Gedächtnis ausgelöscht - die an den Besucher, nicht aber die an den Beschluß!
Den hielt er
nun für seinen eigenen. Der Vorsatz, von nun an Zeit zu sparen, um irgendwann in der
Zukunft ein anderes Leben beginnen zu können, saß in seiner Seele fest wie ein Stachel mit
Widerhaken. Und dann kam der erste Kunde an diesem Tag. Herr Fusi bediente ihn
mürrisch, er ließ alles Überflüssige weg, schwieg und war tatsächlich statt in einer halben
Stunde schon nach zwanzig Minuten fertig. Und genauso hielt er es von nun an bei jedem
Kunden. Seine Arbeit machte ihm auf diese Weise überhaupt keinen Spaß mehr, aber das war
ja nun auch nicht mehr wichtig. Er stellte zusätzlich zu seinem Lehrjungen noch zwei weitere
Gehilfen ein und gab scharf darauf acht, daß sie keine Sekunde verloren. Jeder Handgriff war
nach einem genauen Zeitplan festgelegt. In Herrn Fusis Laden hing nun ein Schild mit der
Aufschrift: GESPARTE ZEIT IST DOPPELTE ZEIT! An Fräulein Daria schrieb er einen kurzen,
sachlichen Brief, daß er wegen Zeitmangels leider nicht mehr kommen könne. Seinen
Wellensittich verkaufte er einer Tierhandlung. Seine Mutter steckte er in ein gutes, aber
billiges Altersheim und besuchte sie dort einmal im Monat. Und auch sonst befolgte er alle
Ratschläge des grauen Herrn, die er ja nun für seine eigenen Beschlüsse hielt.
Er wurde immer nervöser und ruheloser, denn eines war seltsam: Von all der Zeit, die er
einsparte, blieb ihm tatsächlich niemals etwas übrig. Sie verschwand einfach auf rätselhafte
Weise und war nicht mehr da. Seine Tage wurden erst unmerklich, dann aber deutlich spürbar
kürzer und kürzer. Ehe er sich's versah, war schon wieder eine Woche, ein Monat, ein Jahr
herum und noch ein Jahr und noch eines. Da er sich ja an den Besuch des grauen Herrn nicht
mehr erinnerte, hätte er sich wohl eigentlich ernstlich fragen müssen, wo all seine Zeit denn
blieb. Aber diese Frage stellte er sich so wenig wie alle anderen Zeit-Sparer. Es war etwas wie
eine blinde Besessenheit über ihn gekommen. Und wenn er manchmal mit Schrecken gewahr
wurde, wie schnell und immer schneller seine Tage dahinrasten, dann sparte er nur um so
[Link] Herrn Fusi, so ging es schon vielen Menschen in der großen Stadt. Und
täglich wurden es mehr, die damit anfingen, das zu tun, was sie »Zeit sparen« nannten. Und je
mehr es wurden, desto mehr folgten nach, denn auch denen, die eigentlich nicht wollten, blieb
gar nichts anderes übrig, als mitzumachen.
Täglich wurden im Rundfunk, im Fernsehen und in den Zeitungen die Vorteile neuer
zeitsparender Einrichtungen erklärt und gepriesen, die den Menschen dereinst die Freiheit für
das »richtige« Leben schenken würden. An Hauswänden und Anschlagsäulen klebten Plakate,
auf denen man alle möglichen Bilder des Glücks sah. Darunter stand in leuchtenden Lettern:
ZEIT-SPARERN GEHT ES IMMER BESSER !
Oder: ZEIT-SPARERN GEHÖRT DIE ZUKUNFT! Oder: MACH MEHR AUS DEINEM LEBEN - SPARE
ZEIT! Aber die Wirklichkeit sah ganz anders aus. Zwar waren die Zeit-Sparer besser gekleidet
als die Leute, die in der Nähe des alten Amphitheaters wohnten. Sie verdienten mehr Geld
und konnten auch mehr ausgeben. Aber sie hatten mißmutige, müde oder verbitterte Gesichter
und unfreundliche Augen. Bei ihnen war die Redensart »Geh doch zu Momo ! « natürlich
unbekannt. Sie hatten niemand, der ihnen so zuhören konnte, daß sie davon gescheit,
versöhnlich oder gar froh geworden wären. Aber selbst, wenn es dort so jemand gegeben
hätte, es wäre doch höchst zweifelhaft gewesen, ob sie je zu ihm hingegangen wären- es sei
denn, man hätte die Sache in fünf Minuten erledigen können. Andernfalls hätten sie es für
verlorene Zeit gehalten. Selbst ihre freien Stunden mußten, wie sie meinten, ausgenutzt
werden und in aller Eile so viel Vergnügen und Entspannung liefern, wie nur möglich war. So
konnten sie keine richtigen Feste mehr feiern, weder fröhliche noch ernste. Träumen galt bei
ihnen fast als ein Verbrechen. Am allerwenigsten aber konnten sie die Stille ertragen. Denn in
der Stille überfiel sie
Angst, weil sie ahnten, was in Wirklichkeit mit ihrem Leben geschah.
Darum machten sie Lärm, wann immer die Stille drohte. Aber es war
natürlich kein fröhlicher Lärm wie der auf einem Kinderspielplatz,
sondern ein wütender und mißmutiger, der die große Stadt von Tag zu
Tag lauter erfüllte.
Ob einer seine Arbeit gern oder mit Liebe zur Sache tat, war unwichtig
— im Gegenteil, das hielt nur auf. Wichtig war ganz allein, daß er in
möglichst kurzer Zeit möglichst viel arbeitete.
Über allen Arbeitsplätzen in den großen Fabriken und Bürohäusern
hingen deshalb Schilder, auf denen stand:
ZEIT IST KOSTBAR - VERLIERE SIE NICHT!
oder: ZEIT IST (WIE) GELD - DARUM SPARE!
Ähnliche Schilder hingen auch über den Schreibtischen der Chefs, über den Sesseln der
Direktoren, in den Behandlungszimmern der Ärzte, in den Geschäften, Restaurants und
Warenhäusern und sogar in den Schulen und Kindergärten. Niemand war davon
ausgenommen. Und schließlich hatte auch die große Stadt selbst mehr und mehr ihr Aussehen
verändert. Die alten Viertel wurden abgerissen, und neue Häuser wurden gebaut, bei denen
man alles wegließ, was nun für überflüssig galt. Man sparte sich die Mühe, die Häuser so zu
bauen, daß sie zu den Menschen paßten, die in ihnen wohnten; denn dann hätte man ja lauter
verschiedene Häuser bauen müssen. Es war viel billiger und vor allem zeitsparender, die
Häuser alle gleich zu bauen. Im Norden der großen Stadt breiteten sich schon riesige
Neubauviertel aus. Dort erhoben sich in endlosen Reihen vielstöckige Mietskasernen, die
einander so gleich waren wie ein Ei dem anderen. Und da alle Häuser gleich aussahen, sahen
natürlich auch alle Straßen gleich aus. Und diese einförmigen Straßen wuchsen und wuchsen
und dehnten sich schon schnurgerade bis zum Horizont - eine Wüste der Ordnung ! Und
genauso verlief auch das Leben der Menschen, die hier wohnten:Schnurgerade bis zum
Horizont ! Denn hier war alles genau berechnet und geplant, jeder Zentimeter und jeder
Augenblick. Niemand schien zu merken, daß er, indem er Zeit sparte, in Wirklichkeit etwas
ganz anderes sparte. Keiner wollte wahrhaben, daß sein Leben immer ärmer, immer
gleichförmiger und immer kälter wurde. Deutlich zu fühlen jedoch bekamen es die Kinder,
denn auch für sie hatte nun niemand mehr Zeit.
Aber Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen. Und je mehr die Menschen daran
sparten, desto weniger hatten sie.
SIEBENTES KAPITEL
Momo sucht ihre Freunde und wird von einem Feind besucht
»Ich weiß nicht«, sagte Momo eines Tages, »es kommt mir so vor, als ob unsere alten
Freunde jetzt immer seltener zu mir kommen. Manche hab' ich schon lang nicht mehr
gesehen.«
Gigi Fremdenführer und Beppo Straßenkehrer saßen neben ihr auf den grasbewachsenen
Steinstufen der Ruine und sahen dem Sonnenuntergang zu.
»Ja«, meinte Gigi nachdenklich, »mir geht's genauso. Es werden immer weniger, die meinen
Geschichten zuhören. Es ist nicht mehr wie früher. Irgendwas ist los.« »Aber was?« fragte
Momo.
Gigi zuckte die Schultern und löschte gedankenvoll einige Buchstaben, die er auf eine alte
Schiefertafel gekratzt hatte, mit Spucke aus. Die Schiefertafel hatte der alte Beppo vor einigen
Wochen in einer Mülltonne gefunden und Momo mitgebracht. Sie war natürlich nicht mehr
ganz neu und hatte in der Mitte einen großen Sprung, aber sonst war sie noch gut zu
gebrauchen. Seither zeigte Gigi Momo jeden Tag, wie man den oder jenen Buchstaben
schreibt. Und da Momo ein sehr gutes Gedächtnis hatte, konnte sie mittlerweile schon ganz
gut lesen. Nur mit dem Schreiben ging es noch nicht so recht. Beppo Straßenkehrer, der über
Momos Frage nachgedacht hatte, nickte langsam und sagte: »Ja, das ist wahr. Es kommt
näher. In der Stadt ist es schon überall. Es ist mir schon lang aufgefallen.« »Was denn?«
fragte Momo.
Beppo dachte eine Weile nach, dann antwortete er: »Nichts Gutes.« Und abermals nach einer
Weile fügte er hinzu: »Es wird kalt.« »Ach was!« sagte Gigi und legte Momo tröstend den
Arm um die Schulter, »dafür kommen jetzt immer mehr Kinder hierher.« »Ja, deswegen«,
meinte Beppo, »deswegen.« »Was meinst du damit?« fragte Momo.
Beppo überlegte lang und antwortete schließlich: »Sie kommen nicht wegen uns. Sie suchen
nur einen Unterschlupf.« Alle drei blickten hinunter auf die runde Grasfläche in der Mitte des
Amphitheaters, wo mehrere Kinder ein neues Ballspiel spielten, das sie erst diesen
Nachmittag erfunden hatten.
Es waren einige von Momos alten Freunden darunter: Der Junge mit der Brille, der Paolo
gerufen wurde, das Mädchen Maria mit dem kleinen Geschwisterchen Dedé, der dicke Junge
mit der hohen Stimme, dessen Name Massimo lautete, und der andere Junge, der immer etwas
verwahrlost aussah und Franco hieß. Aber außerdem waren da noch andere Kinder, die erst
seit wenigen Tagen dazugehörten, und ein kleinerer Junge, der erst diesen Nachmittag
gekommen war. Es schien tatsächlich so, wie Gigi gesagt hatte: Es wurden immer mehr, von
Tag zu Tag.
Eigentlich hätte Momo sich gern darüber gefreut. Aber die meisten von diesen Kindern
konnten einfach nicht spielen. Sie saßen nur verdrossen und gelangweilt herum und guckten
Momo und ihren Freunden zu. Manchmal störten sie auch absichtlich und verdarben alles.
Nicht selten gab es jetzt Zank und Streit. Das blieb freilich nicht so, denn Momos Gegenwart
tat auch bei diesen Kindern ihre Wirkung, und bald fingen sie an, selber die besten Ideen zu
haben und begeistert mitzuspielen. Aber es kamen eben fast täglich neue Kinder, sie kamen
sogar von weither aus anderen Stadtteilen. Und so fing alles immer wieder von vorn an, denn
wie man weiß, genügt ja oft ein einziger Spielverderber, um den anderen alles zu zerstören.
Und dann war da noch etwas, das Momo nicht recht begreifen konnte. Es hatte auch erst in
allerjüngster Zeit angefangen. Immer häufiger
kam es jetzt vor, daß Kinder allerlei Spielzeug brachten, mit dem man nicht wirklich spielen
konnte, zum Beispiel ein ferngesteuerter Tank, den man herumfahren lassen konnte —, aber
weiter taugte er zu nichts. Oder eine Weltraumrakete, die an einer Stange im Kreis
herumsauste-, aber sonst konnte man nichts damit anfangen. Oder ein kleiner Roboter, der mit
glühenden Augen dahinwackelte und den Kopf drehte—, aber zu etwas anderem war er nicht
zu gebrauchen. Es waren natürlich sehr teure Spielsachen, wie Momos Freunde nie welche
besessen hatten — und Momo selbst schon gar nicht. Vor allem waren alle diese Dinge so
vollkommen bis in jede kleinste Einzelheit hinein, daß man sich dabei gar nichts mehr selber
vorzustellen brauchte. So saßen die Kinder oft stundenlang da und schauten gebannt und doch
gelangweilt so einem Ding zu, das da herumschnurrte, dahinwackelte oder im Kreis sauste-,
aber es fiel ihnen nichts dazu ein. Darum kehrten sie schließlich doch wieder zu ihren alten
Spielen zurück, bei denen ihnen ein paar Schachteln, ein zerrissenes Tischtuch, ein
Maulwurfshügel oder eine Handvoll Steinchen genügten. Dabei konnte man sich alles
vorstellen.
Irgend etwas schien auch heute abend das Spiel nicht recht gelingen zu lassen. Die Kinder
taten eines nach dem anderen nicht mehr mit, bis schließlich alle um Gigi, Beppo und Momo
herumsaßen. Sie hofften, daß Gigi vielleicht zu erzählen anfangen würde, aber das ging nicht.
Der kleinere Junge, der heute zum ersten Mal erschienen war, hatte nämlich ein Kofferradio
bei sich. Er saß ein wenig abseits von den anderen und hatte den Apparat ganz laut gedreht.
Es war eine Reklamesendung.
»Könntest du deinen blöden Kasten nicht vielleicht leiser drehen?« fragte der verwahrloste
Junge, der Franco hieß, in drohendem Ton. »Ich kann dich nicht verstehen«, sagte der fremde
Junge und grinste, »mein Radio geht so laut.«»Dreh's sofort leise!« rief Franco und stand auf.
Der fremde Junge wurde ein bißchen blaß, antwortete aber trotzig: »Du hast mir überhaupt
nichts zu sagen und niemand. Ich kann mein Radio so laut drehen, wie ich mag.«
»Da hat er recht«, meinte der alte Beppo, »wir können's ihm nicht verbieten. Wir können ihn
höchstens bitten.« Franco setzte sich wieder hin.
»Er soll doch woanders hingehen«, sagte er erbittert, »er verdirbt uns schon den ganzen
Nachmittag alles.«
»Er wird schon seinen Grund haben«, antwortete Beppo und blickte den fremden Jungen
freundlich und aufmerksam durch seine kleine Brille an. »Bestimmt hat er den.«
Der fremde Junge schwieg. Nach einer kleinen Weile drehte er sein Radio leise und schaute in
eine andere Richtung. Momo ging zu ihm und setzte sich still neben ihn. Er schaltete das
Radio ab.
Eine Weile war es still.
»Erzählst du uns was, Gigi?« bat eines der Kinder, die neu waren. »O ja, bitte«, riefen die
anderen, »eine lustige Geschichte! - Nein, eine aufregende! - Nein, ein Märchen! - Ein
Abenteuer!« Aber Gigi wollte nicht. Es war das erste Mal, daß das geschah. »Ich möchte viel
lieber«, sagte er schließlich, »daß ihr mir was erzählt-über euch und euer Zuhause, was ihr so
macht und warum ihr hier seid.«
Die Kinder blieben stumm. Ihre Gesichter waren plötzlich traurig und verschlossen.
»Wir haben jetzt ein sehr schönes Auto«, ließ sich schließlich eines vernehmen. »Am
Samstag, wenn mein Papa und meine Mama Zeit haben, dann wird es gewaschen. Wenn ich
brav war, darf ich dabei helfen. Später will ich auch so eins.«
»Aber ich«, sagte ein kleines Mädchen, »ich darf jetzt jeden Tag ins Kino, wenn ich mag.
Damit ich aufgehoben bin, weil sie leider keine Zeit haben.«
Und nach einer kleinen Pause setzte es hinzu : »Ich will aber nicht aufgehoben sein.
Deswegen geh' ich heimlich hierher und spar' mir das Geld. Wenn ich genug Geld hab', dann
kauf ich mir eine Fahrkarte, und dann fahr' ich zu den sieben Zwergen.«
»Du bist dumm!« rief ein anderes Kind, »die gibt's doch gar nicht.« »Doch gibt's die ! « sagte
das kleine Mädchen trotzig. »Ich hab's sogar in einem Reiseprospekt gesehen.«
»Ich hab' schon elf Märchenschallplatten«, erklärte ein kleiner Junge, »die kann ich mir sooft
anhören, wie ich will. Früher hat mein Vater mir abends, wenn er von der Arbeit gekommen
ist, immer selber was erzählt. Das war schön. Aber jetzt ist er eben nie mehr da. Oder er ist
müde und hat keine Lust.«
»Und deine Mutter?« fragte das Mädchen Maria. »Die ist jetzt auch immer den ganzen Tag
weg.« »Ja«, sagte Maria, »bei uns ist es genauso. Aber zum Glück hab' ich Dedé. « Sie gab
dem kleinen Geschwisterchen, das auf ihrem Schoß saß, einen Kuß und fuhr fort: »Wenn ich
von der Schule komm', dann mach' ich uns das Essen warm. Dann mach' ich meine Aufgaben.
Und dann . . .«, sie zuckte die Schultern, »na ja, dann laufen wir eben so 'rum, bis es Abend
ist. Meistens kommen wir ja hierher.« Alle Kinder nickten, denn mehr oder weniger ging es
ihnen allen so. »Ich bin eigentlich ganz froh«, meinte Franco und sah dabei gar nicht froh aus,
»daß meine Alten keine Zeit mehr für mich haben. Sonst fangen sie bloß an zu streiten, und
ich krieg dann Prügel.« Jetzt wandte sich ihnen plötzlich der Junge mit dem Kofferradio zu
und sagte: »Aber ich, ich kriege jetzt viel mehr Taschengeld als früher!« »Klar!« antwortete
Franco, »das machen sie, damit sie uns loswerden!Sie mögen uns nicht mehr. Aber sie mögen
sich selbst auch nicht mehr. Sie mögen überhaupt nichts mehr. Das ist meine Meinung.« »Das
ist nicht wahr!« schrie der fremde Junge zornig. »Mich mögen meine Eltern sogar sehr. Sie
können doch nichts dafür, daß sie keine Zeit mehr haben. Das ist eben so. Dafür haben sie mir
aber jetzt sogar das Kofferradio geschenkt. Es war sehr teuer. Das ist doch ein Beweis -oder?«
Alle schwiegen.
Und plötzlich fing der Junge, der den ganzen Nachmittag der Spielverderber gewesen war, zu
weinen an. Er versuchte, es zu unterdrücken und wischte sich die Augen mit seinen
schmutzigen Fäusten, aber die Tränen liefen in hellen Streifen durch die Schmutzflecken auf
seinen Wangen.
Die anderen Kinder sahen ihn teilnahmsvoll an oder blickten zu Boden. Sie verstanden ihn
nun. Eigentlich war jedem von ihnen ebenso zumute. Sie fühlten sich alle im Stich gelassen.
»Ja«, sagte der alte Beppo nach einer Weile noch einmal, »es wird kalt. « »Ich darf vielleicht
bald nicht mehr kommen«, sagte Paolo, der Junge mit der Brille.
»Warum denn nicht?« fragte Momo verwundert. »Meine Eltern haben gesagt«, erklärte Paolo,
»ihr seid bloß Faulenzer und Tagediebe. Ihr stehlt dem lieben Gott die Zeit, haben sie gesagt.
Deswegen habt ihr soviel. Und weil es von eurer Sorte viel zu viele gibt, haben andere Leute
immer weniger Zeit, sagen sie. Und ich soll nicht mehr hierher kommen, weil ich sonst
genauso werde wie ihr.« Wieder nickten einige der Kinder, denen man schon Ähnliches
gesagt hatte.
Gigi blickte die Kinder der Reihe nach an. »Glaubt ihr das etwa auch von uns? Oder warum
kommt ihr trotzdem?« Nach kurzem Stillschweigen meinte Franco: »Mir ist das gleich. Ich
werd' ja später sowieso Straßenräuber, sagt mein Alter immer. Ich bin auf eurer Seite.«
»Ach so?« sagte Gigi und zog die Augenbrauen hoch, »ihr haltet uns also auch für
Tagediebe?«
Die Kinder schauten verlegen zu Boden. Schließlich blickte Paolo dem alten Beppo forschend
ins Gesicht.
»Meine Eltern lügen doch nicht«, sagte er leise. Und dann fragte er noch leiser: »Seid ihr
denn keine?«
Da erhob sich der alte Straßenkehrer in seiner ganzen, nicht sehr beträchtlichen Größe,
streckte drei Finger in die Höhe und sprach: »Ich hab' noch nie- noch niemals habe ich in
meinem Leben dem lieben Gott oder einem Mitmenschen das kleinste bißchen Zeit gestohlen.
Das schwöre ich, so wahr mir Gott helfe!« »Ich auch!« fügte Momo hinzu. »Und ich auch!«
sagte Gigi ernst.
Die Kinder schwiegen beeindruckt. Keines unter ihnen bezweifelte die Worte der drei
Freunde.
»Und überhaupt, jetzt will ich euch mal was sagen«, fuhr Gigi fort. »Früher sind die Leute
immer gern zu Momo gekommen, damit sie ihnen zuhört. Sie haben sich dabei selbst
gefunden, wenn ihr versteht, was ich meine. Aber jetzt fragen sie danach nicht mehr viel.
Früher sind die Leute auch immer gern gekommen, um mir zuzuhören. Dabei haben sie sich
selbst vergessen. Danach fragen sie auch nicht mehr viel. Sie haben keine Zeit mehr für so
was, sagen sie. Und für euch haben sie auch keine Zeit mehr. Merkt ihr was? Es ist doch
merkwürdig, wofür sie keine Zeit mehr haben!«
Er machte die Augen schmal und nickte. Dann fuhr er fort: »Neulich habe ich in der Stadt
einen alten Bekannten getroffen, einen Friseur, Fusi heißt er. Ich hatte ihn eine Weile nicht
mehr gesehen und hätte ihn bald nicht mehr wiedererkannt, so verändert war er, nervös,
mürrisch,freudlos. Früher war er ein netter Kerl gewesen, konnte sehr hübsch singen und hatte
über alles seine ganz besonderen Gedanken. Für alles das hat er plötzlich keine Zeit mehr. Der
Mann ist nur noch sein eigenes Gespenst, er ist überhaupt nicht mehr Fusi, versteht ihr? Wenn
er's nur allein wäre, dann würde ich einfach denken, daß er ein bißchen verrückt geworden ist.
Aber wo man hinschaut, sieht man solche Leute. Und es werden immer mehr. Jetzt fangen
sogar unsere alten Freunde auch damit an ! Ich frage mich wirklich, ob es Verrücktheit gibt,
die ansteckend ist?«
Der alte Beppo nickte. »Bestimmt«, sagte er, »es muß eine Art Ansteckung sein.«
»Aber dann«, meinte Momo ganz bestürzt, »müssen wir unseren Freunden doch helfen!«
An diesem Abend berieten sie alle gemeinsam noch lang, was sie tun könnten. Aber von den
grauen Herren und deren rastloser Tätigkeit ahnten sie nichts.
Während der nächsten Tage machte Momo sich auf die Suche nach ihren alten Freunden, um
von ihnen zu erfahren, was los war und warum sie nicht mehr zu ihr kamen.
Zuerst ging sie zu Nicola, dem Maurer. Sie kannte das Haus gut, wo er oben unter dem Dach
ein kleines Zimmer bewohnte. Aber er war nicht da. Die anderen Leute im Haus wußten nur,
daß er jetzt drüben in den großen Neubauvierteln auf der anderen Seite der Stadt arbeite und
eine Menge Geld verdiene. Er käme jetzt nur noch selten nach Hause und wenn, dann
meistens sehr spät. Er sei jetzt auch oft nicht mehr ganz nüchtern, und man könne überhaupt
nicht mehr gut mit ihm auskommen.
Momo beschloß, auf ihn zu warten. Sie setzte sich vor seine Zimmertür auf die Treppe. Es
wurde langsam dunkel, und sie schlief ein. Es mußte schon spät in der Nacht sein, als sie
durch polternde Schritte und rauhen Gesang geweckt wurde. Es war Nicola, der die Treppe
heraufschwankte. Als er das Kind sah, blieb er verdutzt stehen. »He, Momo!« brummte er,
und es bereitete ihm sichtlich Verlegenheit, daß sie ihn so sah, »gibt's dich auch noch! Was
suchst du denn hier?«
»Dich«, antwortete Momo schüchtern.
»Na, du bist mir vielleicht eine!« sagte Nicola und schüttelte lächelnd den Kopf. »Kommt hier
mitten in der Nacht her, um nach ihrem alten Freund Nicola zu sehen. Ja, ich hätte dich ja
auch schon längst mal wieder besucht, aber ich hab' einfach keine Zeit mehr für solche. . .
Privatsachen.«
Er machte eine fahrige Bewegung mit der Hand und setzte sich schwer neben Momo auf die
Treppe.
»Was meinst du, was bei mir jetzt los ist, Kind ! Das ist nicht mehr wie früher. Die Zeiten
ändern sich. Da drüben, wo ich jetzt bin, da wird ein anderes Tempo vorgelegt. Das geht wie
der Teufel. Jeden Tag hauen wir ein ganzes Stockwerk drauf, eins nach dem anderen. Ja, das
ist eine andere Sache als früher! Da ist alles organisiert, jeder Handgriff, verstehst du, bis ins
letzte hinein . . .«
Er redete weiter, und Momo hörte ihm aufmerksam zu. Und je länger sie das tat, desto
weniger begeistert klang seine Rede. Plötzlich hielt er inné und wischte sich mit seinen
schwieligen Händen übers Gesicht. »Alles Unsinn, was ich da rede«, sagte er auf einmal
traurig. »Du siehst, Momo, ich hab' wieder mal zuviel getrunken. Ich geb's zu. Ich trink' jetzt
oft zuviel. Anders kann ich's nicht aushalten, was wir da machen. Das geht einem ehrlichen
Maurer gegen das Gewissen. Viel zuviel Sand im Mörtel, verstehst du? Das hält alles vier,