Analysis
Analysis
Gunther Leobacher
Studienjahr 2023/2024
Vorwort
Dies ist mein Skriptum zur Vorlesung Analysis 1, gehalten in Graz im Winterse-
mester 2023. Professor Günter Peichl war so freundlich, mir die LATEX-Quellen
seines eigenen Skriptums zur Analysis zur Verfügung zu stellen. Die Kollegen
Schwaiger und Prager haben mit Korrekturen und Anregungen zu Peichl’s Skrip-
tum beigetragen, Frau Gerlinde Krois hat es getippt.
Das vorliegende Skriptum ist im Wesentlichen eine Überarbeitung davon, ei-
nige Teile sind meinem Geschmack angepasst, andere neu. Die Notwendigkeit
für eine Überarbeitung ergab sich unter anderem durch die Änderung des Stu-
dienplanes mit der neuen LV „Einführung in die Hochschulmathematik“, deren
Besuch vor der Analysis vorausgesetzt wird.
Die von mir hinzugefügten oder geänderten Teile des Skriptums sind work-
in-progress und sicherlich voller Fehler. Hoffentlich wird das eines Tages besser,
ich hoffe dabei auf die Mithilfe der Hörerinnen und Hörer.
3
Inhaltsverzeichnis
Vorwort 2
5
Inhaltsverzeichnis
Literaturverzeichnis 169
Index 171
6
1 Reelle und komplexe Zahlen
In der Schule lernen wir zählen und addieren zunächst im Bereich von 1 bis etwa
10, dann bis ca 20. Bald kommt auch Minus-Rechnen dazu, mit der Einschrän-
kung, dass nur kleinere Zahlen von größeren abgezogen werden dürfen, und bald
wird auch multipliziert. Es wird dabei auch die Vorstellung geprägt, dass sich der
Zahlbereich beliebig erweitern lässt, dass man immer weiter zählen kann, bzw
sich durch Addition und Multiplikation beliebig große Zahlen erzeugen lassen.
Am vorläufigen Ende dieser Entwicklung stehen die natürlichen Zahlen, ein
Zahlbereich, in dem man uneingeschränkt addieren und multiplizieren kann,
sowie eingeschränkt subtrahieren und dividieren (eine Division muss nicht „auf-
gehen“, es bleibt ein Rest).
Mit Einführung der 0 und des Minus-Symbols vor einer natürlichen Zahl sind
die ganzen Zahlen eingeführt, in denen die Subtraktion uneingeschränkt möglich
ist, das heißt, dass man eine beliebige ganze Zahl von einer beliebigen anderen
ganzen Zahl subtrahieren kann, und wieder eine ganze Zahl erhält.
Den nächsten Schritt stellt das Bruchrechnen, also die Einführung der ratio-
nalen Zahlen dar. In diesem Zahlbereich ist auch Division fast uneingeschränkt
möglich, einzig durch die 0 darf/kann nicht dividiert werden.
Neben der Darstellung als Bruch gibt es auch eine Darstellung in Dezimal-
entwicklung, wobei rationale Zahlen entweder einer Dezimalentwicklung haben,
die abbricht, wo also irgendwann nur mehr Nuller kommen, oder eine, in der
sich irgendwann eine Ziffernfolge immer wiederholt, die Dezimalentwicklung also
schließlich „periodisch“ ist.
Mit der Vorstellung, dass sich auch durch unendlich lange nicht-periodische
Dezimalentwicklungen Zahlen beschreiben lassen, sind die reellen Zahlen einge-
führt, mit denen sich ebenso uneingeschränkt rechnen lässt wie mit rationalen
Zahlen, mit denen sich aber zusätzlich Größen wie die Länge der Diagonale eines
Einheitsquadrats oder der Umfang und die Fläche des Einheitskreises beschrei-
ben lassen. Dass diese Größen eben nicht durch rationale Zahlen beschrieben
werden können, muss man in der Schule üblicherweise glauben (zumindest für
die Fläche des Einheitkreises).
Der vorerst letzte Schritt in dieser Entwicklung der Zahlbereiche ist die Ein-
führung der komplexen Zahlen, mit deren Hilfe man Wurzeln aus negativen Zah-
len ziehen und ganz allgemein beliebige (nicht-konstante) Polynom-Gleichungen
lösen kann.
Ein möglicher Zugang für eine Analysis-Vorlesung, die sich mit der Einfüh-
rung der reellen und komplexen Zahlen, sowie Funktionen zwischen Teilmengen
derselben und deren Eigenschaften befasst ist der, diese Entwicklung exakt und
mit allen Details nachzuvollziehen.
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1 Reelle und komplexe Zahlen
Ein anderer Zugang ist der „axiomatische“: Die Rechenoperationen „plus“ und
„mal“ erfüllen, unabhängig vom jeweiligen Zahlbereich, gewisse Gesetzmäßigkei-
ten: Es ist egal, in welcher Reihenfolge man Additionen oder Multiplikationen
mehrerer Zahlen durchführt, das sind die sogenannten Assoziativgesetze. Auch
kann man bei der Addition die Summanden, bei Multiplikation die Faktoren
vertauschen, die sogenannten Kommutativgesetze. Eine weitere Gemeinsamkeit
stellt das Distributivgesetz dar (eine Wiederholung all dieser Gesetze findet sich
im nächsten Abschnitt).
Beim axiomatischen Zugang, werden also die Rechengesetze sowie weitere Ei-
genschaften der reellen Zahlen als Axiome postuliert, und weitere Eigenschaften
daraus gefolgert. Die rationalen, ganzen und natürlichen Zahlen werden dann
als geeignete Teilmengen der reellen Zahlen definiert. Die Existenz der Menge
der reellen Zahlen, also der mathematischen Struktur, welche die Axiome erfüllt,
wird vorausgesetzt.
Aber warum verfolgen wir den axiomatischen Zugang, und nicht den (zumin-
dest scheinbar) organischeren konstruktiven Zugang? Auf die Fragen gibt es zwei
Antworten:
2. Die Alternative, das Konstruieren der einzelnen Zahlbereiche auf Basis des
jeweiligen früheren ist repetitiv und mit sehr viel Schreibarbeit verbunden,
wenn man wirklich alle Rechengesetze beweisen will. Eine Idee dazu wird
in Abschnitt 1.10 vermittelt, wo wir die Konstruktion der reellen Zahlen
aus den rationalen skizzieren.
Wir gehen davon aus, daß auf der Menge R der reellen Zahlen zwei binäre
Operationen, Addition und Multiplikation erklärt sind. Somit wird jedem Paar
(x, y) ∈ R × R eindeutig eine reelle Zahl x + y (die Summe von x und y)
und ebenso eindeutig eine weitere reelle Zahl x · y (das Produkt von x und y)
zugeordnet1 . Wie diese Summen und Produkte zu bilden sind, spielt vorerst
keine Rolle. Wesentlich ist nur, daß sie folgenden Axiomen genügen.
1
Das heißt formal, es gibt Funktionen + : R × R → R und ·R × R → R, für welche wir die
vereinfachten Schreibweisen x + y statt +(x, y) bzw xy statt ·(x, y) verwenden.
8
1.1 Axiomatische Beschreibung der reellen Zahlen
Wir erinnern daran, dass ≤ als Totalordnung eine Relation auf R ist, welche
reflexiv, antisymmetrisch und transitiv ist, und bezüglich der je zwei Elemente
vergleichbar sind. Wenn wir die „kleiner“-Relation auf R definieren durch x <
y :⇔ x ≤ y ∧ x 6= y, dann gilt also die folgende Trichotomie: Für alle x, y ∈ R
gilt genau eine der drei Aussagen x < y, x = y oder y < x.
Eine vollständige Charakterisierung der reellen Zahlen erfordert ein weiteres
Axiom, durch welches Lücken in der Menge der reellen Zahlen ausgeschlossen
werden.
(V ) Vollständigkeitsaxiom ( R. Dedekind)
Zu jedem Paar von Teilmengen A, B von R mit
i) A 6= ∅ ∧ B 6= ∅
ii) A ∪ B = R
iii) ∀a, b ∈ R : a ∈ A ∧ b ∈ B ⇒ a < b
gibt es genau ein ξ ∈ R, sodaß
a) ∀a ∈ R : a < ξ ⇒ a ∈ A
b) ∀b ∈ R : ξ < b ⇒ b ∈ B
Man nennt das geordnete Paar (A, B) einen Dedekindschen Schnitt und die
durch ihn eindeutig bestimmte Zahl ξ Schnittzahl. Wegen der Eigenschaften
eines Schnittes liegt die Schnittzahl ξ entweder in A oder in B. Gilt ξ ∈ A, so
sind die Eigenschaften a) und b) von ξ gleichwertig mit A = {a ∈ R : a ≤ ξ}
und B = R \ A, liegt jedoch ξ in B, dann ist B = {b ∈ R : b ≥ ξ} und A = R \ B.
Insbesondere folgt also a ≤ ξ < b oder a < ξ ≤ b für alle a ∈ A und für alle
b ∈ B.
9
1 Reelle und komplexe Zahlen
Bemerkung 1.1
∀x, y, z ∈ R : x + y · z := x + (y · z) und x · y + z := (x · y) + z ,
also bei Fehlen von Klammern die Multiplikation vor der Addition
ausgeführt wird. Das ist keine Rechenregel sondern eine Vereinba-
rung, wie Ausdrücke kürzer notiert werden dürfen, ohne dass dadurch
Missverständnisse entstehen.
3. Die auffallende Ähnlichkeit der Axiome für die Addition und Multi-
plikation ist nicht zufällig. Allgemein nennt man eine Menge in der
eine binäre Operation erklärt ist, welche den unter A angegebenen
Axiomen genügt, eine Abelsche Gruppe. Die Axiome A bringen
somit zum Ausdruck, daß (R, +) eine additive abelsche Gruppe ist,
M bedeutet, daß (R \ {n}, ·) eine multiplikative abelsche Gruppe dar-
stellt.
10
1.2 Folgerungen aus den Körperaxiomen
Satz 1.2
f (x + y) = f (x) ⊕ f (y)
f (x · y) = f (x) f (y)
x ≤ y ⇔ f (x) f (y).
Satz 1.3
Satz 1.4
ii) Für jede reelle Zahl ist das additive inverse Element ξ eindeutig be-
stimmt.
Beweis. i) Es seien n1 und n2 Neutralelemente der Addition. Setzt man in (A 3) für x das Element
n2 ein, folgt n2 + n1 = n2 . Da n2 ein weiteres Neutralelement bezüglich der Addition ist, gilt ∀x ∈ R :
x + n2 = x, somit auch n1 + n2 = n1 . Mit (A 2) schließt man n2 + n1 = n1 und wegen n2 + n1 = n2
folgt n1 = n2 .
ii) Wir nehmen an, ξ1 und ξ2 seien zu x inverse Elemente bezüglich der Addition, d.h. x + ξ1 = n und
x + ξ2 = n. Addiert man zu der ersten Gleichung ξ2 , folgt
(x + ξ1 ) + ξ2 = n + ξ2 = ξ2 .
(x + ξ1 ) + ξ2 = (ξ1 + x) + ξ2 = ξ1 + (x + ξ2 ) = ξ1 + n = ξ1 .
Somit gilt ξ2 = ξ1 .
11
1 Reelle und komplexe Zahlen
Wir bemerken, daß der Beweis des Satzes nur die Axiome A benützt. Die Aus-
sage des Satzes trifft somit auf jede Abelsche Gruppe (vgl. Bemerkung 1.1) zu,
insbesondere auch auf (R \ {n}, ·). Es gilt somit auch folgender Satz:
Satz 1.5
ii) Für jede Zahl x 6= n ist das multiplikative inverse Element ξ eindeutig
bestimmt.
Schreibweise 1.5.1
2. Das additive Inverse von x bezeichnet man mit −x, das multiplikative
Inverse mit x−1 . Ferner schreibt man oft x−y, xy anstelle von x+(−y)
und x · y −1 .
3. Es ist auch üblich, den Punkt bei der Multiplikation wegzulassen und
xy anstelle von x · y zu schreiben.
Satz 1.6
i) Aus x + z = y + z folgt x = y.
Beweis. Wir zeigen nur die zweite Regel. Es sei x, y, z ∈ R, z 6= 0 und xz = yz. Nach M 4 existiert das
multiplikative inverse Element z −1 und es gilt zz −1 = 1. Aus xz = yz folgt mit Satz 1.3 (xz)z −1 =
(yz)z −1 . Dies ergibt wegen M 1 x(zz −1 ) = y(zz −1 ), also x · 1 = y · 1. Wegen M 2 ist dies gleichwertig
mit 1 · x = 1 · y und mit M 3 schließen wir auf x = y.
12
1.2 Folgerungen aus den Körperaxiomen
Beweis. a) Aus 0 + 0 = 0 folgt mit Satz 1.3 (0 + 0)x = 0x für alle x ∈ R. Das Distributivgesetz D
ergibt 0x + 0x = 0x, mit A 3 folgt 0x + 0x = 0x + 0 = 0 + 0x und schließlich mit Satz 1.6 0x = 0.
b) Das additive inverse Element zu x bzw. −x erfüllt x + (−x) = 0 bzw. (−x) + (−(−x)) = 0. Mit
Hilfe von A 2 folgert man
x + (−x) = (−(−x)) + (−x).
Dies ergibt mit Satz 1.6 x = −(−x).
c) analog zu b).
d) Wir zeigen: (−1)x ist das additive inverse Element zu x, d.h. (−1)x + x = 0. Dies folgt aus
M3 D A4 a)
(−1)x + x = (−1)x + 1x = (−1 + 1)x = 0x = 0.
e) Mit Hilfe des Assoziativgesetzes M 1 und der bereits bewiesenen Regel d) schließt man
d) M1 M2 d)
x(−y) = x((−1)y) = (x(−1))y = ((−1)x)y = (−x)y
und weiter
d) M1 d)
(−x)y = ((−1)x)y = (−1)(xy) = −(xy).
f) Wir zeigen, (−x) + (−y) ist das additive inverse Element zu x + y. Dies folgt aus
A2
(x + y) + ((−x) + (−y)) = (x + y) + (−y) + (−x)
A1 A1
= (x + y) + (−y) + (−x) = x + (y + (−y)) + (−x)
A4 A3 A4
= (x + 0) + (−x) = x + (−x) = 0.
g) Die Behauptung folgt aus
e) e) b)
(−x)(−y) = − (−x)y = − (−x) y = xy.
1 1 1
h) Wir zeigen zuerst: z w
= zw
, d.h. z −1 w−1 = (zw)−1 (∗)
Dies folgt aus
M2 M1 M4 M3 M4
(zw) · (z −1 w−1 ) = (wz)(z −1 w−1 ) = w(zz −1 )w−1 = w(1w−1 ) = ww−1 = 1.
Somit gilt:
x y (∗) xy
= (xz −1 )(yw−1 ) = x(z −1 y)w−1 = (xy)(z −1 w−1 ) = xy(zw)−1 = .
zw zw
i) Mit Hilfe von h) ergibt sich
x y x y xw y z
+ = ·1+ ·1= +
z w z w zw wz
h) xw yz D xw + yz
= + = (xw + yz)(zw)−1 =
zw wz zw
13
1 Reelle und komplexe Zahlen
Das Produkt von zwei reellen Zahlen ist genau dann ungleich Null, wenn
beide Faktoren ungleich Null sind, d.h. ∀x, y ∈ R : xy 6= 0 ⇔ x 6= 0 ∧ y 6= 0.
Bemerkung 1.9
1.) Satz 1.8 ist äquivalent zu der Feststellung, daß das Produkt zweier reel-
ler Zahlen genau dann Null ist, wenn mindestens einer der beiden Faktoren
Null ist. In den Anwendungen führt diese Situation häufig zu einer Fallun-
terscheidung.
2.) Die Beweise dieses Abschnittes verwenden nur die Axiome A , M , D.
Die Behauptungen treffen daher in jedem Körper zu.
3.) Wir vereinbaren vorerst nur als Schreibweise:
2 := 1 + 1, (1.1)
2
∀a ∈ R : a := a · a. (1.2)
a) x ≤ 0 ⇔ 0 ≤ −x c) x ≤ y ⇔ 0 ≤ y − x
b) 0 ≤ x ⇔ −x ≤ 0 d) x ≤ y ⇔ −y ≤ −x
Beweis. c) Sei x ≤ y. Wir addieren auf beiden Seiten −x und erhalten mit (OA ) x + (−x) ≤ y + (−x),
also 0 ≤ y − x. Genauso erhält man x ≤ y aus 0 ≤ y − x durch Addition von x auf beiden Seiten und
Verwendung von (OA ).
d) Wir erhalten −y ≤ −x aus 0 ≤ y − x durch Addition von −y auf beiden Seiten, bzw zweiteres aus
ersterem durch Addition von y. Es gilt also 0 ≤ y − x ⇔ −y ≤ −x und mit c) x ≤ y ⇔ 0 ≤ y − x ⇔
−y ≤ −x.
a) folgt aus c) indem man 0 für y einsetzt.
b) Aus a) folgt für alle z ∈ R dass z ≤ 0 ⇔ 0 ≤ −z. Wenn wir nun −x statt z einsetzen, erhalten
wir b).
Satz 1.11
a) x ≤ y ∧ z ≤ w ⇒ x + z ≤ y + w,
14
1.3 Folgerungen aus den Ordnungsaxiomen
b) 0 ≤ x ≤ y ∧ 0 ≤ z ≤ w ⇒ xz ≤ yw.
Definition 1.12
Satz 1.13
Bemerkung 1.14
Beweis von Satz 1.13. Wir zeigen zunächst, dass < eine strikte Ordnung mit Trichotomie ist: Per
definition ist x < y genau dann, wenn x ≤ y und x 6= y, es gilt also stets ¬(x < x).
Da je zwei Elemente durch ≤ vergleichbar sind, gilt x ≤ y oder y ≤ x. Im ersten Fall ist x < y oder
x = y (aber per Definition nicht beides) im zweiten Fall ist y < x oder x = y (aber nicht beides).
Wäre x < y und y < x, so wäre x ≤ y und x 6= y und y ≤ x und x 6= y. Aus x ≤ y und y ≤ x folgt
aber x = y, wir erhalten also x 6= y und x = y, ein Widerspruch. Damit ist die Trichotomie gezeigt.
15
1 Reelle und komplexe Zahlen
Aus x < y und y < x folgt ein Widerspruch. Damit ist (x < y ∧ y < x) ⇒ A für jede Aussage wahr
und somit auch für die Aussage x = y. Damit ist < antisymmetrisch.
Sei nun x < y und y < z. Dann ist x ≤ y und y ≤ z, also auch x ≤ z. Angenommen x = z. Dann ist
y ≤ x und x ≤ y, also auch x = y. Das ist aber ein Widerspruch zu x < y. Damit ist < transitiv.
Satz 1.15
Satz 1.16
Es kann also −x durchaus eine positive Zahl sein. Die gängige Aussage „Eine
Zahl ist genau dann negativ, wenn ein Minus davor steht“ stimmt also nicht.
Richtig wird die Aussage, wenn man sie über die Dezimaldarstellung einer Zahl
macht (vgl. Sektion 2.11). Ebenfalls wahr ist, dass −2 eine negative Zahl ist.
Aber für x = −2 ist −x ist keine negative Zahl, obwohl x eine Zahl ist, und bei
−x „ein Minus davor steht“.
Satz 1.17
Die Sätze 1.11 und 1.17 stellten also sicher, daß gleichsinnige Ungleichungen
addiert werden dürfen; gleichsinnige Ungleichungen, in denen sämtliche Glieder
nicht negativ sind, dürfen multipliziert werden.
16
1.3 Folgerungen aus den Ordnungsaxiomen
Satz 1.18
Das Produkt zweier reeller Zahlen ist genau dann positiv, wenn beide Fak-
toren ungleich Null sind und dasselbe Vorzeichen haben.
Beweis. „⇐ : “ Für x > 0 und y > 0 folgt die Behauptung aus OM ∗ und Satz 1.7. Falls x < 0 und
y < 0 folgt −x > 0 und −y > 0. Nach dem vorhin Bewiesenen gilt daher (−x)(−y) > 0. Nach Satz 1.7
ist aber (−x)(−y) = xy, somit gilt xy > 0.
„⇒ : “ Wir führen einen Widerspruchsbeweis und nehmen ohne Beschränkung der Allgemeinheit an,
es gäbe relle Zahlen x, y mit xy > 0, x ≤ 0 und y > 0. Ist x = 0 ergibt sich ein Widerspruch zu
Satz 1.7–(a). Es sei x < 0, also nach Satz 1.16 −x > 0, und nach dem ersten Teil des Beweises ergibt
sich
(−x)y = −(xy) > 0.
Korollar 1.19
Für jede reelle Zahl x ungleich Null gilt x2 > 0. Insbesondere folgt 1 > 0.
Korollar 1.20
Satz 1.21
iv) x ≤ y ∧ z ≤ 0 ⇒ yz ≤ xz,
Beweis. i) Es sei z < 0, also −z > 0. Multipliziert man die Ungleichung x < y mit (−z), erhält man
x(−z) < y(−z), bzw. −(xz) < −(yz). Nach Satz 1.16 ist dies gleichwertig mit yz < xz.
ii) Aus dem Korollar 1.19 ergibt sich 0 < 1 = xx−1 , wegen Satz 1.18 und 0 < x muß auch 0 < x−1
gelten.
iii) Man zeige x−1 y −1 > 0 und multipliziere 0 < x < y mit x−1 y −1 .
iv) und v) überlassen wir als Übung.
17
1 Reelle und komplexe Zahlen
Satz 1.22
Zwischen zwei verschiedenen reellen Zahlen liegt stets eine weitere reelle
Zahl, genauer ∀a, b ∈ R : a < b ⇒ a < a+b
2 < b.
Die reelle Zahl 2 heißt arithmetisches Mittel von a und b.
a+b
Beweis. Ohne Beschränkung der Allgemeinheit sei a < b, also b − a > 0. Laut Korollar 1.20 ist 2 6= 0
und daher ist b−a
2
definiert und größer als 0. Es folgt
a+b
Analog zeigt man 2
< b.
Insbesondere folgt aus Satz 1.22, daß es keine kleinste positive reelle Zahl
gibt.
Korollar 1.23
Beweis. Wir führen einen Beweis durch Widerspruch und nehmen an es gäbe reelle Zahlen a, b mit
a > b und a < b + ε für alle ε > 0. Dann ist a − b > 0 und daher auch b < b + a−b
2
= a+b
2
. Wegen
a+b a−b
Satz 1.22 muß 2 < a gelten, dies widerspricht der Voraussetzung a < b + ε für ε = 2 > 0.
Korollar 1.24
Definition 1.25
18
1.3 Folgerungen aus den Ordnungsaxiomen
Das Vorzeichen und der Betrag einer reellen Zahl x sind daher verknüpft durch
die Beziehung
x = |x|sign(x).
Folgende Eigenschaften des Betrages sind eine unmittelbare Konsequenz der
Definition.
Lemma 1.26
Beweis. Wir zeigen nur die Eigenschaft d). Es seien x, b ∈ R, b ≥ 0 und |x| ≤ b. Wir machen eine
Fallunterscheidung nach dem Vorzeichen von x. Ist x ≥ 0, dann gilt |x| = x, also auch x ≤ b. Die
zweite Ungleichung x ≥ −b folgt aus der Transitivität der Ordnung. Ist x ≤ 0, also |x| = −x, ist die
Ungleichung |x| ≤ b gleichwertig mit −x ≤ b. Aus Satz 1.16 folgt x ≥ −b. Die Ungleichung x ≤ b ist
wieder trivialerweise erfüllt. In jedem Falle gilt somit −b ≤ x ≤ b. Gehen wir nun umgekehrt von den
Ungleichungen x ≤ b und x ≥ −b aus. Für x ≥ 0 folgt direkt |x| ≤ b. Ist x ≤ 0 schließen wir von
x ≥ −b auf −x ≤ b. Dies ist gleichwertig mit |x| ≤ b
Satz 1.27
e) Mit Hilfe von Korollar 1.19 schließen wir 0 ≤ (|x| − |y|)(|x| − |y|) = |x|2 − |x||y| − |y||x| + |y|2 =
|x|2 − (1 + 1)|x||y| + |y|2 = |x|2 − 2|x||y| + |y|2 . Wegen OA zeigt dies die behauptete Ungleichung.
19
1 Reelle und komplexe Zahlen
Bemerkung 1.28
Die Beweise dieses Abschnittes stützen sich nur auf Eigenschaften, die für
jeden Körper zutreffen, und auf das Axiom O. Die Behauptungen gelten
demnach in jedem geordneten Körper.
Es seien a, b ∈ R und a ≤ b.
(iii) Eine Menge heißt genau dann ein Intervall, wenn sie ein beschränktes
Intervall oder ein unbeschränktes Intervall ist.
(iv) Mit den obigen Bezeichnungen a heißt linker, b rechter Endpunkt des
Intervalls.
(v) Die Intervalle [a, b], [a, ∞), (−∞, b], (−∞, ∞) heißen abgeschlossene In-
tervalle,, (a, b), (a, ∞), (−∞, b), (−∞, ∞) heißen offene Intervalle, [a, b),
(a, b] halboffene Intervalle.
Da R linear geordnet ist, läßt sich R (wie jede linear geordnete Menge) mit
Hilfe einer Geraden folgendermaßen veranschaulichen: Auf einer beliebigen Ge-
raden in der Ebene werden zwei Punkte ausgezeichnet, die wir mit den reellen
Zahlen 0 und 1 identifizieren. Es liege etwa 0 links von 1. Jeder reellen Zahl ent-
spricht ein eindeutig bestimmter Punkt auf dieser Zahlengeraden. Es gilt a < b
genau dann, wenn der Punkt a links von b liegt. Den positiven reellen Zahlen
entsprechen also Punkte jenes Halbstrahles, in dem der mit 1 bezeichnete Punkt
liegt. In dieser Phase der Diskussion von R können wir aber noch nicht sicher-
stellen, daß umgekehrt jedem Punkt der Geraden tatsächlich genau eine reelle
Zahl entspricht.
20
1.3 Folgerungen aus den Ordnungsaxiomen
x 0 1 a < b
-
-
|x|
negative positive reelle Zahlen
Reelle Zahlengerade
Da wir nun die Ordnungsstruktur auf R ein wenig studiert haben, wollen wir
noch Funktionen von R nach R (bzw von Teilmengen von R) betrachten, die
diese Struktur erhalten.
Definition 1.30
Wir haben in unserem Aufbau der Axiome der reellen Zahlen das Ordnungs-
axiom (O) verwendet, und das folgende Ordnungsaxiom (O ∗ ) bewiesen (vgl. Sät-
ze 1.13 und 1.15):
(O ∗ ) Ordnungsaxiom:
In R ist eine strikte Ordnung < erklärt, welche mit der Addition und
Multiplikation verträglich ist:
Es gilt die Trichotomie: für alle x, y ∈ R trifft genau eine der drei
Alternativen x < y, x = y, y < x zu.
21
1 Reelle und komplexe Zahlen
Genausogut hätte man (O ∗ ) postulieren und (O) daraus folgern können. All-
gemein gilt der folgende Satz, den wir ohne Beweis angeben:
Satz 1.31
Definition 1.32
ii) ∀x ∈ R : x ∈ I ⇒ x + 1 ∈ I.
Lemma 1.33
22
1.4 Die natürlichen Zahlen
Definition 1.34
i) P (0),
ii) ∀n ∈ N0 : P (n) ⇒ P (n + 1).
Bemerkung 1.36
Oft trifft eine Aussageform P (n) erst für n0 > 1 zu. Man überzeuge sich
davon, daß das Prinzip der vollständigen Induktion auch für beliebigen In-
duktionsanfang n0 ∈ N0 gilt:
Es sei P (n) eine Aussageform über N0 , n0 ∈ N0 , und es gelte
i) P (n0 ),
ii) ∀n ∈ N0 : [n ≥ n0 ] ⇒ [P (n) ⇒ P (n + 1)] .
P (n) .
Mit Hilfe der Transformation n = n0 + k und P̃ (k) = P (n0 + k) führt
man den Fall n0 > 0 auf Satz 1.35 zurück.
23
1 Reelle und komplexe Zahlen
Satz 1.37
a) n ≥ 0, b) n + m ∈ N0 , c) nm ∈ N0 .
Beweis. a) Übung.
b) Es sei P (n) die Aussageform ∀m ∈ N0 : n + m ∈ N0 . Es ist ∀m ∈ N0 : 0 + m = m ∈ N0 , d.h. P (0).
Es gelte nun P (n), d.h. n + m ∈ N0 für jedes m ∈ N0 . Wir verwenden die Induktivität von N0 , und
folgern (n + m) + 1 = (n + 1) + m ∈ N0 für alle m ∈ N0 , also P (n + 1). Wegen Satz 1.35 trifft P (n)
für alle n ∈ N0 zu.
c) Übung.
Satz 1.38
Beweis. 1.) Laut Definition 1.34 ist N0 der Durchschnitt über alle induktiven Teilmengen von R. Jede
dieser Teilmengen enthält 0, somit gilt auch 0 ∈ N0 . 2.) Wenn n ∈ N0 ist, dann ist n ein Element jeder
induktiven Teilmenge von R. Laut Definition 1.32 ist damit auch n + 1 ein Element jeder induktiven
Teilmenge von R, und damit auch von N0 . 3.) Angenommen, das wäre nicht so, das heißt, es gibt ein
n ∈ N0 mit n + 1 = 0, also n = −1. Das widerspricht aber Satz 1.37 a). 4.) Wenn m + 1 = n + 1, dann
ist m = n wegen Satz 1.3.
Lemma 1.39
Beweis. Wir betrachten die Menge I = {n ∈ N0 : n − 1 ∈ N0 oder n = 0}. I ist eine induktive Menge:
0 ∈ I nach Definition. Sei nun n ∈ I. Wir müssen zeigen, dass dann n + 1 ∈ I. Dazu unterscheiden wir
zwei Fälle: 1.) n = 0. Dann ist (n + 1) − 1 = 0 ∈ N0 . 2.) n 6= 0. Dann ist n − 1 ∈ N0 , und somit auch
n = (n − 1) + 1 ∈ N0 . Also ist n + 1 ∈ I. Somit ist N0 ⊆ I und insgesamt I = N0 .
Wenn nun n ∈ N+ = N0 \ {0} ist, dann ist n ∈ I und n 6= 0, also ist n − 1 ∈ N0 nach Definition von
I.
24
1.4 Die natürlichen Zahlen
Satz 1.40
Korollar 1.41
Beweis. Laut Lemma 1.39 ist n − m ∈ N+ genau dann, wenn n − m − 1 ∈ N0 . Daraus wiederum folgt
n ≥ m + 1 > m. Ist umgekehrt n > m, so ist insbesondere n ≥ m und daher n − m ∈ N0 laut Satz
1.40. Da n > m gilt, ist n − m > 0 und somit n − m 6= 0. Also ist sogar n − m ∈ N+ .
Korollar 1.42
Beweis. Es ist n > m genau dann, wenn n ≥ m und n 6= m, genau dann, wenn n − m ∈ N0 (Satz
1.40) und n − m 6= 0, genau dann wenn n − m ∈ N+ , genau dann wenn n − m − 1 ∈ N0 (Lemma 1.39),
genau dann wenn n − m − 1 ≥ 0 (Satz 1.40), genau dann wenn n ≥ m + 1.
Korollar 1.43
Zwischen einer natürlichen Zahl und ihrem Nachfolger liegt keine natürliche
Zahl.
Beweis. Formal geschrieben lautet die Behauptung ∀m ∈ N0 : (m, m + 1) ∩ N0 = ∅. Wir führen den
Beweis durch Widerspruch und nehmen vorerst an, es gäbe n, m ∈ N0 mit m < n < m + 1. Wegen
Korollar 1.41 gilt n − m ∈ N+ , also nach Lemma 1.39 n − m − 1 ∈ N0 und n − m − 1 ≥ 0 nach Satz 1.37
(a). Aus n < m + 1 ergibt sich der Widerspruch n − m − 1 < 0.
Definition 1.44
Nicht jede Teilmenge reeller Zahlen besitzt Minimum oder Maximum, z.B. R
oder (0, 1). Existiert ein Maximum (Minimum) einer Teilmenge reeller Zahlen,
so ist diese Zahl wegen der linearen Ordnung in R natürlich eindeutig bestimmt.
25
1 Reelle und komplexe Zahlen
Jede nicht leere Menge von natürlichen Zahlen besitzt ein Minimum.
Beweis. Nehmen wir an, es gäbe A ⊆ N0 \ {∅} und A besitze kein Minimum.
Es sei S = {n ∈ N0 : (∀a ∈ A : n < a)}. Da A nicht leer ist, folgt S 6= N0 .
Wegen Satz 1.37 a) ist a ≥ 0 für alle a ∈ A. Somit ist 0 ∈ S, denn sonst wäre
0 = min A. Es sei n ∈ S und somit nach Korollar 1.42 n + 1 ≤ a für alle a ∈ A.
Wäre n + 1 nicht Element von S, dann gäbe es µ ∈ A mit n < µ ≤ n + 1. Wegen
Korollar 1.43 müßte µ = n + 1 gelten. Dies hätte µ = min A zur Folge, im
Widerspruch zur Wahl von A. Also gilt n + 1 ∈ S und somit, nach dem Prinzip
der vollständigen Induktion, S = N0 . Dies ist ein Widerspruch zu S 6= N0 .
Definition 1.46
Es sei dem Leser überlassen, die Sätze 1.37 c), d), 1.41 und Korollar 1.42, 1.43
sinngemäß auf Z zu übertragen.
Satz 1.47
Beweis. Wir zeigen zunächst die Eindeutigkeit und nehmen an, es gäbe zwei
verschiedene Zahlen g, g̃ ∈ Z, o.B.d.A. g < g̃, sodaß (∗) gilt. Es folgt 0 < g̃ − g ∈
N0 und g̃ ≤ x < g + 1, d.h. g̃ − g < 1. Insgesamt gilt 0 < g̃ − g < 1, dies
widerspricht Korollar 1.43. Die Menge {n ∈ N : |x| < n} ist nicht leer2 und
besitzt daher ein kleinstes Element n0 (Satz 1.45). Somit gilt n0 − 1 ≤ x < n0 ,
falls x ≥ 0 und −n0 < x ≤ −(n0 − 1) falls x < 0. Wenn x ≥ 0, wähle g = n0 − 1.
Ist x < 0, setze g = −n0 falls x 6∈ Z und g = −n0 + 1 falls x ∈ Z.
Definition 1.48
Sei x ∈ R. Man nennt die laut Satz 1.47 existente und eindeutig bestimmte
ganze Zahl g mit g ≤ x < g + 1 Größtes Ganzes von x und bezeichnet diese
Zahl mit bxc.
Wir können also jede reelle Zahl x eindeutig schreiben als x = g + y mit g ∈ Z
und y = x − g ∈ [0, 1).
2
Hier ist de facto eine Lücke: Das ist die Aussage von Satz 1.72, den wir als Folgerung des
Vollständigkeitsaxioms beweisen werden.
26
1.4 Die natürlichen Zahlen
Manchmal kommt es vor, daß für den Induktionsschritt nicht nur die unmit-
telbar vorangehende Aussage gebraucht wird, sondern alle vorausgehenden. Als
Anwendung des Wohlordnungssatzes zeigen wir folgende Variante des Indukti-
onsprinzipes.
Satz 1.49
i) P (n0 ),
Beweis. Wir führen einen Widerspruchsbeweis und nehmen an, es gelte i) und
ii), aber die Aussageform P (n) trifft nicht für alle n ≥ n0 zu. Dann ist die Menge
{n ∈ N : n ≥ n0 ∧ ¬P (n)} nicht leer und besitzt wegen des Wohlordnungssatzes
ein Minimum m0 ∈ N0 . Dann gilt P (k) für alle n0 ≤ k ≤ m0 − 1 und somit
wegen ii) auch für k = m0 . Dies ist wegen der Bedeutung des Index m0 nicht
möglich.
Das Prinzip der vollständigen Induktion ist auch die Grundlage für sogenannte
rekursive Definitionen, bei denen für alle n ∈ N0 Begriffe B(n) definiert werden,
indem man auf die bereits erklärten Begriffe B(1), . . . , B(n − 1) zurückgreift.
Betrachten wir zum Beispiel die Folge 1, 2, 4, 8, 16, . . . (der Begriff einer Folge
wird noch öfter auftauchen. Für eine nicht-leere Menge X ist eine Folge in X ist
eine Funktion, N0 → X oder {n ∈ N0 : n ≥ n0 } → X). Die Ellipsis . . . suggeriert
das Bildungsgesetz an = 2n−1 , n ∈ N0 . Dieselbe Folge kann jedoch auch rekursiv
beschrieben werden. Dazu setzt man a1 = 1 und an+1 = 2an für alle n ∈ N0 .
Aus a1 ergibt sich a2 , aus a2 wiederum a3 usw. Durch die Rekursionsvorschrift
wird zumindest in diesem Beispiel eine Folge eindeutig bestimmt. Das rekursive
Vorgehen kann durch folgenden Satz gerechtfertigt werden.
1. ϕ(0) = b.
Beweis. Wir zeigen zunächst durch vollständige Induktion, daß es höchstens eine derartige Funktion
ϕ geben kann. Angenommen es gäbe zwei Funktion ϕ und ψ : N0 → B mit ϕ(0) = ψ(0) = b und
27
1 Reelle und komplexe Zahlen
für n ∈ N0 . Dann gilt ϕ(0) = ψ(0). Aus der Induktionsannahme ϕ(k) = ψ(k) für 0 ≤ k ≤ n folgt
ϕ(n + 1) = ψ(n + 1) und daher ϕ = ψ nach dem Induktionsprinzip in der Form von Satz 1.49. Für
die Konstruktion von ϕ benötigen wir Hilfsfunktionen ϕn : {0, . . . , n} → B, n ∈ N0 , mit folgenden
Eigenschaften
ϕn (0) = b,
ϕn (k) = ϕk (k), (∗)
ϕn (k + 1) = Fk+1 (ϕn (0), . . . , ϕn (k)), 0 ≤ k ≤ n − 1.
Verwendet man für 0 ≤ k < n die Induktionsvoraussetzung und für k = n die Definition von ϕn+1 ,
erhält man
ϕn+1 (k) = ϕn (k) = ϕk (k), 0 ≤ k ≤ n.
Für 0 ≤ k < n + 1 schließt man wieder mit Hilfe der Induktionsvoraussetzung auf
Somit ist der Induktionsschritt bewiesen und die Existenz der Funktionen ϕk gesichert.
Definition 1.51
x1 := x, xn+1 := xn x, n ∈ N+ ,
28
1.4 Die natürlichen Zahlen
Definition 1.52
Damit ist die n-te Potenz einer reellen Zahl, sofern diese ungleich 0 ist, für jedes
n ∈ Z erklärt.
Lemma 1.53
Beweis. Wir führen einen Induktionsbeweis. Für n = 1 stimmt die Behauptung mit der Definition des
multiplikativen inversen Elementes von x überein. Es gelte x1n = ( x1 )n . Der Induktionsschritt ergibt
sich aus
1 1 1 1 1 1 1
( )n+1 = ( )n = n = n = n+1 = (xn+1 )−1 .
x x x x x x x x
a) xm xn = xm+n ,
b) xn y n = (xy)n ,
c) (xm )n = xmn ,
x < y ⇔ xn < y n .
Beweis. Wir zeigen nur a), die übrigen Aussagen möge der Leser als Übung beweisen. Für m = 0 oder
n = 0 ist die Behauptung klar. Es sei m ∈ Z beliebig gewählt und P (n) das Prädikat xm xn = xm+n
für n ∈ N0 . Für m ∈ N0 ist P (1) äquivalent zur rekursiven Definition der Potenz. Für m < 0 ergibt
sich
x x 1 1
xm x = |m| = |m|−1 = |m|−1 = −(m+1) = xm+1 ,
x x x x x
d.h. es gilt P (1). (Die zweite Gleichheit begründet man mit der Definition 1.51). Es gelte nun P (n).
Verwendet man die Definition 1.51 und P (n), ergibt sich
also P (n+1). Die letzte Gleichheit wird durch P (1) mit m+n anstelle von m gerechtfertigt. Schließlich
seien n, m ∈ Z, n, m < 0. Dann gilt
1 1 1 1
xn xm = = |n| |m| = |n|+|m| = x−(|n|+|m|) = xn+m .
x|n| x|m| x x x
29
1 Reelle und komplexe Zahlen
Bemerkung 1.55
Wir beenden diesen Abschnitt mit weiteren Beispielen zur vollständigen In-
duktion.
Es sei x ∈ R und n ∈ N0 .
Für x > −1, x 6= 0 und n > 1 gilt dann
Ein weiteres Beispiel einer rekursiven Definition ist folgende kompakte Schreib-
weise für endliche Summen a0 + a2 + · · · + an und endliche Produkte a0 · · · an .
Die rekursive Definition präzisiert die Bedeutung der Ellipsis. Dazu setzen wir
im Rekursionssatz 1.50 B = R, Fn : B n → B, Fn (x0 , . . . , xn−1 ) = xn−1 ∗ an und
erhalten so eine Funktion ϕ : N0 → B mit ϕ(0)P = a0 und ϕ(n+1) = ϕ(n)∗an+1 .
n
Bezeichnet ∗ die Addition in R,Qn schreibt man k=0 ak für ϕ(n), steht ∗ für die
Multiplikation, schreibt man k=0 ak :
Definition 1.57
Es seien a0 , a1 , . . . , ∈ R.
P0 Pn Pn−1
i) j=0 aj := a0 und j=0 aj := j=0 aj + an , n ∈ N0 .
Q0 Qn Qn−1
ii) j=0 aj = a0 und j=0 aj = j=0 aj · an , n ∈ N0 .
30
1.4 Die natürlichen Zahlen
Für die leere Summe vereinbaren wir den Wert 0, das leere Produkt erhält
den Wert 1.
Definition 1.58
Die Zahlen
Lemma 1.59
i) nk ∈ N0 , n0 = nn = 1.
n
+ nk = n+1
ii) k+1 k+1 ,
Beweis. Übung.
31
1 Reelle und komplexe Zahlen
Ersetzt man in der zweiten Summe den Summationsindex k durch j − 1, ergibt sich weiter
n n
X n X n n+1−j j
(x + y)n+1 = xn+1 + xn+1−k y k + x y + y n+1
k=1
k j=1
j − 1
n n
X n
= xn+1 + + xn+1−k y k + y n+1
k=1
k k−1
n
1.59 n + 1 n + 1 n+1−k k n + 1 n+1
X
= xn+1 + x y + y
0 k=1
k n+1
n+1
X n + 1 n+1−k k
= x y
k=0
k
n
q n+1 −1
qk =
P
i) ∀n ∈ N0 : ∀q ∈ R \ {1} : q−1 ,
k=0
n−1
ii) ∀n ∈ N+ : ∀x, y ∈ R : xn − y n = (x − y) xn−1−i y i (Horner’sche
P
i=0
Regeln).
32
1.5 Die rationalen Zahlen
heißt die Menge der rationalen Zahlen. R \ Q ist die Menge der irratio-
nalen Zahlen.
Die Darstellung einer rationalen Zahl x ∈ Q als „Bruch“ x = pq ist nicht ein-
deutig. ZB ist 23 = 46 . Es ist aber {|p| + q : p ∈ Z, q ∈ N+ , x = pq } für x ∈ Q eine
nichtleere, durch 2 nach unten beschränkte Menge. Nach dem Wohlordnungs-
satz, Satz 1.45, hat die Menge ein minimales Element und zugehörige p, q mit
p p̃
q = x. Wir betrachten nun eine weitere Darstellung q̃ = x mit |p̃| + q̃ minimal,
sodass |p̃| |p|
q̃ = q und |p̃| + q̃ = |p| + q.
Wäre |p̃| > |p|, so wäre
|p̃| |p| |p̃| 1 1
= < ⇒ < → q̃ > q ,
q̃ q q q̃ q
und somit |p̃|+ q̃ > |p|+q ein Widerspruch. Genauso führt die Annahme |p̃| < |p|
auf einen Widerspruch, sodass |p̃| = |p|. Offenbar müssen p̃ und p dasselbe
Vorzeichen haben, nämlich das von x. Also ist p̃ = p und damit auch q̃ = q (Im
Fall von x = 0 ist q̃ = q = 1).
Wir haben gezeigt:
Lemma 1.63
Es kann leicht gezeigt werden, daß für x, y ∈ Q auch −x, x + y, xy und, falls
x 6= 0, auch x−1 zu Q gehören. Q erfüllt die Axiome A , M , D, O. Q ist somit
ein geordneter Unterkörper von R, in dem alle bisher abgeleiteten Sätze gelten.
Jedoch besitzen bereits sehr einfache Probleme keine Lösung in Q:
Satz 1.64
∀p ∈ Z : p2 gerade ⇔ p gerade .
33
1 Reelle und komplexe Zahlen
Abbildung 1.1: Illustration des goldenen Schnitts: a ist eine Zahl mit a > 0 und
a : 1 = 1 : (a − 1), also a1 = a−1
1
.
Somit kennen wir nun ein Beispiel für eine irrationale Zahl. Es ist eine nette
Übung zu zeigen, dass zB auch die Gleichungen x2 = 3 und x2 = 5 keine
Lösungen in Q haben.
Wir schließen mit einem weiteren prominenten Beispiel einer irrationalen Zahl,
dem goldenen Schnitt, vgl Abbildung 1.1.
Beweis. Angenommen, die Gleichung x2 = x + 1 hätte ein Lösung x ∈ Q mit x > 0. Dann gibt es laut
Lemma 1.63 p ∈ N+ , q ∈ N+ mit x = pq und p + q minimal.
Es ist also p2 = q 2 + pq, woraus man auch p2 > q 2 > 0, und weiter p > q schließen kann. Wir formen
die Gleichung weiter um:
p2 = q 2 + pq
p2 − pq = q 2
p(p − q) = q 2
p q
= .
q p−q
q q
Damit ist aber auch ( p−q )2 = p−q
+ 1 mit q + (p − q) = p < p + q, im Widerspruch zur Minimalität
von p + q.
Der Fall x < 0 ist praktisch eine Kopie das Falls x > 0: Wir nehmen an, die Gleichung x2 = x + 1
hätte ein Lösung x ∈ Q mit x < 0. Dann hat x2 = −x + 1 eine Lösung x̃ ∈ Q mit x̃ > 0. Sei
(p, q) ∈ N+ × N+ mit ( pq )2 = − pq + 1 und p + q minimal. Dann ist p2 = −pq + q 2 , also q > p und
Umformen liefert
p2 = q(q − p)
p q
= .
q q−p
q q
Damit ist aber auch ( q−p )2 = − q−p + 1 mit p + (q − p) = q < p + q, im Widerspruch zur Minimalität
von p + q.
Zuletzt ist 0 ∈ Q ganz sicher keine Lösung von x2 = x + 1, insgesamt gibt es also keine Lösung
dieser Gleichung in Q.
34
1.6 Folgerungen aus dem Vollständigkeitsaxiom
Definition 1.66
Es sei M ⊆ R.
Definition 1.67
Die erste Klammer besagt, dass α eine obere Schranke ist, die zweite, dass wenn
α̃ eine obere Schranke ist, dann α ≤ α̃.
Wegen der Trichotomie in R kann eine nichtleere Teilmenge von R höchstens
ein Supremum bzw. Infimum besitzen. Ist das Supremum einer Menge M selbst
Element von M , gilt sup M = max M . Umgekehrt, besitzt eine Menge M ein
Maximum, so ist natürlich auch max M = sup M .
Beispiel 1.68. a) M = {x ∈ R : x ≥ 1} ist nicht nach oben beschränkt. M
besitzt somit kein Supremum, M ist nach unten beschränkt (x ≥ 1 ⇒ 1 ist
untere Schranke) und 1 ∈ M . Somit gilt inf M = min M = 1.
2) Für N = (0, 1] gilt sup N = max N = 1 ∈ N , inf N = 0 6∈ N .
3) Die leere Menge besitzt in R weder Supremum noch Infimum.
Es sei α = sup M und x < α. Da α die kleinste obere Schranke von M ist,
kann α keine obere Schranke für M sein. Somit existiert y ∈ M mit x < y. Dies
führt auf folgende Charakterisieung des Supremums:
Satz 1.69
Es sei ∅ =
6 M ⊆ R. Dann ist α = sup M charakterisiert durch
i) ∀x ∈ M : x ≤ α,
35
1 Reelle und komplexe Zahlen
Beweis. Die erste Eigenschaft besagt, daß α eine obere Schranke für M darstellt.
Die Eigenschaft ii) stellt fest, daß jede reelle Zahl z < α keine obere Schranke
für M sein kann.
Dieser Satz hat ein merkwürdiges Häufungsphänomen zur Folge: Besitzt eine
nicht leere Menge M ein Supremum, jedoch kein Maximum, so liegen für jedes
ε > 0 „unendlich“ viele Elemente von M zwischen sup M − ε und sup M .
Wir formulieren nun eine wichtige Konsequenz aus dem Vollständigkeitsaxi-
om:
Jede nicht leere, nach oben beschränkte Menge reeller Zahlen besitzt ein
Supremum in R.
A = {x ∈ R : x ≤ ξ} (∗)
gäbe es (wie vorher) x ∈ M , sodaß ξ < x. Wegen Satz 1.22 würde auch ξ <
ξ+x ξ+x
2 < x gelten, d.h. 2 ∈ A. Diese Ungleichung ist ein Widerspruch zu (∗). Es
folgt ξ ∈ B und daher
B = {x ∈ R : ξ ≤ x} (∗∗)
Somit ist ξ eine obere Schranke für M und wegen (∗∗) sogar die kleinste, d.h.
ξ = sup M .
Korollar 1.71
Jede nicht leere, nach unten beschränkte Menge reeller Zahlen besitzt ein
Infimum in R.
36
1.6 Folgerungen aus dem Vollständigkeitsaxiom
Ein einfacherer Beweis kann auf die Beobachtung aufgebaut werden, daß N ⊆
R genau dann nach unten beschränkt ist, wenn −N := {t ∈ R : − t ∈ N } nach
oben beschränkt ist. Die angegebene Beweisvariante verwendet keine speziellen
Eigenschaften von R. In jeder linear geordneten Menge folgt daher aus dem
Supremumprinzip das Infimumprinzip und umgekehrt.
Satz 1.72
Beweis. Angenommen, N0 ist nach oben beschränkt. Nach Satz 1.70 existiert
dann α = sup N0 . Dann ist α − 1 keine obere Schranke für N0 (α ist ja die
kleinste), somit existiert n ∈ N0 , sodaß α − 1 < n. Es folgt α < n + 1, ein
Widerspruch zu ∀m ∈ N0 : m ≤ α.
Korollar 1.73
Korollar 1.74
1
∀ε > 0 ∃n ∈ N+ : n < ε.
Satz 1.75
Zwischen zwei verschiedenen reellen Zahlen liegt stets eine rationale Zahl.
Beweis. Es seien x, y reelle Zahlen und x 6= y. O.B.d.A. können wir x < y, also
y −x > 0 annehmen. Nach Korollar 1.74 existiert n0 ∈ N0 , sodaß 0 < n10 < y −x,
d.h. 1+n0 x < n0 y. Nach Satz 1.47 (mit 1+n0 x anstelle von x) folgt die Existenz
von k0 ∈ Z, mit n0 x < k0 ≤ n0 x + 1 < n0 y. Für p0 = nk00 ∈ Q gilt dann
x < p0 < y.
Zur späteren Verwendung führen wir noch Notationen für Operationen mit
Teilmengen von R ein und formulieren entsprechende Rechenregeln für inf und
sup.
Definition 1.76
37
1 Reelle und komplexe Zahlen
A + B := {a + b : a ∈ A, b ∈ B},
AB := {ab : a ∈ A, b ∈ B},
rA := {ra : a ∈ A}.
Satz 1.77
Sind A und B nach unten beschränkt, so gilt ein entsprechender Satz für
das Infimum.
a) ∀n ∈ N0 : In+1 ⊆ In ,
b) ∀ε > 0 ∃n ∈ N0 : bn − an < ε.
T∞ T∞
Dann gibt es genau ein z ∈ R, sodaß n=1 In = {z} (wobei n=1 In :=
{In : n ∈ N+ }).
T
∀n, k ∈ N+ : an ≤ bk . (1)
zur Folge. Angenommen, es gäbe Indizes n0 , k0 ∈ N+ mit bk0 < an0 . Ist n0 ≤
k0 , müßte auch bk0 < an0 ≤ ak0 gelten, im Widerspruch zu ak0 ≤ bk0 . Ist
k0 < n0 , dann folgt bn0 ≤ bk0 < an0 im Gegensatz zu an0 ≤ bn0 . Setzt man
A = {an : n ∈ N+ } und B = {bn : n ∈ N+ }, ergibt sich aus (1), daß jedes bn
eine obere Schranke für A, und jedes an eine untere Schranke für B darstellt.
Somit existieren α = sup A und β := inf B und es gilt α ≤ bn für alle n ∈ N+ .
Es ist also α eine untere Schranke für B, was α ≤ β zur Folge hat. Ferner gilt
38
1.7 Endliche, unendliche, abzählbare und überabzählbare Mengen
T∞ T∞
an ≤ α ≤ β ≤ bn für T∞alle n ∈ N , d.h. [α, β] ⊂ n=1 IT
+
n . Es folgt n=1 In 6= ∅.
∞
Es gilt aber auch n=1 I n ⊆ [α, β] und daher auch n=1 In = [α, β]. Denn
x∈ ∞ ist gleichwertig mit + : a ≤ x ≤ b . Somit ist x eine obere
T
I
n=1 n ∀n ∈ N n n
Schranke für A und gleichzeitig eine untere Schranke für B. Es folgt α ≤ x ≤ β,
also x ∈ [α, β]. Wäre α < β, dann müßte auch bn − an ≥ β − α für alle
n
T∞ ∈ N+ gelten. Dies widerspricht jedoch der Voraussetzung b). Es gilt somit
n=1 In = [α, α] = sup A = inf B.
Bemerkung 1.79
1.) Setzt man den Begriff einer Nullfolge voraus, verlangt die Voraussetzung
b), daß die Folge der Intervalllängen eine Nullfolge darstellt.
2.) Man kann zeigen, daß das Vollständigkeitsaxiom, das Supremumprinzip
und der Satz über die Intervallschachtelung äquivalent sind.
Seien X, Y Mengen.
Bemerkung 1.81
39
1 Reelle und komplexe Zahlen
5. Die Menge der ganzen und die der geraden Zahlen sind gleichmächtig:
f : Z → 2Z, f (k) := 2k hat die Umkehrfunktion g : 2Z → Z, g(k) := k2 .
Es ist also f (0) = 0, f (1) = −1, f (2) = 1, f (3) = −2, f (4) = 2 usw. Die
Bijektivität von f formal zu zeigen ist eine gute Übung.
40
1.7 Endliche, unendliche, abzählbare und überabzählbare Mengen
Bemerkung 1.84
Der Begriffs „abzählbar“ als Eigenschaft einer Menge kommt in der Literatur
auch ohne die Zusätze „unendlich“ oder „höchstens“ vor. Die Verwendung
ist aber nicht ganz einheitlich. Manchmal steht „abzählbar“ für „abzählbar
unendlich“, manchmal für „höchstens abzählbar“.
Manchmal sieht man auch „überabzählbar unendlich“. Das „unendlich“
ist hier aber redundant.
2. Die leere Menge ist endlich, da sie schon keine echte Teilmenge hat.
3. Für n ∈ N+ ist {1, . . . , n} endlich. Für n = 1 ist die einzige echte Teilmenge von {1}
die leere Menge, und es gibt keine Funktion {1} → ∅. Für den Induktionsschritt sei n ∈ N+
mit n > 1, und die Induktionsannahme ist, dass es keine injektive Funktion {1, . . . , n} in eine
echte Teilmenge gibt. Sei nun X0 eine echte Teilmenge von {1, . . . , n + 1}. Das heißt, es gibt
ein m ∈ {1, . . . , n + 1} \ X0 .
Angenommen, es gäbe eine injektive Funktion f : {1, . . . , n+1} → X0 . Dann ist die (beidseitige)
Einschränkung g : {1, . . . , n} → X0 \ {f (n + 1)} von f wieder injektiv, und X0 \ {f (n + 1)}
ist eine echte Teilmenge von {1, . . . , n + 1} \ {f (n + 1)}, da m ∈
/ X0 \ {f (n + 1)}, aber m ∈
{1, . . . , n + 1} \ {f (n + 1)}, da m 6= f (n + 1) ∈ X0 .
Man überlegt sich leicht (Übung), dass es eine bijektive Funktion h : {1, . . . , n+1}\{f (n+1)}
→
{1, . . . , n} gibt. Die (beidseitige) Einschränkung h̃ : X0 \ {f (n + 1)} → h X0 \ {f (n + 1)} von
h ist wieder bijektiv.
Nun ist h̃ ◦ g : {1, . . . , n} → h X0 \ {f (n + 1)} eine injektive Funktion als Zusammensetzung
von injektiven Funktionen. h X0 \ {f (n + 1)} ist aber eine echte Teilmenge von {1, . . . , n},
da h(m) ∈ / h X0 \ {f (n + 1)} , aber h(m) ∈ {1, . . . , n}. Das ist der gesuchte Widerspruch zur
Induktionsannahme.
4. Man kann zeigen, dass eine Menge X genau dann endlich ist, wenn X = ∅
oder wenn es ein n ∈ N+ gibt so, dass X gleichmächtig ist zu {1, . . . , n}.
Vgl. Satz 1.87. Man kann Endlichkeit von X sogar so definieren, dass es
ein n ∈ N+ gibt sowie eine bijektive Funktion {1, . . . , n} → X. Der Vorteil
der oben angegebenen Definition aus Sicht der Mengenlehre ist der, dass
man die natürlichen Zahlen dafür nicht braucht.
Dass g tatsächlich bijektiv ist, sieht man leicht ein. Es ist fX ∪ fY gleich-
mächtig zu Z und damit gleichmächtig zu N0 , also abzählbar unendlich.
41
1 Reelle und komplexe Zahlen
6. Man zeigt weiter mit Induktion, dass die Vereinigung von endlich vielen
höchstens abzählbaren disjunkten Mengen höchstens abzählbar ist.
Satz 1.86
Beweis. a) ⇒ c): Laut Voraussetzung gibt es eine echte Teilmenge Y ( X und eine bijektive Abbildung
φ : X → Y . Es gibt ein Element x1 ∈ X \ Y , da letztere Menge nicht leer ist. Die Abbildung φ1 : X \
{x1 } → Y \ {φ(x1 )} mit φ1 (x) = φ(x) ist wieder bijektiv und Y \ {φ(x1 )} ( X \ {x1 }.
Seien paarweise verschiedene x1 , . . . , xn ∈ X bereits konstruiert, sowie eine bijektive Funktion
φn : X \ {x1 , . . . , xn } → Y \ {φ(x1 ), . . . , φ(xn )} mit φn (xk ) = φ(xk ), k = 1, . . . , n und so, dass
Y \ {φ(x1 ), . . . , φ(xn )} eine echte Teilmenge von X \ {x1 , . . . , xn } ist. Dann gibt es xn+1 ∈ X \
{x1 , . . . , xn } \ Y \ {φ(x1 ), . . . , φ(xn )} , und x1 , . . . , xn+1 sind paarweise verschieden. Die Abbildung
φn+1 : X \ {x1 , . . . , xn+1 } → Y \ {φ(x1 ), . . . , φ(xn+1 )} mit φn+1 (x) := φ(x) ist bijektiv.
Sei h : N+ → X gegeben durch h(n) := xn für n ∈ N+ . Da für jedes n ∈ N+ die x1 , . . . , xn paarweise
verschieden sind, ist h injektiv.
c) ⇒ b) Sei h : N+ → X injektiv. Dann ist h(N+ ) ⊂ X gleichmächtig wie N+ und damit unendlich.
b) ⇒ a) Sei Y ⊆ X eine unendliche Teilmenge. Es gibt also eine echte Teilmenge Y1 ( Y und eine
bijektive Funktion φ : Y → Y1 . Dann definieren wir eine bijektive Funktion ψ : X → X \ (Y \ Y1 ) durch
(
φ(x) falls x ∈ Y
ψ(x) =
x falls x ∈ X \ Y .
Man rechnet leicht nach, dass ψ eine bijektive Funktion ist. Dabei bemerke man, dass Y1 = Y \(Y \Y1 )
ist.
c) ⇒ e) folgt unmittelbar.
e) ⇒ c) Es gibt also eine Folge von injektiven Funktionen φn : {1, . . . , n} → X. Wir konstruieren eine
injektive Funktion h : N+ → X rekursiv wie folgt: Wir setzen h(1) = φ(1). Seien nun h(1), . . . , h(n)
bereits erklärt und paarweise verschieden. φn+1 ({1, . . . , n + 1}) ist eine (n + 1)-elementige Teilmenge
von X. Somit kann nicht jedes Element in der n-elementigen Teilmenge {h(1), . . . , h(n)} enthalten
sein. Wir wählen als h(n + 1) ein Element in φn+1 ({1, . . . , n + 1}) \ {h(1), . . . , h(n)}. Mit Induktion
konstruieren wir h(m) für jedes m ∈ N+ und h ist per Konstruktion injektiv.
c) ⇒ d) Sei also h : N+ → X injektiv. Dann definieren wir g : X → N+ durch
(
n falls x ∈ h(N+ ) und h(n) = x
g(x) :=
1 sonst.
42
1.7 Endliche, unendliche, abzählbare und überabzählbare Mengen
Eine Folgerung von Satz 1.86 ist, dass jede überabzählbare Menge X mäch-
tiger ist als N+ : Es gibt eine injektive Funktion N+ → X, da X nicht höchs-
tens abzählbar und damit unendlich ist, es gibt aber keine bijektive Funktion
N+ → X.
Im folgenden Satz formulieren wir noch einige zur Endlichkeit von Mengen
äquivalente Eigenschaften. Dabei ist, für jedes n ∈ N+ , {1, . . . , n} := {k ∈
N+ : k ≤ n}.
Satz 1.87
Damit erhalten wir eine Folge von injektiven Funktionen (φn )n∈N+ mit der Eigenschaft, dass für
m > n die Funktionen φm und φn auf {1, . . . , n} übereinstimmen. Mit ψ(n) := φn (n) ist also eine
injektive Funktion N+ → X definiert. Nach Satz 1.86 ist X unendlich.
c) ⇒ e) Die Menge aller n ∈ N+ so, dass eine surjektive Abbildung {1, . . . , n} → X existiert,
ist also eine nicht-leere Teilmenge der natürlichen Zahlen. Diese hat ein kleinstes Element n0 . Sei
φ : {1, . . . , n} → X die laut Voraussetzung existierende surjektive Abbildung. Wir zeigen, dass φ in-
jektiv ist, und damit auch bijektiv.
Angenommen, es gäbe k1 , k2 ∈ {1, . . . , n0 } mit k1 6= k2 und φ(k1 ) = φ(k2 ). Dann definiert die
Funktion φ̂ : {1, . . . , n0 } \ {k2 } → X eine surjektive Funktion. Es ist eine leichte Übung, aus dieser
eine surjektive Funktion ψ : {1, . . . , n0 − 1} → X zu konstruieren, im Widerspruch zur Minimalität
von n0 .
e) ⇒ c) Sei n ∈ N und φ : {1, . . . , n} → X eine bijektive Abbildung. Hätte X eine zu X gleichmächtige
echte Teilmenge Y , so wäre φ−1 (Y ) eine zu {1, . . . , n} gleichmächtige echte Teilmenge und damit
{1, . . . , n} eine unendliche Menge. Wir haben aber schon festgestellt, dass {1, . . . , n} eine endliche
Menge ist.
43
1 Reelle und komplexe Zahlen
Das folgende Lemma ist ein Spezialfall des Satzes von Cantor-Bernstein-
Schröder.
Lemma 1.88
Eine Menge X ist genau dann abzählbar unendlich, wenn es eine injektive
Funktion X → N+ und eine injektive Funktion N+ → X gibt.
Satz 1.89
Beweis. Wenn wir zeigen können, dass die positiven rationalen Zahlen abzählbar
sind, dann gilt das auch für die negativen rationalen Zahlen, und damit auch
für Q.
Wir denken uns die Paare (m, n) mit m, n ∈ N+ rechteckig angeordnet und
zählen sie gemäß folgendem Schema ab:
44
1.8 Wurzeln
Es ist eine nette, aber nicht wichtige Übung, die zugehörige bijektive Funktion
f : N+ → N+ × N+ explizit hinzuschreiben. Damit sind also N+ und N+ × N+
gleichmächtig.
Nach Lemma 1.63 gibt es zu jeder positiven rationalen Zahl x genau ein
Paar (p, q) natürlicher Zahlen mit x = pq und so, dass p + q minimal ist. Dies
liefert uns eine injektive Abbildung g : {x ∈ Q : x > 0} → N+ × N+ . Damit ist
f −1 ◦ g : {x ∈ Q : x > 0} → N+ eine injektive Funktion.
Umgekehrt ist id : N+ → {x ∈ Q : x > 0}, id(n) = n natürlich injektiv.
Wir haben also injektive Funktionen f −1 ◦ g : {x ∈ Q : x > 0} → N+ und
id : N+ → {x ∈ Q : x > 0}, sodass N+ und {x ∈ Q : x > 0} gleichmächtig
sind.
Wir kommen nun zum Hauptresultat dieses Abschnitts, wonach so eine Kon-
struktion für die reellen Zahlen nicht möglich ist.
Satz 1.90
R ist überabzählbar.
Beweis. Sei f : N+ → R ein Funktion. Wir zeigen, dass f nicht surjektiv ist.
Sei I1 := [f (1) + 1, f (1) + 2]. Insbesondere ist I1 ein abgeschlossenes Intervall,
welches f (1) nicht enthält. Wir teilen I1 in drei gleich große Intervalle, I1 =
[f (1) + 33 , f (1) + 34 ] ∪ [f (1) + 43 , f (1) + 53 ] ∪ [f (1) + 35 , f (1) + 63 ]. Und stellen
fest, dass f (2) in maximal zwei dieser Intervalle liegen kann. Es gibt also ein
angeschlossenes Intervall I2 der Länge 13 , welches f (2) nicht enthält.
Wir fahren in dieser Weise fort und konstruieren zu jedem n ∈ N+ ein Intervall
In , welches in In−1 enthalten ist, Länge ( 31 )n−1 hat, und welches f (n) nicht
enthält. Nach dem Intervallschachtelungsprinzip, Satz 1.78, gibt es genau ein
z ∈ R mit ∀n ∈ N+ : z ∈ In . Die Zahl z kann aber nun nicht von der Form f (n)
für ein n ∈ N+ sein, sonst wäre ja z = f (n) ∈ R. Es gibt also ein Element von
R, nämlich z, welches kein Bild unter f ist, das heißt, f ist nicht surjektiv.
Wir haben im Beweis verwendet, dass für alle ε > 0 ein n ∈ N + existiert mit
3 < ε. Streng bewiesen wird das erst in Lemma 1.92 (dessen Beweis natürlich
1
1.8 Wurzeln
Mit Hilfe des Supremumprinzips kann man die Existenz n-ter Wurzeln aus nicht-
negativen Zahlen zeigen. Wir benötigen folgende Hilfsresultate.
Lemma 1.91
Beweis. Der Beweis ergibt sich aus den Hornerschen Regeln Lemma 1.61.
45
1 Reelle und komplexe Zahlen
Lemma 1.92
Für alle reellen Zahlen 0 < q < 1 und ε > 0 existiert n ∈ N0 mit 0 < q n < ε.
Satz 1.93
Für alle natürlichen Zahlen n ≥ 2 und alle reellen Zahlen a ≥ 0 hat die
Gleichung ξ n = a genau eine nichtnegative Lösung.
Beweis. Die Eindeutigkeit folgt aus Satz 1.54- 2. Für a = 0 setzen wir ξ = 0,
für a = 1 ist die Lösung ξ = 1. Wir betrachten zuerst den Fall a < 1. Mit
vollständiger Induktion zeigt man, daß an < a für alle natürlichen Zahlen n ≥ 2
gilt. Für 0 < x ≤ a folgt daher xn ≤ an < a. Somit muß die Lösung der Glei-
chung ξ n = a im Intervall (a, 1) liegen. Wir konstruieren nun mit vollständiger
Induktion eine Intervallschachtelung Ik = [ak , bk ] mit folgenden Eigenschaften
ank ≤ a ≤ bnk ,
(∗)
bk − ak = 2−k (b0 − a0 ), k ∈ N0 .
Für k = 0 setzen wir I0 = [a, 1]. Dann ist (∗) erfüllt. Es sei Ik mit der Eigenschaft
(∗) bereits konstruiert. Für m = 21 (ak + bk ) setzen wir
(
[ak , m], falls mn ≥ a,
Ik+1 =
[m, bk ], falls mn < a.
46
1.8 Wurzeln
Den Fall a > 1 führen wir mittels b = a1 auf den Fall a < 1 zurück. Es sei β > 0
die eindeutige Lösung der Gleichung β n = b und ξ = β1 . Dann gilt
1 1 1
ξ n = ( )n = n = = a.
β β b
Korollar 1.94
Beweis. Es genügt, den Fall a < 0 zu betrachten. Dann ist −a > 0 und die
˜ Setzt man
Gleichung xn = −a hat nach Satz 1.93 genau eine positive Lösung ξ.
˜ folgt
ξ = −ξ,
˜ n = (−1)n ξ˜n = (−1)n (−a) = −(−a) = a,
ξ n = (−ξ)
da n ungerade ist.
Bemerkung 1.96
1
1) Wegen Satz 1.93 gilt mit dieser Definition (a n )n = a für alle a ∈ R im
Fall n ungerade und für alle a ∈ R+ im Fall n gerade.
1
2) Ist n ∈ N0 gerade und a > 0, dann liefert a n eine positive Lösung
√
der Gleichung xn = a. Ist n gerade und a > 0, dann ist − n a eine wei-
tere Lösung der Gleichung xn = a. Dies wird durch die Kurzschreibwei-
√
se x1,2 = ± n a zum Ausdruck gebracht. Dies darf keinesfalls dahingehend
√ √
missverstanden werden, n a habe zweierlei Vorzeichen. Es gilt stets n x ≥ 0
für alle x ≥ 0 und n ∈ N0 . √
3)Ein
√ häufig auftretender Fehler ist es, x2 = x zu setzen. Richtig ist
2
x = |x|.
47
1 Reelle und komplexe Zahlen
4) Die Definition der n-ten Wurzel ist nicht einheitlich: viele Autoren defi-
√
nieren n a nur für a ≥ 0 für alle n ∈ N0 .
Korollar 1.97
1 1 1.54 1 1 1.93
a n < b n ⇔ (a n )n < (b n )n ⇔ a < b.
Es sei n ungerade und a < b < 0. Dies ist gleichwertig mit 0 < −b < −a. Aus dem eben Bewiesenen
folgt
1 1 1 1 1 1
0 < −b < −a ⇔ (−b) n < (−a) n ⇔ 0 < −b n < −a n ⇔ a n < b n < 0.
Die übrigen Fälle sind trivial.
Die Darstellung rationaler Zahlen durch Brüche ist nicht eindeutig. Gilt etwa
p = rs = uv > 0 d.h. rv = us für r, s, u, v ∈ N0 und setzt man für a > 0
1 1
x = (ar ) s , y = (au ) v , folgt
wegen der Eindeutigkeit der Wurzel gilt dann x = y. Beachtet man noch Korol-
1 1 1 1
lar 1.97-1 ergibt sich (a s )r = (ar ) s = (au ) v = (a v )u . Es kommt somit auf die
Reihenfolge des Potenzierens und Radizierens nicht an.
Somit ist folgende Definition sinnvoll:
1 1
0r := 0, ar := (ap ) q , a−r := .
ar
48
1.8 Wurzeln
1
Natürlich hätte man wegen Korollar 1.97. 1-(ii) auch (a q )p zur Definition von
a verwenden können. Man beachte, daß diese Definition für a < 0 nicht immer
r
Aus diesem Grunde wird häufig die n-te Wurzel nur für nicht negative reelle
Zahlen definiert.
i) ar as = ar+s ,
iii) ar br = (ab)r ,
ar
iv) a > 0 ⇒ as = ar−s ,
ar
v) b > 0 ⇒ br = ( ab )r .
Beweis. Wir beweisen nur die erste Regel. Wir betrachten vorerst den Fall r, s > 0, also r = pq , s = m
n
mit geeigneten natürlichen Zahlen p, q, n und m. Wegen r = np nq
und s = mqqn
kann man diesen Fall
auf Satz 1.54 zurückführen:
1 1 1 np+mq p
+m
ar as = (a nq )np (a nq )mq = (a nq )np+mq = a nq = aq n = ar+s .
Es sei nun rs < 0 und ohne Beschränkung der Allgemeinheit r < 0, s > 0, also r = − pq . Es folgt
1
as (a nq )mq 1
ar as = = 1 = (a nq )mq−np
a|r| (a nq )np
mq−pn m p
a nq = a n − q = as+r mq − pn ≥ 0,
= 1 1 1 r+s
1 = p− m = −(r+s) = a mq − pn < 0.
a
(a nq )pn−mq aq n
Schließlich betrachten wir noch den Fall rs > 0 und r < 0, und s < 0. Man erhält
1 1 1
ar as = = |r|+|s| = a−|r|−|s| = ar+s .
a|r| a|s| a
Satz 1.100
49
1 Reelle und komplexe Zahlen
1
Beweis. i) folgt aus 1.97 iv) und Satz 1.54 2.). Für den Nachweis von ii) beachte man ar = .
a|r|
Satz 1.101
i) ar < as ⇔ a > 1,
1.100 as
Beweis. i) Wegen s − r > 0 und 1s−r = 1 folgt a > 1 ⇔ as−r > 1 ⇔ ar
> 1 ⇔ as > ar . ii)
a < 1 ⇔ a1 > 1.
Definition 1.102
z + w := (a + c, b + d)
z · w = zw := (ac − bd, ad + bc).
C und R × R sind also als Mengen identisch, charakteristisch für C ist die durch
Addition und Multiplikation aufgeprägte algebraische Struktur.
Satz 1.103
Ersetzt man R durch C, 0 durch (0, 0), 1 durch (1, 0), dann sind die Axiome
A , M und D erfüllt. Das Tripel (C, +, ·) ist somit ein Körper.
−z = (−a, −b),
50
1.9 Komplexe Zahlen
Exemplarisch zeigen wir die Assoziativität der Multiplikation: Es sei x = (a, b),
y = (c, d) und z = (e, f ). Dann ist
x(yz) = (a, b)(ce − df, cf + de)
= (a(ce − df ) − b(cf + de), b(ce − df ) + a(cf + de))
= (ace − adf − bcf − bde, bce − bdf + acf + ade)
= (ac − bd, ad + bc)(e, f )
= (xy)z.
Der Rest des Beweises ist eine einfache Übung.
Die Sätze aus Abschnitt 2 sowie jene Resultate, welche nicht auf die Ordnung
in R Bezug nehmen, gelten daher auch in C. Für die Paare (a, 0), (b, 0) ∈ C gilt
(a, 0) + (b, 0) = (a + b, 0)
(a, 0) · (b, 0) = (ab, 0), −(a, 0) = (−a, 0), (a, 0)−1 = (a−1 , 0)
(für die letzte Beziehung setzen wir natürlich a 6= 0 voraus). Die Menge {(a, 0) : a ∈
R} ⊆ C bildet also einen Unterkörper von C, der dieselben arithmetischen Ei-
genschaften wie R besitzt. Man kann daher R und {(a, 0) : a ∈ R} identifizieren,
indem man jeder reellen Zahl a ∈ R das geordnete Paar (a, 0) zuordnet und
umgekehrt. Es ist somit sinnvoll, die komplexen Zahlen (a, 0) reell zu nennen
und man schreibt anstelle von (a, 0) kurz a.
Definition 1.104
Wegen
(0, 1)(0, 1) = (−1, 0) = −(1, 0)
folgt
i2 = −1,
somit ist die komplexe Zahl i Lösung von x2 + 1 = 0. Für b ∈ R folgt
ib = (0, 1)(b, 0) = (0, b).
Komplexe Zahlen dieser Form heißen imaginär. Wegen a, b ∈ R und
(a, b) = (a, 0) + (0, b) = a + ib.
kann jede komplexe Zahl (a, b) in der bequemeren Form a + ib geschrieben
werden.
Definition 1.105
Es sei z = a + ib ∈ C.
51
1 Reelle und komplexe Zahlen
Insbesondere ist eine komplexe Zahl genau dann gleich 0 = (0, 0), wenn ihr
Realteil und ihr Imaginärteil gleich 0 ist, was genau dann der Fall ist, wenn ihr
Betrag gleich 0 ist.
Wegen i2 = −1 < 0 ist es nicht möglich, auf C eine Ordnung zu definieren,
die den Axiomen O genügt. Es müßte dann nämlich x2 ≥ 0 für alle x ∈ C gelten
(vgl. Korollar 1.19). Die Ergebnisse aus Abschnitt 3 lassen sich daher nicht auf
C übertragen: Ungleichungen zwischen komplexen Zahlen sind sinnlos!
Die komplexen Zahlen lassen sich als Menge geordneter Paare in der Gaußschen
Zahlenebene veranschaulichen: Nach Wahl eines cartesischen Koordinatensys-
tems wird die komplexe Zahl z = x + iy durch den Punkt (x, y) dargestellt.
Die reellen Zahlen werden mit den Punkten der reellen Achse identifiziert. |z|
ist der Abstand des Punktes (x, y) von 0. Die Definition des Absolutbetrages
für komplexe Zahlen ist die natürliche Verallgemeinerung des Absolutbetrages
reeller Zahlen als deren Abstand von dem mit Null bezeichneten Punkt auf der
reellen Zahlengeraden.
Insbesondere stimmt der Betrag einer reellen Zahl x mit dem Betrag der
komplexen Zahl x + i · 0, mit der wir sie identifizieren, überein. Aus diesem
Grund ist es auch unproblematisch, dieselbe Notation für den Betrag reller und
komplexer Zahlen zu verwenden.
Imaginäre Achse
6
−z̄ r i
r
|z| z
-
1
Reelle Achse
−z r r z̄
Satz 1.106
Für z, w ∈ C gelten
52
1.9 Komplexe Zahlen
a) z + w = z̄ + w̄, d) Re z = 21 (z + z̄), Im z = 1
2i (z − z̄),
b) zw = z̄ · w̄, e) z = z̄ ⇔ z ∈ R,
c) z z̄ = |z|2 , f ) ( z1 ) = 1
z̄ falls z 6= 0.
Satz 1.107
Für z, w ∈ C gelten
Beweis. Für den Beweis von c) beachte man z w̄ = z̄w. Somit folgt
|z + w|2 = (z + w)(z + w) = z z̄ + z w̄ + wz̄ + ww̄
= |z|2 + 2 Re(z w̄) + |w|2
≤ |z|2 + 2|z w̄| + |w|2 = |z|2 + 2|z||w̄| + |w|2
= (|z| + |w|)2
53
1 Reelle und komplexe Zahlen
Sei nun b 6= 0. Dann ist |z|2 = a2 + b2 > a2 und daher |z| > |a|, sodass
|z|+a > 0 und |z|−a > 0. Warum ist das wichtig? Wir verwenden, dass x2 +y 2 =
|w|2 = |z|, sodass mit x2 − y 2 = a folgt 2x2 = |z| + a sowie
q−2y = a − |z|, also
2
az 2 + bz + c = 0 .
54
1.9 Komplexe Zahlen
zwei verschieden Lösungen genau dann, wenn q 6= 0, was genau dann der Fall
ist wenn 4q 6= 0 = p2 .
Falls q = 0 (⇔ c = 0), haben wir die Gleichung z 2 +pz = 0, also z ·(z +p) = 0,
sodass mit z1 = 0 jedenfalls eine Lösung gegeben ist. Die zweite Lösung ist
offenbar z2 = −p. Es ist z1 6= z2 genau dann, wenn p 6= 0, was genau dann der
Fall ist, wenn p2 6= 0 = 4q.
Seien schließlich p 6= 0 und q 6= 0.
p2 p2
z 2 + pz + q = 0 ⇔ z 2 + pz + − +q =0
4 4
p 2 p2
⇔ z+ − +q =0
2 4
p 2 p2
⇔ z+ = −q.
2 4
2
Wenn p4 = q, dann ist z + p2 , wir erhalten also die eindeutige Lösung also
z = − p2 .
2
Wenn p4 6= q, dann gibt es nach Satz 1.108 genau zwei komplexe Zahlen w1 , w2
2
mit wk2 = p4 − q, k ∈ {1, 2}. Dann erfüllen z1 = − p2 + w1 und z2 = − p2 + w2 die
2 2
Gleichung zk + p2 = p4 − q, und damit auch die Gleichung zk2 + pzk + q = 0,
k ∈ {1, 2}.
1. Wir betrachten die Rechnung bzw die Lösung im Beweis noch einmal.
Wir haben die Lösungen z1 = − p2 +w1 und z2 = − p2 +w2 , wobei w2 =
q
2
−w1 . Wenn wir anstelle von w1 schreiben p4 − q, dann erhalten wir
die bekannte „kleine Lösungsformel
r r
p p2 p p2
z1 = − + − q , z2 = − − −q,
2 4 2 4
bzw mit p = a−1 b und q = a−1 c nach kurzer Rechnung die große
Lösungsformel
√ √
−b + b2 − 4ac −b − b2 − 4ac
z1 = , z1 = .
2a 2a
Der Wurzelausdruck ist eben so zu interpretieren, dass man eine der
komplexen Wurzeln b2 − 4ac berechnet, egal welche.
55
1 Reelle und komplexe Zahlen
3. Da wir jede reelle Zahl als komplexe Zahl auffassen können, gilt die
Lösungsformel auch für reelle a, b, c. Man sieht aus der Lösungsformel,
dass die Lösungen genau dann wieder reelle Zahlen sind, wenn b2 ≥
4ac ist.
Andernfalls, also wenn b2 < 4ac, sind die Wurzeln aus b2 − 4ac, imagi-
näre Zahlen, sodass die beiden Lösungen z1 , z2 zueinander konjugiert
sind, also z2 = z1 erfüllen.
n n n
Beweis. Abkürzend schreiben wir α = |aj |2 , β = |bj |2 und γ = aj b¯j .
P P P
j=1 j=1 j=1
O.B.d.A. können wir β > 0 annehmen (die Ungleichung ist für β = 0 trivial,
und in diesem Fall gilt ∀j : bj = 0 · aj ). Es folgt
n
X n
X
0 ≤ |βaj − γbj | = (βaj − γbj )(βāj − γ̄ b¯j )
2
j=1 j=1
Xn
= (β 2 |aj |2 − βγ̄aj b¯j − βγbj āj + |γ|2 |bj |2 )
j=1
n
X n
X n
X n
X
= β 2 2
|aj | − βγ̄ aj b¯j − βγ bj a¯j + |γ| 2
|bj |2
j=1 j=1 j=1 j=1
Wegen Satz 1.18 und β > 0 folgt |γ|2 ≤ αβ. Dies ist die gewünschte Ungleichung.
Gleichheit tritt genau dann ein, wenn βaj = γbj für alle j = 1, . . . , n gilt. Wegen
β > 0 ist dies gleichbedeutend mit aj = βγ bj , j = 1, . . . , n.
Mit Hilfe der Ungleichung von Cauchy läßt sich die Dreicksungleichung 1.107-c)
erheblich verallgemeinern.
56
1.10 Bonus: Existenz und Eindeutigkeit der reellen Zahlen
Beweis. Es seien α, β und γ definiert wie im Beweis von 1.111 und es sei β > 0.
Es folgt
n
X
|aj + bj |2 = α + γ + γ̄ + β = α + 2 Re γ + β
j=1
≤ α + 2|γ| + β
1 1 1 1
≤ α + 2|α| 2 |β| 2 + β = (α 2 + β 2 )2 ,
wobei wir in der erste Ungleichung Satz 1.107, in der zweiten die Cauchy-
Schwarz-Bunjakowski-Ungleichung verwendet haben. Es gilt also (∗). Angenom-
men es gilt in (∗) Gleichheit. Dann muß auch
gelten. Aus |γ|2 = αβ folgt wegen β > 0 und 1.111 die Existenz von z ∈ C
mit aj = bj z, j = 1, . . . , n. Somit gilt γ = zβ, wegen |γ| = Re γ ergibt sich
schließlich Im γ = 0, somit z ∈ R und z ≥ 0. Umgekehrt rechnet man leicht
nach, daß die angegebenen Bedingungen hinreichend sind für die Gleichheit in
(∗).
57
1 Reelle und komplexe Zahlen
Definition 1.113
(i) A 6= ∅ und A 6= Q;
(iv) ∀a ∈ A ∀q ∈ Q : q < a ⇒ q ∈ A.
Die Idee hinter der Konstruktion mit Schnitten ist die, dass jede reelle Zahl
die rationalen Zahlen in zwei Teile teilt, nämlich in A, den Teil der rationalen
Zahlen, die kleiner als die gegebene reelle Zahl sind, und Q \ A, die Zahlen die
größer oder gleich sind. Eine reelle Zahl ist durch die beiden Teile eindeutig
beschrieben, es genügt sogar nur einer der Teile.
Die rationalen Zahlen sind auf natürliche Weise in S eingebettet: Zu q ∈ Q
können wir qS ∈ S durch qS := {r ∈ Q : r < q} definieren. Wir müssen uns jetzt
geeignete Rechenoperationen auf S überlegen, die auf den rationalen Zahlen mit
den dortigen Rechenoperationen übereinstimmen. Gesucht sind also Funktionen
+S : S × S → S und ·S : S × S → S mit
Wir definieren
A +S B := {a + b : a ∈ A, b ∈ B} .
Man überzeugt sich leicht, dass (S, ⊕) die Axiome (A ) erfüllt, wobei das neu-
trale Element durch 0S = {r ∈ Q : r < 0} gegeben ist. Dabei folgen die Asso-
ziativität und die Kommutativität von +S unmittelbar aus der entsprechenden
Eigenschaft der Addition auf Q.
58
1.10 Bonus: Existenz und Eindeutigkeit der reellen Zahlen
Wir zeigen, dass 0S tatsächlich ein neutrales Element bezüglich +S ist: Wenn
A ein Schnitt ist, dann ist A +S 0S = {a + b : a ∈ A, b ∈ 0S } = {a + b : a ∈
A, b ∈ Q, b < 0}. Wir müssen zeigen, dass A +S 0S = A. Die Inklusion ⊆ folgt
aus Eigenschaft (iv) des Schnittes A. Für die umgekehrte Inklusion ⊇ sei a ∈ A.
Laut Eigenschaft (iii) des Schnittes A gibt es ein b ∈ A mit a < b. Somit ist
c := a − b ∈ 0S , und damit a = b + (a − b) = b + c ∈ A +S 0S .
A ≤S B :⇔ A ⊆ B .
∀A ∈ S : A >S 0S :⇔ ¬(A ≤S 0S ) ⇔ 0 ∈ A .
A ·S B := {a · b : a ∈ A \ 0S , b ∈ B \ 0S } ∪ 0S ,
wir bilden also alle Produkte der nicht-negativen Elemente von A und
B und geben dann die negativen rationalen Zahlen wieder dazu, damit
Eigenschaft (iv) eines Schnittes erfüllt ist. Dabei kann es passieren, dass
{a · b : a ∈ A \ 0S , b ∈ B \ 0S } = ∅, was genau dann der Fall ist, wenn
A = 0S oder B = 0S , und in diesem Fall ist eben A ·S B := 0S .
59
1 Reelle und komplexe Zahlen
Ebenso kleinteilig ist es, die Axiome (D) und (O) für alle möglichen Fälle zu
überprüfen.
∀A ∈ A : A ≤S B (also ∀A ∈ A : A ⊆ B) .
Satz 1.114
60
1.10 Bonus: Existenz und Eindeutigkeit der reellen Zahlen
gilt
f (x + y) = f (x) ⊕ f (y)
f (x · y) = f (x) f (y)
x ≤ y ⇔ f (x) f (y).
Beweisskizze. Wir haben in den Abschnitten 1.4 und 1.5 die natürlichen, ganzen
und rationalen Zahlen N, Z, Q als Teilmengen von R definiert. Genauso gibt es
natürliche, ganze und rationale Zahlen Ñ , Z̃, Q̃ ⊆ R̃. Wir definieren f zunächst
der Reihe nach auf diesen Teilmengen:
• f (0R ) := 0R̃ , f (1R ) := 1R̃ und f ((n + 1)R ) := f (nR ) ⊕ 1R̃ für nR ≥ 1R . Mit
Induktion zeigt man die Vertauschbarkeit von f mit den Rechenoperatio-
nen, sowie dass f die Ordnung erhält. Weiters ist f bijektiv: Injektivität
folgt aus dem Erhalten der strikten Ordnung, Surjektivität wieder mit In-
duktion (0R̃ ist ein Bild eines Elements von NR , mit Induktion sind das
auch alle weiteren Elemente von NR̃ .
• f (n−1
R ) := f (nR ) , f ( nR ) = f (mR )f (nR ) , wobei dabei zu zeigen ist,
−1 mR −1
dass der Funktionswert nicht von der Darstellung des Bruchs abhängt.
Zusätzlich muss man wieder die Vertauschbarkeit von f mit den Rechen-
operationen zeigen, und dass f die Ordnung erhält.
Man sieht leicht, dass die Menge, über die das Supremum genommen wird, nicht-
leer und nach oben beschränkt ist. Nun muss man wieder zeigen, dass f bijektiv
und ordnungserhaltend ist, und mit den Rechenoperationen vertauschbar.
61
2 Folgen und Reihen
Im Mittelpunkt unseres Interesses steht zwar die reelle Analysis, um jedoch un-
nötige Wiederholungen zu vermeiden, werden die grundlegenden Eigenschaften
konvergenter Folgen und Reihen im Komplexen entwickelt. Wegen der Einbet-
tung von R in C kann man im Folgenden stets C durch R ersetzen, um die
entsprechende Aussage oder Definition für reelle Folgen zu erhalten.
Beispiel 2.2.
(1) xn = n1 : 1, 12 , 31 , . . .
(2) yn = in : i, −1, −i, 1, i, −1, . . .
(3) zn = n+1
n
: 1 2 3 4
2, 3, 4, 5, . . .
(4) wn = n2 : 1, 4, 9, 16, . . . .
Diese Folgen weisen ein recht unterschiedliches Verhalten auf: Die Glieder
xn werden immer kleiner, zn nähert sich immer mehr der Zahl 1, yn nimmt
abwechselnd die Werte i, −1, −i, 1 an und wn wächst über alle Grenzen. Wir
präzisieren nun die vage Formulierung, eine Folge nähere sich immer mehr einer
bestimmten Zahl z.
63
2 Folgen und Reihen
x4
x3
x2 xn
α
ε
x1
Abbildung 2.1: Eine Folge konvergiert genau dann, wenn für jedes ε > 0 alle
Folgenglieder ab einem Index N in der ε-Umgebung liegen
Definition 2.3
64
2.1 Konvergenz von Folgen
Bemerkung 2.4
(xn )n∈N+ konvergiert nicht gegen α ⇔ es gibt eine Teilfolge (xϕ(k) )k≥1 und
ε0 > 0 so, daß ∀k ∈ N+ : |xϕ(k) − α| ≥ ε0 .
Beweis. Nach Definition 2.3 gibt es zu jedem ε > 0 Indizes N1 und N2 , sodaß
Satz 2.6
|z − zn | = |(x − xn ) + i(y − yn )| ≤ |x − xn | + |y − yn |.
65
2 Folgen und Reihen
Satz 2.7
2) Es sei (xϕ(n) ) eine Teilfolge von (xn ). Für ein beliebig gewähltes ε > 0 gibt
es einen Index N , sodaß |xn − α| < ε für alle n ≥ N zutrifft. Als Übung beweise
der Leser, daß ϕ(n) ≥ n für alle n ∈ N+ gilt, falls ϕ : N+ → N+ streng monoton
wächst. Für n ≥ N gilt daher auch ϕ(n) ≥ ϕ(N ) ≥ N und somit |xϕ(n) −α| < ε,
d.h. limn→∞ xϕ(n) = α.
Satz 2.7 zeigt, daß die Folgen (yn ) und (wn ) in Beispiel 2.2 nicht konvergieren.
Wir beenden diesen Abschnitt mit der Berechnung einiger nützlicher Grenzwer-
te.
Beispiel 2.8.
i) limn→∞ 1
n = 0,
66
2.1 Konvergenz von Folgen
und folglich r
2
xn ≤ .
n
Für ε > 0 wählen wir N > 2
ε2
. Dann folgt für alle n ≥ N
r r
√
n 2 2
| n − 1| = xn ≤ ≤ < ε.
n N
v) Es sei |z| = 1 + x, x > 0, und p ∈ N+ , p > k. Für jedes n > 2p folgt aus der
Binomialentwicklung
n p n(n − 1) · · · (n − p + 1) p np xp
n
(1 + x) > x = x > p
p p! 2 p!
nk nk 2p p! 1 2p p! 1
= < < .
zn (1 + x)n xp np−k xp n
k p
Folglich ist | nz n | < ε, soferne n − 1 ≥ N > max{2p, 2xpp!ε }.
Bemerkung 2.9
Das letzte Beispiel bringt zum Ausdruck, daß für |z| > 1, z ∈ C, die Folge
(|z|n )n∈N+ schneller anwächst, als jede noch so große Potenz von n.
Satz 2.10
Beweis. (1) Die Behauptung ist trivial für z = 0. Es sei 0 < |z| < 1, also |z|
1
> 1.
Ersetzt man z in Beispiel Beispiel 2.8–(v) durch z und wählt k = 0, ergibt sich
1
die Behauptung.
(2) Es sei nun |z| ≥ 1 und z 6= 1. Dann ist auch |z|n ≥ 1 für alle n ∈ N+ . Wir
nehmen an, (z n )n∈N+ sei konvergent, d.h. es existiert α ∈ C mit limn→∞ z n = α.
67
2 Folgen und Reihen
Satz 2.11
68
2.2 Rechenregeln für konvergente Folgen
Es soll noch einmal betont werden, daß diese Regeln nur auf konvergente
Folgen angewendet werden dürfen. Es sei etwa zn = (−1)n und wn = (−1)n+1 .
Die Folgen (zn ) und (wn ) sind divergent, trotzdem existieren die Grenzwerte
Die vorletzte Gleichheit stützt sich auf Beispiel 2.8–(i), –(ii). Die zu Beginn
getroffene Annahme, die Folge sei konvergent, wird durch die angedeuteten Ar-
gumente gerechtfertigt.
Wir können nun auch den Beweis von Beispiel 2.8–(iii) zu Ende führen.
√
Beispiel 2.13. ∀a ∈ R+ \ {0} : limn→∞ n a = 1
Beweis. In Beispiel 2.8 wurde bereits der Fall a ≥ 1 erledigt. Es
qsei nun also
0 < a < 1. Dann ist a > 1 und wegen Beispiel 2.8 limn→∞ a1 = 1. Die
1 n
√
Behauptung folgt nun aus der Identität n a = nq1 1 und Satz 2.11.
a
Satz 2.14
i) Es sei (zn )n∈N+ ⊆ C eine Nullfolge, d.h. limn→∞ zn = 0, und (wn )n∈N+ ⊆
C beschränkt. Dann gilt limn→∞ zn wn = 0.
69
2 Folgen und Reihen
Beweis. Es sei ε > 0 und b > 0 so, daß |wn | ≤ b für alle n ∈ N+ . Da (zn ) eine
Nullfolge ist, gibt es einen Index N , sodaß |zn | < εb für alle n ≥ N gilt. Für
beliebiges n ≥ N folgt dann
Das nächste Resultat stellt sicher, daß sich Ungleichungen zwischen den Glie-
dern konvergenter Folgen auf deren Grenzwerte übertragen.
Satz 2.15
Es seien (xn )n∈N+ , (yn )n∈N+ reelle, konvergente Folgen und N0 ∈ N+ . Gilt
xn ≤ yn für alle n ≥ N0 , dann folgt limn→∞ xn ≤ limn→∞ yn .
Korollar 2.16
An Hand der Folge ( n1 )n∈N+ macht man sich klar, daß strikte Ungleichungen
beim Übergang zum Grenzwert nicht immer erhalten bleiben. Der Beweis des
folgenden Einschachtelungssatzes sei dem Leser als Übung überlassen.
Satz 2.17
Es seien (xn )n≥1 , (yn )n∈N+ reelle, konvergente Folgen mit limn→∞ xn =
limn→∞ yn . Gilt für eine weitere Folge (zn )n∈N+ ⊆ R xn ≤ zn ≤ yn , dann
ist (zn ) konvergent mit limn→∞ zn = limn→∞ xn .
70
2.3 Konvergenzkriterien
2.3 Konvergenzkriterien
Bisher können wir Konvergenz einer Folge nur untersuchen, wenn wir den Grenz-
wert der Folge bereits kennen. Meistens ist aber der Grenzwert nicht bekannt
und es ergibt sich die Frage, wie man aus Eigenschaften der Folgenglieder auf
Konvergenz der Folge schließen kann.
Jede beschränkte, monoton wachsende Folge (xn ) reeller Zahlen ist konver-
gent und es gilt
lim xn = sup{xn : n ∈ N+ } .
n→∞
Eine entsprechende Aussage gilt auch für beschränkte monoton fallende Fol-
gen.
Beweis. Es sei (xn )n∈N+ eine monoton wachsende, beschränkte Folge. Das Su-
premum Prinzip, Satz 1.70, sichert die Existenz von ξ = sup{xn : n ≥ 1}.
Wir behaupten: ξ = limn→∞ xn . Für beliebiges ε > 0 gibt es nach Satz 1.69
ein Folgenglied xN mit ξ − ε < xN ≤ ξ. Wegen der Monotonie folgt für alle
n > N : ξ − ε < xN ≤ xn ≤ ξ < ξ + ε, d.h. |ξ − xn | < ε.
Die entsprechende Aussage für eine monoton fallende Folge (yn )n∈N+ folgt
aus der für monoton steigende (man betrachtet einfach (−yn )n∈N+ und aus Satz
1.77 (iv).
Wegen Satz 2.7 konvergiert eine monotone Folge genau dann, wenn sie be-
schränkt ist. Ist eine Folge monoton wachsend, genügt eine obere Schranke für
den Nachweis der Beschränktheit, ist sie monoton fallend, dann der eine unteren
Schranke. Da die Konvergenz einer Folge und deren Grenzwert nicht durch eine
endliches Anfangsstück der Folge beeinflusst werden, ist das Monotoniekriteri-
um auch dann anwendbar, wenn die Folge erst ab einem Index n0 > 1 monoton
ist. Zur Illustration des Monotoniekriteriums betrachten wir folgende Beispiele:
x2n + 2
x1 = 2, xn+1 =
2xn
√
ist konvergent mit limn→∞ xn = 2.
Beweis. 1) Die Rekursion ist wohldefiniert: Da x1 > 0 ist, folgt induktiv xn > 0
für jedes n ∈ N+ .√Somit ist die Division durch xn gerechtfertigt.
2) ∀n ≥ 1 : xn > 2 : Mit Satz 1.27–(e) ergibt sich die Abschätzung
71
2 Folgen und Reihen
√ √
n ∈ N+ . Wir folgern xn+1 > 2, indem wir die√Annahme xn+1 √ = 2 auf einen
Wirderspruch führen. Wäre nämlich xn+1 = 2, dann wäre 2 2xn = x2n + 2
und damit √ √
0 = x2n + 2xn 2 + 2 = (xn − 2)2 ,
√
also xn = 2, der gewünschte Widerspruch.
3) ∀n ≥ 1 : xn+1 < xn , d.h. die Folge (xn )n≥2 ist strikt monoton fallend.
Es ist x2 = 32 < 2 = x1 . Es gelte nun xn < xn−1 . Die Ungleichung
x2n + 2 x2 + 2
xn+1 = < n−1 = xn
2xn 2xn−1
ist äquivalent zu
Dabei haben wir für die letzte Äquivalenz die Induktionsannahme xn < xn−1
verwendet. Die Gültigkeit der letzten Ungleichung ist eine Folge von 2). Die
Behauptung √ folgt nun mit Hilfe des Induktionsprinzips.
4) Wegen 2 < xn < x2 , n ≥ 3, ist (xn ) beschränkt, somit nach dem Mono-
toniekriterum
√ konvergent. Es sei α = limn xn . Wegen 2) und Satz 2.15 folgt
α ≥ 2. Mit Hilfe der Regeln Satz 2.11 berechnet man
α2 + 2
α= d.h. 2α2 = α2 + 2 und daher α2 = 2.
2α
√
Somit folgt α = limn xn = 2.
Mit nicht viel mehr Aufwand kann man beweisen, dass für a ∈ (0, ∞) die
2 +a √
rekursiv definierte Folge x1 = a, xn+1 = x2x
n
n
= x2n + 2xan gegen a konver-
giert. Das liefert ein praktisches Verfahren für das manuelle Wurzelziehen.
Mit etwas extra Arbeit sieht man, dass man anstelle von x1 = a auch jeden
anderen positiven Startwert nehmen kann.
Dieses Beispiel zeigt, daß man bei rekursiv definierten Folgen die Rekursionsvor-
schrift verwenden kann, um einen Kandidaten für den Grenzwert zu bestimmen.
Der Nachweis der Konvergenz ist meist der schwierigere Teil der Konvergenzun-
tersuchung.
72
2.3 Konvergenzkriterien
3. limn→∞ an = limn→∞ bn .
Der gemeinsame Grenzwert der beiden Folgen heißt Eulersche Zahl e. Es gilt
2 < e < 4.
Beweis. Für n > 1 schließen wir mit Hilfe der Bernoulli Ungleichung, Lemma
1.56,
an n + 1 n n −n n2 − 1 n 1 1 n−1
=( ) ( ) =( 2
) = (1 − 2 )n > 1 − = (∗)
bn−1 n n−1 n n n n
und
Die Konvergenz der Folgen ergibt sich aus Satz 2.18. Aus Satz 2.15 folgt
die beiden äußeren Ungleichungen sind strikt wegen der strikten Monotonie
von (an ) und (bn ). Wegen bn = (1 + n1 )an erhält man schließlich limn→∞ an =
limn→∞ bn .
73
2 Folgen und Reihen
Die Folge von IntervallenT(Jk )k≥0 bildet daher eine Intervallschachtelung, wel-
che eine reelle Zahl α ∈ Jk eindeutig bestimmt. Wegen α ∈ [ak , bk ], k ∈ N ,
folgt 0 ≤ |ak − α| ≤ bk − ak und mit Satz 2.17 weiter limk→∞ ak = α. Auf
gleiche Weise erhält man limk→∞ bk = α. Wir wählen nun einen Index ϕ(1),
sodaß xϕ(1) in J1 liegt. Da J2 unendlich viele Glieder der Folge enthält, können
wir ϕ(2) > ϕ(1) bestimmen, sodaß xϕ(2) in J2 liegt, u.s.w. Im n–ten Schritt
könnten wir zum Beispiel ϕ(n) = min{k ∈ N+ : xk ∈ Jn , k > ϕ(n − 1)}} wählen.
Wir erhalten auf diese Weise eine streng monoton wachsende Folge (ϕ(n))n∈N+ ,
die zugehörige Teilfolge (xϕ(n) )n∈N+ erfüllt dann
an ≤ xϕ(n) ≤ bn , n ∈ N+ .
Die Konvergenz von (xϕ(n) ) folgt nun aus Satz 2.17.
Fall 2: Es sei nun (zn )n∈N+ ⊆ C und beschränkt, d.h. es gibt b > 0 mit |zn | ≤ b,
n ∈ N+ . Ferner setzen wir zn = xn + iyn . Wegen max{|xn |, |yn |} ≤ |zn | (Satz
1.107(e)) sind auch die reellen Folgen (xn ) und (yn ) beschränkt. Somit gibt es
eine konvergente Teilfolge (xϕ(n) )n∈N+ von (xn ), ihr Grenzwert sei x. Weiters
enthält (yϕ(n) )n∈N+ eine konvergente Teilfolge (y(ψ◦ϕ)(n) )n∈N+ mit Grenzwert y.
Mit Hilfe der Sätze 2.6 und 2.7 folgern wir
lim z(ψ◦ϕ)(n) = lim (x(ψ◦ϕ)(n) + iy(ψ◦ϕ)(n) ) = x + iy.
n→∞ n→∞
Das Monotoniekriterium ist zwar, wie wir gesehen haben, recht bequem einzu-
setzen. Sein Anwendungsbereich ist allerdings auf eine doch recht spezielle Klas-
se reeller Folgen eingeschränkt. Das folgende Kriterium, das auf A. CAUCHY
(1789–1857) zurückgeht, erlaubt es, die Konvergenz beliebiger Folgen zu unter-
suchen. Dazu benötigen wir einen neuen, fundamentalen Begriff.
Definition 2.23
Anschaulich bedeutet diese Definition: Für jedes ε > 0, sei es auch noch so
klein, gibt es einen Index N ∈ N+ so, daß |zn − zm | < ε für alle n, m ≥ N gilt.
Satz 2.24
Beweis. Es sei limn→∞ zn = z und ε > 0. Dann gibt es einen Index N , sodaß
|z − zn | < 12 ε für alle n ≥ N gilt. Ist n ≥ N und m ≥ N , folgt
1 1
|zn − zm | ≤ |zn − z| + |zm − z| < ε + ε = ε.
2 2
74
2.4 Limes inferior und Limes superior
Eine komplexe Folge (zn )n∈N+ ist konvergent genau dann, wenn sie eine
Cauchy Folge ist.
Beweis. Die Notwendigkeit der Cauchy Bedingung (∗) für Konvergenz wurde
bereits in Satz 2.24 nachgewiesen. Wir zeigen nun, daß sie auch hinreichend ist.
Es sei also (zn )n∈N+ eine Cauchy Folge. Für ε = 1 gibt es dann einen Index
N ∈ N+ derart, daß |zn − zm | < 1 für alle n, m ≥ N zutrifft. Es folgt daher für
n≥N
|zn | ≤ |zn − zN | + |zN | < 1 + |zN |.
Somit ist (zn )n∈N+ beschränkt durch max{|z1 |, . . . , |zN −1 |, 1 + |zN |} und besitzt
nach dem Satz von Bolzano Weierstrass eine konvergente Teilfolge (zϕ(n) )n∈N+ .
Es sei z deren Grenzwert. Zu ε > 0 gibt es dann natürliche Zahlen N1 , N2 mit
der Eigenschaft
1
∀n, m ∈ N+ : (n ≥ N1 ∧ m ≥ N1 ) ⇒ |zn − zm | < ε
2
+ 1
∀n ∈ N : n ≥ N2 ⇒ |zϕ(n) − z| < ε.
2
Für N = max{N1 , N2 } ergibt sich nun für alle n ≥ N (man beachte, daß
ϕ(n) ≥ n, n ∈ N+ , als Folge der strengen Monotonie von ϕ gelten muß)
1 1
|zn − z| ≤ |zn − zϕ(n) | + |zϕ(n) − z| < ε + ε = ε.
2 2
Bemerkung 2.26
1.) Die Stärke des Cauchy Kriteriums ist seine Universalität: es ist auf jede
Folge (vorerst in C) anwendbar. Allerdings gibt es keinen Hinweis auf den
Grenzwert.
2.) Durch Negieren erhalten wir folgende Divergenzbedingung: (zn )n∈N+ ist
divergent genau dann, wenn
Eine Folge (zn ) ist also genau dann divergent, wenn es nach jedem Glied
der Folge weitere Folgenglieder gibt, deren Abstand voneinander größer als
eine feste Schranke ist.
75
2 Folgen und Reihen
Folge dienen kann. Da die Ordnung in R dabei eine wesentliche Rolle spielt,
ist dieser Abschnitt auf reelle Folgen beschränkt. Ausgangspunkt ist folgende
Beobachtung:
Betrachtet man für festes k ∈ N+ den k–ten „Folgenrest“ {xn : n ≥ k} einer
beschränkten, reellen Folge (xn )n∈N+ , so ist wegen {xn : n ≥ k + 1} ⊆ {xn : n ≥
k} und Satz 1.77 sup{xn : n ≥ k + 1} ≤ sup{xn : n ≥ k} und inf{xn : n ≥
k + 1} ≥ inf{xn : n ≥ k}. Mit Hilfe des Monotoniekriteriums Satz 2.18 beweist
diese Überlegung:
Lemma 2.27
Die Folge (sk )k≥1 ist monoton fallend, die Folge (tk )k≥1 ist monoton stei-
gend und beide Folgen sind konvergent.
Definition 2.28
Beispiel 2.29. Es sei (xn )n∈N+ definiert durch xn = (−1)n (1 + n1 ). Es folgt für
k ∈ N+
( (
1 + k1 k gerade 1
−(1 + k+1 ) k gerade
sk = tk =
1 + k+1 k ungerade
1 1
−(1 + k ) k ungerade.
Somit folgt
lim sup xn = 1 und lim inf xn = −1
n→∞ n→∞
Lemma 2.30
76
2.4 Limes inferior und Limes superior
Wir stellen nun eine handlichere Charakterisierung des Limes superior (Limes
inferior) bereit.
Satz 2.31
i) ∀ε > 0 : ∃N ∈ N+ : ∀n ∈ N+ : n ≥ N ⇒ xn < α + ε,
ii) ∀ε > 0 : {n ∈ N+ : xn > α − ε} ist unendlich.
i) ∀ε > 0 : ∃N ∈ N+ : ∀n ∈ N+ : n ≥ N ⇒ xn > β − ε,
ii) ∀ε > 0 : {n ∈ N+ : xn < β + ε} ist unendlich.
Bemerkung
∀N ∈ N+ : ∃n ≥ N : xn > α − ε .
Beweis von Satz 2.31. Wir führen den Beweis nur für die erste Behauptung.
Die Charakterisierung des Limes inferior verläuft analog und sei dem Leser als
Übung überlassen.
„⇒“ α = lim supn→∞ xn ist gleichwertig mit
∀ε > 0 ∃N ∈ N+ ∀k ∈ N+ : k ≥ N ⇒ |α − sup{xn : n ≥ k}| < ε. (∗)
Daraus folgt für k ≥ N
xk ≤ sup{xn : n ≥ N } < α + ε,
d.h. es gilt i). Wir ziehen nun eine weitere Folgerung aus (∗):
∀k ≥ N : sup{xn : n ≥ k} > α − ε.
Insbesondere gilt dies für k = N . Nach Satz II-1.69 existiert somit ein Index
ϕ(1) ∈ N+ , sodaß ϕ(1) ≥ N und xϕ(1) > α − ε. Setzen wir k = ϕ(1) + 1, so
können wir auf die Existenz von ϕ(2) ∈ N+ schließen mit ϕ(2) > ϕ(1) ≥ N
und xϕ(2) > α − ε. Induktiv fortfahrend ergibt sich die Existenz einer streng
monoton wachsenden Funktion ϕ : N+ → N+ und einer zugehörigen Teilfolge
(xϕ(n) )n∈N+ , sodaß xϕ(n) > α − ε für alle n ∈ N+ zutrifft, d.h. es ist auch die
Bedingung ii) erfüllt.
„⇐“ Umgekehrt erfülle nun α ∈ R die Bedingungen i) und ii). Wir zeigen die
zu (∗) gleichwertige Aussage (wir ersetzen dabei ε durch 2ε)
∀ε > 0 : ∃N ∈ N+ : ∀k ∈ N+ : k ≥ N ⇒ α − 2ε < sup{xn : n ≥ k} < α + 2ε.
(∗∗)
77
2 Folgen und Reihen
Es sei ε > 0 beliebig gewählt und N durch die Bedingung i) festgelegt. Aus
Lemma 2.27 ergibt sich für alle k ≥ N
Aus der Bedingung ii) schließen wir, daß es zu jedem k ≥ N einen Index m ≥ k
gibt mit xm > α − ε. Somit gilt auch für alle k ≥ N
Bemerkung 2.32
Läßt man in Satz 2.31 ε eine Nullfolge durchlaufen, kann man auf die Exis-
tenz einer Teilfolge (xϕ(n) )n∈N+ schließen mit
Es gibt also eine Teilfolge von (xn )n∈N+ , die gegen den Limes superior kon-
vergiert und analog eine im Allgemeinen verschiedene Teilfolge von (yn )n≥1 ,
welche gegen den Limes inferior konvergiert. Wir verschärfen nun diese Be-
obachtung.
Korollar 2.33
(Die Elemente von L nennt man Häufungspunkte der Folge (xn )n∈N+ .)
Es sei ξ > lim supn→∞ xn =: α. Angenommen es gibt eine Teilfolge (xϕ(n) )n∈N+
von (xn ) mit limn→∞ xϕ(n) = ξ. Für ε = 12 (ξ − α) gibt es dann einen Index N ,
sodaß für alle n ≥ N auch
xϕ(n) ≥ ξ − ε = α + ε
zutrifft. Dies ist ein Widerspruch zu Bedingung i) in Satz 2.31–(1). Eine analoge
Überlegung gilt auch für den Limes inferior.
78
2.4 Limes inferior und Limes superior
Mit Hilfe des Korollar 2.33 läßt sich nun leicht folgendes Konvergenzkriterium
beweisen:
Satz 2.34
Eine beschränkte reelle Folge (xn )n∈N+ ist konvergent genau dann, wenn
lim supn→∞ xn = lim inf n→∞ xn . Im Falle der Konvergenz von (xn ) gilt
limn→∞ xn = lim supn→∞ xn .
Beweis. Der Beweis dieser Behauptung folgt aus Satz 2.7, Bemerkung 2.32 und
Korollar 2.33.
Wir zeigen nun, daß für den Limes superior und den Limes inferior ähnliche
Rechenregeln gelten, wie für den gewöhnlichen Limes.
Satz 2.35
sup{an : n ≥ k} ≤ sup{bn : n ≥ k}
inf{an : n ≥ k} ≤ inf{bn : n ≥ k}
Satz 2.36
Es seien (an )n∈N+ , (bn )n∈N+ beschränkte, reelle Folgen. Dann gelten
(ii) lim inf n→∞ an + lim inf n→∞ bn ≤ lim inf n→∞ (an + bn )
(iii) lim inf n→∞ (an + bn ) ≤ lim inf n→∞ an + lim supn→∞ bn
≤ lim supn→∞ (an + bn )
Beweis. ii) Da die Folge (an + bn ) beschränkt ist, gibt es nach Korollar 2.33 eine
konvergente Teilfolge (aϕ(n) + bϕ(n) )n∈N+ mit
79
2 Folgen und Reihen
Man beachte, daß die Teilfolgen (aϕ(n) ) und (bϕ(n) ) selbst nicht konvergent sein
müssen. Wir wählen daher aus (aϕ(n) ) eine konvergente Teilfolge (a(ψ◦ϕ)(n) ) und
aus (b(ψ◦ϕ)(n) ) eine konvergente Teilfolge (b(χ◦ψ◦ϕ)(n) ) aus. Es sei ν = χ ◦ ψ ◦ ϕ.
Dann sind die Folgen (aν(n) ), (bν(n) ) und (aν(n) + bν(n) ) konvergent und es folgt
lim inf (an +bn ) = lim (aν(n) +bν(n) ) = lim aν(n) + lim bν(n) ≥ lim inf an +lim inf bn .
n→∞ n→∞ n→∞ n→∞ n→∞ n→∞
i) Analog.
iii) Wir beweisen nur die Ungleichung
Nach Korollar 2.33 gibt es eine Teilfolge (bϕ(n) )n∈N+ von (bn )n∈N+ mit limn→∞ bϕ(n) =
lim supn→∞ bn . Nach dem Satz von Bolzano-Weierstrass gibt es eine konvergente
Teilfolge (a(ψ◦ϕ)(n) )n∈N+ von (aϕ(n) )n∈N+ . Damit ist
Der Beweis von lim inf n→∞ (an + bn ) ≤ lim inf n→∞ an + lim supn→∞ bn und der
beiden restlichen Behauptungen sei dem Leser als Übung überlassen.
Satz 2.37
√
Beweis. Wir zeigen nur die Ungleichung lim inf n→∞ an+1 an ≤ lim inf n→∞
n
an .
Der Beweis der letzten Ungleichung in (∗) verläuft analog, die mittlere wurde
bereits in Lemma 2.30 bewiesen.
Es sei lim inf n→∞ an+1
an = α ≥ 0. Ist α = 0, gibt es nichts zu beweisen. Es
sei also α > 0. Zu ε > 0 gibt es nach Satz 2.31 einen Index N ∈ N+ , sodaß
an+1
an > α − ε > 0 für alle n ≥ N zutrifft. Eine einfache Induktion zeigt dann die
Gültigkeit von
n−1
an Y ai+1
= > (α − ε)n−N
aN ai
i=N
80
2.5 Uneigentliche Grenzwerte
d.h. von
an > (α − ε)n−N aN
für alle n > N . Es folgt für α − ε > 0
√
q
n
n
an > (α − ε) aN (α − ε)−N , n > N.
Mit Hilfe der Sätze 2.35, 2.36, 2.34 und Beispiel 2.8-iii) ergibt sich
√
q
n
lim inf an ≥ (α − ε) lim inf aN (α − ε)−N
n
n→∞ n→∞
q
n
= (α − ε) lim aN (α − ε)−N = α − ε.
n→∞
√
Da ε > 0 beliebig wählbar war, folgt lim inf n→∞ n an ≥ α = lim inf n→∞ an+1 an .
Existiert limn→∞ an+1
an so gilt in (∗) nach Satz 2.34 überall die Gleichheit, daraus
folgt die Behauptung.
n
Beispiel 2.38. Die Folge (an )n∈N+ sei definiert durch an = nn! . Es folgt an+1
an =
an+1
(1 + n ) und mit Beispiel 2.21 ergibt sich limn→∞ an = e. Mit Satz 2.37
1 n
√
schließen wir dann limn→∞ n an = limn→∞ √ n
n
= e.
n!
Definition 2.39
i) x + ∞ = ∞ + x = x − (−∞) = ∞,
x + (−∞) = −∞ + x = x − ∞ = −∞.
x < 0: ∞ · x = x · ∞ = −∞
(−∞) · x = x · (−∞) = ∞
81
2 Folgen und Reihen
Definition 2.40
Bemerkung 2.41
Die Definition eines Intervalls 1.29 kann in offensichtlicher Weise auf R̄ über-
tragen werden: Für a ∈ R definieren wir
entsprechend definiert man [a, ∞], [−∞, a), [−∞, a], und natürlich [−∞, ∞] :=
R̄.
Definition 2.42
∀ξ ∈ R : ∃N : ∀n ∈ N+ : n ≥ N ⇒ xn > ξ.
∀ξ ∈ R : ∃N : ∀n ∈ N+ : n ≥ N ⇒ xn < ξ.
82
2.6 Bonus: Doppelfolgen
Satz 2.43
Man kann sich leicht davon überzeugen, daß den Regeln für das „Rechnen“
mit den Symbolen ∞, −∞ aus Definition 2.39 den Regeln für die Grenzwerte
von Folgen in R̄ entsprechen, welche nach ∞ bzw. −∞ divergieren. Es seien
etwa (xn )n∈N+ ⊆ R̄ und (yn )n∈N+ ⊆ R̄ beide divergent nach ∞. Es folgt, daß
auch die Folge (xn + yn )n∈N+ gegen ∞ divergiert. Auf analoge Weise können
auch die übrigen Regeln in Definition 2.39 interpretiert werden. Divergieren die
Folgen (xn ) und (yn ) gegen ∞, so können die Folgen (xn − yn ), ( xynn ) ein recht
unterschiedliches Verhalten aufweisen:
Beispiel 2.44.
√ √
i) xn = n + 1 − n, limn→∞ xn = 0
ii) yn = n − n2 , limn→∞ yn = −∞
iii) zn = nn2 , limn→∞ zn = 0
iv) wn = 1+2+···+n
n2
, limn→∞ wn = 21
Definition 2.45
Man überzeuge sich davon, daß sich die Resultate aus Abschnitt 2.4 auch auf
Folgen in R̄ übertragen lassen.
83
2 Folgen und Reihen
Definition 2.46
Ein großer Teil der elementaren Theorie der Konvergenz einfacher Folgen läßt
sich ohne große Änderungen auf Doppelfolgen übertragen. Wir beschränken uns
daher auf die Darstellung einiger charakteristischer Unterschiede. Vorerst legen
wir jedoch fest, was wir unter dem Grenzwert einer Doppelfolge verstehen:
Definition 2.47
Die Eindeutigkeit des Grenzwertes, falls er existiert, läßt sich genauso wie in
Satz 2.5 zeigen. Ebenso lassen sich die Rechenregeln für konvergente Folgen aus
Abschnitt 2.1 auf Doppelfolgen übertragen. Es gilt auch ein Cauchy-Kriterium,
welches wir ohne Beweis (welcher eine gute Übung darstellt) notieren:
Satz 2.48
Eine Doppelfolge (xn,m )n,m≥1 ⊆ C ist genau dann konvergent, wenn sie eine
Cauchy-Folge ist, d.h. wenn
Oft ordnet man die Glieder einer Doppelfolge (xn,m ) in einem Rechteckschema
an,
x1,1 x1,2 . . . x1,m . . . −→ ξ1
x2,1 x2,2 . . . x2,m . . . −→ ξ2
.. .. .. ..
. . . .
xn,1 xn,2 . . . xn,m . . . −→ ξn
..
↓ ↓ ↓ .
η1 η2 ... ηm . . .
und nennt den ersten Index von xn,m entsprechend Zeilenindex, den zweiten In-
dex Spaltenindex. Es wird deutlich, daß man (xn,m ) zumindest auf zwei Weisen
als Folge von Folgen betrachten kann: Einerseits kann man die Folgen in den
Zeilen des obigen Schemas betrachten. Falls diese Folgen konvergieren, für alle
n ∈ N+ sei etwa limm→∞ xn,m = ξn , dann kann man auch die Folge (ξn )n≥1 auf
Konvergenz untersuchen. Es existiere ξ = limn→∞ ξn , ξ ist dann gegeben durch
ξ = lim ( lim xn,m )
n→∞ m→∞
84
2.6 Bonus: Doppelfolgen
Einer Doppelfolge (xn,m ) kann man also auf natürliche Weise drei charakte-
ristische Größen zuordnen: Ihren Grenzwert x = limn,m→∞ xn,m , den man der
Deutlichkeit halber manchmal auch als Doppellimes bezeichnet, und die beiden
iterierten Grenzwerte. Natürlich stellt sich die Frage, wie diese Größen zusam-
menhängen. Wir demonstrieren an einem Beispiel, daß ohne Zusatzbedingung
kein Zusammenhang zu erwarten ist.
Satz 2.50
Beweis. Aus der Existenz des Doppellimes x schließen wir für jedes ε > 0 auf
einen Index N , sodaß |xn,m − x| < ε für alle n, m ≥ N gilt. Nach Korollar 2.16
kann man in dieser Ungleichung den Grenzübergang m → ∞ durchführen und
erhält für alle n ≥ N
|ξn − x| ≤ ε,
d.h.
lim ξn = lim ( lim xn,m ) = x.
n→∞ n→∞ m→∞
85
2 Folgen und Reihen
Dieser Satz zeigt, daß bei einer konvergenten Doppelfolge die iterierten Limi-
ten nur dann nicht existieren können, wenn die entsprechenden „inneren“ Limi-
ten nicht existieren. Genauer gilt
Korollar 2.51
Wir untersuchen nun das letzte Beispiel in 2.49 etwas genauer: Für jedes n
betrachten wir die Zeilenfolge m 7→ xn,m . Es gilt limm→∞ xn,m = n1 , denn
|xn,m − n1 | = m1
. Zu einem beliebigen ε > 0 wählen wir N0 ∈ N+ mit N0 > 1ε .
Für alle n ∈ N+ folgt dann |xn,m − n1 | = m
1
< N10 < ε soferne m ≥ N0 . Wir erken-
nen, daß für jede Zeilenfolge derselbe Index N0 gewählt werden kann, um den
Approximationsfehler unter eine vorgegebene Toleranzgrenze zu drücken. Die
Möglichkeit einer gleichmäßigen Wahl von N0 erlaubt es auch, aus der Existenz
eines der iterierten Limiten auf den im allgemeinen komplizierter zu berechnen-
den Doppellimes zu schließen.
Definition 2.52
Lemma 2.53
Beweis. Wegen der Existenz des Doppellimes x = limn,m→∞ xn,m existiert für
alle ε > 0 ein Index N0 , sodaß für alle n, m ≥ N0
86
2.6 Bonus: Doppelfolgen
|ξn − x| ≤ ε.
|xn,m − ξn | < ε
Dieses Lemma zeigt, daß unter der Voraussetzung der Existenz der Zeilenlimi-
ten, die Gleichmäßigkeit ihrer Konvergenz eine notwendige Bedingung für die
Existenz des Doppellimes ist. Im folgenden Satz wird gezeigt, daß umgekehrt
diese Bedingung die Vertauschbarkeit von Zeilen– und Spaltenlimes sicherstellt.
einer komplexen Doppelfolge (xn,m )n,m≥1 und ist die Konvergenz mindes-
tens einer der beiden Familien von Folgen gleichmäßig, so existieren sowohl
beide iterierte Grenzwerte, als auch der Doppellimes und es gilt
Beweis. Wir nehmen an, die Konvergenz der Zeilenfolgen (xn,m )m≥1 , n ∈ N+ ,
gegen ξn sei gleichmäßig, d.h. für jedes ε > 0 gibt es einen Index N , sodaß für
alle m ≥ N
|xn,m − ξn | < ε
für alle n ∈ N+ gilt. Wir zeigen, daß die Folge (ξn )n≥1 eine Cauchy-Folge ist.
Wir wählen einen festen Index q ≥ N . Da nach Voraussetzung auch die Spal-
tenfolge (xn,q )n≥1 konvergiert, also eine Cauchy-Folge ist, gibt es zu dem bereits
gewählten ε einen weiteren Index K = K(ε, q) ≥ N , sodaß |xr,q − xs,q | < ε für
alle r, s ≥ K gilt. Somit folgt für r, s ≥ K(ε, q)
Die Folge (ξn )n≥1 ist also eine Cauchy-Folge und somit konvergent:
87
2 Folgen und Reihen
Es existiert also der zeileniterierte Limes. Wir zeigen nun die Existenz des Dop-
pellimes. Wegen der Konvergenz von (ξn ) gibt es zu jedem ε > 0 einen In-
dex M (ε), sodaß |x − ξn | < ε für alle n ≥ M (ε) zutrifft. Setzt man Ñ (ε) =
max{M (ε), N (ε)} ergibt sich für n, m ≥ Ñ (ε)
|xn,m − x| ≤ |xn,m − ξn | + |ξn − x| < 2ε,
d.h.
lim xn,m = x.
n,m→∞
Die Existenz des spalteniterierten Grenzwertes und dessen Gleichheit mit dem
Doppellimes folgt aus Satz 2.50.
2.7 Reihen
Das Paradoxon des Zenon von Elea (495 – 435 [Link].): Ein Läufer, der eine
konstante Geschwindigkeit einhält, kann niemals das Ende der Rennbahn errei-
chen. Zenon argumentiert, der Läufer müsse ja zuerst die Hälfte der Strecke,
dann die Hälfte der zweiten Hälfte, dann die Hälfte des verbleibenden Viertels,
u.s.w, zurücklegen. Der Läufer muß also unendlich viele Teilstrecken durchlau-
fen, für welche er jeweils eine bestimmte Zeit benötigt. Somit kann der Läufer
sein Ziel nie erreichen.
Nehmen wir an, der Läufer benötige für die erste Hälfte der Rennstrecke gera-
de eine Zeiteinheit. Das Durchlaufen des nächsten Viertels erfordert eine weitere
halbe Zeiteinheit, das anschließende Achtel der Strecke wird in der nächsten vier-
tel Zeiteinheit zurückgelegt. Die Bewältigung der ersten n Teilstrecken erfordert
also
1 1 1
tn = 1 + + ( )2 + · · · + ( )n−1
2 2 2
Zeiteinheiten. Zenon, der den Begriff des Grenzwertes noch nicht kannte, war
also offensichtlich der Ansicht, die „Addition“ unendlich vieler Zeitintervalle,
auch wenn diese immer kleiner werden, müsse eine unendlich große Zeitspanne
ergeben. Wir können das Paradoxon klären, da wegen Lemma 1.61 die Laufzeit
für n Teilstrecken durch
1
tn = 2 − ( )n−1
2
gegeben ist und somit die Gesamtlaufzeit T = limn→∞ tn = 2 Zeiteinheiten
beträgt. Dieses Beispiel zeigt auch, wie das Aufsummieren von „unendlich“ vielen
Summanden präzisiert werden kann.
Definition 2.55
88
2.7 Reihen
P∞
iii) heißt konvergent
k=1 ak P∞ :⇔ (SnP )n≥1 ist konvergent. α heißt Sum-
me (Grenzwert) von k=1 ak , α = ∞ k=1 ak :⇔ α = limn→∞ Sn .
P∞ P∞
iv) k=1 ak heißt divergente Reihe, wenn k=1 ak nicht konvergent ist.
Wir stellen fest, daß das Symbol ∞ n=1 an eine zweifache Bedeutung besitzt:
P
Es bezeichnet einerseits die unendliche Reihe und andererseits,
P∞ im Falle der Kon-
vergenz, auch deren Grenzwert. Insbesondere meint n=1 an = α mit α ∈ C,
dass die Reihe konvergent ist und ihr Grenzwert gleich α. Wir betonen nach-
drücklich, daß die Summe einer konvergenten Reihe nicht als Ergebnis simul-
tanen Aufsummierens unendlich vieler Summanden zu verstehen ist, sondern
durch den Grenzwert der Folge der Partialsummen bestimmt ist. Die Reihen-
folge der Reihenglieder geht also ganz wesentlich in die Definition der Summe
einer Reihe ein (der Wert jeder einzelnen Partialsumme ist natürlich unabhän-
gig von der Reihenfolge ihrer Summanden). Wir können somit viele Ergebnisse
für Folgen unmittelbar auf Reihen übertragen.
Beweis. Nach Satz 2.25 konvergiert ∞ n=1 ak genau dann, wenn (Sn )n≥1 , Sn =
P
n
k=1 ak , eine Cauchyfolge ist, d.h. wenn für jedes ε > 0 ein Index N existiert,
P
sodaß für alle n, m ≥ N und n ≥ m
n
X m
X n
X
|Sn − Sm | = ak − ak = ak < ε
k=1 k=1 k=m+1
zutrifft.
Bemerkung 2.57
Führt man in (∗) den Grenzübergang n → ∞ durch, ergibt sich eine not-
wendige Konvergenzbedingung:
∞
X ∞
X
an ist konvergent ⇒ ∀ε > 0 : ∃N ∈ N+ : ∀m ≥ N : ak < ε.
n=1 k=m+1
Implizit
P∞ enthält die rechte Seite natürlich die Aussage, dass der Reihenrest
k=m+1 ak konvergiert.
89
2 Folgen und Reihen
Korollar 2.58
P∞
Es sei (an )n≥1 ⊆ C. Wenn n=1 an konvergiert, dann gilt limn→∞ an = 0.
Beweis. Wir setzen n = m + 1 im Beweis von Satz 2.56 und erhalten für m > N
Beweis. Es ist
∞
X 1 1 1 1 1 1 1 1
= 1 + + + + + + + + ...
n 2 3 4 5 6 7 8
n=1
1 1 1 1 1 1 1
≥1+ + + + + + + + ...
2 4 4 8 8 8 8
1 1 1 1 1 1
= 1 + + 2 · + 4 · + ... = 1 + + + + ...,
2 4 8 2 2 2
womit man die Divergenz bereits sieht.
PWir
n
machen aus dieser Beobachtung noch einen formalen Beweis: Es sei Sn =
k=1 k , n ∈ N . Wir zeigen
1 +
1
∀n ∈ N+ : S2n ≥ (n + 2), (∗)
2
somit ist (Sn )n≥1 unbeschränkt und daher divergent. Den Nachweis von (∗)
führen wir mit Hilfe vollständiger Induktion. Es ist S21 = 32 . Mit Hilfe von
S2n ≥ 21 (n + 2) schätzen wir S2n+1 folgendermaßen ab
n+1
2X 2X n+1
1 1
S2n+1 = S2n + ≥ (n + 2) + 2−n−1
k 2
k=2n +1 n
k=2 +1
1
= (n + 2) + 2−n−1 (2n+1 − (2n + 1) + 1)
2
1 1 1
= (n + 2) + = (n + 3).
2 2 2
Damit ist die Behauptung gezeigt.
Da (Sn ) monoton wächst, können wir der Reihe ∞ n=1 n den uneigentlichen
1
P
Grenzwert ∞ zuweisen. Das Beispiel der harmonischen Reihe zeigt, daß die
notwendige Konvergenzbedingung aus Korollar 2.58 nicht hinreichend ist.
90
2.8 Reelle Reihen mit nicht negativen Gliedern
Beweis. Nach Lemma 1.61 ist die n-te Partialsumme gegeben durch
n
X 1 − z n+1
Sn = zk = .
1−z
k=0
Ist |z| < 1, folgt weiter aus den Sätzen 2.10 und 2.11
1 − limn z n 1
lim Sn = = .
n 1−z 1−z
Für |z| ≥ 1 ist |z n | ≥ 1. Somit ist nach Korollar 2.58 ∞ k=0 z divergent.
n
P
Satz 2.61
P∞ P∞
Es seien n=1 an , n=1 bn konvergente Reihen
Pmit komplexenP∞Gliedern
und c ∈ C. Dann konvergieren auch die Reihen ∞ n=1 can und n=1 (an +
bn ). Ferner gilt
P∞ P∞
i) n=1 can = c n=1 an ,
P∞ P∞ P∞
ii) n=1 (an + bn ) = n=1 an + n=1 bn .
91
2 Folgen und Reihen
Satz 2.62
Beweis. Bezeichnen wir mit Sn = nk=1 ak und Tn = nk=1 |ak |, folgt die Be-
P P
hauptung mit Hilfe der Dreiecksungleichung (es sei n > m)
n
X n
X
|Sn − Sm | = ak ≤ |ak | = |Tn − Tm |,
k=m+1 k=m+1
Satz 2.63
Beweis. Wegen (an ) ⊆ R+ ist die Folge (Sn ) monoton wachsend, d.h. für alle
n ∈ N+ gilt Sn ≤ Sn+1 . Die Behauptung folgt nun aus dem Monotoniekriterium
Satz 2.18.
Es seien (an )n≥1 , (bn )n≥1 , reelle Folgen und es gelte 0 ≤ an ≤ bn für alle
n ∈ N+ . Dann folgt
P∞
⇒ ∞
P
i) n=1 bn ist konvergent P n=1 an ist konvergent.
∞
Man
P∞ nennt die Reihe n=1 bn eine konvergente Majorante für
n=1 an .
P∞
⇒ ∞
P
ii) n=1 an ist divergentP n=1 bn ist divergent.
Man nennt die Reihe n=1 an eine divergente Minorante ∞
∞ P
n=1 bn .
P∞
Beweis.
P∞ Wir bezeichnen die n-ten Partialsummen von k=1 ak mit An und von
k=1 bk mit Bn . Es folgt
n
X n
X
An = ak ≤ bk = Bn . (∗)
k=1 k=1
Beide Folgen (An ) und (Bn ) sind monoton wachsend. Konvergiert die Reihe
∞
k=1 bk so ist die Folge
P∞ (Bn ) und folglich auch (An ) beschränkt. Daraus folgt
P
P∞
die Konvergenz von k=1 ak mit Satz 2.18. Ist die Reihe k=1 ak divergent, so
ist die Folge (An ) und wegen (∗) auch (Bn ) unbeschränkt. Die Reihe ∞
P
k=1 kb
ist somit divergent.
92
2.8 Reelle Reihen mit nicht negativen Gliedern
Bemerkung 2.65
(an )n∈N+ eine monoton fallende Folge nicht negativer Zahlen. Die
Es sei P
∞
P∞ n n=1 an konvergiert genau dann, wenn die „verdichtete“ Reihe
Reihe
n=0 2 a2n konvergiert.
P∞
Beweis. Wir nehmen zuerst an, es konvergiere die Reihe n=1 an . Wegen an+1 ≤
an , n ∈ N+ , ergibt sich für m ∈ N+
m
1X n 1
2 a2n = a1 + a2 + 2a4 + 4a8 + · · · + 2m−1 a2m
2 2
n=0
≤ a1 + a2 + (a3 + a4 ) + (a5 + a6 + a7 + a8 ) + · · · +
∞
X
+ (a2m−1 +1 + a2m−1 +2 + · · · + a2 ) ≤
m an .
n=1
Mit Hilfe
P des nMonotoniekriteriums ergibt sich die P Konvergenz der verdichteten
Reihe ∞ n=0 2 a2 n . Es konvergiere nun die Reihe
∞
n=0 2 a2n . Für m ∈ N sei
n +
P∈
k N so gewählt, daß 2 > m gilt. Es folgt für die m-te Partialsumme von
+ k
∞
n=1 an
m
X
an ≤ a1 + (a2 + a3 ) + (a4 + a5 + a6 + a7 ) + . . .
n=1
+ (a2k + a2k +1 + · · · + a2k+1 −1 )
∞
X
≤ a1 + 2a2 + 4a4 + · · · + 2k a2k ≤ 2k a2k .
k=0
P∞
Dies hat die Konvergenz von n=1 an zur Folge:
∞
X m
X ∞
X
an = lim an ≤ 2k a2k .
m→∞
k=1 n=1 k=0
Beide Teile des Beweises stützen sich auf die Tatsache, daß in [2k , 2k+1 − 1] ∩ N+
genau 2k natürliche Zahlen liegen.
93
2 Folgen und Reihen
Der Beweis von Satz 2.59, Divergenz der harmonischen Reihe, ist ein Spezial-
fall des Verdichtungskriteriums. Wir hätten natürlich die Divergenz der harmo-
nischen Reihe gleich mittels des allgemeinen Verdichtungskriteriums beweisen
können. Wir tun das nun für eine etwas allgemeinere Klasse von Reihen:
Satz 2.67
P∞ 1
Es sei s ∈ Q. n=1 ns konvergiert genau dann, wenn s > 1.
P∞
Beweis. Für s < 0 ist ( n1s ) nicht konvergent und somit die Reihe 1
n=1 nsnach
Korollar 2.58 divergent. Es sei also s ≥ 0. Nach Satz 2.66 ist ∞ 1
konvergent
P
n=1 ns
genau dann, wenn
∞ ∞ ∞
X
n 1 X
(1−s)n
X
(1−s) n
2 = 2 = 2 .
(2n )s
n=1 n=1 n=1
Die Gültigkeit dieses Satzes wird später auf alle s ∈ R ausgedehnt (sobald wir
Potenzen mit reellen Exponenten erklärt haben – dann geht der gleiche Beweis
ohne die Beschränkung s ∈ Q durch).
In vielen Fällen ist es schwierig, eine konvergente Majorante bzw. eine diver-
gente Minorante für eine Reihe zu finden oder es ist nicht klar, ob nach einer
konvergenten Majorante oder einer divergenten Minorante gesucht werden soll.
In solchen Fällen kann das Grenzwertkriterium hilfreich sein.
Beweis. i) Es sei lim abnn < β < ∞. Nach Satz 2.31 gibt es N0 ∈ N+ , sodaß
an
bn <Pβ gilt für alle n ≥ N0 . Somit folgt an <P βbn für n ≥ N0 . Die Konvergenz
von ∞ n=1 nb zieht nun die Konvergenz von ∞
n=1 an unter Berufung auf das
Vergleichskriterium Satz 2.64 nach
P sich.
ii) Es sei lim abnn > α > 0 und ∞ n=1 bn divergent. Nach Satz 2.31 gibt es N1 ∈
N+ , sodaß abnn > α zutrifft für alle n ≥ N1 . Es folgt an > αbn > P0 für n ≥ N1
und wieder mit Hilfe des Vergleichskriteriums die Divergenz von ∞ n=1 an .
94
2.9 Alternierende Reihen
√ √
Beweis. Wegen n+1− n= √ 1 √
n+1+ n
verhält sich das n-te Glied der Reihe
7
für große n wie (man sagt dafür auch n ist „asymptotisch gleich“) 12 n− 6 . Dies
− 76
legt nahe, als einfachere Vergleichsreihe ∞ zu wählen. Wegen Satz 2.67
P
n=1 n
ist diese Reihe konvergent und aus
√ √ √
an n+1− n 7 √ √ √ n
= 2/3
· n 6 = ( n + 1 − n) n = √ √
bn n n+1+ n
folgt limn→∞ abnn = 12 und mit Hilfe von Satz 2.68 auch die Konvergenz der
ursprünglichen Reihe.
Es sei (an )n≥1 , eine Folge reeller, nicht negativer Zahlen. Gilt darüber hin-
aus
i) ∀n ∈ N+ : an+1 ≤ an ,
ii) limn→∞ an = 0,
P∞ n+1 a
dann ist die alternierende Reihe n=1 (−1) n konvergent.
Beweis. Es sei Sn = nk=1 (−1)k+1 ak . Wir zeigen, daß die Folgen der geraden
P
und ungeraden Partialsummen konvergieren und ihre Grenzwerte gleich sind,
d.h. P
limn→∞ S2n = limn→∞ S2n+1 = S. Daraus folgt die Konvergenz der Reihe
und ∞ n=1 (−1)
n+1 a = S (Übung). Für n ≥ 1 gilt
n
95
2 Folgen und Reihen
Korollar 2.71
P∞ n+1 a erfülle die Voraussetzungen des Leibniz Kriteriums und
n=1 (−1) P n
es sei Sn = nk=1 (−1)k+1 ak , S = ∞ k+1 a . Es gilt dann für alle
P
k=1 (−1) k
n∈N : +
S2n ≤ S ≤ S2n+1 .
Die zweite Fehlerabschätzung folgt durch Subtraktion von S2n+1 von S2n+2 ≤
S ≤ S2n+1 .
Beispiel
P∞ 2.72. (Alternierende harmonische Reihe, Leibniz Reihe) Die Reihe
n+1 1 ist konvergent. Der Nachweis der Konvergenz der alternieren-
n=1 (−1) n
den harmonischen Reihe ist eine einfache Anwendung des Leibniz Kriteriums.
Wir könnenPallerdings noch nicht ihre Summe bestimmen. Wir werden später
sehen, daß ∞ n=1 (−1)
n+1 1 = ln 2 = 0.693147 . . . . Diese Reihe konvergiert sehr
n
langsam gegen ihre Summe. Korollar 2.71 zeigt, daß wir bei Vernachlässigung
von Rundungsfehlern 106 Glieder der Reihe berücksichtigen müßten, um ihre
Summe bis auf einen Fehler von 10−6 berechnen zu können. Dieses Beispiel
zeigt auch, daß die Umkehrung von Satz 2.62 nicht gilt.
Die Reihe ∞
i) P n=1 an heißt absolut konvergent :⇔
P
∞
n=1 |a n | ist konvergent.
P∞
ii) P
Die Reihe n=1 an heißt bedingt konvergent :⇔
∞
n=1 an ist konvergent aber nicht absolut konvergent.
Nach Satz 2.62 ist jede absolut konvergente Reihe auch konvergent. Bei reellen
Reihen mit nicht negativen Gliedern sind die beiden Begriffe absolute Konver-
genz und Konvergenz natürlich identisch. Die alternierende harmonische Reihe
ist ein Beispiel einer bedingt konvergenten Reihe. Jeder Test aus Abschnitt 2.8
kann zur Untersuchung der absoluten Konvergenz herangezogen werden. Wir
ergänzen nun diese Liste mit zwei weiteren Konvergenzkriterien. Allerdings ist
man mit beiden Tests nur dann in der Lage, die absolute Konvergenz einer Reihe
96
2.10 Absolute und bedingte Konvergenz von Reihen
festzustellen, wenn sich diese asymptotisch wie die geometrische Reihe verhält.
Auf Divergenz kann man mit diesen Tests nur bei Reihen schließen, die ohnehin
die notwendige Konvergenzbedingung Korollar 2.58 verletzen.
Dann gilt
P∞
i) Die Reihe n=1 an ist absolut konvergent, falls ρ < 1.
P∞
ii) Die Reihe n=1 an divergiert, falls ρ > 1.
Beweis. i) Es seipρ < 1 und β ∈ (ρ, 1). Nach Satz 2.31 gibt es einen Index
N ∈ N+ , sodaß n |an | < β, d.h. |an | < β n für alle n ≥ N zutrifft. Die Reihe
∞
n=1 |an | konvergiert daher nach Satz 2.60 undp dem Vergleichskriterium.
P
ii) Es sei nun ρ > 1. Wegen Satz 2.31 gilt dann n |an | > 1 und somit |an | > 1 für
unendlich viele n ∈ P N+ . Die Folge (an ) kann daher nicht nach 0 konvergieren.
Somit ist die Reihe ∞ n=1 an nach Korollar 2.58 divergent.
Korollar 2.75
Für
p die Folge (an )n≥1 ⊆ C seien β ∈ (0, 1) und N ∈ N+ so gewählt, daß
n
|an | < β für alle n ≥ P
N gilt. Dann läßt sich der Fehler
P∞zwischen der n-
n
ten Partialsumme Sn = k=1 ak und der Summe S = k=1 ak abschätzen
durch
β n+1
|S − Sn | ≤ , n ≥ N,
1−β
97
2 Folgen und Reihen
|an+1 | |an+1 |
In den Fällen lim supn→∞ |an | ≥ 1 oder lim inf n→∞ |an | ≤ 1 ist keine
Aussage möglich.
Korollar 2.77
β
|S − Sn | ≤ |an |, n ≥ N.
1−β
Beweis. Für alle k ∈ N+ und n ≥ N gilt |an+k | ≤ β k |an |. Somit erhält man für
alle m ≥ n ≥ N
m−n m−n
X X β
|Sm − Sn | ≤ |an+k | ≤ β k |an | ≤ |an |.
1−β
k=1 k=1
Bemerkung 2.78
2. Der Beweis des Quotientenkriteriums zeigt, daß jede Reihe, auf die
das Quotientenkriterium anwendbar ist, auch mit dem Wurzelkrite-
rium untersucht werden kann, obgleich die Rechnung dann erheblich
komplizierter sein kann. Das Wurzelkriterium ist tatsächlich umfas-
sender als das Quotientenkriterium, wie die folgenden beiden Beispiele
zeigen:
P∞
3. Es sei n=1 an mit an =P 2−n , falls
P n−ngerade ist, und an = 3 ,
−n
98
2.10 Absolute und bedingte Konvergenz von Reihen
2n−1
limn→∞ 3 22n = ∞. Das Wurzelkriterium deckt also im Gegensatz
zum Quotientenkriterium die Konvergenz der Reihe auf. Dies zeigt
auch, daß lim in 2.76-ii) nicht durch lim ersetzt werden kann. Man
beachte ferner
an+1 a2n+1 22n 1 2
lim = lim = lim 2n+1 = lim ( )2n = 0.
n→∞ an n→∞ a2n n→∞ 3 3 n→∞ 3
Ehe wir den Unterschied zwischen absolut konvergenten Reihen und bedingt
konvergenten Reihen darlegen, bemerken wir, daß bei konvergenten Reihen die
Glieder beliebig durch Klammern zusammengefaßt werden können. Schon vor-
handene Klammerungen in einer konvergenten Reihe dürfen jedoch nur dann
weggelassen werden, wenn die entstehende Reihe wieder konvergiert. Das Weg-
lassen der Klammern in der konvergenten Reihe
P (1 − 1) +n+1
(1 − 1) + (1 − 1) + . . .
führt zum Beispiel auf die divergente Reihe ∞ n=1 (−1) . Durch das Setzen
von Klammern wird die Reihenfolge der Glieder der Reihe nicht verändert. Wir
untersuchen nun den Einfluß des Vertauschens von unendlich vielen Gliedern
auf die Summe der Reihe.
Definition 2.79
P∞
Es sei (an )n≥1 ⊆ C und σ : N+ P
→ N+ eine Bijektion. Die Reihe k=1 aσ(k)
heißt Umordnung der Reihe ∞ k=1 ak .
∞
X 1 1 1 1 1 1 1 1 1
an = 1 − − + − − + − − + − ....
2 4 3 6 8 5 10 12 7
n=0
1
a3k = ,
2k + 1
1
a3k+1 =− , k = 0, 1, 2, . . .
4k + 2
1
a3k+2 =− .
4(k + 1)
(Der Einfachheit halber wurde mit der Indizierung der Reihe bei 0 begonnen.)
99
2 Folgen und Reihen
1
S3k = S3k−1 + a3k = S3k−1 + ,
2k + 1
1 1
S3k+1 = S3k−1 + a3k + a3k+1 = S3k−1 + − ,
2k + 1 4k + 2
und somit auch limk→∞ S3k = limk→∞ S3k+1 = limk→∞ S3k−1 = 12 α. Wir erhal-
ten also, daß die umgeordnete Reihe nicht gegen α sondern gegen 21 α konvergiert.
Wir zeigen nun, daß die Summe einer absolut konvergenten Reihe unabhängig
ist von der Reihenfolge ihrer Glieder. Absolut konvergente Reihen verhalten sich
also sehr ähnlich den endlichen Summen.
Satz 2.81
P∞
Es sei (ak )k≥1 ⊆ C und
P∞die Reihe k=1 ak absolut konvergent. Dann ist
auch jede Umordnung k=1 aσ(k) absolut konvergent und es gilt
∞
X ∞
X
aσ(k) = ak .
k=1 k=1
Pn Pn
Beweis. Wir verwenden folgende Bezeichnungen:
P∞ Sn = k=1 a k , U n = k=1 aσ(k) .
Wegen der absoluten Konvergenz von k=1 ak existiert nach Satz 2.56 zu jedem
ε > 0 ein Index N0 , sodaß
∞
X
|ak | < ε
k=N0 +1
100
2.10 Absolute und bedingte Konvergenz von Reihen
zur Folge. Somit gilt limn (Sn − Un ) = 0 und die Folge (Un ) ist wegen Un =
Un − Sn + Sn konvergent mit
Es sei ∞
P
Zahlen und α, β ∈
n=1 an eine bedingt konvergente Reihe reeller P
R̄ : − ∞ ≤ α ≤ β ≤ ∞. Dann P gibt es eine Umordnung aσ(k) derart, daß
deren Partialsummen Sn = nk=1 aσ(k)
erfüllen.
Bemerkung 2.83
101
2 Folgen und Reihen
P∞
beide Reihen konvergent, dann müßte wegen |an | = a+ n + an die Reihe
−
n=1 an
absolut konvergieren. Es sei (pn ) ⊆ (an ) die Teilfolge der nichtnegativen Rei-
henglieder und (qn ) ⊆ (an ) die Teilfolge der Absolutbeträge der negativen Rei-
henglieder, genommen jeweils
Pin der Reihenfolge, in der sie in (an ) auftreten.
Beide Reihen ∞ und ∞
n=1 qn divergieren ebenfalls nach ∞ und es gilt
P
p
n=1 n
limn→∞ pn = limn→∞ qn = 0. Wir setzen k0 = m0 = 0 und bestimmen im ersten
Schritt die kleinsten natürlichen Zahlen m1 , k1 mit der Eigenschaft
m1
X m1
X k1
X
Sm1 = pj > ξ und Sm1 +k1 = pj − qj < ξ.
j=1 j=1 j=1
Es ist klar, daß durch dieses Verfahren eine Umordnung ∞ n=1 aσ(n) von
P P
an
bestimmt wird. Induktiv erhält man nämlich auf diese Weise strikt monoton
wachsende Folgen minimaler Indizes (mn )n≥1 , (kn )n≥1 sodaß im n-ten Schritt
gilt:
mn
X
Smn +kn−1 = Smn−1 +kn−1 + pj > ξ, (1)
j=mn−1 +1
kn
X
Smn +kn = Smn +kn−1 − qj < ξ (2)
j=kn−1 +1
|Smn +kn−1 − ξ| = Smn +kn−1 − ξ < Smn +kn−1 − Smn −1+kn−1 = pmn , (3)
|Smn +kn − ξ| = ξ − Smn +kn < Smn +kn −1 − Smn +kn = qkn . (4)
folgt unmittelbar limn→∞ Smn +kn−1 = ξ und limn→∞ Smn +kn = ξ. Wir betrach-
ten nun Partialsummen S` mit einem beliebigen Index ` ∈ N+ . Es gibt eindeutig
bestimmte Indizes mn , kn mit n ∈ N0 , sodaß eine der beiden folgen Ungleichun-
gen zutrifft:
102
2.10 Absolute und bedingte Konvergenz von Reihen
oder
mn + kn−1 ≤ ` < mn + kn .
Für mn−1 + kn−1 ≤ ` < mn + kn−1 folgt wegen (1) Smn−1 +kn−1 ≤ S` < ξ und
aus (4)
−qkn−1 < Smn−1 +kn−1 − ξ ≤ S` − ξ < 0.
Ein analoges Argument ergibt für mn + kn−1 ≤ ` < mn + kn
0 < S` − ξ ≤ Smn +kn−1 − ξ ≤ pmn ,
also insgesamt
|S` − ξ| ≤ max{pmn , qkn−1 }.
Da (pn ), (qn ) Nullfolgen sind, folgt die Behauptung.
Korollar 2.84
P
Eine komplexe Reihe an ist genau dann absolut konvergent, wenn jede
ihrer Umordnungen gegen denselben Grenzwert konvergiert.
103
2 Folgen und Reihen
Lemma 2.86
= nk=1 ak für n ∈ N+ .
P
Es seien (an )n≥1 , (bn )n≥1 komplexe Folgen und Sn P
∞
P∞ (Sn bn+1 )n≥1 und die Reihe n=1 Sn (bn − bn+1 ), so
Konvergieren die Folge
ist auch die Reihe n=1 an bn konvergent.
Beweis. Es gilt nk=1 (bk −bk+1 ) = b1 −bn+1 . Somit ist die Reihe ∞
P P
k=1 (bk −bk+1 )
konvergent und zwar sogar absolut konvergent, da für alle k ∈ N+ wegen der
Monotonie von (bP
n ) stets bk − bk+1 ≥ 0 oder stets bk −P bk+1 ≤ 0 gilt. Wegen der
Konvergenz von ∞ n=1 na ist die Folge (S )
n n≥1 , S n = n
k=1 ak beschränkt, d.h.
es gibt M > 0 sodaß |Sn | ≤ M für alle n ∈ N gilt. Daraus folgt mit
+
∞
X ∞
X ∞
X
| Sk (bk − bk+1 )| ≤ |Sk ||bk − bk+1 | ≤ M |bk − bk+1 |
k=1 k=1 k=1
P∞
die absolute Konvergenz von k=1 Sk (bk − bk+1 ). Da auch (Sn bn+1 )n≥1 konver-
giert, folgt die Konvergenz mit Lemma 2.86.
Im alltäglichen Gebrauch wird als Basis der Zahlen 10 genommen, in der In-
formatik sind die Basen 2, 8, 16 nützlich. Allgemeiner betrachten wir daher
b-adische Entwicklungen (auch: b-adische Darstellungen) der Form
104
2.11 b-adische Entwicklung reeller Zahlen
1. n = qb + r,
2. 0 ≤ r < b.
Satz 2.90
1. ∀i ∈ {0, . . . , p} : 0 ≤ ri < b,
2. rp ≥ 1,
3. n = pj=0 rj bj .
P
Beweis. Wir zeigen zuerst die Eindeutigkeit der Entwicklung von n. Es sei also
p
X q
X
n= rj bj = sj bj
j=0 j=0
und p 6= q, etwa p < q. Berücksichtigt man Lemma 1.61 und die Eigenschaften
von rj , sj erhält man
p
X p
X q
X
j j p+1 q q
n= rj b ≤ (b − 1) b =b − 1 < b ≤ sq b ≤ sj bj = n,
j=0 j=0 j=0
105
2 Folgen und Reihen
Also gilt rj = sj , j = 0, . . . , p.
Wir wenden uns nun der Existenz von p und ri zu. Dazu definieren wir rekursiv
zwei Folgen (qj )∞
j=0 , (r0 )j=1 , indem wir rekursiv den Divisionssatz anwenden:
∞
und für j ∈ N+
falls qj > 0. Die Folge (qj ) ist demnach streng monoton fallend, solange qj > 0
zutrifft. Gibt es einen Index j ∗ mit qj ∗ = 0, folgt qj = rj = 0 für j > j ∗ .
Die Menge {qj : j ∈ N0 } ⊆ N0 ist nicht leer und besitzt daher ein minimales
Element, welches nach der vorausgehenden Überlegung notwendigerweise gleich
Null ist. Es sei p ∈ N0 der kleinste Index mit qp = 0. Im Fall p = 0 folgt aus
(2.1) die gewünschte Darstellung n = r0 = r0 b0 . Es sei nun p > 0. Setzt man
j = p in (2.2), erhält man qp−1 = rp . Wegen der Minimalität von p ist somit
rp 6= 0. Induktiv ergibt sich weiters aus (2.2)
Lemma 2.91
Beweis. Die Behauptung folgt aus dem Vergleichskriterium Satz 2.64 und Satz
2.60
∞ ∞
X
−j
X b
0≤ xj b ≤ (b − 1) b−j = (b − 1)( − 1) = 1.
b−1
j=1 j=1
PDieses
∞
Resultat zeigt, daß für x ∈ [0, 1] eine Darstellung der Form x =
−j nicht notwendigerweise nach endlich vielen Schritten abbrechen
x
j=1 j b
106
2.11 b-adische Entwicklung reeller Zahlen
muß. Eine solche Darstellung von x ∈ [0, 1] ist auch nicht immer eindeutig.
Man betrachte beispielsweise für b = 10 und x = 21 die Entwicklungen
(
1 0.5,
=
2 0.49999 · · · = 4 · 10−1 + 9 ∞ −j
P
j=2 10 .
Satz 2.92
x1 < bx ≤ x1 + 1 (2.3)
j
X
xj+1 < b j+1
(x − xk b−k ) ≤ xj+1 + 1. (2.4)
k=1
Es folgt
j
X
0<x− xk b−k ≤ b−j−1 (xj+1 + 1) ≤ b−j , (2.5)
k=1
107
2 Folgen und Reihen
es sei xj 6= yj für mindestens einen Index j. Es sei j ∗ der kleinste Index mit
xj ∗ 6= yj ∗ , also gilt (2a) und
∞
X ∞
X
xj b−j = yj b−j . (2.6)
j=j ∗ j=j ∗
xj ∗ < yj ∗ .
In dieser Abschätzung muß also an jeder Stelle Gleichheit herrschen. Somit folgt
yj ∗ = xj ∗ + 1,
∞
∗ ∗
X
y j b−j = yj b−j , somit yj = 0 für j > j ∗ ,
j=j ∗
∞ ∞
−j ∗
X X
−j
xj b =x b j∗ + (b − 1) b−j , somit xj = b − 1 für j > j ∗ .
j=j ∗ j=j ∗ +1
(3) Wenn x eine weitere b-adische Entwicklung hat, wurde soeben gezeigt, daß
j ∗ j∗
j∗ ∗ −j
X X
−j
x= yj b , also b x = yj bj = a ∈ N+
j=1 j=1
108
2.11 b-adische Entwicklung reeller Zahlen
∗ ∗ ∗
gilt (man verifiziere a < bj ). Es sei nun umgekehrt x = ab−j , a < bj , a,
Pj ∗ −1
j ∗ ∈ N+ . Es sei a = k=0 rk bk die b-adische Entwicklung von a nach Satz 2.90.
P ∗ −1 ∗
Dann hat x die endliche Entwicklung jk=0 rk bk−j , aber auch die unendliche
Entwicklung
∗ −1
jX ∞
∗ ∗ ∗
X
rk bk−j + (r0 + 1)b−j − (b − 1) b−k−j .
k=1 k=0
Bemerkung 2.93
1. Die b-adische Entwicklung von x ∈ (0, 1] mit unendlich vielen von Null
verschiedenen Ziffern ist eindeutig. Es gibt höchstens eine weitere b-
adische Entwicklung.
109
2 Folgen und Reihen
2.12 Potenzreihen
Definition 2.94
Es sei ∞
P n
p
n
n=0 an (z − z0 ) eine Potenzreihe und ρ = lim supn→∞ |an |. Wir
+
definieren R ∈ R̄ durch
1
ρ
für 0 < ρ < ∞,
R = ∞ für ρ = 0,
0 für ρ = ∞.
und divergiert, falls ρ|z − z0 | > 1. Ist die Folge ( n |an |) unbeschränkt, d.h.
p
ρ = ∞, kann somit die Potenzreihe für z ∈ C mit |z −z0 | > 0 nicht konvergieren,
ist andererseits ρ = 0, so ist die Bedingung ρ|z−z0 | < 1 für alle z ∈ C erfüllt. Gilt
ρ ∈ (0, ∞), dann konvergiert die Reihe absolut für alle z ∈ C mit |z−z0 | < ρ1 .
Definition 2.96
Es gelten die Bezeichnungen von Satz 2.95. Für R ∈ (0, ∞) nennt man
K(z0 , R) = {z ∈ C : |z − z0 | < R} Konvergenzkreis der Potenzreihe und R
ihren Konvergenzradius. Sind sämtliche Koeffizienten der Potenzreihe reell
und ist z0 ∈ R, so heißt K(z0 , R) ∩ R = (z0 − R, z0 + R) Konvergenzintervall
der (reellen) Potenzreihe.
110
2.12 Potenzreihen
P∞
Jede Potenzreihe
P∞ n=0 an (z − z0 ) mit Konvergenzkreis K(z0 , R) definiert
n
Es ist nicht immer notwendig, auf Satz 2.95 zur Berechnung des Konvergenz-
radius zurückzugreifen. Oft ist es einfacher, das Quotientenkriterium unmittel-
bar auf die Potenzreihe anzuwenden (man vergleiche in diesem Zusammenhang
auch Satz 2.37).
P∞ nn z n P∞
Beispiel 2.97. n=1 n! = n=1 cn . Die Anwendung des Quotientenkriteri-
ums ergibt
cn+1 (n + 1)n+1 z n+1 n! 1
= n n
= (1 + )n z,
cn n z (n + 1)! n
und mit Hilfe von Beispiel 2.21 folgt
cn+1
lim | | = e|z|.
n→∞ cn
Die Reihe konvergiert somit absolut für e|z| < 1, d.h. für |z| < 1e , und divergiert
für |z| > 1e . Der Konvergenzradius ist also R = 1e .
i) e = ∞ 1
P
k=0 k!
111
2 Folgen und Reihen
1 n
e = lim (1 + ) = lim an
n→∞ n n→∞
P∞
definiert wurde. Nach Beispiel 2.98-5 existiert S = k=0 k! .
1
Mit Hilfe des
binomischen Lehrsatzes folgt für alle n ≥ 1
n k−1 n k−1
X 1Y 1 X Y i 1
an = 1 + (n − i) k = 1 + 1−
k! n n k!
k=1 i=0 k=1 i=0
n
X 1
<1+ <S
k!
k=1
S − ε < Sp . (2)
Für jedes n > p folgt aus der Monotonie der Folge (an )
n k−1 p k−1
X Y i 1 X Y i 1
e > an = 1 + (1 − ) >1+ (1 − ) .
n k! n k!
k=1 i=0 k=1 i=0
Man beachte, daß auf der rechten Seite dieser Abschätzung eine feste Anzahl von
Summanden steht. Man kann daher den Grenzübergang n → ∞ durchführen
und erhält
p
X 1
e≥1+ = Sp .
k!
k=1
Zusammen mit (1) und (2) ergibt sich daher für jedes ε > 0
S − ε < Sp ≤ e ≤ S,
d.h. S = e.
P∞
iii) Der Approximationsfehler 1
k=n+1 k! kann abgeschätzt werden durch
∞
X 1 1 1 1 1
= ( + + + ...)
k! n! n + 1 (n + 1)(n + 2) (n + 1)(n + 2)(n + 3)
k=n+1
1 1 1 1 1 1 1 1
< ( + 2
+ 3
+ ...) = ( 1 − 1) = .
n! n + 1 (n + 1) (n + 1) n! 1 − n+1 n! n
Dies zeigt
1
0 < e − Sn <
n!n
112
2.13 Multiplikation von Reihen
p 1
0< − Sq <
q q!q
bzw.
1
0 < p(q − 1)! − Sq q! <
≤1
q
gelten. Dann wäre p(q − 1)! − Sq q! = p(q − 1)! − qk=0 k!q!
eine natürliche Zahl,
P
welche in (0, 1) liegen müßte. Dies ist ein Widerspruch zu Satz 1.37.
Definition 2.100
P∞ P∞
Es seien
Pn n=0 a n , n=0 bn komplexe
P∞ Reihen. Für alle n ∈ N0 setzen wir
k=0 ak bn−k . Die Reihe n=0 cn heißt Cauchy-Produkt von an und
P
cP
n =
bn .
Wir zeigen zuerst, daß das Cauchy-Produkt konvergenter Reihen nicht immer
konvergiert.
113
2 Folgen und Reihen
P∞
Beispiel 2.101. Die Reihe n=0 (−1)
n√ 1
n+1
= 1− √12 + √13 −. . . ist konvergent
nach Satz 2.70. Das Cauchyprodukt von ( ∞ n √ 1 )2 hat die Glieder
P
n=0 (−1) n+1
n n
X
n
X 1 1
cn = ak bn−k = (−1) √ √ , n ∈ N0 .
k=0 k=0
k+1 n−k+1
Die Abschätzung
(n − k + 1)(k + 1) = nk + n − k 2 + 1
n n n
= ( + 1)2 − ( − k)2 ≤ ( + 1)2
2 2 2
zusammen mit
n
X 2 n+1
|cn | ≥ =2
n+2 n+2
k=0
zeigt, daß die notwendige Konvergenzbedingung Korollar 2.58 verletzt ist. Wir
bemerken, daß die Ausgangsreihe nicht absolut konvergiert.
Satz 2.102
Es seien ∞
P P∞
P∞n=0 bn komplexe konvergente Reihen mit den Grenz-
n=0 an und
P∞α und β und n=0 cn ihr Cauchy Produkt.
werten P∞ Ist die Konvergenz etwa
von n=1 an absolut, dann konvergiert auch n=0 cn und zwar gegen αβ.
114
2.14 Bonus: Doppelreihen
Pn
d.h. limn→∞ i=0 ai δn−i = 0.
Ohne Beweis teilen wir noch folgenden Satz von H. Abel mit (einen Beweis
findet man zB in [4, Theorem 3.51]).
Satz 2.103
P∞ P∞
n=0 an und n=0 bn seien komplexe konvergente Reihen, ferner sei ihr
P∞ ∞
P ∞
P P∞
Cauchyprodukt n=0 cn konvergent. Dann gilt cn = an bn .
n=0 n=0 n=0
Definition 2.104
P∞
Die Doppelreihe n,m=1 xn,m konvergiert somit nach s genau dann, wenn
für jedes ε > 0 ein Index N gefunden werden kann, daß |Sn,m − s| < ε für
alle n, m ≥ N gilt. Die Resultate über Doppelfolgen übertragen sich somit
sinngemäß auf Doppelreihen. In diesem Abschnitt wollen wir uns allerdings auf
absolut konvergente Doppelreihen beschränken.
115
2 Folgen und Reihen
Lemma 2.105
P∞
Eine Doppelreihe i,j=1 zi,j ist absolut konvergent genau dann, wenn
n X
X m
{ |zi,j | : n, m ∈ N+ }
i=1 j=1
beschränkt ist.
P∞
Ähnlich wie bei Doppelfolgen,
P∞ P∞ kann man zu einer Doppelreihe n,m=1 zn,m
auch die iterierten ReihenP n=1P ( m=1 zn,m ) = limn→∞ (limm→∞ Sn,m ) (Reihe
der Zeilensummen) bzw. ∞ m=1 ( ∞
n=1 zn,m ) (Reihe der Spaltensummen) bilden.
Da letztere oft wesentlich einfacher zu berechnen sind, ergibt sich die Frage nach
ihrer Beziehung zur Doppelreihe.
Satz 2.106
Es
P∞sei P (an,m )n,m≥1 ⊆ P R+ . Konvergiert eine der beiden iterierten Reihen
∞ ∞ P∞
i=1 ( j=1 ai,j ) bzw. j=1 ( i=1 ai,j P
), dann sind sowohl die andere ite-
rierte Reihe, als auch die Doppelreihe ∞ i,j=1 ai,j konvergent und es gilt
∞ X
X ∞ ∞ X
X ∞ ∞
X
( ai,j ) = ( ai,j ) = ai,j .
i=1 j=1 j=1 i=1 i,j=1
P∞ P∞
Beweis. Es sei etwa die iterierte Reihe ai,j ) konvergent,
i=1 ( j=1 P d.h. es
n Pm
existiert S = limn→∞ (limm→∞ Sn,m ) mit Sn,m = i=1 j=1 ai,j . Für alle
n, m ∈ N gilt Sn,m ≤ limk→∞ Sn,k ≤ S. S ist daher eine obere Schranke
+
116
2.14 Bonus: Doppelreihen
P∞ P∞
Beweis. Es sei z.B. die Reihe der Zeilensummen
P∞ i=1 ( j=1 |ai,j |) konvergent.
Nach Satz 2.106 ist die Doppelreihe i,j=1 ai,j absolut konvergent und es exis-
P∞ P∞
tiert auch j=1 ( i=1 |ai,j |). Somit sind auch für alle j ∈ N
+ die Reihen
∞
i=1 ai,j absolut konvergent. Bezeichnet
Pn Pman mit Sn,m die (n, m)-te Partial-
P
m
summe der Doppelreihe, Sn,m = i=1 j=1 ai,j , n, m ∈ N , existieren der
+
Doppellimes limn,m→∞ Sn,m und für alle n, m ∈ N auch die einfachen Limiten
+
limj→∞ Sn,j und limi→∞ Sim . Die Behauptung folgt nun aus Korollar 2.51.
Satz 2.108
gilt. Daraus folgt für jedes n ∈ N+ auch ni=1 ∞ j=1 |ai,j | ≤ k und schließlich
P P
∞ ∞
Die Behauptung ergibt sich nun aus Satz 2.107.
P P
i=1 j=1 |ai,j | ≤ k.
Abschließend zeigen wir, daß die Summe einer absolut konvergenten Doppel-
reihe unabhängig ist von der Reihenfolge ihrer Glieder.
Definition 2.109
117
2 Folgen und Reihen
Lemma 2.110
Es sei ∞
P
n,m=1 an,m eine konvergente reelle Doppelreihe mit nicht-negativen
Gliedern und ϕ : N+ → N+ × N+ eine Bijektion. Dann gilt
∞
X ∞
X
an,m = aϕ(k) .
n,m=1 k=1
P∞ Pn Pm
Beweis. Es sei α = n,m=1 an,m = sup{ i=1 j=1 ai,j : n, m ∈ N } (vgl.
+
N1 X
X N2
α−ε< ai,j ≤ α.
i=1 j=1
N1 X
N2 K(ε) k
X X X
α−ε< ai,j ≤ aϕ(`) ≤ aϕ(`) ≤ α.
i=1 j=1 `=1 `=1
Satz 2.111
P∞
Es sei n,m=1 an,m eine komplexe, absolut konvergente Doppelreihe und
ϕ : N → N+ × N+ eine Bijektion. Dann gilt
+
∞
X ∞
X
aϕ(k) = an,m .
k=1 n,m=1
Beweis. Nach 2.110 ist die Reihe ∞ k=1 aϕ(k) absolut konvergent. Es ist somit
P
P∞
nur
P∞ die Gleichheit der Limiten zu zeigen. Es sei α = n,m=1 an,m und s =
a
k=1 ϕ(k) . Zu ε > 0 existieren somit Indizes N und K(ε) mit
n X
m
+
X ε
∀n, m ∈ N : n ≥ N ∧ m ≥ N ⇒ ai,j − α <
3
i=1 j=1
118
2.14 Bonus: Doppelreihen
und
K(ε) ∞
X ε X ε
aϕ(`) − s < , |aϕ(`) | < .
3 3
`=1 `=K(ε)+1
N1 X
N1 K(ε) ∞
X X X ε
ai,j − aϕ(`) ≤ |aϕ(`) | < .
3
i=1 j=1 `=1 `=K(ε)+1
d.h. s = α.
In der Sprechweise der Definition 2.109 bedeutet der vorige Satz, daß man eine
absolut konvergente Doppelreihe auf beliebige Weise in eine einfache Reihe an-
ordnen kann und daß diese Reihe gegen die Summe der Doppelreihe konvergiert.
Ohne Beweis teilen wir noch folgenden Satz mit:
Satz 2.112
Es sei ∞
P
aϕ(k) eine beliebige Anordnung
k=1P P∞ (in eine einfache Reihe) einer
∞
Doppelreihe i,j=1 ai,j . Ist
P die Reihe k=1 aϕ(k) absolut konvergent, dann
ist auch die Doppelreihe ∞ i,j=1 ai,j absolut konvergent und es gilt
∞
X ∞
X
ai,j = aϕ(k) .
i,j=1 k=1
119
3 Reelle und komplexe Funktionen
3.1 Funktionenräume
Wir zeigen in diesem einleitenden Abschnitt, dass man auf der Menge aller
Funktionen mit einem gemeinsamen Definitionsbereich D natürliche algebrai-
sche Verknüpfungen definieren kann, sodass ein „Vektorraum“ bzw eine „Algebra“
von Funktionen entsteht1 .
Definition 3.1
Wir bezeichnen die Menge aller Funktionen vom D nach K durch F (D, K).
a
Bei uns ist immer K = R oder K = C, die Definition ist aber allgemein sinnvoll.
Wir bemerken, dass F (D, K), ⊕ eine abelsche Gruppe ist, wobei das neu-
und wir lassen wegen „Punkt vor Strich“ beim letzten Ausdruck üblicherweise
die Klammern weg.
Es ist zwar wichtig, die unterschiedliche Bedeutung der verschiedenen Ver-
knüpfungen zu verstehen. Im Folgenden werden wir aber dennoch auf die sym-
bolische Unterscheidung von + und ⊕ bzw. · und verzichten. Genauso werden
wir oft a ∈ K mit der Funktion, die konstant den Wert a hat, also a 1D ,
identifizieren. Damit ist für a ∈ K und f ∈ F (D, K) in unserer vereinfachten
Schreibweise (a · f )(x) = a(x) · f (x) = a · f (x).
1
Wir erwähnen diese Schlagworte nur zum Zweck der Quervernetzung, wir werden zumindest
in der Analysis I keine Sätze aus der linearen Algebra verwenden.
121
3 Reelle und komplexe Funktionen
Definition 3.2
Satz 3.3
Beweis. Übung.
Lemma 3.4
Beweis. Da f und g nach oben beschränkt sind, existieren nach Satz 1.70 sup f
und sup g (beachte: f (D) 6= ∅, g(D) 6= ∅) und es gilt für alle x ∈ D : f (x) ≤ sup f
bzw. g(x) ≤ sup g. Somit folgt für x ∈ D auch (f + g)(x) = f (x) + g(x) ≤
sup f + sup g, d.h. sup f + sup g ist eine obere Schranke für (f + g)(D), also erst
recht sup(f + g) ≤ sup f + sup g.
122
3.1 Funktionenräume
Das Beispiel f (x) = x, g(x) = −x, x ∈ [0, 1], zeigt, dass in Lemma 3.4 auch die
strikte Ungleichung auftreten kann – im Gegensatz zum Supremum gewöhnlicher
Zahlenmengen (vgl. Satz 1.77). Dies liegt daran, dass auf der linken Seite der
Ungleichung die Funktionen f und g notwendigerweise an derselben Stelle x
ausgewertet werden, während auf der rechten Seite die Argumente von f und g
unabhängig voneinander gewählt werden können.
Bemerkung 3.6
Beispiel 3.7. Sei f : R → R definiert durch f (x) = x2 . Die Funktion ist weder
injektiv noch surjektiv (Übung). Die beidseitige Einschränkung g : [0, ∞) →
[0, ∞) von f ist aber wohldefiniert (für alle x ∈ [0, ∞) ist x2 ∈ [0, ∞)) und
bijektiv: Seien x1 , x2 ∈ [0, ∞) mit x1 6= x2 . O.B.d.A. ist x1 < x2 . Dann ist
x1 x2 < x22 wegen x2 ≥ 0 und x21 ≤ x1 x2 wegen x1 ≥ 0, insgesamt also x21 ≤
x1 x2 < x22 , und insbesondere g(x1 ) = x21 6= x22 = g(x2 ). g ist also injektiv.
Für y ∈ [0, ∞) gibt es laut Satz 1.93 genau ein x mit g(x) = x2 = y. g ist
also surjektiv.
123
3 Reelle und komplexe Funktionen
Satz 3.8
Da g −1 (yi ) ∈ D, i = 1, 2, folgt aus der strengen Monotonie von f (bzw von g) die
Beziehung y2 = g(g −1 (y2 )) ≤ g(g −1 (y1 )) = y1 im Widerspruch zu y1 < y2 .
Allerdings ist die strenge Monotonie nur eine hinreichende Bedingung für
Injektivität:
Wir merken an, dass die Teilmenge der monotonen Funktionen in F (D, R),
D ⊆ R, keinen „Untervektorraum“ von F (D, R) bilden, da f − g für mono-
ton steigende f, g nicht monoton sein muss. Ein wichtiges Beispiel monotoner
Funktionen in F (R, R) sind affine Funktionen f ∈ F (R, R)
x 7→ f (x) = α + βx, α, β ∈ R.
Ein anderer Name für diese Art von Funktionen ist Geradenfuktion. In der Schule
wird oft auch der Name „lineare Funktion“ verwendet, der aber für den Fall α = 0
reserviert ist. Bzw ist „lineare Funktion“ ein allgemeinerer Begriff der linearen
Algebra, von welchem f : R → R, f (x) = βx ein Spezialfall ist.
Die Untersuchung der Eigenschaften von Funktionen kann oft erheblich ver-
einfacht werden, wenn die Funktionen gewisse Symmetrien aufweisen.
Definition 3.10
124
3.1 Funktionenräume
Eine ungerade Funktion nimmt an der Stelle x = 0 den Wert 0 an. Die Umkehr-
funktion einer ungeraden Funktion (falls sie existiert) ist ebenfalls ungerade.
Reelle Funktionen, also Funktionen in F (D, R) mit D ⊆ R kann man ver-
anschaulichen, indem man ihren Graph G(f ) als Punktmenge in R2 := R × R
skizziert. Der Graph einer geraden Funktion ist symmetrisch zur y-Achse, der
Graph einer ungeraden Funktion ist symmetrisch zum Koordinatenursprung.
Als Beispiel für eine gerade Funktion skizzieren wir den Graph der Betrags-
funktion
| · |: R → R
x 7→ |x|,
als Beispiel einer ungeraden Funktion skizzieren wir den Graph der Funktion
f : R → R, x 7→ x3 in Abbildung 3.1.
3.5
6
3
(x,f(x) )
4
2.5
(−x,f(x)) (x,f(x)) 2
2
1.5 0
1 −2
0.5
−4
(−x,−f(x))
0
−6
−0.5
−8
−3 −2 −1 0 1 2 3 −2 −1.5 −1 −0.5 0 0.5 1 1.5 2
Abbildung 3.1: Eine gerade (links) und eine ungerade (rechts) Funktion
Besitzt f eine Umkehrfunktion, sind der Graph von f und der Graph von f −1
verknüpft durch
Man erhält also den Graph von f −1 aus dem Graph von f durch Spiegelung an
der „ersten Mediane“ {(x, y) ∈ R2 : x = y} in R2 (Abbildung 3.2).
125
3 Reelle und komplexe Funktionen
3.5
f
(x,f(x))
3
2.5
f−1
2
1.5
(f(x),x)
0.5
0
−0.5 0 0.5 1 1.5 2 2.5 3 3.5 4 4.5
pn : R → R
x 7→ xn
folgende Eigenschaften.
Weiters gilt: Für jedes n ∈ N, x ∈ R, und jede Folge (xk )k∈N+ , welche nach
x konvergiert gilt limk→∞ pn (xk ) = pn (x).
126
3.2 Elementare Funktionen I
Beweis. Die Beziehung pn (−x) = (−1)n xn = (−1)n pn (x) (vgl. Satz 1.54) zeigt,
dass pn eine gerade Funktion ist für n gerade und eine ungerade Funktion für
n ungerade. Wegen Satz 1.54-2.)= ist pn |R+ für jedes n ∈ N streng monton
wachsend. Es sei nun x < y < 0, d.h. 0 < −y < −x. Somit folgt pn (−y) <
pn (−x), also gilt
Nach Satz 1.93 besitzt die Gleichung y = xn für jedes y ∈ R+ eine eindeutige Lö-
√
sung in R+ , nämlich x = n y. Dies ist gleichwertig mit pn (R+ ) = R+ , n ∈ N. Die
Behauptung über pn (R) folgt aus der Betrachtung pn (R− ) = pn (R+ ) = R+ für
n gerade bzw. pn (R− ) = −pn (R+ ) = R− für n ungerade (hier ist mit −pn (R+ )
natürlich die Menge {−pn (x) : x ∈ R+ } = {−y : y ∈ pn (R+ )} gemeint). Die
letzte Behauptung folgt mit Induktion unmittelbar aus Satz 2.11.
14 6
12 4
n=2 n=4
10 2 n=3
8 0
6 −2
4 −4
n=5
2 −6
0 −8
−4 −3 −2 −1 0 1 2 3 4 −2 −1.5 −1 −0.5 0 0.5 1 1.5 2
Abbildung 3.3: Potenzfunktionen für gerade (links) und ungerade (rechts) Po-
tenzen
wn : R + → R +
√
x 7→ n x.
127
3 Reelle und komplexe Funktionen
ii) wn (R+ ) = R+ .
iii) Für alle x ∈ R+ und alle Folgen (xk ) ⊆ R+ , welche nach x konver-
√ √
gieren, gilt limk→∞ n xk = n x.
Beweis. i) Satz 3.8. ii) Nach Satz 1.93 ist wn (R+ ) ⊆ R+ . Für y ∈ R+ ist
√
y = y, sodass wn (R+ ) ⊇ R+ .
n n
1.61
n−1
X
xk − x = ξkn n
− ξ = (ξk − ξ) ξki ξ n−1−i . (∗)
i=0
Die Abschätzung
n−1
X n−1
ξki ξ n−1−i ≥ ξ n−1 = x n
i=0
√ √ n−1
| n xk − n x| = |ξk − ξ| ≤ x− n |xk − x|.
n−1
Wählen wir N (ε) zu ε > 0 so, dass |xk − x| < x n ε für alle k ≥ N (ε), dann
gilt
√ √
| n xk − n x| < ε, k ≥ N (ε),
√ √
d.h. limk→∞ n xk = n
x.
128
3.2 Elementare Funktionen I
3.5
2.5
n=2
2
1.5
n=5
0.5
0
0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10
Wir erweitern nun die Definition √ der Potenz auf beliebige reelle Exponenten:
√
Es liegt nahe,
√ z.B. dem Symbol 3 2 den Grenzwert der Folge 31 , 31.4 (= 5 37 ),
31.41 (= 3 ), 31.414 , . . . , als Wert zuzuweisen. Wir zeigen vorerst, dass diese
100 141
Lemma 3.13
Beweis. Die Behauptung ist trivial für a = 1. Wir untersuchen zuerst den Fall
a > 1. Wegen arn = arn −r · ar genügt es
129
3 Reelle und komplexe Funktionen
Lemma 3.14
Für jedes ξ ∈ R gibt es eine Folge (rn )n∈N+ ⊆ Q mit limn→∞ rn = ξ. Die
approximierende Folge (rn ) kann monoton gewählt werden.
Beweis. Die erste Behauptung folgt aus Satz 1.75, indem man im dortigen Be-
weis x durch ξ − n1 und y durch ξ + n1 , n ∈ N, ersetzt. Für den zweiten Teil der
Behauptung bestimmen wir r1 , indem wir in Satz 1.75 x = ξ − 1 und y = ξ set-
zen und rn rekursiv, indem wir diesen Satz für n ≥ 2 mit x = max{rn−1 , ξ − n1 },
y = ξ anwenden. Auf diese Weise wird eine monoton wachsende Folgen ratio-
naler Zahlen rn mit limn→∞ rn = ξ erzeugt. Auf ähnliche Weise läßt sich eine
entsprechende monoton fallende Folge konstruieren.
Lemma 3.15
Beweis. Wir betrachten zuerst den Fall a > 1. Nach Satz 1.101 ist die Folge
(arn ) monoton wachsend. Eine obere Schranke für die Folge (arn ) ist ar falls
a > 1, wobei r eine beliebige rationale Zahl ist mit ∀n ∈ N : rn ≤ r. Aufgrund des
Monotoniekriteriums Satz 2.18 ist die Folge (arn ) konvergent. Da (arn ) monoton
steigend ist und arn > 0 für jedes n, ist η = limn arn ≥ ar1 > 0.
Im Fall a < 1 argumentiert man analog damit, dass (arn ) monoton fallend
und nach unten beschränkt ist. Ist r eine untere Schranke von (rn ), dann gilt
für alle n ∈ N dass arn ≥ ar > 0 und damit η > 0.
Im Fall a = 1 ist arn = 1 für jedes n ∈ N und es ist weiter nichts zu zeigen.
Für eine beliebige Folge (sn )n∈N+ rationaler Zahlen mit limn→∞ sn = ξ ist
(sn −rn ) eine rationale Nullfolge und aus asn = asn −rn arn folgt mit Lemma 3.13
die Konvergenz von (asn ) und limn→∞ asn = limn→∞ arn .
Definition 3.16
aξ := lim arn .
n→∞
Wir bemerken, dass für ξ ∈ Q wegen Lemma 3.13 die neue Definition von aξ
mit der in Definition 1.98 getroffenen Vereinbarung übereinstimmt.
Wir zeigen nun, dass sich die Eigenschaften von Potenzen mit rationalen Ex-
ponenten auf Potenzen mit reellen Exponenten übertragen.
130
3.2 Elementare Funktionen I
1. aξ+η = aξ aη ,
2. (ab)ξ = aξ bξ ,
3. (aξ )η = aξη ,
4. aξ 6= 0 und a−ξ = 1
aξ
= ( a1 )ξ ,
(3) Der Beweis dieser Rechenregel wird nach Satz 3.18 nachgetragen.
(4) Dies ist eine Folge von (2): aξ a−ξ = aξ−ξ = a0 = 1. Insbesondere ist aξ 6= 0
für alle ξ ∈ R. Aus ( a1 )rn = ar1n folgt durch Grenzübergang a1ξ = ( a1 )ξ .
(5) Wegen Satz 1.100 ist arn > 0 und daher aξ = limn→∞ arn ≥ 0. Wegen der
vorausgehenden Bemerkung gilt sogar aξ > 0, ξ ∈ R. Die Ungleichung in (5) ist
daher gleichwertig mit ( ab )ξ > 1. Wegen α = ab > 1 genügt es, αξ > 1 für α > 1
zu nachzuweisen. Wir wählen r ∈ Q so, dass 0 < r < rn , n ∈ N. Aus Satz 1.101
und Satz 2.17 folgern wir 1 < αr < αrn und daher auch 1 < αr ≤ αξ .
(6) Es sei η − ξ > 0 und a > 1. Nach dem oben Gezeigten gilt daher aη−ξ > 1,
d.h. aη > aξ .
(7) Folgt aus a1 > 1 und ( a1 )ξ < ( a1 )η .
Satz 3.18
131
3 Reelle und komplexe Funktionen
ii) Es genügt, die Behauptung für x = 0 zu zeigen. Es sei a > 1. Wie im Beweis
1
von Lemma 3.13 bestimmen wir zuerst m ∈ N zu ε > 0 so, dass 1 − ε < a− m ,
1
a m < 1 + ε, dann einen Index Nm derart, dass − m 1
< xn < m 1
für alle n ≥ Nm .
1 1
Satz 3.17-(6) führt auf 1 − ε < a−m
< a < a < 1 + ε, d.h. |axn − 1| < ε
x n m
für alle n ≥ Nm und somit limn→∞ axn = 1 falls limn→∞ xn = 0. Für a < 1
folgt die Behauptung aus axn = ( a1 )−xn und a1 > 1. Im Fall a = 1 ist nichts zu
beweisen.
Wir sind nun in der Lage, den Beweis der Regel für das Potenzieren von
Potenzen zu führen:
Beweis von Satz 3.17-(3). Aus Satz 1.99 schließen wir (arn )sk = arn sk . Wegen
limn→∞ arn = aξ folgt aus Satz 3.18-i) limn→∞ (arn )sk = (aξ )sk , aus limn→∞ rn sk =
ξsk ergibt sich andererseits limn→∞ arn sk = aξsk , was (aξ )sk = aξsk zur Folge
hat. Wendet man jetzt Satz 3.18-ii) an, ergibt sich
(aξ )η = lim (aξ )sk = lim aξsk = aξη .
k→∞ k→∞
ii) pρ ist streng monoton wachsend für ρ > 0 und streng monoton fallend
für ρ < 0.
Beweis. Wir betrachten und beweisen nur die Aussagen für ρ 6= 0 und überlas-
sen wie anderen als leichte Übung.
1
Die Gleichung xρ = y besitzt für jedes
y die eindeutige Lösung x = y , nach
ρ
Satz Satz 3.17-(3). Somit ist pρ (0, ∞) = (0, ∞). Die Monotonieeigenschaft für
ρ > 0 wurde bereits in Satz 3.17-(5) festgestellt. Für den Fall ρ < 0 beachte
man xρ = ( x1 )|ρ| .
R→R
x 7→ ax
folgende Eigenschaften:
132
3.2 Elementare Funktionen I
i) ∀x, y ∈ R : ax+y = ax ay ,
ii) a0 = 1, a1 = a,
1
iii) ∀x ∈ R : ax > 0 und ax = a−x
,
iv) x → ax ist streng monoton wachsend für a > 1 und streng monoton
fallend für a < 1,
Beweis. Die Aussagen i) – iv) folgen aus Satz 3.17. Wir beweisen v) für a > 1:
Es sei y > 0. Wegen limn→∞ a−n = 0 gibt es m ∈ N so, dass a−m ≤ min{y, y −1 }.
Somit gilt a−m ≤ y ≤ am . Wir setzen nun x1 = −m, y1 = m und führen fol-
gendes iterative Verfahren durch: am Ende des n–ten Schrittes sei ein Intervall
[xn , yn ] erzeugt worden mit y ∈ [axn , ayn ]. Im nächsten Schritt halbieren wir
dieses Intervall und setzen ξn = xn +y 2 . Wegen der Monotonie der Exponential-
n
falls y ∈ [axn , aξn ), und [ξn , yn ] falls yn ∈ [aξn , ayn ]. Auf diese Weise erhält man
eine Folge abgeschlossener Intervalle [xn , yn ] ⊃ [xn+1 , yn+1 ] und nach Satz 1.78
genau eine reelle Zahl x mit limn→∞ xn = limn→∞ yn = x und axn ≤ y ≤ ayn .
Aus Satz 3.18 folgt durch Grenzübergang ax = y. Für 0 < a < 1 existiert nach
dem eben Bewiesenen genau ein x ∈ R mit ( a1 )x = a−x = y.
25 2
1.8
a=0.4
20 1.6
1.4
15 1.2
1
a=e
10 0.8 a=0.8
0.6
5 0.4
a=1.5
0.2
0 0
−1 −0.5 0 0.5 1 1.5 2 2.5 3 −3 −2 −1 0 1 2 3
x 7→ ax , a>1 x 7→ ax , a<1
133
3 Reelle und komplexe Funktionen
loga : (0, ∞) → R
y 7→ loga (y).
Den Wert der Logarithmusfunktion an der Stelle y, loga (y), nennt man
Logarithmus von y zur Basis a. Er ist bestimmt durch die Beziehung
x = loga (y) ⇔ y = ax .
v) loga ist streng monoton steigend für a > 1 und streng monoton fallend
für 0 < a < 1.
Bemerkung 3.22
Polynome stellen wichtige Funktionen in der Analysis dar. Sie werden z.B.
zur Approximation und Interpolation verwendet und stehen auch am Ausgangs-
punkt zur Theorie der Potenzreihen.
Definition 3.23
134
3.2 Elementare Funktionen I
Darstellung hat:
n
X
∀x ∈ C : f (x) = ak xk
k=0
Ein Polynom läßt sich häufig in sehr unterschiedlicher Weise darstellen, z.B.
ist f (x) = 1−2x2 +x4 = (x2 −1)2 = (x−1)2 (x+1)2 = (x2 −2x+1)(x2 +2x+1).
Wir werden jedoch zeigen, dass die in der obigen Definition angegebene spezielle
Darstellung eines Polynoms und damit auch sein Grad eindeutig bestimmt sind.
Dem Nullpolynom wird von anderen Autorinnen oder Autoren häufig kein Grad,
oder auch der Grad −1 zugewiesen.
Summen und Produkte von Polynomen sind wieder Polynome. Das Produkt
n m
der beiden Polynome f (x) = ak xk und g(x) = bk xk ist das Polynom
P P
k=0 k=0
m+n
X
(f g)(x) = ck xk
k=0
Xk
ck = ak−r br , k = 0, . . . , n + m,
r=0
wobei wir
Beweis. Wir zeigen zuerst die Existenz einer derartigen Darstellung. Ist grad(f ) <
grad(g), schreiben wir f = 0 · g + f .
n m
Es sei nun f (x) = ak xk , g(x) = bk xk , mit n := grad(f ) ≥ m :=
P P
k=0 k=0
grad(g). Subtrahiert man von f das Polynom q0 g, wobei q0 (x) := an n−m
bm x ,
135
3 Reelle und komplexe Funktionen
erhält man ein Polynom r1 mit grad(r1 ) < n. Ist grad(r1 ) < m, ist die gesuchte
Zerlegung bereits gefunden: f = q0 g + r1 . Ist grad r1 ≥ m, subtrahiert man von
r1 ein entsprechendes Polynom q1 g, sodass für die Differenz r2 = r1 − q1 g die
Bedingung grad(r2 ) < grad(r1 ) zutrifft. Nach endlich vielen, etwa k Schritten,
wobei k ≤ n − m, gilt für das Differenzpolynom rk = rk−1 − qk−1 g schließlich
grad(rk ) < m. Die gewünschte Darstellung ergibt sich aus
k−1
X
f = q0 g + q1 g + . . . qk−1 g + rk = g qi + rk .
i=0
Angenommen, es gäbe eine weitere Darstellung f = q̃g + r̃ mit q̃ − q ist nicht das
Nullpolynom und grad(r̃) < grad(g). Durch Subtraktion ergibt sich (q̃ − q)g =
r−r̃. Wegen grad(q̃−q) ≥ 0 und grad(r−r̃) < m führt dies auf den Widerspruch
grad(r − r̃) = grad (q̃ − q)g = grad(q̃ − q) + grad(g) ≥ m.
Man sagt, g teilt f oder auch, g ist ein Teiler von f , wenn sich die Division
durch g „ausgeht“, dh. das Restpolynom r das Nullpolynom ist. Die Polynome
f und g heißen teilerfremd , wenn es kein Polynom h mit grad(h) ≥ 1 gibt, das
f und g teilt.
Dividiert man durch ein Polynom g vom Grad 1, g(x) = x − α, erhält man
f (x) = (x − α)q(x) + r1 (x) mit grad(r1 ) ≤ 0, dh. r1 ∈ C. Ist α eine Nullstelle
von f , muß r1 = 0 gelten. Diese Überlegung beweist
Lemma 3.25
Hat q ebenfalls eine Nullstelle, läßt sich ein weiterer, nicht notwendigerweise
von x − α verschiedener, „Linearfaktor“ abspalten. Wegen grad f = n kann man
höchstens n Linearfaktoren abtrennen. Somit gilt:
Korollar 3.26
Der Fundamentalsatz der Algebra, den wir erst später beweisen werden, sagt
aus, dass ein Polynom vom Grade n ≥ 0 mit Koeffizienten in C genau n nicht
notwendigerweise verschiedene Nullstellen in C besitzt.
Der folgende Identitätssatz ist die theoretische Grundlage für die häufig ver-
wendete Methode des Koeffizientenvergleichs.
136
3.2 Elementare Funktionen I
Wir haben den Identitätssatz formuliert für Polynome f, g mit gleicher Endpo-
tenz xn . Diese Form kann immer erreicht werden, indem man gegebenenfalls feh-
lende Potenzen mit Koeffizienten ak = 0 oder bk = 0 ergänzt (grad(f ) = grad(g)
wird ja nicht vorausgesetzt).
Definition 3.29
Wenn q Teiler von p ist, stimmt nach Satz 3.24 die rationale Funktion r = pq
auf D mit einem Polynom überein. Beispielsweise gilt für x ∈ D = R \ {1, −1}
1 − x4
r(x) = = 1 + x2 .
1 − x2
137
3 Reelle und komplexe Funktionen
3.3 Stetigkeit
Im folgenden ist K = R oder K = C. Für die Vorstellung ist es sicher besser, sich
zunächst auf K = R zu konzentrieren, es wäre aber langweilig, die Definitionen
zuerst für R zu präsentieren und für C zu wiederholen.
Definition 3.30
Es seien D, W ⊆ K, x0 ∈ D
1. f : D → W heißt stetig in x0 ∈ D :⇔
✻ .............
.......
...
f (x0 ) + ε .....
......
..
.......
.
...
.
. ...
f (x0 ) ...
..
....
...
.....
f (x0 ) − ε ..........
.
.....
..
...
. .......
........
...........
✲
x0 − δ x0 x0 + δ
138
3.3 Stetigkeit
Da nur Argumente x von f mit |x − x0 | < δ von Interesse sind, ergibt sich die
Abschätzung
|f (x) − f (x0 )| < δ 2 + 2δ|x0 |.
Beschränkt man sich von vorneherein auf δ < 1 (genügt nämlich irgend ein δ0
den Bedingungen in Definition 3.30, dann ist erst recht jedes δ < δ0 zulässig),
erhält man endlich
Definition 3.32
Lemma 3.33
Wir zeigen nun, dass die Stetigkeit auch mittels Folgen charakterisiert werden
kann:
139
3 Reelle und komplexe Funktionen
konvergiert.
Beweis. „1) ⇒ 2)“ Zu ε > 0 sei δ = δ > 0 so gewählt, dass aus |x − x0 | < δ
die Abschätzung |f (x) − f (x0 )| < ε folgt. Wegen limn→∞ xn = x0 gibt es einen
Index N , sodass |xn −x0 | < δ und somit auch |f (xn )−f (x0 )| < ε für alle n ≥ N
zutrifft.
„2) ⇒ 1)“ Wir führen den Beweis indirekt und nehmen an, f sei in x0 ∈ D nicht
stetig, dh.
Daraus folgt:
1
∃ε0 > 0 : ∀n ∈ N+ : ∃xn ∈ D : |xn − x0 | < ∧ |f (xn ) − f (x0 )| ≥ ε0 ,
n
man erhält also eine Folge (xn ) mit |xn − x0 | < n1 und |f (xn ) − f (x0 )| ≥ ε0 für
alle n ∈ N, dh. es gilt limn→∞ xn = x0 , aber f (xn ) 6→ f (x0 ).
Insbesondere ist also die Stetigkeit einer Abbildung f eine hinreichende Be-
dingung für die Vertauschbarkeit von Grenzübergang und Abbildung: Falls f
stetig ist und (xn ) konvergent ist, dann gilt
Häufig treten zwei Situationen auf, welche die Unstetigkeit einer Funktion an
einer Stelle x0 ∈ D implizieren:
Satz 3.36
140
3.3 Stetigkeit
d ist für alle x ∈ R unstetig, denn jede δ-Umgebung von x enthält sowohl
rationale als auch irrationale Zahlen.
Im folgenden Beispiel ist die Anschauung wenig hilfreich bei der Diskussion
der Stetigkeit und analytische Methoden sind unumgänglich:
Wir betrachten zuerst eine rationale Stelle x0 = pq00 , mit |p0 | + q0 minimal, und
√
die Folge (xn ) ⊆ R \ Q, xn = x0 + n1 2, n ∈ N. Es ist limn→∞ xn = x0 , aber
limn→∞ f (xn ) = 0 6= q10 = f (x0 ), d.h. f ist an jeder rationalen Stelle unstetig.
Es sei nun x0 irrational, also f (x0 ) = 0. Zu ε > 0 wählen wir N so, dass
N < ε. Im Intervall (− N + x0 , N + x0 ) gibt es nur endlich viele rationale Zahlen
1 1 1
p
q , deren Nenner q kleiner ist als N . Wir wählen nun
p p 1
δ = min{|x0 − | : p ∈ Z, q ∈ N, q < N, |x0 − | < , |p| + q minimal}.
q q N
Der Nenner q jeder rationalen Zahl pq mit |x0 − pq | < δ muß also zwangsläufig
größer (mindestens gleich) N sein. Somit gilt auch
(
1
q < 1
N < ε für x = pq ,
|f (x) − f (x0 )| = |f (x)| =
0<ε für x ∈
/ Q.
Diese Funktion ist also an jeder irrationalen Stelle stetig. Die Abbildung dieses
Beispiels weist somit ein sehr komplexes Verhalten auf: sowohl die Menge der
Stetigkeitsstellen, als auch die Menge der Unstetigkeitsstellen liegen dicht in R!
Ein anderer Beweis der Stetigkeitseigenschaften dieses Beispiels kann auch auf
folgender Beobachtung aufgebaut werden:
141
3 Reelle und komplexe Funktionen
Lemma 3.39
pn
Es sei ξ ∈ R \ Q und (rn ) ⊆ Q mit rn = qn , pn ∈ Z, qn ∈ N. Dann gilt:
lim rn = ξ ⇒ lim qn = ∞ .
n→∞ n→∞
∃K ∈ (0, ∞) : ∀N ∈ N : ∃n ≥ N : n ≥ N ∧ qn < K .
Mit anderen Worten: (qn )n hat eine beschränkte Teilfolge. Dann hat diese Teil-
folge nach Satz 2.22 (Bolzano-Weierstrass) eine konvergente Teilfolge. OBdA ist
(qn )n selbst konvergent, und wir definieren q := limn qn .
Da qn ∈ N ist für alle n, muss q ∈ N und qn = q für alle hinreichend großen
n. Daraus folgt aber, dass (pn )n konvergent ist mit p := limn pn = ξq, und da
pn ganzzahlig ist, muss p ebenfalls ganzzahlig sein.
Daraus folgt aber ξ = pq mit p ∈ Z, q ∈ N+ , im Widerspruch zur Annahme
ξ ∈ R \ Q.
Satz 3.40
Beweis. Dies ergibt sich unmittelbar aus dem Folgenkriterium 3.34 und den
Rechenregeln für Grenzwerte Satz 2.11. Bei der Diskussion von fg beachte man,
dass aus g(x0 ) 6= 0 und der Stetigkeit von g an der Stelle x0 folgt, dass g sogar
in einer ganzen δ-Umgebung von x0 ungleich Null ist.
Natürlich kann man Satz 3.40 auch direkt mit der Definition, also ohne Fol-
genkriterium, beweisen.
Korollar 3.41
Satz 3.42
142
3.4 Zwischenwertsatz
Dieser Satz ermöglicht es, aus der bereits bewiesenen Stetigkeit elementarer
Funktionen auf die Stetigkeit auch komplizierter, zusammengesetzter Funktio-
nen zu schließen:
1 p
n
f : [−1, ] → R , x → 1 − 2x − 3x2
3
Der Satz von der Stetigkeit der Verknüpfung stetiger Funktionen ist nicht
umkehrbar: Aus der Stetigkeit der Verknüpfung kann nicht auf die Stetigkeit
der Teilfunktionen geschlossen werden. Als Beispiel betrachtet man die zusam-
mengesetzte Funktion d ◦ d ≡ 0, wobei d die Dirichletfunktion aus Beispiel 3.37
bezeichnet.
3.4 Zwischenwertsatz
Im folgenden untersuchen wir reelle Funktionen, deren Definitionsbereich ein
Intervall ist. Wir beginnen mit einer Charakterisierung von Intervallen.
Satz 3.44
Beweis. a ⇒ b trivial
b ⇒ a: Wir unterscheiden vier Fälle, je nachdem ob A nach unten oder nach
oben beschränkt ist oder ob dies nicht der Fall ist.
Fall 1: A ist beschränkt nach unten, unbeschränkt nach oben. Wir zeigen, dass
in diesem Falle A ein Intervall des Typs (α, ∞) oder [α, ∞) ist, α = inf A. Da
α eine untere Schranke von A ist, folgt A ⊆ [α, ∞). Die Behauptung folgt dann
aus der Inklusion (α, ∞) ⊆ A. Es sei also r ∈ (α, ∞) beliebig gewählt. Nach
Satz 1.69 (modifiziert für inf) gibt es ein a ∈ A mit α ≤ a < r. Andererseits ist
A nach oben unbeschränkt, somit gibt es b ∈ A mit r < b, also a < r < b. Aus
der Bedingung b) folgt [a, b] ⊆ A und somit a fortiori auch r ∈ A.
Fall 2: A ist beschränkt nach oben, unbeschränkt nach unten. Dies läßt sich
durch Übergang auf die Menge -A auf Fall 1 zurückführen.
143
3 Reelle und komplexe Funktionen
Fall 3: A ist beschränkt. Analog zum Fall 1 zeigt man, dass mit α := inf A und
β := sup A die Inklusionen
(α, β) ⊆ A ⊆ [α, β]
gelten. Somit ist A eines der Intervalle (α, β), (α, β], [α, β) oder [α, β].
Fall 4: A ist nach oben und unten unbeschränkt. Für alle r ∈ R gibt es dann
a, b ∈ A, a ≤ b, mit r ∈ [a, b] ⊆ A. Somit ist A = R.
Wir zeigen nun, dass eine stetige, reelle Funktion, die in den Endpunkten
eines abgeschlossenen Intervalles Werte verschiedenen Vorzeichens annimmt, in
diesem Intervall mindestens eine Nullstelle besitzt.
Satz 3.45
Es sei I = [a, b], −∞ < a < b < ∞, f ∈ C(I, R) und f (a)f (b) < 0. Dann
gibt es ein α ∈ (a, b) mit f (α) = 0.
Beweis. Wir nehmen an, es sei f (a) > 0 und f (b) < 0 (anderenfalls geht man
von f auf −f über). Die Menge A = {x ∈ [a, b] : f (x) ≥ 0} ist nicht leer (a ∈ A)
und beschränkt, somit existiert α = sup A. Es sei (xn )n≥1 ⊆ A eine Folge mit
limn→∞ xn = α, dann gilt α ∈ I. Das Supremum α liegt aber sogar in A. Aus
f (xn ) ≥ 0, n ∈ N, folgt nämlich mit Satz IV-2.15 und 3.34
f (α) = f ( lim xn ) = lim f (xn ) ≥ 0.
n→∞ n→∞
Wegen f (b) < 0 ist insbesondere α < b und f (y) < 0 für alle y ∈ (α, b]. Ist
daher (yn )n∈N+ ⊆ (α, b] eine Folge mit limn→∞ yn = α, muß notwendigerweise
auch f (α) = lim f (yn ) ≤ 0, insgesamt also f (α) = 0 gelten.
Wir erweitern nun die Anwendbarkeit dieses Satzes auf beliebige Intervalle.
Es sei I ⊆ R ein Intervall und f ∈ C(I, R). Dann ist f (I) ein Intervall.
Beweis. Es sei x, y ∈ f (I), x < y. Nach Satz 3.44 genügt es, [x, y] ⊆ bild f
nachzuweisen. Zu diesem Zweck wählen wir k ∈ R mit x < k < y. Wegen
x, y ∈ f (I) gibt es a, b ∈ I mit x = f (a) und y = f (b). Da x 6= y und f eine
Funktion ist, gilt a 6= b. Wir bezeichnen nun mit J das abgeschlossene Intervall
mit den Endpunkten a und b. Da I ein Intervall ist, folgt J ⊆ I. Wir definieren
nun g ∈ F (J, R) durch (
J →R
g:
x 7→ f (x) − k.
Da f |J stetig ist, ist auch g stetig. Darüberhinaus erfüllt g die Bedingungen
g(a) = f (a) − k = x − k < 0,
g(b) = f (b) − k = y − k > 0.
Satz 3.45 sichert die Existenz von c ∈ J mit g(c) = 0. Das bedeutet aber
f (c) = k, dh. k ∈ f (I).
144
3.5 Stetigkeit auf einem abgeschlossenen, beschränkten Intervall
Es ist leicht, Beispiele zu finden, die belegen, dass man beim Zwischenwertsatz
weder auf die Stetigkeit von f , noch auf die Voraussetzung, dass I ein Intervall
ist, verzichten kann.
Korollar 3.47
Es sei I ⊆ R ein Intervall und f ∈ C(I, R). Für alle x ∈ I sei f (x) 6= 0.
Dann ist entweder f (I) ⊆ R+ \ {0} oder f (I) ⊂ R− \ {0}.
dh. es gibt a, b ∈ I mit f (a) < 0 und f (b) > 0. Nach dem Zwischenwertsatz wäre
0 ∈ f (I) im Widerspruch zu f (I) ⊆ R\{0}. Dies zeigt f (I) ⊆ R+ \{0}∪R− \{0}.
Da diese beiden Mengen disjunkt sind, folgt die Behauptung.
Es sei I = [a, b], −∞ < a < b < ∞, und f ∈ C(I, R). Dann ist f (I) ein
abgeschlossenes, beschränktes Intervall.
Beweis. Wegen des Zwischenwertsatzes wissen wir bereits, dass f (I) ein Inter-
vall ist. Wir zeigen zuerst die Beschränktheit von A := {|f (x)| : x ∈ I}. Dies
hat die Beschränktheit von f (I) zur Folge. Angenommen, A wäre unbeschränkt,
dh. es existiert eine Folge (xn ) ⊆ I mit |f (xn )| > n für alle n ∈ N. Die Folge
(xn ) ist beschränkt und besitzt daher nach dem Satz von Bolzano Weierstrass
IV-2.22 eine konvergente Teilfolge (xϕ(n) )n≥1 . Es sei x = limn→∞ xϕ(n) . We-
gen a ≤ xϕ(n) ≤ b, n ∈ N, folgt a ≤ x ≤ b, dh. x ∈ I. Aus der Stetigkeit
von f ergibt sich dann f (x) = limn→∞ f (xϕ(n) ), dh. die Folge (f (xϕ(n) )) ist
konvergent, also notwendigerweise beschränkt. Das ist aber ein Widerspruch zu
|f (xϕ(n) )| > ϕ(n), n ∈ N, und limn→∞ ϕ(n) = ∞. Es sei α ∈ R etwa der
linke Randpunkt des Intervalls f (I), dh. α = inf f . Wir zeigen α ∈ f (I). Da-
zu wählen wir eine Folge (yn )n∈N+ ⊆ f (I) mit limn→∞ yn = α. Dadurch wird
eine weitere Folge (xn )n∈N+ ⊆ I mit f (xn ) = yn bestimmt. Wie im Nach-
weis der Beschränktheit von f (I) schließen wir auf die Existenz einer Teilfol-
ge (xϕ(n) ) mit x := limn→∞ xϕ(n) ∈ I. Aus f ∈ C(I, R) folgt dann wieder
α = limn→∞ yn = limn→∞ yϕ(n) = limn→∞ f (xϕ(n) ) = f (x), dh. α ∈ f (I).
145
3 Reelle und komplexe Funktionen
Definition 3.49
Beweis. Es sei f ∈ C(D, R) und [a, b] ⊆ D. Dann ist auch f |[a,b] stetig. Nach
Satz 3.48 ist f ([a, b]) = [m, M ] für passende m, M ∈ R, m ≤ M . Ist also
m = f (x0 ), M = f (x1 ), x0 , x1 ∈ [a, b], dann gilt für alle ξ ∈ [a, b] : f (x0 ) ≤
f (ξ) ≤ f (x1 ).
Korollar 3.51
Es sei a, b ∈ R, a < b und f ∈ C([a, b], R). Gilt f (x) > 0 für alle x ∈ [a, b],
dann gibt es eine Konstante m > 0, sodass f (x) ≥ m ist für alle x ∈ [a, b]
(man sagt „f ist von Null weg beschränkt “).
Beweis. Es ist f ([a, b]) = [m, M ] = [f (x1 ), f (x2 )] für geeignete x1 , x2 ∈ [a, b].
Nach Voraussetzung ist f (x1 ) = m > 0.
Satz 3.52
146
3.6 Monotonie und Stetigkeit
Beweis. Da f stetig ist, ist f (I) ein Intervall (Zwischenwertsatz). Der weitere
Beweis verläuft vollkommen analog zum Beweis von Satz 3.44: Man weist die
Inklusion (α, β) ⊆ f (I) ⊆ [α, β] nach (mit geeigneten Modifikationen falls α, β ∈
R̄). Es sei nun f streng monoton wachsend und f (I) links abgeschlossen, dh.
α = inf f ∈ f (I). Somit gibt es ein a ∈ I mit f (a) = α. Wegen der Injektivität
von f folgt
∀y ∈ I : y 6= a ⇒ f (y) > f (a),
und da f −1 ebenfalls streng monoton wächst ergibt sich
I ist somit links abgeschlossen. Umgekehrt setzen wir nun diese Eigenschaft für
I voraus, dh. a = min I. Somit gilt f (x) ≥ f (a) für alle x ∈ I, dh. f (I) ist
links abgeschlossen. Die Behauptung, dass die rechten Randpunkte von f (I)
und I beide entweder zu f (I) bzw. I gehören oder nicht, kann analog bewiesen
werden.
Satz 3.53
Es sei D ⊆ R und f ∈ F (D, R) monoton. Ist f (D) ein Intervall, dann ist
f stetig.
Es existiert daher ε0 > 0, sodass für alle N ∈ N+ : ∃n ≥ N : |f (xn )−f (x0 )| > ε0
(warum darf man „>“ behaupten?). Es gibt also eine Teilfolge (xϕ(n) ) von (xn ),
die einer der beiden Bedingungen
f (xϕ(n) ) < f (x0 ) − ε0 < f (x0 ) oder f (x0 ) < f (x0 ) + ε0 < f (xϕ(n) ), n ∈ N,
genügt. Es sei z.B. die zweite erfüllt. Da f (D) ein Intervall ist, muß [f (x0 ), f (xϕ(1) )] ⊆
f (D) und daher erst recht f (x0 ) + ε0 ∈ f (D) gelten. Es gibt also ξ ∈ D mit
f (x0 ) + ε0 = f (ξ). Aus f (x0 ) < f (ξ) < f (xϕ(n) ), n ∈ N, folgert man wegen der
Monotonie von f , dass x0 < ξ < xϕ(n) , n ∈ N, zutreffen muß, also gilt auch
x0 < ξ ≤ lim xϕ(n) = x0 , ein Widerspruch.
Satz 3.8 zeigt, dass die strenge Monotonie einer Funktion hinreichend (we-
gen Beispiel 3.9 aber nicht notwendig) ist für deren Injektivität. Im Raum der
stetigen Funktionen auf einem Intervall ist diese Bedingung sogar notwendig.
Lemma 3.54
Es sei I = [a, b], −∞ < a < b < ∞. Jede stetige, injektive Abbildung
f : I → R ist streng monoton.
147
3 Reelle und komplexe Funktionen
Beweis. Wegen der Injektivität von f ist f (a) 6= f (b). Wir nehmen an, es sei
f (a) < f (b) (anderenfalls ersetzt man f durch −f ).
1. Schritt: f (a) < f (x) < f (b) für alle x ∈ (a, b). Angenommen, es gäbe ein
ξ ∈ (a, b) mit f (ξ) ≤ f (a) oder f (ξ) ≥ f (b). Wir betrachten zuerst den Fall
f (ξ) ≤ f (a). Da f injektiv ist und ξ > a, muß f (ξ) < f (a) gelten. Somit ist
f (a) ein Zwischenwert der stetigen Funktion f |[ξ,b] . Der Zwischenwertsatz für
f |[ξ,b] sichert die Existenz von η ∈ (ξ, b) mit f (η) = f (a). Wegen a < ξ < η
ergibt sich ein Widerspruch zur Injektivität von f , es muß also f (a) < f (x) für
alle x ∈ (a, b) gelten. Analog schließt man die Möglichkeit f (ξ) ≥ f (b) aus.
2. Schritt: x < y ⇒ f (x) < f (y) für alle x, y ∈ [a, b]. Die Behauptung ist wahr
für x = a, y = b. Sie ergibt sich in den Fällen x = a < y < b, a < x < y = b
aus Schritt 1. Schließlich sei a < x < y < b. Für das Tripel a < y < b folgt mit
Schritt 1: f (a) < f (y) < f (b). Ersetzt man somit in Schritt 1 f durch die stetige
Funktion f˜ := f |[a,y] folgt aus a < x < y die Ungleichung f˜(a) < f˜(x) < f˜(y),
dh. f (a) < f (x) < f (y).
Satz 3.55
Beweis. Es sei r, s ∈ I : r < s und o.B.d.A f (r) < f (s) und somit f nach
Lemma 3.54) streng monoton steigend auf [r, s]. Es sei nun x, y ∈ I und x < y
Dann ist f auf [min{r, x}, max{s, y}] streng monoton steigend und somit f (x) <
f (y).
148
3.6 Monotonie und Stetigkeit
Korollar 3.57
Satz 3.58
Der Satz von der Umkehrfunktion zeigt, dass einzig der Umstand, dass der
Definitionsbereich von f kein Intervall ist, verhindern kann, dass die Umkehr-
funktion einer streng monotonen Funktion stetig ist.
Beispiel 3.59. Sei D = [0, 1) ∪ [2, 4] und f : D → [0, 1) ∪ [1, 2]
(
x, x ∈ [0, 1),
f (x) = 1
2 x, x ∈ [2, 4],
(
x, x ∈ [0, 1),
f −1 (x) =
2x, x ∈ [1, 2].
4
2.5
3.5
2
3
1.5
2.5
1 2
1.5
0.5
0
0.5
−0.5
0
0 0.5 1 1.5 2 2.5 3 3.5 4 −1.5 −1 −0.5 0 0.5 1 1.5 2 2.5 3 3.5
Abbildung 3.7: Eine streng monotone, stetige Funktion auf einer unzusammen-
hängenden Menge, und ihre Umkehrfunktion, deren Definitions-
bereich zusammenhängend ist
Die Bedingung „der Definitionsbereich von f ist ein Intervall“ ist jedoch keines-
wegs notwendig für die Stetigkeit von f −1 : Wir ändern Beispiel 3.59 geringfügig
ab: ( (
x, x ∈ [0, 1), x, x ∈ [0, 1),
f (x) = 1
f −1 (x) =
1 + 2 x, x ∈ [2, 4], 2x − 2, x ∈ [2, 3].
Man beachte, dass f −1 (x) stetig ist und streng monoton wächst.
149
3 Reelle und komplexe Funktionen
4
3
3.5
2.5
2
2.5
1.5 2
1.5
1
0.5
0.5
0
0
0 0.5 1 1.5 2 2.5 3 3.5 4 −1 −0.5 0 0.5 1 1.5 2 2.5 3 3.5 4
Abbildung 3.8: Eine streng monotone, stetige Funktion auf einer unzusammen-
hängender Menge, und ihre Umkehrfunktion, deren Definitions-
bereich ebenfalls unzusammenhängend ist
Definition 3.60
D ⊆ K, D 6= ∅.
Lemma 3.61
Ein Häufungspunkt einer Menge muß selbst nicht in dieser Menge liegen: z.B.
ist x = 0 Häufungspunkt von (0, 1]. Jeder Punkt eines Intervalles I, das zumin-
dest zwei verschiedene Elemente enthält, ist ein Häufungspunkt von I. Eine end-
liche Menge besitzt keine Häufungspunkte. Der Grenzwert einer konvergenten
Folge (xn ) ist nicht automatisch zugleich ein Häufungspunkt der Folge. Man be-
trachte etwa eine Folge (xn ) mit xn = a, n ∈ N, und beachte {xn : n ∈ N} = {a}.
Zur Unterscheidung bezeichnet man in der Literatur oft Elemente ξ ∈ K, wel-
che als Grenzwert einer konvergenten Teilfolge einer Folge (xn ) möglich sind,
150
3.7 Grenzwerte von Funktionen
als Häufungswerte der Folge (xn ). Sind unendlich viele Glieder einer derartigen
Teilfolge von ξ verschieden, dann ist ξ natürlich auch ein Häufungspunkt von
(xn ) (genauer: von {xn : n ∈ N}).
Wir betrachten nun die beiden Abbildungen f, g ∈ F (R \ {0}, R), f (x) = |x| ,
x
3
x
g(x) = |x| und versuchen das qualitativ verschiedene Verhalten von f und g an
der Ausnahmestelle x0 = 0 zu beschreiben. Man beachte, dass die Ausnahme-
stelle ein Häufungspunkt des Definitionsbereiches von f bzw. g ist.
Definition 3.62
151
3 Reelle und komplexe Funktionen
Satz 3.63
1. Es ist F = limx→x0 f (x) genau dann, wenn für jede Folge (xn ) ⊆
D \ {x0 } gilt limn→∞ xn = x0 ⇒ limn→∞ f (xn ) = F .
Lemma 3.64
2. Es existieren der rechts– und linksseitige Grenzwert und sie sind gleich,
−
d.h. f (x+
0 ) = f (x0 ).
Wie bei Folgen kann man die bloße Existenz eines (einseitigen) Grenzwertes
einer Funktion feststellen, ohne bereits seinen Wert vermuten zu müssen. Wir
beschränken uns auf den Grenzwert und überlassen die notwendigen Modifika-
tionen für einseitige Grenzwerte dem Leser. Wir erinnern an die Schreibweise
Uδ (x0 ) = {x ∈ R : |x − x0 | < δ}.
152
3.7 Grenzwerte von Funktionen
∀ε > 0∃δ > 0∀x, x̃ ∈ D : x, x̃ ∈ Uδ (x0 ) \ {x0 } ⇒ |f (x) − f (x̃)| < ε. (∗)
Ohne Beweis teilen wir mit, dass für das Rechnen mit Grenzwerten bzw.
einseitigen Grenzwerten von Funktionen Rechenregeln gelten, die analog sind
den Regeln für stetige Funktionen:
Regel I: Gilt limx→x0 f (x) = α, limx→x0 g(x) = β, so gilt auch
153
3 Reelle und komplexe Funktionen
Satz 3.66
Beweis. Wir betrachten eine monoton wachsende Funktion f und x0 ∈ [a, b).
Wegen der Beschränktheit von f existiert α = inf{f (x) : x > x0 }. Wir zeigen
0 ) = α. Zu ε > 0 gibt es ξ ∈ (x0 , b] mit α ≤ f (ξ) < α+ε. Aus der Monotonie
f (x+
von f folgt für alle x ∈ (x0 , ξ):
Analog zeigt man die Existenz des linksseitigen Grenzwertes in x0 ∈ (a, b].
Wegen der Analogie der Definition des Grenzwertes von f an einer Stelle x0
und der Definition der Stetigkeit ist es weiter nicht überraschend, dass zwischen
diesen beiden Konzepten ein enger Zusammenhang besteht:
Satz 3.67
Eine Funktion f : [a, b] → K ist an der Stelle x0 ∈ [a, b] genau dann stetig,
wenn limx→x0 f (x) = f (x0 ), dh. limx→x− f (x) = limx→x+ f (x) = f (x0 )
0 0
gilt.
In den Randpunkten des Intervalls ist natürlich nur einer der beiden einseiti-
gen Grenzwerte sinnvoll.
Eine Abbildung f : [a, b] → K ist an einer Stelle x0 ∈ [a, b] daher genau dann
unstetig, wenn einer der folgenden Fälle vorliegt:
−
• x0 ist eine hebbare Unstetigkeit: f (x+
0 ) = f (x0 ) 6= f (x0 ).
−
• x0 ist eine Sprungstelle: f (x+
0 ) 6= f (x0 ).
Definition 3.68
154
3.7 Grenzwerte von Funktionen
Korollar 3.69
Wir sind nun auch in der Lage folgendes Problem zu lösen: Es sei f ∈ C(D, K)
und x0 ein Häufungspunkt von D, x0 6∈ D. Gibt es eine stetige Fortsetzung F
von f auf D ∪ {x0 }, dh. F ∈ C(D ∪ {x0 }, K) und F |D = f ?
Satz 3.70
Beweis. „⇒“ Aus dem Folgenkriterium für die Stetigkeit von F an x0 ergibt
sich die Existenz des Grenzwertes von f in x0 : (xn ) ⊆ D, und limn→∞ xn =
x0 ⇒ limn→∞ F (xn ) = limn→∞ f (xn ) = F (x0 ). Da der Grenzwert von f in x0
eindeutig bestimmt ist, folgt damit auch die Eindeutigkeit der Fortsetzung.
„⇐“ Es existiere nun umgekehrt der Grenzwert von f an der Stelle x0 und
(xn ) ⊆ D ∪ {x0 } konvergiere gegen x0 . Es genügt, die Stetigkeit von F in x0
nachzuweisen. Dies gelingt, indem man die Folge (xn ) in zwei Teilfolgen (xϕ(n) )
und (xψ(n) ) zerlegt mit xϕ(n) 6= x0 und xψ(n) = x0 für alle n ∈ N. Die Folge
(f (xϕ(n) )) konvergiert gegen limx→x0 f (x) nach Voraussetzung, (F (xψ(n) )) ist
eine konstante Folge.
155
3 Reelle und komplexe Funktionen
Nach Lemma 3.14 ist jede reelle Zahl ein Häufungspunkt von Q. Eine un-
mittelbare Konsequenz des vorigen Satzes ist also, dass eine auf D ⊆ R stetige
Funktion durch ihre Werte auf Q ∩ D bereits eindeutig festgelegt wird:
Korollar 3.71
Auf R \ {1} ist f (x) = x + 1 und somit limx→1 f (x) = 2. f läßt sich also stetig
auf R fortsetzen, wenn wir f (1) = 2 vorschreiben. Die Fortsetzung F ist die
Abbildung x 7→ x + 1.
Definition 3.73
√ √
Beispiel 3.74. limx→∞ ( x + 1 − x) = 0. Zum Beweis benützen wir die für
x > 0 gültige Abschätzung
√ √ 1 1
x+1− x= √ √ < √ .
x+1+ x 2 x
√ √
Für x > ξ = 1
4ε2
folgt damit | x + 1 − x| < ε.
156
3.8 Funktionenfolgen und Funktionenreihen
Definition 3.75
lim f (x) = ∞ ⇔ ∀ξ > 0∃δ > 0∀x ∈ D : 0 < |x − x0 | < δ ⇒ f (x) > ξ.
x→x0
Definition 3.76
Wegen der Eindeutigkeit des Grenzwertes der Zahlenfolgen (fn (x)) ist auch
die Grenzfunktion eindeutig bestimmt. Wenn für jedes x ∈ D der Grenzwert
limn→∞ fn (x) existiert, dann ist durch f (x) := limn→∞ fn (x) eine Grenzfunk-
tion mit limn→∞ fn = f pw. definiert. Aus der Definition folgt auch, dass die
Funktionenfolge (fn ) genau dann punktweise konvergiert, wenn für alle x ∈ D
die Folge der Bilder (fn (x)) eine Cauchy-Folge ist. Die Rechenregeln für Grenz-
werte in R übertragen sich auf punktweise konvergente Funktionenfolgen.
Zum Beweis greift man auf Satz 2.10 zurück. Man beachte, dass f unstetig,
jedes fn aber stetig ist. Wir
logmerken an, dass 0 ≤ xn < ε < 1 für alle
ε
x ∈ [0, 1), und für alle n > log x + 1 =: N gilt. Dieses N ist optimal.
157
3 Reelle und komplexe Funktionen
2. D = [0, 2].
nx,
x ∈ [0, n1 ],
fn (x) = 2 − nx, x ∈ ( n1 , n2 ],
0, x ∈ ( n2 , 2].
1 k 1
|x − fn (x)| = |x − bnxc| = |x − | < < ε.
n n n
Die letzte Ungleichung gilt für alle n ≥ N > 1ε . In diesem Beispiel sind die
approximierenden Funktionen fn unstetig, trotzdem ist die Grenzfunktion
stetig.
4. D = R+ , fn (x) = 1+nx .
x
Die Abschätzung für alle x ∈ R+ , ε > 0
1 nx 1
0 ≤ fn (x) ≤ ≤ < ε,
n 1 + nx n
Die Stetigkeit der Grenzfunktion wäre also gewährleistet, wenn die Vertauschung
der beiden Grenzwerte gerechtfertigt wäre. Eine hinreichende Bedingung dafür
ist nach Satz 2.54 z.B. die gleichmäßige Konvergenz der Folge (fn (xk ))n∈N+ be-
züglich k. Dies führt zu folgendem, stärkeren Konvergenzbegriff (vgl. Definition
2.52):
158
3.8 Funktionenfolgen und Funktionenreihen
Definition 3.78
(fn )n≥1 ⊆ F (D, R) sei eine Funktionenfolge und f ∈ F (D, R). (fn ) heißt
gleichmäßig konvergent gegen die Grenzfunktion f genau dann, wenn
Man beachte die Reihenfolge der Quantoren! Die Folge (fn ) konvergiert also
gleichmäßig genau dann, wenn ein Index N unabhängig von x ∈ D gefunden
werden kann, sodass sämtliche Funktionswerte von fn , n ≥ N , in einem „ε-
Schlauch“ um f liegen. Siehe Abbildung 3.9.
3
f+ε
0 f
f
n
−1
f −ε
−2
−3
−1 −0.8 −0.6 −0.4 −0.2 0 0.2 0.4 0.6 0.8 1
Die Folge (fn ) konvergiert demnach nicht gleichmäßig gegen f genau dann,
wenn
Betrachten wir die Funktionenfolgen in Beispiel 3.77: Die Folgen in (3) und (4)
sind gleichmäßig konvergent, jene in (1) und (2) konvergieren nicht gleichmäßig:
Man verifiziere die Bedingung (∗) mit folgender Wahl:
Beispiel 3.77 (1): ε0 = 41 , kn = n, xn = 1 − n1 , n ≥ 2:
1 n 1 IV-Beispiel 2.21 1
fn (xn ) = (1 − ) = 1 n ≥
n (1 + n−1 ) 4
159
3 Reelle und komplexe Funktionen
1.5
0.9
0.8
0.7 n=1
n=1 n=8 n=4
1
0.6
0.5
n=4
0.4
0.5
0.3
0.2 n=8
0.1
0 0
0 0.2 0.4 0.6 0.8 1 0 0.2 0.4 0.6 0.8 1 1.2 1.4 1.6 1.8 2
Beispiel 1 Beispiel 2
1
0.9
0.8 0.9
0.7 0.8
0.7
0.6 n=1
n = 40 0.6
0.5
0.5
0.4 n = 20
0.4
0.3
0.3 n=4
n = 10
0.2
0.2
n=8
0.1
0.1
0 0
0 0.1 0.2 0.3 0.4 0.5 0.6 0.7 0.8 0.9 1 0 0.5 1 1.5 2 2.5 3 3.5 4 4.5 5
Beispiel 3 Beispiel 4
Es ist klar, dass als Grenzfunktion bei gleichmäßiger Konvergenz nur jene
Funktion in Frage kommt, die durch die punktweise Konvergenz bestimmt wird.
Wie bei gewöhnlichen Zahlenfolgen kann auch die gleichmäßige Konvergenz einer
Funktionenfolge durch eine Cauchy Bedingung charakterisiert werden. Diese hat
wieder den Vorteil, dass ihr Nachweis nicht die Kenntnis der Grenzfunktion
bereits voraussetzt.
Satz 3.79
Es sei (fn )n∈N+ ⊆ F (D, R). Die Folge (fn ) ist genau dann gleichmäßig kon-
vergent, wenn (fn ) eine gleichmäßige Cauchy Folge in F (D, R) bildet,
dh.
∀ε > 0 ∃N ∀x ∈ D ∀n, m ≥ N : |fn (x) − fm (x)| < ε. (∗)
160
3.8 Funktionenfolgen und Funktionenreihen
„⇐“ Es sei (fn ) eine gleichmäßige Cauchy Folge, insbesondere ist dann (fn (x))
für jedes x ∈ D eine Cauchy Folge in R, also konvergent. Wir bezeichnen den
Grenzwert mit f (x). Die Folge (fn ) konvergiert also bereits punktweise gegen
f . Wir weisen nun die Gleichmäßigkeit der Konvergenz von fn gegen f nach:
Hält man n und x in der Cauchy Bedingung (∗) fest, ergibt sich mit Hilfe von
Korollar 2.16 (oder auch Beispiel 3.36-5)
Satz 3.80
Beweis. Dies folgt zwar aus Satz 2.54, es ist jedoch lehrreich, die Behauptung
direkt zu beweisen: Wir schreiben f (x) − f (x0 ) in der Form
f (x) − f (x0 ) = (f (x) − fn (x)) + (fn (x) − fn (x0 )) + (fn (x0 ) − f (x0 )).
|f (x) − f (x0 )| ≤ |f (x) − fn (x)| + |fn (x) − fn (x0 )| + |fn (x0 ) − f (x0 )| < 3ε.
Dieser Satz ist auch von Nutzen beim Nachweis, dass bestimmte Grenzwer-
te nicht gleichmäßig sind. Z.B. kann die Konvergenz in Beispiel 3.77-(1) nicht
gleichmäßig sein, da die Grenzfunktion f unstetig, die approximierenden Funk-
tionen fn jedoch stetig sind.
Eine teilweise Umkehrung dieses Satzes bringt folgendes Resultat, welches auf
U. Dini zurückgeht. Der Beweis erfordert allerdings Hilfsmittel, die uns derzeit
noch nicht zur Verfügung stehen.
161
3 Reelle und komplexe Funktionen
Der Satz von Dini ist falsch, wenn man auch nur auf eine der Voraussetzungen
verzichtet. In den folgenden Beispielen sind jeweils alle Voraussetzungen bis auf
eine einzige Ausnahme erfüllt, die Konvergenz gegen die Grenzfunktion ist je-
weils nicht gleichmäßig. Wir überlassen diesen Nachweis dem Leser und notieren
nur die Voraussetzung, die verletzt wird:
Definition 3.83
Es sei (fn )n∈N+ ⊆ F P (D, R) und (sn )n∈N+ ⊆ F (D, R) die Folge der n-ten
Partialsummen sn = ni=1 fi .
P∞
i) P
Die Reihe n=1 fn konvergiert punktweise gegen f ∈ F (D, R),
∞
n=1 fn = f , pw. :⇔ limn→∞ sn = f punktweise.
P∞
ii) P
Die Reihe n=1 fn konvergiert gleichmäßig gegen f ∈ F (D, R),
∞
n=1 fn = f glm. :⇔ limn→∞ sn = f gleichmäßig.
Satz 3.84
Es sei (fn ) ⊆ F (D, R). Die Folge der Partialsummen (sn ), sn = ni=1 fi ,
P
konvergiere gleichmäßig
P gegen f . Sind alle Abbildungen fn in x0 ∈ D stetig,
dann ist auch f = ∞ n=1 fn in x0 stetig. Gilt insbesondere (fn ) ⊆ C(D, R),
dann ist auch f stetig.
Wir überlassen es dem Leser, das Cauchy Kriterium 3.79 für Funktionenreihen
anzugeben. Eine überaus nützliche hinreichende Bedingung für (absolute) gleich-
mäßige Konvergenz ist folgende Adaptation des Vergleichskriteriums:
162
3.8 Funktionenfolgen und Funktionenreihen
P∞
P∞ dass die Reihe n=1 Mn für
Beweis. Die Bedingungen des Satzes implizieren,
alle x ∈ D eine konvergente Majorante für n=1 |fn (x)| darstellt. Die Behaup-
tung folgt nun aus Satz 2.64.
P∞ 1
Beispiel 3.86 (Dirichlet Reihe). n=1 nx konvergiert gleichmäßig auf jeder
Menge Dc := {x ∈ R : x ≥ c > 1}.
O.B.d.A kann c ∈ Q angenommen werden. Aus Satz 3.18-(7) folgt
1 1
x
< c, n ≥ 2.
n n
Wegen c > 1 folgt nun die Behauptung aus ∞ n=1 nc < ∞ (vgl. Satz 2.67). Die
1
P
P∞
Abbildung x 7→ n=1 nx , x > 1, heißt Riemannsche Zetafunktion.
1
Insbesondere folgt aus diesem Beispiel, dass Satz 2.67 für alle s ∈ R gültig
ist.
Der Weierstraß m-Test führt notwendig auf absolute gleichmäßige Konvergenz.
Wir weisen jedoch darauf hin, dass die beiden Begriffe gleichmäßige Konvergenz
und absolute gleichmäßige Konvergenz voneinander unabhängig sind. Die hinrei-
chenden Bedingungen für bedingte Konvergenz aus Kapitel 2 lassen sich jedoch
leicht auf Funktionenreihen übertragen:
Beweis. Die Folge (fn (x)) ist für alle x ∈ D konvergent. Wir bezeichnen den
punktweisen Grenzwert der Reihe mit f (x) (Leibniz-Kriterium 2.70). Nach Ko-
rollar 2.71 gilt die Abschätzung
n
X
|f (x) − fk (x)| ≤ |fn+1 (x)|.
k=1
163
3 Reelle und komplexe Funktionen
P∞
Beispiel 3.90. Wir untersuchen die Konvergenz der Reihe n=1 (−1)
n+1 f (x)
n
x2
mit D = R, fn (x) = (1+x 2 )n .
i) | fn+1 (x)
fn (x) | = 1+x2 < 1, x 6= 0, fn (0) = 0, n ∈ N. Das Quotientenkriterium
1
ga-
P∞
rantiert somit die absolute, punktweise Konvergenz der Reihe n=1 (−1) n+1 fn (x).
Für festes x ∈ R liegt eine geometrische Reihe vor. Eine leichte Rechnung liefert
nun die Grenzfunktion
1 x2
f (x) = −x2
1 − 1 = .
1 + 1+x 2 2 + x2
ii) Setzen wir un (x) = (−1)n+1 , vn (x) = fn (x), x ∈ R. Die Folge der Partial-
summen (sn ) = (1, 0, 1, 0, . . . ) ist beschränkt, es gilt fn+1 (x) ≤ fn (x), x ∈ R.
Wir zeigen, dass (fn ) gleichmäßig gegen die Nullfunktion konvergiert:
Lemma 1.59 x2 1
fn (x) ≤ 2
≤ für alle x ∈ R,
1 + nx n
somit konvergiert die Reihe gleichmäßig (vgl. die Sätze 3.89 bzw. 3.87).
iii) Die Reihe ist jedoch nicht absolut gleichmäßig konvergent, dh. die Reihe
P∞ x2
n=1 (1+x2 )n konvergiert nicht gleichmäßig auf R. Wegen i) konvergiert diese
Reihe absolut und punktweise, und zwar gegen
(
0 für x = 0
f˜(x) =
1 für x 6= 0
164
3.8 Funktionenfolgen und Funktionenreihen
0.9 1
0.8 0.9
− f(x) 0.8
0.7 −−− n=2
−.− n=4
... n=8 0.7
0.6
0.6
0.5
0.5 −−− n = 2
−.− n = 4
0.4 ... n = 8
0.4
0.3
0.3
0.2
0.2
0.1 0.1
0 0
−4 −3 −2 −1 0 1 2 3 4 −4 −3 −2 −1 0 1 2 3 4
Bemerkung 3.91
165
Das Griechische Alphabet
Diejenigen Großbuchstaben die aussehen wie lateinische Buchstaben, finden
mangels Unterscheidbarkeit in der Mathematik wenig Verwendung. Eine promi-
nente Ausnahme bildet die Euler’sche Beta-Funktion, die tatsächlich mit einem
großen Beta bezeichnet wird. Man sollte daher B(x, y) auch lesen als „Beta von
x und y“, und nicht als „B von x und y“.
167
Literaturverzeichnis
[1] Ehrhard Behrends. Analysis. Band 1. Ein Lernbuch für den sanften Wechsel
von der Schule zur Uni. Von Studenten mitentwickelt. Wiesbaden: View-
eg+Teubner, 5th revised and expanded ed. edition, 2011. ISBN 978-3-8348-
1713-6; 978-3-8348-8186-1. doi:10.1007/978-3-8348-8186-1.
[2] Harro Heuser. Lehrbuch der Analysis. Teil 1. Wiesbaden: Teubner, 16th
revised ed. edition, 2006. ISBN 978-3-8351-0131-9.
[6] Michael Spivak. Calculus. Houston, TX: Publish or Perish, 4th ed. edition,
2008. ISBN 978-0-914098-91-1.
169
Index
b-adische Entwicklung, 104 Fundamentalsatz der Algebra, 53
Funktion
Abelsche partielle Summation, 103 beschränkt, 122
Abelsches Kriterium, 104 gerade, 125
abgeschlossen Grenzwert, 151
unter einer Operation, 24 linksseitig stetig, 154
Absolutbetrag, 18 linksseitiger Grenzwert, 151
abzählbare Menge, 40 monotone, 21
affine Funktionen, 124 rational, 137
arithmetisches Mittel, 18 rechtsseitig stetig, 154
beschränkte Folge, 65 rechtsseitiger Grenzwert, 151
Betrag, 18, 52 steigende, 21
Binomialkoeffizient, 31 streng monotone, 21
binomischer Lehrsatz, 32 ungerade, 125
Bolzano–Weierstrass, 73 Gaußsche Zahlenebene, 52
Cauchy Folge, 74 geometrische Reihe, 91
Cauchy-Produkt, 113 Geradenfuktion, 124
gleichmächtige Mengen, 39
Dirichlet Kriterium, 104 Grad, 135
divergent, 64 Grenzwert, 156
Doppelfolge, 84 Folge, 64
Doppellimes, 85 Funktion, 151
Doppelreihe, 115 spalteniteriert, 85
Doppelreihensatz, 117 zeileniteriert, 85
Dreiecksungleichung, 19 Grenzwertkriterium, 94
Gruppe, Abelsch, 10
Einschränkung, 123 Größtes Ganzes, 26
Einschränkung einer Funktion, 123
Einsfunktion, 121 harmonische Reihe, 90
endliche Menge, 40 hebbare Unstetigkeit, 154
Endpunkt eines Intervalls, 20 Heron-Verfahren, 72
Eulersche Zahl, 72, 73, 111 Häufungspunkt, 150
Exponentialfunktion, 132 Häufungswerte, 151
Exponentialreihe, 111 Häufungspunkt einer Folge, 78
höchstens abzählbare Menge, 40
Faktorielle, 31
Fakultäten, 31 Identitätssatz
Folge, 63 Polynome, 137
divergent, 64 imaginäre Einheit, 51
konvergent, 64 Imaginärteil, 51
171
Index
172
Index
Ungleichung Wurzelkriterium, 97
Bernoulli, 30
Cauchy-Schwarz-Bunjakowski, Zahl
56 erweitert reell, 81
Minkowski , 57 ganz, 26
Unstetigkeit 2. Art, 154 imaginär, 51
irrational, 33
Verdichtungskriterium, 93 komplex, 50
Vergleichskriterium, 92 konjugiert komplex, 52
vollständige Induktion, 23 natürlich, 23
rational, 33
Wohlordnungssatz, 26 reell, 8
Wurzel, 47
Wurzelfunktion, 127 überabzählbare Menge, 41
173