„Die Blutpflaume ist wirklich hervorragend gewachsen. So viele frische Triebe!
Das wird Moiev
freuen!“ sagte Hector zu niemand bestimmten, abgesehen vielleicht von der Katze Mika, die
zustimmend schnurrte und um seine Beine strich, während sich Hector nun daran machte, mit einem
spitzen Gartenmesser die jungen knospigen Triebe der Pflaume abzutrennen und schließlich in einem
Bündel zusammenschnürte.
Es war ein äußerst warmer, sonniger Frühlingsmorgen, und der Winter war sowieso recht mild
gewesen. Im Garten des Kräutermeisters begrüßten schon einige Blüten die Sonnenstrahlen, und so
war der Lehrling recht beschäftigt mit der Ernte der ersten Rispen und Blütenblätter.
Jetzt mussten jedenfalls die Zweige der Blutpflaume kleingehackt, über dem Feuer getrocknet und
schließlich pulvrig gemörsert werden. Das war ein mühsames Verfahren, und es sollte alles an einem
Tag geschehen, einschließlich der Zubereitung der finalen Tränke und Pasten. Schließlich könne nur
auf diese Weise „die entscheidende Lebensessenz der Blutpflaume kapturiert und ihrer Wirkung
bewahrt werden“, so Moiev.
Moiev war ein griesgrämiger greiser Halbling, der mittlerweile
ohne seinen Gehstab nicht mehr weit kam. Als Kräutermeister hat
er sich in Grünmoor einen sehr guten Ruf aufgebaut, denn nicht
nur einige Hämorrhoiden hat er erfolgreich mit seinen Salben
behandelt, sondern auch in medizinischen Notfällen das Leben
manches Bewohners gerettet. So ist niemand misstrauisch
geworden, als vor 23 Jahren der Ziehvater Hector als Säugling
aufgenommen und großgezogen hatte.
Hämorrhoidensalben und Warzenpasten waren bei Weitem nicht
alles, was der Meister in seinem Holzhaus abseits des Dorfes trieb.
In seiner Braukammer waren alle Wände mit Regalen bedeckt.
Hier beugten sich die massiven Holzbretter unter schweren Glas-
und Holzfässern, Krügen, Phiolen und sonstigen Vorratsgefäßen,
die nicht nur mit den unvorstellbarsten alchemistischen Zutaten,
sondern auch diversen klaren Flüssigkeiten wie Alkohol, Essig und
Laugen gefüllt waren. Hier gab es gleich drei Feuerstellen, die
steinern eingefasst waren und durch große Rohre ihren Rauch
nach draußen führten. In einer anderen Ecke türmten sich
kupferne und gusseiserne Kessel in vielen Größen, in denen er
schließlich auch magische Tränke braute. Die allerdings verkaufte
er nicht an die Dorfbewohner, sondern schaffte sie nach Waterdeep, da er dort „würdige Abnehmer“
fände. Hector blieb dann stets zuhause.
In seiner Schlafkammer hatte der Alchemist zwei große Bücherregale mit einer Vielzahl an
Schriftrollen, dicken Büchern und zerstreuten Notizen. Bei einigen Tränken spielten auch magische
Zauber und Rituale eine wichtige Rolle. So unterwies Moiev auch Hector in einige grundlegende
Tricks, etwa wie man ohne Feuerzeug eine Kerze anzündet und wie man das Feuer ebenso einfach
wieder auslöschen kann. Dabei erhielt er von seinem Meister zum 21. Lebensjahr auch ein eigenes
Zauberbuch, in dem er seine Trankrezepte, Notizen und (wenigen) Zaubersprüche niederschreiben
und studieren konnte.
Nun aber machte sich Hector an die Zweige der Blutpflaume. In der Braukammer erhitzte er in einer
großen Schale die kleingeschnittenen Zweige, während in einem kleinen Kupferkessel ein kräutriger
Sud dampfte. Es war Abend geworden, und der Meister war noch nicht zurückgekehrt, bis Hector
plötzlich zwei laute hörte und die Haustüre zuschlug. Die aufgeregte Stimme einer jungen Frau und
Moievs, der etwas ängstlich – und wütend wirkte: „… warum kommt ihr jetzt? Ihr wisst genau, dass
ich nicht bereit bin, und…“ – „Ruhig, Moiev!“. Jetzt konnte Hector nichts mehr hören, und es öffnete
sich knarzend die Tür zu Moievs Studierzimmer, und es war Stille.
Nun war Hector ein sehr neugieriger Mensch, zumal so etwas in den 23 Jahren noch nie
vorgekommen war. Eine mysteriöse Frau hier, und Moiev ängstlich? Der Alchemist, den er
kennengelernt hatte, war vielleicht vieles, aber nie ängstlich gewesen. Und in der Stimme seines
Meisters hatte eine solche Furcht mitgeklungen, die auch Hector einen kalten Schauder bescherte.
Worum ging es hier? Hectors Neugier siegte über seine Beklommenheit, und so schlich er sich leise
auf den kleinen Flur und drückte sein Ohr ans Schlüsselloch.
„…es war nicht einfach, aber er kann so nicht bleiben. Ihr werdet euch darum kümmern und es
endgültig versiegeln!“ Die Stimme der Frau, die vorher aufgeregt war, klang nun bestimmt und
streng.
„Eure Magie wird nicht lange halten, ich habe maximal…“
„Eine Woche. Eine Woche wird er noch so gehalten werden, aber dann wird er sich befreien können.
Bis dahin habt ihr Zeit, und ich weiß, dass ihr es bewerkstelligen könnt, Moiev.“
Moiev grummelte. „Ihr wisst, was für eine Gefahr das bedeutet, für mich – und für Hector. Wie
außerdem soll ich das Ritual in einer Woche durchführen, während er hier ist? Ich dachte, ihr wollt
ihn da raushalten“.
„Das will ich auch, und ich weiß auch, dass ihr ihn beschäftigen könnt. Schickt ihn auf Reise, ein Stück
weit weg zum Zutaten sammeln. Er wird schon klarkommen, da bin ich mir sicher. Wie macht er sich
sich sonst? Er hat sein Zauberbuch erhalten?“
„Im letzten Jahr, und er macht sich recht gut, ist aber zu stürmisch und voreilig beim Ausprobieren.“
Die mysteriöse Frau lachte schallend. „Wie sein Vater. Es stand fest, dass er eine Begabung
entwickelt.“ Sie wurde wieder ernst. „Ihr wisst, was zu tun ist. Mit Hector und ihm. Er ist verkettet in
dieser Schatulle, die ihr mir angefertigt habt. Seine Macht wächst auch jetzt noch, und ihr habt
höchstens eine Woche Zeit.“
Hector hörte, wie es raschelte. „Moiev, ich vertraue dir. Wenn einer das endgültige Siegel anbringen
kann, dann du. Ich weiß, dass Du die Fähigkeiten hast, und auch die Materialien. Es mag kurzfristig
sein, aber du wirst es schaffen.“
Moiev seufzte. „Na gut. Ihr lasst mir ja auch keine andere Wahl“.
„Denkt dran, wie wichtig eure Arbeit für unsere Sache ist. Meldet euch, wenn es versiegelt ist. Ich
werde dann den Rest erledigen. Mit diesem Sendstein könnt ihr mich erreichen. Ich muss nun
aufbrechen.“
Hector hörte Schritte, und er wich erschrocken durch den Flur zurück, bis er die Haustür öffnete und
in die milde Frühlingsnacht schlich. Hinter einem Busch Goldglöckchen sah er, wie aus der Haustür
die Frau trat und etwas zu Moiev sagte. Sie drehte sich nun in Hectors Richtung. Jetzt erst konnte
Hector die Frau sehen.
Sie war in ein dunkles, schimmerndes Gewand gehüllt, das eigentlich auf den Boden fallen sollte,
denn es war windstill, aber irgendetwas schien die Robe von der dreckigen Erde abzuhalten, so dass
es ein Stück über den Grund schwebte. Ein dunkles Kopftuch konnte ihr wallendes blondes Haar nicht
gänzlich verbergen, und ihre strahlenden blauen Augen - sie schien in direkt anzusehen und –
zwinkerte sie ihm zu? Sie lachte laut auf, führte eine geschickte Handbewegung aus und war plötzlich
verschwunden.
Moiev erschien mit seinem Stab im Türrahmen, blieb stehen und blickte gedankenverloren in den
Garten, bis er nach wenigen Minuten die Tür schloss und sich ins Haus zurückzog.
Hector schlich daraufhin zur Haustüre, die der Meister direkt vor ihm aufriss, seinen Stab in beiden
Händen und Hector zuerst angriffslustig, dann misstrauisch beäugte, bevor er sich wieder auf seinen
Gehstock stützte.
„Wo bist du gewesen?“
„Äh… ich hatte noch einige Zweige draußen vergessen, dachte ich hätte zu wenig geerntet und es
reicht nicht…“
Der Meister schien gar nicht zu beachten, dass Hector keine Zweige von draußen geholt hatte.
„Das ist jetzt auch egal. Um den Trank werde ich mich kümmern. Du musst für mich aufbrechen und
in Warnstedt einige wichtige Zutaten holen. Sofort. Dort in der Stadt gibt es einen Alchemisten und
Kräutersammler, Begolf, den ich kenne und der Bescheid weiß.“
Hector nickte. „In Ordnung. Ich packe meine Sachen und werde sogleich aufbrechen.“
Der Meister nickte müde. Nach wenigen Minuten kam Hector zurück aus seiner kleinen
Schlafkammer, mit einem kleinen Rucksack, der sein wenig Hab und Gut – und sein Zauberbuch –
umfasste. Im Flur wartete der Meister, der Hector kurz umarmte und zwei Taschen mit Proviant
sowie eine Liste mitgab.
Warnstedt war zu Fuß in vielleicht 6, höchstens 5 Tagen zu erreichen – aber auch nur, wenn man ein
ordentliches Tempo einlegte – insgesamt also 10 Tage. Das Ritual wäre dann schon vollendet
gewesen – und die Zutaten ganz sicher nicht von Bedeutung dafür. Und auch hier siegte Hectors
Neugier, und er beschloss insgeheim, sich nicht weiter als einen halben Tag zu entfernen und schon
nach 6 Tagen wiederzukehren.
Und so geschah es, und nach 6 Tagen kehrte er zurück. Es war Abend und kalt geworden. Das Haus
schien schaurig leer, nirgendwo war Kerzenlicht zu sehen, nur aufsteigender Rauch aus dem hohen
Schornstein zeigte, dass hier noch jemand am Werk war. Leise öffnete Hector die Haustüre, er stellte
seinen Rucksack in den Flur und schlich sich zum Studierzimmer, in das er vorsichtig hineinlugte. Hier
war das absolute Chaos ausgebrochen. Der Boden war bedeckt von aufgeschlagenen Wälzern, auf
denen viele lose Pergamente und Notizen lagen – und einige herausgerissene Seiten. Beklommenheit
machte sich in Hector breit, aber dennoch kehrte er zurück zum Flur und öffnete schließlich die Tür
zur Braukammer:
Auf den Boden der Kammer war ein blutroter Zirkel gemalt, der fast bis an die Wände der Kammer
reichte. Dieser Zirkel schien zu glühen und war mit mehreren arkanen Symbolen verwoben. Diese
fassten die drei Feuerstellen in Form eines Triskels ein, in dessen Zentrum sich die Zeichen mehr und
mehr konzentrierten und überlappten. Hier war eine kleine Schatulle auf dem Boden, die aus einem
massiven glänzenden Metall gearbeitet war und von zwei
groben Ketten umfasst wurde. Beleuchtet wurde der Raum nur
von drei schwebenden Kerzen, die zusammen mit einem
aufgeschlagenen Buch und mehreren losen Pergamenten um
den alten Halbling schwebten. Moiev stand mit dem Rücken zu
Hector an einem der drei Kesseln. Er schien in voller
Konzentration und murmelte einige Sätze, die in einer Hector
völlig unverständlichen Sprache waren. In seiner Hand hielt er
eine Phiole mit einer pechschwarzen Flüssigkeit, die er weiter
murmelnd nun in den Kessel einrührte. Von diesem Kessel aus
färbten sich auch die Symbole über die Spirale pechschwarz, bis
sie die Mitte des Triskels und die Schatulle erreichten. Als das geschah, zuckte die Schatulle plötzlich
und schwebte nun vibrierend in der Luft. Das Schwarz wich nun wieder schnell von der Schatulle
zurück, aber die Schatulle schwebte weiter knapp über den Boden. Nun fluchte der Meister in einer
Sprache, die Hector sehr wohl verstand. Er streckte seine Arme ruckartig zur Seite, und sofort flogen
zwei größere Flaschen in beide Hände, die beide dieselbe durchsichtig schimmernde Flüssigkeit
enthielten. Beide Flaschen kippte der Meister direkt über den Kessel aus. Doch anstatt sich ein
plötzlicher Schwall in den Kessel ergoss, verwob sich ein kräftig oszillierendes Farbgeflecht langsam
unter den unverständlichen Beschwörungen Moievs in den Kessel. Ein Zittern schien den Raum zu
erfüllen, der Boden und die Wände bebten und die Flaschen und Behälter in den Regalen klirrten.
Unwillkürlich musste Hector stöhnen. Plötzlich drehte sich Moievs Kopf zu ihm um, die Augen des
Halblings schienen Hector wütend zu durchbohren. Und in diesem Moment fiel dem Alchemisten die
rechte Flasche aus der Hand. Die Zeit schien stillzustehen, während die Flasche erst an dem Kessel
abprallte und dann mit einem lauten Donner auf den Boden zerbarst. Mehrere Gefäße zerbrachen
auf den Regalen, als ein heftiger Ruck durch den Raum ging und sich ein Spalt auf dem Steinboden
auftat, der knirschend sowohl Moiev als auch die Schatulle erfasste. Der unterbrochene Triskel
schimmerte nun in allen Regenbogenfarben. Blitze sprangen von den erhaltenen Symbolen auf die
Schatulle, die ihre Farbe verändert hatte und nun in Sekundenschnelle zu rosten begann, bis die erste
Kette aufbrach. Eine Pulswelle erfasste den Raum, und es wurde schlagartig dunkel, als die Kerzen
ausgelöscht waren und Hector hörte, wie Moiev dumpf auf den Boden aufschlug. Immer noch
schimmerten die Symbole auf dem Boden, aber nun immer schwächend werdend, während die
Schatulle weiter rostete und sich erste Löcher bildeten. Aus diesen Löcher floss sofort ein dunkler
Rauch, der die Schatulle schließlich umfasste, nach außen drängte und schließlich auch die zweite
Kette sprengte. Eine weitere, noch stärkere Pulswelle erfasste den Raum und warf Hector zurück
gegen ein soeben heruntergekrachtes Regal. Nun war es absolut still geworden, auch die Symbole
waren nicht mehr zu sehen. Hector hörte ein Rascheln, und er merkte, wie sich am Kessel seines
Meisters etwas aufrichtete. „Moiev?“ fragte Hector, als er aufgestanden war und nach wenigen
Schritten die Schulter seines Meisters berührt hatte. Ein Grauen erfasste ihn, als er nichts als eisige
Kälte spürte. Er zuckte zurück. „Moiev?“
Nun drehte sich der Kopf des Halblings in Hectors Richtung. Es war aber nicht Moiev, den er sah,
sondern ein grausam lächelndes Gesicht mit weißen Augäpfeln. Der verzerrte Mund öffnete sich, und
asynchron zu dessen Bewegungen hörte Hector nun eine harte Stimme, die nicht nur fremd, sondern
auch unmenschlich war. Hector schrie und fiel auf den Boden, während er rückwärts krabbelte. Doch
die Kreatur lächelte nur. Mit einem einzigen Sprung war sie sofort bei Hector und legte ihre Hände
um seinen Hals. Sofort spürte Hector wieder die Kälte, die seine Atmung und seinen nächsten Schrei
erstickte. Kraftlos zerrte er mit seinen Händen an dem unnachgiebigen Griff der Kreatur. Immer
weiter breitete sich die Kälte in Hectors Körper aus, und das Lächeln des Gesichts wurde immer
schiefer, als es sich über Hector beugte.
Der Kopf des Lehrlings rutschte zur Seite. Seine Augen flackerten und er wurde immer müder und
müder. Vor sich sah er eine schimmernde Glasflasche, die in den Trümmern des Regals unbeschädigt
gewesen war. In einer letzten schnellen Bewegung griff Hector nach der Flasche und zog sie dem
Monster über den Kopf. Der typische würzig-süßliche Geruch der Substanz biss in Hectors Nase.
„Pass bloß auf Hector, wenn Du mit dem Ethanole hantierst. Das Zeug fackelt mir sonst die Bude ab,
wenn Du es nicht ordentlich von jeder Flamme fernhältst!“
„Feuer!“, dachte Hector. „Ich brauche Feuer!“. Und ihm fiel auch ein, wie er an Feuer gelangen
konnte. Er hatte von Moiev genau gelernt, wie man eine magische Flamme herbeirufen kann, und er
brauchte dafür auch nicht mehr sein Buch oder eine Anleitung! Hector konzentrierte sich, und mit
einer schnellen Fingerbewegung ließ er eine ordentliche Flamme über dem Gesicht des Monsters
entstehen. Mit einem Zischen erfasste das Feuer das gesamte Gesicht und die Haare, die vom
Alkohol getränkt waren. Die Kreatur schrie auf und ließ ihre Hände von Hector, der sofort aufatmete
und den Moment nutzte, um dem Körper seines Meisters einen ordentlichen Tritt mit beiden Füßen
zu verpassen. Mit einem Krachen landete der leichte Halblingskörper in einer Ecke des Raumes.
Weiteres Glas zerbrach, und eine ohrenbetäubende Explosion erfüllte den Raum, als die Lachen der
verschiedenen Chemikalien und Flüssigkeiten auf dem Boden entflammten und eine Kettenreaktion
auflösten.
Hustend und keuchend von den diversen Dämpfen kroch Hector zum Ausgang. Eine weitere
Explosion erfasste die Braukammer, die Hector im Flur auf den Boden warf. Er schnappte sich seinen
Rucksack und rannte in die Nacht, so wie er noch nie gerannt war.