Geschichte der Philosophie I: Antike
7: Handlung
Handlung in der Bhagavad Gita
• Eine zentrale Idee der Gita ist ähnlich zu einem Thema, das wir im Daoismus sowie in
Konfuzianismus finden: die beste Handlung ist „nicht-Handlung (wu wei).“ Eigentlich sind diese zwei
Schulen zerstritten, da die Daoisten Ritual und feste Ideen über Tugend ablehnen, z.B. sagt Zhuangzi :
„Da der Weise von tian (Himmel) alles bekommt, wozu braucht er ren (Menschlichkeit)?“
• Trotzdem finden wir im Konfuzianismus den Vorschlag, eine mühelose Herangehensweise (vor allem
in der Politik) zu flegen: der König Shun musste nur aufrecht sein und „nach Süden“ schauen
(Analekten 15.5).
• Eine Ähnlichkeit zwischen Daoismus und der Handlungstheorie der Gita ist, dass wir in beiden
Fällen die Idee „ungebundener Handlung“ finden, d.h. eine Konzentration auf die Handlung an sich
ohne auf das Resultat zu achten. Dies mag überraschend sein, denn es klingt mehr buddhistisch als
vedisch, obwohl die Gita ein Teil eines „Hindu-Klassikers“, der Mahabharata, ist.
• Wir sehen deutlich in der Gita, dass den Autor (oder die Autoren) Lehren der konkurrierenden
śramana Bewegungen interessieren. Arjuna fragt sich, ob „Entsagung” nicht besser wäre, um dem
Konflikt zu entkommen, den er zwischen seinen Pflichten sieht: einerseits seiner Familie gegenüber
(kula-dharma), andererseits seiner Pflicht als Krieger (kṣatriya-dharma) oder Selbst-Pflicht
(svadharma). Tatsächlich erinnert die endgültige Lösung an buddhistische Ethik, die in gewissem
Maße übernommen wird.
• Es scheint aber, dass dieser Einfluß nur bei einer „Schicht“ in der Entstehung des Textes eingetreten
ist. Denn Kṛṣṇa bietet eine ganze Reihe von Begründungen an um zu rechtfertigen, warum Arjuna
kämpfen soll, die evtl. mit aufeinanderfolgenden Überarbeitungen des Textes zu erklären sind. Erstens
appelliert er an Arjunas dharma-Gefühl („sei kein Eunuch!“), dann sagt er, dass mit Gewalt kein
Unrecht getan wird, weil nur der Körper und nicht das Selbst umgebracht wird.
• Schon die kṣatriya-Ethik bereitet aber den Weg für die Idee der ungebundenen Handlung, denn ihr
zufolge soll man auch kämpfen, ohne eine realistische Hoffnung auf Sieg zu haben. Diese Idee kommt
dann auch in der Gita mehr und mehr zum Vorschein: die „Früchte“ der Handlung sind ohne Belang,
und was wirklich zählt, ist, dass man richtig handelt. Arjuna erwidert, dass man dann genau so gut
nicht handeln könnte, Kṛṣṇa sagt aber, dass auch das Nicht-Handeln eigentlich eine Art Handlung sei.
• Sehr „vedisch“ ist immerhin die Thematisierung des Rituals. Man soll opfern und im Allgemeinen die
Rituale ausführen, um „die Welt zusammen zu halten“, und nicht enttäuscht sein, wenn daraus keine
„Früchte“ entstehen. Das ist offensichtlich eine Änderung des früheren Verständnis des Rituals.
• Jetzt ist vielmehr die innere Motivation für religiöse Handlung und die Hingebung (bhakti) zu Gott
entscheidend. Gott steuert die Welt und der gute Weg ist, dieses „Schicksal“ nicht zu bekämpfen,
sondern innerhalb dieser göttlichen Steuerung mitzuwirken. Da der Krieg zwischen der Pāṇḍava and
Kaurava zu dem göttlichen Plan gehört, wäre es unangemessen daran nicht teilzunehmen.
Handlung bei Aristoteles
• Im 3. Buch der Nikomachischen Ethik definiert Aristoteles das Freiwillige (hekousion), die
Entscheidung (prohairesis) und den Wunsch (boulêsis).
• Faktoren, die die Freiwilligkeit unterminieren, können als „Entschuldigungen“ verstanden werden:
Unwissenheit (agnoia) und Zwang (bia). Manche Handlungen sind „gemischt“, das heißt, sie sind
teilweise freiwillig, teilweise unfreiwillig. Aristoteles erläutert dies am Beispiel, „wenn man im Sturm
etwas von sich wirft: Denn im Allgemeinen wirft niemand freiwillig Wertgegenstände weg, dagegen
tun es alle Vernünftigen, wenn ihre eigene Rettung und die anderer auf dem Spiel stehen“ (1110a). Ein
Anzeichen von Unfreiwilligkeit ist das Bereuen des Ergebnisses.
• Neben diesen „negativen“ Bedingungen bietet Aristoteles auch eine positive Beschreibung der
Freiwilligkeit: Eine Person handelt freiwillig, solange das „Prinzip“ (archê) in ihr liegt, oder, wie
Aristoteles sagt, wenn es „bei uns“ (eph’ hêmin) liegt, zu handeln oder nicht zu handeln.
• Dieses Prinzip hängt damit zusammen, dass für Aristoteles Handlung nur verständlich ist, wenn ein
Ziel verfolgt wird. Überlegung und Entscheidung betreffen stets einen Zweck, der bereits feststeht, und
suchen nach den besten Mitteln, ihn zu erreichen: Ein Arzt überlegt und entscheidet nicht, ob er seine
Patienten heilen will, sondern wie er sie heilen kann (1112b). Dies steht in Zusammenhang mit seiner
Theorie des „praktischen Syllogismus“: Der Zweck erklärt, warum eine allgemeine Prämisse relevant
ist (z.B. „Trockenes Essen ist gesund“). Also würde Aristoteles „ungebundene Handlung“ ablehnen.
• Aristoteles nutzt diese Theorie auch, um Willensschwäche (akrasia) zu erklären, eine
Charaktereigenschaft. Er ordnet sie in ein System von vier Charaktereigenschaften ein: Tugend,
Willensstärke, Willensschwäche und Laster. Mehr dazu nächste Woche!