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Lexikalische Semantik
Skript zum Grundkurs Linguistik, Germanistik, UDE (Stand: November 2018)

Ulrike Haß

Inhalt
0. Zur Einführung..................................................................................................................................................... 1
Grundsätzliches zur Terminologie ...................................................................................................................... 2
1. Wie kommt man überhaupt an die Bedeutung eines Worts heran? .................................................................. 2
2. Saussures bilaterales Zeichenmodell und seine Weiterungen ............................................................................ 4
2.1 Motiviertheit (teil-, voll-, de-/unmotiviert) .................................................................................................. 5
2.2 Semantische Relationen ............................................................................................................................... 6
2.3 Homonymie und Polysemie .......................................................................................................................... 8
2.4 Wortfelder .................................................................................................................................................... 9
2.5 Die Merkmalsemantik ................................................................................................................................. 10
3. Referenz (als „dritte Dimension“) ..................................................................................................................... 11
4. Pragmatische Perspektive auf Wortbedeutungen ............................................................................................ 12
4.1 Kontext und Bedeutung .............................................................................................................................. 12
4.3 Konnotationen – eine Grabbelkiste ............................................................................................................ 15
5. Kognitionslinguistische Perspektiven ................................................................................................................ 16
5.1 Kategorien und Konzepte ........................................................................................................................... 16
5.2. Ordnung der Kategorien ............................................................................................................................ 17
5.3 Prototypen .................................................................................................................................................. 19
5.4 Metaphern und Metonymien ..................................................................................................................... 20
Verwendete und zugleich zur Vertiefung geeignete Literatur: ........................................................................ 21

0. Zur Einführung
Die Semantik ist derjenige Zweig der Linguistik, der sich mit der Bedeutung sprachlicher Elemente
befasst. Als Elemente mit Bedeutung gelten Morpheme, Wörter (auch Lexeme genannt) und Sätze,
denn ihnen lassen sich Bedeutungen zuordnen. Dieses Skript-Kapitel konzentriert sich auf die
lexikalische Semantik, d.h. auf die Bedeutung von Wörtern, gleichgültig aus wie vielen Morphemen
sie bestehen.

Ziel des Skriptes ist es, ein Wissen über Bedeutung aufzubauen, das über das alltägliche Wissen
hinausgeht; dazu ist die Anwendung von Fachtermini unerlässlich. Die Bedeutung eines Worts
besteht immer aus mehreren Aspekten – welche dies sind, hängt von der eingenommenen
Perspektive ab. In der Semantik existieren mehrere Modelle von Bedeutung nebeneinander, die alle
eine für sich genommen wesentliche Perspektive zum Ausgangspunkt nehmen und die sich deshalb
gut ergänzen. Auch Anwendungsfelder und Sprachdidaktik benötigen von Fall zu Fall das eine oder
das andere semantische Modell.

Anwendungsbezüge semantischen Wissens: Dokumentation von Fachwortschatz


(Terminographie), Übersetzen, Erstellung von Wörterbüchern (Lexikografie), Klärung
semantischer Missverständnisse und Fragen in Politik, Recht, Journalismus; Aufdeckung
manipulativen Wortgebrauchs; Wortschatzarbeit in der Schule; „Arbeit an Begriffen“ in der
Schule; automatische Informationsverarbeitung (semantic web, ontologies, textmining).
Außerdem wird der Zusammenhang zwischen Denken und Sprechen meist am Beispiel
semantischer Fakten thematisiert (obwohl auch syntaktische Strukturen mit dem Denken zu
tun haben können).
2

Grundsätzliches zur Terminologie


Der Ausdrücke Wort, Wörtersind in der Sprechweise des Alltags vieldeutig: Man zählt die Wörter
eines Textes, unter denen viele Wörter doppelt und mehrfach vorkommen, andererseits schlägt man
die Bedeutung eines Worts im Wörterbuch nach. In der Linguistik wird deshalb folgendermaßen
unterschieden:

(das) token: jedes einzelne Textwort, so wie es vorkommt; tokens werden gezählt.
Der vorhergehende Absatz (von Der bis unterschieden) enthält 42 tokens.

(der) type: jede in seiner Flexionsform besondere Wortform; derselbe Absatz enthält 33
types, die types Wörter, und, die, man kommen jeweils mehrmals vor.

(das) Lexem: Einheit des Wortschatzes unabhängig von seiner grammatischen Form.
Kognitionslinguistisch stellt man sich Lexeme als Ganzheiten im Gehirn gespeichert und abrufbar vor;
dies gilt für alle Lexeme, die aus nur einem Morphem bestehen, aber auch für viele Ableitungen und
Komposita (vgl. Stichwort ‚Lexikalisierung‘ im Skript „Wortbildungsmorphologie“). Synonym zu Lexem
wird in der Fachsprache auch Wort verwendet, d.h. der Terminus Wort ist in der Fachsprache nicht
vieldeutig.

(das) Phrasem: Einheiten des Wortschatzes können auch aus einer Wortgruppe bestehen,
deren Bedeutung nicht einfach aus den Bedeutungen ihrer Bestandteile erschlossen werden kann,
sondern als Ganzheit gelernt und gewusst werden muss, z.B.: durch Dick und Dünn gehen, mit Kind
und Kegel, den Ball flach halten, Geschichte machen, Heiliger Stuhl u.v.m. Die Elemente eines
Phrasems geben allenfalls gewisse Hinweise auf die Bedeutung des Ganzen und tun dies noch dazu in
stark kulturabhängiger Weise. Phraseme unterscheiden sich im Hinblick auf ihre Semantik nicht
wesentlich von Lexemen, die aus einem oder mehreren morphologischen Elementen bestehen. D.h.
dass alles, was unten in Abschnitt 2 über Lexeme gesagt wird, im Prinzip auch für Phraseme gilt. Die
Phraseologie klassifiziert zahlreiche Unterarten von Phrasemen und beschreibt sowohl ihre formalen
als auch ihre semantischen Aspekte. Darauf wird im Grundkurs nicht näher eingegangen.

1. Wie kommt man überhaupt an die Bedeutung eines Worts heran?


Im Alltag wird nur ausnahmsweise über Wortbedeutung gesprochen; wenn, dann handelt es sich
aber um für die Kommunikation wichtige Klärungen:

(a) „Was meinst du eigentlich, wenn du von Glück redest? – Naja, das, was man halt so
darunter versteht.“

(b) „Was heißt fallibel? – Es bedeutet dem Irrtum unterworfen, fehlbar.“

( c ) „Wenn Kühe gentechnisch verändertes Futter bekommen, dann muss man ihre Milch
Genmilch nennen dürfen.“

(d) „Was wir unter Geschichte verstehen, gibt es als Kategorie des Denkens erst seit etwa
1800.“

Die ‚normale‘ Kommunikation über Dinge oder Ideen in der Welt wird ein Stück unterbrochen, um
sich über herausgepickte sprachliche Elemente austauschen zu können; zwischen den Beteiligten
sollen Bedeutungen (einigermaßen) abgeglichen werden. Die Beispiele zeigen, dass die
3

Alltagssprache Mittel besitzt, um die nötigen Unterbrechungen und Distanzierungen vorzunehmen


(hier sind es die Verben verstehen, meinen, heißen, nennen); Bedeutungen oder
Bedeutungselemente werden mit anderen Worten kürzer oder länger umschrieben (paraphrasiert).
In der Sprachdidaktik, im Bereich „Reflexion über Sprache“, wird darauf hingewiesen, wie wichtig die
Distanznahme gegenüber eigenem und fremdem Sprechen/Schreiben ist. In der Semantik sind die
Mittel der Distanznahme systematisiert worden; es gibt dafür außer Termini Schreibkonventionen,
die auch in studentischen Arbeiten eingehalten werden sollten:

 Lexeme, über deren Semantik in irgendeiner Weise geschrieben wird, werden kursiv
geschrieben.
 Bedeutungen, über die in irgendeiner Weise geschrieben wird, werden in einfache
Anführungszeichen gesetzt.

Doppelte Anführungszeichen bleiben so den Zitaten vorbehalten. Für obiges Beispiel (b) ergibt sich
somit die Schreibung:

„Was heißt fallibel? – Es bedeutet ‚dem Irrtum unterworfen, fehlbar‘.“

Schreiben Sie die Beispiele (c ) und (d) entsprechend den Schreibkonventionen um. Warum ist die
Anwendung der Schreibkonventionen auf (a) nicht sinnvoll?

Antwort: Weil es sich bei (a) um einen typischen mündlichen Dialog handelt.

Während das Bedeutungswissen im Alltag bei Bedarf aus den Köpfen der Beteiligten ‚herausgezogen‘
zu werden scheint, gibt es in der Semantik weitere Verfahren zur Ermittlung von Wortbedeutungen.
Für alle wissenschaftlichen Verfahren gilt, dass sie über rein individuelle und/oder an singuläre
Situationen gebundene Bedeutungen hinaus das sozial konventionalisierte und
situationsunabhängige Bedeutungswissen im Blick haben.

Das Verfahren der Introspektion: Der Sprachwissenschaftler versucht, das eigene Sprach- und
Bedeutungswissen durch Nachdenken zu ergründen und geht dabei davon aus, dass seine
eigene Sprachkompetenz im Prinzip mit der aller anderen Sprecher seiner Sprache
übereinstimmt. Individuelle und singulär-situative Faktoren sollen dabei so weit wie möglich
ausgeschlossen werden.

Das Verfahren der Informantenbefragung: Man befragt Sprecher nach ihrem semantischen
Verständnis bestimmter Wörter. Dabei erhält man einerseits mehr oder weniger individuell
und biografisch bzw. sozial geprägte Bedeutungsumschreibungen, aber diese decken sich in
der Regel gerade nicht mit dem konventionalisierten und situationsunabhängigen
Bedeutungspotenzial der Wörter. Die von befragten Sprechern selbst tatsächlich im
Gebrauch zugrunde gelegten Bedeutungen der Wörter sind den meisten kaum bewusst.

Psycholinguistische experimentelle Verfahren (priming, gating): Diese Verfahren nutzen die


Messbarkeit von Hirnaktivitäten und Reaktionszeiten von Probanden (in
Tausendstelsekunden), um ausgehend von Stimuluswörtern bzw. Lautketten typische
Assoziationen oder Reihenfolgen von Verarbeitungsschritten festzustellen (Näheres siehe
Aitchison 1997, 30-33). Daraus lassen sich natürlich keine vollständigen
Bedeutungspotentiale von Lexemen ableiten, wohl aber zwischen größerer und geringerer
4

Gebräuchlichkeit unterscheiden und stärkere und schwächere Assoziationen zwischen


Bedeutungen im Sinne semantischer Relationen (s.u.) feststellen.

Verfahren der Analyse größerer Korpora: Ein Korpus ist eine Sammlung meist größerer
Sprachdaten (d.h. von Texten und/oder Gesprächen), die in gesprochener oder
geschriebener Form elektronisch vorliegen und linguistisch durchsucht werden können.
Mittels interpretativer und statistischer Verfahren lässt sich die konventionelle Bedeutung
einzelner Lexeme aus Hunderten oder Tausenden von Textstellen herausarbeiten und so auf
einen vom Einzelfall unabhängigen Nenner bringen. Eingeschränkt wird der Nutzen dieses
Verfahrens lediglich dadurch, dass es unmöglich ist, ein Korpus zusammenzustellen, das ‚die‘
Sprache insgesamt repräsentativ abbildet. Der Einwand der unvollständigen
Repräsentativität gilt aber auch für alle anderen genannten Verfahren.

Falls man die Bedeutung eines Lexems herausgefunden zu haben glaubt und das Ergebnis mit
anderen diskutieren will, muss man sie wiederum in irgendwelche sprachlichen Formen fassen – man
muss in allgemeiner Weise formulieren, was die Bedeutung des Lexems ausmacht. Die Bedeutung
von fallibel wurde oben wie folgt in Worte gefasst: ‚dem Irrtum unterworfen, fehlbar‘. Eine solche
Formulierung heißt semantische Paraphrase (Umschreibung); sie kann beliebig kurz oder lang
ausfallen. Hier besteht sie aus vier Wörtern; man könnte aber auch allein ‚fehlbar‘, ein synonymes
Lexem, als semantische Paraphrase ansetzen. Umfang, syntaktische oder textuelle Form hängen
allein von Intention und Zweck der Paraphrase ab. Über die Bedeutung von Wörtern wie
Intellektueller oder Geschichte sind Paraphrasen in Form ganzer Bücher geschrieben worden; in
Wörterbüchern hingegen muss die semantische Paraphrase weit kürzer ausfallen. Auch die klassische
Form der Definition ist eine semantische Paraphrase. Wer über Wortbedeutungen sprechen oder
schreiben will, muss semantische Paraphrasen formulieren oder die von anderen formulierten
aufmerksam und kritisch lesen (lernen).

2. Saussures bilaterales Zeichenmodell und seine Weiterungen


Im Grundlagen-Kapitel haben Sie das bilaterale (zweiseitige) Zeichenmodell von F. de Saussure
kennengelernt (bitte nachschlagen). Ein Lexem ist das prototypische Sprachzeichen; es besteht nach
diesem Modell aus einer Form- oder Ausdrucksseite (signifiant), die i. d. R. lautlich oder schriftlich
gegeben ist, und einer Bedeutungs- oder Inhaltsseite (signifié), die als allgemeiner Vorstellungsgehalt
‚im Kopf‘ gegeben ist. Beide Seiten sind einander zugeordnet. Auch über das ‚Wie‘ dieser Zuordnung
hat de Saussure Wesentliches festgehalten. Form und Bedeutung sind in dreifacher Relation
miteinander verknüpft:

Erstens assoziativ (Relation der Assoziativität): Wenn wir die Lautkette Baum hören, assoziieren wir
Sprecher des Deutschen ganz allgemein und situationsunabhängig vermutlich eine abstrakte
Mischung aus Buche, Birke und Eiche. Und umgekehrt assoziieren wir bei der Wahrnehmung
bestimmter großer Pflanzen die Lautkette Baum. In einer Fremdsprache Vokabeln zu lernen, heißt
nichts anderes, als solche Assoziationen herzustellen und zu automatisieren.

Zweitens konventionell (Relation der Konventionalität): Die assoziativen Verknüpfungen kommen


durch Konvention, d.h. durch stillschweigende Übereinkunft innerhalb einer Sprachgemeinschaft
bzw. Sprechergruppe zustande. Daraus folgt, dass die einer Form zugeordnete Bedeutung nicht etwa
von einer Sprachautorität gesetzt wird, sondern im Prinzip von allen Sprechern einer Gruppe und nur
solange es ihnen ‚nützt‘. Konventionen können sich langsam wandeln oder auf bestimmte Sach- und
5

Fachbereiche beschränkt sein. Z.B. sind die Bedeutungen der Lexeme Besitz und Eigentum in der
allgemeinen Sprache nahezu gleich, während die Juristen ihnen je spezifische Bedeutungen
zuordnen; wir haben es hier mit zwei verschiedenen Konventionsbereichen zu tun.

Drittens arbiträr (Relation der Arbitrarität): Die assoziativ im Gehirn verankerten und konventionell
entstandenen Verknüpfungen zwischen Form und Bedeutung nennt de Saussure im französischen
Originaltext „arbitraire“. Dies wird im Deutschen oft mit willkürlich oder beliebig übersetzt, was zu
Missverständnissen führen kann. Mit arbitraire ist keineswegs so etwas wie unangemessene
Eigenmächtigkeit, Mutwilligkeit und Beliebigkeit gemeint, sondern die Tatsache, dass die
Verknüpfung nichts weiter als von allen Sprechern ‚geglaubt‘ und als gegeben angenommen wird.
Daraus folgt – und das ist eigentlich das Interessanteste an diesem semantischen Prinzip –, dass
Bedeutungen sich weder ‚logisch‘ aus Formen ableiten lassen, noch dass Formen jemals Abbilder von
Vorstellungsinhalten sind, noch dass es keine über der(Einzel-)Sprache stehende Instanz, etwa einen
Gott, gibt, die bzw. der die Assoziation beider Zeichenseiten absichtsvoll stiftet. Tatsächlich lagen
solche Ideen aus dem 17. und 18. Jahrhundert zu de Saussures Zeit noch gar nicht so lange zurück,
wie es manchen von uns heute erscheinen mag.

Als Gegenbeispiele gegen die Negierung der Abbildlichkeit, die aus dem Prinzip der Arbitrarität folgt,
werden manchmal Wörter wie Kuckuck oder miauen angeführt. Sammeln Sie einmal Entsprechungen
aus verschiedenen Sprachen für das, was Katzen mit ihrer Stimme tun (deutsch miauen, schnurren),
und vergleichen Sie die Lexemformen. Wodurch werden die Gegenbeispiele entkräftet und das
Prinzip der Arbitrarität bestätigt?

2.1 Motiviertheit (teil-, voll-, de-/unmotiviert)


Wir alle verstoßen bei neuen, fremden, un- oder schwer verständlichen Lexemen immer wieder
gegen das Prinzip der Arbitrarität und beginnen, Teile der Bedeutung aus der Lexemform zu
erschließen, solange uns an der Form irgendetwas bekannt und mit einer Bedeutung assoziiert
erscheint. Auch de Saussure selbst hat festgestellt, dass man bei Komposita und Ableitungen (vgl.
Skript-Kapitel Wortbildungsmorphologie) doch aus den Komponenten des Lexems auf dessen
Bedeutung zu schließen versucht. Das klappt mal mehr und mal weniger und man kann auch einmal
ganz falsch liegen:

 Ein Kochbuch ist ein Buch, in das der Koch seine Geheimnisse einträgt. – Nein, ein Buch, nach
dem man kochen kann!
 Ein Rollstuhl muss ein Stuhl mit Rollen darunter sein. – Ja, aber nicht jeder
Stuhl mit Rollen. Ein Rollstuhl ist ein Fortbewegungsmittel für Menschen, die
nicht selbstständig gehen können. Die anderen Stühle mit Rollen darunter
heißen Arbeitsstuhl mit Rollen oder nur noch Arbeitsstuhl, weil es solche
ohne Rollen kaum noch gibt.
 Eine Haustür muss eine Tür in ein Haus hinein sein – oder überhaupt eine Tür
in einem Haus, im Unterschied zu Türen in Schränken oder Adventskalendern? Nein, eine
Haustür ist die Hauptein- und -ausgangstür in einem Haus.
 Beim Nassschleifen kommt doch sicher Wasser oder irgendeine Flüssigkeit zum Einsatz?
 Lebensabend wird eher die Zeit am Ende als am Beginn eines Lebens bedeuten.
6

Ganz arbiträr und ganz unmotiviert sind also nur die einzelnen Morpheme (Simplizia; s. Skript
Wortbildungsmorphologie); bei Lexemen, die aus Kombinationen mehrerer Morpheme bestehen,
wird die Arbitrarität abgeschwächt und durch eine Teilmotivierung ersetzt. Alle obigen Beispiele
zeigen, dass die Wortbedeutung nicht vollständig und korrekt aus den Bedeutungen der Morpheme,
aus denen das Lexem besteht, abgeleitet werden kann. Das Ganze ist offensichtlich mehr oder etwas
anderes als die Summe der Teile! Die Bedeutung des Kompositums ist über seine Teile nur zum Teil
motiviert. Nicht nur für Lerner des Deutschen als Fremd- oder Zweitsprache, auch im Umgang mit
Fachterminologien kann das Motiviertheitspotenzial eines Lexems sowohl nützlich als auch
irreführend sein. Je häufiger ein komplex gebildetes Lexem in einer Sprechergruppe verwendet wird
und je älter es ist, desto wahrscheinlicher ist ein hoher Grad an Arbitrarität, d.h. man muss seine
Bedeutung als eine Ganzheit lernen. Hingegen sind einmalige Komposita wie
Adventskalendertürennummerierung vollständig motiviert, nicht arbiträr und damit semantisch aus
seinen Morphem-Elementen erschließbar. Demotiviert sind Lexeme in historischer Sicht dann, wenn
die sie bildenden Morpheme z.B. durch Lautwandel nicht mehr erkannt werden können und so kein
semantischer Schluss mehr möglich ist, wie bei fertig, das aus fahren und dem Adjektivsuffix –ig
gebildet wurde. Selbst wenn man diese Morphemstruktur wiedererkennen könnte, bliebe fertig
semantisch demotiviert, weil sich die konventionelle Verknüpfung von Form und Bedeutung bei
fahren im Laufe von Jahrhunderten stark verändert hat (Wer mag, schlage das Wort im „Deutschen
Wörterbuch“ von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm nach).

2.2 Semantische Relationen


Ein bis heute wichtiges Feld der Semantik bilden die Bedeutungsrelationen zwischen Lexemen – am
bekanntesten ist sicherlich die Synonymie, d.h. die Bedeutungsgleichheit unterschiedlicher
Lexemformen einer Sprache. Echte oder vollständige Synonymie wie die von Orange und Apfelsine,
die von Fleischer, Metzger, Schlachter sind dabei sehr selten und als historische Relikte erklärbar.
Meistens liegt partielle Synonymie vor, bei der sich die Bedeutungen in Nuancen oder in
pragmatischen (siehe unten Abschnitt 4) Aspekten wie Stil- oder Varietätenspezifik unterscheiden:
Hund/Köter, Mord/Totschlag, Atomkraft/Kernenergie, viel kosten / teuer sein usw. Die Synonymie
zählt zu den paradigmatischen Relationen, weil synonyme Lexeme in einem Satz miteinander
vertauscht werden können, ohne dass der Satz ungrammatisch wird.

Neben Synonymie werden vor allem folgende semantisch-paradigmatischen Relationen


unterschieden (Es existieren etliche, unterschiedlich differenzierte Klassifikationen):

Antonymie und Komplementarität: Es gilt, zwischen zwei Arten von ‚Gegensatzwörtern‘ zu


unterscheiden: Antonyme sind Lexeme, deren Bedeutungen sich auf den beiden Enden einer
(gedachten) Skala befinden und bei denen es weitere Lexembedeutungen als Abstufungen in einem
Übergangsbereich zwischen ihnen gibt, z.B.:

 schwarz ….. (grau) ….. weiß


 jung …… (reif) …. alt
 groß …(mittel) ... klein
 Größe … Kleinheit
 den Ball flach halten …. eine Sache hoch hängen

Komplementär sind Gegensatzwörter, für die es keinen Übergangsbereich bzw. keine Lexeme für
Zwischenstufengibt; hier gibt es immer nur ein Entweder-Oder:
7

 Mann / Frau
 drinnen / draußen
 Erwachsene-r / Kind (z.B. in Tarifen von Reiseveranstaltern)
 kaufen / verkaufen

Im Falle von Mann / Frau zeigen aber die gesellschaftlichen Kämpfe inter- und transsexueller
Menschen um Anerkennung mindestens einer weiteren Kategorie, dass semantische Relationen sich
mit den Bedürfnissen der Sprachgemeinschaft wandeln. Wenn man neben männlich und weiblich
noch queer ansetzt, handelt es sich nicht mehr um eine komplementäre, sondern um eine
antonymische Relation.

Hyponymie, Hyperonymie und Kohyponymie: Diese Relationen erfassen Unter-, Über-, und
Nebenordnung von Bedeutungen, z.B. ist Hund Hyperonym zu Dackel, Schäferhund, Pudel usw.
Betrachtet man gerade Dackel oder Pudel, sagt man, sie sind hyponym gegenüber Hund. Betrachtet
man die semantischen Beziehungen zwischen Dackel, Pudel und Schäferhund, lassen sie sich als
Kohyponyme (‚neben einander untergeordnet‘) zu Hund bezeichnen. Diese semantischen Relationen
lassen sich gut grafisch darstellen, z.B.:

Tier

Säugetier Insekt ....

Hund Huftier ....

Dackel Pudel ....

Bei Hyponymie werden die semantischen Merkmale des übergeordneten Lexems auf die darunter
liegenden ‚vererbt‘. Jeder Pudel ist ein Hund, aber ein spezieller, jeder Hund ein Säugetier, aber ein
spezielles usw. Umgekehrt gilt dies nicht.

Zoologen würden diese semantische Hierarchie sicherlich anders darstellen als Laien oder als Kinder
in einer bestimmten Phase des Semantikerwerbs. Mithilfe der Termini für semantische Relationen
lassen sich solche Unterschiede zwischen Sprechergruppen bzw. Spracherwerbsphasen gut darstellen
und vergleichen.

Heteronymie (auch Inkompatibilität genannt) liegt vor, wenn Lexembedeutungen gewisse


Gemeinsamkeiten aufweisen, dabei aber unterschiedliches bezeichnen; Heteronyme bilden oft
abgeschlossene Reihen und sind nicht weiter hierarchisierbar (wie Hyponyme), z.B. die
Bezeichnungen für die Monate, für die Wochentage, für die Farben oder z.B.:

gestern / heute / morgen; Vergangenheit / Gegenwart / Zukunft, usw..

Der Unterschied zwischen Hyponymie und Heteronymie liegt v.a. in der Perspektive.
8

Die Unterscheidung der semantischen Relationen ist wichtig, wenn man die zu einem Thema
assoziativ zusammengetragenen Bezeichnungen zu Wortfeldern (s.u.) ordnen und ggf. auf ihre
Vollständigkeit hin betrachten will („Wortschatzarbeit“, Dokumentation von Fachwortschätzen).

2.3 Homonymie und Polysemie


Es kommt oft vor, dass der Formseite eines Lexems mehr als eine Bedeutung zugeordnet werden
muss, z.B.: bedeutet Kiefer einerseits ‚einen bestimmten Teil des Kopfes‘, andererseits ‚eine Art
Nadelbaum‘. Diese Art zufällig erscheinender Formgleichkeit bedeutungsverschiedener Lexeme wird
Homonymie genannt. Nicht immer, aber oft geht sie mit grammatischen Unterschieden einher, bei
Kiefer mit Genusverschiedenheit. Welcher grammatische Unterschied besteht bei den Homonymen
Mutter ‚weibliches Wesen in Relation zu ihren Nachkommen‘ und Mutter ‚Gegenstück zu einer
Schraube‘?

Da die lautliche und die schriftliche Realisierung von Lexemen einander nur bedingt entsprechen (vgl.
Skriptkapitel Phonologie und Orthografie), kann Homonymie auf die lautliche Ebene oder auf die
schriftliche Ebene beschränkt vorliegen. Man kann dies bei Bedarf durch die Unterscheidung
zwischen Homophonie und Homografie deutlich machen. Homophon sind z.B.

 die Verben malen und mahlen,


 die Substantive Rat und Rad.

Homograf sind z.B.:

 das Verb modern und das Adjektiv modern,


 das französische Lehnwort Montage in der Bedeutung ‚Zusammenbau‘ und der Plural der
Wochentagsbezeichnung Montag,
 Tenor ‚Grundaussage oder -intention eines Textes‘ und Tenor ‚männliche Gesangsstimmlage‘.

Homonyme sind grundsätzlich unterschiedliche Lexeme, die lediglich über eine – zufällige –
Formgleichheit verfügen. In Wörterbüchern werden sie deshalb auch als je eigene Einträge
angesetzt.

Für die Sprachtechnologie (die z.B. Diktiersystemen, SMS mittels „T9“, Textrecherche-Software
zugrunde liegt) stellen Homophonie und Homografie Probleme dar, die aber mittels linguistischem
Know-how gelöst werden können.

Polysemie benennt das Phänomen, dass einer Lexemform mehrere, mit einander
zusammenhängende Bedeutungen zugeordnet sind:

²weiß […]: 1. von der hellsten Farbe; alle sichtbaren Farben, die meisten
Lichtstrahlenreflektierend: w. wie Schnee; -e Schwäne, Wolken, Lilien; -e Wäsche; -e Haare;
der Rock war rot und w. gestreift; vor Schreck, Wut w. (sehr bleich) im Gesicht werden; er ist
w. geworden (hat weiße Haare bekommen). 2. a) sehr hell aussehend:-er Pfeffer; -e Bohnen;
-es Fleisch; -er Wein (Weißwein); b)von heller Hautfarbe: die -en Amerikaner; die -e
9

Minderheit; der -e Mann (die Weißen); Menschen -er Hautfarbe; der Vater ist w.(gekürzt1
nach Duden Deutsches Universalwörterbuch, 7. Aufl. 2007)

Hier wird die Bedeutung des Adjektivs weiß als dreifach polysem dargestellt (1, 2.a und 2.b), wobei
zwei der drei Einzelbedeutungen (2.a und 2.b) durch die Darstellungs- und Zählweise als irgendwie
näher benachbart behandelt werden (darüber könnte man diskutieren – es ist eine Setzung der
Wörterbuchautoren). Die hier fett und kursiv gedruckten Textteile stellen die semantischen
Paraphrasen dar; die restlichen Textteile sind nur so etwas wie Beispiele.

Im Gegensatz zur Homonymie existiert bei den Einzelbedeutungen (man sagt auch Lesarten) eines
polysemen Lexems offenbar eine semantische Nähe. Für die strikt synchron ansetzende moderne
Semantik liegt die Ursache für die semantische Nähe im mentalen Lexikon und im Sprachwissen der
Sprecher selbst (Dahinter stehen bekannte Prinzipien und Prozesse der semantischen Variation, auf
die erst in Seminaren zur Semantik eingegangen wird). Die Nähe der Lesarten wird in der Semantik
jedenfalls nicht auf etymologische Zusammenhänge (‚Verwandtschaft‘) zurückgeführt, weil
etymologische Kenntnisse Expertenkenntnisse sind und niemals Teil des allgemeinen semantischen
Wissens einer Sprachgemeinschaft sein können.

Auch Phraseme können polysem sein (sie sind es eher selten), z.B. hat das Phrasem jenseits von Gut
und Böse zwei Lesarten: (1) ‚unnormal; außerhalb einer bestimmten Normalität stehend‘ und (2.)
‚alt; erotisch nicht mehr interessiert‘.

Zwei Aufgaben zur Anwendung und Vertiefung:


1.

Nehmen wir das Beispiel Bank – ein Lexem, für das es offensichtlich (mindestens) zwei Lesarten gibt:

(1) ‚Sitzgelegenheit, die so-und-so beschaffen ist‘,


(2) ‚Geldinstitut‘.

Welche der oben erläuterten Argumente sprechen für einen Fall von Polysemie und welche für
Homonymie? Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass beide Wörter bzw.
Lesarten auf dasselbe italienische Lehnwort zurückgeführt werden können?

2.

Dem oben zitierten Duden-Eintrag ²weiß geht ein anderer Eintrag, nämlich 1weiß mit der Paraphrase
‚1. und 3. Person Singular Indikativ Präsens aktiv von wissen‘, voran. Begründen Sie anhand des eben
Gelernten, warum 1weiß nicht als weitere Lesart im Eintrag von ²weiß enthalten sein kann und wie
man die Relation von 1weiß und ²weiß terminologisch erfasst.

2.4 Wortfelder
Wortfelder werden bestimmt als Mengen von Lexemlesarten, die gemäß der semantischen
Relationen in Abschnitt 2.2 in sich geordnet sind. Typische Beispiele sind

1
Eigentlich muss man Kürzungen exakt nachweisen; hier wird wegen der Übersichtlichkeit ausnahmsweise
darauf verzichtet.
10

 das Wortfeld der Verwandtschaftsbezeichnungen Vater, Mutter, Kind, Sohn, Tante, Schwager
usw.,
 das Wortfeld der Verstandestätigkeiten Vernunft, Intellekt, Wissen, Weisheit usw.,
 das Wortfeld der Sitzgelegenheiten Stuhl, Sessel, Hocker usw.

Wichtig ist, dass ein Lexem immer nur mit einer seiner Lesarten in einem Wortfeld verortet ist. Für
das obigen Beispiel Hund als Hyponym zu Tier und Hyperonym zu Dackel, Schäferhund usw. bedeutet
dies, dass nur seine Lesart ‚wolfsähnliches, domestiziertes Tier‘ zum genannten Wortfeld gehört,
nicht jedoch Hund in der emotional-abwertenden Lesart ‚Bezeichnung für einen Mann‘. Letztere
Lesart könnte einem Wortfeld der männerbezogenen Schimpfwörter angehören.

Wenn man ähnliche Wortfelder wie die o.g. in unterschiedlichen Sprachen oder historischen Stufen
derselben Sprache vergleicht, lassen sich oft interessante kulturelle Besonderheiten diskutieren.
Umfang und Strukturierung eines Wortfelds sind nicht in der Sprache selbst vorgegeben, sondern
werden immer von demjenigen festgelegt, der zu bestimmten Zwecken mit ihnen arbeiten will.

2.5 Die Merkmalsemantik


Auf der Grundlage des auf de Saussure zurückgehenden zweiseitigen Zeichenmodells wurden in der
Mitte des 20. Jahrhunderts Überlegungen zur internen Aufgliederung der Inhaltsseite (signifié)
angestellt. Die sog. Merkmalssemantik geht davon aus, dass die Inhaltsseite aus einer Reihe
semantischer Merkmale (sog. Semen) zusammengesetzt ist. Tatsächlich lassen sich etliche (aber
längst nicht alle) semantischen Unterschiede der Lexeme eines Wortfelds dadurch erfassen, dass
eine sog. Merkmalsmatrix erstellt wird. Wenn man für das Wortfeld der Möbel die semantischen
Merkmale wie folgt festlegt, ergibt sich die darunter stehende Matrix, hier für einen Ausschnitt aus
dem Wortfeld Möbel:

s1 = mit Rückenlehne; s2 = mit Beinen; s3 = für 1 Person; s4 = um sich hinzusetzen; s5 = mit


Armlehnen; s6 = aus hartem Material.

Ein + heißt „Merkmal ist vorhanden“, ein – heißt „Merkmal nicht vorhanden“ und eine 0 hieße
„Merkmal irrelevant/nicht spezifiziert“:

Waagerecht gelesen kann man der Matrix alle (?)


s1 s2 s3 s4 s5 s6
semantischen Merkmale eines Lexems entnehmen.
Senkrecht gelesen zeigen sich genau die
Stuhl + + + + - + semantischen Unterschiede und Gemeinsamkeiten
der Lexeme des Wortfelds.
Sessel + + + + + +

Hocker - + + + - +

Sofa + + - + + +

Sitzkissen - - + + - -
11

Für Artefakt-Bezeichnungen und für Bezeichnungen natürlicher Arten wie Tieren und Pflanzen sind
solche Merkmalsmatrizes gut geeignet, weil über Art und Menge der zuvor anzusetzenden Merkmale
kaum Uneinigkeit besteht. Sie versagen zwangsläufig bei Bezeichnungen für abstrakte Konzepte und
Konstrukte wie Krieg, Glück, Armut, Risiko, Subventionen, interkulturell usw. usw.

Merkmalssemantische Modelle versagen auch bei pragmatisch-stilistischen Anteilen einer


Lexembedeutung, wie bei Leistungsträger, nachhaltig, Bruchbude u.v.a.

3. Referenz (als „dritte Dimension“)


Saussures zweidimensionales Zeichenmodell ist grundlegend, aber zu einfach. Eine dritte Dimension
kommt hinzu, wenn man Semantik nicht nur auf der Ebene der Langue, sondern auch auf der der
Parole erklären will. De Saussure definierte die Inhaltsseite als allgemeinen Vorstellungsinhalt, d.h.
als etwas, das schon da ist, bevor ein Sprecher das Lexem in einer konkreten einzelnen
Äußerungssituation verwendet. Erst in einer konkreten Verwendungssituation kommt die sog.
Referenz hinzu, d.i. die Tatsache, dass das Lexem auf bestimmte einzelne Dinge oder Wesen in der
Welt außerhalb der Sprache Bezug nimmt (oder: referiert). Mit dem Lexem Baum kann ich nicht nur
auf bestimmte große Pflanzen auf dem Campus Essen, sondern auch auf solche auf dem Campus
Duisburg Bezug nehmen. Das Referenzpotenzial von Baum ist sogar noch größer, denn ich kann sogar
das bunte blinkende Gebilde aus Plastik zu Weihnachten als meinen diesjährigen „Baum“ bezeichnen
(z.B. in der Äußerung: „Mein Baum wurde in China hergestellt und blinkt in allen Farben.“). Während
eines Umzugs z.B. kann man mit dem Lexem Tisch auf eine Kiste oder ein Klavier Bezug nehmen.
Natürlich gibt es übliche, usuelle Bezugnahmen und solche, die unüblich und singulär sind.

Man benennt nun das Potenzial aller möglichen Dinge/Wesen, auf die Sprecher üblicherweise mit
einem Lexem referieren können – dies ist die Denotation des Lexems.2 Die Denotation ist also so
etwas wie das Referenzpotenzial. Die Referenz ist demgegenüber die Bezugnahme auf ein einzelnes
Ding/Wesen in einem aktuellen Akt der Parole. Das Ding/Wesen, auf das man dabei jeweils Bezug
nimmt, heißt der Referent. Mit Denotation bzw. Referenz ist in den meisten Fällen der zentrale
Bestandteil der Lexembedeutung erfasst; dazu kommen bei etlichen Lexemen dann noch die
pragmatischen Bestandteile der Bedeutung bzw. das, was man Konnotation nennt (s.u.).

Zwei Beispiele, wie man mit den Termini und ihren Kategorien erkenntnisfördernd umgeht:
Die Mengen möglicher Referenten (die Denotate) der Lexeme Hund und Köter sind identisch;
beide Lexeme unterscheiden sich aber in ihren Konnotationen. Das Referenzpotenzial (das
Denotat) des Ausdrucks „alle Lehrer von heute“ umfasst faktisch sowohl männliche als auch
weibliche Referenten, was man empirisch leicht nachweisen kann. Dennoch (und zurecht)
wird das Missverhältnis von maskulinem Genus und geschlechtsindifferenter Denotation
dieses Phänomens (des sog. generischen Maskulinums) kritisiert. Als Folge dieser Kritik schält
sich der Unterschied zwischen zwei Lesarten eines maskulinen Lexems wie Lehrer heraus: (1.)
Lehrer denotiert männliche und weibliche Angehörige des Berufs. (2.) Lehrer denotiert
ausschließlich männliche Angehörige des Berufs. Fall (2.) ist auf bestimmte
Kontextbedingungen (Kontrastierung) angewiesen, was aber an der Polysemie des
Maskulinums grundsätzlich nichts ändert.

2
Referenz und Denotat gibt es nicht nur bei Substantiven; an dieser Wortart lässt sich die Sache aber am besten
verstehen. Außerdem wird bei Verben kontrovers darüber diskutiert, ob sie überhaupt auf etwas Bezug
nehmen können.
12

Beachte: Die Ausdrücke Bezug nehmen auf, referieren auf, sich mit dem Lexem X auf das
Ding/Wesen Y beziehen sind für die Denotation/Referenz reserviert.

4. Pragmatische Perspektive auf Wortbedeutungen


Im Laufe des 20. Jahrhunderts haben Sprachphilosophie und Linguistik mehrfach betont, dass Wörter
selbst semantisch gar nichts tun oder bewirken können, sondern dass es immer nur die Sprecher
sind, die durch den besonderen Gebrauch, den sie von den Wörtern machen, für die Semantik
verantwortlich sind. Ohne Betrachtung des tatsächlichen (und historisch äußerst wandelbaren)
Gebrauchs lässt sich gemäß dieser Überzeugung die Bedeutung eines Lexems überhaupt nicht
erfassen. Der Philosoph Ludwig Wittgenstein (1889 – 1951) ging sogar soweit, Bedeutung und
Gebrauch gleichzusetzen und Bedeutung aus dem instrumentellen Charakter sprachlicher Mittel
herzuleiten. Zur Veranschaulichung: Nicht ein Wort wie Untermensch trägt Mitschuld am
nationalsozialistischen Holocaust, sondern diejenigen, die das Wort in verschiedenen
Zusammenhängen so verwendeten, dass die Vernichtung der Referenten des Lexems für konsequent
oder wünschenswert gehalten werden konnte.

Karl Bühler, ein Psychologe, der vor den Nazis in die USA emigrieren musste, hat eine bahnbrechende
„Sprachtheorie“ geschrieben, in der Rolle und Funktion des Sprechers/Hörers in der und für die
Sprache erstmals umfassend durchdacht und im berühmten Organonmodell (griechisch organon =
‚Instrument‘) dargestellt wurde. Man könnte das im Skriptkapitel Pragmatik zur sog. Deixis Gesagte
auch an dieser Stelle im Kapitel Semantik unterbringen, denn deiktische (‚zeigende‘) Wörter wie hier,
jetzt, der da, neulich usw. erhalten ihre Referenz nur, wenn Ort, Zeit und Situation der Äußerung
bekannt sind. Bühler war der erste, der die Besonderheit der deiktischen Wörter bestimmte und sie
aus der „Ich-Jetzt-Hier-Origo“ des Sprechens, wie er es nannte, begründete.

Sprache eher als Instrument der Kommunikation denn als Abbild oder Speicher von Gedanken
aufzufassen und die Aufgabe der Semantik darin zu sehen, den Gebrauch des ‚Instruments‘ durch
Sprecher und Hörer zu beschreiben, wird als pragmatischer oder pragmalinguistischer Ansatz
bezeichnet. Zu diesem Ansatz, der im Skriptkapitel Pragmatik ausführlich behandelt wird, sollen hier
diejenigen Aspekte vermittelt werden, die das bisher Gesagte zur lexikalischen Semantik erweitern.

4.1 Kontext und Bedeutung


Die Unterscheidung zwischen allgemeiner Denotation und situativ-spezieller Referenz wurde oben in
Analogie zu den Begriffen langue (Sprachsystem) und parole (Sprachgebrauch) erläutert. Hier kommt
eine weitere Analogie hinzu: die Unterscheidung zwischen wörtlicher Bedeutung und
Äußerungsbedeutung. Viele Menschen gehen davon aus, dass Wörter ihre Bedeutung „überhaupt
erst im Kontext“ bekommen und dass man ohne Kenntnis des jeweiligen Kontextes gar nichts über
die Bedeutung eines Lexems sagen könne. Dies ist so verstanden falsch, weil zu extrem, und
widerspricht dem Prinzip der Konventionalität (s.o. Abschnitt 2). Jeder Sprecher oder Hörer bringt
bereits konventionelles semantisches Wissen in eine Kommunikationssituation mit, sonst wäre
Verständigung unmöglich. Die immer schon vorhandene und konventionell entstandene Bedeutung
eines Lexems – zu ihr gehören das Referenzpotential und ggf. ‚konnotative‘ Aspekte – nennt man
auch die wörtliche Bedeutung. Der Wortschatz als Teilsystem des Sprachsystems (der Langue)
umfasst die Lexeme mit ihren wörtlichen Bedeutungen (Lesarten). Wenn in einer Fremdsprache
Vokabeln gelernt werden oder wenn man in einem Wörterbuch nachschlägt, zielt man stets auf die
wörtliche Bedeutung.
13

Da aber Menschen kreativ mit den Möglichkeiten des Sprachsystems umgehen und da sie immer
wieder vor neuartige kommunikative Anforderungen gestellt sind, passen sie die wörtliche
Bedeutung dem jeweiligen Situationskontext an und realisieren auf diese Weise die
Äußerungsbedeutung. Die Abweichungen von der wörtlichen Bedeutung spielen sich dabei aber in
einem eher engen als in weiten Rahmen ab, weil sonst die Verstehbarkeit eingeschränkt wird.
Welchen Anteil an der Äußerungsbedeutung hat aber der Kontext und wie ließe sich dessen Leistung
bestimmen? Kontexte sind zwar so sehr verschieden, dass man sie kaum klassifizieren oder
typisieren kann, aber man kann zwei wichtige Punkte (Kotext/Kontext und
Mündlichkeit/Schriftlichkeit) benennen und zur Beantwortung der eben formulierten Frage
heranziehen:

Man unterscheidet zwischen Kotext und Kontext. Unter Kotext versteht man die unmittelbare Wort-,
Satz- und Textumgebung eines Lexems; hier sorgt die sprachliche Nachbarschaft nicht nur für das
Verständnis einer unbekannten Äußerungsbedeutung, sondern auch für Verständnis der in der
Äußerung gemeinten Lesart. Unbekannte Äußerungsbedeutungen kommen besonders bei
allgemeinen, vagen Lexemen mit sehr weitem Referenzpotential vor: Einheit, Frage, Problem,
Angelegenheit, Sache usw. Der Kotext stellt hier fast immer Lexeme, oft in Attributfunktion, bereit,
die dem Hörer/Leser die aktuelle Referenz verdeutlichen: deutsche Einheit, soziale Frage, Problem
der Endlagerung von Atommüll, die Angelegenheit zwischen Herrn Meier und Herrn Schulze aus der
Welt schaffen, die Sache, von der du mir gestern erzählt hast. Wenn in der Nachbarschaft (z.B. im
selben Satz) des Lexems Maus das Lexem Computer auftaucht, weiß der Leser/Hörer, dass hier mit
Maus wahrscheinlich die Lesart ‚Computereingabegerät‘ realisiert wird. Nachbarschaften mit
Lexemen wie Katze, Junge, Körner, Plage usw. setzen den Leser/Hörer hingegen auf die Fährte der
Lesart ‚Nagetier‘. Bei polysemen Lexemen leistet oft schon der Kotext die Monosemierung.

Ein Lexempaar aus dem semantisch betrachteten Lexem und einem seiner typischen
‚Nachbarschaftswörter‘ wird Kollokation (die Kollokation, die Kollokationen) genannt; die
Untersuchung solcher Kollokationen gibt – wie wir gesehen haben – oft schon ganz wesentliche
Hinweise auf die Äußerungsbedeutung. Weitere Beispiele für Kollokationen, die außerdem usuell
sind, folgen hier:

Zähne geputzt
Zähne putzen
Studium beginnen
Haare blond
Entscheidung getroffen
Hund bellen
Maus Falle

Betrachtet man den syntaktischen Ausschnitt, in dem beide Kollokationspartner stehen, lässt sich die
Bedeutung des infrage stehenden Lexems meist noch genauer bestimmen. Solche syntaktischen
Ausschnitte heißen Syntagmen (das Syntagma, die Syntagmen). Syntagmen sind also lineare
Wortfolgen unterhalb der Satzgrenze. Hier ein paar Beispiele für ebenfalls usuelle Syntagmen:

habe Zähne noch nicht geputzt


seine Zähne besser putzen
sein Studium beginnen
Haare waren blond gefärbt
muss eine Entscheidung getroffen werden
14

gestern getroffene Entscheidung


Hunde, die bellen
hat die Maus die Falle gewittert

Kollokationen und Syntagmen sind wichtige und anwendungsrelevante Konkretisierungen des


Kotextes.

Unter Kontext wird der weitere, v.a. außersprachliche Zusammenhang, d.h. die Situation verstanden.
Zum Kontext gehören somit: Zeit, Ort, Situation, Institution, Beteiligte, ihr soziales Verhältnis,
Textsorte, Diskurs, Intention u.ä. Um den Anteil des Kontextes bei der Vervollständigung der
Lexembedeutung in einer Äußerung einschätzen zu können, muss v.a. auf die großen Unterschiede
von gesprochensprachlichem Kontext und geschriebensprachlichem Kontext geachtet werden. In
mündlicher Kommunikation wird die Situation und das Wissen um sie von Sprecher und Hörer
geteilt; die Situation wird durch mehrere Sinneskanäle wahrgenommen, sodass
Äußerungsbedeutung und Lesart nicht nur durch sprachliche Mittel im Kotext, sondern auch durch
nicht-sprachliche Mittel wie Gestik und Mimik bestimmt werden. Eine Äußerung wie „Der will das
Zeugs nicht essen.“ enthält zwei semantisch unterbestimmte Lexeme (der; das Zeugs), die in
mündlicher Kommunikation durch gemeinsames Situationswissen und Zeigegesten bestimmt
werden. In schriftlicher Kommunikation wäre dieselbe Äußerung nur dann verständlich, wenn der
Text-Kontext zuvor klar macht, dass die Referenz von der identisch ist mit der Referenz von mein
Freund Uwe und die Referenz von das Zeugs identisch ist mit Dose Eintopf. Der Schreiber eines
Textes kann sich auf kein geteiltes Situationswissen stützen, sondern muss viel mehr Gemeintes
explizit ausdrücken als der Sprecher in einem Gespräch. Und der Leser muss in der Lage sein, die
monosemierenden oder spezifizierenden Informationen aus dem Text-Kontext herauszuziehen, die
er braucht, um die Äußerungsbedeutungen auch zu erfassen.

Es passiert nicht selten, dass eine neue, noch nicht bekannte Äußerungsbedeutung wiederholt
realisiert wird, etwa weil eine zunächst neue Kommunikationssituation sich wiederholt und weil
Hörer das Gehörte nützlich oder prestigeträchtig finden und das Lexem in der zuvor gehörten
Äußerungsbedeutung wieder verwenden. In einem solchen Fall kann das Neue einer
Äußerungsbedeutung allmählich zum Bestandteil der wörtlichen Bedeutung werden und sie
verändern oder eine neue, zusätzliche Lesart etablieren helfen.

Überlegen oder diskutieren Sie, wie dies am Beispiel des Lexems Maus und seinen Lesarten ‚kleines
Nagetier‘ und ‚Computereingabegerät‘ abgelaufen sein könnte.

Das Wechselspiel zwischen wörtlicher Bedeutung und Äußerungsbedeutung bewirkt, dass der
Wortschatz als Ganzes und die Semantik der Lexeme flexibel bleiben.

Die große Menge an neuen Äußerungsbedeutungen (übrigens auch die große Menge an
Wortbildungen, v.a. Komposita) sind aber so etwas wie ‚Eintagsfliegen‘ – sie werden aufgrund ko-
und kontextueller Hilfe und aufgrund ihrer Teilmotiviertheit verstanden, aber sie etablieren sich
nicht. Man nennt solche einmaligen Äußerungsbedeutungen und Lexeme okkasionell. Etablierte
Äußerungsbedeutungen, d.h. Lesarten von Lexemen heißen hingegen usuell. Für den Umgang mit
Wörterbüchern ist es wichtig zu bedenken, dass nur usuelle, aber keine okkasionellen
Lexembedeutungen bzw. Lexeme in ihnen verzeichnet sind. Ist eine Lesart bzw. ein Lexem aber
verzeichnet, kann man sicher sein, dass ihre bzw. seine Usualität und Häufigkeit auch durch
15

Korpusanalysen (s.o.) belegt ist. In historischer Perspektive kann aber natürlich aus einer
okkasionellen Bedeutung eine usuelle werden und usuelle können wieder verschwinden.

4.3 Konnotationen – eine Grabbelkiste


Die Bezeichnung Konnotation ist offensichtlich analog zur oben erläuterten Denotation gebildet. In
der allgemeinen Bildungssprache wird unter Konnotation alles das subsummiert, das nicht eindeutig
zur Denotation gehört. Mit Konnotation wird auf eine zusätzliche Dimension in der Bedeutung vieler
Lexeme Bezug genommen wie z.B. in den folgenden Fällen:

(1) Hund/ Köter


(2) Gebäude/ Bruchbude
(3) Kopftuch
(4) Kruzifix
(5) Überfluss /Luxus/Protzerei
(6) Geld/ Kohle/ Knete
(7) Persönlichkeit
(8) Leistungsträger
(9) nachhaltig
(10)Lobbyismus
(11)Unkraut
(12)Schatz
(13)schade

Manchen dieser Lexeme würde man eine positive, manchen eine negative Konnotation zuschreiben,
manche scheinen in konnotativer Hinsicht neutral. Bei genauerer Betrachtung stellt man aber fest,
dass sich recht verschiedene semantische Funktionen hinter der Sammelbezeichnung verbergen und
dass man besser differenzieren sollte. In den Fällen (1), (2), (5) und (6) sind die Denotate der Lexeme
identisch. Bei (1) und (2) drückt das je an zweiter Stelle genannte Lexem eine abwertende Haltung
des Sprechers gegenüber dem Referenten aus; die ‚tatsächliche‘ Beschaffenheit des Referenten spielt
dabei keine Rolle. Hier spricht man anstelle von Konnotation besser von einer positiven oder
negativen Wertung, die der Sprecher mit dem Gebrauch des Lexems vornimmt (Zur Erinnerung: Ein
Lexem selbst wertet weder positiv noch negativ, nur der Sprecher kann dies!).Eine solche
Wertungsfunktion steht bei (7) und (8) im Zentrum, denn das Denotat scheint vollkommen
unbestimmt, seine Eigenschaften unbekannt zu sein. Eine negative Wertung wird bei (5), (10) und
(11) vollzogen, doch verbindet der Sprecher v.a. bei (10) und (11) mit der Wertung zugleich einen
Appell an den Hörer: Lobbyismus ist etwas, das man politisch oder juristisch bekämpfen sollte. Eine
als Unkraut bezeichnete Pflanze sollte man rasch ausreißen oder mit Chemie bekämpfen. Es gibt
Lexeme mit mehr oder weniger deutlichem Appellcharakter. In den Fällen (6) und (12) sind es eher
stilistische Aspekte, die zur Denotation des Lexems hinzukommen: Diese Lexeme werden in
bestimmten sozialen Situationen verwendet und sind mit ihnen assoziiert; anstelle von Konnotation
spricht man hier besser von sozialem Wissen, das zur denotativen Bedeutung hinzukommt. Die Fälle
(3) und (4) stehen für Bedeutungen, die ohne kulturelles Wissen nicht angemessen paraphrasiert
werden können. Bei (12) und (13) spricht man von expressiver Bedeutung. Bei (12) kommt die
expressive Bedeutung zur Referenz hinzu, bei (13) gibt es keine Referenz.
16

5. Kognitionslinguistische Perspektiven
Die Neuro- und Kognitionswissenschaften haben die Semantik um das Modell des mentalen Lexikons
erweitert, von dem oben schon die Rede war. Offenbar entsprechen vielen der bisher in diesem
Skript-Kapitel genannten Konzepte (wie die Assoziativität der Verbindung von Lexemform und –
bedeutung, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede gewisser semantischer Merkmale und auch die
Wortfelder) in unseren Gehirnaktivitäten belegbare Repräsentationen, so dass die Vorstellung eines
Wortschatzspeichers in den Köpfen gerechtfertigt scheint. Doch Vieles ist noch nicht umfassend
genug erforscht. Die Funktion der Sprachverwender und alles soziale und kulturelle Wissen sind mit
diesem Ansatz nur schwer zu fassen und spielen demzufolge bisher eine eher geringe Rolle.

5.1 Kategorien und Konzepte


Die philosophische Frage, inwieweit Sprache das Denken, insbesondere, ob und wie Wörter die
menschliche Wahrnehmung bestimmen oder ob es vielmehr vorsprachliche oder gar
sprachunabhängige Kategorien des Denkens und der Wahrnehmung gibt – diese Fragewird im hier
behandelten Ansatz u.a. mit naturwissenschaftlichen Verfahren neu bearbeitet. Die
Kognitionswissenschaft geht inzwischen davon aus, dass Menschen die Elemente der von ihnen
wahrgenommenen Welt unabhängig davon in Kategorien einteilen, ob es für diese Kategorien
Lexeme im Wortschatz gibt oder nicht. Für die Empfindung ‚nicht mehr hungrig‘ gibt es eine
Kategorie SATT, und für diese Kategorie gibt es im Deutschen auch ein Lexem, nämlich satt. Für ‚nicht
mehr durstig‘ gibt es ebenfalls eine Kategorie, die kann aber nur mittels einer mehrwortigen
Umschreibung (NICHT MEHR DURSTIG) versprachlicht werden, denn der Lexemvorschlag sitt ist nie
usuell geworden. Etwas vereinfacht kann man sich eine Kategorie wie eine Schublade mit Etikett
vorstellen; alles, was wir wahrnehmen, wird in die eine oder andere Schublade eingeordnet. Einer
Kategorie entspricht im kognitiven System ein – vor-sprachliches – Konzept, das eine mentale, d.h.
noch vor-sprachliche Beschreibung der gemeinsamen Merkmale aller Ausprägungen einer Kategorie
(aller ‚Schubladeninhalte‘) darstellt. Wenn also die Kategorie HUND über die Ausprägungen Dackel,
Pudel, Schäferhund usw. verfügt, dann sind im Konzept zu ‚Hund‘ Merkmale wie VIERBEINIG, REIßZÄHNE,
BELLT, ZU WACH- UND JAGDZWECKEN usw. enthalten. Im Moment der Wahrnehmung gleicht das kognitive
System diese Merkmale mit dem Konzept ab und kategorisiert das Wahrgenommene schließlich als
Hund. Erst dann wird mit dem Lexem Hund auf das Wahrgenommene referiert.

Wenn die Kognitionswissenschaft recht hat, dann ist die Menge der Kategorien und Konzepte im
kognitiven System um ein Vielfaches größer als die Menge der Lexeme im mentalen Lexikon. M.a.W.:
Wir können mehr und anderes denken als das, was uns der Wortschatz einer Sprache zur Verfügung
stellt. Demnach determiniert Sprache das Denken nicht, eher im Gegenteil: Das Denken erweitert
permanent die sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten. Vermutlich verfügt jeder Mensch nur über
Lexeme für diejenigen Konzepte, die für seinen Umgang mit der Welt am häufigsten benötigt
werden. M.a.W. Lexeme sind für den ‚Schnellzugriff‘ auf Kategorisierungen und für
konventionalisierte Kategorisierungen da. Für alle neuen oder ungewohnten Kategorisierungen
brauchen wir komplexe Ausdrücke und Sätze.

Eine weitere damit wichtige Frage ist, ob Kategorisierungen und Konzepte, wenn sie denn vor-
sprachlich sind, auch kulturunabhängig und womöglich anthropologisch universell sind. Am Beispiel
der Farbwörter ist man dieser Frage seit den 1960er Jahren nachgegangen. Für rund 100 Sprachen
wurden die Grundfarbwörter ermittelt und festgestellt, welchen Farbbereich die Wörter denotieren.
Dabei kam heraus, dass es in keiner Sprache mehr als elf und weniger als zwei Grundfarbwörter gibt
und dass diese sprachübergreifend immer mit dem ‚reinsten‘, ‚typischsten‘ Schwarz, Weiß, Rot usw.
17

zusammenfielen (vgl. die Tabelle in Löbner 2003, 248). Im weiten Feld der Farbwörter jenseits der
Grundfarben gibt es allerdings keine Gemeinsamkeiten mehr – hier herrscht kulturelle und
einzelsprachliche Spezifik. Die ‚weltweiten‘ Übereinstimmungen bei den Grundfarbwörtern können
allerdings auf eine physiologische Gemeinsamkeit aller Angehörigen der Spezies Mensch
zurückgeführt werden: Die Farbwahrnehmung läuft beim Menschen über vier Zelltypen, die auf die
Grundfarben ‚geeicht‘ sind. Daraus ist zu schließen, dass die Befunde zur Semantik der Farbwörter
nicht auf andere Bereiche des Lexikons übertragen werden dürfen. Allenfalls liegen im Bereich der
Körper- und Raumwahrnehmung (OBEN, UNTEN, KOPF, HAND, FUß usw.) bei allen Menschen
übereinstimmende oder zumindest ähnliche Kategorisierungen vor. Bis auf weiteres müssen wir also
davon ausgehen, dass der Großteil der vorsprachlichen Kategorien und Konzepte sprach- und
kulturspezifisch ist, dass es aber leicht möglich ist, fremde Kategorien und Konzepte ohne genaue
Entsprechungen im mentalen Lexikon der eigenen Sprache mithilfe von Umschreibungen zu
übersetzen und zu verstehen.

Anwendungsaspekt: Sprachvergleich mithilfe von Wortfeldern verschiedener Sprachen ist also auch
Kategorienvergleich. Aus dem soeben Gesagten ergibt sich aber, dass ‚Lücken‘ im Wortfeld der einen
Sprache ausgefüllt werden können und sollten, indem mehrwortige Umschreibungen in das
betreffende Lückenfeld eingetragen werden.

5.2. Ordnung der Kategorien


Was sehen Sie auf dem nebenstehenden Bild?
Blättern Sie erst um, wenn Sie die Frage
beantwortet haben.
18

Wetten, dass die allermeisten von Ihnen „Eine Gitarre“ geantwortet haben? Kaum jemand wird
„akustische Gitarre“ oder „klassische Gitarre“ oder „Musikinstrument“ geantwortet haben.
Zahlreiche ähnliche Experimente haben gezeigt, dass Menschen beim Kategorisieren immer eine
oder die mittlere Ebene in einem hierarchischen System von Kategorien bevorzugen und dass sowohl
die allgemeineren Kategorien auf der darüber liegenden Ebene als auch die spezielleren Kategorien
auf der oder den darunter liegenden Ebenen nur bei besonderem situativem Bedarf gewählt werden,
z.B. in der Fachkommunikation. Betrachten Sie folgende Tabelle (aus Löbner 2003, 273) und
überlegen Sie, inwieweit man oben und unten noch weitere Kategorienebenen anfügen könnte:

Die zweite Tabelle stammt ebenfalls aus Löbner (2003, 273) und zeigt mehrere Kategoriensysteme
nebeneinander. Betrachten Sie einmal die Wortbildungen auf den verschiedenen Ebenen – was fällt
auf?

Offensichtlich sind die Lexeme auf der Basisebene morphologisch einfacher, wohingegen die Lexeme
auf den übergeordneten und untergeordneten Ebenen komplexer sind. Außerdem scheint sich ein
Grundprinzip zu zeigen: Die Komposita der untergeordneten Ebene haben als ihr Grundwort das
Lexem der Basisebene (Paddelboot – Boot; Feldmaus – Maus). Beide Prinzipien haben aber
Ausnahmen.

Die Lexeme der Basisebene werden auch im Spracherwerb früher gelernt als die der anderen
Ebenen. Die Beschäftigung mit Fachsprachen sollte sich den Zusammenhang zwischen
untergeordneter Ebene und Wortbildung zunutze machen.
19

5.3 Prototypen
Die Merkmalssemantik (s.o.) hatte eigentlich schon die Frage gestellt und beantwortet, wie eine
Kategorie beschaffen ist oder mit anderen Worten: Welche Eigenschaften muss ein
wahrgenommener Gegenstand aufweisen, um in die Kategorie XYZ eingeordnet zu werden? Die
Merkmalssemantik hatte dies mithilfe einer binären Matrix dargestellt. Einer der Nachteile dieses
Modells bestand darin, dass es allen Kategorien klare, eindeutige Grenzen verlieh und dass sich die
Zugehörigkeit eines Referenten durch Vorliegen oder Nichtvorliegen eines oder mehrerer Merkmale
entschied. Doch die semantische Wirklichkeit fügte sich diesem Modell oft nicht, so dass sich viel zu
viele Kategorien so nicht darstellen ließen. Das in den Kontext der Kognitionswissenschaften
gehörende Modell der Prototypen stellt hier eine deutlich bessere Lösung zur Verfügung.

Offensichtlich gibt es für jede Kategorie so etwas wie beste oder typische Beispiele; daneben stehen
weniger typische Vertreter der Kategorie. Kategorien sind normalerweise eben nicht scharf
abgegrenzt, sondern weisen eine abgestufte Struktur auf; dies ist den kommunikativen Bedürfnissen
auch weitaus angemessener. Die Prototypenstruktur ist für die Kategorie VOGEL in konzentrischen
Ringen dargestellt worden; das Modell findet sich in zahlreichen Varianten im Internet.

Abbildung hier nach


Linke/Portmann/Nussbaumer 21994, S. 158.

Folgende Eigenschaften sind für prototypisch aufgefasste Kategorien charakteristisch:

 Abgestufte Struktur. Dadurch haben nicht alle Mitglieder der Kategorie denselben Status; es
gibt Mitgliedschaften in Kern- und Randbereichen.
 Graduelle Zugehörigkeit: Etwas, das wahrgenommen wird, kann mehr oder weniger zu einer
Kategorie zugehörig sein.
 Unscharfe Grenzen: Kategorien haben unscharfe Grenzen.
 Beste Beispiele. Es gibt immer Mitglieder, die von den Sprachteilhabern einer Sprache und
einer Kultur übereinstimmend als prototypische Vertreter der Kategorie eingeordnet
werden. Sie stellen den Vergleichs- und Bezugsfall aller peripheren Kategorienvertreter dar.
 Keine feste Menge notwendiger Merkmale. Nicht alle Mitglieder der Kategorie müssen genau
die gleichen Merkmale aufweisen.
20

 Familienähnlichkeit: Was alle Mitglieder einer Kategorie verbindet, ist ihre


Familienähnlichkeit.

Der Begriff der Familienähnlichkeit wurde von Ludwig Wittgenstein, einem wichtigen Philosophen
des 20. Jahrhunderts, eingeführt, um der Tatsache gerecht zu werden, dass man die Zugehörigkeit
von etwas (sein Beispiel war die Kategorie SPIEL) zu einer Kategorie nicht über ein oder mehrere
notwendige und definierende Eigenschaften festlegen kann. Geschwister einer Familie ähneln sich,
ohne dass alle über z.B. blondes Haar, eine große Nase, kleine Ohren, blaue Augen und einen breiten
Mund verfügen müssten. Ihre Ähnlichkeit zeigt sich vielmehr darin, dass jedes Familienmitglied über
mindestens zwei Merkmale aus der genannten Menge verfügt, keines über alle. Es stimmen also
immer nur zwei Familienmitglieder in einem bestimmten Merkmal überein.

Auch das Modell der Prototypen hat Schwachstellen und ist nicht mehr in allen Aspekten anerkannt.
Es hat aber den Blick für die Existenz von Prototypeneffekten in der Semantik geschärft.

5.4 Metaphern und Metonymien


Zum Schluss soll Ihnen noch ein Einblick in die Dynamik der lexikalischen Semantik vermittelt
werden. Es ist bekannt, dass der Wortschatz sich veränderten Bedürfnissen einer
Sprachgemeinschaft anpassen und sich verändern muss. Dies gilt für die Formseite der Lexeme
ebenso wie für die Bedeutungsseite. Ein wichtiges, aber oft vernachlässigtes Mittel der
Wortschatzveränderung ist die Erweiterung des Lesartenspektrums eines polysemen Lexems um eine
neue Lesart, und zwar auf dem Wege der Bedeutungs-‚Übertragung‘. So wurde z.B. irgendwann im
19. Jahrhundert das Lexem Strom mit seiner Lesart ‚in eine Richtung fließendes Wasser‘ um die
Lesart ‚elektrische Energie‘ erweitert. Die neue Lesart entstand durch Metaphorisierung und erlaubte
die Kategorisierung einer ‚neuen‘ Sache mittels eines vertrauten, ähnlichen Lexems. Die antike
Rhetorik kennt über 10 verschiedene Übertragungsarten (Tropen), die alle für semantische Variation
und Um-Kategorisierungen genutzt werden. Hier soll nur auf die beiden wichtigsten – Metapher und
Metonymie – eingegangen werden, weil sie im kognitionswissenschaftlichen Ansatz von George
Lakoff und Mark Johnson (Metaphors we live by / dt. Leben in Metaphern. Chicago 1980; dt. 1998)
auch für Anwendungszwecke außerordentlich fruchtbar gemacht werden.

Nach Lakoff/Johnson gehört das Bildenkönnen von Metaphern zur kognitiven Grundausstattung aller
Menschen. Metaphern liefern wesentliche Kategorien der Wirklichkeitswahrnehmung und –
vermittlung, somit auch des Denkens. Sprache ist zu einem großen Teil metaphorischer Natur;
Metaphern sind also kein bloßes Stilmittel. Lakoff/Johnson unterscheiden analog zu dem oben über
Konzepte und Lexeme Gesagten zwischen konzeptuellen Metaphern einerseits und metaphorischen
Ausdrücken andererseits. Den metaphorischen Ausdrücken

das kostet viel Zeit


Zeit vergeuden
Zeit sparen
Zeitverschwendung

steht die konzeptuelle Metapher ZEIT = GELD gegenüber. D.h. dass ein Konzept im kognitiven System
verankert ist und sich in zahlreichen und variierten metaphorischen Ausdrücken zeigen kann. Welche
konzeptuelle Metapher steht hinter folgenden Ausdrücken?

etwas einsehen
erhellende Antwort
21

etwas von allen Seiten beleuchten


Aufklärung

Antwort: VERSTANDESTÄTIGKEIT = LICHT.

Suchen Sie evtl. nach weiteren konzeptuellen Metaphern. Man muss damit rechnen, dass sich
konzeptuelle Metaphern von Sprache zu Sprache, von Kultur zu Kultur unterscheiden. Gibt es
vielleicht Kulturen, in denen Zeit als Wasser konzeptualisiert wird? Gibt es neben der konzeptuellen
Metapher VERSTANDESTÄTIGKEIT = LICHT womöglich auch eine weitere: VERSTANDESTÄTIGKEIT = KÖRPERLICHE
ARBEIT?

Statt von Metaphern spricht man oft lieber von Metaphorisierung, denn es handelt sich hierbei um
einen Prozess, d.h. um die Projektion einer Kategorie von einem auf einen anderen Bereich.
Metaphorische Projektionen finden bereits im Denken statt. Sie verlaufen nach Lakoff/Johnson
immer von einem konkreten, klar strukturierten Bereich zu einem abstrakteren, inhaltlich
komplexeren Bereich; bewiesen ist dies allerdings nicht.

Auch bei der Metonymie findet eine Projektion statt; sie wird auch als Verschiebung innerhalb
desselben Konzeptbereichs bezeichnet (im Unterschied zur Metapher, einer Übertragung von einem
Konzeptbereich auf einen anderen), z.B.: Eine Tasse (Kaffee) trinken. Die Lesart stellt eine
Verschiebung vom Gefäß auf den Inhalt dar. Goethe lesen ist eine metonymische Projektion vom
Autor auf seine Werke. Berlin verhandelt mit Paris ist eine metonymische Projektion von der Stadt
auf die Regierung. In denotativer und damit in kategorieller Hinsicht sind Porzellangefäße und
Flüssigkeiten, Personen und Bücher, Städte und die in ihnen residierenden Regierungen deutlich
unterschieden. Die Metonymie überbrückt diese Unterschiede. Betrachten Sie auch Schule in
folgenden Lesarten, die alle unterschiedliche Denotate haben:

‚Gebäude‘ (Ort)
‚Institution‘
‚Instanz‘
Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden, Personengruppe
‚Zeit, in der Unterricht stattfindet‘.

Man kann heute kaum mehr feststellen, welche der Lesarten historisch zuerst da war; das ist auch
unwichtig, denn offensichtlich können Sprecher im Rahmen dieser Konzeptfamilie von jeder Lesart
auf jede andere projizieren. Die Lesarten weisen untereinander Familienähnlichkeit auf.

Verwendete und zugleich zur Vertiefung geeignete Literatur:


Aitchison (1997), Jean: Wörter im Kopf. Eine Einführung in das mentale Lexikon. Aus dem Engl. von Martina
Wiese. Tübingen.
Linke, Angelika/ Markus Nussbaumer / Paul R. Portmann (21994): Studienbuch Linguistik. 2. Auflage, Tübingen.
Löbner, Sebastian (2003): Semantik. Eine Einführung. Berlin
Schwarz, Monika/ Jeannette Chur (1996): Semantik. Ein Arbeitsbuch. 2. überarbeitete Aufl. Tübingen.

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