊙ (λ ⊙ v) = λ−1 ⊙ 0 = 0.

Das beweist die dritte Behauptung. Die vierte schließlich folgt aus
¡ ¢ ¡ ¢ ¡ ¢
0 = 0 ⊙ v = 1 + (−1) ⊙ v = (1 ⊙ v) ⊕ (−1) ⊙ v = v ⊕ (−1) ⊙ v . ■

⋆Aufgabe 31.4. Begründung Sie im Detail jedes einzelne Gleichheitszeichen und jede
einzelne Folgerung im Beweis von Lemma 31.1.

Um die Unterschiede herauszustellen, wurden bisher die Symbole ⊙ und ⊕ verwen-


det. Wir werden jedoch in Zukunft dafür einfach · und + schreiben,7 z. B. α · (u + v)
statt α ⊙ (u ⊕ v). Das heißt, dass diese Zeichen je nach Kontext für unterschiedliche
Funktionen stehen! Es wird aber jeweils nur eine mögliche Bedeutung geben, so
dass keine Verwechslungsgefahr besteht, wenn man mitdenkt. Außerdem zeigen
Rechenregeln wie die in Lemma 31.1, dass man gefahrlos die beiden Multiplikatio-
nen und die beiden Additionen gleichberechtigt behandeln und im Prinzip wie in
einem Ring rechnen kann.

Nach Untergruppen und Unterringen haben Sie die folgenden Definition sicher
schon erwartet.

Definition Ist V ein K -Vektorraum, dann nennt man eine nichtleere Teilmenge U von V
einen Untervektorraum von V , wenn U zusammen mit der auf U bzw. K ×U
eingeschränkten Addition und skalaren Multiplikation selbst wieder ein K -
Vektorraum ist.

Lemma 31.2 Sei V ein K -Vektorraum und U eine nichtleere Teilmenge von V . U ist genau
dann ein Untervektorraum von V , wenn u + v ∈ U und αv ∈ U für alle u, v ∈ U
und alle α ∈ K gilt.

6 Mit ⊖v ist natürlich das bezüglich ⊕ inverse Element zu v gemeint.


7Wir werden außerdem die üblichen Konventionen beibehalten, dass das Multiplikationssymbol

oft ganz weggelassen wird und dass gemäß der Regel „Punkt- vor Strichrechnung“ Klammern gespart
werden.

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31. Vektorräume 287

Beweis. Durch αv ∈ U für alle v ∈ U und alle α ∈ K ist sichergestellt, dass U der
Wertebereich der Einschränkung der skalaren Multiplikation auf K × U ist. Da
sich die vier in der Definition eines Vektorraums aufgezählten Eigenschaften wie
üblich „nach unten vererben“, muss nur noch gezeigt werden, dass U bezüglich
der Vektoraddition eine Untergruppe von V ist. Das folgt aus Lemma 8.5, denn es
gilt mittels Lemma 31.1 u − v = u + (−1) · v ∈ U für u, v ∈ U . ■

Beispiele für Untervektorräume:


– Jeder Vektorraum V hat die trivialen Untervektorräume {0} und V .
– { (λ, 0) : λ ∈ R } ist ein Untervektorraum von R2 . Geometrisch interpretiert ist
das die horizontale Achse.
– Es geht sogar noch allgemeiner. Für feste Zahlen a, b ∈ R ist { (λa, λb) : λ ∈ R }
ein Untervektorraum von R2 . Geometrisch interpretiert handelt es sich um
eine Gerade durch den Nullpunkt.
– Ist I ein Intervall, dann ist die Menge der stetigen Funktionen von I nach R
ein Untervektorraum von RI . Das folgt aus Lemma 25.2. Und die Menge der
differenzierbaren Funktionen von I nach R ist ein Untervektorraum dieses
Untervektorraums. Das besagen Lemma 26.1 und Korollar 26.3.
– Die Menge K [x] der Polynomfunktionen über dem Körper K bildet einen
Untervektorraum von K K . Insbesondere ist R[x] ein Untervektorraum des
Vektorraums der differenzierbaren Funktionen von R nach R.

Aufgabe 31.5. Prüfen Sie für die obigen Beispiele mittels Lemma 31.2 selbst nach, dass
es sich um Untervektorräume handelt.

Aufgabe 31.6. Die obige Bemerkungen über Geraden durch den Nullpunkt ist nicht
ganz korrekt. Wo ist der Fehler?

Sei X eine nichtleere Menge von Vektoren eines K -Vektorraums. Ist n ∈ N, so Definition
nennen wir ein Tupel
¡ ¢
(α1 , v1 ), . . . , (αn , vn )

aus (K × X )n eine Linearkombination von bzw. über X , wenn vi ̸= v j für i ̸= j


gilt. Gilt außerdem αi ̸= 0 für alle i , so nennen wir die Linearkombination
reduziert. Wir sagen, dass diese Linearkombination den Vektor
n
αi vi = α1 v1 + · · · + αn vn
X
(31.3)
i =1

darstellt.8 Ferner schreiben wir 〈X 〉 für die Menge aller Vektoren, die durch
Linearkombinationen über X dargestellt werden, und nennen diese Menge
von X erzeugt bzw. aufgespannt.

8 Für n = 0 (also das 0-Tupel), ist mit (31.3) natürlich die leere Summe gemeint, also der Nullvektor.

Diese leere Linearkombination ist dann trivialerweise auch reduziert.

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288 Lineare Algebra

Im Vektorraum R2 ist z. B. (3, (1, 0)), (2, (0, 2)) eine Linearkombination, die den Vek-
¡ ¢
¡ ¢ ¡ ¢
tor 3·(1, 0)+2·(0, 2) = (3, 4) darstellt. (1/2, (6, 8)), (0, (−1, 1)) und (2, (0, 2)), (3, (1, 0))
stellen denselben Vektor dar. Die erste Linearkombination ist reduziert, die zweite
nicht. Alle drei Linearkombinationen sind verschieden, die dritte unterscheidet
¡ ¢
sich von der ersten allerdings nur durch die Reihenfolge. (1/8, (6, 8)), (3/8, (6, 8))
ist hingegen keine Linearkombination, weil der Vektor (6, 8) mehrfach vorkommt.

Die Definition wirkt umständlich, weil es knifflig ist, den Begriff der Linearkom-
bination sauber zu formulieren, und in manchen Lehrbüchern wird das auch
etwas schlampig gehandhabt. Eigentlich geht es nämlich nur um Summen der
Form (31.3) und wir werden später den allgemeinen Sprachgebrauch übernehmen,
Terme wie ni=1 αi vi als Linearkombinationen zu bezeichnen. Im Zweifelsfall sind
P

aber immer die Tupel gemeint und es ist zwischen Linearkombinationen und den
durch sie dargestellten Vektoren zu unterscheiden.

Man beachte, dass die Menge X in dieser Definition nicht notwendig endlich sein
muss, dass aber Linearkombinationen grundsätzlich immer nur aus endlich vielen
Summanden bestehen. Etwas anderes ist auch nicht möglich, weil wir „unendliche
Summen“ in beliebigen Vektorräumen gar nicht definiert haben.

Außerdem sei noch einmal wiederholt, dass nach Definition keiner der Vektoren in
einer Linearkombination mehrfach vorkommt. Wenn im Folgenden also von Line-
arkombinationen gesprochen wird, so wird damit immer implizit vorausgesetzt,
dass die beteiligten Vektoren paarweise verschieden sind!

Ist X eine endliche Menge {w1 , . . . , wk }, so schreibt man für 〈X 〉 auch 〈w1 , . . . , wk 〉.
Offenbar gilt
k
nX o
〈w1 , . . . , wk 〉 = αi wk : ∀i ∈ [k] αi ∈ K . (31.4)
i =1

Aufgabe 31.7. Wie sieht im Vektorraum R3 die Menge 〈(1, 0, 0), (0, 2, 0)〉 aus?

Aufgabe 31.8. Wie sieht im Vektorraum R2 die Menge 〈(1, 0), (2, 0)〉 aus?

Aufgabe 31.9. Im Vektorraum RR sei f k für k ∈ N die Funktion x 7→ x k . Welche Menge


wird von M = { f k : k ∈ N } erzeugt?

Aufgabe 31.10. Verständnisfrage: Wieso ist (31.4) überhaupt erwähnenswert? Ist das
nicht einfach die Definition von 〈X 〉?

Lemma 31.3 Ist X Teilmenge des Vektorraums9 V , so ist 〈X 〉 ein Untervektorraum von V .

Pn
Beweis. Das zeigt man mit Lemma 31.2. Ist v = i =1 αi vi eine Linearkombination
über X und α ∈ K , so ist
n
αv = (ααi )vi
X
i =1
9Wenn hier und im Folgenden der Körper nicht explizit erwähnt wird, dann heißt er K .

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31. Vektorräume 289

ebenfalls eine Linearkombination über X . Ist w ein weiteres Element von 〈X 〉, so


kann man o. B. d. A. annehmen, dass w die Form ni=1 βi vi hat.10
P

n
(αi + βi )vi
X
v+w =
i =1

ist dann auch in 〈X 〉. ■

Eine Menge X von Vektoren eines Vektorraums V heißt linear unabhängig Definition
wenn es nur eine reduzierte Linearkombination über X gibt, die den Nullvek-
tor darstellt. Anderenfalls bezeichnet man X als linear abhängig.

Man beachte, dass es unabhängig von X immer eine reduzierte Linearkombination


gibt, die den Nullvektor darstellt – siehe Fußnote 8. Die Definition besagt also, dass
es keine weitere geben darf.

In R2 ist beispielsweise {(1, 0), (1, 1), (0, 2)} linear abhängig, denn es gilt

1 · (1, 0) + (−1) · (1, 1) + 1/2 · (0, 2) = (0, 0).

{(0, 3), (2, 0)} ist hingegen linear unabhängig, denn aus

α · (0, 3) + β · (2, 0) = (2β, 3α) = (0, 0)

folgt offenbar α = β = 0.

Ein interessantes Beispiel für eine unendliche linear unabhängige Menge ist die
Menge M aus Aufgabe 31.9.

Aufgabe 31.11. Wenn X linear unabhängig ist, dann gibt es einen Vektor, der mit
Sicherheit kein Element von X ist. Welcher ist es und warum?

Aufgabe 31.12. Geben Sie im Vektorraum R3 zwei verschiedene Linearkombinationen


über X = {(1, 0, 0), (0, 2, 0), (0, 0, 3)} an, die (6, 6, 0) darstellen.

Aufgabe 31.13. Geben Sie im Vektorraum R2 zwei verschiedene reduzierte Linearkom-


binationen über X = {(1, 1), (2, 0), (0, 3)} an, die (6, 6) darstellen.

Ist V ein Vektorraum und X ⊆ V linear unabhängig, dann gibt es für jeden Lemma 31.4
Vektor v ∈ V bis auf Vertauschung der Reihenfolge höchstens eine reduzierte
Linearkombination, die v darstellt.

Beweis. Gäbe es für ein v zwei verschiedene solche Darstellungen, so könnte man
diese subtrahieren und würde eine Darstellung von v − v = 0 erhalten, die der
Definition der linearen Unabhängigkeit widerspricht.
10 Ansonsten füllt man mit Nullen auf wie in Aufgabe 31.10.

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290 Lineare Algebra

Subtrahiert man z. B. in der Lösung von Aufgabe 31.4 die ersten beiden Darstellun-
gen in (L-6) voneinander, so erhält man

(0, 0) = (6, 6) − (6, 6) = 6 · (1, 1) − 3 · (2, 0) − 2 · (0, 3)

als reduzierte Darstellung des Nullvektors. Mit den beiden Darstellungen in (L-7)
hätte das nicht geklappt, weil diese bis auf Vertauschung identisch sind. ■

Definition Eine Teilmenge B eines Vektorraums V heißt Basis von V, wenn B linear
unabhängig ist und 〈B 〉 = V gilt.

Eine Basis ist immer eine maximal linear unabhängige Menge (in dem Sinne, dass
man keine weiteren Vektoren hinzufügen kann) und gleichzeitig eine minimale
Menge, die V erzeugt (in dem Sinne, dass man nichts entfernen kann). Siehe dazu
die Aufgaben 31.15 und 31.16. Direkt aus Lemma 31.4 folgt außerdem:

Korollar 31.5 Ist B eine Basis des Vektorraums V , dann gibt es für jeden Vektor v ∈ V bis auf
Vertauschung genau eine reduzierte Linearkombination über B , die v darstellt.

{(1, 0), (0, 1)} ist z. B. eine Basis für R2 . Das ist hoffentlich angesichts der bisherigen
Überlegungen klar. Da es sich hierbei um den prototypischen Fall handelt, wollen
wir das gleich verallgemeinern. Wir werden in Zukunft ei für ein Tupel schreiben,
dessen i -te Komponente 1 ist, während alle anderen Komponenten 0 sind. Diesen
Einheitsvektor ei Vektor bezeichnen wir als i -ten Einheitsvektor.

Diese Definition ist nicht eindeutig, weil wir sowohl (0, 1) als auch (0, 1, 0) als
e2 bezeichnen werden und weil dabei nicht klar ist, welche Eins bzw. Null wir
meinen. Das wird jedoch immer aus den Kontext hervorgehen. Befinden wir uns
beispielsweise im Vektorraum R3 , dann ist mit e1 der Vektor (1, 0, 0) gemeint und
die Komponenten sind reelle Zahlen.

Es ist nun offensichtlich, dass {e1 , . . . , en } eine Basis des Vektorraums K n ist, wenn
kanonische Basis K ein Körper ist. Diese Basis nennt man auch die kanonische Basis von K n .

Die oben bereits erwähnte Menge M aus Aufgabe 31.9 ist eine Basis für R[x]. Sie ist
ein Beispiel für eine unendliche Basis.

Man kann beweisen, dass jeder Vektorraum eine Basis hat. Das erfordert jedoch
fortgeschrittene Techniken,11 die wir im Folgenden nicht benötigen werden, weil
wir uns nur mit Vektorräumen beschäftigen werden, bei denen klar ist, dass sie
eine Basis haben.

Aufgabe 31.14. Begründen Sie, dass X aus Aufgabe 31.12 eine Basis für R3 ist.

11 Problematisch kann es werden, wenn die Basen unendlich sind. Sie sind dann nicht immer so

leicht anzugeben wie im Beispiel R[x]. Insbesondere benötigt man im Allgemeinen das bereits in
Fußnote 5 auf Seite 235 erwähnte Auswahlaxiom. Mehr dazu im Video Das (berühmt-berüchtigte)
Auswahlaxiom.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


31. Vektorräume 291

⋆Aufgabe 31.15. Begründen Sie: Ist B eine Basis von V und B ′ ⊆ V eine echte Ober-
menge von B , dann ist B ′ nicht linear unabhängig.

⋆Aufgabe 31.16. Begründen Sie: Ist B eine Basis von V und B ′ eine echte Teilmenge
von B , dann spannt B ′ nicht V auf.

Ist B eine endliche Basis von V und X eine Teilmenge von V , die mehr als |B | Satz 31.6
Vektoren enthält, dann ist X linear abhängig.

Beweis. Um nicht in einem Wust von Indizes zu ertrinken, beschränken wir uns auf
das übersichtliche Beispiel, dass B nur aus den zwei Vektoren v1 und v2 besteht.
Wenn Sie das nachvollziehen können, dann sollte es Ihnen nicht schwerfallen, den
Beweis auf größere Basen zu verallgemeinern.

Nach Voraussetzung enthält X mindestens drei verschiedene Vektoren w1 bis w3 .


O. B. d. A. ist keiner davon der Nullvektor.12 Weil B den Raum aufspannt, gibt es
α1 , α2 ∈ K mit w1 = α1 v1 + α2 v2 . Und wegen w1 ̸= 0 kann nicht α1 = α2 = 0 gelten.
Geht man o. B. d. A. von α1 ̸= 0 aus, so erhält man v1 = 1/α1 w1 − α2 /α1 v2 . Das
bedeutet jedoch, dass auch w1 und v2 den Raum V aufpannen. Insbesondere gibt
es β1 , β2 ∈ K mit w2 = β1 w1 + β2 v2 .

Gilt β2 = 0, so folgt 0 = β1 w1 − w2 und wir sind fertig. Wir können also β2 ̸= 0


annehmen und man kann v2 als 1/β2 w2 − β1 /β2 w1 darstellen, woraus folgt, dass
auch w1 und w2 den Raum V aufpannen.

Deshalb muss es γ1 , γ2 mit w3 = γ1 w1 + γ2 w2 geben. Mit 0 = w3 − γ1 w1 − γ2 w2 ist


der Beweis dann beendet. ■

Insbesondere kann das X aus Satz 31.6 also keine Basis sein. Es folgt, dass je zwei
endliche Basen eines Vektorraums immer dieselbe Mächtigkeit haben und dass
ein Vektorraum nicht sowohl eine endliche als auch eine unendliche Basis haben
kann. Daher ist die folgende Definition sinnvoll.13

Hat der Vektorraum V eine endliche Basis B , so sagt man, dass V die Dimen- Definition
sion |B | hat, und schreibt dafür auch dimV .

Mithilfe der oben vorgestellten kanonischen Basis folgt, dass ein Vektorraum der
Form K n die Dimension n hat. Der bereits mehrfach als Beispiel verwendete
Vektorraum R[x] hat hingegen keine endliche Basis. Das gilt „erst recht“ für die
erwähnten Räume aller stetigen Funktionen oder aller Funktionen von R nach R.

In Anlehnung an die Definition für Gruppen von Seite 102 definieren wir nun:

12 Denn sonst ist X ohnehin linear abhängig. Siehe Aufgabe 31.11.


13 Sie wäre auch ohne die Einschränkung auf endliche Basen sinnvoll, weil man zeigen kann, dass

auch zwei unendliche Basen desselben Vektorraums dieselbe Mächtigkeit haben. Die Dimension
wäre dann eine Kardinalzahl – siehe den Anfang von Abschnitt 22.

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292 Lineare Algebra

Definition Sind V und W K -Vektorräume, so nennt man eine Funktion f von V nach W
einen Vektorraumhomomorphismus bzw. eine lineare Abbildung, wenn
f (v + w) = f (v) + f (w) und f (α · v) = α · f (v) für alle v, w ∈ V und alle α ∈ K gilt.
Ist f außerdem eine bijektive Abbildung von V auf W , dann spricht man von
einem Isomorphismus und sagt, dass V und W isomorph sind.14

Beispielsweise wird durch f (a, b) = (2a, 0, 3b) eine lineare Abbildung von R2
¡ ¢

nach R3 definiert, wie man leicht überprüft:


¡ ¢ ¡ ¢ ¡ ¢
f (a, b) + (c, d ) = f (a + c, b + d ) = 2(a + c), 0, 3(b + d )
¡ ¢ ¡ ¢
= (2a, 0, 3b) + (2c, 0, 3d ) = f (a, b) + f (c, d )
f α · (a, b) = f (αa, αb)
¡ ¢

= (2αa, 0, 3αb) = α · (2a, 0, 3b) = α · f (a, b)


¡ ¢

Ein interessanteres Beispiel ist die Funktion, die jeder auf ganz R differenzierbaren
Funktion f ihre Ableitungsfunktion f ′ zuordnet. Nach Lemma 26.1 ist das eine
lineare Abbildung. Die Bedeutung der linearen Algebra für die Mathematik rührt
daher, dass diverse Operationen aus ganz unterschiedlichen Bereichen lineare
Abbildungen sind. Weitere Beispiele sind das Integrieren oder der Erwartungswert
in der Stochastik.

Eine lineare Abbildung von V nach W ist natürlich insbesondere ein Gruppenho-
momorphismus der additiven Gruppe von V in die von W . Analog zum Vorgehen
in Abschnitt 8 kann man nun zeigen:

Satz 31.7 Sei f eine lineare Abbildung von V nach W . Dann bildet f den Nullvektor
von V auf den von W ab, f [V ] ist ein Untervektorraum von W und f −1 [{0}]
ist ein Untervektorraum von V . Ist f zudem injektiv, dann ist f −1 eine lineare
Abbildung von f [V ] nach V .

Über Homomorphismen zwischen Vektorräumen gelten dieselben Bemerkungen


wie bei Gruppen: Eine lineare Abbildung „überträgt“ die Eigenschaften eines Vek-
torraums auf ihren Wertebereich. Und sind zwei Vektorräume isomorph, dann sind
sie „eigentlich gleich“ und unterscheiden sich nur durch „Umbenennung“ ihrer
Vektoren.

Lineare Abbildungen sind zudem bereits vollständig definiert, wenn man nur
wenige Bilder kennt. Weiß man beispielsweise, dass f eine lineare Abbildung
von R2 nach R3 mit f (e1 ) = (3, 0, 0) und f (e2 ) = (0, 0, −1) ist, dann kennt man
automatisch alle anderen Funktionswerte:

f (a, b) = f (a · e1 + b · e2 ) = f (a · e1 ) + f (b · e2 )
= a · f (e1 ) + b · f (e2 ) = a · (3, 0, 0) + b · (0, 0, −1) = (3a, 0, −b)
14Wie bei den Gruppen verwenden wir nicht die Langform Vektorraumisomorphismus, wenn aus

dem Kontext klar wird, worum es geht.

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31. Vektorräume 293

In allgemeiner Form bedeutet das:

Seien f und g lineare Abbildungen von V nach W und B eine Basis von V . Gilt Lemma 31.8
f (b) = g (b) für alle b ∈ B , dann gilt f = g .

Beweis. Sei v ein beliebiger Vektor aus V . Weil B eine Basis ist, gibt es b1 , . . . , bn ∈ B
und α1 , . . . , αn ∈ K mit v = ni=1 αi bi . Wegen der Eigenschaften linearer Abbildun-
P

gen folgt
n n n n
αi bi = αi f (bi ) = αi g (bi )
¡X ¢ X X X
f (v) = f f (αi bi ) =
i =1 i =1 i =1 i =1
n n
αi bi = g (v).
X ¡X ¢
= g (αi bi ) = g ■
i =1 i =1

Umgekehrt gilt aber auch:

Seien V und W Vektorräume, B eine Basis von V und f ∗ eine Abbildung von Lemma 31.9
B nach W . Dann gibt es genau eine lineare Abbildung f von V nach W mit
f (b) = f ∗ (b) für alle b ∈ B .

Beweis. Nach Lemma 31.4 gibt es für jeden Vektor v ∈ V eine eindeutig bestimmte
Darstellung v = ni=1 αi bi durch eine reduzierte Linearkombination über B . Man
P

definiert nun f durch f (v) = ni=1 αi f (bi ). Es ist offensichtlich, dass f so aussehen
P

muss, und Lemma 31.8 besagt ebenfalls, dass es keine andere Möglichkeit gibt.

Dass sich damit wirklich eine lineare Abbildung ergibt, ist leicht überprüft. Hat v
beispielsweise die obige Darstellung, so ergibt sich βv = ni=1 βαi bi und wieder-
P

um wegen Lemma 31.4 muss dies die eindeutige Darstellung von βv sein. Durch
simples Einsetzen in die Definition von f rechnet man dann leicht nach, dass
f (βv) = β f (v) gilt. Für Summen zweier Vektoren läuft das analog. ■

Aufgabe 31.17. Die lineare Abbildung


¡ f ¢von R2 nach R2 bildet e1 auf (2, 1) und e2 auf
(2, −4) ab. Geben Sie den Vektor f (3, 2) an.

2 2
¡ f ¢von R nach R bildet e1 auf (2, 1) und 2e2 auf
Aufgabe 31.18. Die lineare Abbildung
(2, −4) ab. Geben Sie den Vektor f (3, 2) an.

Aufgabe 31.19. Die lineare Abbildung ¡f von ¢R2 nach R2 bildet (2, 1) auf (3, 2) und (0, 2)
auf (1, −5) ab. Geben Sie den Vektor f (3, 1) an. (Hinweis: Überlegen Sie zuerst, wie
man (3, 1) als Linearkombination von (2, 1) und (0, 2) darstellen kann.)

Aufgabe 31.20. Die lineare Abbildung¡ f von R¢3 nach RR bildet den Einheitsvektor ek
auf die Funktion x 7→ x k ab. Was ist f (3, −2, 8) und wie sieht der Wertebereich von f
aus?

Der „krönende“ Abschluss dieses Abschnitts ist die folgende Aussage.

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294 Lineare Algebra

Korollar 31.10 Ist V ein K -Vektorraum mit der Dimension n, so ist V isomorph zu K n .

Beweis. Nach Voraussetzung hat V eine Basis B , die aus n Vektoren b1 bis bn
besteht. Nach Lemma 31.9 gibt es genau eine lineare Abbildung f von V nach K n
mit f (bi ) = ei . Da {e1 , . . . , en } eine Basis von K n ist15 und wegen der Eindeutigkeit
der Darstellung bzgl. einer Basis überlegt man sich leicht, dass f eine bijektive
Abbildung von V auf K n ist. ■

Korollar 31.10 besagt, dass es zu jeder Dimension und jedem Körper eigentlich
nur einen Vektorraum gibt. (Beispielsweise ist der Wertebereich aus Aufgabe 31.20
nur eine Umbenennung von R3 .) Darum werden wir uns ab jetzt auch auf diese
Vektorräume beschränken.

15 Das war die, die wir oben die kanonische genannt hatten.

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Lösungen zu ausgewählten Aufgaben

Lösung 1.2. Bei drei Aussagen braucht man acht Zeilen und bei vier sind es sech-
zehn. Allgemein braucht man 2n Zeilen für n Aussagen.

Lösung 1.3. In der zweiten. Es hat nicht geregnet (bei A steht eine Null), aber die
Straße ist trotzdem nass (und darum hat B den Wert eins).

Lösung 1.5. Nur die Implikation ist nicht assoziativ. Beispielsweise haben die
Aussagen A ⇒ (B ⇒ C ) und (A ⇒ B ) ⇒ C nicht denselben Wahrheitswert, wenn A,
B und C alle falsch sind.

Lösung 1.6. Setzt man A für „Der Hahn kräht auf dem Mist“ und B für „Das Wetter
ändert sich“, dann handelt es sich um die Aussage A ⇒ B ∨ ¬B . Weil – unabhängig
davon, ob B wahr ist – B ∨¬B immer wahr ist, ist das Sprichwort wahr. (Das wussten
Sie natürlich schon . . . )

Lösung 1.8. Die einfachste Antwort ist ¬A ∨ ¬B bzw. ¬A ∧ ¬B .

Lösung 1.9. Wir können die folgende Tabelle betrachten, die wegen der in der
Aufgabenstellung angesprochenen Eigenschaft der reellen Zahlen nur drei (statt
acht) Zeilen hat: In den ersten drei Spalten gibt es immer genau eine Eins.

x<y x=y x>y ¬(x < y) x = y ∨x > y


1 0 0 0 0
0 1 0 1 1
0 0 1 1 1

Man sieht, dass die beiden letzten Spalten identische Wahrheitswerte haben. x ≥ y
ist bekanntlich nur eine Abkürzung für (x = y) ∨ (x > y).

Lösung 1.11. Zum Beispiel mit ¬(A ⇔ B ) oder ¬(A ∧ B ) ∧ ¬(¬A ∧ ¬B ). Es gibt
immer viele Möglichkeiten, ein und dieselbe Aussage formal zu repräsentieren.
(Sogar immer unendlich viele. Ist Ihnen klar, wieso das so ist?)

Lösung 1.12. Setzen wir A dafür, dass der HSV die Champions League gewinnt,
und B dafür, dass ich in die Alster springe. Dann besagen die vier Sätze in dieser
Reihenfolge A ⇒ B , ¬A ⇒ ¬B , ¬B ⇒ ¬A und A ⇒ ¬B . Wir wissen bereits, dass die

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296 Anhang

erste und die dritte Aussage äquivalent sind. Mit einer Wahrheitstafel überzeugt
man sich, dass die zweite und die vierte Aussage weder untereinander noch zu den
anderen beiden äquivalent sind.

Lösung 1.13. Sei A die Aussage, dass auf der Buchstabenseite ein Vokal steht, und
B die Aussage, dass auf der Zahlenseite eine gerade Zahl steht. Die zweite Regel
ist also einfach A ⇒ B . Diese Regel wird nur dann verletzt, wenn A wahr ist und B
falsch. Darum müssen Sie sich die Karte mit dem Buchstaben U (A ist wahr) und
die Karte mit der Zahl 7 (B ist falsch) genauer anschauen. Die anderen beiden
Karten müssen Sie nicht umdrehen, denn die Implikation ist unabhängig davon,
was auf deren Rückseite gedruckt wurde, immer wahr.

Lösung 1.14. Bezeichnet man die Aussage „Gauß ist schuldig“ zur Abkürzung
mit G und die entsprechenden Aussage für Euler und Hilbert mit E und H , so
lassen sich die Ergebnisse der bisherigen Ermittlungen wie folgt zusammenfassen:
(H ⇒ E ) ∧ (G ∨ H ⇒ ¬E ) ∧ (¬E ∨ ¬H ⇒ G). Mit einer Wahrheitstafel kann man nun
nachprüfen, dass diese Formel nur dann wahr wird, wenn G wahr ist und H und E
falsch sind. Daher muss Gauß der (einzige) Täter sein.

Lösung 1.15. Belegt man A und B beide mit 0 oder beide mit 1, dann ist die
Formel wahr. Also ist sie erfüllbar. Haben A und B jedoch unterschiedliche Wahr-
heitswerte, dann ist die Formel nicht wahr, also ist es keine Tautologie.

Lösung 1.16. Ja, es handelt sich um eine Tautologie (und damit natürlich „erst
recht“ um eine erfüllbare Formel). Ihre Wahrheitstafel hatte hoffentlich acht Zei-
len – siehe Aufgabe 1.2.

Lösung 1.18. Da diese Frage im Abschnitt über Aussagenlogik vorkommt, lösen


wir sie natürlich mit Mitteln der Aussagenlogik. Seien A und B die Aussagen, dass
Andrew bzw. Bert blau sind. Andrew wird auf die erste Frage mit ja antworten,
wenn beide blau sind oder wenn er selbst grün ist, wenn also (A ∧ B ) ∨ ¬A gilt.
(Diese Aussage kann man zu ¬A ∨ B vereinfachen, obwohl das nicht unbedingt
nötig ist.) Die zweite Frage wird er mit ja beantworten, wenn beide blau sind oder
wenn er grün und Bert blau ist. Das ist also dann der Fall, wenn (A ∧ B ) ∨ (¬A ∧ B )
gilt. (Man sieht hoffentlich leicht, dass das äquivalent zu B ist, aber auch diese
Vereinfachung ist für das Lösen der Aufgabe nicht zwingend notwendig.) Es ergibt
sich die folgende Wahrheitstafel:

A B (A ∧ B ) ∨ ¬A (A ∧ B ) ∨ (¬A ∧ B )
0 0 1 0
0 1 1 1
1 0 0 0
1 1 1 1

In der dritten bzw. vierten Spalte steht jeweils genau dann eine Eins, wenn Andrew
auf die erste bzw. zweite Frage mit ja geantwortet hat. Da die Astronautin nach
der ersten Frage noch nicht die Farben weiß, kann Andrews Antwort nicht nein

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Lösungen zu ausgewählten Aufgaben 297

gewesen sein, denn daraus hätte sie sofort schließen können, dass Andrew blau
und Bert grün ist. Also können wir diesen Fall vergessen. (Darum ist die dritte Zeile
ausgegraut.) Da die Astronautin nach der zweiten Antwort die Farben weiß, muss
die zweite Antwort nein gewesen sein, denn die Antwort ja hätte ihr die Farbe von
Andrew nicht verraten. Also sind beide grün.

Lösung 1.19. Das war hoffentlich nur eine kleine Fingerübung für Sie. Gemeint
war (x < y) ∨ (x = y). Siehe auch Aufgabe 1.9.

Wir werden in solchen Ausdrücken in Zukunft häufiger auch die Klammern weg-
lassen und implizit davon ausgehen, dass mathematische Relationszeichen eine
höhere Priorität als logische Symbole haben. Das erklärt sich eigentlich von selbst,
weil beispielsweise „x < (y ∨ x) = y“ keinen Sinn ergeben würde, wenn die Indivi-
duenvariablen x und y für Zahlen stehen.

Lösung 1.20. Es gibt mehr als eine Möglichkeit, das zu machen. Hier sind zwei
Vorschläge:

(A 4 (n) ∧ ¬A 100 (n)) ∨ A 400 (n)


A 4 (n) ∧ (A 400 (n) ∨ ¬A 100 (n))

Lösung 1.21. Falls Sie Schwierigkeiten mit dieser Aufgabe haben, hilft vielleicht
ein übersichtliches Beispiel, bei dem es statt um unendlich viele Objekte nur um
drei geht. Nehmen wir an, Sie haben drei Billardkugeln k 1 , k 2 und k 3 und die
Aussage W (x) bedeutet, dass die Kugel x weiß ist. Dann gibt es acht mögliche Fälle:

W (k 1 ) W (k 2 ) W (k 3 )
0 0 0
0 0 1
0 1 0
0 1 1
1 0 0
1 0 1
1 1 0
1 1 1

Der Allquantor steht jetzt natürlich für „alle drei Kugeln“ und der Existenzquantor
für „mindestens eine der drei Kugeln“. Die Aussage ∃x W (x) ist also offensichtlich
in allen Fällen außer dem ersten wahr, weil in allen zugehörigen Zeilen mindestens
eine Eins steht. Daher ist die Negation dieser Aussage – also ¬∃x W (x) – nur dann
wahr, wenn der erste Fall eintritt. Der erste Fall bedeutet jedoch gleichzeitig auch,
dass ¬W (k 1 ), ¬W (k 2 ) und ¬W (k 3 ) alle wahr sind, und das heißt ∀x ¬W (x). Das
stimmt offensichtlich in keiner der anderen sieben Zeilen.

Lösung 1.22. Diese Aufgabe ist eine Vertiefung von Aufgabe 1.21. Wenn F (b) für
„b kann Fußball spielen“ steht und man für b Bremer einsetzen darf, dann ist die
Behauptung, deren Gegenteil Sie formulieren wollen, ∀b F (b). Die Aussagen, die
zur Wahl stehen, kann man so als Formeln hinschreiben:

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


298 Anhang

(i) ∃b ¬F (b)
(ii) ∃b ¬F (b)
(iii) ∀b ¬F (b) oder ¬∃b F (b)
(iv) ¬∀b F (b)

(Beachten Sie, dass sich die ersten beiden Aussagen rein logisch gar nicht unter-
scheiden.) Nur der dritte Satz ist nicht das Gegenteil der Behauptung. Wenn Sie
widerlegen wollen, dass alle Bremer Fußball spielen können, dann reicht es, einen
zu finden, der es nicht kann.

(Wenn Sie noch nicht überzeugt sind, dann stellen Sie sich der Einfachheit halber
vor, dass Bremen nur drei Einwohner hat, und erstellen Sie eine Tabelle wie in der
Lösung zu Aufgabe 1.21.)

Lösung 1.23. Ja, ∃ wäre so etwas wie ein „großes ∨“.

Lösung 1.24. ∀x W (x) wäre die Formel W (k 1 ) ∧ W (k 2 ) ∧ W (k 3 ) und ∃x W (x) wä-


re W (k 1 ) ∨ W (k 2 ) ∨ W (k 3 ). Wenn es nur endlich viele mögliche Werte gibt, die
man für die Individuenvariablen einsetzen kann, ist es also legitim, Aussagen mit
Quantoren durch Konjunktionen oder Disjunktionen zu ersetzen. Aber abgesehen
von solchen überschaubaren Fällen wäre es trotzdem sehr unpraktisch. Bei Aufga-
be 1.22 bräuchte man z. B. mehr als eine halbe Million Junktoren, weil es so viele
Bremer gibt . . .

Lösung 1.25. Aussage (i) ist falsch. Sie besagt, dass es eine natürliche Zahl gibt,
die nicht gerade, aber durch 4 teilbar ist. Das geht natürlich nicht. Aussage (ii) ist
wahr. Sie besagt, dass es eine natürliche Zahl gibt, die gerade, aber nicht durch 4
teilbar ist. Dafür gibt es unendlich viele Beispiele, etwa 2, 6, oder 10. Aussage (iii)
ist wahr. Sie besagt, dass alle natürlichen Zahlen durch 4 teilbar sind, wenn alle
natürlichen Zahlen gerade sind. Da die erste Aussage schon falsch ist (weil eben
nicht alle natürlichen Zahlen gerade sind), kann auch die zweite ruhig falsch sein.
(Erinnern Sie sich an die Erdkundeklausur und das Eis!)

Aussage (iv) ist falsch. Sie besagt, dass jede gerade natürliche Zahl durch 4 teilbar
ist. Gegenbeispiele sind die unter (ii) genannten Zahlen. Aussage (v) ist wahr. Sie
besagt, dass jede natürliche Zahl, die durch 4 teilbar ist, auch gerade ist. Aussage (vi)
ist falsch. Sie besagt, dass jede natürliche Zahl genau dann gerade ist, wenn sie
durch 4 teilbar ist. Wenn das wahr wäre, dann wären sowohl (iv) als auch (v) wahr.
Und Aussage (vii) ist auch falsch. Sie besagt, dass jede natürliche Zahl, die nicht
durch 4 teilbar ist, auch nicht gerade ist. Man kann hier wieder die Gegenbeispiele
aus (ii) verwenden.

Beachten Sie, dass (iii) und (iv) ganz unterschiedliche Aussagen sind, obwohl
sie sehr ähnlich aussehen! Für (iii) hätte man auch ∀n ∈ N p(n) ⇒ ∀m ∈ N q(m)
schreiben können. Siehe dazu die Bemerkung zum Einflussbereich der Quantoren
auf Seite 19.

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Lösungen zu ausgewählten Aufgaben 299

Lösung 1.26. Wenn t für Töpfe und d für Deckel steht sowie P (d , t ) für „d passt
auf t “, dann besagt das Sprichwort ∀t ∃d P (d , t ). ∃d ∀t P (d , t ) würde hingegen
bedeuten, dass es einen „Superdeckel“ gibt, der auf jeden Topf passt.

Lösung 1.27. Die erste Aussage besagt, dass man zu jeder natürlichen Zahl m
eine größere finden kann. Das stimmt natürlich, man kann z. B. n = m + 1 nehmen.
Die zweite Aussage ist aber falsch, denn dort wird behauptet, dass es eine Zahl n
gibt, die größer als jede natürliche Zahl ist. Die dritte und die vierte Aussage sind
beide wahr. In beiden Fällen kann man n = 0 wählen.

Lösung 1.28. Die erste Aussage besagt, dass jedes der Passwörter mindestens
einem Agenten bekannt ist. Die zweite Aussage besagt, dass es mindestens einen
Agenten gibt, der alle Passwörter kennt. Um die erste Aussage wahr zu machen,
muss man lediglich ein Kreuz in der zweiten Spalte hinzufügen. Damit die zweite
Aussage nicht auch wahr wird, darf man dieses Kreuz nicht gerade in der zweiten
Zeile machen – denn sonst wäre a 2 der Agent, der alle Passwörter kennt.

Lösung 1.29. Es gibt unzählige Möglichkeiten. Man könnte x < 42 und x > 42 für
A(x) und B (x) nehmen. Es gibt natürliche Zahlen, die kleiner als 42 sind, und es gibt
natürliche Zahlen, die größer als 42 sind. Aber es gibt keine Zahl, die gleichzeitig
kleiner und größer als 42 ist.

Für die erste Aussage hätte man auch ∃x ∈ N A(x) ∧ ∃y ∈ N B (y) schreiben können.
Siehe dazu die Bemerkung zum Einflussbereich der Quantoren auf Seite 19.

Lösung 1.30. Die Behauptung kann man in der Form ∀y ∈ N ∃x ∈ Z x 2 = y formal


hinschreiben. Die Negation davon ist ∃y ∈ N ∀x ∈ Z x 2 ̸= y. Sie müssen also nur ein
solches y finden. Sie haben sogar zwei angegeben, nämlich 2 und 3. (Bei dieser
Aufgabe ging es noch einmal darum, dass man eine Aussage, die etwas für viele
Objekte behauptet, durch ein einziges Gegenbeispiel widerlegen kann.)

Lösung 1.32. A und B waren „n 2 ist ungerade“ und „n ist ungerade“. ¬B ist damit
„n ist gerade“ und ¬A ist „n 2 ist gerade“.

Lösung 2.1. Das dürfte wohl kein Problem gewesen sein:

A = {1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9}
B = {−4, −3, −2, −1, 0, 1, 2, 3, 4}

Ihnen war klar, dass die Null keine positive Zahl ist, oder?

Lösung 2.2. Das geht zum Beispiel so:

Y = { n : n ist eine ganze Zahl und 1 ≤ n ≤ 100 }


Z = { m : m ist eine ungerade ganze Zahl und n > 1 }

Wenn Sie eine andere Beschreibung gewählt haben, ist das natürlich auch OK. Sie
muss allerdings genau genug sein, damit nicht aus Versehen Objekte in die Menge
„hineinschlüpfen“ können, die dort nichts zu suchen haben. Hätten Sie etwa nur

Y = { n : n ist eine Zahl und 1 ≤ n ≤ 100 }

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300 Anhang

geschrieben, dann wäre das nicht ausreichend, weil der Begriff „Zahl“ zu vage ist.
Wäre 3/2 in diesem Fall nicht auch ein Element von Y ?

Lösung 2.3. Klar: X = { x : x = 1 ∨ x = π ∨ x = 42 }.

Lösung 2.4. In der folgenden Tabelle sind alle Elementbeziehungen markiert.


p p
−1/3 9 1 8 42 14/2 π −12 3/8 0 0.01
P ∈ ∈
N ∈ ∈ ∈ ∈ ∈
Z ∈ ∈ ∈ ∈ ∈ ∈
Q ∈ ∈ ∈ ∈ ∈ ∈ ∈ ∈ ∈
R ∈ ∈ ∈ ∈ ∈ ∈ ∈ ∈ ∈ ∈ ∈
p
Beachten Sie, dass 9 und 14/2 die natürlichen Zahlen 3 und 7 sind. Ferner ist
p
0.01 der Bruch 1/90. Allerdings ist 8 kein Bruch und π auch nicht. Wenn Sie mit
dieser Aufgabe Schwierigkeiten hatten, dann schauen Sie sich vielleicht einmal in
die Liste der Bücher zum Schulstoff.

Ihnen ist hoffentlich aufgefallen, dass ein ∈ an einer Position der Tabelle immer
impliziert, dass in den Zeilen darunter auch ein ∈ stehen muss. Das hängt mit den
Teilmengenbeziehungen zusammen, die im Skript nach dieser Aufgabe besprochen
werden.

Lösung 2.5. pIn dieser Reihenfolge könnte man als Gegenbeispiele die Zahlen 1,
−1, 1/2 und 2 nehmen. Natürlich macht es nichts, wenn Sie andere Gegenbei-
spiele hatten, solange Ihnen prinzipiell klar ist, worum es geht.

Lösung 2.6. Man könnte z. B. X = {1} und Y = {2} nehmen. Bei Zahlen ist das
nicht so: Wenn x und y zwei reelle Zahlen sind, dann ist immer mindestens eine
der beiden Aussagen x ≤ y und y ≤ x wahr. Siehe auch Aufgabe 1.9.

Lösung 2.7. Würde ; ⊆ A nicht wahr sein, dann müsste es ein Element von ;
geben, das kein Element von A ist. Das kann aber nicht sein, weil ; gar keine
Elemente hat.

Lösung 2.8. Man kann einfach das Beispiel vor dieser Aufgabe fortsetzen und
erhält {10, 23, 42} \ {1, 10, 17, 23} = {42}. Da das nicht dasselbe wie {1, 17} ist, kann
man bei der Differenz die beiden beteiligten Mengen nicht einfach vertauschen.

Lösung 2.10. Ich würde es so machen:

N+ = { n : n ∈ N ∧ n > 0 } = N \ {0}

Lösung 2.11. Sie sind identisch. Die Quadrate (bis auf das der Null) werden in der
zweiten Menge „doppelt aufgerufen“, aber das ändert ja bekanntlich nichts.

Lösung 2.12. Q = { m/n : m ∈ Z ∧ n ∈ N+ } wäre eine Möglichkeit. Beachten Sie,


dass im Nenner nicht null stehen darf! Dass Brüche mehrfach vorkommen (z. B.
1/2 und 2/4), ist kein Problem. Tatsächlich kommt jeder Bruch unendlich oft vor.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


Lösungen zu ausgewählten Aufgaben 301

Lösung 2.13. Man kann ahnen, was gemeint ist, aber links vom Doppelpunkt darf
zur Vermeidung von Missverständnissen nur ein Prototyp stehen, während es sich
hier offenbar um zwei (verschiedene) handelt, nämlich um n und −n.

Wenn wir demnächst Tupel eingeführt haben, werden Sie sehen, dass man diese
falsche Schreibweise auch ganz anders interpretieren könnte. Siehe dazu später
auch Aufgabe 5.24.

Lösung 2.14. Analog zu den beiden für Aufgabe 1.20 gezeigten Lösungen könnte
man (A 4 \ A 100 ) ∪ A 400 oder A 4 ∩ (A 400 ∪ (G \ A 100 )) nehmen. Natürlich gibt es auch
noch weitere legitime Lösungen.

Vergegenwärtigen Sie sich anhand dieser beiden Aufgaben noch einmal den en-
gen Zusammenhang zwischen Mengenverknüpfungen und aussagenlogischen
Junktoren!

Lösung 2.15. Sie sind hoffentlich auf diese Ergebnisse gekommen:

A = {0} B =N C =Q D =Q
E =Q F =; G =N H =Z

Lösung 2.16. Die Paare sind A = C = R, B = E = N, D = p I = {0}, F = J = ; und


p
G = H . Unter anderem muss man dafür wissen, dass 8 = 2 2 keine rationale Zahl
ist (siehe Aufgabe 2.4) und dass 0 und 1 die einzigen Zahlen sind, die ihr eigenes
Quadrat sind: 0 · 0 = 0 und 1 · 1 = 1.

Lösung 2.17. Die Paare sind A = G, B = F = N, C = D = N+ und E = H = ;. A ist


die Menge der nichtnegativen rationalen Zahlen.

Lösung 2.18. Wir nennen die drei Mengen, die beschrieben werden sollen, in
der Reihenfolge der Aufgabenstellung A, B und C . Es wäre im Prinzip auch OK
gewesen, so etwas wie

A = { x : x ist eine ganze Zahl, deren Quadrat kleiner als 100 ist }

zu schreiben, aber Sie haben sich hoffentlich gedacht, dass die Aufgabe etwas
anders gemeint war. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, die Aufgabe zu lösen,
und ich mache hier nur ein paar Vorschläge:

A = { z ∈ Z : z 2 < 100 } = { z ∈ Z : |z| < 10 }


B = { n ∈ N : n ≤ 300 ∧ 3 teilt n } = { 3n : n ∈ N ∧ n ≤ 100 }
C = n2 : n ∈ N+ ∧ ggT(2, n) = 1 = 2k+1
ª © 2
:k ∈N
© ª

Dabei bedeutet ggT(2, n) = 1, dass 1 der größte gemeinsame Teiler von 2 und n ist,
dass 2 und n also teilerfremd sind.

Lösung 3.1. Das einfachste Beispiel wären A = ; und B = {;}. Man könnte aber
auch in Anlehnung an (3.1) A = {1, 2} und B = {1, 2, A} nehmen.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


302 Anhang

Lösung 3.3. Aussage (vi) ist wahr, siehe dazu Aufgabe 2.9. Alle anderen Aussagen
sind falsch. Bei (ii) enthält die Menge links das Element {1}, die rechte aber nicht.
Bei (i), (iii), (iv) und (v) enthält die linke Menge jeweils das Element 1 und die
rechte nicht. Bei (vii) enthält die rechte Menge das Element ; und die linke nicht.
Bei (viii) enthält umgekehrt die linke Menge das Element ; und die rechte nicht.
Und bei (ix) enthält die linke Menge z. B. das Element {0, 1} und die rechte nicht.

Lösung 3.4. Dass A die Menge {1, 2, 3} ist, ist Ihnen hoffentlich klar. Um diese Auf-
gabe richtig zu verstehen, muss man sich außerdem daran erinnern, dass m, n ∈ A
eine Abkürzung für m ∈ A ∧ n ∈ A ist. Die Variablen m und n durchlaufen unab-
hängig voneinander die Menge A. Weil A drei Elemente hat, sind damit theoretisch
3 · 3 = 9 Produkte möglich. Allerdings ist die Multiplikation kommutativ und in
Mengen gibt es keine Dopplungen. Bei m = 3 und n = 2 kommt beispielsweise
dasselbe heraus wie bei m = 2 und n = 3. Daher ergibt sich B = {1, 2, 3, 4, 6, 9}. Die
Antwort ist somit |B | = 6.

Ersetzt man 4 durch größere Zahlen, so kommt erschwerend hinzu, dass sich
manche Produkte mit unterschiedlichen Faktoren bilden lassen: Bei 2 · 6 kommt
etwa dasselbe heraus wie bei 3 · 4. Siehe dazu auch die „Computerlösung“ auf
Seite 41.

Lösung 3.5. Sind sie auf diese Fangfrage hereingefallen? Die Menge {B } ist ein
Singleton. Dabei ist völlig unerheblich, wie B aussieht und ob es sich überhaupt
um eine Menge handelt. Die Antwort ist schlicht und einfach 21 = 2. Auch P ({N})
hat nur zwei Elemente, nämlich ; und N.

Die Aufgabe zeigt, dass man in der Mathematik immer sehr genau hinschauen
muss, weil in der Regel jedes Symbol von Bedeutung ist. Wäre es um P (B ) gegan-
gen, dann wäre die Antwort 218 = 262 144 gewesen, aber P (B ) und P ({B }) sind
eben zwei ganz unterschiedliche Objekte.

Lösung 3.6. Es stimmt nie! Seit Aufgabe 2.7 wissen wir, dass die leere Menge
Element jeder Potenzmenge ist. Darum enthält der Durchschnitt zweier Potenz-
mengen immer die leere Menge und ist deshalb nicht leer. (Wenn Sie diese Antwort
verwirrt, dann sollten Sie vielleicht den Abschnitt über Mengen noch einmal stu-
dieren.)

Lösung 3.7. Für die erste Aussageform haben wir in Aufgabe 3.3 schon ein Gegen-
beispiel gesehen: A = N und B = {0}. Für die zweite Aussageform kann man z. B.
A = {0} und B = {1} nehmen. P (A ∪ B ) enthält dann A ∪ B , P (A) ∪ P (B ) aber nicht.

Man beachte übrigens, dass P (A ∩ B ) = P (A) ∩ P (B ) immer gilt! Machen Sie sich
das vielleicht anhand von Beispielen klar.

Lösung 3.8. In gewissem Sinne ist dies auch eine Fangfrage, bei der es um genaues
Lesen geht. In der Aufgabe steht nicht, dass es um drei verschiedene Zahlen geht!
Hat {a, b, c} wirklich die Mächtigkeit 3, dann hat X die Mächtigkeit 2. Sind aber
alle drei Zahlen identisch, dann hat X die Mächtigkeit 0. Ist auch die Antwort 1
möglich? Ja, wenn z. B. a = b und a ̸= c gilt.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


Lösungen zu ausgewählten Aufgaben 303

Lösung 3.9. Bei dieser Aufgabe geht es natürlich unter anderem auch wieder
darum, die Mengenschreibweise zu verstehen. Wir haben:

A=; |A| = 0
B = {0, 1, 2, 3, 4, 5, 6} |B | = 7
C = {7} |C | = 1
D = {0, 1, 2, 3, 4, 5} |D| = 6
E = {1, 2, 3, 6, 7, 14, 21, 42} |E | = 8
F = {0, 1, 2, . . . , 20} |F | = 21

Nach Mächtigkeit sortiert ergibt das A,C , D, B, E , F .

Lösung 3.10. Wenn Sie diese Aufgabe nicht lösen konnten, dann ist das nicht
schlimm. Sie sollten es aber zumindest ernsthaft versucht haben. Das gilt ohne-
hin für alle Aufgaben! Und Ihnen ist dabei hoffentlich klar geworden, wonach
überhaupt gefragt wurde.

Teilmengen von A, die mindestens eine Primzahl enthalten, sind zum Beispiel
{3}, {2, 5, 10} oder A selbst. Die Menge aller Teilmengen von A ist P (A). Da A 20
Elemente hat, hat P (A) nach Satz 3.1 220 Teilmengen, also mehr als eine Million.
Die kann man schwerlich alle einzeln durchgehen und auf Primzahlen überprüfen.
Was nun? Bis hier sollten Sie ohne Hilfe gekommen sein. Hoffentlich haben Sie
einen Zettel vor sich, auf den Sie exemplarisch ein paar der gesuchten Teilmengen
gekritzelt haben.

Häufig ist es einfacher, nach dem Gegenteil zu fragen, und das ist auch hier so.
Eine Teilmenge von A, die nicht mindestens eine Primzahl enthält, enthält keine
Primzahl. Sie ist damit eine Teilmenge von

B = { n ∈ A : n ∉ P } = {0, 1, 4, 6, 8, 9, 10, 12, 14, 15, 16, 18}.

Wir können die Aufgabe damit so umformulieren, dass wir die Mächtigkeit von
P (A) \ P (B ) wissen wollen. Daher ist die Antwort

|P (A)| − |P (B )| = 2|A| − 2|B | = 220 − 212 .

Das sind immer noch mehr als eine Million Mengen und ich habe die Zahl absicht-
lich nicht hingeschrieben. Um die geht es nämlich nicht. Bei den meisten Aufgaben
reicht es, wenn Sie sie so weit lösen können, dass Sie für den letzten Schritt mit
dem einfachen Taschenrechner des Departments auskommen würden. Dass Sie
220 − 212 eintippen und das Ergebnis abschreiben könnten, glaube ich auch so.

Lösung 3.11. Das kann man wie in Aufgabe 3.10 machen, wie Ihnen hoffentlich
aufgefallen ist. A = {3, 4, 5, . . . , 29, 30} hat 28 Elemente. Die Menge der Elemente
von A, die durch 3 teilbar sind, ist

{3, 6, 9, 12, 15, 18, 21, 24, 27, 30}

und hat die Mächtigkeit 10. Die Menge der Elemente von A, die nicht durch 3
teilbar sind, hat daher die Mächtigkeit 18. Die Antwort ist demnach 228 − 218 .

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


304 Anhang

Lösung 3.12. Beachten Sie, dass diese Aufgabe mit einem Stern gekennzeich-
net ist. Es entsteht Ihnen jedoch kein bleibender Schaden, wenn Sie sich damit
beschäftigen.

Wir müssen für vier beliebige Objekte a bis d zeigen, dass (a, b) = (c, d ) genau dann
wahr ist, wenn a = c und b = d gelten. Es handelt sich dabei um eine Äquivalenz,
die wir – siehe Aufgabe 1.7 – in zwei Implikationen zerlegen.

Dabei ist der eine Teil ganz einfach (oder auch „trivial“, wie man in der Mathematik
gerne sagt). Aus a = c ∧ b = d folgt natürlich, dass {{a}, {a, b}} und {{c}, {c, d }} diesel-
be Menge sind, denn wir dürfen in der zweiten Menge c durch a und d durch b
ersetzen.

Die andere Richtung ist etwas aufwendiger. Ich führe den Beweis ausführlich vor,
um zu demonstrieren, was man alles beachten muss. Wir gehen davon aus, dass
die beiden Mengen X = {{a}, {a, b}} und Y = {{c}, {c, d }} identisch sind, und wollen
zeigen, dass daraus a = c und b = d folgen.

Obwohl es so aussieht, als hätte X zwei Elemente, muss das nicht so sein. Es könnte
sein, dass {a} = {a, b} gilt! Diesen Fall behandeln wir zuerst. Er kann offenbar nur
eintreten, wenn a = b gilt. Außerdem hat dann wegen X = Y auch Y nur ein
Element und wir können analog c = d schließen. Damit haben wir die Situation
X = {{a}} und Y = {{c}}. Daraus folgt offensichtlich a = c und wegen der vorherigen
Überlegungen auch der Rest.

Nun der zweite Fall, nämlich {a} ̸= {a, b}. Das impliziert a ̸= b. Die beiden Elemente
von X unterscheiden sich also durch ihre Mächtigkeit. Wegen X = Y muss Y
ebenfalls zwei Elemente haben und die müssen dieselben Mächtigkeiten wie die
von X haben. Daraus folgt {a} = {c} und {a, b} = {c, d }. Die erste Gleichung liefert
a = c. Setzt man in der zweiten nun a für c ein, dann ergibt sich {a, b} = {a, d } und
damit b = d .

Falls Sie das für Korinthenkackerei halten: In der mathematischen Praxis schaut
man in der Regel nicht unter der Motorhaube nach, wie geordnete Paare intern
aufgebaut sind. Solche Fragen sind nur für die Grundlagenmathematik relevant,
wenn man sich überzeugen will, dass man so etwas tatsächlich ausschließlich mit
Mengen realisieren kann.

Lösung 3.13. Die Dopplungen verschwinden. Beispielsweise ist 2 · 3 dasselbe wie


3·2. Aber (2, 3) ist eben nicht dasselbe wie (3, 2). Das ist ja gerade der Grund, warum
Paare definiert wurden.

Lösung 3.14. {0} × M ist {(0, 23), (0, 42), (0, π)}. ; × M ist die leere Menge, denn in
dieser Menge befinden sich nach Definition Paare, deren erste Komponente ein
Element der leeren Menge ist. Da die leere Menge keine Elemente hat, kann es
solche Paare nicht geben.

Etwas anderes hätte auch gar nicht herauskommen dürfen, denn nach Lemma 3.2
hat ; × M die Mächtigkeit null.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


Lösungen zu ausgewählten Aufgaben 305

Lösung 3.15. Mit der Frage ist gemeint, ob A × B immer dasselbe wie B × A ist.
Die Antwort ist nein und dafür braucht man nur ein Gegenbeispiel, etwa A = {1}
und B = {2}. (Wenn Ihnen das nicht sofort klar ist, dann schreiben Sie A × B und
B × A auf.) Allgemein gilt A × B = B × A dann und nur dann, wenn A = B gilt.

p natürlich nicht realisieren. Nach Lemma


Lösung 3.16. Den ersten Teil kann man
3.2 müsste |A| dann die Mächtigkeit 42 haben. Aber die Mächtigkeit einerp(endli-
chen) Menge muss offensichtlich eine (nichtnegative) ganze Zahl sein und 42 ist
keine ganze Zahl. (Siehe auch Aufgabe 1.30.)

Für den zweiten Teil gibt es viele Möglichkeiten, z. B. A = {0, 10, 20, 30, 40, 50, 60}
und B = {0, 1, 2, 3, 4, 5}.

Lösung 3.17. Vielleicht sollten wir erst einmal über die Definition von A q spre-
chen und uns klarmachen, dass p und q dort ganz unterschiedliche Rollen spielen.
p ist eine Variable, die wie üblich ein „Prototyp“ für die Elemente der Menge ist.
Man könnte dafür auch einen anderen Buchstaben wie n oder r verwenden, ohne
am Ergebnis etwas zu ändern. q ist hingegen ein Parameter, der quasi „von außen“ Parameter
auf die Menge wirkt. Wir erhalten für unterschiedliche q evtl. unterschiedliche
Mengen, z. B. A 2 = ;, A 3 = {2} und A 4 = A 5 = {2, 3}.

Nun zur eigentlichen Aufgabe: Damit |A q × A q | = 100 gilt, muss A q nach Lemma 3.2
genau zehn Elemente haben. Und das müssen nach Definition von A q die ersten
zehn Primzahlen sein. Also muss q, weil nach einer Primzahl gefragt wurde, die
elfte Primzahl sein: 31.

Lösung 3.18. Eine typische Mathematiker-Frage und darauf gibt es auch eine
typische Mathematiker-Antwort: Ja, es gibt 0-Tupel, aber nur eines, nämlich (). Das
ist wie mit der leeren Menge.

Lösung 3.19. Hier geht es offenbar um eine ähnlich „akademische“ Frage wie bei
Aufgabe 3.12. Man kann ein Objekt wie (a 1 , a 2 , a 3 ) durch (a 1 , (a 2 , a 3 )) definieren.
Man baut es sich also aus zwei „verschachtelten“ 2-Tupeln zusammen. Es lässt
sich leicht nachweisen – und vielleicht probieren Sie das mal –, dass man damit
die gewünschten Eigenschaften erhält.

Man könnte es übrigens auch so machen: ((a 1 , a 2 ), a 3 ). Dadurch erhielte man rein
technisch ein anderes Objekt. Aber die wesentlichen Eigenschaften der Definition
von Seite 45 würde das nicht tangieren. Wie Aufgabe 3.12 ist diese kleine Bastelei
für die Grundlagenforschung interessant, aber für die Praxis irrelevant.

Lösung 4.3. Nennen wir die Vereine F , K 1 und K 2 . Dann ergibt sich nach dem
Inklusions-Exklusions-Prinzip
|F ∪ K 1 ∪ K 2 | = |F | + |K 1 | + |K 2 | − |F ∩ K 1 | − |F ∩ K 2 | − |K 1 ∩ K 2 | + |F ∩ K 1 ∩ K 2 |
= 98 + 76 + 55 − 7 − 5 − 5 + 2 = 214.
Das Dorf hat also 215 Einwohner. (Hoffentlich haben Sie Albert nicht vergessen . . . )

Lösung 4.4. So müsste es für |A ∪ B ∪C ∪ D| aussehen:


+ |A| + |B | + |C | + |D|

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306 Anhang

− |A ∩ B | − |A ∩C | − |A ∩ D| − |B ∩C | − |B ∩ D| − |C ∩ D|
+ |A ∩ B ∩C | + |A ∩ B ∩ D| + |A ∩C ∩ D| + |B ∩C ∩ D|
− |A ∩ B ∩C ∩ D|

Grafisch kann man das folgendermaßen darstellen:

C + − + −

− + − +

D + − + −

+ − +
B
A

Lösung 4.5. Weil A ∩ B und A ∩ C disjunkt sind, muss A ∩ B ∩ C leer sein. Wenn
Ihnen das nicht klar ist, dann zeichnen Sie sich dazu ein Mengendiagramm! (Hier
bietet sich nebenbei die Gelegenheit, darauf hinzuweisen, dass in Aufgaben zur
Mathematik selten unnötige Informationen stehen.16 Wenn Sie nicht alle Aussa-
gen aus dem Aufgabentext verwenden, steckt in Ihrer Lösung wahrscheinlich ein
Denkfehler.)

Mit Satz 4.2 haben wir nun

70 = |A ∪ B ∪C | = |A| + |B | + |C | − |A ∩ B | − |A ∩C | − |B ∩C | + |A ∩ B ∩C |
= 30 + 30 + 30 − 5 − 6 − |B ∩C | + 0 = 79 − |B ∩C |

und das kann man zu |B ∩C | = 9 umstellen.

Lösung 4.6. Wir bezeichnen mit A n die Menge der Zahlen unter 100, die durch n
teilbar sind. Wir wollen wissen, wie viele Elemente die Menge B = A 2 ∪ A 3 ∪ A 5 hat.
Die Lösung für die Aufgabe ist nämlich dann 100 − |B |.

Wie viele Elemente enthält eine der Mengen A n ? Für n = 5 sind es die Zahlen 0,
5, 10, 15 bis 95, also die Zahlen von 0 · 5 bis 19 · 5. Das sind 20, also 100/5 Zahlen.
Für n = 3 sind es die Zahlen 0 · 3 bis 33 · 3, also 34 Stück. Auf die Zahl 34 kommt
man, wenn man 100 durch 3 teilt und dann die nächstgrößere ganze Zahl ermittelt.
Man schreibt das mithilfe der sogenannten oberen Gaußklammer als ⌈100/3⌉. (Sie
müssen diese Schreibweise für das Lösen der Aufgabe nicht kennen, aber sie
erleichtert das Aufschreiben.) Allgemein hat A n offenbar ⌈100/n⌉ Elemente.

Wenn man nun z.B. A 3 ∩A 5 betrachtet, so enthält diese Menge alle Zahlen unter 100,
die sowohl durch 3 als auch durch 5 teilbar sind. Das sind aber offensichtlich genau
die Zahlen, die durch 3 · 5 = 15 teilbar sind, weil 3 und 5 teilerfremd sind. Mit
16 Auf jeden Fall nicht in diesem Skript und auch nicht in guten Mathebüchern. Für Aufgaben in

aktuellen Schulbüchern würde ich allerdings meine Hand nicht ins Feuer legen . . .

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Lösungen zu ausgewählten Aufgaben 307

anderen Worten bedeutet das: A 3 ∩ A 5 = A 15 . Ebenso ist A 2 ∩ A 3 ∩ A 5 = A 30 und so


weiter.

Mit dem Inklusions-Exklusions-Prinzip ergibt sich nun

|B | = |A 2 | + |A 3 | + |A 5 | − |A 2 ∩ A 3 | − |A 2 ∩ A 5 | − |A 3 ∩ A 5 | + |A 2 ∩ A 3 ∩ A 5 |
= |A 2 | + |A 3 | + |A 5 | − |A 6 | − |A 10 | − |A 15 | + |A 30 |
= ⌈100/2⌉ + ⌈100/3⌉ + ⌈100/5⌉
− ⌈100/6⌉ − ⌈100/10⌉ − ⌈100/15⌉ + ⌈100/30⌉
= 50 + 34 + 20 − 17 − 10 − 7 + 4 = 74

und die gesuchte Antwort ist 100 − 74 = 26.

Falls Sie das nicht komplett selbst lösen konnten, ist das nicht so dramatisch.
Wichtig ist, dass Sie verstanden haben, wie das Inklusions-Exklusions-Prinzip
verwendet wurde. Überprüfen Sie Ihr Verständnis, indem Sie nun ausrechnen, wie
viele natürliche Zahlen es gibt, die kleiner als 1000 und weder durch 2 noch durch 3
noch durch 5 noch durch 7 teilbar sind. (Zur Kontrolle: Die korrekte Antwort ist
228.)

Lösung 4.7. [0] ist die leere Menge, denn es gibt keine natürliche Zahl k mit
1 ≤ k ≤ 0. So etwas werden Sie oft in mathematischen Texten finden. Wenn Sie
beispielsweise x 1 , . . . , x n lesen, dann sind damit wahrscheinlich n Variablen (siehe
Fußnote 14) gemeint, aber es würde eine Mathematikerin nicht überraschen, dass
darin auch der Fall n = 0 inbegriffen ist, bei dem es dann eben keine Variable gibt.

[π] würde zwar vielleicht durchaus Sinn ergeben, aber bei dieser Frage ging es dar-
um, dass [π] gar nicht definiert ist. Die Definition gilt nur für natürliche Zahlen n.
Denken Sie daran, immer aufmerksam zu lesen!

Lösung 4.8. Nehmen wir das Beispiel X = {12, 17} mit |X | = 2. PX ist dann die
Menge { (a 1 , a 2 ) : {a 1 , a 2 } = {12, 17} }. Die Aussageform rechts vom Doppelpunkt
kann für zwei Belegungen der Individuenvariablen wahr werden: für a 1 = 12 und
a 2 = 17 oder für a 1 = 17 und a 2 = 12. Das ergibt die beiden Tupel (12, 17) und
(17, 12). Und das sind die beiden Elemente von PX .

Lösung 4.9. Für X = ; wird aus der Aussageform in der Definition von PX die
Aussage {} = ;, die immer wahr ist. (Siehe dazu auch die Lösung von Aufgabe 4.7.)
Die Menge besteht aus 0-Tupeln, von denen es – siehe Aufgabe 3.18 – nur eines
gibt. Also ist P ; die Menge {()}.

Lösung 4.11. Man erzeugt alle Permutationen des Tupels, indem man die Indi-
zes – also die Menge [n] – permutiert. Wenn wir es beispielsweise mit dem Tu-
pel (b 1 , b 2 , b 3 ) = (1, 2, 1) zu tun haben, dann ist (3, 1, 2) eine Permutation aus P 3
und die zugehörige Permutation des Tupels ist (b 3 , b 1 , b 2 ) = (1, 1, 2). Da wir es mit
Mengen zu tun haben, werden Dopplungen wie (b 1 , b 3 , b 2 ) = (1, 1, 2) automatisch
„geschluckt“.

Lösung 4.12. Es geht um ein 5-Tupel, also n = 5. Wir haben b 1 = b 2 = b 3 = 1 und


b 4 = b 5 = 2. r ist 2, denn es gibt nur die beiden Komponenten 1 und 2. Wir können

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308 Anhang

a 1 = 1 und a 2 = 2 setzen. Dann haben wir k 1 = 3 und k 2 = 2. Wir wir schon wissen,
ergibt sich
n! 5!
= = 10.
k 1 ! k 2 ! 3! 2!
Lösung 4.13. Es geht um ein 7-Tupel mit den drei unterschiedlichen Komponen-
ten 2, 3 und 7 die mit den Häufigkeiten 4, 2 und 1 auftreten. Die gesuchte Anzahl
ist
7!
= 105.
4! 2! 1!
Es ist offensichtlich wesentlich einfacher, sich einmal so eine Formel zu überle-
gen, statt in jedem Einzelfall mühsam alle Permutationen aufzuschreiben und
dabei Gefahr zu laufen, einige zu übersehen. Beachten Sie, dass unter den 105
Permutationen natürlich auch das „Original“ (2, 3, 2, 3, 7, 2, 2) mitgezählt wird.

Lösung 4.14. In Satz 4.3 geht es faktisch um die Permutationen von n-Tupeln, bei
denen alle Komponenten verschieden sind. Man hat dann r = n und k 1 = 1, k 2 = 1
und so weiter. Damit ergibt sich als Mächtigkeit schlicht und einfach n!, weil der
Nenner in Satz 4.4 in diesem Spezialfall die Zahl 1 ist.

Lösung 4.16. |V[8],5 | = 8 · 7 · 6 · 5 · 4 = 6 720.

Lösung 4.17. In gewissem Sinne war dies eine Fangfrage. Die Antwort ist nämlich
nicht 10 · 9 · 8 = 720. Das wäre richtig gewesen, wenn es um alle 3-Tupel aus drei
verschiedenen Dezimalziffern gegangen wäre, weil es zehn Ziffern (0 bis 9) gibt.
Weil jedoch führende Nullen wie z. B. bei (0, 4, 2) keine dreistelligen Zahlen liefern,
geht es so nicht. Eine Möglichkeit ist die Überlegung, dass man für die erste Ziffer
nicht zehn, sondern nur neun Möglichkeiten hat (weil es keine Null sein darf).
Für die zweite hat man dann ebenfalls neun. Die erste kann man nicht mehr
wählen, aber dafür ist nun die Null möglich. Und für die dritte Ziffer verbleiben
noch acht Möglichkeiten, weil zwei Ziffern bereits „ausgeschieden“ sind. Es ergibt
sich 9 · 9 · 8 = 648. Eine zweite Möglichkeit ist, dass man vom obigen Ergebnis 720
alle „verbotenen“ Tupel abzieht, also alle, die mit Null anfangen. Davon muss es
offenbar 9 · 8 = 72 geben. 720 − 72 ist ebenfalls 648.

Die „Moral“ dieser Aufgabe ist, dass man immer gut überlegen sollte, was genau
man wissen will, bevor man gedankenlos irgendeine Formel anwendet! ChatGPT
(in der Version 3 vom 23.03.2023) kann die Frage übrigens korrekt beantworten . . .

Lösung 4.18. Es handelt sich um Lemma 3.3.

Lösung 4.19. Wir haben uns gerade überlegt, dass die Teilmengen von [n] genau
den Elementen von {0, 1}n entsprechen. Und letztere Menge hat nach Satz 4.6 die
Mächtigkeit |{0, 1}|n = 2n .

Lösung 4.20. Nach Satz 4.7 berechnet man mit dieser Summe die Anzahl aller
Teilmengen einer n-elementigen Menge, denn jede Teilmenge einer solchen Menge
hat eine Mächtigkeit, die nicht kleiner als 0 und nicht größer als n ist. Also muss 2n
herauskommen.

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Lösungen zu ausgewählten Aufgaben 309

Lösung 4.21. Die Antwort ist nach Satz 4.7 nk . Dafür muss man sich nur überle-
¡ ¢

gen, dass die in der Aufgabenstellung vorkommenden k-Tupel sortiert sind und
erzwungenermaßen lauter verschiedene Komponenten haben. Sie entsprechen
also genau den k-elementigen Teilmengen von X .

Lösung 4.22. Bei (v) geht es um Permutationen und es gibt n! mögliche Ergebnis-
se. (iv) beschreibt Permutationen mit Wiederholungen. Um die Anzahl der Ergeb-
nisse zu berechnen, braucht man genauere Informationen über den Urneninhalt:
Welche Zahl befindet sich wie oft in der Urne? Man verwendet dann die Formel
aus Satz 4.4. (iii) beschreibt Variationen und die gesuchte Anzahl ist n!/(n − k)!. Bei
Punkt (ii) ist der Unterschied, dass Zahlen mehrfach gezogen werden können. Das
sind also Variationen mit Wiederholungen und damit ergeben sich n k mögliche
Ausgänge. Bei (i) geht es um Kombinationen (denn bei gleichzeitiger Entnahme
kann man nichts über eine Reihenfolge aussagen). Die gesuchte Anzahl ist nk .
¡ ¢

Punkt (vi) beschreibt schließlich Kombinationen mit Wiederholungen. Hier gibt es


¡n+k−1¢
k mögliche Ausgänge.

Lösung 4.23. Da die Reihenfolge natürlich unerheblich ist und weil es jede Spiel-
karte nur einmal gibt, geht es um Kombinationen ohne Wiederholungen. Abstrakt
gesehen können Sie die Menge der Karten mit der Menge [52] identifizieren. Jedes
mögliche Blatt ist dann eine 5-elementige Teilmenge dieser Menge. Also ergeben
sich 52
¡ ¢
5 Möglichkeiten. Das sind etwas mehr als zweieinhalb Millionen.

Lösung 4.24. Hier geht es um Variationen mit Wiederholungen, denn es kommt


auf die Reihenfolge (die Positionen) an und Farben können mehrfach verwendet
werden. In der mathematischen Formulierung lässt sich jeder Farbcode als Qua-
drupel aus [6]4 notieren, wobei die Zahl in der i -ten Komponente für die Farbe in
der i -ten Position steht. Es gibt 64 = 1 296 Möglichkeiten.

Lösung 4.25. Die Dekanin muss zunächst auswählen, wer die fünf glücklichen
Mathematiker sind, die eines der begehrten Büros erhalten. Dann kommt es aber
auch noch auf die Reihenfolge an, weil die Büros nicht identisch sind. Das sind
Variationen; und zwar ohne Wiederholungen, weil sonst einem Prof mehrere Büros
zugewiesen würden. Technisch kann man jede mögliche Lösung als ein 5-Tupel
aus V[12],5 darstellen, wobei die i -te Komponente des Tupels die Person codiert, die
das i -te Büro erhält. Die arme Dekanin muss sich daher für eine von 12!/7! = 95 040
Möglichkeiten entscheiden.

Lösung 4.26. Da es um die Reihenfolge einer vorgegebenen Sequenz geht, haben


wir es mit Permutationen zu tun. Und es sind Permutationen mit Wiederholungen,
weil einige Buchstaben mehrfach auftreten. Mit den Bezeichnungen von Satz 4.4
hat man n = 11, r = 4, k 1 = 1, k 2 = 2 und k 3 = k 4 = 4 für ein M, zweimal P und
jeweils viermal I und S. Es ergibt sich 11!/(2! 4!2 ) = 34 650.

Lösung 4.27. Hier geht es um Kombinationen, weil die Reihenfolge der Befüllung
der Mulden für die Anzahl keine Rolle spielt. Und es geht um Kombinationen mit
Wiederholungen, weil nicht in jede Mulde ein anderer Teig kommt. Abstrakt gese-
hen ist jede Befüllung ein Tupel der Form (x 1 , x 2 , x 3 ) ∈ N3 , wobei x 1 + x 2 + x 3 = 12

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


310 Anhang

gelten muss. (x 1 wäre dann z. B. die Anzahl der Mulden, in die Blaubeermuffinteig
kommt.) Es gibt daher 3+12−1
¡ ¢ ¡14¢
12 = 12 = 91 Möglichkeiten.

Lösung 4.28. Es handelt sich hierbei ebenfalls um Kombinationen mit Wiederho-


lungen. (Es werden fünf von fünf Farben ausgewählt, die aber nicht verschieden
sein müssen.) Daher gibt es 5+5−1
¡ ¢ ¡9¢
5 = 5 = 126 Möglichkeiten.

Lösung 4.29. Da es auf die Reihenfolge ankommt, während die fünf Sehenswür-
digkeiten bereits feststehen, geht es um Permutationen. Und es gibt offenbar keine
Wiederholungen, denn das würde bedeuten, dass Sehenswürdigkeiten mehrfach
besucht würden. Formal kann man jeden Vorschlag als ein 5-Tupel aus P 5 dar-
stellen, bei dem die i -te Komponente angibt, welche der Sehenswürdigkeiten als
i -te drankommt. Es gibt daher 5! = 120 theoretisch mögliche Vorschläge. Da jedes
Clubmitglied drei verschiedene Vorschläge abgegeben hat, kann es nicht mehr als
40 Mitglieder geben.

Lösung 4.30. Da es sieben Striche sind und es für jeden Strich zwei Möglichkeiten
(breit oder schmal) gibt, handelt es sich um Variationen mit Wiederholungen. Es
gibt 27 = 128 Möglichkeiten.

Lösung 4.31. Ein Strichcode kann entweder symmetrisch zum mittleren Strich
sein oder nicht. Die symmetrischen Strichcodes sind ihre eigenen Spiegelbilder,
die unsymmetrischen Strichcodes haben jeweils ein eindeutig bestimmtes Spie-
gelbild (das natürlich auch unsymmetrisch ist). Ein symmetrischer Strichcode ist
durch die Angabe der ersten vier Striche eindeutig bestimmt, also gibt es 24 = 16
symmetrische Codes. Daher gibt es 128 − 16 = 112 unsymmetrische Codes, die
jeweils paarweise auftreten und daher nur 56 Postleitzahlen abdecken können.
Insgesamt kann es in Taka-Tuka-Land also maximal 56 + 16 = 72 Postleitzahlen
geben.

Lösung 4.32. Fangen wir exemplarisch mit dem Fall an, dass Sie den Schokoteig
gar nicht verwenden. Dann bleiben 12 Mulden, die Sie mit zwei Teigen befüllen
können und das liefert 13 Möglichkeiten: 12-mal Kokos, 11-mal Kokos, 10-mal
Kokos und so weiter; die Anzahl der Blaubeermuffins ergibt sich danach von selbst.
Wenn Sie allgemein k Mulden mit Schokoteig befüllen, bleiben 13 − k Möglichkei-
ten, die Anzahl der Kokosmuffins (von 0 bis 12 − k) auszuwählen. Es ergeben sich
damit insgesamt
6
X
(13 − k) = 13 + 12 + 11 + 10 + 9 + 8 + 7 = 70
k=0

Möglichkeiten.17

An dieser Stelle passt vielleicht die Klärung einer Frage, die oft gestellt wird: Wann
wird in der Kombinatorik multipliziert (oder dividiert) und wann wird addiert
(oder subtrahiert)? Man kann eine Fragestellung oft in mehrere Fälle aufteilen
und für jeden Fall einzeln die Anzahl der möglichen Ausgänge berechnen. Die
Ergebnisse werden dann addiert. Dabei muss man allerdings aufpassen, dass
17 Das Summenzeichen kennen Sie aus der Schule noch, oder?

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


Lösungen zu ausgewählten Aufgaben 311

sich die behandelten Fälle gegenseitig ausschließen!18 Das ist bei dieser Aufgabe
geschehen. (Man muss natürlich darauf achten, dass man keinen Fall vergisst. Im
konkreten Beispiel könnte man etwa den Fall übersehen, dass man den Schokoteig
gar nicht verwendet.)

Bei Aufgabe 4.31 wurde ebenfalls addiert: Die Anzahl der symmetrischen Codes
addiert zur Anzahl der unsymmetrischen Codes ergibt die Gesamtzahl aller mögli-
chen Codes.

Manchmal hat man das Glück, dass man es sogar mit sich gegenseitig ausschlie-
ßenden Fällen zu tun hat, bei denen sich jeweils dieselbe Anzahl ergibt. Dann kann
man multiplizieren statt addieren. Bei den sechs „Standardformeln“, die in der
Tabelle auf Seite 56 zusammengefasst sind, ist das immer der Fall. Wenn man z. B.
die Zahlen von 1 bis 6 sortiert, dann kann man von denen jede als erste Zahl neh-
men. Das ergibt sechs Fälle, die sich gegenseitig ausschließen. Theoretisch müsste
man für jeden Fall die Anzahl der Möglichkeiten ausrechnen und diese Ergebnisse
alle addieren. Da man sich aber überlegen kann, dass alle Fälle im Prinzip gleich
sind, reicht es, die Anzahl für einen Fall zu ermitteln und das Resultat mit sechs zu
multiplizieren.

Lösung 4.33. Wenn man nicht mehr als drei Farben verwenden kann, fallen die
Codes weg, bei denen alle vier Farben verschieden sind. Wie viele davon gibt es?
Es gibt 64 = 15 Möglichkeiten, vier der sechs Farben auszuwählen. Und für jede
¡ ¢

solche Auswahl gibt es 4! = 24 Möglichkeiten, die vier Farben anzuordnen. Das sind
insgesamt 15 · 24 = 360 Möglichkeiten. Es verbleiben 1 296 − 360 = 936 Farbcodes,
bei denen maximal drei Farben verwendet werden.

Lösung 4.34. Bei sechs Kästchen gibt es 26 = 64 verschiedene Möglichkeiten zu


antworten. (Das ist nämlich die Anzahl der Teilmengen einer Menge mit sechs
Elementen. Siehe dazu auch Aufgabe 4.19.) Drei Möglichkeiten wurden durch die
Aufgabenstellung ausgeschlossen, so dass maximal 64 − 3 = 61 Personen teilge-
nommen haben können.

Lösung 4.35. Jedes der neun Pixel kann schwarz oder weiß sein; es gibt also insge-
samt 29 verschiedene Muster. (Man kann das als Variationen mit Wiederholungen
interpretieren – es wird neun Mal nacheinander jeweils schwarz oder weiß aus-
gewählt – oder als Anzahl der Teilmengen einer neun-elementigen Menge.) Man
muss aber noch das eine Muster abziehen, bei dem alle Pixel weiß sind, und ebenso
die neun Muster, bei denen genau ein Pixel schwarz ist. Und dieselbe Zahl von
Mustern (also 10) muss man ein zweites Mal abziehen für die Muster bei denen zu
wenige Pixel weiß sind. Somit ergibt sich als Antwort 29 − 2 · (1 + 9) = 492.

Lösung 4.36. Nach einigem Nachdenken sollte klar werden, dass sich hier das
Inklusions-Exklusions-Prinzip anbietet, weil sich die genannten Bedingungen
nicht gegenseitig ausschließen. Schreiben wir Zk für die Menge der Zeichenketten,
die die k-te Bedingung erfüllen, dann suchen wir die Mächtigkeit der Vereinigung
von Z1 , Z2 und Z3 . |Z1 | ergibt sich mithilfe der Formel für Variationen mit Wie-
18 Anderenfalls wird man das Inklusions-Exklusions-Prinzip anwenden müssen.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


312 Anhang

derholungen als 83 = 512, weil der erste Buchstabe feststeht, während man die
anderen drei frei wählen kann. Für Z2 und Z3 erhält man dieselbe Mächtigkeit.
Z1 ∩ Z2 enthält die Zeichenketten, die mit AB anfangen, und hat die Mächtigkeit
82 = 64, weil man noch zwei „Freiheitsgrade“ hat. Das gilt sicher auch für die an-
deren Schnitte zweier Mengen. Und analog kommt man darauf, dass Z1 ∩ Z2 ∩ Z3
acht Elemente enhält. Alles zusammen liefert nach Satz 4.2

|Z1 ∪ Z2 ∪ Z3 |
= |Z1 | + |Z2 | + |Z3 | − |Z1 ∩ Z2 | − |Z1 ∩ Z3 | − |Z2 ∩ Z3 | + |Z1 ∩ Z2 ∩ Z3 |
= 512 + 512 + 512 − 64 − 64 − 64 + 8 = 1352.

In der Mathematik ist es allerdings fast immer so, dass mehr als ein Weg zum Ziel
führt. Wie bei der Lösung zu Aufgabe 3.10 kann man auch hier das Gegenteil be-
trachten: Wie konstruiert man eine Zeichenkette, die keine der drei Bedingungen
erfüllt? Man darf für die erste Stelle kein A wählen, hat also noch sieben Möglich-
keiten. Das gilt ebenso für die zweite und dritte Stelle. Nur an der vierten Stelle hat
man die freie Wahl unter acht Buchstaben. Das ergibt 7 · 7 · 7 · 8 = 2744 Möglichkei-
ten. Insgesamt gibt es 84 = 4096 mögliche Zeichenketten der Länge 4, die man aus
den vorgegebenen Buchstaben bilden kann. Die Antwort erhält man nun durch
4096 − 2744 und natürlich kommt dasselbe Ergebnis wie eben heraus.

Lösung 4.37. Alle genannten Varianten lassen sich wie in der Lösung zu Aufgabe
4.36 mit dem Inklusions-Exklusions-Prinzip lösen. Es gibt teilweise auch andere
Wege, aber wenn Sie das besagte Prinzip verwenden, haben Sie eine Methode, die
in solchen Fällen immer funktioniert.

Wie können Sie überprüfen, ob Ihre Antworten richtig sind? Eine Möglichkeit ist
ein selbstgeschriebenes kleines Computerprogramm, das jeweils alle erlaubten
Zeichenketten erzeugt und diese zählt.19 Wenn Sie das nicht können oder wollen,
dann bietet sich noch ein anderes Verfahren an, das in der Kombinatorik oft hilf-
reich sein kann: Arbeiten Sie zunächst mit Zahlen, die deutlich kleiner, aber für die
Aufgabenstellung noch ausreichend groß sind, um anhand dieser „vereinfachten“
Aufgabe zu überprüfen, ob Ihr Ansatz richtig ist. Im konkreten Fall könnte man nur
mit den vier Buchstaben von A bis D arbeiten. Mit denen kann man nur 44 = 256
Zeichenketten mit vier Zeichen bilden. Die passen alle auf ein Blatt Papier.

Lösung 5.1. Alle vier sind Aussageformen. Und alle vier sind Aussageformen mit
zwei Individuenvariablen. Ihnen ist hoffentlich klar, dass die Menge { y n : n ∈ N }
für jedes y eine andere Menge ist, wohingegen der Buchstabe n keine Rolle spielt:
{ y m : m ∈ N } ist dieselbe Menge. Alle vier Aussageformen sagen also etwas über x
und y aus.
Hauptdiagonale Lösung 5.3. Die Identität auf R ist die Gerade, die man auch Hauptdiagonale
nennt. Die Kleiner-Relation ist die Hälfte der Ebene oberhalb der Hauptdiagonale
ohne die Gerade selbst.
19 Das wäre gleichzeitig eine gute Übung im Programmieren!

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Lösungen zu ausgewählten Aufgaben 313

Natürlich sehen wir in beiden Fällen nur einen Ausschnitt, weil sich die Punktmen-
gen in unserer Vorstellung unendlich weit ausdehnen.

Lösung 5.4. Das sollte so aussehen:

; [1] {2} {3} [2] {1, 3} {2, 3} [3]


1 × × × ×
2 × × × ×
3 × × × ×

Lösung 5.5. Die Hauptarbeit besteht hierbei wohl darin, den Überblick nicht zu
verlieren und nichts zu vergessen.

[1] [2]

; {2} {1, 3} [3]

{3} {2, 3}

Beachten Sie, dass es keine „Schleifen“ gibt, weil es in der Aufgabe um ⊂ und nicht
um ⊆ ging.

Lösung 5.6. A 2 = A × A erfüllt trivialerweise alle drei Bedingungen. Diese Relation


ist maximal unter den Relationen auf A, weil es kein Paar mehr gibt, das man noch
hinzufügen könnte.

Lösung 5.7. Natürlich nicht, weil (−1, −1) beispielsweise kein Element von idN ist.
Diese Aufgabe sollte insbesondere deutlich machen, dass der Zusatz „auf A“ in der
Definition der Reflexivität wichtig ist. idN ist reflexiv auf N, aber nicht auf Z oder
auf R. Es ergibt keinen Sinn, einfach zu sagen, dass idN reflexiv oder nicht reflexiv
sei.

Lösung 5.8. E ist symmetrisch, denn wenn x 2 + y 2 = 1 gilt, dann gilt natürlich
auch die Gleichung y 2 + x 2 = 1, die durch Vertauschen der Variablen entsteht.
Geometrisch bedeutet das, dass der Einheitskreis spiegelsymmetrisch zur Haupt-
diagonalen ist, denn durch Spiegelung an dieser Geraden wird aus dem Punkt (x, y)
der Punkt (y, x).

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


314 Anhang

Man muss hier allerdings aufpassen, dass man nicht den gerade definierten Begriff
der Symmetrie einer Relation mit dem Konzept der Symmetrie einer geometrischen
Figur verwechselt. Es gibt zwar – wie wir hier gesehen haben – Entsprechungen,
aber man muss genau lesen und dem Kontext entnehmen, von welcher Symmetrie
jeweils die Rede ist.

Lösung 5.9. Nein. Und wir erinnern uns, dass zur Begründung in so einem Fall
ein einziges Gegenbeispiel ausreicht. Hier ist eins: (1, 0) und (0, 1) liegen beide auf
dem Einheitskreis, d. h., diese beiden Paare sind Elemente von E . Wäre E transitiv,
dann müsste auch (1, 1) zu E gehören. Aber der Punkt (1, 1) liegt nicht auf dem
Kreis, weil 12 + 12 nicht 1, sondern 2 ist.

Lösung 5.10. Nein. Beispielsweise haben Hamburg und Niedersachsen sowie


Niedersachsen und Bremen eine gemeinsame Grenze, aber nicht Hamburg und
Bremen.

Lösung 5.11. Wenn zwei Punkte der Relation gegenüberliegende Ecken eines
achsenparallelen Rechtecks bilden, von dem eine weitere Ecke auf der Hauptdia-
gonalen liegt, dann muss die vierte Ecke ebenfalls zur Relation gehören.

Lösung 5.12. Wir nennen die Relationen von links nach rechts R 1 bis R 3 . R 1 ist
nicht reflexiv auf [4], die anderen beiden Relationen sind es. Das sieht man sofort,
indem man einfach die Hauptdiagonale (die in diesem Fall von links oben nach
rechts unten verläuft) anschaut. R 1 ist symmetrisch und transitiv, denn es handelt
sich um [3] × [3], siehe Aufgabe 5.6. R 2 ist auch symmetrisch, R 3 aber nicht. Man
erkennt die Symmetrie analog zu Aufgabe 5.8 jeweils daran, dass die Kreuze spie-
gelsymmetrisch um die Hauptdiagonale verteilt sind. R 2 ist nicht transitiv und das
lässt sich mit einem konkreten Gegenbeispiel belegen: Es gilt 1R 2 4 und 4R 2 2, aber
nicht 1R 2 2.

Die einzige Begründung, die etwas aufwendiger ist, ist die dafür, dass R 3 transitiv
ist. So schlimm ist es aber auch nicht. Es liegt daran, dass (1, 4) das einzige Paar
von R 3 ist, bei dem sich die beiden Komponenten unterscheiden. Gilt aR 3 c und
cR 3 b, so können a, b und c also nicht drei verschiedene Zahlen sein. Wir haben
also entweder den Fall aR 3 a und aR 3 b oder den Fall aR 3 b und bR 3 b vorliegen. In
beiden Fällen ist nichts mehr zu zeigen.

Was man bei dieser Aufgabe übrigens lernt: Eine Relation kann zwei der Eigenschaf-
ten haben, ohne dass sie deswegen die dritte haben muss. Die drei Eigenschaften
sind, wie man in der Mathematik sagt, unabhängig voneinander, d. h. es folgt nicht
eine aus der anderen.

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Lösungen zu ausgewählten Aufgaben 315

Lösung 5.13. Dafür muss man nur x und y vertauschen und erhält

R −1 = { (y, x) ∈ R2 : x < y } = { (x, y) ∈ R2 : x > y }.

Beachten Sie, dass die Antwort nicht etwa { (x, y) ∈ R2 : x ≥ y } ist. Das Umkehren
der Relation hat nichts mit dem Negieren (wie in Aufgabe 1.9) zu tun.

Lösung 5.14. R ◦R ist die Menge { (m, n) ∈ N+ ×N+ : 4m teilt n }. Aus (m, p) ∈ R und
(p, n) ∈ R folgt, dass es natürliche Zahlen k 1 und k 2 mit p = k 1 2m bzw. n = k 2 2p
gibt. Einsetzen liefert n = k 2 k 1 4m und damit muss 4m Teiler von n sein. Umgekehrt
kann man aus der Tatsache, dass 4m Teiler von n ist, folgern, (2m, n) und (m, 2m)
Elemente von R sind.

Lösung 5.16. Ja, ∼ ist eine Äquivalenzrelation auf N. Und das liegt schlicht und
einfach daran, dass Q eine Funktion ist. Wir werden im nächsten Abschnitt noch
ausführlicher über Funktionen nachdenken, aber für diese Aufgabe reicht das
Schulwissen: Ist f eine Funktion mit Definitionsbereich D und x ∈ D, dann ist
f (x) ein eindeutig bestimmtes Element des Wertebereichs W von f . Durch f (x) =
f (y) wird dann eine Äquivalenzrelation auf D definiert, weil = eine auf W ist.
Beispielsweise ist R reflexiv auf D, weil natürlich f (x) = f (x) für alle x ∈ D gilt. Und
so weiter.

Lösung 5.17. Das ist dasselbe Argument wie bei Aufgabe 5.16, denn es geht wieder
um eine Funktion; nämlich um die, die jeder Person den Wochentag ihrer Geburt
zuordnet.

Lösung 5.18. Ja, es handelt sich um eine Äquivalenzrelation. Die Reflexivität folgt
daraus, dass null eine ganze Zahl ist. Die Transitivität erhält man so: Gilt xR y und
yR z, dann bedeutet das x − y ∈ Z und y − z ∈ Z. Damit folgt sofort xR z, weil x − z
als Summe der ganzen Zahlen x − y und y − z wieder eine ganze Zahl ist. R ist auch
symmetrisch, denn x − y ist genau dann eine ganze Zahl, wenn y − x = −(x − y)
eine ist.

Geht man von Z zu N über, dann bleiben Reflexivität und Transitivität erhalten
und die Begründungen sind identisch. Die Symmetrie geht jedoch verloren, weil
aus einer positiven natürlichen Zahl x − y durch das Vertauschen die negative Zahl
y − x wird.

Lösung 5.19. Nennen wir die Relationen von links nach rechts R 1 bis R 3 , Dann
haben wir:

[1]R1 = [2]R1 = [3]R1 = {1, 2, 3}


[4]R1 = {4}
[4]/R 1 = {[1]R1 , [4]R1 } = {{1, 2, 3}, {4}}
[1]R2 = [2]R2 = {1, 2}
[3]R2 = [4]R2 = {3, 4}
[4]/R 2 = {[1]R2 , [3]R2 } = {{1, 2}, {3, 4}}
[1]R3 = [3]R3 = {1, 3}

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316 Anhang

[2]R3 = [4]R3 = {2, 4}


[4]/R 3 = {[1]R3 , [2]R3 } = {{1, 3}, {2, 4}}

Lösung 5.20. Für ∼ aus Aufgabe 5.16 besteht die Faktormenge N/ ∼ aus den zehn
Äquivalenzklassen [0]∼ bis [9]∼ . Erwähnenswert ist noch, dass die Klasse [0]∼
nur ein Element, nämlich die Zahl 0, hat, während alle anderen unendlich viele
Elemente haben. In [3]∼ sind beispielsweise mindestens die Zahlen 3, 30, 300 und
immer so weiter enthalten.

Für R aus Aufgabe 5.18 ergeben sich unendlich viele Äquivalenzklassen. Eine
davon ist die Klasse [0]R , die der Menge Z entspricht. Nimmt man allgemein
zwei verschiedene Zahlen x und y, die im Intervall [0, 1) liegen,20 dann gilt sicher
[x]R ̸= [y]R , denn die Differenz von x und y ist kleiner als 1, aber nicht 0, also
keine ganze Zahl. Damit haben wir schon unendlich viele verschiedene Klassen.21
Gleichzeitig sind das aber auch alle Klassen. Jede Zahl x, die nicht in [0, 1) enthalten
ist, liegt in derselben Klasse wie x ′ = x − ⌊x⌋,22 denn x − x ′ ist die ganze Zahl ⌊x⌋
und x ′ liegt im Intervall [0, 1). Anschaulich ist [x]R immer die um x „verschobene“
Menge Z, also

[x]R = { m + x : m ∈ Z } = { m + x − ⌊x⌋ : m ∈ Z }.

Zum Beispiel haben wir

[1/3]R = {. . . , −8/3, −5/3, −2/3, 1/3, 4/3, 7/3, 10/3, . . . }.

Lösung 5.21. Jede positive natürliche Zahl n ist in mindestens einer23 der Mengen
von A enthalten, nämlich in [n]. Also haben wir offenbar A = N+ . Die einzige
S

Zahl, die in allen Mengen von A enthalten ist, ist hingegen die Eins, also ergibt
sich A = {1}.
T

Mit B = { [n] : n ∈ N } kommt die leere Menge hinzu (siehe Aufgabe 4.7), d. h., wir
haben B = A ∪ {;}. Für die Vereinigungsmenge ändert das Hinzufügen der leeren
Menge gar nichts, B = A = N+ , aber die Schnittmenge ändert sich, weil es nun
S S

keine Zahl gibt, die in allen Mengen von B enthalten ist: B = ;.


T

Lösung 5.22. Hier ergibt sich A = N und A = ;.


S T

Lösung 5.23. Das ist natürlich die leere Menge.

Lösung 5.24. Im ersten Fall wird eine Menge von Paaren definiert und keine
Menge von Zahlen. Im zweiten Fall wird eine Menge von Mengen definiert. Man
kann die zweite Variante aber reparieren, indem man { {n, −n} : n ∈ N } schreibt.
S

Das ist dann tatsächlich die Menge der ganzen Zahlen.


20 Falls Sie vergessen haben, was Sie in der Schule über Intervalle gelernt haben: Wir wiederholen

das später noch.


21 Falls Sie davon schon einmal gehört haben: Wir haben damit sogar überabzählbar viele Klassen.
22 Sie haben sich sicher schon gedacht, dass damit die untere Gaußklammer – also das Abrunden –

gemeint ist. Siehe dazu die Lösung von Aufgabe 4.6.


23 Sogar in unendlich vielen, aber eine reicht.

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Lösungen zu ausgewählten Aufgaben 317

Lösung 5.25. Konnten Sie die Aufgabe lösen? Es ist keine Schande, wenn man so
eine Aufgabe nicht lösen kann. Aber wenn Sie etwas lernen wollen, dann ist es
dumm, wenn Sie es nicht zumindest probiert haben. Wie viele mathematische
Aufgaben ist diese eine, bei der es keinen vorgefertigten Lösungsweg gibt, den man
nur nachäffen muss. Häufig hilft nur Nachdenken und – das war ja auch der Tipp –
Herumprobieren. Man kommt nicht umhin, einen Stift in die Hand zu nehmen
und herumzukritzeln. Was weiß ich? Was fällt mir ein? Stimmt das auch?

Hier kommt man auf diesem Weg schnell zum Ziel. Wegen der ersten Eigenschaft,
ist die kleinste Menge, die infrage kommt, A = {R}. Und die tut es auch schon!

Lösung 5.26. In der Informatik meint man mit einer Partition einen Teil eines
Laufwerks. Beim Partitionieren unterteilt man das gesamte Laufwerk in Partitionen.
In der Mathematik würde man die Menge all dieser Partitionen (deren „Vereini-
gung“ das Laufwerk ergibt) als Partition bezeichnen.

Lösung 5.27. A ist keine Partition, weil die Elemente von A nicht paarweise
disjunkt sind. Zum Beispiel gehören sowohl {0, 1, 2} als auch {2, 3, 4} zu A , und
diese beiden Mengen enthalten beide das Element 2. B ist keine Partition von N,
weil B = N+ ̸= N gilt. C ist keine Partition, weil C die leere Menge enthält, z. B.
S

für n = 2. D ist offensichtlich eine Partition von N.

Lösung 5.28. Das könnte beispielsweise für die Relation id[6] ∪ S ∪ S −1 mit

S = {(1, 2), (4, 5), (4, 6), (5, 6)}

so aussehen:

2 6
4
1
5
3

Wegen der Reflexivität muss von jedem Knoten ein Pfeil (eine „Schleife“) zum Kno-
ten zurücklaufen. Der Übersichtlichkeit halber wurden die hier gleich weggelassen,
weil sie redundant sind. Wegen der Symmetrie müssen alle Kanten Pfeilspitzen
auf beiden Seiten haben; die könnte man ebenfalls weglassen. Und wegen der
Transitivität muss es zu jedem „Umweg“ (hier etwa von 4 nach 6 über 5) einen
direkten Weg (also im Beispiel eine Kante von 4 nach 6) geben. Es ergeben sich
dann wie von selbst disjunkte „Inseln“, die in der Grafik durch die grauen Scheiben
dargestellt werden. Das sind die Elemente der Partition.

Lösung 5.29. Für n = 0, 1, 2, 3 erhält man die Elemente

{1}, {2, 3}, {4, 5, 6, 7}, {8, 9, 10, 11, 12, 13, 14, 15}

von P . Kommt Ihnen das bekannt vor? Zwei Zahlen aus N+ stehen offenbar genau
dann in der induzierten Relation zueinander, wenn sie dieselbe Anzahl von Stellen
im Binärsystem haben.

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318 Anhang

Lösung 5.30. Da es nach Satz 5.2 eine eindeutige Zuordnung zwischen den Äqui-
valenzrelationen auf [4] und den Partitionen von [4] gibt, kann man sich zur Beant-
wortung der Frage genauso überlegen, wie viele Partitionen von [4] es gibt: Es gibt
eine Partition von [4] mit einem Element, nämlich {[4]}. Betrachtet man die Parti-
tionen von [4] mit zwei Elementen, so kommt man entweder auf solche, bei denen
beide Elemente zweielementige Mengen sind,24 oder auf solche, bei denen eine
Menge drei Elemente hat und eine eins.25 Wenn eine Partition drei Elemente hat,
dann muss eins ihrer Elemente zwei Elemente haben, während die anderen beiden
Singletons sind.26 Schließlich gibt es genau eine Partition mit vier Elementen.27
Insgesamt kommt man also auf 15 Möglichkeiten. Wenn man die Fragestellung
verallgemeinert, kommt man übrigens auf die sogenannten Bellschen Zahlen.

Lösung 6.1. Es darf nicht von einem Objekt links mehr als ein Pfeil ausgehen.

Lösung 6.2. f 1 ist eine Funktion, denn alle Elemente sind geordnete Paare und f 1
ist rechtseindeutig: Wenn m und n gleich sind, dann sind natürlich auch die Werte
m/3 und n/3 gleich. Der Einheitskreis f 2 ist zwar eine Menge von geordneten Paa-
ren, aber keine Funktion: Zu f 2 gehören z. B. die beiden Elemente (0, 1) und (0, −1),
also ist f 2 nicht rechtseindeutig. f 3 hat nicht nur geordnete Paare als Elemente,
sondern auch die Zahl 3. Daher ist f 3 nicht einmal eine Relation, geschweige denn
eine Funktion. f 4 ist eine Funktion. f 5 aber nicht, weil die Rechtseindeutigkeit
verletzt ist, denn sowohl (1, 2) als auch (1, 3) gehören zu f 5 . f 6 – die leere Menge –
ist eine Funktion. Sie ist erstens eine Menge von Paaren (nämlich von null Paaren)
und zweitens ist sie rechtseindeutig, denn eine Relation, die nicht rechtseindeutig
ist, muss ja mindestens zwei Paare enthalten.

Lösung 6.3. Das sollte hoffentlich kein Problem gewesen sein:

dom( f 1 ) = N rng( f 1 ) = { n/3 : n ∈ N }


dom( f 2 ) = rng( f 2 ) = { x ∈ R : |x| ≤ 1 } = [−1, 1]
dom( f 4 ) = {1, 3, 4} rng( f 4 ) = {3, 5}
dom( f 5 ) = {1, 4} rng( f 4 ) = {2, 3, 5}
dom( f 6 ) = rng( f 6 ) = ;

Für f 2 wurde wieder die Schreibweise für Intervalle verwendet – siehe die Lösung
zu Aufgabe 5.20. Beachten Sie, dass wir Definitions- und Wertebereich nicht nur
für Funktionen, sondern allgemeiner für Relationen definiert hatten. Nur für f 3
ergibt die Angabe dieser beiden Mengen keinen Sinn.

Lösung 6.4. Bei komplizierteren Funktionen ist es häufig nicht so einfach, den
Wertebereich genau anzugeben. Die Zielmenge sollte man allerdings möglichst
„klein“ wählen, um informativ zu sein. Z. B. ist es besser, in (6.2) Q statt R zu
24 Davon gibt es offenbar drei: {{1, 2}, {3, 4}}, {{1, 3}, {2, 4}} und {{1, 4}, {2, 3}}.
25 Davon gibt es vier: {{1}, {2, 3, 4}}, {{2}, {1, 3, 4}}, {{3}, {1, 2, 4}} und {{4}, {1, 2, 3}}.
26 Das ergibt sechs Möglichkeiten: {{1, 2}, {3}, {4}}, {{1, 3}, {2}, {4}}, {{1, 4}, {2}, {3}}, {{2, 3}, {1}, {4}},

{{2, 4}, {1}, {3}} und {{3, 4}, {1}, {2}}.


27 Das ist {{1}, {2}, {3}, {4}}.

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Lösungen zu ausgewählten Aufgaben 319

schreiben, weil man dann sofort sieht, dass auf jeden Fall keine irrationalen Zahlen
ausgegeben werden.

Lösung 6.5. g 1 ist eine Funktion mit Definitions- und Wertebereich N. Ganz allge-
mein ist die Identität id A für jede Menge A immer eine Funktion; nämlich einfach
die ganz langweilige Funktion, die x auf x abbildet. g 3 ist keine Funktion, denn zu
dieser Relation gehören zum Beispiel die Paare ({0}, ;) und ({0}, {0}). Definitions-
und Wertebereich von g 3 ist jeweils P (N). g 4 ist eine Funktion. Sie bildet jede
Teilmenge von N auf ihre Potenzmenge ab. Der Definitionsbereich ist P (N) und
den Wertebereich kann man nicht einfacher als

rng(g 4 ) = { P (A) : A ⊆ N }

hinschreiben. Siehe dazu auch Aufgabe 6.4; als Zielmenge würde sich eher P (P (N))
eignen. g 5 ist keine Funktion, denn zu dieser Relation gehören zum Beispiel die
Paare (R \ {0, 1}, R \ {0}) und (R \ {0, 1}, R \ {1}). Ferner haben wir

dom(g 5 ) = { R \ {a, b} : a, b ∈ R } und


rng(g 5 ) = { R \ {a} : a ∈ R }.

g 6 ist ebenfalls keine Funktion, denn zu dieser Relation gehören zum Beispiel die
Paare (R \ {0}, R \ {0, 1}) und (R \ {0}, R \ {0, 2}). Offenbar gilt dom(g 6 ) = rng(g 5 ) und
rng(g 6 ) = dom(g 5 ).

Wir haben zunächst dom(g 2 ) = rng(g 4 ) und rng(g 2 ) = dom(g 4 ). Die Begründung
dafür, dass g 2 eine Funktion ist, ist allerdings ein bisschen schwieriger (und wurde
in der Aufgabenstellung auch nicht verlangt): Jedes Element des Definitionsbe-
reichs von g 2 ist die Potenzmenge einer Menge A von natürlichen Zahlen. Wie
kann man A aus dieser Menge von Mengen „rekonstruieren“? A ist die größte
der Mengen und alle anderen sind Teilmengen von ihr. Man erhält A dadurch,
dass man die Vereinigungsmenge aller Mengen bildet. Mit anderen Worten: g 2
bildet jede Menge B ihres Definitionsbereichs auf B ab. Damit haben wir eine
S

„Rechenvorschrift“ für g 2 .

Lösung 6.6. f [A] ist A, aber f −1 [A] ist nicht A, sondern {−1, 0, 1}, denn es gilt ja
auch f (−1) = 1. f −1 [{−1}] ist die leere Menge, denn bekanntlich wird keine reelle
Zahl durch f auf −1 abgebildet. f [;] ist natürlich auch die leere Menge.

Lösung 6.7. Wir haben f [A] = {(−7)2 −7, 22 −7, 92 −7} = {−3, 42, 74}. Zum Ermitteln
von f −1 [A] suchen wir die x ∈ R, für die x 2 − 7 eine der Zahlen aus A ist. Für 2 ∈ A
läuft das z. B. auf das Lösen der Gleichung x 2 − 7 = 2 hinaus und liefert x = 3 oder
x = −3. Insgesamt macht das f −1 [A] = {−4, −3, 0, 3, 4}. f [ f −1 [A]] ist wieder A. Aber
f −1 [ f [A]] ist {−9, −7, −2, 2, 7, 9}.

Lösung 6.8. g bildet die Zahl 0 auf die Zahl 23 und die Menge {0} auf die Zahl 42
ab.28 dom(g ) ist also {0, {0}} und rng(g ) ist {23, 42}. Ferner haben wir g ({0}) = 42
und g [{0}] = {23}, eine Zahl und eine Menge.
28 In diesem konkreten Beispiel ist g eine etwas artifizielle Funktion, anhand derer etwas demons-

triert werden soll. In der höheren Mathematik können solche „seltsamen“ Konstruktionen aber
manchmal durchaus eine Rolle spielen.

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320 Anhang

Lösung 6.9. Zum Beispiel M = {1}. Dann haben wir f [M ] = {2} und f −1 [ f [M ]] =
{1, 4}. (Offenbar muss aber zumindest für jede Funktion C ⊆ f −1 [ f [C ]] gelten.)

Für N ⊆ rng( f ) gilt tatsächlich f [ f −1 [N ]] = N für jede Funktion f . Wenn man


allerdings in N auch Objekte zulässt, die nicht im Wertebereich liegen, stimmt
das nicht mehr. Im Beispiel aus der Aufgabestellung könnte man N = {3} nehmen.
Dann hätte man f −1 [N ] = ; und f [ f −1 [N ]] = ;.

Lösung 6.10. Das klappt mit M = {1} und N = {4}. Dann gilt

f [M ∩ N ] = f [;] = ; und f [M ] ∩ f [N ] = {2} ∩ {2} = {2}.

Allerdings gilt f [M ∪ N ] = f [M ] ∪ f [N ] für jede Funktion f und beliebige Mengen


M , N ⊆ dom( f ).

Lösung 6.11. Ich meinte das so: Ist f eine beliebige Funktion, dann wird durch

R = { (x, y) ∈ dom( f )2 : f (x) = f (y) }

eine Äquivalenzrelation auf dom( f ) definiert. Die Begründung dafür ist trivial, weil
die drei Eigenschaften Reflexivität, Symmetrie und Transitivität jeweils direkt von
der Gleichheitsrelation des Wertebereichs „vererbt“ werden. Beispielsweise gilt
xRx für alle x ∈ dom( f ), weil f (x) = f (x) für alle x ∈ dom( f ) gilt, und Letzteres ist
einfach die Reflexivität von idrng( f ) .

Lösung 6.12. Die Äquivalenzklassen sind alle von der Form f −1 [{y}] für y ∈ rng( f ).

Lösung 6.13. R| X = {(1, 2), (2, 6), (3, 4)}.

Lösung 6.14. Aufgabe 6.6 entnimmt man dom( f ) = R. Und nach Definition gilt
dom( f |M ) = M . Aus der Schule ist bekannt, dass rng( f ) die Menge aller nichtnegati-
ven reellen Zahlen ist, also das Intervall [0, ∞). Weil allgemein f (x) = f (−x) gilt, weil
also jeder Funktionswert bis auf null „doppelt vorkommt“, gilt rng( f |M ) = rng( f ).

Lösung 6.15. Ich hatte an Funktionen der Form x 7→ mx + b gedacht, also an die,
die man als Geraden visualisieren kann.

Lösung 6.16. Eine Funktion der Form x 7→ mx + b ist nur dann injektiv, wenn
m ̸= 0 gilt. Ansonsten hat man es nämlich mit einer konstanten Funktion der Form
x 7→ b zu tun, die offensichtlich nicht injektiv ist.

Lösung 6.17. Das ist einfach die korrekte Umkehrung der Implikation, um die es
im Abschnitt über Aussagenlogik ging.

Lösung 6.18. f ist nicht injektiv, weil z. B. f (3/2) = 1 = f (1) gilt. Für g könnte
man das Beispiel g ({1}) = 1 = g ({2}) nehmen und h(2) = 2 = h(11) für h. Natürlich
werden Ihre Beispiele anders ausgesehen haben. Die Hauptsache ist, dass Sie das
Prinzip verstanden haben.

Lösung 6.19. Das ist natürlich rng( f ), also der Wertebereich von f .

Lösung 6.20. Die Elemente einer Funktion haben allgemein die Form (x, y) und
in der Umkehrrelation werden die „umgedrehten“ Paare (y, x) gesammelt. In f

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Lösungen zu ausgewählten Aufgaben 321

gilt (x, y) = (x, 2x + 8) und (y, x) = (2x + 8, x). Wir würden gerne so etwas wie (y, . . . )
schreiben, wobei die Punkte für einen Ausdruck stehen, in dem nur noch y vor-
kommt. Dafür lösen wir y = 2x +8 nach x auf. Das ergibt y −8 = 2x bzw. x = y/2−4.
Die Umkehrfunktion ist also f −1 = { (y, y/2 − 4) : y ∈ R }.

Für g ist die gesuchte Rechenvorschrift B 7→ [6] \ B = g (B ), d. h. wir haben g −1 =


g . Falls Sie das nicht sofort sehen, dann machen Sie sich vielleicht mit einem
Mengendiagramm klar, dass für A ⊆ [6] immer g (g (A)) = [6] \ ([6] \ A) = A gilt.

Obwohl es sich um dieselbe Rechenvorschrift wie in (6.3) handelt, ist h injektiv,


denn der Definitionsbereich enthält keine negativen Zahlen. Die Rechenvorschrift
p
für h −1 ist m 7→ m, wobei zu beachten ist, dass der Definitionsbereich von h −1
die Menge h[N] = { n 2 : n ∈ N } = {0, 1, 4, 9, 16, . . . } ist – siehe Aufgabe 6.19.

Lösung 6.21. Grundsätzlich ist id A für jede Menge A injektiv und die Umkehr-
funktion ist immer id A . Aber vielleicht hatten Sie auch eine andere Idee.

Lösung 6.22. f ist nicht injektiv, weil u. a. f (−1) = 1 = f (1) gilt. f | A ist injektiv.

Lösung 6.23. Dann ist R einfach die Identität auf dom( f ).

Lösung 6.24. Ich hatte an die Arkusfunktionen gedacht. Die trigonometrische


Funktionen wie Sinus, Kosinus oder Tangens sind alle nicht injektiv. Damit man
sie umkehren kann, muss man sie erst einschränken.

Lösung 6.25. Bei f kommt etwa die reelle Zahl π nicht als Funktionswert vor.
(Die Funktionswerte von f sind ausschließlich ganze Zahlen.) Bei g kommt der
Funktionswert 7 nicht vor. (Und alle größeren natürlichen Zahlen kommen „erst
p
recht“ nicht vor.) Und bei h kommt z. B. der Funktionswert 2 nicht vor (weil 2
nicht rational ist).

Lösung 6.26. f 1 ist injektiv und die Rechenvorschrift für f 1−1 ist n 7→ n − 1. f 1 ist
aber nicht surjektiv,29 weil null kein Funktionswert ist. f 2 ist nicht injektiv, weil z. B.
4 und 5 denselben Funktionswert 2 haben. f 2 ist aber surjektiv, denn jede natürlich
Zahl m ist Funktionswert des Arguments 2m. f 3 ist nicht injektiv, weil u. a. wieder
4 und 5 denselben Funktionswert haben. f 3 ist aber nicht surjektiv, weil null als
Funktionswert nicht vorkommt. f 4 ist natürlich injektiv und surjektiv; siehe auch
Aufgabe 6.21.

Diese Aufgabe zeigt „nebenbei“, dass Injektivität und Surjektivität unabhängig


voneinander sind. Erinnern Sie sich an Aufgabe 5.12, in der es um eine ähnliche
Aussage ging.

Lösung 6.27. Ja. Die Funktion, die A in diesem Fall auf B abbildet, ist ;. Siehe
Aufgabe 6.2.

Lösung 6.28. Zwei Beispiele wären


p
{(1, 23), (2, 42), (3, π), (4, 0), (5, 3)} und
29 Ich formuliere hier zur Eingewöhnung gleich mal ungenau, weil in der Aufgabenstellung ja stand,

um welche Zielmenge es geht.

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322 Anhang

p
{(1, 42), (2, 23), (3, π), (4, 0), (5, 3)}.

Durch die Darstellung ist hoffentlich klar geworden, dass jede solche Funktion
eine Permutation der Menge B liefert – denn sie „sortiert“ ja deren fünf Elemente.
Deshalb muss es (nach Satz 4.3) 5! = 120 solche Funktionen geben.

Lösung 6.29. Ja, das tun sie. Das ist der Vorteil der abstrakten Definition über
Mengen. Weil Funktionen nichts weiter als (bestimmte) Mengen sind, sind sie
gleich, wenn sie als Mengen gleich sind. Und zwei Mengen sind bekanntlich genau
dann gleich, wenn sie dieselben Elemente haben. Überträgt man das auf Funktio-
nen und deren Elemente (die Paare sind), dann heißt das, das zwei Funktionen
genau dann gleich sind, wenn sie erstens denselben Definitionsbereich haben
und zweitens jedem ihrer Argumente denselben Funktionswert zuordnen. (Und
das klingt ja wohl auch nach einer vernünftigen Vorstellung davon, wann zwei
Funktionen als gleich bezeichnet werden sollten.)

Lösung 6.30. Man kann sogar zwei angeben, die hoffentlich auch beide sofort
einleuchten: Für endliche Mengen A und B gilt |A| ≤ |B |, wenn eine der beiden
folgenden Bedingungen erfüllt ist (und damit beide erfüllt sind):
(i) Es gibt eine injektive Funktion von A nach B .
(ii) Es gibt eine Funktion, die B surjektiv auf A abbildet.

Begründen kann man das damit, dass aus |A| ≤ |B | folgt, dass B eine Teilmenge B ∗
mit |A| = |B ∗ | haben muss und dass es zwischen A und B ∗ eine Bijektion gibt.

Lösung 6.31. f muss injektiv sein. Nehmen wir uns nämlich irgendein Element
x des Definitionsbereichs vor, dann gibt es dazu den Funktionswert y = f (x). Mit
M = {x} gilt f [M ] = {y} und nach Aufgabenstellung f −1 [{y}] = {x}. Letzeres heißt
aber „übersetzt“, dass es außer x keine andere Eingabe gibt, die die Ausgabe y
liefert.

Auch so etwas wie in Aufgabe 6.10 kann bei injektiven Funktionen nicht passieren.

Lösung 6.32. Nein, denn es gilt beispielsweise 2 · 3 = 3 · 2, d. h. die beiden unter-


schiedlichen Tupel (2, 3) und (3, 2) werden auf denselben Funktionswert abgebildet.

Erinnern Sie sich an Aufgabe 3.13. Dort ging es auch um die Multiplikation, die
dort A 2 auf B abgebildet hat. Weil die Funktion nicht injektiv ist, hat B weniger
Elemente als A 2 .

Lösung 6.33. Nein. Eine innere Verknüpfung auf N ist eine Abbildung von N × N
nach N. Aber bei der Subtraktion natürlicher Zahlen voneinander kommen nicht
nur natürliche Zahlen heraus: 1 − 2 ist beispielsweise −1.

Lösung 6.34. Nur f 1 ist nicht injektiv: beispielsweise gilt f 1 (0, 0) = 0 = f 1 (0, 1).

Lösung 6.35. Ein Beispiel wäre die Funktion, die (m, n) auf 2m 3n abbildet. Dass
die injektiv ist, folgt aus dem Fundamentalsatz der Arithmetik, der später noch als
Satz 12.4 im Skript vorkommt. So eine „Codierung“ von Tupeln nennt man auch
Gödelisierung.

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Lösungen zu ausgewählten Aufgaben 323

Lösung 6.36. Das würde dazu führen, dass der Fall x = 0 doppelt auftaucht. Es
würde in diesem Fall nichts ändern, weil in beiden Fällen der Funktionswert dersel-
be wäre, aber man sollte so etwas trotzdem möglichst vermeiden, weil man damit
seine Leser verwirren könnte.

Lösung 6.37. Sowohl bei f 1 als auch bei f 2 ist die Definition unglücklich, weil
die natürlichen Zahlen von 4 bis 9 jeweils beide Bedingungen erfüllen. Bei f 1 ist
das aber nicht so schlimm, weil sich in beiden Fällen für alle sechs Zahlen der
Funktionswert null ergibt. f 2 ist jedoch keine Funktion, denn es ist beispielsweise
nicht klar, ob dem Argument 7 der Funktionswert 0 oder der Funktionswert 1
zugeordnet werden soll.

Lösung 6.38. Das ist natürlich der Absolutbetrag, der „offiziell“ auf Seite 162
definiert werden wird. Siehe auch Aufgabe 6.22.

Lösung 6.39. f = {(1, 5), (2, 2), (3, 3), (4, 4), (5, 1), (6, 6)}. rng( f ) ist [6].

Lösung 6.40. Es kommt {(1, 5), (2, 2), (3, 3), (5, 5)} heraus und das ist nicht dasselbe
wie f ◦ g . Wir wussten bereits, dass die Komposition von Relationen nicht kommu-
tativ ist. Wir haben nun gelernt, dass Sie auch dann nicht kommutativ ist, wenn
wir nur rechtseindeutige Relationen komponieren.
2
Lösung 6.41. Wir haben ( f ◦ g )(x) = (2x )2 = 22x und (g ◦ f ) = 2x . (Das ist Potenz-
rechnung aus der Mittelstufe.) Wir wissen durch Aufgabe 6.40 bereits, dass die
beiden Kompositionen nicht gleich sein müssen, aber das heißt nicht, dass sie auf
jeden Fall verschieden sind. Und – Achtung! – dass die beiden Rechenvorschrif-
ten, die wir erhalten haben, unterschiedlich aussehen, bedeutet auch noch nicht
zwangsläufig, dass f ◦g und g ◦ f nicht gleich sind. (Vielleicht kennt ja jemand eine
geschickte Umformung, die aus der einen Rechenvorschrift die andere macht?)
Daher brauchen wir, siehe Aufgabenstellung, ein konkretes Gegenbeispiel; so etwas
wie ( f ◦ g )(1) = 4 und (g ◦ f )(1) = 2.

Übrigens hätten Sie in diesem Fall auch Pech haben und zufällig den „falschen“
Wert einsetzen können: ( f ◦ g )(2) = 16 = (g ◦ f )(2). Ihnen ist natürlich klar, dass das
nicht bedeutet, dass die beiden Funktionen identisch sind, oder?

Lösung 6.42. Wir bekommen


( (
N→N N×N → N×N
f ◦g : und g◦f :
x 7→ x (x, y) 7→ (x, x)

heraus. f ◦ g ist also einfach idN .

Lösung 6.43. Ein Beispiel wären die durch f (x) = x und g (x) = x + 1 auf R defi-
nierten Funktionen.

Lösung 6.44. Definieren wir f (n) = ⌊n/2⌋ und g (n) = 2n, dann ergibt sich idN als
Komposition f ◦ g . Man erhält also eine injektive Funktion, obwohl f ersichtlich
nicht injektiv ist. Das liegt anschaulich formuliert daran, dass g nicht alle natür-
lichen Zahlen „trifft“: f hat für jede gerade Zahl und die direkt auf sie folgenden

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324 Anhang

denselben Funktionswert. Aber durch den „Umweg“ über g werden in f nur gerade
Zahlen eingesetzt.

Dass man für (ii) kein Beispiel finden kann, kann man sich folgendermaßen klar-
machen: Ist g nicht injektiv, so gibt es natürliche Zahlen m und n mit m ̸= n und
g (m) = g (n). Setzt man nun in f ein, dann hat man f (g (m)) = f (g (n)).

Lösung 6.45. Ein sehr simples Beispiel wäre f = {(1, 0), (2, 0)} und g = {(0, 0), (1, 0)}.
Dann ist f ◦ g die leere Menge, also injektiv. Falls Ihnen das zu „banal“ ist, dann
fügen Sie sowohl zu f als auch zu g noch das Paar (3, 3) hinzu. f ◦ g wäre dann
{(3, 3)} und nach wie vor injektiv.

Warum widerspricht das nicht Aufgabe 6.44? Dort wurde in der Aufgabenstellung
festgelegt, dass der Wertebereich von g eine Teilmenge des Definitionsbereichs
von f sein musste. Hier ist es aber so, dass g die Ausgabe 0 liefert, die man gar
nicht als Eingabe in f einsetzen kann.

Lösung 6.46. Mit f (0, 0) = 0 = f (0, 1) sieht man, dass f nicht injektiv ist. Und mit
(g ◦ f )(0, 0) = (0, 0) = (g ◦ f )(0, 1) sieht man, dass g ◦ f ebenfalls nicht injektiv ist.30
Die anderen beiden Funktionen sind offenbar injektiv.

Lösung 6.47. Mit f (0, 0) = 1 = f (1, 0) sieht man, dass f nicht injektiv ist. Dieses
Gegenbeispiel muss dann auch für g ◦ f funktionieren:

(g ◦ f )(0, 0) = (0, 2) = (g ◦ f )(1, 0)

g ist offensichtlich injektiv. Die Rechenvorschrift für f ◦ g ist

( f ◦ g )(x) = f (g (x)) = f (x − 1, x + 1) = x + 2

und das beschreibt sicherlich auch eine injektive Funktion.

Lösung 6.48. Alle vier sind injektiv. Man kommt evtl. bereits durch das Einsetzen
von ein paar Werten und „scharfes Hinsehen“ darauf, dass f und g wohl injektiv
sind. Man kann das aber auch ausführlich begründen, wenn man sich daran erin-
nert (siehe Seite 78), dass Injektivität bedeutet, dass man ein Verfahren angeben
kann, das zu jeder Ausgabe eindeutig die Eingabe rekonstruieren kann. Für g erhält
man die Eingabe zur Ausgabe (u, v) durch (v − 1, u + 1). Mit anderen Worten: g ist
seine eigene Umkehrfunktion. Für f erhält man die Eingabe zur Ausgabe (u, v)
durch ((u + v)/2, (u − v)/2). (Das läuft auf das aus der Schule bekannte Lösen eines
ganz einfachen linearen Gleichungssystems hinaus: u = x + y und v = x − y werden
nach x und y aufgelöst.)

Die Funktionen f ◦ g und g ◦ g müssen dann als Kompositionen injektiver Funktio-


nen zwangsläufig auch injektiv sein. Der Vollständigkeit halber geben wir noch die
Rechenvorschrift von f ◦ g an:

( f ◦ g )(x, y) = f (g (x, y)) = f (y − 1, x + 1) = (x + y, y − x − 2).

Dass g ◦ g = idZ×Z gilt, wurde im letzten Absatz bereits erklärt.


30Wie in Aufgabe 6.44 folgt die Nicht-Injektivität von g ◦ f aus der von f und man kann dieselben

Werte einsetzen, um ein Gegenbeispiel zu bekommen.

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Lösungen zu ausgewählten Aufgaben 325

Lösung 6.49. Man erhält Funktionen von Z nach R mit den Rechenvorschriften

( f + g )(n) = (2n + 4) + (4 − 2n) = 8,


( f − g )(n) = (2n + 4) − (4 − 2n) = 4n und
( f g )(n) = (2n + 4) · (4 − 2n) = 16 − 4n 2 .

Dass die zweite injektiv und die erste nicht injektiv ist, ist wohl klar. Bei der dritten
kommt ein Quadrat vor. Das sollte Sie auf eine Idee wie ( f g )(1) = 12 = ( f g )(−1)
führen. f g ist also ebenfalls nicht injektiv.

Lösung 6.50. f g wäre nun injektiv, denn es fehlen die negativen Zahlen. Wie auf
Seite 79 wurde die Funktion quasi durch Restriktion injektiv gemacht.

Lösung 6.51. Nach Satz 6.1 ist f −1 eine Funktion. Dass f −1 injektiv ist, folgt aus
der Rechtseindeutigkeit von f . Dass f −1 jedes Element von A „trifft“, liegt daran,
dass A der Definitionsbereich von f ist.

Warum ist g ◦ f injektiv? Sind x, y ∈ A mit x ̸= y, dann gilt f (x) ̸= f (y), weil f
injektiv ist. Daraus folgt g ( f (x)) ̸= g ( f (y)), weil g injektiv ist. Und warum bildet
g ◦ f surjektiv auf C ab? Ist c ein beliebiges Element von C , dann gibt es ein b ∈ B
mit g (b) = c, weil g surjektiv auf C abbildet. Und es gibt ein a ∈ A mit f (a) = b, weil
f surjektiv auf B abbildet. Das macht zusammen g ( f (a)) = c und wir haben ein
Objekt gefunden, das von g ◦ f auf c abgebildet wird.

Lösung 6.52. Das wäre entweder (1/n : n ∈ N+ ) oder (1/n)n∈N+ .

Lösung 6.53. Es reicht offenbar, wenn wir uns auf den Fall beschränken, dass A
eine Menge der Form [n] für n ∈ N ist. Aus Lemma 6.6 folgt, dass B [n] dieselbe
Mächtigkeit wie B n hat und die kennen wir gemäß Satz 4.6.

Es gilt also allgemein |B A | = |B ||A| und das rechtfertigt auch die Schreibweise.

Lösung 6.54. Zunächst einmal hat [2][n] nach Aufgabe 6.53 die Mächtigkeit 2n
und damit nach Satz 3.1 dieselbe Mächtigkeit wie P ([n]). Nach Satz 6.3 muss es
also eine Bijektion gemäß der Aufgabenstellung geben.

Man erhält diese Funktion, indem man A ⊆ [n] auf die Funktion

χ A = { (k, 1) : k ∈ A } ∪ { (k, 2) : k ∈ [n] \ A }

abbildet. Es gilt also χ A (k) = 1 genau dann, wenn k ein Element von A ist.

Eine Funktion der Form χ A bezeichnet man als charakteristische Funktion der charakteristische
Funktion
Menge A. (Typischerweise sind die Funktionswerte dann jedoch nicht 1 und 2,
sondern 1 und 0.)

Lösung 7.1. Das hebe ich mir als Cliffhanger auf. Die folgenden Seiten werden
hoffentlich klären, was das „Problem“ ist und warum es keinen Grund gibt, sich zu
streiten.

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326 Anhang

2
Lösung 7.2. Das Potenzieren ist nicht assoziativ, denn 2(3 ) = 29 = 512 ist nicht
dasselbe wie (23 )2 = 82 = 64. ⊕ ist auch nicht assoziativ, wie man an (1 ⊕ 2) ⊕ 3 = 28
und 1 ⊕ (2 ⊕ 3) = 26 sieht. ⊗ ist assoziativ:

(x ⊗ y) ⊗ z = (2x y) ⊗ z = 4x y z = 2 · x · (2y z) = x ⊗ (2y z) = x ⊗ (y ⊗ z)

Division ist nicht assoziativ, weil beispielsweise 1/(2/3) = 3/2 und (1/2)/3 = 1/6
zwei verschiedene Brüche sind. Dass der Durchschnitt von Mengen assoziativ
ist, wissen wir schon seit Aufgabe 2.9. Und die Komposition von Funktionen ist
ebenfalls assoziativ:

(( f ◦ g ) ◦ h)(n) = ( f ◦ g )(h(n)) = f (g (h(n))) = f ((g ◦ h)(n)) = ( f ◦ (g ◦ h))(n)

Lösung 7.3. Wenn im Format double (64 Bit) gerechnet wird, kommen zwei unter-
schiedliche Werte heraus. Man kann daraus schließen, dass in der Fließkomma-
arithmetik die Addition nicht assoziativ ist – nicht nur in P YTHON. Das gilt auch
für die Multiplikation und beides dürfte überraschend sein, wenn man zum ersten
Mal damit konfrontiert wird. Ausführliche Informationen dazu in den Kapiteln 12
und 13 von Konkrete Mathematik (nicht nur) für Informatiker.

Lösung 7.4. Jede Programmiersprache muss sich entscheiden, wie sie mit arith-
metischen Ausdrücken umgeht, wenn keine expliziten Klammern gesetzt wurden.
P YTHON macht bei identischen Operatoren wie in dieser Aufgabe das, was die
meisten machen: Normalerweise werden die Operatoren wie bei der Division von
links nach rechts abgearbeitet. Es gibt allerdings Ausnahmen. Die Potenz wird von
rechts nach links ausgewertet.

Lösung 7.5. Zunächst ist ÷ (der sogenannte Obelus) ein im deutschen Sprach-
raum nicht so gebräuchliches Zeichen für Division und vor der Klammer steht
implizit ein Multiplikationspunkt (den man oft weglässt). Aus 6 ÷ 2(1 + 2) wird also
6/2·(1+2). Dann schreibt die Klammer ohne Zweifel vor, dass 1+2 zuerst berechnet
werden muss. Damit sind wir bei 6/2 · 3 und haben zwei gleichrangige („Punktrech-
nung“) Operatoren. Wenn wir sie wie üblich als linksassoziativ behandeln, dann
erhalten wir 3 · 3, also 9. (Bei Rechtsassoziativität würde 6/6 = 1 herauskommen,
aber das widerspricht der gängigen Praxis.)

Unabhängig vom Ergebnis ist das jedoch eine blöde Aufgabe. In einem mathemati-
schen Fachtext würden Sie so etwas nie finden.

Lösung 7.6. Das Potenzieren ist nicht kommutativ, denn 23 = 8 ist nicht dasselbe
wie 32 = 9. ⊕ ist kommutativ, denn die Multiplikation ist kommutativ und durch
Vertauschen von x und y ändert sich nur die Reihenfolge der Faktoren. Auch bei ⊗
sieht man (hoffentlich) sofort die Kommutativität. Division ist nicht kommutativ,
weil beispielsweise 3/2 und 2/3 zwei verschiedene Brüche sind. Dass der Durch-
schnitt von Mengen kommutativ ist, wissen wir spätestens seit Aufgabe 2.9. Dass
die Komposition von Funktionen nicht kommutativ ist, wurde in Aufgabe 6.40
behandelt.

Lösung 7.7. Die symmetrische Differenz für zwei bzw. drei Mengen ist hier darge-
stellt. Das Nachdenken ist nun allerdings Ihr Job.

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Lösungen zu ausgewählten Aufgaben 327

A A

B B C

Lösung 7.8. Das Potenzieren hat kein neutrales Element. Damit a e = a für alle
a gilt, kommt nur e = 1 infrage, aber es gilt nicht immer 1a = a. Für ⊕ gibt es
ebenfalls kein neutrales Element. Wenn man den Ansatz e ⊕ a = a nach e auflöst,
erhält man einen Ausdruck, in dem a vorkommt. Man braucht aber ein Element,
das für alle a funktioniert. Für ⊗ wäre 1/2 als neutrales Element geeignet. Aber
nur dann, wenn ⊗ eine Verknüpfung auf Q wäre! Im Sinne der Aufgabenstellung
gibt es kein neutrales Element. Für die Division gibt es ebenfalls kein neutrales
Element. a/e = a für alle a klappt nur mit e = 1, aber 1/a = a gilt natürlich nicht
immer. Für den Durchschnitt eignet sich als neutrales Element die Menge N, denn
es gilt natürlich M ∩ N = M = N ∩ M für alle Teilmengen M von N. Dabei ist aber
zu beachten, dass das neutrale Element vom Definitionsbereich der Funktion
abhängt. Für die Komposition ist idN das neutrale Element. (Siehe auch Satz 6.5.)
Auch hier würden wir bei einem anderen Definitionsbereich ein anderes neutrales
Element erhalten.

Lösung 7.9. Dann gibt es außer der Eins noch eine weitere Zahl, zu der es ein
inverses Element gibt, nämlich −1. Diese Zahl ist auch zu sich selbst invers.

1
Lösung 7.10. Invers zu x ∈ Q ist 4x , wenn x nicht null ist. Für x = 0 gibt es kein
inverses Element.

Lösung 7.11. Ja, nämlich a. Die Rollen von a und b in der Definition sind offenbar
vertauschbar.

Lösung 7.12. Man muss dann immer nur eine der beiden Bedingungen überprü-
fen. Wenn beispielsweise e ⊗ a für alle a ∈ M gilt, dann gilt wegen der Kommuta-
tivität auch automatisch immer a ⊗ e. (Dass man bei Verknüpfungen, die nicht
kommutativ sind, wirklich beide Gleichungen prüfen muss, zeigen die Beispiele in
Aufgabe 7.8.)

Lösung 8.1. Alle drei Verknüpfungen sind innere Verknüpfungen, wie man sich
leicht überlegt. (Aber Sie haben zumindest darüber nachgedacht, oder?) Keines
der Beispiele ist eine Gruppe, das erste und dritte sind jedoch abelsche Monoide:

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


328 Anhang

(i) Die Kommutativität ist offensichtlich. Die Assoziativität sieht man so:
q q
(x ⊗ y) ⊗ z = x 2 + y 2 ⊗ z = x 2 + y 2 + z 2
q q
x ⊗ (y ⊗ z) = x ⊗ y 2 + z 2 = x 2 + y 2 + z 2

Das neutrale Element ist die Null. Außer der Null hat aber kein Element ein
Inverses, denn x ⊗ y ist immer positiv, wenn eines der beiden Argumente
positiv ist.
(ii) Mit (3 ⊗ 2) ⊗ 1 = 7 ⊗ 1 = 9 und 3 ⊗ (2 ⊗ 1) = 3 ⊗ 4 = 11 sieht man, dass ⊗ nicht
assoziativ ist. Mit 1 ⊗ 2 = 5 und 2 ⊗ 1 = 4 sieht man, dass ⊗ nicht kommutativ
ist. Mit dem Ansatz x = x ⊗ e = x + 2e folgt, dass als neutrales Element nur 0
infrage käme, aber 0 ⊗ y = 2y ist im Allgemeinen nicht y. Es gibt somit kein
neutrales Element.
(iii) ⊗ liefert das Maximum der beiden Argumente. Es ist wohl evident, dass diese
Verknüpfung assoziativ und kommutativ und 0 das neutrale Element ist. Eine
positive Zahl n kann jedoch kein inverses Element haben, denn n ⊗ m ist für
alle m immer mindestens so groß wie n.

Lösung 8.2. Die Assoziativität ergibt sich aus der Assoziativität der normalen
reellen Addition, die hier absichtlich „umständlich“ aufgeschrieben wird:
¡ ¢
(x 1 , x 2 ) ⊕ (y 1 , y 2 ) ⊕ (z 1 , z 2 ) = (x 1 + y 1 , x 2 + y 2 ) ⊕ (z 1 , z 2 )
¡ ¢
= (x 1 + y 1 ) + z 1 , (x 2 + y 2 ) + z 2
¡ ¢
= x 1 + (y 1 + z 1 ), x 2 + (y 2 + z 2 ) (L-1)
= (x 1 , x 2 ) ⊕ (y 1 + z 1 , y 2 + z 2 )
¡ ¢
= (x 1 , x 2 ) ⊕ (y 1 , y 2 ) ⊕ (z 1 , z 2 )

Das neutrale Element ist (0, 0) und invers zu (x 1 , x 2 ) ist (−x 1 , −x 2 ). Die Gruppe ist
abelsch. Das liegt an der Kommutativität der reellen Addition und lässt sich auch
einfach durch Aufschreiben nachprüfen. (Machen Sie’s zur Übung!)

Lösung 8.3. Zunächst einmal haben wir es wirklich mit einer inneren Verknüp-
fung zu tun, denn für q 1 , q 2 ∈ M gilt 0 ̸= |q 1 q 2 | = |q 1 ||q 2 | ≤ 1 · 1 = 1 also q 1 q 2 ∈ M .
Dass die Multiplikation assoziativ ist, wissen wir. Und das neutrale Element 1 ge-
hört offenbar zu M . Es handelt sich also um ein Monoid. Um eine Gruppe aber
nicht, denn z. B. gehört 1/2 zu M , aber das inverse Element zu dieser Zahl wäre 2
und diese Zahl gehört nicht zu M .

Lösung 8.4. Die Summe von zwei positiven Zahlen ist zwar wieder eine positive
Zahl, aber es gibt für die Addition in dieser Menge kein neutrales Element, denn
die Null ist nicht positiv. Bezüglich der Addition erhalten wir also kein Monoid und
damit „erst recht“ keine Gruppe, allerdings eine Halbgruppe.

Wenn wir zur Multiplikation übergehen, haben wir es jedoch mit einer Gruppe
zu tun, denn das Produkt zweier positiver Zahlen ist positiv und der Kehrwert
einer positiven Zahl (das inverse Element) ist ebenfalls positiv. Und die Eins (das
neutrale Element) ist auch positiv.

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Lösungen zu ausgewählten Aufgaben 329

Lösung 8.5. Wir wissen schon (siehe Aufgabe 2.9), dass beide Verknüpfungen
assoziativ und kommutativ sind. Das neutrale Element ist im ersten Fall ; und
im zweiten N. Wir haben es also auf jeden Fall mit kommutativen Monoiden zu
tun. Um Gruppen handelt es sich jedoch nicht. Womit soll man beispielsweise {42}
vereinigen, damit die leere Menge herauskommt?

Lösung 8.6. Sei a ∈ M beliebig und b linksinvers zu a. Dazu wähle man ein links-
inverses Element c zu b. Dann gilt

a ⊗ b = e ⊗ a ⊗ b = c ⊗ b ⊗ a ⊗ b = c ⊗ e ⊗ b = c ⊗ b = e.

Im ersten Schritt konnte a durch e ⊗ a ersetzt werden, weil e linksneutral ist. Im


zweiten Schritt wurde e durch c ⊗ b ersetzt, weil c linksinvers zu b ist. Dann wurde
b ⊗a durch e ersetzt, weil b linksinvers zu a ist. Und schließlich e ⊗b durch b, weil e
linksneutral ist. Auf die Klammerung konnte wegen der Assoziativität durchgehend
verzichtet werden. (Und sonst hätte es auch nicht funktioniert.) Gezeigt haben wir
damit, dass linksinverse Elemente immer auch rechtsinvers sind, dass also b ⊗ a = e rechtsinvers
auch a ⊗ b = e impliziert.

Damit folgt nun sofort a ⊗e = a ⊗b ⊗a = e ⊗a = a: Im ersten Schritt wird e wie oben


durch b ⊗ a ersetzt, im zweiten a ⊗ b durch e, das haben wir gerade hergeleitet.
Schließlich wird die Linksneutralität von e ausgenutzt. Insgesamt folgt damit, dass
e nicht nur linksneutral, sondern ein „richtiges“ neutrales Element ist. (Und damit
auch das neutrale Element, denn jetzt kann man Lemma 7.1 beweisen.)

Lösung 8.7. Nein. Eine der drei Anforderungen an eine Gruppe ist die Existenz
eines neutralen Elements. Es muss also mindestens ein Element geben.

Lösung 8.8. Wir nennen das neutrale Element e und greifen uns ein a ∈ M heraus.
Seien b und b ′ beide invers zu a. Dann gilt

b = e ⊗ b = (b ′ ⊗ a) ⊗ b = b ′ ⊗ (a ⊗ b) = b ′ ⊗ e = b ′ , (L-2)

also sind b und b ′ identisch.

Lösung 8.9. Von links nach rechts: Weil e das neutrale Element ist, weil b ′ invers
zu a ist, weil ⊗ assoziativ ist, weil b invers zu a ist und erneut, weil e das neutrale
Element ist.

Lösung 8.10. Zunächst einmal muss man sich klarmachen, dass der Multipli-
kationspunkt gemäß der Konvention unterschiedliche Dinge bedeutet: in x 1 · y 1
„macht“ er im Allgemeinen nicht dasselbe wie in x n · y n , weil einmal die Verknüp-
fung der Gruppe G 1 und einmal die der Gruppe G n gemeint ist. Entsprechend
ist auch das neutrale Element von G das n-Tupel (1, . . . , 1), aber jede der Einsen
bedeutet potentiell etwas anderes. Man mag das anfangs verwirrend finden, aber
die Alternative – für jede Gruppe ein anderes Symbol wie z. B. ⊗i – wäre auf die
Dauer sehr umständlich. Die Überprüfung der Gruppeneigenschaften läuft nun
genau wie in der erwähnten Aufgabe ab. Für die Assoziativität kann man beispiels-
weise Gleichung (L-1) einfach abschreiben und dabei (x 1 , x 2 ) durch (x 1 , . . . , x n )
ersetzen, (y 1 , y 2 ) durch (y 1 , . . . , y n ) und so weiter. Die Umformung in der Mitte ist

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330 Anhang

dann erlaubt, weil wir in der i -ten Komponente die Assoziativität der Gruppe G i
verwenden.

Lösung 8.11. Bei dieser Aufgabe geht es eigentlich nur darum, sich durch Hin-
schreiben zu versichern, dass man die abstrakten Definitionen verstanden hat. Für
die Assoziativität greifen wir uns drei Funktion f , g , h von M nach G heraus sowie
ein Element m aus M . Dann erhalten wir
¡ ¢ ¡ ¢
( f · g ) · h (m) = ( f · g )(m) · h(m) = f (m) · g (m) · h(m) und
¡ ¢ ¡ ¢
f · (g · h) (m) = f (m) · (g · h)(m) = f (m) · g (m) · h(m) .

Dass die beiden Ausdrücke rechts gleich sind, folgt aus der Assoziativität in G.
Das neutrale Element von G M ist die (konstante) Funktion, die jedem m ∈ M das
neutrale Element von G zuordnet.

Wieso ist hier von einer Verallgemeinerung von Aufgabe 8.10 die Rede? Weil man
die Funktionen aus G M als „unendliche Tupel“ betrachten kann. Man kann das
sogar noch weiter verallgemeinern, indem die Elemente von M in unterschied-
liche Gruppen abgebildet werden, aber wir haben noch keine Schreibweise für
unendliche Mengenprodukte definiert, also bleibt Ihnen so etwas vorerst erspart.

Lösung 8.12. Nein. Die Assoziativität der Verknüpfung fehlt noch und die kann
man leider einer Verknüpfungstabelle nicht so einfach ansehen. Wir müssten das
überprüfen, z. B. durch (aa)a = 1a = a und a(aa) = a1 = a. (Siehe dazu auch
Aufgabe 8.18.) In Aufgabe 8.14 werden wir ein anderes Argument dafür sehen, dass
die Verknüpfung assoziativ ist.

Lösung 8.13. Sie muss symmetrisch zur Hauptdiagonalen sein.

Lösung 8.14. Es hätte sein können, dass Ihnen die XOR-Verknüpfung aus der
Informatik in den Sinn kommt: Mit 1 für wahr und a für falsch (oder umgekehrt)
wäre die Verknüpfung (x, y) 7→ (x ∨ y) ∧ ¬(x ∧ y).

Man könnte 1 und a aber auch als die ganzen Zahlen 1 und −1 mit der ganz
normalen Multiplikation interpretieren.31 Oder als die Mengen ; und {42} mit der
symmetrischen Differenz (Aufgabe 7.7) als Verknüpfung.

Eine weitere mögliche Interpretation lernen wir im nächsten Kapitel kennen.

Lösung 8.15. Die Tabelle könnte beispielsweise folgendermaßen entstehen:

· 1 a b · 1 a b · 1 a b
1 1 a b 1 1 a b 1 1 a b
a a a a a a b 1
b b b b 1 b b 1 a

Zunächst stehen die Zeile und Spalte zum neutralen Element fest. Das ergibt die
linke Tabelle. Wegen Korollar 8.3 kann in der zweiten Spalte kein weiteres a mehr
vorkommen und in der dritten Zeile kein weiteres b. Also muss dort 1 stehen. Das
31 Damit klärt sich dann auch die Frage aus Aufgabe 8.12, ob die Verknüpfung assoziativ ist.

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Lösungen zu ausgewählten Aufgaben 331

führt zur mittleren Tabelle. Den Rest kann man ebenfalls mit Korollar 8.3 erledigen.
Es ist ein bisschen wie Sudoku . . .

Welches die inversen Elemente sind, entnimmt man der Tabelle. Und auch, dass
die Gruppe abelsch ist. Die Assoziativität ist wieder nicht sofort ersichtlich. Wir
glauben das aber an dieser Stelle einfach. Wir werden noch Interpretationen dieser
Gruppe sehen, anhand derer die Assoziativität sofort ersichtlich wird. (Nämlich in
Aufgabe 13.8.)

Lösung 8.16. Nach Korollar 8.3 muss in jeder Zeile und jeder Spalte der Tabelle
jedes Element der Gruppe genau einmal vorkommen. So eine Anordnung nennt
man auch lateinisches Quadrat. lateinisches Quadrat

Lösung 8.17. Wenn a invers zu b ist, dann ist b invers zu a. (Siehe Aufgabe 7.11.)
Anders ausgedrückt: wenn ab = 1 gilt, dann muss auch ba = 1 gelten. Das heißt,
dass die Positionen, an denen das neutrale Element in einer Verknüpfungstabelle
steht, symmetrisch zur Hauptdiagonalen verteilt sein müssen – und zwar auch
dann, wenn die Verknüpfung nicht kommutativ ist.

Lösung 8.18. Wenn Ihr Programm Ausdrücke der Form (x y)z = x(y z) überprüft
und für x, y und z alle Werte aus {1, a, b} einsetzt, kommt es nach Satz 4.6 auf
33 = 27 Fälle. Man kann sich jedoch dadurch etwas Arbeit sparen, dass man alle
Gleichungen, in denen mindestens einmal 1 vorkommt, weglässt, weil die offenbar
nicht überprüft werden müssen. Dann verbleiben nur noch 23 = 8 Fälle.

Lösung 8.19. Wir nennen die Abbildungen aus den drei Beispielen f 1 bis f 3 . Im
ersten Beispiel ist f 1 (a ⊕ b) immer e und f 1 (a) ⊗ f 1 (b) immer e ⊗ e = e. Im zweiten
Beispiel hat man

f 2 (a ⊕ b) = a ⊕ b = a ⊗ b = f 2 (a) ⊗ f 2 (b).

Und im dritten Beispiel ergibt sich einerseits f 3 (m ⊕ n) = f 3 (m + n) = 2m+n und


andererseits f 3 (m) ⊗ f 3 (n) = 2m ⊗ 2n = 2m · 2n . Dass das in beiden Fällen dieselbe
Zahl ist, wissen Sie sicher noch aus der Schule.

Lösung 8.20. Beispielsweise gilt f (3 · 1/3) = f (1) = 1, aber f (3) · f (1/3) = 3 · 0 = 0.

Lösung 8.21. Der Wertebereich ist R und die Verknüpfung muss wegen
¡ ¢ ¡ ¢ ¡ ¢ ¡ ¢
f (x 1 , y 1 ) ⊕ (x 2 , y 2 ) = f (x 1 + x 2 , y 1 + y 2 ) = x 1 + x 2 = f (x 1 , y 1 ) + f (x 2 , y 2 )

die normale Addition sein.

Lösung 8.22. Erstens ist (G, ·) immer eine Untergruppe von (G, ·) und zweitens ist
({1}, ·) immer eine Untergruppe von (G, ·).

Lösung 8.23. Nein, denn (N, +) ist ja keine Gruppe.

Lösung 8.24. Die Menge der ungeraden ganzen Zahlen kann schon deshalb keine
Untergruppe sein, weil das neutrale Element fehlt: die Null ist eine gerade Zahl. Die
Menge der geraden Zahlen ist eine Untergruppe, denn die Summe zweier geraden
Zahlen ist gerade und das inverse Element einer geraden Zahl ist ebenfalls gerade.

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332 Anhang

Lösung 8.25. Nein, denn es handelt sich nicht um eine Gruppe. Siehe Aufgabe 8.3.

Lösung 8.26. In Aufgabe 8.4 haben wir eine solche Untergruppe kennengelernt.
Eine weitere Möglichkeit wäre (Q \ {0}, ·). Und eine sehr kleine Untergruppe ist die,
die nur aus den Zahlen 1 und −1 besteht.

Lösung 8.27. Es gibt drei, nämlich {1, a}, {1, b} und {1, c}. Wieso man damit alle
„erwischt“ hat, wird demnächst klar werden.

Lösung 8.28. Nach Lemma 8.4 ist 1 ein Element des Kerns K . Ist f injektiv, dann
kann K kein weiteres Element enthalten. Das ist schon die eine Richtung der
Aussage. Sei nun umgekehrt {1} der Kern des Homomorphismus f von G nach H
und seien a, b ∈ G mit f (a) = f (b). Dann gilt

1 = f (a) f (a)−1 = f (a) f (b)−1 = f (a) f (b −1 ) = f (ab −1 )

und damit gehört ab −1 zum Kern, muss also 1 sein. Multiplikation von ab −1 = 1
von rechts mit b liefert a = b.

Lösung 8.29. Wir schreiben a ∼ b für a −1 b. Wir müssen drei Eigenschaften zeigen:
– Reflexivität: Sei a ∈ G. Dann gilt a −1 a = 1 ∈ U nach Lemma 8.4, also a ∼ a.
– Symmetrie: Es gelte a ∼ b, also a −1 b ∈ U . Offenbar gilt, ebenfalls nach Lem-
ma 8.4, b −1 a = (a −1 b)−1 ∈ U und damit b ∼ a.
– Transitivität: a ∼ b und b ∼ c bedeutet a −1 b ∈ U und b −1 c ∈ U . Das impliziert
a −1 c = (a −1 b)(b −1 c) ∈ U , also a ∼ c, weil U abgeschlossen bezüglich der
Gruppenverknüpfung ist.

Lösung 8.30. Ist [a]∼ die Äquivalenzklasse zu a ∈ G, so gilt b ∈ [a]∼ nach Definiti-
on genau dann, wenn a ∼ b, also a −1 b ∈ U , gilt. Das ist äquivalent dazu, dass es ein
u ∈ U mit a −1 b = u bzw. b = au gibt. Und letzteres ist gleichbedeutend mit b ∈ aU .

Lösung 8.31. Für jede Gruppe G kann man als Isomorphismus von G auf sich
selbst natürlich idG nehmen – eines der trivialen Beispiele, das direkt nach der
Definition von Homomorphismen besprochen wurde.

Lösung 8.32. Wir müssen zeigen: Ist G 1 isomorph zu G 2 und G 2 isomorph zu G 3 ,


dann ist G 1 isomorph zu G 3 . Sei dazu f 1 ein Isomorphismus von G 1 auf G 2 und f 2
ein Isomorphismus von G 2 auf G 3 . Dann ist f 2 ◦ f 1 zunächst einmal eine Bijektion
von G 1 auf G 3 . (Siehe Aufgabe 6.51.) Es bleibt zu zeigen, dass diese Komposition
auch ein Homomorphismus ist. Das kann man aber einfach durch

( f 2 ◦ f 1 )(x y) = f 2 ( f 1 (x y)) = f 2 ( f 1 (x) · f 1 (y)) = f 2 ( f 1 (x)) · f 2 ( f 1 (y))


= ( f 2 ◦ f 1 )(x) · ( f 2 ◦ f 1 )(y)

nachrechnen.

Lösung 8.33. Nach Lemma 8.4 muss 1 auf 0 abgebildet werden. 1 und a spielen
in den jeweiligen Gruppen unterschiedliche Rollen und können einander nicht
zugeordnet werden.

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Lösungen zu ausgewählten Aufgaben 333

Lösung 8.34. Da jeder Automorphismus (nach Lemma 8.4) 1 auf 1 abbilden muss,
bleibt nur die Abbildung {(1, 1), (a, b), (b, a)}, die quasi a und b „vertauscht“. Und
die tut’s auch. Dass das funktioniert, zeigt, dass a und b in dieser Gruppe dieselbe
Rolle spielen und man sie mit gruppentheoretischen Mitteln nicht unterscheiden
kann.

Lösung 8.35. Im Prinzip kam so eine Abbildung schon in Aufgabe 8.19 vor: Man
könnte x 7→ 2x nehmen. Aber auch x 7→ 3x oder x 7→ ex wären möglich. Es gibt in
diesem Fall unendlich viele Isomorphismen zwischen den beiden Gruppen.

Lösung 8.36. Schreiben wir G = {1, a, b, c} und H = {0, x, y, z}. Man könnte alle
Bijektionen von G auf H durchprobieren und sich überzeugen, dass keine von
denen ein Homomorphismus ist. Das sind jedoch 24 Stück (wieso?) und das wäre
ziemlich mühsam. Es geht einfacher: Angenommen, es gäbe einen Isomorphismus
f von G auf H . Auf jeden Fall muss f (1) = 0 gelten. Für f (a) bleiben damit drei
Möglichkeiten: x, y und z. Würde a auf x abgebildet werden, dann hätten wir
einerseits f (a ⊗ a) = f (b) ̸= 0, aber andererseits f (a) ⊕ f (a) = x ⊕ x = 0. Das geht
also nicht. Probiert man jedoch f (a) = y oder f (a) = z, so hat man genau dasselbe
Problem. Und das war’s schon.

Lösung 9.1. Die Identität auf X .

Lösung 9.2. Das ist die Abbildung von Z auf Z, die x auf 42 + x abbildet.

Lösung 9.3. Da gibt es unendlich viele Möglichkeiten. Ein Beispiel wäre

{(0, 42), (42, 0)} ∪ idZ\{0,42} .

Ein anderes wäre die Abbildung, die jede gerade Zahl z auf z + 1 und jede ungerade
Zahl z auf z − 1 abbildet.

Lösung 9.4. Man kann die Elemente direkt der Tabelle aus der Lösung zu Aufga-
be 8.15 ablesen. Es sind

π1 = {(1, 1), (a, a), (b, b)},


πa = {(1, a), (a, b), (b, 1)} und
πb = {(1, b), (a, 1), (b, a)}.

Man beachte, dass es sechs Permutationen der Menge {1, a, b} gibt (siehe Aufgabe
9.7), von denen wir hier nur drei sehen. Wir werden später sehen, dass es nur die
geraden Permutationen sind.

Lösung 9.5. Die Gruppe besteht aus den vier Drehungen um 0, 90, 180 und 270
Grad. Dabei ist die Drehung um 0 Grad das neutrale Element. Bezeichnet man die
Drehung um α Grad als D α , so ergibt sich die folgende Verknüpfungstabelle:32

32 Ist Ihnen aufgefallen, dass diese Gruppe isomorph zu einer der beiden aus Aufgabe 8.36 ist?

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334 Anhang

◦ D0 D 90 D 180 D 270
D0 D0 D 90 D 180 D 270
D 90 D 90 D 180 D 270 D0
D 180 D 180 D 270 D0 D 90
D 270 D 270 D0 D 90 D 180

Bezeichnet man nun die Ecken des Quadrats wie in der folgenden Skizze

C B

D A

und interpretiert man wie üblich Drehungen als Drehungen gegen den Uhrzeiger-
sinn, dann ergeben sich die folgenden Permutationen:

πD 0 = {(A, A), (B, B ), (C ,C ), (D, D)}


πD 90 = {(A, B ), (B,C ), (C , D), (D, A)}
πD 180 = {(A,C ), (B, D), (C , A), (D, B )}
πD 270 = {(A, D), (B, A), (C , B ), (D,C )}

Damit erhält man eine kommutative Untergruppe von S {A,B,C ,D} . Wir werden je-
doch noch sehen (Aufgabe 9.12), dass die 24-elementige Gruppe aller Permutatio-
nen von {A, B,C , D} nicht kommutativ ist.

Lösung 9.6. Es gibt vier solche Spiegelungen und man erhält insgesamt eine Grup-
Diedergruppe D 4 pe mit acht Elementen, die man die Diedergruppe D 4 nennt und die nicht mehr
abelsch ist. Zur Kontrolle Ihrer Lösung können Sie sich z. B. die entsprechende
Wikipedia-Seite anschauen.

Lösung 9.7. Nach Satz 4.3 sind es n! Elemente.

Lösung 9.8. Das sieht so aus:


µ ¶
1 2 3 4 5 6 7 8
σ=
2 1 4 3 6 5 8 7

Lösung 9.9. Man erhält


µ ¶ µ ¶ µ ¶
1 2 3 4 1 2 3 4 1 2 3 4
σ= , τ= und στ = .
3 1 4 2 1 4 2 3 3 2 1 4

Sie haben hoffentlich auf die richtige Reihenfolge (erst τ, dann σ) geachtet.

Lösung 9.10. Man muss nur die beiden Zeilen vertauschen.

Lösung 9.11. Zum Beispiel erhält man mit


µ ¶ µ ¶
1 2 3 1 2 3
σ= und τ=
3 1 2 2 1 3

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Lösungen zu ausgewählten Aufgaben 335

die Kompositionen
µ ¶ µ ¶
1 2 3 1 2 3
στ = und τσ = ,
1 3 2 3 2 1

die offensichtlich verschieden sind.

Lösung 9.12. Sei n > 3. Für ρ ∈ S 3 setzen wir



[n] → [n]



(
ρ : ρ(k) k ≤ 3
k 7→ k


k >3

und erhalten damit eine Permutation, die sich auf [3] wie ρ verhält33 und ansonsten
die Identität ist. Dann bekommt man mit den Bezeichnungen aus Aufgabe 9.11

σ∗ τ∗ = (στ)∗ ̸= (τσ)∗ = τ∗ σ∗ .

Lösung 9.13. Nach Satz 8.2 muss es so eine Permutation geben und dort steht
auch, dass man sie (mithilfe von Aufgabe 9.10) durch
µ ¶ µ ¶
3 1 4 2 1 2 3 4
σ−1 = und ρ = σ−1 τ =
1 2 3 4 2 3 4 1

erhält.

Lösung 9.14. Ja, es handelt sich um (1 3 4 2 5).

Lösung 9.15. σ = (2 8 3 7 5). Sieht Ihre Antwort anders aus? Dann schauen Sie sich
Aufgabe 9.16 an.

Lösung 9.16. Nein. Statt (2 8 3 7 5) könnte man z. B. auch (3 7 5 2 8) schreiben.

Lösung 9.17. Auf fünf. Jede der fünf Zahlen kann vorne stehen, aber der Rest folgt
dann zwangsläufig.

Lösung 9.18. Ihre Antwort sollte so aussehen:


µ ¶
1 2 3 4 5 6 7
σ=
7 2 6 4 3 1 5

Lösung 9.19. Die Frage kann man nicht beantworten. Die Zyklenschreibweise ist
in dieser Hinsicht mehrdeutig, weil nur die Elemente notiert werden, die durch
die Permutation bewegt werden. Der Zyklus aus der Fragestellung könnte Element
von S n für jedes n ≥ 3 sein.

Lösung 9.20. Gemäß der Definition (mit m = 1) handelt es sich um die Identität,
die damit auch ein Zyklus ist. Und man könnte sie – für entsprechend großes n –
auch als (2) oder (42) schreiben. Wir werden jedoch für die Identität, wenn wir
die Zyklenschreibweise verwenden, immer (1) schreiben. In manchen Büchern
verwendet man dafür auch (). ()

33 Zur Erinnerung: Das heißt ρ ∗ |


[3] = ρ.

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336 Anhang

Lösung 9.21. Man schreibt die Zahlen in der umgekehrten Reihenfolge auf. Für
den Zyklus aus Aufgabe 9.15 wäre das z. B. σ−1 = (5 7 3 8 2). Insbesondere sind die
inversen Elemente von Zyklen also wieder Zyklen.

Lösung 9.22. Für S 1 bis S 3 ist die Antwort ja, weil in diesen drei Fällen alle Per-
mutationen Zyklen sind. Ansonsten ist die Antwort aber immer nein, weil bereits
(1 2) (3 4) kein Zyklus ist.

Lösung 9.23. Die Träger sind [5] und {2, 3, 5, 7, 8}.

Lösung 9.24. Das muss die Identität sein.

Lösung 9.25. So eine Permutation kann es nicht geben. Ist σ eine Permutation
und k ein Element ihres Trägers, dann gilt m = σ(k) ̸= k nach Definition des Trägers.
Wäre {k} der gesamte Träger, dann hätten wir m ∉ supp(σ) und damit σ(m) = m.
Dann wäre σ aber nicht injektiv.

Lösung 9.26. Ist {k 1 , k 2 } der Träger von σ mit k 1 ̸= k 2 , dann muss σ offenbar der
Zyklus (k 1 k 2 ) sein.

Lösung 9.27. Das würde mit (1 2 3) und (1 3 2) klappen. Beachten Sie, dass beide
den Träger {1, 2, 3} haben, während der Träger ihres Produkts die leere Menge ist.

Lösung 9.29. Wenn k größer als m ist, dann kann man k als k = bm + r darstellen
mit b, r ∈ N und r < m darstellen.34 Dann gilt

σk = σbm+r = σbm σr = id σr = σr ,

d. h., es ist eigentlich nur der Fall k < m interessant. Und für den gilt, dass σk in
ein Produkt von m/d disjunkten Zyklen zerfällt, wobei d der größte gemeinsame
Teiler von k und m ist.

Dazu zwei Beispiele: Ist σ = (1 2 3 4 5 6 7 8 9 10), also m = 10, dann erhält man
σ6 = (1 7 3 9 5) (2 8 4 10 6). Ist σ = (1 2 3 4 5), also m = 5, dann sind σ2 , σ3 und σ4
auch Zyklen der Länge 5.

Lösung 9.30. σ = (1 8 2 5) (3 12 10) (4 7 13 9 6).

Lösung 9.32. Das sieht so aus:


µ ¶
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15
.
4 3 8 2 5 7 6 1 11 9 14 10 12 13 15
Und Sie haben hoffentlich die letzte Spalte mit der Zahl 15 nicht vergessen? Dass
die dort stehen muss, geht aus der Aufgabenstellung eindeutig hervor.

Lösung 9.33. In Zweizeilenform ergibt sich


µ ¶
1 2 3 4 5
σ= ,
5 3 2 1 4
wenn man nicht vergisst, dass man solche Produkte von rechts nach links lesen
muss. Zerlegt in Faktoren ist das σ = (1 5 4) (2 3).
34 Das ist die aus der Schule bekannte Division mit Rest, siehe auch Satz 11.2.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


Lösungen zu ausgewählten Aufgaben 337

Lösung 9.34. Die Faktoren lassen sich auf 3! verschiedenen Arten anordnen. Für
die ersten beiden Faktoren gibt es (siehe Aufgabe 9.17) jeweils vier Arten, sie aufzu-
schreiben, für den dritten zwei. Das ergibt insgesamt 6 · 42 · 2 = 192 Möglichkeiten.

Lösung 9.35. Man kann die m Zahlen der Trägermenge auf m! Arten geordnet
aufschreiben. Nach Aufgabe 9.17 stellen aber jeweils m von diesen Sequenzen
denselben Zyklus dar. Damit ergeben sich m!/m = (m − 1)! verschiedene Zyklen.
Beispielsweise gibt es 3! = 6 Zyklen mit der Trägermenge {1, 7, 23, 42}:

(1 7 23 42) (1 7 42 23) (1 23 7 42) (1 23 42 7) (1 42 7 23) (1 42 23 7)

Lösung 9.36. Wenn Sie die blaue Pille der Mathematik geschluckt haben, dann
werden Sie nicken und sagen, dass man sie als Produkt von null Transpositionen
darstellen kann. Aber auch ohne diese Sichtweise ist es möglich, denn (1 2) (1 2) ist
ebenfalls die Identität.

Lösung 9.37. σ = (1 8) (8 2) (2 5) (3 12) (12 10) (4 7) (7 13) (13 9) (9 6). Man fängt am
besten mit der Darstellung als Produkt von Zyklen an und geht dann wie im Beweis
von Lemma 9.5 vor.

Lösung 9.38. Die Lösung von Aufgabe 9.36 liefert die Antwort auf dem Silberta-
blett. Zu jeder Darstellung kann man „gefahrlos“ (1 2) (1 2) hinzufügen – und das,
sooft man will.

Lösung 9.39. Indem man einfach den Weg für alle Elemente von [4] von rechts
nach links verfolgt, kommt man auf die Zweizeilenform
µ ¶
1 2 3 4
σ= ,
2 4 1 3
aus der man dann den Zyklus (1 2 4 3) ablesen kann, der wiederum wie im Be-
weis von Lemma 9.5 zu (1 2) (2 4) (4 3) wird. Mit etwas Übung kann man sich die
Zwischenschritte aber auch sparen.

Lösung 9.40. Wegen Lemma 9.5 reicht es, jede Transposition als Produkt von
Nachbartranspositionen darzustellen. Und eine Transposition der Form (k m) mit
k < m sieht als Produkt von Nachbartranspositionen so aus:

(k m) = (k k + 1) (k + 1 k + 2) · · · (m − 1 m) (m − 2 m − 1) · · · (k k + 1).

Hier noch ein konkretes Beispiel zum Nachrechnen:

(2 7) = (2 3) (3 4) (4 5) (5 6) (6 7) (5 6) (4 5) (3 4) (2 3).

Lösung 9.41. Dafür reicht schon so ein einfaches Beispiel wie (1 2 3) in S 3 . Weil [3]
nur drei Elemente hat, kann es gar nicht zwei paarweise disjunkte Transpositionen
geben. Aber mit einer einzigen Transposition, kann man keine Permutationen
darstellen, deren Träger ganz [3] ist.

Lösung 9.43. Dem Beweis von Lemma 9.5 entnimmt man, dass man σ als Produkt
von fünf Transpositionen schreiben kann. Nach Korollar 9.7 handelt es sich um eine
ungerade Permutation. (Vergleichen Sie zur Kontrolle die Anzahl der Fehlstände
von σ.)

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338 Anhang

Lösung 9.44. Eine zu sortierende Liste ist eine Permutation σ der sortierten Lis-
te. Jeder Sortieralgorithmus muss auf die eine oder andere Art σ−1 durchführen.
Weil Bubblesort das durch eine Abfolge von Transpositionen erledigt, steht vor
Beginn des Verfahrens bereits fest, ob eine gerade oder eine ungerade Zahl von
Vertauschungen durchgeführt werden muss. Siehe auch Aufgabe 9.40.

Lösung 9.45. Wie wir bereits seit Aufgabe 9.36 wissen, ist jede Transposition zu
sich selbst invers, also ist die Antwort

σ−1 = τ−1 −1 −1 −1
m τm−1 · · · τ2 τ1 = τm τm−1 · · · τ2 τ1 .

Lösung 9.46. Sind σ und τ Permutationen, die sich als Produkte von m bzw. k
Transpositionen darstellen lassen, dann kann man στ−1 nach Aufgabe 9.45 durch
ein Produkt von m + k Transpositionen darstellen. Wenn m und k beide gerade
sind, dann ist auch m + k gerade. Mit Korollar 9.7 und Lemma 8.5 folgt, dass es sich
bei der Menge der geraden Permutationen um eine Untergruppe handelt.

Ferner wird durch σ 7→ (1 2) ◦ σ eine Funktion definiert, die nach Korollar 8.3
injektiv ist und die offenbar alle geraden Permutationen auf ungerade abbildet und
alle ungeraden auf gerade. Deshalb muss es genauso viele gerade wie ungerade
Permutationen geben.

Lösung 9.47. Wenn man die Ecken zyklisch mit den Zahlen 1 bis 4 bezeichnet,
dann sind die Drehungen um 0, 90, 180 und 270 Grad als Permutationen dieser
Ecken die Elemente (1), (1 2 3 4), (1 3) (4 2) und (1 4 3 2) von S 4 . Die Spiegelungen
an den Diagonalen sind (1 3) und (2 4), die anderen beiden Spiegelungen sind
(1 4) (2 3) und (1 2) (3 4).

Die beiden Drehungen um 0 und 180 Grad bilden also zusammen mit den beiden
letztgenannten Spiegelungen eine Untergruppe, die nur aus geraden Permutatio-
nen besteht.

Lösung 10.1. Man muss nur eine der beiden Gleichungen überprüfen. (Siehe
auch Aufgabe 7.12.)

Lösung 10.2. In Sprachen mit C-ähnlicher Syntax hat das Minuszeichen meistens
unär zwei Bedeutungen: als unärer (einstelliger) Operator in Ausdrücken wie a=-b
und als zweistelliger Operator in Ausdrücken wie a=0-b. Die erste Bedeutung
ist also für die Berechnung des inversen Elements gedacht, die zweite für die
abgeleitete Operation der Subtraktion. Der dritten möglichen Interpretation des
Minuszeichens (als Teil der Zahl) „entledigt“ man sich dadurch, dass man einen
Ausdruck wie -42 nicht als Literal interpretiert, sondern als Anwendung des unären
Operators auf das Literal 42.

In Sprachen mit Lisp-Syntax wird noch deutlicher, dass es eigentlich drei Interpreta-
tion gibt. Dort gibt es den zweistelligen Operator, den man (- 44 2) schreibt, den
unären Operator in der Form (- 42) und die Zahl -42, bei der das Minuszeichen
Teil der Objektsyntax ist.

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Lösungen zu ausgewählten Aufgaben 339

¡ ¢
Lösung 10.3. Die dritte Aussage folgt mit (−a) · (−b) = a · −(−b) = a · b. Dabei
gilt die erste Gleichheit wegen der zweiten Aussage des Lemmas und die zweite
nach Aufgabe 7.11. Die siebte Aussage ergibt sich aus
¡ ¢
a − (b − c) = a + −(b − c) = a + c − b = a + c + (−b) = a + (−b) + c
= (a − b) + c = a − b + c.

Die zweite Gleichheit folgt aus der sechsten Aussage des Lemmas. Die anderen
Identitäten sind Konventionen, die Linksassoziativität der „Strichrechnung“ und
die Kommutativität der Addition.

Lösung 10.4. Weil die Addition kommutativ ist, die Subtraktion aber nicht. b − a
dürfen Sie nicht einfach zu a − b umformen. Wenn Sie aber das Minuszeichen
„mitnehmen“, dann dürfen Sie aus b + (−a) durch Vertauschen (−a) + b machen.
Und Sie müssen sich z. B. auch nicht zwei binomische Formeln merken, sondern
nur eine. Die für (a − b)2 erhalten Sie aus der für (a + b)2 , wenn Sie (−b) für b
substituieren.

Lösung 10.5. Ja. Nach Aufgabe 8.24 wissen wir bereits, dass wir es mit einer Un-
tergruppe bzgl. der Addition zu tun haben. Nach Lemma 10.3 brauchen wir nur
noch, dass das Produkt von geraden Zahlen gerade ist, und das sollte wohl bekannt
sein. (Ansonsten werden Fragen zur Teilbarkeit im nächsten Kapitel noch einmal
aufgefrischt.)

Man beachte jedoch, dass Z unitär ist, während die Eins kein Element von 2Z ist.
Wenn man nur mit unitären Ringen arbeiten will, dann muss man die Definition
des Begriffs Unterring entsprechend anpassen und auch Lemma 10.3 ändert sich
dadurch.

Lösung 10.6. Der Beweis ist nicht schwer. Nach den Lemmata 8.5 und 10.3 muss
man lediglich zeigen, dass Differenzen und Produkte von Polynomen wieder Poly-
nome sind. Für Polynome aus R[x] kennen Sie das aus der Schule und für beliebige
Ringe ändert sich im Prinzip nichts. Nur die abstrakte Schreibweise erfordert evtl.
etwas Denkarbeit.

Seien p und q die durch

p(x) = a 0 + a 1 x + a 2 x 2 + · · · + a n x n und
q(x) = b 0 + b 1 x + b 2 x 2 + · · · + b k x k

definierten Polynome. Dann ergibt sich

(p − q)(x) = c 0 + c 1 x + c 2 x 2 + · · · + c m x m und
2 k+n
(p · q)(x) = d 0 + d 1 x + d 2 x + . . . d k+n x

mit m = max{k, n},



a i − b i i ≤ k ∧i ≤ n


ci = ai k <i ≤n


−b
i n<i ≤k

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340 Anhang

und

d i = a 0 d i + a 1 d i −1 + a 2 d i −2 + · · · + a i −1 d 1 + a i d 0 .

Entscheidend ist, dass alle c i und d i natürlich wieder Elemente von R und p − q
und p · q deshalb wieder Polynome über R sind. (Man muss lediglich beachten,
dass p − q nicht notwendig ein Polynom vom Grad m ist, weil c m verschwindet,
wenn n = k und a n = b k gilt. Ebenso können auch c m−1 und weitere Koeffizienten
verschwinden.)

Lösung 10.7. Zwei. Er muss die Null als neutrales Element der Addition enthalten
und die Eins als neutrales Element der Multiplikation. Da die Eins nach Definition
in R \{0} liegt, kann nicht 0 = 1 gelten. Dass es einen Körper mit nur zwei Elementen
tatsächlich gibt, werden wir demnächst sehen.

Lösung 10.8. Nein, z. B. ist das Paar (1, 0) in diesem Ring nicht die Null, hat aber
offenbar kein inverses Element bzgl. der Multiplikation. (Zur Erinnerung: (1, 1) ist
die Eins in diesem unitären Ring.)

Lösung 10.9. Dass (C, +) eine abelsche Gruppe ist, wissen wir bereits. Dass die
Multiplikation eine innere Verknüpfung ist, ist offensichtlich. Wir müssen zunächst
Assoziativität und Kommutativität der Multiplikationüberprüfen. Das geschieht
durch einfaches Einsetzen in die Definition:
¡ ¢
(a, b) · (c, d ) · (e, f ) = (ac − bd , ad + bc) · (e, f )
¡ ¢
= (ac − bd )e − (ad + bc) f , (ac − bd ) f + (ad + bc)e
= (ace − bd e − ad f − bc f , ac f − bd f + ad e + bce)
¡ ¢
(a, b) · (c, d ) · (e, f ) = (a, b) · (ce − d f , c f + d e)
¡ ¢
= a(ce − d f ) − b(c f + d e), a(c f + d e) + b(ce − d f )
= (ace − ad f − bc f − bd e, ac f + ad e + bce − bd f )
(a, b) · (c, d ) = (ac − bd , ad + bc)
(c, d ) · (a, b) = (c a − d b, d a + cb)

Und auch die Distributivität ist unproblematisch:35


¡ ¢
(a, b) · (c, d ) + (e, f ) = (a, b) · (c + e, d + f )
¡ ¢
= a(c + e) − b(d + f ), a(d + f ) + b(c + e)
= (ac + ae − bd − b f , ad + a f + bc + be)
(a, b) · (c, d ) + (a, b) · (e, f ) = (ac − bd , ad + bc) + (ae − b f , a f + be)
= (ac − bd + ae − b f , ad + bc + a f + be)

Man rechnet ebenfalls leicht nach, dass (1, 0) das neutrale Element der Multiplikati-
on ist. Lediglich beim Kehrwert muss man etwas nachdenken. Ist (a, b) ein Element
von C \ {(0, 0)}, dann ist sein Kehrwert a/(a 2 + b 2 ), −b/(a 2 + b 2 ) . Überzeugen Sie
¡ ¢

sich, dass das tatsächlich stimmt!


35 Man beachte, dass man wegen der Kommutativität der Multiplikation nur eine der beiden

Bedingungen für die Distributivität überprüfen muss.

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Lösungen zu ausgewählten Aufgaben 341

Lösung 10.10. Nein, z. B. hat das Polynom x kein inverses Element bzgl. der Mul-
tiplikation. Die Eins ist das (konstante) Polynom x 0 = 1 vom Grad 0, aber wenn
man x mit einem anderen Polynom multipliziert, das nicht gerade die Null ist,
dann hat das Produkt immer mindestens den Grad 1.

Lösung 10.11. Die ersten beiden Aussagen (zwei der sogenannten binomischen
Formeln) gelten in jedem Körper (sogar in jedem Ring) und folgen aus der Distri-
butivität: man muss einfach ausmultiplizieren. Allerdings kann man für ab + ab
im Allgemeinen nicht 2ab schreiben, weil es ein Objekt namens „2“ vielleicht gar
nicht gibt. (Und es gibt tatsächlich Körper, in denen ab + ab verschwindet, z. B.
den Restklassenkörper Z2 , den wir bald kennenlernen.) Zur „fehlenden“ zweiten
binomischen Formel siehe Aufgabe 10.4.

Die dritte Aussage ergibt in beliebigen Körpern keinen Sinn, weil dort nicht klar ist,
was das Zeichen ≥ bedeuten soll. Solche Körper lernen wir im nächsten Kapitel
kennen und im Vorgriff sei bereits erwähnt, dass die dritte Aussage auch im Körper
der komplexen Zahlen nicht sinnvoll ist.

Lösung 11.1. Das Minimum ist 42 · 0 = 0. Alle anderen Elemente der Menge sind
größer als diese Zahl. Ein Maximum existiert natürlich nicht, weil zu jedem Element
42n der Menge das noch größere Element 42(n + 1) existiert.

Lösung 11.2. Wenn es so eine Folge gäbe, dann wäre A = { a n : n ∈ N } eine nicht-
leere Teilmenge von N ohne Minimum. Denn das Minimum von A müsste ja
eine der Zahlen a n sein, aber nach Aufgabenstellung wäre a n+1 noch kleiner und
ebenfalls ein Element von A.

Lösung 11.3. Wenn man eine endliche Menge von reellen Zahlen hat, dann kann
man Schritt für Schritt ein Element der Menge entfernen und dieses zum provi-
sorischen Kandidaten für das Minimum deklarieren. Wenn das nächste entfernte
Element kleiner ist, wird es zum neuen Kandidaten, ansonsten bleibt es beim
alten Kandidaten. Da die Anzahl der verbleibenden Elemente abnimmt, bilden die
Mächtigkeiten der „Restmengen“ eine Folge von immer kleiner werdenden natürli-
chen Zahlen, die nach Aufgabe 11.2 irgendwann abbricht. Der letzte Kandidat ist
das Minimum. (Und für Maxima macht man das natürlich analog.)

Aufgaben wie diese zeigen nebenbei, dass solche scheinbar „esoterischen“ mathe-
matischen Themen durchaus Relevanz für die Praxis der Informatik haben. Man
muss dort nämlich häufig begründen, warum ein Algorithmus funktioniert. Dazu
gehört auch der Nachweis, dass das Verfahren terminiert, also irgendwann aufhört.
Ein Beispiel für so einen Nachweis haben Sie gerade gesehen, denn im Prinzip
wurde ein „Programm“ beschrieben, dass das Minimum einer Menge ermittelt.

Lösung 11.4. Weil die Mächtigkeiten der Restmengen dann keine natürlichen
Zahlen sind.

Lösung 11.5. Im Beweis von Satz 9.4 wurde argumentiert, dass die Reste immer
kleiner werden und dass das irgendwann aufhören muss. Wenn Ihnen das beim
aufmerksamen Lesen nicht aufgefallen ist, dann zeigt das, dass diese Aussage über
natürliche Zahlen recht „natürlich“ zu sein scheint.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


342 Anhang

Lösung 11.7. Wenn Sie mit dem besagten Modell z. B. 424 242 mod 17 berechnen
wollen, dann tippen Sie erst die Zahl 424 242 ein, dann die Taste a b /c , dann die
Zahl 17 und anschließend das Gleichheitszeichen. Ihnen ist hoffentlich klar, wie
das angezeigte Ergebnis zu interpretieren ist.

Bei größeren Zahlen wie 42 424 242 klappt das allerdings evtl. nicht mehr. Da bleibt
Ihnen bei primitiven Rechnern nichts anderes übrig, als erst zu dividieren und
dann das Produkt aus dem Divisor und dem ganzzahligen Anteil des Quotienten
vom Dividenden abzuziehen. Im konkreten Fall also erst 42 424 242 ÷ 17 und
dann 42 424 242 − 2 495 543 × 17. (Der Taschenrechner beherrscht zum Glück
die Regel "Punkt- vor Strichrechnung".)

Lösung 11.8. Weil der Ausdruck a mod m nicht definiert ist, wenn m null ist. In
diesem Sinne ist auch die Division keine innere Verknüpfung auf R (allerdings eine
auf R \ {0}).

Lösung 11.9. Für m > 0 ergibt sich k durch ⌊a/m⌋. Wenn man eine Formel ha-
ben will, die auch für negative Werte von m funktioniert, muss man den etwas
komplizierteren Ausdruck k = sgn(m) · ⌊a/|m|⌋ verwenden. Dabei ist sgn die Vor-
zeichenfunktion, die wir offiziell auf Seite 163 einführen und die man für m ̸= 0
auch durch m/|m| ersetzen kann.

Lösung 11.10. Nein. Die Aufzählung 1, −1, a und −a der trivialen Teiler könnte
einen zu dieser Aussage verleiten. Aber die Zahlen 1 und −1 bilden eine Ausnahme,
weil in diesen beiden Fällen {1, −1} = {a, −a} gilt, es also nur zwei (triviale) Teiler
gibt.

Lösung 11.11. Hier geht es natürlich darum, sich die Definition genau anzuschau-
en. Kann man eine entsprechende Zahl k finden? Die Antwort auf die erste Frage
ist ja, denn man kann k = 0 wählen. Jede Zahl ist also Teiler der Null. Die Antwort
auf die zweite Frage ist jedoch nein, denn für jede Zahl k gilt k · 0 = 0, da kommt
also nie 7 heraus. Null teilt nur sich selbst und keine andere Zahl.

Lösung 11.12. Weil wir das Dezimalsystem verwenden, kann man eine durch 10
teilbare Zahl daran erkennen, ob die letzte Ziffer eine Null ist. Weil 2 und 5 Teiler
von 10 sind, erkennt man Teilbarkeit durch 2 bzw. 5 daran, ob die letzte Ziffer durch
2 bzw. 5 teilbar ist. Weil 4 ein Teiler von 100 ist, erkennt man Teilbarkeit durch 4
daran, ob die letzten beiden Ziffern eine durch 4 teilbare Zahl darstellen: 7324 ist
z. B. durch 4 teilbar, weil 24 durch 4 teilbar ist. Ebenso ist eine Zahl genau dann
durch 8 teilbar, wenn die letzten drei Ziffern eine durch 8 teilbare Zahl darstellen.

Eine Zahl ist genau dann durch 3 bzw. 9 teilbar, wenn ihre (iterierte) Quersumme
(siehe Aufgabe 5.16) durch 3 bzw. 9 teilbar ist. Warum das so ist, werden wir später
klären. Eine Zahl ist durch 6 teilbar, wenn sie durch 2 und durch 3 teilbar ist. Auch
für die Zahlen 7 und 11 gibt es Teilbarkeitsregeln. Die sind aber etwas komplizierter
und werden ebenfalls erst später besprochen.

Siehe dazu auch das Vorkurs-Video "Teilbarkeit, Teilen mit Rest".

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


Lösungen zu ausgewählten Aufgaben 343

Lösung 11.13. Man nennt eine Zahl gerade, wenn sie durch 2 teilbar ist. Dazu
gehören also Zahlen wie 2, 42 oder −18. Man nennt eine Zahl ungerade, wenn sie
nicht gerade ist. Die Menge der geraden Zahlen ist also { 2n : n ∈ Z } und die Menge
der ungeraden Zahlen ist { 2n + 1 : n ∈ Z }, weil bei Division durch 2 außer 0 und 1
kein anderer Rest auftreten kann.

Die Frage steht insbesondere deshalb an dieser Stelle, weil immer mal wieder
gefragt wird, ob die Null eine gerade Zahl sei. Ja, ist sie. Siehe auch Aufgabe 11.11.

Lösung 11.14. Da kommt auch in allen drei Fällen 5 heraus. Das Vorzeichen spielt
keine Rolle, weil der größte gemeinsame Teiler auf jeden Fall mindestens 1 ist,
wenn nicht beide Zahlen null sind.

Lösung 11.15. In beiden Fällen ist das Ergebnis 42. Allgemein folgt aus der Defi-
nition sofort ggT(a, a) = ggT(0, a) = |a|. (Erinnern Sie sich an Aufgabe 11.11.)

Lösung 11.18. Nein. Wenn d = xa + yb gilt, dann kann man zur rechten Seite
„gefahrlos“ ba − ab = 0 addieren. Das ergibt d = (x + b)a + (y − a)b. Und das kann
man auch mehrfach oder alternativ mit vertauschten Rollen (ab − ba) machen. Es
gibt also unendlich viele Möglichkeiten.

Im konkreten Beispiel hat 25 = −5a + 9b funktioniert, aber

25 = (−5 + 225)a + (9 − 400)b = 220a − 391b

tut es z. B. auch. Rechnen Sie nach!

Lösung 11.19. Man muss dafür im Wesentlichen nur einen Schritt modifizieren:
(i) Setze A und B auf die Werte a und b.
(ii) Gilt A · B = 0, dann ist das Ergebnis das Maximum von A und B und der
Algorithmus ist beendet.
(iii) Ist A > B, dann ersetze A durch A mod B, anderenfalls ersetze B durch B mod A.
(iv) Fahre fort mit Schritt (ii).

Die entscheidende Änderung ist, dass statt der Differenz der Rest berechnet wird.
Damit bei dieser Rechnung nicht versehentlich durch null dividiert wird, sieht der
Test in Schritt (ii) nun etwas anders aus. (A · B ist null, wenn mindestens einer der
beiden Faktoren null ist.)

Ob diese Version schneller als das Original ist, wenn man sie auf einem Computer
implementiert, ist übrigens gar nicht so leicht zu beantworten. Erstens kann je nach
Prozessor die Division (also mod ) zeitaufwendiger als die Subtraktion sein und
zweitens spart man nicht in jedem Fall Schleifendurchläufe. Probieren Sie es z. B.
mal mit 1008 und 623 und Sie werden sehen, dass man mit der Subtraktionsvariante
nicht mehr Arbeit hat als mit der neuen.

Lösung 11.20. Wenn k ein gemeinsamer Teiler von a und b ist, dann teilt er nach
Lemma 11.4 auch xa + yb, also 1. Da 1 aber nur die Teiler 1 und −1 hat, kommen
als gemeinsame Teiler von a und b nur 1 und −1 infrage.

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344 Anhang

Lösung 11.21. Wenn man die Gleichung etwas umstellt, dann sieht sie so aus:

x!y! − x! − y! = 2 (L-3)

Wenn x ≤ y gilt, dann sind alle drei Terme auf der linken Seite von (L-3) durch
x! teilbar, also ist die ganze linke Seite durch x! teilbar und damit muss auch 2
durch x! teilbar sein. Das geht aber nur, wenn x! = 1 oder x! = 2 gilt. Setzt man diese
beiden Werte in (L-3) ein, so erhält man y! − 1 − y! = 2 (also −1 = 2) für x! = 1 und
2y! − 2 − y! = 2 (also y! = 4) für x! = 2. Beides ist nicht möglich.

Wenn hingegen nicht x ≤ y gilt, so gilt y < x und man kann genau wie eben
argumentieren, wenn man die Rollen von x und y vertauscht. Es gibt also keine
ganzen Zahlen, die die Gleichung erfüllen.

Lösung 11.22. Eine ausführliche Lösung gibt es in dem Video "Die Superzahl".

Lösung 12.1. Ich hatte an N \ (P ∪ {0, 1}) gedacht.

Lösung 12.2. Wenn p Teiler von a n ist, dann gilt die Aussage. Ist p jedoch nicht
Teiler von a n , dann sind p und a n nach der Bemerkung vor dem Korollar teiler-
fremd. Nach Lemma 11.8 (mit a = p, b = p n und c = a 1 · · · a n−1 ) folgt p|a 1 · · · a n−1 .
Nun können wir dieselbe Argumentation mit a n−1 statt a n wiederholen und nach
und nach die Faktoren entfernen, die teilerfremd zu p sind. Irgendwann finden
wir ein Vielfaches von p, spätestens dann, wenn wir bei a 1 angelangt sind.

Lösung 12.3. Wenn man geduldig weitermacht (oder einen Computer die Arbeit
machen lässt), kommt man auf 2 · 3 · 5 · 7 · 11 · 13 = 30031 = 59 · 509.

Lösung 12.4. Jedem Gegenbeispiel der Form (12.1) ordnen wir die Zahl m + n zu.
Wenn es Gegenbeispiele gäbe, dann erhielte man damit eine nichtleere Menge von
natürlichen Zahlen, die ein kleinstes Element haben muss.

Lösung 12.7. Sinnvollerweise probieren Sie der Reihe nach zuerst die kleinsten
Primzahlen durch. Teilweise kann man das (siehe Aufgabe 11.12) schon direkt
sehen. Da 32 892 eine gerade Zahl ist, teilen Sie also durch 2 und erhalten 16 446.
Dabei ist zu beachten, dass ein Primfaktor mehrfach vorkommen kann: Im konkre-
ten Fall können wir erneut durch 2 dividieren und erhalten 8 223. Diese Zahl ist
durch 3 teilbar und wir erhalten 2 741. Das ist eine Primzahl und die Antwort wäre
32 892 = 22 · 3 · 2 741 gewesen.

Lösung 12.8. Eine Zahl p ist nach Definition prim, wenn Sie sich durch keine
positive Zahl (außer 1) teilen lässt, die kleiner als p ist. Wir müssen aber nicht alle
Zahlen durchprobieren, die zwischen 1 und p liegen. Erstens müssen wir wegen
der Transitivität der Teilbarkeitsrelation nur durch Primzahlen teilen. Zweitens,
und das ist der eigentliche „Shortcut“, müssen wir nicht durch Zahlen teilen, die
p
größer als p sind! Warum? Wenn p keine Primzahl ist, dann gibt es Zahlen q 1
und q 2 , die beide kleiner als p sind und für die q 1 q 2 = p gilt. Wären die beide
p p p
größer als p, dann wäre ihr Produkt größer als p · p = p. Das kann nicht sein,
p
also ist mindestens eine der beiden Zahlen höchstens so groß wie p und das gilt
„erst recht“ für die Primteiler dieser Zahl.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


Lösungen zu ausgewählten Aufgaben 345

p
Im konkreten Fall können Sie also Ihren Taschenrechner 2741 ≈ 52.3546 berech-
nen lassen und wissen, dass Sie nur durch die 15 Primzahlen von 2 bis 47 teilen
müssen. Die nächste Primzahl, 53, ist bereits zu groß.

Lösung 12.9. Nennen wir die zwei Zahlen a und b und ihren größten gemein-
samen Teiler d . Ist p eine beliebige Primzahl, die in den Primfaktorzerlegun-
gen der beiden Zahlen in den Potenzen p k bzw. p n vorkommt, dann ist p m mit
m = min{k, n} offenbar ein Teiler von a und von b und damit nach Korollar 11.6
ein Teiler von d . Andererseits kann p m+1 sicher kein Teiler von d sein, denn sonst
wäre es auch ein Teiler von a und b (und dann wäre p k+1 ein Teiler von a oder p n+1
ein Teiler von b). Damit ergibt sich die Primfaktorzerlegung von d : Sie besteht aus
allen Primzahlen, die Teiler sowohl von a als auch von b sind, und die zugehörige
Potenz ist jeweils das Minimum der entsprechenden Potenzen für a und b.

Konkretes Beispiel: 1008 ist 24 · 32 · 7 und 1080 ist 23 · 33 · 5. Die Primzahlen, die in
beiden Zerlegungen vorkommen, sind 2 und 3. Die kleinste Potenz für 2 ist 3, die
kleinste für 3 ist 2. Daher muss nach den Überlegungen aus dem letzten Absatz
23 · 32 = 72 der größte gemeinsame Teiler von 1008 und 1080 sein. Und das stimmt
natürlich.

Lösung 12.11. Wenn man ein paar Fälle durchgerechnet und sich ggf. auch noch
die zugehörigen Primfaktorzerlegungen angeschaut hat, sollte man darauf kom-
men, dass immer

ab = ggT(a, b) kgV(a, b)

gilt. Das kleinste gemeinsame Vielfache erhält man aus den Primfaktorzerlegungen
von a und b, indem man quasi das Vorgehen aus Aufgabe 12.9 „umkehrt“: Man
braucht von allen Paaren von Primzahlpotenzen jeweils die mit dem höheren
Exponenten.

Fortetzung des konkreten Beispiels aus der erwähnten Aufgabe: kgV(1008, 1080) ist
15120 = 24 · 33 · 5 · 7. Und 72 · 15120 ist dasselbe wie 1008 · 1080.

Lösung 13.1. Bei Division durch n = 6 gibt es die sechs möglichen Reste 0 bis 5.
Die Faktormenge ist also

Z/6Z = {[0]6 , [1]6 , [2]6 , [3]6 , [4]6 , [5]6 }.

[0]6 ist die Menge aller ganzen Zahlen, die durch 6 teilbar sind. Dazu gehören neben
null z. B. 6, 12 und 600, aber auch negative Zahlen wie −6 oder −66. Es gilt also
[0]6 = [6]6 und [0]6 = [12]6 und so weiter. [1]6 enthält alle Zahlen, die bei Division
durch 6 den Rest 1 haben. Das sind außer der Eins u. a. 7, 13, 61 und negative
Zahlen wie −5 oder −59. Alle sechs Äquivalenzklassen enthalten unendlich viele
ganze Zahlen.

Lösung 13.2. Wenn Sie sich nur einfach diesen Lösungshinweis anschauen, ohne
selbst nachgedacht zu haben, dann kann ich Ihnen auch nicht helfen. So werden
Sie’s jedenfalls nicht lernen . . .

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


346 Anhang

[3]7 ist die Menge { 7n + 3 : n ∈ Z } = {. . . , −18, −11, −4, 3, 10, 17, 24, . . . }. Z/7Z ist die
Menge, deren Elemente die sieben Mengen [0]7 bis [6]7 sind. Der Zusammen-
hang ist, dass Z/7Z die Faktormenge zu einer bestimmten Äquivalenzrelation
(Kongruenz modulo 7) ist und [3]7 eine der Äquivalenzklassen, aus denen diese
Faktormenge besteht.

Wenn man [3]7 und [7]3 als Mengen betrachtet, dann haben sie gemeinsame Ele-
mente, z. B. die Zahl 10. Damit beschäftigen wir uns später. Wie ich am Anfang
des Abschnitts sagte, werden wir jedoch meistens nur mit einem festen n arbei-
ten, also wird für uns z. B. [7]3 keine Rolle spielen, solange wir uns nur mit Z/7Z
beschäftigen.36

[424242]11 = [424341]11 ist eine andere Formulierung dafür, dass 424242 und
424341 kongruent modulo 11 sind. Dass das stimmt, kann man entweder da-
durch bestätigen, dass man beide Zahlen durch 11 teilt und feststellt, dass man
denselben Rest (in diesem Fall 5) erhält, oder dadurch, dass man die beiden Zahlen
subtrahiert und feststellt, dass ihre Differenz (in diesem Fall 99) durch 11 teilbar ist.
Die erste Methode ist das Vorgehen direkt nach der Definition der Kongruenz, die
zweite basiert auf Lemma 13.1.

Lösung 13.3. a/b ist im Allgemeinen keine ganze Zahl und der Ausdruck [a/b]n
wäre dann gar nicht definiert. Erinnern Sie sich an das, was im letzten Kapitel über
die „vier Grundrechenarten“ gesagt wurde.

Lösung 13.4. Die Ergebnisse für die Beispiele aus Aufgabenstellung sind

[8]11 + [5]11 = [13]11 = [2]11 ,


[4]12 − [7]12 = [−3]12 = [9]12 ,
[4]12 + [−7]12 = [−3]12 = [9]12 und
[10]15 · [6]15 = [60]15 = [0]15 .

Sie sollten vielleicht vorsichtshalber noch weitere Beispiele durchrechnen. Wie


Sie Ihre Ergebnisse überprüfen können, sollten Sie auf den letzten Seiten gelernt
haben.

Lösung 13.5. Gar nichts. Jedenfalls haben wir so einen Ausdruck nicht definiert.
Die Definition gilt nur für die Addition, Subtraktion und Multiplikation von Rest-
klassen zum selben n.

Lösung 13.6. Brüche können auf viele verschiedene Arten dargestellt werden.
Die Rechenregeln für Brüche müssen so definiert sein, dass unabhängig von der
Darstellung immer dasselbe herauskommt. Beispielsweise ist das Produkt zweier
Brüche bekanntlich ein Bruch, dessen Zähler das Produkt der Zähler der Faktoren
und dessen Nenner das Produkt der Nenner der Faktoren ist. Also gilt 34 · 57 = 15 28 .
Aber statt 34 kann man auch 12
9
schreiben und statt 57 auch 10
14 . Multipliziert man die
90
beiden, dann erhält man 168 . Kürzen zeigt, dass dies tatsächlich nur eine andere
36 Es gibt subtile Zusammenhänge zwischen verschiedenen Restklassenringen, aber so weit werden

wir nicht in die Zahlentheorie vordringen.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


Lösungen zu ausgewählten Aufgaben 347

Darstellung von 15
28 ist. Aber haben Sie sich bisher schon einmal Gedanken darüber
gemacht, dass und warum das klappt?

Lösung 13.7. Beispielsweise gilt die Kommutativität der Addition in Z/n Z wegen

[a]n + [b]n = [a + b]n = [b + a]b = [b]n + [a]n ,

wobei die beiden äußeren Gleichheitszeichen nur die Anwendung der Definition
sind, während die Gleichheit in der Mitte gilt, weil die Addition von ganzen Zahlen
kommutativ ist.

Lösung 13.8. Der Isomorphismus ist {(1, [0]3 ), (a, [1]3 ), (b, [2]3 )}. Man muss nun
nur noch nachrechnen, dass es sich wirklich um einen handelt. Damit ist dann
auch die offene Frage geklärt, ob die in Aufgabe 8.15 durch eine Tabelle eingeführte
Verknüpfung assoziativ ist.

Lösung 13.9. Die linke. Der Isomorphismus ist {(1, [0]4 ), (a, [1]4 ), (b, [2]4 ), (c, [3]4 )}.

Lösung 13.10. In Z/11Z ergibt sich 10 + 9 = 8, 3 − 8 = 6 und 6 · 6 = 3. In Z/12Z


erhalten wir 10 + 9 = 7, 3 − 8 = 7 und 6 · 6 = 0.

Lösung 13.11. Die beiden Antworten sind 6 und 13.

Lösung 13.12. Für den Datentyp int wurden 32 Bit verwendet und deshalb wird
modulo 232 gerechnet. Rechnen Sie es nach!

Der arithmetische Überlauf, der hier beschrieben wird, tritt in P YTHON oder C OM -
MON L ISP übrigens nicht ein, weil dort mit Langzahlarithmetik gerechnet wird.

Lösung 13.13. In 13! kommen die Faktoren 2, 5, und 10 vor, also kann man 13!
durch 100 teilen. Darum muss als Ergebnis eine Zahl herauskommen, die in der
Dezimaldarstellung am Ende zwei Nullen hat.

Lösung 13.14. Alle Zahlen der Form 10k − 1 für natürliche Zahlen k sind offenbar
durch 9 (und damit auch durch 3) teilbar. Es ergibt sich

[7164]9 = [7 · 103 + 1 · 102 + 6 · 101 + 4 · 100 ]9


= [7]9 · [103 ]9 + [1]9 · [102 ]9 + [6]9 · [101 ]9 + [4]9 · [100 ]9
= [7]9 · [1]9 + [1]9 · [1]9 + [6]9 · [1]9 + [4]9 · [1]9
= [7]9 + [1]9 + [6]9 + [4]9 = [7 + 1 + 6 + 4]9

und damit haben 7164 und die Quersumme von 7164 denselben Rest bei Division
durch 9. Ersetzt man 9 durch 3, sieht die Rechnung genauso aus.

Lösung 13.15. Wenn man sich die geraden und die ungeraden Potenzen von zehn
separat anschaut, so ergibt sich modulo 11 ein einfaches Muster, weil die Gleichung
102 = 100 = 9 · 11 + 1 gilt:

[102 ]11 = [1]11


¢n ¡ ¢n
[102n ]11 = [(102 )n ]11 = [102 ]11 = [1]11 = [1]11
¡
¢n
[102n+1 ]11 = [102 ]11 · [10]11 = [1]11 · [10]11 = [10]11 = [−1]11
¡

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


348 Anhang

Lösung 13.16. Nennen wir die Zahl, die wir untersuchen wollen, m. Durch das
Abtrennen der letzten Ziffer zerlegen wir diese Zahl in der Form m = 10a + b und
berechnen dann a − 2b. Ist nun a − 2b durch 7 teilbar, so findet man eine Zahl k
mit a − 2b = 7k. Multiplikation mit 10 liefert 10a − 20b = 70k bzw. (nach Addition
von 21b auf beiden Seiten) die Darstellung m = 10a + b = 70k + 21b. Rechts steht
jetzt eine Linearkombination der Zahlen 70 und 21, die beide durch 7 teilbar sind.
Also ist die linke Seite, m, nach Lemma 11.4 auch durch 7 teilbar.

Ist umgekehrt m durch 7 teilbar, so findet man ein k mit 7k = m = 10a + b bzw.
b = 7k −10a. Damit folgt a −2b = a −2·(7k −10a) = 21a −14k und wir haben a −2b
als Linearkombination zweier Vielfacher von 7 dargestellt.

Lösung 13.17. Die Kommutativität ist gleichbedeutend damit, dass die beiden
Tabellen symmetrisch zur Hauptdiagonalen sind. In der Zeile und Spalte zur Null in
der linken Tabelle werden einfach die Werte aus der Zeile darüber bzw. der Spalte
links daneben wiederholt, weil die Null das neutrale Element der Addition ist.
Analog gilt das für die Zeile und Spalte zur Eins in der rechten Tabelle. Zusätzlich
sieht man rechts noch, dass nach Lemma 10.1 in jedem Ring die Multiplikation
mit null natürlich immer das Ergebnis null liefert. Die erste Zeile und Spalte der
Multiplikationstabelle können wir uns in Zukunft auch sparen.

Lösung 13.18. Man könnte eine Zeile hinzufügen:


− 0 5 4 3 2 1
+ 0 1 2 3 4 5
0 0 1 2 3 4 5
1 1 2 3 4 5 0
2 2 3 4 5 0 1
3 3 4 5 0 1 2
4 4 5 0 1 2 3
5 5 0 1 2 3 4

Das ist so zu lesen, dass beispielsweise Addition von 2 dasselbe wie Subtraktion
von 4 ist, denn es gilt ja [2]6 = [−4]6 . Die Werte in der neuen Zeile ergaben sich
dadurch, dass man die Werte direkt darunter von 6 subtrahiert.

Lösung 13.19. Will man z. B. x + 4 = 1 lösen, dann sucht man in der Spalte mit
der Überschrift 4 nach der Zahl 1. Weil man die in der Zeile zur 3 findet, ist x = 3
die Lösung. Das wird immer klappen, weil die Additionstabelle bekanntlich ein
lateinisches Quadrat ist – siehe Aufgabe 8.16.

Lösung 13.21. Das erste Ergebnis ist 142. Im zweiten Fall kommt 8 heraus. Bei
so kleinen Zahlen wie 13 geht es evtl. schneller, wenn man einfach die möglichen
Fälle im Kopf durchprobiert. Es kommen ja nur die elf Zahlen von 2 bis 12 infrage.

Lösung 13.23. Nach der Konvention für Körper ist 4/5 lediglich eine Abkürzung
für 4 · 1/5 und damit nach Aufgabe 13.21 für 4 · 8, also für 6.

Lösung 13.24. Modulo 13 erhalten wir 42 = 3 und 43 = 3 · 4 = −1. Damit folgt


¡ ¢33
4100 = 499 · 4 = 43 · 4 = (−1)33 · 4 = −4 = 9.

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Lösungen zu ausgewählten Aufgaben 349

Dabei haben wir ausgenutzt, dass in jedem Ring (−1)k = 1 für gerade Exponenten k
und (−1)k = −1 für ungerade k gilt. Das folgt nach Punkt (iii) von Lemma 10.2.

Lösung 13.25. Gemäß unserer Konvention sind Exponenten wie 100 keine Ele-
mente von Z13 sondern natürliche Zahlen, die angeben, wie oft multipliziert wird.
100-mal multiplizieren ist nicht dasselbe wie 9-mal multiplizieren.

Lösung 13.26. Zunächst einmal kann man a = 1 für jedes n als Beispiel nehmen.
Aber so ein Beispiel würde man sicher als trivial bezeichnen. Durch Probieren
erhält man interessantere Beispiele wie a = 8 und n = 9.

Lösung 13.27. Die Gleichung a p−1 = 1 kann man auch als a · a p−2 = 1 hinschrei-
ben und erkennt, dass a p−2 der Kehrwert von a ist.

Daraus folgt übrigens auch, dass die Umkehrung des kleinen Satzes von Fermat gilt:
Wenn in einem Restklassenring Z/n Z für alle Elemente a außer 0 die Gleichung
a n−1 = 1 gilt, dann handelt es sich um einen Körper (und n ist eine Primzahl). Man
vergleiche diese Aussage mit Aufgabe 13.26.

Lösung 14.1. Wir brauchen zunächst eine Lösung x 1 der ersten Kongruenz, die
ein Vielfaches von 5 · 7 = 35 ist. Wir suchen also eine Zahl k 1 mit [35k 1 ]3 = [1]3 .
Da wir hier modulo 3 rechnen, können wir 35 durch 2 ersetzen und stattdessen
[2k 1 ]3 = [1]3 lösen. Im allgemeinen Fall (z. B. in einem Programm) würden wir
wie im Absatz hinter Satz 13.4 diese Gleichung mit dem erweiterten euklidischen
Algorithmus lösen. Im konkreten Fall bietet sich jedoch simples Probieren an, weil
für k 1 nur die Zahlen 0, 1 und 2 infrage kommen. k 1 = 2 tut es37 und liefert uns
x 1 = 35 · 2 = 70. (In diesem Schritt rechnen wir nicht mehr modulo 3 und müssen
mit 35 statt mit 2 multiplizieren.)

Für die beiden anderen Kongruenzen sind die jeweiligen Ansätze [21k 2 ]5 = [2]5
und [15k 3 ]7 = [4]7 bzw. vereinfacht [k 2 ]5 = [2]5 sowie [k 3 ]7 = [4]7 . Damit erhalten
wir k 2 = 2, k 3 = 4, x 2 = 21 · 2 = 42 und x 3 = 15 · 4 = 60 und schließlich die Lösung
x = 70 + 42 + 60 = 172.

Lösung 14.3. Aus dem Beweis kann man folgern, dass sich aus einer Lösung eine
andere ergibt, wenn man das Produkt m 1 · · · m n addiert oder subtrahiert. In Aufga-
be 14.1 ist beispielsweise 172 − 3 · 5 · 7 = 67 auch eine Lösung und 277 und −38 sind
es auch. Es gibt also offensichtlich immer unendlich viele Lösungen und damit gibt
es zum Beispiel auch eine eindeutig bestimmte kleinste Lösung, die nichtnegativ
ist.

Lösung 14.4. Es ist einfach, ein unlösbares Kongruenzsystem anzugeben, wenn


die Moduln identisch sind:

x ≡ 1 (mod 3)
x ≡ 2 (mod 3)

37 Beachten Sie, dass der Beweis des chinesischen Restsatzes eine Garantie dafür liefert, dass sich

unter diesen drei Kandidaten eine Lösung befindet.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


350 Anhang

Aber das wäre geschummelt. Hier ist ein Beispiel mit verschiedenen Moduln:

x ≡ 1 (mod 4)
x ≡ 2 (mod 6)

Jedes x, das die erste Kongruenz löst, ist offenbar ungerade. Jedes x, das die zweite
Kongruenz löst, ist gerade. Daher kann kein x beide Kongruenzen lösen.

Lösung 15.1. Wir nennen die Relationen von links nach rechts R 1 bis R 3 . Alle drei
Relationen sind offensichtlich reflexiv auf [4], wie man an der Hauptdiagonale
der Tabelle unschwer erkennen kann. Dass R 2 und R 3 transitiv sind, ist trivial. R 1
ist hingegen nicht transitiv, weil zwar 1R 1 3 und 3R 1 2 gilt, aber nicht 1R 1 2. R 2 ist
offensichtlich total. R 1 ist auch total, man muss das aber etwas mühsamer durch
Inspektion der Tabelle nachprüfen. R 3 ist nicht total, denn es gilt z. B. weder 1R 3 2
noch 2R 3 1. R 1 und R 3 sind antisymmetrisch. In R 3 gibt es gar kein Paar (a, b) ∈ R 3
mit a ̸= b. R 1 ist so gebaut, dass für a, b ∈ [4] mit a ̸= b immer nur entweder (a, b)
oder (b, a) in der Relation enthalten ist. R 2 ist nicht antisymmetrisch, denn wir
haben beispielsweise (1, 2) ∈ R 2 und (2, 1) ∈ R 2 , aber natürlich 1 ̸= 2.

Vergleichen Sie die Ergebnisse mit denen von Aufgabe 5.12.

Lösung 15.2. Zum Glück haben Sie damals im ersten Semester Aufgabe 2.9 bear-
beitet. Daher gibt es nun fast nichts mehr zu tun, weil sie nach den Punkten (i),
(iii) und (iv) jener Aufgabe bereits wissen, dass ⊆ reflexiv, transitiv und antisymme-
trisch ist. Wir haben es also tatsächlich mit einer Halbordnung zu tun. Allerdings
im Allgemeinen nicht mit einer linearen Ordnung, denn für A = {0, 1} gilt z. B. weder
{0} ⊆ {1}, noch {1} ⊆ {0}. Eine lineare Ordnung erhalten wir nur für den Extremfall,
dass |A| ≤ 1 gilt.

Lösung 15.3. Nach Lemma 11.3 ist T transitiv und natürlich ist T auch reflexiv
auf N+ , weil jede Zahl sich selbst teilt. Und wenn m ein Teiler von n ist, dann gilt
sicher m ≤ n. Teilt dann umgekehrt n auch noch m, dann kann nur m = n gelten.
Das ist die Antisymmetrie. Damit haben wir eine Halbordnung. Aber eine lineare
Ordnung ist es nicht, weil beispielsweise 3 kein Teiler von 5 und 5 kein Teiler von 3
ist.

Lösung 15.4. Transitivität und Reflexivität haben wir in diesem Fall auch, aber es
fehlt die Antisymmetrie: 42 und −42 teilen sich beispielsweise gegenseitig, sind
aber deswegen noch nicht gleich.

Lösung 15.5. Man könnte es z. B. so machen:


1 2 3
1 ×
2 ×
3 ×
Nennen wir diese Relation R, dann haben wir 2R1, aber nicht 1R2, also ist R nicht
symmetrisch. Andererseits haben wir 3R1 und 1R3, obwohl 1 ̸= 3 gilt, also ist R
auch nicht antisymmetrisch.

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Lösungen zu ausgewählten Aufgaben 351

Lösung 15.6. Die naheliegende Antwort ist die Relation ⊂. Falls Sie das Zeichen
zwischendurch vergessen haben, weil es in diesem Skript nicht oft vorkommt,
dann erinnern Sie sich vielleicht, dass es einen Index mathematischer Symbole
zum Nachschlagen gibt.

Lösung 15.7. Das kann man ganz einfach mit der folgenden Relation R erledigen:

1 2
1 ×
2

Wegen 1R1 ist die Relation nicht irreflexiv auf [2]. Aber reflexiv ist sie dort auch
nicht, denn 2R2 gilt nicht.

Lösung 15.8. Würde aRa für ein a ∈ A gelten, dann wäre das ein direkter Wider-
spruch zur Asymmetrie (und zwar mit b = a). Auch die Antisymmetrie ist trivial,
denn die Voraussetzung aRb∧bRa derselben kann bei asymmetrischen Relationen
gar nicht eintreten.

Die Antwort auf die letzte Frage ist nein. Siehe dazu das Beispiel in der Lösung von
Aufgabe 15.5.

Lösung 15.9. Das sollte so aussehen:

2 4

1 12

3 6

Lösung 15.10. Die noch fehlenden Punkte:


(i) Aus a ≺ b folgt a ⪯ b und damit a + c ⪯ b + c nach GK1. a + c = b + c kann
aber nicht gelten, denn sonst könnte man auf beiden Seiten c subtrahieren
und a = b folgern.
(ii) Mit GK2 folgt aus den Voraussetzungen zunächst 0 ⪯ ab. Wegen Lemma 10.4
ist 0 = ab jedoch in diesem Fall nicht möglich.
(vi) Das folgt aus (v) mit 1 · 1 = 1 und wegen 1 ̸= 0 (siehe Aufgabe 10.7).
(vii) Das folgt aus (i), indem man auf beiden Seiten −a bzw. a addiert.
(viii) Mit (vii) hat man zunächst 0 ≺ b − a, mit (ii) dann 0 ≺ (b − a)c = bc − ac und
erneut mit (vii) ac ≺ bc.
(ix) Man kann wie in (viii) argumentieren, aber nach (iii) c durch −c ersetzen
und die Rechengesetze aus Lemma 10.2 anwenden.
(x) Das folgt direkt aus (viii).
(xi) Das folgt ebenfalls direkt aus (viii).
(xii) Die Richtung „von rechts nach links“ folgt aus (ii) sowie (iii) zusammen mit
(−a)(−b) = ab nach Lemma 10.2. Gilt hingegen weder 0 ≺ a ∧ 0 ≺ b noch
a ≺ 0 ∧ b ≺ 0, dann ist entweder a oder b null und damit ab auch null, oder
wir haben o. B. d. A. 0 ≺ a und b ≺ 0 und damit 0 ≺ −b, also 0 ≺ −ab nach

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


352 Anhang

Lemma 10.2 und (ii), also ab ≺ 0 nach (iii), in beiden Fällen jedenfalls nicht
0 ≺ ab.
(xiii) Aus 1/a ≺ 0 würde mit (ix) 1 = a · (1/a) ≺ 0 · (1/a) = 0 im Widerspruch zu (vi)
folgen.
(xiv) Das folgt aus (x) und (xiii).
(xv) Das folgt aus (viii), indem man a ≺ b auf beiden Seiten mit 1/(ab) multipli-
ziert.
p p
Lösung 15.11. Dass Q( 2) ⊆ R gilt, ist klar. Q ⊆ Q( 2) folgt, weil man in der Defi-
nition b = 0 wählen kannp und so alle rationalen Zahlen erhält. Wählt man a = 0 und
b = 1, dann erhält man 2. Und weil diese pZahl nicht rational ist (siehe Aufgabe 2.4),
ist Q sogar eine echte Teilmenge von Q( 2).

Weil wir innerhalb der reellen Zahlen bleiben und glauben, dass R ein angeordneter
Körper ist (dazu später mehr), fallen uns die meisten Eigenschaften, die wir über-
prüfen müssen, in den Schoß – z. B. Kommutativität,
p Assoziativität, Distributivität,
GK1 und GK2. Dass 0 und 1 Elemente vonpQ( 2) sind, sollte klar sein. Wir müssen
nurpnoch (mit Lemma 8.5) zeigen, dass Q( 2) abgeschlossen bzgl. Subtraktion und
Q( 2) \p{0} abgeschlossen bzgl. Division
p ist. Dass die Differenz zweier Elemente
von Q( 2) wieder ein Element von Q( 2) ist trivial. (Rechnen Sie es nach!) Bei der
Division kann man das leicht überprüfen, wenn man die richtige Idee hat:
p p p p
a + b 2 a + b 2 c − d 2 (ac − 2bd ) + (bc − ad ) 2
p = p · p =
c +d 2 c +d 2 c −d 2 c 2 − 2d 2
ac − 2bd bc − ad p
= 2 + · 2
c − 2d 2 c 2 − 2d 2
Die Zahlen am Ende sind p offensichtlich wieder rational. Dabei muss man nur
daraufpachten, dass c −d 2 nicht null sein darf. Das ergibt aber durch Umformung p
c/d = 2, wenn d nicht null ist, und ist daher unmöglich (denn sonst wäre 2
p Wenn d hingegen verschwindet, dann muss auch c verschwinden und
rational).
c + d 2 ist null: wir hätten gar nicht erst dividieren dürfen.
p
Es fehlt nur noch der Beweis dafür, dass das Beispiel nichtptrivial und Q( 2) nicht
p
ganzpR ist. Dafür zeigen wir, dass 3 kein Element von Q( 2) ist: Sonst phätten2 wir
p 2
a +b 2 = 3 und durch pQuadrieren beider Seiten ergäbe sich a +2ab 2+2b = 3
bzw. nach Umformen 2 = (3 − a 2 − 2b 2 )/(2ab). Dann stünde jedoch rechts eine
rationale Zahl und wir hätten einen Widerspruch.

Lösung 15.12. Sie haben sich natürlich erinnert, dass auf Seite 125 bereits ein
solches Beispiel zu finden ist.

Lösung 15.13. Zum Beispiel B = {{1, 2}, {3, 4}}. Es gibt viele Möglichkeiten.

Lösung 15.14. Wenn m 1 und m 2 Maximum der Menge A sind, dann gilt m 1 ⪯ m 2 ,
weil m 1 Element von A und m 2 Maxium von A. Vertauscht man die Rollen, dann
erhält man m 2 ⪯ m 1 . Wegen der Antisymmetrie folgt m 1 = m 2 .

Lösung 15.15. {B 1 , B 2 , B 3 } hat als obere Schranke auf jeden Fall B 1 ∪B 2 ∪B 3 . Beach-
ten Sie aber, dass das nicht mehr notwendig funktioniert, wenn die beteiligten Men-

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Lösungen zu ausgewählten Aufgaben 353

gen nicht alle endlich sind, beispielsweise mit B 1 = {0}, B 2 = {1} und B 3 = N \ {0, 1}.
Da haben Sie auch gleich eine nach oben unbeschränkte Menge.

Lösung 15.16. In beiden Fällen ist das die Zahl 2.

Lösung 15.17. Das gilt für {2, 3} und für {1, 2, 3}. Beide haben 4 und 5 als obere
Schranken, aber die Menge {4, 5} hat kein Minimum.

Lösung 16.1. Die meisten Aussagen über Suprema oder Maxima haben ein ent-
sprechendes Pendant, das man erhält, indem man stattdessen die „entgegenge-
setzten“ Begriffe (Infimum statt Supremum, > statt < und so weiter) verwendet. In
der Regel beweist man das wie hier durch einen Vorzeichenwechsel.

Ist M so eine Menge und u eine untere Schranke, dann ist −u eine obere Schranke
von M ′ = { −m : m ∈ M }. M ′ muss also ein Supremum s haben und −s ist dann das
gesuchte Infimum von M .

Lösung 16.2. Sind a und b rationale Zahlen mit ab = 2, dann sind a und b ver-
schieden, weil 2 nicht das Quadrat einer rationalen Zahl ist. O. B. d. A. gelte 0 < a < b.
Für die Zahl c = (a + b)/2 gilt a < c < b und weil ihr Produkt mit d = 4/(a + b) eben-
falls 2 ist, muss d auch zwischen a und b liegen. (Aus d ≤ a folgt cd < ba = 2 und
aus b ≤ d folgt cd > ab = 2.)

Angenommen, die rationale Zahl q ist das Supremum von C . Ist q das Maximum
von C , dann gilt q 2 < 2. Mit r = 2/q gilt dann r q = 2 und damit r > q. Nach unserer
Vorüberlegung gibt es rationale Zahlen q 1 und r 1 mit q < q 1 < r 1 < r und q 1 r 1 = 2
und damit q 12 < 2 bzw. q 1 ∈ C . Dann war q aber nicht das Maximum. Es mus also
q 2 > 2 gelten. Wie eben findet man dann aber mit r = 2/q rationale Zahlen q 2 und
r 2 mit r < r 2 < q 2 < q. Weil daraus q 22 > 2 folgt, ist q 2 eine obere Schranke von C .
Das widerspricht der Tatsache, dass q das Supremum von C , also die kleinste obere
Schranke von C , sein soll.

Lösung 16.3. Für die erste „Regel“ kann man x = y = 2/3 nehmen, für die zweite
x = y = 3/2. Aber es gibt selbstverständlich unendlich viele Gegenbeispiele.

Lösung 16.4. Für x ≥ 0 gilt |x| = x. Dass dann |x| < ε aus −ε < x < ε folgt, ist klar.
Gilt umgekehrt |x| < ε, dann ergibt sich daraus −ε < x < ε, weil natürlich −ε < 0
gilt.

Für x < 0 gilt |x| = −x. |x| < ε bedeutet dann −x < ε und damit −ε < x. x < ε ist
wegen ε > 0 klar. Gilt umgekehrt −ε < x < ε, dann ergibt Multiplikation mit −1 die
Ungleichung ε > −x > −ε und damit insbesondere ε > |x|.

Lösung 16.5. Für x ≥ 0 gilt −|x| = −x ≤ x = |x|. Und für den Fall x < 0 hat man
−|x| = x ≤ −x = |x|. Dass im ersten Fall −x ≤ x und im zweiten x ≤ −x gilt, beweist
man mit der „Allzweckwaffe“ Lemma 15.3.

Lösung 16.6. Wie wäre es mit x = 1 und y = −1?

Lösung 16.7. Wäre q + r rational, dann müsste (q + r ) − q als Differenz zweier ra-
tionaler Zahlen ebenfalls rational sein. Das ist aber r . Für das Produkt argumentiert
man analog mit r = (qr )/q.

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354 Anhang

Nebenbei sei angemerkt, dass auch −r irrational sein muss. Das liegt daran, dass
Q ein Körper ist: Wäre −r rational, so wäre r als additiv inverses Element von −r
ebenfalls rational. Ebenso ist 1/r irrational, wenn r ̸= 0 gilt.
p p
Lösung 16.8. Man kann z. B. 2 und − 2 nehmen. Die Summe ist 0 und das
Produkt −2.

Lösung 16.9. I ist nach Definition ein Intervall, wenn die Aussage

∀r 1 , r 2 ∈ I ∀x ∈ R (r 1 < x < r 2 ⇒ x ∈ I )

wahr ist. Für unechte Intervalle ist der linke Teil der Implikation aber immer falsch,
weil diese Menge gar keine zwei Elemente r 1 und r 2 mit der Eigenschaft r 1 < r 2
enthalten. Daher ist, wie wir bereits im allerersten Abschnitt gelernt haben, die
Aussage immer wahr.

Lösung 16.10. Die leere Menge kann man beispielsweise als [1, 0] oder als [42, 42)
schreiben. Singletons bekommen die Form [x, x].

Lösung 16.11. Hoffentlich haben Sie nicht gedacht, dass diese Menge fünf Ele-
mente hat. In Lemma 16.12 steht ja auch explizit, dass alle echten Intervalle unend-
lich viele Elemente haben. Ich habe diese Aufgabe nur aufgenommen, weil es eine
offenbar unausrottbare Fehlinterpration gibt, nach der manche Studierende eine
Menge wie [1, 5] als die Menge der ganzen Zahlen zwischen 1 und 5 interpretieren.
Das ist aber schlicht und einfach falsch und widerspricht der Definition, in der
explizit steht, dass [1, 5] die Menge alle reellen Zahlen zwischen 1 und 5 ist!

Nebenbei bemerkt hat die Intervallschreibweise nichts mit der Notation [n] zu
tun, die in Abschnitt 4 eingeführt wurde. Bei Intervallen stehen zwischen den
Klammern immer zwei Zahlen, die durch ein Komma getrennt sind.

Lösung 16.12. Grundsätzlich kann es für solche Fragen hilfreich sein, sich die
beteiligten Intervalle als Abschnitte der Zahlengeraden zu skizzieren, z. B. so:

−1 0 1 2 3 4 5 6 7 8

Der Durchschnitt ist dann sofort erkennbar. Lediglich bei den Intervallgrenzen
muss man explizit prüfen, ob sie in der Schnittmenge liegen oder nicht. Die Er-
gebnisse in diesem Fall sind in dieser Reihenfolge (3, 5), [3, 5], (3, 7], [3, 3] = {3} und
[3, 3) = ;.

Lösung 16.13. Die Vereinigung von A = [1/3, 42) und [42, 43) ist das Intervall
[1/3, 43). Die Vereinigung von A und (42, 43) ist kein Intervall, weil die Zahl 42
„fehlt“ und damit für eine Lücke sorgt.

Lösung 16.14. Nein. [0, 3]\[1, 2] ist beispielsweise kein Intervall. Und diese Menge
lässt sich auch nicht „kürzer“ schreiben, lediglich anders, etwa als [0, 1) ∪ (2, 3].

Lösung 16.15. Die Paare sind A = (−2, 2) = H , B = R = G, C = E , D = ; = I und


F = J.

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Lösungen zu ausgewählten Aufgaben 355

Lösung 16.16. [40, 42] \ [40, 41) ist das Intervall [41, 42]. [40, 41] \ N ist das Intervall
(40, 41). [40, 42] \ [40, 42) ist das Intervall {42}, das aber kein echtes Intervall ist.
[40, 41]\ Q ist kein Intervall, denn diese Menge hat unendlich viele „Lücken“. (Nach
Lemma 16.10 befinden sich zwischen 40 und 41 unendlich viele rationale Zahlen,
die alle entfernt wurden.) [40, 41] ∩ [41, 43] ist das Intervall {41}, das ebenfalls kein
echtes Intervall ist. (40, 42) \ N ist die Menge (40, 41) ∪ (41, 42) mit der „Lücke“ 41.

Lösung 17.1. Kam Ihnen das bekannt vor? Das haben Sie (hoffentlich) schon
einmal in Aufgabe 10.9 gemacht . . .

Lösung 17.2. Re(z) = 3 und Im(z) = −4. Eigentlich dürfte das kein Problem sein.
Die Aufgabe soll lediglich auf zwei typische Fehler hinweisen. Erstens ist der Imagi-
närteil nicht 4. (Das Vorzeichen wird ab und zu mal vergessen.) Und zweitens ist
der Imaginärteil nicht −4i. Das i gehört nicht dazu.

Lösung 17.5. Hat z die Koordinaten (a, b), so hat die Zahl −z die Koordinaten
(−a, −b). Den Ort von −z erhält man also durch Punktspiegelung von z am Ur-
sprung.

Lösung 17.6. Die Skizze geht mithilfe von Aufgabe 17.5 aus der für die Addition
hervor, wenn man sich daran erinnert, dass w − z für w + (−z) steht.

i w

w −z

−z

Beachten Sie, dass wegen w = z + (w − z) der (verschobene) w − z-Pfeil von der


Spitze von z auf die von w zeigt. (In der Skizze ist das der gestrichelte graue Pfeil.)
p
Lösung 17.7. |i| = 02 + 12 = 1.
p p
Lösung 17.8. | − z| = | − a − bi| = (−a)2 + (−b)2 = a 2 + b 2 = |z|. Angesichts von
Aufgabe 17.5 ist geometrisch auch klar, warum in beiden Fällen dasselbe heraus-
kommen muss.

Lösung 17.9. Für reelle Zahlen kommt in beiden Fällen dasselbe heraus. (Wenn
dem nicht so wäre, wäre die Definition auch sehr unglücklich.) Setzt man eine
reelle Zahl a in die neue (komplexe) Definition ein, dann erhält man

p p
|a| = |a + 0i| = a 2 + 02 = a2

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356 Anhang

und das ist der reelle Betrag.38 Auch für reelle Zahlen ist der Betrag also der Abstand
von der Null.

Lösung 17.10. Wenn man das Rechnen nicht verlernt hat, ist das Routine:

|w z| = |(a + bi)(c + d i)| = |(ac − bd ) + (ad + bc)i|


p
= (ac − bd )2 + (ad + bc)2
p
= a 2 c 2 − 2acbd + b 2 d 2 + a 2 d 2 + 2ad bc + b 2 c 2
p
= a2c 2 + b2d 2 + a2d 2 + b2c 2
p p
|w| · |z| = |a + bi| · |c + d i| = a 2 + b 2 · c 2 + d 2
p p
= (a 2 + b 2 ) · (c 2 + d 2 ) = a 2 c 2 + b 2 c 2 + a 2 d 2 + b 2 d 2

Aufgefallen sein sollte Ihnen, dass in beiden Fällen dasselbe herauskommt.

Lösung 17.11. Ihre Skizze sollte in etwa so aussehen:

w +z
z

i w

In der Dreiecksungleichung geht es um das grau eingefärbte Dreieck und die


geometrisch evidente Aussage, dass der direkte Weg (die gestrichelte Linie) von 0
zum Ziel w + z kürzer ist als der „Umweg“ über w (entlang der blauen Pfeile).

Lösung 17.12. Hat z die Koordinaten (a, b), so hat die Zahl z die Koordinaten
(a, −b). Den Ort von z erhält man also durch Achsenspiegelung von z an der
reellen (horizontalen) Achse.

Lösung 17.13. Das ist nun wirklich einfach.

w + z = (a + c) + (b + d )i = (a + c) − (b + d )i = a − bi + c − d i
= a + bi + c + d i = w + z
w · z = (ac − bd ) + (ad + bc)i = (ac − bd ) − (ad + bc)i = (a − bi) · (c − d i)
= a + bi · c + d i = w · z

In beiden Fällen kommt also jeweils dasselbe heraus. Zumindest bei der Addition
ist das geometrisch evident, weil es offenbar egal ist, ob wir erst spiegeln und dann
(geometrisch) addieren oder umgekehrt. Wie die Multiplikation geometrisch zu
interpretieren ist, müssen wir uns noch erarbeiten.
p
38 Achtung: Ein häufig anzutreffender Denkfehler ist, dass a 2 dasselbe wie a ist. Dass das falsch
ist, kann man sehen, wenn man für a eine negative Zahl einsetzt.

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Lösungen zu ausgewählten Aufgaben 357

Lösung 17.14. Ist z = a + bi, so erhält man

z + z = (a + bi) + (a − bi) = 2a = 2 Re(z) und


z − z = (a + bi) − (a − bi) = 2bi = 2i Im(z).

Lösung 17.15. Weil der Realteil von z negativ und der Imaginärteil positiv ist,
muss das Argument zwischen 90 und 180 Grad liegen. (Machen Sie sich eine Skizze,
wenn Ihnen das nicht klar ist!) Das Argument von z 2 ist doppelt so groß und liegt
daher zwischen 180 und 360 Grad (bzw. „offiziell“ zwischen −180 und 0 Grad, aber
das ist für die geometrische Lage natürlich irrelevant). Deshalb liegt z 2 unterhalb
der reellen Achse und kann nicht in der oberen Hälfte liegen.

Lösung 17.16. Das läuft analog zur letzten Aufgabe. Das Argument von z liegt im
Bereich von 0 bis −90 Grad. (Skizze!) Das Argument von z 3 liegt daher zwischen 0
und −270 Grad und damit nicht im oberen rechten Quadranten.

Lösung 17.17. Wir beginnen mit c 2 − d 2 = 3 und 2cd = 4. Das liefert d = 2/c und
Einsetzen in die erste Gleichung führt zu c 2 − 4/c 2 = 3 bzw. c 4 − 3c 2 − 4 = 0. Mit
x = c 2 wird daraus x 2 − 3x − 4 = 0 mit den Lösungen 4 und −1. Wir verwerfen die
negative Lösung und setzen x 1 = 4. Das liefert c 1 = 2 und c 2 = −2 und dazu d 1 = 1
und d 2 = −1, was schließlich zu den Lösungen w 1 = 2 + i und w 2 = −w 1 führt.
(Machen Sie eine Probe, indem Sie 2 + i quadrieren!)

Lösung 17.19. Um auf d = b/(2c) zu kommen, muss man durch c teilen. Das geht
aber nur, wenn c nicht null ist. Außerdem stimmt die Bemerkung in Fußnote 21
nur, wenn |a| kleiner als |z| ist, was wiederum nur der Fall ist, wenn b ̸= 0 gilt.

Man muss also erst den Fall b = 0 separat behandeln. Dann ist z die reelle Zahl a
p
und das lässt sich leicht abhandeln: Ist a positiv, dann sind die Lösungen a und
p p p
− a. Ist a negativ, dann sind die Lösungen i a und −i a.

Nun kann man b ̸= 0 voraussetzen und den Fall c = 0 verwerfen. w 1 wäre dann
nämlich die Zahl d i mit dem Quadrat −d 2 .

Lösung 17.20. Division durch 2 ergibt w 2 + (1 + i)w + (6 + 18i) = 0. Mit den Be-
zeichnungen aus dem Beweis von Satz 17.7 haben wir p = 1 + i und q = 6 + 18i.
p 2 /4 − q ist −6 − 35i/2. Eine „Wurzel“ dieser Zahl ist 5/2 − 7i/2. Kombiniert mit
−p/2 = −1/2 − i/2 ergeben sich die zwei Lösungen 2 − 4i und −3 + 3i. (Machen Sie
eine Probe!)

Lösung 18.1. w − z ist die Summe von w − v und v − z. Die beiden Differenzen
rechts spielen also die Rolle von w und z in Lemma 17.3.

Lösung 18.2. Das sollte für Sie hoffentlich nur eine Fingerübung im Einsetzen
von Werten in eine Formel sein.
¡ ¢
d (x 1 , y 1 ), (x 2 , y 2 ) = |x 1 − x 2 | + |y 1 − y 2 |
¡ ¢ ¡ ¢
≤ |x 1 − x 3 | + |x 3 − x 2 | + |y 1 − y 3 | + |y 3 − y 2 |
¡ ¢ ¡ ¢
= |x 1 − x 3 | + |y 1 − y 3 | + |x 3 − x 2 | + |y 3 − y 2 |
¡ ¢ ¡ ¢
= d (x 1 , y 1 ), (x 3 , y 3 ) + d (x 3 , y 3 ), (x 2 , y 2 )

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


358 Anhang

Die Ungleichung in der zweiten Zeile gilt, weil dort (zweimal) die Dreiecksunglei-
chung für Differenzen von reellen Zahlen (Korollar 16.8) angewandt wurde.

Lösung 18.3. Für drei Punkte, von denen keine zwei auf einer gemeinsamen Ge-
raden durch 0 liegen, sieht es so aus:

d (z, w) = |z| + |w| ≤ |z| + |v| + |v| + |w| = d (z, v) + d (v, w)

Anschaulich heißt das: Will man von Brest nach Marseille fahren, aber zwischen-
durch die Großeltern in Rouen besuchen, dann kommen zwei Fahrten zwischen
Paris und Rouen gegenüber der „direkten“ Verbindung hinzu.

Liegen alle drei Punkte auf einer Geraden durch „Paris“, dann ergibt sich die
Dreiecksungleichung für den euklidischen Abstand. Liegen z und w auf einer
gemeinsamen Ursprungsgeraden, aber v nicht, dann hat man

d (z, w) = |z − w| ≤ |z| + |w| ≤ |z| + |v| + |v| + |w| = d (z, v) + d (v, w).

Und liegen o. B. d. A. w und v auf so einer Geraden, z aber nicht, dann ergibt sich

d (z, w) = |z| + |w| ≤ |z| + |v| + |w − v| = d (z, v) + d (v, w),

wobei die Ungleichung in der Mitte aus w = v + (w − v) folgt.

Lösung 18.4. Bei der Fallunterscheidung würde es nun um Geraden durch p und
nicht durch 0 gehen. Die Formel für Punkte, die nicht gemeinsam auf so einer
Geraden liegen, ergäbe sich als d (z, w) = |z − p| + |p − w|. Anschaulich ist klar, dass
das immer noch eine Metrik sein muss, weil man das Koordinatensystem ja einfach
so verschieben kann, dass p der neue Ursprung ist. Für den allgemeinen Fall, dass
keine zwei Punkte gemeinsam auf einer der relevanten Geraden liegen, sieht die
Überprüfung von M3 so aus:

d (z, w) = |z − p| + |p − w| ≤ |z − p| + |p − v| + |v − p| + |p − w|
= d (z, v) + d (v, w).

Die restliche Rechnerei erspare ich mir und Ihnen.

Lösung 18.5. Eine Möglichkeit wäre {000, 011, 101, 110}, wobei die Tupel hier
ohne Klammern und Kommata geschrieben wurden.
011 111

001 101

010 110

000
100

In der Skizze wären das die blauen Punkte (und man hätte stattdessen auch die
weißen nehmen können). Den Hamming-Abstand kann man hier schön grafisch
interpretieren als die Anzahl der Kanten, die man passieren muss, um von einem
Punkt zum anderen zu kommen.

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Lösungen zu ausgewählten Aufgaben 359

Lösung 18.6. Wenn man {0, 1}2 als Teilmenge von R2 betrachtet, dann stimmen
Hamming-Abstand und Manhattan-Metrik auf dieser Menge überein. Das gilt
auch für {0, 1}n und Rn , wenn man die Manhattan-Metrik sinngemäß auf höhere
Dimensionen verallgemeinert.

Lösung 18.8. Die Menge Uε (x) ist in R das Intervall (x − ε, x + ε). Geometrisch
erhält man es, wenn man die entsprechende Kreisscheibe in C mit der reellen
Achse schneidet.

Lösung 18.9. (a, b) ist Uε (x), wenn man x = (a + b)/2 und ε = (b − a)/2 setzt.
¡ ¢
Lösung 18.10. Die Menge Uε (x, y) ist in der Manhattan-Metrik ein Quadrat mit
Mittelpunkt (x, y), dessen Diagonalen achsenparallel verlaufen und die Länge 2ε
haben.

ε
(x, y)

Lösung 18.11. In U2 (AC) liegen nach Definition alle Wörter, deren Levenshtein-
Distanz von AC kleiner als 2 ist. Da diese Distanz immer eine ganze Zahl ist, geht es
um die Wörter, deren Abstand von AC 0 oder 1 ist. Den Abstand 0 kann wegen der
positiven Definitheit nur AC haben. Den Abstand 1 kann man nach Definition der
Metrik nur durch eine Operation erreichen. Durch Entfernen eines Buchstabens
kann man offenbar A oder C enthalten. Durch Ersetzen eines Buchstabens kann
man aus AC die Wörter BC, CC, AA oder AB machen. Und durch Hinzufügen eines
Buchstabens erhält man Wörter wie AAC mit drei Buchstaben. Insgesamt ergibt
sich U2 (AC) = {A, C, AA, AB, AC, BC, CC, AAC, ABC, ACA, ACB, ACC, BAC, CAC}.

Lösung 18.12. Intervalle der Form (a, ∞) oder (−∞, a) mit a ∈ R sind offen. Und
Vereinigungen von Intervallen sind auch offen.

Lösung 18.13. Nach Aufgabe 18.9 und Lemma 18.2 ist I offen in R. Aber das war
nicht die Frage! Als Teilmenge von C ist I nicht offen, denn für jedes noch so kleine
δ > 0 ist die echt komplexe Zahl (1 + δi)/2 ein Element von Uδ (1/2), aber keines
von I ⊆ R.

Lösung 18.14. In diesem Fall sind alle Teilmengen von X offen, denn für alle
x ∈ X gilt offenbar U1/2 (x) = {x}. Ist A ⊆ X und y ∈ A, so folgt mit δ = 1/2 also sofort
Uδ (y) ⊆ A.

Lösung 18.16. Der Rand von [a, ∞) und (a, ∞) besteht jeweils nur aus der Zahl a.
Der Rand von (−∞, b] und (−∞, b) besteht jeweils nur aus der Zahl b (a, ∞) und
(−∞, b) sind offen und das Innere der jeweiligen Pendants mit eckigen Klammern.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


360 Anhang

[a, ∞) und (−∞, b] sind abgeschlossen und der Abschluss der jeweiligen Pendants
mit runden Klammern. Kein echtes Intervall hat isolierte Punkte.

Lösung 18.17. Diese Frage haben Sie in Aufgabe 18.12 eigentlich schon beant-
wortet, aber manchmal schadet Wiederholung ja nicht. Zum Beispiel könnte man
(0, 1) ∪ (2, 3) nehmen – siehe Lemma 18.3. Ganz allgemein gilt sogar, dass jede
in R offene Menge sich als Vereinigung von (evtl. unendlich vielen) Intervallen
darstellen lässt.

Lösung 18.18. A ◦ ist die Menge der inneren Punkte von A und nach Definition
sind innere Punkte von A Elemente von A. Damit ist der erste Teil bereits erledigt.
Für den zweiten Teil muss man zeigen, dass jedes Element a von A Berührungs-
punkt von A ist. Das ist aber auch nach Definition sofort klar, denn eine offene
Menge B , die a enthält, kann nicht disjunkt zu A sein, weil natürlich a ∈ A ∩ B gilt.

Lösung 18.19. Ist x ein Berührungspunkt von A und nicht Element von A, dann
liegt x in X \ A und ist damit auch Berührungspunkt von X \ A, also nach Definition
Randpunkt.

Lösung 18.20. Zum Beispiel das Intervall [0, 1).

Lösung 18.21. Ja, das besagt Lemma 16.11.

Lösung 18.22. Einerseits gilt Ur (x) ⊆ Ur (x), andererseits Ur (x) ⊆ Ur +1 (x).

Lösung 18.23. Ist A eine Teilmenge von Ur (x), dann ist A nach oben und unten
durch x + r bzw. x − r beschränkt. Ist umgekehrt A nach oben durch b und nach
unten durch a beschränkt, dann ist A eine Teilmenge von Ur (0), wenn wir r =
1 + max{a, b} setzen.

Lösung 18.24. Ist eine Menge X mit der diskreten Topologie versehen und x
irgendein Element von X , dann gilt X = U2 (x), also ist jede Teilmenge von X
beschränkt. Aber auch in der Menge {0, 1}n mit dem Hamming-Abstand sind alle
Mengen beschränkt, denn der Abstand zweier Elemente kann höchstens n sein.

Lösung 19.1. Die erste Aussage ist wahr, denn „nur“ eine Milliarde natürliche
Zahlen sind nicht größer als 999 999 999. Die zweite Aussage ist falsch. Zwar sind
unendlich viele Zahlen gerade, aber es gibt auch unendlich viele Ausnahmen,
nämlich die ungeraden Zahlen. Ebenso ist die dritte Aussage falsch, weil es nach
dem Satz des Euklid unendlich viele Zahlen gibt, die nicht zusammengesetzt sind.
Die vierte Aussage ist wahr, denn die ersten hundert Folgenglieder sind null und
damit nicht positiv, aber danach kommen nur noch positive Zahlen.

Lösung 19.2. Die Frage kommt an dieser Stelle, weil nach meiner Erfahrung Stu-
dierende sie häufig mit nein beantworten. Aber das ist falsch. Selbstverständlich
konvergiert (42) gegen 42. Wie üblich muss man sich dafür die Definition nur genau
anschauen. Für jedes noch so kleine ε liegt 42 natürlich in Uε (42), also liegen nicht
nur fast alle, sondern sogar alle Folgenglieder in dieser Umgebung. Grundsätzlich
geht in jedem metrischen Raum eine konstante Folge der Form (a) gegen a.

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Lösungen zu ausgewählten Aufgaben 361

Lösung 19.3. Die Folge konvergiert weder gegen 1 noch gegen −1. Eine Begrün-
dung dafür liefert das nun folgende Lemma 19.2.

Lösung 19.4. Bei der Frage geht es um Eigenschaften von metrischen Räumen.
Wären die beiden Mengen nicht disjunkt, dann gäbe es ein x ∈ Uε/2 (a) ∩Uε/2 (b).
Es würde also d (x, a) < ε/2 und d (x, b) < ε/2 gelten. Mit der Dreiecksungleichung
folgt der Widerspruch d (a, b) ≤ d (a, x) + d (x, b) < ε/2 + ε/2 = ε.

Lösung 19.5. Wenn eine Folge den Grenzwert a hat, dann müssen fast alle Folgen-
glieder in U1/2 (a) liegen. Diese Umgebung ist jedoch das Singleton {a}, d. h., fast
alle Folgenglieder sind a. Mit anderen Worten sind in metrischen Räumen genau
die Folgen konvergent, die ab einem bestimmten Punkt konstant sind.

Lösung 19.6. Die Folge aus Aufgabe 19.3 könnte man nehmen.

Lösung 19.7. Das folgt direkt aus der Aussage des Lemmas über Produkte, wenn
man für (b n ) die konstante Folge (λ) nimmt.

Lösung 19.8. Anderenfalls gälte |b n | ≤ |b|/2 und mit der Dreiecksungleichung


käme man dann auf den Widerspruch

|b| = |b − b n + b n | ≤ |b − b n | + |b n | < |b|/2 + |b|/2 = |b|.

Lösung 19.9. Die erste Folge ist eine Nullfolge. Die zweite Folge geht gegen −1/2
(man beachte das Vorzeichen). Das macht man mit demselben „Trick“ wie eben,
wobei hier mit 1/n 2 erweitert wird. Und durch Erweitern mit 1/n 3 ergibt sich bei
der dritten Folge der Grenzwert 0. Sie erkennen für Folgen dieser Art hoffentlich
ein allgemeines Verfahren, bei dem man immer mit dem Kehrwert der höchsten
Potenz von n erweitert, wenn in Zähler und Nenner Polynome in n stehen. Mit
etwas Übung sieht man den Grenzwert, ohne dass man die Berechnung explizit
durchführen muss.

Lösung 19.10. Wie für (−1/n)n zeigt man mit dem Majorantenkriterium, dass
¡ ¢

es sich um eine Nullfolge handelt. Die Folge (in ) hat die ersten vier Glieder 1, i, −1
und −i und wiederholt diese Werte von da an zyklisch. Die Folgenglieder (i/n)n
¡ ¢

kommen also der Null immer näher, drehen sich dabei aber im Kreis.

Lösung 19.11. Man könnte z. B. a n = 0 und b n = 1/n nehmen.

Lösung 19.12. Das folgt aus dem Lemma für (b n ), wenn man für (a n ) die konstan-
te Folge (0) nimmt.

Lösung 19.13. Sonst hätten wir x = 0 und damit M = {0}. Das kann man dadurch
widerlegen, dass man mindestens ein positives Element von M findet. Zum Beispiel
so: Nach Korollar 16.3 gibt es ein k ∈ N+ mit 1/k < y. Weil „erst recht“ 1/k n < y gilt,
folgt 1/k ∈ M .

Lösung 19.14. Geht man über zu Z/4Z, dann wird aus 5n + 3 der Ausdruck 1n + 3
und das ist offenbar 1 + 3 = 0.

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362 Anhang

leere Summe Lösung 19.15. Im Induktionsanfang (n = 0) haben wir es mit der leeren Summe
zu tun.39 Wir müssen also 0 = 0 · (0 + 1)/2 „beweisen“ und das ist offensichtlich
trivial. Für den Induktionsschritt berechnen wir
n(n + 1) n(n + 1) 2(n + 1)
1 + 2 + 3 + · · · + n + (n + 1) = + (n + 1) = +
2 2 2
2
n + 3n + 2 (n + 1)(n + 2)
= =
2 2
und sind damit bereits fertig. Wichtig für das Verständnis ist, dass die erste Gleich-
heit aus der Induktionsvoraussetzung folgt, denn dort haben wir die Summenfor-
mel für die ersten n der insgesamt n + 1 Summanden angewandt. Alle weiteren
Umformungen sind simple Schulmathematik.

Lösung 19.16. Dort wird gesagt, dass aus x 1 > x 2 > 0 wegen Lemma 15.3 x 1n > x 2n
folgt. Eigentlich folgt aber nur x 12 > x 22 . Wenn man korrekt vorgeht, dann geht es
um die Aussageform P (n), die

∀x 1 , x 2 ∈ R (x 1 > x 2 > 0 ⇒ x 1n+1 > x 2n+1 )

besagt. P (0) ist dann trivial und den Induktionsschritt beweist man mit dem er-
wähnten Lemma.

Und auch später müsste man noch einmal die vollständige Induktion anwenden.
¢n
Am Ende des Beweises wird nämlich limk→∞ a kn = limk→∞ a k ausgenutzt. Das
¡

folgt zwar aus den Rechenregeln für Grenzwerte, aber direkt nur für n = 2.

Lösung 19.17. Wäre die Aussage nicht wahr, dann gäbe es wieder eine kleinste
Zahl n ∈ N, für die P (n) nicht gilt. Weil es sich um die kleinste Zahl dieser Art
handelt, gilt dann jedoch P (m) für alle m, die kleiner als n sind. Und damit folgt
mit (19.1) sofort der Widerspruch, dass auch P (n) gelten muss.

In Satz 19.8 wird verlangt, dass die Wahrheit von P (n + 1) aus der von P (n) folgen
muss. In der Formulierung dieser Aussage darf man hingegen für den Nachweis
der Wahrheit von P (n + 1) die Wahrheit aller Aussagen „davor“ voraussetzen. Man
könnte (19.1) auch als (P (0) ∧ P (1) ∧ · · · ∧ P (n − 1)) ⇒ P (n) schreiben.

Lösung 19.18. Wenn wir P (n) für 2n > n 2 schreiben, dann gilt P (n) offenbar nicht
für alle n ∈ N, denn P (2), P (3) und P (4) sind falsch. In diesem Fall wählen wir also
k = 5. Der Induktionsanfang P (5) ist die Aussage 32 = 25 > 52 = 25, die offenbar
wahr ist. Im Induktionsschluss haben wir nun
IV ⋆
2n+1 = 2 · 2n > 2 · n 2 = n 2 + n 2 ≥ n 2 + (2n + 1) = (n + 1)2 . (L-4)

Dabei steht „IV“ für das Anwenden der Induktionsvoraussetzung. Wichtig ist al-
lerdings auch, dass die mit dem Stern markierte Abschätzung nur unter der Be-
dingung n ≥ 3 funktioniert, denn dann haben wir n 2 ≥ 3n = 2n + n ≥ 2n + 1. Wir
hätten zwar auch n = 0 beginnen können, weil P (0) eine wahre Aussage ist, aber
der Schluss (L-4) wäre dann nicht mehr für alle n korrekt gewesen.
39 Falls Ihnen dieses Konzept neu vorkommt und Sie sich nicht erinnern, dass in diesem Skript

bereits zweimal das leere Produkt vorkam, dann schauen Sie vielleicht mal im Index nach.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


Lösungen zu ausgewählten Aufgaben 363

Lösung 19.19. Wir beginnen die Induktion mit n = 1, was nach Aufgabe 19.18
legitim ist. An der Stelle im Induktionsschritt, an der wir {k 1 , k 2 } betrachten, setzen
wir jedoch voraus, dass die Aussage für n = 2 bereits bewiesen ist.

Lösung 19.20. Es handelt sich um diese Aussageform:

P (n) : ∀x ∈ [−1, ∞) (1 + x)n ≥ 1 + nx.

Wichtig ist, dass P (n) etwas über n aussagt, aber nicht über x, weil die Variable x
durch den Quantor gebunden ist. (Siehe Fußnote 15 auf Seite 19.)

Lösung 19.21. Wie wäre es mit (1 + 1/n)? Es gibt natürlich viele Beispiele.

Lösung 19.22. In diesem Fall hat man a n = 3−n .

Lösung 19.23. Wir wollen zeigen, dass a n = a n′ für alle n ∈ N gilt. Das ist unsere
Aussageform P (n). Wegen a 0 = x = a 0′ gilt P (0). Für den Induktionsschritt nehmen
wir nun an, dass P (n) gilt, also a n = a n′ . Dann folgt a n+1 = f (a n ) = f (a n′ ) = a n+1

,
also P (n + 1).

Lösung 19.24. Nacheinander ergibt sich dies:

a2 = a0 + a1 = 0 + 1 = 1 a3 = a1 + a2 = 1 + 1 = 2
a4 = a2 + a3 = 1 + 2 = 3 a5 = a3 + a4 = 2 + 3 = 5
a6 = a4 + a5 = 3 + 5 = 8 a 7 = a 5 + a 6 = 5 + 8 = 13

Lösung 19.25. Wir erhalten nacheinander:

p0 = 2 1 + p0 = 3
p1 = 3 1 + p0 p1 = 7
p2 = 7 1 + p 0 p 1 p 2 = 43
p 3 = 43 1 + p 0 p 1 p 2 p 3 = 1807

1807 hat die Primteiler 13 und 139 und damit folgt p 4 = 13.

Lösung 19.26. Im ersten Fall wäre das F (a) = a/3 mit x = 1. Für die andere Folge
ist eine solche Definition gar nicht möglich, denn mit

a 1 = h(a 0 ) = h(1) = h(a 1 ) = a 2

würden wir eine konstante Folge erhalten. Hier muss man Satz 19.12 mit F (;) = 1
und F (g ) = (1 + max dom(g )) · max rng(g ) für g ̸= ; verwenden.

Lösung 19.27. Für die Fibonacci-Folge setzt man F (;) = 0, F ({(0, 0)}) = 1 und
F (g ) = g (n)+g (n +1) für alle g mit dom(g ) = [n +2]0 . Für die andere Folge definiert
man F durch F (;) = 2 und F (g ) als kleinsten Primteiler von g (0) · g (1) · · · · · g (n) für
alle g mit dom(g ) = [n + 1]0 .
p
Lösung 19.28. Man muss sich nur klarmachen, dass so etwas wie m a nur eine
andere Schreibweise für a 1/m ist. Das sollte man ohnehin immer im Kopf behalten,
weil sich dadurch Wurzelterme oft vereinfachen lassen.

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364 Anhang

p p
Lösung 19.29. Zum Beispiel a = −2: (−2)2 = 4 = 2 ̸= −2. Das ist kein Wider-
spruch, weil die Aussagen in Lemma 19.14 nur für nichtnegative Zahlen a und b
gelten.

Lösung 19.30. Hier muss man ein bisschen umformen und dann wieder mit dem
Kehrwert des am schnellsten wachsenden Terms erweitern. Es ergibt sich:

4n+1 + 2n 4n+1 + 2n 4−n 4 + (1/2)n n→∞ 4 + 0


= · −n = −→ =2
4n + 22n 2 · 4n 4 2 2
Lösung 19.31. Man muss lediglich eine einfache Umformung erkennen, um auf
eine Folge zu kommen, deren Grenzwert wir gerade hergeleitet haben:
p
n p
n
p
n
p
n
p
n
2n+1 = 2n · 2 = 2n · 2 = 2 · 2 → 2 · 1 = 2

Lösung 19.33. Zum Beispiel (−1)n /n .


¡ ¢

Offensichtlich gilt die Umkehrung von Lemma 19.17 jedoch, wenn (a n ) eine reelle
Nullfolge ist, die nie das Vorzeichen wechselt: Dann ist (1/a n ) bestimmt divergent.

Lösung 20.1. In den meisten Fällen kann man Lemma 20.2 anwenden. Die Folge
(2n+42 /3n ) ist die Nullfolge 242 · (2/3)n und daher ist die erste Aussage wahr und
¡ ¢

die zweite nicht. 2 /(n 2 2n ) ist die Nullfolge (1/n 2 ) und daher ist die dritte Aussage
¡ n ¢

falsch. n 2 2n /3n ist die Folge n 2 /(3/2)n , die nach Lemma 19.11 eine Nullfolge
¡ ¢ ¡ ¢

ist, also ist die vierte Aussage wahr. 2n /(2n )2 ist die Nullfolge (1/2n ) und daher ist
¡ ¢

die fünfte Aussage falsch. Dass die letzte Aussage richtig ist, folgt schließlich mit
log n ∈ O (n) und Punkt (iii) von Satz 20.1.

Lösung 21.1. a k ist in diesem Fall k 2 . Es müsste daher so aussehen:

5 4 3
k 2 = 52 + k 2 = 52 + 42 + k2
X X X
k=3 k=3 k=3
2
= 52 + 42 + 32 + k 2 = 52 + 42 + 32 + 0 = 50
X
k=3

Lösung 21.3. 1 · 1 + 1 · 1 ist nicht dasselbe wie (1 + 1) · (1 + 1). Man kann als Gegen-
beispiel also a k = b k = 1, m = 1 und n = 2 nehmen.

Lösung 21.4. Bei der ersten Summe kann man zunächst den Faktor 3 ausklam-
mern und erkennt dann eine arithmetische Summe, die „zu spät anfängt“ und
daher in zwei Teile zerlegt werden muss. Bei der zweiten Summe handelt es sich
im Wesentlichen um eine geometrische Summe mit q = 1/2.

20
X 20
X 20
³X X4 ´ ³ 20 · 21 4 · 5 ´
3n = 3 n=3 n−n =3 − = 600
n=5 n=5 n=1 n=1 2 2
¡ 1 ¢9 ¡ 1 ¢3
8 1 8 ³ 1 ´n 2 ³ 1 ´n
2 −1 2 −1
X X X ³³ 1 ´ ³ 1 ´´
n
= − = 1
− 1
= 2 − 1 − − 1
n=3 2 n=0 2 n=0 2 2 −1 2 −1
8 512
1 1 63
= − =
4 256 256

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Lösungen zu ausgewählten Aufgaben 365

Lösung 21.5. Die „Schrittweite“ ist hier offenbar 10 statt 1, also klammert man 10
aus und bekommt

23
X 23
³X 3
X ´
40 + 50 + 60 + · · · + 230 = 10(4 + 5 + 6 + · · · + 23) = 10 k = 10 k− k
k=4 k=1 k=1
³ 23 · 24 3·4´
= 10 − = 2700.
2 2
Pn
Lösung 21.6. Mit k=1
k 2 = n 3 /3 + n 2 /2 + n/6 ergibt sich

8 1 3 1 2 1 512 + 96 + 4
n2 =
X
·8 + ·8 + ·8 = = 204.
n=1 3 2 6 3

Lösung 21.7. Zum Glück kürzt sich fast alles weg:

8
Y k 3 4 5 6 7 8 3 1
= · · · · · = =
k=3 k + 1 4 5 6 7 8 9 9 3

Lösung 21.8. Die richtige Antwort lautet nk=m λa k = λn−m+1 nk=m a k und nicht
Q Q
Qn
λa k = λ nk=m a k . Wenn Ihnen das nicht klar ist, dann schreiben Sie sich für
Q
k=m
kleine Werte wie m = 1 und n = 4 explizit hin, wofür die Ausdrücke stehen.

Lösung 21.9. Haben Sie’s gesehen? Es ist der Binomialkoeffizient:


à !
Y k n −i +1 n · (n − 1) · (n − 2) · · · (n − k + 1) n
= =
i =1 i 1·2·3···k k

Lösung 21.10. Als Reihe hat das Beispiel die Form ∞ (−1)k und die Folge der
P
k=0
Partialsummen ist 0, 1, 0, 1, 0, 1, . . . . Da diese Folge nicht konvergiert, gibt es keinen
Reihenwert.

Lösung 21.11. Man könnte beispielsweise a n = 0 für gerade n und a n = n für


ungerade n definieren. Dann wäre 0 der einzige Häufungspunkt, die Folge jedoch
unbeschränkt und damit nicht konvergent.

Lösung 21.12. Man kann z. B. die Folge

1 1 2 1 2 3 1 2 3 4 1
, , , , , , , , , , , ...
2 3 3 4 4 4 5 5 5 5 6

nehmen. Dann ist jedes Element des Intervalls I = (0, 1) ein Häufungspunkt der
Folge. Das liegt daran, dass offenbar alle Brüche zwischen 0 und 1 als Folgenglie-
der vorkommen. Ist x ∈ I und ε > 0 vorgegeben, so gibt es, da Q dicht in R liegt,
unendlich viele rationale Zahlen in Uε (x). Ist ε o. B. d. A. klein genug, liegen diese
alle in I und kommen daher als Folgenglieder vor.

Übrigens sind 0 und 1 ebenfalls Häufungspunkte der Folge. Man müsste aber etwas
umständlicher formulieren, um das auch noch zu begründen.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


366 Anhang

Lösung 21.13. Dass (a n ) auch eine Cauchy-Folge ist, folgt aus

|a m − a n | ≤ |(a m − a n ) + i(b m − b n )| = |(a m + ib m ) − (a n + ib n )|.

Ebenso zeigt man, dass (b n ) eine Cauchy-Folge ist.

Ist nun ε > 0 vorgegeben, so gibt es n 1 , n 2 ∈ N mit |a n − a| < ε/2 für n ≥ n 1 und
|b n − b| < ε/2 für n ≥ n 2 . Für n ≥ max{n 1 , n 2 } gilt dann

|(a n + ib n ) − (a + ib)| = |(a n − a) + i(b n − b)| ≤ |a n − a| + |b n − b| < ε.

Lösung 21.14. Mit q = 1/3 erhalten wir ∞ −n


= (1 − 1/3)−1 = 3/2. Und mit
P
P1 n=0 3
−n
n=0 3 = 1 + 1/3 = 4/3 ergibt sich als gesuchter Reihenwert 3/2 − 4/3 = 1/6.

Lösung 21.16. Zum Beispiel so:


X 3 ³X∞ 1 X2 1 ´ ³ 1 1´
2
= 3 2
− 2
= 3 1 − − =1
n=3 n + n n=1 n + n n=1 n + n 2 6
X∞ 5 ³X∞ 1 X1 1 ´ ³ 1´ 5
n
= 5 n
− n
= 5 2 − 1 − =
n=2 2 n=0 2 n=0 2 2 2
∞ 2 · 4n + 3n+1 ∞ ¡2¢ ∞ ¡1¢ ³ 2 ´−1 ³ 1 ´−1
X X n X n
= 2 + 3 = 2 1 − + 3 1 − = 12
n=0 6n n=0 3 n=0 2 3 2

Lösung 21.17. In gewissem Sinne sind die „meisten“ Funktionen weder monoton
steigend noch fallend. Man könnte die Folge aus Aufgabe 19.3 als Beispiel nehmen.
Oder eine Parabel wie x 7→ x 2 . Oder die Sinusfunktion.

Lösung 21.18. Sie sind injektiv. Ist f : A → R beispielsweise streng monoton stei-
gend und sind x, y ∈ A verschieden, so gilt a < b oder b < a und damit f (a) < f (b)
oder f (b) < f (a), auf jeden Fall also f (a) ̸= f (b).

Lösung 21.19. Es gibt keine streng monoton fallende Folge natürlicher Zahlen.

Lösung 21.20. Wäre auch nur ein Folgenglied a n0 negativ, so wären ab n 0 alle
Folgenglieder höchstens so groß wie a n0 , weil die Folge monoton fällt. Dann wäre
nach Lemma 19.6 aber auch der Grenzwert höchstens so groß wie a n0 und damit
negativ und nicht null.

Lösung 21.21. Weil dann fast alle Folgenglieder unterhalb von q = (b +1)/2 liegen
müssen. (q liegt genau in der Mitte zwischen b und 1. Man hätte auch irgendeine
andere Zahl aus dem Intervall (b, 1) nehmen können.)

Lösung
p 21.22. Das gilt z. B. für das „Standardbeispiel“ der harmonischen Reihe.
n
1/n ist für n > 1 immer kleiner als 1.

Man könnte auch so etwas wie die Reihe ∞


P
n=1 (1/2 − 1/n) nehmen, die nach dem
Nullfolgenkriterium nicht konvergiert.

Lösung 21.23. Die n-te Wurzel des n-ten Reihenglieds ist 1/2 − 1/n und dieser
Wert ist nie größer als 1/2. Daher konvergiert die Reihe.

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Lösungen zu ausgewählten Aufgaben 367

Lösung 21.24. Der Quotient zweier aufeinanderfolgender Reihenglieder ist

(3 + (n + 1)2 )7−(n+1) 1 3 + (n + 1)2 1 n 2 + 2n + 4


= · = · .
(3 + n 2 )7−n 7 3 + n2 7 n2 + 3

Für n → ∞ geht dieser Ausdruck gegen 1/7 und da diese Zahl kleiner als 1 ist,
konvergiert die Reihe.

Lösung 21.25. Für k ≥ 2 gilt

1 1
k −2 = 2
≤ .
k k(k − 1)

Damit ist ∞ (k 2 − k)−1 eine Majorante für ∞ k −2 und das ist dieselbe Reihe
P P
k=2 k=2
P∞ 2 −1
wie k=1 (k + k) , die nach Lemma 21.10 konvergiert.

Lösung 21.30. 10100 /7 ist 10100 · 1/7 und 1/7 hat die periodische Dezimaldarstel-
lung 0.142857. Die Periodenlänge ist 6, also haben 106 /7, 1012 /7 und so weiter
dieselben Nachkommastellen wie 1/7. Insbesondere hat 1096 /7 diese Nachkomma-
stellen, weil 96 durch 6 teilbar ist. 10100 /7 ist gegenüber dieser Zahl um vier Stellen
verschoben, also sind die ersten drei Nachkommastellen dieser Zahl 5, 7 und 1.

Lösung 21.31. Der entscheidende Schritt zur Lösung von Aufgabe 21.30 war die
Verschiebung um vier Stellen, die sich durch 100 mod 6 = 4 ergab. Jetzt brauchen
wir 51000 mod 6. Dafür können wir dieselbe Technik wie in Aufgabe 13.24 anwen-
den: 52 mod 6 ist 1, also muss 51000 mod 6 ebenfalls 1 sein. Es ergibt sich somit
eine Verschiebung um eine Stelle und daher ist die dritte Nachkommastelle 8.

Lösung 21.32. Die Antworten für π sind 3.142, 3.1416 und 3.1415927. Bei 3/80
kommt 0.037 oder 0.038 heraus. Sowohl bei kaufmännischem als auch bei mathe-
matischem Runden würde man sich für 0.038 entscheiden müssen.

Lösung 21.33. Die Frage stellt sich offenbar nur, wenn vor einerpFünf gerundet
wird, auf die nur noch Nullen folgen. Bei irrationalen Zahlen wie 2 kann dieser
Fall nicht eintreten.

Lösung 21.34. Beispielsweise 0.0996. Gerundet ist das 0.100.

Lösung 21.36. Ein besonders einfaches Beispiel ist x = y = 1 mit x̃ = ỹ = 1.1. Die
absoluten Fehler sind in beiden Fällen 0.1, die relativen Fehler liegen jeweils bei
10 %. Die „falsche“ Summe 1.2 weicht um 0.2 von der richtigen ab, das „falsche“
Produkt 1.21 ist 21 % größer als das richtige.

Lösung 22.1. Es bietet sich n 7→ n + 1 an. Wenn Sie eine andere Idee hatten, ist
das aber auch OK – falls es sich wirklich um eine Bijektion handelt.

Lösung 22.2. Man könnte zum Beispiel


(
n/2 n gerade
n 7→
−(n + 1)/2 n ungerade

nehmen. Es gibt aber auch hier viele andere Möglichkeiten.

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368 Anhang

Lösung 22.3. Als injektive Abbildung von A nach B kann man natürlichen ein-
fach f = id A nehmen. Als injektive Abbildung von B nach A eignet sich z. B. ein
„Zusammendrücken“ des Intervalls wie x 7→ g (x) = x/2 + 1/4. Da diese Funktion
streng monoton ist, ist sie injektiv, und ihr Wertebereich ist offenbar das Intervall
[1/4, 3/4], also eine Teilmenge von (0, 1).

Lösung 22.4. Eine Möglichkeit wäre die folgende:




B→A
 
 −1

2
 x =0
:

x 7→ (n + 2)


−1
x = 1/n für ein n ∈ N+
 

 x sonst

Lösung 22.5. Sowohl f als auch g bilden 1/2 auf 1/2 ab. 1/2 liegt also auf einer
Schleife – einer Kette ohne Anfang – und damit nicht auf einer B -Kette. Für 3/8
haben wir g (1/4) = 3/8, f (1/4) = 1/4 und g (0) = 1/4. Aber 0 ∈ B gehört nicht zum
Wertebereich von f . Also liegt 3/8 auf einer B -Kette.

Lösung 23.1. Ja, denn ; ist eine bijektive Abbildung von ; auf [0]. Falls Ihnen das
nicht klar ist, schauen Sie sich noch einmal die Aufgaben 4.7 und 6.2 an.

Lösung 23.2. Offenbar stehen in der k-ten Diagonale k Brüche p/q, für die je-
weils p + q = k + 1 gilt. Zählt man wie in der Skizze ab, so kommen innerhalb einer
Diagonale die Brüche mit kleinem Nenner zuerst. Vor den Brüchen in der k-ten
Diagonale kommen 1 + 2 + · · · + (k − 1) andere Brüche an die Reihe. Nach der Gauß-
schen Summenformel sind das k(k − 1)/2. Insgesamt wird dem (gekürzten) Bruch
p/q damit die Zahl

(p + q − 1)(p + q − 2)/2 + q = (p 2 + q 2 + 2pq − 3p − q + 2)/2

zugeordnet.

Lösung 23.3. Als Teilmenge von N ist P nach Lemma 23.2 abzählbar. Nach dem
Satz von Euklid ist P unendlich.

Lösung 23.4. Bildet man das Polynom x 7→ a 0 + a 1 x + a 2 x 2 + · · · + a n x n auf das


Tupel (a 0 , . . . , a n ) ab, so erhält man offenbar eine Bijektion von Q[x] auf n∈N+ Qn .
S

Nach Korollar 23.7 ist der Wertebereich dieser Bijektion abzählbar.

Lösung 23.5. Weil A abzählbar ist, gibt es eine Injektion f von A nach N. Jeder
endlichen Teilmenge B von A kann dadurch eindeutig ein n-Tupel zugeordnet
werden; nämlich das Tupel (a 1 , . . . , a n ), für das {a 1 , . . . , a n } = B und f (a i ) < f (a i +1 )
für alle i < n gilt. Nach Korollar 23.7 ist P <∞ (A) daher abzählbar.

Lösung 24.1. Nach Korollar 23.4 ist Q abzählbar. Wäre R \ Q ebenfalls abzählbar,
so wäre R als Vereinigung dieser beiden Mengen nach Satz 23.6 abzählbar. Das
widerspricht jedoch Korollar 24.3.

Lösung 24.2. Bildet man die reelle Zahl r auf die Funktion x 7→ r ab, so erhält man
für jede Zahl eine andere Polynomfunktion aus R[x]. Damit gilt R R[x]. Nach
Korollar 24.3 und Lemma 24.2 ist R[x] daher überabzählbar.

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Lösungen zu ausgewählten Aufgaben 369

Lösung 24.3. A ist abzählbar, weil durch m 7→ m 2 eine injektive Funktion von
p
A nach N definiert wird. Für festes k ∈ N+ ist B k = { k n : n ∈ N+ } abzählbar, weil
durch m 7→ m k eine injektive Funktion von B k nach N definiert wird. Daher ist
B = k∈N+ B k nach Satz 23.6 ebenfalls abzählbar. C ist eine Teilmenge von Z und
S

daher abzählbar. D ist überabzählbar, weil bereits die Teilmenge R × {0} von D
offenbar dieselbe Mächtigkeit wie R hat. E ist überabzählbar, weil bereits die
Teilmenge [1, 2) von E als echtes Intervall überabzählbar ist. Für jedes n ∈ N ist
P ([n]) endlich (Satz 3.1), also ist F nach Satz 23.6 abzählbar. G ist die leere Menge
(siehe Aufgabe 3.14) und daher endlich und insbesondere abzählbar.

Lösung 24.4. Man bildet A ⊆ N auf die charakteristische Funktion

χ A = { (k, 1) : k ∈ A } ∪ { (k, 0) : k ∈ N \ A }

ab. Siehe auch Aufgabe 6.54.

Lösung 25.1. Nein. Als Gegenbeispiel kann man die konstante Funktion f (x) = c
nehmen.

Lösung 25.3. Sei f : I → R stetig und I ein Intervall. Um zu zeigen, dass die Menge
f [I ] = rng( f ) ein Intervall ist, greifen wir uns zwei Werte r 1 , r 2 mit r 1 < r 2 aus f [I ]
und eine Zahl r ∈ (r 1 , r 2 ) heraus und müssen begründen, warum r ein Element von
f [I ] ist.

Nach Definition gibt es x 1 , x 2 ∈ I mit f (x 1 ) = r 1 und f (x 2 ) = r 2 . Weil I ein In-


tervall ist, liegen alle Werte zwischen x 1 und x 2 ebenfalls in I . Man kann mit
a = min{x 1 , x 2 } und b = max{x 1 , x 2 } sowie d = r nun Satz 25.3 anwenden.

Lösung 25.5. Der Abstand von a 0 und b 0 ist 4 und durch das fortgesetzte Halbie-
ren ist der Abstand von a k und b k somit 2−k · 4 = 22−k . Nach dem 15. Schritt ist
der Abstand 2−13 . (Man hätte natürlich auch einfach b 15 − a 15 berechnen können,
aber so hat man eine allgemeine Formel.) Die Mitte des Intervalls ist vom richtigen
Ergebnis also maximal 2−14 entfernt. Das ist ungefähr 6.1 · 10−5 und damit weniger
als 5 · 10−4 , aber mehr als 5 · 10−5 . Man darf also maximal drei Nachkommastellen
angeben: −1.167.

Lösung 25.6. Die korrekte Antwort ist 1.40 – und nicht etwa 1.4!
Lösung 25.7. Eine Lösung in P YTHON könnte so aussehen:

def zero(f,a,b,n):
eps = 10**-n
m = (a+b)/2
while abs(a-m) > eps:
if f(m) == 0:
return round(m,n)
if f(a)*f(m) < 0:
b = m
else:
a = m
m = (a+b)/2

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


370 Anhang

return round(m,n)

zero(lambda x: x**5-x+1,-2,2,3)

Lösung 26.1. Sei f (x) = a und g (x) = x. Dann ergibt sich


f (x) − f (x 0 ) a−a
f ′ (x 0 ) = lim = lim = 0 und
x→x 0 x − x0 x→x 0 x − x 0
g (x) − g (x 0 ) x − x0
g ′ (x 0 ) = lim = lim = 1.
x→x 0 x − x0 x→x 0 x − x 0

Lösung 26.2. Man erhält 2x 0 , und zwar so:


x 2 − x 02 (x − x 0 )(x + x 0 )
lim = lim = lim (x + x 0 ) = 2x 0
x→x 0 x − x0 x→x 0 x − x0 x→x 0

Lösung 26.3. Die Steigung der Tangente (also der Wert L aus Lemma 26.2) ist
(nach Aufgabe 26.2) 2x 0 = −2. Der Funktionswert f (x 0 ) ist (−1)2 = 1. Damit erhält
man die Gerade x 7→ 1 + (−2)(x − (−1)) = −2x − 1 und man kann durch Einsetzen
verifizieren, dass diese Gerade durch den Punkt (−1, 1) geht.

Lösung 26.4. Da 1 die Ableitung von x 7→ x ist, ergibt sich 1 · x 0 + x 0 · 1 = 2x 0 .


Natürlich muss dasselbe herauskommen, was wir schon einmal berechnet hatten.

Lösung 26.5. Dass die Aussage für den trivialen Fall n = 0 gilt, hatten wir uns
schon überlegt. Mit der Leibnizregel und der Induktionsvoraussetzung für die
Ableitung von x 7→ x n erhalten wir nun für die Ableitung von x 7→ x n+1 = x · x n
1 · x 0n + (nx 0n−1 ) · x 0 = x 0n + nx 0n = (n + 1)x 0n .
Lösung 26.6. Die Ableitung ist 9x 02 − 10x + 8.

Lösung 26.7. So geht es los:


f (x) = 3x 3 − 5x 2 + 8x − 2
f (1) (x) = f ′ (x) = 9x 2 − 10x + 8
f (2) (x) = f ′′ (x) = 18x − 10
f (3) (x) = 18
f (4) (x) = 0
Alle weiteren Ableitungen sind ebenfalls die konstante Nullfunktion.

Lösung 26.8. Mit der Leibnizregel erhält man


f ′ (x) = (2x)(x 3 − x) + (x 2 + 3)(3x 2 − 1) = 2x 4 − 2x 2 + 3x 4 + 9x 2 − x 2 − 3
= 5x 4 + 6x 2 − 3.
Die alternative Berechnung liefert
f (x) = (x 2 + 3)(x 3 − x) = x 5 + 3x 3 − x 3 − 3x = x 5 + 2x 3 − 3x und
′ 4 2
f (x) = 5x + 6x − 3.
Natürlich muss in beiden Fällen dasselbe herauskommen!

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Lösungen zu ausgewählten Aufgaben 371

Lösung 26.9. x −3 ist der Kehrwert von x 3 und die Ableitung von x 3 ist (nach
Aufgabe 26.5) 3x 2 . Damit ergibt sich

−3x 2
f ′ (x) = = −3x −4 .
(x 3 )2

Lösung 26.10. Man muss das nur noch für negative Zahlen beweisen. Sei also
n ∈ N+ . Wir wissen schon, dass nx n−1 die Ableitung von x n ist. Für f (x) = x −n gilt
dann

−nx n−1 −nx n−1


f ′ (x) = = = −nx n−1−2n = −nx −n−1 .
(x n )2 x 2n

Lösung 26.12. Die Ableitung des Zählers ist 2x + 2, die des Nenner 6x. Damit
ergibt sich insgesamt

(2x + 2)(3x 2 − 2) − (x 2 + 2x + 2)6x 6x 2 + 16x + 4


f ′ (x) = 2 2
=− 4 .
(3x − 2) 9x − 12x 2 + 4

Lösung 26.14. Wir haben hier h = f ◦ g mit g (x) = 3x 2 − 5x + 2 und f (x) = x 4 . Die
„äußere“ Ableitung ist f ′ (x) = 4x 3 , die „innere“ g ′ (x) = 6x − 5. Damit ergibt sich

h ′ (x) = 4(3x 2 − 5x + 2)3 (6x − 5) = (3x 2 − 5x + 2)3 (24x − 20).

Lösung 26.15. Die Ableitung ist gemäß (26.5)

1 1 1 1
( f −1 )′ (y) = = p = p = p .
f ′ ( f −1 (y)) f ′ ( n y) n( n y)n−1 n n y n−1

Welchen der letzten beiden Terme man einfacher bzw. „schöner“ findet, ist Ge-
schmackssache.

Lösung 26.16. f −1 (x) hat dann die Form x 1/n und aus der Ableitung wird

1 −(n−1)/n 1 1
( f −1 )′ (y) = ·y = · y n −1 .
n n

Lösung 27.1. Der Entwicklungspunkt ist −3. Der Abstand zwischen 1 und −3
ist größer als der Konvergenzradius 2, also konvergiert die Reihe für z = 1 nicht.
Das gilt „erst recht“ für z = 2. Für z = −4 konvergiert die Reihe, weil der Abstand
zu −3 kleiner als 2 ist. Für z = −1 kann man auf der Basis der Informationen aus
der Aufgabenstellung keine definitive Aussage machen, weil der entsprechende
Abstand exakt 2 ist. Das gilt ebenso für z = −3 + 2i.

Lösung 27.2. Der Entwicklungspunkt ist 2 − i. Daher sollte es so aussehen:

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


372 Anhang

1
2−i
3

Die Reihe wird also beispielsweise konvergieren, wenn man z = i setzt, weil i im
Inneren des Kreises liegt. Und sie wird nicht konvergieren, wenn man z = 5 setzt.
Der Abstand von 5 zum Entwicklungspunkt ist (ein bisschen) größer als 3.

Lösung 27.3. Man kann auf zwei Arten zum Ergebnis kommen. Die eine ist, dass
man die einzelnen Reihenglieder differenziert, wie man es auch im besagten Satz
macht. Nach der Kettenregel hat a n (z − z 0 )n die Ableitung na n (z − z 0 )n−1 , weil
die „innere“ Ableitung einfach 1 ist. Die zweite Variante ist, dass man (27.1) als
n
f (z − z 0 ) betrachtet, wobei f (z) = ∞
P
n=0 a n z gilt. Man würde dann (wieder mit
der Kettenregel) als Ableitung f ′ (z − z 0 ) erhalten. In beiden Fällen ist das Ergebnis
n−1
jedenfalls ∞
P
n=0 na n (z − z 0 ) mit demselben Entwicklungspunkt und demselben
Konvergenzradius.

Lösung 28.1. exp(0) ist 1, weil in diesem Fall alle Reihenglieder bis auf das erste
verschwinden. Für e erhält man
1 1 1
e = exp(1) ≈ 1 + 1 + + + = 65/24 ≈ 2.70833.
2 6 24
Wenn man wie hier nach k Summanden abbricht, dann gilt für den fehlenden Teil
der Reihensumme
X∞ 1 1 X ∞ k! 1 X ∞ 1
= =
n=k n! k! n=k n! k! n=k (k + 1)(k + 2) · · · n
1 X ∞ 1 1 1 1 k +1
≤ n
= · = · .
k! n=0 (k + 1) k! 1 − 1/(k + 1) k! k

Im konkreten Fall k = 5 ist der Fehler also höchstens 1/100 und daher wäre 2.7
eine sichere Rundung. (Der tatsächliche Wert von e auf zehn Stellen nach dem
Komma gerundet ist 2.718281828. Da diese Zahl irrational ist, kann man immer
nur Näherungswerte angeben.)

Lösung 28.2. Für das Quotientenkriterium betrachten wir für festes z ∈ C den
Quotienten zweier aufeinanderfolgender Reihenglieder und erhalten

z n+1 ± z n z n+1 n! z
= · n= . (L-5)
(n + 1)! n! (n + 1)! z n +1

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Lösungen zu ausgewählten Aufgaben 373

Die Folge (z/(n + 1))n∈N ist bis auf den konstanten Faktor z im Prinzip die harmo-
nische Folge, die gegen null konvergiert. Also sind fast alle Terme der Form (L-5)
z. B. kleiner als 1/2.

Lösung 28.3. In beiden Fällen muss man die Kettenregel verwenden. Im ersten
Fall erhält man 2x exp(x 2 ). Im zweiten Fall werden die Rollen von „äußerer“ und
„innerer“ Funktion vertauscht und man erhält 2 exp(x)2 .

Lösung 28.4. Beispiele wären 2 exp(x) oder exp(x +42). Generell ist jede Funktion
der Form x 7→ a exp(x + b) mit Konstanten a und b ihre eigene Ableitung.

Lösung 28.6. Für den Induktionsanfang muss man verifizieren, dass (28.3) kor-
rekt ist, wenn man n = 0 einsetzt. Das ist offenbar der Fall:
à ! à !
0 0 0−0 X 0 0 k 0−k
0
(a + b) = 1 = a b = a b
0 k=0 k

Der Induktionsschluss sieht dann so aus:


à !
n n
n+1 n
a k b n−k
X
(a + b) = (a + b)(a + b) = (a + b)
k=0 k
à ! à !
n n n n
a k+1 b n−k + a k b n+1−k
X X
=
k=0 k k=0 k
à ! à !
n+1 n n n
k n+1−k
a k b n+1−k
X X
= a b +
k=1 k − 1 k=0 k
à ! à ! à !
n
n n+1 0 X n + 1 k n+1−k n 0 n+1
= a b + a b + a b
n k=1 k 0
à ! à ! à !
n + 1 n+1 0 X n n +1 n + 1 0 n+1
k n+1−k
= a b + a b + a b
n +1 k=1 k 0
à !
n+1
X n + 1 k n+1−k
= a b
k=0 k

Bei der ersten Gleichheit wurde die Induktionsvoraussetzung angewendet, weiter


unten dann Eigenschaften des Binomialkoeffizienten, die aus der Schule bekannt
sein sollten. Zur Wiederholung eignen sich z. B. die Videos Binomialkoeffizienten
und Das Pascalsche Dreieck.

Lösung 28.7. Nach dem binomischen Lehrsatz gilt


à ! à !
19 19 19 19
k 19−k
19
xk
X X
(x + 1) = x 1 =
k=0 k k=0 k
¡19¢
und damit ist die Antwort 13 = 27 132.

Lösung 28.8. Für x ≥ 0 gilt offenbar exp(x) ≥ 1+x. (Dafür muss man nur die ersten
beiden Reihenglieder summieren.) Damit gilt „erst recht“ exp(x) > x für jedes x > 1
und nach Satz 28.7 exp(−x) = 1/ exp(x) < 1/x. Weil exp nach Lemma 28.2 und

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374 Anhang

Korollar 26.3 stetig ist, gehören nach dem Zwischenwertsatz alle Elemente von
[1/x, x] zum Wertebereich. Weil x beliebig war, ist die Behauptung damit bewiesen,
S
denn es gilt { [1/x, x] : x ∈ (1, ∞) } = (0, ∞).

Lösung 28.9. Zunächst sei an Aufgabe 21.18 erinnert. Dort wurde begründet, dass
f überhaupt eine Umkehrfunktion hat. Wäre f −1 nicht streng monoton steigend,
dann gäbe es x und y aus dem Wertebereich von f mit x < y und f −1 (x) ≥ f −1 (y).
Auf diese Werte kann man aber f anwenden und wegen der strengen Monotonie
von f folgt

x = f ( f −1 (x)) ≥ f ( f −1 (y)) = y,

was offenbar ein Widerspruch ist.

Lösung 28.10. Wieder ein Fall für die Kettenregel. Es ergeben sich 2x/(x 2 + 1) und
(2 ln x)/x.

Lösung 28.11. Man kann den Beweis von Lemma 28.9 einfach kopieren:

exp(ln x 1 − ln x 2 ) = exp(ln x 1 ) exp(− ln x 2 ) = exp(ln x 1 )/ exp(ln x 2 ) = x 1 /x 2 .

Man beachte, dass damit insbesondere auch ln(1/x) = − ln x gilt.

Lösung 28.12. Man muss wirklich nur einsetzen. Daher werden hier exemplarisch
nur (i) und (v) vorgerechnet.

a r · a s = exp(r ln a) exp(s ln a) = exp(r ln a + s ln a) = exp (r + s) ln a = a r +s


¡ ¢

(a r )s = exp(r ln a)s = exp s ln exp(r ln a) = exp(sr ln a) = a sr


¡ ¢

Lösung 28.13. Für a > 1 gilt ln a > 0. Aus x 1 < x 2 folgt dann x 1 ln a < x 2 ln a und
damit hat man

a x1 = exp(x 1 ln a) < exp(x 2 ln a) = a x2 ,

weil die Exponentialfunktion nach Lemma 28.6 auf R streng monoton steigt. Für
0 < a < 1 folgt die Behauptung analog mit ln a < 0.

Lösung 28.14. Nach Definition geht es um die Funktion x 7→ exp(r ln x). Mit der
Kettenregel und Lemma 28.8 erhält man als Ableitung

r /x · exp(r ln x) = r /x · x r = r x r −1 .

Lemma 26.9 gilt also auch dann noch, wenn man q durch eine beliebige reelle
Zahl r ersetzt.

Lösung 28.15. Nach Definition geht es um die Funktion x 7→ exp(x ln a) und da


muss man mal wieder die Kettenregel anwenden. Als Ableitung ergibt sich

ln a exp(x ln a) = (ln a)a x .

Lösung 28.16. Ihnen ist hoffentlich klar, dass 26 = 64 und 105 = 100 000 gilt. Daher
sind die Antworten 6 und 5.

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Lösungen zu ausgewählten Aufgaben 375

Lösung 28.17. Man wendet Lemma 28.11 an und braucht sogar nur eine der
beiden Funktionen. Entweder log10 42/ log10 7 oder ln 42/ ln 7.
p p p p
Lösung 28.18. Es ergibt sich a = 1/ 500, b = 5· 500 = 2500 = 50 und schließ-
lich c = log10 20b = log10 1000 = 3.

Lösung 28.19. Nach Definition gilt x = c b . Nach den bekannten Rechenregeln


aus Lemma 28.10 folgt x −2/b = (c b )−2/b = c −2 = 1/c 2 . Welchen der beiden letzten
Ausdrücke man als einfacher oder schöner ansieht, ist Geschmackssache.

Lösung 28.20. Wendet man auf beide Seiten loga an, so erhält man mit Lem-
ma 28.11

x = loga (5/a 2 ) = loga 5 − loga a 2 = (loga 5) − 2.

Alternativ kann man auch erst die Gleichung mit a 2 multiplizieren und dann den
Logarithmus anwenden. Das führt über a x+2 = 5 zu x + 2 = loga 5, also natürlich
zum selben Ergebnis.

Lösung 28.21. Nach dem Lemma 28.11 gilt loga x = ln x/ ln a. Nach Lemma 28.8
ist die Ableitung daher 1/(x ln a).

Lösung 29.1. Das sind 2x cos(x 2 + 1) und cos x/ sin x. Die zweite Funktion wird
auch als Kotangens bezeichnet.

Lösung 29.2. Nach der Quotientenregel erhält man (in Kurzschreibweise)

sin′ cos − sin cos′ cos2 + sin2


tan′ = = .
cos2 cos2

Das kann man auf zwei Arten vereinfachen: entweder durch Kürzen zu 1 + tan2
oder mit dem später bewiesenen Satz des Pythagoras zu 1/ cos2 . Welche Form man
bevorzugt, ist Geschmackssache.

Lösung 29.3. Nach dem besagten Lemma hat man

cos(7π/6) = cos(π + π/6) = cos(π − π/6) = cos(5π/6) und


cos(5π/6) = cos(π/2 + π/3) = − cos(π/2 − π/3) = − cos(π/6).
p
Das Ergebnis ist übrigens − 3/2.

Lösung 29.4. Nach Lemma 29.12 ist das

sin(5π/9) = sin(π/18 + π/2) = cos(π/18).

Lösung 29.5. Simple Rechnerei:

cos(z + 2π) = cos z cos 2π − sin 2π sin z = 1 · cos z − 0 · sin z = cos z


sin(z + 2π) = sin z cos 2π + sin 2π cos z = 1 · sin z + 0 · cos z = sin z
cos(z + π/2) = cos z cos(π/2) − sin z sin(π/2) = 0 · cos z − 1 · sin z
= − sin z

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376 Anhang

sin(z + π/2) = sin z cos(π/2) + sin(π/2) cos z = 0 · sin z + 1 · cos z


= cos z
− cos(π/2 − z) = − cos z cos(π/2) − sin z sin(π/2) = −0 · cos z − 1 · sin z
= − sin z = cos(z + π/2)
cos(π + z) = cos z cos π − sin z sin π = −1 · cos z − 0 · sin z = − cos z
cos(π − z) = cos z cos π + sin z sin π = −1 · cos z + 0 · sin z = − cos z

Lösung 29.6. Das war so gemeint:

cos 2z = cos(z + z) = cos2 z − sin2 z = 2 cos2 z − cos2 z − sin2 z = 2 cos2 z − 1


p
Man kann das auch nach cos z auflösen und erhält dann cos t = 1/2 · 2 + 2 cos 2t .
Letzteres stimmt allerdings wegen der Wurzel nur für t ∈ R und cos t ≥ 0, nach dem
Beweis von Satz 29.8 also unter anderem für t ∈ [0, π/2].

Lösung 29.7. Der „Witz“ an der Formel ist, dass man für das Argument t das
Wissen über das doppelt so große Argument 2t verwenden und sich so nach und
nach zu immer kleineren Argumenten vorarbeiten kann.
³π´ 1 q 1
· 2 + 2 cos π2 = p
¡ ¢
cos =
4 2 2
³π´
p p
1 q ¡π¢ 2+ 2
cos = · 2 + 2 cos 4 =
8 2 2
Man könnte nun also fortfahren und den Kosinus für Argumente wie π/16 be-
rechnen. Aber auch für andere Zahlen erhält man auf diesem Weg Ergebnisse. In
dem Video Wie hat man früher Sinus und Kosinus berechnet? wird das Verfahren
beschrieben.

Lösung 29.8. Wir wissen aus dem Beweis von Satz 29.8, dass der Kosinus von
0 bis π/2 streng monoton von 1 auf 0 fällt. Wegen cos 0 = 1 und cos 1 − 1 < 0
folgt aus dem Zwischenwertsatz, dass es mindestens eine Lösung gibt. Wegen
der strengen Monotonie der beiden Funktionen folgt die Eindeutigkeit. Mit dem
Bisektionsverfahren erhält man 0.74.

Lösungp 30.1. Nach Korollar 29.7 gilt cos2 z = 1 − sin2 z für alle z ∈ C. Damit folgt
cos x = 1 − sin2 x für x ∈ R, wenn cos x nicht negativ ist. Das ist insbesondere für
x ∈ [−π/2, π/2] der Fall. Es folgt

1 1 1
arcsin′ (x) = =p =p .
cos arcsin x 2
1 − sin arcsin x 1 − x2

Analog erhält man

1 1 1
arccos′ (x) = = −p = −p .
− sin arccos x 1 − cos2 arccos x 1 − x2
Auch in diesem Fall ist die Wurzel nur deshalb korrekt, weil „zufällig“ der Sinus auf
dem Intervall [0, π] nicht negativ wird.

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Lösungen zu ausgewählten Aufgaben 377

Lösung 30.2. Dass der Kosinus auf [0, π/2] injektiv ist, folgt aus dem Beweis von
Satz 29.8. Die Injektivität auf [0, π] folgt dann mit Lemma 29.13. Die Aussage für
den Sinus folgt schließlich mit Lemma 29.12.

Lösung 30.3. Der Arkussinus liefert nur Werte zwischen −π/2 und π/2, so dass die
„naive“ Formel t = arcsin(y/r ) nur für komplexe Zahlen rechts von der imaginären
Achse richtig wäre. Nutzt man die Zusammenhänge sin(π/2 + x) = sin(π/2 − x) und
sin(−π/2 + x) = sin(−π/2 − x) aus,40 dann erhält man

arcsin(y/r )

 x ≥0
t= π − arcsin(y/r ) x < 0∧ y ≥ 0 ,


−π − arcsin(y/r ) x < 0 ∧ y < 0

wobei diese Formel sogar noch etwas komplizierter als die für arccos ist, weil man
nach der Definition des Arguments dafür sorgen muss, dass t zwischen −π und π
liegt.

Lösung 30.4. Das ist wieder ein Job für die Umkehrregel:

1 1
arctan′ (x) = = .
1 + tan2 arctan x 1 + x2

Es ist in gewissem Sinne erstaunlich, dass eine Umkehrfunktion einer über eine
Reihe definierten Funktion eine so einfache Ableitung hat, die sich mithilfe der
Grundrechenarten darstellen lässt.

Lösung 31.1. Bei dieser Aufgabe geht es hauptsächlich darum, sich erstens die
Bedeutung der Definition vor Augen zu führen und sich zweitens klarzumachen,
dass es sehr einfach ist, diese Eigenschaften nachzuprüfen. (Und genauso einfach
ist es für Räume der Form K n .) Aus didaktischen Gründen wird das hier noch
einmal Schritt für Schritt vorgeführt, aber Sie haben es hoffentlich selbst schon
aufgeschrieben. Die Rolle von u und v spielen die Paare (u 1 , u 2 ) und (v 1 , v 2 ). Alle
Buchstaben in der folgenden Rechnung stehen für beliebige reelle Zahlen.

α ⊙ (u 1 , u 2 ) ⊕ (v 1 , v 2 ) = α ⊙ (u 1 + v 1 , u 2 + v 2 ) = α · (u 1 + v 1 ), α(u 2 + v 2 )
¡ ¢ ¡ ¢

= (αu 1 + αv 1 , αu 2 + αv 2 ) = (αu 1 , αu 2 ) ⊕ (αv 1 , αv 2 )


= α ⊙ (u 1 , u 2 ) ⊕ α ⊙ (v 1 , v 2 )
¡ ¢ ¡ ¢

(α + β) ⊙ (v 1 , v 2 ) = (α + β) · v 1 , (α + β) · v 2 = (αv 1 + βv 1 , αv 2 + βv 2 )
¡ ¢

= (αv 1 , αv 2 ) ⊕ (βv 1 , βv 2 )
= α ⊙ (v 1 , v 2 ) ⊕ β ⊙ (v 1 , v 2 )
¡ ¢ ¡ ¢

(α · β) ⊙ (v 1 , v 2 ) = (α · β) · v 1 , (α · β) · v 2 = α · (β · v 1 ), α · (β · v 2 )
¡ ¢ ¡ ¢

= α ⊙ (β · v 1 , β · v 2 ) = α ⊙ β ⊙ (v 1 , v 2 )
¡ ¢

1 ⊙ (v 1 , v 2 ) = (1 · v 1 , 1 · v 2 ) = (v 1 , v 2 )
40 Diese Gleichungen besagen, dass der Sinus gerade wäre, wenn die vertikale Achse durch x = π/2

bzw. x = −π/2 verliefe. Und das stimmt ja auch wegen der Phasenverschiebung.

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378 Anhang

Lösung 31.2. Das sollte hoffentlich keine Schwierigkeiten bereiten.

(4, 3) ⊕ (2, 4) = (4 + 2, 3 + 4) = (1, 2)


3 ⊙ (2, 4) = (3 · 2, 3 · 4) = (1, 2)

Lösung 31.3. Nach Definition muss für jedes α ∈ K der Ausdruck α ⊙ 0 ein Vektor
sein. Weil es nur einen Vektor gibt, bleibt nur die Möglichkeit α ⊙ 0 = 0. Das ist
schon alles.

Lösung 31.6. Gilt a = b = 0, dann ist { (λa, λb) : λ ∈ R } zwar ein Untervektorraum
von R2 , aber keine Gerade, sondern der triviale Untervektorraum {(0, 0)}.

Lösung 31.7. Es handelt sich um die Menge { (α, β, 0) : α, β ∈ R }. Man erhält jeden
Vektor der Form (α, β, 0) als Linearkombination α · (1, 0, 0) + β/2 · (0, 2, 0).

Lösung 31.8. Es handelt sich um die Menge { (α, 0) : α, ∈ R }. Einer der beiden
aufspannenden Vektoren ist quasi überflüssig.

Lösung 31.9. Die Menge R[x] aller Polynomfunktionen über R.

Lösung 31.10. Nein, ist es nicht. Nach der Definition müssten eigentlich auch
Summen mit weniger als k Summanden berücksichtigt werden. Das ist aber nicht
wirklich nötig, weil man in solchen Summen vor die „fehlenden“ Vektoren den
Skalar 0 setzen kann. Ist konkret K = R und k = 3, so kann man z. B. α1 w1 + α3 w3
als α1 w1 + 0 w2 + α3 w3 schreiben.

Lösung 31.11. Es ist der Nullvektor, denn es gilt natürlich immer 1 · 0 = 0.

Lösung 31.12. Wie wäre es mit diesen beiden?

(6, 6, 0) = 6 · (1, 0, 0) + 3 · (0, 2, 0)


(6, 6, 0) = 6 · (1, 0, 0) + 3 · (0, 2, 0) + 0 · (0, 0, 3)

Falls Sie das als Schummelei empfinden: Es ging um die präzise Formulierung. Die
zweite Linearkombination ist nicht reduziert, aber das war nicht gefragt.

Lösung 31.13. Hier sind gleich drei Beispiele:

(6, 6) = 6 · (1, 1)
(6, 6) = 3 · (2, 0) + 2 · (0, 3) (L-6)
(6, 6) = 3 · (1, 1) + 3/2 · (2, 0) + 1 · (0, 3)

Offenbar gibt es unendlich viele Möglichkeiten.

Ihre Antwort hätte übrigens auch so aussehen können:

(6, 6) = 3 · (2, 0) + 2 · (0, 3)


(L-7)
(6, 6) = 2 · (0, 3) + 3 · (2, 0)

Das entsprach zwar nicht dem Sinn der Aufgabe, aber durch die Formulierung
wurde es auch nicht ausgeschlossen.

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Lösungen zu ausgewählten Aufgaben 379

Lösung 31.14. Aus

(0, 0, 0) = α · (1, 0, 0) + β · (0, 2, 0) + γ · (0, 0, 3) = (α, 2β, 3γ)

folgt offenbar sofort α = β = γ = 0. Daher ist X linear unabhängig. Sind umgekehrt


α, β und γ beliebig, so gilt

(α, β, γ) = α · (1, 0, 0) + β/2 · (0, 2, 0) + γ/3 · (0, 0, 3)

und damit ist klar, dass X den Raum R3 aufspannt.

Lösung 31.15. Weil B ′ echte Obermenge ist, gibt es einen Vektor w ∈ B ′ \ B . Weil
B den Raum V aufspannt, gibt es vi ∈ B und αi ∈ K \ {0} mit w = ni=1 αi vi . Damit
P

folgt dann die Darstellung 1 · w − ni=1 αi vi des Nullvektors als reduzierte Linear-
P

kombination.

Lösung 31.16. Weil B ′ echte Teilmenge ist, gibt es einen Vektor w ∈ B \ B ′ . Würde
B ′ den ganzen Raum aufspannen, dann gäbe es Vektoren vi ∈ B ′ und Skalare
αi ∈ K \ {0} mit w = ni=1 αi vi . Man hätte wieder die Darstellung 1 · w − ni=1 αi vi
P P

des Nullvektors als reduzierte Linearkombination im Widerspruch dazu, dass B


linear unabhängig ist.
¡ ¢
Lösung 31.17. f (3, 2) = 3 f (e1 ) + 2 f (e2 ) = 3 · (2, 1) + 2 · (2, −4) = (10, −5).
¡ ¢
Lösung 31.18. f (3, 2) = 3 f (e1 ) + f (2e2 ) = 3 · (2, 1) + (2, −4) = (8, −1).

Lösung 31.19. Sie wollen α und β mit (3, 1) = α · (2, 1) + β · (0, 2) finden. Das ergibt
das lineare Gleichungssystem, das aus den Gleichungen 3 = 2α und 1 = α + 2β
besteht. Die erste Gleichung liefert α = 3/2 und die zweite β = (1 − α)/2 = −1/4. Es
¡ ¢ ¡ ¢ ¡ ¢
folgt f (3, 1) = 3/2 · f (2, 1) − 1/4 f (0, 2) = 3/2 · (3, 2) − 1/4 · (1, −5) = 17/4 · (1, 1).

Lösung 31.20. f (3, −2, 8) ist die Funktion x 7→ 3−2x +8x 2 und der Wertebereich
¡ ¢

von f ist die Menge aller Polynomfunktionen über R, deren Grad nicht größer als 2
ist.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


Literatur

In der folgenden Liste sind diverse Bücher aufgeführt, die alle Mathematik speziell
für Studierende der Informatik behandeln. Es ist sicher eine gute Idee, sich ein paar
dieser Bücher einmal anzuschauen. Vielleicht verstehen Sie die Erklärungen dort
besser als in diesem Skript, vielleicht finden Sie weitere Aufgaben oder vielleicht
werden Themen, die hier zu kurz kommen, dort ausführlicher behandelt. Die Links
führen jeweils zu den Seiten der Verlage und die Bücher sind danach ausgewählt,
dass man Sie als e-Books aus dem Netz der HAW Hamburg (und wohl auch aus
den Netzen vieler anderer deutscher Hochschulen) kostenlos herunterladen kann.
– Folkmar Bornemann: Konkrete Analysis für Studierende der Informatik,
Springer, 2008.
– Steffen Goebbels / Jochen Rethmann: Mathematik für Informatiker, Springer
Vieweg, 2014.
– Peter Hartmann: Mathematik für Informatiker, Springer Vieweg, 2019.
– Stasys Jukna: Crashkurs Mathematik für Informatiker, Teubner, 2008.
– Bernd Kreußler / Gerhard Pfister: Mathematik für Informatiker, Springer,
2009.
– Christoph Meinel / Martin Mundhenk: Mathematische Grundlagen der In-
formatik, Springer Vieweg, 2015.
– Matthias Schubert: Mathematik für Informatiker, Vieweg + Teubner, 2012.
– Gerald Teschl / Susanne Teschl: Mathematik für Informatiker Band 1 und
Band 2, Springer Vieweg, 2013/2014.
– Edmund Weitz: Konkrete Mathematik (nicht nur) für Informatiker, Springer
Spektrum, 2021.
– Kurt-Ulrich Witt: Mathematische Grundlagen für die Informatik, Springer
Vieweg, 2013.

Und im Anschluss noch eine ähnliche Liste. Hier geht es in erster Linie um den
Schulstoff, der im Skript vorausgesetzt wird und mit dem viele Studierende erfah-
rungsgemäß Probleme haben. Wenn Sie Ihre Defizite rechtzeitig (und nicht erst
kurz vor den Prüfungen!) identifizieren und an ihnen arbeiten wollen, dann kön-

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


382 Anhang

nen die folgenden Bücher dabei sicher helfen. Sie sind nach denselben Kriterien
wie oben ausgesucht worden.
– Albrecht Beutelspacher: Mathe-Basics zum Studienbeginn, Springer Spek-
trum, 2016.
– Erhard Cramer, Johanna Nešlehová: Vorkurs Mathematik, Springer Spektrum,
2015.
– Arnfried Kemnitz: Mathematik zum Studienbeginn, Springer Spektrum, 2014.
– Marcel Klinger: Vorkurs Mathematik für Nebenfachstudierende, Springer
Spektrum, 2015.
– Michael Knorrenschild: Vorkurs Mathematik, Carl Hanser, 2021.
– Werner Poguntke: Keine Angst vor Mathe, Vieweg + Teubner, 2010.
– Sabrina Proß, Thorsten Imkamp: Brückenkurs Mathematik für den Studien-
einstieg, Springer Spektrum, 2018.
– Joachim Siegert: Mathematik trainieren - Brüche, Funktionen und Co., Sprin-
ger Spektrum, 2018.
– Jürgen Tietze: Terme, Gleichungen, Ungleichungen, Springer Spektrum,
2015.
– Jan van de Craats, Rob Bosch: Grundwissen Mathematik, Springer, 2010.
– Guido Walz, Frank Zeilfelder, Thomas Rießinger: Brückenkurs Mathematik,
Springer Spektrum, 2019.

In diesem Zusammenhang empfehle ich auch meine 34-teilige Videoserie zum


Vorkurs Mathematik aus dem Wintersemester 2019.

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


Index

Abbildung, siehe Funktion analytisch, 258


A BEL , N IELS H ENRIK, 98 angeordneter Körper, 155
abelsche Antinomien, siehe Widersprüche der
Gruppe, 98 naiven Mengenlehre
Halbgruppe, 98 antisymmetrisch, 151
abelsches Monoid, 98 Äquivalenz, 13
abgeschlossen, 103, 184 Äquivalenzklasse, 66
abhängig Äquivalenzrelation, 65
linear, 289 induzierte, 69
Ableitung, 250, 253 A RCHIMEDES VON S YRAKUS, 160
Ableitung Archimedisches Axiom, 160
n-te, 253 Argument, 75, 174
zweite, 253 A RISTOTELES, 23
Ableitungsfunktion, 253 arithmetische Summenformel, siehe
Abschluss, 184 gaußsche Summenformel
absolut konvergieren, 216 Arkusfunktionen, 321
Absolutbetrag, 79, 162, 171, 323 Arkuskosinus, 277
absoluter Fehler, 227 Arkussinus, 277
abzählbar, 236 Arkustangens, 279
unendlich, 236 A RMSTRONG , N EIL, 8
abzählende Kombinatorik, 46 Assoziativität, 14, 94
Additionstheoreme, 271 asymmetrisch, 153
A DENAUER , KONRAD, 8 atan2, 280
allgemeine alternierende äußere Verknüpfung, 284
harmonische Reihe, 218 aufgespannt, 287
allgemeine harmonische Reihe, 217 aufzählende Mengenschreibweise, 27
Allquantor, 18 Auslassungspunkte, 26
alternierende Gruppe, 117 Aussage, 8
alternierende harmonische Aussageform, 17
Reihe, 215 Aussagenlogik, 7
ALU, 94 Aussagenvariable, 12
Analysis, 189 Auswahlaxiom, 235, 290

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


384 Anhang

Automorphismus, 107 C ANTOR , G EORG, 34, 238


axiomatische Mengenlehre, 34 C AUCHY, AUGUSTIN -L OUIS, 210, 280
Cauchy-Folge, 210
babylonisches Wurzelziehen, 160 Cauchy-Kriterium, 211
B ACHMANN , PAUL, 203 Cauchy-Produkt, 261
bag, 55 charakteristische Funktion, 325, 369
ball, 181 codomain, 74
Basis, 290 coset, 105
kanonische, 290
Datenbanken, 69
Basler Problem, 218
DE F ERMAT, P IERRE , siehe Fermat,
bedingt konvergieren, 216
Pierre de
Bedingung
D E M ORGAN , AUGUSTUS, siehe
hinreichende, 11
Morgan, Augustus De
notwendige, 11
de-morgansche Regeln, 14
Belegung, 13
definit
Bellsche Zahlen, 318
positiv, 178
B ERNOULLI , J AKOB, 196
Definition, 40
Bernoullische Ungleichung, 196
Definitionsbereich, 74
Berührungspunkt, 184
D ESCARTES , R ENÉ, 43
beschränkt, 157, 187
Destrukturierung, 90
nach oben, 157
Dezimaldarstellung, 223
nach unten, 157
Diagonalargument, 239
beschränkte Folge, 191 dicht, 163, 187
beschreibende Mengenschreibweise, Diedergruppe, 334
26 Differentialquotient, 250
bestimmte Divergenz, 202 Differenz
Betrag, siehe Absolutbetrag symmetrische, 95
Beweis, 7 Differenz, mengentheoretische, 29
direkter, 22 differenzierbar, 250
durch Widerspruch, 23 zweimal, 253
indirekter, 22 Dimension, 291
B ÉZOUT, É TIENNE, 131 direkter Beweis, 22
Bijektion, 81 direktes Produkt, 100, 118
bijektiv, 81 D IRICHLET, P ETER G USTAV L EJEUNE,
Bild, 75, 76 90
Bildmenge, 74 Dirichlet-Funktion, 245
Binomialkoeffizient, 53 disjunkt, 46, 110
Binomischer Lehrsatz, 261 Disjunktion, 12
Bisektion, 246 diskrete Metrik, 183
Bogenmaß, siehe Radiant Distributivität, 117
B OLZANO, B ERNARD, 90 divergent, 191
B OOLE , G EORGE, 23, 24 divergieren, bestimmt, 202
B OURBAKI , N ICOLAS, 79 Division mit Rest, 126
Bubblesort, 117 domain, 74
B ÜRGI , J OST, 281 Drehung, siehe Rotation

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


INDEX 385

Dreiecksungleichung, 162, 171, 178 falsch, 8


Durchschnitt, 29 Familie, 89
fast alle, 190
echt komplex, 168 FAULHABER , J OHANNES, 207
echte Teilmenge, 28 Faulhabersche Formel, 207
echter Teiler, 128 Fehler
echtes Intervall, 164 absoluter, 227
eineindeutig, 81 relativer, 227
Einheit, imaginäre, 168 Fehlstand, 115
Einheitskreis, 62, 181 F ERMAT, P IERRE DE, 7, 147
Einheitsvektor, 290 F IBONACCI, siehe Pisa, Leonardo da
Einmaleins, 94 Fibonacci-Folge, 199
Einschränkung, 77 Folge, 89
E INSTEIN , A LBERT, 6 beschränkte, 191
Eisenbahnmetrik, 180 geometrische, 197
Element, 26 harmonische, 190
größtes, 157 komplexe, 189
inverses, 97 reelle, 189
kleinstes, 157 Folgenglied, 189
neutrales, 96 FPU, 94
Elementzeichen, 26 französische Eisenbahnmetrik, 180
endlich, 235 F REGE , G OTTLOB, 23
Entwicklungspunkt, 258 freie Individuenvariable, 19
ε-Kugel, 181 Fundamentalfolge, 210
ε-Umgebung, 181 Funktion, 73
erfüllbar, 16 charakteristische, 325, 369
erzeugt, 287 gerade, 270
es gibt, 19 glatte, 253
E UKLID VON A LEXANDRIA, 23, 69, 129, mehrstellige, 82
150, 179 periodische, 274
euklidischer Algorithmus, 129 rationale, 245
euklidischer Abstand, 179 ungerade, 270
E ULER , L EONHARD, 16, 90, 218, 259, zweistellige, 82
270, 273, 281 Funktionalgleichung, 262
eulersche Funktionen
Formel, 270 analytische, 258
Identität, 273 Funktionswert, 75
Zahl, 259 für alle, 18
Existenzquantor, 19
exklusives Oder, 10 G ALOIS , É VARIST, 123
Exponentialfunktion, 259, 266 ganze Zahlen, 27
ganzrationale Funktion, siehe
Faktormenge, 66 Polynomfunktion
Fakultät, 49 G AUSS , C ARL F RIEDRICH, 16, 150,
fallende Faktorielle, 52 161, 196
Fallunterscheidung, 83 Gaußklammer

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386 Anhang

obere, 161 Folge, 190


untere, 161 Reihe, 212
gaußsche harmonische Reihe
Summenformel, 196, 207 alternierende, 215
Zahlenebene, 170 H ASSE , H ELMUT, 154
gebundene Individuenvariable, 19 Hasse-Diagramm, 154
gehen, 189 Häufungspunkt, 209
G ENTZEN , G ERHARD, 19 Hauptdiagonale, 312, 314
geometrische Hauptzweige, 277
Folge, 197 H ILBERT, D AVID, 16
Reihe, 213 hinreichende Bedingung, 11
Summenformel, 207 Homomorphismus, 102
geordneter Körper, 155
geordnetes Paar, 42 Identität, 62
gerade iff, 13
Permutationen, 115 im Allgemeinen nicht, 86
Zahlen, 128 imaginäre Einheit, 168
gerade Funktion, 270 Imaginärteil, 168
glatt, 253 Implikation, 10, 12
gleichmächtig, 231 Indikatorfunktion, siehe
Glied einer Folge, 189 charakteristische Funktion
G ÖDEL , K URT, 16 indirekter Beweis, 22
Gödelisierung, 236, 322 Individuenvariable, 17
Grad, 121 freie, 19
Grenzwert, 191 gebundene, 19
Großer Fermatscher Satz, 7 Induktion, vollständige, 195
groß-Oh, 203 Induktionsanfang, 195
größter gemeinsamer Teiler, 129 Induktionsschluss, siehe
größtes Element, 157 Induktionsschritt
Gruppe, 98 Induktionsschritt, 195
abelsche, 98 Induktionsvoraussetzung, 195
alternierende, 117 induziert, 69
kommutative, 98 Infixnotation, 93
symmetrische, 109 Injektion, 236
triviale, 99 injektiv, 77
Gruppenhomomorphismus, 102 Inklusions-Exklusions-Prinzip, 46
Gruppenisomorphismus, 106 innere Verknüpfung, 83
innerer Punkt, 184
Halbgruppe, 98 Inneres, 184
abelsche, 98 Intervall, 164
kommutative, 98 echtes, 164
Halbordnung, 151 unechtes, 164
H ALMOS , PAUL, 96 inverses Element, 97
H AMMING , R ICHARD W ESLEY, 180 Inversion, 115
Hamming-Abstand, 180 irrational, 160
harmonische irreflexiv, 152

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INDEX 387

isolierte Punkt, 184 konstant, 320


isomorph, 106, 292 Konvention, 40
Isomorphismus, 106, 292 konvergent, 191
Konvergenzradius, 257
J ONES , W ILLIAM, 273 konvergieren, 189
Junktor, 12 absolut, 216
bedingt, 216
k-permutations, 52 Koordinatensystem, kartesisches, 44
kanonische Basis, 290 Korollar, 40
kanonische Primfaktorzerlegung, 137 Körper, 121
kartesische Darstellung, 276 geordneter, 155
kartesisches vollständig angeordneter, 159
Koordinatensystem, 44 Kosinus, 270
Produkt, 43 Kreiszahl, 273
Kategorientheorie, 34 Kryptographie, 125, 148
kaufmännisches Runden, 225 Kugel, siehe auch ε-Kugel
Kehrwert, 145
Kehrwertregel, 253 L AGRANGE , J OSEPH -L OUIS, 123
Kern, 105 L AMBERT, J OHANN H EINRICH, 273
Kleiner-Relation, 62 L ANDAU , E DMUND, 203
kleines Einmaleins, 94 lateinisches Quadrat, 331
kleinstes gemeinsames Vielfaches, Laufvariable, 206
137 leer, 41
kleinstes Element, 157 leere Summe, 362
Kodierungstheorie, 150 leere Menge, 29
Koeffizient, 121, 256 leeres Produkt, 60, 137
Kombinationen, 53 L EIBNIZ , G OTTFRIED W ILHELM, 56,
mit Wiederholungen, 54 90, 123, 280
Kombinatorik, 37, 56 Leibniz-Kriterium, 215
abzählende, 46 Leibnizregel, 252
kommutative L EJEUNE D IRICHLET, P ETER G USTAV,
Gruppe, 98 siehe Dirichlet, Peter Gustav
Halbgruppe, 98 Lejeune
kommutativer Ring, 117 Lemma, 40
kommutatives Monoid, 98 von Bézout, 131
Kommutativität, 13, 95 Levenshtein-Distanz, 180
kommutieren, 111 L EWENSTEIN , W LADIMIR, 180
komplexe Folge, 189 Limes, 191
komplexe Zahlen, 167 linear
Komponente, 42, 45 abhängig, 289
Komposition, 64 unabhängig, 289
kongruent modulo, 138 lineare Ordnung, 151
Kongruenz, 148 Linearkombination, 129, 287
Kongruenzsystem, 148 linksassoziativ, 95
konjugiert komplex, 172 linkseindeutig, 77
Konjunktion, 12 linksinvers, 99

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388 Anhang

Linksnebenklasse, 105 naive Mengenlehre, 34


linksneutral, 96 N APIER , J OHN, 281
Logarithmentafel, 281 natürliche Zahlen, 27
Logarithmus, 264 natürlicher Logarithmus, 264
zur Basis a, 266 nCr , 53
Nebenklasse, 105
Mächtigkeit, 39, 231 Negation, 12
Majorante, 216 negativ, 155
Majorantenkriterium neutrales Element, 96
für Folgen, 193 N EWTON , I SAAC, 6, 229, 280
für Reihen, 216 N OETHER , E MMY, 123
Manhattan-Metrik, 179 Norm, 179
maplet, 74 notwendige Bedingung, 11
mathematisches Runden, 225 nPr , 52
Maximum, 126, 157 NSA, 150
mehrstellige Funktion, 82 Nullfolge, 191
Memoisation, 203 Nullfolgenkriterium, 211
Menge, 25 nullteilerfrei, 122
leere, 29 Nullvektor, 284
Mengendiagramm, 30
Mengenklammern, 26 Obelus, 326
Mengenlehre, 34 obere Schranke, 157
Mengenprodukt, 43 Obermenge, 28
Mengenschreibweise oder, 9, siehe auch Disjunktion
aufzählende, 27 Off-by-one-Error, 52
beschreibende, 26 offen, 183
mengentheoretische Differenz, 29 offene
M ERTENS , F RANZ, 261 ε-Kugel, 181
Metrik, 178 ε-Umgebung, 181
diskrete, 183 Operatorüberladung, 141
metrischer Raum, 178 Ordnung, 105, 203
Minimum, 125, 157 lineare, 151
Monoid, 98 O RESME , N IKOLAUS VON, 212
abelsches, 98
kommutatives, 98 Paar, geordnetes, 42
monoton paarweise, 58
fallend, 214 Parameter, 305
steigend, 214 Parität, 115
M ORGAN , AUGUSTUS D E, 14 Partialsumme, 208
Multimenge, 55 Partition, 68
Multinomialkoeffizient, 51 induzierte, 69
Multiplikativität, 162, 171, 178 PASCAL , B LAISE, 56
P EANO, G IUSEPPE, 19, 26
n-stellige Relation, 61 periodische Funktion, 274
Nachbartransposition, 114 Permutationen, 48, 107
Nachkommastelle, 223 gerade, 115

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INDEX 389

mit Wiederholungen, 50 Zahlen, 27


ungerade, 115 Realteil, 168
Permutationsgruppe, 108 Rechenschieber, 281
Pfeildiagramm, 73 rechtsassoziativ, 95
P ISA , L EONARDO DA, 199 rechtseindeutig, 73
P OINCARÉ , H ENRI, 141 rechtsinvers, 329
Polardarstellung, 276 rechtsneutral, 96
Polynom, 121 reduziert, 287
Polynomfunktion, 121 reelle Folge, 189
positiv, 155 reelle Zahlen, 27
positiv definit, 178 reflexiv, 63
Potenzmenge, 38 Reihe, 208
Potenzreihe, 256, 258 allgemeine alternierende
Prädikatenlogik, 17 harmonische, 218
prim, 133 allgemeine harmonische, 217
Primfaktor, 134 alternierende harmonische, 215
Primfaktorzerlegung, 137 geometrische, 213
Primteiler, 134 harmonische, 212
Primzahlen, 27, 133 Reihenglied, 208
Produkt, direktes, 100, 118 rein imaginär, 168
Produkt, leeres, siehe leeres Produkt Rekursion, 198
Produktregel, 252 Relation, 61
Proposition, 40 relationale Datenbanken, 69
Punkt relativen Fehler, 227
innerer, 184 Rest, 127
isolierter, 184 Restklasse, 138
Punkt- vor Strichrechnung, 14, 95 Restklassenkörper, 145
P YTHAGORAS VON S AMOS, 171, 271 Restklassenring, 138
Restriktion, 77
Quadrat, 108 R IEMANN , B ERNHARD, 216, 218
Quadrat,lateinisches, 331 Riemannsche Vermutung, 218
Quadratwurzel, 195 Riemannscher Umordnungssatz, 216
Quadrupel, 45 Ring, 117
Quantor, 18 kommutativer, 117
Quersumme, 66 unitärer, 117
alternierende, 143 Rotation, 108
Quintupel, 45 Runden, 225
Quotientenkriterium, 217 kaufmännisches, 225
Quotientenmenge, 66 mathematisches, 225

Radiant, 276 Satz, 39


Rand, 184 des Pythagoras, 171, 271
Randpunkt, 184 des Euklid, 23, 135
range, 74 vom Minimum und Maximum,
rationale 248
Funktionen, 245 von Bolzano-Weierstraß, 210

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390 Anhang

von Cantor, 240 größter gemeinsamer, 129


von Cantor-Bernstein, 232 trivialer, 128
von Cayley, 108 Teilfolge, 248
von Mertens, 261 Teilkörper, 285
Schnittmenge, 67 Teilmenge, 28
Schranke echte, 28
obere, 157 Theorem, 40
untere, 157 total, 151
set, 28 Totalordnung, 151
signifikante Stellen, 226 strenge, 152
Signum, 115 Träger, 110
Signumfunktion, 163 transitiv, 63
Singleton, 38 Transposition, 114
Sinus, 270 Trichotomie, 152
Skalar, 284 Tripel, 45
skalare Multiplikation, 284 triviale
Stellenwertsystem, 219 Gruppe, 99
stetig, 244 Untergruppen, 103
Stichprobe, 51, 53 trivialer
streng monoton Teiler, 128
fallend, 214 Vektorraum, 285
steigend, 214 Zyklus, 111
strenge Totalordnung, 152 Tupel, 45
Summe, 208
Summe, leere, siehe leere Summe überabzählbar, 239
Summenformel Umgebung, 182
arithmetische, 207 Umkehrfunktion, 78
gaußsche, 196, 207 Umkehrrelation, 64
geometrische, 207 Umordnungssatz, Riemannscher,
Summenschreibweise, 206 216
S UN Z I, 148 unabhängig
support, 110 linear, 289
Supremum, 158 unär, 338
surjektiv, 79 und, 9, siehe auch Konjunktion
symmetrisch, 63, 178 unechtes Intervall, 164
symmetrische unendlich, 235
Differenz, 95 ungerade
Gruppe, 109 Permutationen, 115
Zahlen, 128
TAKAKAZU , S EKI, 123 ungerade Funktion, 270
Tangens, 270, 278 unitärer Ring, 117
Tangente, 249 univalent, 73
Taschenrechner, 52, 53, 276, 303 untere Schranke, 157
Tautologie, 16 Untergruppe, 103
Teiler, 128 Unterring, 120
echter, 128 Untervektorraum, 286

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


INDEX 391

Urbild, 76 wissenschaftliches Runden, 225


wohldefiniert, 141
Variationen, 51
Wohlordnung, 125
mit Wiederholungen, 52
Wurzel, 195
Vektor, 284
Wurzelfunktion, 79
Vektorraum, 284
Wurzelkriterium, 217
trivialer, 285
Vektorraumhomomorphismus, 292 Zahlen
Vektorraumisomorphismus, 292 echt komplexe, 168
Vereinigung, 29
ganze, 27
Vereinigungsmenge, 67
gerade, 128
Verknüpfung, 82
irrationale, 160
äußere, 284
komplexe, 167
innere, 83
natürliche, 27
Verknüpfungstabelle, 101
rationale, 27
verschwinden, 129
reelle, 27
Vielfaches, 128
rein imaginäre, 168
kleinstes gemeinsames, 137
ungerade, 128
vollständig, 211
zusammengesetzte, 133
vollständig angeordnet, 159
Zahlengerade, 44, 160
Vollständige Induktion, 195
Zahlentheorie, 125
VON O RESME , N IKOLAUS , siehe
Z APPA , F RANK, 7
Oresme, Nikolaus von
Zeta-Funktion, 218
Vorzeichenfunktion, 163
Zielmenge, 74
wahr, 8 Ziffernblatt, 143
Wahrheitstafel, 13 zusammengesetzte Zahlen, 133
Wahrheitswert, 8 zweistellige
W EIERSTRASS , K ARL, 90, 229, 280 Funktion, 82
wenn, dann, siehe Implikation Relation, siehe Relation
Wert, 208 Zweizeilenform, 109
Wertebereich, 74 Zwischenwertsatz, 245
Widersprüche der naiven Zyklus, 110
Mengenlehre, 34 trivialer, 111

E. Weitz: Mathematik [2. Juni 2024, 23:15]. CC BY-NC-ND 3.0 DE


Mathematische Symbole

Es ergibt wenig Sinn, mathematische Symbole alphabetisch zu sortieren. Daher


werden sie in der folgenden Liste einfach in der Reihenfolge aufgeführt, in der sie
definiert bzw. eingeführt wurden.

∧, 12 N+ , 31
∨, 12 { x ∈ M : A(x) }, 31
¬, 12 { t (x 1 , . . . , x n ) : A(x 1 , . . . , x n ) }, 32
⇒, 12 P (A), 38
1, 12 |A|, 39
0, 12 2 A , 39
⇔, 13 (a, b), 42
∀, 18 A × B , 43
∃, 19 A 2 , 43
{1, π, 42}, 26 (a 1 , . . . , a n ), 45
∈, 26 A n , 45
∉, 26 [n], 48
{1, 2, 3, . . . , 100}, 26 PX , 48
{ x : A(x) }, 26 Pn , 49
N, 27 p n , 49
Z, 27 n!, 49
Q, 27 P
¡ (b1n,...,b¢n )
, 50
R, 27 k 1 ,...,k r , 51
P, 27 V X ,k , 51
⊆, 28 n k , 52
⊇, 28 (n)k , 52
⊂, 28 P k (X ), 53
̸⊆, 28 P <k (X ), 53
;, 29 P ≤k (X ), 53
¡n ¢
∪, 29 , 53
¡kX ¢
∩, 29 k , 53
\, 29 C n,k , 54

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394 Anhang

{|1, 1, 3, 3, 3, 4|}, 55 sgn(σ), 115


{1, 1, 3, 3, 3, 4}b , 55 2Z, 121
id A , 62 R[x], 121
∆ A , 62 b/a, 122
b
R −1 , 64 a , 122
R ◦ S, 64 b : a, 122
[a]R , 66 min A, 125
A/R, 66 max A, 126
A , 67
S
minn∈N a n , 126
S
M , 67 a mod m, 127
TM ∈A
A , 67 a | b, 128
T
M ∈A M , 67 a̸ | b, 128
S
n∈N+ [n], 68 ggT(a, b), 129
D f , 74 (a, b), 129
W f , 74 kgV(a, b), 137
f : A → B , 75 [a]n , 138
f (x), 75 Z/n Z, 138
x 7→ f (x), 75 ±, 139
f [C ], 75 Zp , 145
f −1 [D], 75 a ≡ b (mod m), 148
f (C ), 76 ⪯, 154
f −1 (D), 76 ≺, 154
f |C , 77 ⪰, 154
f C , 77 ≻, p 154
f + g , 87 Q( 2), 157
f − g , 87 min B , 157
f · g , 87 max B , 157
f /g , 87 sup M , 158
( f (i ) : i ∈ I ), 89 inf M , 158
( f (i ))i ∈I , 89 ⌈x⌉, 161
B A , 89 ⌊x⌋, 161
A
B , 89 |x|, 162
⊕, 93 sgn(x), 163
⊗, 93 [a, b], [a, b), etc., 165
A △ B , 95 R≥0 etc., 166
R+ , 99 C, 167
a −1 , 100 i, 168
1/a, 100 Re(z), 168
a 2 , 100 Im(z), 168
−a, 100 |z|, 171
aU , 105 z, 172
S X , 107 arg(z), 174
S n , 109 Uε (x), 181
(k 1 k 2 . . . k m ), 110 ∂A, 184
(1), 110 A ◦ , 184
supp(σ), 110 A, 184

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MATHEMATISCHE SYMBOLE 395

(a n ), 189 exp(z), 259


limn→∞ a n , 191 e, 259
n→∞
a n −→ a, 191 ez , 263
a n → a, 191 ln, 264
pn y, 195
log, 264
p
y, 195 a z , 265
[n]0 , 198 loga , 266
x r , 200 cos z, 270
O ( f ), 203 sin z, 270
Pn
a k , 206 tan x, 270
Qk=m
n
k=m k
a , 208 sin2 z, 272
P∞
k=m k
a , 208 π, 273
≈, 227 arcsin, 277
A B , 231 arccos, 277
A B , 232 tan z, 278
A 1 , 237 arctan, 279
A 0 , 237 〈X 〉, 287
P <∞ (A), 238 ei , 290
df
dx (x 0 ), 250 dimV , 291
f ′ (x 0 ), 250 χ A , 325
f ′′ (x 0 ), 253 D 4 , 334
d 2f
(x ), 253
dx 2 0
(), 335

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