Tötungsdelikt am Eintrittstag auf der geschlossenen
Abteilung einer psychiatrischen Klinik ± und trotzdem
Andreas Frei erfolgreiche Rehabilitation in der Allgemeinpsychiatrie
Homicide on First Day After Commitment to the Closed Ward of Psychiatric Clinic-
Kasuistik
Report of a Successful Rehabilitation Against all Odds
Zusammenfassung Abstract
Einem ausgeklügelten Maûnahmerecht steht in der Schweiz ein The Swiss penal code provides quite a sophisticated system of
relativ karges Angebot an stationären Maûnahmeplätzen für rules concerning the assessment and management of mentally
psychisch kranke Rechtsbrecher gegenüber. Dies bedeutet eine ill offenders ± there is, however, a substantial lack of treatment
erhöhte Herausforderung an die Allgemeinpsychiatrie, sollen places. This means a challenge for hospitals of general psychiatry
diese Menschen nicht im ordentlichen Strafvollzug unterge- if these patients should not be referred to common law prisons.
bracht werden. Es wird über einen jungen Mann, der am ersten We report of a young man who killed another patient on the day
Tag seiner Einweisung in eine psychiatrische Klinik unter dem of his referral to a psychiatric clinic. The treatment and his reha-
Eindruck eines paranoid-halluzinatorischen Geschehens einen bilitation was performed successfully in a clinic of general psy-
Mitpatienten umgebracht hat, berichtet. Die folgende Behand- chiatry ± in spite of the scepticism of the legal authorities.
lung wurde erfolgreich in einer allgemeinpsychiatrischen Klinik
durchgeführt ± trotz der Skepsis der Straf- und Maûnahmebe-
hörde.
165
Nach wie vor stehen in der Schweiz einem ausgeklügelten Maû- Kasuistik
nahmerecht relativ wenige stationäre Behandlungsangebote für
die Behandlung psychisch gestörter Rechtsbrecher zur Verfü- Der 1973 geborene Herr Stefan B. ist als ältestes von 3 Kindern in
gung [1]. Deshalb haben gerade in der Schweiz allgemeinpsychi- einer ländlichen Gemeinde des Kantons Luzern in geordneten
atrische Kliniken ihre Aufgabe bei der Behandlung und Rehabili- Verhältnissen aufgewachsen. Die obligatorische Schulzeit
tation von psychisch gestörten Rechtsbrechern im engeren Sinne schloss er in der Sekundarschule, äquivalent etwa der mittleren
(¹Major mental disordersª) zu erfüllen. Reife in Deutschland, ab. Als Beruf erlernte er Elektromonteur.
Den Wehrdienst absolvierte er 19-jährig ohne Begeisterung.
In die psychiatrische Versorgung des Kantons Luzern (170 000 24-jährig bereiste er während rund eines Jahres Kanada und die
Einwohner) teilen sich u. a. eine auf dem Land gelegene psychi- Vereinigten Staaten und lernte dabei die junge Kanadierin K.
atrische Klinik (260 Betten) und eine dem Kantonsspital Luzern kennen.
angeschlossene städtische psychiatrische Klinik mit 51 Betten.
Letztere unterhält seit kurzem einen forensisch-psychiatrischen Nach seiner Rückkehr im Mai 1998 arbeitete er temporär. Im
Dienst. Sommer 2000 hat er sich überlegt, seinen ihn nicht mehr befrie-
digenden Beruf zu wechseln. Ende Juni hörte er auf zu arbeiten.
Institutsangaben
Psychiatrische Klinik Luzern
Korrespondenzadresse
Dr. med. Andreas Frei ´ Psychiatrische Klinik Luzern ´ Kantonsspital ´ 6000 Luzern 16 ´ Schweiz
E-mail: [Link]@[Link]
Bibliografie
Psychiat Prax 2003; 30: 165 ± 168 Georg Thieme Verlag Stuttgart ´ New York ´ ISSN 0303-4259
Es bestanden Pläne, zusammen mit K. in die französische Säcklein mit Marihuana sowie ein Dartpfeil, den er bewusst von
Schweiz zu ziehen; ihre Ankunft in der Schweiz war für Anfang zu Hause mitgenommen hatte, um sich gegen einen allfälligen
September 2000 vorgesehen. Der Bezug einer schon fest zugesi- Angriff wehren zu können, befunden. Zum Schlafen erhielt er Lo-
cherten Wohnung in Lausanne Anfang August scheiterte aber razepam 2,5 mg. Nach einer ruhigen Nacht stand er erst gegen
aufgrund einer gebrochenen Abmachung des Vermieters. Herr Mittag des folgenden Tages auf. Am Nachmittag brachte die Mut-
B. kehrte enttäuscht zu seinen Eltern zurück. ter eine Tasche voll Kleider mit; sie ist vom Stationsarzt befragt
worden. Dieser suchte zusammen mit dem Oberarzt Herrn B.
Die berufliche Untätigkeit habe bewirkt, dass er vermehrt Zeit am Nachmittag auf. Es sei erkennbar gewesen, dass der Patient
gehabt habe, um nachzudenken. Es habe sich in ihm ein diffuses sich in einem psychotischen Zustand mit Wahnvorstellung be-
Gefühl der Bedrohung und Katastrophenangst eingestellt, er funden habe. Von einer Medikation hat man dennoch zunächst
habe schwere Schlafstörungen entwickelt und sei oft nachts auf- abgesehen. Nach dem Abendessen drehte Herr B. für sich und
gestanden, um ¹mystische Orteª aufzusuchen. Er habe verschie- zwei Mitpatienten einen Joint. Etwa eine halbe Stunde nach
dene Unfall- und Katastrophenmeldungen auf sich bezogen und dem Konsum seien seine Gedanken ¹stark und klarª geworden.
innerhalb eines Monates 5 Kilogramm an Körpergewicht verlo- Als sich der eine Patient vornüberneigte, wusste er, dass es nun
Kasuistik
ren. Früher an Religion nicht interessiert habe er begonnen, die ¹anfangeª, dass es einen Kampf geben werde. Er nahm seinen
Bibel sowie insbesondere das New-Age-Buch ¹Die Prophezeiun- Dartpfeil aus der rechten Hosentasche und stach dem Mann ins
gen der Celestineª [2] zu lesen; die darin geschilderten Prophe- linke Auge, riss ihn zu Boden, nahm mit der linken Hand aus der
zeiungen hätten eine spezielle Bedeutung für ihn erlangt. linken Hosentasche das Taschenmesser, öffnete es mit der rech-
ten Hand und schlitzte den Hals bis zur Halswirbelsäule auf. Sei-
Gegenüber der bevorstehenden Ankunft seiner Freundin habe er ner Erinnerung nach hat er etwa 20-mal zugestochen. Dem alar-
zunehmend Ambivalenz empfunden. Ende August holte er sie mierten Pfleger ist es nicht gelungen, Herrn B. von seinem Opfer
dennoch am Flughafen ab. Es habe sich in ihm das Gefühl entwi- abzubringen. Er schlug in der Folge mit einem Gartenstuhl auf
ckelt, sie wisse seine intimsten Gedanken und leite diese nach den Kopf von Herrn B. ein. Herr B. hörte erst auf, als er vom Pfle-
Amerika weiter. Einmal kam es auch zu einem heftigen Streit, ger darauf aufmerksam gemacht wurde, dass das Opfer ja tot sei.
als sie nach Kanada telefonieren wollte. In der Folge lieû er sich widerstandslos ins Isolierzimmer führen.
Er wurde mit 5 mg Haloperidol, 25 mg Laevopromazin und 10 mg
Zwei Woche später sei das Gefühl, dass alle gegen ihn unter einer Diazepam i. m. sediert.
Decke steckten, zur Gewissheit geworden. Trotzdem unterzeich-
nete er einen Mietvertrag für eine Wohnung für K. und sich. Nach Bei der ersten forensisch-psychiatrischen Untersuchung am fol-
einem unauffälligen Abend im Kreise der Familie begab er sich genden Tag zeigte er sich autopsychisch, zeitlich, situativ und
mit seiner Freundin zu Bett. Später stand er noch einmal auf, örtlich orientiert. Er erwies sich als vertrauensselig und war be-
rauchte einen Joint und unterhielt sich mit K. Sie legten sich reit, weitere 10 mg Haloperidol in Tablettenform einzunehmen.
166 dann wieder zu Bett, Herr B. konnte aber immer noch nicht Er war verzweifelt, da er realisierte, was passiert war. Er berich-
schlafen. Plötzlich legte er K., die mittlerweile erwacht war, tete, er sei Opfer eines Systems, welches ihn durch Täuschung
Handschellen, die er als Souvenir in London gekauft hatte, an. Er dazu gebracht habe, einen Menschen umzubringen.
weckte seine Eltern und forderte sie auf, nur mit dem Pyjama be-
kleidet, mit ihm und K. im Freien spazieren zu gehen. Er war nur Am nächsten Tag konnte er in die rund zwei Fahrstunden von Lu-
mit Mühe davon abzubringen, den Schrank, wo seine Dienstwaf- zern entfernte psychiatrische Klinik Rheinau, die einzige Klinik
fe, ein halbautomatisches Gewehr, aufbewahrt war ± jeder der Schweiz mit einer Hochsicherheitsabteilung, verlegt werden.
Schweizer Wehrdienstpflichtige hat seine Dienstwaffe zu Hause Wegen extrapyramidaler Nebenwirkungen ist die neuroleptische
± zu behändigen. Er verlangte, mit einem ¹Polizeipsychologenª Behandlung auf Clozapin 350/d umgestellt worden. Ein sechs
sprechen zu können. Morgens um 3.00 Uhr avisierte man Wochen nach dem Ereignis angefertigtes MRI des Schädels er-
schlieûlich den Hausarzt, dem es gelang, Herrn B. Lorazepam brachte unauffällige Befunde.
1 mg zu verabreichen und ihn in die nahe gelegene Psychiatri-
sche Klinik St. Urban einzuweisen.
Weiterer Verlauf
Bei der Aufnahme zeigte Herr B. sich in reduziertem Allgemein-
zustand. Das formale Denken war beschleunigt, er war misstrau- Aufgrund der Aktenlage bestanden praktisch keine prämorbiden
isch. Er gab an, seine Freundin sei eine Spionin, welche nicht te- Risikofaktoren, die für eine besondere Gefährlichkeit Stefan B.s
lefonieren dürfe, da sie wichtige Informationen weitergeben gesprochen hätten, die medikamentöse Behandlung mit einem
könne. Er berichtete über optische Halluzinationen (Engel), Ich- atypischen Neuroleptikum war offensichtlich wirksam [3]; zu-
Störungen in Form von Gedankenentzug und Einengung und war dem gilt ein kurzer und heftiger Beginn der schizophrenen
motorisch unruhig. Die vorläufige Beurteilung lautete: akute Symptomatik weltweit prognostisch als günstig [4]. Da eine An-
psychotische Störung (F23 nach ICD-10), Drogenabusus (Mari- schlussbehandlung in der an sich zuständigen Klinik St. Urban
huana). sich selbstverständlich nicht hätte realisieren lassen, hat die
ärztliche Leitung der Psychiatrischen Klinik Luzern deshalb be-
Der Patient wurde der diensthabenden Nachtschwester überge- schlossen, die weitere Behandlung und Rehabilitation des Pa-
ben, von der er ein Nachthemd erhielt. Er sei nie kontrolliert, aus- tienten zu übernehmen. Der Patient trat genau zwei Monate
gefragt oder abgetastet worden. In seiner Hosentasche habe sich nach der Tat zur weiteren Behandlung und Rehabilitation, aber
aber neben dem Portemonnaie auch ein Taschenmesser, ein auch zur forensisch-psychiatrischen Begutachtung auf die ge-
Frei A. Tötungsdelikt am Eintrittstag ¼ Psychiat Prax 2003; 30: 165 ± 168
schlossene Station der Psychiatrischen Klinik Luzern-Stadt ein. berühmten Zollikerberg-Fall, als ein wegen zweifacher Tötung
Laut Austrittsbericht der Klinik Rheinau war der Patient nur und mehrfacher Vergewaltigung verurteilter Straftäter auf Frei-
noch zu Beginn der Hospitalisation psychotisch gewesen. Trotz- gang ein erneutes Tötungsdelikt begangen hatte, eingerichtet
dem bestanden beim über keine spezielle Forensikerfahrung ver- worden. Sie treten in der Regel erst nach erfolgter Verurteilung
fügenden Pflegepersonal in Luzern zunächst groûe Bedenken ge- eines Täters in Erscheinung. Sie tagen etwa 4 ± 10-mal im Jahr
genüber dieser neuen Aufgabe, die aber sich allmählich be- und bearbeiten dann 2 ± 3 gröûere Fälle; i. d. R. werden die zu be-
schwichtigen lieûen. Der Patient nahm an einer psychoedukati- urteilenden Personen nicht direkt angehört. Das schriftliche Er-
ven Gruppe teil [5]. Lockerungen erfolgten zunächst in Abspra- gebnis wird der Behörde mitgeteilt, die das Resultat dem zu Be-
che mit dem Untersuchungsrichter. Schon bald war es dem Pa- urteilenden bzw. dessen Rechtsvertreter, zur Kenntnis gibt. Die
tienten erlaubt, die Ergo- und Arbeitstherapieräumlichkeiten au- Beurteilungen haben den Rang eines Gutachtens und stellen kei-
ûerhalb des eigentlichen Klinikgebäudes ohne Begleitung besu- ne Vollzugsentscheide dar, der Beurteilte kann gegen das Ergeb-
chen zu können. Die Clozapindosis wurde von 300 auf 200 mg nis der Kommissionsberatung keinen Einspruch erheben, wohl
gesenkt. Angesichts der möglichen Rolle, die der Cannabiskon- aber gegen den darauf beruhenden Entscheid der Vollzugsbehör-
sum vor der Tat gespielt hat und der ungünstigen Auswirkungen de [7].
Kasuistik
von Cannabiskonsum auf den Verlauf einer schweren psy-
chischen Störung [6], sind dem Patienten regelmäûig Urinproben In ihrem 15 Monate nach dem Delikt gefällten Entscheid hat die
abgenommen worden, welche stets negativ ausfielen. Der weite- Fachkommission ein Ergänzungsgutachten verlangt, welches zu
re Verlauf gestaltete sich erfreulich, der Patient konnte unbeglei- der von uns vorgeschlagenen Lockerung Stellung nehmen sollte.
tete Ausgänge in die Stadt unternehmen. Zweck war zunächst Der Patient verblieb also nach wie vor in der Psychiatrischen Kli-
der Besuch von Französischstunden und eines Fitnessstudios. nik Luzern-Stadt, welche in der Regel keine Behandlungen, die
Eine anfängliche depressive Symptomatik hellte deutlich auf. länger als 3 ± 4 Monate dauern, übernimmt.
Mitte Januar 2001 wurde das Gutachten durch den forensischen Das Ergänzungsgutachten eines externen forensischen Psychi-
Dienst der Psychiatrischen Klinik Luzern erstattet. Die Schluss- aters hat die Diagnosen sowie Schlussfolgerungen des Gutach-
folgerungen lauteten: Stefan B. habe zum Zeitpunkt der Tat an tens vom Januar 2001 im Wesentlichen bestätigt. Klinisch ging
der Erstmanifestation einer paranoiden Schizophrenie (F20.09 es dem Patienten mittlerweile allerdings so gut, dass die weitere
nach ICD-10) gelitten, was einer Geisteskrankheit im Sinne des Behandlung in einem therapeutischen Übergangsheim keinen
Gesetzes gleichkomme, weshalb die Voraussetzung zur Anwen- Sinn mehr gemacht hätte.
dung des Art. 10 StGB (entspricht dem deutschen § 20 StGB, also
vollständige Zurechnungsunfähigkeit) gegeben sei. Es wurde Die uns nachgelieferte schriftliche Begründung des Entscheids
eine stationäre Behandlung in einer psychiatrischen Klinik mit lautete: Die von Stefan B. begangene Tat liege nur gerade 15 Mo-
medikamentöser Behandlung, Arbeitsrehabilitation und später nate zurück und habe in den Medien wegen des recht auûerge-
Überweisung ins Externat in ein einer Klinik angeschlossenes wöhnlichen Sachverhalts eine groûe Beachtung gefunden. Für 167
Wohnheim im Sinne einer stationären Maûnahme nach Art. 43, den Fall, dass sich das von den involvierten ¾rzten schon auffal-
Ziff. 1, Abs. 1 StGB (analog § 63 StGB nach deutschem Recht) emp- lend bald nach der Tat als sehr gering eingestufte Restrisiko den-
fohlen. Diese wurde in der Folge vom Untersuchungsrichter vor- noch eintreffen würde, müsste deshalb von Seiten der Öffentlich-
läufig angeordnet. Die Kompetenz für die Durchführung der keit mit Vorwürfen und Anschuldigung über das normale Maû
Maûnahme ist damit der Straf- und Maûnahmenbehörde des hinaus gerechnet werden. Bedauerlicherweise hat die Fachkom-
Justizdepartementes des Kantons Luzern übertragen worden. mission in keiner Weise auf einen von Volker Dittmann eigens
Ein Gesuch um Urlaub zu Hause ist vorerst aus Sicherheitsgrün- für ihren Gebrauch ausgearbeiteten Kriterienkatalog, welcher
den nicht gestattet worden. Im Juli 2001 wurde vom Obergericht sich mit Analyse der Tat, Krankheitsbild sowie Behandlungsper-
des Kantons Luzern das Strafverfahren gegen Stefan B. wegen spektiven befasst, zurückgegriffen [7].
Unzurechnungsfähigkeit des Angeschuldigten im Sinne von Art.
10 StGB eingestellt und die vorläufig angeordnete stationäre In einem Brief zu Händen der Vorsteher des Justiz- und des Ge-
Maûnahme nach Art. 43, Ziff. 1, Abs. 1 StGB bestätigt. sundheitsdepartementes wurde von der Klinikleitung und vom
forensischen Dienst der Psychiatrischen Klinik Luzern das Nicht-
Das klinische Zustandsbild hatte sich mittlerweile derart verbes- berücksichtigen fachlicher zugunsten politischer Erwägungen
sert, dass die weitere stationäre Behandlung in einer Akutklinik bedauert. In der Folge ist es zu einer gemeinsamen Sitzung der
keinen Sinn mehr machte. Die Clozapindosis wurde weiter redu- Vorsteher der beiden involvierten Departemente, der Straf- und
ziert, aktuell beträgt sie 50 mg/d. Das der Klinik angeschlossene Maûnahmebehörde, der Fachkommission und den Unterzeich-
Wohnheim Musegg für die Rehabilitation von jungen Psychoti- nern des Briefes gekommen, welche zur Klärung der gegenseiti-
kern in Luzern war bereit, den Patienten zu übernehmen; dies gen Ansprüche geführt hat.
ist aber von der Maûnahmebehörde aus Sicherheitsgründen
nicht gestattet worden.
Diskussion
Sie präsentierte schlieûlich den Fall von Stefan B. der so genann-
ten Fachkommission für gemeingefährliche Straftäter der Inner- Unsere Kasuistik entspricht in vielen Bereichen den Schilderun-
schweiz mit der Frage nach der Verantwortbarkeit des Übertrit- gen der klassischen psychiatrischen Literatur, so z. B. Conrads
tes in ein Wohnheim unter dem Aspekt der Sicherheit. Diese re- Monografie über das schizophrene Trema [8]. In ihrer vielzitier-
gionalen interdisziplinären Fachkommissionen sind nach dem ten Studie aus dem Jahre 1973 haben Böker u. Häfner das typi-
Frei A. Tötungsdelikt am Eintrittstag ¼ Psychiat Prax 2003; 30: 165 ± 168
sche Risikoprofil des jungen schizophrenen Mannes herausgear- Literatur
beitet, der unter einem personenbezogenen schizophrenen
1
Wahn leidet und eine Gewalttat im engsten Familien- bzw. Be- Dittmann V, Nedopil N (ed). Forensische Psychiatrie. Stuttgart: Thie-
me Verlag, 1996
kanntenkreis begeht [9]. Taylor bezeichnet in einer retrospekti- 2
Redfield J. The Celestine Prophecies. Warner Books, 1993
ven Studie an forensischen Patienten Halluzinationen und 3
Volavka J, Citrome L. Atypical antipsychotics in the treatment of the
Wahnsymptome als Risikofaktoren für Gewalttaten [10]. persistently agressive psychotic patient: methodological concerns.
Schizophrenia Research 1999; 35: 23 ± 33
4
Jablensky A, Sartorius N, Ernberg G et al. Schizophrenia: Manifesta-
Die optimistische Risikoeinschätzung im Falle von Herrn B. steht
tions, Incidence and Course in Different Cultures. A World Health Or-
im Einklang mit der neuesten Literatur: So fand Steinert, dass die ganisation Ten Country Study. Psychological Medicine Monograph
Aggressivität hospitalisierter schizophrener Patienten mit der Supplement 20. Cambridge: Cambridge University Press, 1992
5
Dauer der medikamentösen Behandlung und dem Verschwinden Wienberg G. Schizophrenie zum Thema machen. Bonn: Psychiatrie-
Verlag, 1995
der spezifischen psychopathologischen Symptome sinkt [11]. 6
Johns A. Psychiatric effects of cannabis. British Journal of Psychiatry
Appelbaum kommt im Rahmen der prospektiven, multizentri- 2001; 178: 116 ± 122
schen ¹MacArthur Study of Mental Disorder and Violenceª, die 7
Ermer A, Dittmann V. Fachkommission zur Beurteilung ¹gemeinge-
Kasuistik
an gegen 1000 zivilrechtlich eingewiesenen Patienten in den fährlicher Straftäter in der deutschsprachigen Schweizª. Recht & Psy-
chiatrie 2001; 19: 73 ± 78
USA durchgeführt worden ist, zum Schluss, Wahn und Halluzi- 8
Conrad K. Die beginnende Schizophrenie. 4. Auflage. Stuttgart: Thieme
nationen bei Aufnahme in eine Klinik seien im Durchschnitt mit Verlag, 1979
signifikant weniger aggressiven Zwischenfällen in der Gemeinde 9
Häfner H, Böker H. Gewalttaten Geisteskranker. Heidelberg: Springer-
ein Jahr nach der Hospitalisation verbunden [12]. Verlag, 1973
10
Taylor PJ, Leese M, Williams D, Butwell M, Daly R, Larkin E. Mental dis-
order and violence. British Journal of Psychiatry 1998; 172: 218 ± 226
Das Bestehen auf dem Standpunkt, die Behandlung psychisch 11
Steinert T, Sippach T, Gebhardt R-P. How common is violence in Schi-
schwer gestörter Straftäter sei Aufgabe der Psychiatrie als medi- zophrenia despite neuroleptic treatment? Pharmacopsychiatry 2000;
zinischer Disziplin, eine Ansicht, die auch Gunn unlängst vertre- 33: 98 ± 102
12
Appelbaum P, Robbins P, Monahan J. Violence and delusions: data
ten hat [13], hat sich nicht zu Stefan B.s Nachteil ausgewirkt:
from the MacArthur Risk Assessment Study. American Journal of Psy-
Nach einem kurzen Aufenthalt in einem Männerheim ist die sta- chiatry 2000; 157: 566 ± 572
tionäre Maûnahme nach Art. 43, Ziff. 1, Abs. 1 in eine ambulante 13
Gunn J. Future directions for treatment in forensic psychiatry. British
Maûnahme umgewandelt worden. Stefan B. hat eine eigene Journal of Psychiatry 2000; 176: 332 ± 338
Wohnung bezogen, arbeitet voll und wird nach wie vor vom Psy-
chiatriezentrum Luzern-Stadt ambulant betreut.
168
Frei A. Tötungsdelikt am Eintrittstag ¼ Psychiat Prax 2003; 30: 165 ± 168