0% fanden dieses Dokument nützlich (0 Abstimmungen)
4 Ansichten16 Seiten

Emotionen Und Sprachliche Feldstrukturen: Überlegungen Zum Status, Zu Außengrenzen Und Zur Internen Struktur Eines Feldes

Der Beitrag untersucht das lexikalische Feld der Emotion 'Ärger' aus einer deutsch-tschechischen Perspektive und beleuchtet dessen inhaltliche und formale Struktur. Es wird diskutiert, ob psychologische Erkenntnisse zur Emotion 'Ärger' zur Abgrenzung und internen Strukturierung des Feldes beitragen können. Der Text analysiert verschiedene sprachliche Ausdrucksformen und deren Beziehung zur Emotion, wobei sowohl prototypische als auch weniger typische Lexeme betrachtet werden.

Hochgeladen von

Melania Mądrzak
Copyright
© All Rights Reserved
Wir nehmen die Rechte an Inhalten ernst. Wenn Sie vermuten, dass dies Ihr Inhalt ist, beanspruchen Sie ihn hier.
Verfügbare Formate
Als PDF, TXT herunterladen oder online auf Scribd lesen
0% fanden dieses Dokument nützlich (0 Abstimmungen)
4 Ansichten16 Seiten

Emotionen Und Sprachliche Feldstrukturen: Überlegungen Zum Status, Zu Außengrenzen Und Zur Internen Struktur Eines Feldes

Der Beitrag untersucht das lexikalische Feld der Emotion 'Ärger' aus einer deutsch-tschechischen Perspektive und beleuchtet dessen inhaltliche und formale Struktur. Es wird diskutiert, ob psychologische Erkenntnisse zur Emotion 'Ärger' zur Abgrenzung und internen Strukturierung des Feldes beitragen können. Der Text analysiert verschiedene sprachliche Ausdrucksformen und deren Beziehung zur Emotion, wobei sowohl prototypische als auch weniger typische Lexeme betrachtet werden.

Hochgeladen von

Melania Mądrzak
Copyright
© All Rights Reserved
Wir nehmen die Rechte an Inhalten ernst. Wenn Sie vermuten, dass dies Ihr Inhalt ist, beanspruchen Sie ihn hier.
Verfügbare Formate
Als PDF, TXT herunterladen oder online auf Scribd lesen

Emotionen und sprachliche Feldstrukturen

Überlegungen zum Status, zu Außengrenzen


und zur internen Struktur eines Feldes

Hana Bergerová

Abstract
Emotions and lexical fields. Reflections on the status, outer delimitation and internal structuring of one
particular field

The contribution deals with a selected lexical field related to the emotion ‘anger’. It is treated from a Ger-
man-Czech perspective and with respect to its underlying psychological aspects. It begins by investigating
the nature of lexical fields, and explains the framework of the chosen field in terms of its content and form.
On this basis the author tries to find an answer to the question whether this particular field can in fact be
considered to be a lexical field. In conclusion the paper discusses the question of whether psychological find-
ings on emotions generally, and on the emotion of ‘anger’ in particular, can be of help in establishing both
an outer delimitation and an internal structuring of the field.

Key words:
emotions, lexical field, anger, contrastive linguistics

1. Einleitung
Nach einer langen Phase der Vernachlässigung von Emotionen in der Sprachwissenschaft (s. hier-
für Schwarz-Friesel 2007:7–12) belegen bibliographische Recherchen in den letzten Jahren einen
erfreulichen Zuwachs von Publikationen, die sich dem Verhältnis von Sprache und Emotionen wid-
men (zu einschlägigen Veröffentlichungen mit Bezug auf Deutsch, das häufig mit anderen Sprachen
kontrastiert wird, gehören bspw. Chen 2007, Folkersma 2010, Glaznieks 2011, Schuppener 2010
und weitere im Literaturverzeichnis genannte Studien). Auch in der tschechischen Germanistik
mehren sich Arbeiten, die dieses Thema aus deutsch-tschechischer Perspektive beleuchten. Diese
konzentrieren sich im Wesentlichen auf zwei der von Schwarz-Friesel (2007:12 f.) abgesteckten
Forschungsfelder:
1. Sie untersuchen die Widerspiegelung der Konzeptualisierungen1 von Emotionen in sprachli-
chen Ausdruckformen aus intra- und interlingualer (deutsch-tschechischer) Sicht (vgl. bspw.
Bergerová 2011; Cieślarová 2010; Šichová 2010; Zemanová 2010);

1
Unter Konzeptualisierungen werden hier mit Schwarz-Friesel (2007:10) geistige Vorstellungen der Sprachträger von
Sachverhalten der Realität gemeint, d. h. die mentale Erfassung und Repräsentation im kulturell-kollektiven sowie indi-
viduellen Gedächtnisbesitz.

5
Hana BERGEROVÁ

2. Sie erforschen ferner den Zusammenhang zwischen (ausgewählten) Emotionen und ih-
ren (typischen) sprachlichen Manifestationen in bestimmten Texten bzw. Textsorten (vgl.
bspw. die Studien von Cieślarová 2011, Hrdinová 2010, 2011; Kaňovská/Křížková 2010;
Kotůlková 2010; Malá 2010a, 2010b; Mostýn 2010; Pavlíčková 2010; Rykalová 2010;
Vaňková 2010, 2011 oder den Sammelband von Vaňková/Wolf 2010).

Der vorliegende Beitrag beschäftigt sich mit einem ausgewählten lexikalischen Feld aus dem Be-
reich der Emotionen. Zunächst soll geklärt werden, was im Folgenden unter einem lexikalischen
Feld verstanden wird. Im Anschluss daran werde ich das von mir untersuchte Feld unter inhaltli-
chem und formalem Gesichtspunkt beleuchten und mir die Frage stellen, ob es die Bezeichnung
lexikalisches Feld verdient. Schließlich möchte ich darauf eingehen, ob emotionspsychologische
Erkenntnisse über die Emotionen im Allgemeinen und die hier fokussierte Emotion Ärger im Be-
sonderen dabei helfen können, das im Mittelpunkt stehende Feld zum einen nach außen abzuste-
cken, d. h. von anderen verwandten Feldern abzugrenzen, und zum anderen intern zu strukturieren.

2. Was ist ein lexikalisches Feld?


Im Mittelpunkt der vorliegenden Untersuchung stehen spezielle paradigmatische Gruppierungen
im Wortschatz. Manche Autoren unterscheiden hierbei zwischen Wortfeldern, die nur wortarti-
ge (einfache oder morphologisch komplexe) Elemente umfassen, und lexikalischen Feldern, die
auch sog. Mehrwortlexeme/Phraseologismen beinhalten (vgl. insbes. Lutzeier 1995b:15 f., ferner
Schindler 1993 und Hartmann 1998:130), und betrachten folglich Wortfelder als Sonderfälle der
lexikalischen Felder. Im Folgenden werden alle sprachlichen Einheiten mit Bezug auf die Emotion
Ärger unabhängig von ihrem morphologischen und syntaktischen Status berücksichtigt und die
Bezeichnung lexikalisches Feld favorisiert.
Im Zusammenhang mit Felduntersuchungen wird für gewöhnlich auf die Definition von Coseriu
(1978a:241) zurückgegriffen:
„Ein W o r t f e l d ist in struktureller Hinsicht ein lexikalisches Paradigma, das durch die Aufteilung
eines lexikalischen Inhaltskontinuums unter verschiedene in der Sprache als Wörter gegebene Ein-
heiten entsteht, die durch einfache inhaltsunterscheidende Züge in unmittelbarer Opposition zuein-
ander stehen.“

Ein Feld setzt demzufolge eine formale und inhaltliche Klammer voraus. Auf der Formebene über-
nimmt ein verbaler Kontext (Substitutionsrahmen) mit einer Substitutionsstelle X, die durch un-
tereinander alternative Möglichkeiten belegt wird, die Rahmenbildung eines Feldes: bspw. der X
Mann/zornige, wütende, wutschnaubende, aufgebrachte, ärgerliche, erboste… Die mit X gekenn-
zeichnete offene Stelle in dem vorgegebenen verbalen Kontext wird durch Ausdrücke aus dem
konkreten lexikalischen Feld – in dem obigen Beispiel durch Adjektive für Ärgergefühle – belegt,
die in unmittelbarer Opposition zueinander stehen. Da die Bestimmung der Position jedes Feldele-
ments in Auseinandersetzung mit anderen Feldelementen geschieht, müssen diese in engster para-
digmatischer Beziehung zueinander stehen und folglich – wie in dem obigen Beispiel – derselben
Wortart angehören.
Auf der Inhaltsebene müssen die Elemente eines lexikalischen Feldes untereinander seman-
tisch ähnlich sein: Das in der obigen Definition erwähnte „Inhaltskontinuum“ bezieht sich auf den
archilexematischen Inhalt des Feldes, ohne das ein entsprechendes Archilexem in der jeweiligen
Sprache tatsächlich realisiert sein muss. In solchen Fällen wird dann vom Archisemem gesprochen.
Jedes Paradigma ist in sich weiter inhaltlich gegliedert – entsprechend seinen „Dimensionen“, d. h.
semantischen Gliederungsgesichtspunkten (vgl. Geckeler 1993:15). Es sei durch zwei Beispiele
verdeutlicht: Geckeler (ebenda) führt aus dem Wortfeld der Verwandtschaftsbezeichnungen im

6
Emotionen und sprachliche Feldstrukturen

Französischen die Dimensionen Generation, Geschlecht und Lateralität an, in Lutzeier (1995b:18 f.)
findet sich die Unterscheidung in stehendes versus fließendes Gewässer (d. h. See, Teich, Tümpel…
versus Bach, Fluss, Strom…) in dem Paradigma mit dem Archilexem Gewässer.

3. Zum untersuchten Feld


3.1 Zur Entstehung des untersuchten Korpus: der inhaltliche Rahmen
Die Klammer auf der Inhaltsebene – das Archisemem – bildet in unserem Falle der Bezug zu der
Emotion Ärger. Diese Emotion wird verschieden bezeichnet: als Ärger (vgl. Glaznieks 2011), Wut
(vgl. Folkersma 2010) oder Zorn (vgl. Zemanová 2010; Gondek 2009 verwendet die Bezeichnungen
Wut und Zorn nebeneinander, wobei einiges daraufhin deutet, dass sie Wut und Zorn als zwei un-
terschiedliche Emotionen und nicht als verschiedene Ausprägungen einer und derselben Emotionen
betrachtet, s. S. 441). Es scheint, als würde sich in der psychologischen Literatur Ärger durchsetzen
(vgl. Mees 1992b, Hodapp/Schwenkmezger 1993, Weber 1994, Immenroth/Joest 2004, Equit 2007
und auch die Ausführungen von Durst 2001:129). Ich schließe mich diesem Trend an, benutze das
Wort Ärger als Oberbegriff und betrachte die Bezeichnungen Wut, Zorn bzw. Unmut als lexikalisch
unterscheidbare Ärger-Varianten, die sich insbesondere hinsichtlich der mit ihnen ausgedrückten
Intensität des fraglichen Emotionstyps unterscheiden.2
Als Korpusquelle diente mir im Deutschen neben Dornseiff (2004) der Duden 11: Redewen-
dungen und sprichwörtliche Redensarten (2008), Schemann (1991), Duden 8: Das Synonymwör-
terbuch (2007) sowie das Kollokationswörterbuch von Quasthoff (2010). Das auf diese Weise ent-
standene Korpus wurde zusätzlich noch mit den Untersuchungskorpora in anderen einschlägigen
Publikationen abgeglichen (vgl. Chen 2007, Folkersma 2010, Gondek 2009, Zemanová 2010). Das
tschechische Korpus habe ich aus dem Thesaurus der tschechischen Sprache von Klégr (2007)
sowie aus dem Wörterbuch der tschechischen Phraseologie und Idiomatik (zwei Bände zu verba-
len Ausdrücken) von Čermák et al. (1994) ermittelt. Eine Fundgrube stellt auch der Beitrag von
Zemanová (2010) dar.
In der Phase des Sammelns spielte des Öfteren die Intuition eine Rolle. Dies ist in der Linguistik
zweifelsohne legitim. Andererseits ist Lutzeier (1995a:103) zuzustimmen, dass Intuition „eher als
ein heuristisches Steuerinstrument“ zu betrachten ist. Für weitere auf der Intuition basierende Ent-
scheidungen gilt jedoch, dass sie „möglichst durch eigentliche linguistische Kriterien abgesichert
werden“ müssen (ebenda). Bald zeigte sich, dass das auf intuitiver Basis zusammengestellte Korpus
ziemlich unüberschaubare Ausmaße annimmt und dass deswegen dringend nach Kriterien gesucht
werden muss, um es auf ein vernünftiges Maß zu reduzieren. Bei näherer Betrachtung fiel auf, dass
die einzelnen lexikalischen Einheiten die fokussierte Emotion auf unterschiedliche Art und Weise
versprachlichen. Es zeichnete sich beispielsweise ab, dass das Korpus einerseits absolut überzeu-
gende, prototypische Vertreter dieses Feldes beinhaltet (bspw. jmdm. platzt der Kragen, hochgehen;
tsch. hnout někomu žlučí, vytočit někoho, vypěnit), andererseits aber auch solche Lexeme umfasst,
die zwar offensichtlich mit Ärger etwas zu tun haben, aber doch nicht auf eine so prototypische
Art und Weise wie die obigen Beispiele (bspw. jmdm. den Kopf waschen, bei jmdm. ins Fettnäpf-
chen treten; tsch. lézt někomu na nervy, prudit, sprdnout někoho [na tři doby], spustit na někoho
bandurskou). Diese Erkenntnis ist nicht neu: Es ist hinlänglich bekannt, dass Felder radiale Kate-
gorien mit unscharfen Rändern darstellen und dass sie sich mit anderen Feldern an den Rändern
überlappen (vgl. Coseriu 1978b:264f.). Es ist zudem Dobrovol’skij (1995:103) beizupflichten, dass
ein Feld eine relative Größe darstellt, dessen Grenzen je nach Zielsetzung von Linguisten gezogen
werden (für Überlegungen zu Außengrenzen des Feldes vgl. Abschnitt 5).

2
Vgl. hierzu bspw. die Erklärungen der Begriffe Ärger, Wut und Zorn im Brockhaus-Lexikon Psychologie (2009:53f.,
693, 699).

7
Hana BERGEROVÁ

3.2 Zum formalen Rahmen des Feldes


Ich möchte mich im Folgenden nur auf verbale Ausdrücke konzentrieren, d. h. einerseits auf (häufig
metaphorisch gebrauchte) Verben wie sich aufregen, sich entrüsten, grollen, wüten, hochgehen,
rotsehen oder explodieren; tsch. vztekat se, hněvat se, vyletět, vypěnit und andererseits auf lexikali-
sierte verbale Mehrwortlexeme wie jmdm. platzt der Kragen, an die Decke gehen, jmdm. geht der
Hut hoch oder sich schwarz ärgern; tsch. hnout někomu žlučí, rozžhavit někoho do běla, vidět rudě,
die ebenfalls oft im übertragenen Sinne verwendet werden. Das verbale Feld erweist sich im Ver-
gleich zu dem entsprechenden adjektivischen3 und substantivischen4 Feld als besonders ertragreich.
Der Grund hierfür ist in der Fülle von verbalen Phraseologismen – (metaphorischen) Idiomen und
Kollokationen5 – zu suchen, die verschiedene Aspekte des frames/scripts „Ärger“ versprachlichen
(Entstehung, Steigerung bzw. Abklingen der Emotion, verschiedene Formen des Umgangs mit ihr
usw.). Bei näherer Betrachtung könnte man interessante Einblicke in das Zusammenspiel phra-
seologischer Wortverbindungen und wortartiger Elemente gewinnen (vgl. hierzu Schindler 1993,
Hartmann 1998). Dies ist jedoch nicht das Ziel des vorliegenden Beitrags.
Die Zugehörigkeit einzelner Lexeme zu unterschiedlichen Varietäten wird nicht beachtet, weil
sie für die Zwecke der Untersuchung nicht relevant ist, d. h. es werden sowohl standardsprachliche
als auch stilistisch markierte Lexeme einbezogen.
Aus dem soeben Gesagten ergibt sich folglich, dass es sich bei dem gesuchten verbalen Kontext6
um Satzkonstruktionen vom folgenden Typ handeln wird:

Verbaler Kontext 1
Emotionsträger (nennen wir ihn Anton) X (reagiert emotional auf ein Ereignis oder eine Situation,
das/die von ihm subjektiv als unzuträglich oder hinderlich betrachtet wird)7/ärgert sich, wütet, tobt,
platzt [fast] vor Wut, geht in die Luft, lässt seiner Wut freien Lauf, schluckt die Wut hinunter, macht
seinem Unmut Luft, frisst den Zorn in sich hinein, könnte sich in den Hintern beißen usw. oder
entsprechend in Tschechisch: Anton se rozzuřil, rozčílil, dopálil, rozčertil, zlobil, vybuchl, by si
nejraději nakopal do zadku u. a.).
Ausdrücke, die die Stelle X belegen können, sind ein- oder zweiwertige Verben bzw. verbale
Phraseologismen, deren Subjektstelle von dem Emotionsträger besetzt ist. Das Objekt – falls vor-
handen – wird durch ein substantivisches Gefühlswort gebildet: bspw. etw. <Ärger, Empörung,
Kummer, Unmut> Luft machen,8 hier logischerweise mit Bezug zu der Emotion Ärger.
Einen Subtyp dieses verbalen Kontextes stellen verbale Phraseologismen vom Typ jmdm. platzt
der Kragen dar. Auch diese passen in den obigen verbalen Kontext hinein, allerdings ist in solchen
Fällen der Emotionsträger nicht das Subjekt des Satzes. Es handelt sich um verbale Phraseolo-
gismen, deren interne Struktur Subjekt und finites Verb (bspw. der Kragen + platzt) umfasst und
jeweils um eine Leerstelle (Dativ oder Präpositionalobjekt, Attribut) erweitert ist. Das Subjekt ist
ein fester, nicht variabler Teil des Phraseologismus und gehört somit zu seiner inneren Valenz. Der
Emotionsträger (Anton) tritt als Besetzung der Leerstelle im Satz auf, also als zur externen Valenz
des Phraseologismus gehörendes Dativ-/Präpositionalobjekt (bzw. -ergänzung) oder Attribut (ggf.
vertreten durch ein Possessivpronomen). Burger (2010:39 f.) zählt solche Konstruktionen zu sog.
festen Phrasen. Fleischer (1997:99–102) bezeichnet sie als festgeprägte prädikative Konstruktionen.
3
Duden 8 (2007) listet unter dem Stichwort ärgerlich 32, unter wütend und zornig jeweils 40 Synonyme auf.
4
Duden 8 (2007) führt unter dem Stichwort Ärger (in der hier gemeinten Lesart von seinen zwei Bedeutungen) 23, unter
Unmut 22, unter Wut und Zorn jeweils 26 Synonyme an.
5
Näheres zur phraseologischen Terminologie s. Burger (2010:33–58).
6
Für Erklärungen zu solchen Paradigmen s. bspw. Lutzeier (1995b:17–19) und Schindler (1993:89–92).
7
Vgl. hierfür die Erklärung zu Ärger im Brockhaus-Lexikon Psychologie (2009:53): „Emotionale Reaktion auf ein Ereig-
nis oder eine Situation, die subjektiv als unzuträglich oder hinderlich betrachtet wird.“
8
Spitze Klammern werden hier im Sinne von Hessky/Ettinger (1997:XXXII) und in Anlehnung an sie zur Kennzeichnung
morphologischer, syntaktischer, semantischer und klassematischer Restriktionen verwendet. Eckige Klammern stehen
für fakultative Bestandteile eines Phraseologismus, wogegen runde Klammern fakultative Aktanten anzeigen.

8
Emotionen und sprachliche Feldstrukturen

Folgerichtig müsste man einen solchen verbalen Kontext als Variante des erstgenannten betrachten
und als verbalen Kontext 1a bezeichnen.

Verbaler Kontext 1a

(1) AntonDativ platzte der Kragen.


(2) [Mit] Anton gehen die Nerven durch.
(3) Bei Anton brennt die Sicherung durch.
(4) Bei Anton ist gleich Feuer unterm Dach.
(5) AntonDativ geht das Messer in der Tasche auf, wenn…
(6) Antons/Seine Wut ist verraucht.

Beispiel (6) unterscheidet sich jedoch von den anderen, denn das Subjekt (Wut) ist kein fester, nicht
variabler Bestandteil der Wortverbindung.9 Es handelt sich zudem um kein Idiom wie in (1) bis (5),
sondern es ist vielmehr eine Kollokation, bei der der Bezug zu der hier fokussierten Emotion nicht
durch das Verb gewährleistet ist, sondern durch das Substantiv als Subjekt. Der Emotionsträger
ist – falls überhaupt – in attributiver Stellung im Satz vertreten.
Der entsprechende verbale Kontext, der hier mit 2 nummeriert werden müsste, könnte wie folgt
aussehen.

Verbaler Kontext 2
Substantivisches Gefühlswort (Unmut, Ärger, Wut, Zorn u. a.), ggf. attribuiert X/staut sich auf,
wächst, verraucht, verfliegt, entlädt sich usw.

(7) Der Unmut wächst.


(8) Antons/Sein Unmut wächst.

In solchen Fällen wird eine Situation voller emotional geladener, angespannter, gereizter Stimmung
verbal ausgedrückt. Das syntaktische Subjekt solcher Sätze wird meist durch ein Gefühlswort oder
einen entsprechenden metaphorischen Ausdruck wie in dem Idiom die Wogen gehen hoch ver-
sprachlicht. Im Tschechischen finden sich hierfür bspw. vztek pomine/vyprchá/utiší se.
Die Analyse des Korpus führte noch zu einer weiteren Erkenntnis. Zahlreiche von mir als pro-
totypisch erachtete Lexeme passten in keinen der oben genannten verbalen Kontexte hinein. Dies
trifft u. a. für jmdn. auf die Palme bringen oder jmdn. verärgern zu. Es handelt sich hierbei um
zweiwertige Verben bzw. verbale Phraseologismen mit zwei externen Valenzen, in denen die Ur-
sache des Ärgers (eine Person, ein Gegenstand, ein Sachverhalt) als Subjekt auftritt und der Emo-
tionsträger die Stelle eines Dativ-, Akkusativ oder Präpositionalobjekts (bzw. -ergänzung) besetzt.
Ein solcher verbaler Kontext Nummer 3 könnte folgendermaßen dargestellt werden.

Verbaler Kontext 3
Eine Person (die im Folgenden Berta genannt wird)/ein Gegenstand/ein Sachverhalt X (verursacht
eine emotionale Reaktion des Emotionsträgers; in der Regel durch eine Handlung, die dieser sub-
jektiv als unzuträglich oder hinderlich betrachtet)/verärgert, erzürnt, vergrault, wurmt10 … Anton
(Emotionsträger).

(9) Berta/das Verbot verärgert AntonAkkusativ.


(10) Berta/das Verbot regt AntonAkkusativ auf.
(11) Berta/das Verbot bringt AntonAkkusativ auf die Palme.

9
Vgl. hierzu den Eintrag im Langenscheidt e-Großwörterbuch DaF (2008, weiter nur LeGDaF): ver·rau·chen; verrauch-
te, ist verraucht; [Vi] etwas verraucht ,etwas verschwindet allmählich‘ <meist Ärger, jemandes Wut, jemandes Zorn>.
10
Klassematische Restriktionen beim Subjekt werden hier zunächst nicht beachtet. So lässt bspw. wurmen als Subjekt keine
Person, sondern nur ein Abstraktum zu (die Kritik, der Streit, der Vorwurf, die Niederlage wurmt Anton).

9
Hana BERGEROVÁ

(12) Berta/das Verbot ist AntonDativ ein Dorn im Auge.


(13) Berta/das Verbot wirkt auf Anton wie ein rotes Tuch.

Vgl. im Tschechischen Berta rozčílila, rozhněvala, namíchla, pobouřila Antona, dohnala ho k zu-
řivosti, hnula mu žlučí, rozžhavila ho do běla oder ten zákaz Antona rozčílil, rozhněval, namíchl,
pobouřil, hnul Antonovi žlučí, leží Antonovi v žaludku usw.

Fassen wir zusammen:


Die Untersuchung zeigte, dass verbale Ausdrücke mit Bezug auf die Emotion Ärger verschiedenen
verbalen Kontexten im lutzeierschen Sinne zugeordnet werden können. Trotz der bei einem gro-
ßen Teil von ihnen gegebenen Zugehörigkeit zu der gleichen Wortart Verb (bzw. als Sonderfall zu
verbalen Phraseologismen) und trotz des alle Elemente verbindenden inhaltlichen Zusammenhangs
stellt der durch sie abgebildete Wortschatzsektor vielmehr einen thematischen Rahmen dar, sodass
man eher von einem semantisches Feld oder Frame als von einem lexikalischen Feld sprechen
kann.11 Frames organisieren bekanntlich

„das stereotype Wissen über Arten von Gegenständen, Ereignisstrukturen, Themen oder Situationen
und auch das Wissen über typische sprachliche Mittel, mit denen man sich über entsprechende Ge-
genstände, Ereignisstrukturen, Themen oder Situationen verständigen kann.“ (Gloning 2002:733)

Gloning (ebenda) hebt ferner hervor, dass innerhalb der Frames Untergruppen erkennbar sind, die
wortfeldähnliche Strukturen aufweisen (in unserem Falle müsste man über Strukturen sprechen, die
lexikalischen Feldern ähneln oder solche Felder sind).

4. Versuch der Ein- und Abgrenzung sowie der internen Strukturierung


des untersuchten Feldes mithilfe emotionspsychologischer Aspekte
Im Interesse einer notwendigen Reduzierung des ursprünglichen Korpus wurde nach intersubjek-
tiv akzeptierbaren Kriterien gesucht, um die Frage beantworten zu können, welche lexikalischen
Elemente in dem Feld – das ich nun nicht mehr als lexikalisches, sondern als semantisches Feld be-
zeichnen möchte – beibehalten und welche ausgesondert werden. Die Auffindung der Außengren-
zen stellt eine jeder Felduntersuchung inhärente Schwierigkeit dar. Um dieses Problem zu lösen,
fasste ich zunächst emotionspsychologische Aspekte ins Auge, die im Folgenden vorgestellt und
diskutiert werden.
Der Psychologe Mees (1992b) spricht bezeichnenderweise von der hier fokussierten Emotion
meist im Plural und unterscheidet „zwischen den eigentlichen Ärger-Emotionen (wie Ärger, Wut
u. a.), den ‚Vorwurfs-Emotionen (wie Entrüstung und Empörung)‘, der ‚Selbstärger-Emotion‘ so-
wie weiteren ‚verwandten‘ Emotionen“ (Mees 1992b:30). Alle genannten Emotionen zählt er zu
der „Familie“ der Ärger-Emotionen (vgl. 1992b:62 f.).
Charakteristisch für alle diese Emotionen ist die Unzufriedenheit mit einem unerwünschten Er-
eignis aufgrund des tadelnswerten Tuns oder Lassens eines anderen oder – als Spezialfall – der ei-
genen Person. Es erscheint logisch, sich aus der weit verzweigten Familie der Ärger-Emotionen auf
die Bezeichnungen der „eigentlichen“ Ärgeremotionen und des Selbstärgers zu konzentrieren. Un-
berücksichtigt bleiben folglich Lexeme, die auf sog. Leid-Emotionen und die Enttäuschung Bezug
nehmen, diese spielen gewissermaßen die „Eltern-Rolle“. Ausgegrenzt werden erwartungsgemäß
auch Bezeichnungen für die „Geschwister-Emotionen“ wie Neid und Eifersucht (jmdm. nicht die
Butter auf dem Brot gönnen, jmdm. nicht das Weiße im Auge gönnen; tsch. závidět někomu nos mezi
očima), in denen Ärger ebenfalls eine Komponente darstellen kann. Die meisten Schwierigkeiten
11
Zemanová (2010) scheint zwischen lexikalischem und semantischem Feld nicht zu trennen, weil sie in ihrem Aufsatz
beide Ausdrücke abwechselnd verwendet.

10
Emotionen und sprachliche Feldstrukturen

bereiten die „Nachkommen“ des Ärgers, besser gesagt deren lexikalisierte Bezeichnungen. Mees
(1992b: 62f.) nennt als Beispiele für Emotionen, „die empirisch häufig aus Ärger oder Zorn ‚ent-
springen’“ die „Abneigungs-“ und „Geringschätzungsemotionen“ (jmdn./etw. ignorieren, jmdn./
etw. übersehen, an jmdm./etw. kein gutes Haar lassen, jmdn. links liegen lassen, jmdm. die kalte
Schulter zeigen, jmdn. wie Luft behandeln; tsch. přehlížet někoho [jako širé lány], kašlat na někoho,
ignorovat někoho, obracet se k někomu zády). Solche Ausdrücke werden hier ausgesondert, weil sie
nicht unbedingt aus der hier behandelten Emotion entspringen müssen und weil deren Bedeutung
folglich nicht primär diese Emotion fokussiert. Als „Nachkommen“ der untersuchten Emotion kön-
nen in gewisser Weise jedoch auch die ärgertypischen Begleit- und insbesondere Folgehandlungen
betrachtet werden, die unter 4.5 zur Sprache kommen. An dieser Stelle war es besonders schwierig,
die Außengrenzen des semantischen Feldes Ärger abzustecken (s. die Diskussion der Auswahl-
kriterien unter 5).
Ich lehne mich ferner an die in der Emotionspsychologie weithin akzeptierte Vorstellung an,
dass Emotionen mehrdimensionale Syndromkategorien darstellen (vgl. Schwarz-Friesel 2007:55,
Weber 1994:13), die aus mehreren Komponenten bestehen. Die Anzahl der Komponenten wird
unterschiedlich behandelt.12 Ich gehe im Folgenden in Anlehnung an Weber (ebenda) von fünf
Komponenten aus: der physiologischen, expressiven, kognitiven, motivational-aktionalen und
subjektiv-erlebnisbezogenen. Anhand dessen habe ich untersucht, ob die einzelnen Komponenten
in meinem Korpus versprachlicht werden und wie dies geschieht bzw. ob sich daraus eventuell ein
weiteres Kriterium für die Bestimmung der Außengrenzen einerseits und für die interne Strukturie-
rung des untersuchten Feldes andererseits ergeben könnte.
Die Korpusanalyse ergab, dass alle oben genannten Emotionskomponenten – wenn auch im
unterschiedlichen Ausmaß – ihren sprachlichen Niederschlag finden, wobei des Öfteren eine Über-
schneidung der Komponenten zu beobachten ist. Ich habe mich nachfolgend für eine darauf basie-
rende Ausdifferenzierung des Feldes entschieden, die ich nun skizzieren möchte.

4.1 Physiologische Komponente


In die Untersuchung einbezogen werden naturgemäß Ausdrücke, die körperliche Ärger-Symptome
bezeichnen. Diese sind teilweise (mehr oder weniger) reell beobachtbar (jmdm. steigt das Blut
schnell/rasch/leicht in den Kopf, rot anlaufen, einen dicken Hals haben/bekommen/kriegen; tsch.
zesinat/zrudnout vzteky, třást se hněvem/vzteky/zlostí), teilweise weisen sie imaginären, auf meta-
phorischer Übertragung beruhenden Charakter auf (jmdm. kommt die Galle hoch, sich schwarz/
grün und gelb/grün und blau ärgern;13 tsch. hnout někomu žlučí, někomu rupnou nervy). Bei einem
Teil solcher Ausdrücke ist eine Überschneidung zwischen den von anderen Personen beobacht-
baren körperlichen Reaktionen des Verärgerten und seinem subjektiven Empfinden (s. subjektiv-
erlebnisbezogene Komponente) oder festzustellen.

4.2 Subjektiv-erlebnisbezogene Komponente


Außer Frage steht ebenfalls die Einbeziehung solcher lexikalischer Einheiten, die das subjektive
Erleben des Ärgers (Gefühl von Hyperaktivität, motorischer Unruhe, Muskelanspannung sowie
von Kontrollverlust, Herzklopfen, Wärme) zum Ausdruck bringen. Diese sind häufig metaphorisch:
vor Ärger [fast] bersten, vor Ärger [fast] platzen, vor Wut kochen, an die Decke gehen, auf achtzig/
neunzig/hundert/hundertzehn kommen, auf neunundneunzig sein, außer sich [vor Wut/Zorn] sein,
12
Der Brockhaus Psychologie (2009:133) führt zum Beispiel drei Ebenen (Komponenten) der Emotionen an: die subjekti-
ve, psychophysiologische und die Verhaltensebene.
13
Das Tschechische weist ebenfalls eine Reihe von Verben auf, die Veränderung der Gesichtsfarbe reflektieren. Die Farbe
Rot steht dem reell Beobachtbaren mit Sicherheit am nächsten. In beiden Sprachen ist ferner das Blau-, Bleich-, Gelb-
und Grünwerden vor Ärger/Wut/Zorn lexikalisiert. Das Deutsche wartet, wie wir oben gesehen haben, ebenfalls mit
der Farbe Schwarz auf, wogegen man im Tschechischen vor Ärger/Wut/Zorn auch violett werden kann (vgl. Zemanová
2010:96).

11
Hana BERGEROVÁ

sich [vor Wut/Zorn] nicht mehr kennen, die Wut in sich hineinfressen, die Wut hinunterschlucken
vs. seiner Wut Luft machen, [über]schäumen vor Wut, Dampf ablassen; tsch. mít tmu před očima,
vidět rudě, vzkypět hněvem, vzplanout hněvem, moct puknout zlostí, dohřát se, dopálit se, polykat
hněv, být vzteky bez sebe.

4.3 Expressive Komponente


Untersucht werden ebenfalls Ausdrücke, welche auf die ärgertypische Gestik und Mimik bzw. Mo-
torik, auf die Körperhaltung, Stimme und Sprache Bezug nehmen: die Stirn runzeln, fauchen, wüten
wie ein/die Berserker tsch. svraštit čelo, zachmuřit se, zakabonit se, probodávat někoho/probodnout
někoho/zabodávat se do někoho očima/pohledem, řádit jako pominutý. In manchen Fällen handelt
es sich nicht um tatsächlich durchgeführte Handlungen: sich die Haare ausraufen können, mit den
Zähnen knirschen, tsch. rvát si vlasy, skřípat zubama, zatínat zuby, práskat fousama, zvednout
někoho ze židle, nadzvednout někoho.

4.4 Kognitive Komponente


Des Weiteren wird solchen lexikalischen Einheiten Beachtung geschenkt, welche die kognitive
Komponente versprachlichen. Dieser liegt einerseits die Bewertung zugrunde, dass irgendetwas
den eigenen Bedürfnissen und Motiven zuwiderläuft, und andererseits das Urteil, dass an diesem
Zustand in der Regel ein anderer Mensch schuld ist, der mit seinem Verhalten gegen Standards
und Normen verstößt (vgl. Weber 1994:34). Einen Sonderfall stellt der Selbstärger dar. Bei einer
Reihe von Lexemen impliziert das kognitive Urteil, d. h. die Unzufriedenheit mit dem Tun/Lassen
einer anderen oder der eigenen Person, die Bereitschaft zum aggressiven Handeln, sodass sich
Überschneidungen mit der motivational-aktionalen Komponente (s. 3.5) ergeben. Vgl. die Beispie-
le: sich (über jmdn./etw.) erzürnen, Anstoß nehmen an etw., jmdm. ins Gesicht springen [wollen],
jmdn. in der Luft zerreißen können, jmdm. [am liebsten] die Augen auskratzen [mögen], jmdn. an
die Wand klatschen können, aber auch sich [vor Wut, Ärger] in den Hintern beißen können; tsch.
nakrknout se, rozhořčit se, být někomu proti srsti, někdo by si nejraději nakopal do zadku.

4.5 Motivational-aktionale Komponente


Die meisten Probleme bereitete mir die Auswahlentscheidung bei Lexemen, die gewisse
ärgertypische Handlungen bezeichnen (für die Diskussion s. Abschnitt 5). Gemeint sind Hand-
lungen der verärgerten Person, die diese Emotion begleiten oder ihr folgen und somit unter die
motivational-aktionale Komponente fallen. Als typische Begleit- oder Folgehandlungen des Ärgers
werden gemeinhin Drohen, Sich-Beschweren, Schimpfen, Sich-Rächen, Tadeln und Sich-Wehren
betrachtet (vgl. Mees 1992b:30). Häufig geht mit der fokussierten Emotion die Bereitschaft zum ag-
gressiven Handeln einher. Als Folgehandlung des Ärgers kann auch das Beleidigt- oder Gekränkt-
Sein betrachtet werden (trotzen, schmollen, in der Schmollecke sitzen, die beleidigte/gekränkte
Leberwurst spielen; tsch. trucovat, urazit se, namíchnout se). Diese Handlungen könnten – der
Familien-Metaphorik von Mees folgend (s. o.) – als die „Kinder“ des Ärgers betrachtet werden.
Die obigen Beispiele beziehen sich alle auf Reaktionen bzw. Handlungen der verärgerten Per-
son. Das Korpus umfasst außerdem solche Lexeme, die Handlungen anderer Personen (diese treten
im Satz als Subjekt auf, wogegen der Verärgerte dann als Objekt erscheint) bzw. Vorgänge be-
zeichnen, welche das Entstehen von Ärger herbeiführen, sodass man diese als Urheber des Ärgers
bezeichnen könnte. Es handelt sich bspw. um kränkende oder beleidigende Handlungen als Ursache
für Ärger (vgl. jmdm. auf den Schlips treten, bei jmdm. (mit etw.) ins Fettnäpfchen treten) oder um
andere Handlungen wie jmdn. auf die Palme, in Fahrt oder zur Weißglut bringen, jmdn. erzürnen
usw.; tsch. popíchnout někoho, dráždit někoho, dohnat někoho k zuřivosti, pít někomu krev, dělat
někomu naschvály, šlápnout někomu na kuří oko).

12
Emotionen und sprachliche Feldstrukturen

Schnell zeichnete sich ab, dass sich eben in dieser Gruppe, die Lexeme zur Bezeichnung von
ärgerauslösenden Ursachen sowie typischen Begleit- und Folgehandlungen des Ärgers umfasst,
die meisten (wenn auch oft nicht unumstrittenen) Streich-Kandidaten befinden (Näheres dazu im
Abschnitt 5.5). Die Entscheidung fiel nicht immer leicht, denn das Empfinden der untersuchten
Emotion wird oft von einer Handlung unmittelbar begleitet und das Zusammenspiel beider spie-
gelt sich auch in der Bedeutungsstruktur der lexikalisierten Bezeichnungen wieder, was eine klare
Entscheidung erschwert. Ich bin mir deshalb über die bis zu einem gewissen Maße unvermeidbare
Subjektivität meiner Entscheidungen im Klaren.14 Im folgenden Abschnitt sollen die einzelnen Aus-
wahlkriterien beleuchtet werden.

5. Diskussion der Kriterien für das Auswahlverfahren


In der folgenden Auflistung der Auswahlkriterien gehe ich zunächst auf die m. E. unstrittigen Fälle
ein, ehe ich mich den mehr oder weniger problematischen Entscheidungen zuwende, aufgrund de-
rer ein Teil meines ursprünglichen Korpus jenseits der Feldgrenzen angesiedelt wurde.

5.1 Lexeme mit der Bedeutung ‚jmd. ist ärgerlich/wütend/zornig‘


Zu den prototypischen Vertretern des lexikalischen Feldes ÄRGER gehören zweifelsohne Ausdrü-
cke wie sich ärgern, wüten, explodieren, hochgehen, in die Luft gehen, in die Höhe fahren/gehen,
jmdm. platzt der Kragen; tsch. rozčílit se, rozzlobit se, vybuchnout, vypěnit, běsnit, zuřit, soptit,
vztekat se, řádit jako pominutý, někomu vře krev v žilách, rozlítit se k zuřivosti, moct puknout zlostí.
Sie beziehen sich auf die momentane emotionale Lage einer Person im Sinne einer meist abrupt
einsetzenden Reaktion auf ein Ereignis. Einen inhaltlichen Teilaspekt decken Ausdrücke ab, die be-
zeichnen, wie jemand, der ärgerlich, wütend oder zornig ist, mit seinen Gefühlen umgeht, d. h. ob er
bspw. versucht, seine Gefühle zu kontrollieren, zu unterdrücken oder zu überspielen: die Wut in sich
hineinfressen, die Wut hinunterschlucken, gute Miene zum bösen Spiel machen; tsch. potlačovat
v sobě vztek, polykat hněv, utápět zlost v alkoholu, užírat se zlostí.

5.2 Lexeme mit der Bedeutung ‚jmdn. ärgerlich/wütend/zornig machen‘


In meinem Korpus sind erwartungsgemäß auch solche Lexeme geblieben, die ganz allgemein be-
zeichnen, dass jemand oder etwas jemanden ärgerlich, wütend oder zornig macht wie jmdn. verär-
gern, jmdn. erzürnen, jmdn. aufregen, jmdn. auf die Palme bringen, jmdn. zur Weißglut bringen/
treiben, (bei jmdm.) Anstoß erregen, jmdm. etw. zu Fleiß tun/machen, jmdm. einen Streich spielen,
ein rotes Tuch für jmdn. sein bzw. dessen Variante wie ein rotes Tuch auf jmdn. wirken; tsch. rozčílit
někoho, rozhněvat někoho, vytočit někoho, dohnat někoho k zuřivosti/k šílenství, hnout někomu
žlučí, rozžhavit někoho do běla, dělat někomu naschvály. Auch sie gehören m. E. zu den prototypi-
schen Vertretern dieses Feldes.
Ich zähle hierunter ebenfalls solche Lexeme, die den semantischen Teilaspekt (in Lutzeiers Ter-
minologie Dimension, vgl. 1995b:18–21) ‚Intensivierung/Verschlimmerung der bereits vorhande-
nen emotionalen Verfassung einer Person’ versprachlichen wie Öl ins Feuer gießen; tsch. přilévat
14
Wie subjektiv eine solche Entscheidung immer ist, belegt bspw. die Zuordnung einiger auch hier genannter Ärger-Idiome
zu entsprechenden Leitbegriffen in Görner (1980:210–248). Einen Zusammenhang mit dem hier behandelten Thema
weisen die Leitbegriffe „Ärger“ (aufgelistet sind dort jmdm. ein Dorn im Auge sein, jmdm. ist eine Laus über die Leber
gelaufen, sich die Haare [aus]raufen, sich in den Arsch beißen), „Verärgerung“ (bei jmdm. ins Fettnäpfchen treten, jmdm.
auf die Hühneraugen treten, jmdm. auf die Zehen treten, jmdm. auf den Schlips treten, jmdn. vor den Kopf stoßen, jmdm.
einen Streich spielen und jmdm. eine Laus in den Pelz setzen), „Wut“ (aus der Haut fahren, an die Decke gehen, in die
Luft gehen, jmdm. schwillt der Kamm, in Fahrt kommen und in Fahrt sein), aber auch „Reizbarkeit“ (mit jmdm. ist nicht
gut Kirschen essen), „Missstimmung“ (es ist dicke Luft), „Beruhigung“ (Öl auf die Wogen gießen) oder „Verschlimme-
rung“ (das Feuer schüren, ins Feuer blasen sowie Öl ins Feuer gießen) oder „Belästigung“ (jmdn. auf den Docht gehen,
jmdm. auf die Nerven gehen/fallen, jmdm. den letzten Nerv rauben/töten, jmdm. nicht von den Fersen gehen u. a.) auf.

13
Hana BERGEROVÁ

oleje do ohně. Gewissermaßen einen Sonderfall stellen Phraseologismen mit der Bedeutung ‚jmds.
emotionale Verfassung beruhigen‘ (Öl auf die Wogen gießen, die Wogen glätten; tsch. lít olej na
rozbouřené vlny) dar.

5.3 Lexeme zur Bezeichnung von Gefühlsdispositionen


Die Frage nach der Einbeziehung von Lexemen, die sog. Gefühlsdispositionen bezeichnen, gehörte
ebenfalls zu den leichteren. Im Unterschied zu zeitlich begrenzten Zustandsemotionen, handelt es
sich hierbei um in der Persönlichkeit des jeweiligen Menschen permanent verankerte Eigenschaft-
semotionen (vgl. Schwarz-Friesel 2007:71 oder Mees 1992a:21). Vom Jähzorn ist zum Beispiel
dann die Rede, wenn eine Person auf kleinste Anlässe immer wieder wütend reagiert. Man denke
an dieser Stelle an Phraseologismen wie heißes/feuriges Blut haben oder bei jmdm. ist gleich Feu-
er unterm Dach/jmd. hat gleich Feuer unterm Dach, tsch. mít horkou krev, vylítnout kvůli každé
maličkosti. Allerdings könnte man bei vielen Lexemen durch die Ergänzung des Adverbs schnell
oder leicht bzw. der Wortgruppe wegen jeder Kleinigkeit signalisieren, dass die angesprochene
Person leicht erregbar ist, dass es sich in ihrem Falle also um eine Person mit hoher Ärgerneigung
handelt: z. B. [schnell/leicht] explodieren, [schnell/leicht] hochgehen, [schnell/leicht] in die Luft
gehen, [schnell/leicht] in die Höhe fahren/gehen, [schnell/leicht] in Rage/Wut geraten, jmds. Blut
gerät [schnell/leicht] in Wallung oder jmdm. brennt [schnell/leicht] die Sicherung durch; tsch.
[vždy hned] vyletět, vybuchnout usw.

5.4 Bezeichnungen für gereizte Stimmung


Im Laufe der Untersuchung wurde deutlich, dass es angebracht wäre, zwischen Zustands- bzw.
Eigenschaftsemotion einerseits und Stimmung andererseits zu unterscheiden. Stimmungen spiegeln
die Gesamtbefindlichkeit wider und sind – so Mees (1992a:21) – nicht anlassbezogen, aber tempo-
rär. Auch ein ansonsten friedfertiger Mensch kann gelegentlich gereizt gestimmt sein. Die Ursachen
der Verärgerung sind dabei nicht unbedingt nachvollziehbar. In der Psychologie wird des Öfteren
darauf hingewiesen, dass es sich in solchen Fällen weniger um Ärger als Emotion handelt, sondern
vielmehr um Gereiztheit als momentane Stimmung. Laut dem Dorsch Psychologischen Wörterbuch
(Häcker/Stapf 2009:964) besteht der Unterschied zwischen Stimmungen und Emotionen in drei
Faktoren:
1. Das Objekt des affektiven Erlebens muss bei Stimmungen nicht notwendigerweise bekannt
sein, während dies bei Emotionen immer der Fall ist;
2. Mit Stimmungen werden in Abhebung zu Emotionen eher länger andauernde Gefühlszu-
stände geringerer Intensität bezeichnet;
3. Bei der Auslösung von Emotionen spielen ausschließlich kognitive und evaluative Prozesse
eine Rolle, Stimmungen hingegen können auch die Folge physiologischer Prozesse sein.

Diesem Ansatz folgend, habe ich Lexeme wie jmdm. ist eine Laus über die Leber gelaufen,15 mit
dem linken/falschen Bein/Fuß [zuerst] aufgestanden sein16 oder tsch. špatně se vyspat, vstávat levou
nohou [napřed], někoho mrzí celý svět aus dem untersuchten Feld ausgegrenzt. Unter diese Kate-
gorie fällt auch die sprichwörtliche Fliege an der Wand in sich über die Fliege an der Wand ärgern,
jmdn. ärgert/stört die Fliege an der Wand.17

(14) Die Regina hatte schlecht geschlafen und war infolgedessen so reizbar gewesen, dass schon
eine Fliege an der Wand sie zu ärgern schien. (Referenzkorpus des IDS Mannheim, MK1/
TJM.00000 [Trivialroman], Unterstreichung von mir.)
15
Vgl. die Bedeutungserläuterung in Duden 11 (2008:472): ,jmd. ist schlecht gelaunt, ärgert sich anscheinend grundlos über
jede Kleinigkeit‘.
16
Vgl. die Bedeutungserläuterung in Duden 11 (2008:70): ,schlecht gelaunt sein‘.
17
Vgl. die Bedeutungserläuterung in Duden 11: (2008:233): ,jmdn. ärgert/stört jede Kleinigkeit‘.

14
Emotionen und sprachliche Feldstrukturen

5.5 Bezeichnungen für ärgerauslösende Sachverhalte und Handlungen


sowie für typische Begleit- und Folgehandlungen des Ärgers
Es wurde bereits oben angedeutet, dass besonders viele Streich-Kandidaten einerseits unter Be-
zeichnungen für Handlungen und Vorgänge, die Ärger auslösen (können), und andererseits unter
Lexemen, die typische Begleit- und Folgehandlungen bzw. -reaktionen der verärgerten Person be-
nennen, zu finden sind.
Um das Verfahren einigermaßen zu objektivieren, bin ich folgendermaßen vorgegangen. Wenn
festgestellt wurde, dass der Fokus der Bedeutungsstruktur eines Lexems auf einer der oben genann-
ten Handlungen (Schimpfen, Tadeln, Sich-Streiten, Sich-Rächen u. Ä.) liegt und das Bedeutungs-
merkmal „Ärger“ nur eine sekundäre Bedeutungskomponente darstellt,18 wurde das entsprechende
Lexem aus dem Korpus gestrichen. Dies betraf z. B. folgende Einwortlexeme: geifern,19 keifen,
motzen, schmollen,20 wettern; tsch. prskat, nevražit, pobouřit se, rozhořčit se, utrhovat se, vyjet,
odseknout, trucovat, remcat, žehrat, žbrblat, hartusit, spílat někomu sowie zahlreiche Phraseologis-
men wie jmdm. die Leviten lesen, jmdm. den Marsch blasen, jmdn. in der Luft zerreißen, an jmdm./
etw. kein gutes Haar lassen, alles kurz und klein schlagen, bei jmdm. (mit etw.) ins Fettnäpfchen
treten,21 jmdn. bzw. sich/einander nicht riechen können, sich (mit jmdm.) in die Wolle kriegen;
tsch. mít pifku na někoho, chrlit nadávky (na někoho), udělat (někomu) scénu, posílat někoho do
horoucích pekel.

5.6 Lexeme zur Bezeichnung von nicht näher spezifizierten Angriffen


der verärgerten Person gegenüber anderen Personen oder Objekten
Wie oben festgestellt wurde, geht mit der hier fokussierten Emotion häufig die Bereitschaft zum
aggressiven Handeln einher. Dementsprechend zahlreich sind in meinem intuitiv zusammengestell-
ten Korpus Ausdrücke, die aggressives Verhalten benennen. Ich habe mich am Ende entschlossen,
nur diejenigen in meinem Korpus zu behalten, die körperliche oder verbale Angriffe gegenüber
dem Auslöser des Ärgers (ggf. gegen unschuldige Dritte oder Objekte) in ihrer Bedeutungsstruktur
implizieren, diese aber nicht näher spezifizieren, sodass ohne Kontext nicht klar ist, ob die Person
jemanden tadelt, beschimpft, demütigt, prügelt, tyrannisiert oder ob sie Objekte malträtiert – im
Unterschied bspw. zu alles kurz und klein schlagen22 oder jmdn. zur Hölle wünschen; tsch. bspw.
posílat někoho do horoucích pekel, bei denen (mehr oder weniger) klar ist, um welche Art von
Handlung es sich handelt. Zu dieser Gruppe gehört z. B. sein Mütchen an jmdm./etw. kühlen, seine
Wut an jmdm. auslassen, seinem Ärger/Zorn/seiner Wut Luft machen; tsch. zchladit si na někom
žáhu, vylít si na někom vztek/zlost.
Ausgehend von der obigen Überlegung habe ich mich bspw. entschieden, das Idiom Gift und
Galle speien/spucken auszusondern, obwohl es für gewöhnlich unter Ärger-Idiomen verzeichnet
wird (vgl. Folkersma 2010:292, Gondek 2009:435, Hessky/Ettinger 1997:19, Zemanová 2010:98).
Meine Entscheidung fußt auf der Durchsicht von rund 100 zufällig gewählten Belegen aus dem
Deutschen Referenzkorpus des IDS Mannheim. In allen kommt mehr oder weniger deutlich zum
Ausdruck, dass Gift und Galle speien/spucken verbale Handlungen wie Schimpfen, Kritisieren, Flu-
chen, Sich-Empören oder Sich-Beschweren impliziert; vgl. hierzu auch die Bedeutungsparaphrase
in LeGDaF 2008, Lemma Gift: ,bösartige Bemerkungen machen‘ oder in Duden 11 (2008:285):
18
In Zweifelsfällen konsultierte ich gängige einsprachige Wörterbücher, insbes. das Standardwerk für Deutsch als Fremd-
sprache: das LeGDaF sowie das online zugängliche Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (weiter nur DWDS).
19
Vgl. bspw. die folgenden Bedeutungserläuterung: LeGDaF (2008): ,mit wütenden und gehässigen Worten über jemanden
schimpfen‘; DWDS: ,wütend und giftig reden‘.
20
Vgl. bspw. die Bedeutungserläuterung im LeGDaF (2008): ,schweigen und ein beleidigtes Gesicht machen, weil man
sich über jemanden ärgert‘.
21
Vgl. bspw. die Bedeutungserläuterung beim Lemma Fettnäpfchen im LeGDaF (2008): ,etwas auf eine falsche (oder
ungeschickte) Art sagen oder tun und damit andere beleidigen oder verärgern‘.
22
Vgl. LeGDaF (2008, Lemma kurz): ,(aus Wut) alles zerschlagen, kaputt machen‘.

15
Hana BERGEROVÁ

,sehr wütend sein; ausfallend, gehässig reagieren‘. In der Umgebung des Idioms treten beispiels-
weise Ausdrücke wie Schimpfkanonade, laute Töne, scharfe Worte, beißende Kritik, Attacke, Hass-
tirade auf, die auf die verbale Handlung explizit Bezug nehmen. Zu den aussagekräftigsten Beispie-
len gehören folgende (durch Unterstreichungen soll der explizite Bezug auf die beim Gebrauch von
Gift und Galle speien/spucken mitgemeinte Handlung verdeutlicht werden):

(15) Giovane Elber spuckte Gift und Galle. Nach dem Abpfiff verschwand der Stürmer des VfB zwar
durch den Hinterausgang, zuvor hatte er aber Schiedsrichter Fleske, der ihm in der 79. Minute
die Gelb-Rote Karte gezeigt hatte, noch einige nette Worte mit auf den Weg gegeben.
(R97/MÄR.24340, Frankfurter Rundschau, 29. 03. 1997, S. 12)

(16) Diesmal folgen keine Beschimpfungen und auch keine sarkastischen Bemerkungen über die
Launen des Lebens. So viel Sanftmut hätte man von der jungen Wilden nicht unbedingt erwartet.
Vor drei Jahren noch hatte die Kanadierin (gemeint ist die Sängerin Alanis Morissette, H. B.)
Gift und Galle gespuckt und treulose Ex-Liebhaber in herrlich schönen „Du Dreckskerl hast
mich verlassen!“-Songs zur Schnecke gemacht.
(R98/NOV.91526, Frankfurter Rundschau, 14. 11. 1998, S. 8)

(17) Da drei Landtagswahlen (am 24. März) zu einer nationalen Testwahl hochgewuchtet werden,
hat der SPD-Vorsitzende Oskar Lafontaine die Einwanderung von Spätaussiedlern aus der
ehemaligen Sowjetunion zum Thema der Auseinandersetzung gemacht. Gewaltige Empörung
schlägt ihm entgegen: Sowohl der politische Gegner, CSU, als auch das liberale Establishment
spucken Gift und Galle. Der Vorwurf des „Linkspopulismus“ ist noch die harmloseste Keule,
die gegen den raffinierten Zuspitzer aus dem Saarland geschleudert wird.
(E96/MÄR.05654, Züricher Tagesanzeiger, 02.03.1996, S. 2)

6. Ausblick
In dem vorliegenden Artikel wurde anhand eines zunächst intuitiv zusammengestellten Korpus von
deutschen und tschechischen Verben sowie verbalen Phraseologismen mit Bezug zu der Emotion
Ärger der Frage nachgegangen, welchen Feld-Status eine derartige Gruppierung von Lexemen hat.
Des Weiteren wurde unter Zuhilfenahme emotionspsychologischer Kriterien versucht, die Außen-
grenzen des Feldes zu ziehen und es intern zu zerlegen. Obgleich in der vorliegenden Studie zwei
Sprachen Beachtung fanden, liegt hier keine sprachvergleichende Untersuchung vor, denn diese
müsste Gemeinsamkeiten, Ähnlichkeiten und Unterschiede in der Ausprägung des Feldes in den
fokussierten Sprachen in den Mittelpunkt stellen (zu verschiedenen Arten von (Wort-)Feldanalysen
vgl. Gloning 2002:732). Diese zweifelsohne spannende und lohnende Forschungsaufgabe (mit viel-
fältigem praktischem Nutzen, s. weiter unten) muss jedoch späteren Untersuchungen vorbehalten
bleiben.
Lutzeier (1995b:25–27) stellte sich die Frage, was Wortfelder bzw. lexikalische Felder sein
könnten. Als geeignete Anwendungsgebiete der Wortfeldkonzeption (lexikalische Felder sind mit-
gemeint) stellt er folgende heraus:
• Typologische und vergleichende (intra- sowie intersprachlich orientierte) Untersuchungen
der theoretischen Linguistik und sprachdidaktische Übungen der angewandten Linguistik;
• Computerlinguistik, insbes. auf dem Gebiet maschineller Übersetzungsprogramme;
• onomasiologische Lexikographie;
• Kognitive Linguistik; zum Beispiel liefert der Feldansatz wichtige Erkenntnisse für die Er-
fassung der Struktur im Inneren einer Kategorie sowie für die Erfassung der Art und Weise
der Grenzziehung nach außen zu anderen Kategorien;
• Austausch zwischen Psychologie und Linguistik über die jeweiligen Feldvorstellungen
(Stichwort: wortfeldartige Gruppierungen im mentalen Lexikon);

16
Emotionen und sprachliche Feldstrukturen

• Untersuchung des mentalen Lexikons unter Berücksichtigung nicht-sprachlicher Repräsen-


tationen (Stichwort: Bildfeldkonzeption).

Seine Überlegungen schließt er mit folgenden Worten ab: „Lexikalische Felder sind sowohl Zeu-
gen als auch Kristallisationspunkt für insgesamt in einer natürlichen Sprache wirkende feldmäßige
Kräfte. Die Linguistik hat somit die Aufgabe, dieser Tatsache in ihrer Theoriebildung und prakti-
schen Arbeit gerecht zu werden“ (1995b:27).
Auch Gloning (2002:732) betont, dass mit Wortfeldanalysen nicht selten weiterführende Ziele
verbunden waren und sind, und nennt als Beispiele die Anbindung an die kognitive Linguistik, die
Lexikographie, die Computerlinguistik und die Sprachdidaktik. Er konstatiert (ebenda:733 f.): „Zu
den Desiderata der Lexikologie gehört es, das Verhältnis und das Zusammenspiel unterschiedlicher
Prinzipien der Wortschatzorganisation, z. B. Wortfelder und Frames, näher zu bestimmen und in
exemplarischen Analysen zu erläutern.“

Der vorliegende Beitrag wollte und konnte aufgrund seines Umfangs keine solche exemplarische
Analyse liefern. Er ist vielmehr als Anstoß gedacht. Als Anstoß zu weiteren, insbes. sprachverglei-
chenden, Untersuchungen (aufgrund des persönlichen Hintergrunds der Autorin freilich in erster
Linie deutsch-tschechisch ausgerichteten) und deren Ausweitung auf sprachdidaktische, lexikogra-
phische, kognitivlinguistische und andere geeignete Forschungsfelder.

Literaturverzeichnis

Wörter- und Sachbücher:


Der Brockhaus Psychologie. Fühlen, Denken und Verhalten verstehen (2009). 2. Auflage. Leipzig; Mann-
heim.
Čermák, František et al. (1994): Slovník české frazeologie a idiomatiky. Výrazy slovesné. Praha.
Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache. URL: [Link].
Dornseiff, Franz/Quasthoff, Uwe/Wiegand, Herbert Ernst (2004): Der deutsche Wortschatz nach Sach-
gruppen. Berlin; New York.
Duden – Das Synonymwörterbuch. Ein Wörterbuch sinnverwandter Wörter (2007). Band 8. 4. Auflage.
Mannheim.
Duden – Redewendungen und sprichwörtliche Redensarten (2008). Band 11. 3. Auflage. Mannheim.
Görner, Herbert (1979): Redensarten: kleine Idiomatik der deutschen Sprache. Leipzig.
Götz, Dieter/Haensch, Günther/Wellmann, Hans (2008): Langenscheidt e-Großwörterbuch Deutsch als
Fremdsprache 5.0. Berlin. [CD/ROM].
Häcker, Hartmut O./Stapf, Kurt.-H. (Hrsg.) (2009): Dorsch Psychologisches Wörterbuch. 15. Auflage.
Bern.
Klégr, Aleš (2007): Tezaurus jazyka českého. Slovník českých slov a frází souznačných, blízkých a
příbuzných. Praha.
Quasthoff, Uwe (2011): Wörterbuch der Kollokationen im Deutschen. Berlin; New York.

17
Hana BERGEROVÁ

Schemann, Hans (1991): Synonymwörterbuch der deutschen Redensarten. Stuttgart; Dresden.

Sekundärliteratur:
Bergerová, Hana (2011): Emotionen im Spiegel bildlicher Sprache. Fallbeispiel: Ärger. In: Acta Facultatis
Philosophicae Universitatis Ostraviensis. Studia Germanistica, Nr. 8, S. 5–19.
Burger, Harald (2010): Phraseologie: eine Einführung am Beispiel des Deutschen. 4. Auflage. Berlin.
Chen, Lina (2007): Bilder menschlicher Emotionen in deutschen und chinesischen Phrasemen. Baltmanns-
weiler.
Cieślarová, Eva (2010): Der Ausdruck von Emotionen in der deutschen und tschechischen Phraseologie
am Beispiel von Scham. In: Acta Facultatis Philosophicae Universitatis Ostraviensis. Studia Ger-
manistica, Nr. 6, S. 69–79.
Cieślarová, Eva (2011): Angst in der Kinderliteratur. Eine Analyse am Beispiel von Geschichten aus dem
Buch „Dich gibt‘s nur einmal auf der Welt. Geschichten, die Kinder stark machen.“ In: Brünner
Beiträge zur Germanistik und Nordistik, Nr. 16, S. 143–152.
Coseriu, Eugenio (1967/1978a): Lexikalische Solidaritäten. In: Geckeler, Horst (Hrsg.): Strukturelle Be-
deutungslehre. Darmstadt, S. 239–253.
Coseriu, Eugenio (1968/1978b): Die lexematischen Strukturen. In: Geckeler, Horst (Hrsg.): Strukturelle
Bedeutungslehre. Darmstadt, S. 254–273.
Dobrovol’skij, Dmitrij (1995): Kognitive Aspekte der Idiom-Semantik: Studien zum Thesaurus deutscher
Idiome. Tübingen.
Durst, Uwe (2001): Why Germans don’t feel „anger“. In: Harkins, Jean/Wierzbicka, Anna (Hrsg.): Emo-
tions in Crosslinguistic Perspective. Berlin; New York, S. 115–148.
Equit, Monika (2007): Sprachinhalt und Mimik bei der Kommunikation von Ärger. Ein empirischer Ver-
gleich zwischen schriftlich und mündlich berichteten Ärgererlebnissen. Hamburg.
Fleischer, Wolfgang (1997): Phraseologie der deutschen Gegenwartssprache. 2. Auflage. Tübingen.
Folkersma, Petra (2010): Emotionen im Spannungsfeld zwischen Körper und Kultur. Eine kognitiv-seman-
tische Untersuchung von Aspekten der Motiviertheit körperbezogener phraseologischer Einheiten
aus dem Denotatsbereich „Emotion“. An Beispielen des idiomatischen Gefühlsausdrucks für Wut,
Angst und Liebe. Frankfurt am Main u. a.
Geckeler, Horst (1993): Strukturelle Wortfeldforschung heute. In: Lutzeier, Peter Rolf (Hrsg.): Studien zur
Wortfeldtheorie. Studies in Lexical Field Theorie. Tübingen, S. 11–21.
Glaznieks, Aivars (2011): Emotionsbezeichnungen im kindlichen Wortschatz. Die Ausdifferenzierung der
lexikalischen Felder „Angst“ und „Ärger“ bei Kindern im Vor- und Grundschulalter. Hamburg.
Gloning, Thomas (2002): Ausprägungen der Wortfeldtheorie. In: Cruse, Alan D. (Hrsg.): Lexikologie. Ein
internationales Handbuch zur Natur und Struktur von Wörtern und Wortschätzen. 1. Halbband. Ber-
lin; New York, S. 728–737.
Gondek, Anna (2009): Gift und Galle spucken oder komuś w duszy gra – menschliche Emotionen in den
deutschen und polnischen Phraseologismen. In: Földes, Csaba (Hrsg.): Phraseologie disziplinär
und interdisziplinär. Tübingen, S. 433–442.
Hartmann, Dietrich (1998): Lexikalische Felder als Untersuchungsrahmen für Phraseologismen und deren
Leistungen für den Wortschatz. In: Hartmann, Dietrich (Hrsg.): „Das geht auf keine Kuhhaut“

18
Emotionen und sprachliche Feldstrukturen

– Arbeitsfelder der Phraseologie: Akten des Westfälischen Arbeitskreises Phraseologie/Parömiolo-


gie 1996 (Bochum). Bochum, S. 127–147.
Hessky, Regina/Ettinger, Stefan (1997): Deutsche Redewendungen. Ein Wörter- und Arbeitsbuch für Fort-
geschrittene. Tübingen.
Hodapp, Volker/Schwenkmezger, Peter (Hrsg.) (1993): Ärger und Ärgerausdruck. Bern.
Hrdinová, Eva Maria (2010): Freuen wird sich meine Seele im Herrn oder der liturgische Text und Emo-
tionen. In: Acta Facultatis Philosophicae Universitatis Ostraviensis. Studia Germanistica, Nr. 6,
S. 139–144.
Hrdinová, Eva Maria (2011): Loci horribiles oder negative Emotionen im liturgischen Text. In: Acta Facul-
tatis Philosophicae Universitatis Ostraviensis. Studia Germanistica, Nr. 8, S. 21–27.
Immenroth, Marc/Joest, Katharina (2004): Psychologie des Ärgers. Ursachen und Folgen für Gesundheit
und Leistung. Stuttgart.
Kaňovská, Michaela/Křížková, Zdenka (2010): Emotionen in den Schlagzeilen. Nordkorea meldet „er-
folgreichen Atomtest“ – KLDR vyděsila svět jaderným testem. In: Acta Facultatis Philosophicae
Universitatis Ostraviensis. Studia Germanistica, Nr. 6, S. 199–213.
Kotůlková, Veronika (2010): Sprachliche Mittel zum Ausdruck von Emotionen in Lyrik. Eine textlinguis-
tische Analyse. In: Acta Facultatis Philosophicae Universitatis Ostraviensis. Studia Germanistica,
Nr. 6, S. 181–187.
Lutzeier, Peter Rolf (1995a): Lexikologie. Eine Einführung. Tübingen.
Lutzeier, Peter Rolf (1995b): Lexikalische Felder – was sie waren, was sie sind und was sie sein könnten.
In: Harras, Gisela (Hrsg.): Die Ordnung der Wörter: kognitive und lexikalische Strukturen. Berlin;
New York, S. 4–29.
Malá, Jiřina (2010a): Metaphern und (metaphorische ) Idiome als Ausdrucksmittel der Emotionalität. Dar-
gestellt an der Emotion LIEBE. In: Acta Facultatis Philosophicae Universitatis Ostraviensis. Studia
Germanistica, Nr. 5, S. 51–61.
Malá, Jiřina (2010b): Emotionalität in Filmrezensionen. Dargestellt an der Emotion LIEBE in den Fil-
men über Liebe. In: Acta Facultatis Philosophicae Universitatis Ostraviensis. Studia Germanistica,
Nr. 6, S. 189–198.
Mees, Ulrich (1992a): Die Struktur der Emotionen. In: Mees, Ulrich (Hrsg.): Psychologie des Ärgers. Göt-
tingen, S. 1–29.
Mees, Ulrich (1992b): Ärger-, Vorwurfs- und verwandte Emotionen. In: Mees, Ulrich (Hrsg.): Psychologie
des Ärgers. Göttingen, S. 30–87.
Mostýn, Martin (2010): Fußball und Emotionen. Dargestellt an Internetkommentaren. In: Acta Facultatis
Philosophicae Universitatis Ostraviensis. Studia Germanistica, Nr. 7, S. 63–83.
Pavlíčková, Tereza (2010): Identitätskonstruktionen und Emotionalität in deutschen und tschechischen Pe-
riodika aus Znaim um 1900. In: Acta Facultatis Philosophicae Universitatis Ostraviensis. Studia
Germanistica, Nr. 6, S. 245–251.
Rykalová, Gabriela (2010): Emotionen in Comics. In: Acta Facultatis Philosophicae Universitatis Ostra-
viensis. Studia Germanistica, Nr. 6, S. 215–223.
Schindler, Wolfgang (1993): Phraseologismen und Wortfeldtheorie. In: Lutzeier, Peter Rolf (Hrsg.): Studi-
en zur Wortfeldtheorie. Studies in Lexical Field Theorie. Tübingen, S. 87–106.

19
Hana BERGEROVÁ

Schuppener, Georg (2010): Onomatopoetika im Deutschen und Tschechischen als emotionales Ausdrucks-
mittel. In: Acta Facultatis Philosophicae Universitatis Ostraviensis. Studia Germanistica, Nr. 6,
S. 129–137.
Schwarz-Friesel, Monika (2007): Sprache und Emotion. Tübingen.
Šichová, Kateřina (2010): Überlegungen zu Emotionen und Phrasemen. Am Beispiel verbaler Phraseme mit
somatischen Substantivkomponenten. In: Acta Facultatis Philosophicae Universitatis Ostraviensis.
Studia Germanistica, Nr. 6, S. 81–93.
Vaňková, Lenka (2010): Zur Kategorie der Emotionalität: Am Beispiel der Figurenrede im „Spieltrieb“ von
Juli Zeh. In: Acta Facultatis Philosophicae Universitatis Ostraviensis. Studia Germanistica, Nr. 6,
S. 9–18.
Vaňková, Lenka/Wolf, Norbert Richard (Hrsg.) (2010): Aspekte der Emotionslinguistik. Ostrava.
Vaňková, Lenka (2011): Was die Stimme über Emotionen verraten kann. Eine korpusbasierte Untersuchung
zu Stimmkommentierungen in deutschen Romanen. In: Acta Facultatis Philosophicae Universitatis
Ostraviensis. Studia Germanistica, Nr. 8, S. 43–51.
Weber, Hannelore (1994): Ärger. Psychologie einer Alltagsemotion. Weinheim; München.
Zemanová, Jana (2010): Die körperliche Seite des Menschen als Motivationsgrundlage für einige Lexeme
aus dem lexikalischen Feld „Zorn“. In: Acta Facultatis Philosophicae Universitatis Ostraviensis.
Studia Germanistica, Nr. 6, S. 95–103.

Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Forschungsprojekts GA ČR 405/09/0718.

20

Das könnte Ihnen auch gefallen