14.
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Methoden kulturwissenschaftlicher Ansätze: Close Reading und Wide Reading
14. Methoden kulturwissen-
schaftlicher Ansätze:
Close Reading und
Wide Reading
14.1 Theoretische Ansätze für eine kulturwissen-
schaftliche Literaturanalyse und -interpretation
14.2 Wide Reading: Intertextualität als Methode
14.3 Musterinterpretation: Toni Morrisons Roman
Jazz
14.4 Einschränkungen und Relativierungen
14.1 | Theoretische Ansätze für eine kulturwissen-
schaftliche Literaturanalyse und
-interpretation
Wenngleich der Titel dieses Beitrags etwas anderes zu suggerieren scheint,
so kann man gegenwärtig noch nicht von einem gesicherten Repertoire
kulturwissenschaftlicher Methoden der Literaturanalyse sprechen. Das
Begriffs- und Konzeptpaar close reading und wide reading soll daher zu-
nächst einmal eine Problematik signalisieren, mit der sich jede kulturwis-
senschaftliche Untersuchung eines literarischen Textes konfrontiert sieht:
■ Wie muss eine literaturanalytische Methodik aussehen, die mit der Problematik der
Lektüre des literarischen Textes zugleich dessen kulturelle Dimensi- kulturwissen-
on erfasst? schaftlichen
■ Wie können, um es intertextualitätstheoretisch zu wenden, mit und in Literaturanalyse
der Lektüre eines literarischen Textes zugleich die vielfältigen indivi-
duellen und kollektiven Texte und Stimmen, Bilder und Denkweisen,
Vorstellungen und kulturellen Referenzen, die in ihn Eingang gefun-
den haben und Bestandteil des Textes selbst sind oder auf die der Text
antwortet, gelesen werden?
Damit sind bereits Grundannahmen angedeutet, die in der Formel vom
close reading und wide reading enthalten sind:
■ Die jeder kulturwissenschaftlichen Literaturinterpretation zugrunde Grundannahmen
liegende Annahme, dass die kulturelle Dimension einem literarischen des close/wide
Text inhärent ist und gerade nicht äußerlich, von ihm abgeschieden, reading
z. B. als ›kultureller Kontext‹, ›sozialer Hintergrund‹ oder ›soziokultu-
relle Umgebung‹.
■ Die kulturelle Dimension eines literarischen Textes ist – jedenfalls in
gewisser Hinsicht – ebenso ›lesbar‹ wie der literarische Text selbst.
■ Das Begriffspaar suggeriert, dass ein wirkliches close reading im Sinne
eines tiefgehenden Verständnisses auch und gerade einzelner textuel-
293
14.1
Methoden kulturwissenschaftlicher Ansätze: Close Reading und Wide Reading
Theoretische
Ansätze für eine
Literaturanalyse
ler und ästhetischer Zeichen, Elemente und Strukturen nicht möglich
ist ohne ein gleichzeitiges Verstehen der in ihnen enthaltenen, durch
sie repräsentierten oder von ihnen (mit) erzeugten kulturellen Vorstel-
lungen.
Definition Als ➔ close reading wird ein bewährtes literaturwissenschaftliches
Interpretationsverfahren bezeichnet, dessen grundlegendes Prinzip
die textgenaue, detailbezogene Lektüre und Analyse eines literari-
schen Textes ist. Eine solche Lektüre versucht der Vielschichtigkeit
literarischer Texte, ihren ästhetischen Strukturgebungen und der
Bedeutungsvielfalt ihrer sprachlichen Elemente und Formen durch
eine möglichst präzise Erfassung der Bedeutungen und Effekte
aller Einzelelemente und ihres Zusammenspiels im Text gerecht
zu werden. Durch diese Konzentration auf die Zeichen des Textes
selbst soll die Lektüre freigehalten werden von ›textfremden‹ (theo-
retischen, ideologischen oder anderen textexternen) Vorannahmen
(textimmanente Interpretation).
Mit dem Begriff des ➔ wide reading wird diesem Verfahren einer
einzeltextbasierten Interpretation eine Methode komplementär
zur Seite gestellt, welche die Lektüre des literarischen Textes mit
der Ko-Lektüre einer Vielzahl anderer, auch nicht-literarischer Texte
verbindet, mittels derer auch der weitere historische und kulturelle
Kontext eines literarischen Textes erfasst werden kann. Dem liegt
die Annahme zugrunde, dass sich die Bedeutung auch kleinster
Elemente eines literarischen Textes letztlich nur aus der Zusammen-
schau mit ihrer Verwendung und Bedeutung in der umgebenden
Kultur und in einer Vielzahl anderer Texte aufschließen lässt.
Traditionelles Verständnis der Erschließbarkeit von Texten: Diese An-
nahmen haben weitreichende Konsequenzen für die Vorstellungen vom
Wesen des literarischen Textes, von den Aktivitäten der Leser/innen im
Lesevorgang und für eine literaturwissenschaftliche Methodik. Mit der
lange Zeit vorherrschenden Methode des close reading und den mit ihr
verbundenen literaturwissenschaftlichen Schulen des New Criticism,
des Strukturalismus (Rusterholz 1996) und der textimmanenten Metho-
de (Grübel 1996) war die Vorstellung verbunden, dass die Bedeutung ei-
nes Textes sich aus den Zeichen, Elementen und Strukturen des Textes
selbst erschließen lasse, ja, dass sich diese Bedeutung unveränderlich –
»unchanging and reproducible«, wie E. D. Hirsch (1967, S. 216) sagt – in
diesem Text selbst verberge und durch den Interpreten aus diesem durch
hermeneutisch-interpretative Verfahren hervorgeholt werden müsse.
Insbesondere im Poststrukturalismus ist dieses Verständnis vom Text
und der Erfassung textueller Bedeutung fundamental kritisiert worden:
Mit der Annahme eines solchen »religiöse[n] Prinzip[s] vom verborgenen
Sinn (mit der Notwendigkeit, ihn zu interpretieren)« (Foucault 1988, S. 14)
294
14.1
Methoden kulturwissenschaftlicher Ansätze: Close Reading und Wide Reading
Theoretische
Ansätze für eine
Literaturanalyse
erhalte die Textbedeutung eine metaphysische Qualität, und indem der
Text betrachtet werde als eine »Reihe von Wörtern […], die einen einzigen,
irgendwie theologischen Sinn enthüllt (welcher die ›Botschaft‹ des Autor-
Gottes wäre)« (Barthes 1988, S. 172), werde dem Text eine »quasisakrale
Stellung« (Hebel 1989, S. 8) zugeschrieben; interpretative und hermeneu-
tische Akte bestehen demzufolge darin, »Geheimnisvolles in helle Bedeu-
tungen, dunkle Zeichen in Klartext zu überführen« (Assmann 1996, S. 9).
Grenzen des close reading: Die Problematik textzentrierter und text-
hermeneutischer close reading-Verfahren besteht allerdings nicht darin,
dass sie auch noch das winzigste Textelement als bedeutungskonstitutiv
betrachten und analysieren; das ist in der Tat Aufgabe jeder literatur-
wissenschaftlichen Lektüre. Vielmehr besteht das Hauptproblem darin,
dass im Gang der Interpretation – oder der Textauslegung – weder über
die kulturelle Herkunft noch über die Adressierung textueller Bedeutun-
gen in kulturelle Kontexte hinein Rechenschaft abgelegt wird. Letztlich
sind close reading-Verfahren für sich genommen nicht in der Lage, Be-
deutungen von Zeichen in einem Text wirklich aufzuschließen; denn sie
ignorieren, dass diese immer eingebettet sind in ein kulturelles Umfeld,
dass sie »an andere Texte, andere Codes ›angeschlossen‹ [sind] (das ist das
Intertextuelle) und dadurch nicht auf determinierten Wegen, sondern auf
denen des Zitats mit der Gesellschaft, mit der Geschichte verzahnt [sind]«
(Barthes 1988b, S. 266). In der Diktion Michail M. Bachtins handelt es sich
um die ›Dialogizität‹ aller Textbedeutungen bis hin zum einzelnen Wort:
»Eine lebendige Äußerung, die sinnvoll aus einem bestimmten historischen Augen-
blick, aus einer sozial festgelegten Sphäre hervorgeht, muß notwendig Tausende
lebendiger Dialogstränge berühren, die vom sozioideologischen Bewußtsein um den
Gegenstand der Äußerung geflochten sind, muß notwendig zum aktiven Teilnehmer
am sozialen Dialog werden.« (Bachtin 1979, S. 170)
Man kann demzufolge von einer »Doppelgerichtetheit der kulturellen
Textelemente« (Hebel 1989, S. 16) sprechen, die einerseits »den ›kulturel-
len Kode‹ […] zur Sinnkonstitution in den Text« einbringen und anderer-
seits »den Ausgang aus dem linearen Textverlauf hinaus« (ebd.) in dessen
kulturelles Umfeld erlauben und, literaturwissenschaftlich gesehen, er-
fordern.
Verbund von Text und Kontext: Entscheidend an dieser Sichtweise ist,
dass die Kulturalität textueller Bedeutungen nicht außerhalb des Textes
angesiedelt und nicht in einer – literaturwissenschaftlich durchaus ge-
läufigen – Text-Kontext-Opposition modelliert wird, sondern dass sie als
unauflöslicher Bestandteil der textuellen Zeichen selbst betrachtet wird
(vgl. dazu Neumann/Nünning 2006; Hallet 2006a). Wenn also in einer
kulturwissenschaftlichen Literaturwissenschaft und in diesem Beitrag
von ›Kontext‹ oder ›Kontextualisierung‹ die Rede ist, dann ist damit nicht
eine irgendwie geartete textexterne kulturelle Sphäre gemeint, sondern
die Explikation und analytische Aufschließung der kulturellen Dimensi-
on eines literarischen Textes durch das Aufspüren kultureller und textuel-
ler Referenzen und Bezüge. Ganz im Sinne Bachtins stellt der literarische
295
14.1
Methoden kulturwissenschaftlicher Ansätze: Close Reading und Wide Reading
Theoretische
Ansätze für eine
Literaturanalyse
Text damit zugleich eine soziokulturell relevante Stimme inmitten einer
Vielzahl anderer Stimmen dar, mit denen er sich im Dialog befi ndet und
zu denen er ein Frage-, ein Antwort- oder ein irgendwie geartetes Kom-
mentarverhältnis herstellt.
Wissenschaftliche Erfassung der kulturellen Dimension: Damit stellt
sich die für jede kulturwissenschaftliche Literaturinterpretation zentra-
le Frage, auf welche Weise die kulturelle Dimension eines literarischen
Textes überhaupt erfasst und intersubjektiv nachvollziehbar dargestellt
werden kann. Denn es genügt nicht, mit allgemeinen oder vagen, d. h. in
der Regel nicht objektivierbaren Annahmen über die einen Text bedin-
gende oder umgebende Kultur zu arbeiten. Vielmehr müssen diese einer
wissenschaftlichen Überprüfung ebenso unterzogen werden können wie
Aussagen über den literarischen Text selbst. Behauptungen und Annah-
men über die kulturellen Prägungen, Inhalte, Implikationen und Bezüge
eines literarischen Textes dürfen sich daher nicht auf pauschale Aussa-
gen über den Zustand oder die Dynamiken einer Kultur beschränken,
sondern sie müssen allein schon wegen der für jedes wissenschaftliche
Verfahren erforderlichen Nachvollziehbarkeit anhand kultureller und tex-
tueller Manifestationen evident gemacht werden. Im Folgenden werden
daher in aller Kürze literatur- und kulturwissenschaftliche Ansätze skiz-
ziert, die, wie es philologischen, textorientierten Wissenschaften gemäß
ist, ›Kultur‹ ebenso analysierbar – oder ›lesbar‹ – zu machen bemüht sind
wie den literarischen Text selbst.
New Historicism (Poetics of Culture) und Cultural History: Die histo-
risch orientierte literaturwissenschaftliche Schule des New Historicism
(auch Poetics of Culture genannt) interessiert sich besonders für die Wech-
selwirkung zwischen dem einzelnen literarischen Text und seinem so-
ziokulturellen Umfeld, die Stephen Greenblatt als Austausch (negotiation)
von ›sozialer Energie‹ im Medium von Texten (Greenblatt 1989) konzep-
tualisiert. Gemäß dieser Vorstellung sind alle Texte, literarische wie nicht-
literarische, gleichermaßen »socially produced« wie »socially productive«
(Montrose 1989, S. 23), jeder Text lässt sich nur in seinem Zusammen-
spiel mit anderen Texten und in seinen diskursiven Zusammenhängen
verstehen. Das Studium dieses textuellen interplay trägt der Tatsache
Rechnung, dass der Zugang zu anderen Epochen, das »refiguring of the
relationship between the verbal and the social, between the text and the
world« (ebd., S. 23), über textuelle Spuren führt (»the surviving textual
traces of the society in question«; ebd., S. 20), wie es auch der kulturhisto-
rische Ansatz postuliert:
»History at the level of the signifier treats signifying practices – maps, houses,
clothing, tombs – as texts. Such ›documents‹ from the past are both substantial and
legible. We can read them as much as we can ever read anything, to the degree that we
are familiar with the signifying practices of their moment.« (Belsey 2000, S. 113)
Allerdings unterliegen solche historischen Lektüren selbst wieder den
(historischen) Bedingungen, unter denen Interpret/innen Texte lesen und
deuten.
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14.1
Methoden kulturwissenschaftlicher Ansätze: Close Reading und Wide Reading
Theoretische
Ansätze für eine
Literaturanalyse
Kultur als Zeichensystem: Ein zentrales Konzept für die ›Lesbarkeit‹
oder Dekodierbarkeit von Kultur hat die Kultursemiotik entwickelt, die
von der Vorstellung geleitet ist, dass die Kultur eine ›Semiosphäre‹ ist, wie
Jurij Lotman sagt (1991, S. 123 ff.), ein komplexes Zeichensystem, mittels
dessen sie sich als Gesellschaft organisiert, bestimmte Denkvorstellungen
entwickelt und all diesem in vielfältiger Weise in Artefakten Ausdruck
verleiht (vgl. zu allem Posner 2003). Dieses Zeichensystem verbindet also
die
■ Mitglieder einer Gesellschaft in ihrer Eigenschaft als Zeichenbenut- Kultursemiotik
zer und soziale Akteure (die soziale Dimension von Kultur),
■ die Mentalitäten und Denkweisen einer Kultur (die mentale Dimen-
sion) und
■ deren Materialisierung in Texten und medialen Äußerungsformen
aller Art, in Gegenständen und Objekten wie z. B. in Bauten oder tech-
nischen Apparaturen oder in künstlerisch-ästhetischen Objekten.
Zu dieser materialen Dimension der Kultur gehören auch die literarischen
Texte oder andere künstlerische Ausdrucksformen wie die Malerei oder
die Musik. Kurz und knapp lässt sich die Generalthese der Kultursemiotik
so fassen:
»Eine Kultur als Zeichensystem besteht aus individuellen und kollektiven Zeichen-
benutzern, die Texte produzieren und rezipieren, durch die mit Hilfe konventioneller
Codes Botschaften mitgeteilt werden, welche den Zeichenbenutzern die Bewältigung
ihrer Probleme ermöglichen.« (Posner 2003, S. 54)
Wegen dieser symbolisch-kulturellen Durchformung – oder Kodierung
– aller Wirklichkeit, der Denkweisen und der sozialen Praktiken lässt sich
zum Beispiel die soziokulturelle, lebensweltliche Bedeutung und Nut-
zung von Räumen mit dem literarischen Entwurf von Raumbedeutungen
und -nutzungen korrelieren, ja der literarische Text selbst kann als Beitrag
zur symbolischen Konstitution von kulturellen Bedeutungen aufgefasst
werden (im Einzelnen vgl. Hallet 2009). Hierin liegt die Bedeutung kul-
tursemiotischer Ansätze für eine kulturwissenschaftliche Deutung lite-
rarischer Texte.
Kultur als Text: Das semiotische Verständnis von Kultur entspricht in
vielerlei Hinsicht einem kulturinterpretativen Ansatz auf einem anderen
Feld, nämlich auf dem der Ethnologie und Anthropologie. Dort ist die ins-
besondere mit dem Namen Clifford Geertz verbundene Vorstellung ent-
standen, dass sich auch menschliche Verhaltensweisen, Rituale oder der
Umgang mit Objekten und der Natur auf ähnliche Weise deuten lassen
wie ein Text: Die Interpretation einer Kultur und die eines Textes werden,
wie schon der Titel von Geertz’ Hauptwerk The Interpretation of Cultures
(1973) anzeigt, analogisiert. Danach lassen sich Kulturen wie komplexe
Texte behandeln, also lesen, beschreiben und interpretieren:
»Believing, with Max Weber, that man is an animal suspended in webs of significance
he himself has spun, I take culture to be those webs, and the analysis of it to be there-
fore not an experimental science in search of law but an interpretive one in search of
meaning.« (Geertz 1993, S. 5)
297
14.1
Methoden kulturwissenschaftlicher Ansätze: Close Reading und Wide Reading
Theoretische
Ansätze für eine
Literaturanalyse
Da freilich, von ganz wenigen Fällen eigener (ethnologischer) Anschau-
ung abgesehen, Literaturwissenschaftler/innen der unmittelbare Zugang
zu den sie interessierenden Kulturen verschlossen ist, d. h. etwa soziale
Praktiken, Rituale oder Handlungen nicht direkt beobachtbar sind, sind
kulturinterpretative Verfahren in der Literaturwissenschaft wiederum
auf kulturelle Manifestationen in Gestalt von Texten in einem weiten
Sinne angewiesen. Voraussetzung für kulturinterpretative Verfahren ist
daher die Heranziehung von Texten und Äußerungen, die sich als ein
Faden im Bedeutungsgewebe derjenigen Kultur darstellen, an dem auch
literarische Texte ›mitweben‹. Diese können dann in einem kulturanthro-
pologischen Verständnis von Literatur aufgefasst werden als »verdichtete
Formen ethnographischer Beschreibung und Kulturauslegung« (Bach-
mann-Medick 2004, S. 25); sie sind »selbst kollektiv verankerte Deutungs-
instanzen und tragen als solche dazu bei, handlungsorientierende und ge-
fühlsausbildende ›Konzepte‹ zu entwickeln« (ebd., S. 23), sind also selbst
kulturkonstitutiv.
Interdiskursivität, kulturelles Wissen und Funktionsgeschichte: Bei
der unüberschaubaren Zahl der Texte und Stimmen in einer Gesellschaft
drängt sich die – zuerst von Michel Foucault formulierte – Beobachtung
auf, dass sich in komplexen kulturellen Kommunikationsprozessen offen-
bar Gesetzmäßigkeiten herausbilden, die es den Mitgliedern einer Gesell-
schaft erlauben, Redegegenstände zu identifizieren, Arten der Verständi-
gung darüber zu beachten, aber auch Ausschließungen vorzunehmen. Im
Anschluss an Foucault wird unter einem solchen – Diskurs genannten
– text- und gattungsübergreifenden Verständigungsprozess »das gere-
gelte Ensemble von Redeformen, Genres, Ritualen usw. innerhalb einer
historisch ausdifferenzierten und institutionalisierten Praxis verstanden
[...], wie z. B. der klinische medizinische Diskurs, die einzelnen naturwis-
senschaftlichen Diskurse, der moderne juristische Diskurs« (Link/Parr
2005, S. 123). Diese Diskurse lassen sich zugleich als Manifestationen und
Ordnungseinheiten des gesamten kulturellen Wissens einer Gesellschaft
verstehen (vgl. Neumann 2006).
Darin liegt nun die Möglichkeit des interdiskursiven Austauschs be-
gründet, den Link (1988) als eine entscheidende kommunikative Kraft
hochdifferenzierter, stark arbeitsteilig organisierter Gesellschaften be-
trachtet, die auf die Reintegration hochgradiger Spezialisierungen ange-
wiesen sind. In eben dieser Fähigkeit zur interdiskursiven Reintegration
von Spezialdiskursen liegt Link zufolge eine besondere Leistung der Li-
teratur. Sie nimmt Metaphern, Symbole und Bilder als »elementar-litera-
rische Einheiten« (Link/Parr 2005, S. 124) sowie Anschauungen und das
Wissen aus Spezialdiskursen oder aus nicht-literarischen Interdiskursen
– etwa aus den Naturwissenschaften oder aus der Bibel – auf und verar-
beitet sie zu literarischen, d. h. vieldeutigen, »auf reiche Konnotationen«
(ebd., S. 124) hin erweiterten Einheiten (zu Interdiskursen und Spezialdis-
kursen s. Kap. 9 in diesem Band). Auf diese Weise werden »tendenziell alle
Diskurse einer Kultur reintegriert« (Link 1988, S. 293) und ›literarisiert‹.
Literarische Texte können daher in besonderer Weise Aufschluss über
298
14.2
Methoden kulturwissenschaftlicher Ansätze: Close Reading und Wide Reading
Wide Reading:
Intertextualität
als Methode
»die gesamte Diskursvielfalt einer oder mehrerer Epochen« (Nünning
1995, S. 182) und über das kulturelle Wissen einer Gesellschaft geben (vgl.
ausführlich Klausnitzer 2008). Die literarische Reintegration von kultu-
rellen Diskursen und die »Wiederholung und Rekonfiguration des kultu-
rellen Wissens im Medium der Fiktion« (Neumann 2006, S. 47) machen es
methodisch gesehen möglich, literarische Texte mit diskursanalytischen
Verfahren auf Diskurselemente und -spuren hin zu untersuchen, um das
Verhältnis von literarischem Text und Diskursen bzw. dem in ihnen mani-
festierten Wissen zu bestimmen.
Funktionsgeschichtliche Fragestellungen setzen an genau dieser Stelle
an und fragen nach den Funktionen von Literatur im Bezug auf die von
ihr adressierten kulturellen Diskurse und die Gesellschaften, in denen sie
(tatsächlich oder potenziell) wirksam werden (Fluck 1997). Diesem An-
satz zufolge bilden literarische Texte eine außerliterarische Realität nicht
einfach ab, sondern sie schaffen eigene fiktionale Entwürfe als mögliche
Wirklichkeiten, als »Wirklichkeitsentwürfe«, die ins Verhältnis gesetzt
werden zu »kollektiv geteilten Wirklichkeitserfahrungen« (Gymnich/
Nünning 2005, S. 14). Sie fungieren als »kulturkritischer Metadiskurs«,
als »imaginativer Gegendiskurs« (Zapf 2005, S. 67) oder als Interdiskurs
zur »Reintegration des Verdrängten mit dem kulturellen Realitätssys-
tem« (ebd., S. 71). Vor allem fügen sie, vielleicht als eine ihrer wichtigsten
Funktionen, der Wirklichkeit die Dimension der ästhetischen Erfahrung
hinzu (vgl. Fluck 2005) und konstituieren eine ästhetisch-imaginative
Form kulturellen Wissens (Ette 2004; Neumann 2006; Klausnitzer 2008).
14.2 | Wide Reading: Intertextualität als Methode
Im Hinblick auf eine kulturwissenschaftliche Literaturinterpretation las-
sen sich die Erkenntnisse aus den dargestellten Theorieansätzen wie folgt
zusammenfassen:
■ Rekonstruktion und Deutung der kulturellen Dimension: Einem kul- Grundaspekte
turwissenschaftlichen Herangehen an literarische Texte ist es mit der kulturwissen-
Bachtin, Barthes und anderen darum zu tun, die kulturelle Dimension schaftlichen
textueller Bedeutung zu rekonstruieren und offenzulegen, oder, an- Literaturanalyse
ders ausgedrückt, textuelle als kulturell kodierte Zeichen zu deuten.
■ Verwobenheit textueller Zeichen: Textuelle Zeichen verweisen auf
eine paradigmatische Dimension außerhalb des Textes, durch die sie
mit anderen, extratextuellen Bedeutungen verwoben sind.
■ Textualität von Kultur: Eine Grundvoraussetzung für die Analysierbar-
keit und Interpretierbarkeit der einen Text umgebenden Kultur ist de-
ren Lesbarkeit oder Dekodierbarkeit. Literaturwissenschaftliche Deu-
tungen sind daher auf Materialisierungen von Kultur in textueller oder
anderer symbolischer (z. B. visueller) Form angewiesen. Eine kultur-
wissenschaftliche Literaturwissenschaft muss auf die Textualität von
Kultur und Geschichte rekurrieren, um Evidenz für ihre Deutungen
schaffen zu können.
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