EPC2 Skript
EPC2 Skript
Festkörperphysik II
Markus Lippitz
15. Juli 2025
cite as
Lippitz, Markus, 2023.
Festkörperphysik II - Skript zur Vorlesung (Sommer 2023). Zenodo.
[Link]
Inhaltsverzeichnis
2 Fermi-Gas 17
3 Elektronen in Festkörpern 27
4 Kristall-Elektronen im Magnetfeld 43
5 Halbleiter 59
6 Supraleiter 73
7 Magnetismus 87
9 Nanostrukturen 113
Anhang 124
A Fourier-Transformation 127
B Zustandsdichte 133
Dies ist das Vorlesungsskript meiner Vorlesung ’Festkörperphysik II’. Sie ist
eine Kursvorlesung für Studierende im dritten Jahr des Bachelorstudiums.
Bei der Auswahl und Gewichtung der Themen folgt sie sehr stark dem in
Bayreuth Üblichen. Ich danke an dieser Stelle insbesondere Werner Köhler
und Anna Köhler, deren Vorlesungsskripte mir eine große Hilfe waren.
Neben dem Skript gibt es zu jedem Kapitel insgesamt circa eine Stunde
’Vorlesung’ auf Video1 , in der ich mündlich durch den Text führe und dabei an 1
[Link]
den Rand kritzle. Ich habe den Eindruck, dass es mir beim Sprechen leichter
fällt, die Dinge in einen Zusammenhang zu bringen als beim Schreiben, da
ich mich traue, schlampiger zu sein. Zur Vorbereitung gab es dann noch
ein online multiple-choice Quiz, sowie die Möglichkeit, jederzeit anonym
Fragen zu stellen.2 Im Plenum besprechen wir offene Fragen und diskutierten 2
[Link]
Aufgaben ähnlich zu Eric Mazurs ConcepTests.3 Schließlich gibt es die in der 3
[Link]
Physik üblichen Übungszettel und Kleingruppen-Übungen.
Dieses Skript ist ’work in progress’, und wahrscheinlich nie wirklich fertig.
Ich danke allen Studierenden des Jahrgangs 2023, die den Text und die
Gleichungen aufmerksam gelesen haben, wodurch wir viele Fehler korrigieren
konnten. Trotzdem wird es noch welche geben. Wenn Sie Fehler finden, sagen
Sie es mir bitte. Die aktuellste Version des Vorlesungsskripts finden Sie auf
github.4 Ich habe alles unter eine CC-BY-SA-Lizenz gestellt (siehe Fußzeile). 4
Festkoerper-II
In meinen Worten: Sie können damit machen, was Sie wollen. Wenn Sie
Ihre Arbeit der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen, erwähnen Sie mich und
verwenden Sie eine ähnliche Lizenz.
Der Text wurde mit der LaTeX-Klasse ’tufte-book’ von Bil Kleb, Bill Wood
und Kevin Godby5 gesetzt, die sich der Arbeit von Edward Tufte6 annähert. 5
tufte-latex
Ich habe viele der Modifikationen angewandt, die von Dirk Eddelbüttel im R-
6
[Link]
Paket ’tint’ eingeführt wurden7 . Die Quelle ist vorerst LaTeX, nicht Markdown. 7
tint: tint is not Tufte
Markus Lippitz
Bayreuth, 24. August 2023
Ziele
101
T3
100
1/T
ΘD
10−1
101 102 103
Temperatur T (K)
Überblick
Wiederholung
Vergewissern Sie sich, dass Sie die folgenden Fragen beantworten können,
und lesen Sie ggf. noch einmal in Ihren Aufzeichnungen des letzten Semes-
ters oder in meinem Skript1 nach. 1
Lippitz, 2022.
Kristallstruktur
Reziproker Raum
• Was ist der reziproke Raum, die Brillouin-Zone, ein Miller’scher Index?
• Wie sehen die reziproken Gitter von häufig vorkommenden Bravais-Gittern
aus?
• Wie bestimmt man Gitterparameter experimentell ?
• Was besagt die Laue-Theorie der Beugung? Und die Bragg-Theorie?
• Was ist ein Strukturfaktor und ein Atomformfaktor?
Phononen
Thermische Ausdehnung
Die thermische Ausdehnung von Festkörpern ist ein Beispiel dafür, wie mikro-
skopische Eigenschaften des Bindungspotentials und der Phononenstatistik
direkt in makroskopischen, ’alltäglichen’ Eigenschaften sichtbar werden.
Insbesondere zeigt sich, dass ein harmonisches Bindungspotential eine zu
grobe Näherung ist.
Bislang haben wir das Bindungspotential U (x) der Atome als harmonisch
angenommen. Die Abhängigkeit von der Auslenkung x um die Ruheposition
war also U (x) ∝ x2 . Nun wollen wir betrachten, welchen Effekt höhere
Terme im Potential haben. Bei den Molekül-Schwingungen hatten wir bereits
das Morse-Potential besprochen, mit dem ebenfalls die Abweichungen von
der harmonischen Form modelliert wurde. Damals hat dies zu Verschiebung
der ansonsten äquidistanten Schwingungsniveaus und zu einer Änderung das
Auswahlregel für Schwingungsübergänge geführt. Hier verwenden wir ein
allgemeines polynomiales Modell, d.h. wir parametrisieren etwas anders.
Sei also2 2
Siehe auch Charles Kittel, 2006 eq. 5.38
und Kopitzki, 2017 eq. 2.57
U (x) = cx2 − gx3 − f x4 , (1.1)
mit c, g und f als positive Konstanten. Die Nullpunktsenergie ist hier der
Einfachheit halber weggelassen. Der ungerade x3 -Term flacht die positive x
Seite ab und macht die negative Seite steiler. Der x4 -Term wirkt symmetrisch,
macht aber das Potential bei hohen Energien bzw. großen x breiter und so die
Bindung weicher.
Nun interessiert die mittlere Auslenkung ⟨x⟩ aus der Ruheposition bei
einer durch die Boltzmann-Verteilung gegebenen Besetzung der Schwin-
gungszustände. Ein Zustand mit dem Bindungsabstand x tritt auf mit der
Wahrscheinlichkeit3 3
Siehe z.B. Gl. 22.8 in Fließbach, 2018.
e−βU (x)
, (1.2)
e−βU (x′ ) dx′
R
Der Nenner hängt ja nicht von x, sondern nur von x′ ab und kann so vor das
dx-Integral gezogen werden.
Zur weiteren Vereinfachung nehmen wir an, dass U (x) für typische ther-
mische Energien ∼ kB T klein genug ist, sodass βU (x) ≪ 1 gilt. Dann
können wir die Exponentialfunktion als Reihe darstellen. Der wesentliche
Beitrag im Zähler kommt dabei von den ersten Termen der Exponentialreihe:
2 3
+f x4 ) 2
e−βU (x) = e−βcx e+β(gx ≈ e−βcx 1 + βgx3 + βf x4
. (1.4)
Im Nenner ignorieren wir gleich alle Terme jenseits von cx2 . Damit erhält man
3g
⟨x⟩ = kB T . (1.5)
4c2
Wie erwartet spielt der f x4 -Term keine Rolle für die Änderung des Bindungs-
abstands. Sobald aber ein kubischer Term im Potential vorhanden ist (g ̸= 0),
10 Festkörperphysik II
dann ändert sich die mittlere Auslenkung hin zu größeren Werten, proportio-
nal zur Temperatur T .
Die Gitterkonstante R(T ) ändert sich also linear mit der Temperatur
3g
R(T ) = R0 + ⟨x⟩ = R0 + kB T , (1.6)
4c2
mit dem Bindungsabstand R0 bei T = 0. Der Wärme-Ausdehnungskoeffizient
α ist dann
1 dR d ⟨x⟩ 3gkB
α= = = 2 . (1.7)
R0 dT dT R0 4c R0
Zur Selbstkontrolle
1. Wie groß ist ein typischer Wärme-Ausdehnungskoeffizient α? Wie könnte man
damit die Koeffizienten c und g des Potentials vergleichen?
Phonon–Phonon-Wechselwirkung
Die Anharmonizität des Potentials führt dazu, dass die Phononen miteinan-
der wechselwirken. Die Einführung der Normalmoden in der Molekül- oder
Festkörperphysik war möglich, weil dort das Potential als harmonisch an-
genommen wurde. Der x3 -Term führt dazu, dass die einzelnen Moden nicht
mehr unabhängig voneinander sind, miteinander koppeln.4 Ein Molekül im 4
Eine Rechnung findet sich in Gross und
Marx, 2023.
Vakuum kann so Energie von einer hoch angeregten Schwingungsmode auf
alle anderen Moden verteilen.
Die Phonon–Phonon-Wechselwirkung unterstreicht die Beschreibung
von Phononen als Quasi-Teilchen. Phononen wechselwirken miteinander
wie Billardkugeln unter Beachtung der Energie- und Impulserhaltung. Das
kann man experimentell nachweisen. Zwei sich kreuzende Ultraschallwel-
len erzeugen eine dritte Welle in der durch die Impulserhaltung erwarteten
Richtung (Abb. 1.2). Phonon–Phonon-Streuung ist also ein direktes Ergebnis
der Anharmonizität und spielt eine wichtige Rolle bei den unten besprcohen
Transportphänomenen wie der Wärmeleitung.
Zur Selbstkontrolle
3. Falls Sie die ’Moderne Optik’ besucht haben: Könnte man diesen Effekt auch
mit der nichtlinearen Optik im Wellen-Bild beschreiben? Wo steckt dabei die
Wärmeleitung und anharmonische Effekte 11
Wärmeleitfähigkeit
Bislang hatte der Festkörper überall die gleiche Temperatur. Nun betrachten
wir beispielsweise einen (dielektrischen5 ) Stab, der an beiden Enden durch 5
In Metallen dominiert die Wärmelkeitung
ein Wärmebad auf eine zeitliche konstante aber verschiedene Temperatur durch Elektronen.
gehalten wird. Makroskopisch ist der Fluss der thermischen Energie, also
die Wärmestromdichte jq abhängig von der Wärmeleitfähigkeit K und dem
Gradienten der Temperatur T , also
jq = −K ∇T . (1.8)
Wir modellieren den Wärmestrom analog zur kinetischen Gastheorie als Dif-
fusion von Phononen. Wie auch schon bei der Wärmekapazität der Phononen
steigt mit steigender Temperatur die Anzahl der Phononen bei den durch die
Zustandsdichte erlaubten Frequenzen. Am warmen Ende des Stabes gibt
es also mehr Phononen, die dann zum kalten Ende gelangen und so Energie
transportieren. Dieser Transportprozess steckt in der Wärmeleitfähigkeit K.
Die kinetische Gastheorie ergibt
1
K= Cvℓ , (1.9)
3
mit der Wärmekapazität pro Volumen C, der Teilchengeschwindigkeit v
und der mittleren freien Weglänge ℓ. Hier ist nun C die Wärmekapazität der
Phononen aus dem letzten Semester, v deren Ausbreitungs- oder Schallge-
schwindigkeit und ℓ eine noch zu beschaffende mittlere freie Weglänge, also
dem räumlichen Abstand zwischen zwei Stößen. Die Wechselwirkung mit
anderen Phononen des letzten Abschnitts begrenzen also die mittlere freie
Weglänge, ebenso Defekte im Kristall und die Kristalloberfläche.
In typischen Festkörpern liegen die Schallgeschwindigkeiten v bei einigen
1000 m/s und die mittlere freie Weglänge ℓ bei einigen Nanometern bis
Mikrometern. Die Wärmeleitfähigkeit variiert zwischen etwa 1 W/(m K) bei
schlechten Wärmeleitern und über 2000 W/(m K) in Diamant.
Eigentlich sind alle drei Größen von der Frequenz und ggf. auch der
Richtung abhängig. Dies ignorieren wir hier und verstehen sie als effekti-
ve Größen. Das ist die Dominante-Phononen-Näherung, ähnlich wie beim
Einstein-Modell die optischen Phononen als deltaförmige Zustandsdichte
angenommen wurden.
Zur Selbstkontrolle
4. Inwiefern spielen Oberflächen- und Grenzflächeneffekte (z. B. bei dünnen Filmen
oder nanostrukturierten Materialien) eine Rolle für die Wärmeleitfähigkeit, und wie
könnte man theoretisch oder experimentell abschätzen, ab welcher Längenskala
diese Effekte dominant werden?
Die mittlere freie Weglänge ℓ kann rein geometrisch verstanden werden als
Weglänge, bis zu der ein Strahl wieder auf eine Zielscheibe trifft. Die Fläche
dx
Abbildung 1.3: Scheiben der Fläche σ mit
einer Anzahl-Dichte n ergeben geometrisch
die mittlere freie Weglänge ℓ.
12 Festkörperphysik II
Zur Selbstkontrolle
5. Worin unterscheiden und worin ähneln sich die Streuprozesse in Gasen und
Festkörpern, insbesondere welche Prozesse führen zur Temperaturabhängigkeit
der mittleren freuen Weglänge?
Phonon–Phonon–Streuung
Bei der Streuung von Phononen in einem Kristall muss man allerdings
den reziproken Gittervektor G berücksichtigen. In einem Kristall ist die
Impulserhaltung
k1 + k2 = k3 + Ghkl . (1.13)
k1
Der reziproken Gittervektor Ghkl meint eine (unendliche) Menge von Vekto- kout
ren, die sich aus den Linearkombinationen der primitiven Einheitsvektoren mit
G
den Koeffizienten h, k, l zusammensetzt. k2
Zur Selbstkontrolle
6. Zeigt Abbildung den Realraum oder den reziproken Raum? Wie sieht das im
anderen Raum aus?
7. Wie kommt es, dass hier die Impulserhaltung (scheinbar) verletzt ist?
101
T3
1/T
100
100 101 102
Temperatur T (K)
Zur Selbstkontrolle
8. Beschreiben Sie in Ihren Worten, wie es zur Temperaturabhängigkeit der Wärme-
leitfähigkeit kommt, insbesondere bei hohen und niedrigen Temperaturen.
Wärmeleitung und anharmonische Effekte 15
Zusammenfassung
Schreiben Sie hier ihre persönliche Zusammenfassung des Kapitels auf. Kon-
zentrieren Sie sich auf die wichtigsten Aspekte und die am Anfang genannten
Ziele des Kapitels.
Literatur
Ziele
Überblick
Mit diesem Kapitel beginnen wir mit den elektronischen Eigenschaften der
Festkörper. Bislang hatten wir diese dadurch ignoriert, dass die Beispiele im-
mer als Isolatoren gewählt waren, Elektronen also keine Rolle gespielt haben.
Von nun an stehen die Elektronen im Mittelpunkt. Wie in der Molekülphysik
auch machen wir die adiabatische Näherung. Wir nehmen also an, dass die
Elektronen viel schneller sind als die Kerne, die Kerne aber das Potential
vorgeben, in dem sich die Elektronen bewegen. Weiterhin machen wir die
Ein-Elektron-Näherung. Wir betrachten also nur ein Elektron. Die Anwesenheit
Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons “Namensnennung –
Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International” Lizenz.
18 Festkörperphysik II
aller anderen Elektronen beeinflusst nur das Potential, auch über das Pauli-
Prinzip. Korrelationen zwischen Elektronen berücksichtigen wir erst in den
Kapiteln zur Supraleitung und zum Magnetismus.
In diesem Kapitel bildet der Kristall ein großes Kastenpotential, aber
die Kerne selbst kommen nicht vor. Im folgenden Kapitel wird dann das
Kristallgitter wichtig werden.
Freies Elektronengas
ℏ2 |p|2
E= |k|2 = (2.3)
2m 2m
und ist von der Richtung natürlich unabhängig.
Die Gleichungen werden angenehm, wenn wir (wie bei den Phononen)
periodische Randbedingungen einführen: alle Eigenschaften sollen im Ort
periodisch mit der Kasten-Größe L sein, also
mit êi einem kartesischen Einheitsvektor. Damit umgehen wir auch das Pro-
blem, was außerhalb des Kastens eigentlich passiert. Wie bei den Phononen
sind die möglichen Werte des Wellenvektors k diskret
2π
ki = mi mit i = x, y, z . (2.5)
L
Zustandsdichte
Die Zustandsdichte beschreibt die Anzahl der Zustände pro Energie- oder
Wellenvektor-Intervall (D(E) dE oder D(k) dk). Manchmal findet man
auch zusätzlich eine Normierung auf das Volumen, die wir hier aber nicht
durchführen. Durch die Quantisierung der Wellenfunktion im Kasten sind nur
Fermi-Gas 19
noch diskrete Energien möglich. Je größer der Kasten wird, desto dichter
liegen diese diskreten Niveaus beieinander. Man kann sie dann abzählen und
eine Dichte (Anzahl pro Energieintervall) angeben. Der Weg zur Berechnung
einer Zustandsdichte ist eigentlich immer derselbe, den Sie schon bei den
Phononen gesehen hatten: Man beginnt im reziproken Raum, weil es dort
einfach ist, und wandelt das dann in eine Energie um.
Die Zustandsdichte im reziproken Raum ist konstant:
V
D(k)dk = dk . (2.6)
(2π)3
Um sie als Funktion der Energie zu erhalten benötigen wir wie bei den Phono-
nen die Gruppengeschwindigkeit
∂ω ∂E ℏk
vg = = = (2.7)
∂k ∂(ℏk) m
und erhalten1 1
Für 3 Dimensionen. Niedrigdimensionale
Strukturen kommen später.
V dSE
Z
D′ (E)dE = dE (2.8)
ℏ(2π)3 E=const. vg
wobei das Integral über eine Kugeloberfläche konstanter Energie im rezipro-
ken Raum läuft und 4πk 2 /vg ergibt. Jetzt müssen wir noch berücksichtigen,
dass wir jeden Zustand nach dem Pauli-Prinzip mit zwei Elektronen unter-
schiedlichen Spins besetzen können: Energie E
(2m)3/2 √
D(E)dE = 2D′ (E)dE = V E dE . (2.9)
2π 2 ℏ3
Damit haben wir die Zustandsdichte von freien Elektronen.
Zustandsd. D Wellenvektor k
Zur Selbstkontrolle Abbildung 2.2: Dispersionsrelation E(k)
und Zustandsdichte D(E) eines Fermi-
1. Wie kann man den wurzelförmigen Verlauf der Zustandsdichte D(E) verstehen? Gases in 3 Dimensionen.
inneren Energie U nach der Stoffmenge ni . Bei mehreren Stoffen gibt es also (E − µ)/kb T
bzw. X
dU = T dS − pdV + µi dni . (2.12)
i
Bei uns ist der Stoff natürlich die Elektronen, daher brauchen wir im folgen-
den kein Index an µ.
Bei E = µ geht die Fermi-Dirac-Verteilungsfunktion immer durch 1/2. Am
absoluten Nullpunkt (T = 0) ist sie konstant Eins für E < µ und konstant
Null darüber. Wir bezeichnen als Fermi-Energie EF die Energie, bis zu der alle
Zustände lückenlos gefüllt sind. Das entspräche dem chemischen Potential,
wenn letzteres nicht temperaturabhängig wäre. So definieren wir
EF = µ(T = 0) . (2.13)
Damit ist die Fermi-Energie nicht temperaturabhängig. Später werden wir den
Begriff ’Fermi-Niveau’ einführen, der nur ein anderes Wort für chemisches
Potential ist und damit temperaturabhängig.
Wir berechnen die Fermi-Energie EF , indem wir bei T = 0 nach und nach
Elektronen in unseren Kasten einfüllen. Bei T = 0 füllen die Elektronen nach
dem Pauli-Prinzip die tiefsten Zustände auf, so dass im Impulsraum eine
gefüllte Kugel entsteht. Die Energie des höchsten gefüllten Zustandes ist die
Fermi-Energie. Wir integrieren also die Zustandsdichte D(E) soweit auf, bis
wir N Elektronen untergebracht haben. Die Elektronendichte n ist also2 2
Analog kann man ein temperaturabhän-
Z EF Z EF √ giges chemisches Potential ausrechnen.
N 1 (2m)3/2 Siehe Hunklinger, 2014 oder Gross und Marx,
n= = D(E) dE = E dE . (2.14) 2023.
V V 0 2π 2 ℏ3 0
Damit erhalten wir
ℏ2
EF = (3π 2 )2/3 n2/3 . (2.15)
2m
Alle Komposita mit ’Fermi-’ sind entsprechend definiert. Der Fermi-Impuls kF
ist einfach
kF = (3π 2 n)1/3 . (2.16)
Die Fermi-Kugel ist die Kugel im reziproken Raum mit dem Radius kF . Am
absoluten Nullpunkt sind also alle Elektronen innerhalb dieser Kugel. Wäh-
rend die Fermi-Fläche im freien Elektronengas kugelförmig ist, wird sie in
realen Materialien durch die Bandstruktur des Kristalls verzerrt. Dies führt zu
komplexen Fermi-Flächen, welche die elektronischen Transporteigenschaften
bestimmen.
Bei Metallen trägt jedes Atom ein (oder mehr) Elektronen bei. Die Elek-
tronendichte ist also etwa n ≈ 1028 m−3 . Die Fermi-Energie von den hier
betrachteten Metallen liegt typischerweise im Bereich von einigen Elektron-
volt und die Fermi-Temperatur damit bei einigen 10 000 K, weit jenseits der
Schmelztemperatur. Für Elektronen im Festkörper besteht also kein so großer
Unterschied zum absoluten Nullpunkt. Die Stufenfunktion der Fermi-Dirac-
Verteilung wird etwas abgerundet. Wenn man es maßstabsgerecht zeichnen
würde, dann könnte man aber bei Raumtemperatur keinen Unterschied erken-
nen. In Halbleitern später ist die Ladungsträgerdichte viel kleiner.
Zur Selbstkontrolle
2. Woran liegt es, dass hier die Fermi-Fläche gerade eine Kugeloberfläche ist? Was
ist notwendig, damit andere Formen entstehen?
Fermi-Gas 21
3. Wieviel Elektronen pro Atom muss ein Material ungefähr besitzen, damit die
Fermi-Kugel den Rand der Brillouinzone berührt?
4. Was bedeutet ’Für Elektronen im Festkörper besteht also kein so großer Unter-
schied zum absoluten Nullpunkt’ ?
∞
U 1
Z
u= = E D(E) f (E) dE . (2.17)
V V 0
T 3n kB T
cgeschätzt = cklassisch = . (2.20)
TF 2 TF
C (mJ/mol K)
(
3nA kB für T ≫ Θ 4
cges = γ T + (2.22)
βT 3 für T ≪ Θ
2
mit β aus dem Debye-Modell und nA der Teilchenzahl-Dichte der Atom-Kerne. 0
Dieses Modell beschreibt die Wärmekapazität von Alkali-Metallen und 0 2 4
Temperatur T (K)
anderen ’einfachen’ Metallen gut (Abb. 2.5). In anderen Fällen finden sich
Abbildung 2.5: Wärmekapazität von Kupfer
deutliche Abweichung, beispielsweise bei Nickel. Hier ist die gemessene
bei tiefen Temperaturen nach Rayne, 1956.
Wärmekapazität um etwa den Faktor 15 höher als die wie oben berechnete. Elektronen und Phononen tragen bei.
Bei den Alkali-Metallen ist die Annahme des freien Elektronengases gerecht-
fertigt. Bei Nickel tragen aber Elektronen zur Wärmekapazität bei, die aus
atomaren d-Orbitalen stammen, daher eine Vorzugsrichtung haben und kei-
ne isotrope Zustandsdichte im Kristall besitzen. Dies führt zu einer hohen
Zustandsdichte an der Fermi-Energie und einem größeren elektronischen
Beitrag zur Wärmekapazität, da mehr Zustände in einem schmalen Energiebe-
reich kB T thermisch angeregt werden können. 5 5
siehe Hunklinger, 2014, Abbildung 8.9
Zur Selbstkontrolle
5. Wo zeigt sich in Abb. 2.4 die Wärmekapazität?
Drude-Modell
d ⟨v⟩ ⟨v⟩
m = −e E − m . (2.23)
dt τ
τ ist dabei die mittlere Zeit zwischen zwei Stößen, also ein Maß für die
Wechselwirkung der Elektronen mit dem Gitter. Sie hängt von der Temperatur,
dem Material und seiner Reinheit ab. In Metallen beträgt τ ≈ 10 fs. Die
Geschwindigkeit eines Elektrons bei EF beträgt etwa 106 m/s, so dass die
mittlere freie Weglänge einige 10 nm beträgt.
Fermi-Gas 23
eτ |vd | eτ
vd = ⟨v⟩ = − E = −µE mit µ= = (2.24)
m |E| m
ne2 τ
j = −envd = neµE = σE mit σ = neµ = (2.25)
m
mit der Elektronendichte n und der Leitfähigkeit σ. Damit haben wir den
linearen Zusammenhang zwischen Strom und Spannung des Ohm’schen
Gesetzes erhalten. Der makroskopische Widerstand (bzw. dessen reziproker
Wert, die Leitfähigkeit σ) ist verknüpft mit zwei mikroskopischen Größen, der
Elektronendichte n und der mittleren Stoßzeit τ . Erstere ergibt sich aus der
Zahl der Valenz-Elektronen pro Atom und der Gitterkonstanten des Kristalls.
Letzte liegt wie oben schon erwähnt bei etwa 10 fs.
Dieses Modell ignoriert völlig das Pauli-Prinzip und dass es eine Fermi-
Dirac-Verteilung gibt, bei der quasi alle Zustände besetzt sind. Die aller-
meisten Elektronen können gar nicht streuen, weil sie dazu einen leeren
Endzustand bräuchten, den es nicht gibt. Wir werden aber sehen, dass ein
besseres Modell das gleiche Ergebnis liefert.
Drude-Sommerfeld-Modell
dk
ℏ = −eE = F . (2.26)
dt
Streuprozesse können dann aber Elektronen von ’vorne’ an der Fermikugel
in den frei werdenden Bereich ’hinter’ der Kugel umlagern. Die Stöße wirken
also rückstellend auf die Bewegung der Fermikugel. Im sich einstellenden
Gleichgewicht wird die Fermikugel bei einer mittleren Stoßzeit τ um
−eτ E
δk = (2.27)
ℏ
aus dem Ursprung verschoben sein. Nur der kleine Anteil δk/kF der Elektro-
nen trägt zum Ladungstransport bei. Das sind aber die an der Fermi-Kante,
also die schnellsten von allen. Für die Leitfähigkeit ergibt das Sommerfeld-
Modell
ne2
σ = neµ = τ (EF ) (2.28)
m
mit τ (EF ) der Stoßzeit der Elektronen an der Fermi-Kante. Der Unterschied
zum Drude-Modell besteht nur in einer etwas anderen Bedeutung zweier
24 Festkörperphysik II
Parameter. Damit ist nicht überraschend, dass auch das Drude-Modell die
experimentellen Ergebnisse richtig wiedergibt.
Obwohl das Sommerfeld-Modell die gleiche Formel für die Leitfähigkeit
liefert, ist die physikalische Interpretation völlig unterschiedlich: Während das
Drude-Modell davon ausgeht, dass alle Elektronen gleichermaßen zur Strom-
leitung beitragen, zeigt das Sommerfeld-Modell, dass nur die Elektronen an
der Fermikante tatsächlich relevant sind.
Zur Selbstkontrolle
6. Warum ergeben das Drude-Modell und das Sommerfeld-Modell trotz völlig un-
terschiedlicher physikalischer Annahmen die gleiche Formel für die elektrische
Leitfähigkeit?
wobei wir hier den Streuquerschnitt σst genannt haben, um ihn von der Leit-
fähigkeit σ zu unterscheiden, und nph die Dichte der Phononen bezeichnet.
σst ändert sich bei diesen Temperaturen kaum, ist also für unsere Zwecke
konstant. Elektronen bewegen sich mit der Fermi-Geschwindigkeit vF , die so
den Zusammenhang zwischen Stoßzeit und Weglänge herstellt.
Bei einer Temperatur T (viel) größer als der Debye-Temperatur Θ ändert
sich die Dichte nph der Phononen wie T /Θ, so dass wir für die Leitfähigkeit
σ erhalten
(
const für T ≪ Θ
σ∝ . (2.30)
1
T für T ≫ Θ
Bei hohen Temperaturen ist die Leitfähigkeit also völlig durch die Dichte nph
der Phononen bestimmt. Der Übergangsbereich ist wie immer aufwändig
(Dichte der thermisch angeregten Phononen) und durch das Bloch-Grüneisen-
Gesetz beschrieben, das einen T −5 -Term liefert.8 8
Siehe z.B. Hunklinger, 2014
Zur Selbstkontrolle
Zur Selbstkontrolle
8. Warum tragen nur Elektronen nahe der Fermi-Energie EF zur Wärmeleitung bei,
obwohl die Gesamtheit der Elektronen die Energie speichert? Welche Parallelen
gibt es zur elektrischen Leitfähigkeit?
Wiedemann-Franz-Gesetz
Zur Selbstkontrolle
9. Warum bedeutet das Wiedemann-Franz-Gesetz, dass gute elektrische Leiter auch
gute Wärmeleiter sind?
26 Festkörperphysik II
Zusammenfassung
Schreiben Sie hier ihre persönliche Zusammenfassung des Kapitels auf. Kon-
zentrieren Sie sich auf die wichtigsten Aspekte und die am Anfang genannten
Ziele des Kapitels.
Literatur
Ziele
• Sie können eine Bandstruktur wie die unten gezeigte erklären und die
Schritte zu ihrer Berechnung darstellen.
Überblick
Die zentrale Frage dieses Kapitels ist, wie das Coulomb-Potential der Atom-
kerne die Wellenfunktion und insbesondere die Energie-Eigenwerte der Elek-
tronen beeinflusst. Im letzten Kapitel hatten wir schon das freie Elektronen-
gas behandelt. Der Kristall bildet dabei ein großes Kastenpotential, aber die
Kerne selbst kommen nicht vor. Wir betrachten nun zwei weitere Fälle:
Wir wollen dem Potential der Elektronen etwas mehr Struktur als nur einen
Kasten geben. Im letzten Kapitel hatten wir V (r) = const. angenommen.
Nun soll das Potential gitterperiodisch sein, also
V (r) = V (r + R) (3.1)
mit G = Ghkl = hb1 + kb2 + lb3 einem reziproken Gittervektor mit den
ganzzahligen Koeffizienten h, k, l.
Wir machen für die Wellenfunktion den Ansatz einer Linearkombination
von ebenen Wellen mit dem Wellenvektor k
X
ψ(r) = Ck eik·r . (3.3)
k
Der Wellenvektor k kann wie immer (siehe beispielsweise Gl. 2.5) nur dis-
krete Werte annehmen. Anders als bei den Phononen kann er aber auch
außerhalb der ersten Brillouin-Zone liegen, da die Elektronen-Wellenfunktion
nicht nur an Gitterpunkten physikalische Bedeutung hat sondern im ganzen
Raum. Elektronen können an ’verschiedeneren’ Orten des Kristalls sein als
Kerne.
Nun setzen alles in die Schrödingergleichung ein
ℏ2 2
Ĥψ(r) = − ∇ + V (r) ψ(r) =Eψ(r) (3.4)
2m
!
ℏ2 2 X iG·r
X X
− ∇ + VG e Ck eik·r =E Ck eik·r (3.5)
2m
G k k
Wir multiplizieren die Klammer aus, leiten dabei die Wellenfunktion ab (was
ein −|k|2 liefert), und benennen übergangsweise den Summationsindex nach
k′ um:
X ℏ2 |k|2 X ′ X
Ck eik·r + VG Ck′ ei(G+k )·r = E Ck eik·r (3.6)
2m ′
k G,k k
Diese Gleichung muss für jedes r gelten, also muss der Inhalt der Klammer
für jedes k Null sein:
ℏ |k|
2 2 X
− E Ck + VG Ck−G = 0 . (3.8)
2m
G
Das Gleichungssystem ist zunächst unendlich groß, weil die Summe über
G erst einmal nicht beschränkt ist. In der Praxis zeigt sich aber, dass bei
Coulomb-artigen Potentialen die Fourier-Koeffizienten VG des Potentials
schnell mit |G| abfallen, so dass letztendlich doch nicht so viele Gleichungen
gekoppelt sind. Auch koppelt das Gleichungssystem nicht alle Koeffizienten
Ci miteinander, sondern nur die, die um einen reziproken Gittervektor G
auseinander liegen, also Ck mit Ck±G′ , Ck±G′′ , etc.
Daher können wir die Wellenfunktion ψ etwas ’sparsamer’ schreiben.
Statt die Summe in Gl. 3.3 über den gesamten reziproken Raum laufen zu
lassen, also reellwertige Koeffizienten für die Linearkombination von bi
zuzulassen, summieren wir nun nur über Punkte des reziproken Raumes, die
um ganzzahlige reziproke Gittervektoren auseinander liegen, also über viel
weniger Punkte. Damit wird ψ
X
ψk (r) = Ck−G ei(k−G)·r . (3.9)
G
Zur Selbstkontrolle
1. Wie kommt es, dass aus einer Schrödingergleichung im Realraum jetzt ein ganzes
Gleichungssystem (3.8) in reziproken Raum wird?
Bloch-Theorem
Bevor wir auf die Energien Ek eingehen, betrachten wie die Wellenfunktionen
ψk (r) noch etwas genauer. Wir wir gleich sehen werden, können wir dabei k
auf die erste Brillouinzone beschränken. Wir klammern eine ebene Welle aus:
X X
ψk (r) = Ck−G ei(k−G)·r = eik·r Ck−G e−iG·r (3.10)
G G
Jede Wellenfunktion lässt sich also schreiben als Produkt einer ebenen Welle
eik·r aus der ersten Brillouinzone und einer gitterperiodischen Funktion
uk (r), die diese räumlich moduliert. Diese Art der Aufteilung nennt man
Bloch-Wellen. Das Bloch-Theorem besagt, dass allgemein Lösungen der
Schrödingergleichung in einem periodischen Potential von dieser Form sein
müssen1 . Die Aufteilung zwischen ebener Welle und u(r) ist dabei nicht 1
siehe z.B. Czycholl, 2016
eindeutig, weil immer ein Phasenfaktor zwischen beiden verschoben werden eikx ψ
kann.
Elektronen sind also in einem Kristall keine ebenen Wellen mehr wie x
im freien Raum. Die ebenen Wellen des freien Raumes werden durch die
Funktionen uk (r) moduliert. Diese beschreiben den Einfluss der Gitters,
Abbildung 3.2: Die Wellenfunktion ψ ist
insbesondere seine Periodizität. das Produkt einer ebenen Welle eikx mit
Die uk (r) sind durch die Fourier-Darstellung gitterperiodisch, also einer gitterperiodischen Funktion uk (x).
Dargestellt ist jeweils der Realteil. Graue
Kreise symbolisieren die Atomkerne.
uk (r) = uk (r + R) . (3.12)
30 Festkörperphysik II
Daher reicht es aus k aus der ersten Brillouinzone zu wählen. Man kann die
räumlich schnelle Modulation durch Wellenvektoren außerhalb der ersten
Brillouinzone so in die gitterperiodische Funktion u(r) verschieben, dass
nur noch ein räumlich langsamer Anteil entsprechend einem Wellenvektor
innerhalb der ersten Brillouinzone übrigbleibt.
Das bedeutet auch, dass ℏk nicht als Impuls verstanden werden kann.
Noch deutlicher: Bloch-Wellen sind keine Eigenfunktionen des Impuls-
Operators. Manchmal bezeichnet man k als Kristallimpuls, eine Art verall-
gemeinertem Impuls. Da ein Kristall keine vollständige Translationsinvarianz
mehr besitzt, gilt eben auch die Impulserhaltung nur noch eingeschränkt. Das
ist hier völlig analog zu der Diskussion bei Phononen.
Wenn es für die Wellenfunktion ψk (r) egal ist, ob man einen reziproken
Gittervektor G addiert, dann ist es das auch für die Energie, also
Ek = Ek+G . (3.17)
Reduziertes Zonenschema
Zur Veranschaulichung machen wir nun eine sehr weitgehende Näherung: wir
nehmen wie beim freien Elektronengas an, dass gar kein Potential vorhanden
ist, aber die Periodizität des Raums weiterhin erhalten bleibt (ohne zu sagen,
was da nun noch periodisch sein soll). Wir wenden also den Formalismus
auf V = 0 an. Damit verschwinden alle Fourier-Koeffizienten VG und das
Gleichungssystem Gl. 3.8 zerfällt in einzelne Gleichungen mit der Lösung
ℏ2
und
2
Ek = |k| ψ = eik·r . (3.18)
2m
Im Eindimensionalen ist das wie erwartet ein parabelförmiger Zusammen-
hang zwischen Wellenvektor und Energie. Wenn wir k über den ganzen rezi-
proken Raum laufen lassen, nicht nur die erste Brillouinzone, dann nennt man
diese Darstellung ausgedehntes Zonenschema (Abbildung 3.3 links).
Jetzt nehmen wir die Periodizität aus den Bloch-Wellen hinzu. Wir ad-
dieren jeweils einen reziproken Gittervektor, so dass wir wieder in der ers-
ten Brillouin-Zone landen. Die Energie bleibt unverändert. Das nennt man
reduziertes Zonenschema. Man kann sich auch vorstellen, dass die Disper-
sionsrelation immer wieder zurückgefaltet wird, wenn sie die Grenze der
Brillouinzone erreicht. Dies ist eine allgemeine Eigenschaft von Blochwellen,
d.h. von Lösungen der Schrödingergleichung in einem periodischen Potential.
So kann man auch den optischen Zweig der Phononen als zurückgefaltete
akustische Phononen auffassen, wenn die Brillouin-Zone halb so groß ist.2 2
Falls Sie diese Übungsaufgabe einmal
gesehen haben
Elektronen in Festkörpern 31
ℏ2
und
2
En,k = |k + Gn | ψn,k = ei(k+Gn )·r . (3.19)
2m
Zeichnet man diese En,k über den gesamten reziproken Raum und nicht nur
über die erste Brillouin-Zone, so spricht man von einem periodischen Zonen-
schema. Man kann sich auch vorstellen, dass viele reduziertes Zonenschema
nebeneinander periodisch wiederholt werden.
Im Eindimensionalen sind die En,k Parabeln, die von jedem Punkt Gn im
reziproken Raum starten. Im Dreidimensionalen zeichnet man die Energie
entlang eines Pfades durch den reziproken Raum, beispielsweise entlang der
x-Komponente des Wellenvektors. Dann kommt zu den Rück-Faltungen noch
hinzu, dass es einen Offset aufgrund der y und z-Komponenten in Gn gibt.
Dies allein erklärt schon einen großen Teil der Dispersionsrelation, nämlich
die gestrichelten Linien in Abb. 3.1.
0 k 0 k 0 k
Zur Selbstkontrolle
Nun wollen wir das Potential hinzunehmen, aber weiterhin als ’schwach’ be-
trachten, eben ’beinahe freie’ Elektronen. Im Englischen nennt man das empty
lattice approximation. In der Schrödingergleichung 3.8 kommen die Fourier-
Koeffizienten VG des Potentials vor. Im Eindimensionalen ist Gn = 2πn/a,
mit der Gitterkonstante a. Das betragsmäßig kleinste G ist also g = 2π/a.
Wir nehmen also an, dass nur V±g von Null verschieden ist. V0 beschreibt
einen konstanten Offset, den wir bei einer Energie-Achse immer zu Null wäh-
len können. Alle höheren VG sollen der Einfachheit halber ebenfalls Null sein.
32 Festkörperphysik II
Wenn die V±g klein sind, dann wir die Lösung ähnlich dem vorangegangenen
Abschnitt sein, also zurückgefaltete Parabeln innerhalb der ersten Brillouin-
zone:
ℏ2 k 2 ℏ2 (k ± g)2
Ek0 = bzw. Ek±g 0
= . (3.20)
2m 2m
Damit wird die Schrödingergleichung 3.8 zu3 3
in Gl. 3.8 k in k′ umbenennen und dann
k′ = k, k − g, k + g setzen.
Ek0 − E Vg V−g Ck
0
V−g Ek−g −E 0 · Ck−g = 0 . (3.21)
0
Vg 0 Ek+g −E Ck+g
Wir nehmen weiterhin an, dass das Potential inversionssymmetrisch ist, also
Vg = V−g , bzw. V (x) ∝ − cos(gx). Damit finden wir die Energie-Eigenwerte
Energie E (willk.E.)
v !2
Ek0 + Ek−g
0 u E0 − E0
u
k k−g
E± = ∓ t + Vg2 . (3.23)
2 2
An der Grenze der Brillouinzone bildet sich eine Bandlücke: während vor- −0.5 0 0.5
Wellenvektor k (2π/a)
her alle Energiewerte (bei entsprechendem k) möglich waren, so gibt es
Abbildung 3.4: Das Potential Vg bewirkt eine
nun keine Zustände mehr mit Energien im Bereich Ek0 ± Vg . Die Größe der
Bandlücke an der Grenze der Brillouinzone.
Bandlücke ist also 2Vg und ihr Auftreten direkt verbunden mit den Fourier- In der Nähe der Bandlücke verläuft die
Koeffizienten V±g des Potentials. Die Dispersionsrelation E(k) nähert sich Dispersionsrelation parabelförmig.
mit horizontaler Asymptote der Grenze der Brillouinzone, also ist die Grup-
pengeschwindigkeit Null, was einer stehenden Welle entspricht. In erster
Näherung ist der Bandverlauf in der Nähe der Bandlücke parabelförmig.
Zur Selbstkontrolle
5. Lesen Sie den Blog-Artikel Polakovic, 2022. Das sollten Sie jetzt alles gut verste-
hen.
Anschauliche Interpretation I
Für die Koeffizienten Ck und Ck−g findet man durch Einsetzen der E±
E − ℏ2m
2 2
k
Ck−g
= . (3.24)
Ck Vg
Bei k = g/2 wird der Zähler also ±|Vg | und damit die beiden Koeffizienten
betragsmäßig gleich. An dieser Stelle sind die Eigenfunktionen also
Die Ladungsdichte ist das Betragsquadrat der Wellenfunktion. Bei einer ebe-
nen Welle ist die Ladungsdichte räumlich konstant. Durch die Überlagerung
zweier ebener Wellen ergibt sich ein Interferenzmuster in der Ladungsdichte
πx πx
|ψ+ |2 ∝ cos2 und |ψ− |2 ∝ sin2 . (3.27)
a a
Die Atomkerne mit dem zugehörigen attraktiven Coulomb-Potential sitzen bei
x = na. Die symmetrische Wellenfunktion ψ+ hat also eine erhöhte Auf-
enthaltswahrscheinlichkeit in der Nähe der Kerne, und damit eine reduzierte
Energie E+ . Bei der antisymmetrischen Wellenfunktion ψ− ist es gerade
andersherum. Der symmetrische Fall erinnert an s-Orbitale des Wasserstoff-
Atoms, der antisymmetrische an die p-Orbitale.
An der Grenze der Brillouinzone können zwei ebene Wellen also so hybri-
disieren, dass dadurch für eine der beiden neuen Eigenfunktionen die Energie
abgesenkt wird. Im Gegenzug erhöht sich die Eigenenergie der anderen.
Dies ist sehr ähnlich dem bindenden und anti-bindenden Potential bei H2+ in
der Molekülphysik. Fern der Grenzen der Brillouinzone sind die Energien der
beiden Zustände so unterschiedlich, dass die Beschreibung durch die alten,
ungekoppelten Zustände gültig bleibt: Der Term Ek0 − Ek−g
0
ist viel größer als
Vg , so dass der Effekt von Vg vernachlässigt werden kann.
Eigenwert-Gleichungen der Form 3.22 sind ein häufig vorkommendes
Motiv in der Physik. Zwei Zustände geringfügig unterschiedlicher Energie
koppeln dann zu neuen, hybridisierten Zuständen, wenn ihre Energiedifferenz
kleiner als die Kopplungsenergie ist. Wenn man die Energiedifferenz variiert
(hier durch Ändern von k) dann werden die Energien sich kreuzen (wie im
letzten Abschnitt). Die Kopplungsenergie Vg führt zu einer Vermeidung der
Kreuzung (engl. avoided crossing). Das ist kein quantenmechanischer Effekt.
Auch gekoppelte Pendel koppeln nur, wenn die Eigenfrequenzen vor der
Kopplung sehr ähnlich waren. Wenn sie dann aber koppeln, dann findet man
zwei verschiedene Eigenfrequenzen, deren Abstand durch die Stärke der
Kopplung bestimmt ist.
Anschauliche Interpretation II
Man kann auch aus einem anderen Blickwinkel darauf schauen. Eine ebene
Welle eikx , die in positive x-Richtung läuft, wird an dem Gitter der Atome mit
der Gitterkonstante a gestreut. In der Laue-Streutheorie entspricht das der
Addition eines reziproken Gittervektors G, hier der kleinste g = ±2π/a.
34 Festkörperphysik II
Zur Selbstkontrolle
ℏ2 2
HA ψ̃ = − ∇ + Ṽ ψ̃ = Ẽ ψ̃ . (3.28)
2m
am ∝ eik·Rm (3.31)
Der Nenner ist nahe bei Eins, weil die Atom-Wellenfunktionen sich nur sehr
wenig überlappen. Der Zähler ist interessanter. Die Summen über die Atom-
Positionen können wir vor das Integral ziehen
1 X ik·(Rm −Rn )
Z
E= e ψ̃ ⋆ (r−Rn ) [HA + HS (r − Rm )] ψ̃(r−Rm ) .
N m,n
(3.34)
• Integranden der Form ψ̃n⋆ HA ψ̃n . Das sind die Eigenenergien der Atome,
die wir schon kennen.
• Integranden der Form ψ̃n⋆ HS ψ̃n . Das ist der Einfluss der Potentiale der
anderen Atome (in HS ) auf ’unser’ Atom n. Wir kürzen dieses Coulomb-
Integral mit −α ab.
• Integranden der Form ψ̃n⋆ HS ψ̃m . Das ist der Einfluss des Überlapps mit
den anderen Wellenfunktionen. Wir kürzen dieses Transfer-Integral mit
−βm ab.
Zur Selbstkontrolle
8. Schauen Sie sich noch einmal die quantenmechanische Behandlung von H2+ in der
Molekülphysik an und vergleichen das mit diesem ’tight-binding’ Modell.
Als Beispiel betrachten wir ein kubisch-primitives Gitter, erlauben nur Wech-
selwirkung zwischen nächsten Nachbarn, und nehmen die Wechselwirkung
als richtungsunabhängig an, wie sie bei atomaren s-Orbitalen wäre. Für den
Term Rm − Rn kommen damit nur die drei (kartesischen) Gittervektoren der
Länge a jeweils mit beiden Vorzeichen in Frage. Das Skalarprodukt ausmulti-
pliziert ergibt
ge für sehr viele Eigenschaften der Materialien ist nun, bis wohin Elektronen
eingefüllt sind. Wo liegt die Fermi-Energie EF , also welches ist das höchste
besetzte Niveau bei T = 0? Wie die Lage von EF welche Eigenschaften
beeinflusst werden wir im nächsten Kapitel besprechen.
Hier klassifizieren wir Materialien nach der Lage der Fermi-Energie EF
relativ zur Bandstruktur. Bei einem Metall liegt EF in einem Band, bei einem
Isolator in einer Bandlücke. Das Band, das vollständig unterhalb von EF liegt,
nennt man Valenzband, das (teilweise) über EF Leitungsband. Als Halb-
Metall bezeichnet man ein Material, bei dem EF mit einem geringfügigen
Überlapp von Bändern zusammenfällt. Ein Halbleiter unterscheidet sich
eigentlich nicht von einem Isolator. Im Allgemeinen ist bei Halbleitern die
Bandlücke kleiner, so dass Elektronen thermisch ins Leitungsband angeregt
werden können. Der Übergang ist aber fließend.
Wir hatten oben die Wellenfunktion des Elektrons als (ebene) Bloch-Welle
geschrieben
ϕk (r) = uk (r) eik·r , (3.37)
wobei die Summe in k′ über das Intervall k ± δk/2 läuft. En (k′ ) ist die
Dispersionsrelation des n-ten Bandes. Die Idee ist, dem Wellenpaket des
Elektronen in Festkörpern 37
Zur Selbstkontrolle
9. Vergleichen Sie die Bewegung eines Elektrons als Wellenpaket mit Wellen auf
einem Seil. Was ist das Analogon zum Elektron? Was ist die Gruppen- und Phasen-
geschwindigkeit?
Effektive Masse
Das ist beispielsweise in der Nähe der Ober- und Unterkanten eines Bandes
der Fall, wo wir die Dispersionsrelation nähern können als
ℏ2
kx2 + ky2 + kz2
Ek = E0 ± ⋆
. (3.45)
2m
Die effektive Masse ist also der Parameter, der die (inverse) Breite eines
parabelförmigen Bandes beschreibt. Stark gekrümmte Bänder haben eine
geringe effektive Masse, und andersherum.
Was ist hier passiert? Wir haben den Einfluss der vielen Coulomb-Potentiale
um die Atomkerne im Kristall zusammengefasst und in eine Eigenschaft des
Elektrons gesteckt. Die (effektive) Masse des Elektrons hängt nun vom Kris-
tall ab, in dem es sich bewegt. Das erlaubt es uns aber, das komplizierte
Problem ’Elektron zwischen vielen Kernen’ in ein einfaches Teilchen-Modell
zu überführen. Nur müssen wir uns von der klassischen Vorstellung einer
Masse lösen. Die effektive Masse hängt von der Krümmung des Bandes ab.
Die kann aber Null werden (die Masse dadurch unendlich), oder auch negativ.
Im ’tight binding’ Modell ist die Dispersionsrelation
ℏ2
E(k) = − cos(ka) und somit m⋆ (k) = (3.46)
a2 cos(ka)
an der Grenze der Brillouinzone (k = π/a) ist also m⋆ = −ℏ2 /a2 . Die
Masse ist nur der Proportionalitätsfaktor zwischen Kraft und Beschleuni-
gung. Hier wirkt die Kraft in eine Richtung, die Beschleunigung geht in die
entgegengesetzte.
Zur Selbstkontrolle
10. Man kann die Bewegung einer Kugel in einer Flüssigkeit als Analogon zur Bewe-
gung eines Elektrons im Festkörper sehen. Die Reibung mit der Flüssigkeit ändert
die effektive Masse der Kugel. Skizzieren Sie diese effektive Masse.
11. Tensorielle Massen sind gewöhnungsbedürftig. Beschreiben Sie die Wirkung des
Kiels eines Segelschiffes als tensorielle Masse.
Nebenbemerkung: Bloch-Oszillationen
2π/a h
TB = = . (3.47)
eE/ℏ aeE
Dieser Effekt tritt so nicht auf. Elektronen stoßen selbst in reinen Kris-
tallen typischerweise alle 10 fs oder 10 nm Weglänge. Selbst in idealen
Kristallen würde das Elektron noch mit anderen Elektronen stoßen. Man
kann aber Modellsysteme herstellen, in denen Bloch-Oszillationen gezeigt
wurden. Dazu baut man die Potentiale der Atome durch Kastenpotentiale in
Halbleiter-Heterostrukturen auf einer größeren Längenskala nach. Damit wird
die Gitterkonstante a viel größer und die Periodendauer TB und somit auch
die Auslenkung viel kleiner.
Löcher
Wir hatten schon den Effekt von Coulomb-Potentialen in die Masse der Elek-
tronen verschoben. Jetzt werden wir fehlende Elektronen mit einer positiven
Ladung versehen und auch als Teilchen behandeln. Unser Ziel ist es, den
Ladungstransport in einem Material zu beschrieben, dessen Bandstruktur
wir kennen. Jedes Elektron trägt dazu mit seiner Geschwindigkeit (Gl. 3.40)
bei. Wir integrieren einfach über alle Elektronen, um die Stromdichte9 j zu 9
Strom pro Fläche
bekommen
−e 2V −e
Z Z
j= v(k) f (E, T ) dk = v(k) f (E, T ) dk (3.48)
V [Link] (2π)3 4π 3 [Link]
aber
vp (k) = vn (k) (3.54)
weil dabei zweimal das Vorzeichen gewechselt wird. Ein Loch wirkt wie ein
Teilchen mit positiver Ladung. Bei einem angelegten elektrischen Feld haben
wir also Ladungstransport durch Elektronen, die sich in die eine Richtung
bewegen, und Löcher, die sich in die andere Richtung bewegen. Die Summe
aus beiden bildet den beobachteten Strom.
Das Konzept ’Loch’ sieht harmlos aus, ist aber für die Festkörperphysik
von zentraler Bedeutung! Es vereinfacht die Beschreibung der 1023 Elektro-
nen in einem Festkörper erheblich.
Zur Selbstkontrolle
12. Finden Sie Analogien zum ’Loch’ in der Festkörperphysik und wie diese helfen,
Dinge zu vereinfachen.
Lassen Sie uns hier noch einmal die wesentlichen Eigenschaften des Elek-
trons als freies Elektron nach Sommerfeld und als Elektron im Kristall nach
Bloch gegenüberstellen, inspiriert durch Kap. 9 von Gross und Marx, 2023.
Sommerfeld Bloch
frei im Kristall
Quantenzahlen k k, n
Bedeutung von ℏk Impuls Kristallimpuls
Wertebereich k beliebig 1. BZ
Anzahl Zustände in 1. BZ NEZ NEZ
E(k) = ℏ 2m
2 2
Energie |k|
En (k) = E(k + Gn )
ℏk
Geschwindigkeit v = ℏ1 ∂E
∂k = m v = ℏ1 ∂E
∂k
n
Masse m m⋆
Wellenfunktion ebene Welle Bloch-Welle
ikr
ψk (r) = e√V ψk,n (r) = uk,n (r) eikr
uk,n (r) = uk,n (r + R) Tabelle 3.1: Gegenüberstellung des freien
Elektrons mit dem Kristall-Elektron.
Elektronen in Festkörpern 41
Zusammenfassung
Schreiben Sie hier ihre persönliche Zusammenfassung des Kapitels auf. Kon-
zentrieren Sie sich auf die wichtigsten Aspekte und die am Anfang genannten
Ziele des Kapitels.
Literatur
Ziele
• Sie können das Konzept der Landau-Niveaus benutzen, um den hier darge-
stellten Quanten-Hall-Effekt phänomenologisch zu erklären.
0
0 1 2 3 4 5 6 7
Magnetfeld B (T)
Überblick
Im vorigen Kapitel haben wir die Bandstruktur besprochen, die die mögli-
chen Zustände eines Elektrons als Funktion des Wellenvektors k und des
Bandindex n beschreibt. Mit Hilfe eines externen Magnetfeldes können wir
bestimmte Eigenschaften der Bandstruktur experimentell bestimmen. Dieses
Kapitel kann daher als experimentelle Verifizierung des vorangegangenen
Kapitels angesehen werden. Außerdem führt ein starkes Magnetfeld zu einer
weiteren Quantisierung der Elektronenzustände.
Für diese Phänomene würde man idealerweise die zeitabhängige Schrö-
dingergleichung verwenden, aber diese ist zu komplex. Daher verwenden wir
Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons “Namensnennung –
Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International” Lizenz.
44 Festkörperphysik II
Fermi-Flächen
Bevor wir uns der Bewegung der Elektronen unter dem Einfluss eines magne-
tischen Feldes zuwenden, müssen wir die Form der Fermiflächen diskutieren,
die dabei eine Rolle spielen. Nur Elektronen in der Nähe der Fermifläche tra-
gen zum Transport bei, wie wir im Drude-Sommerfeld-Modell gesehen haben.
In einem freien Elektronengas und T = 0 sind alle Zustände unterhalb einer
charakteristischen Energie EF und damit auch unterhalb eines charakteris-
tischen Wellenvektors kF = (3π 2 n)1/3 vollständig besetzt. Im reziproken
Raum entspricht dies einer Kugel mit dem Radius kF , der Fermi-Kugel.
Die Bandstruktur führt dazu, dass die Form von einer Kugel abweichen
wird. Wir bezeichnen dann als Fermi-Fläche die Fläche im reziproken Raum,
die genau alle besetzten Zustände bei T = 0 einschließt. Die möglichen
Werte des Wellenvektors k sind diskret. Die Gesamtzahl der k-Werte in
der ersten Brillouinzone entspricht der Anzahl primitiver Einheitszellen im
Kristall. Weil ein Elektron zwei verschiedene Spin-Eigenwerte annehmen
kann, gibt es in der ersten Brillouinzone also doppelt so viele Zustände für
Elektronen wie Atome im Kristall, falls nur ein Atom in der Einheitszelle ist.
Falls jedes Atom ein Elektron zum quasi-freien Elektronengas beisteuert,
dann ist das Band nur halb gefüllt und damit kF knapp unterhalb der Grenze
der Brillouinzone bei π/a. Wenn die Bandstruktur isotrop ist, dann nimmt
die Fermi-Fläche auch hier die Form einer Kugel an. Ansonsten ’verbeult’ die
Form etwas. Beispiele sind die Alkali-Metalle.
[Link]
Bei zwei Elektronen pro Atom würden zwar genügend Zustände innerhalb
der ersten Brillouinzone existieren. Bei einer isotropen Bandstruktur ist der
[Link]
Kugel-Radius kF aber größer als π/a. Eine Kugel reicht etwas über den
Quader gleichen Volumens hinaus. Im reduzieren Zonenschema findet man
2.
BZ
also freie Zustände in den Ecken des ersten Bandes und besetzte Zustände [Link]
[Link]
in Taschen an den Kanten des zweiten Bandes (siehe Abbildung 4.2), die man
sich durch Rückfaltung entstanden vorstellen kann.
An der Grenze der Brillouinzone, wo diese Rückfaltung stattfindet, ent-
[Link]
steht durch das periodische Potential aber auch die Bandlücke. Dort ist die
Komponente der Gruppengeschwindigkeit Senkrecht zur Zonengrenze Null, Abbildung 4.2: Wenn die Fermi-Kugel die
Grenze der ersten Brillouinzone erreicht
also entstehen freie Zustände in den Ecken des
∂ω 1 ersten Bandes und besetzte Zustände in
vg,⊥ = = ∇k ⊥ E = 0 . (4.1) Taschen an den Kanten des zweiten Bandes.
∂k⊥ ℏ
Der Gradient der Energie verläuft also parallel zur Grenze der Brillouinzone
und damit die Linien konstanter Energie und so die Fermi-Fläche senkrecht
auf die Grenze der Brillouinzone. Dies führt lokal zu einer Abweichung von
der (zurückgefalteten) Kugelform.
Im ausgedehnten Zonenschema findet man so durch ’Hälse’ verbundene
Flächen, die sich periodisch wiederholen.
Kristall-Elektronen im Magnetfeld 45
Zur Selbstkontrolle
1. Machen Sie sich klar welche Formen von Fermi-Flächen durch den Kontakt mit der
Grenze der Brillouinzone entstehen können, wenn man das periodische Zonen-
schema benutzt.
Zyklotron-Resonanz
Die Zyklotron-Resonanz ist eine experimentelle Methode, mit der die Form der
Fermi-Fläche bestimmt werden kann. Man legt ein statisches Magnetfeld B
an und bestimmt die Absorption einer Radiowelle variabler Frequenz.1 Man 1
Eigentlich macht man es genau umgekehrt:
findet charakteristische Frequenzen, bei denen die Absorption besonders konstante Frequenz, variables Feld. Aber so
ist es einfacher zu erklären.
hoch ist. Aus diesen Zyklotronresonanzfrequenzen kann man den Umfang
der Fermi-Fläche bestimmen, die von einer Ebene senkrecht zum Magnetfeld
geschnitten wird.
Betrachten wir zunächst klassische freie Elektronen im Magnetfeld. Die
Bewegungsgleichung ist
dk
ℏ = F(r, t) = q [E(r, t) + v(k) × B(r, t)] . (4.2)
dt
Wir haben hier kein elektrisches Feld und setzten B = B0 êz . Damit ist die
Bewegung in z-Richtung frei und wir erhalten ein Gleichungssystem für die
Bewegung in der xy-Ebene
S(E) dk
kx
Die Umlaufzeit T ist
ℏ2 |dk| ℏ2 dk⊥ |dk| ℏ2 dS
I I I
T = dt = = = (4.8)
eB |dE/dk⊥ | eB dE eB dE Abbildung 4.4: Die Fläche dS ist ein Kreisin-
tegral über |dk| mit der ’Dicke’ dk⊥ .
mit der Änderung der umschlossenen Fläche im reziproken Raum
I
dS = dk⊥ |dk| . (4.9)
Beim freien Elektron ändert sich die Länge des Wellenvektors k nicht. Die
umschlossene Fläche ist also S = πk 2 und die Energie E = (ℏk)2 /2m.
Damit wird
dS 2πm 2π eB
= 2 und ωc = = . (4.10)
dE ℏ T m̃
Nur im Fall freier Elektronen ist die Masse m̃ die Ruhemasse des Elektrons.
Ansonsten behält man aber diesen Zusammenhang bei und steckt das Ergeb-
nis von Gl. 4.8 in die Zyklotron-Masse, die sich von der effektivem Masse m⋆
unterscheidet.
Bis hierher haben wir zwar Kreisfrequenzen, aber noch keine Absorption.
Alle Elektronen bewegen sich auf geschlossenen Bahnen, nehmen aber
keine Energie auf, weil eben E(k) = const. gilt. Nun werden Mikrowellen
mit der Frequenz ωRF = ωc eingestrahlt. Nur Elektronen in der Nähe der
Fermikante können Energie aufnehmen. Die Zyklotronresonanz misst also die
Länge der Bahnen auf der Fermifläche; je nach Orientierung des Magenfeldes
verlaufen die Bahnen in unterschiedlichen Bereichen. Scharfe Resonanzen
erhält man nur, wenn die mittlere Stoßzeit groß gegenüber der Umlaufzeit ist,
also mehrere Umläufe ungestört durchlaufen werden können. Man verwendet
daher hohe Magnetfelder und damit hohe Umlauffrequenzen sowie tiefe
Temperaturen und reine Substanzen.
Weiterhin tragen nur extremale Bahnen bei. Dies sind Bahnen, bei denen es
viele Bahnen mit ähnlicher Frequenz gibt oder umgekehrt, bei denen sich die
Frequenz nur wenig ändert, wenn sich die Komponenten des Wellenvektors
parallel zum Magnetfeld ändern. Die Bahnen sind also stabil gegenüber
Störungen.
Abbildung 4.5: Nur extremale Bahnen (blau)
entlang der Fermi-Oberfläche sind stabile
Zur Selbstkontrolle tragen zur Zyklotron-Resonanz bei. Die rot
gezeichneten Bahnen sind instabil.
2. Welche extremale Bahnen erwarten Sie in den in Abb. 4.3 gezeigten Fermi-
Flächen?
K
X
Beispiel: Germanium L
Γ
K X
Germanium (Ge) ist ein indirekter Halbleiter mit kubisch-flächenzentrierter
(fcc) Kristallstruktur. Die Fermi-Energie eines Halbleiters liegt in der Band-
Abbildung 4.6: Brillouinzone eines fcc
lücke, so dass eine Fermi-Fläche nicht definiert werden kann. Daher betrach-
Kristalls.
ten wir hier eine Isoenergiefläche für angeregte Elektronen im Leitungsband.
Von der Idee her ist dies aber identisch mit der Spektroskopie von Fermi-
Flächen. Die Bandstruktur von Germanium ist etwas speziell. Insbesondere
liegt das Minimum des Leitungsbandes nicht am Γ-Punkt, sondern an den
L-Punkten am Rand der Brillouin-Zone. Die iso-Energieflächen haben die Form
Kristall-Elektronen im Magnetfeld 47
von Ellipsoiden, deren Mittelpunkt in den L-Punkten liegt und deren lange
Achse zum Γ-Punkt zeigt. Obwohl es 8 L-Punkte gibt, liegt die Hälfte der Ellip-
soide außerhalb der ersten Brillouin-Zone, so dass effektiv nur 4 vollständige
Ellipsoide betrachtet werden müssen.
Bres (T)
0.2 θ = 60◦ zur [001]-Achse. rechts: Resonanz-
Feldstärke B als Funktion von Θ.
h+ 0.1
0
0 0.2 0.4 0 20 40 60 80
Magnetfeld B (T) Winkel θ (deg)
Die Form dieser Iso-Energie-Fläche wurde von Dresselhaus, Kip und Kittel,
1955 durch Zyklotronresonanz bestimmt. Im Experiment ist es viel einfacher,
den Mikrowellengenerator mit konstanter Frequenz zu betreiben und die
Amplitude und Richtung des Magnetfeldes zu variieren. Die Frequenz ist dann
immer ωc = 2π · 24 GHz. Abbildung 4.7(links) zeigt das Resonanzspektrum
für eine bestimmte Orientierung des Magnetfeldes relativ zur Probe. Man
findet fünf Resonanzen, von denen die drei mittleren den Elektronen im
Leitungsband zugeordnet werden können. Bei der gewählten Anordnung
von Probe und Magnetfeld sind zwei der vier Ellipsoide äquivalent, so dass
effektiv drei verschiedene Ellipsoide sichtbar sind, die jeweils eine Resonanz
im Spektrum ergeben.
Dann wird die Richtung des Magnetfeldes in der (110)-Ebene variiert.2 . 2
Siehe Festkörperphysik I zur Definition
Angegeben ist jeweils der Winkel θ zur [001]-Achse. Mit dem Winkel ändert von Ebenen und Richtungen. Insbesondere
werden Richtungen in fcc-Kristallen mit
sich die Schnittebene, auf der die Zyklotronbahnen verlaufen, und damit ihre sc-Koordinaten bezeichnet.
Fläche. Die Ellipsoide können durch zwei effektive Massen ml , mt in Längs-
und Querrichtung beschrieben werden. Für einen Winkel α zwischen dem
Magnetfeld und der Längsachse des Ellipsoids ergibt sich eine effektive
Masse mell
2
cos2 α sin2 α
1
= + (4.11)
mell m2t mt ml
Diese effektive Masse bestimmt die Lage der Zyklotronresonanz. Der ge-
samte Datensatz in Abb. 4.7(rechts) kann daher durch ml = 1.58 me und
mt = 0.082 me beschrieben werden, wobei me die Masse des freien Elek-
trons ist.
Zur Selbstkontrolle
3. Wie hängt die effektive Masse mit der Form der Ellipsoiden zusammen?
Landau-Niveaus
Damit ist die Schrödingergleichung separierbar in einen z-Anteil und einen für
xy. Der z-Anteil entspricht einem freien Teilchen, also
ℏ2 2
ψ(z) ∝ e±i kz z und Ez = k . (4.14)
2m z
Für den xy-Anteil machen wir den Ansatz
ℏ2 k y
x0 = (4.17)
mωc
liegt. Die Eigenfrequenz ist ω = ωc = eB/m, mit m wieder der Zyklotron-
Masse. Die Gesamtenergie hat die Eigenwerte
ℏ2 2
1
E = n+ ℏωc + k . (4.18)
2 2m z
E
Insgesamt gibt es eine freie Bewegung in z-Richtung, d.h. in Richtung des
Magnetfeldes, und eine quantisierte geschlossene Kreisbahn in der xy-
Ebene. Abbildung 4.8 zeigt die Dispersionsrelation entlang kz . In Metallen
liegen die Zustände jedoch viel dichter beieinander: Bei einem Magnetfeld
von 1 T beträgt ℏωc etwa 0.1 meV, verglichen mit EF ≈ 10 eV. ~ωc
Die x und y-Komponente des Wellenvektors sind nicht mehr zeitlich
konstant, und nicht mehr Eigenwerte des Hamilton-Operators. Dies sind keine kz
’guten’ Quantenzahlen mehr. Die Energie ist gegeben durch die Komponente Abbildung 4.8: Dispersionsrelation ent-
lang kz ohne Magnetfeld (fett) und nach
k⊥ senkrecht zum Magnetfeld Quantisierung der Kreisbahnen (dünn).
s
2m 1
k⊥,n = n + ℏωc . (4.19)
ℏ2 2
ℏ2
k 2 + kz2
E= . (4.20)
2m ⊥,n
In der xy-Ebene des reziproken Raums sind die Zustände also konzen-
trische Kreise, deren Durchmesser proportional zu n + 1/2 ansteigt
p
(Abb. 4.9). Der Kreis mit der Quantenzahl n hat im reziproken Raum die
Fläche
2 2πeB 1
Sn = πk⊥,n = n+ . (4.21)
ℏ 2
Die Fläche zwischen zwei Kreisen ist im reziproken Raum für alle Kreise
gleich
2πeB
∆S = Sn+1 − Sn = . (4.22)
ℏ
Ohne Magnetfeld ist sind Zustände im reziproken Raum homogen verteilt, die
Zustandsdichte konstant. Mit Magnetfeld werden die Zustände so umverteilt,
dass sie in der xy-Ebene auf Kreisen liegen, und zwar auf jedem Kreis gleich
viele. Das sind gerade die, die innerhalb des Kreises bis zum vorangegangen
liegen würden. Der Entartungsgrad ge lässt sich schreiben als
L2 eBL2 Φ
ge = ∆S = = (4.23)
(2π)2 h 2Φ0
mit der Fläche der Probe L2 senkrecht zum Magnetfeld, dem magnetischen
Fluss Φ = L2 B und dem magnetischem Flussquant Φ0
h
Φ0 = . (4.24)
2e
Der Begriff Flussquant greift dem Kapitel über die Supraleitung vorweg.
Dort wird auch der Faktor 2 deutlich, da die Elektronen dort paarweise auf-
treten. Die Stärke des Magnetfeldes kann (bei gegebener Probengröße) in
Flussquanten gemessen werden. Genau diese Zahl bestimmt die Anzahl der
Zustände auf den Landau-Kreisen, also deren Entartung.
In z-Richtung hat das Magnetfeld keinen Einfluss. Hier liegen die Zustände
weiterhin homogen. Es bilden sich konzentrische Zylinder, die bis zur Fermi-
Fläche mit Elektronen besetzt sind. Die Landau-Kreise sind also eigentlich
Landau-Zylinder.
Zur Selbstkontrolle
4. Skizzieren Sie, wie in 3 Dimensionen die Landau-Zylinder in der Fermi-Kugel liegen,
oder suche Sie solch ein Bild im Internet.
Betrachten wir zunächst die Zustandsdichte ohne Magnetfeld, aber mit re-
duzierter Dimensionalität, bevor wir zum Magnetfeld zurückkehren. Der
Einfachheit halber nehmen wir ein freies Elektronengas an. Die Gruppenge-
schwindigkeit ist vg = ℏk/m. Damit ist die Zustandsdichte in n Dimensio-
nen
Ln m
Z
(n)
D(E) dE = 2 dE dSE (4.25)
ℏ(2π)n ℏk E=const.
und somit
(2m)3/2 3 1/2
D(E)(3d) = 2π 2 ℏ3 L E (4.26)
Für punktförmige Objekte, also null Dimensionen erhält man wie für Atome
diskrete Zustände
D(E)(0d) = 2 δ(E − E0 ) . (4.29)
Nun kehren wir zum Magnetfeld zurück. Ein angelegtes Magnetfeld lässt
auch im Dreidimensionalen eine freie Bewegung nur noch in der z-Richtung
zu. Damit ändert sich effektiv die Dimensionalität der Probe. Nicht mehr
alle drei Dimensionen sind relevant, sondern nur noch eine. Dies sieht man
auch in der Zustandsdichte. Die Gesamtenergie jedes Zustands lässt sich
aufspalten in die Energie der Kreisbewegung und die der freien Bewegung
ℏ2 2
1
E = En + Ez = n + ℏωc + k . (4.30)
2 2m z
(2m)3/2 3 X ℏωc
D(E)(3d+B) = L √ Θ(E − En ) (4.31)
4π ℏ
2 3
n
E − En
Wenn wir von einer zweidimensionalen Probe ausgehen, dann ist ohne D(3)
Magnetfeld die Zustandsdichte konstant. Mit Magnetfeld bleibt nur eine
äquidistante Reihe von Delta-Funktionen δ(E − En ) bei den Zyklotron- ~ωc
Energien En , da keine freie Bewegung mit variabler Energie mehr möglich
ist X
E
D(E)(2d+B) ∝ δ(E − En ) . (4.32)
n D(2)
Innere Energie
~ωc
Die Änderung der Zustandsdichte durch das Magnetfeld hat einen überra- E
schenden Einfluss auf die innere Energie. Wir diskutieren dies für eine zweidi- Abbildung 4.10: Zustandsdichte in 2 und
mensionale Probe. Man kann sich die dreidimensionale Zustandsdichte aber 3 Dimensionen ohne (fett) und mit (dünn)
angelegtem Magnetfeld.
als etwas ausgeschmierte 2d Dichte vorstellen und erwartet somit ähnliche
Ergebnisse.
Wenn kein Magnetfeld anliegt, sind alle Zustände bis zur Fermi-Energie
EF gefüllt (bei T = 0), alle darüber leer. Jetzt schalten wir das Magnetfeld
ein und wählen seine Stärke gerade so, dass die Entartung ge (Gl. 4.23)
passend ist (siehe Abb. 4.11), nämlich die Gesamtzahl N der Elektronen ein
ganzzahliges Vielfaches des Entartungsgrads ist
In diesem Fall ändert sich die innere Energie nicht. Die Zustände ändern
zwar ihre Energie, weil alle auf die Landau-Niveaus verschoben werden,
aber gleich viele werden angehoben wie abgesenkt: die bis zum Abstand
Kristall-Elektronen im Magnetfeld 51
ℏωc /2 unterhalb des Niveaus werden angehoben; die bis zu diesem Abstand
darüber werden abgesenkt. E E E
Ist aber die Feldstärke B anders, d.h. die Entartung ge ist nicht genau EF
gleich wie von Gl. 4.33 gefordert, so liegt ein nur teilweise besetztes Landau-
Niveau vor. Beim allmählichen Füllen dieses letzten Niveaus werden jedoch
zunächst nur Energien angehoben. Erst nach der halben Besetzung werden
Energien abgesenkt. Insgesamt bleibt unabhängig von B immer eine Anhe-
ℏωc
bung übrig.
Die innere Energie oszilliert also mit der Zahl der besetzten Niveaus p, ℏωc /2
wobei ein nicht-ganzzahliges p nun eine teilweise Besetzung bedeutet. Das f (E) · D(E) f (E) · D(E) f (E) · D(E)
Minimum der inneren Energie ist bei EF (B = 0). Weil B=0 B>0 B′ > B
Abbildung 4.11: Zustandsdichte in zwei
eℏB Dimensionen. Bei gewissen Feldstärken B
EF ≈ pℏωc = p (4.34)
m ist die innere Energie größer als ohne Feld.
auf.
Interessanter ist jedoch die Größe des höchsten besetzten Landau-
Niveaus im reziproken Raum, die wir mit SF bezeichnen. Dies ist der Schnitt
durch die Fermi-Fläche in einer Ebene senkrecht zum Magnetfeld und er-
laubt somit die Fermi-Fläche auszumessen. Für ein Feld Bn seien gerade n
Landau-Niveaus besetzt. Die Größe SF des obersten Niveaus im reziproken
Raum wird durch Gl. 4.21 gegeben:
2πeBn 1 ! 2πeBn+1 1
SF = n+ = n+1+ (4.36)
ℏ 2 ℏ 2
so dass
1 2πe
δ = . (4.37)
B ℏ SF
Die innere Energie variiert also periodisch im 1/B. Die Periodenlänge
δ (1/B) erlaubt es, die Größe SF der Fermi-Fläche geschnitten senkrecht
zum Magnetfeld zu bestimmen.
Zur Selbstkontrolle
5. Machen Sie sich klar, was in Abb. 4.11 passiert. Wie ändert sich die Besetzung der
Landau-Niveaus und die innere Energie, wenn man die magnetische Feldstärke
variiert? Das ist der zentrale Punkt für den Rest des Kapitels.
De Haas-van Alphén-Effekt
Viele messbaren Größen hängen mit der inneren Energie zusammen. Man
findet diese Oszillationen mit 1/B beispielsweise in der Wärmekapazität und
in der Magnetisierung. Die Wärmekapazität ist
∂U
Cv = (4.38)
∂T V
52 Festkörperphysik II
und die Magnetisierung M ist die Ableitung der freien Energie F bzw. (bei
T = 0) der inneren Energie U nach B:
1 ∂F 1 ∂U
M =− =− . (4.39)
V ∂B T,V V ∂B T =0,V
Die Oszillation von M mit 1/B nennt man De Haas-van Alphén-Effekt nach
W.J. de Haas und P.M. van Alphén.
0
0 1 2 3 4 5 6 7 8 9
∆(1/B) (10 −3
/T )
Im Fall von Wärmekapazität Beryllium (Abb. 4.12) misst man bei passen-
der Orientierung des Magnetfeldes die Querschnittstfläche der zigarrenförmi-
gen Fermi-Flächen am Rand der Brillouinzone.
Zur Selbstkontrolle
Abbildung 4.13: Fermi-Flächen von Beryllium
6. Wie hängt die Oszillation in der Wärmekapazität von der Orientierung des Magnet- (Choy u. a., 2000).
feldes ab?
Hall-Effekt
Im letzten Teil dieses Kapitels verlassen wir die Resonanzen an der Oberflä-
che der Fermi-Fläche und betrachten den Hall-Effekt, aber wieder bei tiefen
Temperaturen und hohen Magnetfeldern. Die Landau-Niveaus werden also
weiterhin eine Rolle spielen. Ziel ist es, den Verlauf der Längs- und Querwi-
derstände in der Abbildung am Anfang des Kapitels zu erklären, eben den
Quanten-Hall-Effekt.
Zunächst verlassen wir für einen Moment die quantenmechanische Be-
schreibung und betrachten den klassischen Hall-Effekt. Er erlaubt uns, die B
Ladungsträgerkonzentration zu bestimmen und zwischen Elektronen und
Löchern zu unterscheiden. Er dient uns aber auch als Grundlage für den
Quanten-Hall-Effekt im nächsten Abschnitt.
Wir betrachten die Bewegung eines quasi-freien Elektrons (q = −e) unter UH
U0
elektrischen und magnetischen Feldern und berücksichtigen Stöße wie im I
Drude-Modell. Relevant ist die mittlere (Drift-) Geschwindigkeit vd = ⟨v⟩, bei Abbildung 4.14: Geometrie zum Hall-Effekt.
der also die thermische Bewegung herausgemittelt ist. Für diese gilt
d ⟨v⟩ ⟨v⟩
m⋆ = −e [E + ⟨v⟩ × B] − m⋆ . (4.40)
dt τ
Das Magnetfeld zeigt in z-Richtung und wir sind nur am stationären Fall
Kristall-Elektronen im Magnetfeld 53
wobei gerade σzz = σ0 = ne2 τ /m⋆ die Leitfähigkeit bei B = 0 ist. Man
benutzt immer flache Proben, ohne elektrisches Feld oder Stromfluss in z-
Richtung. Aus Symmetriegründen reicht es aus σxx = σyy und σxy = −σyx
zu betrachten.
Wir machen das Experiment so, dass nur Strom in x-Richtung fliesst, also
jy = 0. Damit wird
jx
Ey = −ωc τ Ex = −ωc τ = RH B jx . (4.45)
σ0
Zur Selbstkontrolle
7. Wahrscheinlich ist Ihnen der klassische Hall-Effekt schon früher einmal begegnet.
Vergleichen Sie die damalige Darstellung (unter Umständen ohne Leitfähigkeits-
tensor) mit dieser hier.
Quanten-Hall-Effekt
Beim klassischen Hall-Effekt hatten wir gefordert, dass die Probe flach ist,
also kein Feld oder Stromfluss in z-Richtung geschieht. Das verschärfen wir
54 Festkörperphysik II
Zustandsdichte einer realen Probe. In Wirklichkeit wird die nicht allein eine
Sequenz von Delta-Funktionen sein. Defekte und Verunreinigungen führen zu
einer kontinuierlichen Verteilung von Zuständen auf der Energieskala. Diese
Defekt-Zustände sind aber im Gegensatz zu den Landau-Niveaus im Raum
lokalisiert und tragen nicht zur Leitfähigkeit bei, aber zur Fermi-Energie. Wenn
das Magnetfeld etwas erhöht wird, sollte in einer idealen Probe sofort das
nächst tiefere Landau-Niveau depopuliert werden, weil die Fermi-Energie
direkt zu diesem Niveau springt. In einer realen Probe werden aber zunächst
alle Defekt-Zustände dazwischen depopuliert und das Landau-Niveau bleibt
vollständig besetzt. Solange es also noch besetzte Defekt-Zustände zwi-
schen zwei Landau-Niveaus gibt, bleibt der Quanten-Hall-Effekt bestehen.
Tiefergehende Erklärungen verwenden ’skipping orbits’ in den Randkanä-
len (am Rand der Probe). In gewissem Sinne ist es auch hier die Abweichung
von der unendlich ausgedehnten Idealform, die den Quanten-Hall-Effekt er-
zeugt. Heutzutage wird der Quanten-Hall-Effekt als ein topologischer Effekt
gesehen, der also unter stetigen Verformungen erhalten bleibt. Er wird auch
als ganzzahliger Quanten-Hall-Effekt bezeichnet, weil es auch einen ’fractio-
nal quantum Hall effect’ gibt, bei dem p rationale Zahlen annimmt. Für diesen
haben Robert Laughlin, Horst Störmer und Daniel Tsui 1998 den Nobelpreis
bekommen. Mehr zum Quanten-Hall-Effekt findet sich in Kapitel 10.5 von
Gross und Marx, 2023 oder Kapitel 4.6 von Czycholl, 2017.
Zur Selbstkontrolle
8. Warum muss die Probe zweidimensional sein, damit der Quanten-Hall-Effekt
auftritt?
56 Festkörperphysik II
Zusammenfassung
Schreiben Sie hier ihre persönliche Zusammenfassung des Kapitels auf. Kon-
zentrieren Sie sich auf die wichtigsten Aspekte und die am Anfang genannten
Ziele des Kapitels.
Literatur
Ziele
1011
0 50 100 150 200 250 300 350 400
Temperatur T (K)
Überblick
Wir haben bereits im Kapitel zur Bandstruktur gesehen, dass der Übergang
zwischen Isolator und Halbleiter fließend ist. Beide haben ein voll besetztes
Valenzband und ein unbesetztes Leitungsband mit der Bandlücke Eg . Ther-
mische Anregung führt zu einer Besetzung des Leitungsbandes proportional
zu exp(−Eg /2kb T ), wie wir weiter unten sehen werden. Beispielsweise
werden bei Raumtemperatur je nach Bandlücke 10−5 (bei Eg = 0.5 eV) oder
10−26 (bei Eg = 3 eV) aller Ladungsträger angeregt sein. Dies führt zu einer
von Null verschiedenen Leitfähigkeit. Als Halbleiter bezeichnet man ein Ma-
terial, dessen spezifische Widerstand bei Raumtemperatur zwischen 10−2
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Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International” Lizenz.
60 Festkörperphysik II
intrinsisch oder dotiert Wenn man ein Material gezielt mit einer Verunrei-
nigung versieht, also dotiert, dann kann dies zu mehr freien Ladungsträgern
führen, weil diese dann vom Fremdatom stammen. Bei intrinsischen Halblei-
tern stammen die Elektronen im Leitungsband immer aus dem Valenzband.
direkt oder indirekt In einem direkten Halbleiter befindet sich das Maxi-
mum des Valenzbandes an der gleichen Stelle im reziproken Raum wie das
Minimum des Leitungsbandes. Dies ermöglicht optische Übergänge ohne
Änderung des Wellenvektors bei niedrigen Energien. Bei indirekten Halblei-
tern ist dies nicht der Fall. Optische Übergänge benötigen hier die Beteiligung
eines Phonons.
Die Bandstruktur und die Lage der Fermi-Energie hängt sowohl in der ’empty
lattice approximation’ als auch im ’tight binding’ Modell von der Elektronen-
konfiguration der beteiligten Atome ab. Es ist daher nicht verwunderlich, dass
Halbleiter aus im Periodensystem benachbarten Atomen gebildet werden.
Dies sind zum einen die Elemente der Gruppe IV, also Kohlenstoff (C), Silizi-
um (Si) und Germanium (Ge). Die Bandlücken betragen 5.47 eV, 1.12 eV und
0.66 eV und sind jeweils indirekt. Diamant ist also ein Isolator.
Verbindungshalbleiter bestehen aus zwei Elementen, deren Elektronenzahl
sich gerade auf die Gruppe IV mittelt. III-V-Halbleiter sind beispielsweise GaP
(2.26 eV, indirekt), GaAs (1.43 eV, direkt), InSb (0.18 eV, direkt). II-VI-Halbleiter
sind beispielsweise ZnS (sc: 3.54 eV) und CdSe (1.74 eV).
Zur Selbstkontrolle
1. Warum ist die Bandlücke von Silizium größer als die von Germanium, obwohl beide
Elemente in der gleichen Gruppe des Periodensystems stehen?
Optische Übergänge
Als Beispiel für den Unterschied zwischen direkten und indirekten Halbleitern
möchte ich hier dem späteren Kapitel über optische Eigenschaften vorgrei-
fen und optische Übergänge diskutieren. Ein Photon wird absorbiert und
transportiert ein Elektron vom Valenzband in das Leitungsband. Dies wird als
Halbleiter 61
Absorptionskoeffizienten α (1/cm)
104
mit der kombinierten effektiven Masse m⋆komb einer kombinierten Bandstruk- p
~ωγ − Eg
tur ∆E(k). Für diese können wir auch eine kombinierte Zustandsdichte
angeben
103
2m⋆komb 3/2
V p
Dkomb (∆E) = ∆E − Eg . (5.5)
2π 2 ℏ2
102
Diese Zustandsdichte bestimmt über Fermis Goldener Regel
2π
Γif = ⟨f |Ĥ ′ |i⟩ D(∆E) (5.6) 0.2 0.4 0.6
ℏ ~ωγ (eV)
die Übergangsrate Γif und damit den Absorptionskoeffizienten α ∝ Γif . Abbildung 5.2: Absorption von Indiumanti-
monid (InSb), einem direkten Halbleiter, in
Dieser beschreibt die verbleibende Intensität I, nachdem ein Lichtstrahl
der Nähe der Bandkante (Johnson, 1967).
gegebener Frequenz eine Probe der Dicke L durchquert hat
K 20
4
Absorption
für
2
α(ωγ ) ∝ (ℏωγ − (Eg ± ℏΩ)) ℏωγ > Eg ± ℏΩ , (5.9)
Zur Selbstkontrolle
2. Warum ist die Absorption bei direkten Halbleitern bei der Bandkante so viel stärker
als bei indirekten Halbleitern?
(2m⋆n )3/2 p
Dc (E) = E − Ec für E > Ec (5.12)
2π 2 ℏ3
(2m⋆p )3/2 p
Dv (E) = Ev − E für E < Ev , (5.13)
2π 2 ℏ3
wobei die Massen hier die jeweiligen effektiven Massen an der Bandkante
sind.
Nun müssen wir noch die Fermi-Dirac-Funktion fF D geeignet nähern
und dazu zunächst die Unterscheidung zwischen Fermi-Energie und Fermi-
Niveau einführen. In der Fermi-Dirac-Funktion steht eigentlich das chemische
Potential µ. Die Fermi-Energie hatten wir als EF = µ(T = 0) definiert.
Hier interessieren uns aber höhere Temperaturen. Gross und Marx, 2023
verwendet direkt das chemische Potential µ(T ), Hunklinger, 2014 führt den
Begriff des Ferminiveaus als Äquivalent zum chemischen Potential ein. Um
Halbleiter 63
Damit können wir nun alles einsetzen und die Integrale berechnen:3 3
Man integriert
R √über−y
x = (E − EF )/kb T
√
und benutzt ye = π/2.
3/2
kb T m⋆n
n = 2 e−(Ec −EF )/kb T = N e−(Ec −EF )/kb T (5.16)
2πℏ2
3/2
kb T m⋆p
p = 2 e+(Ev −EF )/kb T = P e+(Ev −EF )/kb T . (5.17)
2πℏ2
0
Energie
Zur Selbstkontrolle
3. Wie beeinflusst das Verhältnis der effektiven Massen m⋆p /m⋆n die Lage des
Fermi-Niveaus EF (T ) im undotierten Halbleiter?
Massenwirkungsgesetz
Interessant ist, dass sowohl n als auch p von der Lage des Fermi-Niveaus
EF abhängt, deren Produkt aber nicht
Das Produkt np hängt nur von Materialparametern und der Temperatur ab.
Die Beziehung np = const. wird in Analogie zu einer chemischen Reaktion
64 Festkörperphysik II
A+B⇌C+D (5.19)
Zur Selbstkontrolle
4. Warum ist die Beziehung np = const. unabhängig von der Lage des Fermi-
Niveaus EF ?
Intrinsische Ladungsträgerdichte
Bei dotierten Halbleitern (s.u.) kann ein Elektron nicht nur aus dem Valenz-
band, sondern auch von einem Fremdatom stammen. Für intrinsische, d.h.
undotierte Halbleiter gilt jedoch, dass für jedes Elektron im Leitungsband ein
Loch im Valenzband entstehen muss, d.h. n = p. Die Dichte der so paar-
weise erzeugten Ladungsträger wird als intrinsische Ladungsträgerdichte
ni = pi bezeichnet. Sie ergibt sich aus dem Massenwirkungsgesetz
√ √
ni = pi = np = N P e−Eg /2kb T . (5.22)
Bei T = 0 liegt das Fermi-Niveau also in der Mitte der Bandlücke. Falls
Leitungs- und Valenzband gleich stark gekrümmt sind, also Elektronen- und
Loch-Masse identisch, dann bleibt es dort auch bei steigender Temperatur.
Unterscheiden sich die Massen, dann bewegt sich das Fermi-Niveau leicht
in Richtung der leichteren Ladungsträger. Da kB T ≪ Eg ist dies aber ein
kleiner Effekt.
Zur Selbstkontrolle
Dotierung
mit n hier der Quantenzahl und nicht der Ladungsträgerdichte. Der Bohr-
Radius ist
ϵr
rBohr = ⋆ 0.53 Å . (5.26)
me /mfrei
Für Silizium findet man mit m⋆e = 0.1mfrei und ϵr = 11.7 die Werte
E1 = −10 meV und rBohr = 62 Å. Der Betrag der Bindungsenergie ist
also viel kleiner als die Bandlücke (1.14 eV) und kleiner als kb T (25 meV)
bei Raumtemperatur. Der Bohr-Radius ist viel größer als die Gitterkonstan-
te (5.4 Å). Es liegen also sehr viele Silizium-Atome innerhalb der Bahn des
Elektrons um das eine Donator-Fremdatom.
Welche Bedeutung hat die Bindungsenergie des Donator-Elektrons für die
Bandstruktur? Die Ionisation des Wasserstoffatoms entspricht dem Über-
gang des gebundenen Donator-Elektrons in das Leitungsband. Dort kann
es sich frei bewegen. Die Donatorzustände liegen daher im Abstand En
66 Festkörperphysik II
unterhalb der Unterkante des Leitungsbandes. Analog dazu liegen die Akzep-
torzustände etwas oberhalb der Oberkante des Valenzbandes. In unserem
Wasserstoffmodell sind die Bindungsenergien (Abstände der Zustände von
der Bandkante) unabhängig vom Fremdatom, es gehen nur die Eigenschaften
des Ausgangsmaterials ein. Dies ist in der Realität auch fast so, da der Bohr-
radius so groß ist, dass Details der Elektronenkonfiguration des Fremdatoms
nur sehr schwach eingehen.
Bei Raumtemperatur sind die Störstellen mit großer Wahrscheinlichkeit
ionisiert. Bei tiefen Temperaturen kann man durch Infrarotabsorption die
Lage der Donator- und Akzeptor-Niveaus bestimmen.
Zur Selbstkontrolle
7. Warum ist sie unabhängig von der Art des Fremdatoms? Und warum ist sie unab-
hängig von der Temperatur?
Durch die Dotierung lässt sich die Ladungsträgerdichte einstellen, die dann
aber natürlich stark temperaturabhängig ist, weil die Bindungsenergie der
Störstellen relativ klein ist. Dies werden wir nun etwas genauer betrach-
ten. Wir machen weiterhin die Näherung der Nichtentartung, also dass das
Fermi-Niveau4 weit genug von der Bandkante entfernt ist, so dass wir die 4
=chemisches Potential µ
Fermi-Dirac-Verteilung mit einer Boltzmann-Verteilung nähern können. Die
Ladungsträgerdichten im Leitungsband (n) und Valenzband (p) sind also wie
oben
nD = n0D + n+
D und nA = n0A + n−
A . (5.28)
n0D 1 n0A 1
= (E −E )/k T und = (E −E )/k T . (5.29)
nD e D F b +1 nA e F A b +1
n + n− +
A = p + nD . (5.30)
Halbleiter 67
n = p + n+ − n− + 0
A ≈ nD − nA = (nD − nD ) − nA (5.31)
D
1
= nD 1 − (E −E )/k T − nA . (5.32)
e D F b +1
Das Fermi-Niveau EF können wir durch Umformen mit Gl. 5.27 entfernen
n(nA + n)
= N e−Ed /kb T , (5.33)
nD − nA − n
Eg /2
0.5
0 5 10 15 20 25
rel. reziproke Temperatur Ed /kb T
Wenn es nur kalt genug ist, liegt das Fermi-Niveau auf den Donator-Zuständen.
Die Donatoren sind teilweise geladen, aber nicht so sehr, weil deren Ladungs-
träger im Leitungsband sind, sondern weil sie die Akzeptoren besetzt haben
und diese keine Löcher mehr liefern können. Die Akzeptoren werden also
kompensiert. Wenn T größer wird, dann verschiebt sich EF in Richtung
Bandkante und mehr Ladungsträger gelangen ins Leitungsband.
n ≈ nD N e−Ed /2kb T
p
(5.36)
N P
= Ec − kb T ln − Ev − kb T ln (5.42)
nD nA
NP
= Eg − kb T ln (5.43)
nD nA
nD nA
= kb T ln . (5.44)
n2i
Die Ladungsträgerdichten sind weiterhin durch die Lage des Fermi-
Niveaus (Gl. 5.17) gegeben, nur dass sich dieses nun aus einem konstanten
Anteil EF und einem räumlich variablen Anteil eϕ(x) zusammensetzt. Wir
erhalten also
wenn man annimmt, dass alle Störstellen ionisiert sind. Zusammen mit der
Poisson-Gleichung
1
−∇2 ϕ(x) = ρ(x) (5.47)
ϵr ϵ0
haben wir ein nichtlineares gekoppeltes System von Differentialgleichungen
für ρ(x) und ϕ(x), das sich nur numerisch lösen lässt.
wobei ϕ−∞ das konstante Makropotential tief im p-dotierten Bereich ist und
VD = ϕ+∞ − ϕ−∞ . Das Potential erfüllt so schon die Stetigkeitsbedin-
gungen im Übergang zu ϕ±∞ . Bei x = 0 muss ebenfalls die erste Ableitung
stetig sein, also
nD dn = nA dp (5.49)
was der Forderung nach Gesamt-Neutralität entspricht. Aus der Stetigkeit von
ϕ selbst ergibt sich eine weitere Bedingung
e
nD d2n + nA d2p = ϕ+∞ − ϕ−∞ = VD
. (5.50)
2ϵr ϵ0
Zur Selbstkontrolle
9. Warum ist die Breite der Raumladungszone d unabhängig von der Temperatur?
Nun legen wir eine externe Spannung an den p-n-Übergang an. Wir nennen die
Spannung U positiv, wenn sie das Potential der p-dotierten Seite anhebt. Nur
innerhalb der Verarmungszone ist die Leitfähigkeit relativ niedrig, so dass
die Spannung im Wesentlichen hier abfällt. Die Bänder ändern sich also nur
im Bereich der Verarmungszone, außerhalb bleibt alles unverändert. Damit
bleiben auch die Gleichungen aus dem letzten Abschnitt gültig, wenn wir
jeweils VD durch VD − U ersetzen.
Halbleiter 71
+ dungszone
0
-
nA
0
Feld Ex
Potential φ
φ+∞
VD
φ−∞
−dp 0 +dn
Ort x
Durch Anlegen der externen Spannung ändert sich die Breite der Raumla-
dungszone r
U
d = dp + dn = d(U = 0) 1 − . (5.52)
VD
Positive Spannungen (in Durchlassrichtung) reduzieren die Breite der Raum-
ladungszone (=Verarmungszone), negative Spannung (Sperrrichtung) vergrö-
ßern sie.
Um die Wirkungsweise eines p-n-Übergangs als Diode zu verstehen sind
die beteiligten Ströme10 relevant. 10
Gross und Marx, 2023 unterscheidet zwei
Paare von Strömen: diff & drift sowie gen
& rec. Die Vorzeichen sind aber anders
Rekombinationsstrom j rec Aufgrund des Konzentrationsunterschieds links definiert: diff + drift = 0 aber gen = rec !
und rechts der Grenzfläche diffundieren beispielsweise Elektronen aus dem
n-dotierten Bereich in den p-dotierten und rekombinieren mit den dort in
großer Zahl vorhandenen Löchern. Dieser Strom wird auch Diffusionsstrom
genannt.
jnrec (U ) = a(T ) e−e(VD −U )/kb T = jnrec (0) eeU/kb T = jngen eeU/kb T . (5.53)
Zur Selbstkontrolle
10. Warum ist der Diffusionsstrom exponentiell von der Spannung U abhängig?
Zusammenfassung
Schreiben Sie hier ihre persönliche Zusammenfassung des Kapitels auf. Kon-
zentrieren Sie sich auf die wichtigsten Aspekte und die am Anfang genannten
Ziele des Kapitels.
Literatur
Ziele
0
−40 −20 0 20 40 60
Magnetfeld B (µT)
Überblick
In diesem Kapitel gehen wir einen Schritt zurück in unserer Beschreibung der
Festkörper und vernachlässigen Details der Bandstruktur, indem wir wieder
von einem quasi-freien Elektronengas ausgehen. Dafür gehen wir dann aber
auch einen Schritt weiter, indem wir nun erstmals Korrelationen zwischen
Elektronen berücksichtigen. Es wird nicht mehr ausreichen, ein einziges Elek-
tron zu betrachten, sondern ’synchronisierte’ Paare von Elektronen werden
wichtig werden.
Wir beginnen mit einem Überblick über experimentelle Beobachtungen
an Supraleitern, um dann zunächst ein phänomenologisches Modell und
schließlich ein mikroskopisches Modell zur Beschreibung einzuführen.
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Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International” Lizenz.
74 Festkörperphysik II
Idealer Leiter
Ein Supraleiter ist zunächst einmal ein idealer Leiter, in dem Strom wider-
standsfrei fließt. Dies wurde 1911 von Heike Kamerlingh Onnes entdeckt.
Nachdem ihm 1908 die Verflüssigung von Helium gelungen war, wollte er
eigentlich den Grenzwert der Leitfähigkeit bei tiefen Temperaturen untersu-
chen, analog zu unserem Kapitel 2. Er verwendete sehr reines Quecksilber
(Hg) und fand bei 4.2 K einen sprunghaften Übergang zu einem dann von ihm
supraleitend genannten Zustand.1 1
Zur Geschichte der Helium-Verflüssigung
Im supraleitenden Zustand ist der Widerstand nicht nur sehr klein, son- und der Supraleitung siehe Van Delft, 2008
und Van Delft und Kes, 2010.
dern tatsächlich null. Man kann einen Ringstrom in einer geschlossenen
Leiterschleife induzieren. Dieser würde mehr als 100 000 Jahre anhalten. Der
Widerstand fällt um mehr als 14 Größenordnungen.
Widerstand (mΩ)
100
Sehr viele Materialien sind supraleitend. Reine Elemente zeigen eine
Sprungtemperatur von unter 10 K, Legierungen liegen etwas höher. Oxyde mit
50
vier oder fünf verschiedenen Elementen bilden sogenannte Hochtemperatur-
Supraleiter mit einer Sprungtemperatur von bis zu 135 K. Bei sehr hohen
Drücken werden noch höhere Werte erreicht. 0
4 4.1 4.2 4.3 4.4
Auffällig ist, dass gerade ’gute’ Metalle keine hohe Sprungtemperatur Temperatur (K)
besitzen. Eher ist die Tendenz so, das schlechte Leiter gute Supraleiter sind. Abbildung 6.2: Sprung des Widerstands
von Quecksilber (Hg) beim Übergang in
den supraleitenden Zustand. Daten aus
Meißner-Ochsenfeld-Effekt Kamerling Onnes, 1911.
Supraleiter sind perfekte Diamagnete. Ihr Inneres ist immer frei von einem
magnetischen Feld. Dies wurde 1933 von Walter Meißner und Robert Och-
senfeld gefunden, als sie das magnetische Feld um einen supraleitenden
Zylinder untersuchten2 . Dies ist eine Eigenschaft, die über die eines idealen 2
Meissner und Ochsenfeld, 1933.
Leiters hinausgeht.
Wir betrachten den durch die Temperatur T und das Magnetfeld B auf-
gespannten Phasenraum. Oberhalb einer gewissen Temperatur Tc ist das
Material normalleitend, darunter entweder supraleitend oder ideal leitend. Wir
gehen von Zustand (T > Tc ; B = 0) zum Zustand (T < Tc ; B > 0). Dabei
können wir aber die Reihenfolge von Temperatur- und Magnetfeld-Änderung
vertauschen.
Beim idealen Leiter ist das Magnetfeld im inneren zeitlich konstant. Dies
ergibt sich aus dem Induktionsgesetz
∂B
− =∇×E =0 , (6.1)
∂t
weil E = 0 im Inneren eines idealen Leiter sein muss. Wenn man also
zunächst das B-Feld einschaltet und dann die Temperatur reduziert, dann
bleibt im Inneren ein Feld. Wenn man es andersherum macht, dann bleibt
das Innere feldfrei. Beim Einschalten des B-Feldes wird ein Kreisstrom an der
Oberfläche des idealen Leiters induziert, der gerade das B-Feld kompensiert.
Für Supraleiter haben nun Meißner und Ochsenfeld gemessen, dass das
Innere immer feldfrei ist3 , egal welchen der beiden Wege man geht. Für das 3
Eigentlich haben sie das Feld außerhalb
Magnetfeld Bi im Inneren gilt also des Zylinders gemessen und dann auf das
innerhalb geschlossen.
Zur Selbstkontrolle
Kritisches Magnetfeld
Man beobachtet, dass die Abschirmung des externen Magnetfelds nur bis zu
einer gewissen kritischen Feldstärke Bc gelingt und darüber der supraleiten-
de Zustand zusammenbricht. Es gilt also
(
Bext falls Bext < Bc supraleitend
−µ0 M = . (6.3)
0 falls Bext ≥ Bc normalleitend
80
Für die kritische Feldstärke Bc findet man empirisch den Zusammenhang Pb
Magnetfeld Bc (mT)
" 2 # 60
T
Bc (T ) = Bc (0) 1 − (6.4) Hg
Tc 40
Sn
mit der Sprungtemperatur Tc . 20
Al
Typische kritische Magnetfeldstärken reiner Metalle liegen im Bereich 0
von 10 bis 100 mT. Das ist insbesondere für technische Anwendungen sehr 0 2 4 6
Temperatur (K)
wenig. Ein supraleitender Magnet wäre so nicht zu realisieren. Bei Über-
Abbildung 6.3: Kritisches Magnetfeld
gangsmetallen und Legierungen findet man allerdings ein anderes Verhalten, für verschiedene Supraleiter (Daten aus
das als Typ-II-Supraleitung bezeichnet wird. Dabei tritt eine sogenannte Hunklinger, 2014).
Shubnikov-Phase oder auch Vortex-Phase zwischen dem supraleitenden
und normalleitenden Zustand auf. In dieser Phase bilden sich normalleiten-
de Röhren innerhalb des Supraleiters, die das Magnetfeld hindurch leiten.
Die eine kritische Feldstärke Bc wird also durch zwei Feldstärken Bc1 und
Bc2 ersetzt, die die Grenze der Vortex-Phase beschreiben. Solche Typ-II-
Supraleiter sind die, die heute technologisch verwendet werden. Zur Beschrei-
bung benutzt man die Ginzburg-Landau-Theorie, auf die wir hier wie auf die
Typ-II-Supraleitung insgesamt nicht näher eingehen können.
Flussquantisierung
wurde das externe Feld ausgeschaltet. Man beobachtet aber weiterhin ein
magnetisches Moment in Zylinderrichtung. Dessen Größe kann durch ein
Testfeld bestimmt werden. Man findet die Quantisierung des Flusses mit dem 2
Flussquant
mit dem Beitrag der Elektronen proportional zu T und dem der Phononen pro- 4
portional zu T 3 . Bei den hier betrachteten niedrigen Temperaturen spielt der B=0
B>0
Phononen-Beitrag keine Rolle. Aber auch der Elektronen-Beitrag ist anders. 3
cV (mJ/mole K)
Man findet (
e−∆/kb T für T < Tc 2
cV ∝ (6.7)
T für T ≥ Tc
1
mit einer charakteristischen Energie ∆. Tc
Durch Messung von dS/dT = cp kann man die Entropie der supraleiten- 0
0 0.5 1 1.5 2
den Phase bestimmen. Man findet einen kleinen Unterschied im Vergleich zur Temperatur (K)
normalleitenden Phase Abbildung 6.5: Wärmekapazität von Al.
Durch das Magnetfeld kann der supralei-
∆S = SSC − SN < 0 und |∆S| ≈ 10−4 kb T /Atom . (6.8)
tende Zustand unterdrückt werden, so dass
das normalleitende Verhalten sichtbar wird
(Phillips, 1959).
Die supraleitende Phase ist also geordneter als die normalleitende, aber
diese Ordnung betrifft nur sehr wenige Elektronen.
Isotopen-Effekt
1 3.7
Tc ∝ √ ∝ ωDebye . (6.9)
M
1
j=− A (6.11)
µ0 λ2
1
∇2 B = B . (6.15)
λ2
Betrachten wir dazu eine Grenzfläche zwischen Normalleiter (x < 0) und
Supraleiter (x > 0) bei einem in z-Richtung orientierten Magnetfeld. Im
Normalleiter sei das Feld homogen B0 . Im Supraleiter ist die Lösung von
Gl.6.15 dann
B(x > 0) = B0 e−x/λ . (6.16)
Das Magnetfeld fällt also im Supraleiter mit der London-Länge (auch Lon-
don’sche Eindringtiefe) exponentiell ab. Das Innere eines Supraleiters ist
feldfrei, wie es der Meissner-Ochsenfeld-Effekt zeigt. Typische Werte von λ
liegen im Bereich von 10 bis einige 100 nm.
Cooper-Paare
Dabei ist ki der Wellenvektor der Wellenfunktion des i-ten Elektrons, nicht
sein Impuls. Ein Cooper-Paar wird also aus zwei Elektronen gebildet, deren
Wellenvektoren sich gerade gegenüberstehen.
k1
Durch die attraktive Wechselwirkung wird die Energie des Paares um k20
k10
den Betrag ∆ gegenüber den Einzel-Energien abgesenkt. Die Energie eines k2
Cooper-Paares ist also ungefähr
Abbildung 6.7: Der Austausch eines Pho-
E ≈ 2EF − ∆ . (6.18) nons ist möglich im Überlapp der Ringe.
Dieser wird maximal, wenn K = 0.
Mit ein paar Annahmen über die Wechselwirkung kann man ausrechnen11 , 11
siehe Hunklinger, 2014 oder Gross und
dass die Energie-Absenkung ∆ Marx, 2023. Gross diskutiert auch den
manchmal auftretenden Unterschied im
Faktor 2 (oder 4) im Exponenten.
∆ = 2ℏωD e−2/D(EF )V0 (6.19)
Der BCS-Grundzustand
1
EKondensat = − D(EF ) ∆2 . (6.21)
4
Fluss-Quantisierung
qs
j= ⟨ψ|v̂|ψ⟩ (6.22)
ms
mit
p̂ = ms v̂ + qs A also mv̂ = −iℏ∇ − qs A . (6.23)
mit der London-Länge λ2 = m/(nµ0 q) wie oben. Von hier kommt man also
zur London-Theorie zurück. Eine makroskopische Wellenfunktion ist dazu
ausreichend.
Nun betrachten wir einen supraleitenden Torus, der von einem Magnetfeld
durchsetzt ist. Das Innere des Supraleiters ist frei von Feldern und Strömen,
80 Festkörperphysik II
ℏ ∇Θ(r) = qs A (6.25)
I I
ℏ ∇Θ(r) = qs A (6.26)
Z
ℏ(Θ2 − Θ1 ) = qs B (6.27)
ℏ 2π s = qs Φ s∈N , (6.28)
wobei wir im zweiten Schritt den Satz von Stokes ausgenutzt haben und im
dritten, dass |Ψ| nach einem Umlauf in Kreis eindeutig definiert sein muss,
sich die Phase also nur um 2π unterscheiden darf. Damit bekommen wir die
Flussquantisierung (qs = −2e)
h
Φ= s = s Φ0 mit s∈N . (6.29)
2e
Zustandsdichte
Elektronen frei.
DN L
Durch die Supraleitung darf sich die Summe der Zustände nicht ändern.
0 ∆
Damit ergibt sich für die Bogolonen Energie Ek
DN L √ Ek
für
(
Ek > ∆
DSL
Sobald wir nicht mehr am absoluten Nullpunkt der Temperatur sind, existie-
ren Cooper-Paare und Bogolonen gleichzeitig. Mit steigender Temperatur
nimmt die Dichte der Cooper-Paare ab. Je weniger Cooper-Paare es aber gibt,
desto schlechter ist die Kondensation, und die Energieabsenkung pro Paar
wird geringer. ∆ wird temperaturabhängig. Man findet durch numerisches
Lösen einer nichtlinearen Differentialgleichung17 für T ≈ Tc 17
Gross und Marx, 2023.
r
∆(T ) T
≈ 1.74 1 − (6.31)
∆(T = 0) Tc
Bc = µ0 λ jc ∝ ∆ . (6.35)
unbesetzte Niveaus auf der anderen Seite. In diesem Fall können die Elek-
tronen mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit durch die Barriere tunneln
4
und ein Strom fließt. Der Strom ist also das Integral über die gegeneinander T > Tc
Strom I
Z
2
IL → R ∝ DL (E)f (E) DR (E + eU )[1 − f (E + eU )] dE . (6.36)
T Tc
Genauso kann auch ein Strom von rechts nach links fließen, so dass der
Netto-Strom die Differenz der beiden ist: 0
Z
2
I ∝ DL (E) DR (E + eU ) [f (E) − f (E + eU )] dE . (6.37)
Gns /Gnn
Üblicherweise ist eU ≪ EF , und bei Normalleitern kann die Zustands-
1
dichte im relevanten Energiebereich als konstant angesehen werden, also
Dn (EF ) ≈ Dn (EF + eU ). Damit erhalten wir
Der Term in eckigen Klammern ist ähnlich einer Delta-Funktion bei eU mit
einer Breite 4kb T und Fläche Eins und löst so das Integral auf. Im zweiten
Schritt haben wir T → 0 angenommen. Der Leitwert beim Tunnel, also
dI/dU , liefert somit bei tiefen Temperaturen direkt die Zustandsdichte, ggf.
ausgeschmiert mit 2kb T .
Josephson-Effekt
iℏΨ̇1 = E1 Ψ1 + T Ψ2 (6.44)
iℏΨ̇2 = E2 Ψ2 + T Ψ1 . (6.45)
2T √
ṅ1 = n1 n2 sin(δ) (6.46)
ℏ
2T √
ṅ2 = − n1 n2 sin(δ) (6.47)
ℏ
r
T n2 E1
Θ̇1 = cos(δ) − (6.48)
ℏ n1 ℏ 3
r
T n1 E2
Θ̇2 = cos(δ) + . (6.49)
ℏ n2 ℏ
2
Strom I (mA)
Die Differenz der letzten beiden Gleichungen ergibt
1
ℏδ̇ = ℏ(Θ̇2 − Θ̇1 ) = −(E2 − E1 ) = 2eU . (6.50)
0
Beim Experiment in Abbildung 6.10 wird die Spannung Uext einer Strom-
0 1 2 3 4
quelle variiert und dabei der Strom I durch den Tunnelkontakt und die Po- Potential U (mV)
tentialdifferenz U über den Kontakt gemessen. Der Stromkreis und die Span- Abbildung 6.10: Strom durch einen Pb/P-
nungsquelle besitzen einen (Innen-) Widerstand, der den Strom limitiert. bOx/Pb Tunnelkontakt (Daten aus Lan-
Betrachten wir zunächst die Situation, dass keine Potentialdifferenz U genberg, Scalapino und B. Taylor, 1966).
Der Sprung in der Zustandsdichte ist bei
über die Barriere gemessen wird. Damit ist die Phasendifferenz δ zeitlich kon- eU = 2∆.
stant und ṅ1 = −ṅ2 . Es fließt ein Suprastrom (Strom von Cooper-Paaren),
ohne dass ein Potential an der Barriere abfällt. Der Strom hängt periodisch
von der Phasendifferenz der beiden makroskopischen Wellenfunktionen ab:
2eU
δ(t) = t + δ(0) = ωJ t + δ(0) . (6.52)
ℏ
Es fließen nun zwei Ströme gleichzeitig durch den Tunnelkontakt: weiterhin
ein Suprastrom aus Cooper-Paaren, der zeitlich oszilliert mit
Quanteninterferenz
Zusammenfassung
Schreiben Sie hier ihre persönliche Zusammenfassung des Kapitels auf. Kon-
zentrieren Sie sich auf die wichtigsten Aspekte und die am Anfang genannten
Ziele des Kapitels.
Literatur
Ziele
0 10 20 30 40 50
Streuwinkel (deg)
Überblick
Makroskopische Beschreibung
B = µ0 (H + M ) = B0 + µ0 M = B0 (1 + χ) (7.3)
Magnetisches Dipol-Moment
mit dem Dipolmoment µ, dem Strom I und der Fläche2 S der Leiterschleife. 2
inkl. Richtung der Flächen-Normalen
Die Ladungsträger besitzen eine Masse. Daher ist der Stromfluss durch die
Schleife mit einem Drehimpuls L verknüpft und wir können das Dipolmoment
schreiben als
µ=γL (7.5)
mit der Umlauffrequenz ω und dem Bahnradius r. Der Strom ist in diesem
Bild
−e ω
I= = −e (7.7)
T 2π
Magnetismus 89
mit der Umlaufzeit T . Alles zusammen ergibt das ein magnetisches Dipolmo-
ment
−e eℏ
|µ| = |l| = − = −µB (7.8)
2me 2me
mit dem Bohrschen Magneton µB ≈ 5.8 · 10−5 eV/T.
Damit können wir das (makroskopische) gyromagnetischen Verhältnis γ
verknüpfen mit den (mikroskopischen) Bohrschen Magneton
µB
γ=g (7.9)
ℏ
mit dem einheitenfreien Landé-g-Faktor. Für den Bahndrehimpuls eines
Elektrons ist gl = 1, für den Elektronen-Spin gs ≈ 2.
Die Kombination von magnetischem Moment und Drehimpuls ist der
Grund für die Präzession. Die Energie E eines magnetischen Dipols µm
im Magnetfeld B ist analog zur Energie eines elektrischen Dipols µe im
elektrischen Feld E
G = µm × B bzw. G = µe × E . (7.11)
Aber im elektrischen Fall dreht dieses Drehmoment den Dipol einfach in Rich-
tung der Feldlinien, und minimiert so die Energie. Bei einem magnetischen
Dipol wirkt aber der assoziierte Drehimpuls
dL
=G (7.12)
dt
so dass
dµm
= γ µm × B . (7.13)
dt
Die Richtung des magnetischen Dipolmoments ändert sich senkrecht zu
µm und B. Dies entspricht einer Kreisbewegung der Spitze von µm um die
Richtung, die durch B vorgegeben ist, eben der Präzession.
Klassifizierung
Atome im Magnetfeld
Ĥspin = g µB B · S . (7.16)
wobei Vi das für das i-te Elektron relevante Potential bezeichnet. Die Coulomb-
Eichung des Vektorpotentials liefert
B×r
A(t) = . (7.18)
2
Dies setzen wir ein und multiplizieren aus
Z 2
X p2i e e2 [B × ri ]
Ĥ = Ĥspin + + Vi + pi · B × ri + . (7.19)
i=1
2me 2me 8me
Der erste Term der Abweichung von der feldfreien Energie Ĥ0 hängt von den
atomaren Spin- und Bahndrehimpulsen ab, bzw. von den damit verknüpften
magnetischen Momenten. Er beschreibt also atomaren Paramagnetismus.
Der zweite Term beschreibt atomaren Diamagnetismus, weil hier kein Dipol-
moment eingeht.
Die Suszeptibilität χ kann man über eine thermodynamische Betrachtung
erhalten. Die freie Energie F ist
F = U − TS . (7.22)
Das Differential der inneren Energie ist, wenn man den magnetischen Beitrag
hier berücksichtigt,
dU = T dS − pdV − V M · dB (7.23)
so dass
also
∂F N ∂(Ĥ − Ĥ0 )
M =− =− (7.25)
∂B V ∂B
und (falls |χ| ≪ 1)
M M µ0 N ∂(Ĥ − Ĥ0 )
χ= ≈ µ0 =− . (7.26)
H B BV ∂B 102
I-
Die magnetische Suszeptibilität ist also proportional zur Ableitung der Ener- Xe
−χ (10−11 m3 /mol)
Cs+Br-
Kr
gie nach dem Magnetfeld. K+
Ar
101 F-
Ne
Na+
Larmor-Diamagnetismus He
100
Wir betrachten zunächst einen rein atomaren Effekt. Es ist also egal, ob
Li+
das Atom in der Gasphase oder in einem Kristall vorliegt. Wir verlangen nur 100 101 102
vollständig gefüllte Schalen. Dann ist ein Festkörper ein Isolator. Für das Za ra2 (Å2 )
Atom gilt S = L = 0 und nur der diamagnetische Term in Gl. 7.21 trägt bei. Abbildung 7.2: Atomare diamagnetische
Suszeptibilität im Vergleich mit Gl. 7.29.
Weil B in z-Richtung orientiert ist, vereinfacht sich das zu Daten aus Gross und Marx, 2023 und
Z Z Blundell, 2006.
e2 X 2 e2 X
Ĥdia = [B × ri ] = B2 (x2i + yi2 ) . (7.27)
8me i=1 8me i=1
Im letzten Schritt haben wir ausgenutzt, dass durch die r2 -Abhängigkeit die
Za Elektronen in der äußeren Schale mit dem Radius ra dominieren. Dies
beschreibt die experimentell gefundenen Werte erstaunlich gut.
92 Festkörperphysik II
Langevin-Paramagnetismus
Wir bleiben bei der atomaren Betrachtung, erlauben aber teilweise gefüllte
Schalen. Dann wird die Bestimmung von S, L und J notwendig. Die Spin-
Bahn-Kopplung muss berücksichtigt werden und die Hund’schen Regeln
liefern den Zustand mit der niedrigsten Energie. Bei vielen Atomen ist die
Spin-Bahn-Wechselwirkung schwach und die L-S-Kopplung (Russel-Saunders-
Kopplung) ein passendes Modell. Dabei werden erst alle li und si zu einem
L bzw. S addiert, bevor diese sich zu J addieren.
In der L-S-Kopplung berechnet sich der Landé-g-Faktor für den Gesamt-
Drehimpuls J nach
J(J + 1) + S(S + 1) − L(L + 1)
gJ = 1 + . (7.30)
2J(J + 1)
Das magnetische Moment ist also
J
µJ = −gJ µB (7.31)
ℏ
bzw. p
µJ = |µJ | = gJ µB J(J + 1) . (7.32)
Semi-klassische Beschreibung
Wir ignorieren für einen Augenblick die Quantisierung von Jz und damit die
von µz und nehmen ein klassisches Dipolmoment µ an. Dessen Energie im
externen Feld ist
Quantenmechanische Behandlung
mJ = −J, −J + 1, . . . , J − 1, J . (7.40)
Die Rechnung ist analog zum klassischen Fall, nur dass Integrale über θ
durch Summen über mJ ersetzt werden. Mit den Abkürzungen5 5
µB /kb ≈ 2/3 K/T.
gJ µB B
y= J und Msat = n gJ µB J (7.41)
kb T
erhält man für die Magnetisierung M
M 2J + 1 2J + 1 1 1
= BJ (y) = coth y − coth y (7.42) 1 J = 1/2
Msat 2J J 2J 2J
mit der Brillouin-Funktion BJ (y). Für J → ∞ geht sie in die Langevin-
J = ∞
BJ (y)
Funktion über. Wir können wieder den coth für y ≪ 1 nähern, um die Suszep-
0.5
tibilität zu erhalten
∂M µ0 nJ(J + 1)gJ2 µ2 µ0 np2 µ2 1
χ = µ0 = = ∝ (7.43)
∂B 3kb T 3kb T T 0
0 2 4 6 8 10
mit der effektiven Magnetonenzahl y
p Abbildung 7.3: Brillouin-Funktion BJ (y) für
p = gJ J(J + 1) . (7.44) J = 1/2, 1, 2, ∞. Der letzte Fall entspricht
der Langevin-Funktion L(y).
7
Gd3+
Pauli-Paramagnetismus
µ (µB /Ion)
5
Fe3+
Bislang haben wir nur Effekte der einzelnen Atome betrachtet und können
damit nur Isolatoren beschreiben. Nun kommen freie Elektronen und damit 3
Cr3+
Metalle hinzu. Wir hatten bereits in Kapitel 4 freie Elektronen im Magnetfeld
behandelt und die Landau-Niveaus eingeführt. Die Energie der Elektronen-
0
Zustände ist in diesem Formalismus 0 1 2 3 4
B/T (T/K)
ℏ2 2
1
E = n+ ℏωc + k ± µB B (7.45) Abbildung 7.4: Paramagnetische Antwort
2 2me z einiger Ionen im Vergleich zur Brillouin-
Funktion. Daten aus Henry, 1952.
wobei wir gs ms ≈ 1 angenommen haben. Die Niveaus spalten also je nach
Spin-Richtung der Elektronen noch einmal auf.
94 Festkörperphysik II
kann sich nur sehr wenig ändern, wenn sich das Magnetfeld ändert. Es sind
schlicht alle Zustände besetzt, so dass die Elektronen ihren Spin nicht um-
drehen können. Der Anteil der Elektronen in passender Entfernung zur Fermi-
Energie ist in etwa T /TF , so dass
1 T 1
χ∝ = = const. . (7.47)
T TF TF
Etwas genauer als diese Abschätzung ist es, wenn wir n± ausrechnen
Z ∞
1
n± = D(E ± µB B) f (E) dE (7.48)
2V 0
mit der Zustandsdichte D. Man bildet also für die Magnetisierung die Diffe-
renz der Zustandsdichte über ein kleines Energieintervall ±µB B ≪ kb T .
Dort können wir die Zustandsdichte Taylor-entwickeln und schreiben
µ2B B ∞ ∂D
Z
M = (n+ − n− )µB = f (E) dE (7.49)
V 0 ∂E
µ2 B ∞ ∂f
Z
=− B D(E) dE (7.50)
V 0 ∂E
µ2 B
≈ B D(EF ) (7.51)
V
wobei wir im zweiten Schritt partielle Integration verwendet haben. Im dritten
haben wir angenommen, dass T ≪ TF und damit die Ableitung von f
quasi eine Deltafunktion bei EF ist. Zusammen mit der Zustandsdichte freier
Elektronen erhalten wir
D(EF ) 3µ0 µ2B
χPauli = µ0 µ2B =n = const. . (7.52)
V 2kb TF
Die überschlägige Abschätzung zuvor war also nicht so schlecht. Nur der
Faktor T /TF ist der Unterschied zu Gl. 7.43. Auch bei höheren Temperaturen,
wenn die Näherung als Delta-Funktion nicht mehr ganz so gut ist, ändert sich
wenig. Insbesondere bleibt die Suszeptibilität temperaturunabhängig.
Landau-Diamagnetismus
Der Vollständigkeit halber soll nicht unerwähnt bleiben, dass auch freie
Elektronen Diamagnetismus zeigen. In Kapitel 4 hatten wir bereits gesehen,
dass die innere Energie eines freien Elektronengases periodisch mit dem
Magnetfeld variiert und deswegen diverse von der inneren Energie abge-
leitete Größen ebenfalls. Für die Magnetisierung ist dies der de Haas-van
Alphén-Effekt. Die damit verbundene Suszeptibilität ist gerade −1/3 des
Pauli-Paramagnetismus. Weil beides ja immer zusammen auftritt, beobach-
tet man effektiv 2/3 χPauli . Die effektive Masse der Elektronen m⋆ geht als
zusätzlicher Faktor (me /m⋆ )2 ein.
Magnetismus 95
Magnetische Ordnung
Zur Selbstkontrolle
1. Suchen Sie in Lehrbüchern oder im Internet nach grafischen Darstellungen magne-
tischer Ordnung und sortieren Sie diese in obigen Kategorien ein.
Austauschwechselwirkung
Nun nehmen wir den Spin der Elektronen hinzu. Damit die Gesamt-Wellenfunktion
antisymmetrisch ist, muss die symmetrische Wellenfunktion Ψ+ eine anti-
symmetrische (Singulett, S = 0) Spin-Wellenfunktion besitzen. Ebenso muss
Ψ− ein Triplett-Zustand (S = 1) sein. Die Unterscheidung kann man mit den
Einzel-Spin-Operatoren si des i-ten Elektrons schreiben. Durch Ausmultiplizie-
ren von S 2 = (s1 + s2 )2 findet man, dass
(
s1 · s2 − 34 für Singulett S=0
= . (7.56)
ℏ2 + 41 für Triplett S=1
Damit können wir die Gesamtenergie kompakt schreiben als
1 s1 · s2
Ĥ = (E+ + 3E− ) − JA . (7.57)
4 ℏ2
Wenn JA positiv ist, dann sind Triplett-Zustände energetisch bevorzugt, also
eine parallele Anordnung der Spins wie im Ferromagnetismus. Bei negativen
JA spricht man von antiferromagnetischer Kopplung.
Die Summe läuft dabei so, dass alle Paare von Indizes i und j einmal genom-
men werden. Man nimmt an, dass die magnetischen Dipole auf einem Gitter
angeordnet sind, und der Index den Gitterplatz bezeichnet. Die Austausch-
Konstante JA ij
hängt dann beispielsweise vom räumlichen Abstand der
Gitterplätze i und j ab.
Das Ising-Modell nimmt wieder Elektronen-Spins als Drehimpuls-artige
Größe, erlaubt also nur die Möglichkeit ’up’ und ’down’. Dadurch wird das
Skalarprodukt von Vektoren in Gl. 7.58 eine Multiplikation von Skalaren.
Molekularfeldnäherung
mit dem mittleren Drehimpuls ⟨Sj ⟩ aller Nachbarn. Wir gehen zu makroskopi-
schen Größen über, indem wir dies umschreiben als Produkt der Magnetisie-
rung M und des magnetischen Momentes µ via
⟨Sj ⟩ Si
M = −n gJ µB und µi = −gJ µB (7.60)
ℏ ℏ
und erhalten
Ja
Ei = −z µi · M = −µi · BA (7.61)
n gJ2 µ2B
mit dem Molekularfeld BA und der Molekularfeld-Konstante γ
z Ja
BA = M = µ0 γ M . (7.62)
n gJ2 µ2B
Ferromagnetismus
In der Molekularfeldnäherung ist das effektive Feld in der Probe die Summe
aus dem extern angelegten Feld und dem Molekularfeld
nur dass für y jetzt Beff statt B verwendet wird. Leider erscheint M auf
M/MS
beiden Seiten des Gleichheitszeichens. Wir lösen das grafisch, indem wir 0.5
beides
Bei Bext = 0 hängt es von der Steigung der beiden Kurven ab, ob diese 1
sich schneiden. Bei hohen Temperaturen T > TC ist Gl. 7.65 steiler als die
M/MS
Asymptote an Gl. 7.66 und nur der triviale Schnittpunkt bei M = 0 bleibt.
0.5
Es gibt also spontane Magnetisierung nur unterhalb einer bestimmten Tem-
peratur. Die charakteristische Temperatur TC nennt man ferromagnetische
Bext = 0
Curie-Temperatur 0
0 2 4
µ0 gJ2 J(J + 1)µ2B y
TC = nγ = γC (7.67)
Abbildung 7.5: Grafische Bestimmung der
3kb
Magnetisierung eines Ferromagneten.
mit der Curie-Konstanten C.
Bei angelegtem externen Feld Bext > 0 findet sich immer ein Schnitt-
punkt, also eine von Null verschiedene Magnetisierung, unabhängig von der
Temperatur. Das unterscheidet sich nicht von einem Paramagneten. Aus
χ ≈ µ0 M/Bext erhält man im paramagnetischen Bereich T > TC das
Curie-Weiss’schen Gesetz der magnetischen Suszeptibilität
C
χ= . (7.68)
T − TC
98 Festkörperphysik II
Ferrimagnetismus Der Name wurde durch Louis Néel bei der Beschreibung
des Magnetismus von Ferriten (eine Form der Eisen-Oxyde) geprägt. In diesen
Materialien sind die beiden Untergitter nicht identisch. Es gibt zweimal soviel
B-Gitterpunkte wie A-Gitterpunkte, und beide Gitter sind durch unterschiedli-
che Atome besetzt. Wir beschreiben die magnetischen Eigenschaften jedes
Untergitters durch seine Curie-Konstante CA,B (Gl. 7.67). Analog zu Gl. 7.67
ergibt8 sich dann eine ferrimagnetische Curie-Temperatur 8
siehe Gross und Marx, 2023
p
TC = |γAB | CA CB (7.71)
χ
sen und so die kritische Temperatur Θ bestimmen. Falls Θ = 0, so ist das
Material ein Paramagnet. Falls Θ > 0, dann liegt ein Ferromagnet vor und
TC = Θ. Falls Θ < 0, dann ist es ein Antiferromagnet und TN = −Θ.
Θ T
Abbildung 7.6: Temperaturabhängigkeit
Neutronenstreuung der Suszeptibilität χ für Paramagnete
(fett), Ferromagnete (obere Kurven) und
Antiferromagnete (untere Kurve). Unterhalb
Neutronenstreuung ist die Methode der Wahl, um magnetische Ordnung von T = Θ liegt die geordnete Phase
zu detektieren. Die (de Broglie-) Wellenlänge ist viel kleiner als der Gitter- des (Anti-)Ferromagnets vor. Oberhalb sind
abstand. Beugung am Kristall-Gitter ist also möglich. Gleichzeitig hat das beide paramagnetisch.
Neutron auch einen Spin 1/2, d.h. es wechselwirkt mit den magnetischen
Momenten. Es gibt im Beugungsmuster also nicht nur einen Beitrag der Ker-
ne des Gitters, sondern auch der Elektronen, wenn diese ein magnetisches
Moment besitzen. Beide Effekte addieren sich.
Im Experiment10 von Shull11 , Strauser und Wollan, das in Abbildung 7.1 ge- Shull, Strauser und Wollan, 1951.
10
zeigt ist, wurden Neutronen an MnO gebeugt. Oberhalb der Néel-Temperatur Clifford Glenwood Shull, 1915–2001,
11
Nobelpreis 1994
ist das Material paramagnetisch. Man findet Peaks entsprechend dem Mn–
Mn Abstand von 4.43 Å bei einer NaCl-Kristallstruktur (fcc).
Unterhalb der Néel-Temperatur stellt sich antiferromagnetische Ordnung
ein. Die magnetischen Momente der Mangan-Ionen sind alternierend antipar-
allel orientiert. Der Streuquerschnitt der magnetischen Neutronenstreuung
hängt von der Orientierung der Spins relativ zur Bahnebene der Neutronen
ab. Daher erscheinen nun die Mn-Ionen unterschiedlich und das Gitter wird
effektiv doppelt so groß mit a0 = 8.85 Å. Die zusätzlichen Peaks können
in der neuen Gitterkonstante indizierter werden, in der alten benötigten sie
halbzahlige Indizes.
Man erkennt in Abbildung 7.1 auch, dass die neu hinzukommenden Peaks
in der Amplitude mit steigendem Streuwinkel θ kleiner werden. Eine solche
Winkelabhängigkeit im Formfaktor gibt es bei Streuung an den Kernen nicht.
Die Winkelabhängigkeit ergibt sich aus der Fourier-Transformation der räum-
lichen Verteilung der Streudichte. Bei den Kernen ist diese stark lokalisiert, Abbildung 7.7: Kristallstruktur von MnO. In
nach Fourier-Transformation also quasi konstant. Bei den Elektronen ist dies der antiferromagnetischen Phase sind die
Spins der Mangan-Ionen entweder parallel
nicht mehr der Fall. Der Amplitudenabfall spiegelt also die Ausdehnung der (rot) oder antiparallel (grün) zur Feldrichtung
Elektronenwolke um das Mn-Ion wider. orientiert. Die Sauerstoff-Ionen (grau)
tragen nicht zum Signal bei. Bei höheren
Temperaturen verschwindet die Spin-
Orientierung. Die Unterscheidung zwischen
rot und grün fällt weg. Die Einheitszelle wird
dadurch kleiner.
100 Festkörperphysik II
Zusammenfassung
Schreiben Sie hier ihre persönliche Zusammenfassung des Kapitels auf. Kon-
zentrieren Sie sich auf die wichtigsten Aspekte und die am Anfang genannten
Ziele des Kapitels.
Literatur
Ziele
• Sie können die Quasiteilchen Phonon, Plasmon und Exziton sowie die
zugehörigen Polaritonen benutzen, um optische Eigenschaften von Fest-
körpern wie die unten dargestellte Messung zu erklären.
80 ωL
(2) Abbildung 8.1: Dispersion der Phonon-
Polaritonen in Bi4Ti3O12, gemessen via THz-
Spektroskopie. Für bestimmte Frequenzen
Wellenzahl ν̃ (cm−1 )
(2)
ωT
60 (grau unterlegt) können elektromagnetische
Wellen nicht in diesem Medium propagieren.
Die Dispersionsrelation ergibt sich aus der
40 ωL
(1) Kopplung von freier elektromagnetischer
Strahlung (diagonal, strichliert) mit opti-
(1) schen Phononen (waagerecht, grau). Daten
ωT
20 aus Kojima u. a., 2003.
0
0 500 1,000 1,500 2,000 2,500 3,000
Wellenvektor k (cm−1 )
Überblick
Das verbindende Thema dieses Kapitels ist die Wechselwirkung von Festkör-
pern mit elektromagnetischer Strahlung, also die optischen Eigenschaften
der Materie. Genauso gut hätte man das Kapitel auch ’Quasiteilchen’ oder
’Quasiteilchen aus Quasiteilchen’ nennen können. Wir werden neben den Pho-
nonen noch zwei weitere Quasiteilchen einführen, und diese dann jeweils mit
Photonen zu einem neuen Teilchen verbinden. Wir gehen hier beim Photon
analog zum Kristall-Elektron vor, in das wir die Wechselwirkung mit dem Feld
der Kerne projiziert hatten.
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102 Festkörperphysik II
Wiederholung
Lokales Feld Ein externes elektrisches Feld Eext verschiebt die umgebenden
Ladungen und ändert so das lokale Feld Eloc an dem Ort, der uns eigentlich
interessiert. Dies wird durch die Lorentz-Beziehung beschrieben und mündet
in der Clausius-Mossotti-Beziehung.
Messbare Größen Wir diskutieren die Phänomene oft im Rahmen der kom-
plexwertigen dielektrische Funktion ϵ(ω). Messbar ist aber eigentlich der
(komplexwertige) Brechungsindex ñ(ω), die Reflektivität R bei senkrechtem
Einfall und der Absorptionskoeffizient K. Schauen Sie sich die Zusammen-
hänge noch einmal an.
Lokales Feld
Wir gehen noch etwas auf das lokale Feld in einer Probe ein. In der Lorentz-
Methode werde alle Moleküle zusammen als ein homogenes Medium mit der
dielektrischen Konstante ϵ angesehen. Aus diesem Medium schneidet man
eine Kugel aus, die gerade das einzelne, zu betrachtende Molekül oder Atom
umschließt. In die so entstandene Aushöhlung setzt man das Molekül in Va-
kuum. Das externe elektrische Feld induziert eine Polarisation P , nur kennen
Optische Eigenschaften 103
Optische Phononen
Wir komprimieren dies auf eine Gleichung für den Abstand der Ebenen u =
u1 − u2
µü + µω02 u = qEloc . (8.7)
Diese Bewegung u ist mit Ladung verknüpft und bewirkt so eine sich ändern-
de Polarisation P , die wiederum auf das lokale elektrische Feld wirkt. Mit der
Dichte n der Ionen-Paaren ist die Polarisation aufgrund der Ionen selbst
mit der Polarisierbarkeit der Ionen αion . Weiter unten werden wir diese
Polarisierbarkeit im statischen Grenzfall benötigen, also für Frequenzen
gegen Null. Dazu lösen wir zunächst nach αion auf, und setzen dann die
Lösung der Differentialgleichung für ω = 0 ein, um u zu entfernen. Das ergibt
qu q2
αion (0) = = . (8.9)
ϵ0 Eloc ϵ0 ω02 µ
104 Festkörperphysik II
Nun fehlt noch ein Ausdruck für den Zusammenhang zwischen Polarisati-
on P und lokalem elektrischen Feld Eloc . Dazu betrachten wir hier zunächst
Eigenschwingungen, legen also kein externes Feld an. Im nächsten Abschnitt
kommt dann das externe Feld hinzu.
Das Schwingungsmuster der Ionen im Kristall wird durch die Phasenfron-
ten der ebenen Wellen bestimmt. Wir betrachten nun eine dünne Scheibe des
Kristalls, die parallel zur Phasenfront, also senkrecht zum Wellenvektor ist.
Die Eigenfrequenz optischer Phononen spaltet sich also in der Nähe von
k ≈ 0 auf in zwei verschiedene Werte für die transversale und longitudinale
Mode, wenn die sich bewegenden Massen geladen sind. Dann erzeugen diese
Ladungen nämlich eine Polarisation, die durch ein lokales Feld zurückwirkt
auf die Ladungen selbst. Diese Rückwirkung hängt von der Orientierung
der Polarisation relativ zur Phasenfront ab. Dies macht die rückstellende
Feder effektiv weicher bzw. härter. Optische Phononen ungeladener Massen
beispielsweise in Gittern mit zweiatomiger Basis aber nur einer Atomsorte
zeigen diese Aufspaltung nicht.
Lyddane-Sachs-Teller-Relation
Die Terme für die beiden neuen Eigenfrequenzen sind sehr ähnlich. Das
Verhältnis ωL
2
/ωT2 ist
2
−1
ωL n [αel (0) + αion (0)] nαel (0)
= 1+ 1+ . (8.18)
ωT2 1 − 13 n [αel (0) + αion (0)] 1 − 31 nαel (0)
nα
ϵ=1+ (8.19)
1 − 13 nα
und unterscheiden sich nur darin, dass im zweiten der Beitrag αion (0) fehlt.
Wir identifizieren also den ersten Term als dielektrische Funktion bei der
Frequenz 0, also ϵ(0). Für Frequenzen im sichtbaren Spektralbereich, also
oberhalb der der optischen Phononen (ω ≫ ω0 ), trägt die ionische Polari-
sierbarkeit nicht mehr bei. Die schweren Kerne können dem Feld nicht mehr
folgen. Diese Frequenz ist aber immer noch klein gegen die Eigenfrequenz
der Elektronenwolke im Ultravioletten, so dass αel (0) immer noch gerecht-
fertigt ist. Wir identifizieren den zweiten Term also mit der dielektrischen
Funktion im Sichtbaren ϵ(ωs ). Damit erhalten wir die Lyddane-Sachs-Teller-
Relation (LST-Relation)
2
ωL ϵ(0)
2 = . (8.20)
ωT ϵ(ωs )
Da ϵ(ωs ) ≈ 1 bedeutet ein kleines ωT ein sehr hohes ϵ(0). Für PbTe wird
beispielsweise ϵ(0) ≈ 1500 erreicht.
1
Eloc = Eext + P (8.21)
3ϵ0
106 Festkörperphysik II
1 1 2 31 nαion (0)
Eloc = E ext + µω . (8.22)
1 − 13 nαel q 0 1 − 31 nαel
In der Differentialgleichung verbleibt damit ein treibender Term mit Eext und
man bekommt die Lösung
q 1 1
u= 1 2 Eext (8.23)
µ 1 − 3 nαel ωT − ω 2
nq 2 1 1 ωT2 ω2
χion = 1 2 2 2
= χion (0) 2 T 2 . (8.25)
ϵ0 µ 1 − 3 nαel ωT ωT − ω ωT − ω
wobei wir im ersten Schritt die Definition von ϵ(ωs ) = 1 + χel (0) und im zwei- (ω) (0) (ωs )
0
ten die Lyddane-Sachs-Teller-Relation ausgenutzt haben. Die dielektrische <()
Funktion ϵ(ω) hat zwei Nullstellen, bei ω = ωT und bei ωL . Dazwischen ist 1
R(ω)
2
− ωT2
ωL
ϵ(ω) = ϵ(ωs ) 1 + 2 . (8.29) 0.5
ωT − ω 2 − iΓω
Abbildung 8.2 zeigt den Real- und Imaginärteil. Die Beschreibung ändert sich
ωT
nicht wesentlich. Wir erhalten einen stark absorbierenden Bereich bei ωT und
0
die Reflektivität in der Reststrahlenbande ist nicht perfekt. 200 250
Typische Werte von ωL und ωT liegen bei einigen 1013 Hz, also im Infra- Wellenzahl ν̃ (cm−1 )
roten. Man kann die hohe und spektral schmale Reflektivität der optischen Abbildung 8.3: Reflektivität von InAs bei
Phononen ausnutzen, um sie als selektive Spiegel zu verwenden. Nach mehr- T = 4 K im Vergleich zum Modell. Daten
aus Yu und Cardona, 2010
facher Reflektion an solch einem Material wird ein ursprünglich breites infra- 4
siehe Gross und Marx, 2023 und Yu und
rotes Schwarzkörper-Spektrum spektral schmal. Diese Reststrahlen hat man Cardona, 2010
früher zur Spektroskopie anderer Materialien verwendet.
Optische Eigenschaften 107
Phonon-Polariton
Wir wollen die Ausbreitung von Licht in einem Ionen-Kristall noch etwas
genauer betrachten und dabei ein weiteres Quasiteilchen einführen, das
Polariton, genauer das Phonon-Polariton. Die Dispersionsrelation von Licht in
einem Medium mit der dielektrischen Funktion ϵ(ω) ist
c0
ω = ck = p k . (8.30)
ϵ(ω)
Wir setzen für ϵ(ω) den dämpfungsfreien Ausdruck Gl. 8.27 ein und quadrie-
ren der Einfachheit halber
ωT2 − ω 2
ω2 = 2 2
2 − ω 2 ) c0 k . (8.31)
ϵ(ωs )(ωL 3
Abbildung 8.4 zeigt die Dispersionsrelation ω(k). In der Reststrahlenbande
Beispiel: Bi4Ti3O12
Als Beispiel für Phonon-Polaritonen ist in Abb. 8.1 am Anfang des Kapitels
Bismut-Titanat (Bi4Ti3O12) gezeigt. Die Dispersionsrelation von Photonen ω ∝
k ist, im Vergleich zu Phononen, sehr steil, weil die Wellenlänge viel größer
als die Gitterkonstante ist. Die Abbildung zeigt also nur einen Ausschnitt in
der Nähe von k ≈ 0.
Um die Dispersionsrelation experimentell zu bestimmen muss man ei-
gentlich nur nach Gl. 8.30 die dielektrische Funktion ϵ(ω) kennen, bzw. den
√
Brechungsindex n = ϵ. Allerdings ist der Realteil, der dispersive Teil des
Brechungsindex relevant, nicht die Absorption, die durch den Imaginärteil
beschrieben wird. Der interessante Frequenzbereich ist im Infraroten, bei
ω ≈ 1 THz bzw. einer Wellenzahl ν̃ = 50cm−1 . Kojima et al. verwenden
darum THz-Spektroskopie.
Ein gepulster Laser (100 fs Pulsdauer, 780 nm Wellenlänge, entspricht
385 THz) erzeugt über einen nichtlinearen optischen Prozess infrarote Strah-
108 Festkörperphysik II
lung einer Frequenz von etwa 1 THz. Bei dieser Frequenz ist die Wellenlänge
so lang, dass innerhalb der Pulslänge quasi nur eine Oszillation des elektri-
schen Feldes stattfindet. Dieser THz-Puls wird durch die Probe geleitet und
dann durch den inversen nichtlinearen Prozess abgetastet. Besonders dabei
ist, dass so das Feld E(t) und nicht die Intensität I(t) ∝ |E(t)|2 des trans-
mittierten THz-Pulses bestimmt werden kann. Durch Fourier-Transformation
erhalt man
E(ω) = |E(ω)|eiϕ(ω) (8.32)
und daraus die Phasendifferenz ϕ(ω) des Wegs durch die Probe verglichen
mt Vakuum (siehe Abbildung 8.5). Diese beinhaltet gerade die Zeitverzöge- 60
rung der Transmission durch die Probe, also den Brechungsindex, und so
k(ω):
Phase φ (rad)
40
2π 2π ω
ϕ= d− d = k(ω) − d . (8.33)
λ λ0 c0
20
In Abbildung Abb. 8.1 ist also ω über k(ω) aufgetragen.
Das eingezeichnete Modell ist in Wesentlichen Gl. 8.31, nur dass be-
rücksichtigt werden muss, dass zwei optische Phonon-Moden in Bi4Ti3O12 0
0 20 40
existieren. Die Dispersionsrelation ist dann Wellenzahl ν̃ (cm−1 )
(1)
2
(2)
2 Abbildung 8.5: Phase des durch die Probe
c 2 2
k ωT − ω2 ωT − ω2 transmittierten THz-Feldes.
2 0
ω = · 2 · 2 . (8.34)
ϵ(ωs ) (1) (2)
ωL − ω2 ωL − ω2
Wir können die freien Elektronen in Metallen analog zu den optischen Pho-
nonen beschreiben. Da bei freien Elektronen die Rückstellkraft Null ist ver-
schwindet ωT . Die Rolle von ωL übernimmt hier die Plasma-Frequenz ωP .
Der konstante Beitrag der gebundenen Elektronen wird hier ϵ∞ genannt.
Damit wird Gl. 8.29 zu
!
ωp2
ϵ = ϵ∞ 1 − . (8.35)
ω(ω + iγ)
Für kleine Dämpfung bzw. genügend hohe Frequenzen kann der Imaginärteil
40
vernachlässigt werden =()
20
! ∞
ωp2
(ω)
ϵ ≈ ϵ∞ 1 − 2 . (8.36) 0
ω
−20 <()
Für Frequenzen ω < ωP ist auch hier ϵ negativ und somit die Reflektivität 1
R(ω)
führen.
Optische Eigenschaften 109
Intensität
nalen Welle. Das bedeutet, dass wir alle Leitungs-Elektronen gleichförmig um
die Distanz s in Richtung Plattenoberseite auslenken. Da die positiv gelade-
nen Atom-Rümpfe stehen bleiben, ergibt sich oben eine Flächenladung
0 20 40
ρA = −n e s (8.37)
Energieverlust ∆E (eV)
und unten gerade die gegenteilige Ladung. Dadurch entsteht ein elektrisches Abbildung 8.7: Energieverlust eines Elektro-
Feld nenstrahls beim Durchgang durch Al. Daten
nes aus Powell und Swan, 1959.
E= (8.38)
ϵ∞ ϵ0 1
Reflektivität R
Elektronen ist also 0.5
ne2
m⋆ s̈ + s=0 (8.39)
ϵ∞ ϵ0
mit der Eigenfrequenz ωP
0
s 0 1000 2000
ne2 Wellenzahl ν̃ (cm−1 )
ωP = . (8.40)
ϵ∞ ϵ0 m⋆ Abbildung 8.8: Reflektivität von verschieden
stark n-dotieren InSb. Daten aus Spitzer und
Dies ist die charakteristische Frequenz aus Gl. 8.35. Bei dieser Resonanz Fan, 1957.
bewegen sich alle freien Elektronen kollektiv in Phase, ähnlich zu den Atom-
rümpfen bei den Phononen. Die Anregung ist wiederum quantisiert und
die Quanten werden Plasmon genannt. Plasmonen sind Longitudinalwel-
len und dadurch, zumindest in der hier beschriebenen Form der Volumen-
Plasmonen, nicht durch Licht anregbar. Sie wechselwirken aber mit den
Elektronen eines Elektronenstrahls, beispielsweise in einem Transmissions-
Elektronenmikroskop. Dadurch entsteht ein charakteristischer Energieverlust
im Elektronenstrahl, der spektroskopiert5 werden kann. Abb. 8.7 zeigt ein sol- 5
electron energy loss spectroscopy, EELS
ches Energie-Verlust-Spektrum. Man sieht den Peak beim Volumen-Plasmon 3
(15.3 eV) und das unten eingeführte Oberflächen-Plasmon bei 10.8 eV.
rel. Frequenz ω/ωP
denen das Feld also exponentiell mit dem Abstand abfällt. Die Rechnung ist
beispielsweise in Maier, 2007 dargestellt.
Hier will ich es kürzer machen. Die Resonanz des Volumen-Plasmons ha-
ben wir oben bei der Frequenz ωP gefunden, bei der gerade die dielektrische
Funktion des Metalls ϵ(m) nach Gl. 8.35 Null wurde, also
Bei einer Oberfläche sollte aber auch die dielektrische Funktion des anderen,
dielektrischen Halbraums eingehen. Es verwundert darum nicht, dass die
Bedingung für die Oberflächen-Plasmon-Resonanz ist
Bei einem Dielektrikum ändert sich ϵ(d) nur sehr langsam mit der Frequenz.
Wir nehmen es hier als konstant an. Wenn wir die dämpfungsfreie metalli-
sche dielektrische Funktion einsetzen finden wir
ωP
ωSP = p . (8.43)
1 + ϵ(d) /ϵ∞
Die Dispersionsrelation lautet
r 1.5
ϵ(m) + ϵ(d)
ω = kc0 . (8.44)
was
ωP
ωP P = p (8.46)
1 + 2ϵ(d) /ϵ∞
ergibt. Eine Dispersionsrelation macht bei einem punktförmigen System kei-
nen Sinn mehr. Das Streu-Spektrum ist durch die Rayleigh-Streuung gegeben
2
8πc40 ω 4 6 ϵ(m) − ϵ(d)
σscat (ω) = R , (8.47)
3 ϵ(m) + 2ϵ(d)
die wie erwartet eine Resonanz bei ωP P zeigt.
Exzitonen in Halbleitern
Bereits bei der Einführung der Halbleiter hatten wir das Absorptionsspektrum
besprochen und den Absorptionskoeffizient Gl. 5.8
gefunden. Die Absorption sollte also mit der Bandkante einsetzen und steil
ansteigen.
Optische Eigenschaften 111
Absorption
wir ja die Ein-Elektron-Näherung verwendet, also insbesondere Wechsel-
wirkungen und Korrelationen zwischen Elektronen vernachlässigt. In dieser
Näherung gibt es Exzitonen nicht.
Man unterscheidet stark gebundene Exzitonen, sogenannte Frenkel- 0
Exzitonen, und schwach gebundene Wannier-Mott-Exzitonen. Der erste Fall 1.5 1.52 1.54 1.56
Energie (eV)
tritt vorwiegend bei organischen Halbleitern mit kleiner dielektrischer Funk-
Abbildung 8.11: Absorption
p von GaAs bei
tion auf. Hier sind Elektron und Loch am gleichen Gitterpunkt (= Molekül). 21 K, im Vergleich zum E − Eg -Modell.
Bei anorganischen Halbleitern ist die dielektrische Abschirmung zwischen Daten aus Sturge, 1962.
Elektron und Loch viel größer (ϵ ≈ 10), so dass die Bindung schwächer
ist, typischerweise einige meV. Hier betrachten wir nur die Wannier-Mott-
Exzitonen.
Nun erlauben wir also eine Coulomb-Wechselwirkung zwischen Elektronen
E
und Löchern. Die Konsequenzen sind wie beim Wasserstoff-Atom oder bei
der Dotierung: Elektron und Loch kreisen um den gemeinsamen Schwerpunkt.
Die Aufteilung Relativ- und Schwerpunkt-Koordinaten liefert die Energien
1 µ⋆ e4 1 ℏ2 K 2
En,K = Eg − Ex + Ekin = Eg − + (8.49) k
2 (4πϵϵ0 ) ℏ n
2 2 2 2(m⋆e + m⋆h )
Zusammenfassung
Schreiben Sie hier ihre persönliche Zusammenfassung des Kapitels auf. Kon-
zentrieren Sie sich auf die wichtigsten Aspekte und die am Anfang genannten
Ziele des Kapitels.
Literatur
Nanostrukturen
Markus Lippitz
15. Juli 2025 ωSP
Ziele
0.5
0
−20 −15 −10 −5 0 5 10 15 20
Verzögerung τ (ns)
Überblick
In den letzten Kapiteln haben wir Festkörper besprochen, die in drei oder zu-
mindest zwei Dimensionen unendlich ausgedehnt sind. Hier sollen Strukturen
niedrigerer Dimension besprochen werden, nämlich null- oder eindimensiona-
le Nanostrukturen. Das findet natürlich weiterhin in einem dreidimensionalen
Raum statt, so dass die Ausdehnung in zwei oder drei Raumrichtungen ’klein’
ist. Was als ’klein’ gilt hängt vom betrachteten Phänomen ab, das eine cha-
rakteristische Längenskala besitzt. Typischerweise sind dies hier etwa 1 bis
100 nm.
Wir werden optische und elektronische Eigenschaften diskutieren, die
durch die niedrige Dimensionalität verursacht werden. In anderen Fällen spie-
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Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International” Lizenz.
114 Festkörperphysik II
len die Atome an der Oberfläche der Nanostruktur eine besondere Rolle, weil
diese zum Beispiel weniger stark gebunden sind, oder weil sie besonders gu-
te Katalysatoren sind. Bei Nanostrukturen gibt es besonders viel Oberfläche:
Nsurface 3a
≈ (9.1)
Ntotal R
mit der Gitterkonstanten a und dem Kugelradius R. Bei einer Kugel von
R = 1 nm sind etwa 50 % der Atome an der Oberfläche!
Zweidimensionales Elektronengas
Vergleich zu Abb. 9.2 tiefer in der Probe liegenden Bereich eine Art Platten-
kondensator, mit dem die Energie der Elektronen im 2DEG angehoben oder
abgesenkt werden kann. Insbesondere kann so an manchen Positionen das
2DEG komplett über das Fermi-Niveau angehoben also beseitigt werden. Auf
diese Wiese können beliebige Drähte, Punkte und Kontakte aus dem 2DEG
ausgeschnitten werden.
ℏ2 k 2
Eges = Eij + und Ψ(x, y, z) = Ψij (x, y) eikz . (9.2)
2m
Das hatten wir bereits völlig analog in Kapitel 4 im Zusammenhang mit den
Landau-Zylindern gesehen, nur dass dort die Quantisierung in xy-Richtung
durch das Magnetfeld bewirkt wurde. Die Dispersionsrelation ist darum
ebenfalls eine Schar von um Eij versetzte Parabeln und die Zustandsdichte
s
2 L X 2m 4L X 1
D(E)(1) = Θ(E − Eij ) = Θ(E − Eij )
ℏ 2π ij E − Eij h ij vij
(9.3)
mit der Gruppengeschwindigkeit vij
r
∂ω 2
vij = = (E − Eij ) . (9.4)
∂k m
In einer Dimension ist die Zustandsdichte also reziprok zur Gruppenge-
schwindigkeit und divergiert bei den Eij . Diese charakteristische Form der
Zustandsdichte kann man beispielsweise durch Tunnelspektroskopie in
Kohlenstoff-Nanoröhrchen (CNT) nachweisen.
Dadurch stoßen die Elektronen im Draht nicht. Jedes Elektron, dass links
eintritt, verlässt den Draht recht mit Sicherheit. Dies nennt man ballistischen
Transport. Wegen der fehlenden Streuung sind die Elektronen auf ihrem Weg
durch den Draht auch nicht im thermischen Gleichgewicht. Sie behalten
daher die Fermi-Energie des Reservoirs, von dem sie stammen, und die
116 Festkörperphysik II
RK = 25 812.807 . . . Ω . (9.8)
Zur Bestimmung von RK bzw. 2e2 /h braucht es also kein hohes Magnet-
feld. Ein eindimensionaler Leiter reicht aus. Weil ohne Magnetfeld aber die
Spins entartet sind, tritt ein zusätzlicher Faktor 2 in Gl. 9.7 auf. Wenn die
Wahrscheinlichkeit der Transmission eines Elektrons durch den Draht nicht
Leitfähigkeit G (2e2 /h)
10
genau eins sondern T ist, also Elektronen auch an den Kontrakten reflektiert
werden, dann ist der Widerstand
RK 5
R= . (9.9)
2T
0
−2 −1.5 −1
Resonantes Tunneln
Gate-Spannung Ug (V)
Abbildung 9.3: Quantisierung der Leitfä-
Bislang war der eindimensionale Leiter an beiden Enden ideal kontaktiert. higkeit in einem dünnen Kanal. Daten aus
Nun nehmen wir an, dass die Kontakte durch Tunneln von Elektronen durch Van Wees u. a., 1988
beispielsweise eine dünne Oxidschicht gebildet werden. In diesem Abschnitt
nehmen wir wie oben an, dass die Elektronen im dünnen Draht nicht streuen,
also durch eine kohärente Wellenfunktion beschrieben werden können. Da
Wellenfunktionen und elektromagnetische Wellen sich sehr ähnlich verhalten
ist der Weg und das Ergebnis identisch zum Fabry-Perot-Interferometer.
Wir beschreiben das Tunneln der Elektronen durch die dünne Isola-
torschicht durch einen komplexwertigen Transmissionskoeffizienten ti
(i = 1, 2) der Wellenfunktion. Analog gibt es einen komplexwertigen Refle-
xionskoeffizient ri . Da aber nicht Amplituden von Wellenfunktionen, sondern
nur deren Quadrate physikalische Bedeutung haben, gilt nicht rt + ti = 1,
sondern
|ri |2 + |ti |2 = 1 . (9.10)
Nanostrukturen 117
Wir setzen die Amplitude der von links einlaufenden Welle auf eins. Die direkt
durch beide Barrieren transmittierte Welle hat die komplexwertige Amplitude
wobei ϕ die Phase aufgrund der Propagation beschreibt. Nun kann die Welle
nicht nur direkt transmittiert werden, sondern zusätzlich auch noch zuerst
an der zweiten und dann an der ersten Barriere reflektiert werden, was einem
zusätzlichen Umlauf entspricht. Ebenso gibt es Pfade mit zwei, drei, vier etc.
Umläufen. Jeder Pfad beinhaltet also n Reflektionen an jeder Barriere und
eine Transmission durch jede Barriere. In Summe ist das also
|t1 |4
T (ϕ⋆ = 2πn) = =1 . (9.15)
(1 − |r1 |2 )2
Obwohl die Transmission durch jede einzelne Barriere mit einer Wahrschein-
lichkeit (deutlich) kleiner als Eins erfolgt, ist die Transmission durch beide
Barrieren zusammen perfekt. Dies nennt man resonantes Tunneln.
Die Resonanzbedingung
Resonante Tunneldiode
Für das resonante Tunneln war es nicht notwendig, dass das Material zwi-
schen den beiden Tunnel-Kontakten eindimensional ist. Es muss nur kurz
genug sein, damit die Quantisierung von k relevante Energien liefert. Und es
muss kalt und störstellenfrei sein, damit sich eine kohärente Wellenfunktion
ausbildet.
118 Festkörperphysik II
eU 2Ei
= Ei bzw. U = . (9.17)
2 e
Ableitung von Spannung nach Strom (daher ’differentiell’) ist hier negativ.
Dies kann benutzt werden, um interne Widerstände in Oszillator-Schaltkreisen 0
mit der Ladung Q, der Kapazität C und dem Potential am Boden des Topfes
UG (wie Gate-Spannung). Wir zählen die Elektronen (Q = N e) und ignorieren
alle Terme, die von N unabhängig sind. Damit erhalten wir
2
e2
CUG
E(N ) = Ec N− mit Ec = . (9.19)
e 2C
Wir finden also wieder eine Sequenz von diskreten Zuständen auf der Insel.
Damit deren energetische Abstand relevant wird, muss die Kapazität C klein
genug (≈ 1 fF) und die Temperatur niedrig genug (≈ 1 K) sein. Das erreicht
man mit metallischen Inseln von etwa 100 nm Größe. Die charakteristische
Energie Ec liegt dann bei etwa 100 µeV.
Der Effekt ist rein klassisch. Wenn bereits eine passende Anzahl Elek-
tronen auf der Insel sind, dann liegt der nächste Zustand höher als die
Fermi-Energie der Zuleitungen und kann nicht erreicht werden. Die Elek-
tronen blockierten sich gegenseitig durch Coulomb-Abstoßung. Auf diese
Weise kann man beispielsweise Elektronen zählen, in dem man schrittweise
die Gate-Spannung Ug und damit die zugänglichen Zustände auf der Insel
verändert.
Als zweite Kategorie von Experimenten sollen hier die optischen Eigenschaf-
ten von Quantenpunkten besprochen werden. Quantenpunkte sind quasi
nulldimensionale Einschlüsse eines Halbleiters mit einer kleinen Bandlücke in
einer umgebenden Matrix, die aus einem Halbleiter mit größeren Bandlücke
gebildet wird. Dadurch erhält man ein ’Teilchen im Kasten’ für elektronische
Zustände. Die Herstellung erfolgt durch Epitaxie, also der Abscheidung eines
kristallinen Films auf einem kristallinen Substrat. Dazu wird ein Substrat,
typischerweise der ’äußere’ Halbleiter, in einem sehr guten Vakuum (UHV,
10−9 Pa) mit dem anderen Halbleiter bedampft. Es bildet sich ein wenige
Atomlagen dicker Film, der auf verschiedene Weisen die Oberfläche benetzt.
Je nach Oberflächen- und Grenzflächenspannung unterscheidet man drei
Fälle:
Sowohl die Bandlücke als auch die Gitterkonstante von Halbleitern unter-
scheiden sich. Wir betrachten hier Systeme aus AlAs und GaAs. Beide haben
eine ähnliche Gitterkonstante aber eine andere Bandlücke: 1.42 eV (GaAs)
protec�ve layer antenna
bzw 2.16 eV (AlAs). Durch die Zusammensetzung x in AlxGa1–xAs lassen sich capping
Zwischenwerte in der Bandlücke einstellen. So entsteht also ein ’Teilchen im quantum dot
AlGaAs
Kasten’.
GaAs
Wie beim Atom nennt man die Zustände energetisch aufsteigend s, p, d, 20 nm
etc. Der s-Zustand kann zwei Elektronen unterschiedlichen Spins aufneh-
Abbildung 9.5: TEM-Querschnitt durch einen
men. Man unterscheidet daher zwei Exzitonen |01⟩ und |10⟩. Den durch zwei Quantenpunkte (hier mit plasmonischer
Elektronen besetzten Zustand nennt man Biexziton4 |11⟩. Dies ist gebunde- Antenne). Daten aus Pfeiffer u. a., 2014.
ner Zustand aus zwei Exzitonen und liegt um die Bindungsenergie ∆EXX
4
Man kürzt auch ab: Exziton (X) und
Biexziton (XX).
unter der Summe der beiden Exziton-Anregungsenergien. Die beiden Exziton-
Übergänge unterschieden sich in ihrer Polarisationsrichtung und leicht in der
Anregungsenergie aufgrund der Feinstruktur-Aufspaltung.
Zur Selbstkontrolle
1. Suchen Sie im Internet oder Lehrbuchen nach grafischen Darstellungen der drei
Wachstumsarten. Abbildung 9.6: Emissionsspektren eines
GaAs Quantenpunkts als Funktion der
Polarisationsrichtung in der Detektion.
Daten aus Wolpert u. a., 2012.
Einzelphotonenquelle
Obwohl wir bereits vier5 Zustände eingeführt haben und es noch viele wei- 5
mit dem Grundzustand |00⟩
tere gibt, kann man durch passende Wahl der Anregungs-Wellenlänge und
-Leistung und ggf. einem spektralen Filter in der Detektion den Quantenpunkt
als Zwei-Niveau-System betrachten. Dies gilt ebenso für Atome und Farbstoff-
Moleküle. Eine wichtige Eigenschaft von optischen Zwei-Niveau-Systemen
ist, dass sie Einzelphotonenquellen sind. Ein solches System kann zu jedem
beliebigen Zeitpunkt nur ein einziges Photon emittieren. Direkt nach der
Emission ist das System bestimmt im Grundzustand, weil es ja keine weite-
ren Zustände gibt. Aus dem Grundzustand heraus kann aber nicht emittiert
werden, weil dies der energetisch niedrigste Zustand ist. Also vergeht bis
zur nächsten Emission mindestens der Zeitraum, der zur erneuten Anregung
notwendig ist.
Ein Laser hingegen ist keine Einzelphotonenquelle. Die Wahrscheinlichkeit,
n Photonen in einem Zeitintervall T zu detektieren, ist bei kohärentem Licht
Poisson-verteilt, also
λn −λ
P (n) = e (9.20)
n!
wobei λ hier nicht die Wellenlänge, sondern die mittlere Photonenzahl im
Intervall T bezeichnet. Unabhängig von λ ist P (n > 1) nie Null. Egal wie
sehr man einen Laser abschwächt, egal wie kurz man T wählt, es gibt immer
eine gewisse Wahrscheinlichkeit, zwei oder mehr Photonen zu detektieren.
Genau das ist bei einer Einzelphotonenquelle nicht der Fall.
Einzelphotonenquelle zeigen also keine Poisson-Verteilung in der Photo-
nenstatistik, sondern antibunching. Kurze Zeitabstände kommen seltener vor,
als nach der Poisson-Verteilung erwartet. Glühlampen-Licht zeigt das Gegen-
teil: bunching. Hier kommen kurze Abstände häufiger vor als in Laser-Licht
gleicher Intensität.
Nanostrukturen 121
Die Methode der Wahl zur Beschreibung dieses Phänomens ist die
Intensitäts-Autokorrelation. Man vergleicht die Intensität I(t) ∝ |E(t)|2
eines Lichtstrahls zu Zeitpunkt t dem der um die Zeit τ verschobenen:
⟨I(t)I(t + τ )⟩ G(τ )
g (2) (τ ) = 2 = (9.21)
⟨I(t)⟩ ⟨I(t)⟩
wobei wir angenommen haben, dass ⟨I(t)⟩ konstant ist, die Intensität sich
also auf langsamen Zeitskalen nicht ändert. Der Index (2) verweist auf das
Quadrat des elektrischen Feldes. G(τ ) ist nicht-normierte Korrelationsfunk-
tion, also die Häufigkeit, mit der zwei Photonen im Abstand τ zu finden sind.
Für kohärentes Licht ist
(2)
gkohärent (τ ) = 1 . (9.22)
Man kann I(t) für Licht bestimmen, in dem man Photonen innerhalb eines
kurzen Intervalls T zählt und dann g (2) (τ ) mit der Zählrate n(t) schreibt.
Um antibunching zu detektiere, muss T dann aber sehr klein sein (ca. 100
ps). Gleichzeitig erfordert die Mittelung eine lange Gesamtzeit, also sehr
viele Daten. Das ist in aktuellen Experimenten möglich. Datensparsamer
und daher früher verwendet ist die Näherung, nicht beliebige Paare von
Photonen in G(τ ) zu betrachten, sondern nur Paare von zeitlich aufeinander
folgenden Photonen, die mit der Häufigkeit C(τ ) auftreten. Diese Größen
sind miteinander verknüpft:
Z τ
G(τ ) = C(τ ) + C(τ ′ )C(τ − τ ′ )dτ ′ + . . . . (9.23)
0
Das Integral behandelt dabei alle Fälle, bei denen genau ein Photon zum
Zeitpunkt τ ′ zwischen den Photonen-Paar in G(τ ) ist. Weitere Doppel-,
Probe
stop
Dreifach- etc. Integrale würden dann zwei, drei etc. Photonen dazwischen Laser det
beschreiben. Falls die Photonen-Rate klein genug bzw. die interessierende
Zeit τ kurz genug ist, können wir G(τ ) ≈ C(τ ) annehmen. det
start
Diese Abstände zwischen zeitlich benachbarten Photonen-Paaren be- Abbildung 9.7: Hanbury Brown–Twiss
stimmt man durch ein Experiment, das nach Robert Hanbury Brown und Experiment. Man bestimmt den zeitlichen
Abstand τ zwischen zwei Photonen.
Richard Q. Twiss HBT-Experiment genannt wird. Abbildung 9.7 zeigt eine Skiz-
ze. Aufgrund der Totzeit nach der Detektion eines Photons in einem Detektor
kann man kleine Abstände nicht mit einem einzigen Detektor messen. Man
teilt den Photonenstrom auf zwei Detektoren auf und bestimmt die Verteilung
der zeitlichen Abstände von Detektionsereignissen.
Für ein Zwei-Niveau-System lässt sich C(τ ) leicht bestimmen. Direkt nach
dem ersten Photon ist man mit absoluter Sicherheit im Grundzustand. In den
angeregten Zustand kommt man mit der Anregungsrate WP , von dort wieder
zurück in den Grundzustand mit der Rate Γ der spontanen Emission. Die
charakteristische Zeit td ist das Reziproke der Gesamt-Rate für einen Zyklus
1
und so
(2)
td = gTLS (τ ) ≈ 1 − ae−τ /td . (9.24)
WP + Γ
Die Amplitude a ist im idealen Fall a = 1. In Wirklichkeit bewirken Dunkelrau-
schen und Hintergrund-Photonen a < 1. Der Fall a > 0.5 kann aber nur durch
eine Einzelphotonenquelle bzw. einen einzelnes Zwei-Niveau-System erzeugt
werden kann.
Ein solches Experiment ist in Abb. 9.1 am Anfang des Kapitels für einen
GaAs Quantenpunkt gezeigt. Die optische Anregung erfolgte hier über den
122 Festkörperphysik II
umgebenden Halbleiter, nicht direkt über das Exziton. Dies führt zu den
’Überschwingern’ mit g > 1, die im Modell berücksichtigt sind.
Zusammenfassung
Schreiben Sie hier ihre persönliche Zusammenfassung des Kapitels auf. Kon-
zentrieren Sie sich auf die wichtigsten Aspekte und die am Anfang genannten
Ziele des Kapitels.
Literatur
Überblick
Wir betrachten hier alles erst einmal eindimensional im Zeit- bzw. Frequenz-
raum mit den Variablen t und ω = 2πν. Die Funktion f (t) sei periodisch in
der Zeit mit der Periodendauer T , also
f (t) = f (t + T ) (A.1)
Nun heben wir die Einschränkung auf periodische Funktionen f (t) auf, indem
wir die Periodendauer T gegen unendlich gehen lassen. Dadurch wird aus der
Summe ein Integral und die diskreten ωk werden kontinuierlich. Damit wird
Z +∞
F (ω) = f (t) e−iω t dt (A.4)
−∞
+∞
1
Z
f (t) = F (ω) e+iω t dω (A.5)
2π −∞
N −1
1 X
Fj = fk e−k j 2πi/N (A.6)
N
k=0
N
X −1
fk = Fj e+k j 2πi/N (A.7)
j=0
Die Definition ist wieder so, dass F0 dem Mittelwert entspricht. Wegen
f−k = fN −k liegen die positiven Frequenzen mit steigender Frequenz in
der ersten Hälfte von Fj . Danach kommen die negativen Frequenzen, begin-
nend bei der ’negativsten’ Frequenz steigend mit zur letzten Frequenz vor der
Frequenz Null. Die maximal darstellbare Frequenz ist also die Nyquist-(Kreis-
)Frequenz
π
ΩNyquist = (A.8)
∆t
Fourier-Transformation 129
Nebenbemerkung: Delta-Funktion
oder als
+∞
1
Z
δ(x) = e+i x y dy (A.10)
2π −∞
Eine wichtige Eigenschaft ist, dass die delta-Funktion einen Wert selektiert,
also Z +∞
δ(x) f (x) dx = f (0) (A.11)
−∞
Wichtige Fourier-Paare
Es ist sehr oft ausreichend, die folgenden Paare von Funktionen und deren
Fourier-Transformierten zu kennen. Ich schreibe sie hier, Butz folgend, als
Paare in t und ω (nicht ν = ω/(2π)). Genauso hätte man auch Paare
in x und k schreiben können. Wichtig ist dabei die Frage, ob ein 2π in der
Exponentialfunktion der ebenen Welle auftaucht oder nicht. Also
Rechteck und sinc Aus der Rechteckfunktion der Breite b wird ein sinc, der
sinus cardinalis. Also aus
(
1 für |t| < b/2
f (t) = rectb (t) = (A.13)
0 sonst
wird 3 3
Manchmal wird sinc(x) = sin(πx)/(πx)
sin ωb/2 definiert, insbesondere wenn ν und nicht ω
F (ω) = b = b sinc(ωb/2) (A.14)
als konjugierte Variable benutzt wird.
ωb/2
Der wird zu
1
F (ω) = (A.20)
λ + iω
ist also komplexwertig. Sein Betrags-Quadrat ist wieder eine Lorentz-
Funktion
1
|F (ω)|2 = 2 (A.21)
λ + ω2
und die Phase ist ϕ = −ω/λ.
wird
2π X 2π
F (ω) = δ ω−n (A.23)
∆t n ∆t
Neben den Fourier-Paaren braucht man noch ein paar Eigenschaften der
Fourier-Transformation. Im Folgende seien f (t) und F (ω) Fourier-konjugierte
und ebenso g und G.
Skalierung
1 ω
f (a t) ↔ F (A.27)
|a| a
Faltung und Multiplikation Die Faltung geht in ein Produkt über, und anders-
herum.
Z
f (t) ⊗ g(t) = f (ζ)g(t − ζ)dζ ↔ F (ω) G(ω) (A.28)
und
1
f (t) g(t) ↔ F (ω) ⊗ G(ω) (A.29)
2π
Zeitliche Ableitungen
d f (t)
↔ iω F (ω) (A.31)
dt
Die Fourier-Transformierte der Rechteck-Funktion ist der sinc, die der delta-
Funktionen eine Konstante. Die Verschiebung im Ort bewirkt allerdings eine
Modulation im k-Raum. Aus der Summe der beiden Delta-Funktionen wird
also
FT {δ(x − d/2) + δ(x + d/2)} = e−ikd/2 +e+ikd/2 = 2 cos(kd/2) (A.33)
Die Faltung mit der Rechteck-Funktion geht über in eine Multiplikation mit
dem sinc. Zusammen erhalten wir somit
sin(kb/2) 4
FT {f (x)} = b 2 cos(kd/2) = sin(kb/2) cos(kd/2) (A.34)
kb/2 k
Die Intensität in Richtung k ist dann das Betragsquadrat davon.
Zweidimensionale Fourier-Transformation
Wir können die Definition der Fourier-Transformation auf zwei und mehr
Dimensionen erweitern. Die konjugierten Variablen sind (x, y) und (kx , ky ),
anstelle von t und ω. Der Wellenvektor ki = 2π/λi enthält den Faktor von 2π
wie in der Kreisfrequenz ω. Wir definieren
Z Z +∞
F (kx , ky ) = f (x, y) e−i(kx x+ky y) dx dy (A.35)
−∞
+∞
1
ZZ
f (x, y) = F (kx , ky ) e+i(kx x+ky y) dkx dky . (A.36)
(2π)2 −∞
132 Festkörperphysik II
Wenn wir die Funktion f (x, y) in ein Produkt von eindimensionalen Funk-
tionen zerlegen können, dann ist die Fourier-Transformation einfach das
Produkt der einzelnen Fourier-Transformationen
wird transformiert in
J1 (π a ρ) q
F (kx , ky ) = a width ρ = kx2 + ky2 (A.42)
ρ
1 π
Z
J1 (x) = cos(τ − x sin τ ) dτ , (A.43)
π 0
Literatur
mit der Länge k des Wellenvektors im reziproken Raum und der Länge a des
Gittervektors im Realraum. Die Randbedingung u0 = uN erfordert dann
N k a = 2π n , (B.2)
wobei n eine beliebige ganze Zahl ist. Die Gesamtlänge der Kette ist L =
N a. Damit kann k nur diskrete Werte annehmen, die den Abstand ∆k haben
2π
∆k = . (B.3)
L
Die Dichte D(k) dk der möglichen Werte von k auf der k-Achse ist ein Wert
pro ∆k, also
L
D(k) dk = dk . (B.4)
2π
Die Zustandsdichte ist im k-Raum also konstant. Analog kann man im Zwei-
oder Dreidimensionalen verfahren, also bei Quadraten oder Kuben der Kan-
tenlänge L. Die Zustandsdichte ist
d
NPEZ VKristall L
D(k) = = = (B.5)
VBZ (2π)d 2π
mit der Dimensionalität d und der Anzahl der primitiven Einheitszellen NPEZ .
Das ist wie oben die Zustandsdichte für eine Art der Bewegung (transversal
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Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International” Lizenz.
134 Festkörperphysik II
Eine Zustandsdichte ist die Anzahl von Zuständen in einem festen Intervall,
bisher einem festen Intervall auf der k-Achse, jetzt auf der ω-Achse. Da der
Zusammenhang zwischen Wellenvektor und Frequenz kein konstanter Faktor
ist, ist dies nicht völlig trivial. Die Wahl des Intervalls ist typischerweise in der
Variablen der Zustandsdichte kodiert, also D(x) meint eigentlich D(x) dx.
Es ist trotzdem sinnvoll, das dx möglichst oft explizit mitzuschreiben. Frequenz ω
Im Eindimensionalen können wir einfach mit dω erweitern
L dk L 1
D(k) dk = dω = dω = D(ω) dω (B.7)
2π dω 2π vg
Zustandsdichte D 0 π/a
mit der Gruppengeschwindigkeit vg = dω/dk.
Wellenvektor k
Im Zwei- oder Dreidimensionalen gehen wir einen anderen Weg. Wir nut- Abbildung B.1: Lineare zweiatomige Kette:
zen aus, dass im reziproken Raum die Zustände äquidistant sind, die Zu- Zustandsdichte (links) und Dispersions-
standsdichte also konstant ist. Alle Zustände bei gegebenem, festem ω relation (rechts). Zustände (Kreise) sind
3 äquidistant auf der k-Achse, aber nicht
bilden die Fläche S(ω). Die Zustände bei ω + ∆ω bilden eine weitere Flä- mehr auf de ω-Achse. Die Zustandsdichte
che. Wir zählen somit die Zustände im Intervall ∆ω, indem wir das Volumen divergiert an den Van-Hove-Singularitäten,
wenn die Gruppengeschwindigkeit Null wird.
zwischen den beiden Flächen bestimmen und mit der Zustandsdichte im 3
in 3D, sonst Kurve in 2D
k-Raum multiplizieren
Z ω+∆ω Z k(ω+∆ω) d Z k(ω+∆ω)
L
D(ω)∆ω = D(ω) dω = D(k) dk = dk .
ω k(ω) 2π k(ω)
(B.8)
Das Volumenelement dk teilen wir auf in einen Teil entlang der Fläche kon-
stanter Frequenz S(ω) und einem Teil senkrecht dazu: dk = dk⊥ dSω . Weil
sich ω in Richtung dSω nicht ändert, kann man dann die Gruppengeschwin-
digkeit schreiben als
s
2 2
dω dω dω dω
vg = = |gradk ω| = |∇k ω| = + = (B.9)
dk dSω dk⊥ dk⊥
Zustandsdichte 135
und so
dω
dk = dk⊥ dSω = dSω . (B.10)
|vg |
ky
Damit erhalten wir S(ω + dω) dk⊥
d
L 1
Z
S(ω) dSω
D(ω)dω = dω dSω . (B.11)
2π ω=const. |vg |
kx
Wir müssen also nur noch ein Oberflächenintegral über eine Fläche kon-
stanter Frequenz ω ausführen und dabei den Kehrwert der Gruppengeschwin- 2π/L
digkeit integrieren. Einfach wird dies im isotropen Fall, wenn die Frequenz Abbildung B.2: Skizze zur Bestimmung der
ω der Phononen nur vom Betrag des Wellenvektors k abhängt und nicht von Zustandsdichte im Frequenzraum.
seiner Richtung. Damit sind die Flächen konstanter Frequenz Kugeln mit dem
Radius k. Die Gruppengeschwindigkeit ist dann natürlich auch konstant über
die Kugeloberfläche. Wir erhalten dann
3
4π k 2
L
D(ω)dω = dω , (B.12)
2π |vg |
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