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Analysis

Das Dokument ist ein Skript zur Vorlesung Analysis 1 von Gunther Leobacher für das Studienjahr 2023/2024, das auf den LATEX-Quellen eines anderen Skripts basiert und von mehreren Kollegen überarbeitet wurde. Es behandelt die grundlegenden Konzepte der reellen und komplexen Zahlen, einschließlich ihrer axiomatischen Beschreibung, sowie die Einführung von Funktionen und deren Eigenschaften. Das Skriptum ist als Arbeitsdokument gedacht und enthält sowohl neue als auch angepasste Inhalte zur Unterstützung der Studierenden.

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Analysis I

Gunther Leobacher

Studienjahr 2023/2024
Vorwort
Dies ist mein Skriptum zur Vorlesung Analysis 1, gehalten in Graz im Winterse-
mester 2023. Professor Günter Peichl war so freundlich, mir die LATEX-Quellen
seines eigenen Skriptums zur Analysis zur Verfügung zu stellen. Die Kollegen
Schwaiger und Prager haben mit Korrekturen und Anregungen zu Peichl’s Skrip-
tum beigetragen, Frau Gerlinde Krois hat es getippt.
Das vorliegende Skriptum ist im Wesentlichen eine Überarbeitung davon, ei-
nige Teile sind meinem Geschmack angepasst, andere neu. Die Notwendigkeit
für eine Überarbeitung ergab sich unter anderem durch die Änderung des Stu-
dienplanes mit der neuen LV „Einführung in die Hochschulmathematik“, deren
Besuch vor der Analysis vorausgesetzt wird.
Die von mir hinzugefügten oder geänderten Teile des Skriptums sind work-
in-progress und sicherlich voller Fehler. Hoffentlich wird das eines Tages besser,
ich hoffe dabei auf die Mithilfe der Hörerinnen und Hörer.

Gunther Leobacher, im Oktober 2023

3
Inhaltsverzeichnis
Vorwort 2

1 Reelle und komplexe Zahlen 7


1.1 Axiomatische Beschreibung der reellen Zahlen . . . . . . . . . . . 8
1.2 Folgerungen aus den Körperaxiomen . . . . . . . . . . . . . . . . 11
1.3 Folgerungen aus den Ordnungsaxiomen . . . . . . . . . . . . . . . 14
1.4 Die natürlichen Zahlen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22
1.5 Die rationalen Zahlen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32
1.6 Folgerungen aus dem Vollständigkeitsaxiom . . . . . . . . . . . . 34
1.7 Endliche, unendliche, abzählbare und überabzählbare Mengen . . 39
1.8 Wurzeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45
1.9 Komplexe Zahlen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50
1.10 Bonus: Existenz und Eindeutigkeit der reellen Zahlen . . . . . . . 57

2 Folgen und Reihen 63


2.1 Konvergenz von Folgen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63
2.2 Rechenregeln für konvergente Folgen . . . . . . . . . . . . . . . . 68
2.3 Konvergenzkriterien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71
2.4 Limes inferior und Limes superior . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75
2.5 Uneigentliche Grenzwerte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81
2.6 Bonus: Doppelfolgen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83
2.7 Reihen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88
2.8 Reelle Reihen mit nicht negativen Gliedern . . . . . . . . . . . . 91
2.9 Alternierende Reihen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95
2.10 Absolute und bedingte Konvergenz von Reihen . . . . . . . . . . 96
2.11 b-adische Entwicklung reeller Zahlen . . . . . . . . . . . . . . . . 104
2.12 Potenzreihen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110
2.13 Multiplikation von Reihen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113
2.14 Bonus: Doppelreihen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115

3 Reelle und komplexe Funktionen 121


3.1 Funktionenräume . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121
3.2 Elementare Funktionen I . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126
3.2.1 Potenzfunktion, Wurzelfunktion . . . . . . . . . . . . . . . 126
3.2.2 Exponentialfunktion, Logarithmusfunktion . . . . . . . . . 132
3.2.3 Polynome, rationale Funktionen . . . . . . . . . . . . . . . 134
3.3 Stetigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138
3.4 Zwischenwertsatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143
3.5 Stetigkeit auf einem abgeschlossenen, beschränkten Intervall . . . 145
3.6 Monotonie und Stetigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 146

5
Inhaltsverzeichnis

3.7 Grenzwerte von Funktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 150


3.8 Funktionenfolgen und Funktionenreihen . . . . . . . . . . . . . . 157

Das Griechische Alphabet 167

Literaturverzeichnis 169

Index 171

6
1 Reelle und komplexe Zahlen
In der Schule lernen wir zählen und addieren zunächst im Bereich von 1 bis etwa
10, dann bis ca 20. Bald kommt auch Minus-Rechnen dazu, mit der Einschrän-
kung, dass nur kleinere Zahlen von größeren abgezogen werden dürfen, und bald
wird auch multipliziert. Es wird dabei auch die Vorstellung geprägt, dass sich der
Zahlbereich beliebig erweitern lässt, dass man immer weiter zählen kann, bzw
sich durch Addition und Multiplikation beliebig große Zahlen erzeugen lassen.
Am vorläufigen Ende dieser Entwicklung stehen die natürlichen Zahlen, ein
Zahlbereich, in dem man uneingeschränkt addieren und multiplizieren kann,
sowie eingeschränkt subtrahieren und dividieren (eine Division muss nicht „auf-
gehen“, es bleibt ein Rest).
Mit Einführung der 0 und des Minus-Symbols vor einer natürlichen Zahl sind
die ganzen Zahlen eingeführt, in denen die Subtraktion uneingeschränkt möglich
ist, das heißt, dass man eine beliebige ganze Zahl von einer beliebigen anderen
ganzen Zahl subtrahieren kann, und wieder eine ganze Zahl erhält.
Den nächsten Schritt stellt das Bruchrechnen, also die Einführung der ratio-
nalen Zahlen dar. In diesem Zahlbereich ist auch Division fast uneingeschränkt
möglich, einzig durch die 0 darf/kann nicht dividiert werden.
Neben der Darstellung als Bruch gibt es auch eine Darstellung in Dezimal-
entwicklung, wobei rationale Zahlen entweder einer Dezimalentwicklung haben,
die abbricht, wo also irgendwann nur mehr Nuller kommen, oder eine, in der
sich irgendwann eine Ziffernfolge immer wiederholt, die Dezimalentwicklung also
schließlich „periodisch“ ist.
Mit der Vorstellung, dass sich auch durch unendlich lange nicht-periodische
Dezimalentwicklungen Zahlen beschreiben lassen, sind die reellen Zahlen einge-
führt, mit denen sich ebenso uneingeschränkt rechnen lässt wie mit rationalen
Zahlen, mit denen sich aber zusätzlich Größen wie die Länge der Diagonale eines
Einheitsquadrats oder der Umfang und die Fläche des Einheitskreises beschrei-
ben lassen. Dass diese Größen eben nicht durch rationale Zahlen beschrieben
werden können, muss man in der Schule üblicherweise glauben (zumindest für
die Fläche des Einheitkreises).
Der vorerst letzte Schritt in dieser Entwicklung der Zahlbereiche ist die Ein-
führung der komplexen Zahlen, mit deren Hilfe man Wurzeln aus negativen Zah-
len ziehen und ganz allgemein beliebige (nicht-konstante) Polynom-Gleichungen
lösen kann.
Ein möglicher Zugang für eine Analysis-Vorlesung, die sich mit der Einfüh-
rung der reellen und komplexen Zahlen, sowie Funktionen zwischen Teilmengen
derselben und deren Eigenschaften befasst ist der, diese Entwicklung exakt und
mit allen Details nachzuvollziehen.

7
1 Reelle und komplexe Zahlen

Ein anderer Zugang ist der „axiomatische“: Die Rechenoperationen „plus“ und
„mal“ erfüllen, unabhängig vom jeweiligen Zahlbereich, gewisse Gesetzmäßigkei-
ten: Es ist egal, in welcher Reihenfolge man Additionen oder Multiplikationen
mehrerer Zahlen durchführt, das sind die sogenannten Assoziativgesetze. Auch
kann man bei der Addition die Summanden, bei Multiplikation die Faktoren
vertauschen, die sogenannten Kommutativgesetze. Eine weitere Gemeinsamkeit
stellt das Distributivgesetz dar (eine Wiederholung all dieser Gesetze findet sich
im nächsten Abschnitt).
Beim axiomatischen Zugang, werden also die Rechengesetze sowie weitere Ei-
genschaften der reellen Zahlen als Axiome postuliert, und weitere Eigenschaften
daraus gefolgert. Die rationalen, ganzen und natürlichen Zahlen werden dann
als geeignete Teilmengen der reellen Zahlen definiert. Die Existenz der Menge
der reellen Zahlen, also der mathematischen Struktur, welche die Axiome erfüllt,
wird vorausgesetzt.

Aber warum verfolgen wir den axiomatischen Zugang, und nicht den (zumin-
dest scheinbar) organischeren konstruktiven Zugang? Auf die Fragen gibt es zwei
Antworten:

1. Der axiomatische Zugang ist der „modernere“: Die meisten mathemati-


schen Theorien werden heute über Axiome eingeführt. Es werden alle
mathematischen Strukturen, die diese Axiome erfüllen, simultan studiert.
Natürlich sucht man in jeder solcher abstrakten Theorie dennoch konkre-
te Strukturen („Modelle“), die diese Axiome tatsächlich erfüllen – sonst
könnte es sein, dass man aufwändige Theorien entwickelt über Dinge, die
es gar nicht gibt.

2. Die Alternative, das Konstruieren der einzelnen Zahlbereiche auf Basis des
jeweiligen früheren ist repetitiv und mit sehr viel Schreibarbeit verbunden,
wenn man wirklich alle Rechengesetze beweisen will. Eine Idee dazu wird
in Abschnitt 1.10 vermittelt, wo wir die Konstruktion der reellen Zahlen
aus den rationalen skizzieren.

1.1 Axiomatische Beschreibung der reellen Zahlen

Wir gehen davon aus, daß auf der Menge R der reellen Zahlen zwei binäre
Operationen, Addition und Multiplikation erklärt sind. Somit wird jedem Paar
(x, y) ∈ R × R eindeutig eine reelle Zahl x + y (die Summe von x und y)
und ebenso eindeutig eine weitere reelle Zahl x · y (das Produkt von x und y)
zugeordnet1 . Wie diese Summen und Produkte zu bilden sind, spielt vorerst
keine Rolle. Wesentlich ist nur, daß sie folgenden Axiomen genügen.

1
Das heißt formal, es gibt Funktionen + : R × R → R und ·R × R → R, für welche wir die
vereinfachten Schreibweisen x + y statt +(x, y) bzw xy statt ·(x, y) verwenden.

8
1.1 Axiomatische Beschreibung der reellen Zahlen

(A ) Axiome für die Addition


(A 1) ∀x, y, z ∈ R : (x + y) + z = x + (y + z) Assoziativgesetz
(A 2) ∀x, y ∈ R : x + y = y + x Kommutativgesetz
(A 3) ∃n ∈ R ∀x ∈ R : x + n = x additives Neutralelement
(A 4) ∀x ∈ R ∃ξ ∈ R : x + ξ = n additives inverses Element
(M ) Axiome für die Multiplikation
(M 1) ∀x, y, z ∈ R : (x · y) · z = x · (y · z) Assoziativgesetz
(M 2) ∀x, y ∈ R : x · y = y · x Kommutativgesetz
(M 3) ∃e ∈ R : (e 6= n ∧ ∀x ∈ R : e · x = x) multiplikatives Neutralelement
(M 4) ∀x 6= n ∃ξ ∈ R : x · ξ = e multiplikatives inverses Element
Die nächsten Axiome verknüpfen Addition und Multiplikation:
(D) Distributivgesetz
∀x, y, z ∈ R : x · (y + z) = (x · y) + (x · z)
(O) Ordnungsaxiom:
Auf R ist eine Totalordnung ≤ („kleiner gleich“) erklärt, welche mit der
Addition und Multiplikation verträglich ist:

(OA ) ∀x, y, z ∈ R : x ≤ y ⇒ x + z ≤ y + z
Monotoniegesetze
(OM ) ∀x, y, z ∈ R : x ≤ y ∧ n ≤ z ⇒ x · z ≤ y · z

Wir erinnern daran, dass ≤ als Totalordnung eine Relation auf R ist, welche
reflexiv, antisymmetrisch und transitiv ist, und bezüglich der je zwei Elemente
vergleichbar sind. Wenn wir die „kleiner“-Relation auf R definieren durch x <
y :⇔ x ≤ y ∧ x 6= y, dann gilt also die folgende Trichotomie: Für alle x, y ∈ R
gilt genau eine der drei Aussagen x < y, x = y oder y < x.
Eine vollständige Charakterisierung der reellen Zahlen erfordert ein weiteres
Axiom, durch welches Lücken in der Menge der reellen Zahlen ausgeschlossen
werden.
(V ) Vollständigkeitsaxiom ( R. Dedekind)
Zu jedem Paar von Teilmengen A, B von R mit
i) A 6= ∅ ∧ B 6= ∅
ii) A ∪ B = R
iii) ∀a, b ∈ R : a ∈ A ∧ b ∈ B ⇒ a < b
gibt es genau ein ξ ∈ R, sodaß
a) ∀a ∈ R : a < ξ ⇒ a ∈ A
b) ∀b ∈ R : ξ < b ⇒ b ∈ B
Man nennt das geordnete Paar (A, B) einen Dedekindschen Schnitt und die
durch ihn eindeutig bestimmte Zahl ξ Schnittzahl. Wegen der Eigenschaften
eines Schnittes liegt die Schnittzahl ξ entweder in A oder in B. Gilt ξ ∈ A, so
sind die Eigenschaften a) und b) von ξ gleichwertig mit A = {a ∈ R : a ≤ ξ}
und B = R \ A, liegt jedoch ξ in B, dann ist B = {b ∈ R : b ≥ ξ} und A = R \ B.
Insbesondere folgt also a ≤ ξ < b oder a < ξ ≤ b für alle a ∈ A und für alle
b ∈ B.

9
1 Reelle und komplexe Zahlen

Bemerkung 1.1

1. Die Assoziativgesetze erlauben es, die Ausdrücke x + y + z bzw. x · y · z


sinnvoll zu interpretieren, da jede Klammerung zum selben Ergebnis
führt.

2. Punkt- vor Strich: Um noch mehr Klammern einzusparen, verein-


baren wir, dass

∀x, y, z ∈ R : x + y · z := x + (y · z) und x · y + z := (x · y) + z ,

also bei Fehlen von Klammern die Multiplikation vor der Addition
ausgeführt wird. Das ist keine Rechenregel sondern eine Vereinba-
rung, wie Ausdrücke kürzer notiert werden dürfen, ohne dass dadurch
Missverständnisse entstehen.

3. Die auffallende Ähnlichkeit der Axiome für die Addition und Multi-
plikation ist nicht zufällig. Allgemein nennt man eine Menge in der
eine binäre Operation erklärt ist, welche den unter A angegebenen
Axiomen genügt, eine Abelsche Gruppe. Die Axiome A bringen
somit zum Ausdruck, daß (R, +) eine additive abelsche Gruppe ist,
M bedeutet, daß (R \ {n}, ·) eine multiplikative abelsche Gruppe dar-
stellt.

4. Jede Menge K, die diese beiden algebraischen Strukturen aufweist und


in der außerdem das Distributivgesetz D gilt, nennt man Körper. Das
Distributivgesetz gibt eine gewisse Verträglichkeit der Operationen
vor.

5. Aus e 6= n folgt einerseits, dass die zwei Verknüpfungen verschieden


sind, und andererseits, dass jeder Körper mindestens zwei Elemente
enthält.

6. Ist in K noch zusätzlich eine Totalordnung erklärt, welche den Mono-


toniegesetzen OA und OM genügt, spricht man von einem geord-
neten Körper. Somit kann man die Axiome A , M , D, O zusammen-
fassen in der Feststellung: (R, +, ·, ≤) ist ein geordneter Körper. Gilt
in einem geordneten Körper überdies das Vollständigkeitsaxiom V ,
spricht man von einem vollständigen geordneten Körper.
(3) R+ := {x ∈ R : x ≥ n} ist die Menge der nicht negativen reellen
Zahlen,
R− := {x ∈ R : x ≤ n} die Menge der nicht positiven reellen Zah-
len,
R+ \ {n} bzw. R− \ {n} bezeichnet die Menge der positiven bzw.
negativen reellen Zahlen.

Vorerst ohne Beweis teilen wir folgenden Satz mit:

10
1.2 Folgerungen aus den Körperaxiomen

Satz 1.2

Es gibt eine Menge R, welche den Axiomen A , M , D, O und V genügt.

Für interessierte wird der Beweis in Abschnitt 1.10 nachgeholt.

Es ist allerdings denkbar, daß es verschiedene vollständige geordnete Körper


gibt, etwa (R, +, ·, ≤) und (R̃, ⊕, , ). Man kann jedoch zeigen, daß es dann
eine Bijektion f : R → R̃ gibt, die mit der algebraischen Struktur und der Ord-
nungsstruktur in R verträglich ist, d.h. für alle x, y ∈ R gilt

f (x + y) = f (x) ⊕ f (y)
f (x · y) = f (x) f (y)
x ≤ y ⇔ f (x)  f (y).

Vom mathematischen Standpunkt aus ist es also nicht notwendig, verschiedene


Modelle von R zu unterscheiden.
Etwas mehr Details hierzu findet man ebenso in Abschnitt 1.10.

1.2 Folgerungen aus den Körperaxiomen


Aus der Eindeutigkeit eines Funktionswerts ergibt sich unmittelbar folgendes
einleuchtende Resultat, wonach man Gleichungen durch Hinzuzählen oder Hin-
zumultiplizieren derselben Zahl „erweitern“ kann.

Satz 1.3

Es seien x, y reelle Zahlen und x = y. Dann gilt x+z = y +z und x·z = y ·z


für alle z ∈ R.

Satz 1.4

i) Das Neutralelement der Addition ist eindeutig bestimmt.

ii) Für jede reelle Zahl ist das additive inverse Element ξ eindeutig be-
stimmt.

Beweis. i) Es seien n1 und n2 Neutralelemente der Addition. Setzt man in (A 3) für x das Element
n2 ein, folgt n2 + n1 = n2 . Da n2 ein weiteres Neutralelement bezüglich der Addition ist, gilt ∀x ∈ R :
x + n2 = x, somit auch n1 + n2 = n1 . Mit (A 2) schließt man n2 + n1 = n1 und wegen n2 + n1 = n2
folgt n1 = n2 .
ii) Wir nehmen an, ξ1 und ξ2 seien zu x inverse Elemente bezüglich der Addition, d.h. x + ξ1 = n und
x + ξ2 = n. Addiert man zu der ersten Gleichung ξ2 , folgt

(x + ξ1 ) + ξ2 = n + ξ2 = ξ2 .

Andererseits findet man für (x + ξ1 ) + ξ2 auch die Darstellung

(x + ξ1 ) + ξ2 = (ξ1 + x) + ξ2 = ξ1 + (x + ξ2 ) = ξ1 + n = ξ1 .

Somit gilt ξ2 = ξ1 .

11
1 Reelle und komplexe Zahlen

Wir bemerken, daß der Beweis des Satzes nur die Axiome A benützt. Die Aus-
sage des Satzes trifft somit auf jede Abelsche Gruppe (vgl. Bemerkung 1.1) zu,
insbesondere auch auf (R \ {n}, ·). Es gilt somit auch folgender Satz:

Satz 1.5

i) Das Neutralelement der Multiplikation ist eindeutig bestimmt.

ii) Für jede Zahl x 6= n ist das multiplikative inverse Element ξ eindeutig
bestimmt.

Schreibweise 1.5.1

1. Wir bezeichnen nun in Folge das eindeutig bestimmte Neutralelement


von R bezüglich der Addition mit dem Symbol 0 und das eindeutig
bestimmte Neutralelement von R bezüglich der Multiplikation mit 1.

2. Das additive Inverse von x bezeichnet man mit −x, das multiplikative
Inverse mit x−1 . Ferner schreibt man oft x−y, xy anstelle von x+(−y)
und x · y −1 .

3. Es ist auch üblich, den Punkt bei der Multiplikation wegzulassen und
xy anstelle von x · y zu schreiben.

Es gilt auch eine teilweise Umkehrung von Satz 1.3.

Satz 1.6

Für alle reellen Zahlen x, y und z gelten folgende „Kürzungsregeln“:

i) Aus x + z = y + z folgt x = y.

ii) Aus xz = yz und z 6= 0 folgt x = y.

Beweis. Wir zeigen nur die zweite Regel. Es sei x, y, z ∈ R, z 6= 0 und xz = yz. Nach M 4 existiert das
multiplikative inverse Element z −1 und es gilt zz −1 = 1. Aus xz = yz folgt mit Satz 1.3 (xz)z −1 =
(yz)z −1 . Dies ergibt wegen M 1 x(zz −1 ) = y(zz −1 ), also x · 1 = y · 1. Wegen M 2 ist dies gleichwertig
mit 1 · x = 1 · y und mit M 3 schließen wir auf x = y.

Nun können wir bereits zeigen, daß die Gleichungen a + x = b und cy = d,


c 6= 0, in R die eindeutigen Lösungen x = b − a bzw. y = dc besitzen. Man
beachte, daß zwei Behauptungen zu beweisen sind: nämlich die Eindeutigkeit
einer Lösung und daß die angegebenen Zahlen tatsächlich die Gleichungen lösen.
Wir beginnen mit der Eindeutigkeit einer Lösung von a + x = b. Wir gehen von
der Annahme aus, x sei eine Lösung, und zeigen, daß notwendigerweise x = b−a
folgt. Addiert man zu a + x = b das additive inverse Element −a, erhält man
(a + x) + (−a) = b + (−a). Für die linke Seite ergibt sich (a + x) + (−a) =
(x + a) + (−a) = x + (a + (−a)) = x + 0 = x, wobei wir der Reihe nach A 2, A 1,
A 4 und A 3 verwendet haben. Es fehlt noch der Nachweis, daß x = b−a Lösung
ist. Dazu berechnen wir a + x und erhalten a + x = a + (b − a) = a + ((−a) + b) =

12
1.2 Folgerungen aus den Körperaxiomen

(a + (−a)) + b = 0 + b = b. Dieser Beweis verwendet nur Gruppenaxiome, das


Resultat gilt daher in jeder Gruppe, insbesondere auch in (R \ {0}, ·), woraus
die eindeutige Lösbarkeit der zweiten Gleichung folgt. Eine eigene Diskussion
der Gleichung cy = d ist daher nicht notwendig.
Satz 1.7

Für alle x, y, z, w ∈ R, z 6= 0 und w 6= 0 gilt:


a) 0x = 0 f ) (−x) + (−y) = −(x + y)
b) −(−x) = x
g) (−x)(−y) = xy
c) (w−1 )−1 = w
x y xy
h) =
d) (−1)x = −x zw zw
x y xw+zy
e) x(−y) = −(xy) = (−x)y i) z + w = zw

Beweis. a) Aus 0 + 0 = 0 folgt mit Satz 1.3 (0 + 0)x = 0x für alle x ∈ R. Das Distributivgesetz D
ergibt 0x + 0x = 0x, mit A 3 folgt 0x + 0x = 0x + 0 = 0 + 0x und schließlich mit Satz 1.6 0x = 0.
b) Das additive inverse Element zu x bzw. −x erfüllt x + (−x) = 0 bzw. (−x) + (−(−x)) = 0. Mit
Hilfe von A 2 folgert man
x + (−x) = (−(−x)) + (−x).
Dies ergibt mit Satz 1.6 x = −(−x).
c) analog zu b).
d) Wir zeigen: (−1)x ist das additive inverse Element zu x, d.h. (−1)x + x = 0. Dies folgt aus

M3 D A4 a)
(−1)x + x = (−1)x + 1x = (−1 + 1)x = 0x = 0.
e) Mit Hilfe des Assoziativgesetzes M 1 und der bereits bewiesenen Regel d) schließt man
d) M1 M2 d)
x(−y) = x((−1)y) = (x(−1))y = ((−1)x)y = (−x)y
und weiter
d) M1 d)
(−x)y = ((−1)x)y = (−1)(xy) = −(xy).
f) Wir zeigen, (−x) + (−y) ist das additive inverse Element zu x + y. Dies folgt aus
A2 
(x + y) + ((−x) + (−y)) = (x + y) + (−y) + (−x)
A1  A1 
= (x + y) + (−y) + (−x) = x + (y + (−y)) + (−x)
A4 A3 A4
= (x + 0) + (−x) = x + (−x) = 0.
g) Die Behauptung folgt aus
e)  e)  b)
(−x)(−y) = − (−x)y = − (−x) y = xy.
1 1 1
h) Wir zeigen zuerst: z w
= zw
, d.h. z −1 w−1 = (zw)−1 (∗)
Dies folgt aus
M2 M1 M4 M3 M4
(zw) · (z −1 w−1 ) = (wz)(z −1 w−1 ) = w(zz −1 )w−1 = w(1w−1 ) = ww−1 = 1.
Somit gilt:
x y (∗) xy
= (xz −1 )(yw−1 ) = x(z −1 y)w−1 = (xy)(z −1 w−1 ) = xy(zw)−1 = .
zw zw
i) Mit Hilfe von h) ergibt sich
x y x y xw y z
+ = ·1+ ·1= +
z w z w zw wz
h) xw yz D xw + yz
= + = (xw + yz)(zw)−1 =
zw wz zw

13
1 Reelle und komplexe Zahlen

Satz 1.8: Produkt-Null-Satz

Das Produkt von zwei reellen Zahlen ist genau dann ungleich Null, wenn
beide Faktoren ungleich Null sind, d.h. ∀x, y ∈ R : xy 6= 0 ⇔ x 6= 0 ∧ y 6= 0.

Beweis. i) „⇐“ Wir führen einen Widerspruchsbeweis: Angenommen es gäbe x, y ∈ R mit x = 6 0,


y 6= 0 und xy = 0. Dann existiert das multiplikative inverse Element x−1 zu x. Aus xy = 0 folgt
einerseits x−1 (xy) = x−1 · 0 = 0, andererseits x−1 (xy) = (x−1 x)y = 1 · y = y und somit y = 0 im
Widerspruch zur Voraussetzung y 6= 0.
ii) „⇒“ Wir führen den Beweis indirekt und zeigen:
∀x, y ∈ R : x = 0 ∨ y = 0 ⇒ xy = 0. Dies folgt jedoch unmittelbar aus 1.7 (a).

Bemerkung 1.9

1.) Satz 1.8 ist äquivalent zu der Feststellung, daß das Produkt zweier reel-
ler Zahlen genau dann Null ist, wenn mindestens einer der beiden Faktoren
Null ist. In den Anwendungen führt diese Situation häufig zu einer Fallun-
terscheidung.
2.) Die Beweise dieses Abschnittes verwenden nur die Axiome A , M , D.
Die Behauptungen treffen daher in jedem Körper zu.
3.) Wir vereinbaren vorerst nur als Schreibweise:

2 := 1 + 1, (1.1)
2
∀a ∈ R : a := a · a. (1.2)

1.3 Folgerungen aus den Ordnungsaxiomen


Satz 1.10

Für alle x, y ∈ R gilt

a) x ≤ 0 ⇔ 0 ≤ −x c) x ≤ y ⇔ 0 ≤ y − x
b) 0 ≤ x ⇔ −x ≤ 0 d) x ≤ y ⇔ −y ≤ −x

Beweis. c) Sei x ≤ y. Wir addieren auf beiden Seiten −x und erhalten mit (OA ) x + (−x) ≤ y + (−x),
also 0 ≤ y − x. Genauso erhält man x ≤ y aus 0 ≤ y − x durch Addition von x auf beiden Seiten und
Verwendung von (OA ).
d) Wir erhalten −y ≤ −x aus 0 ≤ y − x durch Addition von −y auf beiden Seiten, bzw zweiteres aus
ersterem durch Addition von y. Es gilt also 0 ≤ y − x ⇔ −y ≤ −x und mit c) x ≤ y ⇔ 0 ≤ y − x ⇔
−y ≤ −x.
a) folgt aus c) indem man 0 für y einsetzt.
b) Aus a) folgt für alle z ∈ R dass z ≤ 0 ⇔ 0 ≤ −z. Wenn wir nun −x statt z einsetzen, erhalten
wir b).

Satz 1.11

Für alle x, y, z, w ∈ R gilt

a) x ≤ y ∧ z ≤ w ⇒ x + z ≤ y + w,

14
1.3 Folgerungen aus den Ordnungsaxiomen

b) 0 ≤ x ≤ y ∧ 0 ≤ z ≤ w ⇒ xz ≤ yw.

Beweis. a) Es seien x, y, z, w ∈ R, x ≤ y und z ≤ w. Wegen OA gilt dann auch x + z ≤ y + z und


y + z ≤ y + w. Da die Ordnung ≤ transitiv ist, folgt x + z ≤ y + w.
b) Analog: Es seien x, y, z, w ∈ R, 0 ≤ x ≤ y und 0 ≤ z ≤ w. Wegen OM gilt dann auch xz ≤ yz
und yz ≤ yw. Da die Ordnung ≤ transitiv ist, folgt xz ≤ yw.

Definition 1.12

1. Für x, y ∈ R definieren wir x ≥ y :⇔ y ≤ x, x < y :⇔ x ≤ y ∧ x 6= y


und x > y :⇔ y < x.
2. Ein Element x ∈ R heißt

• positiv, wenn x > 0, • nicht-positiv, wenn x ≤ 0,


• negativ, wenn x < 0, • nicht-negativ, wenn x ≥ 0.

Satz 1.13

Die Relation < erfüllt

1. ∀x ∈ R : ¬(x < x) (Irreflexivität)


2. ∀x, y ∈ R : (x < y ∧ y < x) ⇒ x = y (Antisymmetrie)
3. ∀x, y, z ∈ R : (x < y ∧ y < z) ⇒ x < z (Transitivität)
4. ∀x, y ∈ R gilt genau eine der Aussagen x < y, y < x oder x = y
(Trichotomie)

Bemerkung 1.14

1. Eine Relation, welche irreflexiv, antisymmetrisch und transitiv ist,


nennt man eine strikte Ordnung. Man kann zeigen (Übung!), dass
wenn R eine Ordnung auf einer Menge M ist, bezüglich welcher je
zwei Elemente vergleichbar sind, durch die Relation R∗ auf M mit

∀x, y ∈ M : xR∗ y :⇔ (xRy ∧ x 6= y)

eine strikte Ordnung definiert mit Trichotomie ist. Ist umgekehrt R∗


eine strikte Ordnung mit Trichotomie, so ist durch xRy :⇔ (xRy ∨
x = y) eine Ordnung definiert, bezüglich welche je zwei Elemente
vergleichbar sind (Übung).
2. Achtung: Eine strikte Ordnung ist keine Ordnung.

Beweis von Satz 1.13. Wir zeigen zunächst, dass < eine strikte Ordnung mit Trichotomie ist: Per
definition ist x < y genau dann, wenn x ≤ y und x 6= y, es gilt also stets ¬(x < x).
Da je zwei Elemente durch ≤ vergleichbar sind, gilt x ≤ y oder y ≤ x. Im ersten Fall ist x < y oder
x = y (aber per Definition nicht beides) im zweiten Fall ist y < x oder x = y (aber nicht beides).
Wäre x < y und y < x, so wäre x ≤ y und x 6= y und y ≤ x und x 6= y. Aus x ≤ y und y ≤ x folgt
aber x = y, wir erhalten also x 6= y und x = y, ein Widerspruch. Damit ist die Trichotomie gezeigt.

15
1 Reelle und komplexe Zahlen

Aus x < y und y < x folgt ein Widerspruch. Damit ist (x < y ∧ y < x) ⇒ A für jede Aussage wahr
und somit auch für die Aussage x = y. Damit ist < antisymmetrisch.
Sei nun x < y und y < z. Dann ist x ≤ y und y ≤ z, also auch x ≤ z. Angenommen x = z. Dann ist
y ≤ x und x ≤ y, also auch x = y. Das ist aber ein Widerspruch zu x < y. Damit ist < transitiv.

Satz 1.15

Seien x, y, z ∈ R. Dann gelten die folgenden Monotoniegesetze für <:

(OA∗ ) x<y ⇒x+z <y+z


(OM ∗ ) x < y ∧ 0 < z ⇒ xz < yz.

Beweis. Aus x < y folgt x ≤ y und x 6= y. Damit folgt x + z ≤ y + z. Wäre


x + z = y + z, so erhielte man x = y durch Subtraktion von z, ein Widerspruch.
Also ist x + z ≤ y + z und x + z 6= y + z, also x + z < y + z.
(OM ∗ ) zeigt man ganz analog.

Satz 1.16

Für alle x, y ∈ R gilt

a) x < 0 ⇔ −x > 0 c) x < y ⇔ y − x > 0


b) x > 0 ⇔ −x < 0 d) x < y ⇔ −y < −x.

Beweis. Man beweist das ganz analog zu Satz 1.10.

Es kann also −x durchaus eine positive Zahl sein. Die gängige Aussage „Eine
Zahl ist genau dann negativ, wenn ein Minus davor steht“ stimmt also nicht.
Richtig wird die Aussage, wenn man sie über die Dezimaldarstellung einer Zahl
macht (vgl. Sektion 2.11). Ebenfalls wahr ist, dass −2 eine negative Zahl ist.
Aber für x = −2 ist −x ist keine negative Zahl, obwohl x eine Zahl ist, und bei
−x „ein Minus davor steht“.

Satz 1.17

Für alle x, y, z, w ∈ R gilt

a) x < y ∧ z < w ⇒ x + z < y + w,

b) 0 < x < y ∧ 0 < z < w ⇒ xz < yw.

Beweis. Analog zu Satz 1.11.

Die Sätze 1.11 und 1.17 stellten also sicher, daß gleichsinnige Ungleichungen
addiert werden dürfen; gleichsinnige Ungleichungen, in denen sämtliche Glieder
nicht negativ sind, dürfen multipliziert werden.

16
1.3 Folgerungen aus den Ordnungsaxiomen

Satz 1.18

Das Produkt zweier reeller Zahlen ist genau dann positiv, wenn beide Fak-
toren ungleich Null sind und dasselbe Vorzeichen haben.

Beweis. „⇐ : “ Für x > 0 und y > 0 folgt die Behauptung aus OM ∗ und Satz 1.7. Falls x < 0 und
y < 0 folgt −x > 0 und −y > 0. Nach dem vorhin Bewiesenen gilt daher (−x)(−y) > 0. Nach Satz 1.7
ist aber (−x)(−y) = xy, somit gilt xy > 0.
„⇒ : “ Wir führen einen Widerspruchsbeweis und nehmen ohne Beschränkung der Allgemeinheit an,
es gäbe relle Zahlen x, y mit xy > 0, x ≤ 0 und y > 0. Ist x = 0 ergibt sich ein Widerspruch zu
Satz 1.7–(a). Es sei x < 0, also nach Satz 1.16 −x > 0, und nach dem ersten Teil des Beweises ergibt
sich
(−x)y = −(xy) > 0.

Mit Satz 1.16 folgert man xy < 0.

Korollar 1.19

Für jede reelle Zahl x ungleich Null gilt x2 > 0. Insbesondere folgt 1 > 0.

Korollar 1.20

2 > 0, und insbesondere 2 6= 0.

Satz 1.21

Für alle x, y, z ∈ R gilt

i) x < y ∧ z < 0 ⇒ yz < xz,

ii) 0 < x ⇒ 0 < x−1 ,

iii) 0 < x < y ⇒ 0 < y −1 < x−1 ,

iv) x ≤ y ∧ z ≤ 0 ⇒ yz ≤ xz,

v) 0 < x ≤ y ⇒ 0 < y −1 ≤ x−1 .

Beweis. i) Es sei z < 0, also −z > 0. Multipliziert man die Ungleichung x < y mit (−z), erhält man
x(−z) < y(−z), bzw. −(xz) < −(yz). Nach Satz 1.16 ist dies gleichwertig mit yz < xz.
ii) Aus dem Korollar 1.19 ergibt sich 0 < 1 = xx−1 , wegen Satz 1.18 und 0 < x muß auch 0 < x−1
gelten.
iii) Man zeige x−1 y −1 > 0 und multipliziere 0 < x < y mit x−1 y −1 .
iv) und v) überlassen wir als Übung.

17
1 Reelle und komplexe Zahlen

Satz 1.22

Zwischen zwei verschiedenen reellen Zahlen liegt stets eine weitere reelle
Zahl, genauer ∀a, b ∈ R : a < b ⇒ a < a+b
2 < b.
Die reelle Zahl 2 heißt arithmetisches Mittel von a und b.
a+b

Beweis. Ohne Beschränkung der Allgemeinheit sei a < b, also b − a > 0. Laut Korollar 1.20 ist 2 6= 0
und daher ist b−a
2
definiert und größer als 0. Es folgt

b−a 2a b−a (1 + 1)a b−a a + a + (b − a)


a<a+ = + = + =
2 2 2 2 2 2
a + ((a − a) + b) a + (0 + b) a+b
= = = .
2 2 2

a+b
Analog zeigt man 2
< b.

Insbesondere folgt aus Satz 1.22, daß es keine kleinste positive reelle Zahl
gibt.

Korollar 1.23

Es seien a, b ∈ R und ∀ε > 0 : a < b + ε. Dann ist a ≤ b.

Beweis. Wir führen einen Beweis durch Widerspruch und nehmen an es gäbe reelle Zahlen a, b mit
a > b und a < b + ε für alle ε > 0. Dann ist a − b > 0 und daher auch b < b + a−b
2
= a+b
2
. Wegen
a+b a−b
Satz 1.22 muß 2 < a gelten, dies widerspricht der Voraussetzung a < b + ε für ε = 2 > 0.

Wir notieren den nützlichen Spezialfall a ≥ 0 und b = 0:

Korollar 1.24

Es sei x ≥ 0 und für alle ε > 0 gelte x ≤ ε. Dann ist x = 0.

Definition 1.25

Für jede reelle Zahl x heißt


(
x, x ≥ 0,
|x| :=
−x, x < 0,

der Absolutbetrag (Betrag) von x und



1,
 x > 0,
sign(x) := 0, x = 0,

−1, x < 0

heißt Signum (Vorzeichen) von x.

18
1.3 Folgerungen aus den Ordnungsaxiomen

Das Vorzeichen und der Betrag einer reellen Zahl x sind daher verknüpft durch
die Beziehung
x = |x|sign(x).
Folgende Eigenschaften des Betrages sind eine unmittelbare Konsequenz der
Definition.
Lemma 1.26

Es seien x, b ∈ R und b ≥ 0. Dann gilt


a) |x| ≥ 0 b) x ≤ |x|
c) |x| = | − x|, d) |x| ≤ b ⇔ −b ≤ x ≤ b.

Beweis. Wir zeigen nur die Eigenschaft d). Es seien x, b ∈ R, b ≥ 0 und |x| ≤ b. Wir machen eine
Fallunterscheidung nach dem Vorzeichen von x. Ist x ≥ 0, dann gilt |x| = x, also auch x ≤ b. Die
zweite Ungleichung x ≥ −b folgt aus der Transitivität der Ordnung. Ist x ≤ 0, also |x| = −x, ist die
Ungleichung |x| ≤ b gleichwertig mit −x ≤ b. Aus Satz 1.16 folgt x ≥ −b. Die Ungleichung x ≤ b ist
wieder trivialerweise erfüllt. In jedem Falle gilt somit −b ≤ x ≤ b. Gehen wir nun umgekehrt von den
Ungleichungen x ≤ b und x ≥ −b aus. Für x ≥ 0 folgt direkt |x| ≤ b. Ist x ≤ 0 schließen wir von
x ≥ −b auf −x ≤ b. Dies ist gleichwertig mit |x| ≤ b

Es kann durchaus vorkommen, dass −x = |x|, nämlich genau dann, wenn


x ≤ 0. Ist von x eine Dezimaldarstellung gegeben, so erhält man die Dezimal-
darstellung von |x| indem man in der von x das Minus weglässt.

Satz 1.27

Für alle x, y ∈ R gilt

a) |x| = 0 ⇔ x = 0 d) |x| − |y| ≤ |x − y|


b) |xy| = |x||y|
c) |x + y| ≤ |x| + |y| e) 2|x||y| ≤ |x|2 + |y|2 .
Aussage c) heißt Dreiecksungleichung.
Beweis. a) Für x = 0 folgt aus der Definition |x| = 0. Ist x 6= 0, dann ist auch −x 6= 0, somit ergibt
sich ebenfalls |x| 6= 0.
b) Wir machen eine Fallunterscheidung und betrachten zuerst den Fall x ≥ 0 und y ≥ 0. Dann gilt
xy ≥ 0, |x| = x und |y| = y. Es folgt |xy| = xy = |x||y|.
Als zweiten Fall untersuchen wir x ≥ 0 und y ≤ 0. Nun ist xy ≤ 0, |x| = x und |y| = −y. Es folgt
|xy| = −(xy) = x(−y) = |x||y|.
Durch Vertauschen von x und y führt man den Fall x ≤ 0 und y ≥ 0 auf die eben betrachteten
Situationen zurück. Es bleibt der Fall x ≤ 0 und y ≤ 0. Dann ist nach Satz 1.18 xy ≥ 0 und |x| = −x,
|y| = −y. Aus Satz 1.7-g folgt somit |x| · |y| = (−x)(−y) = xy = |xy|.
c) Aus Lemma 1.26 folgt −|x| ≤ x ≤ |x| und −|y| ≤ y ≤ |y|. Addiert man die Ungleichungen ergibt
sich
−(|x| + |y|) = −|x| − |y| ≤ x + y ≤ |x| + |y|,
also |x + y| ≤ |x| + |y| nach 1.26-d).
c
d) Mit Hilfe der Dreiecksungleichung ergibt sich |x| = |(x − y) + y| ≤ |x − y| + |y| und somit |x| − |y| ≤
|x − y|. Vertauscht man x und y erhält man |y| − |x| ≤ |y − x| = |x − y| und daraus mit Satz 1.16
−|x − y| ≤ −(|y| − |x|) = |x| − |y|. Insgesamt finden wir also −|x − y| ≤ |x| − |y| ≤ |x − y|, und daher

|x| − |y| ≤ |x − y|.

e) Mit Hilfe von Korollar 1.19 schließen wir 0 ≤ (|x| − |y|)(|x| − |y|) = |x|2 − |x||y| − |y||x| + |y|2 =
|x|2 − (1 + 1)|x||y| + |y|2 = |x|2 − 2|x||y| + |y|2 . Wegen OA zeigt dies die behauptete Ungleichung.

19
1 Reelle und komplexe Zahlen

Bemerkung 1.28

Die Beweise dieses Abschnittes stützen sich nur auf Eigenschaften, die für
jeden Körper zutreffen, und auf das Axiom O. Die Behauptungen gelten
demnach in jedem geordneten Körper.

Definition 1.29: Intervall

Es seien a, b ∈ R und a ≤ b.

(i) Die Mengen

[a, b] := {x ∈ R : a ≤ x ≤ b} (a, b) := {x ∈ R : a < x < b}


(a, b] := {x ∈ R : a < x ≤ b} [a, b) := {x ∈ R : a ≤ x < b}

heißen beschränkte Intervalle.

(ii) Die Mengen

[a, ∞) := {x ∈ R : a ≤ x} (a, ∞) := {x ∈ R : a < x}


(−∞, b] := {x ∈ R : x ≤ b} (−∞, b) := {x ∈ R : x < b}
(−∞, ∞) := R

heißen unbeschränkte Intervalle.

(iii) Eine Menge heißt genau dann ein Intervall, wenn sie ein beschränktes
Intervall oder ein unbeschränktes Intervall ist.

(iv) Mit den obigen Bezeichnungen a heißt linker, b rechter Endpunkt des
Intervalls.

(v) Die Intervalle [a, b], [a, ∞), (−∞, b], (−∞, ∞) heißen abgeschlossene In-
tervalle,, (a, b), (a, ∞), (−∞, b), (−∞, ∞) heißen offene Intervalle, [a, b),
(a, b] halboffene Intervalle.

Ist a = b, so ist [a, b] = {a}, die anderen Intervalle sind leer.

Da R linear geordnet ist, läßt sich R (wie jede linear geordnete Menge) mit
Hilfe einer Geraden folgendermaßen veranschaulichen: Auf einer beliebigen Ge-
raden in der Ebene werden zwei Punkte ausgezeichnet, die wir mit den reellen
Zahlen 0 und 1 identifizieren. Es liege etwa 0 links von 1. Jeder reellen Zahl ent-
spricht ein eindeutig bestimmter Punkt auf dieser Zahlengeraden. Es gilt a < b
genau dann, wenn der Punkt a links von b liegt. Den positiven reellen Zahlen
entsprechen also Punkte jenes Halbstrahles, in dem der mit 1 bezeichnete Punkt
liegt. In dieser Phase der Diskussion von R können wir aber noch nicht sicher-
stellen, daß umgekehrt jedem Punkt der Geraden tatsächlich genau eine reelle
Zahl entspricht.

20
1.3 Folgerungen aus den Ordnungsaxiomen

x 0 1 a < b
-
 -
|x|
negative positive reelle Zahlen

Reelle Zahlengerade

Da wir nun die Ordnungsstruktur auf R ein wenig studiert haben, wollen wir
noch Funktionen von R nach R (bzw von Teilmengen von R) betrachten, die
diese Struktur erhalten.

Definition 1.30

Seien X, Y ⊆ R zwei Teilmengen und f : X → Y eine Funktion.

• f heißt monoton wachsend :⇔ ∀x, y ∈ X : [x < y ⇒ f (x) ≤ f (y)].

• f heißt monoton fallend :⇔ ∀x, y ∈ X : [x < y ⇒ f (x) ≥ f (y).

• f heißt monoton :⇔ f ist monoton wachsend oder f ist monoton


fallend.

• f heißt streng monoton wachsend :⇔ ∀x, y ∈ X : [x < y ⇒ f (x) <


f (y).

• f heißt streng monoton fallend :⇔ ∀x, y ∈ X : [x < y ⇒ f (x) >


f (y).

Manchmal sagt man auch „steigend“ statt „wachsend“.


Zum Beispiel ist, für ein festes a ∈ R, die Funktion f : R → R mit f (x) = ax
genau dann monoton steigend, wenn a ≥ 0: Das folgt direkt aus (OM ). Genauso
folgt aus (OM ∗ ),dass f genau dann streng monoton wachsend ist, wenn a > 0.
Ein weiteres Beispiel einer streng monoton wachsenden Funktion ist f : [0, ∞) →
[0, ∞) mit f (x) = x2 . Ist nämlich x < y, dann ist y − x > 0 (Satz 1.16)
und y + x > 0 (Satz 1.17), sodass (y − x)(y + x) > 0 (nach (OM ∗ )). Aber
(y − x)(y + x) = y 2 − x2 , sodass x2 < y 2 nach Satz 1.16.

Wir haben in unserem Aufbau der Axiome der reellen Zahlen das Ordnungs-
axiom (O) verwendet, und das folgende Ordnungsaxiom (O ∗ ) bewiesen (vgl. Sät-
ze 1.13 und 1.15):
(O ∗ ) Ordnungsaxiom:
In R ist eine strikte Ordnung < erklärt, welche mit der Addition und
Multiplikation verträglich ist:

(OA ∗ ) ∀x, y, z ∈ R : x < y ⇒ x + z < y + z



Monotoniegesetze
(OM ∗ ) ∀x, y, z ∈ R : x < y ∧ 0 < z ⇒ xz < yz

Es gilt die Trichotomie: für alle x, y ∈ R trifft genau eine der drei
Alternativen x < y, x = y, y < x zu.

21
1 Reelle und komplexe Zahlen

Genausogut hätte man (O ∗ ) postulieren und (O) daraus folgern können. All-
gemein gilt der folgende Satz, den wir ohne Beweis angeben:

Satz 1.31

Sei K ein Körper. Dann erfüllt K das Ordnungsaxiom (O ∗ ) genau dann,


wenn K das Ordnungsaxiom (O) erfüllt.

1.4 Die natürlichen Zahlen


Wir sind von einer axiomatischen Beschreibung der reellen Zahlen ausgegangen.
Obwohl die natürlichen Zahlen vertraute Objekte sind, müssen wir nun zeigen,
wie sie mit Hilfe unseres Axiomensystems als Teilmenge von R charakterisiert
werden können.

Definition 1.32

1) Für jedes x ∈ R heißt x + 1 Nachfolger von x.


2) Eine Teilmenge I ⊆ R heißt induktiv :⇔
i) 0 ∈ I

ii) ∀x ∈ R : x ∈ I ⇒ x + 1 ∈ I.

Beispielsweise sind die Mengen R und {x ∈ R : x ≥ 0} induktiv.


Für eine Teilmenge A ⊆ P(R) können wir, analog zu dem Fall wo A nur
aus 2 oder endlich vielen Elementen besteht Vereinigung und den Durchschnitt
über die Menge bilden:
[
A := {x ∈ R : ∃A ∈ A : x ∈ A} ,
\
A := {x ∈ R : ∀A ∈ A : x ∈ A} .

Lemma 1.33

T enthalte A ⊆ P(R) mit A 6= ∅ nur induktive Mengen. Dann ist auch


Es
A induktiv.

Beweis. Da 0 ∈ A für jedes A ∈ A gilt, folgt 0 ∈ A . Es sei nun x ∈ A ,


T T
d.h. x ∈ A für alle A ∈ A . Da T
jede Menge A in A induktiv ist, folgt x + 1 ∈ A
für jedes A ∈ A , d.h. x + 1 ∈ A .

Es bezeichne J ⊆ P(R) das System aller induktiven TeilmengenT


von R. Wir
haben uns bereits vonTJ 6= ∅ überzeugt. Nach Lemma 1.33 ist J selbst
induktiv. Offenbar ist J die kleinste induktive Menge.

22
1.4 Die natürlichen Zahlen

Definition 1.34

i) N := N0 := J heißt die Menge der natürlichen Zahlen. Ferner


T
setzen wir N := N \ {0}.
+

ii) n ∈ N0 heißt gerade :⇔ ∃m ∈ N : n = 2m


n ∈ N0 heißt ungerade :⇔ ∃m ∈ N : n = 2m + 1

Da das Symbol N0 international nicht ganz eindeutig belegt ist, nämlich


manchmal die natürlichen Zahl mit und manchmal die ohne 0 bezeichnet, ver-
wenden wir hier konsequent N0 und N+ .
Es ist üblich und zweckmäßig, für folgende Nachfolger von 1 spezielle Symbole
zu verwenden: 2 := 1 + 1, 3 := 2 + 1, . . . , 10 := 9 + 1. Wir werden später
zeigen, daß wir mit den Symbolen (0, 1, ..., 9, +, −, „.“) sämtliche reellen Zahlen
darstellen können.
Aus der Definition 1.34 ergibt sich für jede induktive Menge A, N0 ⊆ A.
Dieser Umstand ist die Grundlage für das überaus nützliche Induktionsprinzip.

Satz 1.35: Prinzip der vollständigen Induktion

Es sei P (n) eine Aussageform über N0 und es gelte

i) P (0),
ii) ∀n ∈ N0 : P (n) ⇒ P (n + 1).

Dann gilt P (n) für alle n ∈ N0 , d.h. ∀n ∈ N0 : P (n).

Beweis. Es sei E = {n ∈ N0 : P (n)} ⊆ N0 die Erfüllungsmenge von P . Wegen


der Voraussetzungen ist E induktiv, daher gilt auch N0 ⊆ E. Somit folgt N0 =
E.

Bemerkung 1.36

Oft trifft eine Aussageform P (n) erst für n0 > 1 zu. Man überzeuge sich
davon, daß das Prinzip der vollständigen Induktion auch für beliebigen In-
duktionsanfang n0 ∈ N0 gilt:
Es sei P (n) eine Aussageform über N0 , n0 ∈ N0 , und es gelte

i) P (n0 ),
ii) ∀n ∈ N0 : [n ≥ n0 ] ⇒ [P (n) ⇒ P (n + 1)] .
 

Dann gilt P (n) für alle n ∈ N0 mit n ≥ n0 , d.h. ∀n ∈ N0 : [n ≥ n0 ] ⇒




P (n) .
Mit Hilfe der Transformation n = n0 + k und P̃ (k) = P (n0 + k) führt
man den Fall n0 > 0 auf Satz 1.35 zurück.

23
1 Reelle und komplexe Zahlen

Satz 1.37

Es seien n, m ∈ N0 . Dann gilt

a) n ≥ 0, b) n + m ∈ N0 , c) nm ∈ N0 .

Beweis. a) Übung.
b) Es sei P (n) die Aussageform ∀m ∈ N0 : n + m ∈ N0 . Es ist ∀m ∈ N0 : 0 + m = m ∈ N0 , d.h. P (0).
Es gelte nun P (n), d.h. n + m ∈ N0 für jedes m ∈ N0 . Wir verwenden die Induktivität von N0 , und
folgern (n + m) + 1 = (n + 1) + m ∈ N0 für alle m ∈ N0 , also P (n + 1). Wegen Satz 1.35 trifft P (n)
für alle n ∈ N0 zu.
c) Übung.

N0 ist somit abgeschlossen bezüglich der Addition und Multiplikation.


Wir zeigen auch noch die restlichen Peano-Axiome der natürlichen Zahlen,
wobei wir als „Nachfolger“ von n ∈ N0 natürlich n + 1 wählen:

Satz 1.38

1. 0 ist eine natürliche Zahl, also 0 ∈ N0 .


2. Jede natürliche Zahl hat eine natürliche Zahl als Nachfolger, also ∀n ∈
N0 : n + 1 ∈ N0 .
3. 0 ist kein Nachfolger einer natürlichen Zahl, also ∀n ∈ N0 : n + 1 6= 0.
4. Natürliche Zahlen mit gleichem Nachfolger sind gleich, also ∀n ∈
N0 : ∀m ∈ N0 : m + 1 = n + 1 ⇒ m = n.

Beweis. 1.) Laut Definition 1.34 ist N0 der Durchschnitt über alle induktiven Teilmengen von R. Jede
dieser Teilmengen enthält 0, somit gilt auch 0 ∈ N0 . 2.) Wenn n ∈ N0 ist, dann ist n ein Element jeder
induktiven Teilmenge von R. Laut Definition 1.32 ist damit auch n + 1 ein Element jeder induktiven
Teilmenge von R, und damit auch von N0 . 3.) Angenommen, das wäre nicht so, das heißt, es gibt ein
n ∈ N0 mit n + 1 = 0, also n = −1. Das widerspricht aber Satz 1.37 a). 4.) Wenn m + 1 = n + 1, dann
ist m = n wegen Satz 1.3.

Lemma 1.39

Wenn n ∈ N+ ist, dann ist n − 1 ∈ N0 .

Beweis. Wir betrachten die Menge I = {n ∈ N0 : n − 1 ∈ N0 oder n = 0}. I ist eine induktive Menge:
0 ∈ I nach Definition. Sei nun n ∈ I. Wir müssen zeigen, dass dann n + 1 ∈ I. Dazu unterscheiden wir
zwei Fälle: 1.) n = 0. Dann ist (n + 1) − 1 = 0 ∈ N0 . 2.) n 6= 0. Dann ist n − 1 ∈ N0 , und somit auch
n = (n − 1) + 1 ∈ N0 . Also ist n + 1 ∈ I. Somit ist N0 ⊆ I und insgesamt I = N0 .
Wenn nun n ∈ N+ = N0 \ {0} ist, dann ist n ∈ I und n 6= 0, also ist n − 1 ∈ N0 nach Definition von
I.

24
1.4 Die natürlichen Zahlen

Satz 1.40

Für natürliche Zahlen n und m gilt n ≥ m genau dann, wenn n − m ∈ N0 .

Beweis. “⇒” Es sei P (m) die Aussageform ∀n ∈ N0 : m ≤ n ⇒ n − m ∈ N0 . Aus n ∈ N0 folgt ohnehin


n−0 ∈ N0 , insbesondere ist für alle n ∈ N0 die Implikation 0 ≤ n ⇒ n−0 ∈ N0 wahr. Es gilt also P (0).
Es gelte nun P (m) und n ∈ N0 erfülle m+ 1 ≤ n, (n sonst beliebig), d.h. m ≤ n−1. Aus 0 ≤ m ≤ n−1
schließen wir auf n ≥ 1 und, mit Lemma 1.39, auf n − 1 ∈ N0 . Somit folgt aus m ≤ n − 1 wegen P (m)
die Gültigkeit von (n − 1) − m = n − (m + 1) ∈ N0 , also von P (m + 1).
“⇐” Es sei n − m = l für ein l ∈ N0 . Die Behauptung folgt nun aus n − m = l ≥ 0 (Satz 1.37) durch
Addition von m.

Korollar 1.41

Für natürliche Zahlen n und m gilt n > m genau dann, wenn n − m ∈ N+ .

Beweis. Laut Lemma 1.39 ist n − m ∈ N+ genau dann, wenn n − m − 1 ∈ N0 . Daraus wiederum folgt
n ≥ m + 1 > m. Ist umgekehrt n > m, so ist insbesondere n ≥ m und daher n − m ∈ N0 laut Satz
1.40. Da n > m gilt, ist n − m > 0 und somit n − m 6= 0. Also ist sogar n − m ∈ N+ .

Korollar 1.42

Für natürliche Zahlen n und m gilt n > m genau dann, wenn n ≥ m + 1.

Beweis. Es ist n > m genau dann, wenn n ≥ m und n 6= m, genau dann, wenn n − m ∈ N0 (Satz
1.40) und n − m 6= 0, genau dann wenn n − m ∈ N+ , genau dann wenn n − m − 1 ∈ N0 (Lemma 1.39),
genau dann wenn n − m − 1 ≥ 0 (Satz 1.40), genau dann wenn n ≥ m + 1.

Korollar 1.43

Zwischen einer natürlichen Zahl und ihrem Nachfolger liegt keine natürliche
Zahl.

Beweis. Formal geschrieben lautet die Behauptung ∀m ∈ N0 : (m, m + 1) ∩ N0 = ∅. Wir führen den
Beweis durch Widerspruch und nehmen vorerst an, es gäbe n, m ∈ N0 mit m < n < m + 1. Wegen
Korollar 1.41 gilt n − m ∈ N+ , also nach Lemma 1.39 n − m − 1 ∈ N0 und n − m − 1 ≥ 0 nach Satz 1.37
(a). Aus n < m + 1 ergibt sich der Widerspruch n − m − 1 < 0.

Definition 1.44

M ⊆ R sei nicht leer.

i) µ ∈ R heißt Minimum von M , µ = min M , :⇔ µ ∈ M ∧ ∀x ∈ M : µ ≤


x.

ii) ν ∈ R heißt Maximum von M , ν = max M , :⇔ ν ∈ M ∧ ∀x ∈ M : x ≤


ν.

Nicht jede Teilmenge reeller Zahlen besitzt Minimum oder Maximum, z.B. R
oder (0, 1). Existiert ein Maximum (Minimum) einer Teilmenge reeller Zahlen,
so ist diese Zahl wegen der linearen Ordnung in R natürlich eindeutig bestimmt.

25
1 Reelle und komplexe Zahlen

Satz 1.45: Wohlordnungssatz

Jede nicht leere Menge von natürlichen Zahlen besitzt ein Minimum.

Beweis. Nehmen wir an, es gäbe A ⊆ N0 \ {∅} und A besitze kein Minimum.
Es sei S = {n ∈ N0 : (∀a ∈ A : n < a)}. Da A nicht leer ist, folgt S 6= N0 .
Wegen Satz 1.37 a) ist a ≥ 0 für alle a ∈ A. Somit ist 0 ∈ S, denn sonst wäre
0 = min A. Es sei n ∈ S und somit nach Korollar 1.42 n + 1 ≤ a für alle a ∈ A.
Wäre n + 1 nicht Element von S, dann gäbe es µ ∈ A mit n < µ ≤ n + 1. Wegen
Korollar 1.43 müßte µ = n + 1 gelten. Dies hätte µ = min A zur Folge, im
Widerspruch zur Wahl von A. Also gilt n + 1 ∈ S und somit, nach dem Prinzip
der vollständigen Induktion, S = N0 . Dies ist ein Widerspruch zu S 6= N0 .

Definition 1.46

x ∈ R heißt ganze Zahl :⇔ x ∈ N0 ∨ −x ∈ N0 .


Die Menge der ganzen Zahlen wird mit Z bezeichnet.

Es sei dem Leser überlassen, die Sätze 1.37 c), d), 1.41 und Korollar 1.42, 1.43
sinngemäß auf Z zu übertragen.

Satz 1.47

Es sei x ∈ R. Dann gibt es eine eindeutig bestimmte ganze Zahl g, sodaß

g ≤ x < g + 1, (⇔ x − 1 < g ≤ x). (∗)

Beweis. Wir zeigen zunächst die Eindeutigkeit und nehmen an, es gäbe zwei
verschiedene Zahlen g, g̃ ∈ Z, o.B.d.A. g < g̃, sodaß (∗) gilt. Es folgt 0 < g̃ − g ∈
N0 und g̃ ≤ x < g + 1, d.h. g̃ − g < 1. Insgesamt gilt 0 < g̃ − g < 1, dies
widerspricht Korollar 1.43. Die Menge {n ∈ N : |x| < n} ist nicht leer2 und
besitzt daher ein kleinstes Element n0 (Satz 1.45). Somit gilt n0 − 1 ≤ x < n0 ,
falls x ≥ 0 und −n0 < x ≤ −(n0 − 1) falls x < 0. Wenn x ≥ 0, wähle g = n0 − 1.
Ist x < 0, setze g = −n0 falls x 6∈ Z und g = −n0 + 1 falls x ∈ Z.

Definition 1.48

Sei x ∈ R. Man nennt die laut Satz 1.47 existente und eindeutig bestimmte
ganze Zahl g mit g ≤ x < g + 1 Größtes Ganzes von x und bezeichnet diese
Zahl mit bxc.

Wir können also jede reelle Zahl x eindeutig schreiben als x = g + y mit g ∈ Z
und y = x − g ∈ [0, 1).
2
Hier ist de facto eine Lücke: Das ist die Aussage von Satz 1.72, den wir als Folgerung des
Vollständigkeitsaxioms beweisen werden.

26
1.4 Die natürlichen Zahlen

Manchmal kommt es vor, daß für den Induktionsschritt nicht nur die unmit-
telbar vorangehende Aussage gebraucht wird, sondern alle vorausgehenden. Als
Anwendung des Wohlordnungssatzes zeigen wir folgende Variante des Indukti-
onsprinzipes.

Satz 1.49

Es sei n0 ∈ N0 und P (n) eine Aussageform über N0 mit den Eigenschaften:

i) P (n0 ),

ii) ∀n ≥ n0 : ∀k ∈ N0 : (n0 ≤ k ≤ n ⇒ P (k)) ⇒ P (n + 1).

Dann gilt P (n) für alle n ∈ N0 mit n ≥ n0 .

Beweis. Wir führen einen Widerspruchsbeweis und nehmen an, es gelte i) und
ii), aber die Aussageform P (n) trifft nicht für alle n ≥ n0 zu. Dann ist die Menge
{n ∈ N : n ≥ n0 ∧ ¬P (n)} nicht leer und besitzt wegen des Wohlordnungssatzes
ein Minimum m0 ∈ N0 . Dann gilt P (k) für alle n0 ≤ k ≤ m0 − 1 und somit
wegen ii) auch für k = m0 . Dies ist wegen der Bedeutung des Index m0 nicht
möglich.

Das Prinzip der vollständigen Induktion ist auch die Grundlage für sogenannte
rekursive Definitionen, bei denen für alle n ∈ N0 Begriffe B(n) definiert werden,
indem man auf die bereits erklärten Begriffe B(1), . . . , B(n − 1) zurückgreift.
Betrachten wir zum Beispiel die Folge 1, 2, 4, 8, 16, . . . (der Begriff einer Folge
wird noch öfter auftauchen. Für eine nicht-leere Menge X ist eine Folge in X ist
eine Funktion, N0 → X oder {n ∈ N0 : n ≥ n0 } → X). Die Ellipsis . . . suggeriert
das Bildungsgesetz an = 2n−1 , n ∈ N0 . Dieselbe Folge kann jedoch auch rekursiv
beschrieben werden. Dazu setzt man a1 = 1 und an+1 = 2an für alle n ∈ N0 .
Aus a1 ergibt sich a2 , aus a2 wiederum a3 usw. Durch die Rekursionsvorschrift
wird zumindest in diesem Beispiel eine Folge eindeutig bestimmt. Das rekursive
Vorgehen kann durch folgenden Satz gerechtfertigt werden.

Satz 1.50: Rekursionssatz

Es sei B eine nichtleere Menge und b ∈ B. Für jedes n ∈ N+ sei eine


Funktion Fn : B n → B gegeben. Dann gibt es genau eine Funktion ϕ : N0 →
B mit den Eigenschaften

1. ϕ(0) = b.

2. ϕ(n + 1) = Fn+1 (ϕ(0), . . . , ϕ(n)) für alle n ∈ N0 .

Natürlich kann die Rekursion auch bei jedem n0 ∈ N0 beginnen.

Beweis. Wir zeigen zunächst durch vollständige Induktion, daß es höchstens eine derartige Funktion
ϕ geben kann. Angenommen es gäbe zwei Funktion ϕ und ψ : N0 → B mit ϕ(0) = ψ(0) = b und

ϕ(n + 1) = Fn+1 (ϕ(0), . . . , ϕ(n))


ψ(n + 1) = Fn+1 (ψ(0), . . . , ψ(n))

27
1 Reelle und komplexe Zahlen

für n ∈ N0 . Dann gilt ϕ(0) = ψ(0). Aus der Induktionsannahme ϕ(k) = ψ(k) für 0 ≤ k ≤ n folgt
ϕ(n + 1) = ψ(n + 1) und daher ϕ = ψ nach dem Induktionsprinzip in der Form von Satz 1.49. Für
die Konstruktion von ϕ benötigen wir Hilfsfunktionen ϕn : {0, . . . , n} → B, n ∈ N0 , mit folgenden
Eigenschaften

ϕn (0) = b,
ϕn (k) = ϕk (k), (∗)
ϕn (k + 1) = Fk+1 (ϕn (0), . . . , ϕn (k)), 0 ≤ k ≤ n − 1.

Definiert man nun ϕ : N0 → B durch


(
b, n = 0,
ϕ(n) =
ϕn (n), n ∈ N0 ,

folgt aus den Eigenschaften von ϕn

ϕ(n + 1) = ϕn+1 (n + 1) = Fn+1 (ϕn+1 (0), . . . , ϕn+1 (n))


= Fn+1 (ϕ0 (0), . . . , ϕn (n)) = Fn+1 (ϕ(0), . . . , ϕ(n)),

d.h. ϕ ist die gesucht Funktion.


Wir zeigen nun induktiv die Existenz der Hilfsfunktionen ϕn . Für n = 0 ist ϕ0 allein durch ϕ0 (0) = b
bestimmt. Die beiden zusätzlichen Eigenschaften in (∗) sind trivial erfüllt, da es keine natürliche Zahl
0 ≤ k < 0 gibt, für welche sie nicht zutreffen könnten. Für den Induktionsschritt nehmen wir an, es
seien bereits Funktionen ϕ0 , . . . , ϕn mit den in (∗) geforderten Eigenschaften konstruiert und setzen
(
ϕn (k) 0≤k≤n
ϕn+1 (k) =
Fn+1 (ϕn (0), . . . , ϕn (n)) k = n + 1.

Verwendet man für 0 ≤ k < n die Induktionsvoraussetzung und für k = n die Definition von ϕn+1 ,
erhält man
ϕn+1 (k) = ϕn (k) = ϕk (k), 0 ≤ k ≤ n.
Für 0 ≤ k < n + 1 schließt man wieder mit Hilfe der Induktionsvoraussetzung auf

ϕn+1 (k + 1) = ϕn (k + 1) = Fk+1 (ϕn (0), . . . , ϕn (k))


= Fk+1 (ϕn+1 (0), . . . , ϕn+1 (k)), 0 ≤ k ≤ n − 1.

Für k = n ergibt sich

ϕn+1 (n + 1) = Fn+1 (ϕn (0), . . . , ϕn (n))


= Fn+1 (ϕn+1 (0), . . . , ϕn+1 (n)).

Somit ist der Induktionsschritt bewiesen und die Existenz der Funktionen ϕk gesichert.

Definition 1.51

Es sei x ∈ R. Wir definieren

x1 := x, xn+1 := xn x, n ∈ N+ ,

Man nennt xn , n ∈ N+ , n-te Potenz von x.

Diese Definition kann folgendermaßen auf den Rekursionssatz zurückgeführt


werden: setze B = R, b = x und Fn : Rn−1 → R, Fn (x1 . . . , xn−1 ) = xn−1 x.
Die Funktion ϕ erfüllt dann ϕ(1) = x und ϕ(n + 1) = ϕ(n)x, n ∈ N0 . Anstelle
von ϕ(n) schreibt man xn .

28
1.4 Die natürlichen Zahlen

Definition 1.52

Für x ∈ R \ {0} und n ∈ N+ setzen wir

x0 := 1, x−n := (xn )−1.

Damit ist die n-te Potenz einer reellen Zahl, sofern diese ungleich 0 ist, für jedes
n ∈ Z erklärt.

Lemma 1.53

Es sei n ∈ N+ , x ∈ R und x 6= 0. Dann gilt 1


xn = ( x1 )n bzw. (xn )−1 =
(x−1 )n .

Beweis. Wir führen einen Induktionsbeweis. Für n = 1 stimmt die Behauptung mit der Definition des
multiplikativen inversen Elementes von x überein. Es gelte x1n = ( x1 )n . Der Induktionsschritt ergibt
sich aus
1 1 1 1 1 1 1
( )n+1 = ( )n = n = n = n+1 = (xn+1 )−1 .
x x x x x x x x

Satz 1.54: Potenzgesetze

1.) Für x, y ∈ R \ {0}, n, m ∈ Z gilt

a) xm xn = xm+n ,

b) xn y n = (xy)n ,

c) (xm )n = xmn ,

Für n, m ∈ N0 gelten a)–c) für x, y ∈ R.


2.) Für n ∈ N0 und x ≥ 0, y > 0 gilt

x < y ⇔ xn < y n .

Beweis. Wir zeigen nur a), die übrigen Aussagen möge der Leser als Übung beweisen. Für m = 0 oder
n = 0 ist die Behauptung klar. Es sei m ∈ Z beliebig gewählt und P (n) das Prädikat xm xn = xm+n
für n ∈ N0 . Für m ∈ N0 ist P (1) äquivalent zur rekursiven Definition der Potenz. Für m < 0 ergibt
sich
x x 1 1
xm x = |m| = |m|−1 = |m|−1 = −(m+1) = xm+1 ,
x x x x x
d.h. es gilt P (1). (Die zweite Gleichheit begründet man mit der Definition 1.51). Es gelte nun P (n).
Verwendet man die Definition 1.51 und P (n), ergibt sich

xm xn+1 = xm (xn x) = (xm xn )x = xm+n x = xm+n+1 ,

also P (n+1). Die letzte Gleichheit wird durch P (1) mit m+n anstelle von m gerechtfertigt. Schließlich
seien n, m ∈ Z, n, m < 0. Dann gilt

1 1 1 1
xn xm = = |n| |m| = |n|+|m| = x−(|n|+|m|) = xn+m .
x|n| x|m| x x x

29
1 Reelle und komplexe Zahlen

Bemerkung 1.55

Gegeben den Ausdruck xn , n ∈ N0 , x ∈ R, nennt man x „Basis“ und n


„Exponent“. Allerdings ist xn eine reelle Zahl, und es ist nicht so, dass man
der Zahl xn ihre Basis und ihren Exponenten zuordnen kann, da dies im
allgemeinen nicht eindeutig ist. Das sieht man schon aus dem Potenzgesetz
(xn )m = xnm = (xm )n , wo „die Basis“ einmal xn , einmal x und einmal xm
ist, der „Exponent“ einmal m, einmal nm und einmal n. Konkretes Beispiel:
43 = 26 = 82 .

Wir beenden diesen Abschnitt mit weiteren Beispielen zur vollständigen In-
duktion.

Lemma 1.56: Bernoullische Ungleichung

Es sei x ∈ R und n ∈ N0 .
Für x > −1, x 6= 0 und n > 1 gilt dann

(1 + x)n > 1 + nx.

Beweis. i) Induktionsanfang: Für n = 2 gilt (1 + x)2 > 1 + 2x.


ii) Induktionsschritt: Es sei n ∈ N0 und es gelte (1 + x)n > 1 + nx. Nach
Voraussetzung ist 1 + x > 0. Somit folgt aus der Induktionsvoraussetzung (1 +
x)n+1 > (1 + nx)(1 + x). Die Abschätzung

(1 + nx)(1 + x) = 1 + (n + 1)x + nx2 > 1 + (n + 1)x

ergibt wegen der Transitivität von > die gewünschte Ungleichung

(1 + x)n+1 > 1 + (n + 1)x.

Ein weiteres Beispiel einer rekursiven Definition ist folgende kompakte Schreib-
weise für endliche Summen a0 + a2 + · · · + an und endliche Produkte a0 · · · an .
Die rekursive Definition präzisiert die Bedeutung der Ellipsis. Dazu setzen wir
im Rekursionssatz 1.50 B = R, Fn : B n → B, Fn (x0 , . . . , xn−1 ) = xn−1 ∗ an und
erhalten so eine Funktion ϕ : N0 → B mit ϕ(0)P = a0 und ϕ(n+1) = ϕ(n)∗an+1 .
n
Bezeichnet ∗ die Addition in R,Qn schreibt man k=0 ak für ϕ(n), steht ∗ für die
Multiplikation, schreibt man k=0 ak :

Definition 1.57

Es seien a0 , a1 , . . . , ∈ R.

P0 Pn Pn−1
i) j=0 aj := a0 und j=0 aj := j=0 aj + an , n ∈ N0 .
Q0 Qn Qn−1
ii) j=0 aj = a0 und j=0 aj = j=0 aj · an , n ∈ N0 .

30
1.4 Die natürlichen Zahlen

Für die leere Summe vereinbaren wir den Wert 0, das leere Produkt erhält
den Wert 1.

heißt Summenzeichen, der Buchstabe j ist ein (gebundener) Summations-


P
index. Er kann beliebig umbenannt werden. Analoges gilt für das Produkt.

Definition 1.58

Die Zahlen

i) 0! := 1, ∀n ∈ N0 : (n + 1)! = n!(n + 1) heißen Fakultäten oder Fakto-


rielle.

ii) Für n ∈ N0 und 0 ≤ k ≤ n heißt


 
n n!
:=
k k!(n − k)!

Binomialkoeffizient ( nk wird „n über k“ gelesen).




Es gilt also n! = ni=1 i. Die Fakultäten wachsen sehr rasch an: 1! = 1, 2! =


Q
2, 3! = 6, 4! = 24, 10! = 3 628 800. Diese Zahlen werden bei Abzählproblemen
verwendet. Beispielsweise ist n! die Anzahl der Möglichkeiten, n unterscheidbare
Objekte in verschiedener Reihenfolge anzuordnen. Der Binomialkoeffizient nk
gibt die Anzahl der Teilmengen mit k Elementen in einer Grundmenge von n
Elementen.

Lemma 1.59

Für alle n, k ∈ N0 , 0 ≤ k ≤ n − 1 gilt

i) nk ∈ N0 , n0 = nn = 1.
  

n
+ nk = n+1
  
ii) k+1 k+1 ,

Beweis. Übung.

Ordnet man die Binomialkoeffizenten im sogenannten Pascalschen Dreieck


an,
1
1 1
1 2 1
1 3 3 1
1 4 6 4 1
1 5 10 10 5 1
dann sagt Lemma 1.59-ii), daß man die Binomialkoeffizienten der n + 1-ten Rei-
he als Summe der beiden unmittelbar darüber stehenden Binomialkoeffizienten
berechnen kann

31
1 Reelle und komplexe Zahlen

Satz 1.60: Binomischer Satz

Es seien x, y reelle Zahlen. Dann gilt für alle n ∈ N0 :


n  
n
X n n−k k
(x + y) = x y .
k
k=0

Beweis. 1) Induktionsanfang: Für n = 1 ergibt sich


1 1
x+y = x1 y 0 + x0 y 1 = x + y.
0 1
n
n n−k k
2) Induktionsschritt: Sei n ∈ N0 und es gelte (x + y)n =
P
k
x y . Durch Multiplikation mit
k=0
x + y folgt
n   n   n   n
X n n−k k X n n−k k X n n+1−k k X n n−k k+1
(x + y)n+1 = x x y +y x y = x y + x y
k=0
k k=0
k k=0
k k=0
k
n   n−1
X n n+1−k k X n n−k k+1
= xn+1 + x y + x y + y n+1 .
k=1
k k=0
k

Ersetzt man in der zweiten Summe den Summationsindex k durch j − 1, ergibt sich weiter
n   n 
X n X n  n+1−j j
(x + y)n+1 = xn+1 + xn+1−k y k + x y + y n+1
k=1
k j=1
j − 1
n    n 
X n
= xn+1 + + xn+1−k y k + y n+1
k=1
k k−1
n 
1.59 n + 1 n + 1 n+1−k k n + 1 n+1
  X
= xn+1 + x y + y
0 k=1
k n+1
n+1
X n + 1 n+1−k k
= x y
k=0
k

Ohne Beweis notieren wir die Identitäten:


Lemma 1.61

n
q n+1 −1
qk =
P
i) ∀n ∈ N0 : ∀q ∈ R \ {1} : q−1 ,
k=0

n−1
ii) ∀n ∈ N+ : ∀x, y ∈ R : xn − y n = (x − y) xn−1−i y i (Horner’sche
P
i=0
Regeln).

1.5 Die rationalen Zahlen


Definition 1.62
p
Q := {x ∈ R : x = , p ∈ Z, q ∈ N+ }
q

32
1.5 Die rationalen Zahlen

heißt die Menge der rationalen Zahlen. R \ Q ist die Menge der irratio-
nalen Zahlen.
Die Darstellung einer rationalen Zahl x ∈ Q als „Bruch“ x = pq ist nicht ein-
deutig. ZB ist 23 = 46 . Es ist aber {|p| + q : p ∈ Z, q ∈ N+ , x = pq } für x ∈ Q eine
nichtleere, durch 2 nach unten beschränkte Menge. Nach dem Wohlordnungs-
satz, Satz 1.45, hat die Menge ein minimales Element und zugehörige p, q mit
p p̃
q = x. Wir betrachten nun eine weitere Darstellung q̃ = x mit |p̃| + q̃ minimal,
sodass |p̃| |p|
q̃ = q und |p̃| + q̃ = |p| + q.
Wäre |p̃| > |p|, so wäre
|p̃| |p| |p̃| 1 1
= < ⇒ < → q̃ > q ,
q̃ q q q̃ q
und somit |p̃|+ q̃ > |p|+q ein Widerspruch. Genauso führt die Annahme |p̃| < |p|
auf einen Widerspruch, sodass |p̃| = |p|. Offenbar müssen p̃ und p dasselbe
Vorzeichen haben, nämlich das von x. Also ist p̃ = p und damit auch q̃ = q (Im
Fall von x = 0 ist q̃ = q = 1).
Wir haben gezeigt:

Lemma 1.63

Es gibt zu jedem x ∈ Q eindeutig bestimmte Zahlen p ∈ Z und q ∈ N+ so,


dass |p| + q minimal ist.

Es kann leicht gezeigt werden, daß für x, y ∈ Q auch −x, x + y, xy und, falls
x 6= 0, auch x−1 zu Q gehören. Q erfüllt die Axiome A , M , D, O. Q ist somit
ein geordneter Unterkörper von R, in dem alle bisher abgeleiteten Sätze gelten.
Jedoch besitzen bereits sehr einfache Probleme keine Lösung in Q:

Satz 1.64

Die Gleichung x2 = 2 hat keine Lösung in Q.

Beweis. Angenommen es gäbe ein x ∈ Q mit x > 0 und x2 = 2. Es ist dann


x = pq , p ∈ N+ , q ∈ N+ . Laut Lemma 1.63 können wir p, q so wählen, dass
|p| + q = p + q minimal ist. Aus p2 = 2q 2 folgt, dass p2 und somit auch p
gerade sind, d.h. es existiert eine ganze Zahl n mit p = 2n. Dies hat 4n2 = 2q 2 ,
also q 2 = 2n2 zur Folge. Somit ist auch q 2 und damit auch q gerade. Damit ist
x = pq = 2m2n
= mn
, mit n + m < 2(n + m) = p + q. Dies ist ein Widerspruch
Minimalität von p + q.
Angenommen, es gäbe ein x ∈ Q mit x < 0 und x2 = 2. Dann wäre −x > 0
und (−x)2 = x2 = 2. Dies steht aber im Widerspruch zum ersten Teil.
In diesem Beweis haben wir folgende Eigenschaft ganzer Zahlen verwendet,
deren einfachen Nachweis wir dem Leser zur Übung überlassen:

∀p ∈ Z : p2 gerade ⇔ p gerade .

33
1 Reelle und komplexe Zahlen

Abbildung 1.1: Illustration des goldenen Schnitts: a ist eine Zahl mit a > 0 und
a : 1 = 1 : (a − 1), also a1 = a−1
1
.

Somit kennen wir nun ein Beispiel für eine irrationale Zahl. Es ist eine nette
Übung zu zeigen, dass zB auch die Gleichungen x2 = 3 und x2 = 5 keine
Lösungen in Q haben.
Wir schließen mit einem weiteren prominenten Beispiel einer irrationalen Zahl,
dem goldenen Schnitt, vgl Abbildung 1.1.

Satz 1.65: Irrationalität des goldenen Schnitts

Die Gleichung x2 = x + 1 hat keine Lösung in Q.

Beweis. Angenommen, die Gleichung x2 = x + 1 hätte ein Lösung x ∈ Q mit x > 0. Dann gibt es laut
Lemma 1.63 p ∈ N+ , q ∈ N+ mit x = pq und p + q minimal.
Es ist also p2 = q 2 + pq, woraus man auch p2 > q 2 > 0, und weiter p > q schließen kann. Wir formen
die Gleichung weiter um:

p2 = q 2 + pq
p2 − pq = q 2
p(p − q) = q 2
p q
= .
q p−q

q q
Damit ist aber auch ( p−q )2 = p−q
+ 1 mit q + (p − q) = p < p + q, im Widerspruch zur Minimalität
von p + q.
Der Fall x < 0 ist praktisch eine Kopie das Falls x > 0: Wir nehmen an, die Gleichung x2 = x + 1
hätte ein Lösung x ∈ Q mit x < 0. Dann hat x2 = −x + 1 eine Lösung x̃ ∈ Q mit x̃ > 0. Sei
(p, q) ∈ N+ × N+ mit ( pq )2 = − pq + 1 und p + q minimal. Dann ist p2 = −pq + q 2 , also q > p und
Umformen liefert

p2 = q(q − p)
p q
= .
q q−p

q q
Damit ist aber auch ( q−p )2 = − q−p + 1 mit p + (q − p) = q < p + q, im Widerspruch zur Minimalität
von p + q.
Zuletzt ist 0 ∈ Q ganz sicher keine Lösung von x2 = x + 1, insgesamt gibt es also keine Lösung
dieser Gleichung in Q.

1.6 Folgerungen aus dem Vollständigkeitsaxiom

34
1.6 Folgerungen aus dem Vollständigkeitsaxiom

Definition 1.66

Es sei M ⊆ R.

1. Eine reelle Zahl o heißt obere Schranke für M :⇔ ∀x ∈ M : x ≤ o.


M heißt nach oben beschränkt, wenn M eine obere Schranke be-
sitzt.

2. Eine reelle Zahl u heißt untere Schranke für M :⇔ ∀x ∈ M : x ≥ u.


M heißt nach unten beschränkt, wenn M eine untere Schranke
besitzt.

3. M ⊆ R ist beschränkt :⇔M ist nach oben und unten beschränkt.

Definition 1.67

a) Es sei M ⊆ R nach oben beschränkt.


α ∈ R heißt Supremum von M , α = sup M :⇔ α ist die kleinste obere
Schranke.

b) Es sei M ⊆ R nach unten beschränkt.


β ∈ R heißt Infimum von M , β = inf M :⇔ β ist die größte untere
Schranke.

Formal ist α = sup M genau dann, wenn


   
∀x ∈ M : x ≤ α ∧ ∀α̃ ∈ R : ∀x ∈ M : x ≤ α̃ ⇒ α ≤ α̃ .

Die erste Klammer besagt, dass α eine obere Schranke ist, die zweite, dass wenn
α̃ eine obere Schranke ist, dann α ≤ α̃.
Wegen der Trichotomie in R kann eine nichtleere Teilmenge von R höchstens
ein Supremum bzw. Infimum besitzen. Ist das Supremum einer Menge M selbst
Element von M , gilt sup M = max M . Umgekehrt, besitzt eine Menge M ein
Maximum, so ist natürlich auch max M = sup M .
Beispiel 1.68. a) M = {x ∈ R : x ≥ 1} ist nicht nach oben beschränkt. M
besitzt somit kein Supremum, M ist nach unten beschränkt (x ≥ 1 ⇒ 1 ist
untere Schranke) und 1 ∈ M . Somit gilt inf M = min M = 1.
2) Für N = (0, 1] gilt sup N = max N = 1 ∈ N , inf N = 0 6∈ N .
3) Die leere Menge besitzt in R weder Supremum noch Infimum.
Es sei α = sup M und x < α. Da α die kleinste obere Schranke von M ist,
kann α keine obere Schranke für M sein. Somit existiert y ∈ M mit x < y. Dies
führt auf folgende Charakterisieung des Supremums:

Satz 1.69

Es sei ∅ =
6 M ⊆ R. Dann ist α = sup M charakterisiert durch
i) ∀x ∈ M : x ≤ α,

35
1 Reelle und komplexe Zahlen

ii) ∀ε > 0 : ∃y ∈ M : α − ε < y.

Beweis. Die erste Eigenschaft besagt, daß α eine obere Schranke für M darstellt.
Die Eigenschaft ii) stellt fest, daß jede reelle Zahl z < α keine obere Schranke
für M sein kann.

Dieser Satz hat ein merkwürdiges Häufungsphänomen zur Folge: Besitzt eine
nicht leere Menge M ein Supremum, jedoch kein Maximum, so liegen für jedes
ε > 0 „unendlich“ viele Elemente von M zwischen sup M − ε und sup M .
Wir formulieren nun eine wichtige Konsequenz aus dem Vollständigkeitsaxi-
om:

Satz 1.70: Supremum Prinzip

Jede nicht leere, nach oben beschränkte Menge reeller Zahlen besitzt ein
Supremum in R.

Beweis. Es sei M ⊆ R, M 6= ∅, nach oben beschränkt. Ferner sei B die Menge


aller oberen Schranken von M und A = R \ B. Da M nicht leer ist, gibt es
x ∈ M . Es folgt x − 1 ∈ A. Somit gilt A 6= ∅ und B 6= ∅, A ∪ B = R. Es
seien a ∈ A und b ∈ B beliebig gewählt. Dann ist a keine obere Schranke für
M , also gibt es x ∈ M mit a < x ≤ b, d.h. es ist a < b. Die Mengen A und
B definieren also einen Dedekindschen Schnitt. Das Vollständigkeitsaxioms V
sichert die Existenz einer eindeutig bestimmten Schnittzahl ξ, welche entweder
in A oder in B liegen muß. Wäre ξ ∈ A, also

A = {x ∈ R : x ≤ ξ} (∗)

gäbe es (wie vorher) x ∈ M , sodaß ξ < x. Wegen Satz 1.22 würde auch ξ <
ξ+x ξ+x
2 < x gelten, d.h. 2 ∈ A. Diese Ungleichung ist ein Widerspruch zu (∗). Es
folgt ξ ∈ B und daher
B = {x ∈ R : ξ ≤ x} (∗∗)
Somit ist ξ eine obere Schranke für M und wegen (∗∗) sogar die kleinste, d.h.
ξ = sup M .

Korollar 1.71

Jede nicht leere, nach unten beschränkte Menge reeller Zahlen besitzt ein
Infimum in R.

Beweis. Es sei N ⊆ R, N 6= ∅, nach unten beschränkt und U die Menge der


unteren Schranken. Somit ist U 6= ∅ und jedes Element aus N ist eine obere
Schranke für U . Wegen Satz 1.70 existiert s = sup U . Wir behaupten s = inf N .
Dies folgt aus s ∈ U , da dann s = max U gilt. Angenommen, es wäre s 6∈ U ,
dann gäbe es x ∈ N , sodaß x < s = sup U . Da s die kleinste obere Schranke
von U ist, kann x nicht obere Schranke von U sein. Somit existiert y ∈ U mit
x < y. Wegen x ∈ N kann y keine untere Schranke von N sein. Dies führt auf
den Widerspruch y ∈/ U.

36
1.6 Folgerungen aus dem Vollständigkeitsaxiom

Ein einfacherer Beweis kann auf die Beobachtung aufgebaut werden, daß N ⊆
R genau dann nach unten beschränkt ist, wenn −N := {t ∈ R : − t ∈ N } nach
oben beschränkt ist. Die angegebene Beweisvariante verwendet keine speziellen
Eigenschaften von R. In jeder linear geordneten Menge folgt daher aus dem
Supremumprinzip das Infimumprinzip und umgekehrt.

Satz 1.72

N0 ist nicht nach oben beschränkt.

Beweis. Angenommen, N0 ist nach oben beschränkt. Nach Satz 1.70 existiert
dann α = sup N0 . Dann ist α − 1 keine obere Schranke für N0 (α ist ja die
kleinste), somit existiert n ∈ N0 , sodaß α − 1 < n. Es folgt α < n + 1, ein
Widerspruch zu ∀m ∈ N0 : m ≤ α.

Korollar 1.73

R ist archimedisch geordnet, d.h. für alle a, b ∈ R, a > 0, existiert n ∈ N0 ,


sodaß na > b.

Beweis. Da N0 nicht nach oben beschränkt ist, gibt es n ∈ N0 , sodaß b


a < n.

Korollar 1.74
1
∀ε > 0 ∃n ∈ N+ : n < ε.

Beweis. Wähle b = 1, a = ε in Korollar 1.73. Da n > 1


ε > 0 ist, ist n ∈ N+ .

Wir zeigen nun, daß die rationalen Zahlen „dicht“ in R liegen.

Satz 1.75

Zwischen zwei verschiedenen reellen Zahlen liegt stets eine rationale Zahl.

Beweis. Es seien x, y reelle Zahlen und x 6= y. O.B.d.A. können wir x < y, also
y −x > 0 annehmen. Nach Korollar 1.74 existiert n0 ∈ N0 , sodaß 0 < n10 < y −x,
d.h. 1+n0 x < n0 y. Nach Satz 1.47 (mit 1+n0 x anstelle von x) folgt die Existenz
von k0 ∈ Z, mit n0 x < k0 ≤ n0 x + 1 < n0 y. Für p0 = nk00 ∈ Q gilt dann
x < p0 < y.

Zur späteren Verwendung führen wir noch Notationen für Operationen mit
Teilmengen von R ein und formulieren entsprechende Rechenregeln für inf und
sup.

Definition 1.76

37
1 Reelle und komplexe Zahlen

Es seien A, B ⊆ R nicht leer und r ∈ R. Wir definieren

A + B := {a + b : a ∈ A, b ∈ B},
AB := {ab : a ∈ A, b ∈ B},
rA := {ra : a ∈ A}.

Weiter schreiben wir −A für (−1)A.

Satz 1.77

A, B ⊆ R seien nicht leer und nach oben beschränkt. Dann gilt

i) Falls A ⊆ B, dann gilt sup A ≤ sup B,

ii) sup(A + B) = sup A + sup B,

iii) ∀r ≥ 0 : sup(rA) = r sup A,

iv) ∀r ≤ 0 : inf(rA) = r sup A,

v) A ⊆ R+ ∧ B ⊆ R+ ⇒ sup AB = sup A · sup B.

Sind A und B nach unten beschränkt, so gilt ein entsprechender Satz für
das Infimum.

Der Beweis sei dem Leser als Übung überlassen.

Satz 1.78: Intervallschachtelungsprinzip

Es sei zu jedem n ∈ N ein Intervall In := [an , bn ], an ≤ bn , in R mit


folgenden Eigenschaften gegeben:

a) ∀n ∈ N0 : In+1 ⊆ In ,

b) ∀ε > 0 ∃n ∈ N0 : bn − an < ε.
T∞ T∞
Dann gibt es genau ein z ∈ R, sodaß n=1 In = {z} (wobei n=1 In :=
{In : n ∈ N+ }).
T

Beweis. Wegen a) gilt: an ≤ an+1 ≤ bn+1 ≤ bn für alle n ∈ N+ . Dies hat

∀n, k ∈ N+ : an ≤ bk . (1)

zur Folge. Angenommen, es gäbe Indizes n0 , k0 ∈ N+ mit bk0 < an0 . Ist n0 ≤
k0 , müßte auch bk0 < an0 ≤ ak0 gelten, im Widerspruch zu ak0 ≤ bk0 . Ist
k0 < n0 , dann folgt bn0 ≤ bk0 < an0 im Gegensatz zu an0 ≤ bn0 . Setzt man
A = {an : n ∈ N+ } und B = {bn : n ∈ N+ }, ergibt sich aus (1), daß jedes bn
eine obere Schranke für A, und jedes an eine untere Schranke für B darstellt.
Somit existieren α = sup A und β := inf B und es gilt α ≤ bn für alle n ∈ N+ .
Es ist also α eine untere Schranke für B, was α ≤ β zur Folge hat. Ferner gilt

38
1.7 Endliche, unendliche, abzählbare und überabzählbare Mengen

T∞ T∞
an ≤ α ≤ β ≤ bn für T∞alle n ∈ N , d.h. [α, β] ⊂ n=1 IT
+
n . Es folgt n=1 In 6= ∅.

Es gilt aber auch n=1 I n ⊆ [α, β] und daher auch n=1 In = [α, β]. Denn
x∈ ∞ ist gleichwertig mit + : a ≤ x ≤ b . Somit ist x eine obere
T
I
n=1 n ∀n ∈ N n n
Schranke für A und gleichzeitig eine untere Schranke für B. Es folgt α ≤ x ≤ β,
also x ∈ [α, β]. Wäre α < β, dann müßte auch bn − an ≥ β − α für alle
n
T∞ ∈ N+ gelten. Dies widerspricht jedoch der Voraussetzung b). Es gilt somit
n=1 In = [α, α] = sup A = inf B.

Bemerkung 1.79

1.) Setzt man den Begriff einer Nullfolge voraus, verlangt die Voraussetzung
b), daß die Folge der Intervalllängen eine Nullfolge darstellt.
2.) Man kann zeigen, daß das Vollständigkeitsaxiom, das Supremumprinzip
und der Satz über die Intervallschachtelung äquivalent sind.

1.7 Endliche, unendliche, abzählbare und


überabzählbare Mengen
Eine bemerkenswerte Folgerung aus dem Intervallschachtelungsprinzip ist die,
dass es wesentlich mehr reelle Zahlen gibt als rationale. Davor zeigen wir, dass
es nicht wesentlich mehr rationale Zahlen gibt als natürliche. Entscheidend ist
hier natürlich die Frage, was „wesentlich mehr“ genau heißt. In der Mengenlehre
vergleicht man Mengen mit dem Konzept der Mächtigkeit.

Definition 1.80: Mächtigkeit von Mengen

Seien X, Y Mengen.

(i) X heißt höchstens gleichmächtig wie Y , wenn es eine injektive Funk-


tion X → Y gibt.

(ii) X und Y heißen gleichmächtig wenn es eine bijektive Funkktion X →


Y gibt.

(iii) Y heißt mächtiger als X, wenn es eine injektive Funktion X → Y gibt,


aber keine bijektive Funktion X → Y .

Bemerkung 1.81

1. Wenn es eine injektive Funktion f : X → Y gibt, dann gibt es eine bi-


jektive Funktion von X → f (X), also in eine Teilmenge von Y . Y hat
in diesem Sinne mindestens so viele Elemente wie X, weil es eine Teil-
menge gibt, die gleich viele Elemente wie X hat. X ist gleichmächtig
wie eine Teilmenge f (X) von Y .

2. Der Satz von Cantor-Bernstein-Schröder sagt: Wenn es injektive Funk-


tionen f : X → Y und g : Y → X gibt, dann gibt es eine bijektive

39
1 Reelle und komplexe Zahlen

Funktion h : X → Y . Zwei Mengen X, Y sind als genau dann gleich-


mächtig, wenn X höchstens gleichmächtig wie Y und Y höchstens
gleichmächtig wie X ist.
Wir werden diesen Satz hier nicht beweisen und auch nicht verwenden.
Beispiele 1.82. 1. Jede Menge X ist gleichmächtig zu sich selbst: Wähle
die identische Funktion id : X → X, id(x) := x.

2. Für n, m ∈ N+ ist {1, . . . , n + m} := {k ∈ N+ : k ≤ n + m} mächtiger als


{1, . . . , n} = {k ∈ N+ : k ≤ n}.
Dass es eine injektive Funktion {1, . . . , n} → {1, . . . , n + m} gibt, ist unmittelbar einsichtig.
Dass es keine injektive (und damit keine bijektive) Funktion {1, . . . , n + m} → {1, . . . , n}
gibt zeigt man mit — wie könnte es auch anders sein? — Induktion: Zunächst zeigt man mit
Induktion nach n, dass es keine injektive Funktion {1, . . . , n + 1} → {1, . . . , n} gibt. Dann folgt
die allgemeine Aussage, weil man aus einer injektiven Funktion {1, . . . , n + m} → {1, . . . , n}
leicht eine injektive Funktion {1, . . . , n + 1} → {1, . . . , n} konstruieren kann, indem man den
Definitionsbereich auf {1, . . . , n + 1} verkleinert.

3. Analog kann man zeigen, dass es keine surjektive Abbildung {1, . . . , n} →


{1, . . . , n + 1}, oder allgemeiner, {1, . . . , n} → {1, . . . , n + m} gibt.
Man kann das aber auch aus der vorigen Aussage ableiten: Angenommen, es gäbe eine surjektive
Funktion g : {1, . . . , n} → {1, . . . , n + m}. Dann können wir für jedes k ∈ {1, . . . , n + m} ein
` ∈ {1, . . . , n} auswählen mit g(`) = k (man könnte zB das kleinste ` mit dieser Eigenschaft
nehmen). Damit ist aber eine Funktion h : {1, . . . , n + m} → {1, . . . , n} definiert, und diese
Funktion ist injektiv: sind `1 , `2 ∈ {1, . . . , n + m} mit `1 6= `2 und k1 , k2 ∈ {1, . . . , n} mit
g(k1 ) = `1 und g(k2 ) = `2 , dann ist notwendig k1 6= k2 , da g eine Funktion ist.

4. N0 und N+ sind gleichmächtig: Wähle s : N0 → N+ , s(n) = n + 1.

5. Die Menge der ganzen und die der geraden Zahlen sind gleichmächtig:
f : Z → 2Z, f (k) := 2k hat die Umkehrfunktion g : 2Z → Z, g(k) := k2 .

6. N0 und Z sind gleichmächtig: Definiere f : N0 → Z durch


(
n
2 falls n gerade
f (n) := n+1
− 2 falls n ungerade

Es ist also f (0) = 0, f (1) = −1, f (2) = 1, f (3) = −2, f (4) = 2 usw. Die
Bijektivität von f formal zu zeigen ist eine gute Übung.

Definition 1.83: Unendliche, abzählbare und überabzählbare Mengen

Sei X eine Menge.

(i) X heißt unendlich, wenn X zu einer echten Teilmenge X0 ⊆ X gleich-


mächtig ist;

(ii) X heißt endlich, wenn X nicht unendlich ist;

(iii) X heißt abzählbar unendlich, wenn X gleichmächtig zu N0 ist;

(iv) X heißt höchstens abzählbar, wenn X endlich oder abzählbar unendlich


ist;

40
1.7 Endliche, unendliche, abzählbare und überabzählbare Mengen

(v) X heißt überabzählbar, wenn X nicht höchstens abzählbar ist.

Bemerkung 1.84

Der Begriffs „abzählbar“ als Eigenschaft einer Menge kommt in der Literatur
auch ohne die Zusätze „unendlich“ oder „höchstens“ vor. Die Verwendung
ist aber nicht ganz einheitlich. Manchmal steht „abzählbar“ für „abzählbar
unendlich“, manchmal für „höchstens abzählbar“.
Manchmal sieht man auch „überabzählbar unendlich“. Das „unendlich“
ist hier aber redundant.

Beispiele 1.85. 1. N0 ist unendlich, weil gleichmächtig zur echten Teilmen-


ge N+ .

2. Die leere Menge ist endlich, da sie schon keine echte Teilmenge hat.
3. Für n ∈ N+ ist {1, . . . , n} endlich. Für n = 1 ist die einzige echte Teilmenge von {1}
die leere Menge, und es gibt keine Funktion {1} → ∅. Für den Induktionsschritt sei n ∈ N+
mit n > 1, und die Induktionsannahme ist, dass es keine injektive Funktion {1, . . . , n} in eine
echte Teilmenge gibt. Sei nun X0 eine echte Teilmenge von {1, . . . , n + 1}. Das heißt, es gibt
ein m ∈ {1, . . . , n + 1} \ X0 .
Angenommen, es gäbe eine injektive Funktion f : {1, . . . , n+1} → X0 . Dann ist die (beidseitige)
Einschränkung g : {1, . . . , n} → X0 \ {f (n + 1)} von f wieder injektiv, und X0 \ {f (n + 1)}
ist eine echte Teilmenge von {1, . . . , n + 1} \ {f (n + 1)}, da m ∈
/ X0 \ {f (n + 1)}, aber m ∈
{1, . . . , n + 1} \ {f (n + 1)}, da m 6= f (n + 1) ∈ X0 .
Man überlegt sich leicht (Übung), dass es eine bijektive Funktion h : {1, . . . , n+1}\{f (n+1)}
 →
{1, . . . , n} gibt. Die (beidseitige) Einschränkung h̃ : X0 \ {f (n + 1)} → h X0 \ {f (n + 1)} von
h ist wieder bijektiv.

Nun ist h̃ ◦ g : {1, . . . , n} → h X0 \ {f (n + 1)} eine injektive Funktion als Zusammensetzung

von injektiven Funktionen. h X0 \ {f (n + 1)} ist aber eine echte Teilmenge von {1, . . . , n},

da h(m) ∈ / h X0 \ {f (n + 1)} , aber h(m) ∈ {1, . . . , n}. Das ist der gesuchte Widerspruch zur
Induktionsannahme.

4. Man kann zeigen, dass eine Menge X genau dann endlich ist, wenn X = ∅
oder wenn es ein n ∈ N+ gibt so, dass X gleichmächtig ist zu {1, . . . , n}.
Vgl. Satz 1.87. Man kann Endlichkeit von X sogar so definieren, dass es
ein n ∈ N+ gibt sowie eine bijektive Funktion {1, . . . , n} → X. Der Vorteil
der oben angegebenen Definition aus Sicht der Mengenlehre ist der, dass
man die natürlichen Zahlen dafür nicht braucht.

5. Die Vereinigung zweier disjunkter abzählbar unendlicher Mengen X, Y ist


abzählbar unendlich. Es gibt eine bijektive Funktion fX : N0 → X, da X
gleichmächtig zu N0 ist. Es gibt eine bijektive Funktion fY : N+ → Y , da
Y gleichmächtig zu N0 und damit zu N+ ist. Wir definieren eine bijektive
Funktion g : Z → fX ∪ fY durch
(
fX (k) falls k ≥ 0 ,
g(k) :=
fY (−k) falls k < 0 .

Dass g tatsächlich bijektiv ist, sieht man leicht ein. Es ist fX ∪ fY gleich-
mächtig zu Z und damit gleichmächtig zu N0 , also abzählbar unendlich.

41
1 Reelle und komplexe Zahlen

6. Man zeigt weiter mit Induktion, dass die Vereinigung von endlich vielen
höchstens abzählbaren disjunkten Mengen höchstens abzählbar ist.

7. Seien X, Y beide höchstens abzählbar. Dann ist X ∪ Y = (X \ Y ) ∪


(Y \ X) ∪ (X ∩ Y ) höchstens abzählbar als Vereinigung von endlich vielen
höchstens abzählbar unendlichen Mengen.

Satz 1.86

Seien X eine Menge. Dann sind äquivalent:


a) X ist unendlich,
b) X hat eine unendliche Teilmenge,
c) es gibt eine injektive Abbildung N+ → X,
d) es gibt eine surjektive Abbildung X → N+ ,
e) es gibt für jedes n ∈ N+ eine injektive Abbildung {1, . . . , n} → X,
f ) es gibt für jedes n ∈ N+ eine surjektive Abbildung X → {1, . . . , n}.

Beweis. a) ⇒ c): Laut Voraussetzung gibt es eine echte Teilmenge Y ( X und eine bijektive Abbildung
φ : X → Y . Es gibt ein Element x1 ∈ X \ Y , da letztere Menge nicht leer ist. Die Abbildung φ1 : X \
{x1 } → Y \ {φ(x1 )} mit φ1 (x) = φ(x) ist wieder bijektiv und Y \ {φ(x1 )} ( X \ {x1 }.
Seien paarweise verschiedene x1 , . . . , xn ∈ X bereits konstruiert, sowie eine bijektive Funktion
φn : X \ {x1 , . . . , xn } → Y \ {φ(x1 ), . . . , φ(xn )} mit φn (xk ) = φ(xk ), k = 1, . . . , n und so, dass
Y \ {φ(x1 ), . . . , φ(xn )} eine echte Teilmenge von X \ {x1 , . . . , xn } ist. Dann gibt es xn+1 ∈ X \
 
{x1 , . . . , xn } \ Y \ {φ(x1 ), . . . , φ(xn )} , und x1 , . . . , xn+1 sind paarweise verschieden. Die Abbildung
φn+1 : X \ {x1 , . . . , xn+1 } → Y \ {φ(x1 ), . . . , φ(xn+1 )} mit φn+1 (x) := φ(x) ist bijektiv.
Sei h : N+ → X gegeben durch h(n) := xn für n ∈ N+ . Da für jedes n ∈ N+ die x1 , . . . , xn paarweise
verschieden sind, ist h injektiv.
c) ⇒ b) Sei h : N+ → X injektiv. Dann ist h(N+ ) ⊂ X gleichmächtig wie N+ und damit unendlich.
b) ⇒ a) Sei Y ⊆ X eine unendliche Teilmenge. Es gibt also eine echte Teilmenge Y1 ( Y und eine
bijektive Funktion φ : Y → Y1 . Dann definieren wir eine bijektive Funktion ψ : X → X \ (Y \ Y1 ) durch

(
φ(x) falls x ∈ Y
ψ(x) =
x falls x ∈ X \ Y .

Man rechnet leicht nach, dass ψ eine bijektive Funktion ist. Dabei bemerke man, dass Y1 = Y \(Y \Y1 )
ist.
c) ⇒ e) folgt unmittelbar.
e) ⇒ c) Es gibt also eine Folge von injektiven Funktionen φn : {1, . . . , n} → X. Wir konstruieren eine
injektive Funktion h : N+ → X rekursiv wie folgt: Wir setzen h(1) = φ(1). Seien nun h(1), . . . , h(n)
bereits erklärt und paarweise verschieden. φn+1 ({1, . . . , n + 1}) ist eine (n + 1)-elementige Teilmenge
von X. Somit kann nicht jedes Element in der n-elementigen Teilmenge {h(1), . . . , h(n)} enthalten
sein. Wir wählen als h(n + 1) ein Element in φn+1 ({1, . . . , n + 1}) \ {h(1), . . . , h(n)}. Mit Induktion
konstruieren wir h(m) für jedes m ∈ N+ und h ist per Konstruktion injektiv.
c) ⇒ d) Sei also h : N+ → X injektiv. Dann definieren wir g : X → N+ durch

(
n falls x ∈ h(N+ ) und h(n) = x
g(x) :=
1 sonst.

Dann ist g offenbar surjektiv.


d) ⇒ c) Sei g : X → N+ surjektiv. Für jedes n ∈ N+ wählen wir ein h(n) ∈ X mit g(n) = n. g ist
dann offenbar injektiv.
e) ⇔ f) Übung.

42
1.7 Endliche, unendliche, abzählbare und überabzählbare Mengen

Eine Folgerung von Satz 1.86 ist, dass jede überabzählbare Menge X mäch-
tiger ist als N+ : Es gibt eine injektive Funktion N+ → X, da X nicht höchs-
tens abzählbar und damit unendlich ist, es gibt aber keine bijektive Funktion
N+ → X.
Im folgenden Satz formulieren wir noch einige zur Endlichkeit von Mengen
äquivalente Eigenschaften. Dabei ist, für jedes n ∈ N+ , {1, . . . , n} := {k ∈
N+ : k ≤ n}.

Satz 1.87

Seien X eine nicht-leere Menge. Dann sind äquivalent:


a) X ist endlich,
b) X hat eine endliche Obermenge,
c) es gibt ein n ∈ N+ so, dass eine surjektive Abbildung {1, . . . , n} → X
existiert,
d) es gibt ein n ∈ N+ so, dass eine injektive Abbildung X → {1, . . . , n}
existiert,
e) es gibt ein n ∈ N+ so, dass eine bijektive Abbildung {1, . . . , n} → X
existiert.

Beweis. a) ⇒ b) X ist selbst eine Obermenge von X.


b) ⇒ a) Sei Y ⊃ X und Y endlich. Gäbe es eine echte Teilmenge X1 von X und eine bijektive Funktion
φ : X → X1 , so könnte man daraus eine bijektive Funktion Y → Y1 für eine echte Teilmenge von Y
konstruieren: Setze Y1 := Y \ (X \ X1 ), das ist eine echte Teilmenge, weil ∅ ( X \ X1 ⊆ Y und definiere
ψ : Y → Y1 durch (
φ(x) falls x ∈ X
ψ(x) =
x falls x ∈ Y \ X .

Man überzeugt sich leicht, dass ψ bijektiv ist.


c) ⇔ d) beweist man ähnlich zur Äquivalenz c) ⇔ d) von Satz 1.86.
a) ⇔ c) Wir beweisen das Kontrapositiv: Angenommen, für alle n ∈ N+ und alle φ : {1, . . . , n} → X
gilt, dass φ nicht injektiv ist. Wir wählen ein x1 ∈ X und definieren φ1 : {1} → X durch φ1 (1) := x.
φ1 ist nach Voraussetzung nicht surjektiv.
Wir nehmen nun an, dass φn : {1, . . . , n} → X definiert und injektiv ist. Nach Voraussetzung ist φn
nicht surjektiv, somit gibt es ein xn+1 ∈ X \ φn ({1, . . . , n}). Wir definieren
(
φn (k) falls k < n + 1
φn+1 (k) =
xn+1 falls k = n + 1 .

Damit erhalten wir eine Folge von injektiven Funktionen (φn )n∈N+ mit der Eigenschaft, dass für
m > n die Funktionen φm und φn auf {1, . . . , n} übereinstimmen. Mit ψ(n) := φn (n) ist also eine
injektive Funktion N+ → X definiert. Nach Satz 1.86 ist X unendlich.
c) ⇒ e) Die Menge aller n ∈ N+ so, dass eine surjektive Abbildung {1, . . . , n} → X existiert,
ist also eine nicht-leere Teilmenge der natürlichen Zahlen. Diese hat ein kleinstes Element n0 . Sei
φ : {1, . . . , n} → X die laut Voraussetzung existierende surjektive Abbildung. Wir zeigen, dass φ in-
jektiv ist, und damit auch bijektiv.
Angenommen, es gäbe k1 , k2 ∈ {1, . . . , n0 } mit k1 6= k2 und φ(k1 ) = φ(k2 ). Dann definiert die
Funktion φ̂ : {1, . . . , n0 } \ {k2 } → X eine surjektive Funktion. Es ist eine leichte Übung, aus dieser
eine surjektive Funktion ψ : {1, . . . , n0 − 1} → X zu konstruieren, im Widerspruch zur Minimalität
von n0 .
e) ⇒ c) Sei n ∈ N und φ : {1, . . . , n} → X eine bijektive Abbildung. Hätte X eine zu X gleichmächtige
echte Teilmenge Y , so wäre φ−1 (Y ) eine zu {1, . . . , n} gleichmächtige echte Teilmenge und damit
{1, . . . , n} eine unendliche Menge. Wir haben aber schon festgestellt, dass {1, . . . , n} eine endliche
Menge ist.

43
1 Reelle und komplexe Zahlen

Das folgende Lemma ist ein Spezialfall des Satzes von Cantor-Bernstein-
Schröder.

Lemma 1.88

Eine Menge X ist genau dann abzählbar unendlich, wenn es eine injektive
Funktion X → N+ und eine injektive Funktion N+ → X gibt.

Beweis. Da es eine injektive Funktion N+ → X gibt, ist X unendlich. Sei also


nun f : X → N+ injektiv. Wir konstruieren eine bijektive Funktion g : N+ → X
wie folgt. Für jede nichtleere Teilmenge X0 ⊆ X ist f (X0 ) = {f (x) : x ∈ X0 }
eine nichtleere Teilmenge natürlicher Zahlen und hat daher ein Minimum. Da f
injektiv und min(f (X0 )) ∈ f (X0 ) ist, gibt es genau ein Element M (X0 ) ∈ X0
mit f (M (X0 )) = min f (X0 ).
(
M (X) falls n = 1
g(n) :=
falls n > 1 .

M (X \ {g(m) : m < n}

Dabei ist X \ {g(m) : m < n} = 6 ∅, da X unendlich ist.


Die Funktion g ist injektiv. Wäre n1 < n2 und g(n 1 ) = g(n2 ), dann wäre
f (g(n1 )) = f (g(n2 )) = min f X \ {g(m) : m < n2 } , und damit g(n1 ) ∈ X \
{g(m) : m < n2 }, ein Widerspruch. Man sieht sogar, dass g(n1 ) < g(n2 ), da
in der Definition von g(n2 ) das Minimum über eine kleinere Menge genommen
wird.
Die Funktion g ist auch surjektiv: Sei x ∈ X. Dann ist f (x) ∈ f (X) ⊆ N+ .
Wäre x kein Bild von g, dann würde für alle n ∈ N gelten f (g(n)) < f (x) (g
wählt ja immer jenes noch nicht gewählte Element von x ∈ X mit minimalem
f (x)). Es wäre also f ◦ g eine injektive Funktion N+ → {1, . . . , f (x) − 1}, ein
Widerspruch.

Satz 1.89

Die Menge Q der rationalen Zahlen ist abzählbar unendlich.

Beweis. Wenn wir zeigen können, dass die positiven rationalen Zahlen abzählbar
sind, dann gilt das auch für die negativen rationalen Zahlen, und damit auch
für Q.
Wir denken uns die Paare (m, n) mit m, n ∈ N+ rechteckig angeordnet und
zählen sie gemäß folgendem Schema ab:

1,1 1,2 1,3 1,4

2,1 2,2 2,3 2,4

3,1 3,2 3,3 3,4

4,1 4,2 4,3 4,4

44
1.8 Wurzeln

Es ist eine nette, aber nicht wichtige Übung, die zugehörige bijektive Funktion
f : N+ → N+ × N+ explizit hinzuschreiben. Damit sind also N+ und N+ × N+
gleichmächtig.
Nach Lemma 1.63 gibt es zu jeder positiven rationalen Zahl x genau ein
Paar (p, q) natürlicher Zahlen mit x = pq und so, dass p + q minimal ist. Dies
liefert uns eine injektive Abbildung g : {x ∈ Q : x > 0} → N+ × N+ . Damit ist
f −1 ◦ g : {x ∈ Q : x > 0} → N+ eine injektive Funktion.
Umgekehrt ist id : N+ → {x ∈ Q : x > 0}, id(n) = n natürlich injektiv.
Wir haben also injektive Funktionen f −1 ◦ g : {x ∈ Q : x > 0} → N+ und
id : N+ → {x ∈ Q : x > 0}, sodass N+ und {x ∈ Q : x > 0} gleichmächtig
sind.

Wir kommen nun zum Hauptresultat dieses Abschnitts, wonach so eine Kon-
struktion für die reellen Zahlen nicht möglich ist.

Satz 1.90

R ist überabzählbar.

Beweis. Sei f : N+ → R ein Funktion. Wir zeigen, dass f nicht surjektiv ist.
Sei I1 := [f (1) + 1, f (1) + 2]. Insbesondere ist I1 ein abgeschlossenes Intervall,
welches f (1) nicht enthält. Wir teilen I1 in drei gleich große Intervalle, I1 =
[f (1) + 33 , f (1) + 34 ] ∪ [f (1) + 43 , f (1) + 53 ] ∪ [f (1) + 35 , f (1) + 63 ]. Und stellen
fest, dass f (2) in maximal zwei dieser Intervalle liegen kann. Es gibt also ein
angeschlossenes Intervall I2 der Länge 13 , welches f (2) nicht enthält.
Wir fahren in dieser Weise fort und konstruieren zu jedem n ∈ N+ ein Intervall
In , welches in In−1 enthalten ist, Länge ( 31 )n−1 hat, und welches f (n) nicht
enthält. Nach dem Intervallschachtelungsprinzip, Satz 1.78, gibt es genau ein
z ∈ R mit ∀n ∈ N+ : z ∈ In . Die Zahl z kann aber nun nicht von der Form f (n)
für ein n ∈ N+ sein, sonst wäre ja z = f (n) ∈ R. Es gibt also ein Element von
R, nämlich z, welches kein Bild unter f ist, das heißt, f ist nicht surjektiv.

Wir haben im Beweis verwendet, dass für alle ε > 0 ein n ∈ N + existiert mit
3 < ε. Streng bewiesen wird das erst in Lemma 1.92 (dessen Beweis natürlich
1

die Überabzählbarkeit von R nicht verwendet).

1.8 Wurzeln
Mit Hilfe des Supremumprinzips kann man die Existenz n-ter Wurzeln aus nicht-
negativen Zahlen zeigen. Wir benötigen folgende Hilfsresultate.

Lemma 1.91

Für alle 0 < x < y ≤ 1 und alle natürlichen Zahlen n ≥ 2 gilt

y n − xn < n(y − x).

Beweis. Der Beweis ergibt sich aus den Hornerschen Regeln Lemma 1.61.

45
1 Reelle und komplexe Zahlen

Lemma 1.92

Für alle reellen Zahlen 0 < q < 1 und ε > 0 existiert n ∈ N0 mit 0 < q n < ε.

Beweis. Wir zeigen für ein geeignetes n ∈ N0 die gleichwertige Ungleichung


1 1
0< < ( )n .
ε q

Dazu beachte man 1


q > 1, also 1
q = 1 + x für ein x > 0. Aus der Bernoulli
Ungleichung 1.56
1
( )n = (1 + x)n > 1 + nx.
q
Die Behauptung folgt nun aus der archimedischen Ordnung von R (Korol-
lar 1.73).

Satz 1.93

Für alle natürlichen Zahlen n ≥ 2 und alle reellen Zahlen a ≥ 0 hat die
Gleichung ξ n = a genau eine nichtnegative Lösung.

Beweis. Die Eindeutigkeit folgt aus Satz 1.54- 2. Für a = 0 setzen wir ξ = 0,
für a = 1 ist die Lösung ξ = 1. Wir betrachten zuerst den Fall a < 1. Mit
vollständiger Induktion zeigt man, daß an < a für alle natürlichen Zahlen n ≥ 2
gilt. Für 0 < x ≤ a folgt daher xn ≤ an < a. Somit muß die Lösung der Glei-
chung ξ n = a im Intervall (a, 1) liegen. Wir konstruieren nun mit vollständiger
Induktion eine Intervallschachtelung Ik = [ak , bk ] mit folgenden Eigenschaften

ank ≤ a ≤ bnk ,
(∗)
bk − ak = 2−k (b0 − a0 ), k ∈ N0 .

Für k = 0 setzen wir I0 = [a, 1]. Dann ist (∗) erfüllt. Es sei Ik mit der Eigenschaft
(∗) bereits konstruiert. Für m = 21 (ak + bk ) setzen wir
(
[ak , m], falls mn ≥ a,
Ik+1 =
[m, bk ], falls mn < a.

Da wegen der Induktionsvoraussetzung ak ≤ a ≤ bk gilt, folgt entweder ank ≤


a ≤ mn oder mn ≤ a ≤ bnk , also a ∈ [ank+1 , bnk+1 ]. Es gilt auch bk+1 − ak+1 =
2−k−1 (b0 − a0 ), da Ik+1 durch Halbierung des Intervalles Ik entsteht. Somit gilt
Ik+1 ⊆ Ik und Ik+1 besitzt die Eigenschaft (∗). Wegen Lemma 1.92 sind die
Voraussetzungen von Satz 1.78 erfüllt.
Wir zeigen nun, daß auch die Intervalle Jk = [ank , bnk ], k ∈ N0 , eine Intervall-
schachtelung bilden. Aus Ik+1 ⊆ Ik folgt mit Satz 1.54-(2) Jk+1 ⊆ Jk . Wegen
Lemma 1.91 gilt
bnk − ank < n(bk − ak ).

46
1.8 Wurzeln

Da die Intervalle Ik eine Intervallschachtelung bilden, gibt es für jedes ε > 0


einen Index ` mit b` − a` < nε . Somit folgt
bn` − an` < ε.
Nach Satz 1.78 gibt es daher eindeutig bestimmte Zahlen T α, ξ ∈ R mit {α} =
∩k∈N0 Jk und {ξ} = ∩k∈N0 Ik . Dann gilt aber auch ξ n ∈
k∈N0 Jk und somit
ξ = α. Wegen (∗) muß auch a ∈ k∈N0 Jk und somit ξ = a gelten.
n n
T

Den Fall a > 1 führen wir mittels b = a1 auf den Fall a < 1 zurück. Es sei β > 0
die eindeutige Lösung der Gleichung β n = b und ξ = β1 . Dann gilt
1 1 1
ξ n = ( )n = n = = a.
β β b

Korollar 1.94

Ist n ∈ N0 ungerade, dann besitzt die Gleichung xn = a für jedes a ∈ R


genau eine Lösung ξ ∈ R.

Beweis. Es genügt, den Fall a < 0 zu betrachten. Dann ist −a > 0 und die
˜ Setzt man
Gleichung xn = −a hat nach Satz 1.93 genau eine positive Lösung ξ.
˜ folgt
ξ = −ξ,
˜ n = (−1)n ξ˜n = (−1)n (−a) = −(−a) = a,
ξ n = (−ξ)
da n ungerade ist.

Definition 1.95: Wurzel

Es seien entweder n ∈ N0 gerade und a ∈ R+ oder n ∈ N0 ungerade und



a ∈ R. Dann bezeichnet man mit n a die eindeutig bestimmte Lösung in
R+ (falls n ∈ N0 gerade), bzw. in R (falls n ∈ N0 ungerade) der Gleichung
√ √
xn = a. Man nennt n a die n-te Wurzel aus a. Anstelle von n a schreibt
1 √ √
man auch a n . Im Fall n = 2 ist die Notation a für 2 a gebräuchlich.

Bemerkung 1.96
1
1) Wegen Satz 1.93 gilt mit dieser Definition (a n )n = a für alle a ∈ R im
Fall n ungerade und für alle a ∈ R+ im Fall n gerade.
1
2) Ist n ∈ N0 gerade und a > 0, dann liefert a n eine positive Lösung

der Gleichung xn = a. Ist n gerade und a > 0, dann ist − n a eine wei-
tere Lösung der Gleichung xn = a. Dies wird durch die Kurzschreibwei-

se x1,2 = ± n a zum Ausdruck gebracht. Dies darf keinesfalls dahingehend
√ √
missverstanden werden, n a habe zweierlei Vorzeichen. Es gilt stets n x ≥ 0
für alle x ≥ 0 und n ∈ N0 . √
3)Ein
√ häufig auftretender Fehler ist es, x2 = x zu setzen. Richtig ist
2
x = |x|.

47
1 Reelle und komplexe Zahlen

4) Die Definition der n-ten Wurzel ist nicht einheitlich: viele Autoren defi-

nieren n a nur für a ≥ 0 für alle n ∈ N0 .

Korollar 1.97

1.) Für alle positiven reellen Zahlen a, b und n, m ∈ N0 gilt


1 1 1 1 1
i) (ab) n = a n b n , ( ab ) n = an
1 ,
bn
1 1
ii) (a n )m = (am ) n ,
1 1 1 1 1
iii) (a n ) m = (a m ) n = a nm .

2.) Ist a, b > 0, dann gilt


1 1
a < b ⇔ an < bn

für alle n ∈ N+ . Für n ∈ N+ ungerade gilt diese Beziehung für alle a, b ∈ R.


1 1 1 1 1
Beweis. i) (a n b n )n = (a n )n (b n )n = ab. Wegen der Eindeutigkeit der Wurzel folgt daher (ab) n =
1 1
a b 1.
n n
1 1
ii) [(a n )m ]n = (a n )mn = [(a n )n ]m = am .
1 1 1 1 1
iii) [(a n ) m ]nm = [[(a n ) m ]m ]n = (a n )n = a.
1 1 1 1 1 1 1 1
Dies zeigt (a ) = a
n m . Wegen der Symmetrie bezüglich n und m in a nm folgt (a n ) m = (a m ) n .
nm

2.) Für 0 < a < b folgt die Behauptung aus

1 1 1.54 1 1 1.93
a n < b n ⇔ (a n )n < (b n )n ⇔ a < b.

Es sei n ungerade und a < b < 0. Dies ist gleichwertig mit 0 < −b < −a. Aus dem eben Bewiesenen
folgt
1 1 1 1 1 1
0 < −b < −a ⇔ (−b) n < (−a) n ⇔ 0 < −b n < −a n ⇔ a n < b n < 0.
Die übrigen Fälle sind trivial.

Die Darstellung rationaler Zahlen durch Brüche ist nicht eindeutig. Gilt etwa
p = rs = uv > 0 d.h. rv = us für r, s, u, v ∈ N0 und setzt man für a > 0
1 1
x = (ar ) s , y = (au ) v , folgt

xsv = (xs )v = (ar )v = arv = aus = (au )s = (y v )s = y vs ,

wegen der Eindeutigkeit der Wurzel gilt dann x = y. Beachtet man noch Korol-
1 1 1 1
lar 1.97-1 ergibt sich (a s )r = (ar ) s = (au ) v = (a v )u . Es kommt somit auf die
Reihenfolge des Potenzierens und Radizierens nicht an.
Somit ist folgende Definition sinnvoll:

Definition 1.98: Potenz mit rationalen Exponenten


p
Es sei a > 0 und r = q > 0, p, q ∈ N0 .

1 1
0r := 0, ar := (ap ) q , a−r := .
ar

48
1.8 Wurzeln

1
Natürlich hätte man wegen Korollar 1.97. 1-(ii) auch (a q )p zur Definition von
a verwenden können. Man beachte, daß diese Definition für a < 0 nicht immer
r

sinnvoll ist. Als Beispiel betrachte man



(−27)2 = 3, aber 3 −27 = −3.
p
6

Aus diesem Grunde wird häufig die n-te Wurzel nur für nicht negative reelle
Zahlen definiert.

Satz 1.99: Potenzgesetze

Es seien a, b ∈ R+ und r, s ∈ Q. Folgende Regeln gelten, falls alle beteiligten


Potenzen definiert sind.

i) ar as = ar+s ,

ii) (ar )s = ars ,

iii) ar br = (ab)r ,
ar
iv) a > 0 ⇒ as = ar−s ,
ar
v) b > 0 ⇒ br = ( ab )r .

Beweis. Wir beweisen nur die erste Regel. Wir betrachten vorerst den Fall r, s > 0, also r = pq , s = m
n
mit geeigneten natürlichen Zahlen p, q, n und m. Wegen r = np nq
und s = mqqn
kann man diesen Fall
auf Satz 1.54 zurückführen:
1 1 1 np+mq p
+m
ar as = (a nq )np (a nq )mq = (a nq )np+mq = a nq = aq n = ar+s .

Es sei nun rs < 0 und ohne Beschränkung der Allgemeinheit r < 0, s > 0, also r = − pq . Es folgt

1
as (a nq )mq 1
ar as = = 1 = (a nq )mq−np
a|r| (a nq )np
 mq−pn m p
a nq = a n − q = as+r mq − pn ≥ 0,
= 1 1 1 r+s
 1 = p− m = −(r+s) = a mq − pn < 0.
a
(a nq )pn−mq aq n

Schließlich betrachten wir noch den Fall rs > 0 und r < 0, und s < 0. Man erhält

1 1 1
ar as = = |r|+|s| = a−|r|−|s| = ar+s .
a|r| a|s| a

Satz 1.100

Es sei a > 0, b > 0 und r ∈ Q. Dann gilt

i) a < b ⇔ ar < br , falls r > 0,

ii) a < b ⇔ br < ar , falls r < 0.

49
1 Reelle und komplexe Zahlen

1
Beweis. i) folgt aus 1.97 iv) und Satz 1.54 2.). Für den Nachweis von ii) beachte man ar = .
a|r|

Satz 1.101

Es sei a ∈ R, a > 0, r, s ∈ Q und r < s. Dann gilt

i) ar < as ⇔ a > 1,

ii) ar > as ⇔ a < 1.

1.100 as
Beweis. i) Wegen s − r > 0 und 1s−r = 1 folgt a > 1 ⇔ as−r > 1 ⇔ ar
> 1 ⇔ as > ar . ii)
a < 1 ⇔ a1 > 1.

1.9 Komplexe Zahlen


Aus Korollar 1.19 folgt, daß die Gleichung x2 +1 = 0 keine reelle Lösung besitzt.
Will man erreichen, daß diese und viele andere in R nicht lösbare Gleichungen
lösbar werden, ist eine Erweiterung des reellen Zahlensystems erforderlich.

Definition 1.102

i) z heißt komplexe Zahl :⇔ z = (a, b) ∈ R × R.


Die Menge der komplexen Zahlen bezeichnet man mit C.

ii) Auf C × C erklärt man Addition + und Multiplikation · : Es sei z =


(a, b), w = (c, d):

z + w := (a + c, b + d)
z · w = zw := (ac − bd, ad + bc).

C und R × R sind also als Mengen identisch, charakteristisch für C ist die durch
Addition und Multiplikation aufgeprägte algebraische Struktur.

Satz 1.103

Ersetzt man R durch C, 0 durch (0, 0), 1 durch (1, 0), dann sind die Axiome
A , M und D erfüllt. Das Tripel (C, +, ·) ist somit ein Körper.

Beweis. Für z = (a, b) ∈ C ist die additive Inverse

−z = (−a, −b),

für z = (a, b) 6= (0, 0) ist die multiplikative Inverse


 
−1 a −b
z = , .
a2 + b2 a2 + b2

50
1.9 Komplexe Zahlen

Exemplarisch zeigen wir die Assoziativität der Multiplikation: Es sei x = (a, b),
y = (c, d) und z = (e, f ). Dann ist
x(yz) = (a, b)(ce − df, cf + de)
= (a(ce − df ) − b(cf + de), b(ce − df ) + a(cf + de))
= (ace − adf − bcf − bde, bce − bdf + acf + ade)
= (ac − bd, ad + bc)(e, f )
= (xy)z.
Der Rest des Beweises ist eine einfache Übung.

Die Sätze aus Abschnitt 2 sowie jene Resultate, welche nicht auf die Ordnung
in R Bezug nehmen, gelten daher auch in C. Für die Paare (a, 0), (b, 0) ∈ C gilt
(a, 0) + (b, 0) = (a + b, 0)
(a, 0) · (b, 0) = (ab, 0), −(a, 0) = (−a, 0), (a, 0)−1 = (a−1 , 0)
(für die letzte Beziehung setzen wir natürlich a 6= 0 voraus). Die Menge {(a, 0) : a ∈
R} ⊆ C bildet also einen Unterkörper von C, der dieselben arithmetischen Ei-
genschaften wie R besitzt. Man kann daher R und {(a, 0) : a ∈ R} identifizieren,
indem man jeder reellen Zahl a ∈ R das geordnete Paar (a, 0) zuordnet und
umgekehrt. Es ist somit sinnvoll, die komplexen Zahlen (a, 0) reell zu nennen
und man schreibt anstelle von (a, 0) kurz a.

Definition 1.104

i := (0, 1) heißt imaginäre Einheit.

Wegen
(0, 1)(0, 1) = (−1, 0) = −(1, 0)
folgt
i2 = −1,
somit ist die komplexe Zahl i Lösung von x2 + 1 = 0. Für b ∈ R folgt
ib = (0, 1)(b, 0) = (0, b).
Komplexe Zahlen dieser Form heißen imaginär. Wegen a, b ∈ R und
(a, b) = (a, 0) + (0, b) = a + ib.
kann jede komplexe Zahl (a, b) in der bequemeren Form a + ib geschrieben
werden.
Definition 1.105

Es sei z = a + ib ∈ C.

i) Re z := a heißt Realteil von z,


Im z := b heißt Imaginärteil von z.

51
1 Reelle und komplexe Zahlen

ii) z̄ := a − ib heißt die zu z konjungiert komplexe Zahl,



iii) |z| := a2 + b2 heißt Absolutbetrag von z.

iv) A ⊂ C heißt beschränkt :⇔ {|z| : z ∈ A} ist beschränkt in R.

Insbesondere ist eine komplexe Zahl genau dann gleich 0 = (0, 0), wenn ihr
Realteil und ihr Imaginärteil gleich 0 ist, was genau dann der Fall ist, wenn ihr
Betrag gleich 0 ist.
Wegen i2 = −1 < 0 ist es nicht möglich, auf C eine Ordnung zu definieren,
die den Axiomen O genügt. Es müßte dann nämlich x2 ≥ 0 für alle x ∈ C gelten
(vgl. Korollar 1.19). Die Ergebnisse aus Abschnitt 3 lassen sich daher nicht auf
C übertragen: Ungleichungen zwischen komplexen Zahlen sind sinnlos!
Die komplexen Zahlen lassen sich als Menge geordneter Paare in der Gaußschen
Zahlenebene veranschaulichen: Nach Wahl eines cartesischen Koordinatensys-
tems wird die komplexe Zahl z = x + iy durch den Punkt (x, y) dargestellt.
Die reellen Zahlen werden mit den Punkten der reellen Achse identifiziert. |z|
ist der Abstand des Punktes (x, y) von 0. Die Definition des Absolutbetrages
für komplexe Zahlen ist die natürliche Verallgemeinerung des Absolutbetrages
reeller Zahlen als deren Abstand von dem mit Null bezeichneten Punkt auf der
reellen Zahlengeraden.
Insbesondere stimmt der Betrag einer reellen Zahl x mit dem Betrag der
komplexen Zahl x + i · 0, mit der wir sie identifizieren, überein. Aus diesem
Grund ist es auch unproblematisch, dieselbe Notation für den Betrag reller und
komplexer Zahlen zu verwenden.

Imaginäre Achse
6

−z̄ r i
r
|z|  z


 -
1
Reelle Achse
−z r r z̄

Abbildung 1.2: Die Gaußsche Zahlenebene

Satz 1.106

Für z, w ∈ C gelten

52
1.9 Komplexe Zahlen

a) z + w = z̄ + w̄, d) Re z = 21 (z + z̄), Im z = 1
2i (z − z̄),

b) zw = z̄ · w̄, e) z = z̄ ⇔ z ∈ R,

c) z z̄ = |z|2 , f ) ( z1 ) = 1
z̄ falls z 6= 0.

Satz 1.107

Für z, w ∈ C gelten

a) |z| = 0 ⇔ z = 0, d) |z| = |z̄|,



b) |zw| = |z||w|, e) max | Re z|, | Im z| ≤ |z|,

c) |z + w| ≤ |z| + |w|, f ) |z| − |w| ≤ |z − w|.

Die Ungleichung (c) nennt man Dreiecksungleichung.

Beweis. Für den Beweis von c) beachte man z w̄ = z̄w. Somit folgt
|z + w|2 = (z + w)(z + w) = z z̄ + z w̄ + wz̄ + ww̄
= |z|2 + 2 Re(z w̄) + |w|2
≤ |z|2 + 2|z w̄| + |w|2 = |z|2 + 2|z||w̄| + |w|2
= (|z| + |w|)2

Es stellt sich heraus, dass nicht nur die Gleichung x2 + 1 = 0 Lösungen in


C hat, sondern alle algebraischen Gleichungen: Für alle n ∈ N+ , a0 , . . . , an ∈ C
gibt es ein z ∈ C mit
an z n + . . . a1 z + a0 = 0 .
Das ist die Aussage des Fundamentalsatzes der Algebra, den wir in Abschnitt
?? beweisen werden.
Wir beweisen nun den wichtigen Spezialfall n = 2. Davor lernen wir noch, wie
man aus einer beliebigen komplexen Zahl die Quadratwurzel zieht.

Satz 1.108: Quadratwurzel einer komplexen Zahl

Sei z ∈ C. Falls z 6= 0, so gibt es genau zwei komplexe Zahlen w1 , w2 mit


w12 = w22 = z.
Es gilt dann w2 = −w1 .

Beweis. Sei z = a + ib. Wir suchen (zunächst) eine Zahl w = x + iy mit w2 = z,


also
w2 = (x + iy)2 = x2 − y 2 + 2xyi = a + ib = z
⇔ x2 − y 2 + 2xyi − a − ib = 0
⇔ x2 − y 2 = a und 2xy = b .

53
1 Reelle und komplexe Zahlen

Wenn b = 0, also wenn z ∈ R, dann folgt aus 2xy = b dass x = 0 oder y = 0.


Da z 6= 0, ist a 6= 0. Wenn a > 0, dann muss y = 0 und x2 = a. Wir erhalten
√ √
die Lösungen w1 = x1 = a und w2√= x2 = − a. Wenn a√< 0 ist, dann muss
x = 0 und −y 2 = a, also w1 = y1 = −a und w2 = y2 = − −a.
Wir können p die Fälle mit z ∈ R palso wie folgt zusammenfassen:
p
w1 = |a|
und w2 = − |a| falls z > 0, w1 = i |a| und w2 = −i |a| falls z < 0.
p

Sei nun b 6= 0. Dann ist |z|2 = a2 + b2 > a2 und daher |z| > |a|, sodass
|z|+a > 0 und |z|−a > 0. Warum ist das wichtig? Wir verwenden, dass x2 +y 2 =
|w|2 = |z|, sodass mit x2 − y 2 = a folgt 2x2 = |z| + a sowie
q−2y = a − |z|, also
2

2y 2 = |z| − a. Wir erhalten also für x die Lösungen x1 = 12 (|z| + a) und x2 =


q q q
− 12 (|z| + a) und für y die Lösungen y1 = 12 (|z| − a) und y2 = − 12 (|z| − a),
wobei die reellen Wurzeln aufgrund von |z| + a > 0 und |z| − a > 0 existieren.
Allerdings erfüllt nicht jede der 4 Kombinationen xk + y` i, mit k, ` ∈ {1, 2}
die Gleichung (xk + y` i)2 = z. Es muss ja auch 2xy = b gelten, und das kann
nur dann sein, wenn x, y das gleiche Vorzeichen haben im Fall b > 0, bzw
unterschiedliche Vorzeichen im Fall b < 0.
Wir haben also die beiden Wurzeln w1 = x1 + y1 i, w2 = x2 + y2 i, falls b > 0
und w1 = x1 + y2 i, w2 = x2 + y1 i, falls b < 0.
Quadrieren zeigt, dass tatsächlich wk2 = z für k ∈ {1, 2}, und da wir die Form
von w1 , w2 aus der Gleichung geschlossen haben, kann es keine weiteren Wurzeln
geben.
Die Aussage w2 = −w1 ist offensichtlich.

Falls w = 0 ist, dann ist natürlich die eindeutig bestimmte Quadratwurzel


durch z = 0 gegeben.

Satz 1.109: Quadratische Gleichungen

Seien a, b, c ∈ C mit a 6= 0. Dann gibt es z ∈ C mit

az 2 + bz + c = 0 .

Es gibt genau dann zwei verschiedene Lösungen, wenn b2 6= 4ac.

Beweis. Da a 6= 0 ist, können wir die gesamte Gleichung durch a dividieren


und erhalten die äquivalente Gleichung z 2 + pz + q = 0, wobei p = a−1 b und
q = a−1 c. Die Bedingung b2 6= 4ac ist dann äquivalent zu p2 6= 4q.
Wir nehmen an, die Gleichung z 2 + pz + q = 0 habe eine Lösung z, und finden
durch geeignetes Umformen die Gestalt der Lösung heraus. Durch „Zurückrech-
nen“ bzw Einsetzen in die ursprüngliche Gleichung sieht man dann, dass diese
tatsächlich die Gleichung löst. Durch Multiplikation mit a erhält man, dass die
ursprüngliche Gleichung ebenfalls gelöst wird.
Zunächst betrachten wir leichte Spezialfälle separat: Falls p = 0 (⇔ b = 0),
dann hat die Gleichung also die Gestalt z 2 + q = 0. Durch Umformen erhalten
wir z 2 = −q, sodass wir die Aussage aus Satz 1.108 folgern können. Wir erhalten

54
1.9 Komplexe Zahlen

zwei verschieden Lösungen genau dann, wenn q 6= 0, was genau dann der Fall
ist wenn 4q 6= 0 = p2 .
Falls q = 0 (⇔ c = 0), haben wir die Gleichung z 2 +pz = 0, also z ·(z +p) = 0,
sodass mit z1 = 0 jedenfalls eine Lösung gegeben ist. Die zweite Lösung ist
offenbar z2 = −p. Es ist z1 6= z2 genau dann, wenn p 6= 0, was genau dann der
Fall ist, wenn p2 6= 0 = 4q.
Seien schließlich p 6= 0 und q 6= 0.

p2 p2
z 2 + pz + q = 0 ⇔ z 2 + pz + − +q =0
4 4
 p 2 p2

⇔ z+ − +q =0
2 4
 p 2 p2
⇔ z+ = −q.
2 4
2
Wenn p4 = q, dann ist z + p2 , wir erhalten also die eindeutige Lösung also
z = − p2 .
2
Wenn p4 6= q, dann gibt es nach Satz 1.108 genau zwei komplexe Zahlen w1 , w2
2
mit wk2 = p4 − q, k ∈ {1, 2}. Dann erfüllen z1 = − p2 + w1 und z2 = − p2 + w2 die
 2 2
Gleichung zk + p2 = p4 − q, und damit auch die Gleichung zk2 + pzk + q = 0,
k ∈ {1, 2}.

Bemerkung 1.110: Lösungsformeln

1. Wir betrachten die Rechnung bzw die Lösung im Beweis noch einmal.
Wir haben die Lösungen z1 = − p2 +w1 und z2 = − p2 +w2 , wobei w2 =
q
2
−w1 . Wenn wir anstelle von w1 schreiben p4 − q, dann erhalten wir
die bekannte „kleine Lösungsformel
r r
p p2 p p2
z1 = − + − q , z2 = − − −q,
2 4 2 4
bzw mit p = a−1 b und q = a−1 c nach kurzer Rechnung die große
Lösungsformel
√ √
−b + b2 − 4ac −b − b2 − 4ac
z1 = , z1 = .
2a 2a
Der Wurzelausdruck ist eben so zu interpretieren, dass man eine der
komplexen Wurzeln b2 − 4ac berechnet, egal welche.

2. Aus der Lösungsformel sieht man (noch einmal) unmittelbar, dass


die Lösung genau dann eindeutig ist, wenn p2 6= 4q, bzw b2 6= 4ac.
Außerdem sieht man, dass die Lösungsformeln auch für die Fälle p = 0
und q = 0 die richtige Lösung liefern.

55
1 Reelle und komplexe Zahlen

3. Da wir jede reelle Zahl als komplexe Zahl auffassen können, gilt die
Lösungsformel auch für reelle a, b, c. Man sieht aus der Lösungsformel,
dass die Lösungen genau dann wieder reelle Zahlen sind, wenn b2 ≥
4ac ist.
Andernfalls, also wenn b2 < 4ac, sind die Wurzeln aus b2 − 4ac, imagi-
näre Zahlen, sodass die beiden Lösungen z1 , z2 zueinander konjugiert
sind, also z2 = z1 erfüllen.

Wir beschließen diesen Abschnitt mit zwei wichtigen Ungleichungen.

Satz 1.111: Ungleichung von Cauchy-Schwarz-Bunjakowski

Es seien n ∈ N+ und a1 , . . . , an und b1 , . . . , bn komplexe Zahlen. Dann gilt


n
X n
X n
X
| aj b¯j |2 ≤ |aj | 2
|bj |2 .
j=1 j=1 j=1

Gleichheit gilt genau dann, wenn es ein z ∈ C gibt, sodaß aj = bj z, j =


1, . . . , n, oder bj = aj z, j = 1, . . . , n, gilt.

n n n
Beweis. Abkürzend schreiben wir α = |aj |2 , β = |bj |2 und γ = aj b¯j .
P P P
j=1 j=1 j=1
O.B.d.A. können wir β > 0 annehmen (die Ungleichung ist für β = 0 trivial,
und in diesem Fall gilt ∀j : bj = 0 · aj ). Es folgt

n
X n
X
0 ≤ |βaj − γbj | = (βaj − γbj )(βāj − γ̄ b¯j )
2

j=1 j=1
Xn
= (β 2 |aj |2 − βγ̄aj b¯j − βγbj āj + |γ|2 |bj |2 )
j=1
n
X n
X n
X n
X
= β 2 2
|aj | − βγ̄ aj b¯j − βγ bj a¯j + |γ| 2
|bj |2
j=1 j=1 j=1 j=1

= β α − 2β|γ| + β|γ| = β α − β|γ| = β(αβ − |γ|2 ).


2 2 2 2 2

Wegen Satz 1.18 und β > 0 folgt |γ|2 ≤ αβ. Dies ist die gewünschte Ungleichung.
Gleichheit tritt genau dann ein, wenn βaj = γbj für alle j = 1, . . . , n gilt. Wegen
β > 0 ist dies gleichbedeutend mit aj = βγ bj , j = 1, . . . , n.

Mit Hilfe der Ungleichung von Cauchy läßt sich die Dreicksungleichung 1.107-c)
erheblich verallgemeinern.

56
1.10 Bonus: Existenz und Eindeutigkeit der reellen Zahlen

Satz 1.112: Minkowski Ungleichung

Es seien n ∈ N+ und a1 , . . . , an und b1 , . . . , bn komplexe Zahlen. Dann gilt


 1  1  1
n 2 n 2 n 2
X X X
 |aj + bj |2  ≤  |aj | 2
+ 2
|bj |  . (∗)
j=1 j=1 j=1

Gleichheit gilt genau dann, wenn es ein z ∈ R+ gibt, sodaß aj = bj z,


j = 1, . . . , n oder bj = aj z, j = 1, . . . , n gilt.

Beweis. Es seien α, β und γ definiert wie im Beweis von 1.111 und es sei β > 0.
Es folgt
n
X
|aj + bj |2 = α + γ + γ̄ + β = α + 2 Re γ + β
j=1

≤ α + 2|γ| + β
1 1 1 1
≤ α + 2|α| 2 |β| 2 + β = (α 2 + β 2 )2 ,

wobei wir in der erste Ungleichung Satz 1.107, in der zweiten die Cauchy-
Schwarz-Bunjakowski-Ungleichung verwendet haben. Es gilt also (∗). Angenom-
men es gilt in (∗) Gleichheit. Dann muß auch

|γ|2 = αβ und |γ| = Re γ

gelten. Aus |γ|2 = αβ folgt wegen β > 0 und 1.111 die Existenz von z ∈ C
mit aj = bj z, j = 1, . . . , n. Somit gilt γ = zβ, wegen |γ| = Re γ ergibt sich
schließlich Im γ = 0, somit z ∈ R und z ≥ 0. Umgekehrt rechnet man leicht
nach, daß die angegebenen Bedingungen hinreichend sind für die Gleichheit in
(∗).

1.10 Bonus: Existenz und Eindeutigkeit der reellen


Zahlen
Bisher haben wir die reellen Zahlen in gewisser Weise als gegeben vorausgesetzt,
und aus deren Eigenschaften – den Axiomen – Schlüsse gezogen. Aber gibt
es denn überhaupt einen Körper R mit Verknüpfungen + und ·, sowie einer
Totalordnung ≤ darauf, der die Axiome alle erfüllt? Schlimmstenfalls könnte es
sein, dass sich gewisse Axiome (oder Folgerungen daraus) widersprechen. Dann
gäbe es also R gar nicht, und unsere Arbeit war umsonst.
Es könnte aber auch sein, dass es viele solcher Körper gibt, und es so gesehen
gar nicht gerechtfertigt ist, von den reellen Zahlen zu sprechen.
Das Ziel dieses Kapitels ist es, zunächst ein Modell der reellen Zahlen zu prä-
sentieren, also eine konkrete Menge und konkrete Verknüpfungen, sowie eine

57
1 Reelle und komplexe Zahlen

Ordnungsrelation anzugeben, mit welchen diese Menge ein vollständiger ange-


ordneter Körper ist. Danach werden wir zeigen, dass je zwei solche Körper „iso-
morph“ sind, das heißt, dass es eine additions-, multiplikations- und ordnungs-
erhaltende bijektive Abbildung zwischen den Körpern gibt. Das heißt: Wenn es
mehrere solcher Körper wie oben gibt, dann sind sie als angeordnete Körper
nicht unterscheidbar.
Die Mengen N0 , Z, Q wurden in der „Einführung in die Hochschulmathema-
tik“ bereits konstruiert, die natürlichen Zahlen N0 = {}, {{}}, {{}, {{}}, . . .}
als Menge von Mengen, von denen die erste kein Element enthält, die zweite
eines und so weiter. Die Menge der ganzen Zahlen Z wurden dann als Menge
von Äquivalenzklassen von Paaren natürlicher Zahlen, die Menge der rationalen
Zahlen Q als Menge von Äquivalenzklassen von Paaren ganzer Zahlen konstru-
iert.

Definition 1.113

Wir nennen eine Teilmengen A ⊆ Q einen Schnitt in Q, wenn

(i) A 6= ∅ und A 6= Q;

(ii) A ist nach oben beschränkt: ∃q ∈ Q : ∀a ∈ A : a < q;

(iii) A hat kein größtes Element: ∀a ∈ A : ∃b ∈ A : a < b;

(iv) ∀a ∈ A ∀q ∈ Q : q < a ⇒ q ∈ A.

Wir definieren S = {A ⊆ Q : A ist ein Schnitt in Q} .

Die Idee hinter der Konstruktion mit Schnitten ist die, dass jede reelle Zahl
die rationalen Zahlen in zwei Teile teilt, nämlich in A, den Teil der rationalen
Zahlen, die kleiner als die gegebene reelle Zahl sind, und Q \ A, die Zahlen die
größer oder gleich sind. Eine reelle Zahl ist durch die beiden Teile eindeutig
beschrieben, es genügt sogar nur einer der Teile.
Die rationalen Zahlen sind auf natürliche Weise in S eingebettet: Zu q ∈ Q
können wir qS ∈ S durch qS := {r ∈ Q : r < q} definieren. Wir müssen uns jetzt
geeignete Rechenoperationen auf S überlegen, die auf den rationalen Zahlen mit
den dortigen Rechenoperationen übereinstimmen. Gesucht sind also Funktionen
+S : S × S → S und ·S : S × S → S mit

∀q, r ∈ S : (q + r)S = qS +S rS und (q · r)S = qS ·S rS .

Wir definieren
A +S B := {a + b : a ∈ A, b ∈ B} .

Man überzeugt sich leicht, dass (S, ⊕) die Axiome (A ) erfüllt, wobei das neu-
trale Element durch 0S = {r ∈ Q : r < 0} gegeben ist. Dabei folgen die Asso-
ziativität und die Kommutativität von +S unmittelbar aus der entsprechenden
Eigenschaft der Addition auf Q.

58
1.10 Bonus: Existenz und Eindeutigkeit der reellen Zahlen

Wir zeigen, dass 0S tatsächlich ein neutrales Element bezüglich +S ist: Wenn
A ein Schnitt ist, dann ist A +S 0S = {a + b : a ∈ A, b ∈ 0S } = {a + b : a ∈
A, b ∈ Q, b < 0}. Wir müssen zeigen, dass A +S 0S = A. Die Inklusion ⊆ folgt
aus Eigenschaft (iv) des Schnittes A. Für die umgekehrte Inklusion ⊇ sei a ∈ A.
Laut Eigenschaft (iii) des Schnittes A gibt es ein b ∈ A mit a < b. Somit ist
c := a − b ∈ 0S , und damit a = b + (a − b) = b + c ∈ A +S 0S .

Ist A ∈ S, so ist ein inverses Element bezüglich +S durch B = {a − c : a ∈


0S , c ∈ Q \ A} gegeben. Eine Erklärung für die Form dieser Menge: Die Menge
{−c : c ∈ Q \ A} erfüllt alle Eigenschaften eines Schnittes, abgesehen von (iii),
falls A von der Form A = qS für ein q ∈ Q ist. Indem man zu jedem Element
von {−c : c ∈ Q \ A} negative, aber beliebig nahe bei 0 liegende, rationale Zah-
len addiert, erhält man einen Schnitt. Dass das oben definierte B tasächlich
A +S B = 0S erfüllt, muss man wieder genau nachrechnen. Das inverse Element
zu A ∈ S bezüglich +S bezeichnen wir mit −S A.

Bevor wir die Multiplikation erklären, erklären wir die Ordnungsrelation ≤S ,

A ≤S B :⇔ A ⊆ B .

Damit gilt ∀A ∈ S : A ≤S 0S ⇔ Q \ 0S ⊆ Q \ A ⇔ 0 ∈ Q \ A, bzw

∀A ∈ S : A >S 0S :⇔ ¬(A ≤S 0S ) ⇔ 0 ∈ A .

Man zeigt leicht, dass ≤S eine Totalordnung auf S ist.

Wir erklären nun die Multiplikation: Seien A, B ∈ S.

• Falls 0S ≤S A und 0S ≤S B, dann setzen wir

A ·S B := {a · b : a ∈ A \ 0S , b ∈ B \ 0S } ∪ 0S ,

wir bilden also alle Produkte der nicht-negativen Elemente von A und
B und geben dann die negativen rationalen Zahlen wieder dazu, damit
Eigenschaft (iv) eines Schnittes erfüllt ist. Dabei kann es passieren, dass
{a · b : a ∈ A \ 0S , b ∈ B \ 0S } = ∅, was genau dann der Fall ist, wenn
A = 0S oder B = 0S , und in diesem Fall ist eben A ·S B := 0S .

• Falls 0S ≤S A und 0S >S B, dann setzen wir A ·S B := −S (A ·S (−S B)) .

• Falls 0S >S A und 0S ≤S B, dann setzen wir A ·S B := −S ((−S A) ·S B) .

• Falls 0S >S A und 0S >S B, dann setzen wir A ·S B := (−S A) ·S (−S B) .

Wirklich nachzurechnen, dass ·S assoziativ und kommutativ ist, dass 1S = {q ∈


Q : q < 1} ein neutralen Element bezüglich ·S ist, und dass zu jedem A ∈ S \ 0S
ein inverses Element bezüglich ·S existiert, ist wegen der Fallunterscheidungen
in der Definition sehr kleinteilig. Wenn das geschafft ist, dann hat man gezeigt,
dass S auch die Axiome (M ) erfüllt.

59
1 Reelle und komplexe Zahlen

Ebenso kleinteilig ist es, die Axiome (D) und (O) für alle möglichen Fälle zu
überprüfen.

Es bleibt, das Vollständigkeitsaxiom zu überprüfen. Dazu zeigen wir zunächst


das Supremumsprinzip, und leiten das Vollständigkeitsaxiom aus diesem ab. Sei
also A ⊆ S eine nicht-leere nach oben beschränkte Menge, das heißt, A = 6 ∅ und
es gebe ein B ∈ S mit

∀A ∈ A : A ≤S B (also ∀A ∈ A : A ⊆ B) .

Wir definieren S := A = {q ∈ Q : ∃A ∈ A : q ∈ A} . Dann gilt offensichtlich


S
∀A ∈ A : A ⊆ S und wenn R ∈ S mit ∀A ∈ A : A ⊆ R, dann muss S ⊆ R, also
S ≤S R. Der Schnitt S ist also ein Supremum.

Satz 1.114

Sei (K, +, ·, ≤) ein angeordneter Körper, der die Supremumseigenschaft er-


füllt. Dann erfüllt (K, +, ·, ≤) auch das Vollständigkeitsaxiom (V ).

Beweis. Sei also (A, B) ein Dedekind’scher Schnitt in K, dh A ⊆ K, B ⊆ K


mit A 6= ∅, B 6= ∅, A ∩ B = ∅ und A ∪ B = K, sowie ∀a, b ∈ K : a ∈ A ∧ b ∈
B ⇒ a < b.
Da B 6= ∅ gibt es ein b ∈ B, und für alle a ∈ A gilt a < b. A ist also
eine nicht-leere, nach oben beschränkte Teilmenge von K. Es existiert also nach
Voraussetzung ein Supremum ξ ∈ K von A.
Sei nun a ∈ K mit a < ξ. Da ξ die kleinste obere Schranke von A ist, ist a
keine obere Schranke von a. Es gibt also ein c ∈ A mit a < c. Damit kann aber
a kein Element von B sein, und wegen A ∩ B = K muss a ∈ A sein.
Sei als nächstes b ∈ K mit b > ξ. Dann ist b ∈ / A, da ξ eine obere Schranke
von A ist. Also ist b ∈ B.
Schließlich sei η ∈ K mit ∀a ∈ K : a < η ⇒ a ∈ A und ∀b ∈ K : b > η ⇒
b ∈ B. Angenommen η < ξ. Dann ist mit η < c := 12 (η + ξ) < ξ und damit
c ∈ B, wegen c > η und c ∈ A, wegen c < ξ, ein Widerspruch zu A ∩ B = ∅.
Auf dieselbe Weise führt η > ξ zu einem Widerspruch, und damit ist η = ξ.

Damit haben wir den Satz 1.2 bewiesen.

Satz 1.115: Eindeutigkeit von R

Seien (R, +, ·, ≤) und (R̃, ⊕, , ) zwei vollständig angeordnete Körper.


Dann gibt es eine Bijektion f : R → R̃, die mit der algebraischen Struk-
tur und der Ordnungsstruktur in R verträglich ist, d.h. für alle x, y ∈ R

60
1.10 Bonus: Existenz und Eindeutigkeit der reellen Zahlen

gilt

f (x + y) = f (x) ⊕ f (y)
f (x · y) = f (x) f (y)
x ≤ y ⇔ f (x)  f (y).

Beweisskizze. Wir haben in den Abschnitten 1.4 und 1.5 die natürlichen, ganzen
und rationalen Zahlen N, Z, Q als Teilmengen von R definiert. Genauso gibt es
natürliche, ganze und rationale Zahlen Ñ , Z̃, Q̃ ⊆ R̃. Wir definieren f zunächst
der Reihe nach auf diesen Teilmengen:

• f (0R ) := 0R̃ , f (1R ) := 1R̃ und f ((n + 1)R ) := f (nR ) ⊕ 1R̃ für nR ≥ 1R . Mit
Induktion zeigt man die Vertauschbarkeit von f mit den Rechenoperatio-
nen, sowie dass f die Ordnung erhält. Weiters ist f bijektiv: Injektivität
folgt aus dem Erhalten der strikten Ordnung, Surjektivität wieder mit In-
duktion (0R̃ ist ein Bild eines Elements von NR , mit Induktion sind das
auch alle weiteren Elemente von NR̃ .

• f (−nR ) := −f (nR ) = −nR̃ für nR ∈ NR . Wieder muss man die Vertausch-


barkeit von f mit den Rechenoperationen zeigen, und dass f die Ordnung
erhält.

• f (n−1
R ) := f (nR ) , f ( nR ) = f (mR )f (nR ) , wobei dabei zu zeigen ist,
−1 mR −1

dass der Funktionswert nicht von der Darstellung des Bruchs abhängt.
Zusätzlich muss man wieder die Vertauschbarkeit von f mit den Rechen-
operationen zeigen, und dass f die Ordnung erhält.

Sei nun x ∈ R. Wir setzen

f (x) := sup{f (q) : q ∈ QR , q < x} .

Man sieht leicht, dass die Menge, über die das Supremum genommen wird, nicht-
leer und nach oben beschränkt ist. Nun muss man wieder zeigen, dass f bijektiv
und ordnungserhaltend ist, und mit den Rechenoperationen vertauschbar.

61
2 Folgen und Reihen
Im Mittelpunkt unseres Interesses steht zwar die reelle Analysis, um jedoch un-
nötige Wiederholungen zu vermeiden, werden die grundlegenden Eigenschaften
konvergenter Folgen und Reihen im Komplexen entwickelt. Wegen der Einbet-
tung von R in C kann man im Folgenden stets C durch R ersetzen, um die
entsprechende Aussage oder Definition für reelle Folgen zu erhalten.

2.1 Konvergenz von Folgen


Definition 2.1

(i) Eine Funktion x : N+ → C heißt Folge komplexer (reeller) Zahlen.


xn := x(n) wird n-tes Glied der Folge genannt.

(ii) x : N+ → C sei eine Folge und ϕ : N+ → N+ streng monoton wach-


senda . Dann heißt x ◦ ϕ Teilfolge von x.
a
Wann wir eine Funktion „streng monoton wachsend“ nennen, haben wir in Definition
1.30 erklärt.

n=1 , (xn )n∈N+ oder x1 , x2 , . . . ,


Es ist üblich, Folgen in der Form (xn )n∈N+ , (xn )∞
zu schreiben. Teilfolgen (xϕ(k) )k≥1 bezeichnet man oft auch mit (xnk )k≥1 (es
wird dabei ϕ(k) durch nk ersetzt). Es ist also n1 < n2 < · · · . Die Schreibweise
(xn )n∈N+ ⊆ X bedeutet, daß xn ∈ X für alle n ∈ N+ zutrifft. Die Indizierung
einer Folge kann natürlich bei einem beliebigen n0 ∈ N0 beginnen. Mit anderen
Worten: Wir nennen eine Funktion x : {n ∈ N0 : n ≥ n0 } → C ebenfalls eine
Folgen komplexer Zahlen.

Beispiel 2.2.
(1) xn = n1 : 1, 12 , 31 , . . .
(2) yn = in : i, −1, −i, 1, i, −1, . . .
(3) zn = n+1
n
: 1 2 3 4
2, 3, 4, 5, . . .
(4) wn = n2 : 1, 4, 9, 16, . . . .

Diese Folgen weisen ein recht unterschiedliches Verhalten auf: Die Glieder
xn werden immer kleiner, zn nähert sich immer mehr der Zahl 1, yn nimmt
abwechselnd die Werte i, −1, −i, 1 an und wn wächst über alle Grenzen. Wir
präzisieren nun die vage Formulierung, eine Folge nähere sich immer mehr einer
bestimmten Zahl z.

63
2 Folgen und Reihen

x4
x3

x2 xn
α
ε
x1

Abbildung 2.1: Eine Folge konvergiert genau dann, wenn für jedes ε > 0 alle
Folgenglieder ab einem Index N in der ε-Umgebung liegen

Definition 2.3

Es sei (xn )n∈N+ ⊆ C und α ∈ C.

1. (xn )n∈N+ konvergiert gegen α :⇔


∀ε > 0 : ∃N ∈ N+ : ∀n ∈ N+ : n ≥ N ⇒ |xn − α| < ε.
In diesem Falle heißt α Grenzwert von (xn )n∈N+ und man schreibt

lim xn = α oder auch xn → α für n → ∞.


n→∞

2. (xn )n∈N+ heißt konvergent :⇔ ∃α ∈ C : limn→∞ xn = α.

3. (xn )n∈N+ heißt divergent :⇔ (xn )n∈N+ ist nicht konvergent.

Die Menge K(α, ε) := {x ∈ C : |x − α| < ε} kann in der Gaußschen Zahlene-


bene als Kreisscheibe (ohne Berandung) mit Mittelpunkt α und Radius ε veran-
schaulicht werden. Wir nennen K(α, ε) ε–Umgebung von α. limn→∞ xn = α be-
deutet demnach, daß in jeder beliebigen ε–Umgebung von α, sei sie auch noch so
klein, alle Folgenglieder mit Ausnahme von höchstens endlich vielen liegen müs-
sen. Außerhalb einer beliebigen ε–Umgebung können daher höchstens endlich
viele Glieder der Folge liegen. Die Konvergenz einer Folge und ihr Grenzwert wer-
den also nicht beeinflußt, wenn man endlich viele Glieder der Folge abändert. In
R ist Entsprechung von K(α, ε) die Menge {x ∈ R : |x − α| < ε} = (α − ε, α + ε).
Eine ε-Umgebung ist dort also ein offenes Intervall.
Durch formale Negation der Konvergenz erhält man: „(xn )n∈N+ konvergiert
nicht gegen α“ ist gleichwertig mit:

∃ε0 > 0 : ∀N ∈ N+ : ∃n ∈ N+ : n ≥ N ∧ |xn − α| ≥ ε0 .

64
2.1 Konvergenz von Folgen

Bemerkung 2.4

(xn )n∈N+ konvergiert nicht gegen α ⇔ es gibt eine Teilfolge (xϕ(k) )k≥1 und
ε0 > 0 so, daß ∀k ∈ N+ : |xϕ(k) − α| ≥ ε0 .

Satz 2.5: Eindeutigkeit des Grenzwertes

Konvergiert (xn )n∈N+ ⊆ C gegen α ∈ C und gegen β ∈ C, dann ist α = β.

Beweis. Nach Definition 2.3 gibt es zu jedem ε > 0 Indizes N1 und N2 , sodaß

n ≥ N1 ⇒ |xn − α| < ε sowie n ≥ N2 ⇒ |xn − β| < ε

gilt. Setzt man N0 = max(N1 , N2 ) gilt für n ≥ N0

|α − β| ≤ |α − xn | + |xn − β| < 2ε,

wegen Korollar 1.24 folgt α = β.

Der folgende Satz verknüpft die Konvergenzkonzepte in C bzw in R: Eine


Folge in C konvergiert in C genau dann, wenn sowohl die zugehörige Folge der
Realteile in R konvergiert, als auch die zugehörige Folge der Imaginärteile.

Satz 2.6

Es sei (zn )n∈N+ ⊆ C, zn = xn + iyn , xn , yn ∈ R.


(zn )n≥1 ist konvergent genau dann, wenn die reellen Folgen (xn )n≥1 und
(yn )n≥1 konvergent sind. In diesem Falle gilt

lim zn = lim xn + i lim yn .


n→∞ n→∞ n→∞

Beweis. „⇒“: Es sei limn→∞ zn = z und z = x+iy. Aus max(|x−xn |, |y −yn |) ≤


|z − zn | (Satz 1.107(e)) schließen wir limn→∞ xn = x und limn→∞ yn = y.
„⇐“: Aus limn→∞ xn = x und limn→∞ yn = y folgt mit Hilfe der Abschätzung
(Satz 1.107(c))

|z − zn | = |(x − xn ) + i(y − yn )| ≤ |x − xn | + |y − yn |.

die Konvergenz von (zn ) gegen z.

Wir zeigen nun zwei nützliche notwendige Konvergenzbedingungen. Eine Fol-


ge (xn )n∈N+ heißt beschränkt, wenn es ein K ∈ R gibt mit ∀n ∈ N+ : |xn | ≤ K,
also genau dann, wenn die Menge {xn : n ∈ N+ } beschränkt ist.

65
2 Folgen und Reihen

Satz 2.7

Es sei (xn )n∈N+ ⊆ C konvergent mit limn→∞ xn = α. Dann gilt:

1. (xn )n∈N+ ist beschränkt.

2. Jede Teilfolge (xϕ(n) )n∈N+ ist konvergent mit limn→∞ xϕ(n) = α.

Beweis. 1) Wir wählen ε = 1 in 2.3. Wegen limn→∞ xn = α gibt es N0 ∈ N+ ,


sodaß |xn − α| < 1 für alle n ≥ N0 zutrifft. Für n ≥ N0 gilt dann auch

|xn | ≤ |xn − α| + |α| < 1 + |α|.

Setzt man b0 = max{|xn | : 1 ≤ n < N0 } ergibt sich die Behauptung

∀n ∈ N+ : |xn | ≤ max{1 + |α|, b0 }.

2) Es sei (xϕ(n) ) eine Teilfolge von (xn ). Für ein beliebig gewähltes ε > 0 gibt
es einen Index N , sodaß |xn − α| < ε für alle n ≥ N zutrifft. Als Übung beweise
der Leser, daß ϕ(n) ≥ n für alle n ∈ N+ gilt, falls ϕ : N+ → N+ streng monoton
wächst. Für n ≥ N gilt daher auch ϕ(n) ≥ ϕ(N ) ≥ N und somit |xϕ(n) −α| < ε,
d.h. limn→∞ xϕ(n) = α.

Satz 2.7 zeigt, daß die Folgen (yn ) und (wn ) in Beispiel 2.2 nicht konvergieren.
Wir beenden diesen Abschnitt mit der Berechnung einiger nützlicher Grenzwer-
te.

Beispiel 2.8.

i) limn→∞ 1
n = 0,

ii) ∀p ∈ Q : p > 0 ⇒ limn→∞ n−p = 0,



iii) ∀a ∈ R+ \ {0} : limn→∞ n a = 1,

iv) limn→∞ n n = 1,
nk
v) ∀k ∈ N0 ∀z ∈ C : |z| > 1 ⇒ limn→∞ zn = 0.

Beweis. i) Siehe Korollar 1.74


−1
ii) Zu ε > 0 wählen wir N = bε p c + 1 ([x] wurde in Satz 1.47 definiert). Für
n > N folgt mit Satz 1.100 n1p < N1p < ε.
iii) Die Behauptung ist trivial für a = 1. Es sei daher zunächst a > 1 und somit
√ √
auch n a > 1 (Korollar 1.97). Setzt man xn = n a − 1 > 0, d.h. a = (1 + xn )n ,
folgt mit Hilfe der Bernoullischen Ungleichnung, Lemma 1.56, a = (1 + xn )n >
1 + nxn , somit 0 < xn < a−1n . Für beliebiges ε > 0 setzen wir N = b ε c + 1.
a−1

Somit ergibt sich für n ≥ N



n a−1
| a − 1| = xn ≤ < ε.
N

66
2.1 Konvergenz von Folgen

Der Beweis für a ∈ (0, 1) wird bis zu Beispiel 2.13 zurückgestellt.



iv) Wir setzen wieder xn = n n − 1 ≥ 0, d.h. n = (1 + xn )n . Mit Hilfe des
binomischen Lehrsatzes, Satz 1.60, erhält man
 
n n 2 1
n = (1 + xn ) ≥ 1 + xn = 1 + n(n − 1)x2n
2 2

und folglich r
2
xn ≤ .
n
Für ε > 0 wählen wir N > 2
ε2
. Dann folgt für alle n ≥ N
r r

n 2 2
| n − 1| = xn ≤ ≤ < ε.
n N

v) Es sei |z| = 1 + x, x > 0, und p ∈ N+ , p > k. Für jedes n > 2p folgt aus der
Binomialentwicklung

n p n(n − 1) · · · (n − p + 1) p np xp
 
n
(1 + x) > x = x > p
p p! 2 p!

(wir benutzten n − j > n − p > n


2,0 ≤ j ≤ p − 1, und p < n
2 ). Somit folgt für
n > 2p (beachte p − k > 0)

nk nk 2p p! 1 2p p! 1
= < < .
zn (1 + x)n xp np−k xp n
k p
Folglich ist | nz n | < ε, soferne n − 1 ≥ N > max{2p, 2xpp!ε }.

Bemerkung 2.9

Das letzte Beispiel bringt zum Ausdruck, daß für |z| > 1, z ∈ C, die Folge
(|z|n )n∈N+ schneller anwächst, als jede noch so große Potenz von n.

Satz 2.10

Es sei z ∈ C. Dann gilt

1. limn→∞ z n = 0 für |z| < 1.

2. (z n )n≥1 ist divergent, falls |z| ≥ 1 und z 6= 1.

Beweis. (1) Die Behauptung ist trivial für z = 0. Es sei 0 < |z| < 1, also |z|
1
> 1.
Ersetzt man z in Beispiel Beispiel 2.8–(v) durch z und wählt k = 0, ergibt sich
1

die Behauptung.
(2) Es sei nun |z| ≥ 1 und z 6= 1. Dann ist auch |z|n ≥ 1 für alle n ∈ N+ . Wir
nehmen an, (z n )n∈N+ sei konvergent, d.h. es existiert α ∈ C mit limn→∞ z n = α.

67
2 Folgen und Reihen

Somit gibt es zu ε = 31 |z − 1| > 0 einen Index N , sodaß |z n − α| < ε für alle


n ≥ N . Dies hat zur Folge
3ε = |z − 1| ≤ |z N ||z − 1| = |z N +1 − z N |
≤ |z N +1 − α| + |α − z N | < ε + ε = 2ε.
Dieser Widerspruch zeigt die Divergenz von (z n ).

2.2 Rechenregeln für konvergente Folgen


Die Konvergenzuntersuchung komplizierter Folgen läßt sich oft wesentlich ver-
einfachen, indem man sie auf die Untersuchung der Konvergenz einfacherer Fol-
gen zurückführt.
Im Folgenden schreiben wir um der Kürze willen oft limn statt limn→∞ .

Satz 2.11

Es seien (zn )n∈N+ , (wn )n∈N+ konvergente Folgen in C. Dann gilt

i) limn (zn + wn ) = limn zn + limn wn ,

ii) ∀a ∈ C : limn (azn ) = a limn zn ,

iii) limn (zn wn ) = limn zn limn wn ,


zn
iv) Gilt limn wn 6= 0 und wn 6= 0 für alle n ∈ N+ , dann ist limn wn =
limn zn
limn wn .

Beweis. Es sei limn zn = z und limn wn = w.


i) Zu beliebig gewähltem ε > 0 gibt es Indizes N1 und N2 derart, daß
ε
∀n ∈ N+ : n ≥ N1 ⇒ |zn − z| < ,
2
ε
∀n ∈ N+ : n ≥ N2 ⇒ |wn − w| < .
2
Für n ≥ max{N1 , N2 } folgt dann
ε ε
|(zn + wn ) − (z + w)| ≤ |zn − z| + |wn − w| < + = ε.
2 2
iii) Nach Satz 2.7 gibt es b > 0, sodaß |zn | ≤ b für alle n ∈ N+ zutrifft. Zu ε > 0
seien N1 und N2 so bestimmt, daß
ε
∀n ∈ N+ : n ≥ N1 ⇒ |zn − z| < ,
2(|w| + 1)
ε
∀n ∈ N+ : n ≥ N2 ⇒ |wn − w| < .
2b
Für n ≥ max{N1 , N2 } folgt
|zn wn − zw| ≤ |zn wn − zn w| + |zn w − zw|
ε ε
≤ |zn ||wn − w| + |w||zn − z| < + =ε
2 2

68
2.2 Rechenregeln für konvergente Folgen

ii) Folgt aus (iii) mit wn = a für alle n ∈ N+ .


iv) Wegen iii) genügt es limn w1n = w1 zu zeigen. Vorerst bestimmen wir einen
Index Ñ , sodaß |wn − w| < 21 |w| für alle n ≥ Ñ gilt. Für n ≥ Ñ folgt somit
1
|wn | ≥ |w| − |wn − w| > |w|.
2
Es sei nun ε > 0 beliebig gewählt und N1 so bestimmt, daß |wn − w| < 2ε |w|2
für alle n ≥ N1 gilt. Für n ≥ max{N1 , Ñ } ergibt sich
1 1 |w − wn | |w − wn |
− = <2 < ε.
wn w |w||wn | |w|2

Es soll noch einmal betont werden, daß diese Regeln nur auf konvergente
Folgen angewendet werden dürfen. Es sei etwa zn = (−1)n und wn = (−1)n+1 .
Die Folgen (zn ) und (wn ) sind divergent, trotzdem existieren die Grenzwerte

lim (zn + wn ) = lim ((−1)n + (−1)n+1 ) = 0,


n→∞ n→∞
zn
lim zn wn = lim = lim (−1)n (−1)n+1 = −1.
n→∞ n→∞ wn n→∞

Wir demonstrieren die Anwendung von Satz 2.11 an folgendem Beispiel:


Beispiel 2.12.

2n2 + n + 3 2 + n1 + n32 (iv) lim(2 + n1 + n32 )


lim = lim =
n→∞ n2 + 1 n 1 + n12 lim(1 + n12 )
1 3 1 1
(i) limn 2 + limn n + limn n2 (ii)
2 + limn n + 3 limn n2 2+0+0
= = = =2
limn 1 + limn n12 1+ limn n12 1+0

Die vorletzte Gleichheit stützt sich auf Beispiel 2.8–(i), –(ii). Die zu Beginn
getroffene Annahme, die Folge sei konvergent, wird durch die angedeuteten Ar-
gumente gerechtfertigt.

Wir können nun auch den Beweis von Beispiel 2.8–(iii) zu Ende führen.

Beispiel 2.13. ∀a ∈ R+ \ {0} : limn→∞ n a = 1
Beweis. In Beispiel 2.8 wurde bereits der Fall a ≥ 1 erledigt. Es
qsei nun also
0 < a < 1. Dann ist a > 1 und wegen Beispiel 2.8 limn→∞ a1 = 1. Die
1 n


Behauptung folgt nun aus der Identität n a = nq1 1 und Satz 2.11.
a

Satz 2.14

i) Es sei (zn )n∈N+ ⊆ C eine Nullfolge, d.h. limn→∞ zn = 0, und (wn )n∈N+ ⊆
C beschränkt. Dann gilt limn→∞ zn wn = 0.

69
2 Folgen und Reihen

ii) Es sei (zn )n∈N+ ⊆ C konvergent und limn→∞ zn = z. Dann gilt

lim |zn | = |z| .


n→∞

Beweis. Es sei ε > 0 und b > 0 so, daß |wn | ≤ b für alle n ∈ N+ . Da (zn ) eine
Nullfolge ist, gibt es einen Index N , sodaß |zn | < εb für alle n ≥ N gilt. Für
beliebiges n ≥ N folgt dann

|zn wn | = |zn ||wn | ≤ |zn |b < ε.

ii) Dies folgt aus Satz 1.107.

Das nächste Resultat stellt sicher, daß sich Ungleichungen zwischen den Glie-
dern konvergenter Folgen auf deren Grenzwerte übertragen.

Satz 2.15

Es seien (xn )n∈N+ , (yn )n∈N+ reelle, konvergente Folgen und N0 ∈ N+ . Gilt
xn ≤ yn für alle n ≥ N0 , dann folgt limn→∞ xn ≤ limn→∞ yn .

Beweis. Es sei x = limn→∞ xn , y = limn→∞ yn und y < x. Zu ε = 12 (x − y) > 0


gibt es einen Index N1 > N0 , sodaß |xn − x| < ε und |yn − y| < ε für alle n ≥ N1
gilt, und somit insbesondere also − 12 (x − y) < xn − x und yn − x < 12 (x − y).
Für jedes n ≥ N1 folgt somit
1
yn < (x + y) < xn
2
im Widerspruch zu xn ≤ yn für n ≥ N0 .

Korollar 2.16

Es sei (an )n≥1 ⊆ C eine konvergente Folge mit a = limn→∞ an . Ferner


seien α ∈ R+ , z ∈ C und N ∈ N+ . Aus |an − z| ≤ α für alle n ≥ N folgt
die Ungleichung |a − z| ≤ α.

Beweis. Aus a = limn→∞ an ergibt sich limn→∞ (an − z) = a − z und wegen


Satz 2.14 auch |a − z| = limn→∞ |an − z|. Die Behauptung folgt nun unmittelbar
aus Satz 2.15.

An Hand der Folge ( n1 )n∈N+ macht man sich klar, daß strikte Ungleichungen
beim Übergang zum Grenzwert nicht immer erhalten bleiben. Der Beweis des
folgenden Einschachtelungssatzes sei dem Leser als Übung überlassen.

Satz 2.17

Es seien (xn )n≥1 , (yn )n∈N+ reelle, konvergente Folgen mit limn→∞ xn =
limn→∞ yn . Gilt für eine weitere Folge (zn )n∈N+ ⊆ R xn ≤ zn ≤ yn , dann
ist (zn ) konvergent mit limn→∞ zn = limn→∞ xn .

70
2.3 Konvergenzkriterien

2.3 Konvergenzkriterien
Bisher können wir Konvergenz einer Folge nur untersuchen, wenn wir den Grenz-
wert der Folge bereits kennen. Meistens ist aber der Grenzwert nicht bekannt
und es ergibt sich die Frage, wie man aus Eigenschaften der Folgenglieder auf
Konvergenz der Folge schließen kann.

Satz 2.18: Monotoniekriterium

Jede beschränkte, monoton wachsende Folge (xn ) reeller Zahlen ist konver-
gent und es gilt
lim xn = sup{xn : n ∈ N+ } .
n→∞

Eine entsprechende Aussage gilt auch für beschränkte monoton fallende Fol-
gen.

Beweis. Es sei (xn )n∈N+ eine monoton wachsende, beschränkte Folge. Das Su-
premum Prinzip, Satz 1.70, sichert die Existenz von ξ = sup{xn : n ≥ 1}.
Wir behaupten: ξ = limn→∞ xn . Für beliebiges ε > 0 gibt es nach Satz 1.69
ein Folgenglied xN mit ξ − ε < xN ≤ ξ. Wegen der Monotonie folgt für alle
n > N : ξ − ε < xN ≤ xn ≤ ξ < ξ + ε, d.h. |ξ − xn | < ε.
Die entsprechende Aussage für eine monoton fallende Folge (yn )n∈N+ folgt
aus der für monoton steigende (man betrachtet einfach (−yn )n∈N+ und aus Satz
1.77 (iv).

Wegen Satz 2.7 konvergiert eine monotone Folge genau dann, wenn sie be-
schränkt ist. Ist eine Folge monoton wachsend, genügt eine obere Schranke für
den Nachweis der Beschränktheit, ist sie monoton fallend, dann der eine unteren
Schranke. Da die Konvergenz einer Folge und deren Grenzwert nicht durch eine
endliches Anfangsstück der Folge beeinflusst werden, ist das Monotoniekriteri-
um auch dann anwendbar, wenn die Folge erst ab einem Index n0 > 1 monoton
ist. Zur Illustration des Monotoniekriteriums betrachten wir folgende Beispiele:

Beispiel 2.19. Die rekursiv definierte Folge (xn )n∈N+

x2n + 2
x1 = 2, xn+1 =
2xn

ist konvergent mit limn→∞ xn = 2.

Beweis. 1) Die Rekursion ist wohldefiniert: Da x1 > 0 ist, folgt induktiv xn > 0
für jedes n ∈ N+ .√Somit ist die Division durch xn gerechtfertigt.
2) ∀n ≥ 1 : xn > 2 : Mit Satz 1.27–(e) ergibt sich die Abschätzung

x2n + 2 = 2xn+1 xn ≤ x2n+1 + x2n .


√ √
Dies impliziert xn+1 ≥ 2, n ∈ N+ . Wir zeigen + > 2 mit
√ ∀n ∈ N : xn √
Induktion. Für n = 1 haben wir x1 = 2 > 2. Sei nun xn > 2 für ein

71
2 Folgen und Reihen

√ √
n ∈ N+ . Wir folgern xn+1 > 2, indem wir die√Annahme xn+1 √ = 2 auf einen
Wirderspruch führen. Wäre nämlich xn+1 = 2, dann wäre 2 2xn = x2n + 2
und damit √ √
0 = x2n + 2xn 2 + 2 = (xn − 2)2 ,

also xn = 2, der gewünschte Widerspruch.
3) ∀n ≥ 1 : xn+1 < xn , d.h. die Folge (xn )n≥2 ist strikt monoton fallend.
Es ist x2 = 32 < 2 = x1 . Es gelte nun xn < xn−1 . Die Ungleichung

x2n + 2 x2 + 2
xn+1 = < n−1 = xn
2xn 2xn−1

ist äquivalent zu

2x2n xn−1 + 4xn−1 < 2x2n−1 xn + 4xn ⇔


2xn xn−1 (xn − xn−1 ) < 4(xn − xn−1 ) ⇔ xn xn−1 > 2.

Dabei haben wir für die letzte Äquivalenz die Induktionsannahme xn < xn−1
verwendet. Die Gültigkeit der letzten Ungleichung ist eine Folge von 2). Die
Behauptung √ folgt nun mit Hilfe des Induktionsprinzips.
4) Wegen 2 < xn < x2 , n ≥ 3, ist (xn ) beschränkt, somit nach dem Mono-
toniekriterum
√ konvergent. Es sei α = limn xn . Wegen 2) und Satz 2.15 folgt
α ≥ 2. Mit Hilfe der Regeln Satz 2.11 berechnet man

α2 + 2
α= d.h. 2α2 = α2 + 2 und daher α2 = 2.


Somit folgt α = limn xn = 2.

Bemerkung 2.20: Heron-Verfahren

Mit nicht viel mehr Aufwand kann man beweisen, dass für a ∈ (0, ∞) die
2 +a √
rekursiv definierte Folge x1 = a, xn+1 = x2x
n
n
= x2n + 2xan gegen a konver-
giert. Das liefert ein praktisches Verfahren für das manuelle Wurzelziehen.
Mit etwas extra Arbeit sieht man, dass man anstelle von x1 = a auch jeden
anderen positiven Startwert nehmen kann.

Dieses Beispiel zeigt, daß man bei rekursiv definierten Folgen die Rekursionsvor-
schrift verwenden kann, um einen Kandidaten für den Grenzwert zu bestimmen.
Der Nachweis der Konvergenz ist meist der schwierigere Teil der Konvergenzun-
tersuchung.

Beispiel 2.21 (Eulersche Zahl).


Für n ∈ N+ sei an = (1 + n1 )n und bn = (1 + n1 )n+1 . Es gilt:

1. (an ) ist streng monoton wachsend, d.h. ∀n ∈ N+ : an < an+1

2. (bn ) ist streng monoton fallend, d.h. ∀n ∈ N+ : bn+1 < bn

72
2.3 Konvergenzkriterien

3. limn→∞ an = limn→∞ bn .

Der gemeinsame Grenzwert der beiden Folgen heißt Eulersche Zahl e. Es gilt
2 < e < 4.

Beweis. Für n > 1 schließen wir mit Hilfe der Bernoulli Ungleichung, Lemma
1.56,

an n + 1 n n −n n2 − 1 n 1 1 n−1
=( ) ( ) =( 2
) = (1 − 2 )n > 1 − = (∗)
bn−1 n n−1 n n n n

und

bn−1 n2 n 1 1 Lemma 1.56 1 n+1


=( 2 ) = (1 + 2 )n > (1 + 2 )n > 1+ = . (†)
an n −1 n −1 n n n

Aus (∗) folgt

n−1 n−1 n n n n−1 1 n−1


an > bn−1 = ( ) =( ) = (1 + ) = an−1
n n n−1 n−1 n−1

und aus (†)

n+1 n+1 n+1 n 1


bn−1 > an = ( ) = (1 + )n+1 = bn .
n n n n
Für n > 1 folgt demnach

2 = a1 < an−1 < an < bn < bn−1 < b1 = 4.

Die Konvergenz der Folgen ergibt sich aus Satz 2.18. Aus Satz 2.15 folgt

2 < lim an ≤ lim bn < 4,


n n

die beiden äußeren Ungleichungen sind strikt wegen der strikten Monotonie
von (an ) und (bn ). Wegen bn = (1 + n1 )an erhält man schließlich limn→∞ an =
limn→∞ bn .

Satz 2.22: Bolzano–Weierstrass

Jede beschränkte Folge in C besitzt eine konvergente Teilfolge.

Beweis. Fall 1: (xn )n∈N+ ist eine beschränkte reelle Folge.


Wegen der Beschränktheit gibt es a0 , b0 ∈ R mit a0 ≤ xn ≤ b0 für alle n ∈ N+ .
Halbiert man das Intervall J0 = [a0 , b0 ], so liegen in mindestens einem der beiden
Teilintervalle [a0 , 21 (a0 + b0 )], [ 12 (a0 + b0 ), b0 ] unendlich viele Glieder der Folge.
Wir bezeichnen dieses Intervall mit J1 = [a1 , b1 ] und wenden das eben beschrie-
bene Verfahren auf J1 an. Man erhält somit eine Folge von abgeschlossenen
Intervallen Jk = [ak , bk ], für welche Jk+1 ⊆ Jk gilt und deren Länge bk − ak =
2−k (b0 − a0 ) beträgt. Aus Beispiel 2.8-(v) folgert man limk→∞ (bk − ak ) = 0.

73
2 Folgen und Reihen

Die Folge von IntervallenT(Jk )k≥0 bildet daher eine Intervallschachtelung, wel-
che eine reelle Zahl α ∈ Jk eindeutig bestimmt. Wegen α ∈ [ak , bk ], k ∈ N ,
folgt 0 ≤ |ak − α| ≤ bk − ak und mit Satz 2.17 weiter limk→∞ ak = α. Auf
gleiche Weise erhält man limk→∞ bk = α. Wir wählen nun einen Index ϕ(1),
sodaß xϕ(1) in J1 liegt. Da J2 unendlich viele Glieder der Folge enthält, können
wir ϕ(2) > ϕ(1) bestimmen, sodaß xϕ(2) in J2 liegt, u.s.w. Im n–ten Schritt
könnten wir zum Beispiel ϕ(n) = min{k ∈ N+ : xk ∈ Jn , k > ϕ(n − 1)}} wählen.
Wir erhalten auf diese Weise eine streng monoton wachsende Folge (ϕ(n))n∈N+ ,
die zugehörige Teilfolge (xϕ(n) )n∈N+ erfüllt dann
an ≤ xϕ(n) ≤ bn , n ∈ N+ .
Die Konvergenz von (xϕ(n) ) folgt nun aus Satz 2.17.
Fall 2: Es sei nun (zn )n∈N+ ⊆ C und beschränkt, d.h. es gibt b > 0 mit |zn | ≤ b,
n ∈ N+ . Ferner setzen wir zn = xn + iyn . Wegen max{|xn |, |yn |} ≤ |zn | (Satz
1.107(e)) sind auch die reellen Folgen (xn ) und (yn ) beschränkt. Somit gibt es
eine konvergente Teilfolge (xϕ(n) )n∈N+ von (xn ), ihr Grenzwert sei x. Weiters
enthält (yϕ(n) )n∈N+ eine konvergente Teilfolge (y(ψ◦ϕ)(n) )n∈N+ mit Grenzwert y.
Mit Hilfe der Sätze 2.6 und 2.7 folgern wir
lim z(ψ◦ϕ)(n) = lim (x(ψ◦ϕ)(n) + iy(ψ◦ϕ)(n) ) = x + iy.
n→∞ n→∞

Das Monotoniekriterium ist zwar, wie wir gesehen haben, recht bequem einzu-
setzen. Sein Anwendungsbereich ist allerdings auf eine doch recht spezielle Klas-
se reeller Folgen eingeschränkt. Das folgende Kriterium, das auf A. CAUCHY
(1789–1857) zurückgeht, erlaubt es, die Konvergenz beliebiger Folgen zu unter-
suchen. Dazu benötigen wir einen neuen, fundamentalen Begriff.

Definition 2.23

Eine Folge komplexer Zahlen (zn )n∈N+ heißt Cauchy Folge :⇔

∀ε > 0 ∃N ∈ N+ ∀n, m ∈ N+ : (n ≥ N ∧ m ≥ N ) ⇒ |zn − zm | < ε. (∗)

Anschaulich bedeutet diese Definition: Für jedes ε > 0, sei es auch noch so
klein, gibt es einen Index N ∈ N+ so, daß |zn − zm | < ε für alle n, m ≥ N gilt.

Satz 2.24

Jede konvergente Folge (zn )n∈N+ ⊆ C ist eine Cauchy Folge.

Beweis. Es sei limn→∞ zn = z und ε > 0. Dann gibt es einen Index N , sodaß
|z − zn | < 12 ε für alle n ≥ N gilt. Ist n ≥ N und m ≥ N , folgt
1 1
|zn − zm | ≤ |zn − z| + |zm − z| < ε + ε = ε.
2 2

74
2.4 Limes inferior und Limes superior

Satz 2.25: Cauchy-Kriterium

Eine komplexe Folge (zn )n∈N+ ist konvergent genau dann, wenn sie eine
Cauchy Folge ist.

Beweis. Die Notwendigkeit der Cauchy Bedingung (∗) für Konvergenz wurde
bereits in Satz 2.24 nachgewiesen. Wir zeigen nun, daß sie auch hinreichend ist.
Es sei also (zn )n∈N+ eine Cauchy Folge. Für ε = 1 gibt es dann einen Index
N ∈ N+ derart, daß |zn − zm | < 1 für alle n, m ≥ N zutrifft. Es folgt daher für
n≥N
|zn | ≤ |zn − zN | + |zN | < 1 + |zN |.
Somit ist (zn )n∈N+ beschränkt durch max{|z1 |, . . . , |zN −1 |, 1 + |zN |} und besitzt
nach dem Satz von Bolzano Weierstrass eine konvergente Teilfolge (zϕ(n) )n∈N+ .
Es sei z deren Grenzwert. Zu ε > 0 gibt es dann natürliche Zahlen N1 , N2 mit
der Eigenschaft
1
∀n, m ∈ N+ : (n ≥ N1 ∧ m ≥ N1 ) ⇒ |zn − zm | < ε
2
+ 1
∀n ∈ N : n ≥ N2 ⇒ |zϕ(n) − z| < ε.
2
Für N = max{N1 , N2 } ergibt sich nun für alle n ≥ N (man beachte, daß
ϕ(n) ≥ n, n ∈ N+ , als Folge der strengen Monotonie von ϕ gelten muß)
1 1
|zn − z| ≤ |zn − zϕ(n) | + |zϕ(n) − z| < ε + ε = ε.
2 2

Bemerkung 2.26

1.) Die Stärke des Cauchy Kriteriums ist seine Universalität: es ist auf jede
Folge (vorerst in C) anwendbar. Allerdings gibt es keinen Hinweis auf den
Grenzwert.
2.) Durch Negieren erhalten wir folgende Divergenzbedingung: (zn )n∈N+ ist
divergent genau dann, wenn

∃ε0 > 0 ∀N ∈ N+ ∃n, m ∈ N+ : n ≥ N ∧ m ≥ N ∧ |zn − zm | ≥ ε0 .

Eine Folge (zn ) ist also genau dann divergent, wenn es nach jedem Glied
der Folge weitere Folgenglieder gibt, deren Abstand voneinander größer als
eine feste Schranke ist.

2.4 Limes inferior und Limes superior


Beschränkte Zahlenfolgen sind nicht notwendig konvergent, sie besitzen aber
nach dem Satz von Bolzano Weierstrass 2.22 stets konvergente Teilfolgen. Es
wird nun ein Begriff vorgestellt, der als Ersatz für den fehlenden Grenzwert einer

75
2 Folgen und Reihen

Folge dienen kann. Da die Ordnung in R dabei eine wesentliche Rolle spielt,
ist dieser Abschnitt auf reelle Folgen beschränkt. Ausgangspunkt ist folgende
Beobachtung:
Betrachtet man für festes k ∈ N+ den k–ten „Folgenrest“ {xn : n ≥ k} einer
beschränkten, reellen Folge (xn )n∈N+ , so ist wegen {xn : n ≥ k + 1} ⊆ {xn : n ≥
k} und Satz 1.77 sup{xn : n ≥ k + 1} ≤ sup{xn : n ≥ k} und inf{xn : n ≥
k + 1} ≥ inf{xn : n ≥ k}. Mit Hilfe des Monotoniekriteriums Satz 2.18 beweist
diese Überlegung:

Lemma 2.27

Es sei (xn )n∈N+ beschränkt und

sk := sup{xn : n ≥ k}, und tk := inf{xn : n ≥ k}, k ∈ N+ .

Die Folge (sk )k≥1 ist monoton fallend, die Folge (tk )k≥1 ist monoton stei-
gend und beide Folgen sind konvergent.

Definition 2.28

Es sei (xn )n∈N+ ⊆ R beschränkt.

1. α ∈ R heißt Limes superior von (xn ), α = limn→∞ xn oder auch


α = lim supn→∞ xn :⇔ α = limk→∞ sup{xn : n ≥ k}.

2. β ∈ R heißt Limes inferior von (xn ), β = limn→∞ xn oder auch β =


lim inf n→∞ xn :⇔ β = limk→∞ inf{xn : n ≥ k}.

Beispiel 2.29. Es sei (xn )n∈N+ definiert durch xn = (−1)n (1 + n1 ). Es folgt für
k ∈ N+
( (
1 + k1 k gerade 1
−(1 + k+1 ) k gerade
sk = tk =
1 + k+1 k ungerade
1 1
−(1 + k ) k ungerade.

Somit folgt
lim sup xn = 1 und lim inf xn = −1
n→∞ n→∞

Eine unmittelbare Folgerung aus Definition 2.28 ist:

Lemma 2.30

(xn )n∈N+ ⊆ R sei beschränkt. Es gilt stets

lim inf xn ≤ lim sup xn


n→∞ n→∞

Beweis. Dies folgt aus inf{xn : n ≥ k} ≤ sup{xn : n ≥ k}, k ∈ N+ , und aus


Satz 2.15

76
2.4 Limes inferior und Limes superior

Wir stellen nun eine handlichere Charakterisierung des Limes superior (Limes
inferior) bereit.

Satz 2.31

(xn )n∈N+ sei eine reelle beschränkte Folge.

1. Es gilt α = lim supn→∞ xn genau dann, wenn

i) ∀ε > 0 : ∃N ∈ N+ : ∀n ∈ N+ : n ≥ N ⇒ xn < α + ε,
ii) ∀ε > 0 : {n ∈ N+ : xn > α − ε} ist unendlich.

2. Es gilt β = lim inf n→∞ xn genau dann, wenn

i) ∀ε > 0 : ∃N ∈ N+ : ∀n ∈ N+ : n ≥ N ⇒ xn > β − ε,
ii) ∀ε > 0 : {n ∈ N+ : xn < β + ε} ist unendlich.

Bemerkung

Die Aussage „{n ∈ N+ : xn > α − ε} ist unendlich“ ist äquivalent zu

∀N ∈ N+ : ∃n ≥ N : xn > α − ε .

Beweis von Satz 2.31. Wir führen den Beweis nur für die erste Behauptung.
Die Charakterisierung des Limes inferior verläuft analog und sei dem Leser als
Übung überlassen.
„⇒“ α = lim supn→∞ xn ist gleichwertig mit
∀ε > 0 ∃N ∈ N+ ∀k ∈ N+ : k ≥ N ⇒ |α − sup{xn : n ≥ k}| < ε. (∗)
Daraus folgt für k ≥ N
xk ≤ sup{xn : n ≥ N } < α + ε,
d.h. es gilt i). Wir ziehen nun eine weitere Folgerung aus (∗):
∀k ≥ N : sup{xn : n ≥ k} > α − ε.
Insbesondere gilt dies für k = N . Nach Satz II-1.69 existiert somit ein Index
ϕ(1) ∈ N+ , sodaß ϕ(1) ≥ N und xϕ(1) > α − ε. Setzen wir k = ϕ(1) + 1, so
können wir auf die Existenz von ϕ(2) ∈ N+ schließen mit ϕ(2) > ϕ(1) ≥ N
und xϕ(2) > α − ε. Induktiv fortfahrend ergibt sich die Existenz einer streng
monoton wachsenden Funktion ϕ : N+ → N+ und einer zugehörigen Teilfolge
(xϕ(n) )n∈N+ , sodaß xϕ(n) > α − ε für alle n ∈ N+ zutrifft, d.h. es ist auch die
Bedingung ii) erfüllt.
„⇐“ Umgekehrt erfülle nun α ∈ R die Bedingungen i) und ii). Wir zeigen die
zu (∗) gleichwertige Aussage (wir ersetzen dabei ε durch 2ε)
∀ε > 0 : ∃N ∈ N+ : ∀k ∈ N+ : k ≥ N ⇒ α − 2ε < sup{xn : n ≥ k} < α + 2ε.
(∗∗)

77
2 Folgen und Reihen

Es sei ε > 0 beliebig gewählt und N durch die Bedingung i) festgelegt. Aus
Lemma 2.27 ergibt sich für alle k ≥ N

sup{xn : n ≥ k} ≤ sup{xn : n ≥ N } ≤ α + ε < α + 2ε.

Aus der Bedingung ii) schließen wir, daß es zu jedem k ≥ N einen Index m ≥ k
gibt mit xm > α − ε. Somit gilt auch für alle k ≥ N

sup{xn : n ≥ k} > α − ε > α − 2ε,

d.h. es gilt (∗∗) und somit α = lim supn→∞ xn .

Bemerkung 2.32

Läßt man in Satz 2.31 ε eine Nullfolge durchlaufen, kann man auf die Exis-
tenz einer Teilfolge (xϕ(n) )n∈N+ schließen mit

lim xϕ(n) = lim sup xn .


n→∞ n→∞

Es gibt also eine Teilfolge von (xn )n∈N+ , die gegen den Limes superior kon-
vergiert und analog eine im Allgemeinen verschiedene Teilfolge von (yn )n≥1 ,
welche gegen den Limes inferior konvergiert. Wir verschärfen nun diese Be-
obachtung.

Korollar 2.33

Es sei (xn )n∈N+ ⊆ R beschränkt und

L := {ξ ∈ R : es gibt eine Teilfolge (xϕ(n) )n∈N+ mit lim xϕ(n) = ξ}.


n→∞

Die Menge L besitzt Minimum und Maximum und es gilt

lim sup xn = max L und lim inf xn = min L .


n→∞ n→∞

(Die Elemente von L nennt man Häufungspunkte der Folge (xn )n∈N+ .)

Beweis. Es wurde in Bemerkung 2.32 bereits festgestellt, daß lim supn→∞ xn ∈


L und lim inf n→∞ xn ∈ L .Wir zeigen nun

∀ξ ∈ R : ξ > lim sup xn ⇒ ξ 6∈ L .


n→∞

Es sei ξ > lim supn→∞ xn =: α. Angenommen es gibt eine Teilfolge (xϕ(n) )n∈N+
von (xn ) mit limn→∞ xϕ(n) = ξ. Für ε = 12 (ξ − α) gibt es dann einen Index N ,
sodaß für alle n ≥ N auch

xϕ(n) ≥ ξ − ε = α + ε

zutrifft. Dies ist ein Widerspruch zu Bedingung i) in Satz 2.31–(1). Eine analoge
Überlegung gilt auch für den Limes inferior.

78
2.4 Limes inferior und Limes superior

Mit Hilfe des Korollar 2.33 läßt sich nun leicht folgendes Konvergenzkriterium
beweisen:

Satz 2.34

Eine beschränkte reelle Folge (xn )n∈N+ ist konvergent genau dann, wenn
lim supn→∞ xn = lim inf n→∞ xn . Im Falle der Konvergenz von (xn ) gilt
limn→∞ xn = lim supn→∞ xn .

Beweis. Der Beweis dieser Behauptung folgt aus Satz 2.7, Bemerkung 2.32 und
Korollar 2.33.

Wir zeigen nun, daß für den Limes superior und den Limes inferior ähnliche
Rechenregeln gelten, wie für den gewöhnlichen Limes.

Satz 2.35

Es seien (an )n∈N+ , (bn )n∈N+ beschränkte, reelle Folgen. Es gelte an ≤ bn


für alle n ∈ N+ . Dann folgt

lim sup an ≤ lim sup bn und lim inf an ≤ lim inf bn .


n→∞ n→∞ n→∞ n→∞

Beweis. Der Beweis ergibt sich aus der Beobachtung

sup{an : n ≥ k} ≤ sup{bn : n ≥ k}
inf{an : n ≥ k} ≤ inf{bn : n ≥ k}

Satz 2.36

Es seien (an )n∈N+ , (bn )n∈N+ beschränkte, reelle Folgen. Dann gelten

(i) lim supn→∞ (an + bn ) ≤ lim supn→∞ an + lim supn→∞ bn

(ii) lim inf n→∞ an + lim inf n→∞ bn ≤ lim inf n→∞ (an + bn )

(iii) lim inf n→∞ (an + bn ) ≤ lim inf n→∞ an + lim supn→∞ bn
≤ lim supn→∞ (an + bn )

(iv) ∀α ≥ 0 : lim supn→∞ αan = α lim supn→∞ an

(v) ∀α ≤ 0 : lim supn→∞ αan = α lim inf n→∞ an

Beweis. ii) Da die Folge (an + bn ) beschränkt ist, gibt es nach Korollar 2.33 eine
konvergente Teilfolge (aϕ(n) + bϕ(n) )n∈N+ mit

lim (aϕ(n) + bϕ(n) ) = lim inf (an + bn ).


n→∞ n→∞

79
2 Folgen und Reihen

Man beachte, daß die Teilfolgen (aϕ(n) ) und (bϕ(n) ) selbst nicht konvergent sein
müssen. Wir wählen daher aus (aϕ(n) ) eine konvergente Teilfolge (a(ψ◦ϕ)(n) ) und
aus (b(ψ◦ϕ)(n) ) eine konvergente Teilfolge (b(χ◦ψ◦ϕ)(n) ) aus. Es sei ν = χ ◦ ψ ◦ ϕ.
Dann sind die Folgen (aν(n) ), (bν(n) ) und (aν(n) + bν(n) ) konvergent und es folgt

lim inf (an +bn ) = lim (aν(n) +bν(n) ) = lim aν(n) + lim bν(n) ≥ lim inf an +lim inf bn .
n→∞ n→∞ n→∞ n→∞ n→∞ n→∞

i) Analog.
iii) Wir beweisen nur die Ungleichung

lim inf an + lim sup bn ≤ lim sup(an + bn ).


n→∞ n→∞ n→∞

Nach Korollar 2.33 gibt es eine Teilfolge (bϕ(n) )n∈N+ von (bn )n∈N+ mit limn→∞ bϕ(n) =
lim supn→∞ bn . Nach dem Satz von Bolzano-Weierstrass gibt es eine konvergente
Teilfolge (a(ψ◦ϕ)(n) )n∈N+ von (aϕ(n) )n∈N+ . Damit ist

lim sup(an + bn ) ≥ lim sup(a(ψ◦ϕ)(n) + b(ψ◦ϕ)(n) ) ≥ lim (a(ψ◦ϕ)(n) + b(ψ◦ϕ)(n) )


n→∞ n→∞ n→∞

= lim a(ψ◦ϕ)(n) + lim b(ψ◦ϕ)(n)


n→∞ n→∞
≥ lim inf an + lim b(ψ◦ϕ)(n)
n→∞ n→∞
= lim inf an + lim sup bn .
n→∞ n→∞

Der Beweis von lim inf n→∞ (an + bn ) ≤ lim inf n→∞ an + lim supn→∞ bn und der
beiden restlichen Behauptungen sei dem Leser als Übung überlassen.

Bei manchen Konvergenzuntersuchungen ist folgendes Ergebnis nützlich.

Satz 2.37

Es sei (an )n∈N+ ⊆ R+ \ {0} und beschränkt. Dann gilt


an+1 √ √ an+1
lim inf ≤ lim inf n an ≤ lim sup n an ≤ lim sup . (∗)
n→∞ an n→∞ n→∞ n→∞ an

Existiert insbesondere limn→∞ an+1 n
an , dann ist auch ( an )n∈N+ konvergent

n an+1
mit limn→∞ an = limn→∞ an .


Beweis. Wir zeigen nur die Ungleichung lim inf n→∞ an+1 an ≤ lim inf n→∞
n
an .
Der Beweis der letzten Ungleichung in (∗) verläuft analog, die mittlere wurde
bereits in Lemma 2.30 bewiesen.
Es sei lim inf n→∞ an+1
an = α ≥ 0. Ist α = 0, gibt es nichts zu beweisen. Es
sei also α > 0. Zu ε > 0 gibt es nach Satz 2.31 einen Index N ∈ N+ , sodaß
an+1
an > α − ε > 0 für alle n ≥ N zutrifft. Eine einfache Induktion zeigt dann die
Gültigkeit von
n−1
an Y ai+1
= > (α − ε)n−N
aN ai
i=N

80
2.5 Uneigentliche Grenzwerte

d.h. von
an > (α − ε)n−N aN
für alle n > N . Es folgt für α − ε > 0

q
n
n
an > (α − ε) aN (α − ε)−N , n > N.
Mit Hilfe der Sätze 2.35, 2.36, 2.34 und Beispiel 2.8-iii) ergibt sich

q
n
lim inf an ≥ (α − ε) lim inf aN (α − ε)−N
n
n→∞ n→∞
q
n
= (α − ε) lim aN (α − ε)−N = α − ε.
n→∞

Da ε > 0 beliebig wählbar war, folgt lim inf n→∞ n an ≥ α = lim inf n→∞ an+1 an .
Existiert limn→∞ an+1
an so gilt in (∗) nach Satz 2.34 überall die Gleichheit, daraus
folgt die Behauptung.
n
Beispiel 2.38. Die Folge (an )n∈N+ sei definiert durch an = nn! . Es folgt an+1
an =
an+1
(1 + n ) und mit Beispiel 2.21 ergibt sich limn→∞ an = e. Mit Satz 2.37
1 n

schließen wir dann limn→∞ n an = limn→∞ √ n
n
= e.
n!

2.5 Uneigentliche Grenzwerte


Die Konvergenz von Folgen wurde bisher nur für beschränkte Folgen erklärt. Es
ist aber manchmal sinnvoll, auch unbeschränkten reellen Folgen einen Grenzwert
zuzuweisen.
Zu diesem Zweck ergänzen wir das System der reellen Zahlen mit zwei ver-
schiedenen festen Objekten, die wir mit „∞“ (gelesen: unendlich) und „−∞“ be-
zeichnen. Diese Objekte sind keine reellen Zahlen. Wir bilden R̄ := R∪{∞, −∞}
und nennen R̄ erweiterte reelle Zahlen. Behält man innerhalb von R die ur-
sprüngliche (strikte) Ordnung bei und setzt
i) −∞ < ∞,
ii) ∀x ∈ R : − ∞ < x < ∞,
so wird damit eine strikte Ordnung auf R̄ erklärt. Für die neuen Symbole erklä-
ren wir folgende Rechenregeln:

Definition 2.39

Es sei x ∈ R, dann gilt

i) x + ∞ = ∞ + x = x − (−∞) = ∞,
x + (−∞) = −∞ + x = x − ∞ = −∞.

ii) x > 0 : ∞·x=x·∞=∞


(−∞) · x = x · (−∞) = −∞

x < 0: ∞ · x = x · ∞ = −∞
(−∞) · x = x · (−∞) = ∞

81
2 Folgen und Reihen

iii) ∞ + ∞ = ∞, (−∞) + (−∞) = −∞, ∞ · ∞ = ∞, (−∞) · (−∞) =


∞, (−∞) · ∞ = ∞ = ∞ · (−∞).

Die Ausdrücke ∞ + (−∞), 0 · ∞, ∞,



. . . , sind nicht definiert. Damit ist R̄ aber
auch kein Körper.

Definition 2.40

i) Ist eine Teilmenge E ⊆ R̄ in R nicht nach oben beschränkt, setzt man


sup E = ∞.

ii) Ist eine Teilmenge E ⊆ R̄ in R nicht nach unten beschränkt, setzt


man inf E = −∞.

Diese Definition stellt eine natürliche Verallgemeinerung des Supremums (Infi-


mums) auf beliebige nicht leeren Mengen reeller Zahlen dar. Jede Teilmenge von
R̄ besitzt nun also in R̄ sowohl Supremum als auch Infimum. Da jede reelle Zahl
zugleich obere und untere Schranke für die leere Menge ist (warum?), erhält
man die merkwürdige Konsequenz:

Bemerkung 2.41

sup ∅ = −∞, inf ∅ = ∞.

Die Definition eines Intervalls 1.29 kann in offensichtlicher Weise auf R̄ über-
tragen werden: Für a ∈ R definieren wir

(a, ∞] := {x ∈ R̄ : a < x} = (a, ∞) ∪ {∞} ,

entsprechend definiert man [a, ∞], [−∞, a), [−∞, a], und natürlich [−∞, ∞] :=
R̄.

Definition 2.42

Es sei (xn )n∈N+ ⊆ R̄.


Die Folge (xn ) hat den uneigentlichen Grenzwert ∞, limn→∞ xn = ∞
genau dann wenn

∀ξ ∈ R : ∃N : ∀n ∈ N+ : n ≥ N ⇒ xn > ξ.

Man sagt auch, die Folge (xn ) divergiert nach ∞.


Die Folge (xn ) hat den uneigentlichen Grenzwert −∞, limn→∞ xn =
−∞ genau dann wenn

∀ξ ∈ R : ∃N : ∀n ∈ N+ : n ≥ N ⇒ xn < ξ.

Man sagt auch, die Folge (xn ) divergiert nach −∞.

82
2.6 Bonus: Doppelfolgen

Da eine Folge mit uneigentlichem Grenzwert ∞ oder −∞ per Definition di-


vergent ist, sagt man eben nicht „die Folge konvergiert gegen ∞“. Durch aus
üblich ist aber die Sprechweise „die Folge geht gegen ∞“.
Eine unmittelbare Folge von Definition 2.42 ist folgende Erweiterung des Mo-
notoniekriteriums Satz 2.18.

Satz 2.43

Jede monotone Folge in R̄ hat einen Grenzwert in R̄.

Man kann sich leicht davon überzeugen, daß den Regeln für das „Rechnen“
mit den Symbolen ∞, −∞ aus Definition 2.39 den Regeln für die Grenzwerte
von Folgen in R̄ entsprechen, welche nach ∞ bzw. −∞ divergieren. Es seien
etwa (xn )n∈N+ ⊆ R̄ und (yn )n∈N+ ⊆ R̄ beide divergent nach ∞. Es folgt, daß
auch die Folge (xn + yn )n∈N+ gegen ∞ divergiert. Auf analoge Weise können
auch die übrigen Regeln in Definition 2.39 interpretiert werden. Divergieren die
Folgen (xn ) und (yn ) gegen ∞, so können die Folgen (xn − yn ), ( xynn ) ein recht
unterschiedliches Verhalten aufweisen:

Beispiel 2.44.
√ √
i) xn = n + 1 − n, limn→∞ xn = 0
ii) yn = n − n2 , limn→∞ yn = −∞
iii) zn = nn2 , limn→∞ zn = 0
iv) wn = 1+2+···+n
n2
, limn→∞ wn = 21

Entsprechendes gilt auch für (xn yn ), falls limn→∞ xn = 0 und limn→∞ yn =


∞. Den Ausdrücken der Form ∞−∞, ±∞ ±∞ und 0·(±∞) kann somit a priori kein
sinnvoller Wert zugewiesen werden. Mann nennt sie deshalb auch unbestimmte
Ausdrücke.
Wegen Definition 2.40 ist folgende Vereinbarung sinnvoll:

Definition 2.45

Es sei (xn )n∈N+ ⊆ R̄.

1. lim supn→∞ xn = ∞ :⇔ (xn ) ist nicht nach oben beschränkt

2. lim inf n→∞ xn = −∞ :⇔ (xn ) ist nicht nach unten beschränkt

Man überzeuge sich davon, daß sich die Resultate aus Abschnitt 2.4 auch auf
Folgen in R̄ übertragen lassen.

2.6 Bonus: Doppelfolgen

83
2 Folgen und Reihen

Definition 2.46

Eine Abbildung x : N+ × N+ → C heißt Doppelfolge komplexer Zahlen.


Anstelle von x(n, m) schreibt man xn,m , entsprechend bezeichnen wir eine
Doppelfolge mit (xn,m )n,m≥1 .

Ein großer Teil der elementaren Theorie der Konvergenz einfacher Folgen läßt
sich ohne große Änderungen auf Doppelfolgen übertragen. Wir beschränken uns
daher auf die Darstellung einiger charakteristischer Unterschiede. Vorerst legen
wir jedoch fest, was wir unter dem Grenzwert einer Doppelfolge verstehen:

Definition 2.47

Es sei (xn,m )n,m≥1 ⊆ C eine Doppelfolge und α ∈ C.

(xn,m )n,m≥1 konvergiert gegen α :⇔ ∀ε > 0 : ∃N ∈ N+ : ∀n, m ∈ N+ :


n ≥ N ∧ m ≥ N ⇒ |xn,m − α| < ε.

Man schreibt limn,m→∞ xn,m = α.

Die Eindeutigkeit des Grenzwertes, falls er existiert, läßt sich genauso wie in
Satz 2.5 zeigen. Ebenso lassen sich die Rechenregeln für konvergente Folgen aus
Abschnitt 2.1 auf Doppelfolgen übertragen. Es gilt auch ein Cauchy-Kriterium,
welches wir ohne Beweis (welcher eine gute Übung darstellt) notieren:

Satz 2.48

Eine Doppelfolge (xn,m )n,m≥1 ⊆ C ist genau dann konvergent, wenn sie eine
Cauchy-Folge ist, d.h. wenn

∀ε > 0 : ∃N ∈ N+ : ∀n, m, r, s ∈ N+ : n, m, r, s ≥ N ⇒ |xn,m − xr,s | < ε.

Oft ordnet man die Glieder einer Doppelfolge (xn,m ) in einem Rechteckschema
an,
x1,1 x1,2 . . . x1,m . . . −→ ξ1
x2,1 x2,2 . . . x2,m . . . −→ ξ2
.. .. .. ..
. . . .
xn,1 xn,2 . . . xn,m . . . −→ ξn
..
↓ ↓ ↓ .
η1 η2 ... ηm . . .
und nennt den ersten Index von xn,m entsprechend Zeilenindex, den zweiten In-
dex Spaltenindex. Es wird deutlich, daß man (xn,m ) zumindest auf zwei Weisen
als Folge von Folgen betrachten kann: Einerseits kann man die Folgen in den
Zeilen des obigen Schemas betrachten. Falls diese Folgen konvergieren, für alle
n ∈ N+ sei etwa limm→∞ xn,m = ξn , dann kann man auch die Folge (ξn )n≥1 auf
Konvergenz untersuchen. Es existiere ξ = limn→∞ ξn , ξ ist dann gegeben durch
ξ = lim ( lim xn,m )
n→∞ m→∞

84
2.6 Bonus: Doppelfolgen

und man nennt ξ den zeileniterierten Grenzwert der Doppelfolge (xn,m ).


Andererseits kann man die Folgen in den Spalten des Rechteckschemas betrach-
ten. Bezeichnet man mit ηm = limn→∞ xn,m und mit η = limm→∞ ηm (soferne
diese Grenzwerte existieren), gelangt man zum spalteniterierten Grenzwert
η der Doppelfolge (xn,m ),

η = lim ( lim xn,m ).


m→∞ n→∞

Einer Doppelfolge (xn,m ) kann man also auf natürliche Weise drei charakte-
ristische Größen zuordnen: Ihren Grenzwert x = limn,m→∞ xn,m , den man der
Deutlichkeit halber manchmal auch als Doppellimes bezeichnet, und die beiden
iterierten Grenzwerte. Natürlich stellt sich die Frage, wie diese Größen zusam-
menhängen. Wir demonstrieren an einem Beispiel, daß ohne Zusatzbedingung
kein Zusammenhang zu erwarten ist.

Beispiel 2.49. 1) xn,m = (−1)m+n ( n1 + m 1


). Es existiert limn,m→∞ xn,m = 0,
aber es existiert keiner der beiden iterierten Grenzwerte, da etwa für jedes
n ∈ N+ die Folge (xn,m )m≥1 divergiert. Die Existenz des Doppellimes impli-
ziert also nicht die Existenz der iterierten Grenzwerte.
2) xn,m = (−1)m ( n1 + m 1
). Es gilt wieder limn,m→∞ xn,m = 0. Für jedes m ∈ N+
ist nun aber limn→∞ xn,m = (−1)m limn→∞ ( n1 + m 1
) = (−1)m m 1
und somit
limm→∞ (limn→∞ xn,m ) = 0. Der zeileniterierte Limes existiert nicht.
3) xn,m = n2nm+m2
. Halten wir n ∈ N+ fest, dann gilt limm→∞ xn,m = 0 und somit
auch limn→∞ (limm→∞ xn,m ) = 0. Aus Symmetriegründen gilt limm→∞ (limn→∞ xn,m ) =
0. Die beiden iterierten Grenzwerte existieren und sind gleich, trotzdem existiert
der Doppellimes nicht: Für alle n ∈ N+ ist nämlich xnn = 21 und xn,2n = 25 , das
Cauchy-Kriterium 2.48 kann nicht erfüllt werden.
4) xn,m = n1 + m 1
. In diesem Falle existieren alle drei Limiten und sind gleich
Null.

Satz 2.50

Es sei (xn,m )n,m≥1 ⊆ C eine konvergente Doppelfolge. Existiert für jedes


n ∈ N+ der Zeilenlimes ξn = limm→∞ xnm , dann existiert der zeileniterierte
Limes limn→∞ (limm→∞ xn,m ) und es gilt

lim xn,m = lim ( lim xn,m ).


n,m→∞ n→∞ m→∞

Beweis. Aus der Existenz des Doppellimes x schließen wir für jedes ε > 0 auf
einen Index N , sodaß |xn,m − x| < ε für alle n, m ≥ N gilt. Nach Korollar 2.16
kann man in dieser Ungleichung den Grenzübergang m → ∞ durchführen und
erhält für alle n ≥ N
|ξn − x| ≤ ε,
d.h.
lim ξn = lim ( lim xn,m ) = x.
n→∞ n→∞ m→∞

85
2 Folgen und Reihen

Dieser Satz zeigt, daß bei einer konvergenten Doppelfolge die iterierten Limi-
ten nur dann nicht existieren können, wenn die entsprechenden „inneren“ Limi-
ten nicht existieren. Genauer gilt

Korollar 2.51

Es sei (xn,m )n,m≥1 ⊆ C eine konvergente Doppelfolge. Existieren für alle


n, m ∈ N+ die einfachen Grenzwerte

ξn = lim xn,m und ηm = lim xn,m ,


m→∞ n→∞

dann existieren auch die beiden iterierten Grenzwerte und es gilt

lim xn,m = lim ( lim xn,m ) = lim ( lim xn,m ).


n,m→∞ n→∞ m→∞ m→∞ n→∞

Wir untersuchen nun das letzte Beispiel in 2.49 etwas genauer: Für jedes n
betrachten wir die Zeilenfolge m 7→ xn,m . Es gilt limm→∞ xn,m = n1 , denn
|xn,m − n1 | = m1
. Zu einem beliebigen ε > 0 wählen wir N0 ∈ N+ mit N0 > 1ε .
Für alle n ∈ N+ folgt dann |xn,m − n1 | = m
1
< N10 < ε soferne m ≥ N0 . Wir erken-
nen, daß für jede Zeilenfolge derselbe Index N0 gewählt werden kann, um den
Approximationsfehler unter eine vorgegebene Toleranzgrenze zu drücken. Die
Möglichkeit einer gleichmäßigen Wahl von N0 erlaubt es auch, aus der Existenz
eines der iterierten Limiten auf den im allgemeinen komplizierter zu berechnen-
den Doppellimes zu schließen.

Definition 2.52

Es seien Λ 6= ∅ eine Indexmenge und {(xn,λ )n≥1 : λ ∈ Λ} eine Familie


konvergenter Folgen komplexer Zahlen, d.h. für alle λ ∈ Λ existiert xλ ∈ C
mit xλ = limn→∞ xn,λ .
Die Folgen (xn,λ ) konvergieren gleichmäßig bezüglich λ ∈ Λ gegen xλ
genau dann wenn

∀ε > 0 ∃N ∈ N+ ∀λ ∈ Λ ∀n ∈ N+ : n ≥ N ⇒ |xn,λ − xλ | < ε.

Lemma 2.53

(xn,m )n,m≥1 ⊆ C sei eine konvergente Doppelfolge. Falls für alle n ∈ N+


der Zeilenlimes ξn = limm→∞ xn,m existiert, dann sind die Zeilenfolgen
(xn,m )m≥1 , n ∈ N+ , gleichmäßig konvergent bezüglich n.

Beweis. Wegen der Existenz des Doppellimes x = limn,m→∞ xn,m existiert für
alle ε > 0 ein Index N0 , sodaß für alle n, m ≥ N0

|xn,m − x| < ε (∗)

zutrifft. Da aber auch für jedes n ∈ N+ der Zeilenlimes ξn = limm→∞ xn,m


existiert, kann man in (∗) den Grenzübergang m → ∞ durchführen und erhält

86
2.6 Bonus: Doppelfolgen

nach Korollar 2.16 für alle n ≥ N0

|ξn − x| ≤ ε.

Somit folgt für n, m ≥ N0

|xn,m − ξn | ≤ |xn,m − x| + |x − ξn | < 2ε. (∗∗)

Es konvergieren auch die Zeilenfolgen mit n = 1, . . . , N0 − 1. Da es sich nur um


endlich viele Folgen handelt, gibt es einen Index N1 , sodaß

|xn,m − ξn | < ε

für m ≥ N1 und n = 1, . . . , N0 − 1 zutrifft.


Setzt man nun N = max{N0 , N1 }, so gilt (∗∗) für alle n ∈ N+ und für alle
m ≥ N.

Dieses Lemma zeigt, daß unter der Voraussetzung der Existenz der Zeilenlimi-
ten, die Gleichmäßigkeit ihrer Konvergenz eine notwendige Bedingung für die
Existenz des Doppellimes ist. Im folgenden Satz wird gezeigt, daß umgekehrt
diese Bedingung die Vertauschbarkeit von Zeilen– und Spaltenlimes sicherstellt.

Satz 2.54: Iterierte Grenzwerte

Existieren für alle n, m ∈ N+ die einfachen Grenzwerte

ξn = lim xn,m und ηm = lim xn,m


m→∞ n→∞

einer komplexen Doppelfolge (xn,m )n,m≥1 und ist die Konvergenz mindes-
tens einer der beiden Familien von Folgen gleichmäßig, so existieren sowohl
beide iterierte Grenzwerte, als auch der Doppellimes und es gilt

lim xn,m = lim ( lim xn,m ) = lim ( lim xn,m ).


n,m→∞ n→∞ m→∞ m→∞ n→∞

Beweis. Wir nehmen an, die Konvergenz der Zeilenfolgen (xn,m )m≥1 , n ∈ N+ ,
gegen ξn sei gleichmäßig, d.h. für jedes ε > 0 gibt es einen Index N , sodaß für
alle m ≥ N
|xn,m − ξn | < ε
für alle n ∈ N+ gilt. Wir zeigen, daß die Folge (ξn )n≥1 eine Cauchy-Folge ist.
Wir wählen einen festen Index q ≥ N . Da nach Voraussetzung auch die Spal-
tenfolge (xn,q )n≥1 konvergiert, also eine Cauchy-Folge ist, gibt es zu dem bereits
gewählten ε einen weiteren Index K = K(ε, q) ≥ N , sodaß |xr,q − xs,q | < ε für
alle r, s ≥ K gilt. Somit folgt für r, s ≥ K(ε, q)

|ξr − ξs | ≤ |ξr − xr,q | + |xr,q − xs,q | + |xs,q − ξs | < 3ε.

Die Folge (ξn )n≥1 ist also eine Cauchy-Folge und somit konvergent:

lim ( lim xn,m ) = lim ξn = x.


n→∞ m→∞ n→∞

87
2 Folgen und Reihen

Es existiert also der zeileniterierte Limes. Wir zeigen nun die Existenz des Dop-
pellimes. Wegen der Konvergenz von (ξn ) gibt es zu jedem ε > 0 einen In-
dex M (ε), sodaß |x − ξn | < ε für alle n ≥ M (ε) zutrifft. Setzt man Ñ (ε) =
max{M (ε), N (ε)} ergibt sich für n, m ≥ Ñ (ε)
|xn,m − x| ≤ |xn,m − ξn | + |ξn − x| < 2ε,
d.h.
lim xn,m = x.
n,m→∞

Die Existenz des spalteniterierten Grenzwertes und dessen Gleichheit mit dem
Doppellimes folgt aus Satz 2.50.

2.7 Reihen
Das Paradoxon des Zenon von Elea (495 – 435 [Link].): Ein Läufer, der eine
konstante Geschwindigkeit einhält, kann niemals das Ende der Rennbahn errei-
chen. Zenon argumentiert, der Läufer müsse ja zuerst die Hälfte der Strecke,
dann die Hälfte der zweiten Hälfte, dann die Hälfte des verbleibenden Viertels,
u.s.w, zurücklegen. Der Läufer muß also unendlich viele Teilstrecken durchlau-
fen, für welche er jeweils eine bestimmte Zeit benötigt. Somit kann der Läufer
sein Ziel nie erreichen.
Nehmen wir an, der Läufer benötige für die erste Hälfte der Rennstrecke gera-
de eine Zeiteinheit. Das Durchlaufen des nächsten Viertels erfordert eine weitere
halbe Zeiteinheit, das anschließende Achtel der Strecke wird in der nächsten vier-
tel Zeiteinheit zurückgelegt. Die Bewältigung der ersten n Teilstrecken erfordert
also
1 1 1
tn = 1 + + ( )2 + · · · + ( )n−1
2 2 2
Zeiteinheiten. Zenon, der den Begriff des Grenzwertes noch nicht kannte, war
also offensichtlich der Ansicht, die „Addition“ unendlich vieler Zeitintervalle,
auch wenn diese immer kleiner werden, müsse eine unendlich große Zeitspanne
ergeben. Wir können das Paradoxon klären, da wegen Lemma 1.61 die Laufzeit
für n Teilstrecken durch
1
tn = 2 − ( )n−1
2
gegeben ist und somit die Gesamtlaufzeit T = limn→∞ tn = 2 Zeiteinheiten
beträgt. Dieses Beispiel zeigt auch, wie das Aufsummieren von „unendlich“ vielen
Summanden präzisiert werden kann.

Definition 2.55

Es sei (ak )k≥1 ⊆ C, n ∈ N+ und α ∈ C.

i) Sn = nk=1 ak heißt n-te Partialsumme der Folge (ak ).


P

ii) Die Folge der n-ten Partialsummen (S


Pn )n≥1 heißt unendliche Reihe.
Anstelle von (Sn )n≥1 schreibt man ∞ k=1 ak . Man nennt ak das k-te
Glied der unendlichen Reihe.

88
2.7 Reihen

P∞
iii) heißt konvergent
k=1 ak P∞ :⇔ (SnP )n≥1 ist konvergent. α heißt Sum-
me (Grenzwert) von k=1 ak , α = ∞ k=1 ak :⇔ α = limn→∞ Sn .
P∞ P∞
iv) k=1 ak heißt divergente Reihe, wenn k=1 ak nicht konvergent ist.

Wir stellen fest, daß das Symbol ∞ n=1 an eine zweifache Bedeutung besitzt:
P
Es bezeichnet einerseits die unendliche Reihe und andererseits,
P∞ im Falle der Kon-
vergenz, auch deren Grenzwert. Insbesondere meint n=1 an = α mit α ∈ C,
dass die Reihe konvergent ist und ihr Grenzwert gleich α. Wir betonen nach-
drücklich, daß die Summe einer konvergenten Reihe nicht als Ergebnis simul-
tanen Aufsummierens unendlich vieler Summanden zu verstehen ist, sondern
durch den Grenzwert der Folge der Partialsummen bestimmt ist. Die Reihen-
folge der Reihenglieder geht also ganz wesentlich in die Definition der Summe
einer Reihe ein (der Wert jeder einzelnen Partialsumme ist natürlich unabhän-
gig von der Reihenfolge ihrer Summanden). Wir können somit viele Ergebnisse
für Folgen unmittelbar auf Reihen übertragen.

Satz 2.56: Cauchykriterium


P∞
Es sei (an )n≥1 ⊆ C. Die unendliche Reihe n=1 an konvergiert genau dann,
wenn folgendes gilt:
n
X
+ +
∀ε > 0 ∃N ∈ N ∀n, m ∈ N : n ≥ m ≥ N ⇒ ak < ε. (∗)
k=m+1

Für n = m gilt wegen unserer Konvention über leere Summen nk=m+1 ak = 0.


P

Beweis. Nach Satz 2.25 konvergiert ∞ n=1 ak genau dann, wenn (Sn )n≥1 , Sn =
P
n
k=1 ak , eine Cauchyfolge ist, d.h. wenn für jedes ε > 0 ein Index N existiert,
P
sodaß für alle n, m ≥ N und n ≥ m
n
X m
X n
X
|Sn − Sm | = ak − ak = ak < ε
k=1 k=1 k=m+1

zutrifft.

Bemerkung 2.57

Führt man in (∗) den Grenzübergang n → ∞ durch, ergibt sich eine not-
wendige Konvergenzbedingung:

X ∞
X
an ist konvergent ⇒ ∀ε > 0 : ∃N ∈ N+ : ∀m ≥ N : ak < ε.
n=1 k=m+1

Implizit
P∞ enthält die rechte Seite natürlich die Aussage, dass der Reihenrest
k=m+1 ak konvergiert.

89
2 Folgen und Reihen

Korollar 2.58
P∞
Es sei (an )n≥1 ⊆ C. Wenn n=1 an konvergiert, dann gilt limn→∞ an = 0.

Beweis. Wir setzen n = m + 1 im Beweis von Satz 2.56 und erhalten für m > N

|Sm+1 − Sm | = |am+1 | < ε.

Satz 2.59: Harmonische Reihe


P∞ 1
n=1 n ist divergent.

Beweis. Es ist

X 1 1 1 1 1 1 1 1
= 1 + + + + + + + + ...
n 2 3 4 5 6 7 8
n=1
1 1 1 1 1 1 1
≥1+ + + + + + + + ...
2 4 4 8 8 8 8
1 1 1 1 1 1
= 1 + + 2 · + 4 · + ... = 1 + + + + ...,
2 4 8 2 2 2
womit man die Divergenz bereits sieht.
PWir
n
machen aus dieser Beobachtung noch einen formalen Beweis: Es sei Sn =
k=1 k , n ∈ N . Wir zeigen
1 +

1
∀n ∈ N+ : S2n ≥ (n + 2), (∗)
2
somit ist (Sn )n≥1 unbeschränkt und daher divergent. Den Nachweis von (∗)
führen wir mit Hilfe vollständiger Induktion. Es ist S21 = 32 . Mit Hilfe von
S2n ≥ 21 (n + 2) schätzen wir S2n+1 folgendermaßen ab
n+1
2X 2X n+1
1 1
S2n+1 = S2n + ≥ (n + 2) + 2−n−1
k 2
k=2n +1 n
k=2 +1
1
= (n + 2) + 2−n−1 (2n+1 − (2n + 1) + 1)
2
1 1 1
= (n + 2) + = (n + 3).
2 2 2
Damit ist die Behauptung gezeigt.

Da (Sn ) monoton wächst, können wir der Reihe ∞ n=1 n den uneigentlichen
1
P
Grenzwert ∞ zuweisen. Das Beispiel der harmonischen Reihe zeigt, daß die
notwendige Konvergenzbedingung aus Korollar 2.58 nicht hinreichend ist.

90
2.8 Reelle Reihen mit nicht negativen Gliedern

Satz 2.60: Geometrische Reihe

Es sei z ∈ C. Die Reihe ∞ n 1


P
n=0 z ist konvergent mit der Summe 1−z genau
dann, wenn |z| < 1.

Beweis. Nach Lemma 1.61 ist die n-te Partialsumme gegeben durch
n
X 1 − z n+1
Sn = zk = .
1−z
k=0

Ist |z| < 1, folgt weiter aus den Sätzen 2.10 und 2.11

1 − limn z n 1
lim Sn = = .
n 1−z 1−z

Für |z| ≥ 1 ist |z n | ≥ 1. Somit ist nach Korollar 2.58 ∞ k=0 z divergent.
n
P

Satz 2.61
P∞ P∞
Es seien n=1 an , n=1 bn konvergente Reihen
Pmit komplexenP∞Gliedern
und c ∈ C. Dann konvergieren auch die Reihen ∞ n=1 can und n=1 (an +
bn ). Ferner gilt
P∞ P∞
i) n=1 can = c n=1 an ,
P∞ P∞ P∞
ii) n=1 (an + bn ) = n=1 an + n=1 bn .

Beweis. Satz 2.11 und Defintion 2.55.

Es gibt allerdings kein entsprechendes Resultat


P∞ für das P Produkt konvergen-

ter Reihen. Es ist möglich,
P∞ daß die Reihen a
n=1 n und n=1 bn beide kon-
vergieren, die Reihe n=1 an bn jedoch divergiert. Wir werden später zeigen,
daß die Reihe ∞ n √1 konvergiert, nach Satz 2.59 allerdings divergiert
P
n=1 (−1) n
P∞ P∞ 1 P∞ P∞
n=1 ((−1)n √1 )((−1)n √1 ) =
n=1 n . Selbst wenn n=1 a n = α, n=1 bn =
P∞ n n
β und n=1 an bn konvergiert,P∞ besteht kein allgemein gültiger Zusammenhang
zwischen der Summe von n=1 an bn und dem Produkt αβ.

2.8 Reelle Reihen mit nicht negativen Gliedern


P∞
Wir
P∞ zeigen zuerst, daß aus der Konvergenz von n=1 |an | die Konvergenz von
n=1 an folgt. Die Ergebnisse dieses Abschnittes sind auch bei Konvergenzunter-
suchungen beliebiger komplexer Reihen nützlich. Wir bemerken, daß sich die
Diskussion der bloßen Konvergenz von Reihen mit den Mitteln dieses Kapi-
tels meist relativ leicht bewerkstelligen läßt, wesentlich schwieriger, oft sogar
unmöglich, ist es, die Summe einer Reihe zu ermitteln.

91
2 Folgen und Reihen

Satz 2.62

Es sei (an )n≥1 ⊆ C. P


Konvergiert die Reihe ∞
P∞
n=1 |an |, dann konvergiert auch n=1 an .

Beweis. Bezeichnen wir mit Sn = nk=1 ak und Tn = nk=1 |ak |, folgt die Be-
P P
hauptung mit Hilfe der Dreiecksungleichung (es sei n > m)
n
X n
X
|Sn − Sm | = ak ≤ |ak | = |Tn − Tm |,
k=m+1 k=m+1

und dem Cauchy-Kriterium.

Satz 2.63

(an )n≥1 ⊆ R+ . Die Reihe ∞


P
n=1 an konvergiert genau dann, wenn die Folge
(Sn )n≥1 der Partialsummen beschränkt ist.

Beweis. Wegen (an ) ⊆ R+ ist die Folge (Sn ) monoton wachsend, d.h. für alle
n ∈ N+ gilt Sn ≤ Sn+1 . Die Behauptung folgt nun aus dem Monotoniekriterium
Satz 2.18.

Satz 2.64: Vergleichskriterium

Es seien (an )n≥1 , (bn )n≥1 , reelle Folgen und es gelte 0 ≤ an ≤ bn für alle
n ∈ N+ . Dann folgt
P∞
⇒ ∞
P
i) n=1 bn ist konvergent P n=1 an ist konvergent.

Man
P∞ nennt die Reihe n=1 bn eine konvergente Majorante für
n=1 an .
P∞
⇒ ∞
P
ii) n=1 an ist divergentP n=1 bn ist divergent.
Man nennt die Reihe n=1 an eine divergente Minorante ∞
∞ P
n=1 bn .

P∞
Beweis.
P∞ Wir bezeichnen die n-ten Partialsummen von k=1 ak mit An und von
k=1 bk mit Bn . Es folgt
n
X n
X
An = ak ≤ bk = Bn . (∗)
k=1 k=1

Beide Folgen (An ) und (Bn ) sind monoton wachsend. Konvergiert die Reihe

k=1 bk so ist die Folge
P∞ (Bn ) und folglich auch (An ) beschränkt. Daraus folgt
P
P∞
die Konvergenz von k=1 ak mit Satz 2.18. Ist die Reihe k=1 ak divergent, so
ist die Folge (An ) und wegen (∗) auch (Bn ) unbeschränkt. Die Reihe ∞
P
k=1 kb
ist somit divergent.

92
2.8 Reelle Reihen mit nicht negativen Gliedern

Bemerkung 2.65

1.) Da die Konvergenzeigenschaften einer Reihe nicht vom Verhalten endlich


vieler Glieder abhängen, genügt es, wenn die Voraussetzung 0 ≤ an ≤ bn
erst ab einem bestimmten Index
P N ≥ 1 zutrifft.
2.) Einer divergenten Reihe ∞ n=1 an mit nicht negativen Gliedern kann man
auf Grund der Ausführungen in Abschnitt 2.5 den uneigentlichen Grenzwert
∞ zuweisen. Man Psagt, die Reihe divergiere (aber nicht: konvergiere) nach

∞ und schreibt n=1 an = ∞.
sei (an )n≥1 ⊆ C und ∞
3.) Es P P∞bn eine konvergente Majorante für die
P
n=1
Reihe ∞ n=1 n|a |. Dann ist auch n=1 an konvergent.

Satz 2.66: Verdichtungskriterium nach Cauchy

(an )n∈N+ eine monoton fallende Folge nicht negativer Zahlen. Die
Es sei P

P∞ n n=1 an konvergiert genau dann, wenn die „verdichtete“ Reihe
Reihe
n=0 2 a2n konvergiert.

P∞
Beweis. Wir nehmen zuerst an, es konvergiere die Reihe n=1 an . Wegen an+1 ≤
an , n ∈ N+ , ergibt sich für m ∈ N+
m
1X n 1
2 a2n = a1 + a2 + 2a4 + 4a8 + · · · + 2m−1 a2m
2 2
n=0
≤ a1 + a2 + (a3 + a4 ) + (a5 + a6 + a7 + a8 ) + · · · +

X
+ (a2m−1 +1 + a2m−1 +2 + · · · + a2 ) ≤
m an .
n=1

Mit Hilfe
P des nMonotoniekriteriums ergibt sich die P Konvergenz der verdichteten
Reihe ∞ n=0 2 a2 n . Es konvergiere nun die Reihe

n=0 2 a2n . Für m ∈ N sei
n +

P∈
k N so gewählt, daß 2 > m gilt. Es folgt für die m-te Partialsumme von
+ k

n=1 an
m
X
an ≤ a1 + (a2 + a3 ) + (a4 + a5 + a6 + a7 ) + . . .
n=1
+ (a2k + a2k +1 + · · · + a2k+1 −1 )

X
≤ a1 + 2a2 + 4a4 + · · · + 2k a2k ≤ 2k a2k .
k=0
P∞
Dies hat die Konvergenz von n=1 an zur Folge:

X m
X ∞
X
an = lim an ≤ 2k a2k .
m→∞
k=1 n=1 k=0

Beide Teile des Beweises stützen sich auf die Tatsache, daß in [2k , 2k+1 − 1] ∩ N+
genau 2k natürliche Zahlen liegen.

93
2 Folgen und Reihen

Der Beweis von Satz 2.59, Divergenz der harmonischen Reihe, ist ein Spezial-
fall des Verdichtungskriteriums. Wir hätten natürlich die Divergenz der harmo-
nischen Reihe gleich mittels des allgemeinen Verdichtungskriteriums beweisen
können. Wir tun das nun für eine etwas allgemeinere Klasse von Reihen:

Satz 2.67
P∞ 1
Es sei s ∈ Q. n=1 ns konvergiert genau dann, wenn s > 1.

P∞
Beweis. Für s < 0 ist ( n1s ) nicht konvergent und somit die Reihe 1
n=1 nsnach
Korollar 2.58 divergent. Es sei also s ≥ 0. Nach Satz 2.66 ist ∞ 1
konvergent
P
n=1 ns
genau dann, wenn
∞ ∞ ∞
X
n 1 X
(1−s)n
X
(1−s) n

2 = 2 = 2 .
(2n )s
n=1 n=1 n=1

konvergiert. Die geometrische Reihe ∞ (1−s) n konvergiert nach Satz 2.60


P 
n=1 2
genau dann, wenn 21−s < 1. Dies ist wegen Satz 1.101 gleichbedeutend mit
s > 1.

Die Gültigkeit dieses Satzes wird später auf alle s ∈ R ausgedehnt (sobald wir
Potenzen mit reellen Exponenten erklärt haben – dann geht der gleiche Beweis
ohne die Beschränkung s ∈ Q durch).
In vielen Fällen ist es schwierig, eine konvergente Majorante bzw. eine diver-
gente Minorante für eine Reihe zu finden oder es ist nicht klar, ob nach einer
konvergenten Majorante oder einer divergenten Minorante gesucht werden soll.
In solchen Fällen kann das Grenzwertkriterium hilfreich sein.

Satz 2.68: Grenzwertkriterium

Es seien (an )n≥1 , (bn )n≥1 Folgen positiver reeller Zahlen.

i) Ist lim abnn < ∞ und ∞


P P∞
n=1 bn konvergent, dann konvergiert auch n=1 an .

ii) Ist lim abnn > 0 und ∞


P P∞
n=1 bn divergent, dann divergiert auch n=1 an .

Beweis. i) Es sei lim abnn < β < ∞. Nach Satz 2.31 gibt es N0 ∈ N+ , sodaß
an
bn <Pβ gilt für alle n ≥ N0 . Somit folgt an <P βbn für n ≥ N0 . Die Konvergenz
von ∞ n=1 nb zieht nun die Konvergenz von ∞
n=1 an unter Berufung auf das
Vergleichskriterium Satz 2.64 nach
P sich.
ii) Es sei lim abnn > α > 0 und ∞ n=1 bn divergent. Nach Satz 2.31 gibt es N1 ∈
N+ , sodaß abnn > α zutrifft für alle n ≥ N1 . Es folgt an > αbn > P0 für n ≥ N1
und wieder mit Hilfe des Vergleichskriteriums die Divergenz von ∞ n=1 an .

Wir demonstrieren die Anwendung des Grenzwertkriteriums an einem Bei-


spiel:
P∞ √ √
n+1− n
Beispiel 2.69. n=1 n2/3 ist konvergent.

94
2.9 Alternierende Reihen

√ √
Beweis. Wegen n+1− n= √ 1 √
n+1+ n
verhält sich das n-te Glied der Reihe
7
für große n wie (man sagt dafür auch n ist „asymptotisch gleich“) 12 n− 6 . Dies
− 76
legt nahe, als einfachere Vergleichsreihe ∞ zu wählen. Wegen Satz 2.67
P
n=1 n
ist diese Reihe konvergent und aus
√ √ √
an n+1− n 7 √ √ √ n
= 2/3
· n 6 = ( n + 1 − n) n = √ √
bn n n+1+ n
folgt limn→∞ abnn = 12 und mit Hilfe von Satz 2.68 auch die Konvergenz der
ursprünglichen Reihe.

2.9 Alternierende Reihen


Wir wenden uns nun einer wichtigen Klasse von Reihen zu, nämlich jenen, deren
Glieder reell und abwechselnd positiv und negativ sind. Solche Reihen nennt man
alternierend.
Satz 2.70: Leibniz Kriterium

Es sei (an )n≥1 , eine Folge reeller, nicht negativer Zahlen. Gilt darüber hin-
aus

i) ∀n ∈ N+ : an+1 ≤ an ,

ii) limn→∞ an = 0,
P∞ n+1 a
dann ist die alternierende Reihe n=1 (−1) n konvergent.

Beweis. Es sei Sn = nk=1 (−1)k+1 ak . Wir zeigen, daß die Folgen der geraden
P
und ungeraden Partialsummen konvergieren und ihre Grenzwerte gleich sind,
d.h. P
limn→∞ S2n = limn→∞ S2n+1 = S. Daraus folgt die Konvergenz der Reihe
und ∞ n=1 (−1)
n+1 a = S (Übung). Für n ≥ 1 gilt
n

S2n+2 − S2n = −a2n+2 + a2n+1 ≥ 0


S2n+2 − S2n+1 = −a2n+2 ≤ 0
S2n+1 − S2n−1 = a2n+1 − a2n ≤ 0,
somit folgt
S2 ≤ · · · ≤ S2n ≤ S2n+2 ≤ S2n+1 ≤ S2n−1 ≤ · · · ≤ S1 . (∗)
Die Folge (S2n )n≥1 ist daher monoton wachsend und nach oben beschränkt
(durch S1 ), (S2n+1 )n≥0 ist monoton fallend und nach unten beschränkt (durch
S2 ). Nach dem Monotoniekriterium Satz 2.18 existieren die Grenzwerte limn→∞ S2n
und limn→∞ S2n−1 . Aus S2n = S2n−1 − a2n folgt die Gleichheit der Grenzwer-
te.
Aus den Ungleichungen (∗) lassen sich auch Schranken für den Fehler ableiten,
der sich ergibt, wenn man eine alternierende Reihe durch die n-te Partialsumme
approximiert: Es stellt sich heraus, daß der Betrag des Fehlers nicht größer sein
kann, als der Betrag des ersten vernachlässigten Gliedes der Reihe.

95
2 Folgen und Reihen

Korollar 2.71
P∞ n+1 a erfülle die Voraussetzungen des Leibniz Kriteriums und
n=1 (−1) P n
es sei Sn = nk=1 (−1)k+1 ak , S = ∞ k+1 a . Es gilt dann für alle
P
k=1 (−1) k
n∈N : +

0 ≤ S − S2n ≤ a2n+1 und 0 ≤ S2n+1 − S ≤ a2n+2 .

Beweis. Aus (∗) folgt für alle n ∈ N+ :

S2n ≤ S ≤ S2n+1 .

Subtrahiert man in dieser Ungleichungn S2n , erhält man

0 ≤ S − S2n ≤ S2n+1 − S2n = a2n+1 .

Die zweite Fehlerabschätzung folgt durch Subtraktion von S2n+1 von S2n+2 ≤
S ≤ S2n+1 .

Beispiel
P∞ 2.72. (Alternierende harmonische Reihe, Leibniz Reihe) Die Reihe
n+1 1 ist konvergent. Der Nachweis der Konvergenz der alternieren-
n=1 (−1) n
den harmonischen Reihe ist eine einfache Anwendung des Leibniz Kriteriums.
Wir könnenPallerdings noch nicht ihre Summe bestimmen. Wir werden später
sehen, daß ∞ n=1 (−1)
n+1 1 = ln 2 = 0.693147 . . . . Diese Reihe konvergiert sehr
n
langsam gegen ihre Summe. Korollar 2.71 zeigt, daß wir bei Vernachlässigung
von Rundungsfehlern 106 Glieder der Reihe berücksichtigen müßten, um ihre
Summe bis auf einen Fehler von 10−6 berechnen zu können. Dieses Beispiel
zeigt auch, daß die Umkehrung von Satz 2.62 nicht gilt.

2.10 Absolute und bedingte Konvergenz von Reihen


Definition 2.73

Es sei (an )n≥1 ⊆ C.

Die Reihe ∞
i) P n=1 an heißt absolut konvergent :⇔
P

n=1 |a n | ist konvergent.
P∞
ii) P
Die Reihe n=1 an heißt bedingt konvergent :⇔

n=1 an ist konvergent aber nicht absolut konvergent.

Nach Satz 2.62 ist jede absolut konvergente Reihe auch konvergent. Bei reellen
Reihen mit nicht negativen Gliedern sind die beiden Begriffe absolute Konver-
genz und Konvergenz natürlich identisch. Die alternierende harmonische Reihe
ist ein Beispiel einer bedingt konvergenten Reihe. Jeder Test aus Abschnitt 2.8
kann zur Untersuchung der absoluten Konvergenz herangezogen werden. Wir
ergänzen nun diese Liste mit zwei weiteren Konvergenzkriterien. Allerdings ist
man mit beiden Tests nur dann in der Lage, die absolute Konvergenz einer Reihe

96
2.10 Absolute und bedingte Konvergenz von Reihen

festzustellen, wenn sich diese asymptotisch wie die geometrische Reihe verhält.
Auf Divergenz kann man mit diesen Tests nur bei Reihen schließen, die ohnehin
die notwendige Konvergenzbedingung Korollar 2.58 verletzen.

Satz 2.74: Wurzelkriterium

Es sei (an )n≥1 ⊆ C und


p
n
ρ = lim sup |an |.
n→∞

Dann gilt
P∞
i) Die Reihe n=1 an ist absolut konvergent, falls ρ < 1.
P∞
ii) Die Reihe n=1 an divergiert, falls ρ > 1.

Für ρ = 1 ist keine Aussage möglich.

Beweis. i) Es seipρ < 1 und β ∈ (ρ, 1). Nach Satz 2.31 gibt es einen Index
N ∈ N+ , sodaß n |an | < β, d.h. |an | < β n für alle n ≥ N zutrifft. Die Reihe

n=1 |an | konvergiert daher nach Satz 2.60 undp dem Vergleichskriterium.
P
ii) Es sei nun ρ > 1. Wegen Satz 2.31 gilt dann n |an | > 1 und somit |an | > 1 für
unendlich viele n ∈ P N+ . Die Folge (an ) kann daher nicht nach 0 konvergieren.
Somit ist die Reihe ∞ n=1 an nach Korollar 2.58 divergent.

Das Wurzelkriterium ermöglicht es aber, nicht nur die Konvergenz, sondern


auch die Konvergenzgeschwindigkeit festzustellen:

Korollar 2.75

Für
p die Folge (an )n≥1 ⊆ C seien β ∈ (0, 1) und N ∈ N+ so gewählt, daß
n
|an | < β für alle n ≥ P
N gilt. Dann läßt sich der Fehler
P∞zwischen der n-
n
ten Partialsumme Sn = k=1 ak und der Summe S = k=1 ak abschätzen
durch
β n+1
|S − Sn | ≤ , n ≥ N,
1−β

Beweis. Für m ≥ n ≥ N findet man


m
X
|Sn − Sm | = |an+1 + · · · + am | ≤ |ak |
k=n+1
m ∞
X X β n+1
≤ β k < β n+1 βk = .
1−β
k=n+1 k=0

Die behauptete Abschätzung folgt nun aus limm→∞ Sm = S.

97
2 Folgen und Reihen

Satz 2.76: Quotientenkriterium

Es sei (an )n≥1 ⊆ C \ {0}. Dann gilt


|an+1 |
i) Die Reihe ∞
P
n=1 an ist absolut konvergent, falls lim supn→∞ |an | <
1.
|an+1 |
ii) Die Reihe ∞
P
n=1 an divergiert für lim inf n→∞ |an | > 1.

|an+1 | |an+1 |
In den Fällen lim supn→∞ |an | ≥ 1 oder lim inf n→∞ |an | ≤ 1 ist keine
Aussage möglich.

Beweis. Satz 2.37 und Wurzelkriterium.

Korollar 2.77

Es sei (an )n≥1 ⊆ C, β ∈ (0, 1) und N ∈ N+ so, daß |a|an+1


n|
|
≤ β < 1 für alle
n ≥ N Pn gilt. Dann läßt sich der Fehler
P∞ zwischen der n-ten Partialsumme
Sn = k=1 an und der Summe S = k=1 ak abschätzen durch

β
|S − Sn | ≤ |an |, n ≥ N.
1−β

Beweis. Für alle k ∈ N+ und n ≥ N gilt |an+k | ≤ β k |an |. Somit erhält man für
alle m ≥ n ≥ N
m−n m−n
X X β
|Sm − Sn | ≤ |an+k | ≤ β k |an | ≤ |an |.
1−β
k=1 k=1

Die Behauptung folgt nun wie im Beweis von Korollar 2.75.

Bemerkung 2.78

1. Die strikten Ungleichungen im Wurzel- und Quotientenkriterium kön-


nen nicht zu ≤ abgeschwächt werden. P∞ Als Beispiel betrachten wir
die divergente harmonische Reihe n=1
1
n und die konvergente Reihe
P∞ 1 √ an+1
n=1 n2 , für welche jeweils limn→∞
n a = lim
n n→∞ an = 1 gilt.

2. Der Beweis des Quotientenkriteriums zeigt, daß jede Reihe, auf die
das Quotientenkriterium anwendbar ist, auch mit dem Wurzelkrite-
rium untersucht werden kann, obgleich die Rechnung dann erheblich
komplizierter sein kann. Das Wurzelkriterium ist tatsächlich umfas-
sender als das Quotientenkriterium, wie die folgenden beiden Beispiele
zeigen:
P∞
3. Es sei n=1 an mit an =P 2−n , falls
P n−ngerade ist, und an = 3 ,
−n

falls n ungerade ist. Aus an < 2 folgt die Konvergenz der



Reihe. Es gilt lim n an = 12 < 1 und lim an+1 a2n
an = limn→∞ a2n−1 =

98
2.10 Absolute und bedingte Konvergenz von Reihen

2n−1
limn→∞ 3 22n = ∞. Das Wurzelkriterium deckt also im Gegensatz
zum Quotientenkriterium die Konvergenz der Reihe auf. Dies zeigt
auch, daß lim in 2.76-ii) nicht durch lim ersetzt werden kann. Man
beachte ferner
an+1 a2n+1 22n 1 2
lim = lim = lim 2n+1 = lim ( )2n = 0.
n→∞ an n→∞ a2n n→∞ 3 3 n→∞ 3

4. Es sei nun ∞ n=1 an mit an = 2 falls n gerade ist, und an = 2


n −n ,
P
falls n ungerade ist. Die Reihe ist natürlich divergent. Ferner gilt

lim n an = 2 und lim an+1 a2n+1
an = limn→∞ a2n = 0. Wiederum ist das
Wurzelkriterium erfolgreicher als das Quotientenkriterium. Ferner gilt

lim n an = 12 < 1. Gemeinsam mit der letzten Beobachtung in 3)
belegt dies, daß lim sup in 2.74-i und 2.76-i nicht durch lim ersetzt
werden kann.

Ehe wir den Unterschied zwischen absolut konvergenten Reihen und bedingt
konvergenten Reihen darlegen, bemerken wir, daß bei konvergenten Reihen die
Glieder beliebig durch Klammern zusammengefaßt werden können. Schon vor-
handene Klammerungen in einer konvergenten Reihe dürfen jedoch nur dann
weggelassen werden, wenn die entstehende Reihe wieder konvergiert. Das Weg-
lassen der Klammern in der konvergenten Reihe
P (1 − 1) +n+1
(1 − 1) + (1 − 1) + . . .
führt zum Beispiel auf die divergente Reihe ∞ n=1 (−1) . Durch das Setzen
von Klammern wird die Reihenfolge der Glieder der Reihe nicht verändert. Wir
untersuchen nun den Einfluß des Vertauschens von unendlich vielen Gliedern
auf die Summe der Reihe.

Definition 2.79
P∞
Es sei (an )n≥1 ⊆ C und σ : N+ P
→ N+ eine Bijektion. Die Reihe k=1 aσ(k)
heißt Umordnung der Reihe ∞ k=1 ak .

Beispiel 2.80. Wir betrachten folgende


P Umordnung der bedingt konvergenten
alternierenden harmonischen Reihe ∞ n=1 (−1)n+1 1 = α.
n


X 1 1 1 1 1 1 1 1 1
an = 1 − − + − − + − − + − ....
2 4 3 6 8 5 10 12 7
n=0

Das allgemeine Glied der Reihe ist gegeben durch

1
a3k = ,
2k + 1
1
a3k+1 =− , k = 0, 1, 2, . . .
4k + 2
1
a3k+2 =− .
4(k + 1)

(Der Einfachheit halber wurde mit der Indizierung der Reihe bei 0 begonnen.)

99
2 Folgen und Reihen

Wir betrachten die Partialsummen (k ≥ 1)


k−1
X
S3k−1 = (a3j + a3j+1 + a3j+2 )
j=0
k−1 k−1
X 1 1 1 1X 1 1
= ( − − )= ( − )
2j + 1 4j + 2 4(j + 1) 2 2j + 1 2(j + 1)
j=0 j=0
1 1 1 1 1
= (1 − + − + · · · − ).
2 2 3 4 2k
Daraus folgt limk→∞ S3k−1 = 21 α. Ferner gilt für alle k ≥ 1

1
S3k = S3k−1 + a3k = S3k−1 + ,
2k + 1
1 1
S3k+1 = S3k−1 + a3k + a3k+1 = S3k−1 + − ,
2k + 1 4k + 2
und somit auch limk→∞ S3k = limk→∞ S3k+1 = limk→∞ S3k−1 = 12 α. Wir erhal-
ten also, daß die umgeordnete Reihe nicht gegen α sondern gegen 21 α konvergiert.
Wir zeigen nun, daß die Summe einer absolut konvergenten Reihe unabhängig
ist von der Reihenfolge ihrer Glieder. Absolut konvergente Reihen verhalten sich
also sehr ähnlich den endlichen Summen.

Satz 2.81
P∞
Es sei (ak )k≥1 ⊆ C und
P∞die Reihe k=1 ak absolut konvergent. Dann ist
auch jede Umordnung k=1 aσ(k) absolut konvergent und es gilt

X ∞
X
aσ(k) = ak .
k=1 k=1

Pn Pn
Beweis. Wir verwenden folgende Bezeichnungen:
P∞ Sn = k=1 a k , U n = k=1 aσ(k) .
Wegen der absoluten Konvergenz von k=1 ak existiert nach Satz 2.56 zu jedem
ε > 0 ein Index N0 , sodaß

X
|ak | < ε
k=N0 +1

zutrifft. Zu N0 bestimmen wir einen weiteren Index K > N0 so, daß

{1, . . . , N0 } ⊆ {σ(1), σ(2), . . . , σ(K)}. (∗)

So ein K gibt es, da ja jedes der Elemente von {1,


 . . . , N0 } von der Form σ(k)
für genau ein k ist, und wir können zB K = max k ∈ N+ : σ(k) ∈ {1, . . . , N0 }
wählen. Wegen (∗) treten für alle n ≥ K die Zahlen a1 , . . . , aN0 sowohl in den
Partialsummen Sn als auch in Un auf und fallen aus der Differenz Sn − Un
heraus. Somit hat Sn − Un die Form

Sn − Un = δN0 +1 aN0 +1 + · · · + δN0 +p aN0 +p , δj ∈ {−1, 0, 1}

100
2.10 Absolute und bedingte Konvergenz von Reihen

für ein geeignet gewähltes p ∈ N+ . Dies hat für alle n ∈ N+ , n ≥ K,



X
|Sn − Un | ≤ |ak | < ε
k=N0 +1

zur Folge. Somit gilt limn (Sn − Un ) = 0 und die Folge (Un ) ist wegen Un =
Un − Sn + Sn konvergent mit

lim Un = lim(Sn − Un ) + lim Sn = lim Sn .


n n n n

Wir haben in Beispiel 2.80 bereits demonstriert, daß bedingt konvergente


Reihen sehr sensibel sein können in Bezug auf die Anordnung ihrer Glieder.
Wir werden zeigen, daß durch Umordnung die Konvergenz sogar zerstört werden
kann:

Satz 2.82: Umordnungssatz von Riemann

Es sei ∞
P
Zahlen und α, β ∈
n=1 an eine bedingt konvergente Reihe reeller P
R̄ : − ∞ ≤ α ≤ β ≤ ∞. Dann P gibt es eine Umordnung aσ(k) derart, daß
deren Partialsummen Sn = nk=1 aσ(k)

lim Sn = α und lim Sn = β


n→∞ n→∞

erfüllen.

Bemerkung 2.83

Insbesondere folgt, daß durch Umordnen einer bedingt konvergenten Reihe


deren Summe beliebig verändert werden kann. Wählt man α = β = ∞, gibt
es sogar eine Umordnung der Reihe, welche nach ∞ divergiert.

Beweis des Umordnungssatzes. Wir demonstrieren die Beweisidee an einer et-


was einfacheren Situation und zeigen: Für jedes ξ in R existiert eine Umordnung
der Reihe, welche gegen ξ konvergiert. Zunächst überlegen wir, daß beide Teil-
reihen, die entstehen, wenn man nur die positiven oder nur die negativen Glieder
berücksichtigt, divergieren. Für n ∈ N+ setzen wir
(
1 an falls an > 0
a+
n = (|an | + an ) =
2 0 falls an ≤ 0
(
1 0 falls an > 0
a−
n = (|an | − an ) =
2 −an falls an ≤ 0.

Es gilt dann an = aP + − a− und |a | = a+ + a− , a+ ≥ 0, a− ≥ 0. Wegen


n n n n n n n

der
P∞ +Konvergenz von
P∞ − n=1 a n und a n = a + − a− können die beiden Reihen
n n
n=1 an und n=1 an nur beide konvergieren oder beide divergieren. Wären

101
2 Folgen und Reihen

P∞
beide Reihen konvergent, dann müßte wegen |an | = a+ n + an die Reihe

n=1 an
absolut konvergieren. Es sei (pn ) ⊆ (an ) die Teilfolge der nichtnegativen Rei-
henglieder und (qn ) ⊆ (an ) die Teilfolge der Absolutbeträge der negativen Rei-
henglieder, genommen jeweils
Pin der Reihenfolge, in der sie in (an ) auftreten.
Beide Reihen ∞ und ∞
n=1 qn divergieren ebenfalls nach ∞ und es gilt
P
p
n=1 n
limn→∞ pn = limn→∞ qn = 0. Wir setzen k0 = m0 = 0 und bestimmen im ersten
Schritt die kleinsten natürlichen Zahlen m1 , k1 mit der Eigenschaft
m1
X m1
X k1
X
Sm1 = pj > ξ und Sm1 +k1 = pj − qj < ξ.
j=1 j=1 j=1

Wegen der Divergenz von pn und qn gibt es im zweiten Schritt kleinste


P P
Indizes m2 > m1 , k2 > k1 mit
m2
X m1
X k1
X m2
X
Sm2 +k1 = Sm1 +k1 + pj = pj − qj + pj > ξ,
j=m1 +1 j=1 j=1 j=m1 +1
k2
X m1
X k1
X m2
X k2
X
Sm2 +k2 = Sm2 +k1 − qj = pj − qj + pj − qj < ξ.
j=k1 +1 j=1 j=1 j=m1 +1 j=k1 +1

Es ist klar, daß durch dieses Verfahren eine Umordnung ∞ n=1 aσ(n) von
P P
an
bestimmt wird. Induktiv erhält man nämlich auf diese Weise strikt monoton
wachsende Folgen minimaler Indizes (mn )n≥1 , (kn )n≥1 sodaß im n-ten Schritt
gilt:
mn
X
Smn +kn−1 = Smn−1 +kn−1 + pj > ξ, (1)
j=mn−1 +1
kn
X
Smn +kn = Smn +kn−1 − qj < ξ (2)
j=kn−1 +1

Smn −1+kn−1 < ξ, Smn +kn −1 > ξ.

Somit folgt für alle n ∈ N+ :

|Smn +kn−1 − ξ| = Smn +kn−1 − ξ < Smn +kn−1 − Smn −1+kn−1 = pmn , (3)
|Smn +kn − ξ| = ξ − Smn +kn < Smn +kn −1 − Smn +kn = qkn . (4)

Aus den Abschätzungen

|Smn +kn−1 − ξ| ≤ pmn


|Smn +kn − ξ| ≤ qkn

folgt unmittelbar limn→∞ Smn +kn−1 = ξ und limn→∞ Smn +kn = ξ. Wir betrach-
ten nun Partialsummen S` mit einem beliebigen Index ` ∈ N+ . Es gibt eindeutig
bestimmte Indizes mn , kn mit n ∈ N0 , sodaß eine der beiden folgen Ungleichun-
gen zutrifft:

mn−1 + kn−1 ≤ ` < mn + kn−1

102
2.10 Absolute und bedingte Konvergenz von Reihen

oder
mn + kn−1 ≤ ` < mn + kn .
Für mn−1 + kn−1 ≤ ` < mn + kn−1 folgt wegen (1) Smn−1 +kn−1 ≤ S` < ξ und
aus (4)
−qkn−1 < Smn−1 +kn−1 − ξ ≤ S` − ξ < 0.
Ein analoges Argument ergibt für mn + kn−1 ≤ ` < mn + kn
0 < S` − ξ ≤ Smn +kn−1 − ξ ≤ pmn ,
also insgesamt
|S` − ξ| ≤ max{pmn , qkn−1 }.
Da (pn ), (qn ) Nullfolgen sind, folgt die Behauptung.

Korollar 2.84
P
Eine komplexe Reihe an ist genau dann absolut konvergent, wenn jede
ihrer Umordnungen gegen denselben Grenzwert konvergiert.

Beweis. „⇒“ Satz 2.81.


„⇐“ Wir zeigen: Ist die Reihe nicht absolut konvergent,
P∞ dann gibt es eine
P
an P
divergente Umordnung. Es sei also |aP
n | = ∞. Falls n=1 an divergiert, ist

nichts zu beweisen. Wir nehmen also an, n=1 an sei (bedingt) konvergent. Wir
setzen an = αn + iβn , αP n , βn ∈ R. Wegen P|a n | ≤ |αn | + |βn | muß mindestens
∞ ∞
eine
P∞ der beiden Reihen n=1 |αn | oder n=1 |βn | divergieren. Es gelte etwa

n=1 |βn | = ∞, dann ist bedingt konvergent. Nach Bemerkung 2.83
P
n=1 βn P

gibt
P∞ es eine divergente
P∞ Umordnung
P∞ n=1 βσ(n) . Dann kann aber auch die Reihe
n=1 aσ(n) = n=1 ασ(n) + i n=1 βσ(n) nicht konvergent sein.

Wir beenden diesen Abschnitt mit zwei weiteren Konvergenzkriterien. Dazu


benötigen wir folgendes Hilfsmittel:

Lemma 2.85: Abelsche partielle Summation


Pn
Es seien (an )n≥1 , (bn )n≥1 komplexe Folgen und Sn = k=1 ak , n ∈ N+ .
Für jedes n ∈ N+ gilt dann
n
X n
X
ak bk = Sk (bk − bk+1 ) + Sn bn+1 .
k=1 k=1

Beweis. Setzen wir S0 = 0, so gilt ak = Sk − Sk−1 für alle k ∈ N+ und somit


n
X n
X n
X n
X
ak bk = (Sk − Sk−1 )bk = Sk bk − Sk−1 bk
k=1 k=1 k=1 k=1
Xn n−1
X n−1
X
= Sk bk − Sk bk+1 = Sk (bk − bk+1 ) + Sn bn
k=1 k=0 k=1

103
2 Folgen und Reihen

Eine unmittelbare Folgerung ist

Lemma 2.86

= nk=1 ak für n ∈ N+ .
P
Es seien (an )n≥1 , (bn )n≥1 komplexe Folgen und Sn P

P∞ (Sn bn+1 )n≥1 und die Reihe n=1 Sn (bn − bn+1 ), so
Konvergieren die Folge
ist auch die Reihe n=1 an bn konvergent.

Satz 2.87: Abelsches Kriterium


P∞
Ist die komplexe Reihe n=1 an konvergent
P∞ und die reelle Folge (bn )n≥1
monoton und beschränkt, so konvergiert k=1 ak bk .

Beweis. Es gilt nk=1 (bk −bk+1 ) = b1 −bn+1 . Somit ist die Reihe ∞
P P
k=1 (bk −bk+1 )
konvergent und zwar sogar absolut konvergent, da für alle k ∈ N+ wegen der
Monotonie von (bP
n ) stets bk − bk+1 ≥ 0 oder stets bk −P bk+1 ≤ 0 gilt. Wegen der
Konvergenz von ∞ n=1 na ist die Folge (S )
n n≥1 , S n = n
k=1 ak beschränkt, d.h.
es gibt M > 0 sodaß |Sn | ≤ M für alle n ∈ N gilt. Daraus folgt mit
+


X ∞
X ∞
X
| Sk (bk − bk+1 )| ≤ |Sk ||bk − bk+1 | ≤ M |bk − bk+1 |
k=1 k=1 k=1
P∞
die absolute Konvergenz von k=1 Sk (bk − bk+1 ). Da auch (Sn bn+1 )n≥1 konver-
giert, folgt die Konvergenz mit Lemma 2.86.

Satz 2.88: Dirichlet Kriterium

Sind die Partialsummen der komplexen Reihe ∞


P
n=1 an beschränkt
P und strebt
die reelle Folge (bn )n≥1 monoton nach Null, so konvergiert ∞ n=1 an bn .

Beweis. Analog zu Beweis von Satz 2.87.

2.11 b-adische Entwicklung reeller Zahlen


In diesem Abschnitt soll die geläufige Darstellung reeller Zahlen begründet wer-
den. Beispielsweise bedeutet

123.456 = 1 · 102 + 2 · 101 + 3 · 100 + 4 · 10−1 + 5 · 10−2 + 6 · 10−3 .

Im alltäglichen Gebrauch wird als Basis der Zahlen 10 genommen, in der In-
formatik sind die Basen 2, 8, 16 nützlich. Allgemeiner betrachten wir daher
b-adische Entwicklungen (auch: b-adische Darstellungen) der Form

x = ±rn rn−1 . . . r0 ·b r−1 r−2 r−3 . . .

mit einer Basis b ∈ N+ , b ≥ 2 und Ziffern ri , 0 ≤ ri ≤ b−1. Im Fall b = 10 spricht


man von einer Dezimalentwicklung, b = 2 ergibt eine dyadische Entwicklung.
Es genügt, positive reelle Zahlen zu betrachten.

104
2.11 b-adische Entwicklung reeller Zahlen

Satz 2.89: Divisionssatz

Für alle n, b ∈ N+ gibt es eindeutig bestimmte Zahlen q, r ∈ N0 mit

1. n = qb + r,

2. 0 ≤ r < b.

Beweis. Wähle n, b ∈ N+ beliebig und setze q = b nb c, r̂ = nb −b nb c (Man erinnere


sich an das „größte Ganze“, Definition 1.48). Es folgt n = bq + br̂, weiters aus
Satz 1.47 q ∈ N0 und q ≤ nb < q + 1. Daraus folgt 0 ≤ n − qb < b. Somit haben q
und r = br̂ die geforderten Eigenschaften. Wir zeigen nun die Eindeutigkeit von
q und r. Angenommen es wäre auch n = q̃b + r̃, 0 ≤ r̃ < b und r̃ 6= r. O.B.d.A.
sei r̃ > r. Es folgt b(q − q̃) = r̃ − r > 0, somit muß q > q̃, also q − q̃ ∈ N+ gelten.
Wegen
r̃ = n − bq̃ = b(q − q̃) + r ≥ b(q − q̃) ≥ b
ergibt sich ein Widerspruch zu r̃ < b. Somit gilt r̃ = r und folglich auch q̃ =
q.

Satz 2.90

Es sei b ∈ N+ und b ≥ 2. Zu jeder Zahl n ∈ N+ gibt es genau ein p ∈ N0


und eindeutig bestimmte Zahlen r0 , . . . , rp ∈ N0 , mit

1. ∀i ∈ {0, . . . , p} : 0 ≤ ri < b,

2. rp ≥ 1,

3. n = pj=0 rj bj .
P

Beweis. Wir zeigen zuerst die Eindeutigkeit der Entwicklung von n. Es sei also
p
X q
X
n= rj bj = sj bj
j=0 j=0

und p 6= q, etwa p < q. Berücksichtigt man Lemma 1.61 und die Eigenschaften
von rj , sj erhält man
p
X p
X q
X
j j p+1 q q
n= rj b ≤ (b − 1) b =b − 1 < b ≤ sq b ≤ sj bj = n,
j=0 j=0 j=0

also n < n. Somit gilt p = q. Angenommen, es gäbe Indizes j mit sj 6= rj . Es


sei j ∗ der größte dieser Indizes und es gelte o.B.d.A. rj ∗ < sj ∗ . Subtrahiert man
die beiden Darstellungen für n, ergibt sich der Widerspruch
j ∗ −1
jX ∗
∗ ∗ ∗
X
j
0= (rj − sj )b ≤ (b − 1) bj + (rj ∗ − sj ∗ )bj ≤ (bj − 1) − bj = −1.
j=0 j=0

105
2 Folgen und Reihen

Also gilt rj = sj , j = 0, . . . , p.
Wir wenden uns nun der Existenz von p und ri zu. Dazu definieren wir rekursiv
zwei Folgen (qj )∞
j=0 , (r0 )j=1 , indem wir rekursiv den Divisionssatz anwenden:

n = r0 + bq0 , 0 ≤ r0 < b , (2.1)

und für j ∈ N+

qj−1 = rj + bqj , 0 ≤ rj < b. (2.2)

Wegen qj ≥ 0, j ∈ N0 , und b > 1 ergibt sich

qj−1 ≥ bqj > qj ,

falls qj > 0. Die Folge (qj ) ist demnach streng monoton fallend, solange qj > 0
zutrifft. Gibt es einen Index j ∗ mit qj ∗ = 0, folgt qj = rj = 0 für j > j ∗ .
Die Menge {qj : j ∈ N0 } ⊆ N0 ist nicht leer und besitzt daher ein minimales
Element, welches nach der vorausgehenden Überlegung notwendigerweise gleich
Null ist. Es sei p ∈ N0 der kleinste Index mit qp = 0. Im Fall p = 0 folgt aus
(2.1) die gewünschte Darstellung n = r0 = r0 b0 . Es sei nun p > 0. Setzt man
j = p in (2.2), erhält man qp−1 = rp . Wegen der Minimalität von p ist somit
rp 6= 0. Induktiv ergibt sich weiters aus (2.2)

n = r0 + bq0 = r0 + b(r1 + bq1 ) = r0 + br1 + b2 q1


j
X
= ··· = ri bi + qj bj+1 .
i=0

Wegen ri = qi = 0 für i ≥ p folgt die Behauptung mit j = p.

Natürlich hat auch 0 eine b-adische Darstellung: 0 = 0 · b0 = pj=0 0 · 0j mit


P
p = 0. Allerdings ist hier nicht rp ≥ 1.
Wir wenden uns nun der b-adischen Entwicklung von x ∈ [0, 1] zu.

Lemma 2.91

Es sei b ∈ N+ und b ≥ 2. Ferner sei (xj )∞


j=1 ⊆ N0 , 0 ≤ xj < b, j ∈ N .
+
P∞
Dann konvergiert die Reihe j=1 xj b−j gegen eine reelle Zahl x ∈ [0, 1].

Beweis. Die Behauptung folgt aus dem Vergleichskriterium Satz 2.64 und Satz
2.60
∞ ∞
X
−j
X b
0≤ xj b ≤ (b − 1) b−j = (b − 1)( − 1) = 1.
b−1
j=1 j=1

PDieses

Resultat zeigt, daß für x ∈ [0, 1] eine Darstellung der Form x =
−j nicht notwendigerweise nach endlich vielen Schritten abbrechen
x
j=1 j b

106
2.11 b-adische Entwicklung reeller Zahlen

muß. Eine solche Darstellung von x ∈ [0, 1] ist auch nicht immer eindeutig.
Man betrachte beispielsweise für b = 10 und x = 21 die Entwicklungen
(
1 0.5,
=
2 0.49999 · · · = 4 · 10−1 + 9 ∞ −j
P
j=2 10 .

Wir klären diesen Sachverhalt im folgenden Satz.

Satz 2.92

Es sei b ∈ N+ , b ≥ 2 und x ∈ R mit 0 < x ≤ 1.

1. Dann gibt es eine Folge (xj )∞ +


j=1 ⊆ N0 , 0 ≤ xj < b, j ∈ N , xj 6= 0
für unendlich viele j, mit

X
x= xj b−j .
j=1

2. Besitzt x eine weitere b-adische Entwicklung x = ∞ −j


P
j=1 yj b , xj 6= yj
für mindestens einen Index j, dann gibt es einen Index j ∗ derart, daß
a) yj = xj für 1 ≤ j < j ∗ (entfällt für j ∗ = 1)
b) yj ∗ = xj ∗ + 1,
c) xj = b − 1, yj = 0 für j > j ∗ .

3. Es existieren genau dann zwei verschiedene b-adische Entwicklungen,


∗ ∗
wenn es natürliche Zahlen a, j ∗ gibt mit a < bj und x = ab−j .

Beweis. (1) Wir legen x1 ∈ N0 durch die Bedingung

x1 < bx ≤ x1 + 1 (2.3)

fest. Sind x1 , . . . , xj bereits festgelegt, bestimmt man xj+1 ∈ N0 durch

j
X
xj+1 < b j+1
(x − xk b−k ) ≤ xj+1 + 1. (2.4)
k=1

Es folgt
j
X
0<x− xk b−k ≤ b−j−1 (xj+1 + 1) ≤ b−j , (2.5)
k=1

somit existiert der Grenzwert für j → ∞ und es gilt x = ∞ j=1 xj b . Wegen


−j
P
x ∈ (0, 1] folgt aus (2.3) x1 < b. Kombiniert man (2.4) und (2.5) erhält man
xj < b für j ≥ 2. Wegen der strikten Ungleichung in (2.5) kann es keinen Index
J geben mit xj = 0 P für j > J, also gilt xj 6= 0 für unendlich viele j.
(2) Es sei nun x = ∞ j=1 yj b
−j eine weitere b-adische Entwicklung von x und

107
2 Folgen und Reihen

es sei xj 6= yj für mindestens einen Index j. Es sei j ∗ der kleinste Index mit
xj ∗ 6= yj ∗ , also gilt (2a) und

X ∞
X
xj b−j = yj b−j . (2.6)
j=j ∗ j=j ∗

Nach (2.3) gibt es einen Index j > j ∗ mit xj 6= 0, somit folgt




X
xj ∗ b−j < xj b−j . (2.7)
j=j ∗

Kombiniert man die Abschätzung


∞ ∞
∗ ∗ ∗
X X
yj b−j ≤ yj ∗ b−j + (b − 1) b−j = yj ∗ b−j + b−j
j=j ∗ j=j ∗ +1

mit (2.6) und (2.7), ergibt sich


∞ ∞
−j ∗ ∗
X X
−j
xj ∗ b < xj b = yj b−j ≤ (yj ∗ + 1)b−j ,
j=j ∗ j=j ∗

also xj ∗ < yj ∗ + 1 und wegen xj ∗ 6= yj ∗ weiter

xj ∗ < yj ∗ .

Mit Hilfe dieser Ungleichung erhält man


∞ ∞
−j ∗
X X
−j
yj ∗ b ≤ yj b = xj b−j
j=j ∗ j=j ∗

∗ ∗ ∗
X
≤ xj ∗ b−j + (b − 1) b−j = (xj ∗ + 1)b−j ≤ yj ∗ b−j .
j=j ∗ +1

In dieser Abschätzung muß also an jeder Stelle Gleichheit herrschen. Somit folgt

yj ∗ = xj ∗ + 1,

∗ ∗
X
y j b−j = yj b−j , somit yj = 0 für j > j ∗ ,
j=j ∗
∞ ∞
−j ∗
X X
−j
xj b =x b j∗ + (b − 1) b−j , somit xj = b − 1 für j > j ∗ .
j=j ∗ j=j ∗ +1

(3) Wenn x eine weitere b-adische Entwicklung hat, wurde soeben gezeigt, daß

j ∗ j∗

j∗ ∗ −j
X X
−j
x= yj b , also b x = yj bj = a ∈ N+
j=1 j=1

108
2.11 b-adische Entwicklung reeller Zahlen

∗ ∗ ∗
gilt (man verifiziere a < bj ). Es sei nun umgekehrt x = ab−j , a < bj , a,
Pj ∗ −1
j ∗ ∈ N+ . Es sei a = k=0 rk bk die b-adische Entwicklung von a nach Satz 2.90.
P ∗ −1 ∗
Dann hat x die endliche Entwicklung jk=0 rk bk−j , aber auch die unendliche
Entwicklung
∗ −1
jX ∞
∗ ∗ ∗
X
rk bk−j + (r0 + 1)b−j − (b − 1) b−k−j .
k=1 k=0

Bemerkung 2.93

1. Die b-adische Entwicklung von x ∈ (0, 1] mit unendlich vielen von Null
verschiedenen Ziffern ist eindeutig. Es gibt höchstens eine weitere b-
adische Entwicklung.

2. Die eindeutig bestimmte b-adische Entwicklung einer irrationalen Zahl


hat stets unendlich viele von Null verschiedene Ziffern.

109
2 Folgen und Reihen

2.12 Potenzreihen
Definition 2.94

Es sei (an )n≥0 ⊆ C und z0 ∈ C. Die komplexe Reihe



X
an (z − z0 )n , z ∈ C,
n=0

heißt Potenzreihe mit Entwicklungszentrum z0 . Man nennt an , n ∈ N0 , den


n-ten Koeffizienten der Reihe.

Je nach Wahl von z ∈ C kann eine Potenzreihe entweder konvergieren oder


divergieren. Trivialerweise konvergiert sie immer für z = z0 . Allerdings sind die
Punkte, für welche eine Potenzreihe konvergiert, nicht regellos in der Gaußschen
Zahlenebene verteilt. Der folgende Satz zeigt nämlich, daß es zu jeder Potenz-
reihe einen Kreis mit Mittelpunkt z0 gibt, sodaß im Inneren dieses Kreises die
Potenzreihe konvergiert und im Äußeren divergiert:
Satz 2.95

Es sei ∞
P n
p
n
n=0 an (z − z0 ) eine Potenzreihe und ρ = lim supn→∞ |an |. Wir
+
definieren R ∈ R̄ durch
1
ρ
 für 0 < ρ < ∞,
R = ∞ für ρ = 0,

0 für ρ = ∞.

Die Potenzreihe konvergiert absolut für alle z ∈ C mit |z − z0 | < R und


divergiert für alle z ∈ C mit |z − z0 | > R.

Beweis. Nach dem Wurzelkriterium 2.74 konvergiert die Reihe ∞ n


P
n=0 an (z−z0 )
absolut, falls (vgl. Satz 2.36–(iv))
p p
lim sup n |an (z − z0 )n | = lim sup n |an | · |z − z0 | = ρ · |z − z0 | < 1
n→∞ n→∞

und divergiert, falls ρ|z − z0 | > 1. Ist die Folge ( n |an |) unbeschränkt, d.h.
p

ρ = ∞, kann somit die Potenzreihe für z ∈ C mit |z −z0 | > 0 nicht konvergieren,
ist andererseits ρ = 0, so ist die Bedingung ρ|z−z0 | < 1 für alle z ∈ C erfüllt. Gilt
ρ ∈ (0, ∞), dann konvergiert die Reihe absolut für alle z ∈ C mit |z−z0 | < ρ1 .

Definition 2.96

Es gelten die Bezeichnungen von Satz 2.95. Für R ∈ (0, ∞) nennt man
K(z0 , R) = {z ∈ C : |z − z0 | < R} Konvergenzkreis der Potenzreihe und R
ihren Konvergenzradius. Sind sämtliche Koeffizienten der Potenzreihe reell
und ist z0 ∈ R, so heißt K(z0 , R) ∩ R = (z0 − R, z0 + R) Konvergenzintervall
der (reellen) Potenzreihe.

110
2.12 Potenzreihen

P∞
Jede Potenzreihe
P∞ n=0 an (z − z0 ) mit Konvergenzkreis K(z0 , R) definiert
n

durch z 7→ n=0 an (z − z0 ) eine Abbildung f : K(z0 , R) → C, die eine Rei-


n

he außergewöhnlicher Eigenschaften aufweist. Wir werden diesen Aspekt von


Potenzreihen später ausführlich untersuchen. Hier beschränken wir uns auf den
Hinweis, daß die Potenzreihendarstellung einer Funktion f , falls sie existiert,
eine Möglichkeit bietet, Funktionswerte von f innerhalb des Konvergenzkreises
mit beliebiger Genauigkeit zu berechnen.

Es ist nicht immer notwendig, auf Satz 2.95 zur Berechnung des Konvergenz-
radius zurückzugreifen. Oft ist es einfacher, das Quotientenkriterium unmittel-
bar auf die Potenzreihe anzuwenden (man vergleiche in diesem Zusammenhang
auch Satz 2.37).
P∞ nn z n P∞
Beispiel 2.97. n=1 n! = n=1 cn . Die Anwendung des Quotientenkriteri-
ums ergibt
cn+1 (n + 1)n+1 z n+1 n! 1
= n n
= (1 + )n z,
cn n z (n + 1)! n
und mit Hilfe von Beispiel 2.21 folgt
cn+1
lim | | = e|z|.
n→∞ cn

Die Reihe konvergiert somit absolut für e|z| < 1, d.h. für |z| < 1e , und divergiert
für |z| > 1e . Der Konvergenzradius ist also R = 1e .

Die folgenden Beispiele zeigen, daß das Konvergenzverhalten von Potenzreihen


auf dem Rand des Konvergenzkreises sehr unterschiedlich sein kann.

Beispiel 2.98. 1) ∞ n=0 z , R = 1. Die Reihe divergiert in jedem Punkt mit


n
P
= 1, da die notwendige Konvergenzbedingung in Korollar 2.58 verletzt ist.
|z| P
zn
2) ∞ n=1 n(n+1) , R = 1. Die Reihe konvergiert (sogar absolut) in jedem Rand-
punkt von K(0, 1), denn für |z| = 1 ist ∞ n=1 n2 eine konvergente Majorante.
1
P
P∞ z n
3) n=1 n , R = 1. Von dieser Reihe kann man zeigen, daß sie in jedem Punkt
mit |z| = 1 und z 6= 1 bedingt konvergiert. Für z = −1 erhält man die Leibniz
Reihe.
4) P∞ n=1 n z , R = 0.
n n
P

5) n=0 n! z , R = ∞.
1 n

Satz 2.99: Eulersche Zahl e und Exponentialreihe

i) e = ∞ 1
P
k=0 k!

ii) e ist irrational.


Pn 1
iii) Der Fehler der rationalen Approximation Sn = k=0 k! , n ∈ N+ , ist
beschränkt durch
1
0 < e − Sn < .
n!n

111
2 Folgen und Reihen

Beweis. i) Wir erinnern daran, daß e in Beispiel 2.21 durch

1 n
e = lim (1 + ) = lim an
n→∞ n n→∞
P∞
definiert wurde. Nach Beispiel 2.98-5 existiert S = k=0 k! .
1
Mit Hilfe des
binomischen Lehrsatzes folgt für alle n ≥ 1
n k−1 n  k−1
X 1Y 1 X Y i  1
an = 1 + (n − i) k = 1 + 1−
k! n n k!
k=1 i=0 k=1 i=0
n
X 1
<1+ <S
k!
k=1

und daher auch


e = lim an ≤ S. (1)
n→∞

Zu beliebigem ε > 0 wählt man p ∈ N+ so, daß

S − ε < Sp . (2)

Für jedes n > p folgt aus der Monotonie der Folge (an )

n k−1 p k−1
X Y i 1 X Y i 1
e > an = 1 + (1 − ) >1+ (1 − ) .
n k! n k!
k=1 i=0 k=1 i=0

Man beachte, daß auf der rechten Seite dieser Abschätzung eine feste Anzahl von
Summanden steht. Man kann daher den Grenzübergang n → ∞ durchführen
und erhält
p
X 1
e≥1+ = Sp .
k!
k=1

Zusammen mit (1) und (2) ergibt sich daher für jedes ε > 0

S − ε < Sp ≤ e ≤ S,

d.h. S = e.
P∞
iii) Der Approximationsfehler 1
k=n+1 k! kann abgeschätzt werden durch

X 1 1 1 1 1
= ( + + + ...)
k! n! n + 1 (n + 1)(n + 2) (n + 1)(n + 2)(n + 3)
k=n+1
1 1 1 1 1 1 1 1
< ( + 2
+ 3
+ ...) = ( 1 − 1) = .
n! n + 1 (n + 1) (n + 1) n! 1 − n+1 n! n

Dies zeigt
1
0 < e − Sn <
n!n

112
2.13 Multiplikation von Reihen

ii) Wäre e rational, d.h. e = pq , mit p, q ∈ N+ , dann müßte auch

p 1
0< − Sq <
q q!q

bzw.
1
0 < p(q − 1)! − Sq q! <
≤1
q
gelten. Dann wäre p(q − 1)! − Sq q! = p(q − 1)! − qk=0 k!q!
eine natürliche Zahl,
P
welche in (0, 1) liegen müßte. Dies ist ein Widerspruch zu Satz 1.37.

Approximation der Eulerschen Zahl e = 2, 718281828459...


Pn 1
n en = k=0 k! e − en n en = (1 + n1 )n e − en
2 2.50000000 0.21828182 20 2.653 0.064
4 2.70833333 0.00994849 40 2.685 0.033
6 2.71805555 0.00022627 60 2.695 0.022
8 2.71827876 0.00000305 80 2.701 0.016
10 2.71828180 0.00000002 100 2.704 0.013

Diese Ergebnisse veranschaulichen die rasche Konvergenz der Potenzreihe und


die außerordentlich langsame Konvergenz der Folgenglieder an = (1 + n1 )n .

2.13 Multiplikation von Reihen


Ausgehend von zwei konvergenten Reihen ∞
P∞
n=0 an = α und n=0 bn = β kann
P
man versuchen, in Analogie zum Produkt von zwei endlichen Summen eine
Reihe bestehend aus allen möglichen Produkten ai bk zu bilden, deren Summe
gerade αβ ist. Im Hinblick auf den Riemannschen Umordnungssatz 2.82 ist nicht
von vorneherein klar, in welcher Weise die Produkte angeordnet werden sollen.
Wir betrachten eine spezielle Reihenfolge, welche durch die Multiplikation von
Potenzreihen motiviert ist:

X ∞
X
n
an z · bn z n = (a0 + a1 z + a2 z 2 + . . . )(b0 + b1 z + b2 z 2 + . . . )
n=0 n=0
= a0 b0 + (a0 b1 + a1 b0 )z + (a0 b2 + a1 b1 + a2 b0 )z 2 + . . .

Definition 2.100
P∞ P∞
Es seien
Pn n=0 a n , n=0 bn komplexe
P∞ Reihen. Für alle n ∈ N0 setzen wir
k=0 ak bn−k . Die Reihe n=0 cn heißt Cauchy-Produkt von an und
P
cP
n =
bn .

Wir zeigen zuerst, daß das Cauchy-Produkt konvergenter Reihen nicht immer
konvergiert.

113
2 Folgen und Reihen

P∞
Beispiel 2.101. Die Reihe n=0 (−1)
n√ 1
n+1
= 1− √12 + √13 −. . . ist konvergent
nach Satz 2.70. Das Cauchyprodukt von ( ∞ n √ 1 )2 hat die Glieder
P
n=0 (−1) n+1
n n
X
n
X 1 1
cn = ak bn−k = (−1) √ √ , n ∈ N0 .
k=0 k=0
k+1 n−k+1
Die Abschätzung
(n − k + 1)(k + 1) = nk + n − k 2 + 1
n n n
= ( + 1)2 − ( − k)2 ≤ ( + 1)2
2 2 2
zusammen mit
n
X 2 n+1
|cn | ≥ =2
n+2 n+2
k=0
zeigt, daß die notwendige Konvergenzbedingung Korollar 2.58 verletzt ist. Wir
bemerken, daß die Ausgangsreihe nicht absolut konvergiert.

Satz 2.102

Es seien ∞
P P∞
P∞n=0 bn komplexe konvergente Reihen mit den Grenz-
n=0 an und
P∞α und β und n=0 cn ihr Cauchy Produkt.
werten P∞ Ist die Konvergenz etwa
von n=1 an absolut, dann konvergiert auch n=0 cn und zwar gegen αβ.

Beweis. Für alle n ∈ N0 sei


n
X n
X n
X
An = ak , Bn = bk , Cn = ck , δn = Bn − β.
k=0 k=0 k=0

Wir formen Cn mittels Bn = δn + β folgendermaßen um


n
X n X
X k
Cn = ck = ai bk−i
k=0 k=0 i=0
Xn Xn n
X n−i
X n
X
= ai bk−i = ai bj = ai Bn−i
i=0 k=i i=0 j=0 i=0
Xn
= ai δn−i + βAn .
i=0
n
Wegen limn→∞ βAn = αβ genügt es, limn→∞ ai δn−i = 0 nachzuweisen. Da
P
i=0
(δn ) eine Nullfolge ist, kann man für jedes ε > 0 einen Index N ∈ N+ angeben,
sodaß |δn | < ε für alle n ∈ N+ mit n ≥ N gilt. Es folgt für n ≥ N
n
X n
X N
X n
X
| ai δn−i | = | an−j δj | ≤ | an−j δj | + | an−j δj |
i=0 j=0 j=0 j=N +1
N
X ∞
X
≤ |an−j ||δj | + ε |aj |.
j=0 j=0

114
2.14 Bonus: Doppelreihen

Da N ein fester Index ist, kann man den Grenzübergang n → ∞ durchführen


und erhält mit Satz 2.35
n
X N
X ∞
X
lim | ai δn−i | ≤ lim |an−i ||δi | + ε |aj |
n→∞ n→∞
i=0 i=0 j=0

X
=ε |aj |,
j=0

Pn
d.h. limn→∞ i=0 ai δn−i = 0.

Ohne Beweis teilen wir noch folgenden Satz von H. Abel mit (einen Beweis
findet man zB in [4, Theorem 3.51]).

Satz 2.103
P∞ P∞
n=0 an und n=0 bn seien komplexe konvergente Reihen, ferner sei ihr
P∞ ∞
P ∞
P P∞
Cauchyprodukt n=0 cn konvergent. Dann gilt cn = an bn .
n=0 n=0 n=0

2.14 Bonus: Doppelreihen

Definition 2.104

(xn,m )n,m≥1 ⊆ C sei eine Doppelfolge.

i) Sn,m = ni=1 m j=1 xi,j , n, m ∈ N heißt (n, m)-te Partialsumme.


+
P P
Die Doppelfolge (Sn,m )n,m≥1 ⊆ C heißt Doppelreihe, ∞ n,m=1 xn,m .
P

ii) Die Doppelreihe ∞ n,m=1 xn,m heißt konvergent gegen


P s genau dann,
P
wenn s = limn,m→∞ Sn,m . Man schreibt auch s = ∞ n,m=1 xn,m .
P∞
iii) Die Doppelreihe
P∞ n,m=1 x,nm heißt absolut konvergent genau
dann, wenn n,m=1 |xn,m | konvergent ist.

P∞
Die Doppelreihe n,m=1 xn,m konvergiert somit nach s genau dann, wenn
für jedes ε > 0 ein Index N gefunden werden kann, daß |Sn,m − s| < ε für
alle n, m ≥ N gilt. Die Resultate über Doppelfolgen übertragen sich somit
sinngemäß auf Doppelreihen. In diesem Abschnitt wollen wir uns allerdings auf
absolut konvergente Doppelreihen beschränken.

115
2 Folgen und Reihen

Lemma 2.105
P∞
Eine Doppelreihe i,j=1 zi,j ist absolut konvergent genau dann, wenn
n X
X m
{ |zi,j | : n, m ∈ N+ }
i=1 j=1

beschränkt ist.

Beweis. „⇐“ Es sei x = sup{ ni=1 m j=1 |zi,j | : n, m ∈ N } < ∞. Zu jedem


+
P P

ε > 0 gibt es (nε , mε ) ∈ N+ × N+ mit


nε X
X mε
x−ε< |zi,j |.
i=1 j=1

Setzt man N (ε) = max{nε , mε } folgt für alle n, m ≥ N


n X
X m n X
X m nε X
X mε
|x − |zi,j || = x − |zi,j | ≤ x − |zi,j | < ε,
i=1 j=1 i=1 j=1 i=1 j=1
P∞
d.h. i,j=1 zi,j ist absolut konvergent. Die Umkehrung ist offensichtlich.

P∞
Ähnlich wie bei Doppelfolgen,
P∞ P∞ kann man zu einer Doppelreihe n,m=1 zn,m
auch die iterierten ReihenP n=1P ( m=1 zn,m ) = limn→∞ (limm→∞ Sn,m ) (Reihe
der Zeilensummen) bzw. ∞ m=1 ( ∞
n=1 zn,m ) (Reihe der Spaltensummen) bilden.
Da letztere oft wesentlich einfacher zu berechnen sind, ergibt sich die Frage nach
ihrer Beziehung zur Doppelreihe.

Satz 2.106

Es
P∞sei P (an,m )n,m≥1 ⊆ P R+ . Konvergiert eine der beiden iterierten Reihen
∞ ∞ P∞
i=1 ( j=1 ai,j ) bzw. j=1 ( i=1 ai,j P
), dann sind sowohl die andere ite-
rierte Reihe, als auch die Doppelreihe ∞ i,j=1 ai,j konvergent und es gilt

∞ X
X ∞ ∞ X
X ∞ ∞
X
( ai,j ) = ( ai,j ) = ai,j .
i=1 j=1 j=1 i=1 i,j=1

P∞ P∞
Beweis. Es sei etwa die iterierte Reihe ai,j ) konvergent,
i=1 ( j=1 P d.h. es
n Pm
existiert S = limn→∞ (limm→∞ Sn,m ) mit Sn,m = i=1 j=1 ai,j . Für alle
n, m ∈ N gilt Sn,m ≤ limk→∞ Sn,k ≤ S. S ist daher eine obere Schranke
+

für A = P {Sn,m : n, m ∈ N+ }. Nach Lemma 2.105 konvergiert daher die Dop-


pelreihe ∞ i,j=1 ai,j gegen sup A. Aus der Ungleichung Sn,m ≤ sup A folgt aber
auch die Existenz von limn→∞ Snm (Monotoniekriterium) für alle m ∈ N+ . Die
Behauptung folgt nun aus Korollar 2.51

116
2.14 Bonus: Doppelreihen

Satz 2.107: Doppelreihensatz

Es seiP (an,m )n,m≥1 ⊆ P C. Konvergiert eine der beiden iterierten Reihen


P ∞ ∞ ∞ P∞
i=1 ( j=1 |ai,j |) bzw. j=1 ( i=1 |ai,j
P|), dann sind sowohl die andere ite-
rierte Reihe, als auch die Doppelreihe ∞ i,j=1 ai,j absolut konvergent und es
gilt
X∞ X ∞ ∞ X
X ∞ ∞
X
( ai,j ) = ( ai,j ) = ai,j
i=1 j=1 j=1 i=1 i,j=1

P∞ P∞
Beweis. Es sei z.B. die Reihe der Zeilensummen
P∞ i=1 ( j=1 |ai,j |) konvergent.
Nach Satz 2.106 ist die Doppelreihe i,j=1 ai,j absolut konvergent und es exis-
P∞ P∞
tiert auch j=1 ( i=1 |ai,j |). Somit sind auch für alle j ∈ N
+ die Reihen

i=1 ai,j absolut konvergent. Bezeichnet
Pn Pman mit Sn,m die (n, m)-te Partial-
P
m
summe der Doppelreihe, Sn,m = i=1 j=1 ai,j , n, m ∈ N , existieren der
+

Doppellimes limn,m→∞ Sn,m und für alle n, m ∈ N auch die einfachen Limiten
+

limj→∞ Sn,j und limi→∞ Sim . Die Behauptung folgt nun aus Korollar 2.51.

Satz 2.108

Es sei (an,m )n,m≥1 ⊆ C und die Doppelreihe ∞


P
n,m=1 an,m sei absolut kon-
vergent. Dann konvergieren auch die beiden iterierten Reihen absolut und
es gilt

X ∞ X
X ∞ X∞ X ∞
an,m = ( an,m ) = ( an,m ).
n,m=1 n=1 m=1 m=1 n=1

Beweis. Nach Lemma 2.105 gibt es k > 0, sodaß


n X
X m
∀n, m ∈ N+ : |ai,j | ≤ k
i=1 j=1

gilt. Daraus folgt für jedes n ∈ N+ auch ni=1 ∞ j=1 |ai,j | ≤ k und schließlich
P P
∞ ∞
Die Behauptung ergibt sich nun aus Satz 2.107.
P P
i=1 j=1 |ai,j | ≤ k.

Abschließend zeigen wir, daß die Summe einer absolut konvergenten Doppel-
reihe unabhängig ist von der Reihenfolge ihrer Glieder.

Definition 2.109

Es sei ∞ n,m=1 an,m eine komplexePDoppelreihe und ϕ : N+ → N+ × N+ eine


P
Bijektion. Dann heißt die Reihe ∞ k=1 aϕ(k) Anordnung der Doppelreihe
(in eine einfache Reihe).

117
2 Folgen und Reihen

Lemma 2.110

Es sei ∞
P
n,m=1 an,m eine konvergente reelle Doppelreihe mit nicht-negativen
Gliedern und ϕ : N+ → N+ × N+ eine Bijektion. Dann gilt

X ∞
X
an,m = aϕ(k) .
n,m=1 k=1

P∞ Pn Pm
Beweis. Es sei α = n,m=1 an,m = sup{ i=1 j=1 ai,j : n, m ∈ N } (vgl.
+

Lemma 2.105). Zu ε > 0 gibt es somit N1 , N2 (ε) ∈ N+ mit

N1 X
X N2
α−ε< ai,j ≤ α.
i=1 j=1

Da ϕ surjektiv ist, existiert K(ε) ∈ N+ mit

I (N1 (ε)) × I (N2 ) ⊆ ϕ I (K(ε)) .




(Zur Erinnerung: I (n) = {K ∈ N+ : 1 ≤ K ≤ n}). Wegen an,m ≥ 0, n, m ∈ N+ ,


ergibt sich
K(ε) N1 X
N2
X X
aϕ(k) ≥ ai,j .
k=1 i=1 j=1

Für alle k ≥ K(ε) gilt daher auch

N1 X
N2 K(ε) k
X X X
α−ε< ai,j ≤ aϕ(`) ≤ aϕ(`) ≤ α.
i=1 j=1 `=1 `=1

Satz 2.111
P∞
Es sei n,m=1 an,m eine komplexe, absolut konvergente Doppelreihe und
ϕ : N → N+ × N+ eine Bijektion. Dann gilt
+


X ∞
X
aϕ(k) = an,m .
k=1 n,m=1

Beweis. Nach 2.110 ist die Reihe ∞ k=1 aϕ(k) absolut konvergent. Es ist somit
P
P∞
nur
P∞ die Gleichheit der Limiten zu zeigen. Es sei α = n,m=1 an,m und s =
a
k=1 ϕ(k) . Zu ε > 0 existieren somit Indizes N und K(ε) mit
n X
m
+
X ε
∀n, m ∈ N : n ≥ N ∧ m ≥ N ⇒ ai,j − α <
3
i=1 j=1

118
2.14 Bonus: Doppelreihen

und
K(ε) ∞
X ε X ε
aϕ(`) − s < , |aϕ(`) | < .
3 3
`=1 `=K(ε)+1

Wir wählen nun N1 ∈ N+ so, daß N1 (ε) ≥ N und

ϕ(I (K(ε)) ⊆ I (N1 (ε)) × I (N1 (ε)).


PK(ε) PN1 PN1
Jeder Term der Summe `=1 aϕ(`) kommt dann auch als Summand in i=1 j=1 aij
vor. Somit gilt

N1 X
N1 K(ε) ∞
X X X ε
ai,j − aϕ(`) ≤ |aϕ(`) | < .
3
i=1 j=1 `=1 `=K(ε)+1

Daraus folgt schließlich


K(ε) K(ε) N1 X
N1
X X X
|s − α| ≤ s − aϕ(`) + aϕ(`) − aij
`=1 `=1 i=1 j=1
N1 X
N1
X ε ε ε
+ ai,j − α < + + = ε,
3 3 3
i=1 j=1

d.h. s = α.

In der Sprechweise der Definition 2.109 bedeutet der vorige Satz, daß man eine
absolut konvergente Doppelreihe auf beliebige Weise in eine einfache Reihe an-
ordnen kann und daß diese Reihe gegen die Summe der Doppelreihe konvergiert.
Ohne Beweis teilen wir noch folgenden Satz mit:

Satz 2.112

Es sei ∞
P
aϕ(k) eine beliebige Anordnung
k=1P P∞ (in eine einfache Reihe) einer

Doppelreihe i,j=1 ai,j . Ist
P die Reihe k=1 aϕ(k) absolut konvergent, dann
ist auch die Doppelreihe ∞ i,j=1 ai,j absolut konvergent und es gilt


X ∞
X
ai,j = aϕ(k) .
i,j=1 k=1

119
3 Reelle und komplexe Funktionen
3.1 Funktionenräume
Wir zeigen in diesem einleitenden Abschnitt, dass man auf der Menge aller
Funktionen mit einem gemeinsamen Definitionsbereich D natürliche algebrai-
sche Verknüpfungen definieren kann, sodass ein „Vektorraum“ bzw eine „Algebra“
von Funktionen entsteht1 .

Definition 3.1

Es sei K(+, ·) ein Körpera und D eine nicht-leere Menge.


Dann kann man die Rechenoperationen auf K wie folgt auf Funktionen
von D in K übertragen: Seien f, g : D → K zwei Funktionen. Dann definie-
ren wir f ⊕ g : D → K und f g : D → K durch

∀x ∈ D : (f ⊕ g)(x) := f (x) + g(x) und ∀x ∈ D : (f g)(x) := f (x) · g(x) .

Wir bezeichnen die Menge aller Funktionen vom D nach K durch F (D, K).
a
Bei uns ist immer K = R oder K = C, die Definition ist aber allgemein sinnvoll.

Wir bemerken, dass F (D, K), ⊕ eine abelsche Gruppe ist, wobei das neu-


trale Element die Nullfunktion 0D : D → K, 0D (x) = 0 und das zu f ∈ F (D, K)


inverse Element durch (−f ) : D → K, (−f )(x) = −f (x) gegeben ist. Es gibt ein
neutrales Element bezüglich , nämlich die Einsfunktion 1D : D → K, 1D (x) =
1, im allgemeinen gibt es aber kein inverses Element zu f bezüglich , selbst
wenn f 6= 0D . Wenn nämlich nur für ein x ∈ D gilt dass f (x) = 0, dann kann
es kein g ∈ F (D, K) geben mit f g = 1D , denn dann wäre 0 = 0 · g(x) =
f (x) · g(x) = 1D (x) = 1.
Damit ist (F (D, K), ⊕, ) kein Körper. Das Distributivgesetz gilt aber:

∀f, g, h ∈ (F (D, K : f (g ⊕ h) = (f g) ⊕ (f h),

und wir lassen wegen „Punkt vor Strich“ beim letzten Ausdruck üblicherweise
die Klammern weg.
Es ist zwar wichtig, die unterschiedliche Bedeutung der verschiedenen Ver-
knüpfungen zu verstehen. Im Folgenden werden wir aber dennoch auf die sym-
bolische Unterscheidung von + und ⊕ bzw. · und verzichten. Genauso werden
wir oft a ∈ K mit der Funktion, die konstant den Wert a hat, also a 1D ,
identifizieren. Damit ist für a ∈ K und f ∈ F (D, K) in unserer vereinfachten
Schreibweise (a · f )(x) = a(x) · f (x) = a · f (x).
1
Wir erwähnen diese Schlagworte nur zum Zweck der Quervernetzung, wir werden zumindest
in der Analysis I keine Sätze aus der linearen Algebra verwenden.

121
3 Reelle und komplexe Funktionen

Im folgenden wird die Voraussetzung D 6= ∅ nicht mehr explizit angeführt.


Im Kapitel 2 haben wir, unter Verwendung der neuen Notation, hauptsächlich
F (N, R) bzw F (N, C) studiert. In diesem Kapitel wird D in den meisten Fällen
ein Intervall in R sein.
Meist interessiert nicht der gesamte Raum F (D, V ), sondern es werden Funk-
tionen mit einer bestimmten, interessierenden Eigenschaft zusammengefaßt. Wen-
det man Definition 1.66 auf das Bild f (D) an, ergeben sich folgende Begriffe:

Definition 3.2

i) f ∈ F (D, R) heißt nach oben (unten) beschränkt :⇔

∃M ∈ R ∀x ∈ D : f (x) ≤ M ( bzw. f (x) ≥ M )

ii) f ∈ F (D, R) heißt beschränkt :⇔ ∃M > 0 ∀x ∈ D : |f (x)| ≤ M

B(D, R) := {f ∈ F (D, R) : f ist beschränkt}.

iii) Es sei f ∈ B(D, R),

sup f := sup{f (x) : x ∈ D},


inf f := inf{f (x) : x ∈ D}

„Beschränktheit“ ist auch für Funktionen in F (D, C) ein sinnvoller Be-


griff, und damit ist auch B(D, C) sinnvoll erklärt.

Satz 3.3

Sei K = R oder K = C. Für f, g ∈ B(D, K) ist f + g ∈ B(D, K) und


f · g ∈ B(D, K).

Beweis. Übung.

Lemma 3.4

Es seien f, g ∈ F (D, R) nach oben (unten) beschränkt. Dann ist auch f + g


nach oben (unten) beschränkt und es gilt

sup(f + g) ≤ sup f + sup g,


(inf f + inf g ≤ inf(f + g)).

Beweis. Da f und g nach oben beschränkt sind, existieren nach Satz 1.70 sup f
und sup g (beachte: f (D) 6= ∅, g(D) 6= ∅) und es gilt für alle x ∈ D : f (x) ≤ sup f
bzw. g(x) ≤ sup g. Somit folgt für x ∈ D auch (f + g)(x) = f (x) + g(x) ≤
sup f + sup g, d.h. sup f + sup g ist eine obere Schranke für (f + g)(D), also erst
recht sup(f + g) ≤ sup f + sup g.

122
3.1 Funktionenräume

Das Beispiel f (x) = x, g(x) = −x, x ∈ [0, 1], zeigt, dass in Lemma 3.4 auch die
strikte Ungleichung auftreten kann – im Gegensatz zum Supremum gewöhnlicher
Zahlenmengen (vgl. Satz 1.77). Dies liegt daran, dass auf der linken Seite der
Ungleichung die Funktionen f und g notwendigerweise an derselben Stelle x
ausgewertet werden, während auf der rechten Seite die Argumente von f und g
unabhängig voneinander gewählt werden können.

Definition 3.5: Einschränkung einer Funktion

Sei f : A → B eine Funktion und seien A1 ⊆ A, B1 ⊆ B.

1. Wir nennen die Funktion f |A1 : A1 → B mit ∀x ∈ A1 : f |A1 (x) = f (x)


die Einschränkung (engl. restriction) der Funktion f auf A1 ;

2. falls ∀x ∈ A : f (x) ∈ B1 , so nennen wir die Funktion g : A → B1


mit ∀x ∈ A : g(x) = f (x) die Werte-seitige Einschränkung von f mit
Wertemenge B1 ;

3. falls ∀x ∈ A1 : f (x) ∈ B1 , so nennen wir die Funktion h : A → B1


mit ∀x ∈ A1 : h(x) = f (x) die beidseitige Einschränkung von f mit
Definitionsbereich A1 und Wertemenge B1 .

Bemerkung 3.6

1. Die Einschränkung f |A1 einer Funktion f : A → B, sollte konsequen-


terweise Definitions-seitige Einschränkung heißen. Diese Bezeichnung
ist aber unüblich.

2. Die Einschränkung des Definitionsbereichs ist immer möglich, die Ein-


schränkung der Wertemenge nur dann, wenn danach noch immer jedes
Element des Definitionsbereichs auch ein Bild hat.

3. Seien X, Y beliebige Mengen und f : X → Y injektiv. Dann ist die


Werte-seitige Einschränkung von f auf f (X) eine bijektive Funktion.

Beispiel 3.7. Sei f : R → R definiert durch f (x) = x2 . Die Funktion ist weder
injektiv noch surjektiv (Übung). Die beidseitige Einschränkung g : [0, ∞) →
[0, ∞) von f ist aber wohldefiniert (für alle x ∈ [0, ∞) ist x2 ∈ [0, ∞)) und
bijektiv: Seien x1 , x2 ∈ [0, ∞) mit x1 6= x2 . O.B.d.A. ist x1 < x2 . Dann ist
x1 x2 < x22 wegen x2 ≥ 0 und x21 ≤ x1 x2 wegen x1 ≥ 0, insgesamt also x21 ≤
x1 x2 < x22 , und insbesondere g(x1 ) = x21 6= x22 = g(x2 ). g ist also injektiv.
Für y ∈ [0, ∞) gibt es laut Satz 1.93 genau ein x mit g(x) = x2 = y. g ist
also surjektiv.

Die mit der Beschränktheit zusammenhängenden Begriffe sind sinnvoll für


beliebige Definitionsbereiche. Ist auch der Definitionsbereich der Funktionen
eine Teilmenge von R, kann man Wachstumseigenschaften reeller Funktionen
betrachten, vgl Definition 1.30.

123
3 Reelle und komplexe Funktionen

Satz 3.8

Es sei f ∈ F (D, R), D ⊆ R, streng monoton. Sei g die Werte-seitige


Einschränkung von f auf f (D). Dann ist g bijektiv, die Umkehrfunktion
existiert und ist ebenfalls streng monoton im selben Sinn wie f .

Beweis. Sei f streng monoton wachsend. Wegen der in R geltenden Trichotomie


muß für x, y ∈ D, x 6= y, entweder x < y oder y < x gelten. Dies hat f (x) < f (y)
oder f (y) < f (x), bzw. f (x) 6= f (y) zur Folge. Somit ist f injektiv. Die Werte-
seitige Einschränkung g ist damit bijektiv und es existiert g −1 : f (D) → D.
Angenommen g −1 wäre nicht streng monoton wachsend, d.h.

∃y1 , y2 ∈ f (D) : y1 < y2 ∧ g −1 (y1 ) ≥ g −1 (y2 ).

Da g −1 (yi ) ∈ D, i = 1, 2, folgt aus der strengen Monotonie von f (bzw von g) die
Beziehung y2 = g(g −1 (y2 )) ≤ g(g −1 (y1 )) = y1 im Widerspruch zu y1 < y2 .

Allerdings ist die strenge Monotonie nur eine hinreichende Bedingung für
Injektivität:

Beispiel 3.9. Wir definieren f : [0, 1] → [0, 1] durch


(
x x ∈ Q ∩ [0, 1]
f (x) =
1 − x x ∈ [0, 1] \ Q.

Diese Funktion ist sogar bijektiv (zum Beweis betrachte √


man die Restriktionen
f |Q∩[0,1] und f |[0,1]\Q ), aber nicht monoton: Für 2 < 2 < 34 folgt f ( 12 ) = 12 >
1 2
√ √
2 3 2
f( 2 ), 4 = f ( 34 ) > f ( 2 ).

Wir merken an, dass die Teilmenge der monotonen Funktionen in F (D, R),
D ⊆ R, keinen „Untervektorraum“ von F (D, R) bilden, da f − g für mono-
ton steigende f, g nicht monoton sein muss. Ein wichtiges Beispiel monotoner
Funktionen in F (R, R) sind affine Funktionen f ∈ F (R, R)

x 7→ f (x) = α + βx, α, β ∈ R.

Ein anderer Name für diese Art von Funktionen ist Geradenfuktion. In der Schule
wird oft auch der Name „lineare Funktion“ verwendet, der aber für den Fall α = 0
reserviert ist. Bzw ist „lineare Funktion“ ein allgemeinerer Begriff der linearen
Algebra, von welchem f : R → R, f (x) = βx ein Spezialfall ist.
Die Untersuchung der Eigenschaften von Funktionen kann oft erheblich ver-
einfacht werden, wenn die Funktionen gewisse Symmetrien aufweisen.

Definition 3.10

Sei K = R oder K = C, und sei D eine symmetrische Teilmenge von K,


d.h. ∀x ∈ K : x ∈ D ⇔ −x ∈ D . Sei weiter f ∈ F (D, K).

124
3.1 Funktionenräume

i) f heißt gerade :⇔ ∀x ∈ D : f (−x) = f (x),

ii) f heißt ungerade :⇔ ∀x ∈ D : f (−x) = −f (x).

Eine ungerade Funktion nimmt an der Stelle x = 0 den Wert 0 an. Die Umkehr-
funktion einer ungeraden Funktion (falls sie existiert) ist ebenfalls ungerade.
Reelle Funktionen, also Funktionen in F (D, R) mit D ⊆ R kann man ver-
anschaulichen, indem man ihren Graph G(f ) als Punktmenge in R2 := R × R
skizziert. Der Graph einer geraden Funktion ist symmetrisch zur y-Achse, der
Graph einer ungeraden Funktion ist symmetrisch zum Koordinatenursprung.
Als Beispiel für eine gerade Funktion skizzieren wir den Graph der Betrags-
funktion

| · |: R → R
x 7→ |x|,

als Beispiel einer ungeraden Funktion skizzieren wir den Graph der Funktion
f : R → R, x 7→ x3 in Abbildung 3.1.

3.5
6

3
(x,f(x) )
4
2.5
(−x,f(x)) (x,f(x)) 2
2

1.5 0

1 −2

0.5
−4
(−x,−f(x))
0
−6
−0.5

−8
−3 −2 −1 0 1 2 3 −2 −1.5 −1 −0.5 0 0.5 1 1.5 2

Abbildung 3.1: Eine gerade (links) und eine ungerade (rechts) Funktion

Besitzt f eine Umkehrfunktion, sind der Graph von f und der Graph von f −1
verknüpft durch

G(f −1 ) = {(y, f −1 (y)) : y ∈ f (D)} = {(f (x), x) : x ∈ def f }


= {(y, x) : (x, y) ∈ G(f )}.

Man erhält also den Graph von f −1 aus dem Graph von f durch Spiegelung an
der „ersten Mediane“ {(x, y) ∈ R2 : x = y} in R2 (Abbildung 3.2).

125
3 Reelle und komplexe Funktionen

3.5
f
(x,f(x))
3

2.5

f−1
2

1.5
(f(x),x)

0.5

0
−0.5 0 0.5 1 1.5 2 2.5 3 3.5 4 4.5

Abbildung 3.2: Graph von f und f −1

3.2 Elementare Funktionen I


3.2.1 Potenzfunktion, Wurzelfunktion

Wir haben bereits im zweiten Kapitel Potenzen mit rationalem Exponenten


erklärt. Wir betrachten nun diese Operation unter einem abbildungstheoreti-
schen Blickwinkel und beschränken uns vorerst auf Exponenten aus N. Wir
erinnern an dieser Stelle daran, dass R+ := [0, ∞) und R− := (−∞, 0].

Satz 3.11: Potenzfunktion

Für n ∈ N hat die Potenzfunktion pn , erklärt durch

pn : R → R
x 7→ xn

folgende Eigenschaften.

1. Falls n gerade ist:


i) pn ist eine gerade Funktion,
ii) pn |R+ ist streng monoton wachsend, pn |R− ist streng monoton
fallend,
iii) pn (R) = R+ .

2. Falls n ungerade ist:


i) pn ist eine ungerade Funktion,
ii) pn ist streng monoton wachsend,
iii) pn (R) = R und pn (R+ ) = R+ .

Weiters gilt: Für jedes n ∈ N, x ∈ R, und jede Folge (xk )k∈N+ , welche nach
x konvergiert gilt limk→∞ pn (xk ) = pn (x).

126
3.2 Elementare Funktionen I

Beweis. Die Beziehung pn (−x) = (−1)n xn = (−1)n pn (x) (vgl. Satz 1.54) zeigt,
dass pn eine gerade Funktion ist für n gerade und eine ungerade Funktion für
n ungerade. Wegen Satz 1.54-2.)= ist pn |R+ für jedes n ∈ N streng monton
wachsend. Es sei nun x < y < 0, d.h. 0 < −y < −x. Somit folgt pn (−y) <
pn (−x), also gilt

pn (y) < pn (x) falls n gerade ist und (3.1)


−pn (y) < −pn (x), d.h. pn (x) < pn (y), falls n ungerade ist.

Nach Satz 1.93 besitzt die Gleichung y = xn für jedes y ∈ R+ eine eindeutige Lö-

sung in R+ , nämlich x = n y. Dies ist gleichwertig mit pn (R+ ) = R+ , n ∈ N. Die
Behauptung über pn (R) folgt aus der Betrachtung pn (R− ) = pn (R+ ) = R+ für
n gerade bzw. pn (R− ) = −pn (R+ ) = R− für n ungerade (hier ist mit −pn (R+ )
natürlich die Menge {−pn (x) : x ∈ R+ } = {−y : y ∈ pn (R+ )} gemeint). Die
letzte Behauptung folgt mit Induktion unmittelbar aus Satz 2.11.

Wir veranschaulichen die Potenzfunktion, indem wir die Graphen von pn ,


n = 2, 3, 4, 5 skizzieren (Abbildung 3.3).
16 8

14 6

12 4
n=2 n=4
10 2 n=3

8 0

6 −2

4 −4
n=5
2 −6

0 −8
−4 −3 −2 −1 0 1 2 3 4 −2 −1.5 −1 −0.5 0 0.5 1 1.5 2

Abbildung 3.3: Potenzfunktionen für gerade (links) und ungerade (rechts) Po-
tenzen

Es sei n gerade und gn ∈ F (R+ , R+ ) bezeichne die Abbildung pn |R+ . Das


eben Bewiesene und Satz 3.8 zeigen, dass gn eine Bijektion ist. Somit existiert
die Umkehrfunktion gn−1 ∈ F (R+ , R+ ). Für alle y ∈ R+ = gn (R+ ) ist die
Beziehung x = gn−1 (y) gleichwertig mit y = gn (x) = xn , mit Satz 1.93 folgt also

gn−1 (y) = n y. Es gilt gn−1 (R+ ) = R+ und da gn streng monoton wächst, ist auch
gn−1 streng monoton wachsend (Satz 3.8). Eine analoge Betrachtung gilt für n
ungerade und R anstelle von R+ . Wir fassen diese Diskussion zusammen in

Satz 3.12: Wurzelfunktion

Für n ∈ N wird die Wurzelfunktion wn , erklärt durch

wn : R + → R +

x 7→ n x.

127
3 Reelle und komplexe Funktionen

Sie hat folgende Eigenschaften:

i) wn ist streng monoton wachsend,

ii) wn (R+ ) = R+ .

iii) Für alle x ∈ R+ und alle Folgen (xk ) ⊆ R+ , welche nach x konver-
√ √
gieren, gilt limk→∞ n xk = n x.

Beweis. i) Satz 3.8. ii) Nach Satz 1.93 ist wn (R+ ) ⊆ R+ . Für y ∈ R+ ist

y = y, sodass wn (R+ ) ⊇ R+ .
n n

iii) Fall 1: x = 0. Es sei (xk ) ⊆ def wn eine Nullfolge. Zu ε > 0 bestimmen


wir Np (ε) so, dass 0 ≤ |xk | < εn für alle k ≥pN (ε) zutrifft. Wegen i) gilt dann
0 ≤ n
|xk | < ε, k ≥ N (ε), d.h. limk→∞ n |xk | = 0. Für n gerade ist die
Behauptung klar, da notwendigerweise xk ≥ 0 für k ∈ N gilt. Ist n ungerade,
zerlegen wir wie im Beweis zu Satz 2.82 die Folge (xk ) in ihren positiven und
− ±
negativen Anteil xk = x+ k − xqk , xk ≥ q0, für k ∈ N. Wegen der speziellen

±
Struktur von xk folgt n xk = n xk − n x−
+
k . Die Behauptung ergibt sich nun
q q
aus limk→∞ n x+ k = 0 = limk→∞
n
x−
k.
√ √
Fall 2: x > 0. Bezeichnen wir ξk = xk , ξ = n x, folgt mit Hilfe von Lemma
n

1.61
n−1
X
xk − x = ξkn n
− ξ = (ξk − ξ) ξki ξ n−1−i . (∗)
i=0

Die Abschätzung
n−1
X n−1
ξki ξ n−1−i ≥ ξ n−1 = x n

i=0

ergibt zusammen mit (∗)

√ √ n−1
| n xk − n x| = |ξk − ξ| ≤ x− n |xk − x|.

n−1
Wählen wir N (ε) zu ε > 0 so, dass |xk − x| < x n ε für alle k ≥ N (ε), dann
gilt
√ √
| n xk − n x| < ε, k ≥ N (ε),

√ √
d.h. limk→∞ n xk = n
x.

Wir skizzieren den Graph der Wurzelfunktionen w2 , w5 auf R+ (Abbildung


3.4).

128
3.2 Elementare Funktionen I

3.5

2.5

n=2
2

1.5

n=5

0.5

0
0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10

Abbildung 3.4: Wurzelfunktionen

Wir erweitern nun die Definition √ der Potenz auf beliebige reelle Exponenten:

Es liegt nahe,
√ z.B. dem Symbol 3 2 den Grenzwert der Folge 31 , 31.4 (= 5 37 ),

31.41 (= 3 ), 31.414 , . . . , als Wert zuzuweisen. Wir zeigen vorerst, dass diese
100 141

Vorgangsweise zumindest für rationale Exponenten gerechtfertigt ist:

Lemma 3.13

Es sei (rn )n∈N+ ⊆ Q, r ∈ Q und a > 0. Dann gilt

lim rn = r ⇒ lim arn = ar .


n→∞ n→∞

Beweis. Die Behauptung ist trivial für a = 1. Wir untersuchen zuerst den Fall
a > 1. Wegen arn = arn −r · ar genügt es

lim rn = 0 ⇒ lim arn = a0 = 1


n→∞ n→∞

zu beweisen. Es sei rn eine beliebige Nullfolge rationaler Zahlen. Nach Beispiel


1 1
2.8-iii) gilt limn→∞ a n = limn→∞ a− n = 1. Für beliebiges ε > 0 gibt es somit
1 1
m ∈ N mit |a m −1| < ε und |a− m −1| < ε. Ferner gibt es einen Index Nm , sodass
|rn | < m1
für alle n ≥ Nm zutrifft. Für n ≥ Nm folgen aus − m 1
< rn < m 1
mit
1 1
Satz 1.101 wegen a > 1 die Abschätzungen a −m
< a < a . Wegen der Wahl
rn m
1 1
von m gilt 1 − ε < a− m < arn < a m < 1 + ε für n ≥ Nm , dh. limn→∞ arn = 1.
Für a < 1 ergibt sich die Behauptung aus a1 > 1 und
!rn
1 1 1 1
lim arn = lim 1 = lim = = = ar .
n→∞ n→∞
a
n→∞ ( a1 )rn limn→∞ ( a1 )rn ( a1 )r

129
3 Reelle und komplexe Funktionen

Lemma 3.14

Für jedes ξ ∈ R gibt es eine Folge (rn )n∈N+ ⊆ Q mit limn→∞ rn = ξ. Die
approximierende Folge (rn ) kann monoton gewählt werden.

Beweis. Die erste Behauptung folgt aus Satz 1.75, indem man im dortigen Be-
weis x durch ξ − n1 und y durch ξ + n1 , n ∈ N, ersetzt. Für den zweiten Teil der
Behauptung bestimmen wir r1 , indem wir in Satz 1.75 x = ξ − 1 und y = ξ set-
zen und rn rekursiv, indem wir diesen Satz für n ≥ 2 mit x = max{rn−1 , ξ − n1 },
y = ξ anwenden. Auf diese Weise wird eine monoton wachsende Folgen ratio-
naler Zahlen rn mit limn→∞ rn = ξ erzeugt. Auf ähnliche Weise läßt sich eine
entsprechende monoton fallende Folge konstruieren.

Lemma 3.15

Es sei a > 0, ξ ∈ R \ Q und (rn ) eine monoton wachsende Folge mit


limn→∞ rn = ξ. Dann existiert η := limn arn und es ist η > 0.
Ist (sn ) eine weitere Folge mit limn→∞ sn = ξ, dann gilt limn asn = η.

Beweis. Wir betrachten zuerst den Fall a > 1. Nach Satz 1.101 ist die Folge
(arn ) monoton wachsend. Eine obere Schranke für die Folge (arn ) ist ar falls
a > 1, wobei r eine beliebige rationale Zahl ist mit ∀n ∈ N : rn ≤ r. Aufgrund des
Monotoniekriteriums Satz 2.18 ist die Folge (arn ) konvergent. Da (arn ) monoton
steigend ist und arn > 0 für jedes n, ist η = limn arn ≥ ar1 > 0.
Im Fall a < 1 argumentiert man analog damit, dass (arn ) monoton fallend
und nach unten beschränkt ist. Ist r eine untere Schranke von (rn ), dann gilt
für alle n ∈ N dass arn ≥ ar > 0 und damit η > 0.
Im Fall a = 1 ist arn = 1 für jedes n ∈ N und es ist weiter nichts zu zeigen.
Für eine beliebige Folge (sn )n∈N+ rationaler Zahlen mit limn→∞ sn = ξ ist
(sn −rn ) eine rationale Nullfolge und aus asn = asn −rn arn folgt mit Lemma 3.13
die Konvergenz von (asn ) und limn→∞ asn = limn→∞ arn .

Folgende Definition ist wegen Lemma 3.15 sinnvoll:

Definition 3.16

Es sei ξ ∈ R, a > 0 und (rn )n∈N+ ⊆ Q und limn→∞ rn = ξ. Wir definieren

aξ := lim arn .
n→∞

Für ξ > 0 setzen wir 0ξ := 0.

Wir bemerken, dass für ξ ∈ Q wegen Lemma 3.13 die neue Definition von aξ
mit der in Definition 1.98 getroffenen Vereinbarung übereinstimmt.
Wir zeigen nun, dass sich die Eigenschaften von Potenzen mit rationalen Ex-
ponenten auf Potenzen mit reellen Exponenten übertragen.

130
3.2 Elementare Funktionen I

Satz 3.17: Reelle Potenzen

Es seien a, b > 0 und ξ, η ∈ R. Dann gilt:

1. aξ+η = aξ aη ,

2. (ab)ξ = aξ bξ ,

3. (aξ )η = aξη ,

4. aξ 6= 0 und a−ξ = 1

= ( a1 )ξ ,

5. 0 < aξ < bξ für 0 < a < b und ξ > 0,


0 < bξ < aξ für 0 < a < b und ξ < 0,

6. aξ < aη für ξ < η und a > 1,

7. aη < aξ für ξ < η und 0 < a < 1.

Beweis. Es seien (rn )n∈N+ , (sn )n∈N+ ⊆ Q mit limn→∞ rn = ξ, limn→∞ sn = η.


(1),(2) Aus limn→∞ (rn + sn ) = ξ + η folgt mit Hilfe von Satz 1.99
aξ+η = lim arn +sn = lim arn asn = lim arn lim asn = aξ aη
n→∞ n→∞ n→∞ n→∞
(ab)ξ = lim (ab)rn = lim arn brn = lim arn lim brn = aξ bξ
n→∞ n→∞ n→∞ n→∞

(3) Der Beweis dieser Rechenregel wird nach Satz 3.18 nachgetragen.
(4) Dies ist eine Folge von (2): aξ a−ξ = aξ−ξ = a0 = 1. Insbesondere ist aξ 6= 0
für alle ξ ∈ R. Aus ( a1 )rn = ar1n folgt durch Grenzübergang a1ξ = ( a1 )ξ .
(5) Wegen Satz 1.100 ist arn > 0 und daher aξ = limn→∞ arn ≥ 0. Wegen der
vorausgehenden Bemerkung gilt sogar aξ > 0, ξ ∈ R. Die Ungleichung in (5) ist
daher gleichwertig mit ( ab )ξ > 1. Wegen α = ab > 1 genügt es, αξ > 1 für α > 1
zu nachzuweisen. Wir wählen r ∈ Q so, dass 0 < r < rn , n ∈ N. Aus Satz 1.101
und Satz 2.17 folgern wir 1 < αr < αrn und daher auch 1 < αr ≤ αξ .
(6) Es sei η − ξ > 0 und a > 1. Nach dem oben Gezeigten gilt daher aη−ξ > 1,
d.h. aη > aξ .
(7) Folgt aus a1 > 1 und ( a1 )ξ < ( a1 )η .

Satz 3.18

i) Es sei r ∈ Q, die Folge (xn )n≥1 ⊆ R+ konvergiere nach x ∈ R+ . Dann


gilt: limn→∞ xrn = xr (für x = 0 ist nur r > 0 zulässig).
ii) Es sei a > 0, die Folge (xn )n∈N+ ⊆ R konvergiere gegen x ∈ R. Dann
gilt: limn→∞ axn = ax .

Beweis. i) Es sei r = pq , p ∈ Z, q ∈ N. Es folgt


√ √
lim q xn = q x (Satz 3.12) und
n→∞
√ √
lim xrn = lim ( q xn )p = ( lim q xn )p = xr .
n→∞ n→∞ n→∞

131
3 Reelle und komplexe Funktionen

ii) Es genügt, die Behauptung für x = 0 zu zeigen. Es sei a > 1. Wie im Beweis
1
von Lemma 3.13 bestimmen wir zuerst m ∈ N zu ε > 0 so, dass 1 − ε < a− m ,
1
a m < 1 + ε, dann einen Index Nm derart, dass − m 1
< xn < m 1
für alle n ≥ Nm .
1 1
Satz 3.17-(6) führt auf 1 − ε < a−m
< a < a < 1 + ε, d.h. |axn − 1| < ε
x n m

für alle n ≥ Nm und somit limn→∞ axn = 1 falls limn→∞ xn = 0. Für a < 1
folgt die Behauptung aus axn = ( a1 )−xn und a1 > 1. Im Fall a = 1 ist nichts zu
beweisen.
Wir sind nun in der Lage, den Beweis der Regel für das Potenzieren von
Potenzen zu führen:
Beweis von Satz 3.17-(3). Aus Satz 1.99 schließen wir (arn )sk = arn sk . Wegen
limn→∞ arn = aξ folgt aus Satz 3.18-i) limn→∞ (arn )sk = (aξ )sk , aus limn→∞ rn sk =
ξsk ergibt sich andererseits limn→∞ arn sk = aξsk , was (aξ )sk = aξsk zur Folge
hat. Wendet man jetzt Satz 3.18-ii) an, ergibt sich
(aξ )η = lim (aξ )sk = lim aξsk = aξη .
k→∞ k→∞

Satz 3.19: Reelle Potenzfunktion

Für ρ ∈ R hat die Potenzfunktion pρ : (0, ∞) → (0, ∞), definiert durch


pρ (x) := xρ folgende Eigenschaften:

i) pρ (0, ∞) = (0, ∞) für ρ 6= 0.

ii) pρ ist streng monoton wachsend für ρ > 0 und streng monoton fallend
für ρ < 0.

iii) Für ρ = 0 ist pρ ≡ 1.

Beweis. Wir betrachten und beweisen nur die Aussagen für ρ 6= 0 und überlas-
sen wie anderen als leichte Übung.
1
Die Gleichung xρ = y besitzt für jedes
 y die eindeutige Lösung x = y , nach
ρ

Satz Satz 3.17-(3). Somit ist pρ (0, ∞) = (0, ∞). Die Monotonieeigenschaft für
ρ > 0 wurde bereits in Satz 3.17-(5) festgestellt. Für den Fall ρ < 0 beachte
man xρ = ( x1 )|ρ| .

3.2.2 Exponentialfunktion, Logarithmusfunktion

Satz 3.20: Exponentialfunktion

Für a ∈ (0, ∞) hat die Exponentialfunktion zur Basis a,

R→R
x 7→ ax

folgende Eigenschaften:

132
3.2 Elementare Funktionen I

i) ∀x, y ∈ R : ax+y = ax ay ,

ii) a0 = 1, a1 = a,
1
iii) ∀x ∈ R : ax > 0 und ax = a−x
,

iv) x → ax ist streng monoton wachsend für a > 1 und streng monoton
fallend für a < 1,

v) der Wertebereich der Exponentialfunktion ist (0, ∞) für a 6= 1.

Beweis. Die Aussagen i) – iv) folgen aus Satz 3.17. Wir beweisen v) für a > 1:
Es sei y > 0. Wegen limn→∞ a−n = 0 gibt es m ∈ N so, dass a−m ≤ min{y, y −1 }.
Somit gilt a−m ≤ y ≤ am . Wir setzen nun x1 = −m, y1 = m und führen fol-
gendes iterative Verfahren durch: am Ende des n–ten Schrittes sei ein Intervall
[xn , yn ] erzeugt worden mit y ∈ [axn , ayn ]. Im nächsten Schritt halbieren wir
dieses Intervall und setzen ξn = xn +y 2 . Wegen der Monotonie der Exponential-
n

funktion gilt a ≤ a ≤ a . Es sei nun [xn+1 , yn+1 ] das Teilintervall [xn , ξn ]


x n ξn y n

falls y ∈ [axn , aξn ), und [ξn , yn ] falls yn ∈ [aξn , ayn ]. Auf diese Weise erhält man
eine Folge abgeschlossener Intervalle [xn , yn ] ⊃ [xn+1 , yn+1 ] und nach Satz 1.78
genau eine reelle Zahl x mit limn→∞ xn = limn→∞ yn = x und axn ≤ y ≤ ayn .
Aus Satz 3.18 folgt durch Grenzübergang ax = y. Für 0 < a < 1 existiert nach
dem eben Bewiesenen genau ein x ∈ R mit ( a1 )x = a−x = y.

25 2

1.8
a=0.4
20 1.6

1.4

15 1.2

1
a=e
10 0.8 a=0.8

0.6

5 0.4
a=1.5
0.2

0 0
−1 −0.5 0 0.5 1 1.5 2 2.5 3 −3 −2 −1 0 1 2 3

x 7→ ax , a>1 x 7→ ax , a<1

Abbildung 3.5: Exponentialfunktionen

Jede Exponentialfunktion mit a 6= 1 ist also injektiv und ihre Werte-seitige


Einschränkung auf (0, ∞) besitzt daher eine Umkehrfunktion.

Satz 3.21: Logarithmusfunktion

Sei a ∈ (0, ∞), a 6= 1. Die Umkehrfunktion der Exponentialfunktion zur


Basis a (genauer: die der bijektiven Werte-seitigen Einschränkung), heißt

133
3 Reelle und komplexe Funktionen

Logarithmusfunktion zur Basis a, loga :

loga : (0, ∞) → R
y 7→ loga (y).

Den Wert der Logarithmusfunktion an der Stelle y, loga (y), nennt man
Logarithmus von y zur Basis a. Er ist bestimmt durch die Beziehung

x = loga (y) ⇔ y = ax .

Die Logarithmusfunktion hat folgende Eigenschaften:

i) ∀x, y ∈ (0, ∞) : loga (xy) = loga (x) + loga (y),

ii) ∀x ∈ (0, ∞) ∀ρ ∈ R : loga xρ = ρ loga (x),

iii) ∀a ∈ (0, ∞) \ {1} : loga (1) = 0, loga (a) = 1,



iv) loga (0, ∞) = R,

v) loga ist streng monoton steigend für a > 1 und streng monoton fallend
für 0 < a < 1.

Beweis. Ausgehend von der Identität ∀x ∈ (0, ∞) : x = aloga x schließt man

aloga (xy) = xy = aloga (x) aloga (y) = aloga (x)+loga (y) ,


ρ)
aloga (x = xρ = (aloga (x) )ρ = aρ loga (x) .

Wegen der Injektivität der Exponentialfunktion folgen die Behauptungen i) und


ii), iii) ergibt sich aus Satz 3.20-ii), iv) gilt, weil jede Exponentialfunktion auf
R definiert ist und v) ist eine Konsequenz aus Satz 3.8.

Bemerkung 3.22

Von besonderer Bedeutung ist die Logarithmusfunktion, deren Basis die


Eulersche Zahl e ist. Man nennt sie den natürlichen Logarithmus und be-
zeichnet sie meistens mit ln, manchmal auch einfach mit log.

3.2.3 Polynome, rationale Funktionen

Polynome stellen wichtige Funktionen in der Analysis dar. Sie werden z.B.
zur Approximation und Interpolation verwendet und stehen auch am Ausgangs-
punkt zur Theorie der Potenzreihen.

Definition 3.23

i) Eine Funktion f : C → C heißt Polynom :⇔ es gibt komplexe Zah-


len ai , i = 0, . . . , n, man nennt sie Koeffizienten, sodass f folgende

134
3.2 Elementare Funktionen I

Darstellung hat:
n
X
∀x ∈ C : f (x) = ak xk
k=0

ii) grad(f ) = max{i : ai 6= 0} heißt Grad des Polynoms.


iii) Sind alle Koeffizienten Null, so heißt f das Nullpolynom. Der Grad
des Nullpolynoms ist −∞.

iv) x0 ∈ C heißt Nullstelle von f , wenn f (x0 ) = 0.

Ein Polynom läßt sich häufig in sehr unterschiedlicher Weise darstellen, z.B.
ist f (x) = 1−2x2 +x4 = (x2 −1)2 = (x−1)2 (x+1)2 = (x2 −2x+1)(x2 +2x+1).
Wir werden jedoch zeigen, dass die in der obigen Definition angegebene spezielle
Darstellung eines Polynoms und damit auch sein Grad eindeutig bestimmt sind.
Dem Nullpolynom wird von anderen Autorinnen oder Autoren häufig kein Grad,
oder auch der Grad −1 zugewiesen.
Summen und Produkte von Polynomen sind wieder Polynome. Das Produkt
n m
der beiden Polynome f (x) = ak xk und g(x) = bk xk ist das Polynom
P P
k=0 k=0

m+n
X
(f g)(x) = ck xk
k=0
Xk
ck = ak−r br , k = 0, . . . , n + m,
r=0

wobei wir

ai = 0 für n + 1 ≤ i ≤ n + m und bj = 0 für m + 1 ≤ j ≤ n + m

gesetzt haben. Es gilt

grad(f g) = grad(f ) + grad(g),


grad(f + g) ≤ max{grad(f ), grad(g)}.

Satz 3.24: Divisionssatz

Es sei g 6= 0 ein Polynom. Jedes Polynom f läßt sich in der Form

f = qg + r, grad(r) < grad(g),

mit eindeutig bestimmten Polynomen q und r darstellen.

Beweis. Wir zeigen zuerst die Existenz einer derartigen Darstellung. Ist grad(f ) <
grad(g), schreiben wir f = 0 · g + f .
n m
Es sei nun f (x) = ak xk , g(x) = bk xk , mit n := grad(f ) ≥ m :=
P P
k=0 k=0
grad(g). Subtrahiert man von f das Polynom q0 g, wobei q0 (x) := an n−m
bm x ,

135
3 Reelle und komplexe Funktionen

erhält man ein Polynom r1 mit grad(r1 ) < n. Ist grad(r1 ) < m, ist die gesuchte
Zerlegung bereits gefunden: f = q0 g + r1 . Ist grad r1 ≥ m, subtrahiert man von
r1 ein entsprechendes Polynom q1 g, sodass für die Differenz r2 = r1 − q1 g die
Bedingung grad(r2 ) < grad(r1 ) zutrifft. Nach endlich vielen, etwa k Schritten,
wobei k ≤ n − m, gilt für das Differenzpolynom rk = rk−1 − qk−1 g schließlich
grad(rk ) < m. Die gewünschte Darstellung ergibt sich aus
k−1
X
f = q0 g + q1 g + . . . qk−1 g + rk = g qi + rk .
i=0

Angenommen, es gäbe eine weitere Darstellung f = q̃g + r̃ mit q̃ − q ist nicht das
Nullpolynom und grad(r̃) < grad(g). Durch Subtraktion ergibt sich (q̃ − q)g =
r−r̃. Wegen grad(q̃−q) ≥ 0 und grad(r−r̃) < m führt dies auf den Widerspruch

grad(r − r̃) = grad (q̃ − q)g = grad(q̃ − q) + grad(g) ≥ m.

Es ist also q̃ − q das Nullpolynom und daher auch r̃ − r.

Man sagt, g teilt f oder auch, g ist ein Teiler von f , wenn sich die Division
durch g „ausgeht“, dh. das Restpolynom r das Nullpolynom ist. Die Polynome
f und g heißen teilerfremd , wenn es kein Polynom h mit grad(h) ≥ 1 gibt, das
f und g teilt.
Dividiert man durch ein Polynom g vom Grad 1, g(x) = x − α, erhält man
f (x) = (x − α)q(x) + r1 (x) mit grad(r1 ) ≤ 0, dh. r1 ∈ C. Ist α eine Nullstelle
von f , muß r1 = 0 gelten. Diese Überlegung beweist

Lemma 3.25

Ist α ∈ C eine Nullstelle eines Polynoms f , so ist f durch g(x) := x − α


teilbar:
f (x) = (x − α)q(x), grad(q) = grad(f ) − 1.

Hat q ebenfalls eine Nullstelle, läßt sich ein weiterer, nicht notwendigerweise
von x − α verschiedener, „Linearfaktor“ abspalten. Wegen grad f = n kann man
höchstens n Linearfaktoren abtrennen. Somit gilt:

Korollar 3.26

Ein Polynom f 6= 0 vom Grade n hat höchstens n Nullstellen.

Der Fundamentalsatz der Algebra, den wir erst später beweisen werden, sagt
aus, dass ein Polynom vom Grade n ≥ 0 mit Koeffizienten in C genau n nicht
notwendigerweise verschiedene Nullstellen in C besitzt.
Der folgende Identitätssatz ist die theoretische Grundlage für die häufig ver-
wendete Methode des Koeffizientenvergleichs.

136
3.2 Elementare Funktionen I

Satz 3.27: Identitätssatz


n n
ak xk , g(x) = bk xk , an
P P
Stimmen die Werte zweier Polynome f (x) =
k=0 k=0
n + 1 verschiedenen Stellen überein, dann gilt ak = bk , k = 0, . . . , n, dh.
f = g.

Beweis. Der Grad des Differenzpolynoms f − g ist höchstens n, da es nach


Voraussetzung mindestens n + 1 Nullstellen hat, muß es nach Korollar 3.26 das
Nullpolynom sein.

Satz 3.28: Vieta

Sei f (x) = x2 + px + q mit p, q ∈ C und seien x1 , x2 die (nicht notwendig


verschiedenen) komplexen Nullstellen von f .
Dann ist f (x) = (x − x1 )(x − x2 ), p = −(x1 + x2 ), q = x1 x2 .

Beweis. Es ist (x − x1 )(x − x2 ) = x2 − (x1 + x2 )x + x1 x2 für jedes x ∈ C.


Wenn man in x1 + qx2 und x1 x2 die Werteq aus der Lösungsformel Satz 1.109
p2 p2
einsetzt, x1 = − p2 + 4 − q und x2 = − p2 − 4 − q, erhält man x1 + x2 = −p
und x1 x2 = q.
Alternativ können wir auch die vorangegangenen Resultate verwenden. Der
Beweis ist länger, aber dafür verwenden wir die Gestalt der Nullstellen nicht,
nur deren Existenz. x1 ist eine Nullstelle von f , somit ist f (x) = (x − x1 )f1 (x)
mit grad(f1 ) = 1. Damit ist f1 (x) = c1 x + c0 mit c1 6= 0 und α = − cc10 ist eine
Nullstelle von f1 , f1 (x) = c1 (x − α). Koeffizientenvergleich liefert c1 = 1, also
f1 (x) = x − α. Damit ist aber α auch Nullstelle von f . Da f maximal zwei
Nullstellen hat, ist α = x1 oder α = x2 . Im ersten Fall ist aber ebenfalls x2 = α,
da x2 eine Nullstelle ist, f aber nur die Nullstelle x1 hat.
In jedem Fall ist f (x) = (x − x1 )(x − x2 ), und x1 + x2 = −p und x1 x2 = q
ergibt sich durch Koeffizientenvergleich.

Wir haben den Identitätssatz formuliert für Polynome f, g mit gleicher Endpo-
tenz xn . Diese Form kann immer erreicht werden, indem man gegebenenfalls feh-
lende Potenzen mit Koeffizienten ak = 0 oder bk = 0 ergänzt (grad(f ) = grad(g)
wird ja nicht vorausgesetzt).

Definition 3.29

Es sei D ⊆ K und r ∈ F (D, K). r heißt rationale Funktion :⇔ es gibt


Polynome p, q : r = pq mit D ∩ {x ∈ K : q(x) = 0} = ∅.

Wenn q Teiler von p ist, stimmt nach Satz 3.24 die rationale Funktion r = pq
auf D mit einem Polynom überein. Beispielsweise gilt für x ∈ D = R \ {1, −1}

1 − x4
r(x) = = 1 + x2 .
1 − x2

137
3 Reelle und komplexe Funktionen

Die Funktionen K → K, x 7→ 1 + x2 und r sind aber wegen des verschiedenen


Definitionsbereiches zu unterscheiden.

3.3 Stetigkeit
Im folgenden ist K = R oder K = C. Für die Vorstellung ist es sicher besser, sich
zunächst auf K = R zu konzentrieren, es wäre aber langweilig, die Definitionen
zuerst für R zu präsentieren und für C zu wiederholen.
Definition 3.30

Es seien D, W ⊆ K, x0 ∈ D

1. f : D → W heißt stetig in x0 ∈ D :⇔

∀ε > 0 ∃δ > 0 ∀x ∈ D : |x − x0 | < δ ⇒ |f (x) − f (x0 )| < ε

2. f : D → W heißt stetig (auf D) :⇔

f ist stetig in jedem Punkt x ∈ D

3. C(D, K) := {f ∈ F (D, K) : f ist stetig }.

✻ .............
.......
...
f (x0 ) + ε .....
......
..
.......
.
...
.
. ...
f (x0 ) ...
..
....
...
.....
f (x0 ) − ε ..........
.
.....
..
...
. .......
........
...........


x0 − δ x0 x0 + δ

Abbildung 3.6: Illustration der ε-δ-Definition der Stetigkeit

Wir demonstrieren die Argumentation beim Nachweis der Stetigkeit an einem


einfachen Beispiel.
Beispiel 3.31. f : x 7→ x2 , x ∈ K, ist stetig auf K.
Beweis. Ausgangspunkt ist meist der Ausdruck |f (x) − f (x0 )|, den wir solange
umformen, bis sich eine Bedingung an |x − x0 | ablesen läßt:
|f (x) − f (x0 )| = |x2 − x20 | = |(x − x0 + x0 )2 − x20 |
= |x − x0 |2 + 2|x0 ||x − x0 |.

138
3.3 Stetigkeit

Da nur Argumente x von f mit |x − x0 | < δ von Interesse sind, ergibt sich die
Abschätzung
|f (x) − f (x0 )| < δ 2 + 2δ|x0 |.
Beschränkt man sich von vorneherein auf δ < 1 (genügt nämlich irgend ein δ0
den Bedingungen in Definition 3.30, dann ist erst recht jedes δ < δ0 zulässig),
erhält man endlich

|f (x) − f (x0 )| < δ(1 + 2|x0 |) ≤ ε,

wobei die letzte Ungleichung für


ε
δ≤
1 + 2|x0 |
gilt. Insgesamt ist somit in Definition Definition 3.30 jedes δ zulässig, welches
der Bedingung
ε
δ ≤ min{1, }
1 + 2|x0 |
genügt.

Anstatt die a priori Schranke δ < 1 einzuführen, wäre es auch möglich


gewesen,pfür δ die positive Lösung der Gleichung δ 2 + 2δ|x0 | = ε, dh. δ =
−|x0 | + x20 + ε, zu wählen (man beachte, δ 7→ δ 2 + 2δ|x0 | ist streng monoton
wachsend für δ > 0). Diese Wahl von δ führt auf die größte δ-Umgebung von
x0 , die mit Definition 3.30 verträglich ist.
Es ist klar, dass die Stetigkeit von f : D → W in x0 ∈ D die Stetigkeit in x0
jeder Einschränkung f |D̃ , D̃ ⊆ D, x0 ∈ D̃ nach sich zieht.

Definition 3.32

f : D → W heißt Lipschitz stetig

:⇔ ∃L ≥ 0 ∀x, y ∈ D : |f (x) − f (y)| ≤ L|x − y|.

Lemma 3.33

Lipschitz stetige Funktionen sind stetig.

Beweis. Für alle x0 ∈ D kann man zu ε > 0, δ = ε


L+1 in Definition 3.30
wählen.

Wir zeigen nun, dass die Stetigkeit auch mittels Folgen charakterisiert werden
kann:

Satz 3.34: Folgenkriterium für Stetigkeit

Folgende Aussagen sind äquivalent:


1) f : D → W ist stetig in x0 ∈ D.
2) Es gilt limn→∞ f (xn ) = f (x0 ) für jede Folge (xn ) ⊆ D, welche nach x0

139
3 Reelle und komplexe Funktionen

konvergiert.

Beweis. „1) ⇒ 2)“ Zu ε > 0 sei δ = δ > 0 so gewählt, dass aus |x − x0 | < δ
die Abschätzung |f (x) − f (x0 )| < ε folgt. Wegen limn→∞ xn = x0 gibt es einen
Index N , sodass |xn −x0 | < δ und somit auch |f (xn )−f (x0 )| < ε für alle n ≥ N
zutrifft.
„2) ⇒ 1)“ Wir führen den Beweis indirekt und nehmen an, f sei in x0 ∈ D nicht
stetig, dh.

∃ε0 > 0 : ∀δ : ∃x ∈ D : |x − x0 | < δ ∧ |f (x) − f (x0 )| ≥ ε0 .

Daraus folgt:
1
∃ε0 > 0 : ∀n ∈ N+ : ∃xn ∈ D : |xn − x0 | < ∧ |f (xn ) − f (x0 )| ≥ ε0 ,
n
man erhält also eine Folge (xn ) mit |xn − x0 | < n1 und |f (xn ) − f (x0 )| ≥ ε0 für
alle n ∈ N, dh. es gilt limn→∞ xn = x0 , aber f (xn ) 6→ f (x0 ).

Insbesondere ist also die Stetigkeit einer Abbildung f eine hinreichende Be-
dingung für die Vertauschbarkeit von Grenzübergang und Abbildung: Falls f
stetig ist und (xn ) konvergent ist, dann gilt

lim f (xn ) = f ( lim xn ).


n→∞ n→∞

Korollar 3.35: Unstetigkeitskriterium

f : D → W ist nicht stetig in x0 ∈ D genau dann, wenn es (mindestens)


eine Folge (xn ) ⊆ D gibt mit limn→∞ xn = x0 und f (xn ) 6→ f (x0 ).

Häufig treten zwei Situationen auf, welche die Unstetigkeit einer Funktion an
einer Stelle x0 ∈ D implizieren:

• Es existiert eine gegen x0 konvergierende Folge (xn ) ⊆ D mit limn→∞ f (xn ) 6=


f (x0 ).

• Es gibt zumindest zwei Folgen (xn ), (yn ) ⊆ D mit limn→∞ xn = limn→∞ yn =


x0 und limn→∞ f (xn ) 6= limn→∞ f (yn ).

Satz 3.36

Folgende Funktionen in F (D, R) sind stetig:


(1) konstante Funktion x 7→ a
(2) Potenzfunktion x 7→ xn , n ∈ N (Satz 3.11)

(3) Wurzelfunktion x 7→ n x, n ∈ N (Satz 3.12)
(4) Exponentialfunktion x 7→ ax , (Satz 3.18)
(5) Betragsfunktion x 7→ |x|, (Satz 1.27-d)

140
3.3 Stetigkeit

Beispiel 3.37. (Dirichlet Funktion) Die Funktion d : R → R mit


(
0 x∈Q
d(x) :=
1 x∈
/Q

d ist für alle x ∈ R unstetig, denn jede δ-Umgebung von x enthält sowohl
rationale als auch irrationale Zahlen.

Im folgenden Beispiel ist die Anschauung wenig hilfreich bei der Diskussion
der Stetigkeit und analytische Methoden sind unumgänglich:

Beispiel 3.38. Wir betrachten die Abbildung



R → R

f: x 7→ 0 x∈/Q
x = pq , p ∈ Z, q ∈ N, |p| + q minimal

x 7→ 1q

Wir betrachten zuerst eine rationale Stelle x0 = pq00 , mit |p0 | + q0 minimal, und

die Folge (xn ) ⊆ R \ Q, xn = x0 + n1 2, n ∈ N. Es ist limn→∞ xn = x0 , aber
limn→∞ f (xn ) = 0 6= q10 = f (x0 ), d.h. f ist an jeder rationalen Stelle unstetig.
Es sei nun x0 irrational, also f (x0 ) = 0. Zu ε > 0 wählen wir N so, dass
N < ε. Im Intervall (− N + x0 , N + x0 ) gibt es nur endlich viele rationale Zahlen
1 1 1
p
q , deren Nenner q kleiner ist als N . Wir wählen nun

p p 1
δ = min{|x0 − | : p ∈ Z, q ∈ N, q < N, |x0 − | < , |p| + q minimal}.
q q N

Der Nenner q jeder rationalen Zahl pq mit |x0 − pq | < δ muß also zwangsläufig
größer (mindestens gleich) N sein. Somit gilt auch
(
1
q < 1
N < ε für x = pq ,
|f (x) − f (x0 )| = |f (x)| =
0<ε für x ∈
/ Q.

Diese Funktion ist also an jeder irrationalen Stelle stetig. Die Abbildung dieses
Beispiels weist somit ein sehr komplexes Verhalten auf: sowohl die Menge der
Stetigkeitsstellen, als auch die Menge der Unstetigkeitsstellen liegen dicht in R!
Ein anderer Beweis der Stetigkeitseigenschaften dieses Beispiels kann auch auf
folgender Beobachtung aufgebaut werden:

141
3 Reelle und komplexe Funktionen

Lemma 3.39
pn
Es sei ξ ∈ R \ Q und (rn ) ⊆ Q mit rn = qn , pn ∈ Z, qn ∈ N. Dann gilt:

lim rn = ξ ⇒ lim qn = ∞ .
n→∞ n→∞

Beweis. Angenommen, limn qn 6= ∞, das heißt,

∃K ∈ (0, ∞) : ∀N ∈ N : ∃n ≥ N : n ≥ N ∧ qn < K .

Mit anderen Worten: (qn )n hat eine beschränkte Teilfolge. Dann hat diese Teil-
folge nach Satz 2.22 (Bolzano-Weierstrass) eine konvergente Teilfolge. OBdA ist
(qn )n selbst konvergent, und wir definieren q := limn qn .
Da qn ∈ N ist für alle n, muss q ∈ N und qn = q für alle hinreichend großen
n. Daraus folgt aber, dass (pn )n konvergent ist mit p := limn pn = ξq, und da
pn ganzzahlig ist, muss p ebenfalls ganzzahlig sein.
Daraus folgt aber ξ = pq mit p ∈ Z, q ∈ N+ , im Widerspruch zur Annahme
ξ ∈ R \ Q.

Satz 3.40

Es seien f, g ∈ F (D, K) stetig in x0 ∈ D und λ ∈ K. Dann sind auch die


Funktionen f + g, λf , f g und, falls ∀x ∈ D : g(x) 6= 0, auch fg stetig in x0 .

Beweis. Dies ergibt sich unmittelbar aus dem Folgenkriterium 3.34 und den
Rechenregeln für Grenzwerte Satz 2.11. Bei der Diskussion von fg beachte man,
dass aus g(x0 ) 6= 0 und der Stetigkeit von g an der Stelle x0 folgt, dass g sogar
in einer ganzen δ-Umgebung von x0 ungleich Null ist.

Natürlich kann man Satz 3.40 auch direkt mit der Definition, also ohne Fol-
genkriterium, beweisen.

Korollar 3.41

Polynome und rationale Funktionen sind stetig.

Satz 3.42

Es seien f : D → E, g : E → W , und x0 ∈ D. Ist f stetig in x0 , g stetig in


f (x0 ), dann ist g ◦ f stetig in x0 . Insbesondere ist somit die Verknüpfung
stetiger Funktionen stetig.

Beweis. Es sei (xn ) ⊆ D konvergent nach x0 . Es folgt limn→∞ f (xn ) = f (x0 )


und daher auch limn→∞ (g ◦ f )(xn ) = limn→∞ g(f (xn )) = g(f (x0 )) = (g ◦
f )(x0 ).

142
3.4 Zwischenwertsatz

Dieser Satz ermöglicht es, aus der bereits bewiesenen Stetigkeit elementarer
Funktionen auf die Stetigkeit auch komplizierter, zusammengesetzter Funktio-
nen zu schließen:

Beispiel 3.43. Wir betrachten die Funktion

1 p
n
f : [−1, ] → R , x → 1 − 2x − 3x2
3

n gerade. Es ist 1 − 2x − 3x2 = (1 + x)(1 − 3x) ≥ 0 ⇔ x ∈ [−1, 13 ], sodass die


Funktion also sinnvoll definiert ist.
f läßt sich auffassen als Komposition von g : [−1, 13 ] → R , x 7→ 1 − 2x − 3x2

und h : R+ → R , x 7→ n x. Aus der Stetigkeit von h und g, folgert man mit
Satz 3.42 die Stetigkeit von f .

Der Satz von der Stetigkeit der Verknüpfung stetiger Funktionen ist nicht
umkehrbar: Aus der Stetigkeit der Verknüpfung kann nicht auf die Stetigkeit
der Teilfunktionen geschlossen werden. Als Beispiel betrachtet man die zusam-
mengesetzte Funktion d ◦ d ≡ 0, wobei d die Dirichletfunktion aus Beispiel 3.37
bezeichnet.

3.4 Zwischenwertsatz
Im folgenden untersuchen wir reelle Funktionen, deren Definitionsbereich ein
Intervall ist. Wir beginnen mit einer Charakterisierung von Intervallen.

Satz 3.44

Es sei A ⊆ R und A 6= ∅. Äquivalent sind folgende Aussagen:

a) A ist ein Intervall.

b) Mit je zwei Punkten von A liegt auch deren Verbindungsstrecke in A,


d.h. ∀x, y ∈ A : x ≤ y ⇒ [x, y] ⊆ A.

Beweis. a ⇒ b trivial
b ⇒ a: Wir unterscheiden vier Fälle, je nachdem ob A nach unten oder nach
oben beschränkt ist oder ob dies nicht der Fall ist.
Fall 1: A ist beschränkt nach unten, unbeschränkt nach oben. Wir zeigen, dass
in diesem Falle A ein Intervall des Typs (α, ∞) oder [α, ∞) ist, α = inf A. Da
α eine untere Schranke von A ist, folgt A ⊆ [α, ∞). Die Behauptung folgt dann
aus der Inklusion (α, ∞) ⊆ A. Es sei also r ∈ (α, ∞) beliebig gewählt. Nach
Satz 1.69 (modifiziert für inf) gibt es ein a ∈ A mit α ≤ a < r. Andererseits ist
A nach oben unbeschränkt, somit gibt es b ∈ A mit r < b, also a < r < b. Aus
der Bedingung b) folgt [a, b] ⊆ A und somit a fortiori auch r ∈ A.
Fall 2: A ist beschränkt nach oben, unbeschränkt nach unten. Dies läßt sich
durch Übergang auf die Menge -A auf Fall 1 zurückführen.

143
3 Reelle und komplexe Funktionen

Fall 3: A ist beschränkt. Analog zum Fall 1 zeigt man, dass mit α := inf A und
β := sup A die Inklusionen
(α, β) ⊆ A ⊆ [α, β]
gelten. Somit ist A eines der Intervalle (α, β), (α, β], [α, β) oder [α, β].
Fall 4: A ist nach oben und unten unbeschränkt. Für alle r ∈ R gibt es dann
a, b ∈ A, a ≤ b, mit r ∈ [a, b] ⊆ A. Somit ist A = R.

Wir zeigen nun, dass eine stetige, reelle Funktion, die in den Endpunkten
eines abgeschlossenen Intervalles Werte verschiedenen Vorzeichens annimmt, in
diesem Intervall mindestens eine Nullstelle besitzt.
Satz 3.45

Es sei I = [a, b], −∞ < a < b < ∞, f ∈ C(I, R) und f (a)f (b) < 0. Dann
gibt es ein α ∈ (a, b) mit f (α) = 0.

Beweis. Wir nehmen an, es sei f (a) > 0 und f (b) < 0 (anderenfalls geht man
von f auf −f über). Die Menge A = {x ∈ [a, b] : f (x) ≥ 0} ist nicht leer (a ∈ A)
und beschränkt, somit existiert α = sup A. Es sei (xn )n≥1 ⊆ A eine Folge mit
limn→∞ xn = α, dann gilt α ∈ I. Das Supremum α liegt aber sogar in A. Aus
f (xn ) ≥ 0, n ∈ N, folgt nämlich mit Satz IV-2.15 und 3.34
f (α) = f ( lim xn ) = lim f (xn ) ≥ 0.
n→∞ n→∞

Wegen f (b) < 0 ist insbesondere α < b und f (y) < 0 für alle y ∈ (α, b]. Ist
daher (yn )n∈N+ ⊆ (α, b] eine Folge mit limn→∞ yn = α, muß notwendigerweise
auch f (α) = lim f (yn ) ≤ 0, insgesamt also f (α) = 0 gelten.

Wir erweitern nun die Anwendbarkeit dieses Satzes auf beliebige Intervalle.

Satz 3.46: Zwischenwertsatz

Es sei I ⊆ R ein Intervall und f ∈ C(I, R). Dann ist f (I) ein Intervall.

Beweis. Es sei x, y ∈ f (I), x < y. Nach Satz 3.44 genügt es, [x, y] ⊆ bild f
nachzuweisen. Zu diesem Zweck wählen wir k ∈ R mit x < k < y. Wegen
x, y ∈ f (I) gibt es a, b ∈ I mit x = f (a) und y = f (b). Da x 6= y und f eine
Funktion ist, gilt a 6= b. Wir bezeichnen nun mit J das abgeschlossene Intervall
mit den Endpunkten a und b. Da I ein Intervall ist, folgt J ⊆ I. Wir definieren
nun g ∈ F (J, R) durch (
J →R
g:
x 7→ f (x) − k.
Da f |J stetig ist, ist auch g stetig. Darüberhinaus erfüllt g die Bedingungen
g(a) = f (a) − k = x − k < 0,
g(b) = f (b) − k = y − k > 0.
Satz 3.45 sichert die Existenz von c ∈ J mit g(c) = 0. Das bedeutet aber
f (c) = k, dh. k ∈ f (I).

144
3.5 Stetigkeit auf einem abgeschlossenen, beschränkten Intervall

Es ist leicht, Beispiele zu finden, die belegen, dass man beim Zwischenwertsatz
weder auf die Stetigkeit von f , noch auf die Voraussetzung, dass I ein Intervall
ist, verzichten kann.

Korollar 3.47

Es sei I ⊆ R ein Intervall und f ∈ C(I, R). Für alle x ∈ I sei f (x) 6= 0.
Dann ist entweder f (I) ⊆ R+ \ {0} oder f (I) ⊂ R− \ {0}.

Beweis. Wir führen einen Widerspruchsbeweis: Es gelte also

f (I) ⊆ R \ {0} ∧ f (I) 6⊆ R+ \ {0} ∧ f (I) 6⊆ R− \ {0},

dh. es gibt a, b ∈ I mit f (a) < 0 und f (b) > 0. Nach dem Zwischenwertsatz wäre
0 ∈ f (I) im Widerspruch zu f (I) ⊆ R\{0}. Dies zeigt f (I) ⊆ R+ \{0}∪R− \{0}.
Da diese beiden Mengen disjunkt sind, folgt die Behauptung.

3.5 Stetige Funktionen auf einem abgeschlossenen,


beschränkten Intervall
Satz 3.48

Es sei I = [a, b], −∞ < a < b < ∞, und f ∈ C(I, R). Dann ist f (I) ein
abgeschlossenes, beschränktes Intervall.

Beweis. Wegen des Zwischenwertsatzes wissen wir bereits, dass f (I) ein Inter-
vall ist. Wir zeigen zuerst die Beschränktheit von A := {|f (x)| : x ∈ I}. Dies
hat die Beschränktheit von f (I) zur Folge. Angenommen, A wäre unbeschränkt,
dh. es existiert eine Folge (xn ) ⊆ I mit |f (xn )| > n für alle n ∈ N. Die Folge
(xn ) ist beschränkt und besitzt daher nach dem Satz von Bolzano Weierstrass
IV-2.22 eine konvergente Teilfolge (xϕ(n) )n≥1 . Es sei x = limn→∞ xϕ(n) . We-
gen a ≤ xϕ(n) ≤ b, n ∈ N, folgt a ≤ x ≤ b, dh. x ∈ I. Aus der Stetigkeit
von f ergibt sich dann f (x) = limn→∞ f (xϕ(n) ), dh. die Folge (f (xϕ(n) )) ist
konvergent, also notwendigerweise beschränkt. Das ist aber ein Widerspruch zu
|f (xϕ(n) )| > ϕ(n), n ∈ N, und limn→∞ ϕ(n) = ∞. Es sei α ∈ R etwa der
linke Randpunkt des Intervalls f (I), dh. α = inf f . Wir zeigen α ∈ f (I). Da-
zu wählen wir eine Folge (yn )n∈N+ ⊆ f (I) mit limn→∞ yn = α. Dadurch wird
eine weitere Folge (xn )n∈N+ ⊆ I mit f (xn ) = yn bestimmt. Wie im Nach-
weis der Beschränktheit von f (I) schließen wir auf die Existenz einer Teilfol-
ge (xϕ(n) ) mit x := limn→∞ xϕ(n) ∈ I. Aus f ∈ C(I, R) folgt dann wieder
α = limn→∞ yn = limn→∞ yϕ(n) = limn→∞ f (xϕ(n) ) = f (x), dh. α ∈ f (I).

145
3 Reelle und komplexe Funktionen

Definition 3.49

Es sei f ∈ F (D, R).

i) α ∈ R heißt Maximum von f auf D, max f , :⇔ α = max{f (D)},


f nimmt in x0 das Maximum an, wenn f (x0 ) = max f .

ii) β ∈ R heißt Minimum von f auf D, min f , :⇔ β = min{f (D)},


f nimmt in y0 das Minimum an, wenn f (y0 ) = min f .

Man nennt x0 bzw. y0 Maximal- bzw. Minimalstelle von f .

Korollar 3.50: Weierstrass

Eine stetige Funktion nimmt auf einem abgeschlossenen, beschränkten In-


tervall Maximum und Minimum an.

Beweis. Es sei f ∈ C(D, R) und [a, b] ⊆ D. Dann ist auch f |[a,b] stetig. Nach
Satz 3.48 ist f ([a, b]) = [m, M ] für passende m, M ∈ R, m ≤ M . Ist also
m = f (x0 ), M = f (x1 ), x0 , x1 ∈ [a, b], dann gilt für alle ξ ∈ [a, b] : f (x0 ) ≤
f (ξ) ≤ f (x1 ).

Korollar 3.51

Es sei a, b ∈ R, a < b und f ∈ C([a, b], R). Gilt f (x) > 0 für alle x ∈ [a, b],
dann gibt es eine Konstante m > 0, sodass f (x) ≥ m ist für alle x ∈ [a, b]
(man sagt „f ist von Null weg beschränkt “).

Beweis. Es ist f ([a, b]) = [m, M ] = [f (x1 ), f (x2 )] für geeignete x1 , x2 ∈ [a, b].
Nach Voraussetzung ist f (x1 ) = m > 0.

3.6 Monotonie und Stetigkeit


Die Charakterisierung des Bildbereiches einer stetigen monotonen Funktion auf
einem Intervall ist besonders einfach.

Satz 3.52

Es sei I ⊆ R ein Intervall mit den Randpunkten a = inf I und b = sup I


und f ∈ C(I, R) monoton. Dann ist f (I) ein Intervall mit den Randpunkten
α = inf f und β = sup f . Ist f sogar streng monoton wachsend, dann sind
I und f (I) Intervalle vom selben Typ, also

α ∈ f (I) ⇔ a ∈ I und β ∈ f (I) ⇔ b ∈ I.

Eine analoge Aussage gilt für streng monoton fallende Funktionen.

146
3.6 Monotonie und Stetigkeit

Beweis. Da f stetig ist, ist f (I) ein Intervall (Zwischenwertsatz). Der weitere
Beweis verläuft vollkommen analog zum Beweis von Satz 3.44: Man weist die
Inklusion (α, β) ⊆ f (I) ⊆ [α, β] nach (mit geeigneten Modifikationen falls α, β ∈
R̄). Es sei nun f streng monoton wachsend und f (I) links abgeschlossen, dh.
α = inf f ∈ f (I). Somit gibt es ein a ∈ I mit f (a) = α. Wegen der Injektivität
von f folgt
∀y ∈ I : y 6= a ⇒ f (y) > f (a),
und da f −1 ebenfalls streng monoton wächst ergibt sich

∀y ∈ I : y 6= a ⇒ y > a, dh. a = min I.

I ist somit links abgeschlossen. Umgekehrt setzen wir nun diese Eigenschaft für
I voraus, dh. a = min I. Somit gilt f (x) ≥ f (a) für alle x ∈ I, dh. f (I) ist
links abgeschlossen. Die Behauptung, dass die rechten Randpunkte von f (I)
und I beide entweder zu f (I) bzw. I gehören oder nicht, kann analog bewiesen
werden.

Satz 3.53

Es sei D ⊆ R und f ∈ F (D, R) monoton. Ist f (D) ein Intervall, dann ist
f stetig.

Beweis. O.B.d.A sei f monoton wachsend. Wir führen einen Widerspruchsbe-


weis und nehmen daher an, dass zwar f (D) ein Intervall ist, es aber eine Stelle
x0 ∈ D gibt, an der f nicht stetig ist, dh. es gibt eine Folge (xn ) ⊆ D mit

lim xn = x0 und f (xn ) 6→ f (x0 ).


n→∞

Es existiert daher ε0 > 0, sodass für alle N ∈ N+ : ∃n ≥ N : |f (xn )−f (x0 )| > ε0
(warum darf man „>“ behaupten?). Es gibt also eine Teilfolge (xϕ(n) ) von (xn ),
die einer der beiden Bedingungen

f (xϕ(n) ) < f (x0 ) − ε0 < f (x0 ) oder f (x0 ) < f (x0 ) + ε0 < f (xϕ(n) ), n ∈ N,

genügt. Es sei z.B. die zweite erfüllt. Da f (D) ein Intervall ist, muß [f (x0 ), f (xϕ(1) )] ⊆
f (D) und daher erst recht f (x0 ) + ε0 ∈ f (D) gelten. Es gibt also ξ ∈ D mit
f (x0 ) + ε0 = f (ξ). Aus f (x0 ) < f (ξ) < f (xϕ(n) ), n ∈ N, folgert man wegen der
Monotonie von f , dass x0 < ξ < xϕ(n) , n ∈ N, zutreffen muß, also gilt auch
x0 < ξ ≤ lim xϕ(n) = x0 , ein Widerspruch.

Satz 3.8 zeigt, dass die strenge Monotonie einer Funktion hinreichend (we-
gen Beispiel 3.9 aber nicht notwendig) ist für deren Injektivität. Im Raum der
stetigen Funktionen auf einem Intervall ist diese Bedingung sogar notwendig.

Lemma 3.54

Es sei I = [a, b], −∞ < a < b < ∞. Jede stetige, injektive Abbildung
f : I → R ist streng monoton.

147
3 Reelle und komplexe Funktionen

Beweis. Wegen der Injektivität von f ist f (a) 6= f (b). Wir nehmen an, es sei
f (a) < f (b) (anderenfalls ersetzt man f durch −f ).
1. Schritt: f (a) < f (x) < f (b) für alle x ∈ (a, b). Angenommen, es gäbe ein
ξ ∈ (a, b) mit f (ξ) ≤ f (a) oder f (ξ) ≥ f (b). Wir betrachten zuerst den Fall
f (ξ) ≤ f (a). Da f injektiv ist und ξ > a, muß f (ξ) < f (a) gelten. Somit ist
f (a) ein Zwischenwert der stetigen Funktion f |[ξ,b] . Der Zwischenwertsatz für
f |[ξ,b] sichert die Existenz von η ∈ (ξ, b) mit f (η) = f (a). Wegen a < ξ < η
ergibt sich ein Widerspruch zur Injektivität von f , es muß also f (a) < f (x) für
alle x ∈ (a, b) gelten. Analog schließt man die Möglichkeit f (ξ) ≥ f (b) aus.
2. Schritt: x < y ⇒ f (x) < f (y) für alle x, y ∈ [a, b]. Die Behauptung ist wahr
für x = a, y = b. Sie ergibt sich in den Fällen x = a < y < b, a < x < y = b
aus Schritt 1. Schließlich sei a < x < y < b. Für das Tripel a < y < b folgt mit
Schritt 1: f (a) < f (y) < f (b). Ersetzt man somit in Schritt 1 f durch die stetige
Funktion f˜ := f |[a,y] folgt aus a < x < y die Ungleichung f˜(a) < f˜(x) < f˜(y),
dh. f (a) < f (x) < f (y).

Wir erweitern nun den Gültigkeitsbereich dieses Ergebnisses auf beliebige


Intervalle:

Satz 3.55

Es sei I ⊆ R ein Intervall. Jede stetige, injektive Abbildung f : I → R ist


streng monoton.

Beweis. Es sei r, s ∈ I : r < s und o.B.d.A f (r) < f (s) und somit f nach
Lemma 3.54) streng monoton steigend auf [r, s]. Es sei nun x, y ∈ I und x < y
Dann ist f auf [min{r, x}, max{s, y}] streng monoton steigend und somit f (x) <
f (y).

Im Raum der stetigen Funktionen, deren Definitionsbereich ein Intervall ist,


sind die injektiven Funktionen also genau die streng monotonen. Es ist nahelie-
gend, die Stetigkeit der Umkehrfunktion zu untersuchen. Es ist ein überraschen-
des Resultat, dass in diesem Falle die Stetigkeit von f −1 automatisch gesichert
ist (unabhängig von der Stetigkeit von f ).

Satz 3.56: Satz von der Umkehrfunktion

Es sei I ⊆ R ein Intervall und f : I → J streng monoton und surjektiv.


Dann existiert die Umkehrfunktion f −1 : J → I, f −1 ist streng monoton
(im selben Sinne wie f ) und stetig.

Beweis. Satz 3.8, 3.53.

148
3.6 Monotonie und Stetigkeit

Korollar 3.57

Die Logarithmusfunktionen und somit auch die allgemeinen Potenzfunktio-


nen sind stetig.

Oft findet man eine schwächere Formulierung des Umkehrsatzes.

Satz 3.58

Es seien I, J ⊆ R Intervalle und f : I → J bijektiv. Dann ist f −1 stetig.

Beweis. Satz 3.55, 3.56.

Der Satz von der Umkehrfunktion zeigt, dass einzig der Umstand, dass der
Definitionsbereich von f kein Intervall ist, verhindern kann, dass die Umkehr-
funktion einer streng monotonen Funktion stetig ist.
Beispiel 3.59. Sei D = [0, 1) ∪ [2, 4] und f : D → [0, 1) ∪ [1, 2]
(
x, x ∈ [0, 1),
f (x) = 1
2 x, x ∈ [2, 4],
(
x, x ∈ [0, 1),
f −1 (x) =
2x, x ∈ [1, 2].

4
2.5

3.5

2
3

1.5
2.5

1 2

1.5
0.5

0
0.5

−0.5
0
0 0.5 1 1.5 2 2.5 3 3.5 4 −1.5 −1 −0.5 0 0.5 1 1.5 2 2.5 3 3.5

Graph von f Graph von f −1

Abbildung 3.7: Eine streng monotone, stetige Funktion auf einer unzusammen-
hängenden Menge, und ihre Umkehrfunktion, deren Definitions-
bereich zusammenhängend ist

Die Bedingung „der Definitionsbereich von f ist ein Intervall“ ist jedoch keines-
wegs notwendig für die Stetigkeit von f −1 : Wir ändern Beispiel 3.59 geringfügig
ab: ( (
x, x ∈ [0, 1), x, x ∈ [0, 1),
f (x) = 1
f −1 (x) =
1 + 2 x, x ∈ [2, 4], 2x − 2, x ∈ [2, 3].
Man beachte, dass f −1 (x) stetig ist und streng monoton wächst.

149
3 Reelle und komplexe Funktionen

4
3

3.5

2.5

2
2.5

1.5 2

1.5
1

0.5
0.5

0
0
0 0.5 1 1.5 2 2.5 3 3.5 4 −1 −0.5 0 0.5 1 1.5 2 2.5 3 3.5 4

Graph von f Graph von f −1

Abbildung 3.8: Eine streng monotone, stetige Funktion auf einer unzusammen-
hängender Menge, und ihre Umkehrfunktion, deren Definitions-
bereich ebenfalls unzusammenhängend ist

3.7 Grenzwerte von Funktionen


In diesem Abschnitt präzisieren wir die Vorstellung, dass die Funktionswerte
einer Abbildung f einem Wert F „beliebig“ nahekommen, wenn das Argument
x gegen eine feste Stelle x0 rückt. Dazu benötigen wir den Begriff des Häufungs-
punktes einer Menge.

Definition 3.60

D ⊆ K, D 6= ∅.

x0 ∈ K heißt Häufungspunkt von D :⇔ ∀ε > 0 ∃x ∈ D : 0 < |x − x0 | < ε.

Ein Häufungspunkt x0 von D ist also dadurch charakterisiert, dass in jeder


ε-Umgebung von x0 ein von x0 verschiedenes Element von D liegt. Läßt man ε
eine Nullfolge durchlaufen, ergibt sich eine weitere Charakterisierung.

Lemma 3.61

D ⊆ K, D 6= ∅. x0 ∈ K ist ein Häufungspunkt von D genau dann, wenn es


eine Folge (xn ) ⊆ D \ {x0 } gibt, die gegen x0 konvergiert.

Ein Häufungspunkt einer Menge muß selbst nicht in dieser Menge liegen: z.B.
ist x = 0 Häufungspunkt von (0, 1]. Jeder Punkt eines Intervalles I, das zumin-
dest zwei verschiedene Elemente enthält, ist ein Häufungspunkt von I. Eine end-
liche Menge besitzt keine Häufungspunkte. Der Grenzwert einer konvergenten
Folge (xn ) ist nicht automatisch zugleich ein Häufungspunkt der Folge. Man be-
trachte etwa eine Folge (xn ) mit xn = a, n ∈ N, und beachte {xn : n ∈ N} = {a}.
Zur Unterscheidung bezeichnet man in der Literatur oft Elemente ξ ∈ K, wel-
che als Grenzwert einer konvergenten Teilfolge einer Folge (xn ) möglich sind,

150
3.7 Grenzwerte von Funktionen

als Häufungswerte der Folge (xn ). Sind unendlich viele Glieder einer derartigen
Teilfolge von ξ verschieden, dann ist ξ natürlich auch ein Häufungspunkt von
(xn ) (genauer: von {xn : n ∈ N}).
Wir betrachten nun die beiden Abbildungen f, g ∈ F (R \ {0}, R), f (x) = |x| ,
x
3
x
g(x) = |x| und versuchen das qualitativ verschiedene Verhalten von f und g an
der Ausnahmestelle x0 = 0 zu beschreiben. Man beachte, dass die Ausnahme-
stelle ein Häufungspunkt des Definitionsbereiches von f bzw. g ist.

Definition 3.62

Es sei D ⊆ K, ferner sei x0 ∈ K ein Häufungspunkt von D und f ∈


F (D, K).

(i) F ∈ K heißt Grenzwert von f an der Stelle x0 ∈ K (f (x) konvergiert


nach F für x gegen x0 ), F = limx→x0 f (x) :⇔
∀ε > 0 : ∃δ > 0 : ∀x ∈ D : 0 < |x − x0 | < δ ⇒ |f (x) − F | < ε.

Für reelle Funktionen, K = R, definieren wir auch einseitige Grenz-


werte:

(ii) L ∈ R heißt linksseitiger Grenzwert von f an der Stelle x0 ∈ R,


L = limx→x− f (x) :⇔ ∀ε > 0 : ∃δ > 0 : ∀x ∈ D : 0 < x0 − x < δ ⇒
0
|f (x) − L| < ε,

(iii) R ∈ R heißt rechtsseitiger Grenzwert von f an der Stelle x0 ∈ R,


R = limx→x+ f (x) :⇔ ∀ε > 0 : ∃δ > 0 : ∀x ∈ D : 0 < x − x0 < δ ⇒
0
|f (x) − R| < ε,

Es existieren auch die alternativen Schreibweisen für einseitige Grenzwerte:


f (x0 −) := f (x−
0 ) := limx→x0 − f (x) := limx↑x0 f (x) := limx→x− f (x), f (x0 +) :=
0
f (x+
0 ) := limx↓x0 f (x) := limx→x0 + f (x) := limx→x+ f (x).
0
Formal ist die auch die Aussage limx→a− f (x) = L für f : (a, b) wahr, und
zwar für jedes L. Interessantes lässt sich daraus natürlich nicht schließen-
Wie in Satz 2.5 weist man die Eindeutigkeit dieser Grenzwerte nach (außer in
dem eben beschriebenen uninteressanten Fall). Man beachte, dass es in dieser
Definition vollkommen bedeutungslos ist, ob f an der Stelle x0 definiert ist.
Wenn x0 in D liegt, dann spielt der Funktionswert f (x0 ) keine Rolle bei der
Berechnung des (einseitigen) Grenzwertes. Leicht rechnet man nach, dass im
vorigen Beispiel limx→0+ f (x) = 1, limx→0− f (x) = −1 und limx→0+ g(x) =
limx→0− g(x) = 0 ist. Wir wären zu demselben Ergebnis gelangt, hätte man
z.B. f (0) = 0 und g(0) = 1 vereinbart.
Man kann die eben eingeführten Grenzwerte einer Funktion auch durch Folgen
charakterisieren (für einseitige Grenzwerte beschränken wir uns auf K = R).

151
3 Reelle und komplexe Funktionen

Satz 3.63

Es sei D ⊆ K, f ∈ F (D, K) und x0 ∈ K ein Häufungspunkt von D.

1. Es ist F = limx→x0 f (x) genau dann, wenn für jede Folge (xn ) ⊆
D \ {x0 } gilt limn→∞ xn = x0 ⇒ limn→∞ f (xn ) = F .

2. Im Fall K = R gilt ferner, dass L = limx→x− f (x) genau dann, wenn


0
für jede Folge (xn ) ⊆ D ∩ (−∞, x0 ) gilt

lim xn = x0 ⇒ lim f (xn ) = L


n→∞ n→∞

und R = limx→x+ f (x genau dann, wenn für jede Folge (xn ) ⊆ D ∩


0
(x0 , ∞) gilt
lim xn = x0 ⇒ lim f (xn ) = R .
n→∞ n→∞

Beweis. Man vergleiche den Beweis zu Satz 3.34

Lemma 3.64

Es sei D ⊆ R, f ∈ F (D, R) und x0 ∈ R ein Häufungspunkt von D. Äqui-


valent sind:

1. Es existiert limx→x0 f (x).

2. Es existieren der rechts– und linksseitige Grenzwert und sie sind gleich,

d.h. f (x+
0 ) = f (x0 ).

Beweis. „⇒“ Es seien (xn ) ⊆ D ∩ (−∞, x0 ) und (yn ) ⊆ D ∩ (x0 , ∞) konvergente


Folgen mit xn → x0 und yn → x0 . Nach Voraussetzung gibt es ein F ∈ R mit
F = limn→∞ f (xn ) = limn→∞ f (yn ) (Satz 3.63).
„⇐“ Es bezeichne F den gemeinsamen Wert des links- und rechtsseitigen Grenz-
wertes von f und (xn ) ⊆ D \ {x0 } eine beliebige nach x0 konvergierenden Folge.
Sind nur endlich viele Glieder dieser Folge kleiner bzw. größer als x0 , folgt unmit-
telbar limn→∞ f (xn ) = F . Sind unendlich viele Glieder der Folge (xn ) kleiner
und unendlich viele größer als x0 bildet man die beiden Teilfolgen (xϕ(n) ) ⊂
(xn ), (xψ(n) ) ⊆ (xn ), in welche genau die Folgenglieder mit xϕ(n) < x0 bzw.
xψ(n) > x0 aufgenommen werden. Wegen limn→∞ xϕ(n) = limn→∞ xψ(n) = x0
folgt aus der Voraussetzung somit limn→∞ f (xϕ(n) ) = limn→∞ f (xψ(n) ) = F
und daraus auch die Konvergenz von (f (xn )).

Wie bei Folgen kann man die bloße Existenz eines (einseitigen) Grenzwertes
einer Funktion feststellen, ohne bereits seinen Wert vermuten zu müssen. Wir
beschränken uns auf den Grenzwert und überlassen die notwendigen Modifika-
tionen für einseitige Grenzwerte dem Leser. Wir erinnern an die Schreibweise
Uδ (x0 ) = {x ∈ R : |x − x0 | < δ}.

152
3.7 Grenzwerte von Funktionen

Satz 3.65: Cauchykriterium

Es sei D ⊆ K, f ∈ F (D, K) und x0 ∈ K ein Häufungspunkt von D.


Die Funktion f ∈ F (D, R) hat in x0 genau dann einen Grenzwert, wenn
folgendes gilt:

∀ε > 0∃δ > 0∀x, x̃ ∈ D : x, x̃ ∈ Uδ (x0 ) \ {x0 } ⇒ |f (x) − f (x̃)| < ε. (∗)

Beweis. „⇒“ Man kopiere den Beweis von Satz 2.24.


„⇐“ Es sei (xn ) ⊆ D konvergent gegen x0 . Zu ε > 0 sei δ = δ(ε) durch die
Cauchy Bedingung (∗) festgelegt. Wegen limn→∞ xn = x0 gibt es einen Index
Nδ , sodass xn ∈ Uδ (x0 ) für alle n ≥ Nδ zutrifft. Somit gilt nach (∗) auch
|f (xn ) − f (xm )| < ε für alle n, m ≥ Nδ , dh. (f (xn )) ist eine Cauchy Folge und
besitzt daher einen Grenzwert F , der allerdings noch von der Wahl der Folge
(xn ) abhängen könnte. Wir zeigen jedoch: F ist der Grenzwert von f an der
Stelle x0 . Für x ∈ Uδ (x0 ) \ {x0 } ergibt sich nämlich wieder mit (∗)

|f (x) − F | ≤ |f (x) − f (xNδ )| + |f (xNδ ) − F | ≤ ε + ε = 2ε.

Ohne Beweis teilen wir mit, dass für das Rechnen mit Grenzwerten bzw.
einseitigen Grenzwerten von Funktionen Rechenregeln gelten, die analog sind
den Regeln für stetige Funktionen:
Regel I: Gilt limx→x0 f (x) = α, limx→x0 g(x) = β, so gilt auch

lim (f (x) + g(x)) = α + β,


x→x0
lim f (x)g(x) = αβ,
x→x0
f (x) α
lim = (β 6= 0).
x→x0 g(x) β

Regel II: Es seien f ∈ F (D, E), g ∈ F (E, K), f (D) ⊆ E ⊆ K und x0 ∈ K.


Weiters gelte limx→x0 f (x) = α ∈ E und g sei stetig in α. Dann gilt

lim (g ◦ f )(x) = g(α).


x→x0

Regel III: Die Abbildungen f , g ∈ F (D, K) mögen Grenzwerte in x0 ∈ D


besitzen. Gilt f (x) ≤ g(x) für alle x 6= x0 aus einer Umgebung von x0 , dann
folgt
lim f (x) ≤ lim g(x).
x→x0 x→x0

153
3 Reelle und komplexe Funktionen

Satz 3.66

Eine beschränkte monotone Funktion f : (a, b) → R besitzt an jeder Stelle


x0 ∈ [a, b] alle einseitigen Grenzwerte.

Beweis. Wir betrachten eine monoton wachsende Funktion f und x0 ∈ [a, b).
Wegen der Beschränktheit von f existiert α = inf{f (x) : x > x0 }. Wir zeigen
0 ) = α. Zu ε > 0 gibt es ξ ∈ (x0 , b] mit α ≤ f (ξ) < α+ε. Aus der Monotonie
f (x+
von f folgt für alle x ∈ (x0 , ξ):

α ≤ f (x) ≤ f (ξ) < α + ε, dh. |f (x) − α| < ε.

Analog zeigt man die Existenz des linksseitigen Grenzwertes in x0 ∈ (a, b].

Wegen der Analogie der Definition des Grenzwertes von f an einer Stelle x0
und der Definition der Stetigkeit ist es weiter nicht überraschend, dass zwischen
diesen beiden Konzepten ein enger Zusammenhang besteht:

Satz 3.67

Eine Funktion f : [a, b] → K ist an der Stelle x0 ∈ [a, b] genau dann stetig,
wenn limx→x0 f (x) = f (x0 ), dh. limx→x− f (x) = limx→x+ f (x) = f (x0 )
0 0
gilt.

In den Randpunkten des Intervalls ist natürlich nur einer der beiden einseiti-
gen Grenzwerte sinnvoll.
Eine Abbildung f : [a, b] → K ist an einer Stelle x0 ∈ [a, b] daher genau dann
unstetig, wenn einer der folgenden Fälle vorliegt:

• x0 ist eine hebbare Unstetigkeit: f (x+
0 ) = f (x0 ) 6= f (x0 ).

• x0 ist eine Sprungstelle: f (x+
0 ) 6= f (x0 ).

• x0 ist eine Unstetigkeit 2. Art: mindestens einer der beiden einseitigen


Grenzwerte existiert nicht.

Manchmal ist es sinnvoll, nur einseitige Annäherungen an x0 zuzulassen, z.B.


wenn x0 ein Randpunkt von D ist. Dies motiviert folgende Modifikation des
Stetigkeitsbegriffes:

Definition 3.68

Es sei I ⊆ R ein Intervall und f ∈ F (I, K).

1. f heißt linksseitig stetig in x0 ∈ I :⇔ f |(−∞,x0 ]∩I ist stetig in x0 .

2. f heißt rechtsseitig stetig in x0 ∈ I :⇔ f |[x0 ,∞)∩I ist stetig in x0 .

Wir erhalten aus Satz 3.67:

154
3.7 Grenzwerte von Funktionen

Korollar 3.69

Es sei I ⊆ R ein Intervall und f ∈ F (I, K).

1. f ist linksseitig stetig in x0 ∈ I genau dann, wenn lim f (x) = f (x0 ),


x→x−
0

2. f ist rechtsseitig stetig in x0 ∈ I genau dann, wenn lim f (x) = f (x0 ),


x→x+
0

3. f ist stetig in x0 genau dann, wenn f linksseitig und rechtsseitig stetig


in x0 ist.

Betrachten wir die Abbildungen


 
R → R
 R3 → R

x x
f : |x| , x 6= 0 , g : |x| , x 6= 0 ,
 
0, x=0 1, x=0
 

so hat f in x = 0 eine Sprungstelle und g eine hebbare Unstetigkeit. Diese


Bezeichnung rührt daher, dass man durch geeignete Abänderung des Wertes
von g in 0 die Unstetigkeit in 0 beheben kann (im Beispiel: g(0) := 0).

Wir sind nun auch in der Lage folgendes Problem zu lösen: Es sei f ∈ C(D, K)
und x0 ein Häufungspunkt von D, x0 6∈ D. Gibt es eine stetige Fortsetzung F
von f auf D ∪ {x0 }, dh. F ∈ C(D ∪ {x0 }, K) und F |D = f ?

Satz 3.70

Es sei f ∈ C(D, K) und x0 ein Häufungspunkt von D, x0 6∈ D. f besitzt ge-


nau dann eine stetige Fortsetzung F auf D ∪ {x0 }, wenn der Grenzwert von
f an der Stelle x0 existiert. Die stetige Fortsetzung ist eindeutig bestimmt:

 D ∪ {x0 } → R

F: x 7→ f (x), x ∈ D,
 x 7→ lim f (x),
 x = x0 .
x→x0

Beweis. „⇒“ Aus dem Folgenkriterium für die Stetigkeit von F an x0 ergibt
sich die Existenz des Grenzwertes von f in x0 : (xn ) ⊆ D, und limn→∞ xn =
x0 ⇒ limn→∞ F (xn ) = limn→∞ f (xn ) = F (x0 ). Da der Grenzwert von f in x0
eindeutig bestimmt ist, folgt damit auch die Eindeutigkeit der Fortsetzung.
„⇐“ Es existiere nun umgekehrt der Grenzwert von f an der Stelle x0 und
(xn ) ⊆ D ∪ {x0 } konvergiere gegen x0 . Es genügt, die Stetigkeit von F in x0
nachzuweisen. Dies gelingt, indem man die Folge (xn ) in zwei Teilfolgen (xϕ(n) )
und (xψ(n) ) zerlegt mit xϕ(n) 6= x0 und xψ(n) = x0 für alle n ∈ N. Die Folge
(f (xϕ(n) )) konvergiert gegen limx→x0 f (x) nach Voraussetzung, (F (xψ(n) )) ist
eine konstante Folge.

155
3 Reelle und komplexe Funktionen

Nach Lemma 3.14 ist jede reelle Zahl ein Häufungspunkt von Q. Eine un-
mittelbare Konsequenz des vorigen Satzes ist also, dass eine auf D ⊆ R stetige
Funktion durch ihre Werte auf Q ∩ D bereits eindeutig festgelegt wird:

Korollar 3.71

Es sei I ⊆ R ein Intervall und f, g ∈ C(I, R). Stimmen f und g auf I ∩ Q


überein, dann gilt bereits f = g.

Läßt im vorigen Satz x0 nur eine einseitige Approximation durch Werte in


D zu (z.B. wenn x0 ein Randpunkt des Definitionsbereiches ist), kommt als
Funktionswert von F in x0 natürlich nur der entsprechende einseitige Grenzwert
von f in Frage.

Beispiel 3.72. Wir betrachten die Funktion


(
R \ {1} → R
f: 2 −1
x 7→ xx−1

Auf R \ {1} ist f (x) = x + 1 und somit limx→1 f (x) = 2. f läßt sich also stetig
auf R fortsetzen, wenn wir f (1) = 2 vorschreiben. Die Fortsetzung F ist die
Abbildung x 7→ x + 1.

Wir beenden diesen Abschnitt mit zwei Erweiterungen des Grenzwertbegrif-


fes:

Definition 3.73

Es sei f ∈ F (D, R), D ⊂ R, nach oben unbeschränkt. Die Zahl L ∈ R heißt


Grenzwert von f bei ∞, limx→∞ f (x), genau dann, wenn

∀ε > 0 ∃ξ ∈ R ∀x ∈ D : x > ξ ⇒ |f (x) − L| < ε .

Entsprechend definiert man den Grenzwert bei −∞.

√ √
Beispiel 3.74. limx→∞ ( x + 1 − x) = 0. Zum Beweis benützen wir die für
x > 0 gültige Abschätzung
√ √ 1 1
x+1− x= √ √ < √ .
x+1+ x 2 x
√ √
Für x > ξ = 1
4ε2
folgt damit | x + 1 − x| < ε.

Die Untersuchung der Grenzwerte von f ∈ F (D, R) bei ∞ kann durch


die Substitution x 7→ ξ = x1 auf die Untersuchung einseitiger Grenzwerte
bei 0 zurückgeführt werden: Setzt man ϕ(x) = f ( x1 ), falls x1 ∈ D, dann gilt
limx→∞ f (x) = limξ→0+ ϕ(ξ).

156
3.8 Funktionenfolgen und Funktionenreihen

Definition 3.75

Es sei f ∈ F (D, R) und x0 ∈ R ein Häufungspunkt von D. f hat an der


Stelle x0 den uneigentlichen Grenzwert ∞,

lim f (x) = ∞ ⇔ ∀ξ > 0∃δ > 0∀x ∈ D : 0 < |x − x0 | < δ ⇒ f (x) > ξ.
x→x0

3.8 Funktionenfolgen und Funktionenreihen


Wir wenden uns nun einer weiteren, überaus flexiblen Methode zu, aus be-
kannten Funktionen neue Funktionen aufzubauen. Es sei (fn ) eine Folge von
Funktionen auf D. Existiert für alle x ∈ D der Grenzwert limn→∞ fn (x), wird
durch f (x) = limn→∞ fn (x), x ∈ D, eine Abbildung auf D erklärt. Von Interesse
sind die Eigenschaften der Grenzfunktion, insbesondere wollen wir Bedingungen
finden, die gewährleisten, dass sich die Stetigkeit von fn auf die Grenzfunktion
überträgt. Zuerst untersuchen wir den angedeuteten Grenzprozeß:

Definition 3.76

Es sei (fn )n∈N+ ⊆ F (D, R) eine Folge von Funktionen.

1. (fn ) heißt punktweise konvergent gegen die Grenzfunktion f ∈


F (D, R) genau dann, wenn ∀x ∈ D : f (x) = limn→∞ fn (x).
Wir schreiben kurz limn→∞ fn = f pw.

2. (fn ) heißt punktweise konvergent, wenn es eine Funktion f ∈


F (D, R) gibt mit limn→∞ fn = f pw.

Wegen der Eindeutigkeit des Grenzwertes der Zahlenfolgen (fn (x)) ist auch
die Grenzfunktion eindeutig bestimmt. Wenn für jedes x ∈ D der Grenzwert
limn→∞ fn (x) existiert, dann ist durch f (x) := limn→∞ fn (x) eine Grenzfunk-
tion mit limn→∞ fn = f pw. definiert. Aus der Definition folgt auch, dass die
Funktionenfolge (fn ) genau dann punktweise konvergiert, wenn für alle x ∈ D
die Folge der Bilder (fn (x)) eine Cauchy-Folge ist. Die Rechenregeln für Grenz-
werte in R übertragen sich auf punktweise konvergente Funktionenfolgen.

Beispiel 3.77. 1. D = [0, 1], fn (x) = xn . Die Grenzfunktion ist


(
0, x ∈ [0, 1),
f (x) =
1, x = 1.

Zum Beweis greift man auf Satz 2.10 zurück. Man beachte, dass f unstetig,
jedes fn aber stetig ist. Wir
 logmerken an, dass 0 ≤ xn < ε < 1 für alle
ε
x ∈ [0, 1), und für alle n > log x + 1 =: N gilt. Dieses N ist optimal.

157
3 Reelle und komplexe Funktionen

2. D = [0, 2]. 
nx,
 x ∈ [0, n1 ],
fn (x) = 2 − nx, x ∈ ( n1 , n2 ],

0, x ∈ ( n2 , 2].

Es gilt: limn→∞ fn = 0. Zum Beweis fixieren wir ein beliebiges x ∈ (0, 2]


und bestimmen N ≥ x2 . Für alle n ≥ N ist dann fn (x) = 0. Je kleiner
x gewählt wurde, desto größer ist also N . Man beachte, dass in diesem
Beispiel sowohl f , als auch jede approximierende Funktion fn stetig ist.

3. D = R, fn (x) = n1 bnxc, n ∈ N (vgl. Satz 1.47). Wir behaupten: limn→∞ fn =


id. Für jedes n ∈ N, x ∈ R gibt es k ∈ N mit
k k+1
bnxc = k ⇔ k ≤ nx < k + 1 ⇔ ≤x< .
n n
Somit folgt für x ∈ [ nk , k+1
n ), ε > 0,

1 k 1
|x − fn (x)| = |x − bnxc| = |x − | < < ε.
n n n
Die letzte Ungleichung gilt für alle n ≥ N > 1ε . In diesem Beispiel sind die
approximierenden Funktionen fn unstetig, trotzdem ist die Grenzfunktion
stetig.

4. D = R+ , fn (x) = 1+nx .
x
Die Abschätzung für alle x ∈ R+ , ε > 0

1 nx 1
0 ≤ fn (x) ≤ ≤ < ε,
n 1 + nx n

gültig für n ≥ N > 1ε , zeigt limn→∞ fn = 0. In diesem Beispiel sind alle


fn und die Grenzfunktion f stetig.

Diese Beispiele illustrieren, dass der punktweise Grenzwert stetiger Funktio-


nen nicht notwendig stetig sein muß. Umgekehrt kann eine Folge unstetiger
Funktionen einen stetigen Grenzwert besitzen. Worauf läuft die Stetigkeit der
Grenzfunktion an einer Stelle x0 ∈ D eigentlich hinaus? Es sei (fn ) ⊆ C(D, R),
f = lim fn , (xn ) ⊆ D : limn→∞ xn = x0 . Nach Satz 3.34 impliziert die Stetigkeit
von f in x0 : f (x0 ) = limk→∞ f (xk ), dh.
h i  
f (x0 ) = lim lim fn (xk ) = lim lim fn (xk ) = lim fn (x0 ).
k→∞ n→∞ n→∞ k→∞ n→∞

Die Stetigkeit der Grenzfunktion wäre also gewährleistet, wenn die Vertauschung
der beiden Grenzwerte gerechtfertigt wäre. Eine hinreichende Bedingung dafür
ist nach Satz 2.54 z.B. die gleichmäßige Konvergenz der Folge (fn (xk ))n∈N+ be-
züglich k. Dies führt zu folgendem, stärkeren Konvergenzbegriff (vgl. Definition
2.52):

158
3.8 Funktionenfolgen und Funktionenreihen

Definition 3.78

(fn )n≥1 ⊆ F (D, R) sei eine Funktionenfolge und f ∈ F (D, R). (fn ) heißt
gleichmäßig konvergent gegen die Grenzfunktion f genau dann, wenn

∀ε > 0 ∃N ∈ N ∀x ∈ D ∀n ≥ N : |fn (x) − f (x)| < ε .

Wir schreiben dann kurz limn→∞ fn = f , glm.

Wir erinnern: Punktweise Konvergenz von (fn ) gegen f bedeutet

∀ε > 0 ∀x ∈ D ∃N ∀n ≥ N : |fn (x) − f (x)| < ε.

Man beachte die Reihenfolge der Quantoren! Die Folge (fn ) konvergiert also
gleichmäßig genau dann, wenn ein Index N unabhängig von x ∈ D gefunden
werden kann, sodass sämtliche Funktionswerte von fn , n ≥ N , in einem „ε-
Schlauch“ um f liegen. Siehe Abbildung 3.9.
3

f+ε

0 f
f
n

−1
f −ε

−2

−3
−1 −0.8 −0.6 −0.4 −0.2 0 0.2 0.4 0.6 0.8 1

Abbildung 3.9: Illustration zur gleichmäßigen Konvergenz

Die Folge (fn ) konvergiert demnach nicht gleichmäßig gegen f genau dann,
wenn

∃ε0 > 0 ∀n ∈ N ∃xn ∈ D ∃k ≥ n : |fk (xn ) − f (xn )| ≥ ε0


⇔ ∃ε0 > 0∃(fkn )n∈N+ ∃(xn ) : |fkn (xn ) − f (xn )| ≥ ε0 . (∗)

Betrachten wir die Funktionenfolgen in Beispiel 3.77: Die Folgen in (3) und (4)
sind gleichmäßig konvergent, jene in (1) und (2) konvergieren nicht gleichmäßig:
Man verifiziere die Bedingung (∗) mit folgender Wahl:
Beispiel 3.77 (1): ε0 = 41 , kn = n, xn = 1 − n1 , n ≥ 2:

1 n 1 IV-Beispiel 2.21 1
fn (xn ) = (1 − ) = 1 n ≥
n (1 + n−1 ) 4

Beispiel 3.77 (2): ε0 = 12 , kn = n, xn = n1 , n ≥ 1 : fn (xn ) = 1.


Abbildung 3.10 zeigt Beispiele für (nicht) gleichmäßige Konvergenz.

159
3 Reelle und komplexe Funktionen

1.5
0.9

0.8

0.7 n=1
n=1 n=8 n=4
1
0.6

0.5

n=4
0.4

0.5
0.3

0.2 n=8

0.1

0 0
0 0.2 0.4 0.6 0.8 1 0 0.2 0.4 0.6 0.8 1 1.2 1.4 1.6 1.8 2

Beispiel 1 Beispiel 2
1

0.9

0.8 0.9

0.7 0.8

0.7
0.6 n=1

n = 40 0.6
0.5

0.5
0.4 n = 20

0.4

0.3
0.3 n=4
n = 10
0.2
0.2
n=8
0.1
0.1

0 0
0 0.1 0.2 0.3 0.4 0.5 0.6 0.7 0.8 0.9 1 0 0.5 1 1.5 2 2.5 3 3.5 4 4.5 5

Beispiel 3 Beispiel 4

Abbildung 3.10: Keine gleichmäßige Konvergenz (Beispiele 1 und 2) und gleich-


mäßige Konvergenz (Beispiele 3 und 4)

Es ist klar, dass als Grenzfunktion bei gleichmäßiger Konvergenz nur jene
Funktion in Frage kommt, die durch die punktweise Konvergenz bestimmt wird.
Wie bei gewöhnlichen Zahlenfolgen kann auch die gleichmäßige Konvergenz einer
Funktionenfolge durch eine Cauchy Bedingung charakterisiert werden. Diese hat
wieder den Vorteil, dass ihr Nachweis nicht die Kenntnis der Grenzfunktion
bereits voraussetzt.

Satz 3.79

Es sei (fn )n∈N+ ⊆ F (D, R). Die Folge (fn ) ist genau dann gleichmäßig kon-
vergent, wenn (fn ) eine gleichmäßige Cauchy Folge in F (D, R) bildet,
dh.
∀ε > 0 ∃N ∀x ∈ D ∀n, m ≥ N : |fn (x) − fm (x)| < ε. (∗)

Beweis. „⇒“ Man imitiere den Beweis zu Satz 2.24.

160
3.8 Funktionenfolgen und Funktionenreihen

„⇐“ Es sei (fn ) eine gleichmäßige Cauchy Folge, insbesondere ist dann (fn (x))
für jedes x ∈ D eine Cauchy Folge in R, also konvergent. Wir bezeichnen den
Grenzwert mit f (x). Die Folge (fn ) konvergiert also bereits punktweise gegen
f . Wir weisen nun die Gleichmäßigkeit der Konvergenz von fn gegen f nach:
Hält man n und x in der Cauchy Bedingung (∗) fest, ergibt sich mit Hilfe von
Korollar 2.16 (oder auch Beispiel 3.36-5)

lim |fn (x) − fm (x)| = |fn (x) − f (x)| ≤ ε.


m→∞

Diese Abschätzung gilt für alle x ∈ D und n ≥ N .

Satz 3.80

Die Folge (fn ) ⊆ F (D, R) konvergiere gleichmäßig gegen f ∈ F (D, R).


Ist jede Abbildung fn in x0 ∈ D stetig, dann ist auch f in x0 stetig. Gilt
insbesondere (fn ) ⊆ C(D, R), dann ist f stetig.

Beweis. Dies folgt zwar aus Satz 2.54, es ist jedoch lehrreich, die Behauptung
direkt zu beweisen: Wir schreiben f (x) − f (x0 ) in der Form

f (x) − f (x0 ) = (f (x) − fn (x)) + (fn (x) − fn (x0 )) + (fn (x0 ) − f (x0 )).

Da (fn ) gleichmäßig gegen f konvergiert, gibt es zu ε > 0 einen Index N , sodass


|fn (x) − f (x)| < ε für alle x ∈ D und für alle n ≥ N gilt. Wir betrachten nun
eine feste Funktion fn mit n ≥ N . Wegen der Stetigkeit von fn in x0 kann man
zu ε > 0 ein δ > 0 bestimmen, sodass |fn (x) − fn (x0 )| < ε falls x ∈ Uδ (x0 ). Für
alle x ∈ Uδ (x0 ) gilt daher

|f (x) − f (x0 )| ≤ |f (x) − fn (x)| + |fn (x) − fn (x0 )| + |fn (x0 ) − f (x0 )| < 3ε.

Dieser Satz ist auch von Nutzen beim Nachweis, dass bestimmte Grenzwer-
te nicht gleichmäßig sind. Z.B. kann die Konvergenz in Beispiel 3.77-(1) nicht
gleichmäßig sein, da die Grenzfunktion f unstetig, die approximierenden Funk-
tionen fn jedoch stetig sind.
Eine teilweise Umkehrung dieses Satzes bringt folgendes Resultat, welches auf
U. Dini zurückgeht. Der Beweis erfordert allerdings Hilfsmittel, die uns derzeit
noch nicht zur Verfügung stehen.

Satz 3.81: Satz von Dini

Es sei I = [a, b] und (fn ) ⊆ C(I, R) und (fn ) konvergiere monoton


gegen f , dh. f (x) = limn→∞ fn (x), und fn (x) ≤ fn+1 (x) (bzw. fn (x) ≥
fn+1 (x)) für alle x ∈ I und n ∈ N. Ist die Grenzfunktion stetig, dann ist
die Konvergenz gleichmäßig.

161
3 Reelle und komplexe Funktionen

Der Satz von Dini ist falsch, wenn man auch nur auf eine der Voraussetzungen
verzichtet. In den folgenden Beispielen sind jeweils alle Voraussetzungen bis auf
eine einzige Ausnahme erfüllt, die Konvergenz gegen die Grenzfunktion ist je-
weils nicht gleichmäßig. Wir überlassen diesen Nachweis dem Leser und notieren
nur die Voraussetzung, die verletzt wird:

Beispiel 3.82. 1. I = [0, 1], fn (x) = 1 − xn . Die Grenzfunktion f (x) = 1


für x ∈ [0, 1), f (1) = 0, ist unstetig.
2
2. I = R, fn (x) = − xn . Der Definitionsbereich ist kein abgeschlossenes und
beschränktes Intervall.

3. I = [0, 1], fn (x) = 0, 0 < x < n,


1
fn (x) = 1, x ∈ {0} ∪ [ n1 , 1]. Die
Funktionen fn sind unstetig.

4. I = [0, 2], fn (x) = 0, x ∈ ( n2 , 2], fn (x) = n2 x2 − 2nx, x ∈ [0, n2 ]. Die


Konvergenz von (fn ) gegen 0 ist nicht monoton.

Wir betrachten nun Funktionenreihen ∞ n , die natürlich aufzufassen sind


P
n=1 fP
als Folgen von Partialsummen (sn )n∈N+ , sn = ni=1 fi . Somit gibt es auch für
Funktionenreihen zwei natürliche Konvergenzbegriffe:

Definition 3.83

Es sei (fn )n∈N+ ⊆ F P (D, R) und (sn )n∈N+ ⊆ F (D, R) die Folge der n-ten
Partialsummen sn = ni=1 fi .
P∞
i) P
Die Reihe n=1 fn konvergiert punktweise gegen f ∈ F (D, R),

n=1 fn = f , pw. :⇔ limn→∞ sn = f punktweise.
P∞
ii) P
Die Reihe n=1 fn konvergiert gleichmäßig gegen f ∈ F (D, R),

n=1 fn = f glm. :⇔ limn→∞ sn = f gleichmäßig.

iii) Die Reihe ∞ n=1 fn konvergiert punktweise (gleichmäßig)


P

:⇔ ∃f ∈ F (D, R) : ∞ n=1 fn = f punktweise (gleichmäßig).


P

Satz 3.80 läßt sich auch für Funktionenreihen formulieren:

Satz 3.84

Es sei (fn ) ⊆ F (D, R). Die Folge der Partialsummen (sn ), sn = ni=1 fi ,
P
konvergiere gleichmäßig
P gegen f . Sind alle Abbildungen fn in x0 ∈ D stetig,
dann ist auch f = ∞ n=1 fn in x0 stetig. Gilt insbesondere (fn ) ⊆ C(D, R),
dann ist auch f stetig.

Wir überlassen es dem Leser, das Cauchy Kriterium 3.79 für Funktionenreihen
anzugeben. Eine überaus nützliche hinreichende Bedingung für (absolute) gleich-
mäßige Konvergenz ist folgende Adaptation des Vergleichskriteriums:

162
3.8 Funktionenfolgen und Funktionenreihen

Satz 3.85: Weierstrass M -Test

Es sei (fn ) ⊂ F (D, R). Gibt es eine Folge (Mn ) ⊆ R+ , sodass


P∞
i) n=1 Mn < ∞,

ii) |fn (x)| ≤ Mn für alle x ∈ D und n ∈ N,

dann ist die Reihe ∞


P
n=1 fn (absolut) gleichmäßig konvergent.

P∞
P∞ dass die Reihe n=1 Mn für
Beweis. Die Bedingungen des Satzes implizieren,
alle x ∈ D eine konvergente Majorante für n=1 |fn (x)| darstellt. Die Behaup-
tung folgt nun aus Satz 2.64.
P∞ 1
Beispiel 3.86 (Dirichlet Reihe). n=1 nx konvergiert gleichmäßig auf jeder
Menge Dc := {x ∈ R : x ≥ c > 1}.
O.B.d.A kann c ∈ Q angenommen werden. Aus Satz 3.18-(7) folgt
1 1
x
< c, n ≥ 2.
n n
Wegen c > 1 folgt nun die Behauptung aus ∞ n=1 nc < ∞ (vgl. Satz 2.67). Die
1
P
P∞
Abbildung x 7→ n=1 nx , x > 1, heißt Riemannsche Zetafunktion.
1

Insbesondere folgt aus diesem Beispiel, dass Satz 2.67 für alle s ∈ R gültig
ist.
Der Weierstraß m-Test führt notwendig auf absolute gleichmäßige Konvergenz.
Wir weisen jedoch darauf hin, dass die beiden Begriffe gleichmäßige Konvergenz
und absolute gleichmäßige Konvergenz voneinander unabhängig sind. Die hinrei-
chenden Bedingungen für bedingte Konvergenz aus Kapitel 2 lassen sich jedoch
leicht auf Funktionenreihen übertragen:

Satz 3.87: Leibniz-Kriterium

Die Funktionenfolge (fn ) ⊆ F (D, R+ ) erfülle die Bedingungen

1. Die Folge (fn (x)) ist monoton fallend für alle x ∈ D.

2. Die Funktionenfolge (fn ) konvergiere gleichmäßig gegen 0.

Dann ist die Reihe ∞ n


P
n=1 (−1) fn gleichmäßig konvergent.

Beweis. Die Folge (fn (x)) ist für alle x ∈ D konvergent. Wir bezeichnen den
punktweisen Grenzwert der Reihe mit f (x) (Leibniz-Kriterium 2.70). Nach Ko-
rollar 2.71 gilt die Abschätzung
n
X
|f (x) − fk (x)| ≤ |fn+1 (x)|.
k=1

Die Behauptung ergibt sich nun aus Bedingung (2).

163
3 Reelle und komplexe Funktionen

Satz 3.88: Abel

Es seien (un ), (vn ) ⊆ F (D, R) Funktionenfolgen. Es gelte:


P∞
1. n=1 un ist gleichmäßig konvergent,

2. (vn ) ist gleichmäßig beschränkt, dh.,

∃M > 0 ∀x ∈ D ∀n ∈ N : |vn (x)| ≤ M

3. Die Folge (vn (x))n≥1 ist monoton für alle ∀x ∈ D.

Dann ist die Reihe ∞


P
n=1 un vn gleichmäßig konvergent.

Satz 3.89: Dirichlet

Es seien (un ), (vn ) ⊆ F (D, R) Funktionenfolgen. Es gelte:

1. Die Folge der Partialsummen (sn )n∈N+ , sn = nk=1 uk , ist gleichmä-


P
ßig beschränkt.

2. Die Funktionenfolge (vn ) konvergiert gleichmäßig und monoton nach


0.

Dann ist die Reihe ∞


P
n=1 un vn gleichmäßig konvergent.

P∞
Beispiel 3.90. Wir untersuchen die Konvergenz der Reihe n=1 (−1)
n+1 f (x)
n
x2
mit D = R, fn (x) = (1+x 2 )n .

i) | fn+1 (x)
fn (x) | = 1+x2 < 1, x 6= 0, fn (0) = 0, n ∈ N. Das Quotientenkriterium
1
ga-
P∞
rantiert somit die absolute, punktweise Konvergenz der Reihe n=1 (−1) n+1 fn (x).
Für festes x ∈ R liegt eine geometrische Reihe vor. Eine leichte Rechnung liefert
nun die Grenzfunktion
1 x2
f (x) = −x2
 
1 − 1 = .
1 + 1+x 2 2 + x2

ii) Setzen wir un (x) = (−1)n+1 , vn (x) = fn (x), x ∈ R. Die Folge der Partial-
summen (sn ) = (1, 0, 1, 0, . . . ) ist beschränkt, es gilt fn+1 (x) ≤ fn (x), x ∈ R.
Wir zeigen, dass (fn ) gleichmäßig gegen die Nullfunktion konvergiert:
Lemma 1.59 x2 1
fn (x) ≤ 2
≤ für alle x ∈ R,
1 + nx n
somit konvergiert die Reihe gleichmäßig (vgl. die Sätze 3.89 bzw. 3.87).
iii) Die Reihe ist jedoch nicht absolut gleichmäßig konvergent, dh. die Reihe
P∞ x2
n=1 (1+x2 )n konvergiert nicht gleichmäßig auf R. Wegen i) konvergiert diese
Reihe absolut und punktweise, und zwar gegen
(
0 für x = 0
f˜(x) =
1 für x 6= 0

164
3.8 Funktionenfolgen und Funktionenreihen

Da die Grenzfunktion in x = 0 unstetig ist, alle Funktionen fn jedoch stetig


x2
sind, kann nach Satz 3.84 die Reihe ∞
n=1 (1+x2 )n nicht gleichmäßig auf R kon-
P
vergieren.

0.9 1

0.8 0.9

− f(x) 0.8
0.7 −−− n=2
−.− n=4
... n=8 0.7
0.6

0.6
0.5
0.5 −−− n = 2
−.− n = 4
0.4 ... n = 8
0.4

0.3
0.3

0.2
0.2

0.1 0.1

0 0
−4 −3 −2 −1 0 1 2 3 4 −4 −3 −2 −1 0 1 2 3 4

Abbildung 3.11: Gleichmäßige (links) und absolute, nicht gleichmäßige (rechts)


Konvergenz

Bemerkung 3.91

Abschließend bemerken wir, dass die Kriterien von Abel und


Dirichlet auch dann gelten, wenn die Funktionen un Werte in C anneh-
men (wegen der Monotonievoraussetzung für (vn ) müssen die Funktionen
vn natürlich nach wie vor reelle Funktionen sein).

165
Das Griechische Alphabet
Diejenigen Großbuchstaben die aussehen wie lateinische Buchstaben, finden
mangels Unterscheidbarkeit in der Mathematik wenig Verwendung. Eine promi-
nente Ausnahme bildet die Euler’sche Beta-Funktion, die tatsächlich mit einem
großen Beta bezeichnet wird. Man sollte daher B(x, y) auch lesen als „Beta von
x und y“, und nicht als „B von x und y“.

Großbuchstaben Kleinbuchstaben Name


A α Alpha
B β Beta
Γ γ Gamma
∆ δ Delta
E , ε Epsilon
Z ζ Zeta
H η Eta
Θ θ, ϑ Theta
I ι Iota
K κ, κ Kappa
Λ λ Lambda
M µ My
N ν Ny
Ξ ξ Xi
O o Omikron
Π π, $ Pi
P ρ, % Rho
Σ σ, ς Sigma
T τ Tau
Y υ Ypsilon
Φ φ, ϕ Phi
X χ Chi
Ψ ψ Psi
Ω ω Omega

167
Literaturverzeichnis
[1] Ehrhard Behrends. Analysis. Band 1. Ein Lernbuch für den sanften Wechsel
von der Schule zur Uni. Von Studenten mitentwickelt. Wiesbaden: View-
eg+Teubner, 5th revised and expanded ed. edition, 2011. ISBN 978-3-8348-
1713-6; 978-3-8348-8186-1. doi:10.1007/978-3-8348-8186-1.

[2] Harro Heuser. Lehrbuch der Analysis. Teil 1. Wiesbaden: Teubner, 16th
revised ed. edition, 2006. ISBN 978-3-8351-0131-9.

[3] Konrad Königsberger. Analysis 1. Springer-Lehrbuch. Springer Berlin Hei-


delberg, 2003. ISBN 9783540403715. URL [Link]
books?id=eQRtZXuUHl4C.

[4] Walter Rudin. Principles of mathematical analysis. International series


in pure and applied mathematics. McGraw-Hill, New York, 3d ed edition,
1976. ISBN 007054235X. URL [Link]
[Link].

[5] Hermann Schichl and Roland Steinbauer. Einführung in das mathematische


Arbeiten. Heidelberg: Springer Spektrum, 3rd edition edition, 2018. ISBN
978-3-662-56805-7. doi:10.1007/978-3-662-56806-4.

[6] Michael Spivak. Calculus. Houston, TX: Publish or Perish, 4th ed. edition,
2008. ISBN 978-0-914098-91-1.

169
Index
b-adische Entwicklung, 104 Fundamentalsatz der Algebra, 53
Funktion
Abelsche partielle Summation, 103 beschränkt, 122
Abelsches Kriterium, 104 gerade, 125
abgeschlossen Grenzwert, 151
unter einer Operation, 24 linksseitig stetig, 154
Absolutbetrag, 18 linksseitiger Grenzwert, 151
abzählbare Menge, 40 monotone, 21
affine Funktionen, 124 rational, 137
arithmetisches Mittel, 18 rechtsseitig stetig, 154
beschränkte Folge, 65 rechtsseitiger Grenzwert, 151
Betrag, 18, 52 steigende, 21
Binomialkoeffizient, 31 streng monotone, 21
binomischer Lehrsatz, 32 ungerade, 125
Bolzano–Weierstrass, 73 Gaußsche Zahlenebene, 52
Cauchy Folge, 74 geometrische Reihe, 91
Cauchy-Produkt, 113 Geradenfuktion, 124
gleichmächtige Mengen, 39
Dirichlet Kriterium, 104 Grad, 135
divergent, 64 Grenzwert, 156
Doppelfolge, 84 Folge, 64
Doppellimes, 85 Funktion, 151
Doppelreihe, 115 spalteniteriert, 85
Doppelreihensatz, 117 zeileniteriert, 85
Dreiecksungleichung, 19 Grenzwertkriterium, 94
Gruppe, Abelsch, 10
Einschränkung, 123 Größtes Ganzes, 26
Einschränkung einer Funktion, 123
Einsfunktion, 121 harmonische Reihe, 90
endliche Menge, 40 hebbare Unstetigkeit, 154
Endpunkt eines Intervalls, 20 Heron-Verfahren, 72
Eulersche Zahl, 72, 73, 111 Häufungspunkt, 150
Exponentialfunktion, 132 Häufungswerte, 151
Exponentialreihe, 111 Häufungspunkt einer Folge, 78
höchstens abzählbare Menge, 40
Faktorielle, 31
Fakultäten, 31 Identitätssatz
Folge, 63 Polynome, 137
divergent, 64 imaginäre Einheit, 51
konvergent, 64 Imaginärteil, 51

171
Index

Infimum, 35 Partialsumme, 88, 115


Intervall, 20 Pascalsches Dreieck, 31
abgeschlossen, 20 Peano-Axiome, 24
beschränktes, 20 Polynom, 134
halboffen, 20 Potenz
offen, 20 rationaler Exponent, 48
unbeschränktes, 20 ganzer Exponent, 28
Intervallschachtelungsprinzip, 38 Potenzfunktion, 126
Iterierte Grenzwerte, 87 Potenzgesetze, 29, 49
Potenzreihe, 110
Koeffizienten, 134
konvergente Reihe, 89 Quotientenkriterium, 98
Konvergenz
Folge, 64 Realteil, 51
gleichmäßig, 86, 159, 162 Reihe, 88
monoton, 161 absolut konvergent, 96
punktweise, 157, 162 alternierend, 95
Konvergenzintervall, 110 bedingt konvergent, 96
Konvergenzkreis, 110 Cauchy-Produkt, 113
Konvergenzradius, 110 divergent, 89
Körper, 10 geometrisch, 91
geordnet, 10 harmonisch, 90
vollständig geordnet, 10 konvergent, 89
Kürzungsregeln, 12 Umordnung, 99
rekursive Definition, 27
Leibniz Kriterium, 95
Limes inferior, 76 Satz von Cantor-Bernstein-
Limes superior, 76 Schröder, 39
Lipschitz stetig, 139 Satz von Dini, 161
Logarithmus, 134 Schranke
Logarithmusfunktion, 134 obere, 35
untere, 35
Maximum, 25, 146 Signum, 18
Mediane, 125 Sprungstelle, 154
Menge stetig, 138
beschränkt, 35 strenge Monotonie, 21
induktiv, 22 Supremum, 35
nach oben beschränkt, 35 Supremum Prinzip, 36
nach unten beschränkt, 35 symmetrische Teilmenge, 124
Minimum, 25, 146
monotone Funktion, 21 Teiler eines Polynoms, 136
Monotoniekriterium, 71 teilerfremde Polynome, 136
Teilfolge, 63
natürlichen Logarithmus, 134
Nullfolge, 69 Umordnungssatz, Riemann, 101
Nullfunktion, 121 unbestimmter Ausdruck, 83
Nullpolynom, 135 uneigentlicher Grenzwert, 82
Nullstelle, 135 unendliche Menge, 40

172
Index

Ungleichung Wurzelkriterium, 97
Bernoulli, 30
Cauchy-Schwarz-Bunjakowski, Zahl
56 erweitert reell, 81
Minkowski , 57 ganz, 26
Unstetigkeit 2. Art, 154 imaginär, 51
irrational, 33
Verdichtungskriterium, 93 komplex, 50
Vergleichskriterium, 92 konjugiert komplex, 52
vollständige Induktion, 23 natürlich, 23
rational, 33
Wohlordnungssatz, 26 reell, 8
Wurzel, 47
Wurzelfunktion, 127 überabzählbare Menge, 41

173

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