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06 10

In diesem Auszug wird die Traurigkeit und Einsamkeit von Romeo thematisiert, der in unglücklicher Liebe zu einer Frau leidet, die sich in Keuschheit übt. Benvolio versucht, ihm zu helfen, indem er ihn ermutigt, andere Frauen zu betrachten, doch Romeo bleibt in seinem Kummer gefangen. Gleichzeitig wird ein Gastmahl bei den Capulets vorbereitet, zu dem Romeo und Benvolio eingeladen werden, was Romes Herzschmerz mit der Aussicht auf die Begegnung mit Rosalinde verbindet.

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06 10

In diesem Auszug wird die Traurigkeit und Einsamkeit von Romeo thematisiert, der in unglücklicher Liebe zu einer Frau leidet, die sich in Keuschheit übt. Benvolio versucht, ihm zu helfen, indem er ihn ermutigt, andere Frauen zu betrachten, doch Romeo bleibt in seinem Kummer gefangen. Gleichzeitig wird ein Gastmahl bei den Capulets vorbereitet, zu dem Romeo und Benvolio eingeladen werden, was Romes Herzschmerz mit der Aussicht auf die Begegnung mit Rosalinde verbindet.

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Einsamkeit suchen,) und anstatt ihm nachzugehen, gieng ich meinen Gedanken nach, und war so
vergnügt, daß er mich ausgewichen hatte, als er selbst.
Montague.
Schon manchen Morgen ist er dort gesehen worden, wie er den frischen Morgenthau mit seinen
Thränen, und die Morgen-Wolken mit tieffen Seufzern vermehrte; aber kaum fängt die alles
erfreuende Sonne an, im fernsten Osten die Vorhänge von Aurorens Bette wegzuziehen, so
schleicht sich der schwermüthige Jüngling vom Licht nach Hause und kerkert sich in sein Zimmer
ein, versperrt seine Fenster, schließt das schöne Tageslicht hinaus, und macht sich selbst eine
erkünstelte Nacht. Er muß nothwendig in einen schwarzen und Unglük-brütenden Humor verfallen
wenn nicht bey Zeiten darauf gedacht wird, die Ursache des Uebels wegzuräumen.
Benvolio.
Mein edler Oheim, kennt ihr die Ursache?
Montague.
Ich kenne sie nicht, und kan sie auch nicht aus ihm herausbringen.
Benvolio.
Habt ihr schon in ihn gedrungen?
Montague.
Durch euch selbst und durch viele andre Freunde, aber vergebens; seines eignen Herzens
geheimer Rathgeber, ist er gegen sich selbst, ich will nicht sagen so getreu, aber doch so geheim
und verschwiegen, so entfernt sich selbst zu verrathen, oder nur einer Muthmassung Grund zu
geben, als eine Blumen-Knospe, die von einem inwendig verborgnen Wurm gebissen worden, eh
sie ihre zarten Schwingen an der Luft ausspreiten, und ihre Schönheit der Sonne wiedmen konnte.
Könnt' ich nur erfahren, woher sein Kummer entspringt, es sollte ihm augenbliklich abgeholfen
werden. Romeo tritt auf.
Benvolio.
Hier kommt er selbst; wenn's euch beliebt, so gehet bey Seite; ich will sein Geheimniß ausfündig
machen, oder ich müßte mich sehr betrügen.
Montague.
Ich wünsche, daß du so glüklich seyn mögest - - Kommt Madam, wir wollen gehen. (Sie gehen ab.)
Benvolio.
Guten Morgen, Vetter.
Romeo.
Ist der Tag noch so jung?
Benvolio.
Es hat eben neune geschlagen.
Romeo.
Weh mir! Wie lang scheinen uns Kummer-volle Stunden! War das mein Vater, der so eilfertig
sich entfernte?
Benvolio.
Er war's; aber was für ein Kummer verlängert Romeo's Stunden?
Romeo.
Der Kummer, das nicht zu haben, was sie verkürzen würde.
Benvolio.
Seyd ihr verliebt?
Romeo.
Ohne Hoffnung wieder geliebt zu werden.
Benvolio.
Wie Schade, daß die Liebe, die von Ferne so reizend anzusehen ist, so grausam und tyrannisch
seyn soll, so bald sie uns erreicht!
Romeo.
Wie Schade, daß die Liebe, mit verbundnen Augen, Pfade zu ihrem Unglük sehen soll! - - Wo
werden wir zu Mittag essen? - - Weh mir! - - Was für ein Tumult war vorhin? - - Doch sagt mir nichts
davon, ich hab alles schon gehört. Der Haß macht hier viel zu thun, aber die Liebe noch mehr: Wie
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dann, o mißhellige Liebe! o liebender Haß! O unwesentliches Etwas, und würkliches Nichts! So leicht
und doch zu Boden drükend! So ernsthaft und doch Tand! Du ungestaltes Chaos von reizenden
Phantomen! Bleyerne Feder, glänzender Rauch, kaltes Feuer, kranke Gesundheit, immer-
wachender Schlaf - - o! du wunderbares Gemisch von Seyn und Nichtseyn! - - Das ist die Liebe
die ich fühle, ohne in dem was ich fühle die Liebe zu erkennen - - Lachst du nicht?
Benvolio.
Nein, Vetter, ich möchte lieber weinen.
Romeo.
Du gutes Herz! Worüber?
Benvolio.
Dein gutes Herz so beklemmt zu sehen.
Romeo.
Du vermehrest meinen Kummer durch den deinigen, anstatt ihn zu erleichtern.** - - Liebe ist ein
Rauch, der vom Hauch der Seufzer erregt wird, aber gereinigt ein Feuer das in der Liebenden
Augen schimmert - - Unglükliche Liebe ist eine See, die mit den Thränen der Liebenden genährt wird;
was ist sie noch mehr? Eine vernünftige Tollheit, eine erstikende Galle, eine erquikende
Herzstärkung - - Lebt wohl, Vetter. (Er will gehen.)
Benvolio.
Sachte, ich will mitgehen. Ihr beleidigt meine Freundschaft, wenn ihr mich auf eine solche Art
verlaßt.
Romeo.
Still! Ich habe mich selbst verlohren, ich bin nicht hier; das ist nicht Romeo, er ist sonst irgendwo.
Benvolio.
- - *** Aber wer ist dann die Person, die du liebst?
Romeo.
Ich will dir's sagen, Vetter; ich liebe - - ein Weibsbild.
Benvolio.
Das errieth ich, sobald ich merkte, daß ihr verliebt wäret.
Romeo.
Du hast eine vortreffliche Gabe zum Errathen - - und sie ist schön, die ich liebe.
Benvolio.
Ein schönes Ziel ist desto leichter zu treffen.
Romeo.
Aber sie wird von Cupido's Pfeile nicht getroffen werden; sie hat Dianens Sprödigkeit, und lebt in
der wolgestählten Rüstung ihrer Keuschheit sicher vor Amors kindischem Bogen. Sie sezt sich
keinen nachstellenden Bliken aus, sie öffnet ihr Ohr keinen Liebes-Erklärungen, noch ihren Schooß
dem Golde, das sonst oft die Heiligen selbst verführt. O! Sie ist reich an Schönheit, und allein darinn
arm, daß der ganze Schaz der Schönheit, in ihr versammelt, sterblich ist.
Benvolio.
Hat sie denn geschworen, daß sie in ewiger Jungfrauschaft leben will?
Romeo.
Sie hat, und macht sich durch diese Sparsamkeit einer ungeheuren Verschwendung schuldig.
Denn Schönheit, die durch ihre eigne Strenge umkommt, vernichtet auf einmal die Schönheit einer
ganzen Nachkommenschaft. Sie ist zu weise um so schön, oder zu schön um so weise zu seyn; und
es ist grausam an ihr, den Himmel damit verdienen zu wollen, daß sie mich zur Verzweiflung treibt -
-
Benvolio.
Laßt euch einen guten Rath geben, und vergeßt, an sie zu denken.
Romeo.
O lehre mich erst, wie ich vergessen kan, mich meiner selbst zu erinnern.
Benvolio.
Gieb deinen Augen ihre Freyheit wieder; lenke deine Aufmerksamkeit auf andre Schönheiten.
Romeo.
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Das wäre das Mittel, alle Augenblike an den Vorzug der ihrigen erinnert zu werden. Diese
glüklichen Schleyer, die die Stirne schöner Damen küssen, erheben durch ihre Schwärze, die Schönheit,
so sie verbergen. Wer durch einen Unfall blind worden ist, kan nicht vergessen, was für einen
kostbaren Schaz er mit seinem Gesicht verlohren hat. Zeigt mir ein Frauenzimmer, das unter
tausenden die schönste ist; wozu kan mir ihre Schönheit dienen, als zu einem Spiegel, worinn ich
diejenige erblike, die noch schöner als die schönste ist? Lebe wohl, und gieb' es auf, mich sie
vergessen zu lehren.
Benvolio.
Ich will diesen Unterricht bezahlen, oder als Schuldner sterben. (Sie gehen ab.)
* Im Original: »Eh die angebetete Sonne sich durch das goldne Fenster des Osten sehen ließ.«
Es ist nichts leichters, als durch eine allzuwörtliche Uebersezung den Shakespear lächerlich zu
machen, wie der Herr von Voltaire neulich mit einer Scene aus dem Hamlet eine Probe gemacht,
die wir an gehörigem Ort ein wenig näher untersuchen wollen. Indeß erzürnt sich doch Herr Freron zu
sehr über diese und andre Alters-Schwachheiten des Autors der Zayre. Er mag seine Ursachen
dazu haben; aber die Welt urtheilt mit kälterm Blute; wenigstens werden die Briten, welche sehr wol
wissen warum sie auf ihren Shakespear stolz sind, es dem französischen Poeten sehr leicht zu gut
halten können, daß er (in einem Alter, wo er sich nicht mehr stark genug fühlt, sich mit der Beute die
er ihrem Shakespear abgenommen zu brüsten) seine Freude daran hatte, durch eine Schulknaben-
mäßige Nachäffung den Narren mit ihm zu spielen, und dadurch dem Publico wenigstens eben so viel
Spaß zu machen, als er selbst von einer so kindischen Kurzweil nur immer haben kann. ** Es ist ein
Unglük für dieses Stük, welches sonst so viele Schönheiten hat, daß ein grosser Theil davon in Reimen
geschrieben ist. Niemals hat sich ein poetischer Genie in diesen Fesseln weniger zu helfen gewußt
als Shakespear; seine gereimten Verse sind meistens hart, gezwungen und dunkel; der Reim
macht ihn immer etwas anders sagen als er will, oder nöthigt ihn doch, seine Ideen übel auszudrüken.
Die Feinde des Reims werden dieses vielleicht als eine neue Instanz anziehen, um diese
vergebliche Fesseln des Genie den Liebhabern und Lesern so verhaßt zu machen, als sie ihnen
sind. Aber warum hat z. Ex. Pope die schönsten Gedanken, die schimmerndste Einbildungskraft,
den feinsten Wiz, den freyesten Schwung, den lebhaftesten Ausdruk, die gröste Anmuth,
Zierlichkeit, Correction, und über alles dieses, den höchsten Grad der musicalischen Harmonie,
deren die Poesie in seiner Sprache fähig ist, in seinen Gedichten mit dem Reim durchaus zu
verbinden gewußt? Die Reime können vermuthlich nichts dazu, wenn sie für einige Dichter schwere
Ketten mit Fuß-Eisen sind; für einen Prior oder Chaulieu sind sie Blumen-Ketten, womit die Grazien
selbst sie umwunden zu haben scheinen, und in denen sie so leicht und frey herumflattern als die
Scherze und Liebes-Götter, ihre beständigen Gefehrten. Shakespears Genie war zu feurig und
ungestüm, und er nahm sich zu wenig Zeit und Mühe seine Verse auszuarbeiten; das ist die wahre
Ursache, warum ihn der Reim so sehr verstellt, und seinen Uebersezer so oft zur Verzweiflung
bringt.
*** Hier haben etliche Non-Sensicalische Zeilen ausgelassen werden müssen.
Dritte Scene.
Capulet, Paris, und ein Bedienter treten auf.
Capulet.
Montague ist so gut gebunden als ich; er hat die nemliche Straffe zu befürchten; und für alte Leute
wie wir sind, sollt' es nicht schwer seyn, Frieden zu halten.
Paris.
Ihr seyd beyde rechtschaffne Männer, und es ist recht zu bedauren, daß ihr so lang in Mißhelligkeit
gelebt habt - - Aber nun, gnädiger Herr, was sagt ihr zu meiner Anwerbung?
Capulet.
Ich kann euch nichts anders sagen, als was ich schon gesagt habe: Mein Kind ist noch ein neu
angekommener Fremdling in der Welt, sie hat noch nicht vierzehn Jahre gesehen; laßt wenigstens
noch zween Sommer verblühen, eh wir denken können, daß sie zum Braut-Stande reif sey.
Paris.
Jüngere als sie, sind schon glükliche Mütter geworden.
Capulet.
Und verderben auch desto früher, je frühzeitigere Früchte von ihnen erzwungen werden. Die Erde
hat alle meine andern Hoffnungen verschlungen; ich habe kein Kind als sie; sie ist das einzige
Vergnügen meines Alters, indeß bewirb dich bey ihr selbst um sie, mein lieber Paris, such ihr Herz zu
gewinnen; wenn du ihren Beyfall hast, so hast du meine Einwilligung. Diese Nacht geb' ich, einer
alten Gewohnheit nach, ein Gastmahl, wozu ich viele werthe Freunde eingeladen habe: Vermehret
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ihre Anzahl, unter allen soll mir keiner willkommner seyn. Ihr werdet diese Nacht in meinem armen
Haus irdische Sterne sehen, welche die himmlischen selbst verdunkeln können.* Ihr werdet mit
dem Vergnügen, das muntre junge Leute fühlen wenn der schmuke April den hinkenden Winter vor
sich hertreibt, unter einem Frühling voll neu entfalteter Mädchen-Knospen wandeln; betrachtet sie
alle, höret alle, und laßt euch diejenige am besten gefallen, die es am meisten verdient; ihr werdet so
viele liebenswürdigere finden, daß die meinige sich unbemerkt in der Menge verliehren wird. Kommt,
geht mit mir - - Du, Bursche, geh, trotte ganz Verona durch, und lade die Personen zu mir ein,
deren Namen auf diesem Zettel stehen - - (Capulet und Paris gehen ab.)
Bedienter.
Lade mir die Personen ein, die auf diesem Zettel stehen - - Es steht geschrieben, der Schuster
soll sich mit seinem Ellen-Stab abgeben, der Schneider mit seinem Leist, der Fischer mit seinem
Pinsel, und der Mahler mit seinem Nez. Aber ich soll die Personen finden, deren Namen hier
geschrieben sind, und kan doch nicht finden, was für Namen die schreibende Person hieher
geschrieben hat. Ich muß mich bey den Gelehrten Raths erholen - - Da lauffen mir gerad ihrer ein
Paar in die Hände - - Benvolio und Romeo treten auf.
Benvolio.
Still, Mann! Eine Hize treibt die andre aus, und die Pein eines Schmerzens wird durch einen
andern Schmerz vermindert; wenn dir taumlicht ist, so hilfst du dir damit, daß du dich wieder zurük
drehest, und deiner Hoffnungslosen Liebe kan nicht besser als durch eine neue geholfen werden.
Romeo.
Wegbreit-Blätter sind unvergleichlich für das.
Benvolio.
Für was, wenn man bitten darf?
Romeo.
Für euern Beinbruch.
Benvolio.
Wie, Romeo, bist du toll?
Romeo.
Nicht toll, aber fester angebunden als irgend einer im Tollhause; in ein Gefängniß eingesperrt, zur
Hunger-Cur verurtheilt, gepeitscht und gepeinigt: Und - - guten Abend, Camerad - - (Zum
Bedienten.)
Bedienter.
Einen guten Abend geb' euch Gott: Ich bitte euch, Herr, könnt ihr lesen?
Romeo.
Ja, mein Schiksal in meinem Unglük.
Bedienter.
Vielleicht habt ihr ohne Buch lesen gelernt; aber ich bitte euch, könnt ihr alles lesen was ihr seht?
Romeo.
Ja, wenn ich die Buchstaben und die Sprache weiß.
Bedienter.
Das ist gesprochen wie ein Bidermann - - Gott behüt' euern guten Humor! (Er will gehen.)
Romeo.
Bleib, Bursche, ich kan lesen - - Er ließt das Papier. Signor Martino und seine Frau und Töchter:
Graf Anselmo und seine schönen Schwestern; die verwittibte Donna Vitruvia; Signor Placentio und
seine liebenswürdige Nichten; Mercutio und sein Bruder Valentin; mein Oheim Capulet mit Frau und
Töchtern; meine schöne Nichte Rosalinde; Livia, Signor Valentio und sein Vetter Tybalt; Lucio, und
die lebhafte Signora Helena - - Eine hübsche Assamblee, und wohin sollen sie kommen?
Bedienter.
Herauf - -
Romeo.
Wohin?
Bedienter.
Zum Nacht-Essen in unser Haus.
Romeo.
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In wessen Haus?
Bedienter.
In meines Herren seines.
Romeo.
In der That, das hätte ich dich vorher fragen sollen.
Bedienter.
Nein, ich will euch eine Müh ersparen. Mein Herr ist der grosse reiche Capulet, und wenn ihr
keiner vom Haus der Montägues seyd, so bitt' ich euch, kommt, und helft uns die Gläser ausleeren.
Eine gute Zeit. (Geht ab.)
Benvolio.
Wie wohl sich das fügt! die schöne Rosalinde, in die du so verliebt bist, wird mit allem was das
Schönste in Verona ist, diesem Familien-Gastmal der Capulets beywohnen. Geh du auch hin,
vergleich mit unpartheyischen Augen ihr Gesicht mit einigen, die ich dir zeigen will, und du sollst
finden, daß dein Schwan eine Krähe ist.
Romeo.
** - - - - - - Eine schönere als meine Liebe! die allsehende Sonne sah niemals ihres gleichen, seit
die Welt begann.
Benvolio.
Gut, gut! Ihr habt sie nur gesehen, wenn keine andre dabey war, und ihr sie, in beyden Augen,
nur mit sich selbst abwoget; aber laßt ihre Reizungen in diesen crystallnen Waagschaalen gegen
ein gewisses andres Mädchen, das ich euch bey diesem Gastmahl in seinem vollen Glanze zeigen
will, abgewogen werden; so wird euch diejenige kaum noch erträglich vorkommen, die izt die beste
scheint.
Romeo.
Ich will mit dir gehen, nicht weil ich dir glaube, sondern um das Vergnügen zu haben, dich von
dem Triumph meiner Geliebten zum Zeugen zu machen. (Sie gehen ab.)
* Hr. Warbürton ist der Welt als ein grosser Criticus bekannt, und es ist gewiß, daß wir seiner
Scharfsinnigkeit viele Verbesserungen unsers durch die Schauspieler so übel zugerichteten Autors
zu danken haben. Dem ungeachtet, scheint er zuweilen in den fast allgemeinen Fehler der Verbal-
Critiker zu fallen, und mit dem Shakespear nicht viel besser zu verfahren, als der gelehrte Bentley
mit dem Horaz. Hier ist ein Beyspiel davon, das wir zur Probe anführen wollen, ob es gleich sonst
desto unnöthiger ist, die Leser mit critischen Noten zu behelligen, da selbige die Kenntniß der
Englischen Sprache voraussezen, und diese Uebersezung nur für diejenige gemacht ist, die das
Original nicht lesen können. Warbürton nennt den Vers: Earthtreading stars that make dark heaven's
Light, Unsinn, und will daß man lesen soll: That make dark Even light - - Eine Verbesserung im
echten Bentleyischen Geschmak! Die Verbesserung ist wahrer Unsinn, der Text aufs höchste eine
weder ungewöhnliche noch unschikliche Hyperbole. Es ist etwas sehr mögliches, daß die irdischen
Sterne, welche Shakespear meynt, bey einem Bal den Glanz der himmlischen in den Augen eines
jungen Liebhabers verdunkeln; und das ist der natürlichste Sinn des Texts: Aber daß eine ganze
Schaar der schimmerndsten Schönen durch den blossen Glanz ihrer Augen, einen Tanzsaal so wol
erleuchten sollte, daß man die Lichter dabey ersparen könnte, ist mehr als man auch der feurigsten
Orientalischen Einbildungskraft zumuthen dürfte. Wenn wir, wie schon öfters geschehen ist, die
Lesart des Texts der vermeynten Verbesserung des Hrn. Warbürtons vorziehen, so geschieht es
allemal mit so gutem Grund als dieses mal, obgleich manche von denenjenigen, die wir verwerfen,
seinem Wiz mehr Ehre machen, als die gegenwärtige. ** Eine Lüke von vier abgeschmakten Reimen.
Vierte Scene.
Verwandelt sich in Capulets Haus. Lady Capulet und die Amme treten auf.
Lady.
Amme, wo ist meine Tochter? Ruffe sie zu mir heraus.
Amme.
Nun, bey meiner Jungferschaft, (wie ich zwölf Jahre alt war, meyn' ich;) ich sagte ihr, sie möchte
kommen; wie, Schäfchen - - he! Mein Däubchen - - daß uns Gott behüte! Wo ist das Mädchen? he!
Juliette! Juliette zu den Vorigen.
Juliette.
Was ists? Wer ruft?

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