H.J.
Oberle Komplexe Funktionen SoSe 2013
7. Der Cauchysche Integralsatz
Der folgende, auf Augustin Cauchy zurückgehende Integralsatz
ist fundamental für die Theorie komplexer Funktionen. Er wird
auch als der Hauptsatz der Funktionentheorie bezeichnet.
Satz (7.1) (Cauchyscher Integralsatz)
Ist D ⊂ C ein einfach zusammenhängendes Gebiet, f : D → C
eine holomorphe Funktion und c : [a, b] → D ein geschlossener
stkw. C1-Weg, so gilt
I
f (z) dz = 0.
c
Beweis: Wir führen den Beweis durch Zurückführung auf reelle
Integrale. Mit c(t) = (x(t), y(t))T ergibt sich
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I Zb Zb
u(c)x0 − v(c)y 0 dt + i 0 0
f (z) dz = u(c)y + v(c)x dt
c a ! !a
u v
I I
= dx + i dx
−v u
c c
Beide Vektorfelder unter den Integralen erfüllen aufgrund der
Cauchy-Riemannschen Differentialgleichungen die Integrabili-
tätsbedingung !
u
rot = −vx − uy = 0
−v
!
v
rot = ux − vy = 0
u
Da D einfach zusammenhängend ist, sind beide Vektorfelder also
Potentialfelder (vgl. Lehrbuch (19.2.24)) und die geschlossenen
Kurvenintegrale verschwinden.
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Bemerkung (7.2) Keine der im Cauchyschen Integralsatz an-
gegebenen Voraussetzungen ist entbehrlich. Dies zeigen die in
letzten Abschnitt angegebenen Beispiele:
I
• z dz 6= 0 (z ist nicht holomorph),
|z|=1
I
• (1/z) dz 6= 0 (D ist nicht einfach zusammenhängend),
|z|=1
Z
• z dz 6= 0 für c(t) = e(1+i)t, 0 ≤ t ≤ 2π ( c ist nicht
c
geschlossen).
Folgerung (7.3)
Ist D ⊂ C einfach zusammenhängend
R
und f : D → C holomorph,
so ist das Kurvenintegral c f (z) dz wegunabhängig (bei festen
Endpunkten).
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Für stkw. C1-Wege c1, c2 : [a, b] → D gilt also unter den obigen
Voraussetzungen
Z Z
c1(a) = c2(a), c1(b) = c2(b) ⇒ f (z) dz = f (z) dz.
c1 c2
Beweis: c1 + (−c2) ist eine geschlossene stkw. C1-Kurve in D
und D ist einfach zusammenhängend. Die Behauptung folgt aus
dem Cauchyschen Integralsatz zusammen mit (6.8) b) und e).
Satz (7.4) (Existenz einer Stammfunktion)
Sei D ⊂ C ein einfach zusammenhängendes Gebiet und f :
D → C holomorph. Ferner sei z0 ∈ D ein (beliebiger) fester
Punkt. Für z ∈ D bezeichne cz einen beliebigen, die Punkte z0
(Anfangspunkt) und z (Endpunkt) verbindenden Stkw. C1-Weg.
Dann ist wegen (7.3) durch
Z
F (z) := f (ζ) dζ
cz
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eine Funktion F : D → C wohldefiniert. F ist eine Stammfunk-
tion von f , d.h. F ist holomorph auf D und es gilt F 0(z) = f (z).
c c
z
z+h
cz+h
z0
D
Abb 7.1. Stammfunktion
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Beweis: Für hinreichend kleines ε > 0 und h ∈ C mit |h| < ε
lassen sich die Kurven cz und cz+h durch die geradlinige Verbin-
dung c(t) := z + t h, 0 ≤ t ≤ 1 zu einer geschlossenen stkw.
C1-Kurve cz + c + (−cz+h) innerhalb von D ergänzen. Damit
wird
Z Z
F (z + h) − F (z) = f (ζ) dζ − f (ζ) dζ
c c
Z z+h Z 1z
= f (ζ) dζ = f (z + t h) h dt,
c 0
also
F (z + h) − F (z) 1 Z
− f (z) ≤ |f (z + th) − f (z)| dt → 0, h → 0.
h 0
Damit ist F holomorph auf D mit F 0 = f .
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Folgerung (7.5)
Ist f auf einem einfach zusammenhängenden Gebiet D ⊂ C ho-
lomorph und ist F eine Stammfunktion von f auf D, so gilt für
alle stkw. C1-Wege c : [a, b] → D
c(b)
Z
f (z) d z = F = F (c(b)) − F (c(a)). (7.6)
c(a)
c
a+ib
1
Z
Beispiel (7.7) 2
d z; a, b > 0.
z
a−ib
a) Explizite Integration: c(t) := a + i t, −b ≤ t ≤ b.
Zb
dz i dt 1 b 2ib
Z
2
= 2
= − = 2 + b2
z (a + i t) a + i t −b a
c −b
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b) Integration mittels Stammfunktion:
a+i
Z b
dz 1 a+i b 2ib
= − =
z2 z a−i b a2 + b2
a−i b
Bemerkung (7.8)
Anstelle des einfachen Zusammenhangs genügt es, im Cauchy-
schen Integralsatz zu fordern, dass der geschlossene stkw. C1-
Weg c nullhomotop ist, d.h. dass sich c innerhalb des Gebietes
D stetig auf einen Punkt zusammenziehen lässt.
In Verallgemeinerung hierzu wird definiert: Zwei stkw. C1-Wege
c, c̃ : [a, b] → D heißen homotop, wenn sie sich (innerhalb des
Gebietes D) stetig ineinander deformieren lassen, d.h. es gibt eine
stetige Abbildung Φ : [a, b] × [0, 1] → D gibt mit c(t) = Φ(t, 0)
und c̃(t) = Φ(t, 1) für alle t.
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Satz (7.9)
Ist f : D → C holomorph auf dem Gebiet D und sind c, c̃ :
[a, b] → D geschlossene und in D homotope stkw. C1-Wege, so
gilt
I I
f (z) dz = f (z) dz.
c c̃
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D
Beispiel (7.10)
Für jeden einfach geschlossenen stkw. C1- Weg c, der einen Punkt
z0 ∈ C einmal im positiven Sinn umläuft, gilt
dz
I
= 2 π i.
c
z − z0
Denn: c ist homotop zum Weg c̃(t) = z0 + rei t, 0 ≤ t ≤ 2 π.
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Definition (7.11)
Für eine geschlossenen stückweisen C1-Weg c : [a, b] → C \ {z0}
heißt 1
I
dz
Uml(c; z0) :=
2 π i c z − z0
die Umlaufzahl von c bezüglich des Punktes z0.
Uml(c; z0) ist stets eine ganze Zahl, sie gibt an, wie oft der
Weg c den Punkt z0 in mathematisch positiven Sinn umläuft.
Uml(c; z1) = −2,
Uml(c; z2) = −1,
z1 z2 z3
Uml(c; z3) = 0.
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