KURT TUCHOLSY: DIE KUNST FALSCH ZU REISEN
„Die Kunst, falsch zu reisen“ lautet der Titel eines Beitrages des Schriftstellers Kurt
Tucholsky für die Juliausgabe 1929 der Monatszeitschrift „Uhu“ des Berliner Ullstein
Verlages. Auch 86 Jahre nach der Erstpublikation hat der Text nichts an seiner satirischen
Kraft und an seiner Aktualität verloren.
Wenn du reisen willst, verlange von der Gegend, in die du reist, alles:
schöne Natur, den Komfort der Großstadt, kunstgeschichtliche
Altertümer, billige Preise, Meer, Gebirge – also: vorn die Ostsee und
hinten die Leipziger Straße. Ist das nicht vorhanden, dann schimpfe.
Wenn du reist, nimm um Gottes willen keine Rücksicht auf deine
Mitreisenden – sie legen es dir als Schwäche aus. Du hast bezahlt –
die andern fahren alle umsonst. Bedenke, dass es von ungeheurer
Wichtigkeit ist, ob du einen Fensterplatz hast oder nicht; dass im
Nichtraucher-Abteil einer raucht, muß sofort und in den schärfsten
Ausdrücken gerügt werden – ist der Schaffner nicht da, dann vertritt
ihn einstweilen und sei Polizei, Staat und rächende Nemesis in einem.
Das verschönt die Reise. Sei überhaupt unliebenswürdig – daran
erkennt man den Mann.
Im Hotel bestellst du am besten ein Zimmer und fährst dann
anderswohin. Bestell das Zimmer nicht ab; das hast du nicht nötig –
nur nicht weich werden.
Bist du im Hotel angekommen, so schreib deinen Namen mit allen
Titeln ein … Hast du keinen Titel … Verzeihung … ich meine: wenn
einer keinen Titel hat, dann erfinde er sich einen. Schreib nicht:
›Kaufmann‹, schreib: ›Generaldirektor‹. Das hebt sehr. Geh sodann
unter heftigem Türenschlagen in dein Zimmer, gib um Gottes willen
dem Stubenmädchen, von dem du ein paar Kleinigkeiten extra
verlangst, kein Trinkgeld, das verdirbt das Volk; reinige deine
staubigen Stiefel mit dem Handtuch, wirf ein Glas entzwei (sag es
aber keinem, der Hotelier hat so viele Gläser!), und begib dich sodann
auf die Wanderung durch die fremde Stadt.
In der fremden Stadt mußt du zuerst einmal alles genauso haben
wollen, wie es bei dir zu Hause ist – hat die Stadt das nicht, dann taugt
sie nichts. Die Leute müssen also rechts fahren, dasselbe Telefon
haben wie du, dieselbe Anordnung der Speisekarte und dieselben
Retiraden. Im übrigen sieh dir nur die Sehenswürdigkeiten an, die im
Baedeker stehen. Treibe die Deinen erbarmungslos an alles heran, was
im Reisehandbuch einen Stern hat – lauf blind an allem andern
vorüber, und vor allem: rüste dich richtig aus. Bei Spaziergängen
durch fremde Städte trägt man am besten kurze Gebirgshosen, einen
kleinen grünen Hut (mit Rasierpinsel), schwere Nagelschuhe (für
Museen sehr geeignet), und einen derben Knotenstock. Anseilen nur
in Städten von 500000 Einwohnern aufwärts.
Wenn deine Frau vor Müdigkeit umfällt, ist der richtige Augenblick
gekommen, auf einen Aussichtsturm oder auf das Rathaus zu steigen;
wenn man schon mal in der Fremde ist, muß man alles mitnehmen,
was sie einem bietet. Verschwimmen dir zum Schluß die Einzelheiten
vor Augen, so kannst du voller Stolz sagen: ich habs geschafft.
Mach dir einen Kostenvoranschlag, bevor du reist, und zwar auf den
Pfennig genau, möglichst um hundert Mark zu gering – man kann das
immer einsparen. Dadurch nämlich, dass man überall handelt;
dergleichen macht beliebt und heitert überhaupt die Reise auf. Fahr
lieber noch ein Endchen weiter, als es dein Geldbeutel gestattet, und
bring den Rest dadurch ein, dass du zu Fuß gehst, wo die Wagenfahrt
angenehmer ist; dass du zu wenig Trinkgelder gibst; und dass du
überhaupt in jedem Fremden einen Aasgeier siehst. Vergiß dabei nie
die Hauptregel jeder gesunden Reise:
Ärgere dich!
Sprich mit deiner Frau nur von den kleinen Sorgen des Alltags. Koch
noch einmal allen Kummer auf, den du zu Hause im Büro gehabt hast;
vergiß überhaupt nie, dass du einen Beruf hast.
Wenn du reisest, so sei das erste, was du nach jeder Ankunft in einem
fremden Ort zu tun hast: Ansichtskarten zu schreiben. Die
Ansichtskarten brauchst du nicht zu bestellen: der Kellner sieht schon,
dass du welche haben willst. Schreib unleserlich – das läßt auf gute
Laune schließen. Schreib überall Ansichtskarten: auf der Bahn, in der
Tropfsteingrotte, auf den Bergesgipfeln und im schwanken Kahn.
Brich dabei den Füllbleistift ab und gieß Tinte aus dem Federhalter.
Dann schimpfe.
Das Grundgesetz jeder richtigen Reise ist: es muß was los sein – und du mußt etwas
›vorhaben‹. Sonst ist die Reise keine Reise. Jede Ausspannung von Beruf und Arbeit beruht
darin, dass man sich ein genaues Programm macht, es aber nicht innehält – hast du es nicht
innegehalten, gib deiner Frau die Schuld.
Verlang überall ländliche Stille; ist sie da, schimpfe, dass nichts los ist. Eine anständige
Sommerfrische besteht in einer Anhäufung derselben Menschen, die du bei dir zu Hause
siehst, sowie in einer Gebirgsbar, einem Oceandancing und einer Weinabteilung. Besuche
dergleichen – halte dich dabei aber an deine gute, bewährte Tracht; kurze Hose, kleiner Hut
(siehe oben). Sieh dich sodann im Raume um und sprich: »Na, elegant ist es hier gerade
nicht!« Haben die andern einen Smoking an, so sagst du am besten: »Fatzkerei, auf die Reise
einen Smoking mitzunehmen!« – hast du einen an, die andern aber nicht, mach mit deiner
Frau Krach. Mach überhaupt mit deiner Frau Krach.
Durcheile die fremden Städte und Dörfer – wenn dir die Zunge nicht heraushängt, hast du
falsch disponiert; außerdem ist der Zug, den du noch erreichen mußt, wichtiger als eine stille
Abendstunde. Stille Abendstunden sind Mumpitz; dazu reist man nicht.
Auf der Reise muß alles etwas besser sein, als du es zu Hause hast. Schieb dem Kellner die
nicht gut eingekühlte Flasche Wein mit einer Miene zurück, in der geschrieben steht: »Wenn
mir mein Haushofmeister den Wein so aus dem Keller bringt, ist er entlassen!« Tu immer so,
als seist du aufgewachsen bei …
Mit den lächerlichen Einheimischen sprich auf alle Fälle gleich von Politik, Religion und dem
Krieg. Halte mit deiner Meinung nicht hinterm Berg, sag alles frei heraus! Immer gib ihm!
Sprich laut, damit man dich hört – viele fremde Völker sind ohnehin schwerhörig. Wenn du
dich amüsierst, dann lach, aber so laut, dass sich die andern ärgern, die in ihrer Dummheit
nicht wissen, worüber du lachst. Sprichst du fremde Sprachen nicht sehr gut, dann schrei: man
versteht dich dann besser.
Laß dir nicht imponieren.
Seid ihr mehrere Männer, so ist es gut, wenn ihr an hohen Aussichtspunkten etwas im
Vierfarbendruck singt. Die Natur hat das gerne.
Handele, Schimpfe. Ärgere dich. Und mach Betrieb.
***
Die Kunst, richtig zu reisen
Entwirf deinen Reiseplan im großen – und laß dich im einzelnen von der bunten Stunde
treiben.
Die größte Sehenswürdigkeit, die es gibt, ist die Welt – sieh sie dir an.
Niemand hat heute ein so vollkommenes Weltbild, dass er alles verstehen und würdigen kann:
hab den Mut, zu sagen, dass du von einer Sache nichts verstehst.
Nimm die kleinen Schwierigkeiten der Reise nicht so wichtig; bleibst du einmal auf einer
Zwischenstation sitzen, dann freu dich, dass du am Leben bist, sieh dir die Hühner an und die
ernsthaften Ziegen, und mach einen kleinen Schwatz mit dem Mann im Zigarrenladen.
Entspanne dich. Laß das Steuer los. Trudele durch die Welt. Sie ist so schön: gib dich ihr hin,
und sie wird sich dir geben.