Kann, Wenn ICH
Kann, Wenn ICH
ALLEN FAY
ICH KANN,
WENN ICH WILL
Anleitung zur
psychologischen
Selbsthilfe
KLETT-COTTA
Klett-Cotta
[Link]
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »I Can If I Want To« im
Verlag William Morrow and Company, Inc., New York
© 1975 Arnold Lazarus and Allen Fay
Für die deutsche Ausgabe
© 1977/2011 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH,
gegr. 1659, Stuttgart
Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten
Printed in Germany
Umschlag: Rothfos & Gabler, Hamburg
Gesetzt aus der Scala von Kösel, Krugzell
Gedruckt und gebunden von CPI – Clausen & Bosse, Leck
ISBN 978-3-608-94682-6
Auf geht’s! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17
Therapie als Lernprozess . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20
Psychisches Leid ist selbstverursacht . . . . . . . . . . . . . 22
Wie Sie sich ändern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24
Warum sich viele Menschen nicht ändern . . . . . . . . 28
5
Fehler Nr. 5: Andere Menschen sind glücklich . . . . . . 51
Fehler Nr. 6: Lass deinen Ärger raus! . . . . . . . . . . . . . 56
Fehler Nr. 7: Du solltest Dich schuldig fühlen,
wenn Du tust, was Du für richtig hältst und
andere sich darüber aufregen! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61
Fehler Nr. 8: Sieh zu, dass Du es anderen Leuten
recht machst und dass sie Dich mögen und
anerkennen! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67
Fehler Nr. 9: Hab recht! Zeige den anderen,
dass Deine Ansichten besser sind als ihre! . . . . . . . . 71
Fehler Nr. 10: Du musst Dein Glück verdienen! . . . . . 74
Fehler Nr. 11: Geh auf Nummer sicher!
Riskiere nichts! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77
Eine Fallgeschichte zur Veranschaulichung . . . . . 79
Fehler Nr. 12: Versuche, völlig unabhängig und
selbstständig zu werden! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82
Fehler Nr. 13: Wenn Du Problemen und
unangenehmen Situationen aus dem Weg gehst,
dann verschwinden sie mit der Zeit von selbst . . . . . 85
Fehler Nr. 14: Bemühe dich, perfekt und
vollkommen zu sein! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88
Fehler Nr. 15: Von einzelnen Aussagen und
Handlungen kannst Du auf den ganzen Menschen
schließen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91
Fehler Nr. 16: Einige Menschen sind besser
als andere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94
Fehler Nr. 17: Der »Entweder-oder«-Fehler . . . . . . . . . 97
Fehler Nr. 18: Hohe Leistungsfähigkeit ist wichtig,
um ein erfülltes Leben zu führen . . . . . . . . . . . . . . . . 99
6
Fehler Nr. 19: Teil 1: Das meiste von dem, was Du
hörst, kannst Du glauben! Teil 2: Du musst Deine
abwegigen Gedanken sehr ernst nehmen! . . . . . . . . 102
Fehler Nr. 20: Therapie kann Dir nicht schaden! . . . . 106
7
Wer wir sind
und wie dieses Buch zustande kam
9
die Ernüchterung zu problematisieren, die die Parteiengläu-
bigkeit bei uns hervorgerufen hat, mit der jede psychologi-
sche Richtung beansprucht, die Antwort geben zu können,
den einzig richtigen Ansatz zu haben.
Als wir uns gegenseitig bei der Arbeit beobachteten, unser
Versagen und unsere Erfolge diskutierten, schwierige Fälle
gemeinsam berieten, unsere persönlichen Probleme auf-
deckten, stellten wir fest, dass Leute mit sehr verschiedenen
Schwierigkeiten doch immer und immer wieder dieselben
grundlegenden Fehler zu machen scheinen. Das brachte
uns dazu, eine Reihe verschiedener Methoden zu testen, die
geeignet sein könnten, in kurzer Zeit die üblichen Fehler zu
beseitigen, die so viel Leid hervorrufen. Unsere Schlussfol-
gerungen veranlassten uns dazu, dieses Buch zu schreiben.
10
Was wir über Menschen gelernt
haben und wie wir Ihnen beim
Sichändern helfen wollen
11
Irgendetwas stimmt da nicht!
Ein hervorragender Chirurg, in weiten Kreisen geachtet und
bewundert, vertraut uns an, dass er das Leben sinnlos findet.
Er kommt aus »bester« Familie. Er war auf den »besten«
Schulen, er hat in den »besten« Krankenhäusern gearbeitet
und er hat es zu Ruhm, Vermögen und Anerkennung
gebracht. Und dann findet er das Leben sinnlos!
Ein anderer Mann glaubt, dass er unglücklich sei, weil er
nicht zu Ruhm und Reichtum gelangt ist. Er war nicht auf
den »besten« Schulen und hatte nicht die »richtigen« Kon-
takte. Hätte er’s doch nur »geschafft«, dann wäre er glück-
lich!
Eine fünfundvierzigjährige Frau, die vor etwa zwanzig
Jahren zweimal Schönheitskönigin gewesen war, fühlte sich
während der letzten zehn Jahre mehr und mehr depressiv.
Sie hat nie gelernt, viel Wert auf irgendetwas außer auf die
äußere Erscheinung zu legen, und jetzt, wo ihr jugendliches
Aussehen zu welken beginnt, quält sie sich und hat nichts,
womit sie es wiederherstellen oder ersetzen könnte.
Unsere Werte, Meinungen und Einstellungen kommen
von Menschen her, mit denen wir zusammen sind – insbe-
sondere von unseren Eltern, Lehrern, Spielkameraden und
Freunden –, von den Massenmedien und von einer Reihe
anderer Erfahrungen. Wenn wir versuchen, den Wegwei-
sern zum erfolgreichen und glücklichen Leben zu folgen,
die unsere Gesellschaft aufgestellt hat, dann werden viele
von uns am Ende erfolglos und unglücklich sein. Andere,
die es gut meinten, haben uns (und sich selbst) dahin irre-
geführt, einer Menge von Täuschungen darüber aufzusitzen, wie
man ein befriedigendes Leben führt, das aller Mühen wert ist.
Wie wir uns alldem zum Trotz aus diesen absurden und zer-
12
störerischen Vorstellungen befreien können, das ist das Thema
dieses Buches.
Falsche Werte machen uns »krank«, durch sie bekommen
wir Angst vor Kritik und Ablehnung, neigen wir zu Schuld-
gefühlen und sind besessen von unvereinbaren Gegen-
sätzen wie »Erfolg haben« und »versagen«. Diese Irrtümer
vermengen sich mit jedem Bereich unseres Lebens. Sie
beeinträchtigen die sexuelle Erfüllung, untergraben die
Beziehung zwischen Mann und Frau, Eltern und Kind,
Arbeitgeber und Arbeitnehmer, und sie zerstören die Mög-
lichkeit echter Freundschaft.
Fast jeder, mit dem wir über diese falschen Auffassungen
gesprochen haben, scheint sich ihrer bewusst zu sein. Sie
alle legen Lippenbekenntnisse ab über die negativen Folgen
von überzogenem Konkurrenzstreben, extremen Graden
von Ehrgeiz, Gefallen-Wollen, Maskenhaftigkeit und ver-
logenem Äußeren. Unsere Patienten oder Klienten erzählen
uns, dass sie von alldem wissen, und trotzdem machen sie
in allen Bereichen ihres Lebens auch weiterhin das, was sie
selbst verurteilen. Wir sind noch nie einem Menschen
begegnet, der, gleichgültig, wie humanistisch und wie wenig
materialistisch er ist, gleichgültig, wie vernünftig er zu sein
scheint, nicht wenigstens einige dieser üblichen Fehler
macht und dessen Leben eben deshalb weniger erträglich
und lebenswert ist! Sich nur der verschiedensten Fehler
bewusst zu sein, die verheerende Folgen verursachen, reicht
nicht aus. Wir müssen etwas gegen sie tun. Ehrlich, gründ-
lich und systematisch die Dinge neu zu durchdenken, ist
zwar der erste Schritt in Richtung auf eine positive Verän-
derung unseres Erlebens und unserer Gefühle. Aber neu
durchdenken allein ist nicht genug. Darüber hinaus müssen
wir auch anders handeln, wir müssen unser Verhalten ändern,
wenn wir wirklich unser Leben ändern wollen.
13
Dieses Buch kann Ihr Leben ändern! Davon sind wir über-
zeugt, und wir wollen Ihnen zeigen, wie Sie das in Angriff
nehmen und fertigbringen können.
14
hat ganz bestimmte Besonderheiten, die es verdienen, ge-
sondert behandelt zu werden.
Wir haben unsere Vorstellungen aus vielen Quellen her-
aus entwickelt, einschließlich – natürlich – der Erfahrungen
aus unserer Arbeit als praktizierende Psychologen. Wir hof-
fen, dass die Art und Weise, in der die Ideen und Strategien
dargestellt sind, so anders und überzeugend ist, dass sich
dieses Buch von all den psychologischen Schnellratgebern
abhebt – als ein Handbuch, das zeigt, wie man Probleme
anpacken kann.
Wir können nicht jeden nennen, von dem wir Ideen über-
nommen haben, stark und weitreichend beeinflusst sind wir
aber von Albert Bandura, Albert Ellis, Jay Haley, Sidney
Jourard, O. H. Mowrer und Andrew Salter.
Besonderen Dank schulden wir all denen, die uns zurate
gezogen haben – von ihnen haben wir das meiste gelernt.
15
Auf geht’s!
17
eine einfache Technik, die es ihr ermöglichte, ihr Leben zu
ändern.
Sie denken vielleicht, das sei grotesk. Wie kann sich so
eine einfache Technik als so erfolgreich erweisen? Schließ-
lich sind menschliche Probleme viel zu komplex, um auf
irgendeine so simple Art weitreichende, stabile Erfolge er-
zielen zu können! Ist es etwa nicht so, dass Probleme im
Gefühlsleben zeitraubende Prozeduren verlangen, um sie
zu verstehen und völlig zu überwinden?! NEIN! Dieser Irr-
glaube bringt viele Menschen dazu, die Hoffnung darauf
aufzugeben, dass sie ihr Leben ändern und ihre emotionalen
Probleme beseitigen können.
Es kursieren verschiedene Mythen darüber, wie man sich
ändert; am meisten verbreitet sind die folgenden:
18
Diese üblichen und alltäglichen Überzeugungen sind abso-
lut falsch und bringen viele Menschen dazu, an ihrer Fähig-
keit, sich zu ändern, zu zweifeln.
Ja, aber was behaupten wir stattdessen? Dass alle oder fast
alle Fälle von Angst mit der »Hör-auf«-Methode bekämpft
werden können? Dass die meisten unserer vielschichtigen
Probleme mit einer einfachen Prozedur gelöst werden kön-
nen? Nein. Wir sehen ganz deutlich, dass es oft keinen Ersatz
gibt für das systematische Verlernen falscher Einstellungen,
selbstzerstörerischen Verhaltens und unangenehmer Ge-
fühle. Trotzdem muss ein Punkt nachdrücklich hervorgeho-
ben werden: Wir haben zahlreiche Leute mit lang dauernden
und scheinbar schwierigen, verwickelten Problemen ge-
sehen, die von dem Augenblick an, als sie anfingen, die Grund-
regeln und Vorgehensweisen anzuwenden, die in diesem Buch
dargestellt sind, geradezu dramatisch ihr Leben geändert haben.
Mit anderen Worten: Sobald jemand sich entscheidet,
einen neuen Kurs in seinen Handlungen einzuschlagen –,
indem er/sie sich Notizen macht, wie wir es vorschlagen,
indem er/sie die empfohlenen Risiken eingeht und all die
anderen Aufgaben ausführt, die hier beschrieben werden –,
so ist das schon der erste Schritt einer Veränderung, die
ihm/ihr bemerkenswerten Nutzen bringen kann.
Warum sollten ausgerechnet Sie anders sein als diese
Leute? Sie sind nicht anders, und sobald Sie dieses Buch
lesen, werden Sie in der Lage sein, Ihr eigenes falsches Ver-
halten und Ihre falschen Einstellungen zu erkennen. Und
dann, wenn Sie die korrigierenden Übungen durchführen,
die wir Ihnen hier anbieten, werden Sie eindeutige Verbes-
serungen in Ihrer Selbstachtung und Ihrem Selbstvertrauen
feststellen. Wir schätzen, dass Sie dieses Buch an einem Tag
lesen, Ihre eigenen »neurotischen« Fehler bemerken, anfan-
gen, sich Notizen zu machen, ein paar neue Verhaltens-
19
weisen ausprobieren, alles ein wenig überdenken können
und auf diese Art beginnen, in Ihrem Leben eine deutliche
Veränderung hin zum Besseren zu spüren. Haben Sie ein-
mal angefangen, einen festgelegten Weg korrektiven Den-
kens und konstruktiven Handelns zu gehen, werden Sie
Stunde um Stunde und Tag um Tag mehr und mehr gründ-
liche, bedeutsame und befriedigende Veränderungen erle-
ben. Das ist der Grund, warum wir diesem Buch den Titel
Ich kann, wenn ich will gegeben haben.
20
Probleme im Hier und Jetzt lösen, statt dass wir uns in das ver-
tiefen, was vorher war oder in Zukunft sein wird.
Als einer von uns am ersten Tag seiner therapeutischen
Gruppenarbeit noch ein wenig unbeholfen wirkte, gab ihm
ein fortgeschrittener Student den Rat, zwei Leitfäden zu fol-
gen, um sich Schwierigkeiten zu ersparen: »Beantworten
Sie den Klienten keine Fragen und erzählen Sie nichts von
sich selbst!« Das war der schlechteste aller möglichen Rat-
schläge! Psychische Probleme sind gelernt. Menschen lernen
zu denken, zu sprechen und sich so zu verhalten, wie sie es
tun, und sie können die nutzlosen oder die ihnen schaden-
den (neurotischen) Verhaltensmuster, die sie sich angeeig-
net haben, auch wieder verlernen. Diejenige Verhaltensweise,
bei der man am meisten lernt, ist die Beobachtung, das
Teilen von Erfahrungen. Deshalb nimmt der Therapeut/die
Therapeutin, der/die sehr wenig von sich spricht und fast
alles von sich selbst verschließt, dem Patienten oder Klien-
ten die Möglichkeit einer Lernerfahrung, die notwendig für
seine Veränderung ist.
Wir sind der festen Überzeugung, dass Therapie eher ein Lern-
als ein Heilungsprozess, eher Entwicklung als Behandlung ist.
Wenn man erst einmal zu der Einsicht gelangt ist, dass
das Überwinden psychischer Probleme ein Lernprozess ist,
dann ist das Konzept des Selbst-Lern-Prozesses leicht zu ver-
stehen. In derselben Weise, wie es möglich ist, sich das
Kochen, eine Sprache oder das Schreibmaschinenschreiben
beizubringen, ist auch psychologische Selbsthilfe durchaus
möglich. Und tatsächlich ist auch in der Fachliteratur die
Anzahl der Beiträge enorm angewachsen, die den Wert der
Selbstbeeinflussungs- und Selbsthilfemethoden bestätigen.
21
Psychisches Leid ist selbstverursacht
Die Bereitschaft, psychisches Leid äußeren Quellen zuzu-
schreiben, ist weit verbreitet. Dies zu tun ist aber einer der
ernstesten psychologischen Fehler. Die Leute sagen: »Seine
Bemerkung hat mich aufgeregt.« »Ihre Kommentare haben
mich verletzt.« »Es hat mich unglücklich gemacht, dass er
aus dem Zimmer ging.« In Wirklichkeit regt sich niemand
über Bemerkungen, Kommentare und Feststellungen auf,
und sie verletzen auch niemanden. Die Leute regen sich selbst
über diese Feststellungen oder Ereignisse auf. Das Sprichwort
»Stock und Stein bricht mir’s Bein, doch Worte bringen nie-
mals Pein!«* bleibt (wie die meisten Sprichwörter) tiefgrün-
dig wahr. Obwohl wir solche Gedanken als Kinder ausspre-
chen, nehmen wir sie als Erwachsene nicht ernst. Täten wir
es, dann würden wir sagen: »Ich habe mich selbst über seine
Bemerkung aufgeregt«, anstatt der psychologisch gesehen
falschen Version »Seine Bemerkung hat mich aufgeregt«.
Entsprechend würden wir sagen »Ich habe mich selbst
wegen ihrer Kommentare verletzt«, »Aufgrund der Tatsache,
dass er mich ignorierte, habe ich mir selbst Kummer be-
reitet«.
Solange wir fälschlicherweise äußere Ursachen für unsere
Miseren verantwortlich machen, wird es uns nicht möglich
sein, viel gegen sie zu unternehmen. Wie auch immer, wenn
wir einsehen, dass wir uns selbst aufregen über das, was uns
passiert, dann können wir auf eine Änderung hinarbeiten.
Der erste Schritt ist die Frage: »Wie genau bringe ich es
zustande, mich aufzuregen?« Auf diese Weise finden wir die
*
Das amerikanische Sprichwort heißt im Original: »Stiles and stones may
break my bones but words can never hurt me!« (d. Übers.)
22
Anhaltspunkte dafür, wie wir es vermeiden können, uns auf-
zuregen.
Zum Beispiel war ein junger Mann äußerst deprimiert,
weil seine Freundin sich weigerte aufzuhören, sich mit ande-
ren Männern zu verabreden. »Ihr Verhalten regt mich wirk-
lich auf«, sagte er. »Nein«, antworteten wir, »Sie regen sich
selbst auf über ihr Verhalten!« Und wir fragten ihn: »Wie
bringen Sie es fertig, sich so tief davon aufwühlen zu lassen?
Was sagen Sie zu sich selbst?« Es dauerte etwa 10 Minuten,
um herauszubekommen, dass er sich dadurch so erregte,
dass er in folgenden eingefahrenen Bahnen dachte: »Ich ver-
sage als Mann. Wenn ich überhaupt nur zu ein bisschen was
gut wäre, würde sie ausschließlich mit mir ausgehen wollen.
Da muss irgendwie was ernsthaft nicht stimmen mit mir.
Sicher findet sie, dass andere Männer besser aussehen als
ich, männlicher, interessanter und anregender sind. Ich
werde wohl nie jemanden finden, der mich so wertschätzt,
dass er, beziehungsweise sie, nur mit mir zusammen sein
möchte.« Sobald wir wussten, wie er es so »erfolgreich«
schaffte, sich selbst zu deprimieren, waren wir in der Lage,
ihm zu zeigen, wie er es schaffen könnte, damit aufzuhören,
sich selbst so unglücklich zu machen über den Mangel an
Leidenschaft für ihn, den er im Verhalten seiner jetzigen
Freundin sah. Wir forderten ihn auf, jede seiner negativen
Feststellungen über sich selbst infrage zu stellen. »Wie kön-
nen Misserfolge bei einer Frau (oder auch bei zehn Frauen)
sich dazu aufaddieren, dass man zum Versager als Mann
wird? Solche Misserfolge bedeuten doch lediglich, dass sich
ein Verhältnis nicht so entwickelt hat, wie man es gehofft
hatte! Über dich als Mann im Allgemeinen sagen sie doch
überhaupt nichts aus! Und woher weißt du denn, dass nicht
etwas in ihr es ihr unmöglich macht, den Grad von Anhäng-
lichkeit zu entwickeln, den du dir wünschst!?«
23
Wenn wir erkennen, wo sich der Kontrollpunkt befindet –
in unseren Köpfen und nicht in den äußeren Ereignissen –, dann
sind wir in der Lage, damit zu beginnen, etwas zu unterneh-
men, um die Art und Weise, in der wir Ereignisse wahrneh-
men, zu verändern – das ist der springende Punkt! Falls Sie
sich selbst unglücklich machen, wenn Ihr Mann (oder Ihre
Frau) Sie anschreit, wenn Ihre angeheirateten Verwandten
Sie besuchen oder wenn der Hund Ihres Nachbarn bellt,
dann müssen Sie als Erstes genau herausfinden, wie Sie es
anstellen, dieses Unglücklichsein entstehen zu lassen. Und
dann können Sie sich entschließen, etwas dagegen zu tun.
24
fen sich damit unmittelbar Möglichkeiten, unangenehme
Situationen unter Kontrolle zu bekommen. Derjenige, der
sagt, »Ich rege mich selbst darüber auf, dass meine Frau zu
spät nach Hause gekommen ist«, anstatt des üblichen
»Meine Frau regt mich damit auf, dass sie zu spät nach
Hause kommt«, kann sich auf diese Weise fragen, wie er
dazu kam, sich aufzuregen. Dadurch kommt er in die Lage
zu lernen, wie er es in Zukunft unterlassen kann, sich auf-
zuregen.
Die grundlegende Lehre einer Schulrichtung der Psycho-
therapie – der rational-emotiven, also der geistig-gefühls-
mäßigen Therapie – ist die uralte Beobachtung, dass wir
nicht von den Dingen – den äußeren Ereignissen – beein-
trächtigt werden, sondern davon, dass wir sie beurteilen –
von unseren eigenen Wahrnehmungen. Viel in unserem
Denken leitet sich von dieser Schulrichtung her, und wir tre-
ten überzeugt für ihre grundlegenden Lehren ein. Wenn Sie
diese Philosophie akzeptieren – es ist unser Ziel, Sie zu
überzeugen, dass sie wahr und treffend ist – und wenn Sie
Ihre Reaktionen und Ihre Handlungen ändern wollen, dann
finden Sie hier, was Sie tun müssen:
25
2. Wann auch immer Sie sich dabei ertappen, dass Sie den äuße-
ren Ereignissen das zuschreiben, was nur in Ihren Gefühlen
ist, führen Sie Buch darüber, schreiben Sie es so schnell wie
möglich in ein Notizbuch.
Das wird zu einem wichtigen Faktor für Ihre Veränderung
und in Ihrer Entwicklung werden.
* Um auch für den deutschen Leser die notwendige Nähe zu den dar-
gestellten Problemen herstellen zu können, wurden die amerikanischen
Vornamen nicht aus dem Originaltext übernommen. So wurde zum Bei-
spiel »Tom« zu »Thomas« und »Sally« zu »Sabine« (s. o.). Aus demsel-
ben Grund wurden an einigen Stellen die einem deutschen Leser nicht
so naheliegenden Eigennamen und Tätigkeiten – speziell Spiele – verän-
dert. »New York« wurde zu »Hamburg«, »golf« zu »Minigolf«, »bridge«
zu »Skat« usw. (d. Übers.)
26
Freitag 18 : 00 Uhr Sagte, ich wäre deprimiert, weil
die Party abgesagt wurde.
Sonntag 16 : 45 Uhr Sagte, ich hätte schlechte Laune,
weil mein Verein verloren hat.
3. Setzen Sie sich einen Termin, wann Sie Ihr falsches Denken
korrigieren wollen!
Auf diese Weise könnten Sie am Mittwoch in der Mittags-
pause die drei ersten Eintragungen vom Dienstag durch-
denken.
27
ich rege mich auf über sie, wenn sie kritisch ist. Ja, es
stimmt – aber warum will ich denn ihre Zustimmung?
Sie ist eine altmodische Frau mit Ansichten, die nun
eben mal nicht mit meinen übereinstimmen. Also,
wenn ich sie so gesehen so nehme, wie sie ist, dann
glaub ich nicht, dass sie mir noch mal auf die Nerven
geht.«
Beachten Sie, was wir hier tun: Wir empfehlen einen aktiven
Prozess, den aktiven Gebrauch angewandter Psychologie.
Wir reden nicht theoretisch und abstrakt. Überall in diesem
Buch werden Sie aufgefordert werden, ganz bestimmte
Dinge zu tun. Es wird Ihnen gezeigt werden, wie Sie
bestimmte Reaktionen und Verhaltensweisen ausfindig
machen können, die Sie ändern wollen, wie Sie Ihre fal-
schen, selbstschädigenden Gedanken, Gefühle und Hand-
lungen kontrollieren und wie Sie neue und verändernde
Handlungen und Reaktionen in Ihr Verhaltensrepertoire
aufnehmen können. Viele Menschen vergeuden Unmengen
an Zeit mit dem Bemühen, sich zu ändern, indem sie die tie-
feren Bereiche ihrer Seele erforschen, sich in ihre Kindheit
vertiefen, ihre Träume analysieren, dicke Wälzer lesen und
philosophische Reflexionen über die Bedeutung des Lebens
anstellen.
Das Leben ist zu kurz, und solche Mühen sind zu lang!
28
oder reagieren mit Interesse auf neue Einsichten. Unglück-
licherweise ändern sich jedoch viele, die Selbsthilfebücher
lesen oder sich sogar einer ausgedehnten Therapie unter-
ziehen, trotz Zustimmung und Wissen keinesfalls.
Schnelle, lang anhaltende Fortschritte im Bereich der psy-
chischen Funktionen erfordern letztlich Eingriffe auf zwei
Gebieten: (1) müssen wir falsches Denken korrigieren und
(2) müssen wir unsere nachteiligen Verhaltensweisen über-
winden. Wir sind überzeugt davon, dass Sie diese Ziele
erreichen können, wenn Sie die grundlegenden Prinzipien
anwenden, die wir hier aufzeigen.
Warum wird – auch nach jahrelanger Therapie – so weni-
gen Menschen geholfen, warum schaffen sie es nicht, sich
zu ändern? Wir glauben, das Versagen hat folgende Gründe:
29
b) Die Möglichkeit akzeptieren, dass man etwas verändern
kann.
Es gibt eine Menge Leute, die sagen, sie haben Pro-
bleme, aber die meinen, dass sie nun mal so sind und
dass man da nichts machen kann.
*
Ein Diagramm entsteht z. B., wenn jemand täglich oder mehrmals täg-
lich auf einer Skala (etwa mit den Abstufungen: sehr gut – gut – mittel –
schlecht – sehr schlecht) einträgt, wie er sich fühlt. An einem Diagramm
kann man also Schwankungen und dauerhafte Veränderungen mit
einem Blick erkennen; Anmerk. d. Verl.
30
einer positiven Richtung. Tatsache ist, dass psychische
Entwicklung und emotionale Umerziehung aktive Teil-
nahme vonseiten des Lernenden verlangen.
Wenn Sie dieses Buch nur lesen, werden Sie wenig davon
haben. Sogar wenn Sie es immer und immer wieder lesen,
kann nicht viel an Veränderung dabei herauskommen. Wür-
den Sie ein Buch über Muskelbildung lesen und erwarten,
einen guten Körperbau zu entwickeln, ohne auch tatsächlich
die Übungen zu machen? Natürlich nicht! Die »psychischen
Übungen«, die auf den folgenden Seiten dargestellt sind,
verlangen ganz bestimmte Aktivitäten. Diese werden sich
aus besonnenem, planmäßigem Durchdenken falscher An-
sichten und Überzeugungen und der anschließenden syste-
matischen Entwicklung anderer Verhaltensweisen zusam-
mensetzen. Vergessen Sie nicht: Wohlmeinende Menschen
haben uns irregeführt, eine Menge von Falschheiten dar-
über zu glauben, wie man ein befriedigendes und sinnvolles
Leben führt. Jetzt ist die Zeit reif, sich zu ändern! Und das
bedeutet: Handeln! Sie können, wenn Sie wollen!
Wir können gar nicht genügend betonen, wie wichtig es
ist, genaue Aufzeichnungen über das jeweilig gegenwärtige
Verhalten zu machen, welches es zu überprüfen gilt. Viel-
leicht meinen Sie, es sei doch zu mechanisch und simpel,
sich bestimmte Verhaltensweisen kurz zu notieren und ver-
schiedene Gedanken und Reaktionen im Auge zu behalten.
Tun Sie das nicht! Diejenigen, die die beeindruckendsten
psychischen Fortschritte machen, stellen sich gewöhnlich
als diejenigen heraus, die sich die Mühe machen, ihr Verhal-
ten tabellarisch zu erfassen und ihre täglichen Mittelwerte
zu errechnen.
Deshalb schlagen wir vor – eigentlich würden wir am liebsten
darauf bestehen –, schaffen Sie sich, bevor Sie weiterlesen, ein
31
Notizbuch im Taschenformat an, in dem Sie die verschiedenen
Reaktionen und Handlungen notieren und aufrechnen, auf die
Ihre Aufmerksamkeit gerichtet sein wird.
Fast möchten wir so weit gehen zu sagen: Kein Notiz-
buch – keine Änderung!
32