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Erstes Kapitel: Eine Große Stadt Und Ein Kleines Mädchen

In einer alten Stadt lebte ein kleines Mädchen namens Momo, das in einer Ruine eines Amphitheaters wohnte und von den Menschen in der Umgebung freundlich aufgenommen wurde. Momo hatte eine besondere Fähigkeit: Sie konnte außergewöhnlich gut zuhören, was dazu führte, dass die Menschen zu ihr kamen, um ihre Sorgen und Gedanken zu teilen. Die Geschichte beschreibt, wie Momo in der Gemeinschaft der Menschen eine wichtige Rolle einnahm und ihnen Freude und Trost brachte.

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Erstes Kapitel: Eine Große Stadt Und Ein Kleines Mädchen

In einer alten Stadt lebte ein kleines Mädchen namens Momo, das in einer Ruine eines Amphitheaters wohnte und von den Menschen in der Umgebung freundlich aufgenommen wurde. Momo hatte eine besondere Fähigkeit: Sie konnte außergewöhnlich gut zuhören, was dazu führte, dass die Menschen zu ihr kamen, um ihre Sorgen und Gedanken zu teilen. Die Geschichte beschreibt, wie Momo in der Gemeinschaft der Menschen eine wichtige Rolle einnahm und ihnen Freude und Trost brachte.

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ERSTES KAPITEL

Eine große Stadt und ein kleines Mädchen

In alten, alten Zeiten, als die Menschen noch in ganz anderen Sprachen redeten, gab es in den
warmen Ländern schon große und prächtige Städte. Da erhoben sich die Paläste der Könige
und Kaiser, da gab es breite Straßen, enge Gassen und winkelige Gäßchen, da standen
herrliche Tempel mit goldenen und marmornen Götterstatuen, da gab es bunte Märkte, wo
Waren aus aller Herren Länder feilgeboten wurden, und weite schöne Plätze, wo die Leute
sich versammelten, um Neuigkeiten zu besprechen und Reden zu halten oder anzuhören. Und
vor allem gab es dort große Theater.
Sie sahen ähnlich aus, wie ein Zirkus noch heute aussieht, nur daß sie ganz und gar aus
Steinblöcken gefügt waren. Die Sitzreihen für die Zuschauer lagen stufenförmig übereinander
wie in einem gewaltigen Trichter. Von oben gesehen waren manche dieser Bauwerke
kreisrund, andere mehr oval und wieder andere bildeten einen weiten Halbkreis. Man nannte
sie Amphitheater.
Es gab welche, die groß waren wie ein Fußballstadion, und kleinere, in die nur ein paar
hundert Zuschauer paßten. Es gab prächtige, mit Säulen und Figuren verzierte, und solche, die
schlicht und schmucklos waren. Dächer hatten diese Amphitheater nicht, alles fand unter
freiem Himmel statt. In den prachtvollen Theatern waren deshalb golddurchwirkte Teppiche
über die Sitzreihen gespannt, um das Publikum vor der Glut der Sonne oder vor plötzlichen
Regenschauern zu schützen. In den einfachen Theatern dienten Matten aus Binsen und Stroh
dem gleichen Zweck. Mit einem Wort: die Theater waren so, wie die Leute es sich leisten
konnten. Aber haben wollten sie alle eins, denn sie waren leidenschaftliche Zuhörer und
[Link] wenn sie den ergreifenden oder auch den komischen Begebenheiten
lauschten, die auf der Bühne dargestellt wurden, dann war es ihnen, als ob jenes nur gespielte
Leben auf geheimnisvolle Weise wirklicher wäre, als ihr eigenes, alltägliches. Und sie liebten
es, auf diese andere Wirklichkeit hinzuhorchen.
Jahrtausende sind seither vergangen. Die großen Städte von damals sind zerfallen, die Tempel
und Paläste sind eingestürzt. Wind und Regen, Kälte und Hitze haben die Steine abgeschliffen
und ausgehöhlt, und auch von den großen Theatern stehen nur noch Ruinen. Im geborstenen
Gemäuer singen nun die Zikaden ihr eintöniges Lied, das sich anhört, als ob die Erde im
Schlaf atmet.
Aber einige dieser alten, großen Städte sind große Städte geblieben bis auf den heutigen Tag.
Natürlich ist das Leben in ihnen anders geworden. Die Menschen fahren mit Autos und
Straßenbahnen, haben Telefon und elektrisches Licht. Aber da und dort zwischen den neuen
Gebäuden stehen noch ein paar Säulen, ein Tor, ein Stück Mauer, oder auch ein Amphitheater
aus jenen alten Tagen. Und in einer solchen Stadt hat sich die Geschichte von Momo begeben.
Draußen am südlichen Rand dieser großen Stadt, dort, wo schon die ersten Felder beginnen
und die Hütten und Häuser immer armseliger werden, liegt, in einem Pinienwäldchen
versteckt, die Ruine eines kleinen Amphitheaters. Es war auch in jenen alten Zeiten keines
von den prächtigen, es war schon damals sozusagen ein Theater für ärmere Leute. In unseren
Tagen, das heißt um jene Zeit, da die Geschichte von Momo ihren Anfang nahm, war die
Ruine fast ganz vergessen. Nur ein paar Professoren der Altertumswissenschaft wußten von
ihr, aber sie kümmerten sich nicht weiter um sie, weil es dort nichts mehr zu erforschen gab.
Sie war auch keine Sehenswürdigkeit, die sich mit anderen,
die es in der großen Stadt gab, messen konnte. So verirrten sich nur ab und zu ein paar
Touristen dort hin, kletterten auf den grasbewachsenen Sitzreihen umher, machten Lärm,
knipsten ein Erinnerungsfoto und gingen wieder fort. Dann kehrte die Stille in das steinerne
Rund zurück, und die Zikaden stimmten die nächste Strophe ihres endlosen Liedes an, die
sich übrigens in nichts von der vorigen unterschied. Eigentlich waren es nur die Leute aus der
näheren Umgebung, die das seltsame runde Bauwerk kannten. Sie ließen dort ihre Ziegen
weiden, die Kinder benutzten den runden Platz in der Mitte zum Ballspielen, und manchmal
trafen sich dort am Abend die Liebespaare. Aber eines Tages sprach es sich bei den Leuten
herum, daß neuerdings jemand in der Ruine wohne. Es sei ein Kind, ein kleines Mädchen
vermutlich. So genau könne man das allerdings nicht sagen, weil es ein bißchen merkwürdig
angezogen sei. Es hieße Momo oder so ähnlich. Momos äußere Erscheinung war in der Tat
ein wenig seltsam und konnte auf Menschen, die großen Wert auf Sauberkeit und Ordnung
legen, möglicherweise etwas erschreckend wirken. Sie war klein und ziemlich mager, so daß
man beim besten Willen nicht erkennen konnte, ob sie erst acht oder schon zwölf Jahre alt
war. Sie hatte einen wilden, pechschwarzen Lockenkopf, der so aussah, als ob er noch nie mit
einem Kamm oder einer Schere in Berührung gekommen wäre. Sie hatte sehr große,
wunderschöne und ebenfalls pechschwarze Augen und Füße von der gleichen Farbe, denn sie
lief fast immer barfuß. Nur im Winter trug sie manchmal Schuhe, aber es waren zwei
verschiedene, die nicht zusammenpaßten und ihr außerdem viel zu groß waren. Das kam
daher, daß Momo eben nichts besaß, als was sie irgendwo fand oder geschenkt bekam. Ihr
Rock war aus allerlei bunten Flicken zusammengenäht und reichte ihr bis auf die Fußknöchel.
Darüber trug sie eine alte, viel zu weite Männerjacke, deren Ärmel an den Handgelenken
umgekrempelt waren. Abschneiden wollte Momo sie nicht, weil sie vorsorglich daran dachte,
daß sie ja noch wachsen würde. Und wer konnte wissen, ob sie jemals wieder eine so schöne
und praktische Jacke mit so vielen Taschen finden würde.
Unter der grasbewachsenen Bühne der Theaterruine gab es ein paar halb eingestürzte
Kammern, die man durch ein Loch in der Außenmauer betreten konnte. Hier hatte Momo sich
häuslich eingerichtet. Eines Mittags kamen einige Männer und Frauen aus der näheren
Umgebung zu ihr und versuchten sie auszufragen. Momo stand ihnen gegenüber und guckte
sie ängstlich an, weil sie fürchtete, die Leute würden sie wegjagen. Aber sie merkte bald, daß
es freundliche Leute waren. Sie waren selber arm und kannten das Leben. »So«, sagte einer
der Männer, »hier gefällt es dir also?« »Ja«, antwortete Momo. »Und du willst hier bleiben?«
»Ja, gern.«
»Aber wirst du denn nirgendwo erwartet?« »Nein.«
»Ich meine, mußt du denn nicht wieder nach Hause?« »Ich bin hier zu Hause«, versicherte
Momo schnell. »Wo kommst du denn her, Kind?«
Momo machte mit der Hand eine unbestimmte Bewegung, die irgendwohin in die Ferne
deutete.
»Wer sind denn deine Eltern?« forschte der Mann weiter. Das Kind schaute ihn und die
anderen Leute ratlos an und hob ein wenig die Schultern. Die Leute tauschten Blicke und
seufzten. »Du brauchst keine Angst zu haben«, fuhr der Mann fort, »wir wollen dich nicht
vertreiben. Wir wollen dir helfen.« Momo nickte stumm, aber noch nicht ganz überzeugt. »Du
sagst, daß du Momo heißt, nicht wahr?« »Ja.«
»Das ist ein hübscher Name, aber ich hab' ihn noch nie gehört. Wer hat dir denn den Namen
gegeben?« »Ich«, sagte Momo. »Du hast dich selbst so genannt?« »Ja.«
»Wann bist du denn geboren?«
Momo überlegte und sagte schließlich: »Soweit ich mich erinnern kann, war ich immer schon
da.«
»Hast du denn keine Tante, keinen Onkel, keine Großmutter, überhaupt keine Familie, wo du
hin kannst?«
Momo schaute den Mann nur an und schwieg eine Weile. Dann murmelte sie: »Ich bin hier zu
Hause.«
»Na ja«, meinte der Mann, »aber du bist doch ein Kind —wie alt bist du eigentlich?«
»Hundert«, sagte Momo zögernd. Die Leute lachten, weil sie es für einen Spaß hielten. »Also,
ernsthaft, wie alt bist du?«
»Hundertzwei«, antwortete Momo, noch ein wenig unsicherer. Es dauerte eine Weile, bis die
Leute merkten, daß das Kind nur ein paar Zahlwörter kannte, die es aufgeschnappt hatte, sich
aber nichts Bestimmtes darunter vorstellen konnte, weil niemand es Zählen gelehrt hatte.
»Hör mal«, sagte der Mann, nachdem er sich mit den anderen beraten hatte, »wäre es dir
recht, wenn wir der Polizei sagen, daß du hier bist? Dann würdest du in ein Heim kommen,
wo du zu essen kriegst und ein Bett hast und wo du rechnen und lesen und schreiben und noch
viel mehr lernen kannst. Was hältst du davon, eh?« Momo sah ihn erschrocken an.
»Nein«, murmelte sie, »da will ich nicht hin. Da war ich schon mal. Andere Kinder waren
auch da. Da waren Gitter an den Fenstern, jedenTag gab's Prügel - aber ganz ungerecht. Da
bin ich nachts über die Mauer und weggelaufen. Da will ich nicht wieder hin.« »Das kann ich
verstehen«, sagte ein alter Mann und nickte. Und die anderen Leute konnten es auch
verstehen und nickten. »Also gut«, sagte eine Frau, »aber du bist doch noch klein. Irgendwer
muß doch für dich sorgen.« »Ich«, antwortete Momo erleichtert. »Kannst du das denn?«
fragte die Frau.
Momo schwieg eine Weile und sagte dann leise: »Ich brauch' nicht viel. «
Wieder wechselten die Leute Blicke, seufzten und nickten. »Weißt du, Momo«, ergriff nun
wieder der Mann das Wort, der zuerst gesprochen hatte, »wir meinen, du könntest vielleicht
bei einem von uns unterkriechen. Wir haben zwar selber alle nur wenig Platz, und die meisten
haben schon einen Haufen Kinder, die gefüttert sein wollen, aber wir meinen, auf eines mehr
kommt es dann auch schon nicht mehr an. Was hältst du davon, eh?«
»Danke«, sagte Momo und lächelte zum ersten Mal, »vielen Dank! Aber könntet ihr mich
nicht einfach hier wohnen lassen?« Die Leute berieten lange hin und her, und zuletzt waren
sie einverstanden. Denn hier, so meinten sie, könne das Kind schließlich genausogut wohnen
wie bei einem von ihnen, und sorgen wollten sie alle gemeinsam für Momo, weil es für alle
zusammen sowieso einfacher wäre, als für einen allein.
Sie fingen gleich an, indem sie zunächst einmal die halb eingestürzte steinerne Kammer, in
der Momo hauste, aufräumten und instandsetzten, so gut es ging. Einer von ihnen, der Maurer
war, baute sogar einen kleinen steinernen Herd. Ein rostiges Ofenrohr wurde auch
aufgetrieben. Ein alter Schreiner nagelte aus ein paar Kistenbrettern ein Tischchen und zwei
Stühle zusammen. Und schließlich brachten die Frauen
noch ein ausgedientes, mit Schnörkeln verziertes Eisenbett, eine Matratze, die nur wenig
zerrissen war, und zwei Decken. Aus dem steinernen Loch unter der Bühne der Ruine war ein
behagliches kleines Zimmerchen geworden. Der Maurer, der künstlerische Fähigkeiten besaß,
malte zuletzt noch ein hübsches Blumenbild an die Wand. Sogar den Rahmen und den Nagel,
an dem das Bild hing, malte er dazu. Und dann kamen die Kinder der Leute und brachten, was
man an Essen erübrigen konnte, das eine ein Stückchen Käse, das andere einen kleinen
Brotwecken, das dritte etwas Obst und so fort. Und da es sehr viele Kinder waren, kam an
diesem Abend eine solche Menge zusammen, daß sie alle miteinander im Amphitheater ein
richtiges kleines Fest zu Ehren von Momos Einzug feiern konnten. Es war ein so vergnügtes
Fest, wie nur arme Leute es zu feiern verstehen. So begann die Freundschaft zwischen der
kleinen Momo und den Leuten der näheren Umgebung.

ZWEITES KAPITEL
Eine ungewöhnliche Eigenschaft und ein ganz gewöhnlicher Streit

Von nun an ging es der kleinen Momo gut, jedenfalls nach ihrer eigenen Meinung. Irgend
etwas zu essen hatte sie jetzt immer, mal mehr, mal weniger, wie es sich eben fügte und wie
die Leute es entbehren konnten. Sie hatte ein Dach über dem Kopf, sie hatte ein Bett und sie
konnte sich, wenn es kalt war, ein Feuer machen. Und was das Wichtigste war: sie hatte viele
gute Freunde.
Man könnte nun denken, daß Momo ganz einfach großes Glück gehabt hatte, an so
freundliche Leute geraten zu sein -, und Momo selbst war durchaus dieser Ansicht. Aber auch
für die Leute stellte sich schon bald heraus, daß sie nicht weniger Glück gehabt hatten. Sie
brauchten Momo, und sie wunderten sich, wie sie früher ohne sie ausgekommen waren. Und
je länger das kleine Mädchen bei ihnen war, desto unentbehrlicher wurde es ihnen, so
unentbehrlich, daß sie nur noch fürchteten, es könnte eines Tages wieder auf und davon
gehen. So kam es, daß Momo sehr viel Besuch hatte. Man sah fast immer jemand bei ihr
sitzen, der angelegentlich mit ihr redete. Und wer sie brauchte und nicht kommen konnte,
schickte nach ihr, um sie zu holen. Und wer noch nicht gemerkt hatte, daß er sie brauchte, zu
dem sagten die ändern: »Geh doch zu Momo!«
Dieser Satz wurde nach und nach zu einer feststehenden Redensart bei den Leuten der
näheren Umgebung. So wie man sagt: »Alles Gute!« oder »Gesegnete Mahlzeit!« oder »Weiß
der liebe Himmel!«, genauso sagte man also bei allen möglichen Gelegenheiten: »Geh doch
zu Momo!« Aber warum? War Momo vielleicht so unglaublich klug, daß sie jedem
Menschen einen guten Rat geben konnte? Fand sie immer die richtigen Worte, wenn jemand
Trost brauchte? Konnte sie weise und gerechte Urteile fällen?
Nein, das alles konnte Momo ebensowenig wie jedes andere Kind. Konnte Momo dann
vielleicht irgend etwas, das die Leute in gute Laune versetzte? Konnte sie zum Beispiel
besonders schön singen? Oder konnte sie irgendein Instrument spielen? Oder konnte sie - weil
sie doch in einer Art Zirkus wohnte - am Ende gar tanzen oder akrobatische Kunststücke
vorführen? Nein, das war es auch nicht.
Konnte sie vielleicht zaubern ? Wußte sie irgendeinen geheimnisvollen Spruch, mit dem man
alle Sorgen und Nöte vertreiben konnte? Konnte sie aus der Hand lesen oder sonstwie die
Zukunft voraussagen? Nichts von alledem.
Was die kleine Momo konnte wie kein anderer, das war: Zuhören. Das ist doch nichts
Besonderes, wird nun vielleicht mancher Leser sagen, zuhören kann doch jeder.
Aber das ist ein Irrtum. Wirklich zuhören können nur ganz wenige Menschen. Und so wie
Momo sich aufs Zuhören verstand, war es ganz und gar einmalig.
Momo konnte so zuhören, daß dummen Leuten plötzlich sehr gescheite Gedanken kamen.
Nicht etwa, weil sie etwas sagte oder fragte, was den anderen auf solche Gedanken brachte,
nein, sie saß nur da und hörte einfach zu, mit aller Aufmerksamkeit und aller Anteilnahme.
Dabei schaute sie den anderen mit ihren großen, dunklen Augen an, und der Betreffende
fühlte, wie in ihm auf einmal Gedanken auftauchten, von denen er nie geahnt hatte, daß sie in
ihm steckten. Sie konnte so zuhören, daß ratlose oder unentschlossene Leute auf einmal ganz
genau wußten, was sie wollten. Oder daß Schüchterne sich plötzlich frei und mutig fühlten.
Oder daß Unglückliche und Bedrückte zuversichtlich und froh wurden. Und wenn jemand
meinte, sein Leben sei ganz verfehlt und bedeutungslos und er selbst nur irgendeiner unter
Millionen, einer, auf den es überhaupt nicht ankommt und der ebenso schnell ersetzt werden
kann wie ein kaputter Topf- und er ging hin und erzählte alles das der kleinen Momo, dann
wurde ihm, noch während er redete, auf geheimnisvolle Weise klar, daß er sich gründlich
irrte, daß es ihn, genauso wie er war, unter allen Menschen nur ein einziges Mal gab und daß
er deshalb auf seine besondere Weise für die Welt wichtig war. So konnte Momo zuhören !
Eines Tages kamen zwei Männer zu ihr ins Amphitheater, die sich auf den Tod zerstritten
hatten und nicht mehr miteinander reden wollten, obwohl sie Nachbarn waren. Die anderen
Leute hatten ihnen geraten, doch zu Momo zu gehen, denn es ginge nicht an, daß Nachbarn in
Feindschaft lebten. Die beiden Männer hatten sich anfangs geweigert und schließlich
widerwillig nachgegeben.
Nun saßen sie also im Amphitheater, stumm und feindselig, jeder auf einer anderen Seite der
steinernen Sitzreihen, und schauten finster vor sich hin.
Der eine war der Maurer, von dem der Ofen und das schöne Blumenbild in Momos
»Wohnzimmer« stammte. Er hieß Nicola und war ein starker Kerl mit einem schwarzen,
aufgezwirbelten Schnurrbart. Der andere hieß Nino. Er war mager und sah immer ein wenig
müde aus. Nino war Pächter eines kleinen Lokals am Stadtrand, in dem meistens nur ein paar
alte Männer saßen, die den ganzen Abend an einem einzigen Glas Wein tranken und von
ihren Erinnerungen redeten. Auch Nino und dessen dicke Frau gehörten zu Momos Freunden
und hatten ihr schon oft etwas Gutes zu essen gebracht. Da Momo nun merkte, daß die beiden
böse aufeinander waren, wußte
sie zunächst nicht, zu welchem sie zuerst hingehen sollte. Um keinen zu kränken, setzte sie
sich schließlich in gleichem Abstand von beiden auf den Rand der steinernen Bühne und
schaute die zwei abwechselnd an. Sie wartete einfach ab, was geschehen würde. Manche
Dinge brauchen ihre Zeit - und Zeit war ja das einzige, woran Momo reich war. Nachdem die
Männer lang so gesessen hatten, stand Nicola plötzlich auf und sagte: »Ich geh'. Ich hab'
meinen guten Willen gezeigt, indem ich überhaupt gekommen bin. Aber du siehst, Momo, er
ist verstockt. Wozu soll ich noch länger warten?« Und er wandte sich tatsächlich zum Gehen.
»Ja, mach, daß du wegkommst!« rief Nino ihm nach. »Du hättest erst gar nicht zu kommen
brauchen. Ich versöhne mich doch nicht mit einem Verbrecher!«
Nicola fuhr herum. Sein Gesicht war puterrot vor Zorn. »Wer ist hier ein Verbrecher?« fragte
er drohend und kam wieder zurück.
»Sag das noch mal!«
»Sooft du nur willst ! « schrie Nino. »Du glaubst wohl, weil du stark und brutal bist, wagt
niemand, dir die Wahrheit ins Gesicht zu sagen? Aber ich, ich sage sie dir und allen, die sie
hören wollen! Ja, nur zu, komm doch her und bring mich um, wie du es schon mal tun
wolltest!« »Hält' ich's nur getan !« brüllte Nicola und ballte die Fäuste. »Aber da siehst du,
Momo, wie er lügt und verleumdet! Ich hab' ihn nur beim Kragen genommen und in die
Spülwasserpfütze hinter seiner Spelunke geschmissen. Da drin kann nicht mal eine Ratte
ersaufen. « Und wieder zu Nino gewandt, schrie er: »Leider lebst du ja auch noch, wie man
sieht!«
Eine Zeitlang gingen die wildesten Beschimpfungen hin und her und Momo konnte nicht
schlau daraus werden, worum es überhaupt ging und weshalb die beiden so erbittert
aufeinander waren. Aber nach und nach kam heraus, daß Nicola diese Schandtat nur begangen
hatte, weil Nino ihm zuvor in Gegenwart einiger Gäste eine Ohrfeige gegeben hatte. Dem war
allerdings wieder vorausgegangen, daß Nicola versucht hatte, Ninos ganzes Geschirr zu
zertrümmern.
»Ist ja überhaupt nicht wahr !« verteidigte sich Nicola erbittert. »Einen einzigen Krug hab' ich
an die Wand geschmissen, und der hatte sowieso schon einen Sprung!«
»Aber es war mein Krug, verstehst du?« erwiderte Nino. »Und überhaupt hast du kein Recht
zu so was!«
Nicola war durchaus der Ansicht, in gutem Recht gehandelt zu haben, denn Nino hatte ihn in
seiner Ehre als Maurer gekränkt. »Weißt du, was er über mich gesagt hat?« rief er Momo zu.
»Er hat gesagt, ich könne keine gerade Mauer bauen, weil ich Tag und Nacht betrunken sei.
Und sogar mein Urgroßvater wäre schon so gewesen, und er hätte am Schiefen Turm von Pisa
mitgebaut!« »Aber Nicola«, antwortete Nino, »das war doch nur Spaß!« »Ein schöner Spaß!«
grollte Nicola. »Über so was kann ich nicht lachen.«
Es stellte sich jedoch heraus, daß Nino damit nur einen anderen Spaß Nicolas zurückgezahlt
hatte. Eines Morgens hatte nämlich in knallroten Buchstaben auf Ninos Tür gestanden: »Wer
nichts wird, wird Wirt«. Und das fand wiederum Nino gar nicht komisch. Nun stritten sie eine
Weile todernst, welcher von den beiden Spaßen der bessere gewesen sei und redeten sich
wieder in Zorn. Aber plötzlich brachen sie ab.
Momo schaute sie groß an, und keiner der beiden konnte sich ihren Blick so recht deuten.
Machte sie sich im Inneren lustig über sie? Oder war sie traurig? Ihr Gesicht verriet es nicht.
Aber den Männern war plötzlich, als sähen sie sich selbst in einem Spiegel, und sie fingen an,
sich zu schämen.
»Gut«, sagte Nicola, »ich hätte das vielleicht nicht auf deine Tür schreiben sollen, Nino. Ich
hätte es auch nicht getan, wenn du dich nicht geweigert hättest, mir nur ein einziges Glas
Wein auszuschenken. Das war gegen das Gesetz, verstehst du ? Denn ich habe immer bezahlt,
und du hattest keinen Grund, mich so zu behandeln.« »Und ob ich den hatte!« gab Nino
zurück. »Erinnerst du dich nicht mehr an die Sache mit dem heiligen Antonius ? Ah, jetzt
wirst du blaß ! Da hast du mich nämlich nach Strich und Faden übers Ohr gehauen, und so
was muß ich mir nicht bieten lassen.« »Ich dich?« rief Nicola und schlug sich wild vor den
Kopf. »Umgekehrt wird ein Schuh draus ! Du wolltest mich hereinlegen, nur ist es dir nicht
gelungen ! «
Die Sache war die: In Ninos kleinem Lokal hatte ein Bild an der Wand gehangen, das den
heiligen Antonius darstellte. Es war ein Farbdruck, den Nino irgendwann einmal aus einer
Illustrierten ausgeschnitten und gerahmt hatte.
Eines Tages wollte Nicola Nino dieses Bild abhandeln - angeblich, weil er es so schön fand.
Und Nino hatte Nicola durch geschicktes Feilschen schließlich dazu gebracht, daß dieser
seinen Radioapparat zum Tausch bot. Nino lachte sich ins Fäustchen, denn natürlich schnitt
Nicola dabei ziemlich schlecht ab. Das Geschäft wurde gemacht. Nun stellte sich aber heraus,
daß zwischen dem Bild und der Rückwand aus Pappdeckel ein Geldschein steckte, von dem
Nino nichts gewußt hatte. Jetzt war er plötzlich der Übervorteilte, und das ärgerte ihn. Kurz
und bündig verlangte er von Nicola das Geld zurück, weil es nicht zu dem Tausch gehört
habe. Nicola weigerte sich, und daraufhin wollte Nino ihm nichts mehr ausschenken. So hatte
der Streit angefangen. Als die beiden die Sache nun bis zum Anfang zurückverfolgt hatten,
schwiegen sie eine Weile. Dann fragte Nino: »Sag mir jetzt einmal ganz ehrlich, Nicola —
hast du schon vor dem Tausch von dem Geld gewußt oder nicht?« »Klar, sonst hätte ich doch
den Tausch nicht gemacht.« »Dann mußt du doch zugeben, daß du mich betrogen hast!«
»Wieso? Hast du denn von dem Geld wirklich nichts gewußt?« »Nein, mein Ehrenwort!«
»Na, also. Dann wolltest du mich doch hereinlegen. Wie konntest du mir sonst für das
wertlose Stück Zeitungspapier mein Radio abnehmen, he?«
»Und wieso hast du von dem Geld gewußt?«
»Ich hab' gesehen, wie es zwei Abende vorher ein Gast als Opfergabe für den heiligen
Antonius dort hineingesteckt hat.« Nino biß sich auf die Lippen. »War es viel?«
»Nicht mehr und nicht weniger, als mein Radio wert war«, antwortete Nicola.
»Dann geht unser ganzer Streit«, meinte Nino nachdenklich, »eigentlich bloß um den heiligen
Antonius, den ich aus der Zeitung ausgeschnitten habe.«
Nicola kratzte sich am Kopf. »Eigentlich ja«, brummte er, »du kannst ihn gern wiederhaben,
Nino.«
»Aber nicht doch!« antwortete Nino würdevoll. »Getauscht ist getauscht! Ein Handschlag gilt
unter Ehrenmännern!« Und plötzlich fingen beide gleichzeitig an zu lachen. Sie kletterten die
steinernen Stufen hinunter, trafen sich in der Mitte des grasbewachsenen runden Platzes,
umarmten einander und klopften sich gegenseitig auf den Rücken. Dann nahmen sie beide
Momo in den Arm und sagten : »Vielen Dank!«
Als sie nach einer Weile abzogen, winkte Momo ihnen noch lange nach. Sie war sehr
zufrieden, daß ihre beiden Freunde nun wieder gut miteinander waren.
Ein anderes Mal brachte ihr ein kleiner Junge seinen Kanarienvogel, der nicht singen wollte.
Das war eine viel schwerere Aufgabe für Momo. Sie mußte ihm eine ganze Woche lang
zuhören, bis er endlich wieder zu trillern und zu jubilieren begann.
Momo hörte allen zu, den Hunden und Katzen, den Grillen und Kröten, ja, sogar dem Regen
und dem Wind in den Bäumen. Und alles sprach zu ihr auf seine Weise.
An manchen Abenden, wenn alle ihre Freunde nach Hause gegangen waren, saß sie noch
lange allein in dem großen steinernen Rund des alten Theaters, über dem sich der
sternenfunkelnde Himmel wölbte, und lauschte einfach auf die große [Link] kam es ihr
so vor, als säße sie mitten in einer großen Ohrmuschel, die in die Sternenwelt hinaushorchte.
Und es war ihr, als höre sie eine leise und doch gewaltige Musik, die ihr ganz seltsam zu
Herzen
ging-
In solchen Nächten hatte sie immer besonders schöne Träume. Und wer nun noch immer
meint, zuhören sei nichts Besonderes, der mag nur einmal versuchen, ob er es auch so gut
kann.

DRITTES KAPITEL
Ein gespielter Sturm und ein wirkliches Gewitter

Es versteht sich wohl von selbst, daß Momo beim Zuhören keinerlei Unterschied zwischen
Erwachsenen und Kindern machte. Aber die Kinder kamen noch aus einem anderen Grund so
gern in das alte Amphitheater. Seit Momo da war, konnten sie so gut spielen wie nie zuvor. Es
gab einfach keine langweiligen Augenblicke mehr. Das war nicht etwa deshalb so, weil
Momo so gute Vorschläge machte. Nein, Momo war nur einfach da und spielte mit. Und eben
dadurch - man weiß nicht wie - kamen den Kindern selbst die besten Ideen. Täglich erfanden
sie neue Spiele, eines schöner als das andere.
Einmal, an einem schwülen, drückenden Tag, saßen etwa zehn, elf Kinder auf den steinernen
Stufen und warteten auf Momo, die ein wenig ausgegangen war, um in der Gegend
umherzustreifen, wie sie es manchmal tat. Am Himmel hingen dicke schwarze Wolken.
Wahrscheinlich würde es bald ein Gewitter geben.
»Ich geh' lieber heim«, sagte ein Mädchen, das ein kleines Geschwisterchen bei sich hatte,
»ich hab' Angst vor Blitz und Donner.« »Und zu Hause?« fragte ein Junge, der eine Brille
trug, »hast du zu Hause vielleicht keine Angst davor?« »Doch«, antwortete das Mädchen.
»Dann kannst du genausogut hier bleiben«, meinte der Junge. Das Mädchen zuckte die
Schultern und nickte. Nach einer Weile sagte sie: »Aber Momo kommt vielleicht gar nicht.«
»Na und?« mischte sich nun ein Junge ins Gespräch, der etwas verwahrlost aussah.
»Deswegen können wir doch trotzdem irgendwas spielen — auch ohne Momo.«»Gut, aber
was?«
»Ich weiß auch nicht. Irgendwas eben.« »Irgendwas ist nichts. Wer hat einen Vorschlag?«
»Ich weiß was«, sagte ein dicker Junge mit einer hohen Mädchenstimme, »wir könnten
spielen, daß die ganze Ruine ein großes Schiff ist, und wir fahren in unbekannte Meere und
erleben Abenteuer. Ich bin der Kapitän, du bist der Erste Steuermann, und du bist ein
Naturforscher, ein Professor, weil es nämlich eine Forschungsreise ist, versteht ihr? Und die
anderen sind Matrosen.« »Und wir Mädchen, was sind wir?« »Matrosinnen. Es ist ein
Zukunftsschiff.«
Das war ein guter Plan ! Sie versuchten zu spielen, aber sie konnten sich nicht recht einig
werden, und das Spiel kam nicht in Fluß. Nach kurzer Zeit saßen alle wieder auf den
steinernen Stufen und warteten. Und dann kam Momo.
Hoch rauschte die Bugwelle auf. Das Forschungsschiff »Argo« schwankte leise in der
Dünung auf und nieder, während es in ruhiger Fahrt mit voller Kraft voraus in das südliche
Korallenmeer vordrang. Seit Menschengedenken hatte kein Schiff es mehr gewagt, diese
gefährlichen Gewässer zu befahren, denn es wimmelte hier von Untiefen, von Korallenriffen
und von unbekannten Seeungeheuern. Und vor allem gab es hier den sogenannten »Ewigen
Taifun«, einen Wirbelsturm, der niemals zur Ruhe kam. Immerwährend wanderte er auf
diesem Meer umher und suchte nach Beute wie ein lebendiges, ja sogar listiges Wesen. Sein
Weg war unberechenbar. Und alles, was dieser Orkan einmal in seinen riesenhaften Klauen
hatte, das ließ er nicht eher wieder los, als bis er es in streichholzdünne Splitter zertrümmert
hatte. Freilich, das Forschungsschiff »Argo« war in besonderer Weise für eine Begegnung mit
diesem »Wandernden Wirbelsturm« ausgerüstet. Es
bestand ganz und gar aus blauem Alamont-Stahl, der biegsam und unzerbrechlich war wie
eine Degenklinge. Und es war durch ein besonderes Herstellungsverfahren aus einem
einzigen Stück gegossen, ohne Naht- und Schweißstelle.
Dennoch hätte wohl schwerlich ein anderer Kapitän und eine andere Mannschaft den Mut
gehabt, sich diesen unerhörten Gefahren auszusetzen. Kapitän Gordon jedoch hatte ihn. Stolz
blickte er von der Kommandobrücke auf seine Matrosen und Matrosinnen hinunter, die alle
erprobte Fachleute auf ihren jeweiligen Spezialgebieten waren. Neben dem Kapitän stand sein
Erster Steuermann, Don Melú, ein Seebär von altem Schrot und Korn, der schon
hundertsiebenundzwanzig Orkane überstanden hatte.
Weiter hinten auf dem Sonnendeck sah man Professor Eisenstein, den wissenschaftlichen
Leiter der Expedition, mit seinen Assistentinnen Maurin und Sara, die ihm beide mit ihrem
enormen Gedächtnis ganze Bibliotheken ersetzten. Alle drei standen über ihre
Präzisionsinstrumente gebeugt und beratschlagten leise miteinander in ihrer komplizierten
Wissenschaftlersprache.
Ein wenig abseits von ihnen saß die schöne Eingeborene Momosan mit untergeschlagenen
Beinen. Ab und zu befragte der Forscher sie wegen besonderer Einzelheiten dieses Meeres,
und sie antwortete ihm in ihrem wohlklingenden Hula-Dialekt, den nur der Professor
verstand. Ziel der Expedition war es, die Ursache für den »Wandernden Taifun« zu finden
und, wenn möglich, zu beseitigen, damit dieses Meer auch für andere Schiffe wieder
befahrbar werden würde. Aber noch war alles ruhig, und von dem Sturm war nichts zu
spüren. Plötzlich riß ein Schrei des Mannes im Ausguck den Kapitän aus seinen Gedanken.
»Käptn !« rief er durch die hohle Hand herunter, »entweder bin ich verrückt, oder ich sehe
tatsächlich eine gläserne Insel da vorn!«Der Kapitän und Don Melú blickten sofort durch ihre
Fernrohre. Auch Professor Eisenstein und seine Assistentinnen kamen interessiert herbei. Nur
die schöne Eingeborene blieb gelassen sitzen. Die rätselhaften Sitten ihres Volkes verboten es
ihr, Neugier zu zeigen. Die gläserne Insel war bald erreicht. Der Professor stieg über die
Strickleiter an der Außenwand des Schiffes hinunter und betrat den durchsichtigen Boden.
Dieser war außerordentlich glitschig und Professor Eisenstein hatte alle Mühe, sich auf den
Beinen zu halten. Die ganze Insel war kreisrund und hatte schätzungsweise zwanzig Meter
Durchmesser. Nach der Mitte zu stieg sie an wie ein Kuppeldach. Als der Professor die
höchste Stelle erreicht hatte, konnte er deutlich einen pulsierenden Lichtschein tief im Innern
dieser Insel wahrnehmen.
Er teilte seine Beobachtung den anderen mit, die gespannt wartend an der Reling standen.
»Demnach«, meinte die Assistentin Maurin, »muß es sich wohl um ein Oggelmumpf
bistrozinalis handeln.«
»Möglich«, erwiderte die Assistentin Sara, »aber es kann auch ebensogut eine Schluckula
tapetozifera sein.«
Professor Eisenstein richtete sich auf, rückte seine Brille zurecht und rief hinauf: »Nach
meiner Ansicht haben wir es hier mit einer Abart des gewöhnlichen Strumpfus
quietschinensus zu tun. Aber das können wir erst entscheiden, wenn wir die Sache von unten
erforscht haben.« Daraufhin sprangen drei Matrosinnen, die außerdem weltberühmte
Sporttaucherinnen waren und sich in der Zwischenzeit bereits Taucheranzüge angezogen
hatten, ins Wasser und verschwanden in der blauen Tiefe.
Eine Weile lang erschienen nur Luftblasen an der Meeresoberfläche, aber dann tauchte
plötzlich eines der Mädchen, Sandra mit Namen, auf und rief keuchend: »Es handelt sich um
eine Riesenqualle! Die beiden
anderen hängen in ihren Fangarmen fest und können sich nicht mehr befreien. Wir müssen
ihnen zu Hilfe kommen, ehe es zu spät ist!« Damit verschwand sie wieder.
Sofort stürzten sich hundert Froschmänner unter der Führung ihres erfahrenen Hauptmannes
Franco, genannt »der Delphin«, in die Fluten. Ein ungeheurer Kampf entbrannte unter
Wasser, dessen Oberfläche sich mit Schaum bedeckte. Aber es gelang selbst diesen Männern
nicht, die beiden Mädchen aus der schrecklichen Umklammerung zu befreien. Zu gewaltig
war die Kraft dieses riesenhaften Quallentieres ! »Irgend etwas«, sagte der Professor mit
gerunzelter Stirn zu seinen Assistentinnen, »irgend etwas scheint in diesem Meer eine Art
Riesenwachstum zu verursachen. Das ist hochinteressant!« Inzwischen hatten Kapitän
Gordon und sein Erster Steuermann Don Melú sich beraten und waren zu einer Entscheidung
gekommen. »Zurück!« rief Don Melú, »alle Mann wieder an Bord! Wir werden das Untier in
zwei Stücke schneiden, anders können wir die beiden Mädchen nicht befreien.«
»Der Delphin« und seine Froschmänner kletterten an Bord zurück. Die »Argo« fuhr nun
zunächst ein wenig rückwärts und dann mit voller Kraft voraus, auf die Riesenqualle zu. Der
Bug des stählernen Schiffes war scharf wie ein Rasiermesser. Lautlos und beinahe ohne
fühlbare Erschütterung teilte er die Riesenqualle in zwei Hälften. Das war zwar nicht ganz
ungefährlich für die beiden in den Fangarmen festgehaltenen Mädchen, aber der Erste
Steuermann Don Melú hatte deren Lage haargenau berechnet und fuhr mitten zwischen ihnen
hindurch. Sofort hingen die Fangarme beider Quallenhälften schlaff und kraftlos herunter, und
die Gefangenen konnten sich herauswinden.
Freudig wurden sie auf dem Schiff empfangen. Professor Eisenstein trat auf die beiden
Mädchen zu und sprach : » Es war meine Schuld. Ich hätte euch nicht hinunterschicken
dürfen. Verzeiht mir, daß ich euch in Gefahr gebracht habe!«
»Nichts zu verzeihen, Professor«, antwortete das eine Mädchen und lachte fröhlich, »dazu
sind wir schließlich mitgefahren.« Und das andere Mädchen setzte hinzu: »Die Gefahr ist
unser Beruf.« Zu einem längeren Wortwechsel blieb jedoch keine Zeit mehr. Über den
Rettungsarbeiten hatten Kapitän und Besatzung gänzlich vergessen, das Meer zu beobachten.
Und so wurden sie erst jetzt, in letzter Minute, gewahr, daß inzwischen der »Wandernde
Wirbelsturm« am Horizont aufgetaucht war und sich mit rasender Geschwindigkeit auf die
»Argo« zubewegte.
Eine erste gewaltige Sturzwelle packte das stählerne Schiff, riß es in die Höhe, warf es auf die
Seite und stürzte es in ein Wellental von gut fünfzig Metern Tiefe hinab. Schon bei diesem
ersten Anprall wären weniger erfahrene und tapfere Seeleute als die der »Argo« zweifellos
zur einen Hälfte über Bord gespült worden und zur anderen in Ohnmacht gefallen. Kapitän
Gordon jedoch stand breitbeinig auf der Kommandobrücke, als sei nichts geschehen, und
seine Mannschaft hatte ebenso ungerührt standgehalten. Nur die schöne Eingeborene
Momosan, an solche wilden Seefahrten nicht gewöhnt, war in ein Rettungsboot geklettert.
In wenigen Sekunden war der ganze Himmel pechschwarz. Heulend und brüllend warf sich
der Wirbelsturm auf das Schiff, schleuderte es turmhoch hinauf und abgrundtief hinunter.
Und es war, als steigere sich seine Wut von Minute zu Minute, weil er der stählernen »Argo«
nichts anhaben konnte.
Mit ruhiger Stimme gab der Kapitän seine Anweisungen, die dann vom Ersten Steuermann
laut ausgerufen wurden. Jedermann stand an seinem Platz. Sogar Professor Eisenstein und
seine Assistentinnen hatten ihre Instrumente nicht im Stich gelassen. Sie berechneten, wo der
innerste Kern des Wirbelsturmes sein mußte, denn dorthin sollte die Fahrt ja gehen. Kapitän
Gordon bewunderte im stillen die Kaltblütigkeit dieser Wissenschaftler, die ja nicht wie er
und seine Leute mit dem Meer auf du und du standen.
Ein erster Blitzstrahl zuckte hernieder und traf das stählerne Schiff, welches daraufhin
natürlich ganz und gar elektrisch geladen war. Wo man hinfaßte, sprangen einem die Funken
entgegen. Aber darauf war jeder an Bord der »Argo« in monatelangen harten Übungen
trainiert worden. Es machte keinem mehr etwas aus.
Nur, daß die dünneren Teile des Schiffes, Stahltrossen und Eisenstangen zu glühen begannen,
wie der Draht in einer elektrischen Birne, das erschwerte der Besatzung doch etwas die
Arbeit, obgleich alle Asbest-Handschuhe anzogen. Aber zum Glück wurde diese Glut schnell
wieder gelöscht, denn nun stürzte der Regen hernieder, wie ihn noch keiner der Teilnehmer-
Don Melú ausgenommen - je erlebt hatte, ein Regen, der so dicht war, daß er bald die ganze
Luft zum Atmen verdrängte. Die Besatzung mußte Tauchermasken und Atemgeräte anlegen.
Blitz auf Blitz und Donnerschlag auf Donnerschlag ! Heulender Sturm ! Haushohe Wogen
und weißer Schaum !
Meter für Meter kämpfte sich die »Argo«, alle Maschinen auf Volldampf, gegen die Urgewalt
dieses Taifuns vorwärts. Die Maschinisten und Heizer in der Tiefe der Kesselräume leisteten
Übermenschliches. Sie hatten sich mit dicken Tauen festgebunden, um nicht von dem
grausamen Schlingern und Stampfen des Schiffes in den offenen Feuerrachen der
Dampfkessel geschleudert zu werden. Und dann endlich war der innerste Kern des
Wirbelsturms erreicht. Aber welch ein Anblick bot sich ihnen da!
Auf der Meeresoberfläche, die hier spiegelglatt war, weil alle Wellen einfach von der Gewalt
des Sturmes flachgefegt wurden, tanzte ein riesenhaftes Wesen. Es stand auf einem Bein,
wurde nach oben immerdicker und sah tatsächlich so aus wie ein Brummkreisel von der
Größe eines Berges. Es drehte sich mit solcher Schnelligkeit um sich selbst, daß Einzelheiten
nicht auszumachen waren.
»Ein Schum-Schum gummilastikum!« rief der Professor begeistert und hielt seine Brille fest,
die ihm der stürzende Regen immer wieder von der Nase spülte.
»Können Sie uns das vielleicht näher erklären?« brummte Don Melú. »Wir sind einfache
Seeleute und . . .«
»Lassen Sie den Professor jetzt ungestört forschen«, fiel ihm die Assistentin Sara ins Wort.
»Es ist eine einmalige Gelegenheit. Dieses Kreiselwesen stammt wahrscheinlich noch aus den
allerersten Zeiten der Erdentwicklung. Es muß über eine Milliarde Jahre alt sein. Heute gibt
es davon nur noch eine mikroskopisch kleine Abart, die man manchmal in Tomatensoße, noch
seltener in grüner Tinte findet. Ein Exemplar dieser Größe ist vermutlich das einzige seiner
Art, das es noch gibt.« »Aber wir sind hier«, rief der Kapitän durch das Heulen des Sturms,
»um die Ursache des >Ewigen Taifuns< zu beseitigen. Der Professor soll uns also sagen, wie
man dieses Ding da zum Stillstehen bringt!« »Das«, sagte der Professor, »weiß ich allerdings
auch nicht. Die Wissenschaft hat ja noch keine Gelegenheit gehabt, es zu erforschen.« »Gut«,
meinte der Kapitän, »wir werden es erst einmal beschießen, dann werden wir ja sehen, was
passiert.«
»Es ist ein Jammer !« klagte der Professor. »Das einzige Exemplar eines Schum-Schum
gummilastikum beschießen!«
Aber die Kontrafiktions-Kanone war bereits auf den Riesenkreisel eingestellt.
»Feuer!« befahl der Kapitän.
Eine blaue Stichflamme von einem Kilometer Länge schoß aus dem Zwillingsrohr. Zu hören
war natürlich nichts, denn eine Kontrafiktions-Kanone schießt ja bekanntlich mit Proteinen.
Das leuchtende Geschoß flog auf das Schum-Schum zu, wurde aber von dem riesigen Wirbel
erfaßt und abgelenkt, umkreiste das Gebilde einige Male immer schneller und wurde
schließlich in die Höhe gerissen, wo es im Schwarz der Wolken verschwand.
»Es ist zwecklos !« rief Kapitän Gordon. »Wir müssen unbedingt näher an das Ding heran!«
»Näher kommen wir nicht mehr !« schrie Don Melú zurück. »Die Maschinen laufen schon auf
Volldampf. Aber das genügt gerade, um vom Sturm nicht zurückgeblasen zu werden.«
»Haben Sie einen Vorschlag, Professor?« wollte der Kapitän wissen. Aber Professor
Eisenstein zuckte nur die Schultern, und auch seine Assistentinnen wußten keinen Rat. Es sah
so aus, als müsse man diese Expedition erfolglos abbrechen.
In diesem Augenblick zupfte jemand den Professor am Ärmel. Es war die schöne
Eingeborene.
»Malumba!« sagte sie mit anmutigen Gebärden, »Malumba oisitu sono! Erweini samba
insaltu lolobindra. Kramuna heu béni béni sado-
gau.«
»Babalu?« fragte der Professor erstaunt. »Didi maha feinosi intu ge
doinen malumba?«
Die schöne Eingeborene nickte eifrig und erwiderte: »Dodo um aufu
schulamat wawada.«
»Oi-oi«, antwortete der Professor und strich sich gedankenvoll das
Kinn.
»Was will sie denn?« erkundigte sich der Erste Steuermann.
»Sie sagt«, erklärte der Professor, »es gebe in ihrem Volk ein uraltes
Lied, das den >Wandernden Taifun< zum Einschlafen bringen könne,
falls jemand den Mut hätte, es ihm vorzusingen.«
»Daß ich nicht lache!« brummte Don Melú. »Ein Schlafliedchen für
einen Orkan!«»Was halten Sie davon, Professor?« wollte die Assistentin Sara wissen. »Wäre
so etwas möglich?«
»Man darf keine Vorurteile haben«, meinte Professor Eisenstein. »Oft steckt in den
Überlieferungen der Eingeborenen ein wahrer Kern. Vielleicht gibt es bestimmte
Tonschwingungen, die einen Einfluß auf das Schum-Schum gummilastikum haben. Wir
wissen einfach noch zu wenig über dessen Lebensbedingungen.«
»Schaden kann es nichts«, entschied der Kapitän. »Darum sollten wir's einfach versuchen.
Sagen Sie ihr, sie soll singen.« Der Professor wandte sich an die schöne Eingeborene und
sagte: »Malumba didi oisafal huna-huna, wawadu?«
Momosan nickte und begann sogleich einen höchst eigentümlichen Gesang, der nur aus
wenigen Tönen bestand, die immerfort wiederkehrten:
»Eni meni allubeni
wanna tai susura tenu«
Dazu klatschte sie in die Hände und sprang im Takt herum. Die einfache Melodie und die
Worte waren leicht zu behalten. Andere stimmten nach und nach ein, und bald sang die ganze
Mannschaft, klatschte dazu in die Hände und sprang im Takt herum. Es war ziemlich
erstaunlich anzusehen, wie auch der alte Seebär Don Melú und schließlich der Professor
sangen und klatschten, als seien sie Kinder auf einem Spielplatz.
Und tatsächlich, was keiner von ihnen geglaubt hatte, geschah ! Der riesenhafte Kreisel drehte
sich langsamer und langsamer, blieb schließlich stehen und begann zu versinken. Donnernd
schlössen sich die Wassermassen über ihm. Der Sturm ebbte ganz plötzlich ab, der Regen
hörte auf, der Himmel wurde klar und blau, und die Wellen des Meeres beruhigten sich. Die
»Argo« lag still auf dem glitzernden Wasserspiegel, als sei hier nie etwas anderes gewesen als
Ruhe und Frieden. »Leute«, sagte Kapitän Gordon und blickte jedem einzelnen anerkennend
ins Gesicht, »das hätten wir geschafft ! « Er sagte nie viel, das wußten alle. Um so mehr
zählte es, daß er diesmal noch hinzufügte: »Ich bin stolz auf euch!«
»Ich glaube«, sagte das Mädchen, das sein kleines Geschwisterchen mitgebracht hatte, »es hat
wirklich geregnet. Ich bin jedenfalls patschnaß . «
In der Tat war inzwischen das Gewitter niedergegangen. Und vor allem das Mädchen mit dem
kleinen Geschwisterchen wunderte sich, daß es ganz vergessen hatte, sich vor Blitz und
Donner zu fürchten, solange es auf dem stählernen Schiff gewesen war.
Sie sprachen noch eine Weile über das Abenteuer und erzählten sich gegenseitig Einzelheiten,
die jeder für sich erlebt hatte. Dann trennten sie sich, um heimzugehen und sich zu trocknen.
Nur einer war mit dem Verlauf des Spiels nicht ganz zufrieden, und das war der Junge mit der
Brille. Beim Abschied sagte er zu Momo: »Schade ist es doch, daß wir das Schum-Schum
gummilastikum einfach versenkt haben. Das letzte Exemplar seiner Art! Ich hätte es wirklich
gern noch etwas genauer erforscht.«
Aber über eines waren sich nach wie vor alle einig: So wie bei Momo konnte man sonst
nirgends spielen.

VIERTES KAPITEL
Ein schweigsamer Alter und ein zungenfertiger junger

Wenn jemand auch sehr viele Freunde hat, so gibt es darunter doch immer einige wenige, die
einem ganz besonders nahestehen und die einem die allerliebsten sind. Und so war es auch bei
Momo. Sie hatte zwei allerbeste Freunde, die beide jeden Tag zu ihr kamen und alles mit ihr
teilten, was sie hatten. Der eine war jung, und der andere war alt. Und Momo hätte nicht
sagen können, welchen von beiden sie lieber hatte.
Der Alte hieß Beppo Straßenkehrer. In Wirklichkeit hatte er wohl einen anderen Nachnamen,
aber da er von Beruf Straßenkehrer war und alle ihn deshalb so nannten, nannte er sich selbst
auch so. Beppo Straßenkehrer wohnte in der Nähe des Amphitheaters in einer Hütte, die er
sich aus Ziegelsteinen, Wellblechsrücken und Dachpappe selbst zusammengebaut hatte. Er
war ungewöhnlich klein und ging obendrein immer ein bißchen gebückt, so daß er Momo nur
wenig überragte. Seinen großen Kopf, auf dem ein kurzer weißer Haarschopf in die Höhe
stand, hielt er stets etwas schräg, und auf der Nase trug er eine kleine Brille.
Manche Leute waren der Ansicht, Beppo Straßenkehrer sei nicht ganz richtig im Kopf. Das
kam daher, daß er auf Fragen nur freundlich lächelte und keine Antwort gab. Er dachte nach.
Und wenn er eine Antwort nicht nötig fand, schwieg er. Wenn er aber eine für nötig hielt,
dann dachte er über diese Antwort nach. Manchmal dauerte es zwei Stunden, mitunter aber
auch einen ganzen Tag, bis er etwas erwiderte. Inzwischen hatte der andere natürlich
vergessen, was er gefragt hatte, und Beppos Worte kamen ihm wunderlich [Link] Momo
konnte so lange warten und verstand, was er sagte. Sie wußte, daß er sich so viel Zeit nahm,
um niemals etwas Unwahres zu sagen. Denn nach seiner Meinung kam alles Unglück der
Welt von den vielen Lügen, den absichtlichen, aber auch den unabsichtlichen, die nur aus Eile
oder Ungenauigkeit entstehen.
Er fuhr jeden Morgen lange vor Tagesanbruch mit seinem alten, quietschenden Fahrrad in die
Stadt zu einem großen Gebäude. Dort wartete er in einem Hof zusammen mit seinen
Kollegen, bis man ihm einen Besen und einen Karren gab und ihm eine bestimmte Straße
zuwies, die er kehren sollte.
Beppo liebte diese Stunden vor Tagesanbruch, wenn die Stadt noch schlief. Und er tat seine
Arbeit gern und gründlich. Er wußte, es war eine sehr notwendige Arbeit.
Wenn er so die Straßen kehrte, tat er es langsam, aber stetig: Bei jedem Schritt einen Atemzug
und bei jedem Atemzug einen Besenstrich. Schritt-Atemzug-Besenstrich. Schritt-Atemzug-
Besenstrich. Dazwischen blieb er manchmal ein Weilchen stehen und blickte nachdenklich
vor sich hin. Und dann ging es wieder weiter - Schritt - Atemzug - Besenstrich---.
Während er sich so dahinbewegte, vor sich die schmutzige Straße und hinter sich die saubere,
kamen ihm oft große Gedanken. Aber es waren Gedanken ohne Worte, Gedanken, die sich so
schwer mitteilen ließen wie ein bestimmter Duft, an den man sich nur gerade eben noch
erinnert, oder wie eine Farbe, von der man geträumt hat. Nach der Arbeit, wenn er bei Momo
saß, erklärte er ihr seine großen Gedanken. Und da sie auf ihre besondere Art zuhörte, löste
sich seine Zunge, und er fand die richtigen Worte.
»Siehst du, Momo«, sagte er dann zum Beispiel, »es ist so: Manchmal hat man eine sehr lange
Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt
man.«
Er blickte eine Weile schweigend vor sich hin, dann fuhr er fort: »Und dann fängt man an,
sich zu eilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedesmal, wenn man aufblickt, sieht man, daß es
gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt. Und man strengt sich noch mehr an, man
kriegt es mit der Angst, und zum Schluß ist man ganz außer Puste und kann nicht mehr. Und
die Straße liegt immer noch vor einem. So darf man es nicht machen.«
Er dachte einige Zeit nach. Dann sprach er weiter: »Man darf nie an die ganze Straße auf
einmal denken, verstehst du? Man muß nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten
Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur an den nächsten.« Wieder hielt
er inné und überlegte, ehe er hinzufügte: »Dann macht es Freude ; das ist wichtig, dann macht
man seine Sache gut. Und so soll es sein.«
Und abermals nach einer langen Pause fuhr er fort: »Auf einmal merkt man, daß man Schritt
für Schritt die ganze Straße gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht
außer Puste.« Er nickte vor sich hin und sagte abschließend: »Das ist wichtig.« Oder ein
anderes Mal kam er, setzte sich schweigend neben Momo, und sie sah, daß er nachdachte und
etwas ganz Besonderes sagen wollte. Plötzlich blickte er ihr in die Augen und begann: »Ich
hab' uns Wiedererkannt.« Es dauerte lange, ehe er mit leiser Stimme fortfuhr: »Das gibt es
manchmal - am Mittag -, wenn alles in der Hitze schläft. - Dann wird die Welt durchsichtig. -
Wie ein Fluß, verstehst du?- Man kann auf den Grund sehen.«
Er nickte und schwieg ein Weilchen, dann sagte er noch leiser: »Da liegen andere Zeiten, da
unten auf dem Grund.« Wieder dachte er lange nach und suchte nach den richtigen Worten.
Aber er schien sie noch nicht zu finden, denn er erklärte auf einmal in ganz gewöhnlichem
Ton : »Heute war ich an der alten Stadtmauer zum Kehren. Da sind fünf Steine von einer
anderen Farbe in der Mauer. So, verstehst du?«
Und er zeichnete mit dem Finger in den Staub ein großes T. Er betrachtete es mit schrägem
Kopf, dann flüsterte er plötzlich: »Ich hab' sie wiedererkannt, die Steine.«
Nach einer weiteren Pause fuhr er stockend fort: »Das waren solche anderen Zeiten, damals,
als die Mauer gebaut wurde. - Viele haben da gearbeitet. - Aber zwei waren dabei, die haben
die Steine dort hineingemauert. - Es war ein Zeichen, verstehst du? - Ich hab's
wiedererkannt.«
Er strich sich mit der Hand über die Augen. Es schien ihn anzustrengen, was er sagen wollte,
denn als er nun weitersprach, klangen seine Worte mühsam: »Sie haben anders ausgesehen,
die zwei damals, ganz anders. « Dann stieß er in abschließendem Ton und beinahe zornig
hervor: »Aber ich habe uns wiedererkannt - dich und mich. Ich habe uns wiedererkannt!«
Man kann es den Leuten nicht verübeln, daß sie lächelten, wenn sie Beppo Straßenkehrer so
reden hörten, und manche tippten sich hinter seinem Rücken an die Stirn. Aber Momo hatte
ihn lieb und bewahrte alle seine Worte in ihrem Herzen.
Der andere beste Freund, den Momo hatte, war jung und in jeder Hinsicht das genaue
Gegenteil von Beppo Straßenkehrer. Er war ein hübscher Bursche mit verträumten Augen,
aber einem schier unglaublichen Mundwerk. Er steckte immer voller Spaße und Flausen und
konnte so leichtsinnig lachen, daß man einfach mitlachen mußte, ob man wollte oder nicht.
Sein Name war Girolamo, aber er wurde einfach Gigi gerufen.
Da wir den alten Beppo nach seinem Beruf genannt haben, wollen wir es bei Gigi genauso
halten, obwohl er überhaupt keinen richtigen Beruf
hatte. Nennen wir ihn also Gigi Fremdenführer. Aber wie gesagt, Fremdenführer war nur
einer von vielen Berufen, die er je nach Gelegenheit ausübte, und er war es durchaus nicht
von Amts wegen. Die einzige Voraussetzung, die er für diese Tätigkeit besaß, war eine
Schirmmütze. Die setzte er sofort auf, wenn sich tatsächlich einmal ein paar Reisende in diese
Gegend verirrten. Dann trat er mit ernster Miene auf sie zu und bot ihnen an, sie
herumzuführen und ihnen alles zu erklären. Wenn die Fremden sich darauf einließen, dann
legte er los und erzählte das Blaue vom Himmel herunter. Er warf mit erfundenen
Ereignissen, Namen und Jahreszahlen um sich, daß den armen Zuhörern ganz wirr im Kopf
wurde. Manche merkten es und gingen ärgerlich davon, aber die meisten nahmen alles für
bare Münze und bezahlten deshalb auch in barer Münze, wenn Gigi zuletzt seine
Schirmmütze hinhielt.
Die Leute aus der näheren Umgebung lachten über Gigis Einfälle, aber manchmal machten
sie auch bedenkliche Gesichter und meinten, es ginge doch eigentlich nicht an, sich für
Geschichten, die bloß erfunden seien, auch noch gutes Geld geben zu lassen.
»Das machen doch alle Dichter«, sagte Gigi dann. »Und haben die Leute vielleicht nichts
bekommen für ihr Geld ? Ich sage euch, sie haben genau das bekommen, was sie wollten !
Und was macht es für einen Unterschied, ob das alles in einem gelehrten Buch steht oder
nicht? Wer sagt euch denn, daß die Geschichten in den gelehrten Büchern nicht auch bloß
erfunden sind, nur weiß es vielleicht keiner mehr?« Oder ein anderes Mal meinte er: »Ach,
was heißt überhaupt wahr oder nicht wahr? Wer kann schon wissen, was hier vor tausend oder
zweitausend Jahren passiert ist? Wißt ihr es vielleicht?« »Nein«, gaben die ändern zu.
»Na also!« rief Gigi Fremdenführer. »Wieso könnt ihr dann einfach behaupten, daß meine
Geschichten nicht wahr sind? Es kann doch zufällig genauso passiert sein. Dann habe ich die
pure Wahrheit gesagt !« Dagegen war schwer etwas einzuwenden. Ja, was das Mundwerk
betraf, konnte mit Gigi nicht leicht einer fertig werden. Leider kamen allerdings nur sehr
selten Reisende, die das Amphitheater besichtigen wollten, und so mußte Gigi häufig andere
Berufe ergreifen. Je nach Gelegenheit war er Parkwächter, Trauzeuge, Hundespa-
zierenführer, Liebesbrief träger, Beerdigungsteilnehmer, Andenkenhändler,
Katzenfutterverkäufer und noch vieles andere. Aber Gigi träumte davon, einmal berühmt und
reich zu werden. Er würde in einem märchenhaft schönen Haus wohnen, umgeben von einem
Park; er würde von vergoldeten Tellern essen und auf seidenen Kissen schlafen. Und sich
selbst sah er im Glanz seines zukünftigen Ruhms wie eine Sonne, deren Strahlen ihn schon
jetzt in seiner Armseligkeit, sozusagen aus der Entfernung, wärmten. »Und ich werde es
schaffen!« rief er, wenn die anderen über seine Träume lachten, »ihr alle werdet noch an
meine Worte denken!« Womit er das allerdings schaffen wollte, hätte er selbst nicht sagen
können. Denn von unermüdlichem Fleiß und harter Arbeit hielt er nicht sehr viel.
»Das ist kein Kunststück«, sagte er zu Momo, »damit soll reich werden, wer will. - Schau sie
dir doch an, wie sie aussehen, die für ein bißchen Wohlstand ihr Leben und ihre Seele
verkauft haben ! Nein, da mach' ich nicht mit, so nicht. Und wenn ich auch oft nicht mal das
Geld habe, eine Tasse Kaffee zu bezahlen - aber Gigi bleibt Gigi ! « -Eigentlich sollte man
denken, es sei ganz unmöglich gewesen, daß zwei so verschiedene Leute, mit so
verschiedenen Ansichten über die Welt und das Leben, wie Gigi Fremdenführer und Beppo
Straßenkehrer sich miteinander anfreundeten. Und doch war es so. Seltsamerweise war der
einzige, der Gigi niemals wegen seiner Leichtfertigkeit tadelte, gerade der alte Beppo. Und
ebenso seltsamerweise war es gerade der zungenfertige Gigi, der als einziger niemals über
den wunderlichen alten Beppo spottete.
Das lag wohl auch an der Art, wie die kleine Momo ihnen beiden zuhörte. -
Keiner von den dreien ahnte, daß schon bald ein Schatten über ihre Freundschaft fallen
würde. Und nicht nur über ihre Freundschaft, sondern über die ganze Gegend - ein Schatten,
der wuchs und wuchs und sich schon jetzt, dunkel und kalt, über die große Stadt ausbreitete.
Es war wie eine lautlose und unmerkliche Eroberung, die tagtäglich weiter vordrang, und
gegen die sich niemand wehrte, weil niemand sie so recht bemerkte. Und die Eroberer - wer
waren sie? Sogar der alte Beppo, der doch manches sah, was andere nicht sehen, bemerkte die
grauen Herren nicht, die immer zahlreicher in der großen Stadt umherstreiften und
unermüdlich beschäftigt schienen. Dabei waren sie keineswegs unsichtbar. Man sah sie-, und
man sah sie doch nicht. Sie verstanden es auf unheimliche Weise, sich unauffällig zu machen,
so daß man einfach über sie hinwegsah oder ihren Anblick sofort wieder vergaß. So konnten
sie im geheimen arbeiten, gerade weil sie sich nicht versteckten. Und da sie niemand
auffielen, fragte sich natürlich auch niemand, woher sie gekommen waren und noch immer
kamen, denn es wurden täglich mehr.
Sie fuhren in eleganten grauen Autos auf den Straßen, sie gingen in alle Häuser, sie saßen in
allen Restaurants. Oft schrieben sie etwas in ihre kleinen Notizbüchlein.
Es waren Herren, die ganz in spinnwebfarbenes Grau gekleidet waren. Selbst ihre Gesichter
sahen aus wie graue Asche. Sie trugen runde steife Hüte auf den Köpfen und rauchten kleine,
aschenfarbene Zigarren. Jeder von ihnen hatte stets eine bleigraue Aktentasche bei sich. Auch
Gigi Fremdenführer hatte nicht bemerkt, daß schon einige Male mehrere dieser grauen Herren
die Gegend um das Amphitheater durchstreift und dabei allerlei in ihre Notizbüchlein
geschrieben hatten.
Nur Momo hatte sie beobachtet, als eines Abends ihre dunklen Silhouetten auf dem obersten
Rand der Ruine aufgetaucht waren. Sie hatten einander Zeichen gemacht und später die Köpfe
zusammengesteckt, als ob sie sich berieten. Zu hören war nichts gewesen, aber Momo hatte es
plötzlich auf eine Art gefroren, die sie noch nie empfunden hatte. Es nützte auch nichts, daß
sie sich fester in ihre große Jacke wickelte, denn es war keine gewöhnliche Kälte.
Dann waren die grauen Herren wieder fortgegangen und seither nicht mehr erschienen.
An diesem Abend hatte Momo die leise und doch gewaltige Musik nicht hören können wie
sonst. Aber am nächsten Tag war das Leben weitergegangen wie immer, und Momo machte
sich keine Gedanken mehr über die seltsamen Besucher. Auch sie hatte sie vergessen.

FÜNFTES KAPITEL
Geschichten für viele und Geschichten für eine

Nach und nach war Momo für Gigi Fremdenführer ganz unentbehrlich geworden. Er hatte,
sofern man das von einem so unsteten leichtherzigen jungen Kerl überhaupt sagen kann, eine
tiefe Liebe zu dem struppigen kleinen Mädchen gefaßt und hätte es am liebsten überallhin
mitgeschleppt.

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