SuWe
Barock (ca. 1600 bis 1720)
Das Wort wird abgeleitet von barocco und bezeichnet eine unregelmäßige Perle. In einem Schreiben
charakterisiert 1756 der Gelehrte Johann Joachim Winckelmann damit die Vorliebe für Verzierung
und Schnörkel in der Baukunst.
prägende Ereignisse der Zeit:
• Dreißigjähriger Krieg (1618-1648) – unvorstellbare Grausamkeit, verwüstete Landstriche
• Epidemien wie Pocken, Tuberkulose, Typhus, Cholera und vor allem Pest (etwa 5 Mio. Tote
durch Krankheiten)
kennzeichnend für die Epoche: schroffe Gegensätze
Beispiele:
• Glaubenskriege (Gegenreformation), Hexenverfolgungen bedeutende Entdeckungen in
Mathematik und Naturwissenschaften
• Armut und Elend in den einfachen Bevölkerungsschichten Prunk an den absolutistischen
Höfen
Religion:
• spielt eine große Rolle, die religiös begründete Ordnung ist ein Leitbegriff des Zeitalters / der
göttlichen Offenbarung kommt (noch) ein höherer Wahrheitsgehalt zu als der menschlichen
Vernunft
• das menschliche Leiden gilt als Wesensmerkmal des irdischen Lebens und gilt als eine
Aufforderung, sich von dieser schlechten Welt abzuwenden und zu Gott hinzuwenden
• auch als bedrückend empfundene soziale und politische Zustände wurden nicht hinterfragt,
man beehrte nicht dagegen auf, sondern sie wurden als gottgegeben hingenommen
erst in der Aufklärung setzen sich die Erkenntnisse von Kopernikus und Galilei allmählich
durch und stellen das gesamte christliche Weltbild in Frage
SuWe
Lebensgefühl der Zeit: für die einfachen Leute geprägt durch Not und Elend
Bewusstsein, dass der Mensch und alles was er erschafft vergänglich ist → daraus abgeleitet wird:
• dass alles irdische Streben vergeblich und nutzlos ist (vanitas) / hier spielt der Begriff der
Eitelkeit (Vergeblickeit, nutzlose Nichtigkeit) eine große Rolle
• dass allein die Hinwendung zum Jenseits dem menschlichen Leben einen Sinn gibt
(memento mori)
• dass man die kurze Zeit auf der Erde auskosten und genießen muss (carpe diem)
Dieser Kontrast verdeutlicht das Grundprinzip barocken Lebensgefühls:
Verherrlichung des Diesseits Verherrlichung des Jenseits
Sinnenlust christliche Tugenden, Religion
Schein Wirklichkeit
Erotik Askese
Körper Seele
Leben Kunst
Aufgaben der Dichter zur Barockzeit:
1. docere = belehren
2. delectare = unterhalten
3. movere = bewegen
→ Dichtung hat einen Zweck, sie ist ganz auf eine zu erzielende Wirkung ausgerichtet
weit verbreitete Form: das Sonett
Kennzeichen barocker Literatur: Bilderreichtum, der auf uns heute übertrieben, gekünstelt wirkt,
viele Metaphern, gleichnishafte Sinnbilder, kunstfertiger (spielerischer) Umgang mit Wörtern
häufig werden Einzelbilder formelhaft aneinandergereiht, Argumente sind formelhaft, lehrhafter
Charakter
Dichten als Handwerk – setzt keine persönlichen Erlebnisse voraus!
• Dichter gehörten dem Gelehrtenstand an, hatten eine Universitätsausbildung und hatten
sich mit Rhetorik und Poetik vertraut gemacht
• die so entstehende Dichtung konnte auch nur von einem gebildeten Publikum gelesen und
verstanden werden – und das teure Bücher bezahlen konnte
• 1624 veröffentlichte Martin Opitz das Buch von der deutschen Poeterey: hier werden
Gattungen und Formen normativ festgelegt, Inhalte und Themen für die Gestaltung werden
vorgegeben → Aufgabe der Poeten war es, diese Themen in eine möglichst kunstvolle Form
zu bringen
• natürlich gab es nicht nur Literatur für ein gebildetes Publikum: im Barock entstanden auch
satirisch-volkstümliche Texte / sie waren als Erbauung und Lebenshilfe gedacht, fanden sich
oft in Kalendern
SuWe
Abend
Der schnelle Tag ist hin / die Nacht schwingt jhre fahn/
Vnd führt die Sternen auff. Der Menschen müde scharen
Verlassen feld vnd werck / Wo Thier vnd Vögel waren
Trawrt jtzt die Einsamkeit. Wie ist die zeit verthan!
Der port naht mehr vnd mehr sich/ zu der glieder Kahn.
Gleich wie diß licht verfiel / so wird in wenig Jahren
Ich / du / vnd was man hat / vnd was man siht/ hinfahren.
Diß Leben kömmt mir vor alß eine rennebahn.
Laß höchster Gott mich doch nicht auff dem Laufplatz gleiten/
Laß mich nicht ach / nicht pracht / nicht lust / nicht angst verleiten.
Dein ewig heller glantz sey vor vnd neben mir /
Laß / wenn der müde Leib entschläfft / die Seele wachen
Vnd wenn der letzte Tag wird mit mir abend machen /
So reiß mich auß dem thal der Finsternüß zu Dir.
Andreas Gryphius (1616-1664)
Interpretation
1. Strophe Erklärt die bildlich ausgedrückten Gegensätze!
2. Strophe Erklärt folgende Bilder: Port (= Hafen), Verfallen des Lichtes, Rennebahn
3. Strophe Worum bittet das lyrische Ich? Was ist der „ewig helle[r] glantz“?
4. Strophe Worum bittet das lyrische Ich?