Emotionen Und Sprachliche Feldstrukturen: Überlegungen Zum Status, Zu Außengrenzen Und Zur Internen Struktur Eines Feldes
Emotionen Und Sprachliche Feldstrukturen: Überlegungen Zum Status, Zu Außengrenzen Und Zur Internen Struktur Eines Feldes
Hana Bergerová
Abstract
Emotions and lexical fields. Reflections on the status, outer delimitation and internal structuring of one
particular field
The contribution deals with a selected lexical field related to the emotion ‘anger’. It is treated from a Ger-
man-Czech perspective and with respect to its underlying psychological aspects. It begins by investigating
the nature of lexical fields, and explains the framework of the chosen field in terms of its content and form.
On this basis the author tries to find an answer to the question whether this particular field can in fact be
considered to be a lexical field. In conclusion the paper discusses the question of whether psychological find-
ings on emotions generally, and on the emotion of ‘anger’ in particular, can be of help in establishing both
an outer delimitation and an internal structuring of the field.
Key words:
emotions, lexical field, anger, contrastive linguistics
1. Einleitung
Nach einer langen Phase der Vernachlässigung von Emotionen in der Sprachwissenschaft (s. hier-
für Schwarz-Friesel 2007:7–12) belegen bibliographische Recherchen in den letzten Jahren einen
erfreulichen Zuwachs von Publikationen, die sich dem Verhältnis von Sprache und Emotionen wid-
men (zu einschlägigen Veröffentlichungen mit Bezug auf Deutsch, das häufig mit anderen Sprachen
kontrastiert wird, gehören bspw. Chen 2007, Folkersma 2010, Glaznieks 2011, Schuppener 2010
und weitere im Literaturverzeichnis genannte Studien). Auch in der tschechischen Germanistik
mehren sich Arbeiten, die dieses Thema aus deutsch-tschechischer Perspektive beleuchten. Diese
konzentrieren sich im Wesentlichen auf zwei der von Schwarz-Friesel (2007:12 f.) abgesteckten
Forschungsfelder:
1. Sie untersuchen die Widerspiegelung der Konzeptualisierungen1 von Emotionen in sprachli-
chen Ausdruckformen aus intra- und interlingualer (deutsch-tschechischer) Sicht (vgl. bspw.
Bergerová 2011; Cieślarová 2010; Šichová 2010; Zemanová 2010);
1
Unter Konzeptualisierungen werden hier mit Schwarz-Friesel (2007:10) geistige Vorstellungen der Sprachträger von
Sachverhalten der Realität gemeint, d. h. die mentale Erfassung und Repräsentation im kulturell-kollektiven sowie indi-
viduellen Gedächtnisbesitz.
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Hana BERGEROVÁ
2. Sie erforschen ferner den Zusammenhang zwischen (ausgewählten) Emotionen und ih-
ren (typischen) sprachlichen Manifestationen in bestimmten Texten bzw. Textsorten (vgl.
bspw. die Studien von Cieślarová 2011, Hrdinová 2010, 2011; Kaňovská/Křížková 2010;
Kotůlková 2010; Malá 2010a, 2010b; Mostýn 2010; Pavlíčková 2010; Rykalová 2010;
Vaňková 2010, 2011 oder den Sammelband von Vaňková/Wolf 2010).
Der vorliegende Beitrag beschäftigt sich mit einem ausgewählten lexikalischen Feld aus dem Be-
reich der Emotionen. Zunächst soll geklärt werden, was im Folgenden unter einem lexikalischen
Feld verstanden wird. Im Anschluss daran werde ich das von mir untersuchte Feld unter inhaltli-
chem und formalem Gesichtspunkt beleuchten und mir die Frage stellen, ob es die Bezeichnung
lexikalisches Feld verdient. Schließlich möchte ich darauf eingehen, ob emotionspsychologische
Erkenntnisse über die Emotionen im Allgemeinen und die hier fokussierte Emotion Ärger im Be-
sonderen dabei helfen können, das im Mittelpunkt stehende Feld zum einen nach außen abzuste-
cken, d. h. von anderen verwandten Feldern abzugrenzen, und zum anderen intern zu strukturieren.
Ein Feld setzt demzufolge eine formale und inhaltliche Klammer voraus. Auf der Formebene über-
nimmt ein verbaler Kontext (Substitutionsrahmen) mit einer Substitutionsstelle X, die durch un-
tereinander alternative Möglichkeiten belegt wird, die Rahmenbildung eines Feldes: bspw. der X
Mann/zornige, wütende, wutschnaubende, aufgebrachte, ärgerliche, erboste… Die mit X gekenn-
zeichnete offene Stelle in dem vorgegebenen verbalen Kontext wird durch Ausdrücke aus dem
konkreten lexikalischen Feld – in dem obigen Beispiel durch Adjektive für Ärgergefühle – belegt,
die in unmittelbarer Opposition zueinander stehen. Da die Bestimmung der Position jedes Feldele-
ments in Auseinandersetzung mit anderen Feldelementen geschieht, müssen diese in engster para-
digmatischer Beziehung zueinander stehen und folglich – wie in dem obigen Beispiel – derselben
Wortart angehören.
Auf der Inhaltsebene müssen die Elemente eines lexikalischen Feldes untereinander seman-
tisch ähnlich sein: Das in der obigen Definition erwähnte „Inhaltskontinuum“ bezieht sich auf den
archilexematischen Inhalt des Feldes, ohne das ein entsprechendes Archilexem in der jeweiligen
Sprache tatsächlich realisiert sein muss. In solchen Fällen wird dann vom Archisemem gesprochen.
Jedes Paradigma ist in sich weiter inhaltlich gegliedert – entsprechend seinen „Dimensionen“, d. h.
semantischen Gliederungsgesichtspunkten (vgl. Geckeler 1993:15). Es sei durch zwei Beispiele
verdeutlicht: Geckeler (ebenda) führt aus dem Wortfeld der Verwandtschaftsbezeichnungen im
6
Emotionen und sprachliche Feldstrukturen
Französischen die Dimensionen Generation, Geschlecht und Lateralität an, in Lutzeier (1995b:18 f.)
findet sich die Unterscheidung in stehendes versus fließendes Gewässer (d. h. See, Teich, Tümpel…
versus Bach, Fluss, Strom…) in dem Paradigma mit dem Archilexem Gewässer.
2
Vgl. hierzu bspw. die Erklärungen der Begriffe Ärger, Wut und Zorn im Brockhaus-Lexikon Psychologie (2009:53f.,
693, 699).
7
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Verbaler Kontext 1
Emotionsträger (nennen wir ihn Anton) X (reagiert emotional auf ein Ereignis oder eine Situation,
das/die von ihm subjektiv als unzuträglich oder hinderlich betrachtet wird)7/ärgert sich, wütet, tobt,
platzt [fast] vor Wut, geht in die Luft, lässt seiner Wut freien Lauf, schluckt die Wut hinunter, macht
seinem Unmut Luft, frisst den Zorn in sich hinein, könnte sich in den Hintern beißen usw. oder
entsprechend in Tschechisch: Anton se rozzuřil, rozčílil, dopálil, rozčertil, zlobil, vybuchl, by si
nejraději nakopal do zadku u. a.).
Ausdrücke, die die Stelle X belegen können, sind ein- oder zweiwertige Verben bzw. verbale
Phraseologismen, deren Subjektstelle von dem Emotionsträger besetzt ist. Das Objekt – falls vor-
handen – wird durch ein substantivisches Gefühlswort gebildet: bspw. etw. <Ärger, Empörung,
Kummer, Unmut> Luft machen,8 hier logischerweise mit Bezug zu der Emotion Ärger.
Einen Subtyp dieses verbalen Kontextes stellen verbale Phraseologismen vom Typ jmdm. platzt
der Kragen dar. Auch diese passen in den obigen verbalen Kontext hinein, allerdings ist in solchen
Fällen der Emotionsträger nicht das Subjekt des Satzes. Es handelt sich um verbale Phraseolo-
gismen, deren interne Struktur Subjekt und finites Verb (bspw. der Kragen + platzt) umfasst und
jeweils um eine Leerstelle (Dativ oder Präpositionalobjekt, Attribut) erweitert ist. Das Subjekt ist
ein fester, nicht variabler Teil des Phraseologismus und gehört somit zu seiner inneren Valenz. Der
Emotionsträger (Anton) tritt als Besetzung der Leerstelle im Satz auf, also als zur externen Valenz
des Phraseologismus gehörendes Dativ-/Präpositionalobjekt (bzw. -ergänzung) oder Attribut (ggf.
vertreten durch ein Possessivpronomen). Burger (2010:39 f.) zählt solche Konstruktionen zu sog.
festen Phrasen. Fleischer (1997:99–102) bezeichnet sie als festgeprägte prädikative Konstruktionen.
3
Duden 8 (2007) listet unter dem Stichwort ärgerlich 32, unter wütend und zornig jeweils 40 Synonyme auf.
4
Duden 8 (2007) führt unter dem Stichwort Ärger (in der hier gemeinten Lesart von seinen zwei Bedeutungen) 23, unter
Unmut 22, unter Wut und Zorn jeweils 26 Synonyme an.
5
Näheres zur phraseologischen Terminologie s. Burger (2010:33–58).
6
Für Erklärungen zu solchen Paradigmen s. bspw. Lutzeier (1995b:17–19) und Schindler (1993:89–92).
7
Vgl. hierfür die Erklärung zu Ärger im Brockhaus-Lexikon Psychologie (2009:53): „Emotionale Reaktion auf ein Ereig-
nis oder eine Situation, die subjektiv als unzuträglich oder hinderlich betrachtet wird.“
8
Spitze Klammern werden hier im Sinne von Hessky/Ettinger (1997:XXXII) und in Anlehnung an sie zur Kennzeichnung
morphologischer, syntaktischer, semantischer und klassematischer Restriktionen verwendet. Eckige Klammern stehen
für fakultative Bestandteile eines Phraseologismus, wogegen runde Klammern fakultative Aktanten anzeigen.
8
Emotionen und sprachliche Feldstrukturen
Folgerichtig müsste man einen solchen verbalen Kontext als Variante des erstgenannten betrachten
und als verbalen Kontext 1a bezeichnen.
Verbaler Kontext 1a
Beispiel (6) unterscheidet sich jedoch von den anderen, denn das Subjekt (Wut) ist kein fester, nicht
variabler Bestandteil der Wortverbindung.9 Es handelt sich zudem um kein Idiom wie in (1) bis (5),
sondern es ist vielmehr eine Kollokation, bei der der Bezug zu der hier fokussierten Emotion nicht
durch das Verb gewährleistet ist, sondern durch das Substantiv als Subjekt. Der Emotionsträger
ist – falls überhaupt – in attributiver Stellung im Satz vertreten.
Der entsprechende verbale Kontext, der hier mit 2 nummeriert werden müsste, könnte wie folgt
aussehen.
Verbaler Kontext 2
Substantivisches Gefühlswort (Unmut, Ärger, Wut, Zorn u. a.), ggf. attribuiert X/staut sich auf,
wächst, verraucht, verfliegt, entlädt sich usw.
In solchen Fällen wird eine Situation voller emotional geladener, angespannter, gereizter Stimmung
verbal ausgedrückt. Das syntaktische Subjekt solcher Sätze wird meist durch ein Gefühlswort oder
einen entsprechenden metaphorischen Ausdruck wie in dem Idiom die Wogen gehen hoch ver-
sprachlicht. Im Tschechischen finden sich hierfür bspw. vztek pomine/vyprchá/utiší se.
Die Analyse des Korpus führte noch zu einer weiteren Erkenntnis. Zahlreiche von mir als pro-
totypisch erachtete Lexeme passten in keinen der oben genannten verbalen Kontexte hinein. Dies
trifft u. a. für jmdn. auf die Palme bringen oder jmdn. verärgern zu. Es handelt sich hierbei um
zweiwertige Verben bzw. verbale Phraseologismen mit zwei externen Valenzen, in denen die Ur-
sache des Ärgers (eine Person, ein Gegenstand, ein Sachverhalt) als Subjekt auftritt und der Emo-
tionsträger die Stelle eines Dativ-, Akkusativ oder Präpositionalobjekts (bzw. -ergänzung) besetzt.
Ein solcher verbaler Kontext Nummer 3 könnte folgendermaßen dargestellt werden.
Verbaler Kontext 3
Eine Person (die im Folgenden Berta genannt wird)/ein Gegenstand/ein Sachverhalt X (verursacht
eine emotionale Reaktion des Emotionsträgers; in der Regel durch eine Handlung, die dieser sub-
jektiv als unzuträglich oder hinderlich betrachtet)/verärgert, erzürnt, vergrault, wurmt10 … Anton
(Emotionsträger).
9
Vgl. hierzu den Eintrag im Langenscheidt e-Großwörterbuch DaF (2008, weiter nur LeGDaF): ver·rau·chen; verrauch-
te, ist verraucht; [Vi] etwas verraucht ,etwas verschwindet allmählich‘ <meist Ärger, jemandes Wut, jemandes Zorn>.
10
Klassematische Restriktionen beim Subjekt werden hier zunächst nicht beachtet. So lässt bspw. wurmen als Subjekt keine
Person, sondern nur ein Abstraktum zu (die Kritik, der Streit, der Vorwurf, die Niederlage wurmt Anton).
9
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Vgl. im Tschechischen Berta rozčílila, rozhněvala, namíchla, pobouřila Antona, dohnala ho k zu-
řivosti, hnula mu žlučí, rozžhavila ho do běla oder ten zákaz Antona rozčílil, rozhněval, namíchl,
pobouřil, hnul Antonovi žlučí, leží Antonovi v žaludku usw.
„das stereotype Wissen über Arten von Gegenständen, Ereignisstrukturen, Themen oder Situationen
und auch das Wissen über typische sprachliche Mittel, mit denen man sich über entsprechende Ge-
genstände, Ereignisstrukturen, Themen oder Situationen verständigen kann.“ (Gloning 2002:733)
Gloning (ebenda) hebt ferner hervor, dass innerhalb der Frames Untergruppen erkennbar sind, die
wortfeldähnliche Strukturen aufweisen (in unserem Falle müsste man über Strukturen sprechen, die
lexikalischen Feldern ähneln oder solche Felder sind).
10
Emotionen und sprachliche Feldstrukturen
bereiten die „Nachkommen“ des Ärgers, besser gesagt deren lexikalisierte Bezeichnungen. Mees
(1992b: 62f.) nennt als Beispiele für Emotionen, „die empirisch häufig aus Ärger oder Zorn ‚ent-
springen’“ die „Abneigungs-“ und „Geringschätzungsemotionen“ (jmdn./etw. ignorieren, jmdn./
etw. übersehen, an jmdm./etw. kein gutes Haar lassen, jmdn. links liegen lassen, jmdm. die kalte
Schulter zeigen, jmdn. wie Luft behandeln; tsch. přehlížet někoho [jako širé lány], kašlat na někoho,
ignorovat někoho, obracet se k někomu zády). Solche Ausdrücke werden hier ausgesondert, weil sie
nicht unbedingt aus der hier behandelten Emotion entspringen müssen und weil deren Bedeutung
folglich nicht primär diese Emotion fokussiert. Als „Nachkommen“ der untersuchten Emotion kön-
nen in gewisser Weise jedoch auch die ärgertypischen Begleit- und insbesondere Folgehandlungen
betrachtet werden, die unter 4.5 zur Sprache kommen. An dieser Stelle war es besonders schwierig,
die Außengrenzen des semantischen Feldes Ärger abzustecken (s. die Diskussion der Auswahl-
kriterien unter 5).
Ich lehne mich ferner an die in der Emotionspsychologie weithin akzeptierte Vorstellung an,
dass Emotionen mehrdimensionale Syndromkategorien darstellen (vgl. Schwarz-Friesel 2007:55,
Weber 1994:13), die aus mehreren Komponenten bestehen. Die Anzahl der Komponenten wird
unterschiedlich behandelt.12 Ich gehe im Folgenden in Anlehnung an Weber (ebenda) von fünf
Komponenten aus: der physiologischen, expressiven, kognitiven, motivational-aktionalen und
subjektiv-erlebnisbezogenen. Anhand dessen habe ich untersucht, ob die einzelnen Komponenten
in meinem Korpus versprachlicht werden und wie dies geschieht bzw. ob sich daraus eventuell ein
weiteres Kriterium für die Bestimmung der Außengrenzen einerseits und für die interne Strukturie-
rung des untersuchten Feldes andererseits ergeben könnte.
Die Korpusanalyse ergab, dass alle oben genannten Emotionskomponenten – wenn auch im
unterschiedlichen Ausmaß – ihren sprachlichen Niederschlag finden, wobei des Öfteren eine Über-
schneidung der Komponenten zu beobachten ist. Ich habe mich nachfolgend für eine darauf basie-
rende Ausdifferenzierung des Feldes entschieden, die ich nun skizzieren möchte.
11
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sich [vor Wut/Zorn] nicht mehr kennen, die Wut in sich hineinfressen, die Wut hinunterschlucken
vs. seiner Wut Luft machen, [über]schäumen vor Wut, Dampf ablassen; tsch. mít tmu před očima,
vidět rudě, vzkypět hněvem, vzplanout hněvem, moct puknout zlostí, dohřát se, dopálit se, polykat
hněv, být vzteky bez sebe.
12
Emotionen und sprachliche Feldstrukturen
Schnell zeichnete sich ab, dass sich eben in dieser Gruppe, die Lexeme zur Bezeichnung von
ärgerauslösenden Ursachen sowie typischen Begleit- und Folgehandlungen des Ärgers umfasst,
die meisten (wenn auch oft nicht unumstrittenen) Streich-Kandidaten befinden (Näheres dazu im
Abschnitt 5.5). Die Entscheidung fiel nicht immer leicht, denn das Empfinden der untersuchten
Emotion wird oft von einer Handlung unmittelbar begleitet und das Zusammenspiel beider spie-
gelt sich auch in der Bedeutungsstruktur der lexikalisierten Bezeichnungen wieder, was eine klare
Entscheidung erschwert. Ich bin mir deshalb über die bis zu einem gewissen Maße unvermeidbare
Subjektivität meiner Entscheidungen im Klaren.14 Im folgenden Abschnitt sollen die einzelnen Aus-
wahlkriterien beleuchtet werden.
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oleje do ohně. Gewissermaßen einen Sonderfall stellen Phraseologismen mit der Bedeutung ‚jmds.
emotionale Verfassung beruhigen‘ (Öl auf die Wogen gießen, die Wogen glätten; tsch. lít olej na
rozbouřené vlny) dar.
Diesem Ansatz folgend, habe ich Lexeme wie jmdm. ist eine Laus über die Leber gelaufen,15 mit
dem linken/falschen Bein/Fuß [zuerst] aufgestanden sein16 oder tsch. špatně se vyspat, vstávat levou
nohou [napřed], někoho mrzí celý svět aus dem untersuchten Feld ausgegrenzt. Unter diese Kate-
gorie fällt auch die sprichwörtliche Fliege an der Wand in sich über die Fliege an der Wand ärgern,
jmdn. ärgert/stört die Fliege an der Wand.17
(14) Die Regina hatte schlecht geschlafen und war infolgedessen so reizbar gewesen, dass schon
eine Fliege an der Wand sie zu ärgern schien. (Referenzkorpus des IDS Mannheim, MK1/
TJM.00000 [Trivialroman], Unterstreichung von mir.)
15
Vgl. die Bedeutungserläuterung in Duden 11 (2008:472): ,jmd. ist schlecht gelaunt, ärgert sich anscheinend grundlos über
jede Kleinigkeit‘.
16
Vgl. die Bedeutungserläuterung in Duden 11 (2008:70): ,schlecht gelaunt sein‘.
17
Vgl. die Bedeutungserläuterung in Duden 11: (2008:233): ,jmdn. ärgert/stört jede Kleinigkeit‘.
14
Emotionen und sprachliche Feldstrukturen
15
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,sehr wütend sein; ausfallend, gehässig reagieren‘. In der Umgebung des Idioms treten beispiels-
weise Ausdrücke wie Schimpfkanonade, laute Töne, scharfe Worte, beißende Kritik, Attacke, Hass-
tirade auf, die auf die verbale Handlung explizit Bezug nehmen. Zu den aussagekräftigsten Beispie-
len gehören folgende (durch Unterstreichungen soll der explizite Bezug auf die beim Gebrauch von
Gift und Galle speien/spucken mitgemeinte Handlung verdeutlicht werden):
(15) Giovane Elber spuckte Gift und Galle. Nach dem Abpfiff verschwand der Stürmer des VfB zwar
durch den Hinterausgang, zuvor hatte er aber Schiedsrichter Fleske, der ihm in der 79. Minute
die Gelb-Rote Karte gezeigt hatte, noch einige nette Worte mit auf den Weg gegeben.
(R97/MÄR.24340, Frankfurter Rundschau, 29. 03. 1997, S. 12)
(16) Diesmal folgen keine Beschimpfungen und auch keine sarkastischen Bemerkungen über die
Launen des Lebens. So viel Sanftmut hätte man von der jungen Wilden nicht unbedingt erwartet.
Vor drei Jahren noch hatte die Kanadierin (gemeint ist die Sängerin Alanis Morissette, H. B.)
Gift und Galle gespuckt und treulose Ex-Liebhaber in herrlich schönen „Du Dreckskerl hast
mich verlassen!“-Songs zur Schnecke gemacht.
(R98/NOV.91526, Frankfurter Rundschau, 14. 11. 1998, S. 8)
(17) Da drei Landtagswahlen (am 24. März) zu einer nationalen Testwahl hochgewuchtet werden,
hat der SPD-Vorsitzende Oskar Lafontaine die Einwanderung von Spätaussiedlern aus der
ehemaligen Sowjetunion zum Thema der Auseinandersetzung gemacht. Gewaltige Empörung
schlägt ihm entgegen: Sowohl der politische Gegner, CSU, als auch das liberale Establishment
spucken Gift und Galle. Der Vorwurf des „Linkspopulismus“ ist noch die harmloseste Keule,
die gegen den raffinierten Zuspitzer aus dem Saarland geschleudert wird.
(E96/MÄR.05654, Züricher Tagesanzeiger, 02.03.1996, S. 2)
6. Ausblick
In dem vorliegenden Artikel wurde anhand eines zunächst intuitiv zusammengestellten Korpus von
deutschen und tschechischen Verben sowie verbalen Phraseologismen mit Bezug zu der Emotion
Ärger der Frage nachgegangen, welchen Feld-Status eine derartige Gruppierung von Lexemen hat.
Des Weiteren wurde unter Zuhilfenahme emotionspsychologischer Kriterien versucht, die Außen-
grenzen des Feldes zu ziehen und es intern zu zerlegen. Obgleich in der vorliegenden Studie zwei
Sprachen Beachtung fanden, liegt hier keine sprachvergleichende Untersuchung vor, denn diese
müsste Gemeinsamkeiten, Ähnlichkeiten und Unterschiede in der Ausprägung des Feldes in den
fokussierten Sprachen in den Mittelpunkt stellen (zu verschiedenen Arten von (Wort-)Feldanalysen
vgl. Gloning 2002:732). Diese zweifelsohne spannende und lohnende Forschungsaufgabe (mit viel-
fältigem praktischem Nutzen, s. weiter unten) muss jedoch späteren Untersuchungen vorbehalten
bleiben.
Lutzeier (1995b:25–27) stellte sich die Frage, was Wortfelder bzw. lexikalische Felder sein
könnten. Als geeignete Anwendungsgebiete der Wortfeldkonzeption (lexikalische Felder sind mit-
gemeint) stellt er folgende heraus:
• Typologische und vergleichende (intra- sowie intersprachlich orientierte) Untersuchungen
der theoretischen Linguistik und sprachdidaktische Übungen der angewandten Linguistik;
• Computerlinguistik, insbes. auf dem Gebiet maschineller Übersetzungsprogramme;
• onomasiologische Lexikographie;
• Kognitive Linguistik; zum Beispiel liefert der Feldansatz wichtige Erkenntnisse für die Er-
fassung der Struktur im Inneren einer Kategorie sowie für die Erfassung der Art und Weise
der Grenzziehung nach außen zu anderen Kategorien;
• Austausch zwischen Psychologie und Linguistik über die jeweiligen Feldvorstellungen
(Stichwort: wortfeldartige Gruppierungen im mentalen Lexikon);
16
Emotionen und sprachliche Feldstrukturen
Seine Überlegungen schließt er mit folgenden Worten ab: „Lexikalische Felder sind sowohl Zeu-
gen als auch Kristallisationspunkt für insgesamt in einer natürlichen Sprache wirkende feldmäßige
Kräfte. Die Linguistik hat somit die Aufgabe, dieser Tatsache in ihrer Theoriebildung und prakti-
schen Arbeit gerecht zu werden“ (1995b:27).
Auch Gloning (2002:732) betont, dass mit Wortfeldanalysen nicht selten weiterführende Ziele
verbunden waren und sind, und nennt als Beispiele die Anbindung an die kognitive Linguistik, die
Lexikographie, die Computerlinguistik und die Sprachdidaktik. Er konstatiert (ebenda:733 f.): „Zu
den Desiderata der Lexikologie gehört es, das Verhältnis und das Zusammenspiel unterschiedlicher
Prinzipien der Wortschatzorganisation, z. B. Wortfelder und Frames, näher zu bestimmen und in
exemplarischen Analysen zu erläutern.“
Der vorliegende Beitrag wollte und konnte aufgrund seines Umfangs keine solche exemplarische
Analyse liefern. Er ist vielmehr als Anstoß gedacht. Als Anstoß zu weiteren, insbes. sprachverglei-
chenden, Untersuchungen (aufgrund des persönlichen Hintergrunds der Autorin freilich in erster
Linie deutsch-tschechisch ausgerichteten) und deren Ausweitung auf sprachdidaktische, lexikogra-
phische, kognitivlinguistische und andere geeignete Forschungsfelder.
Literaturverzeichnis
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