Weltkunst 6.21
Weltkunst 6.21
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Über die sp Savoy
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für Afrikas igkeit
Kunst
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BORN IN LE BRASSUS
RAISED AROUND THE WORLD
GEMÄLDEGALERIE [Link]
KULTURFORUM, BERLIN #spätgotikberlin
UNSER
TITELBILD
Cover und Bild rechts: Manfred Thumberger/Leopold Museum, Wien
Als Egon Schiele 1910 sein »Selbstbildnis im Leopold – der Sammlerin Elisabeth Leopold Muse Wally Neuzil hätte er gerne weiterge-
gestreiften Hemd« zeichnete, das Sie auf un- ist ab Seite 18 unsere Titelgeschichte gewid- führt, obwohl er 1915 Edith Harms heiratete –
serem Cover sehen, war er gerade einmal met – ein Porträt von Klimt, der sich an ihn aber das lehnten beide Frauen ab. Die
zwanzig Jahre alt. Ein hübscher Junge mit schmiegt. Noch keine 20 Jahre alt, war Schie- Gouache »Edith Schiele in gestreiftem Kleid,
verwuscheltem Haar schaut uns mit großen le schon an wichtigen Ausstellungen betei- sitzend« (o.) malte er im Jahr seiner Hochzeit,
Augen und roten Ohren an. Kommt gleich ligt, und Sammler interessierten sich für sei- kurz bevor er zum Kriegsdienst eingezogen
ein Geständnis? ne Kunst. In den Folgejahren entwickelte er wurde. Ihre Liebesgeschichte ist auch eine
Die Intensität seines Blicks passt zu der seinen Stil radikal, vom Jugendstil der Seces- Geschichte der Pandemie. Das Frühjahr 1918
seiner Lebensgeschichte. Am 12. Juni 1890 als sion zu einer ausdrucksstarken Malerei von stimmte Schiele mit großen Verkaufserfolgen
Kind eines Bahnhofsvorstehers in Tulln an äußerster Intimität und Verletzlichkeit. Man- auf der Ausstellung der Wiener Secession op-
der Donau geboren, besuchte er nach dem che seiner Selbstbildnisse wirken so nackt, timistisch. Doch bald durchkreuzte die Spa-
frühen Tod seines Vaters schon mit sechzehn als wären seine Knochen abgeschabt. nische Grippe alle weiteren Pläne. Edith war
die Wiener Akademie und lernte bald den Einmal war er unter dem Vorwurf des im sechsten Monat schwanger, als sie sich an-
rund eine Generation älteren Gustav Klimt sexuellen Missbrauchs einer Minderjährigen steckte und am 28. Oktober 1918 starb. Nur
kennen, der sein Mentor wurde. Manche für 24 Tage im Gefängnis, wurde aber frei- drei Tage später raffte die Seuche auch den
sehen im Gemälde »Eremiten« im Museum gesprochen. Die Liebesbeziehung zu seiner 28-jährigen Schiele dahin. LISA ZEITZ
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WELTKUNST
INHALT
N° 185
Kolumnen
10 Zeitmaschine
12 Was bewegt die Kunst?
Die Staatsaffäre um den
18
»Salvator Mundi«
14 Drei Wünsche
16 Hand des Meisters
Hinter den Bildern
17 Heimliche Zwillinge Die österreichische
Ein »Studierender Mönch« (1890) und Moderne wie
Altbundeskanzler Gerhard Schröder
Alfred Wickenburgs
17 Kritikerfrage »Diana und
Welches Kunstwerk über die Aktäon« ist die
Liebe hat Sie berührt?
Lebensaufgabe von
82 Obrist Elisabeth Leopold
Über die Wiederbelebung
der Kunstwelt in London
Geschichten
18 AUF AUGENHÖHE
Elisabeth Leopolds Mann baute
die bedeutendste Privatsammlung
der österreichischen Moderne
auf. Bis heute wirkt die 95-Jährige
hinter den Kulissen des Leopold
Museums. Porträt einer Powerfrau
58
Der Gropius Bau in Berlin
zeichnet in einer Retrospektive
die Karriere der weltweit
populärsten lebenden Künstlerin Mit viel Weitblick
nach: Yayoi Kusama Hamburgs älteste Galerie setzt
auf junge internationale
32 »EIN GESPÜR FÜR LÜGEN«
Kunst und neue Positionen in
Bénédicte Savoy kämpft seit
der Fotografie
Jahren für die Rückgabe kolonialer
Raubkunst aus europäischen
Museen. Ein Gespräch über
Institutionen im Wandel und
Afrikas unsterbliche Objekte
38 SAMMLERSEMINAR
Die Architekturfotografie, die
sich in den Siebzigerjahren
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Ewige Zitrone
zu einer autonomen Kunstform
entwickelte, ist ein seltenes, Eine Berliner Schau zeigt
aber reichhaltiges Sammelgebiet gemalte Flora und Fauna aus
Porzellan und auf Fayencen
von Grita Götze, Sonngard
Marcks und Heidi Manthey
Bilder links: Ingo Pertramer; Minjung Kim/Courtesy Galerie Commeter; Rolf Maidorn, Wolfenbüttel/VG Bild-Kunst, Bonn 2021; rechts: Reinhart Wolf/Galerie Bassenge, Berlin;
Agenda
38
Jürgen Liepe/Ethnologisches Museum der SMB/Preußischer Kulturbesitz; Yayoi Kusama/Courtesy Ota Fine Arts, Victoria Miro & David Zwirner
50 KUNSTWELT
Housekeeping Strandoper der Venedig-Biennale
Architekturfotos in Brandenburg, Düsseldorf gibt
wie »Flatiron Franz Marcs »Füchse« zurück und
Building, New Walddüfte von Rosemarie Trockel
York« (1970) von
Reinhart Wolf 52 ORNAMENT UND OFFENBARUNG
begeistern heute Das Victoria & Albert Museum
die Sammler in London erzählt die Geschichte
der persischen Hochkultur
54 AUSSTELLUNGEN
Spanische Barockmalerei in Köln,
Bern zeigt die Kunst der beiden
koreanischen Staaten vereint,
Emden lädt zur Konferenz der
Tierbilder, Tobias Zielony in Essen
32
zurück und bleibt am Puls der Zeit
60 SCHWEIZER HÖHENFLUG
Späte Gerechtigkeit? In Zürich versteigern Koller und
Geht es nach Bénédicte Schuler wertvolle Werke aus allen
Savoy, gehen Benin- Epochen von der Gotik bis zur
Bronzen wie der Kopf chinesischen Gegenwartskunst
einer Königinmutter
bald endlich zurück 66 AUKTIONEN
nach Nigeria Von den alten Meistern bis zu den
zeitgenössischen Künstlern reicht
das Angebot im Dorotheum, bei
Lempertz, Van Ham, Grisebach
und Bassenge, Spik und Metz
bieten Kunst und Antiquitäten
8 Editorial
26
79 Termine
81 Impressum
81 Vorschau
Kusamas Kosmos
Punkte, Phalli
und Performance
– die Japanerin
hat immer wieder
mit Erfolg den
Zeitgeist in Kunst
verwandelt
[Link]/WeltkunstMagazin
[Link]/weltkunst
[Link]/WeltkunstNews
EDITORIAL
Liebe Leserinnen,
liebe Leser,
mit der Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy ver-
bindet mich ein gemeinsames Forschungsfeld:
Napoleon. Ihr Buch über den Kunstraub unter
Napoleon hat mich elektrisiert, als ich mich mit
seinen Medaillen beschäftigt habe. Er ließ zum
Beispiel Medaillen auf die Ankunft des aus Rom
abtransportierten »Laokoon« oder die aus Flo-
8
Tambourinspieler „Danseur de saltarello“,
Bronze, um 1880, am Sockel signiert, Justin-Chrysostome Sanson,( Nemours 1833-1910 Paris), Darstellung
eines Saltarello tanzenden Jünglings der Tambourin spielt, Bronze mit originaler schwarz-brauner Patina, Höhe 72 cm.
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HIN
ASC
Nachhaltigkeit
Wie grüne Riesen überragen die majes-
tätischen Pinien den Borghese-Park in
Rom. Das sanfte Licht spielt mit ihren
Wipfeln, während die Stämme mit
ihren eigenen Schatten auf dem satten
Grün des Rasens zu tanzen scheinen.
Die hügelige Landschaft dahinter ver-
schwindet halb im Dunst. Die Villa
darin ist ebenso Nebensache wie die
Menschlein auf der Wiese, die mit
ihren Ärmchen auf das Naturspektakel
verweisen, beeindruckt wie wir selbst,
die Betrachter des Gemäldes. Hendrik
Voogd schuf die »Italienische Land-
schaft mit Pinien« 1807, da lebte der
Niederländer schon fast zwanzig Jahre
in Rom. Er ist nicht als ein ganz Großer
in die Annalen der Kunstgeschichte
eingegangen, doch die Frische seiner
Borghese-Landschaft ist meisterhaft.
Man meint, die klare Luft einatmen zu
können, die zarten Sonnenstrahlen des
leicht verhangenen Himmels auf der
Haut zu spüren, den Duft der Pinien
zu riechen. Die Rollen sind klar ver-
teilt: Hier sind die Bäume die Könige,
die Menschen Fußvolk. Voogds Ge
mälde hängt im Amsterdamer Rijks-
museum, das in diesem Jahr für sein
Nachhaltigkeitskonzept ausgezeichnet
wurde. Hierzulande sind die Museen
noch geschlossen, doch es zeichnet sich
jetzt schon ab, dass nach Corona auch
für sie die Klimakrise das große Thema
wird. Längst stehen geplante Neu
bauten wie das Museum der Moderne
in Berlin auf dem Prüfstand für
ihre Umweltbilanz. Hendrik Voogd
erinnert uns daran: Wir können
nur glücklich leben als sehr kleiner
Teil eines Ganzen. Es wird Zeit,
uns auf diesen Platz zurückzuziehen.
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W E LT K U N S T
Der »Salvator Mundi« litierung auf der Londoner Ausstellung durch einen ambi-
hat gezeigt: Weder tionierten Kurator, den Verkauf an den Genfer Händler Yves
Bouvier (80 Millionen Dollar) und die Weitervermittlung an
der Markt noch den russischen Oligarchen Dmitri Rybolowlew (127,5 Millio-
nen), den jahrelangen Prozess zwischen beiden wegen Bou-
die Politik können viers exorbitanter Margen, die Marketingmaschinerie von
Christie’s für den »letzten da Vinci« ohne Erwähnung jegli-
einen echten cher Werkstattbeteiligung bis zum sagenhaften Zuschlag an
den saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman.
Leonardo etablieren Die brisantesten Details im Film aber erzählen – ver-
dunkelt und anonym – zwei hohe französische Ministerial-
beamte. Nachdem der Kronprinz bei einem Staatsbesuch
mit Präsident Emmanuel Macron vereinbart hatte, dass der
»Salvator« in der großen Leonardo-Schau im Herbst 2019
ausgestellt werden soll, kam das Gemälde in den Louvre und
D ie Versteigerung des »Salvator Mundi« war ein Erd- wurde dort mit allen technischen Raffinessen und hinzuge-
beben, dessen Erschütterungen dreieinhalb Jahre zogenen internationalen Kennern drei Monate lang unter-
später immer noch zu spüren sind. Zuallererst sucht. Am Ende waren sich alle einig: Der »Salvator« ist kein
natürlich am Kunstmarkt, wo ein ganzes Wertegefüge im eigenhändiges Werk Leonardos; der Meister leistete allen-
November 2017 bei Christie’s New York mit einem Ham- falls einen Beitrag dazu.
merschlag über den Haufen geworfen wurde. Picassos »Jun- Rasch weitete sich das Ganze hinter den Kulissen zur
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ELFRIEDE LANGELOH SELTENES PAAR MEISSEN EICHHÖRNCHEN-TEEKANNEN
Friedel Kirsch
Am Michelsgrund 14, 69469 Weinheim Modelle von Johann Joachim Kaendler, Juli 1734; Ausformung wobei offen bleibt, ob die Teekanne oder die Einzelfigur gemeint
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Die auf den Hinterpfoten aufrecht sitzenden Eichhörnchen
Aussteller auf der führen mit beiden Armen eine beblätterte Nuss zum Mund, die Kaendler hat die Eichhörnchen-Teekannen als Paar konzipiert.
HIGHLIGHTS München 2021 sich nach oben hin öffnet und den Ausguss bildet. Einfüllstutzen In seinem Arbeitsbericht vom Mai 1735 (Albiker 1959 S. 24 Nr.
1.7. bis 4.7.2021 oberhalb des Halsbandes, kräftig geschwungener Schweif, 223; Pietsch 5/1735) findet sich unter Nr. 7 die ausführlichste
braune Fellstaffage. Beschreibung: „Ein Eich Hörngen in Gestalt eines Thee Krügels mit
und der TEFAF Maastricht 2021
zweyerlei Schwänzen gefertiget, in daß eine gießet man oben den
11.9. bis 19.9.2021 Die Teekannen in Form von Eichhörnchen gehören zu den frü-
Thee zum Schwantze hinein, in das andere aber zu der band Schleife
hesten kleinplastischen Schöpfungen Kaendlers.
Welche am Halß Band mit Schellen befindlich.“
Erste Erwähnung fanden sie bereits in seinem Arbeitsbericht
vom September 1733: „Ein kleines Eichhörngen“ (Pietsch S. 20),
W E LT K U N S T
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TÄUSCHEND ECHT
Der italienische Künstler Gioele Amaro
bezeichnet sich als digitalen Maler. Gekonnt
spielt er mit unserem Realitätssinn. Handelt es
sich beim »BlueAluminiumSelfie« (2021) um
ein Gemälde oder einen dreidimensionalen
Bilder: Aurel Scheibler; Bernhard Kahrmann/Courtesy Galerie Reinhard Hauff; Veuve Clicquot
Druck? Die Antwort gibt es in der Stuttgarter
Galerie Reinhard Hauff ([Link]).
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NAHAUFNAHME IN ROSA
In seinen intimen Bildern erzählt Jack Pierson Geschichten
von Verletzbarkeit. Der Amerikaner arbeitet mit einer
Vielzahl von Medien, doch Stimmungen und Gefühle
stehen stets im Fokus seiner Werke. Den C-Print (27,2 x
35 cm) des so schön verträumten Jungen bietet die Berliner
Galerie Aurel Scheibler an ([Link]).
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ZWEI GR0SSE DAMEN
Yayoi Kusama und Madame Clicquot haben
etwas gemeinsam: Unternehmerinnengeist
und Kreativität. Nun hat die japanische
Künstlerin eine limitierte Edition für das
Champagnerhaus gestaltet. Die Polka Dots
durften natürlich nicht fehlen. »La Grande
Dame 2012« ist via [Link] erhältlich.
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DIMITRIOU, Maria (*1964 Kromni)
100. Auktion
HAND DES MEISTERS
27.3.2021–7.2.2022
Ways of
Seeing
Abstraction M anchmal genügt ein schlechter Tag, und alles ist
verdorben. Ein solcher Tag war wohl auch jener,
als die Schlange zu Eva sprach, dass sie doch ruhig
vom Baum der Erkenntnis einen Apfel naschen sollte. Die
Works from the Sache ging für alle Beteiligten nicht gut aus. Adam und Eva
Deutsche Bank Collection wurden aus dem Paradies vertrieben, und die Schlange wurde
vom enttäuschten Allmächtigen dazu verdammt, für immer
auf dem Boden zu kriechen.
Rana Begum, WP 412 (Detail) © Begum Studio, Courtesy of Jhaveri Contemporary
IN
M
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IL
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ZW
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Kürzlich versteigerte das Düsseldorfer Auktionshaus Hargesheimer das Bild eines »Studierenden Mönchs«,
das Eduard von Grützner 1890 auf Kupfer gemalt hat (o. ein Detail). Mit einem Startpreis von 5000 Euro kletterte
es bis auf 20 000 Euro. Ob Gerhard Schröder wohl seine Finger im Spiel hatte? Den Mönch und den Altbundes
kanzler verbindet dieses hintergründige Lächeln … Weitere Doppelgänger bitte an bildredaktion@[Link]
K R I T I K E R F R AG E
Berninis »Ekstase der Sebastiano del Piombos Edward Hoppers Stadt Der »Master Bedroom« von Als Erstes fällt mir da
heiligen Teresa«. Da kann Bildnis einer schönen Frau menschen. Es heißt immer, Andrew Wyeth mit dem Roee Rosen ein und seine
jede Schnulze einpacken – in Berlin – überhaupt die sie seien einsam. Vielleicht Labrador, der sich wohlig Video-Operette »The Dust
und jeder Porno. Wenn ich kluge, sinnliche Liebes haben sie aber eine auf dem Bett seiner Besitzer Channel«, in der die
sie sehe, kann ich nicht malerei der venezianischen wunderbare Nacht hinter einkuschelt: Die treue Liebe politisch wird, auf
verstehen, dass die Liebe zu Renaissance, die bis heute sich und sind froh über die Liebe ist so kostbar wie ein wunderbar groteske Weise.
Gott so aus der Mode Maßstäbe setzt für das Anonymität und die friedliches Zuhause.
gekommen ist. Reden über Emotionen. Abenteuer der Großstadt.
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E L I S A B E T H L E OP OL D
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Auf Augenhöhe
Elisabeth Leopolds Mann baute die weltweit bedeutendste Privatsammlung
österreichischer Moderne auf. Bis heute wirkt sie hinter den
Kulissen des Wiener Leopold Museums. Porträt einer 95-jährigen Powerfrau
FOTOS VON
I N G O P E RT R A M E R N I N A S C H E DL M AY E R
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D
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macht sie nicht einmal ein Hehl daraus, dass sie – als Ärztin – auf den
derzeit verpönten Handschlag ohnehin nie großen Wert gelegt hat.
Die unermesslich wertvolle Leopold-Sammlung ist heute im
gleichnamigen Museum unweit der Wiener Ringstraße beheimatet.
Das inhaltliche Gravitationszentrum der mittlerweile mehr als 6500
Objekte umfassenden Kollektion bildet Egon Schiele, von dem das
Haus die weltweit größten Bestände besitzt. Hinzu kommen Werke
Derzeit ist es schwierig, im größeren Rahmen zu feiern. Geschlosse- von Gustav Klimt, Oskar Kokoschka oder Richard Gerstl, dazu
ne Lokale und Ausgangssperren vereiteln jede Festivität; auch zu ei- Kunstgewerbe der Wiener Werkstätte von Josef Hoffmann bis Kolo-
nem 95. Geburtstag gibt es keine Ausnahme. Hätte Elisabeth Leopold man Moser. Auch vieles aus dem 19. Jahrhundert, etwa der Stim-
am 3. März zu einer Party laden können, dann hätte sie ihre Gäste mungsimpressionismus mit Emil Jakob Schindler und Olga Wisin-
wohl nicht in einem Nobelrestaurant empfangen, sondern eher, wie ger-Florian, findet sich hier. Darüber hinaus: österreichische Kunst
sonst manchmal, beim Heurigen – einer jener Winzerschenken, die der Zwischenkriegszeit, etwa der eigenwillige Albin Egger-Lienz oder
in Wien so beliebt sind. Auf gesteigerten Luxus legt sie wenig wert: der auf Männerakte spezialisierte Anton Kolig, afrikanische Skulp-
Wer braucht schon teure Autos, kostspielige Fernreisen oder sonsti- turen, Bauernschränke, Tonkrüge, gotische Skulpturen.
gen Firlefanz, wenn es doch die Kunst gibt? Diese Einstellung teilte Im Jahr 1994 brachte Rudolf Leopold einen Großteil seiner
sie mit ihrem 2010 verstorbenen Ehemann Rudolf Leopold, dem Sammlung, fast 5300 Objekte, in eine Stiftung ein und erhielt dafür
größten Privatsammler österreichischer Kunst der Moderne. eine staatliche Zahlung von umgerechnet 160 Millionen Euro, weit
Vor unserem Gespräch bereitet ihr vor allem eines Sorge: ihr entfernt von den 570 Millionen des damals errechneten Schätzwerts.
Haarschnitt. Schließlich haben seit fast einem Monat die Wiener Es war kein rein karitativer Akt, auch wenn die Öffentlichkeit heute
Coiffeure geschlossen. Trotzdem ist sie tipptopp frisiert, als sie in ih- von Leopolds mäzenatischer Leistung profitiert. Wegen der enormen
rem Haus in Grinzing, einer Heurigengegend im Bezirk Döbling, fast Kredite, mit denen die Kunst belastet war (alle für neue Bilderkäufe),
drei Stunden lang Auskunft gibt – über ihr erfülltes Leben, in das blieb ihm keine andere Wahl. Einen »beherzten Schuldenmacher«
man, wie sie sagt, »nicht recht viel mehr reinstopfen hätte können«. nannte ihn sein Sohn Diethard in der von ihm verfassten Biografie.
Seit Jahren schon scheint sie kaum mehr zu altern. Wie stets ist sie Im Gegenzug sicherte die Republik Österreich zu, die Werke in ei-
zurückhaltend-elegant gekleidet: weiße Bluse, Tweed-Blazer, Perlen- nem Museum der Öffentlichkeit zu präsentieren. 2001 eröffnete dann
ohrringe. Sie strahlt die Herzlichkeit und Spontaneität einer Frau aus, das Haus im Museumsquartier, ein luftiger und großzügiger Bau des
die Oberflächlichkeiten ohnehin kaltlassen. Bei der Begrüßung Architektenduos Ortner & Ortner.
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Längst ist das Leopold Museum ein Aushängeschild der öster- Damals bewohnte die Familie bloß einen Teil des Hauses, das
reichischen Kunstlandschaft. In Zeiten, da keine Pandemie wütet, Rudolfs großbürgerlichen Eltern gehörte. »Wo die Madonna steht, da
zieht es jährlich Hunderttausende Besucher an. Nach wie vor scheint war damals eine große Bettbank«, deutet die Hausherrin aus dem Ess-
Elisabeth Leopold mit der Institution, wo man sie liebevoll »Leopol- zimmer, wo wir sitzen, in den nicht sehr großen Nebenraum. »Eben-
dine« nennt, verwachsen zu sein. Hier ist sie daheim. Wer mit ihr so standen Tische, Stühle und das Kinderbetterl drinnen.« Links von
durch das Haus geht, erfährt nicht nur viel über die Kunst, sondern der Tür, erinnert sie sich, »waren die ›Eremiten‹. Die hatten wir von
kann auch ihre unermüdliche Begeisterungsfähigkeit dafür beobach- der Bettbank immer im Blick. Die ›Tote Mutter‹ hing auch irgendwo
ten. Sie gibt Führungen, hält Vorträge und hat immer wieder Aus- herum.« Es war für sie ganz normal, mit Schieles Bildern zu wohnen,
stellungsräume eingerichtet. Im Herbst 2012 sorgte sie für Furore, als die alles andere als gefällig sind, von vielen gar als bedrohlich wahr-
sie die viel besuchte Schau »Nackte Männer« mit kuratierte. genommen wurden. Nach dem Krieg herrschte in Österreich wenig
Nach dem Tod ihres Mannes zog sich die Witwe keineswegs zu- Verständnis für seine sexuell aufgeladenen Akte, die ausgezehrten
rück aus dem Geschehen, im Gegenteil: Als Promotorin seines Le- Selbstporträts oder die geisterhaften Landschaften. Darauf angespro-
benswerks ist sie unermüdlich aktiv. Erst kürzlich präsentierte sie chen, rezitiert Elisabeth Leopold einen Aphorismus, den ihr die Mut-
eine Neuauflage des Schiele-Werkverzeichnisses, das ihr Mann 1972 ter einst in ihr Stammbuch schrieb: »Nicht das Schönste auf der Welt
erstmals publizierte, jüngst erschienen ihre Kindheits- und Familien- soll dir am meisten gefallen, sondern was dir wohlgefällt, sei dir das
erinnerungen, und bis heute sitzt sie, auf Lebenszeit bestellt, im Vor- Schönste von allen.« Heute besitzt das Leopold Museum 42 Gemäl-
stand des Leopold Museums. Das »Dreinreden«, so bekannte sie ein- de sowie 184 Aquarelle, Zeichnungen und Druckgrafiken dieses Ma-
mal, lasse sie sich nicht nehmen. Bisweilen rufen ihre Ideen im lers, der dem Hässlichen nie auswich.
Museum Augenrollen hervor; umgekehrt goutiert sie nicht jedes Aus- Neben der Sammlungstätigkeit, die immer mehr Raum ein-
stellungsprojekt des Hauses. Vieles in der Gegenwartskunst scheint nahm, etablierte sich das Paar beruflich. Elisabeth arbeitete nach
ihr fremd, und auch die Abstraktion interessiert sie nicht besonders. dem Studium als Ärztin, zunächst im Wilhelminenspital. Trotz drei-
Mark Rothko, sagt sie, sei einer der wenigen, die sie verstehe. Trotz- facher Mutterschaft gab sie ihre Profession zu keiner Zeit auf – für
dem scheint das Verhältnis zwischen Elisabeth Leopold und dem damalige Verhältnisse ungewöhnlich. »Seien Sie ruhig beeindruckt
Team des Museums von gegenseitiger Wertschätzung geprägt. Zu- davon«, sagt sie. »Ich bin es auch.« Eher durch Zufall hatte sie sich
letzt setzte Museumsdirektor Hans-Peter Wipplinger auf ihre Anre- einst für die Augenheilkunde entschieden, doch bis heute schwärmt
gung hin die Ausstellung »Menschheitsdämmerung. Zwischen lyri- sie von dem Fachgebiet, das sie mit ihrem Mann teilte. »Das Auge ist
scher Empfindsamkeit und sachlicher Weltauffassung« um. Darin ein Wunderwerk«, sagt sie. »Wenn ich auf einem Berg stehe und hi-
sind Werke von elf österreichischen Künstlern zu sehen – Künstlerin- nuntersehe, sehe ich die Tiefe. Kein Foto kann das wiedergeben.«
nen sind tatsächlich keine dabei: u. a. Herbert Boeckl, Albin Egger-
Lienz, Anton Kolig oder Alfons Walde. Dazu kam eine kleine Publi-
kation heraus, für die – erraten – Elisabeth Leopold Beiträge verfasste.
Viele der Gemälde in dieser Schau entstanden in der Zwischen-
kriegszeit, als Elisabeth auf die Welt kam, im Wien des Jahres 1926 in
eine »intelligente, aber arme Familie (Weltwirtschaftskrise) geboren«,
wie sie einmal notierte. Aufgrund einer Tuberkulose-Erkrankung ih-
res Vaters wuchs sie zunächst bei ihrer Großmutter auf: einer gebür-
tigen Böhmin, die als Dienstmädchen arbeitete. Die Mutter war be-
reits als Buchhalterin tätig, dann als Prokuristin, und Elisabeth
konnte sogar Medizin studieren: eine klassische Aufsteigergeschichte,
typisch für viele Menschen ihrer Generation.
Nach ihrer Matura, dem österreichischen Abitur, dauerte es
nicht mehr lange, bis sie die Liebe ihres Lebens kennenlernte. Sie be-
gann mit dem Medizinstudium an der Wiener Universität, dort traf
sie auf Rudolf Leopold. Im Jahr 1953 heirateten die beiden angehen-
den Ärzte. Dann kamen ihre drei Kinder auf die Welt: Rudolf, Diet-
hard, Gerda. Eines Tages stieß der junge Student auf einen alten
Werkkatalog von Schiele, der 1918 an der Spanischen Grippe gestor-
ben war. Bald schon erfasste Leopold die lebenslang währende Ma-
nie für diesen Künstler mit seinen ungeheuer expressiven Menschen-
bildern, und mit ihm war seine Frau vom Schiele-Virus befallen.
Im Wien der Fünfziger waren Gemälde und Papierarbeiten des
Künstlers vergleichsweise günstig, dennoch für den jungen Sammler
Leopold nur unter großen Opfern bezahlbar. So besaß das Paar mit
kaum 30 Jahren eine erkleckliche Anzahl an Werken von Schiele.
Dessen Siegeszug durch die europäischen Museen und die Welt soll-
te noch lange auf sich warten lassen. Er begann mit einer Ausstellung
im Amsterdamer Stedelijk Museum 1956, und zwar nach einem Be-
such des damaligen Direktors Willem Sandberg in Grinzing.
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Nachdem sie eine Praxis in der Nähe ihres Hauses eröffnet hat- chen Kulturpolitikern auf der einen Seite, Leopold und der Stiftung
te, durfte ihr Gatte keine Ordination in Wien führen, aufgrund ir- auf der anderen Seite. Der Sammler, dem ein bösgläubiger Erwerb
gendwelcher verstaubten Verordnungen. Daher praktizierte er zu- von Raubkunst nicht nachgewiesen werden konnte, verweigerte stets
nächst im niederösterreichischen Klosterneuburg. Bisweilen kam es die Rückgabe der Werke an Erbinnen und Erben, sondern bot statt-
vor, dass seine Frau für ihn einsprang. »Wenn er nach London zu ei- dessen Geld an, zuweilen viel Geld. Häufig brauste er in diesen De-
ner großen Versteigerung flog, dann fuhr ich raus in seine Praxis.« batten auf. Presseleute wurden bisweilen vormittags von Herrn Leo-
Das Leben mit ihrem Mann, so zitiert Sohn Diethard seine Mutter pold wegen unbotmäßiger Fragen angebrüllt und nachmittags von
in der Biografie seines Vaters, sei für sie »Himmel und Hölle« gewe- Frau Leopold am Telefon in ein freundliches Gespräch verwickelt. So
sen. Ihre Berufstätigkeit kam der Familie zugute, während ihr Mann beruhigte sie manche Situation und zeigte Verständnis. Auch IKG-
sein Geld größtenteils in die Kunst steckte. Geschäftsführerin Erika Jakubovits gewann den Eindruck, dass sich
In der Öffentlichkeit waren die Rollen von Rudolf und Elisabeth Elisabeth Leopold der Raubkunst-Problematik bewusst sei, wie sie
Leopold klar verteilt: Er der genialische, häufig polternde und obses- 2015 sagte. Dass die Konflikte mittlerweile halbwegs beigelegt sind,
sive Kunstkenner, sie die Konziliantere und pragmatischer Veranlag- liegt zu einem guten Teil an der Witwe.
te. Das zeigte sich auch in den hitzigen Debatten um das Thema Als sich der Nachmittag schon zu Ende neigt, schlägt sie ein
Raubkunst. Sie schwelten bereits vor der Eröffnung des Museums. Buch mit Egon Schieles »Sitzendem Akt« auf. Er präsentiert sich da-
Die weitesten Kreise zog Schieles »Bildnis Wally Neuzil«. Es war der rin selbst, mit roten Augen, gelber Haut, nackt vor einer weißen Flä-
jüdischen Galeristin Lea Bondi-Jaray 1938 abgepresst worden, gelang- che – ein Wahnsinnsbild. Wer heute ohne Vorahnung durch die ele-
te in die Salzburger Landesgalerie und wurde nach 1945 falsch resti- ganten Räume des Museums schlendert, bekommt einen regelrechten
tuiert: nämlich an die Erben des 1942 im KZ Theresienstadt ermor- Schock ob der Intensität dieses Werks, wenn es plötzlich zwischen
deten Heinrich Rieger. Diese verkauften es an das Belvedere – von den anderen Gemälden auftaucht. »Sie können ja die Rippen sehen!
dem es Rudolf Leopold wiederum 1954 in einem Tauschgeschäft er- Die Nacktheit, die Magerkeit, das alles ist übertrieben, um zu zeigen,
warb. Als er das Gemälde 1998 in eine Ausstellung des New Yorker wie ausgesetzt er ist.« Und schon wieder fällt ihr ein Gedicht ein. »Das
MoMA entlieh, wurde es dort beschlagnahmt: der Beginn eines zwölf geht ungefähr so: So sieh den Menschen nackt, wie empfindlich ist
Jahre währenden Rechtsstreits. 2010 verglich sich die Museumsstif- sein heller Leib und wie ausgesetzt dem Verfall.«
tung durch eine Zahlung von 19 Millionen Dollar mit den Erben von Sie wäre nicht Elisabeth Leopold, wenn sie nicht eine witzige
Lea Bondi-Jaray; seither ist das Gemälde hier wieder zu besichtigen. Geschichte dazu hätte: Einmal wollte eine Firma mit dem Bild für
Auch wegen anderer Raubkunstfälle tobten jahrelang Streitig- ein Rheumamittel werben. Für derlei Absurditäten hat sie kein Ver-
keiten zwischen der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) und man- ständnis. Doch die Anekdote bringt sie noch heute zum Lachen. ×
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YAYOI K U S A M A
VON
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YAYOI K U S A M A
W
nik in Tokio umzog, werden allerlei Schrul Moon«, »A Flower with Nets« oder »Speu
ligkeiten erzählt – die allerdings einen wich rim« (alle 1952) jene gemalten Zellstrukturen
tigen Teil ihres enorm erfolgreichen Images und Punktansammlungen auf, die später für
bilden: Die 92-Jährige ist mit ihren Spiegel ihre Kunst wichtig werden.
räumen und Punktbildern die populärste Einen evolutionären Sprung macht Ku
lebende Künstlerin und dem breiten Publi samas Malerei dann mit dem Umzug nach
kum bekannter als männliche Kollegen New York im Jahr 1958. Unter dem Eindruck
Wenn Aliens die Erde übernommen haben, vergleichbaren Alters und Kalibers wie Ger der Monumentalkunst des abstrakten Ex
könnte die Kunst so aussehen: Allein steht hard Richter oder Jasper Johns. pressionismus schafft sie ebenfalls riesige Bil
man in einem dunklen Raum und schaut auf Der Gropius Bau in Berlin hätte nun bei der, die bis auf ein dunkles Punktraster je
ein Wirrwarr gebogener Metallstangen, an der ersten deutschen Kusama-Retrospektive doch nahezu monochrom weiß wirken. Mit
denen Leuchtkugeln hängen. Jede Kugel die Sensationsgier einfach anfüttern können. Tausenden Pinselstrichen sind diese Lein
wechselt ihre Farbe, lautlos, langsam und un Umso schöner, dass man sich stattdessen ent wände gefüllt, und wer in der Werkgruppe
aufhörlich, wobei sie das Spektrum des Re schlossen hat, das Auragewebe um Kusamas eine Uniformität vermutet, wird in der Ber
Bild vorige Doppelseite: Luca Girardini/Gropius Bau, Berlin; S. 27: Yayoi Kusama; Bilder links: Luca Girardini/Gropius Bau, Berlin; rechts: Yayoi Kusama
genbogens durchmisst. Aus brennendem Œuvre konzentriert und gekonnt aufzudrö liner Nahsicht eines Besseren belehrt. Ihr
Rot wird strahlendes Gelb und schließlich seln. Eine fast sechs Jahrzehnte füllende Kar Duktus ist variabel: Im Bild »Pacific Ocean«
tief schimmerndes Violett. Der versetzt ein riere ordnet sich in 20 Räumen. Spannend von 1958 bilden breite Pinselschwünge die
setzende Rhythmus der Kugeln und ihre sind die Rekonstruktionen früher Ausstel Grundlage, auf die Kusama blaugraue Tup
schiere Anzahl machen es unmöglich, im lungen Kusamas mit Werken und Dokumen fen aufgetragen hat, während sie im gleich
bunten Blinken ein sinnvolles Muster zu er tationsmaterial, die den kunstgeschichtli namigen Werk von 1960 mit weißer Farbe ein
kennen. Vollverspiegelte Wände verlängern chen Stellenwert der Japanerin verdeutlichen. dichtes Netz kleiner pastoser Halbmonde
den Raum ins Unendliche. Es ist, als ob man Man sieht, wie sie auf den Zeitgeist und die setzt und die Punkte im Negativ durch den
in die Tiefe einer unbekannten Galaxie globalen Kunstentwicklungen blitzschnell freigelassenen Untergrund entstehen. Ver
blickt und darin eine fremde Präsenz spürt, reagierte und sie für sich nutzte. schiedene Gestaltungsmittel der gestischen
die man nicht vollständig begreift. Mit der Nachbildung von zwei Einzel Nachkriegsabstraktion werden von Kusama
Etwas Rätselhaftes hat auch die Schöp schauen in einem Gemeindezentrum ihrer hier gekonnt adaptiert – allerdings in Form
ferin des blinkenden Universums, Yayoi Ku Heimatstadt Matsumoto beginnt die Erzäh einer universalen Kunst ohne klare Schöpfer
sama. In der New Yorker Szene der späten lung im Jahr 1952: Semiabstrakte Gemälde geste, die im Denken an die zeitgleiche Zero-
Fünfzigerjahre dürfte die zierliche Japanerin und Gouachen der damals 23-Jährigen mit Bewegung erinnert. »In einem Manifest er
tatsächlich wie eine Außerirdische gewirkt etwas schmutzig wirkender Farbgebung und klärte ich, dass alles, ich selbst, die anderen
haben, schon weil sie bei Vernissagen gern Titeln wie »Accumulation of Corpses« (1950) und das gesamte Universum, durch die astro
Kimono trug. Seither hat sich der Kuriosi könnten auf das wenige Jahre zuvor erlittene nomische Akkumulierung von weißen, aus
tätsfaktor noch verstärkt. Von der Künstlerin, Kriegstrauma Japans hinweisen. Doch tau Punkten geknüpften Netzen aus Nichts aus
die 1977 freiwillig in eine psychiatrischen Kli chen auch schon in frühen Bildern wie »The gelöscht werde«, schreibt die Künstlerin in
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YAYOI K U S A M A
Mit halbkreisförmigen Strichen
malte Kusama Bilder wie »Pacific
Ocean« (1960, re.) – und erfand
dabei ihr typisches Punktraster,
das fortan ihre gesamte Kunst
überziehen sollte. Li. Seite:
»Women of Shangri-La« (2002),
unten die aktuelle Installation im
Atrium des Berliner Gropius Bau
Bilder links: Luca Girardini/Gropius Bau, Berlin; rechts: Yayoi Kusama/Collection of Museum of Contemporary Art Tokyo
ihrer Autobiografie zu diesen Bildern, die sie Wer aber in Berlin seinen Kopf in »Kusama’s auf Riesenleinwänden und Großskulpturen
als »Infinity Net«-Werkgruppe bezeichnet. Peep Show« von 1966 steckt, wird vielleicht ausbreiten, zeigt sich eben auch, dass die
Fortan bestimmt der Punkt ihre Kunst. enttäuscht sein, neben bunt blinkenden Lich- Künstlerin den Hunger des Kunstmarkts
Kusamas Polka Dots, Maschen und Zell- tern lediglich seinem eigenen gespiegelten ebenso mühelos bedienen kann wie ein Jeff
strukturen basieren auf der Idee der Verviel- Antlitz zu begegnen. Koons. Und in ihrem Drang zur umfassen-
fältigung des Gleichen, so gerät sie Anfang In der Retrospektive ist immer wieder den Gestaltung gelingen ihr immer wieder
der Sechziger in die Strömung der seriellen sehr schön zu sehen, wie Kusama die gezielte Geniestreiche: Lange hat man im Gropius
Kunst, die etwa von Andy Warhol propagiert Verwirrung von Schein und Sein betreibt. Ei- Bau keine so gelungene Installation mehr ge-
wird. Vielleicht kennt sie dessen Bild »100 nerseits inszeniert sie sich für TV-Berichte als sehen, wie jetzt die gigantischen Tentakel im
Cans« von 1962, jedenfalls erhöht sie den Ein- Prinzessin im Wunderland, die sich an einer Atrium, die zum Rauschen der Virus-Luftrei-
satz und zeigt 1963 in der Gallery Gertrude mit Stoffphalli überzogenen Spiegelkommo- niger nichts anderes behaupten als die An-
Stein ihre »One Thousand Boats Show«: In de die Haare kämmt. Ein männlicher Fern- dersartigkeit der Kunst. Hier zeigt sich die
einem schwarz gestrichenen Raum steht ein sehsprecher kalauert zweideutig vom »frucht- Dimension von Kusamas Vision, die auf
Ruderboot auf dem Boden, das mit weißen, baren Umgang mit der Pop-Art«. Anderseits Überwältigung abzielt – einen dabei aber ir-
phallischen Stoffskulpturen überwuchert ist. behält sie das Kommando: 1967 sind es im gendwie freundlich und tröstlich umarmt.
An den Wänden hängen noch 999 fotokopier- »Love Room« in Den Haag ihre männlichen Eindeutig sind es emotionale Werke, an
te Poster derselben Installation. Vor allem Zero-Kollegen, die die Hüllen fallen lassen denen die Analyse scheitern muss: »The Eter-
diese Idee einer »Kunsttapete«, die später wie- und von ihr mit Punkten bemalt werden. Als nally Infinite Light of the Universe Illumina-
derum Warhol aufgreift, markiert Kusamas wenig später in New York ihre radikalen ting the Quest for Truth« nennt die Künstle-
Schritt vom Einzelobjekt zur Rauminstallati- Nackt-Protest-Happenings stattfinden, die rin den eingangs geschilderten blinkenden
on. Zwei Jahre später richtet sie den ersten den Einzug der Hippies in die Kunstwelt an- Spiegelraum, ihr jüngstes Werk. Dabei ist sie
Spiegelraum »Phalli’s Field« ein und legt sich kündigen, bezahlt sie dafür professionelle lang genug im Geschäft, um zu wissen, dass
für ein Foto auf den Boden voller rot gepunk- Tänzerinnen und Tänzer. Sie selbst bleibt die eine »quest for truth« – also eine Suche nach
teter Stoffpenisse. Spiegelnde Environments weiterhin verhüllte »Oberpriesterin der der Wahrheit – nie zum Ziel führt. Sondern
dürfte sie während ihrer Europareisen beim Punkte«. Zweifellos steckt auch eine feminis- bestenfalls das Ziel selbst ist. Kusama jeden-
Schweizer Zero-Künstler Christian Megert tische Haltung in dieser Position, die Kunst- falls gestaltet diese Suche für das Publikum
gesehen haben – doch Kusama verleiht diesen welt nach eigenem Willen zu gestalten. so unterhaltsam, wie kaum jemand sonst. ×
selbstreflexiven Situationen eine besondere Als Kusama 1973 nach Japan zurück-
amerikanische Note und deutet sie zu narziss- kehrt und ihre Kunst danach dekorativer »Yayoi Kusama: Eine Retrospektive«, Gropius Bau,
tischen und voyeuristischen show rooms um: wird, sich die Punkte ab den Achtzigerjahren Berlin, nach Ende des Lockdowns bis 15. August
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B É N É DIC T E S AVOY
» ICH HABE
EIN
GESPÜR
FÜR
LÜGEN «
I N T E RV I E W FOTO
SI MON E SON DE R M A N N & L I S A Z E I T Z P E T E R R IG AU D
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B É N É DIC T E S AVOY
33
S
B É N É DIC T E S AVOY
Sie sind eine der prominentesten Stimmen an der Schöpfung des Schönen. Wir dürfen nicht funktioniert hat. Man kann Debatten
für die Restitution von kolonialer Raub- jetzt wieder die große historische Bühne be- rekonstruieren, in Archiven, auch in denen
kunst aus europäischen Museen. Empfin- treten und deshalb möchten wir Museen ha- von Ministerien beispielsweise, man kann so-
den Sie derzeit Optimismus? ben, um dies sowohl nach innen als auch gar Telefonate rekonstruieren, weil sie oft
Ja, ganz eindeutig. Die vergangenen nach außen zu zeigen. protokolliert wurden. Als ich anfing zu re-
Monate geben mir Anlass zu Optimismus, cherchieren, hatte ich die Idee, dass es starke
weil es die gerade sehr aktuelle Debatte um Wie war die Reaktion in Europa auf diese Lobbys gegeben haben muss, die damals ge-
die eventuelle Rückgabe afrikanischer Kul- Wünsche? gen das Projekt der Restitution waren. Diese
turgüter, also Kulturgüter aus der Region Die Anfragen werden oft nicht beant- Lobbys haben ich anfangs im Bereich des
südlich der Sahara, die während der Kolo- wortet. Und wenn es eine Antwort gibt, ist Kunsthandels gesucht. Ich dachte, dort muss
nialzeit nach Europa gekommen sind, schon sie fast immer juristisch. Etwa im Fall der Be- es Menschen gegeben haben, die ein starkes
einmal gab. In den 1970er-Jahren. Dann ha- nin-Bronzen, die Nigeria als Nachfolgestaat Interesse daran hatten, dass nichts in Rich-
ben wir das komplett vergessen. Jetzt poppt des Edo-Reichs, wo diese Bronzen bei einer tung Restitution passiert. Doch solche Quel-
es wieder auf, und zwar mit einer Wucht, die Strafexpedition der Briten 1897 geplündert len habe ich nicht gefunden. Was ich ge
mich zuversichtlich macht, dass es nicht wurden, beansprucht. Da lautete die Ant- funden habe, war aus meiner Perspektive
noch einmal vergessen wird. wort aus West-Berlin damals: Wir haben das erschütternder: ein organisierter Widerstand
auf dem Kunstmarkt in London legal erwor- in den Museen gegen die Forderungen aus
Ihr jüngstes Buch heißt »Afrikas Kampf um ben. Wir haben das nicht selbst geplündert. dem globalen Süden, der von den Akteuren
seine Kunst« und hat den Untertitel »Ge- Also seien der Stiftung Preußischer Kultur- als »Abwehrkampf« beschrieben wurde, also
schichte einer postkolonialen Niederlage«. besitz die Hände gebunden. Eine andere Art mit sehr militärischen Metaphern. Und nach
Darin arbeiten Sie die Restitutionsdebatte der Antwort der Museen in Europa ist eine zwei Jahrzehnten des Bittens, Wünschens,
in den 1970er-Jahren auf. Wie kam es zu die- sehr nationalistische. Nicht unbedingt nach später auch Forderns waren die afrikani-
ser ersten Debatte über das Thema? außen, aber in den internen Briefwechseln schen Verantwortlichen schließlich so frus-
In vielen Region des globalen Südens und Gremien heißt es deutlich und gut do- triert, dass sie aufhören zu fragen. Die Hoff-
wächst in den Siebzigern ein starkes Bedürf- kumentiert: Museen messen sich an ihrer nung versiegt. Parallel dazu schmelzen in
nis, den Kontakt zur eigenen materiellen Größe und der Vollständigkeit ihrer Samm- den 1980er-Jahren die Kulturbudgets der afri-
Kultur wiederherzustellen. Das wird vor al- lungen. Gibt man, etwa in West-Berlin, drei, kanischen Mittelschicht aufgrund globaler
lem in Afrika sehr früh und sehr schön for- vier, fünf Benin-Bronzen ab, verliert man in Konstellationen, und es beginnt eine starke
muliert, als eine Art »Kraftnahrung für die der Konkurrenz zu London und Paris. Und: Emigration afrikanischer Intellektueller.
Gestaltung der Zukunft«. Im Jahr 1960 wer- Man verliert gegenüber Ost-Berlin. Ost-Ber-
den viele vor allem französische Kolonien »in lin hatte die Museumsinsel, West-Berlin hat- Ein früheres Forschungsprojekt von Ihnen
die Unabhängigkeit entlassen« beziehungs- te gerade den Museumskomplex in Dahlem war der Kunstraub unter Napoleon. Was
weise sie erkämpfen sich diese, auch blutig. ganz neu aufgebaut, als Schaufenster des mu- auffällt: Die Argumente gegen eine Restitu-
In diesem Kontext wird der Wunsch formu- sealen Westens. Das waren keine redlichen tion nach Afrika in den 1970ern und zum
liert, etwas vom eigenen Kulturgut zurück- Argumente. Das haben auch Befürworter der Teil noch heute ähneln denen der Franzosen
zubekommen. Natürlich nicht alles. Das war Restitution in der damaligen Zeit in der Po- unter Napoleon, als es um die Rückgabe von
eine wichtige Erkenntnis für mich: Die ers- litik, einige CDU-Abgeordnete oder Hilde- erbeuteten Werken nach Deutschland ging.
ten Äußerungen zu Restitutionen waren gard Hamm-Brücher, die Grande Dame des Im Jahr 1815, als Frankreich durch die
Wünsche, keine Forderungen. Und sie waren westdeutschen Liberalismus, so gesehen. Alliierten gezwungen wird, das Kulturerbe,
eher bescheidene Wünsche. Nigeria möchte das man seit den Revolutionskriegen aus Ita-
1972 von der Stiftung Preußischer Kulturbe- Das heißt, es ist am Widerstand der Museen lien, dem heutigen Belgien, den heutigen
sitz einige wenige Dauerleihgaben für ein zu gescheitert? Oder warum ist die Debatte am Niederlanden oder dem deutschsprachigen
bauendes Museum in Benin City haben. Es Ende versandet? Raum zentral nach Paris verbracht hat, zu-
wird argumentiert: Wir sind auch ein Teil Es ist für Historikerinnen und Histori- rückzugeben, entsteht eine sehr spannende
der Weltgeschichte. Wir haben auch Anteil ker immer schwierig zu sagen, warum etwas Debatte, mit Leuten wie Stendhal, Goethe,
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B É N É DIC T E S AVOY
den Humboldt-Brüdern, um nur einige zu Museum. Wenn man die Entscheidung über liche Statuen, die im Zentrum der Inszenie-
nennen. Da ging es um Fragen wie: Geben den Verbleib der Objekte komplett den afri- rung im Musée du quai Branly stehen. Sie
wir eine Bibliothek aus dem Rheinland nach kanischen Playern überlassen würde: Was, sind das Herz dieses Museums. Aber dann
Bonn zurück oder nach Preußen? Denn glauben Sie, würde passieren? passierte nichts. Denn in Frankreich sind Ob-
Bonn war nun preußisch. Oder es kommt Ich antworte mit einer Geschichte. Als jekte in Museen unveräußerlich. Es musste
das Argument: Die Deutschen können ihr ich angefangen habe, mit Felwine Sarr zum ein neues Gesetz durch die Nationalver-
Kulturerbe nicht pflegen, die verwahren ihre Thema Restitution zusammenzuarbeiten, ha- sammlung her. Das hat zwei Jahre gedauert.
Cranachs und ihre Dürer im Stroh, in Paris ben wir Museumsdirektorinnen und -direk- Im Dezember 2020 wurde per Gesetz ein-
hingegen gibt es die guten Museen. Dort toren, Künstlerinnen und Intellektuelle in stimmig beschlossen, dass diese 26 Werke zu-
sind die Werke öffentlich zugänglich. Das äh- Dakar versammelt, um zu hören, wie sie die rückgehen können. Ich dachte früher immer,
nelt sehr den Argumenten bei der Debatte Situation sehen. Die erste Frage von einem ich sterbe, bevor Frankreich irgendeinen
zur kolonialen Raubkunst. Um 1900 kommt Kollegen aus Kamerun war: Wenn ihr uns Schritt in diese Richtung macht. Unsere
noch das Wissenschaftsargument hinzu: Wir Objekte zurückgebt und ihr habt dann leere Empfehlung im Restitutionsreport war, das
werden die afrikanischen Objekte erfor- Sockel – was wollt ihr von uns im Gegenzug Gesetz über das nationale Kulturerbe grund-
schen. Während die Völker »da unten« sie haben? Wäre zeitgenössische afrikanische sätzlich zu ändern. Jetzt ist es erst mal nur
nur benutzen und dann verkommen lassen. Kunst interessant? Was ich damit sagen will: ein Extragesetz über die 26 Objekte, für wei-
Die Wissenschaft dient also der Legitimation. Wir haben in Europa in dieser Debatte sehr tere Forderungen wird es wieder ein Sonder-
Nur leider wurden die Objekte sehr oft noch viele Befürchtungen, sehr viele Verkrampfun- gesetz geben müssen. Das ist nicht optimal.
nicht einmal ausgepackt. So viel Wissen- gen, eine Aura der Angst. Und auf der afrika-
schaft hat also gar nicht stattgefunden. nischen Seite ist die Reaktion konstruktiver Sind diese 26 Objekte schon in Afrika ange-
und voller guter, gestalterischer Energie. Ich kommen?
Sie vergleichen das Vergessen der Restituti- mache mir überhaupt keine Sorgen über Lü- Nein. Sie sind noch in Paris. Sie sollen
onsdebatte in Ihrem Buch mit der Klimade- cken oder darum, wie wir sie füllen. Weil die in diesem Herbst zurückgehen. In der Repu-
batte, wo auch schon in den späten 1970er- Partner auf der anderen Seite Ideen haben blik Benin wird ein großes Museum gebaut,
Jahren viele Fakten bekannt waren. und weil Museen, das wissen wir seit 200 Jah- ich denke, die Objekte werden dorthin kom-
Glauben Sie an Fortschritt in der Wissens- ren, nie leer sind. Als Frankreich 1815 alles zu- men. Wenn man sich noch mal an die Resti-
entwicklung? Oder verläuft diese in Wellen? rückgeben musste, war der Louvre einein- tution unter Napoleon erinnert: Das erste öf-
Wie kann es sein, dass in so existenziellen halb Jahre etwas leerer, dann kamen Stücke fentliche Museum in Preußen gibt es erst seit
Fragen wie dem Kulturgut des afrikani- aus Amerika, aus Ägypten, aus Mesopota- 1830, das heutige Alte Museum in Berlin. Die-
schen Kontinents oder auch der Klimakrise mien. Museen füllen sich – und wenn es mit ses Museum ist nur entstanden, weil Frank-
Wissen verloren geht? alten Computern oder Turnschuhen ist. reich die Kunstwerke 1815 zurückgeben muss-
Im Fall Afrikas ist es keine Wellenbewe- te. Das heißt, es hat 15 Jahre gedauert, bis sich
gung, sondern einen Bumerang. Etwas, das Sie haben 2018 im Auftrag des französischen die Berliner im Klaren waren, was sie für ein
weit weggeworfen wurde und nun mit zehn- Präsidenten Emmanuel Macron gemeinsam Museum haben wollen, mit welchem Kon-
facher Schleuderkraft zurückkommt. Die mit dem senegalesischen Wissenschaftler zept. Wenn man daran denkt, versteht man
Debatte in der Presse, in den öffentlichen Felwine Sarr einen Bericht über die Restitu- besser, dass es heute dauert, bis sich die afri-
Medien in den Siebzigern war auf sehr ho- tion afrikanischer Kulturgüter aus franzö- kanischen Länder organisiert haben, um die
hem Niveau. Die, die wir heute haben, ist sischen Museen verfasst, der international Objekte aufzunehmen.
auch gut, aber vielleicht nicht so gut wie da- Aufsehen erregt hat. Was hat sich in Frank-
mals. Ich sehe da keinen Fortschritt, weil wir reich seitdem getan? Nicht nur Ihr Restitutionsreport war ein Pau-
wieder bei null angefangen haben. Am Tag der Abgabe hat Emmanuel Ma- kenschlag, sondern auch Ihr medienwirksa-
cron immerhin die Rückgabe von 26 Objek- mer Rückzug aus der Expertenkommission
Ein emotionales Argument, das man heute ten in die Republik Benin offiziell angekün- des Humboldt Forums 2017. Sind Sie diejeni-
von Gegnern von Restitutionen nach Afri- digt. Das war ein enormer Schritt. Denn das ge, die der Restitution kolonialen Raubguts
ka häufig hört, ist die Angst vor dem leeren sind große anthropomorphe Statuen, könig- die entscheidenden Impulse gegeben hat?
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B É N É DIC T E S AVOY
Es gibt viele Aktivisten, die schon seit ders positioniert. Ich habe den Eindruck, Was meinen Sie damit?
2010 gegen das Humboldt Forum protestie- dass die Präsenz von Frauen an der Spitze Am 10. Mai ist ein neues Buch des Holo-
ren. Diese haben einen großen Druck aufge- von Museen heute, wie Nanette Snoep im caust-Forschers Götz Aly zum Südseeboot er-
baut. Und als ich kam, war meine Rolle nur Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum, Léon- schienen, »Das Prachtboot« …
diese (macht eine Geste): die Cola-Dose zu öff- tine Meijer-van Mensch in Leipzig und Dres-
nen. Das ist nicht viel. Aber es hat offenbar den, Barbara Plankensteiner in Hamburg … über das große Luf-Boot aus Ozeanien,
gereicht, um das Ganze explodieren zu las- oder Inés de Castro in Stuttgart, etwas ver- das als Prunkstück im Humboldt Forum
sen. Wenn es diesen Druck nicht schon gege- ändert hat. Man kann sicher keine Regel da- präsentiert werden soll?
ben hätte, würde alles, was ich mache, keine raus ableiten, aber: Es scheint so zu sein, dass Ja. Das ist eine Bombe. Weil Aly klar-
Rolle spielen. Beim Restitutionsreport war es es Frauen leichter fällt als Männern, eine macht, dass dieses Objekt nicht freiwillig
gut, dass wir als Tandem gearbeitet haben. Empathie zu Menschen zu entwickeln, die nach Berlin hergegeben wurde, wie man bis-
Ein Mann, eine Frau, jemand aus Europa, je- schlecht behandelt oder gedemütigt werden. her angenommen hat. Es gehörte einem
mand aus Afrika. Felwine Sarr, der sich mit Möglicherweise weil Frauen in ihrer Ge- Volk, das die deutsche Kolonialmacht ausge-
der Zukunft Afrikas beschäftigt, und ich, die schichte selbst solche Erfahrungen gemacht rottet hat. Das schreibt ein angesehener
sich seit 20 Jahren mit der Aneignung von haben. Da gibt es, sehr übertrieben ausge- Holocaust-Forscher, also ein Historiker, der
Kulturgütern und der Museumsgeschichte drückt, eine Solidarisierung der Opfer. Die spezialisiert ist auf die Geschichte der Ver-
befasst. Das war eine gute Kombination. zweite Antwort ist: Es ist evident, dass die nichtung anderer Völker. Götz Alys Urgroß-
Akteure heute keine Nazivergangenheit onkel war selbst bei dieser Kolonialgeschich-
Haben Sie je bereut, dass Sie aus der Exper- mehr haben. Schon damals kamen die ersten te in der Südsee dabei.
tenkommission ausgetreten sind? 68er in Leitungspositionen. Aber es sind
Nein! Überhaupt nicht. auch die Institutionen selbst, die einen Ata- Ende April haben die deutschen Museums-
vismus haben, der nichts mit den Personen direktorinnen und -direktoren gemeinsam
Nie der Gedanke, dass Sie von innen mehr zu tun hat, die heute etwa das Humboldt Fo- mit Kulturstaatsministerin Monika Grüt-
hätten ausrichten können? rum leiten, wie Hartmut Dorgerloh oder La- ters offiziell beschlossen, die Benin-Bronzen
Das habe ich ja versucht. Ich habe vor vinia Frey, die ich sehr schätze. Aber wenn zurückzugeben. Was sagen Sie dazu?
meinem Austritt in allen möglichen Tonla- eine Institution wie die Stiftung Preußischer Ich stelle fest, dass die Zivilgesellschaft
gen, ob bei Treffen auf dem Flur, beim Kaf- Kulturbesitz in den Fünfzigerjahren von Ju- mit ihrem zunehmenden Bedürfnis nach
feetrinken oder im Rahmen der Kommissi- risten gegründet wurde, die in der Nazizeit Aufklärung der kolonialen Vergangenheit
on und bei Vorträgen, immer dasselbe gesagt. Karriere gemacht haben, ist eine Struktur, und die Wissenschaft, die in den letzten Jah-
ein Stil, eine Haltung entstanden. Diese be- ren sehr intensiv daran gearbeitet hat, histo-
Nach Ihrem Austritt haben Sie das Hum- steht seit 1957 weiter, ohne dass sich die Insti- risch belegte Fakten zur Sammlungsge-
boldt Forum mit Tschernobyl verglichen. tution aktiv mit ihrer Geschichte auseinan- schichte von Museen in Archiven freizulegen
Das war richtig und mit Bedacht. Ich dergesetzt hätte. Die Deutsche Bank etwa und zu publizieren, sich am Ende durchge-
bereue das überhaupt nicht. Vor allem, wenn oder das Finanzministerium haben das ge- setzt haben. Niemand würde jetzt mehr von
man die weitere Entwicklung sieht. Es wird macht, da wurden Kommissionen einberu- »Sommerlochdebatte« oder von »postkolo-
ja nicht besser. fen etc., um sich studieren zu lassen. Dann nialen Sponti-Aktionen« sprechen, wie es die
kann man sich von der eigenen Geschichte Stiftung Preußischer Kulturbesitz über Jahre
Sie bringen in Ihrem Buch das Mauern der distanzieren. Wenn das ausbleibt, verharrt getan hat. Demut ist auch eine Haltung.
Museumsdirektoren in den 70er-Jahren mit eine Institution in der Kultur des Maulkorbs,
deren NS-Vergangenheit zusammen. Jetzt ist des Nicht-Rausgebens von Informationen, Wie wird es weitergehen mit dem Hum-
eine andere Generation am Ruder. Dennoch der starren Hierarchien, der Angst. Die Insti- boldt Forum?
wurde in puncto Restitution weiter viel ge- tution hat die schrillen Alarmsignale zur Ich glaube, das Humboldt Forum, also
mauert. Gibt es jetzt einen Sinneswandel? Notwendigkeit einer Dekolonisierung seit das Schloss, wurde von Menschen gewollt,
Ich habe darauf zwei Antworten. Schon 2013 überhört und fährt seit zehn Jahren auf die die ehemaligen Hohenzollern-Räume da-
in den Siebzigern haben sich Frauen oft an- die Wand zu. Und jetzt ist die Wand da. rin haben wollten. Diese Menschen sind so-
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B É N É DIC T E S AVOY
wieso enttäuscht, denn wenn man jetzt hi- tungen, die sich jahrelang der Diskussion jekte aus Abomey gesehen. Ich habe das also
neingeht, gibt es Rolltreppen und diese nicht stellen wollten. Die Gegner von Resti- physisch sehr stark erfahren, innerhalb von
Kunst, die da nichts zu suchen hat. Ich glau- tutionen haben in den vergangenen Jahren 24 Stunden. Diese Möglichkeit haben die
be, irgendwann wird sich das Humboldt Fo- keine positiven Argumente formulieren kön- Menschen aus Cotonou nicht.
rum entscheiden müssen, tatsächlich solche nen. Wenn etwa das British Museum mich
historischen Räume zu rekonstruieren. beauftragen würde, ein Plädoyer für das Mu- Was treibt Sie persönlich an?
Denn das Megaknirschen, das es jetzt gibt, seum zu schreiben, hätte ich Argumente pro Ich habe ein starkes Gespür für Lügen.
funktioniert vorne und hinten nicht. Ich Museen. Doch wo hat sich mal eine Stimme Dafür, wenn etwas nicht stimmt. Wie bei Fa-
glaube nicht, dass das Humboldt Forum mit erhoben, die begründet hat, warum diese miliengeheimnissen. Als ich mich etwa mit
den ethnologischen Sammlungen eröffnen Objekte in den europäischen Museen am der Nofretete beschäftigt habe, wurde mir
kann. Die Benin-Bronzen sind jetzt in aller richtigen Platz sind? Mir ging es ursprüng- gesagt, dass die Akte zur Nofretete beim Um-
Munde. Als Nächstes kommt das Prachtboot. lich gar nicht um Rückgaben, sondern um zug zwischen Charlottenburg und dem Neu-
Aber auch die berühmten »Turfan«-Höhlen Transparenz der historischen Fakten. Ich en Museum verloren gegangen ist. Da dachte
sind ein Beispiel rabiater Wissenschaftspra- habe mich vor zehn Jahren intensiv mit dem ich: Oh! Das kann nicht sein. Also habe ich
xis. Sie stammen aus der Region, wo die Ui- Fall Nofretete befasst. Die Frage, ob sie resti- in Paris gesucht und Dokumente zu den Aus-
guren leben. Deutsche Forscher haben 1914 tuiert werden soll, würde ich nach wie vor fuhrverhandlungen zwischen Deutschland
die Malereien aus diesen reich dekorierten eher mit Nein beantworten. Bei den Werken und Frankreich gefunden. Seitdem weiß ich:
Höhlen abgekratzt und in Hunderten von aus Afrika liegt der Fall anders. Da gibt es Man kann in den Sackgassen der Quellen im-
Kisten nach Berlin abtransportiert, das ist al- Raub, Erpressung, sogar Leichenfledderei, mer etwas finden. Das treibt mich an. Dinge,
les dokumentiert und wissenschaftlich publi- zum Teil in Fotos dokumentiert. die komisch klingen, aufzudecken.
ziert, auch wenn die Öffentlichkeit kaum da-
rüber Bescheid weiß. Vielleicht kommt bald Erkennen Sie an, dass man in den europäi- Eine detektivische Arbeit?
das nächste populäre Buch über die »Höhle schen Museen den Objekten huldigt und sie Ja, oder eine psychoanalytische. Man
der ringtragenden Tauben«. Mit jeder neuen auf eine Stufe mit der europäischen Kunst spürt ein Unbehagen und arbeitet, bis man
Erkenntnis wird es weniger möglich, die Öf- stellt? Oder sehen Sie nur das Unrecht? versteht, warum es unbehaglich ist.
fentlichkeit für die ethnologischen Samm- Ja, im Musée du quai Branly sieht man
lungen im Humboldt Forum zu begeistern. diese Form der Huldigung. Sogar der Sakra- In jüngster Zeit kommt auch die Sprache,
lisierung. Jetzt hat Jean Nouvel neue Vitri- mit der wir über die afrikanische Kunst re-
In der Restitutionsdebatte verschärft sich nen gebaut, die sollen die Objekte in einen den, auf den Prüfstand. Ein Begriff wie Tri-
derzeit der Ton. So hat etwa der Kunsthis- magischen Halo hüllen, die Vitrinen selbst bal Art etwa. Was denken Sie darüber?
toriker Jürgen Zimmerer die Verbrechen heißen »Aura«, das ist wirklich erstaunlich. Die Terminologie macht vermutlich ei-
des Kolonialismus mit dem Holocaust in Be- Ich sehe die Geste. Aber ich finde nicht, dass nen Großteil des Problems aus. Es ist nicht
ziehung gesetzt. Können Sie verstehen, dass es eine Huldigung ist in dem Augenblick, wo nur die Frage, ob man von Objekten oder
das Abwehrmechanismen hervorruft? es auf der anderen Seite Menschen gibt, die Kunstwerken spricht. Für viele sind es ja Sub-
Ja. Andererseits darf man unangeneh- sagen: Was macht ihr mit unserem Kultur jekte. Es sind keine leblosen Dinge in den Vi-
me, historisch belegte Fakten nicht verwech- erbe? Und leider höre ich jetzt diese Stim- trinen, sondern sehr starke Persönlichkeiten.
seln mit denjenigen, die solche Fakten freile- men. Ich sehe mit der Anwesenheit eines Ob- Sie haben eine Kraft, sie machen etwas, kön-
gen und publizieren. Also den Überbringer jektes in einem Museum jetzt immer auch nen performen. Redet man also einfach von
der Botschaft mit der Botschaft. Zimmerer die Abwesenheit. Es ist mein Beruf, das bei- Inventarnummern? Oder von Subjekten, die
und sein Team machen solide Forschungsar- des zu sehen. Ich war mit Felwine Sarr im Pa- länger leben als wir und uns in den Museen
beit an der Universität Hamburg. Im Spiegel last von Abomey, einem UNESCO-Welterbe, anschauen? In dieser Vorstellung sind die Be-
ist die Debatte kürzlich als eine »Ansamm- einem großen Areal mit leeren Gebäuden. sucher die Sterblichen und die sogenannten
lung von Schreien« beschrieben worden. Das Direkt danach sind wir nach Paris geflogen, Objekte betrachten von Generation zu Gene-
ist bestimmt nicht gut. Aber es ist auch ein weil wir einen Termin im Musée du quai ration diese Sterblichen und sind so die ei-
Ergebnis der Arroganz von Museen und Stif- Branly hatten, dort haben wir dann die Ob- gentlich unsterblichen Subjekte. ×
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W E LT K U N S T
SAMMLER
SEMINAR Nº 6 9
Architekturfotografie
Gebäude und Stadtansichten waren von Beginn an ein wichtiges Thema der
Lichtbildkunst. Um 1970 entwickelte sich die Architekturfotografie
zu einer autonomen Kunstform. Ein reiches, noch verkanntes Sammelgebiet
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S A M M L E R SE M I N A R
VON
C H R I S T I A N E F R IC K E
G
Grobkörnig und schemenhaft erkennbar ist
der Gebäudekomplex auf dem ältesten Foto
der Welt, das Joseph Nicéphore Niépce 1822
mit einer Camera obscura aufnahm. Es war
der Blick aus seinem Arbeitszimmer im fran- Tommaso Cuccioni fotografierte um 1860 die Maxentiusbasilika in Rom, für 600 Euro bei Julian
Bild links: Courtesy Galerie Albrecht; rechts: Galerie Julian Sander, Köln
zösischen Le Gras. Diese Aufnahme fiel dem Sander. Peter Bialobrzeski (li. Seite) beschäftigte sich intensiv mit Asiens Großstädten: »Shenzhen«
Kölner Architekturfotografen Hans Georg aus der Serie »Neontigers«, 2001, Format 95 x 100 cm, kostet bei Susanne Albrecht 5000 Euro
Esch spontan ein, als er in einem Interview
gefragt wurde, welches Foto ihn am meisten unsere Wahrnehmung und Erwartungs der kommerziell arbeitenden Riege – bislang
berührt und inspiriert hätte. Schon als Schü- haltung an das Gebaute lenken und auf Ent- ungeklärten, grundlegenden Fragen zur Be-
ler habe ihn das Foto fasziniert, nicht weil es würfe Einfluss nehmen. Die österreichische ziehung zwischen Architektur und Fotogra-
das erste überlieferte Foto überhaupt sei, son- Kulturwissenschaftlerin Margareth Otti ist fie, Ökonomie und Medien widmet.
dern auch weil es Architektur zeige. »Ich hät- nicht allein, wenn sie kritisch von einer »Ver- In den Architekturmuseen und -samm-
te vermutet, dass das erste belichtete Bild marktungsmaschinerie im Dienste der Re- lungen spielt die Fotografie als eigener Ge-
vielleicht einen Menschen zeigt – aber nein, präsentation« spricht. genstand eine untergeordnete Rolle. Die Bil-
es ist der Hinterhof eines Hauses.« Den Gegenpol zur werblichen Foto der, die hier zu Hunderttausenden archiviert
Nach Niépce dauerte es nicht lange, grafie bildet eine künstlerische Praxis, in der werden, kommen meist im Kontext von Ar-
und die Architekturfotografie wurde neben sich das Architekturfoto von der Abbildungs- chitekturnachlässen in die Häuser. Entspre-
dem Porträt ein großes Thema. Dabei war sie funktion löst, um zu inhärenten Strukturen chend beschäftigen sich die meisten Ausstel-
zunächst einmal nur nützlich. Erst sehr viel vorzudringen. Das ebenso exemplarische wie lungen mit dem Werk der Architekten und
später erkannte man das Kunstwürdige an stilbildende Beispiel lieferten Bernd und Hil- nicht mit dem der Fotografen, die es visuali-
ihr. Im frühen 19. Jahrhundert dagegen kam la Becher. Sie begannen in den späten 1960er- siert haben. Sammlerinnen und Sammlern
das neue Medium gerade recht, weil es fest- Jahren damit, untergehende Industriebauten wird der Zugang zum Werk von Architektur-
halten konnte, was sich rasant wandelte. Seit nach vorher festgelegten Aufnahmebedin- fotografen nur dann leichter gemacht, wenn
die Industrialisierung Fahrt aufnahm, mach- gungen in Serie zu dokumentieren und da- sie vom Kunstmarkt entdeckt und dadurch
ten Gebäude, ganze Stadtteile Platz für Neu- raus Reihen mit typologischen Objekten ab- in die Galerien und Museen gelangen.
es. Und die soeben erfundene Fotografie war zuleiten. Ihre Einstellung zur Realität prägte Aber nicht Museen und Ausstellungen
dabei; 1851 sogar im Regierungsauftrag. Die schließlich eine ganze Generation von Foto- haben die Architekturfotografie populär ge-
besten Fotografen schickte Frankreich im künstlern, zuallererst die aus Bernd Bechers macht. Eine viel bedeutendere Rolle spielte
Rahmen der »Mission héliographique« in Klasse hervorgegangenen »Becher-Schüler« die Publizistik. Bereits vor 1900 fanden die
alle Landesteile, um bemerkenswerte Bau- der Düsseldorfer Kunstakademie. beliebten Sammelalben in Form von Heft
werke festzuhalten. Dies war nicht nur der serien eine breite Öffentlichkeit. Preisgünstig
erste öffentliche und kollektive Auftrag der Neues Bauen, neuer Blick kamen weniger betuchte Sammler so an die
Fotogeschichte. Es war der Kraftakt eines Wer nun als Sammlerin oder Sammler dieses begehrten Reisefotografien, bei denen es sich
Staates, der nach dem Ende des Absolutis- weite Spektrum für sich aufrollen will, hat großenteils um Architekturansichten han-
mus auf der Suche nach einer nationalen ein Problem. Denn es gibt keine Kunst delte. Weitere Impulse setzte die Bildpubli-
Identität war und die Anknüpfungspunkte geschichte der Architekturfotografie und zistik, die sich im frühen 20. Jahrhundert als
dafür in den historischen Denkmälern fand. auch kein Museum, das sie unabhängig da- Massenkommunikationsmittel durchsetzte;
Bis heute entstehen die meisten Archi- von, ob sie auftragsgebunden, frei oder im später dann die populären Architekturbild-
tekturfotos im Auftrag von Architekten und Kunstkontext entstand, systematisch sam- bände, mit denen etwa der 1980 gegründete
Bauherren. Diese sehr ästhetisch komponier- melt und als Thema ernst nimmt. Erst 2015 Taschen-Verlag neue Maßstäbe setzte.
ten, die Architektur perfekt ins Bild setzen- erschien mit dem reich bebilderten Buch Architekturfotografie in der Kombi
den Aufnahmen haben eine nicht zu über- »Vom Nutzen der Architekturfotografie« ein nation von Bericht und Fotografie war im
schätzende Definitionsmacht. Sie sind es, die Standardwerk, das sich – aus der Perspektive frühen 20. Jahrhundert noch etwas Neues,
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Bild links: Courtesy Laura Mars Gallery/VG Bild-Kunst, Bonn 2021; rechts: Grisebach GmbH
der Steilperspektive und bringt den kompak-
ten Baukörper mit seiner in den Himmel em-
porstoßenden Schrägform zum Schweben.
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Bilder vorige Seite: Institut Heidersberger GmbH; Andrea Grützner/Courtesy Robert Morat Galerie
auf US-Seite Ed Ruscha und Stephen Shore.
Die beiden Amerikaner fotografierten genau
das, was Shulman nicht interessierte: den
schlichten architektonischen Alltag, fern von
jedem Pathos. Ruscha wirkte stilbildend mit
Serien wie die für ein Leporello fotografier-
ten Schwarz-Weiß-Ansichten vom Sunset
Strip in Los Angeles (1966), Shore in den Sieb-
zigern mit lakonischen Farbbildern von
Tankstellen, Hauptstraßen und Siedlungsrei-
henhäusern. Dabei kam es Shore nicht da-
rauf an, etwas gut aussehen zu lassen. Letzt-
lich ging es ihm um Verdichtung mit den
Mitteln von Farben, Strukturen und Licht.
Boom in Düsseldorf
Eine Generation später war die mittlerweile
stark gewordene Riege der Fotokünstler so
weit, den professionellen Architekturfoto-
grafen Anregungen zu liefern. Denn diesen
waren die Ideen ausgegangen, wie es der Ar-
chitekturhistoriker Philip Ursprung darstellt.
Fotokünstlerinnen und -künstler wie Candi-
da Höfer oder Thomas Struth führten vor, so
Ursprung, »wie aus künstlerischer Perspekti-
ve ein neuer Blick auf die Architektur mög-
lich wurde«. Während Höfer, die vor ihrer
Ausbildung an der Düsseldorfer Akademie
bei Karl Hugo Schmölz volontierte, Struktur
und Ordnung menschenleerer, schattenloser
Innenräume herausarbeitet, umkreist Struth
in seinen Straßen- und Museumsfotos die
Wechselwirkung von Gesellschaften und ih-
rer gebauten Umgebung. Andreas Gursky
schließlich bricht auf seinen großformatigen
Tableaus die sichtbare Wirklichkeit ins Or-
namentale herunter, sodass am Ende nur
Form, Zeichen und Signal übrig bleiben.
Im angewandten Bereich der Architek-
Puristische Magie: Klaus Kinolds Blick auf Carlo Scarpas Tomba Brion, 1985, 18 000 Euro bei Walter turfotografie geriet um 2000 die geleckte,
Storms. Iwan Baans »Naoshimo Island«, 2015 (o.), kostet bei The Gallery Club unlimitiert 400 Euro. vom menschlichen Leben unberührte Optik
Rechts: Stephen Shore, »Badlands National Monument« 1973, Print 2000, 15 000 Euro bei Conrads in die Kritik. Der Niederländer Iwan Baan,
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Bilder links: Iwan Baan; Klaus Kinold/Walter Storms Galerie; rechts: Stephen Shore/Conrads Düsseldorf/Berlin
der einmal aufgefordert wurde, den Müll auf melgebiet eine exponierte Rolle auf dem weil sie so viele Schnittstellen bietet, zum Bei-
einem seiner Fotos für Zaha Hadid zu ent- Kunstmarkt. Trotzdem findet sie immer wie- spiel mit Design und Drucksachen der Bau-
fernen, bringt den Menschen zurück ins Bild. der ein begeistertes Publikum. Etwa wenn haus-Zeit. So lässt sich etwa eine Arbeit von
So zeigt er in seinem 2010 erschienenen Buch Walter Storms eine Ausstellung mit den Bil- Otto Lossen, Fotograf der Weissenhof Sied-
»Brasilia – Chandigarh. Living with Moder- dern des vor wenigen Wochen verstorbenen lung in Stuttgart, sinnvoll mit Möbeln Mies
nity«, wie sich die Bewohner in den visionä- Klaus Kinold eröffnet. »Da kommt die ganze van der Rohes und typografischen Werbe
ren Architekturen Oscar Niemeyers und Le Architektenriege«, berichtet der Münchner entwürfen von Willi Baumeister kombinieren.
Corbusiers heute eingerichtet haben. Galerist. Der Andrang, von dem Storms be- Zwei seltene Beispiele für Privatsamm-
Baan ist nicht der Einzige, der die Wech- richtet, steht allerdings in keinem Verhältnis lungen, in denen die Architekturfotografie
selbeziehung von Gesellschaft und Architek- zur Verbreitung der Architekturfotografie in zumindest ein Schwerpunkt ist, liefern San
tur thematisiert hat. Neunzehn Fotografen privaten Sammlungen. »Ich kenne keinen, dro Graf von Einsiedel und Arthur de Ganay.
waren 2015 an der Ausstellung »Zoom! Archi- der die Wände seines Hauses ausschließlich Beide sind Architekten. Der Stuttgarter Ein-
tektur und Stadt im Bild« im Münchner Ar- mit Architekturfotografie behängt hätte«, so siedel deckt ein Spektrum ab, das zeitlich mit
chitekturmuseum beteiligt. Neben Baan Storms. Viele Architekten würden Kunst den fotogrammetischen Aufnahmen Al-
etwa Peter Bialobrzeski, der systematisch die sammeln, manche auch Fotografie und da- brecht Meydenbauers Ende des 19. Jahr
Strukturen von Metropolen, insbesondere von wiederum nur manche auch Architek- hunderts beginnt und seine Akzente dann
aus dem asiatischen Raum fotografiert, der turfotografie. Das deckt sich mit der Ein- vor allem bei den deutschen Fotografen der
Niederländer Lard Buurman, ein Chronist schätzung des Kölner Galeristen Mirko Nachkriegszeit hat. Der andere, Arthur de
der sozialen und wirtschaftlichen Facetten Mayer, der neben Architekten auch Bauun- Ganay in Berlin, trägt seit Mitte der Neun
afrikanischer Städte, oder Roman Bezjak, ternehmer und Immobilienentwickler zu sei- zigerjahre großformatige zeitgenössische
der den Osten und Südosten Europas auf der nen Kunden für Architekturfotografie zählt. Werke zum Thema Landschafts- und Archi-
Suche nach typischen Bauten der sozialisti- Nach den Erfahrungen des Berliner tekturfotografie zusammen.
schen Moderne durchstreifte. Kunsthändlers Thomas Derda gibt es jedoch Ansonsten schlägt auf dem Kunstmarkt
Es wäre wohl übertrieben, zu behaup- viele Sammler, bei denen die Architektur durch, dass – zumindest hierzulande – weder
ten, die Architekturfotografie spiele als Sam- fotografie schon deshalb eine Rolle spielt, Institutionen noch private Liebhaber gezielt
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Bild links: Phillips/VG Bild-Kunst, Bonn 2021; rechts: Van Ham/VG Bild-Kunst, Bonn 2021
sammeln. Lucia Moholys Fotopostkarten Candida Höfer bringt Struktur und Ordnung in menschenleere Innenräume. Ihr großes Tableau der
sind ab 1500 Euro zu haben, größere Formate Pierpont Morgan Library, 121 x 155 cm, kam bei Phillips auf einen Hammerpreis von 70 000 Dollar
können auch fünfstellig notieren. Ein ge-
stempelter Vintage-Abzug von Hugo bei wie im Fall Kinolds bei Storms bis zu rangiert ein Klassiker wie Andreas Feininger
Schmölz aus den Dreißigern schlägt im Han- 30 Exemplare betragen. Größere Abzüge weit abgeschlagen. Dessen begehrtestes New-
del mit 10 000 Euro zu Buche, ein Bild seines schlagen zwischen 12 000 und 18 000 Euro in York-Motiv, »42nd Street, As Viewed from
Sohnes Karl Hugo mit 5500 Euro. Die Prints Zwölfer-Edition zu Buche. Iwan Baan be- Weehawken« (1942), kam 2015 mit Aufgeld
von Bialobrzeski sind ab 2400 Euro zu haben. kommt man, je nach Format, zu Preisen zwi- auf 27 500 Dollar. Nicht allzu viel mehr, näm-
Werke von Andrea Grützner werden von schen 4000 und 9000 Euro, in Auflagen von lich 47 500 Dollar, kostete 2010 das teuerste
2500 bis 10 000 Euro verkauft, inzwischen sechs oder zehn. Manche seiner Motive gibt Bild von Shulman, eine verschattete Ansicht
auch an institutionelle Sammlungen. es unlimitiert aber auch schon für 400 Euro. des Kaufmann House in Palm Springs (1947).
International gehandelte zeitgenössi- Am häufigsten gefragt von Shulman war des-
sche Fotokünstlerinnen und -künstler ran- Vieles ist noch erschwinglich sen Aufnahme des nächtlich über Los Ange-
gieren in aller Regel in deutlich höheren Weiter spreizen sich die Preise auf dem Se- les schwebenden »Case Study House Nr. 22«.
Preisregionen. Bei den oft mehrteiligen, bis kundärmarkt. Die Spitze markieren hier die In Deutschland bewegen sich die Preise da-
zu viereinhalb Meter breiten Arbeiten von 1,8 Millionen Dollar brutto, die Sotheby’s für seit Jahren bei rund 10 000 Euro.
Ola Kolehmainen nennt Mirko Mayer ein New York 2015 für Thomas Struths groß Unter dem Strich dürfte der Versuch
Spektrum zwischen 19 500 und 41 500 Euro. formatige Innenraumdarstellung »Pantheon, scheitern, den Markt der Architekturfotogra-
Auch für den weniger in Deutschland, aber Rom« von 1990 erzielte. Das höchste Ergeb- fie auf eine Tendenz festzulegen. Noch er-
vor allem in Amerika stark gefragten Robert nis der Bechers lag im selben Jahr bei 410 000 schwinglich sind natürlich die weniger im
Polidori beginnt es mit 20 000 Euro. Für uni- Euro für eine Wasserturm-Serie von 1972, er- internationalen Rampenlicht gefragten Na-
kale, sehr großformatige Arbeiten nimmt die zielt bei Sotheby’s Paris. Candida Höfer be- men. Das betrifft nicht nur eine ganze Reihe
Berliner Galerie Camera Work 80 000 Euro. stätigte ihr Topniveau im Oktober 2020 bei jüngerer zeitgenössischer Künstlerinnen und
Das Preisniveau für gewerbliche Foto- Phillips mit 87 500 Dollar für ein Interieur Künstler. Auch so mancher Schwarz-Weiß-
grafen beginnt bei mindestens 4000 Euro für der Pierpont-Morgan-Bibliothek. Gemessen Klassiker erscheint im Vergleich noch ver-
kleinere Formate. Die Auflagen können da- an den Stars der zeitgenössischen Fotokunst gleichsweise moderat bewertet. ×
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Gut zu wissen
Welche Museen besitzen Sammlungen von Architekturfotografie, wo kann man sie kaufen?
Welche Bücher sind zu empfehlen? Unsere kompakte Übersicht gibt Antworten
SCHAUEN BIETEN
Es gibt kein eigenes Ausstellungs- Wer auf dem internationalen
haus zum Thema, aber die meisten Auktionsmarkt mitbieten will, dem
Architekturmuseen besitzen empfiehlt sich, zuvor Angebot,
größere Bestände an Fotografien. Qualität und Preise in den Galerien
Rund 35 000 Abzüge besitzt das zu vergleichen. Das gilt insbesonde-
Deutsche Architekturmuseum in re für sehr nachgefragte, in
Frankfurt am Main. Hier wird auch Auktionen extrem hoch bewertete
der »Europäische Architekturfoto- Künstler wie Thomas Struth; aber
grafie-Preis architekturbild« auch für Klassiker wie Hugo und
vergeben und von einer Ausstellung Karl Hugo Schmölz, von denen viel
begleitet. Ihr Motto: »Das Urbane auftaucht, das strengeren Qualitäts-
im Peripheren« (17. Juli bis 26. kriterien nicht standhält. Es lohnt
September). In Frankfurt ist zudem sich jedoch, immer die Fotoauktio-
die Deutsche Börse Photography nen von Grisebach und Bassenge
Foundation zu nennen. Neben in Berlin oder Lempertz in Köln
Klassikern wie Schmölz begegnen genau zu verfolgen, da hier immer
einem hier Werkgruppen von Werner Mantz brachte mit Licht, Schatten und grafischer Präzision das Neue Bauen wieder besondere Konvolute wie
Bernd und Hilla Becher, Candida ins Bild, hier die Siedlung Köln-Zollstock, 1927/29, Zuschlag 550 Euro bei Van Ham die Sammlung des Architekten und
Höfer oder Peter Bialobrzeski, aber Fotografen Wilmar Koenig (2020
auch weniger geläufige Namen. Das oder das Privatmuseum DKM in bei Bassenge) oder Raritäten wie
Architekturmuseum der TU Duisburg, wo sich ebenso Werk-
KAUFEN Curt Rehbeins Fotos der Wolken-
München hat mehr als 200 000 gruppen finden wie weiter im Galerien vertreten selten mehr als kratzer-Entwürfe von Mies van der
Lichtbilder im Bestand. Heraus- Süden im Schauwerk Sindelfingen, eine Handvoll Fotografen mit Rohe (2009 und 2016 bei Grise-
ragende Beispiele für die Bildgat- das vom Sammlerehepaar Schaufler Architekturfokus. In Köln ist Julian bach) unter den Hammer kommen.
tung sind auch im Neuen Museum gegründet wurde. Hier spielt derzeit Sander der Kontakt für Tommaso
in Nürnberg. Seit rund 150 Jahren die Architekturfotografie in der Cuccioni, Eugène Atget und andere.
sammeln die Staatlichen Museen in Ausstellung »Lichtempfindlich 2« Bei Thomas Zander findet man
LESEN
Berlin in fast allen Häusern (bis 17. Oktober) eine markante Walker Evans, Vertreter der Erstmals auf die Geschichte und
Lichtbilder, sodass 2020 aus diesem Rolle Das Institut Heidersberger in New-Topographics-Bewegung wie Ästhetik blickte 2014 das Themen-
Fundus die Ausstellung »Ein neuer Wolfsburg widmet sich der Lewis Baltz, aber auch Michael heft »Architektur und Fotografie«
Blick« mit rund 300 Architektur- Hinterlassenschaft seines Namens- Schmidt oder Candida Höfer. der Zeitschrift Fotogeschichte. Als
fotografien bestückt werden konnte. gebers. Akzente setzen Architektur- Werke von Vater und Sohn Schmölz Standardwerk erschien 2015 »Vom
Weitere Berliner Bestände finden ansichten zudem in der Fotosamm- vermittelt Van der Grinten. Unter Nutzen der Architekturfotografie«,
sich im Architekturmuseum der TU lung des Museums für Kunst und den Berliner Händlern kümmern hrsg. von Angelika Fitz und Gabriele
oder in der Akademie der Künste. Gewerbe in Hamburg. sich Kicken und Berinson um die Lenz. Ansonsten empfiehlt sich die
Und nach Voranmeldung kann die Auch im Ausland muss man sich an Bauhaus-Fotografie und Thomas Lektüre einschlägiger Monografien
Privatkollektion von Arthur de die Architekturmuseen und für die Derda speziell um Lucia Moholy. und Kataloge. So brachte der
Ganay mit zeitgenössischer zeitgenössischen Fotokünstler an Susanne Albrecht betreut Peter Taschen-Verlag 1998 den Bildband
Architektur- und Landschaftsfoto- die Häuser für Gegenwartskunst hal- Bialobrzeski; dieser wird auch von »Julius Shulman. Architektur und
grafie besichtigt werden. In Köln ten. So hat etwa das Architecture Robert Morat vertreten, der sich auf Fotografie« heraus. Das architektur-
bewahrt das Museum Ludwig u. a. and Design Center des Palm Springs zeitgenössische Fotokunst fotografische Werk der Becher-Schü-
den Nachlass von Werner Mantz, in Art Museum einen reichen Bestand spezialisiert hat, darunter etwa ler haben Monika Steinhauser und
der SK Stiftung Kultur liegt der zum kalifornischen Modernismus, Andrea Grützner. Stephen Shore ist Ludger Derenthal in »Ansicht
Schwerpunkt auf der Fotokunst in darunter viele Fotos. Das George in Berlin bei Conrads präsent, Aussicht Einsicht« aufgearbeitet
der Folge der Bechers. Und hier Eastman House in Rochester (New Andreas Gursky bei Sprüth Magers, (2000). Empfehlenswert sind zwei
lagert der historische Bildbestand York), das wichtigste Fotomuseum Thomas Struth bei Hetzler. So wird Ausstellungsbücher des Münchner
der GAG Immobilien AG, für die der USA, besitzt viele Architektur- man vielerorts Werke klassischer Architekturmuseums: »Fotografie
Hugo Schmölz und Werner Mantz bilder in seiner reichen Sammlung Architekturfotografen oder heutiger für Architekten« (2011) und
tätig waren. Nicht zu vergessen das des 19. Jahrhunderts, aber auch aus Fotokünstler in Galerien finden. »Zoom! Architektur und Stadt im
Baukunstarchiv NRW in Dortmund anderen Phasen der Fotogeschichte. Nötig ist ein bisschen Recherche. Bild« (2015).
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Trend
wahr
sager
Zur
Online Bestellung
AGENDA
Bild: Lempertz, Köln
Es ist kein Hydrant und keine Kanone: Bei dem Objekt aus vergoldetem Silber, das Lempertz in Köln am 4. Juni für geschätzte
30 000 Euro versteigert, handelt es sich um ein Trinkgefäß in Form eines Mörsers. Johann Eißler schuf es um 1670 in Nürnberg
49
AG E N DA
KUNSTWELT
Bilder links: Jörg Seiler/GIMA; Kunstpalast/ARTOTHEK; KARL & FABER, München; Eduardo Ortega/Beatriz Milhazes; Taschen; rechts: Foto: Andrej Vasilenko/Lina Lapelyte/E-WERK Luckenwalde;
GEBALLTES WISSEN
Notizen zu Einlieferern und
Käuferinnen machen 187 histo-
rische Kataloge (u. 1930) des
Münchner Kunsthändlers
Hugo Helbing zu einem Schatz
für die Provenienzforschung: Fluchtkunst
Grisebach GmbH, Berlin; Katharina Gossow/Vienna Design Week; Marcel Schwickerath; Kathrin Schafbauer;Aerome GmbH
Aufgefunden im Bestand von Die Stadt Düsseldorf gibt
Karl & Faber, schenkte das Franz Marcs Meisterwerk
Auktionshaus sie Helbings »Die Füchse« (1913) an die Er-
ben des einstigen jüdischen
Nachfahren Johannes Nathan,
Besitzers Kurt Grawi zurück.
der sie dem Zentralinstitut für
Der Fall ist besonders, denn
Kunstgeschichte in München
Grawi veräußerte das Gemäl-
als Dauerleihgabe bereitstellt. de 1940 auf dem freien Markt
Mit Förderung der DFG in New York. Der Beratenden
werden sie aufgearbeitet und Kommission gilt der Verkauf
sukzessive in der Datenbank jedoch als Folge seiner Haft
»German Sales« der Universität im Konzentrationslager und
Heidelberg veröffentlicht. der anschließenden Flucht.
MEHR SPEICHERPLATZ
Den industriellen Look der denkmalgeschützten Küppersmühle am Duisbur-
ger Innenhafen haben die Architekten Herzog & de Meuron für ihren Erwei-
terungsbau des Museums aufgegriffen. Jetzt wirkt der Klinkerneubau mit
vier Obergeschossen und einem Untergeschoss – insgesamt 2500 Quadrat-
meter – »als wäre er schon immer da gewesen«, so die Architekten. Ab Som-
mer soll die hochkarätige Sammlung mit 1500 Werken wieder zu sehen sein.
Handverlesen
BRASILIEN MONUMENTAL
Es gibt nicht viele Künstlerinnen, die auf Auktionen Millionenpreise erzielen, aber Beatriz
Milhazes zählt mit ihrer überbordenden, großformatigen Form- und Farbenfülle dazu.
In Brasilien ein Superstar, hält sich ihre Bekanntheit in Deutschland bisher noch in Grenzen.
Einen breiten Überblick über ihr Werk von den späten Achtzigerjahren bis ins Jahr 2020 bie-
tet jetzt die aktualisierte Ausgabe ihrer opulenten Monografie mit über 280 Werkabbildun-
gen und einer kunsthistorischen Abhandlung von David Ebony, die der Taschen-Verlag
herausgibt. Oft bemalt Beatriz Milhazes für ihre Bilder Plastikfolien, die
sie auf die Leinwand klebt und erst nach dem Trocknen wieder abzieht.
Ihr Schaffen umfasst aber auch Mobiles aus Karnevalsschmuck und
Kooperationen mit dem Ballettensemble von Marcia Milhazes, ihrer
Schwester. Ebenfalls bei [Link] ist eine »Collector’s Edition«
für 1000 Euro erhältlich, nummeriert und von der Künstlerin signiert.
»Beatriz Milhazes«, Hg. Hans Werner Holzwarth, Taschen, 528 Seiten, 60 Euro
50
Neues im Netz Personalien
Auf die Rolle des Schöngeists
wollte er sich nicht beschränken:
Johann Heinrich Vogeler, Mitglied
der ersten Generation der Künst
lerkolonie Worpswede, war Maler,
Zeichner und Grafiker, aber auch
Designer, Dichter, Lebensreformer
und später Kommunist. Auf dem
Kunstmarkt sind die Preise für
Werke wie »Kommender Frühling«
von 1909 (unten) in den ver
gangenen Jahren gestiegen. Auf
weltkunst online lesen Sie mehr
Die Direktorin von Österreichs
über den Weggefährten Paula
größter Designveranstaltung Vienna
Modersohn-Beckers, der 1942 in
der Sowjetunion starb. In unserer Design Week, LILLI HOLLEIN, wird im
PERFORMANCE- OPER IN BRANDENBURG Rubrik W+ widmen wir uns vertie Sommer die Generaldirektion des
Vor dem litauischen Pavillon auf der Venedig-Biennale fend aktuellen Themen des Kunst Wiener Museums für angewandte
2019 gab es lange Schlangen. Oft warteten die Besucher markts mit Auktionsrückblicken, Kunst übernehmen. Der Name der
stundenlang, bis sie eingelassen wurden. Was sie dann Preisanalysen sowie Sammler- und Kulturmanagerin legt es nahe: Ihr
präsentiert bekamen, war so originell und mitreißend, Künstlerinnenporträts. Vater ist der Architekt Hans Hollein,
dass die drei Künstlerinnen für ihren Beitrag »Sun & Sea ihr Bruder Max der Direktor des
(Marina)« den Goldenen Löwen gewannen: Von einer Metropolitan Museum. 500 Kilome-
Galerie aus war ein aufgeschütteter Strand zu sehen, auf ter weiter westlich wird die Kunst-
dem sich Leute sonnten, eincremten und Ball spielten – historikerin SIMONE SCHIMPF ab
und dann Arien über Billigflieger und die Zerstörung 1. Juli zur Leiterin des Neuen Muse-
der Korallenriffe sangen. Die Filmemacherin Rugilė ums in Nürnberg. Seit 2013 hat sie
Barzdžiukaitė, die Schriftstellerin Vaiva Grainytė und das Museum für Konkrete Kunst in
die Performancekünstlerin Lina Lapelytė freuen sich Ingolstadt geleitet. Die Schweizer
nun, dass das Kunstzentrum E-Werk Luckenwalde die Kunsthistorikerin KATHLEEN BÜHLER
Oper dank einer Crowdfunding-Kampagne am 5. und 6. bleibt am Kunstmuseum Bern,
Juni am Luckenwalder Bauhaus Stadtbad aufführen lässt. wo sie seit zwölf Jahren Kuratorin
Das 1928 eröffnete Hallenbad – von dem Architekten für Gegenwartskunst ist, jedoch
Hans Hertlein errichtet – ist mit seiner umlaufenden ab 1. September als Chefkuratorin.
Galerie ideal für die Präsentation von »Sun & Sea«, BARBARA STEINER, die Kunstge-
die erstmals CO2-neutral stattfinden soll. schichte und Politik in Wien studiert
hat und nach Stationen an den
Kunstvereinen in Ludwigsburg und
Wolfsburg derzeit das Kunsthaus
Graz leitet, wird ab 1. September die
neue Direktorin der Stiftung Bau-
DER DUFT haus Dessau. Neuer Geschäftsführer
des Kulturkreises der deutschen
51
AG E N DA
AUSSTELLUNGEN
I
st Persien ein Phantom? Jenes dert die Konturen gewann, die es weitgehend Als Wien und Bonn im Jahr 2001 unter
Land zwischen Kaukasus und heute noch begrenzen? Ist der Name für die- dem Titel »7000 Jahre persische Kunst« die
dem Golf von Oman mit der ses Land, das nicht nur Perser bewohnen, Grabungsfunde vom Neolithikum bis zum
Türkei, dem Irak, mit Turkme- eine Zumutung – wie Reza Khan meinte, der Beginn der Islamisierung ausstellten und als
nistan und Afghanistan als Nachbarn? Jenes sich 1926 zum Reza Schah Pahlavi gekrönt gut eineinhalb Jahrzehnte erneut in der Bon-
Reich, das sich um 500 v. Chr. unter dem hatte? Und der deshalb 1935 verfügte, künftig ner Bundeskunsthalle der erzählerische Bo-
Großkönig Dareios I. vom Indus im Osten sei es offiziell nicht mehr Persien, sondern gen von der archaischen Zeit bis etwa 500 v.
bis zu den Mittelmeeranrainern Libyen, Iran, »Land der Arier«, zu nennen – eine alte Chr. gespannt wurde, konnten sich die Kura-
Phrygien, Mazedonien ausdehnte? Das seit Bezeichnung aus den ersten Tagen der Be- toren allein auf Leihgaben aus dem National-
dem 7. vorchristlichen Jahrtausend von den siedlung. In diesem Sinne hat auch das Vic- museum in Teheran stützen. Auf solche muss
unterschiedlichsten Völkerschaften bewohnt, toria & Albert Museum in London seine gro- das Victoria & Albert Museum nun verzich-
erobert, beherrscht wurde? Das immer wie- ße Ausstellungserzählung von den frühesten ten. Denn derartige Ausstellungen, die das
der in zahlreiche Lokaldynastienzerfiel? Und Schriftzeugnissen bis zur Kunst der Gegen- Selbstbewusstsein einer Nation tangieren,
das erst unter den Safawiden im 16. Jahrhun- wart »Epic Iran« genannt. vermögen sich nicht von aktuellen politi-
52
schen Querelen frei zu halten. Und an denen arbeiten aus der Zeit der Sassaniden (224– Zu den ungewöhnlichen Stücken aus
mangelt es im Umgang mit dem Iran nicht. 651) zur Ausstellung bei. Und aus der British privatem Besitz zählt der »Boughton-San-
Damit musste man sich jetzt in London ab- Library kommen dekorative Koran-Hand- guszko-Teppich« aus dem späten 16. Jahrhun-
finden, obwohl nach Verhandlungen, die schriften und Miniaturen zur großen histori- dert. Mit den Figurengruppen in elf Medail-
sich über Jahre hingezogen hatten, rund schen Erzählungen des »Shahnameh« (Buch lons, umgeben von allerlei Tieren, gehört er
50 Leihgaben, vor allem aus der Bronze- und der Könige) des persischen Dichters Firdousi zu den seltenen antiken Teppichen mit figür-
Eisenzeit, eigentlich zugesagt worden waren. (940–1020) oder zu Gedichten von Hafis (1315– lichen Darstellungen. Außerdem verweisen
Nun präsentiert die Schau zunächst das, 1390). Unter den Blättern ist eine Seite aus ei- die Drachen und Phönixe in der Bordüre auf
was das Museum selbst besitzt. Neben Rüs- nem Manuskript des 16. Jahrhunderts, auf einen chinesischen Einfluss. Den umgekehr-
tungen und Metallarbeiten aus der Herr- der drastisch die Vertreibung von Adam und ten Weg ging, was der gängigen Vorstellung
schaftszeit der schiitisch-islamischen Safawi- Eva aus dem Paradies ausgemalt wird. Dane- widerspricht, die blau-weiße Keramik. Es
den (1501–1722) ist das zum Beispiel auch der ben, ein Jahrhundert älter, schildert eine Mi- gibt Hinweise, dass Kobalt als Unterglasur-
goldene Armreif mit den Greifenköpfen aus niatur, wie der Engel Gabriel den Propheten blau zu der Zeit, als Kublai Khan über die
dem sogenannten Oxus-Schatz. Das Schmuck- Mohammed auf dem fantastischen Reittier persischen Lande wie über China herrschte,
stück entstand wohl, bevor die Achämeni- Buraq – alle mit Gesicht gemalt – dem Erz- den Weg nach Osten fand – und bald darauf,
den-Herrschaft mit dem Sieg Alexanders des engel Azrael vorstellt. Das Blatt gehört der dem iranischen Geschmack angepasst, wie-
Großen über Dareios III. im Jahr 330 v. Chr. Sarikhani Collection, die von einer irani- der gen Westen exportiert wurde.
endete. Viele Teile des am Ende des 19. Jahr- schen Familie im Londoner Exil seit den Solch zeitweiligem wechselseitigen Kul-
hunderts vermutlich am Fluss Oxus (heute Neunzigerjahren zusammengetragen wurde turaustausch stehen Kontinuitäten gegen-
Amudarja) gefundenen Schatzes gingen und die heute eine der bedeutenden Samm- über: Von Münzen, nach 400 v. Chr. geprägt,
durch mehrere Hände und wurden schließ- lungen zur Kultur und Kunst Persiens seit lässt sich ablesen, dass die drei bis fünf Meter
lich 1897 dem British Museum gestiftet. Eini- 3000 vor Christus ist. lange, beidhändig geführte Lanze sowie Pfeil
Bild links: Courtesy Wellcome Collection; rechts: Victoria and Albert Museum, London
ge dieser Objekte sind nun für die Ausstel- und Bogen über Jahrhunderte die Waffen der
lung ausgeliehen, darunter das goldene persischen Reiter waren. Das verraten die
Modell eines von vier Pferden gezogenen Der goldene Armreif (u.) wurde zwischen späten Miniaturen. Dabei fällt auf, dass – an-
Streitwagens mit zwei Kriegern. Außerdem 500 und 330 v. Chr. geschaffen ders als in der westlichen und chinesischen
wechseln zahlreiche Münzen aus den Jahr- und im 19. Jahrhundert an den Ufern des Kunst – der Schütze den Bogen nicht mit ein-
hunderten vor der Zeitenwende temporär Flusses Oxus entdeckt. Darunter: Mit gelegtem Pfeil spannt, sondern meist die
von ihren Vitrinen im Stadtteil Bloomsbury persischen Versen verzierte Flasche und rechte Hand hinter dem Kopf erhoben hat,
in das unweit gelegene Kensington – und Schale (1180–1220). Li. Seite: Horoskop weil der Pfeil bereits abgeschossen wurde. Es
auch den berühmten Kyros-Zylinder kann des Iskandar Sultan aus dem Jahr 1411 sind solche scheinbar beiläufigen Momente,
das British Museum übergangsweise ent die – neben den mit viel Gold und Kunstfer-
behren: Auf diesem walzenförmigen Ton tigkeit imponierenden Artefakten – einen
zylinder rechtfertigte Kyros der Große, seit Reiz der Ausstellung ausmachen.
559 v. Chr. der erste König der Achämeniden, In zehn Kapiteln folgt der Parcours von
nachträglich seine Machtübernahme in ak- »Epic Iran« der Chronologie. Nach einer Ou-
kadischer Keilschrift. vertüre mit Landschaftsaufnahmen beginnt
Auch das Ashmolean Museum in Ox- er mit Kyros dem Großen und den Achäme-
ford hat frühe Keramiken und Bronzen aus- niden, kommt über Alexanders kurze Herr-
geliehen, der Pariser Louvre steuert Tafeln schaft zu den Seleukiden, Parthern, Sassani-
mit Keilschrifttexten, die Hermitage Silber- den. Und damit zu jenem Einschnitt, den seit
dem 7./8. Jahrhundert die Islamisierung und
nach 1501 unter den Safawiden der schiitische
Islam als Staatsreligion bilden. Dem Arabi-
schen des Koran und der Poesie, verbunden
mit einer exquisiten Buchmalerei, ist ein Ka-
pitel gewidmet. Den Abschluss bildet ein
Blick auf die moderne und zeitgenössische
Kunst – wobei auffällt, dass von den knapp
30 Künstlerinnen und Künstlern nur 14 im
Iran wirkten und wirken, während die ande-
ren in Europa oder Nordamerika leben und
arbeiten. Im Katalog werden in einem knap-
pen Text die Gründe – die Re-Islamisierung
seit 1979 und das strikte Regime – angespro-
chen. Um dann mit der »großen Frage« zu
enden: »Was bedeutet es heute, ein Iraner zu
sein? Denn nicht nur die Zukunft, auch die
Gegenwart ist ungewiss.« PETER DITTMAR
»Epic Iran«, Victoria & Albert Museum, London,
29. Mai bis 12. September
53
AUSSTELLUNGEN
Glaube an
die Wahrhaftigkeit
Die spanische Malerei des
Goldenen Zeitalters in Köln
54
Leonhard Kern
und europa
Die Kaiserliche
e
Schatzkammer Wien
im Dialog mit deer
Sammlung Württh
2021
30
20
Bilder: Tobias Zielony/Courtesy KOW, Berlin; Dior; Rolf Maidorn, Wolfenbüttel/VG Bild-Kunst, Bonn 2021; Yee Sookyung/Sigg Collection, Mauensee; Markus Tretter/Pamela Rosenkranz/Kunsthaus Bregenz; VG Bild-Kunst, Bonn 2021
wurde. »Lady Dior As Seen By« sich nicht um ein echtes Ge
heißt die Wanderausstellung, schöpf, sondern um eine täu-
die Neuinterpretationen der schend ähnliche, von der Künst-
ikonischen Tasche von zeitge- lerin eigens programmierte
nössischen Künstlerinnen und Roboterschlange (li. u.). Den-
Künstlern präsentiert. Nach Sta- noch triggert ihr Verhalten die
tionen in Schanghai, Mailand, im menschlichen Naturell ver-
Tokio, São Paulo und in der ankerten Gefühle von Faszinati-
Langen Foundation in Neuss GRENZGÄNGE on und Furcht, die die Begeg-
bei Düsseldorf ist sie nun, an Kunstmuseum Bern, nung mit Schlangen gemeinhin
gewachsen auf rund siebzig bis 5. September auslöst. Auch die anderen Wer-
Exponate, in Berlin zu sehen: ke von Rosenkranz appellieren
Taschen, Fotografie und Skulp- Kann man Propagandagemälde an unsere Instinkte, wie etwa
turen. Darunter sind neben von nordkoreanischen Diktato- die Serie von Lichtskulpturen in
TOBIAS ZIELONY »Lady Dior As Seen By Wen ren, die mit Strahlegrinsen Form von gotischen Fenstern,
Museum Folkwang, Essen, Fang« (links unten) auch Werke Raketen abschießen, im Westen deren sattes, schimmerndes Blau
25. Juni bis 26. September von Katharina Sieverding, ohne Ironie betrachten? Das normalerweise Wohlbefinden
David Lynch – und die allerneu- Kunstmuseum Bern versucht auslöst. In der bewussten
Auf den ersten Blick scheinen esten Berliner Kreationen von sich in sprichwörtlicher Schwei- Gefühlsmanipulation, das zeigt
sich Tobias Zielonys Fotografien Debora Mittelstaedt, Tomislav zer Neutralität, indem es die diese Schau, reift die Erkenntnis.
von jungen Menschen, die Topic und Michael Sailstorfer. Kunst aus den beiden Hälften
ziellos und etwas ungelenk in des seit 1948 geteilten Koreas
der Welt herumstehen, kaum nebeneinanderhängt und zum
zu unterscheiden. Taucht man vergleichenden Sehen einlädt.
jedoch in diese erste große Die Staatsmaler des sozialisti-
Überblicksschau des 48-jährigen schen Nordkoreas können mit
Künstlers tiefer ein, nimmt man handwerklicher Perfektion
in den Serien die verschiedenen punkten. Die Inhalte freilich
Schicksalsgemeinschaften wahr bleiben kurioser Kitsch. Eher
– etwa afrikanische Menschen, unserem heutigen Kunstver-
die nach Deutschland geflohen ständnis entsprechen die Werke TIERE IN DER KUNST
sind, queere Technofans in FLORA, FAUNA, FABELWESEN aus Südkorea, so wie Yee Sook Kunsthalle Emden, bis 4. Juli
Kiew oder Jugendliche, die in Kunstgewerbemuseum, Schloss yungs Skulptur »Translated
einem Drogen-Hotspot der Köpenick, Berlin, bis 3. Oktober Vases – The Moon« (2007, o.), Möglicherweise werden wir
USA aufwachsen (o. »Ball 13« aus die auch an die Fragilität des nach dem Ende der Pandemie
der Serie »Trona« von 2008). Malerei auf Keramik wird heute Erdballs zu erinnern scheint. bemerken, dass wir in dieser
leider nur noch selten prakti- Zeit der Isolation und der aus-
ziert. Als große Könnerinnen giebigen Spaziergänge unsere
ihres Fachs dürfen Grita Götze Liebe zur Natur wiedergefun-
und Sonngard Marcks gelten, den haben. Die moderne und
die in den Achtzigerjahren in zeitgenössische Kunst allerdings
Halle bei Heidi Manthey stu- setzte immer schon auf die
dierten, sowie natürlich ihre geballte Schönheit vor allem des
Lehrerin selbst. Die Schau zeigt Tierreichs: Franz Marc bändigte
mit rund 80 Exponaten die Stär- seine expressionistischen Farb-
ken der keramischen Malereien explosionen mit der formalen
in der Verbindung von Form PAMELA ROSENKRANZ Anmut junger Fohlen. Martin
und Farbe: In Götzes Teller Kunsthaus Bregenz, bis 4. Juli Eder reizte die Niedlichkeit von
KUNST TRIFFT TASCHE »Wiesenstück mit Admiral« Katzenbabys bis über die
Michael Fuchs Galerie, Berlin, (2018/2019) scheint das Rund fast Was ist Natur, was ist Technik? Kitschgrenze hinaus aus. Und
12. bis 27. Juni unter wucherndem Grün zu Beim Blick auf die Werke von Robert Longo nutzte die Arro-
verschwinden, während Marcks Pamela Rosenkranz geht die ganz im Blick eines Weißkopf-
Die Verbindung von Dior mit »Zitrone mit Wildbiene« (2019, Trennschärfe schnell verloren. seeadlers (»Untitled [Portrait
der Kunst existiert schon seit o.) barocke Schaugerichte Im obersten Geschoss des of Hubris«], 2018, o.) zur sym-
den Anfängen der Marke – ja, zitiert, aber gleichzeitig ganz Kunsthauses Bregenz liegt eine bolhaften Kritik am amerikani-
Christian Dior gründete in den gegenwärtig wirkt. Schlange auf dem Boden, die schen Patriotismus.
56
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Oben angekommen
Carola Persiehl führt das Hamburger Traditionshaus Commeter in fünfter
Generation und zeigt neue Kunst in historischer Architektur
Z
ur Galerie fährt man im Auf- ten in Hamburgs ältestem Kunsthandel: der Hansestadt bestand aus einer Schenkung mit
zug. Langsam, im gemächli- Galerie Commeter, im Jahr 1821 gegründet, Tausenden Grafiken und Zeichnungen, Blät-
chen Tempo, gleitet die Kabi- viermal in neue Domizile gezogen und bis ter von Dürer, Raffael, Rembrandt: der
ne in die fünfte Etage – und heute eine bedeutende Adresse. Grundstock des hiesigen Kupferstichkabi-
katapultiert einen dann in eine andere Zeit. Vor genau zwei Jahrhunderten zeigten netts. Die Galerie wiederum wurde 1878 von
Wer die Maserung der dunklen Holzverklei- Georg Ernst Harzen und Johann Matthias Wilhelm Suhr übernommen. Seitdem befin-
dung oder den noblen Schriftzug »Comme- Commeter zum ersten Mal in ihren Räumen det sie sich im Besitz der Familie.
ter« an der Glasscheibe bestaunt, stellt sich grafische Kunst. An derselben Adresse nahe Carola Persiehl ist Suhrs Ururenkelin.
unwillkürlich die Frage, wo es noch etwas der Hamburger Börse befand sich damals Sie pflegt das traditionsreiche Erbe, ohne
Vergleichbares gibt: einen Fahrstuhl direkt auch der Kunstverein, den Harzen verwalte- sich auf dem Ruhm von einst auszuruhen.
in die Galerie mit ihren Ausstellungssälen te. Beide Männer betätigten sich als Förderer Dann stünde der Fahrstuhl wohl längst still.
aus dem späten 19. Jahrhundert. Wenn sich der jungen Institution und waren überdies »Jede Generation hat das Vorhandene ge-
die Aufzugstür dann öffnet, steht man mit- als Sammler tätig. Ihr Vermächtnis an die pflegt und sich dazu etwas Eigenes aufge-
58
Das Tuschebild »Red Mountains« (2020) stammt von der koreani-
schen Künstlerin Minjung Kim. Das Commeter-Haus (u.) mit
Bild links: Christian Schoppe; rechts: Galerie Commeter; Minjung Kim/Courtesy Galerie Commeter; Christopher Thomas
baut«, resümiert sie. Schon Wilhelm Suhr er- Dass Namen wie Moon oder Törzs
weiterte die reine Kunsthandlung um nicht prominent auf der Website von Com-
ständige Ausstellungen und machte sie da- meter stehen, hat seinen Grund. Inzwischen
mit attraktiv für zeitgenössische Künstler. leitet Persiehl nämlich zwei Galerien. Ob-
Neben Werken der Hamburger Realisten wohl sie die unteren Etagen schon vor Jahren
und Impressionisten stellte er als erster Gale- aufgegeben hat, ist das Programm immer
rist der Hansestadt Edvard Munch oder die umfangreicher geworden. Doch alles undif-
Brücke-Expressionisten aus. Emil Nolde zeig- ferenziert unter dem angestammten Namen
te seine Bilder hier 1907, als er längst noch zu versammeln, schien ihr falsch. Skulptur
nicht anerkannt war und überwiegend ne und Malerei finden sich deshalb wie gehabt
gative Kritiken für seine Malerei erntete. unter Commeter, mit herausragenden Posi-
Nachdem Nolde sich um 1910 etabliert hatte, tionen wie Jochen Hein oder Minjung Kim,
fanden noch mehr als ein Dutzend Soloprä- deren Collagen aus hauchfeinem Hanji-
sentationen statt – in denselben prächtigen Papier gemacht sind. Carola Persiehls Faible
Oberlichtsälen, in denen nun Carola Persiehl für die Fotografie spiegelt sich hingegen in
steht. Inzwischen leuchten sie schneeweiß, der 2007 gegründeten »Schwestergalerie«
und mitten im Raum prangt ein Sitzensem- Persiehl & Heine wider.
ble von Le Corbusier. Die ursprüngliche Ein- Die Trennung setzt sich fort bis zu den
richtung mit ihren fragilen Antiquitäten und Berliner Modeschöpferin Nobi Talai, auf wei- unterschiedlich gestalteten Einladungen. Ca-
der damals typischen Wandbespannung aus chem Papier, das ihnen trotz Törzs� Röntgen- rola Persiehl leistet sich den Luxus gedruck-
Stoff dokumentieren nur noch ein paar his- blick etwas Zartes, Poetisches verleiht. Diese ter Karten bis heute. Wie wichtig ihr das
torische Fotografien. sinnliche Qualität steht charakteristisch für Haptische ist, zeigt sich auch an den Wänden
Als Persiehl nach Stationen in Florenz, Persiehls fotografisches Programm. Auch ihres weitläufigen Büros. »Vertrauen«, »Ge-
bei Sotheby�s in London und New York 1994 Laurent Chéhère oder Silke Lauffs lösen die nießen«, »Demut« prangen dort in schwung-
in der familiären Galerie startete, war ihre Wirklichkeit aus ihrem Alltag und laden sie vollen, neonfarbenen Lettern. Es sind Wort-
Tante Hella Suhr schon fast dreißig Jahre im anschließend surreal auf. kunstwerke von Rupprecht Matthies, die
Commeter-Haus als Galeristin tätig. Sie be- Der Star im fotografischen Repertoire Assoziationen nur noch im abstrakten Wort-
schränkte sich auf die unteren beiden Etagen, aber ist, neben Robert Lebeck, die Französin raum wecken statt mithilfe narrativer Male-
die einstigen Ausstellungssäle hoch oben wa- Sarah Moon. Ihren verspielten, traumverlo- rei. »In der Gegenwart angekommen« nennt
ren zum Lager für die ebenfalls im Eckhaus renen Porträts und Straßenszenen widme- das Carola Persiehl, die eigentlich Antiquitä-
ansässigen Notare geworden. Persiehl, da- ten die Hamburger Deichtorhallen vor fünf tenhändlerin werden wollte, dann aber
mals Mitte zwanzig, eroberte den Ort zu- Jahren eine große Retrospektive. Carola Per- merkte, dass ihr die familiäre Galerie im Un-
rück, wurde von der Tante wenige Jahre spä- siehl war ein Fan, lange bevor die 1941 gebo- terschied zum Auktionshaus weit mehr
ter mit der Leitung von Commeter betraut rene Künstlerin von Commeter vertreten Chancen zur Auseinandersetzung mit zeitge-
und etablierte sukzessive ihr Programm. wurde – und wenn die Galeristin erzählt, nössischer Kunst lässt. Was für ein shift. Fast
Gerade hängen hier die Bilder von Gre- wie sie Moon auf den Fersen blieb, um sie so, als hätte Persiehl die fünf Etagen des Hau-
gor Törzs, der Schmetterlingsflügel oder fluo- trotz aller anfänglichen Skepsis davon zu ses Commeter in einem Aufzug mit Raketen-
reszierendes Uranglas so fotografiert, dass überzeugen, dass sie auch in der Hansestadt antrieb zurückgelegt. CHRISTIANE MEIXNER
beides körperhaft wird und seine Strukturen vertreten sein muss, bekommt man eine Ah-
offenbart. Belichtet werden die Motive, da- nung von Persiehls freundlicher Hartnäckig- Galerie Commeter und Galerie Persiehl & Heine,
runter auch die konzeptuellen Gewänder der keit im Namen der Kunst. Hamburg, [Link]
AG E N DA
AUKTIONEN
Bilder: Koller Auktionen Zürich/VG Bild-Kunst, Bonn 2021; Schuler Auktionen, Zürich
Schweizer Höhenflug
Gotik, Impressionismus und chinesische Gegenwartskunst: In Zürich
bieten Koller und Schuler ein Füllhorn an Kunst aller Epochen
D
ie erfrischende Zuversicht, berten Kupferrelief bereits für 3000 bis 5000 Marc Chagalls »Bouquet d’été« von 1973
mit der das Auktionshaus Franken zu haben sein soll. etwa, für das 800 000 bis 1,4 Millionen Fran-
Schuler auf den Juni blickt, Auch Koller Auktionen blickt auf er- ken erwartet werden, haben die Eltern oder
speist sich aus dem unverhoff- folgreiche Märzauktionen zurück: Anthonis Großeltern der heutigen Einlieferer 1979 bei
ten Erfolg seiner – ohne Saalpublikum – ver- van Dycks Studie des »Heiligen Hieronymus Koller für 360 000 Franken ersteigert. Ähn-
anstalteten Märzauktionen: Die Verkaufs- in der Wildnis« verdoppelte die obere Schät- liches gilt für weitere Höhepunkte dieser
quote betrug über 70 Prozent, und es gab zung und konnte für 2,4 Millionen Franken Auktion wie Alfred Sisleys 1896 gemalte
Spitzenergebnisse wie den Zuschlag von abgegeben werden. Die Schwerpunkte der Flusslandschaft »Tournant du Loing à
110 000 Franken für einen mit 1500 Franken Sommerversteigerungen liegen auf der neue- Moret« im Schätzwert von 600 000 bis
ausgerufenen, dem Umkreis von Bartholo- ren Kunst von Impressionismus und klassi- 900 000 Franken, während sich das mit
mäus Spranger zugeschriebenen »Sünden- scher Moderne bis zur Gegenwart, ferner auf 1,5 bis 2,5 Millionen Franken höchsttaxierte
fall«. Doch Schulers Zuversicht gründet auch Schweizer Kunst sowie auf Juwelen und Uh- Schweizer Gemälde, Ferdinand Hodlers
auf der Qualität und Marktfrische seines ak- ren. Dass in den Provenienzangaben bedeu- um 1911 gemalter »Genfersee von Chexbres
tuellen, von Kunstwerken der Antike bis zu tender Gemälde immer häufiger das bis 2008 aus«, seit 1972 in Privatbesitz befand. Unter
zeitgenössischen Design reichenden Angebo- noch als »Galerie Koller« firmierende Auk- den jüngeren Arbeiten fallen ebenfalls
tes. Besonderes Augenmerk verdient eine tionshaus selbst auftaucht, spiegelt die marktfrische Raritäten wie das monu-
Schweizer Sammlung zeitgenössischer chine- bald zwei Generationen umfassende mentale Triptychon »Aerei« von Alighie-
sischer Kunst mit Werken wie der Warhol- Marktpräsenz des international bedeuten- ro Boetti aus dem Jahr 1983 (Taxe 200 000
Parodie »Super Star« des Shanghaiers Xue den Zürcher Familienbetrie- bis 300 000 Franken) ins Auge.
Song aus dem Jahr 1999 (Taxe 6000 bis 9000 bes. Ein Spitzenlos der kom- Das Berner Auktions-
Franken) und der großen Collage »Walking menden Versteigerungen, haus Galerie Kornfeld hat
Fish« von Wei Guangqing (8000 bis 12 000 seinen traditionellen Termin
Franken). Ähnlich angesetzt ist eine kleine von Juni erneut auf September ver
tibetochinesische Bronze der 34-armigen Schuler bietet das Vortragekreuz, 15. Jh., schoben. CHRISTIAN VON FABER-CASTELL
Gottheit Vajrabhairava Yamantaka, während für geschätzte 3000 bis 5000 Franken an.
ein großes spätgotisches Vortragekreuz aus Koller erwartet für Alighiero Boettis »Aerei« Zürcher Sommerauktionen bei Schuler, 14. bis
Italien mit üppigem vergoldeten und versil- (o., Detail) 200 000 bis 300 000 Franken 18. Juni und Koller, 30. Juni bis 2. Juli
60
S E I T 17 0 7
y auf Leinwand, 180 x 150 cm, Künstlerrahmen, € 100.000 – 150.000, Auktion Juni 2021
Heinz Mack, Großes Farblicht, 1994, Acry
ryl
Oskar Schlemmer Bauplastik R. 1919/1964. Bronze, H 98,8 cm. Unikat in diesem Material (vgl. Wvz v. Maur P10a)
184 5
17. Juni Photographie
17. Juni Modern and Contemporary Art Evening Sale 18. Juni Modern and Contemporary Art Day Sale
18. – 27. Juni Contemporary online. lempertz:projects
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Vorbesichtigung: 12. – 16. Juni nach Terminvereinbarung
SOMMERAUKTIONEN
Asger Jorn Dichter & Denker. 1962. Öl auf Leinwand, 100 x 81 cm. WVZ 1414
184 5
17. Juni Photographie
17. Juni Modern and Contemporary Art Evening Sale 18. Juni Modern and Contemporary Art Day Sale
18. – 27. Juni Contemporary online. lempertz:projects
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Vorbesichtigung: 12. – 16. Juni nach Terminvereinbarung
AUKTIONEN
E X P E RT E N TA L K
Bilder: Nagel Auktionen; Cheffins; Dorotheum, Wien; Yves Siebers, Stuttgart; Galerie Bassenge, Berlin
Höhepunkte auch mit sieben- gleichartige Inschrift bei einer
stelligen Erlösen erleben. Doch Seidenstickerei dokumentiert.
jetzt steht ein Ereignis an, das Die kaiserliche Herkunft ist
alles Vorangegangene übertref- also gesichert. Unser Vajrab-
fen könnte, nicht nur wegen hairava wurde schon mal ver-
der Wertigkeit des Objekts, steigert, 1904 in Paris, und 1975
sondern auch wegen seiner historischen Bedeutung. Am 23. Juni zuletzt von einem New Yorker Händler angeboten. Seither wur-
versteigern wir eine kaiserliche Figur des Vajrabhairava aus ver- de er in einer bedeutenden Schweizer Privatsammlung bewahrt.
goldeter Bronze. Diese monumentale buddhistische Darstellung Für einen Liebhaber buddhistischer Kunst aus China wie mich
entstand 1473 in China und war ein Geschenk an Kaiser Cheng- ist es eine Ehre, ein solches Objekt anbieten zu dürfen. Schon
hua zu seinem 26. Geburtstag im neunten Jahr der Ming-Dynas- jetzt haben wichtige Sammler aus China und bedeutende inter-
tie. Sie ist 92 cm hoch und wiegt 115 kg, der Schätzpreis beträgt nationale Museen ihre Teilnahme angekündigt.
1 bis 1,5 Millionen Euro. Es existieren nur zwei Vergleichsstücke.
Von besonderer Bedeutung ist, dass unser Exemplar durch eine Michael Trautmann ist Asiatikaexperte und Gesellschafter bei Nagel
Inschrift aufgewertet wird, die auf den zweiten Tag des elften Auktionen in Stuttgart
H A M M E R P R E I SE
64
SOMMERAUKTIONEN
184 5
Asiatische Kunst 24. Juni China, Tibet / Nepal, Indien, Südostasien 25. Juni Japan
T 0221-92 57 29-37 — asian@[Link]— [Link]
Vorbesichtigung: 19. – 23. Juni nach Terminvereinbarung
AUKTIONEN
HOCHKARÄTIGES
Lempertz, Köln, 2., 4./5., 17./18.,
24./25. Juni
Bilder: Dorotheum, Wien; Van Ham, Köln; Lempertz, Köln/VG Bild-Kunst, Bonn 2021
gener Jahrhunderte an: Die hl. Johannes. Sie stammt von ART BIS CONTEMPORARY lige Flower-Bouquet werden
Tour beginnt bei Gemälden von dem Ende des 14. Jahrhunderts Van Ham, Köln, 1./2., 16., 23. Juni aktuell 800 000 bis 1 000 000
Caravaggisten bei den alten in Venedig tätigen Giovanni da Euro erwartet. Auch aus der
Meistern, streift das Biedermei- Bologna, von dem überhaupt In seinen Sommer-Auktionen Lauffs Collection stammen die
er mit Ferdinand Georg Wald- nur vier Gemälde existieren sol- wartet Van Ham mit einer Viel- 335 cm hohe Skulptur »Ivy« von
müller, bietet erstmals einen len (Taxe 370 000 bis 450 000 zahl großer Namen auf, und Tony Cragg, die im Garten des
fesselnden »Totentanz 1809« aus Euro). Die Moderne führt Max Blumenbilder sind dabei ein Sammlerpaares stand (Schätz-
dem Jahr 1916 von Albin Egger- Ernst mit »Mer agitée, soleil, überraschender Akzent. Von preis 250 000 bis 350 000 Euro),
Lienz (Schätzwert 500 000 bis nuage et maître Corbeau avec Fritz Winter stammt ein abs- und die drei kopflosen Tänzer
800 000 Euro) an und endet bei son fils« von 1953 an (Taxe trakt-informeller »Blühender aus Bronze von Magdalena Aba-
Preziosen der zeitgenössischen 500 000 bis 700 000 Euro). Eine Garten« von 1961 (Taxe 40 000 kanowicz, die mit 150 000 bis
Kunst mit Arbeiten von Ikone ist Oskar Schlemmers bis 60 000 Euro), der an den 200 000 Euro zum Aufruf kom-
Georges Mathieu, Imi Knoebel Relief »Bauplastik R« aus dem internationalen Auktionsrekord men. Konvolute von Nicola de
oder Emilio Vedova. Bei den Bauhausgründungsjahr 1919 für Papierarbeiten von Winter Maria oder Stephan Balkenhol
Maestri des 17. Jahrhunderts (Taxe 150 000 bis 200 000 Euro). heranreichen soll, den Van Ham ergänzen diese Highlights.
offeriert das Dorotheum etwa Bei den Zeitgenossen belegt im vergangenen Frühjahr mit Aber nicht nur die Moderne
»Die Verhöhnung Christi« von Yves Klein mit »Sculpture éponge 170 000 Euro aufstellen konnte. und zeitgenössische Kunst sind
Domenico Fiasella: ein fulmi- bleue sans titre« den ersten Ein »Stillleben mit Geranien«, hochkarätig vertreten, auch aus
nantes Werk, welches durch die Rang (Taxe 400 000 bis 600 000 taxiert auf 100 000 bis 120 000 der Zeit des Barock hat Van
entlarvende Charakterstudie Euro). FRANK MAIER-SOLGK Euro, wird von Alexej von Ham einige herausragende Wer-
der abgebildeten Personen und Jawlensky offeriert. In dem 1907 ke anzubieten, wie die von Arte-
die »Lichtregie« zu überzeugen komponierten 49 x 37 cm mes- misia Gentileschi gemalte 68 x
weiß (Schätzwert 60 000 bis senden Ölbild bringen aller- 48 cm große »Maria Magdalena
80 000 Euro). dings nicht die titelgebenden in Ekstase«, die um 1645 ent-
Bei Ferdinand Georg Wald- Geranien, sondern reife Äpfel stand und für einen Schätzpreis
müllers »Das gutmütige Kind leuchtende Farbe ins Bild. von 30 000 bis 40 000 Euro ange-
(Der Bettler)« ist es das vortreff- Der größte Blumenstrauß boten wird. FRANK G. KURZHALS
lich wiedergegebene Minenspiel der Auktion kommt aus der
der Protagonisten, das die Meis- Helga and Walther Lauffs Col-
terschaft des Künstlers kenn- lection, die zu den bedeutenden 1 Andy Warhols, »Portrait of a Lady«,
zeichnet (Schätzwert 150 000 bis Sammlungen der Nachkriegs- 1983, Dorotheum, Taxe 350 000 bis
200 000 Euro). Bei den Zeitge- kunst zählt. Es ist der nur selten 450 000 Euro
nossen sind es Werke wie Andy vollzählig angebotene zehnteili- 2 Kris Martin, »The End«, 2006, Van
Warhols oszillierendes »Portrait ge Satz von quadratischen Farb- Ham, Taxe 15 000 bis 20 000 Euro
of a Lady« (Schätzwert 350 000 serigrafien mit Blütenmotiven, 3 Yves Klein, »Sculpture éponge
bis 450 000 Euro), die Beachtung die der Superstar der Pop-Art, bleue sans titre«, Lempertz, Taxe
3
verdienen. CHRISTOF HABRES Andy Warhol, 1970 der Kunst- 400 000 bis 600 000 Euro
66
Sommerauktionen
in Berlin 9. bis 11. Juni 2021
Franz Wilhelm Seiwert. „Wandbild für einen Fotografen“. 1925. Öl auf Leinwand. 109 × 154 cm. EUR 400.000–600.000
[Link]
AUKTIONEN
KUNST DES 15. BIS 21. JH. MODERNE UND GEGENWART
UND FOTOGRAFIE Jeschke van Vliet, Berlin, 25. Juni
Bassenge, Berlin, 9. bis 12., 16. Juni
Lyonel Feininger malte in seiner
Steigert es den Wert eines Zeit viele Dorfkirchen im Wei-
Schecks, wenn sich ein Kunst- marer Land, doch eine hatte es
werk darauf befindet? Wenn es ihm besonders angetan: die
sich dabei um Arbeiten so Kirche von Gelmeroda. Dieser
bedeutender Künstler wie widmete er eine Vielzahl an
Daniel Buren, Andy Warhol Zeichnungen, Drucken und
oder Rosemarie Trockel han- Aquarellen. Bei Jeschke van
delt, ohne Zweifel. Bassenge Vliet kommt nun eine Lithogra-
Bilder: Grisebach GmbH; Galerie Bassenge, Berlin/VG Bild-Kunst, Bonn 2021; Jeschke van Vliet Auctions Berlin/VG Bild-Kunst, Bonn 2021
versteigert 66 individuell gestal- fie des unscheinbaren Gottes-
tete Schecks mit Zeichnungen hauses für 2500 Euro zum Auf-
und Texten zeitgenössischer ruf. Einzigartig ist Sam Francis’
Künstler aus der Sammlung Spiel mit weißem Negativraum.
Benjamin Katz, die auf 60 000
Euro geschätzt sind. Das Haus 3
hält im Juni einen weit gespann-
1 ten Auktionsreigen ab, von
Druckgrafik des 15. Jahrhun-
SOMMERAUKTIONEN von 15 000 bis 20 000 Euro zum derts bis zu den Zeitgenossen.
Grisebach, Berlin, 9. bis 11. Juni Aufruf. Sultans Fotografien Highlight der Moderne ist
haben solche Zuschläge schon Edvard Munchs Farbholzschnitt
Wenn der 2009 verstorbene mehrfach erreicht, allerdings »Mondschein II« von 1902 zum
Fotograf Larry Sultan auf den bisher nur für Motive aus Schätzpreis von 80 000 Euro.
Auslöser seiner Kamera drück- bekannteren Serien. Ein wun- Von George Grosz stammt die
te, wich das Pathos aus den derschönes Bild ist »Antioch Tuschfederzeichnung »Vaude-
Landschaftsansichten wie die Creek« jedoch zweifellos. ville« aus dem Jahr 1917, die zwei
Luft aus einem angepieksten Vielleicht wird sich ja der Männer mit ihren Hunden zu
Ballon. Übrig blieben interes- eine oder andere Bieter bei der Zirkusclowns mit dicken Bäu-
sierte Blicke auf die diffuse Auktion »Ausgewählte Werke« chen stilisiert. 25 000 Euro Beeinflusst durch die japanische
Grenzzone zwischen Zivilisati- am 10. Juni daran erinnern, dass erwartet Bassenge dafür, eine Avantgarde bewegte sich der
on und Natur – Vorstadthäuser, auch die Impressionisten einst eher niedrig gehaltene Schät- US-amerikanische Künstler
Trampelpfade, begradigte Flüs- damit angetreten waren, allen zung. Unter den Fotografien zwischen Tradition und Abs-
se. In Sultans Serie »Homeland« Pomp aus der Kunst zu verban- sticht ein Bild von Jean Cocteau traktion. Das Werk, das das
tauchen an diesen Orten latein- nen und die Schönheit im All- zum Schätzpreis von 6000 Euro Haus zur Taxe von 3200 Euro
amerikanische Männer auf, die täglichen zu entdecken. Max ins Auge: Man Ray hielt ihn 1924 offeriert, ist mit farbigen Kleck-
in einem emotionalen Schwebe- Liebermanns Gemälde »Reiter mit der Kamera fest. Die alte sen übersät. Mit einer Kreation
zustand gefangen wirken. Der in der Allee bei Sacrow« (1924), Druckgrafik wird von drei Wer- des Objektkünstlers Arman
Fotograf hatte Tagelöhner auf eines der Toplose der Auktion ken Albrecht Dürers angeführt. geht es farbenfroh weiter. Die
den Straßen Kaliforniens fürs mit einem Schätzpreis von Der Sammlung Dr. Louis Peters auf 15 000 Euro taxierte Arbeit
Posieren angeheuert. Aus der 500 000 bis 700 000 Euro, zeigt aus Köln ist ein eigener Katalog befindet sich in einem Plexiglas-
»Homeland«-Serie, die den Hei- genau das: einen flüchtigen gewidmet. SUSANNE LUX kasten im Großformat. Wenn
matbegriff aus der Sicht von Sommermoment, der für die man genau hinschaut, erkennt
Migranten in den USA themati- Ewigkeit konserviert wurde. man unter einer bunten Schicht
siert, kommt am 9. Juni in der Überhaupt scheint diese Aukti- 2 Acrylfarbe die Umrandungen
Fotoauktion von Grisebach das on das gelungene motivische von Bassgeigen.
101 mal 126 messende Motiv Understatement zu würdigen: In der Fotografie war Chris-
»Antioch Creek« (2008) zur Taxe Weitere Malereien des kleinen tian Schad ein Pionier der Abs-
Alltagsglücks wie Konrad Luegs traktion. Er interpretierte die
»Bockwürste auf Pappteller« Technik des Fotogramms völlig
1 Larry Sultan, »Antioch Creek«, (Taxe 80 000 bis 120 000 Euro), neu und suchte er innerhalb der
2008, C-Print, Villa Grisebach, Gerhard Richters »Umgeschla- Dada-Bewegung die Abkehr von
Schätzpreis 15 000 bis 20 000 Euro genes Blatt« (600 000 bis 800 000 der Gegenständlichkeit. Ein
2 Man Ray »Jean Cocteau«, 1924, Euro) oder die »Sonnenblume« Portfolio von rund zwanzig
Bassenge, Schätzpreis 6000 Euro von Emil Nolde für 800 000 bis Schadografien, auf 4000 Euro
3 Arman, »O.T. (Bassgeigen)«, 1992, 1,2 Millionen Euro bestätigen taxiert, gehört zu den High-
Jeschke van Vliet, Taxe 15 000 Euro den Trend. TIM ACKERMANN lights. CLARA ZIMMERMANN
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MODERN WEEK
Modern | Post War | Contemporary
The Lauffs Collection
Auktionen: 16. Juni 2021
Vorbesichtigung: 11.– [Link] 2021
SIZE MATTERS
From a Universal Collector –
The Olbricht Collection
Auktion: 23. Juni 2021
Vorbesichtigung: 19.– [Link] 2021
GERHARD RICHTER (1932)
9.6.84. 1984. Wasserfarben und
Fettkreide auf leichtem Karton | 18 x 24 cm Gratis-Kataloge | Online-Kataloge | Termine: [Link]
Schätzpreis: € 120.000 – 180.000 VAN HAM Kunstauktionen | Hitzelerstr. 2 | 50968 Köln
Provenienz: The Lauffs Collection T +49 (221) 925862-0 | info@[Link]
AUKTIONEN
KUNST UND ANTIQUITÄTEN ALTE MEISTER UND 19. JH. zugleich das Spitzenlos der
Leo Spik, Berlin, 24. bis 26. Juni Karl & Faber, München, 16. Juni Auktion. Auf 50 000 bis 60 000
Euro ist hingegen Dürers Holz-
Seine Werke wirken wie gemalt, Der Meister selbst draußen bei schnitt der Apokalyptischen
tatsächlich handelt es sich aber der Arbeit: Rembrandt hat die Reiter »Sieg, Krieg, Teuerung
um Mosaike: Der aus Rom Radierung »Die Landschaft mit und Tod« taxiert.
stammende Mosaizist Giacomo dem Zeichner« von 1640, die in Das 19. Jahrhundert ist
Raffaelli schuf im 18./19. Jahr- der unteren rechten Ecke einen reichlich vertreten. Zwei Sche-
hundert Kunstwerke aus unzäh- Mann mit hohem Hut beim renschnitte mit Blumendar
ligen Steinchen, die sich meist Zeichnen eines holländischen stellungen Philipp Otto Runges
auf kleinen Dosen befinden – Bauernhauses zeigt, ganz offen- (Taxe jeweils 30 000 bis 40 000
Ausnahme ist das große Abend- bar als Selbstporträt angelegt. Euro) umfasst die Offerte und
mahl-Mosaik in der Minoriten- 2 Auf 50 000 bis 60 000 Euro ist dann vor allem Landschaften:
kirche in Wien nach Leonardo das seltene Blatt taxiert. Über- Geht man vom Format aus,
da Vinci. Eine Lackdose mit der ART & COLLECT haupt bietet die Druckgrafik bei müsste man mit einer 5 x 13,5 cm
Ansicht von St. Peter in Rom, Metz, Heidelberg, 18./19. Juni Karl & Faber im Juni das Au großen, auf den Deckel einer
die dem Künstler zugeschrieben ßergewöhnliche. Zweimal ist Zigarrenschachtel gemalten
ist, versteigert Leo Spik in Ber- Weiße Haut, so glatt wie Elfen- Dürer vertreten, einmal mit Landschaft mit junger Frau und
lin. Die Dose mit einem Durch- bein, ein kaum etwas verhüllen- einem seiner frühen Hauptblät- Hund von Carl Spitzweg be
messer von etwa 8,5 cm soll 2500 des Gewand, saftig glänzende ter, dem Kupferstich, der die ginnen (10 000 bis 15 000 Euro),
Euro einbringen. Vergleichbare Trauben: Als die halbnackte »Bekehrung des heiligen Eusta- um schließlich bei einer
Bilder: Leo Spik, Berlin; Metz, Heidelberg; Karl & Faber, München
Mikromosaike des Künstlers Dame um 1860/70 gemalt wur- chius«, um 1501, zeigt. Der Natu- 115 x 156 cm großen Ansicht der
erzielten meist um die 5000 de, traf sie den Geschmack einer ralismus Dürers zeigt sich ein- Landschaft bei Dietramszell
Euro. Für größere Arbeiten wer- Gesellschaft, die sich während mal mehr als brillant, die von Johann Georg von Dillis zu
den auch höhere Preise gezahlt, der aufblühenden Industrialisie- christliche Botschaft wird unter enden, der die Szene in klas
wie im vergangenen Sommer rung immer noch am Ideal der der Hand zur Naturhuldigung. sisch-italienisches Licht taucht
bei Christie’s für einen Vogel Antike orientierte. Womöglich Bei einer Schätzung von 120 000 (30 000 bis 40 000 Euro).
Raffaellis: Er wurde bei 30 000 ist Pomona, die Göttin der bis 150 000 Euro ist der Stich FRANK MAIER-SOLGK
Pfund zugeschlagen. Baumfrüchte, dargestellt. Meis-
Unter den Gemälden befin- sener Porzellanplaketten mit so 3
det sich das Aquarell einer virtuoser Feinmalerei erzielen
»Kutschfahrt vor Landsitz eines meist mehr als 10 000 Euro, aber
Malteserritters (wohl Graf da es bei der »Art & Collect«-
Lichnowsky) bei Cilli«, das Auktion von Metz weder Taxen
Carl Goebel im Jahr 1861 malte noch Limits gibt, ist alles offen.
(Taxe 800 Euro). Ein konischer Ein Teil der rund 200 Lose
Berliner Schreibsekretär, um stammt aus dem Nachlass des
1815 geschaffen, ist auf 2800 2011 gestorbenen Zürcher
Euro geschätzt. SUSANNE LUX Kunsthändlers Hans Soller,
etwa ein rheinisches Silbertrip-
tychon der Spätgotik oder ein
expressives Buchsbaum-Kruzifix
aus dem süddeutschen Barock.
Unter den Gemälden fällt ein
witziger, auf 1880 datierter
Affen-Stammtisch des Belgiers
Zacharie Noterman ins Auge,
während in der Moderne sicher
Picassos Ziegenkopf-Reliefteller
1 aus bemalter Keramik die Bieter
anregen wird.
1 Mikromosaik-Lackdose »St. Peter Etwas für Design-Freaks ist
in Rom«, Leo Spik, Taxe 2500 Euro der Nachlass des Möbelgestal-
2 Bemalte Porzellanplakette, wohl ters Waldemar Rothe. Apropos
Darstellung der Pomona, Meissen, Möbel: Hierzulande kaum je zu
um 1860/70, Metz, ohne Limit sehen ist ein Schrank mit Intar-
3 Albrecht Dürer, »Der heilige sien, der im 18. Jahrhundert im
Eustachius«, Karl & Faber, Taxe kolonialspanischen Mexiko ent-
120 00 bis 150 000 Euro stand. SEBASTIAN PREUSS
70
Items featured: Carl Fredrik Hill, ‘The tree and the river bend’.
A pair of late Gustavian stools, late 18th century. A pair if Swedish
porphyry urns, early 19th century. A bronze figure of a crowned
buddha, Tibet, 14th Century. A German 17th century silver–gilt
beaker and cover, Königsberg. A rare Louis XV silvered brass
five–light chandelier attributed to Pierre Boulanger, Paris c 1750
similar to one at Drottningholm Palace delivered 1754. A pair
of Gustavian armchairs by E Öhrmark (1777–1813) and Jean
Baptiste Masreliez (1753-1801).
Bilder: Wendl, Rudolstadt/VG Bild-Kunst, Bonn 2021; Ketterer, München/VG Bild-Kunst, Bonn 2021; Quittenbaum, München
nehmen vor 30 Jahren in Rudol- bekommen wir eine, die wir mit ein (Taxe von 600 000 bis 8. bis 10. Juni
stadt gründeten, halten – inzwi- nicht wollen.« Joseph Beuys ver- 800 000 Euro).
schen gemeinsam mit Tochter wies immer wieder auf die Max Liebermanns »Der Ein kleines Fest des internatio-
Julia Marie Wendl – ihre 100. Wichtigkeit der Mitgestaltung Nutzgarten in Wannsee nach nalen Jugendstils findet bei
Auktion ab. Während der Auf- in Gesellschaft und Politik, Südosten« ist als Highlight des Quittenbaum statt. Gleich vier
taktauktion zum Thema Kunst, worauf auch das Konzept seiner 20. Jahrhunderts, taxiert mit Auktionen widmen sich den
Liebe und Erotik wird Lyrik sozialen Plastik beruht wie in 300 000 bis 400 000 Euro. Es ver- unterschiedlichsten Aspekten
und Musik vorgetragen. Neben »Wo ist Element 3?« von 1984. Es deutlicht die Faszination des der dekorativen Kunst der ele-
dem Spezialthema, in dessen besteht aus einer Schalttafel mit Malers für die Natur. Die Arbeit ganten Linienführung. Ein
Rahmen die experimentelle Stromzähler und Sicherungen, stammt aus der Sammlung der Schwerpunkt sind dabei die
Aktfotografie »Sylvie mit Kette« die für Wärme-, Licht- und Deutschen Bank, aus der Kette- Entwürfe von Lalique, denen
von Günter Blum zum Limit Energiespender steht. Anläss- rer 25 Werke anbietet. Darunter ein eigener Katalog gewidmet
von 460 Euro aufgerufen wird, lich des 100. Geburtstages von auch Ernst Wilhelm Nays Spät- ist. Die Schalen und Vasen sind
wartet das Haus wie gewohnt Beuys versteigert Ketterer die werk »Doppelspindel-Rot« von Entwürfe sowohl vom Meister
mit Antiquitäten und moder- Arbeit neben mehr als zwanzig 1967 (Taxe 200 000 bis 300 000 und Namensgeber René Lalique
nen Fundstücken auf. Highlight Werken von Beuys zu einem Euro). Erwähnenswert sind als auch von seinen Kindern
unter den Skulpturen ist die Schätzpreis von 600 000 bis zwei restituierte Werke: Hans und Enkeln Marc und Marie-
Bronzearbeit »Roi, reine et fou« 800 000 Euro. So hochkarätige Thomas »Flora« (Taxe 25 000 bis Claude. Eine Sammlung kleiner
von Max Ernst zum Limit von Objekte des Aktionskünstlers 35 000 Euro) und Ilona Singers Parfumflakons akzentuiert
12 000 Euro. Die Figuren der sind nur selten auf dem Markt »Kind mit Teddybär« (Taxe 6000 dieses Angebot auf charmante
Skulptur schuf Ernst bereits zu finden. Schwergewichte der bis 8000 Euro). SUSANNE LUX Weise. Highlight ist eine
1929/30. In den 1970er-Jahren Archers-Vase von 1921, die mit
autorisierte er die Societé de 2 ihrer bauchigen Form über
Diffusion d’Œuvres Plastiques geradem Rundstand und der
et Multiples in Paris, hierzu runden Mündung magisch
eine Bronzeskulptur zu erstel- opalesziert und mit ihrer Taxe
len. Valsuani in Paris hat die von 7000 bis 8000 Euro Lieb
Arbeit gegossen. Erwähnens- haber locken soll. Unbekleidete
wert ist auch Paul Kämmerers Bogenschützen zielen auf einen
großformatiges Gemälde »Früh- Vogelschwarm mit großen
lingserwachen« (Limit 3300 Schwingen.
Euro), das ins Jahr 1911 datiert Im internationalen Glas
ist, und ein museales Jugendstil- dominieren die Arbeiten von
Silberservice, um 1900, aus dem Daum Frères und Émile Gallé
Hause Orivit (Limit 2400 Euro). das Angebot. Von Gabriel Argy-
SUSANNE LUX Rousseau stammt eine auf 1925
datierte pilzförmige Tischleuch-
te mit »Fruits tropicaux«, die auf
1 Max Ernst, »Roi, reine et fou«, 32 000 bis 38 000 Euro taxiert
Bronze, Wendl, Limit 12 000 Euro wird. Frivolität aus Steingut
2 Ernst Wilhelm Nay, »Doppel steuern die »Turteltauben« (Taxe
spindel-Rot«, 1967, Ketterer, Taxe 1800 bis 2200 Euro) von Stephan
200 000 bis 300 000 Euro Dakon bei: 1927/28 entstanden
3 Archer-Vase, 1921, Quittenbaum, stellen sie die koketten Dolly
Taxe 7000 bis 8000 Euro Sisters dar. FRANK G. KURZHALS
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BASSENGE
Gottfried von Wedig (1583–1641). Stillleben mit gerösteten Maronen. Öl auf Holz. Schätzung 60.000 Euro
G A L E R I E B A S S E N G E · E R D E N E R S T R A S S E 5A · 14193 BE R L I N
Tel.: +49 30-8938029-0 · Fax: +49 30-8918025 · E-Mail: art@[Link] · Kataloge online: [Link]
AUKTIONEN
KUNST UND MUSIK
Hassfurther, Wien, 21. Juni
Bilder: Yves Siebers, Stuttgart; Hassfurther, Wien; Hargesheimer, Düsseldorf/VG Bild-Kunst, Bonn 2021
spiel die Zeichnung »Sitzendes Kunst geht tags zuvor die
Mädchen mit zurückgeworfe- Moderne voraus. Hier hat Picas-
nem Kopf« von Egon Schiele so eine seiner Keramiken tref-
aus dem Jahr 1918 (Schätzwert fenderweise »Gallionsfigur«
100 000 bis 200 000 Euro) und – genannt. Mit ein paar Strichen
selbstverständlich für den Auk- fürs Gesicht und Gefieder stellt
tionsrekordpreishalter bei sie einen Krug als Hahn oder
Arbeiten dieses Künstlers – ein eben einen Hahn als Krug dar
»Bauernsonntag« aus dem Jahr (Taxe 7000 Euro). Große Namen
1933 von Alfons Walde (Schätz- sind bei Hargesheimer zu güns-
wert 200 000 bis 300 000 Euro). tigen Preisen zu haben. 2000
1
Wer nach Werken etwas Euro muss man für Alexander
abseits des Auktionsmain- Calder kalkulieren, von dem
BERLINER IMPRESSIONEN Sujet der Großstadtimpressio- streams sucht, sollte – dem som- der Entwurf für ein etwa 31 x 52
Yves Siebers, Stuttgart, 24./25. Juni nen einreihen. Geometrische merlichen Anlass entsprechend cm großes Dreigestirn in Rot
Farbflächen in kräftigem Blau – seinen Blick entweder auf die Gelb und Blau stammt, das von
Die Faszination für das Berliner und Gelb bestimmen die Kom- Ölmalerei »Markt auf Bali« von einem Elefanten auf der Nase
Nachtleben der Goldenen position – ein Kontrast, der sich Carl Fahringer (Schätzwert balanciert wird. Das bronzene
Zwanziger ist unverkennbar in auch in seiner Papierarbeit 15 000 bis 25 000 Euro) oder auf Multiple »Black Elephant«
den Werken des ungarischen »Zauberer mit blonder Dame« das eigenhändige Manuskript stammt von 1973. Im Jahr 1971
Malers Hugo Scheiber. Er kam wiederfindet, die ebenfalls mit »Wiegenlied im Sommer« entstand eine Mappe von zehn
im Jahr 1922 in die Hauptstadt einem Limit von 5000 Euro (Schätzwert 15 000 bis 20 000 Farbserigrafien, die Friedens-
und ließ sich in seiner Kunst angeboten wird. Auch der Euro) des österreichischen Kom- reich Hundertwasser »Regentag
von den avantgardistischen Maler und Mitbegründer der ponisten der Spätromantik, – Look at it on a rainy day«
Malweisen des Futurismus, Stuttgarter Secession Reinhold Hugo Wolf, eines Meisters der getauft hat. Auf 10 000 Euro ist
Kubismus und Expressionismus Nägele stellte im frühen 20. musikalischen Charakterisie- das Konvolut der Blätter, die
beeinflussen. Seine in Pastell- Jahrhundert in Berlin aus. Sein rungskunst, richten. Metallprägungen aufweisen,
kreide gefertigte »Dame mit »Stillleben mit zwei Puppen« CHRISTOF HABRES geschätzt. FRANK MAIER-SOLGK
Cigarette«, bei Yves Siebers zum von 1941 trägt eine Schätzung
Limit von 5000 Euro zu erstei- von 6000 Euro.
gern, ist eines von zahlreichen Romantischer ist das nächt-
Frauenporträts, die sich in sein liche Motiv des russischen Mari-
ne- und Landschaftsmalers
Iwan Konstantinowitsch Aiwa-
sowski. Unterstützt durch den
1 Hugo Scheiber, »Dame mit
Cigarette«, Yves Siebers, Limit Zarenhof unternahm er Reisen
5000 Euro durch Italien von Venedig bis
2 Hugo Wolf, »Wiegenlied im zum Golf von Neapel, wo er
Sommer«, 1882, Hassfurther, Taxe den Blick auf den Vesuv in zwei
15 000 bis 20 000 Euro Gemälden festhielt. Beide Wer-
3 Pablo Picasso, »Gallionsfigur«, ke, signiert und auf 1844 datiert,
Keramik, Hargesheimer, kommen für 60 000 Euro zum
Taxe 7000 Euro Aufruf. SOPHIE ANGELOV
2
74
Alle Lose dieser Auktion unter:
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AUKTION
ASIATISCHE KUNST
SAMSTAG, 5. JUNI 2021
Vorbesichtigung:
29. Mai bis 2. Juni 2021
nur mit Anmeldung
[Link]
AUKTION Auktion 1
KUNST
4. 6. 2021 A. Balwé
Samstag, 29.05.2021
Th. Baumgartner
A. Braith
M. Caspar-Filser
E. H. Compton
G. Gasiorowski
HAP Grieshaber
H. Heidner
A. Jacquet
H. Kastler
F. A. v. Kaulbach
H. Kirchner
ZEITGENÖSSISCHE
M. Liebermann
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L. Oppel Leo Putz, Schloss Fußberg in Gauting, Limit 25000 €
H. M. Pechstein
Alte und Moderne Grafik Arbeiten auf Papier
O. Pippel
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L. Schwarzer
Vorbesichtigung 8. bis 27. Mai
F. Voltz Täglich 10.00 - 17.00 Uhr
J. Wopfner u. v. a. nach Terminvereinbarung
Telefon 08054/9084230
Mobil 0172/8512601
A.R. PENCK. AUGE GOTTES (ANGRIFF UND ABWEHR), 1995. ACRYL AUF BÜTTEN
23/24
JUNI
ALTE KUNST
SCHMUCK
KLASSISCHE MODERNE
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CONTEMPORARY ART
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29. Juni 2021
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