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Einführung in die deutsche Syntax Dr.

Lê Xuân Giao

Block B: Satzglieder

Ziel: - Ein Satz ist mehr als eine Aneinandereihung von Wörtern. Die einzelnen Wörter des Satzes
beziehen sich unterschiedlich eng aufeinander – teils sehr direkt, teils nur indirekt oder gar
nicht. Vor allem bei engerem Bezug bilden sie oft Gruppen, wobei kleinere Gruppen in
größeren enthalten sein können.
→ Ziel der Satzgliedlehre ist es, die wichtigsten Beziehungen im Satz und die damit
zusammenhängende Bildung von Wortgruppen zu erfassen.

B 1 Was ist ein Satz?


Duden-Grammatik (2005: §§ 1163–1167)
-Gegenstand der Satzgliedlehre sind Sätze. Damit stellt sich gleich eine erste Frage: Was versteht
man unter einem Satz? Eine allgemeingültige Antwort lässt sich nicht geben, weil der Begriff „Satz“
unterschiedlich zu verstehen ist, je nach Perspektiven und Interessen, aus denen man ihn analysiert.
Nachstehend wird ein Konzept des Satzes kurz vorgestellt, das für unsere weiteren Analysen am
meisten sinnvoll ist.
-Sätze haben immer eine innere Struktur Diese ist weitgehend vom Verb bestimmt: Das Verb
eröffnet um sich herum Stellen für weitere Bestandteile des Satzes, insbesondere für die Satzglieder
(siehe dazu B 3.2). Der prototypische Satz lässt sich daher so bestimmen:

Ein Satz ist eine Einheit, die aus einem finiten Verb und allen vom Verb verlangten
Satzgliedern besteht.

-Beispiel:
(1) Finites Verb: fragte
Dieses Verb verlangt drei Satzglieder (= drei Ergänzungen, siehe dazu B 3.1):
(2) Satzglied 1: eine handelnde Person, welche die Handlung des Fragens durchführte,
z.B. [Anna]
Satzglied 2: eine Person, welche die Frage entgegennimmt,
z.B. [den Verkäufer]
Satzglied 3: einen betroffenen Sachverhalt, wonach gefragt wurde,
z.B. [nach schnelleren Geräten]
Das ergibt folgenden Satz:
(3) Satz: [Anna] fragte [den Verkäufer] [nach schnelleren Geräten].
Darüber hinaus kann der Satz zusätzliche Satzglieder (= Angaben, siehe dazu B 3.1) enthalten:
(4) Zusätzliches Satzglied: Temporaladverbiale (siehe dazu B 3.3),
z.B. [vorher]
Nun entsteht ein größerer Satz:
(5) Satz: [Anna] fragte [den Verkäufer] [vorher] [nach schnelleren Geräten].

-Das wichtigste Bestandteil eines Satzes ist das Prädikat. Die übrigen Bestandteile, die der Satz
neben dem Prädikat noch enthält, lassen sich nach unterschiedlichen Gesichtspunkten näher
betrachten, siehe Duden-Grammatik (2005: § 1168):
Perspektive Bestandteile
Valenz Ergänzung, Angabe
Verschiebbarkeit Satzglied, Gliedteil
Funktion (Semantik) Aktant (Subjekt, Objekt), Adverbiale, Prädikativ

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B 2 Prädikat
Duden-Grammatik (2005: §§ 1309–1312)
(i) Der Begriff Prädikat stammt aus dem lateinischen Verb praedicare:
(6) - prae = vor praedicare = etw. bekannt machen, schon vorher
- dicare = sagen etw. über etw. sagen
Prädikat bezeichnet in der Grammatik das Satzglied, welches das Subjekt bekannt macht (=
welches eine Aussage übers Subjekt macht).
Das Teil in einem Satz, welches das Subjekt bekannt macht (- welches Aussage übers

Nur wenn man die Bedeutung des Verbs kennt, kann man
Was ist nun dieses Satzglied?

(ii) Wie oben schon deutlich geworden ist, wird die Gesamtbedeutung und der innere Bau (= die
innere Grundstruktur) des Satzes weitgehend vom Verb bestimmt. Ein weiteres Beispiel:
(7) [Anna] öffnete [vorsichtig] [die Tür].
Wer die Bedeutung des Verbs öffnen kennt, weiß auch, dass die damit bezeichnete Tätigkeit eine
handelnde Person und eine betroffene Sache mit einschließt:
(8) öffnen
→ handelnde Person
→ betroffene Sache
Tatsächlich enthält der Satz zwei passende Ergänzungen, nämlich die Nominalphrasen [Anna] und
[die Tür]. Das dritte Satzglied, [vorsichtig], ist eine Angabe, die die Bedeutung des Verbs
modifiziert. An diesem Beispiel sollte deutlich geworden sein: Nur wenn man die Bedeutung des
Verbs kennt, kann man die übrigen Bestandteile des Satzes richtig interpretieren. Das Verb bildet so
inhaltlich den Kern des Satzes – es erfüllt die Funktion des Prädikats.
Aus (i) und (ii) kann man Folgendes herausschließen:

Das Prädikat eines Satzes besteht nämlich mindestens aus dem finiten Verb, welches die
Grundstruktur dieses Satzes sowohl syntaktisch als auch semantisch voranlegt.

(iii) Im oben diskutierten Beispielsatz besteht das Prädikat aus einer einzigen Verbform. Man spricht
in solchen Fällen auch von einem einfachen Prädikat. Es gibt aber auch mehrteilige Prädikate:
– Ein Prädikat kann aus mehreren Verben bestehen:
(9) a. Anna hat vorsichtig die Tür geöffnet.
b. Die Diebe scheinen vom Nachtwächter überrascht worden zu sein.
– Außerdem können Bestandteile, die anderen Wortarten angehören, unterschiedlich eng
ins Prädikat integriert werden:
(10) a. Anna schließt die Tür auf.
b. Wir tragen Ihren Bedenken Rechnung.

Frage:
-Warum ist das Prädikat im Beispiel (9) a. nicht „hat“ oder „geöffnet“ allein, sondern
„hat ... geöffnet“?
-Warum ist das Prädikat im Beispiel (10) b. nicht „tragen“ allein, sondern „tragen ...
Rechnung“?

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B 3 Die übrigen Bestandteile des Satzes aus der Perspektive der ...
B 3.1 ... Valenz: Ergänzungen vs. Angaben
Duden-Grammatik (2005: §§ 1179–1182)
B 3.1.1 Valenz
(i) Wie schon oben angesprochen, bestimmt das Verb (bzw. das Prädikat) den Satz syntaktisch und
semantisch. Ein weiteres Beispiel:
(11) [Anna] stellte [rasch] [eine Kerze] [auf den Tisch].
Dieser Satz enthält vier Satzglieder; alle beziehen sich auf das Verb. Mann sagt dann, dass sie von
diesem Verb abhängig sind.
• Bei dreien der Satzglieder, d.h. bei [Anna], [eine Kerze] und [auf den Tisch], ist das
besonders offensichtlich: Sie sind in der Bedeutung des Verbs schon vorangelegt. Das heißt,
die Semantik von stellte schließt ein, dass eine handelnde Person, eine betroffene Sache und
ein räumlisches Ziel existieren. Es handelt sich um Ergänzungen.
• Hingegen ist [rasch] keine im Verb vorangelegte Ergänzung, sondern eine Angabe; [rasch]
modifiziert die von stellte ausgedrückte Handlung.
stellte

[Anna] [eine Kerze] [auf den Tisch] [rasch]


Auf dieser Grundlage kann man definieren:
Ergänzung ist eine Phrase, die in der Bedeutung eines anderen Wortes (z.B. eines Verbs)
schon vorangelegt ist, die also von diesem Wort verlangt wird.
Angabe ist eine Phrase, die ein Wort, eine andere Phrase oder auch den gesamten Satz
modifiziert. Sie ist in der Bedeutung des zugehörigen Wortes nicht vorangelegt, d.h. nicht von
diesem Wort verlangt.

Weitere Beispiele:
(12) [Frau Weber] kennt [als Verkäuferin] [verständlicherweise] [viele Leute].
→ Ergänzungen: [Frau Weber], [viele Leute]
Angaben: [als Verkäuferin], [verständlicherweise]
(13) [Glücklicherweise] konnte [die Zeugin] [den Vorfall] [genau] beobachten.
→ Ergänzungen: [die Zeugin], [den Vorfall]
Angaben: [Glücklicherweise], [genau]

(ii) Wenn ein Wort die Eigenschaft hat, Ergänzungen zu verlangen, spricht man auch von seiner
Valenz. „Valenz“ bedeutet „Wertigkeit“; entsprechend bezeichnet man Wörter, die eine, zwei oder
drei Ergänzungen verlangen, als ein-, zwei- bzw. dreiwertig:
(14) Das Verb stellte im Beispiel (11) ist dreiwertig.
Das Verb kennt im Beispiel (12) ist zweiwertig.
Das Verb beobachten im Beispiel (13) ist zweiwertig.
Aufgabe: Wie viele Ergänzungen verlangen folgende Verben:
wohnen:
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leben: ist in Anlehnung an dem von Prof. Dr. Peter Gallmann erstellt.
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geben:
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(iii) Wenn ein Wort Valenz hat, bestimmt es nicht nur die Anzahl der von ihm verlangten
Ergängzungen, sondern weist diesen auch weitere Eigenschaften zu:
-Auf der semantischen Ebene vergibt es seinen Ergänzungen semantische Rollen (siehe dazu
B 3.3.1):
handelnde Person betroffene Sache

(15) [Anna] öffnete [vorsichtig] [die Tür].


→ öffnete vergibt der Ergänzung [Anna] die semantische Rolle „handelnde Person“
und der Ergänzung [die Tür] die semantische Rolle „betroffene Sache“.
-Auf der morpho-syntaktischen Ebene selektiert es bei seinen Ergänzungen einen bestimmten
Kasus oder eine bestimmte Präposition:
Dativ

(16) a. Die Mönche entsagten [allen irdischen Genüssen].

Präpositionalphrase mit auf

b. Die Mönche verzichteten [auf alle irdischen Genüsse].


→ Das Verb entsagen weist seiner Ergänzung ([allen irdischen Genüssen]) den Dativ zu,
während verzichten eine Präpositionalphrase mit auf ([auf alle irdischen Genüsse]) als
Ergänzung verlangt.

B 3.1.2 Obligatorische Ergänzungen vs. fakultative Ergänzungen


-Weglassprobe: Wenn das Weglassen eines Satzgliedes zu einem ungrammatischen Satz führt,
handelt es sich dabei um eine Ergänzung, aber nicht umgekehrt. Das heißt, wenn ein Satzglied
weggelassen werden kann, muss es nicht unbedingt eine Angabe sein. Es gibt nämlich auch
weglassbare (=fakultative) Ergänzungen:
(17) a. [Otto] bügelt [seine Hemden].
b. [Otto] bügelt.
→ [Otto]: obligatorische Ergänzung
[seine Hemden]: fakultative Ergänzung
-Im Grunde liegt das Verb „bügeln“ in zwei Varianten vor:
(18) a. jemand bügelt etwas
- jemand: handelnde Person
- etwas: betroffene Sache
→ In dieser Variante verlangt „bügeln“ zwei Ergänzungen.
b. jemand bügelt
- jemand: handelnde Person
→ In dieser Variante verlangt „bügeln“ eine Ergänzung. Dabei bezeichnet es eine
Tätigkeit, bei der anzunehmen ist, dass irgendein Gegenstand davon betroffen ist. Worum
es sich genau handelt, kann aber sprachlich unausgedrückt bleiben – es muss nicht einmal
ein Indefinitum wie zum Beispiel etwas eingefügt werden.

Aufgabe: Suchen Sie andere Verben, die auch eine fakultative Ergänzung verlangen wie
„büglen“, und geben Sie dafür Beispiele.
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B 3.2 ... Verschiebbarkeit: Satzglieder vs. Gliedteile


Duden-Grammatik (2005: §§§ 1175–1778)
B 3.2.1 Grundsätzliches
(i) Einfache Aussagesätze haben im Deutschen gewöhnlich den folgenden Bau (siehe Block F):

(19) Vorfeld – finites Verb – Mittelfeld – übrige Verbformen


Im Vorfeld, der Stelle vor dem finiten Verb, steht normalerweise genau eine Phrase. Die übrigen
Phrasen – sofern vorhanden – besetzen das Mittelfeld. Siehe dazu den folgenden Satz:
(20) [Die Polizei] hat [der Zeitung] [die Beschreibung des Täters] zugeschickt.
Die Phrase im Vorfeld mag komplex sein, das heißt, sie kann eingebettete Phrasen enthalten:
(21) [Ein Kommissar [der [örtlichen] Polizei] ] hat … zugeschickt.
Ausgeschlossen sind aber zwei oder mehr eigenständige Phrasen nebeneinander:
(22) *[Die Polizei] [die Beschreibung des Täters] hat [der Zeitung] zugeschickt.
Die Position vor dem finiten Verb ist im Deutschen nicht für einen bestimmten Phrasentyp reserviert
(wie etwa im Englischen für das Subjekt), sondern sie kann von Phrasen unterschiedlicher Art
eingenommen werden. Das kann man mit einer Verschiebeprobe prüfen:
(23) a. [Die Beschreibung des Täters] hat die Polizei der Zeitung zugeschickt.
Akk.-Ergänzung
b. [Der Zeitung] hat die Polizei die Beschreibung des Täters zugeschickt.
Dat.-Ergänzung
(ii) Diese Erscheinung ist die Grundlage, auf der der Begriff des Satzglieds definiert werden kann:

Ein Satzglied ist eine Einheit des Satzes, die allein die Position vor dem finiten Verb besetzen
kann.
Bei den Satzgliedern, die ins Vorfeld gestellt werden können, handelt es sich typischerweise um die
Ergänzungen und Angaben des Verbs bzw. des Prädikats. Die Verschiebeprobe zeigt, dass es sich
bei den drei Phrasen, die im folgenden Beispielsatz mit eckigen Klammern markiert sind, tatsächlich
um Satzglieder handelt:
(24) [Die Polizei] hat [der Zeitung] [die Beschreibung des Täters] zugeschickt.
(iii) Kein Satzglied ist die Phrase [des Täters] – sie kann nicht allein umgestellt werden, sondern nur
als Bestandteil des Satzglieds [die Beschreibung des Täters]:
(25) *[Des Täters] hat die Polizei der Zeitung die Beschreibung zugeschickt.
Phrasen wie [des Täters] bezeichnet man als Gliedteile:

Ein Gliedteil ist eine Phrase, die in ein Satzglied eingebettet ist.

Gliedteile können nur zusammen mit ihrem Satzglied verschoben werden. Man kann die Einbettung
des Gliedteils grafisch sichtbar machen, wenn man sowohl das Satzglied als auch das Gliedteil mit
eckigen Klammern einschließt:
26) [Die Beschreibung [des Täters] ] hat [die Polizei] [der Zeitung] zugeschickt.

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B 3.2.2 Zu einigen Besonderheiten der Verschiebeprobe


Im Folgenden wird auf einige Besonderheiten eingegangen, die bei der Anwendung der
Verschiebeprobe beachtet werden müssen:
(i) Bei der Verschiebeprobe darf sich die Gewichtung der einzelnen Bestandteile des Satzes
verändern, nicht aber der Sinn des Satzes. Eine nicht zulässige Sinnveränderung ergibt sich
beispielsweise, wenn Satzglieder in Gliedteile umgewandelt werden oder umgekehrt,
(27) a. [Die Mannschaft [aus Korea] ] traf gestern ein. (Umschreibung: Eine bestimmte
Mannschaft, nämlich diejenige aus Korea, traf gestern von irgendwoher ein.)
b. [Die Mannschaft] traf [gestern] [aus Korea] ein. (Eine bestimmte Mannschaft, zu der
nichts weiter gesagt wird, traf gestern aus Korea ein.)
Wenn die fraglichen Einheiten im Mittelfeld stehen, sind zuweilen zwei Deutungen zulässig:
(28) a. [Otto] möchte den Mantel im Schaufenster anprobieren.
b. → [Den Mantel] möchte [Otto] [im Schaufenster] anprobieren. (3 Satzglieder)
c. → [Den Mantel [im Schaufenster] ] möchte [Otto] anprobieren. (2 Satzglieder, davon
eines mit einem Gliedteil)
Version (c) dürfte wahrscheinlicher sein. In manchen Kontexten ist freilich eine solche Entscheidung
nicht ohne Weiteres möglich.
(ii) Satzglieder können zusammen mit Prädikatsteilen aller Art ins Vorfeld gestellt werden. Solche
komplexe Phrasen gelten nicht als Satzglieder.
– Satzglieder plus infinite Verbform:
(29) a. [ [In ein Schließfach] stellen] wollte der Reisende den schwarzen Koffer.
b. [ [Den Koffer] [in ein Schließfach] stellen] wollte der Reisende.
– Satzglied plus Verbpartikel:
(30) [ [Durch den Spalt] hindurch] sickerte Wasser.
– Satzglied plus prädikatives Adjektiv:
(31) [ [Zu so einer Tat] fähig] wäre Anna nie.
Man kann daher als Zusatzbedingung formulieren, dass bei Anwendung der Verschiebeprobe
Prädikatsteile und Prädikative an ihrer »Normalposition« am Ende des Satzes stehen müssen:
(32) a. [In ein Schließfach] wollte der Reisende den schwarzen Koffer stellen.
b. [Durch den Spalt] sickerte Wasser hindurch.
c. [Zu so einer Tat] wäre Anna nie fähig.
(iii) Manche Phrasen können gar nicht oder nur bei starker Kontrastbetonung ins Vorfeld gestellt
werden, obwohl sie unmittelbar vom Prädikat (oder vom ganzen Satz) abhängen.
– Nominalphrasen mit dem Pronomen es, sofern nicht Subjekt (siehe Block C):
(33) a. [Ich] habe [es] gelesen.
b. → *[Es] habe [ich] gelesen.
(34) a. [Otto] war [es] nicht!
b. → *[Es] war [Otto] nicht!
– Nominalphrasen mit einem Reflexivpronomen ohne semantische Rolle (siehe Block C):
(35) a. [Ich] nahm [mir] [für heute] [nichts] vor.
b. → *[Mir] nahm [ich] [für heute] [nichts] vor.
(36) a. [Die Schlange] verkroch [sich] [in ihre Erdhöhle].
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b. → *[Sich] verkroch [die Schlange] [in ihre Erdhöhle].

B 3.3 ... Funktion (Semantik): Aktant, Adverbiale und Prädikativ


Duden-Grammatik (2005: §§ 1183–1211)
Satzglieder lassen sich auf ihre inhaltliche Leistung, ihren semantischen Beitrag zum Satz, näher
untersuchen. Hierbei erweist sich eine Einteilung in drei Arten von Satzgliedern als sinnvoll, nämlich
in Aktanten, Adverbialien und Prädikative.
B 3.3.1 Die Aktanten
Im wörtlichen Sinn bezeichnen die Aktanten die „Mitspieler“ oder „Rollenträger“ bei einem
Vorgang oder einer Handlung. Man spricht hier von einer semantischen Rolle, in der
wissenschaftlichen Grammatik auch von einer „thematischen Rolle“.
(37) [Anna] besucht [ihre Freundin].
[Anna] = Agens (handelnde Person)
[ihre Freundin] = Patiens (betroffene Person)
Der Fachausdruck ist aber auch auf Sachen und Abstraktes ausgedehnt worden:
(38) [Der Blitz] traf [den Baum].
[der Blitz] = Agens im weiten Sinn (Auslöser des Vorgangs)
[den Baum] = Patiens (betroffene Sache)
Aktanten erscheinen im Satz typischerweise als Nominalphrasen in einem bestimmten Kasus, bei
bestimmten Verben auch als Präpositionalphrasen. Die folgende Liste zeigt, welche Möglichkeiten
bei den Aktanten von Verben und Adjektiven bestehen:

Beschreibung Beispiele
+ Aktant [Der Sturm] beunruhigte den Kapitän.
+ Nominalphrase [Der Pfeifton] störte mich.
+ Nominativ
= Subjekt (Subjektsnominativ)
+ Aktant Der Sturm beunruhigte [den Kapitän].
+ Nominalphrase Ich bemerkte [seine grimmige Miene].
+ Akkusativ Anna war [den starken Straßenlärm] noch nicht gewohnt.
= Akkusativobjekt
+ Aktant Der Polizist konnte [dem Touristen] den Weg zeigen.
+ Nominalphrase Die aufziehenden Wolken gefielen [dem Kapitän] gar nicht.
+ Dativ Der Akazienweg war [dem Taxifahrer] nicht bekannt.
= Dativobjekt [Dem Bergsteiger] wurde schwindlig.
+ Aktant Otto bediente sich [eines Tricks].
+ Nominalphrase Die Anwohner waren [des Straßenlärms] überdrüssig.
+ Genitiv
= Genitivobjekt
+ Aktant Der Kapitän rechnete [mit einem starken Sturm].
+ Präpositionalphrase Susanne erinnerte mich [an den Termin].
= Präpositionalobjekt Das Medikament verhalf ihr [zu einem schmerzfreien Leben]

B 3.3.2 Die Adverbialien


Die Adverbialien unterscheiden sich von den Aktanten semantisch darin, dass sie die näheren
Umstände einer Handlung, eines Vorgangs oder eines Zustandes ausdrücken. Manche davon sind
Ergänzungen, das heißt, sie sind im Valenzrahmen eines Wortes (z.B. eines Verbs) vorangelegt:
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(39) a. Otto begibt sich [auf den Balkon].


b. *Otto begibt sich.
Man spricht in solchen Fällen von einer adverbialen Ergänzung oder Adverbialergänzung.
Überwiegend haben Adverbialien allerdings den Status einer Angabe, das heißt, sie modifizieren den
zugehörigen Ausdruck (oder auch den Satz als Ganzes). Man spricht dann von einer adverbialen
Angabe oder einem „freien Adverbiale“:
(40) Otto raucht [auf dem Balkon] eine Zigarette.
Semantische Untereinteilung:
# Kommentaradverbialien
(41) Otto hat seinen Freund [zum Glück] / [leider] nicht mitgebracht.
Anna kommt [wahrscheinlich] / [vielleicht] / [sicher] / [angeblich].
[Meines Erachtens] / [für mein Gefühl] / [nach meinem Eindruck] reicht das.
# Situativadverbialien
– Lokaladverbiale (lokales Adverbiale, Adverbiale des Raumes / des Ortes):
(42) Karl arbeitet [in München]. Elisabeth geht [ins Theater]. [Von wo] kommt er?
– Temporaladverbiale (temporales Adverbiale, Adverbiale der Zeit):
(43) [Eines Tages] sah ich ihn wieder. [Am 11. November] hat sie Geburtstag.
– Modaladverbiale (modales Adverbiale, Adverbiale der Art und Weise):
(44) Die Post lieferte das Paket [schnell]. Die Glocke ist [fast drei Tonnen] schwer.
– Kausaladverbiale (kausales Adverbiale, Adverbiale des Grundes) im weiten Sinn:
(45) Das Verbrechen geschah [aus Eifersucht]. [Bei Regen] fällt das Spiel aus.
Adverbialien lassen sich auch nach der Wortart ihres Kerns und gegebenenfalls nach dem Kasus
einteilen. Überblick:

Beschreibung Beispiele
+Adverbiale Die Katze schlief [den ganzen Nachmittag].
+ Nominalphrase Anna rannte [vier Kilometer].
+ Akkusativ Das Buch kostet [zehn Euro].
= adverbialer Akkusativ Es war [dreißig Grad] warm.
+Adverbiale Sie betrat [eiligen Schrittes] den Raum.
+ Nominalphrase [Eines Tages] wissen wir es genauer.
+ Genitiv Das stimmt [unseres Erachtens] nicht.
= adverbialer Genitiv Manuela war [guter Laune].
+ Adverbiale Das Pferd sprang [schräg] über das Hindernis.
+ Adjektivphrase Das Pferd wieherte [laut].
= adverbiale Adjektivphrase Der Agent verhielt sich [unauffällig].
+ Adverbiale Anna schwimmt [sehr gern] [draußen].
+ Adverbphrase Wir werden uns [vielleicht] [morgen] sehen.
= adverbiale Adverbphrase Anja konnte [krankheitshalber] [nicht] kommen.
+ Adverbiale Das Buch lag [auf dem Tisch].
+ Präpositionalphrase Ich schrieb [mit dem Bleistift].
= adverbiale Präpositionalphrase Die kalte Luft kam [von oben].
+ Adverbiale Uta verhielt sich [wie eine Dompteuse].
+ Konjunktionalphrase Mark rannte schneller [als Felix].
= adverbiale Konjunktionalphrase

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B 3.3.3 Die Prädikative


Wenn man das Prädikativ mit dem Prädikat vergleicht, zeigen sich eine wichtige Gemeinsamkeit
und ein wichtiger Unterschied:
– Die Gemeinsamkeit ist semantischer Natur: Das Prädikativ macht wie das Prädikat eine
Aussage über eine oder mehrere andere Phrasen.
– Der Unterschied ist grammatikalischer Natur: Prädikative haben nie ein finites Verb als Kern.
Besonders typisch für Prädikative sind Nomen und Adjektive.
Von den Phrasen, die das Prädikativ charakterisiert, steht eine immer außerhalb des Prädikativs; man
bezeichnet sie als die Bezugsphrase des Prädikativs. Gewöhnlich sind diese Bezugsphrase das
Subjekt oder ein Objekt des Satzes.
(46) a. [Der Geruch] war [merkwürdig].
b. Ich fand [den Geruch] [merkwürdig].
(47) a. [Als guter Beobachter] bemerkte [er] die Veränderung sofort.
b. [Als gutem Beobachter] fiel [ihm] die Veränderung sofort auf.
Manche Prädikative sind vom Verb (oder Adjektiv) verlangt; sie sind also prädikative
Ergänzungen. Andernfalls sind sie prädikative Angaben (= „freie Prädikative“):
(48) a. Ergänzung: Der Bürgermeister bezeichnete [die Änderung] [als unnötig].
b. Angabe: Der Bürgermeister lehnte die [die Änderung] [als unnötig] ab.
Prädikative Ergänzungen mit Bezug auf das Subjekt erscheinen besonders oft bei den drei Verben
sein, werden und bleiben, mit Bezug auf das Objekt bei machen, lassen, halten:
(49) a. [Anna] ist / wird / bleibt [zornig].
b. Damit machst du [Anna] [zornig].
c. Die Gartenarbeit hielt [die Großmutter] [gesund].
Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die Prädikative:

Beschreibung Beispiele
+ Prädikativ Otto ist [ein bekannter Schauspieler].
+ Nominalphrase Katja will [Gymnasiallehrerin] werden.
+ Nominativ Thailand wurde früher [Siam] genannt.
= prädikativer Nominativ
+ Prädikativ Der Torwart schimpfte den Schiedsrichter [einen Trottel].
+ Nominalphrase Die Eltern tauften ihre Tochter [Xenia Xandra].
+ Akkusativ
= prädikativer Akkusativ
+ Prädikativ Der Ball ist [rund].
+ Adjektivphrase Der Torwart ist [verletzt].
= prädikative Adjektivphrase Otto findet das Theaterstück [provozierend].
+ Prädikativ Alle unsere Mühen waren [umsonst].
+ Adverbphrase Die Kinder sind [barfuß].
= prädikative Adverbphrase
+ Prädikativ Das Flüsschen wurde [zu einem reißenden Strom].
+ Präpositionalphrase Das Hündchen verwandelte sich [in einen bissigen Wolf].
= prädikative Präpositionalphrase Der Psychiater hält den Patienten [für völlig normal].
+ Prädikativ Dieser Zettel dient mir [als Buchzeichen].
+ Konjunktionalphrase Ich verwende diesen Zettel [als Buchzeichen].
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= prädikative Konjunktionalphrase Der Aufstieg auf den Mount Dooden gilt [als schwierig].

B 4 Zur Unterscheidung der Begriffe „Ergänzung“ und „Aktant“


Wenn Aktanten von einem Verb (oder einem anderen Wort) abhängen, sind sie gewöhnlich in dessen
Bedeutung vorangelegt, also Ergänzungen. In vielen Grammatiken hat man diesen Zusammenhang
für so eng gehalten, dass man die Bezeichnung „Ergänzung“ auch im semantischen Sinn verwendet
hat.
Dabei hat man aus den Augen verloren, dass es auch Adverbialien und Prädikative gibt, die in der
Bedeutung des zugehörigen Wortes vorangelegt sind, also als Ergänzungen zu betrachten sind.
Darüber hinaus gibt es auch einige Aktanten mit dem Status von Angaben (= freie Aktanten), z.B.
manche Dativobjekte (= freie Dative) oder die sogenannten inneren Objekte (siehe die Beispiele in
der folgenden Tabelle).
Die Tabelle zeigt, dass es sich bei der Unterscheidung von Ergänzungen und Angaben einerseits, von
Aktanten, Prädikativen und Adverbialien andererseits um zwei eigenständige Perspektiven handelt.
Aus diesem Grund werden die Begriffe „Ergänzung“ und „Aktant“ hier wie in der Duden-
Grammatik (2005) getrennt gehalten.

+ Ergänzung – Ergänzung (= Angabe)


+ Aktant + Aktant + Aktant
+ Ergänzung – Ergänzung
= Aktant als Ergänzung = freier Aktant
-Otto half [seinem Großvater]. -Otto trug [seinem Großvater] den Müll
-Der Großvater widmete sich hinaus.
[seinem Hobby]. -Sie ging [einen schweren Gang].
+ Prädikativ + Prädikativ + Prädikativ
+ Ergänzung – Ergänzung
= prädikative Ergänzung = prädikative Angabe (freies Prädikativ)
-Der Kaffee war [lauwarm]. -Sie trank den Kaffee [lauwarm].
-Der Vorsitzende bezeichnete -Er bemerkte [als guter Beobachter] die
die Bemerkung [als relevant]. bläulichen Flecken sofort.
+ Adverbiale + Adverbiale + Adverbiale
+ Ergänzung – Ergänzung
= adverbiale Ergänzung = adverbiale Angabe (freies Adverbiale)
-Wir befinden uns [im Keller]. -Er öffnete die Weinflasche [im Keller].
-Dieser Wein stammt [aus -Otto hat [aus Frankreich] einen guten
Frankreich]. Bordeaux mitgebracht.

B 5 Übersicht über die Satzglieder


Duden-Grammatik (2005: § 1214)
In den vorangehenden Abschnitten ist gezeigt worden, dass bei der Bestimmung von Satzgliedern
und Gliedteilen mehrere eigenständige Gesichtspunkte eine Rolle spielen. Wenn man solche
Gesichtspunkte systematisch miteinander kombiniert, entsteht eine Kreuzklassifikation.
Die folgende Tabelle zeigt diejenige Kreuzklassifikation der Satzglieder, die in der Duden-
Grammatik (2005) im Vordergrund steht. Die folgenden Perspektiven werden hier kombiniert: (i) die
Wortart des Kerns und gegebenenfalls der Kasus (links), (ii) die Funktion (oben).

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Tabelle: Kreuzklassifikation der Satzglieder

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