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23. Juni.

DEUTSCHE MEDICINISCUE WOCHENSCHRIFT ,591

VI. Referate und Kritiken.


Hugo de Vries. Intracellulare Pangenesis. Jena, Gustav
Fischer. Ref. B aum g art e n (Tübingen).
In dieser hochinteressanten Arbeit geht der Verfasser von der
nunmehr von der Naturwissenschaft wohl allgemein als richtig an-.
erkannten Grundlehre aus, dass alle Lebenserscheinungen an ein
materielles Substrat gebunden sind. Auch in der Lehre von der
Vererbung hat sich, nachdem die Beobachtung der Copulation einen
anschaulichen Vorgang für das Verständniss der Uebertragung der
elterlichen, insbesondere der väterlichen Eigenschaften auf die Nach-
kommen uns geliefert, das Bedürfniss immer mehr und mehr geltend
gemacht, die allgemeine Vorstellung von der Vermittlung der Erb-
schaft durch materielle Träger im Detail und ihren Consequenzen
zu entwickeln, theils aber auch durch Beobachtung und Experiment
ihr eine gesichertere Grundlage zu gewinnen. Darwin hat das erstere
wie keiner vor ihm und nach ihm, mit dem Muthe eines iiner-
schrockenen Reformators unternommen, aber ohne auch nur an-
nähernd mit seiner Lehre von der Pangenesis den Erfolg in der
Zustimmung der Naturforscher zu erzielen, den andere seiner Ar-
beiten erreicht haben. Darum darf indessen sein Grundgedanke,
dass die einzelnen erblichen Anlagen in der lebenden Substanz der
Zellen an einzelne stoffliche Träger gebunden sind, nicht aufgegeben
werden; dass er nicht nur nicht aufgegeben werden darf, dass er
der richtige ist und deshalb festgehalten werden muss, und dass er
der einzige ist, unter welchem wir die betreffenden Erscheinungen
der Natur verstehen und den wir als einzige erklärende Antwort er-
halten, wenn wir die Natur mit unseren Experimenten befragen, in
klarer, fast unwiderstehlich zwingender Weise nachgewiesen zu
haben, ist ein Hauptverdienst des de Vries'schen Werkes für alle
diejenigen, welche sich mit der Vererbungslehre beschäftigen. Sehr

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richtig weist Verfasser darauf hin, wie leicht durch die Beschränkung
der Beobachtungen auf das zoologische Gebiet das Princip der Fort-
pflanzung der Eigenschaften auf Einseitigkeiten gerathen kann, und
nur dasjenige, was wir in dieser Beziehung allgemeingültig für die
ganze organische Welt finden, auch als Princip gelten gelassen wer-
den darf. Hier liefert er uns einen wahren Schatz von beweis-
kräftigen botanischen Experimenten, die unfehlbar nicht ohne Ein-
fluss auf das fernere Studium der Vererbungslehre bleiben werden.
Selbstverständlich berührt Verfasser bei diesen seinen Untersuchun-
gen die höchsten naturwissenschaftlichen, oder sagen wir natur-
philosophischen Fragen; aber ohne ihnen auszuweichen, beantwortet
er sie nicht mit philosophischen Schlagwörtern, sondern mit Ex-
perimenten, indem er die Grenze dessen, was wir wissen und be-
greifen können, von dem trennend, was in ein anderes Gebiet
der menschlichen Geistesthätigkeit fällt, nicht überschreitet.
Eine Inhaltswiedergabe ist bei der Reichhaltigkeit des in
dankenswerther Gedrängtheit zusammengefassten Materials, dessen
Behandlung dauernd Phantasie und das Denken beschäftigt, nicht
möglich, ohne entweder dem Verfasser nicht Genüge zu leisten,
oder den uns gestatteten Raum zu überschreiten. Wir schliessen
deshalb mit dem Wunsche, die Arbeit möge auch weit über die
botanischen Kreise hinaus nachdenkende Leser finden, da sie uns
eine werthvolle Erweiterung unseres Naturerkennens bietet. Wir
behalten uns vor, bei anderer Gelegenheit näher auf den Inhalt
der wichtigen Arbeit einzugehen.

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