Kapitel 5
Syntax
5.1 Definition
Definition 245 SyntaxM . Theorie der internen Struktur der Sätze; Satz-
lehre.
Beachte die Analogie dieser Definition zu unserer Definition der Morphologie
(Definition 9 auf Seite 4). Damit tragen wir der Tatsache Rechnung, dass, was
in einer Sprache ein syntaktisches Phänomen ist, in einer anderen ein morpho-
logisches sein kann. (Es kann ja auch, wie wir gesehen haben, in einer Sprache
ein Wort sein, was in einer anderen Sprache ein Satz ist.)
Definition 246 SyntaxO . Menge der Regeln einer Sprache zur Bildung von
Sätzen.
5.2 Exkurs I: “Syntax” im weiteren Sinn
Oft gebraucht man in der Linguistik und in anderen Disziplinen das Wort Syn-
tax etwas abstrakter, nämlich in der Bedeutung “Kombinatorik wohlgeformter
Gestalten”.
Definition 247 Syntax (im weiteren Sinn). Kombinatorik wohlgeformter
Gestalten.
Beispiele 45 Syntax im weiteren Sinn. Gegeben eine Menge G von Gestal-
ten einer Sprache S, legt eine Syntax fest, welche Kombinationen von Gestalten
in S wohlgeformt sind, und zwar ungeachtet des Inhalts der Gestalten (falls sie
einen haben). Beispiele für G und S:
a) G = {if, (, ), /, REGEX, {, }, print, ; }
S = ein Fragment der Programmiersprache Perl.
Ein wohlgeformter “Satz” (Befehl) in Perl: if (/REGEX/){print; }
Ein nichtwohlgeformter Befehl in Perl: if {/REGEX/}(print; )
b) G = P [losiv], L[iquid], V [okal]
S = ein Fragment der deutschen Silben. Einige wohlgeformte deutsche
69
70 KAPITEL 5. SYNTAX
Silben: PLV, PV, VLP. Einige nichtwohlgeformte deutsche Silben: LPV,
LPL, VPL.
c) G = colourless, green, ideas, sleep, f uriously, ...
S = englische Satzgestalten. Ein wohlgeformter Satz in S: colourless green
ideas sleep furiously. Ein nichtwohlgeformter Satz in S: green sleep ideas
coulourless furiously
Wenn man auch Semantik in einem ähnlich abstrakten Sinn gebraucht wie
wir gerade Syntax gebraucht haben, dann können wir sagen, dass jede Theorie
einer Sprache S genau aus drei Komponenten besteht: einem Lexikon (einer
Aufzählung aller atomaren Terme von S), einer Syntax (einer Menge von Regeln
darüber, welche Kombinationen von Termen möglich sind) und einer Semantik
(einer Menge von Regeln zur Interpretation der Bedeutung der Ausdrücke von
S).
Ziel jeder syntaktischen Theorie einer Sprache S ist die vollständige und
korrekte Aufzählung aller Ausdrücke, die in S wohlgeformt sind. Da es in den
meisten Sprachen (natürlichen und künstlichen) unendlich viele wohlgeformte
Ausdrücke gibt, kann man sie nur rekursiv aufzählen.
5.3 Exkurs II: Rekursive Aufzählung der wohlge-
formten Ausdrücke einer Sprache
Beispiele 46 rekursive/induktive Definition einer Sprache.
Die hiermit definierte Sprache LA:
a) Aufzählung der atomaren Terme: A, B, C, ..., Z sind Terme von LA.
b) Rekursionsschritt: Wenn φ ein Term von LA ist, dann ist auch (∗φ) ein
Term von LA. Wenn φ und ψ Terme von LA sind, dann sind auch (φ$ψ),
(φ/ψ) und (φ%ψ) Terme von LA.
c) Abschlussklausel : Sonst ist nichts ein Term von LA.
Beispiele für wohlgeformte Sätze in LA: (∗((A$B)%(Z/Y ))), ((∗(U %H)))%X.
Beispiele für nichtwohlgeformte Sätze in LA: ∗(U F/R), ∗$I.
Mit den Klauseln a) bis c) haben wir eine vollständige syntaktische Theorie
von LA. Das ist deswegen keine Kunst, weil bei LA SyntaxM und SyntaxO
zusammenfallen: Wir legen bei der Definition von LA fest, was wohlgeformt
sein soll. Wenn wir dagegen eine SyntaxM des Deutschen hinschreiben möchten,
finden wir gewisse wohlgeformteO Ausdrücke, das heißt, eine SyntaxO vor und
müssen unsere SyntaxM so einrichten, dass sie genau (d.h. alle und nur) die
Ausdrücke erzeugt bzw. als wohlgeformt auszeichnet, die tatsächlich (in der
SyntaxO ) wohlgeformt sind.
5.4 Konstituenz
Definition 248 Konstituenz.
5.5. VERFAHREN ZUR ERMITTLUNG VON KONSTITUENTEN 71
(aus [65]:) Seien A und B Ausdrücke, so dass A in B vorkommt: A heißt
Konstituente von B gdw. A sich in B wie eine Einheit verhält. A heißt un-
mittelbare Konstituente von B, wenn A Konstituente von B ist und es kein C
(C 6= B) gibt, so dass A Konstituente von C und C Konstituente von B ist,
sonst mittelbare Konstituente.
Definition 249 Konstituentenanalyse. Zerlegung eines Syntagmas in sei-
ne unmittelbaren Konstituenten, deren unmittelbaren Konstituenten usw.
Die Frage ist nur: Was heißt “sich wie eine Einheit verhalten”? Wird im
nächsten Abschnitt annäherungsweise geklärt.
5.5 Verfahren zur Ermittlung von Konstituenten
Für die folgenden Erörterungen nehmen wir als Beispiel diesen Satz: Ein Haus
steht an der Ecke.
5.5.1 Substitution
Definition 250 Ersetzungsprobe. Substitutionstest. Wenn A in B
durch A0 (6= A) ersetzt werden kann, so dass die Wohlgeformtheit von B erhal-
ten bleibt und sich die Bedeutung von B entweder nicht oder auf systematische
Weise ändert, dann ist ein A ein guter Kandidat für eine Konstituente von B.
Beispiele 47 Ersetzungsprobe. Substitutionstest.
a) steht an der Ecke
steht
an
der
sitzt bei die
denkt an der Ecke hinter der Ecke einer Ecke
singt vor eine
isst wegen diese
Wir erhalten folgenden Konstituentenstruktur: [[steht] [[an] [[der] [Ecke]]]].
b) X steht an der Ecke
ein Haus
das Haus
das Hotel Post steht an der Ecke
Karl
jemand
Die Frage, aus welchen Konstituenten ein Haus besteht, ist trivial. Wir erhal-
ten also folgende Konstituentenstruktur: [[[ein][Haus]][[steht][[an][[der][Ecke]]]]]
Aber: Es lassen sich auch folgende Syntagmen, die wir intuitiv nicht für Satzkon-
stituenten halten würden, durcheinander ersetzen, ohne dass das resultierende
Syntagma nichtwohlgeformt wäre:
72 KAPITEL 5. SYNTAX
c) Y der Ecke
Ein Haus steht an
Es brennt hinter
wegen der Ecke
im Schatten
trotz
Unterschied zu a) und b)? Bei c) bleibt zwar die Wohlgeformtheit erhalten,
aber die Bedeutung verändert sich nicht auf systematische Weise: Alle Sätze
in b) sagen, dass irgendeine Entität an der Ecke steht. Für c) kann man keine
Paraphrase dieser Art formulieren.
Definition 251 Weglassprobe. Wenn A in B durch nichts ersetzt werden
kann, so dass die Wohlgeformtheit von B erhalten bleibt und sich die Bedeutung
von B auf systematische Weise ändert, dann ist ein A ein Kandidat für eine
unmittelbare fakultative Konstituente von B.
Definition 252 fakultativ vs. obligatorisch. Sei A eine Konstituente
von B. A heißt fakultative Konstituente von B, wenn es weggelassen werden
kann, ohne dass B ungrammatisch wird, sonst obligatorisch. Anmerkung: Mei-
stens nennt man nur Satzkonstituenten fakultativ oder obligatorisch. S0 (fakultativ)
= Fakultativität. S0 (obligatorisch) = Obligatorizität.
Beispiele 48 Fakultativität vs. Obligatorizität.
a) sehr schönes Mädchen
b) schönes Mädchen
c) *sehr Mädchen
d) Fritz hat ihn zweimal gesehen
e) Fritz hat ihn gesehen
f) *Fritz hat zweimal gesehen
5.5.2 Pronominalisierung und Konstituenteninterrogativie-
rung
Definition 253 Pronominalisierungstest. Wenn A in B durch ein Pro-
nomen ersetzt werden kann, so dass die Wohlgeformtheit von B erhalten bleibt,
dann ist ein A ein guter Kandidat für eine Konstituente von B.
Anmerkung 33 Pronominalisierungstest. Zusammen mit dem Prono-
minalisierungstest sollte man auch einen Test erwähnen, für den es keinen rich-
tigen Namen gibt: Die Ersetzung einer Phrase durch ein Adverb mit lokaler,
temporaler oder modaler Bedeutung. Wenn dieser Test funktioniert, liegt (im
Deutschen) wahrscheinlich eine Präpositionalphrase vor.
5.5. VERFAHREN ZUR ERMITTLUNG VON KONSTITUENTEN 73
Beispiele 49 Pronominalisierungstest.
a) Ein ganz neues Haus steht an der Ecke. — Es steht da.
b) Mein mit allen Wassern gewaschener Nachbar, der schon an verschiedenen
Börsen der Welt sein Glück versucht hat, aber immer wieder gescheitert
ist, geht nächstes Jahr nach England. — Er geht dann dahin.
c) auf dem Klavier, der Mandoline und der Mundharmonika “Alle-meine-
Entchen” spielen können — es können
Auch Teilsätze können durch Pronomina ersetzt werden:
d) Ich glaube nicht, dass er nächstes Jahr nach England geht. — Ich glaube
es nicht.
Der Unterschied zwischen dem Pronominalisierungstest und dem Fragetest
ist lediglich, dass bei letzterem der Konstituentenkandidat nicht durch ein Per-
sonalpronomen, sondern durch ein Interrogativpronomen ersetzt und außerdem
unter Umständen die Satzstellung verändert wird.
Definition 254 Frageprobe. Fragetest. Konstituenteninterrogativie-
rung. Wenn A in B vorkommt und nach A gefragt werden kann, ist A ein
guter Kandidat für eine Konstituente von B.
Beispiele 50 Frageprobe.
a) Fritz wohnt in München. — Wer wohnt wo?
b) Fritz schickte Max ein Wörterbuch nach München, um ihm eine Freude
zu machen. — Wer schickte wem was warum wohin?
c) Fritz schlug Max. — Was tat Fritz mit Max?
d) ein schönes Mädchen — Was für ein Mädchen?
5.5.3 Permutation
Definition 255 Permutationstest. Verschiebeprobe. Wenn A in B vor-
kommt und A an eine andere Stelle in B geschoben werden kann, so dass B
wohlgeformt bleibt und sich seine Bedeutung nicht oder auf systematische Wei-
se ändert, dann ist A ein guter Kandidat für eine Konstituente von B.
Dieser Test funktioniert natürlich nur gut in Sprachen mit relativ freier Wort-
stellung wie dem Deutschen, Finnischen oder Lateinischen.
Beispiele 51 Permutationstest.
a) Max sieht den Mann zum ersten Mal. — Den Mann sieht Max zum ersten
Mal.
b) Zum ersten Mal sieht Max den Mann. — Sieht Max den Mann zum ersten
Mal?
74 KAPITEL 5. SYNTAX
Für das Deutsche gibt es noch eine besondere Variante des Permutationstest,
den Vorfeldtest:
Definition 256 Vorfeld (eines Satzes). Der Bereich vor dem finiten Verb.
Definition 257 Vorfeldtest. Wenn A in B vorkommt und in das Vorfeld
von B geschoben werden kann, ist A (ein guter Kandidat für) eine Konstituente
von B. Beispiele: vgl. Beispiele 51. Gegenbeispiele (zeigen, dass dieser Begriff
problematisch ist): Anzug hat er nur den einen, Teil hat er schon an vielen
Demos genommen.
5.6 Aufgaben
Aufgabe 30 Beweise, dass folgende Ausdrücke in LA wohlgeformt sind:
a) (∗(∗((A$B)$(C/G))))
b) ((∗A)$Z)%((∗(∗(∗(Q/V )))))
c) ((((((A/B)/C)/D)/E)/F )$(∗Z))
Aufgabe 31 Erzeuge 3 syntaktisch verschiedene wohlgeformte LA-Sätze, in
denen mindestens 4 atomare Terme vorkommen. (Mit Rechtfertigung.)
Aufgabe 32 Zerlege folgenden Satz in Konstituenten und Konstituenten von
Konstituenten. Rechtfertige jeden Schritt durch mindestens einen Test. Ihr Auf-
satz über Semantik und Pragmatik von konzessiven Konjunktionen hat mir gut
gefallen.
5.7 Syntaktische Kategorien und Phrasenstruk-
turgrammatiken
Definition 258 syntaktische Kategorie. Klasse von Syntagmen (Phra-
sen) mit gleichen morphosyntaktischen und syntaktischen Eigenschaften.
Definition 259 Kopf einer Phrase P . Dasjenige Element von P , das —
aufgrund seiner Wortart — die morphosyntaktischen und syntaktischen Eigen-
schaften von P (hauptsächlich) bestimmt.
Definition 260 Projektion. Wenn K Kopf der Phrase P ist, dann heißt P
Projektion von K.
Beispiele 52 syntaktische Kategorie.
a) Nominalphrasen
1. Hans, der überaus fleißigen Studenten, ein Kind, ein kleines Kind,
der Autor von “The Meaning of Meaning”
5.7. SYNTAKTISCHE KATEGORIEN UND PHRASENSTRUKTURGRAMMATIKEN75
2. aus: Die Meisengeige, hrsg. v. G.B. Fuchs (1964):
ein glatter zarter ganz unbehaarter und runder weißer halb kalt halb
heißer herabgebeugter ein wenig feuchter und stramm gebückter her-
ausgedrückter unten gewölbter nach oben gekölbter birnengeformter
und ungenormter zärtlich zu fassender kaum loszulassender doppelt
geschweifter sanft ausgereifter geschwind kuranter und eleganter bib-
bernd lebendiger ungemein wendiger matt aufglänzender in sich er-
gänzender ein ganz normaler entzückend banaler Neandertaler
b) Verbalphrasen
1. schläft
2. kennt Fritz
3. kennt den Autor von “The Meaning of Meaning”
4. kennt den überaus berühmten Autor von “The Meaning of Meaning”
c) Präpositionalphrasen
1. auf der grünen Wiese
2. wegen des schlechten Wetters
3. für Hans
Definition 261 Phrasenstrukturgrammatik. Eine Phrasenstrukturgram-
matik (PSG) ist ein Quadrupel < L, K, S, R > bestehend aus L, einer endlichen
Menge von terminalen Symbolen (dem “Lexikon”), K einer Menge von nichtter-
minalen Symbolen (den syntaktischen Kategorien), dem ausgezeichneten Start-
symbol S und R, einer Menge von Erzeugungsregeln der Form X → Y1 . . . Yn ,
wobei der Pfeil bedeutet “darf ersetzt werden durch”.
Anmerkung 34 Phrasenstrukturgrammatik. Anmerkung: Das Start-
symbol muss nicht die syntaktische Kategorie “Satz” repräsentieren. Man kann
Phrasenstrukturgrammatiken für beliebige Phrasentypen schreiben.
Definition 262 terminales vs. nichtterminales Symbol. Ein Sym-
bol einer PSG heißt terminal gdw. es in Ersetzungsregeln nur rechts vom Pfeil
vorkommt, sonst nichtterminal.
Definition 263 generative Grammatik1 . Algorithmus zur Erzeugung sprach-
licher Ausdrücke.
Definition 264 generative Grammatik2 . (Generative Transformations-
grammatik): linguistisches Paradigma3 (vgl. Definition 265); Begründer: Choms-
ky, vgl. Anmerkung 7 auf Seite 9.
Definition 265 Paradigma3 . Wissenschaftliche Strömung; Menge von über-
zeugungen, Annahmen, Prinzipien, Methoden usw., die eine Gruppe von Wis-
senschaftlern teilt.
Definition 266 Algorithmus. Rechenverfahren, mit dem ein bestimmtes
Problem oder eine Klasse von Problemen in endlicher Zeit automatisch gelöst
werden kann.
76 KAPITEL 5. SYNTAX
Man unterscheidet kontextfreie und kontextsensitive Phrasenstrukturgram-
matiken. Wir werden hier nur kontextfreie betrachten.
Definition 267 kontextfreie vs. kontextsensitive Ersetzungsregel.
([22, 372]): Eine Ersetzungsregel E = xφy → xψy heißt kontextfrei gdw. x
und y leere Ketten sind, sonst kontextsensitiv.
Definition 268 kontextfreie vs. kontextsensitive Grammatik. Ei-
ne Grammatik heißt kontextfrei, wenn alle ihre Ersetzungsregeln kontextfrei
sind, sonst kontextsensitiv.
5.8 Eine kleine Phrasenstrukturgrammatik (PSG)
L: Lexikon (Liste lexikalischer Kategorien)
(L1) V → {sleeps, dies, greets, beats, seeks, finds}
(L2) N → {cat, linguist, idea, unicorn}
(L3) Det → {the, a, every, no, any}
(L4) A → {nice, intelligent, awful, good}
(L5) SAdv → {quickly, furiously, well}
(L6) AdvAdv → {really}
(L7) P → {with}
K: Liste syntaktischer Kategorien (mit Startsymbol S)
S (Satz)
VP (Verbalphrase)
NP (Nominalphrase)
PP (Präpositionalphrase)
R: Regeln
(R1) S → NP VP
(R2) VP → V NP
(R3) VP → V NP SAdv
(R4) VP → V NP AdvAdv SAdv
(R5) NP → Det N
(R6) NP → Det A N
(R7) NP → Det A N PP
(R8) PP → P NP
Erzeugen wir nun einen Satz mit Hilfe von PSG:
Zeile Erzeugungsschritt Regel
1 S
2 NP VP R1
3 Det A N VP R6
4 every A N VP L3
5 every nice N VP L4
6 every nice unicorn VP L2
7 every nice unicorn V NP AdvAdv SAdv R4
5.9. AUFGABEN 77
8 every nice unicorn greets NP AdvAdv SAdv L1
9 every nice unicorn greets NP really SAdv L6
10 every nice unicorn greets NP really furiously L5
11 every nice unicorn greets Det A N PP really furiously R7
12 every nice unicorn greets Det A N P NP really furiously R8
13 every nice unicorn greets the A N P NP really furiously L3
14 every nice unicorn greets the intelligent N P NP really fu- L4
riously
15 every nice unicorn greets the intelligent linguist P NP really L2
furiously
16 every nice unicorn greets the intelligent linguist with NP L7
really furiously
17 every nice unicorn greets the intelligent linguist with Det R5
N really furiously
18 every nice unicorn greets the intelligent linguist with the N L3
really furiously
19 every nice unicorn greets the intelligent linguist with the L2
cat really furiously
Erzeugen wir nun zur Übung den gleichen Satz “von unten nach oben” und
in einer Schreibweise, die die Struktur unseres Satzes sichtbar macht:
Zeile Erzeugungsschritt Rechtfertigung
1 [Det every], [A nice], [N unicorn] L3, L4, L2
2 [NP [Det every] [A nice] [N unicorn]] 1, R6
3 [Det the], [A intelligent], [N linguist] L3, L4, L2
4 [P with], [Det the], [N cat] L7, L3, L2
5 [NP [Det the] [N cat]] 4, R5
6 [PP [P with] [NP [Det the] [N cat]]] 4, 5, R8
7 [NP [Det the] [A intelligent] [N linguist] [PP [P with] 3, 6, R7
[NP [Det the] [N cat]]]]
8 [V greets] L1
9 [AdvAdv really], [SAdv furiously] L6, L5
10 [VP [V greets] [NP [Det the] [A intelligent] [N lin- 8, 7, 9, R4
guist] [PP [P with] [NP [Det the] [N cat]]]] [AdvAdv
really] [SAdv furiously]]
11 [S [NP [Det every] [A nice] [N unicorn]] [VP [V greets] 2, 10, R1
[NP [Det the] [A intelligent] [N linguist] [PP [P with]
[NP [Det the] [N cat]]]] [AdvAdv really] [SAdv fu-
riously]]]
5.9 Aufgaben
Aufgabe 33 Erzeuge folgende Sätze mit PSG
a) Any intelligent cat dies really well.
b) The awful linguist seeks a nice idea.
c) A nice unicorn finds any good idea really quickly.
78 KAPITEL 5. SYNTAX
d) No intelligent unicorn beats any cat with a linguist.
Aufgabe 34 PSG ist noch eine ziemlich schlechte Grammatik: Erstens erzeugt
sie vieles nicht, was man erzeugen möchte, zweitens ist sie wenig elegant und
drittens — das ist das Schlimmste — erzeugt sie ungrammatische Sätze. Finde
einen ungrammatischen Satz, der mit PSG erzeugbar ist und leite ihn her. Wie
könnte man das Problem lösen? (Tipp: Nehme den Begriff der Grammatizität
nicht allzu eng.)
5.10 Revidierte Phrasenstrukturgrammatik (PSG’)
Lexikon
(L1) N0 → {cat, linguist, idea, unicorn}
(L2) N2 → {Jack, Mary, Bill}
(L3) Det → {the, a, every, no, any}
(L4) V1 → {sleeps, dies}
(L5) V2 → {greets, beats, seeks, finds}
(L6) A → {nice, intelligent, awful, good}
(L7) SAdv → {quickly, furiously, well}
(L8) AdvAdv → {really}
(L9) P → {with}
Regeln
(R1) S → NP VP
(R2) VP → V1
(R3) VP → V2 NP
(R4) VP → VP AdvP
(R5) NP → N2
(R6) NP → Det N0
(R7) NP → Det N1
(R8) N1 → AP N0
(R9) NP → NP PP
(R10) AdvP → SAdv
(R11) AdvP → AdvAdv AdvP
(R12) AP → A
(R13) AP → A AP
(R14) PP → P NP
Erzeugen wir nun mit PSG’ unseren Beispielsatz Every nice unicorn greets
the intelligent linguist with the cat really furiously.
Zeile Erzeugungsschritt Regel
1 S
2 NP VP R1
3 NP VP AdvP R4
4 Det N1 VP AdvP R7
5 Det AP N0 VP AdvP R8
6 Det A N0 VP AdvP R12
7 Det A N0 V2 NP AdvP R3
5.11. AUFGABEN 79
8 Det A N0 V2 NP PP AdvP R9
9 Det A N0 V2 Det N1 PP AdvP R7
10 Det A N0 V2 Det AP N0 PP AdvP R8
11 Det A N0 V2 Det A N0 PP AdvP R12
12 Det A N0 V2 Det A N0 P NP AdvP R14
13 Det A N0 V2 Det A N0 P Det N0 AdvP R6
14 Det A N0 V2 Det A N0 P Det N0 AdvAdv AdvP R11
15 Det A N0 V2 Det A N0 P Det N0 AdvAdv SAdv R10
16 every nice unicorn greets the intelligent linguist with the Lexikon
cat really furiously
5.11 Aufgaben
Aufgabe 35 Leite folgende Sätze in PSG’ her:
a) Every nice intelligent unicorn sleeps really well.
b) Jack greets Mary really quickly.
c) Bill finds any awful cat with a nice intelligent unicorn.
d) A good intelligent nice linguist sleeps really really quickly.
Aufgabe 36 Erweitere die Regeln und das Lexikon von PSG’ so, dass folgende
Sätze herleitbar werden:
a) Jack loves Mary and Bill loves Rose.
b) Jack never kisses Mary.
5.12 Syntaktische Funktionen
Während ein Syntagma X aufgrund seiner internen Struktur zu der oder jener
syntaktischen Kategorie zu zählen ist (oder auch nicht), sind es die Relationen
von X zu anderen Syntagmen X 0 des Satzes oder Satzteils S, die Kriterium
dafür sind, welche syntaktische Funktion man X in S zuschreiben kann. Es
hat Sinn, einem Syntagma ohne Kontext — wie etwa des schlauen Bauern —
eine syntaktische Kategorie zuzuschreiben. Es hat keinen Sinn, dem isolierten
Syntagma des schlauen Bauern eine syntaktische Funktion zuzuschreiben.
Definition 269 syntaktische Funktion. grammatische Funktion. gram-
matische Relation. grammatische Rolle. Satzteil. Rolle R der
Konstituente A in B, wobei A R relativ unabhängig von seiner internen Struk-
tur innehaben kann; Beispiele für “relative Unabhängigkeit” von der internen
Struktur: Sowohl Sätze als auch Pronomina als auch Nominalphrasen können
die Rolle des Subjekts in einem Satz innehaben.
80 KAPITEL 5. SYNTAX
5.12.1 Traditionelle syntaktische Funktionen
Es ist unmöglich, Jahrtausende alte Begriffe wie “Subjekt”, “Objekt”, “Prädikat”
usw. so zu definieren, dass alle oder auch nur die Mehrzahl ihrer verstorbenen
und lebenden Benutzer damit einverstanden wäre. Deswegen im Folgenden nur
Beispiele und Heuristiken. Wir werden die Begriffe danach durch Anlehnung an
analoge Begriffe aus der Valenzgrammatik ein bisschen präzisieren.
Definition 270 Funktionsverb. Stützverb. Funktions Semantisch relativ
leeres Verb, das in einem Funktionsverbgefüge o.ä. dazu dient, zusammen mit
nicht allein prädikatfähigen Wörtern, das Prädikat zu bilden.
Anmerkung 35 Funktionsverbgefüge. Nomen mit Stützverb. In
Abbildung wurde ein Beispiel für ein Funktionsverbgefüge und ein Beispiel für
ein “Nomen mit Stützverb” angegeben. Manche Liniguisten würden sagen, No-
mina mit Stützverb sind ebenfalls Funktionsverbgefüge. Nach Langer lassen sie
sich aber u.a. durch folgende Kriterien abgrenzen: Im Gegensatz zu Stützver-
bkonstruktionen lässt sich bei Funktionsverbgefüge das Nomen a) weder durch
ein Attribut modifizieren, b) noch wieder aufnehmen, c) noch erfragen. Außer-
dem d) habe das Nomen eines Funktionsverbgefüges außerhalb der Konstruktion
eine andere oder gar keine Bedeutung.1
a) *Fritz stellt in starke Rechnung, dass ...
b) *Fritz stellt Pauls Alter in Rechnung. Bei dieser Rechnung übersieht er
aber, dass ...
c) *Wo hinein stellt Fritz Pauls Alter?
d) *Fritz nahm die Sache in und plante einen Angriff auf seinen Nachbarn.
vgl. aber:
e) Fritz übt scharfe Kritik an Paul.
f) Fritz übt Kritik an Paul. Bei dieser Kritik übersieht er aber, dass ...
g) ?? Was übt Fritz an Paul?
h) ?? Fritz übt Kritik an Paul und die Frühlingssonate auf der Geige.
1 mündliche Kommunikation mit Stefan Langer
Beispiele 53 Syntaktische Funktion.
synt. Funktion Beispiele Anmerkung morpho- Erfragung
synt. Merk-
male
Prädikat (Satzteil) Maria schläft muss finites Was ge-
Verb enthal- schieht mit
ten; ...?
Schläft Maria? kongruiert Welche Ei-
mit dem genschaft
Subjekt trifft auf ...
zu ?
Fritz schlägt Hans
Fritz ist Linguist Kopula mit Prädikats-
5.12. SYNTAKTISCHE FUNKTIONEN
substantiv
Fritz ist krank Kopula mit Prädikats-
adjektiv
Fritz ist sich der Tatsache bewusst, dass es reg-
net.
Fritz stellt in Rechnung, dass Hans noch sehr Funktionsverbgefüge
jung ist.
Eva übte scharfe Kritik an Pauls Verhalten. Nomen mit Stützverb
Subjekt (Satzteil) Maria schläft kongruiert mit dem Nominativ wer/was
Prädikat
Schläft Maria?
Fritz schlägt Hans.
Fritz ist Linguist.
Fritz ist sich der Tatsache bewusst, dass es
81
regnet.
82
Fritz nimmt für sich in Anspruch, ein guter
Linguist zu sein.
Ein guter Linguist zu sein ist nicht genug. zu-Infinitiv
Dass Fritz ein guter Linguist ist, freut Maria Subjektsatz
sehr.
Objekt (Satzteil) Fritz schlägt Hans. Akkusativobjekt Akkusativ wen/was
Fritz schenkt ihm ein Buch. Dativobjekt Dativ wem
Fritz ist sich der Tatsache bewusst, dass es Genitivobjekt Genitiv wessen
regnet.
Marcus Paulum libertate privat. Ablativobjekt Ablativ wovon weg,
wo, wessen ...
[Marcus beraubt Paulus der Freiheit]
Jan bydl´i v Praze. Lokativobjekt Lokativ wo
Jan wohnt in Prag. Präpositionalobjekt Präposition Präp. + w...
+ casus
obliquus
Ubil ho kladivem. Instrumentalisobjekt Instrumen- womit
tal(is)
[Er hat ihn mit einem Hammer erschlagen.]
Fritz nimmt für sich in Anspruch, ein guter zu-Infinitiv Akkusativ was
Linguist zu sein.
Fritz bezweifelt, dass Hans ein guter Linguist Komplementsatz Akkusativ was
ist.
Adverbiale (Satz- Max verkauft Paul sein Auto in München. Lokaladverbiale wo
teil)
Max verkaufte Paul sein Auto letztes Jahr. Temporaladverbiale wann
Max spielt gut Klavier. Modaladverbiale wie
KAPITEL 5. SYNTAX
5.12. SYNTAKTISCHE FUNKTIONEN
Attribut (Satz- Max, bekanntlich ein Kenner der französi- Apposition (zu Max )
gliedteil) schen Küche, hat uns dieses Restaurant emp-
fohlen.
Herr Schmidt geht spazieren. Apposition zu
Schmidt
die Beschuldigung des Staatsanwalts Genitivus subjectivus
(→ Der Staatsanwalt
beschuldigt jeman-
den.)
die Beschuldigung des Staatsanwalts Genitivus objectivus
(→ Jemand beschul-
digt den Staatsan-
walt.)
Max verkauft Paul ein schönes Klavier. Attribut von Klavier
Prädikatsnomen Pauls ist Linguist. Prädikatssubstantiv
bzw. Prädikativ
(Satzgliedteil)
Paul ist krank. Prädikatsadjektiv
Partikel Paul ist Linguist oder (Paul ist) Informatiker Konjunktion
Das kann man wohl sagen. Abtönungspartikel
83
84 KAPITEL 5. SYNTAX
Definition 271 casus rectus vs. casus obliquus. In der traditionellen
Terminologie heißt der Nominativ auch casus rectus und jeder andere Kasus
casus obliquus.
Definition 272 Kongruenz. Übereinstimmung von Satzgliedern oder Satz-
gliedteilen in morphosyntaktischen Eigenschaften. Englisch: agreement.
Definition 273 Apposition. (Nach [8, 92]:) Konstituente einer Nominal-
phrase, die syntaktisch und (meist auch) referentiell mit dem nominalen Kern
übereinstimmt.
Definition 274 prädikativer vs. attributiver Gebrauch von Adjek-
tiven. Adjektive können Teil des Prädikats sein wie in Fritz ist krank (prä-
dikativer Gebrauch), oder Teil einer Nominalphrase wie in dem kranken Fritz
(attibutiver Gebrauch).
5.12.2 Valenz I: Syntaktische Funktionen in der Tradition
der Valenzgrammatik
Begründer der Valenz- oder Dependenzgrammatik ist Lucien Tesnière. Der Be-
griff der Valenz ist aus der Chemie entlehnt. In der Chemie versteht man dar-
unter die Fähigkeit eines Atoms, Wasserstoffatome zu binden. In der Linguistik
versteht man unter Valenz die Eigenschaft von Lexemen L, ihre Umgebung der-
art vorzustrukturieren, dass Syntagmen mit L nur dann wohlgeformt sind, wenn
gewisse Konstituenten K1, K2, ... in der Umgebung von L vorhanden sind. Die
Konstituenten K1, K2 ... sind hinsichtlich ihres Vorkommens von L abhängig.
Definition 275 unmittelbare Dependenz vs. mittelbare Dependenz.
Seien A, B und C Ausdrücke, so dass A und B Konstituenten von C
sind: A heißt abhängig (dependent) von B in C gdw. das Vorkommen oder die
Form von A an seiner Position in C bestimmt wird durch das Vorkommen oder
die Form von B an seiner Position in C. A heißt unmittelbar abhängig von B in
C gdw. A von B abhängig ist und es kein B 0 (B 0 6= B) gibt, so dass A von B 0
und B 0 von B abhängig ist, sonst mittelbar abhängig.
Definition 276 Regens vs. Dependens. Wenn B dependent von A ist,
dann heißt A auch Regens von B und B heißt Dependens von A.
Definition 277 Valenz (eines Lexems). Argumentstruktur (eines Le-
xems). Subkategorisierungsrahmen (eines Lexems). Zahl, semantische
Kategorie, Realisierungsart (Kasus, Präpositionen usw.) und Realisierungsnot-
wendigkeit (obligatorisch oder fakultativ) der Ergänzungen, die das Lexem for-
dert.
Definition 278 Stelligkeit (eines Lexems). Zahl der Ergänzungen, die
das Lexem fordert.
Anmerkung 36 Argumentstruktur vs. Subkategorisierungsrahmen.
Von Argumentstruktur sprechen meistens Leute, die das Phänomen der Valenz
5.12. SYNTAKTISCHE FUNKTIONEN 85
Abbildung 5.1: Eine valenzgrammatische Satzanalyse
ergeben
©H
© H
Baeche Flüsse
kleine große
sehr
von der semantischen Seite her angehen. Von Subkategorisierungsrahmen spre-
chen eher Leute, die das Phänomen der Valenz von der syntaktischen Seite her
angehen.
Definition 279 Rektion. Vorschrift eines Lexems L an ein anderes Lexem
M , zusammen mit L in einem bestimmten Kasus aufzutreten.
Anmerkung 37 Valenzgrammatik. Grundgedanke der Valenzgramma-
tik ist folgender: Im Satz ist das Prädikat, oder — wie Tesnière sagte — der
nœd verbal, der Verbalknoten (vgl. dazu [34, 45]) Regens. Die anderen Satztei-
le sind entweder Aktanten (actants) oder Zirkumstanten (circonstants. Unter
Aktanten versteht Tesnière grob gesagt obligatorische und unter Zirkumstanten
fakultative Ergänzungen des Prädikats. Diese haben wieder ihre Dependenti-
en, die ihre Dependentien haben usw. Abbildung 5.1 gibt ist ein Beispiel für
valenzgrammatische Satzanalyse (nach [34, 47]):
Im Folgenden halten wir uns nicht an die Valenzgrammatik nach Tesnière,
sondern orientieren uns an Lühr (d.h. [34]). Lühr nennt Dependentia des Verbs
(oder Prädikats) Ergänzungen. Konstituenten, die nicht vom Verb abhängen,
nennt sie Angaben. Unter den Ergänzungen unterscheidet Lühr fakultative und
obligatorische. Im Folgenden werden die traditionellen Satzglieder valenzgram-
matisch definiert:
Definition 280 Ergänzung. (Nach [34]:) Konstituente, die vom Verb gefor-
dert wird
Definition 281 Angabe. (Nach [34]:) Konstituente, die nicht vom Verb ge-
fordert wird
Definition 282 fakultative Ergänzung. (Nach [34]:) Konstituente, die
zwar vom Verb gefordert wird, die aber unter gewissen Umständen auch wegge-
lassen werden kann.
Definition 283 Subjekt. Diejenige Ergänzung, die im Nominativ steht. Syn-
onym (in Lührs Terminologie): Nominativergänzung.
Definition 284 Genitivobjekt. Diejenige Ergänzung, die im Genitiv steht.
Synonym (in Lührs Terminologie): Genitivergänzung.
Definition 285 Dativobjekt. Diejenige Ergänzung, die im Dativ steht. Syn-
onym (in Lührs Terminologie): Dativergänzung.
86 KAPITEL 5. SYNTAX
Definition 286 Akkusativobjekt. Diejenige Ergänzung, die im Akkusativ
steht. Synonym (in Lührs Terminologie): Akkusativergänzung.
5.12. SYNTAKTISCHE FUNKTIONEN
Beispiele 54 Valenz (eines Lexems).
Lexem Beispiele Zahl Realisierungsart Oblig.
d.
Erg.
1 gibt 2 3 Hans gibt Fritz ein Buch. 3 Nom., Dat., Akk. −++
*gibt Fritz ein Buch.
Fritz wird ein Buch gegeben.
?? Hans gibt Fritz.
?? Hans gibt ein Buch.
1 schlägt 2 Hans schlägt Fritz. 2 Nom., Akk. −+
Fritz wird geschlagen.
*Hans schlägt.
1 wohnt in 2. Hans wohnt in München. 2 Nom, in Dat. ++
*Hans wohnt.
?? In München wird gewohnt.
1 verkauft 2 an 3 für Paul verkauft Max sein Auto für 3000 Euro. 4 Nom., Akk., (an) Dat., für −+−
4 Akk. −
Paul verkauft Max sein Auto.
*Paul verkauft Max.
Paul verkauft sein Auto.
Ein Auto wird verkauft.
Kritik von 1 an 2 Pauls Kritik an dem Vortrag, dass er zu ober- 3 Nom., an Dat., dass [Satz] −−−
dass 3 flächlich gewesen sei, stimme ich zu.
Die Kritik an dem Vortrag war überzeugend.
Die Kritik war überzeugend.
87
88 KAPITEL 5. SYNTAX
Definition 287 Präpositionalobjekt. Ergänzung, die mit Präposition ko-
diert wird. Synonym (in Lührs Terminologie): Präpositionalergänzung.
Definition 288 Adverbiale. In Lührs Terminologie: Angabe.
Tests zur Unterscheidung von obligatorischen Ergänzungen, fakulta-
tiven Ergänzungen und Angaben
Ob etwas eine obligatorische Ergänzung ist, ist ganz leicht festzustellen: Wenn
man eine obligatorische Ergänzung weglässt, wird der Satz ungrammatisch.
Beispiele 55 obligatorische Ergänzung.
a) *Hans wohnt [in München].
b) *Hans begegnet [Fritz].
Um Angaben und fakultative Ergänzungen zu unterscheiden, gebraucht man
den Adverbialsatztest, und den Geschehentest ([34, 52]). (Es gibt nach Lühr noch
einen dritten Test, aber der ist unbrauchbar.)
Definition 289 Adverbialsatztest. Überführung der Konstituente in einen
Adverbialsatz. Wenn ein grammatischer Satz erzeugt wird, liegt eine Angabe
vor, sonst eine Ergänzung.
Beispiele 56 Adverbialsatztest.
a) 1. Hans aß sein Brot in der Schule.
2. Hans aß sein Brot, als er in der Schule war.
b) 1. Hans verkaufte Fritz sein Fahrrad in Schwabing.
2. Hans verkaufte Fritz sein Fahrrad, als er in Schwabing war.
c) 1. Hans wartete auf Maria
2. *Hans wartete, als er auf Maria war.
(ungrammatisch in der intendierten Bedeutung)
d) 1. Hans wartete auf seine Freundin
2. *Hans wartete, als er auf seine Freundin war.
1. Hans isst das Brot.
2. ??
1. Hans wohnt in Regensburg.
2. *Hans wohnt, als er in Regensburg ist.
Aber: Der Test funktioniert nicht bei Zeitangaben:
e) 1. Hans verkaufte sein Fahrrad vor drei Tagen
2. *Hans verkaufte sein Fahrrad, als er vor drei Tagen war.
5.12. SYNTAKTISCHE FUNKTIONEN 89
Definition 290 Geschehentest. Überführung der Konstituente in einen
Satz mit dem Verb “geschehen”. Wenn dabei ein grammatischer Satz erzeugt
wird, liegt eine Angabe vor, sonst eine Ergänzung.
Beispiele 57 Geschehentest.
a) 1. Hans aß sein Brot in der Schule.
2. Hans aß sein Brot und das geschah in der Schule.
b) 1. Hans aß vor drei Tagen Calamari.
2. Hans aß Calamari und das geschah vor drei Tagen.
c) 1. Hans wartet auf Maria.
2. *Hans wartet und das geschieht auf Maria.
(ungrammatisch in der intendierten Bedeutung)
d) 1. Hans wartet auf seine Freundin.
2. *Hans wartet und das geschieht auf seine Freundin.
5.12.3 Valenz II: Semantische und Grammatische Rollen
Prädikate, Argumentstellen und Argumente
Statt fakultative Ergänzungen und Angaben zu unterscheiden, hätte Lühr auch
zunächst zwei Ebenen der Valenz von Verben unterscheiden können: eine seman-
tische und eine syntaktische. Denn der Unterscheidung von Ergänzungen bzw.
— semantisch gesprochen — Argumenten und Angaben — semantisch: Opera-
toren — liegt folgende Intuition zugunde: Argumente müssen kodiert werden,
Operatoren nicht. Wenn Argumente auch unter bestimmten Umständen an der
Oberfläche (in der syntaktischen Repräsentation) fehlen können, so müssen sie
doch — im Gegensatz zu den Operatoren — auf der semantischen Ebene vor-
handen sein, damit der fragliche Satz überhaupt interpretiert werden kann.
Beispiele 58 Angaben vs. Ergänzungen.
1[Nom] verkauft 2[Akk] an Syntax von verkaufen: Nur die
3[Akk] für 4[Akk] fettgedruckte Konstituente muss
kodiert werden.
verkaufen(1, 2, 3, 4) Bedeutung von verkaufen mit
den Argumentstellen 1, 2, 3 und
4. Für die Interpretation von Sät-
zen mit verkaufen müssen al-
le Argumentstellen besetzt sein
(notfalls mit “irgendwas” oder
“irgendwer”).
Anmerkung 38 Argument vs. Argumentstelle. prädikatives Lexem
vs. Prädikat.
Der Gebrauch der Wörter Argument und Argumentstelle in der linguisti-
90 KAPITEL 5. SYNTAX
schen Literatur ist ziemlich uneinheitlich. Manchmal wird Argument im Sinne
von “Leerstelle der Bedeutung eines Lexems”, manchmal im Sinne von “Syntag-
ma, das eine Leerstelle der Bedeutung eines bestimmten Lexems besetzt” und
manchmal auch im Sinne von “Syntagma, das Leerstellen von Bedeutungen von
(irgendwelchen) Lexemen besetzen kann”. Wir wollen Argument nur im zweiten
Sinn gebrauchen. Statt “Bedeutung eines Lexems mit (mindestens einer) Leer-
stelle” sagen wir auch Prädikat1 . Wir sagen also z.B.: “Das Verb verkaufen hat
als Bedeutung das Prädikat verkaufen(1, 2, 3, 4).” Dabei referieren wir mit
den Zahlen 1, 2, 3, 4 auf die Argumentstellen von verkaufen. Lexeme, deren
Bedeutungen Leerstellen aufweisen, nennen wir prädikativ.
Definition 291 prädikatives Lexem. Lexem (Nomen, Adjektiv, Adverb,
...), dessen Bedeutung Leerstellen (für andere Bedeutungen) hat.
Definition 292 Prädikat1 . Bedeutung eines prädikativen Lexems.
Definition 293 Argumentstelle. Leerstelle eines Prädikats1 .
Definition 294 Argument. (Bedeutung eines) Syntagma(s), das (die) die
Leerstelle eines Prädikats besetzt.
Definition 295 Operator. Wenn A Argument von B ist, dann heißt B
Operator von A.
Anmerkung 39 prädikatives Lexem. Von prädikativen Verben zu spre-
chen wäre redundant. Verben sind per definitionem prädikativ.
Anmerkung 40 Prädikat1 vs. Prädikat2 . Ein Prädikat im hier definier-
ten Sinn (= Prädikat1 ) ist etwas anderes als ein Prädikat eines Satzes im Sinne
der traditionellen Grammatik (= Prädikat2 ). Prädikate2 sind Relationen: Man
kann nur ein Syntagma, das in einem Satz vorkommt relativ zu anderen Syntag-
men, die im selben Satz vorkommen, als das Prädikat2 des Satzes bezeichnen.
Dagegen kann man Bedeutungen von Lexemen (oder, etwas unpräzise, auch die
Lexeme selbst) ohne jeden Kontext als Prädikate bezeichnen. Zusammenhang
der Bedeutungen: Nur Lexeme, deren Bedeutung ein Prädikat1 ist, können das
Prädikat2 eines Satzes bilden.
Mit den eben definierten Begriffen könnten wir nun Lührs Begriffe wie folgt
definieren:
Definition 296 Ergänzung. X ist im Satz S mit Prädikat2 P Ergänzung
gdw. (die Bedeutung von) X eine Argumentstelle von (der Bedeutung von) P
besetzt.
Definition 297 Angabe. X ist im Satz S mit Prädikat2 P Angabe gdw. (die
Bedeutung von) P eine Argumenstelle (der Bedeutung von) X besetzt.
Beispiel 59 Ergänzung vs. Angabe. Argument vs. Operator. In Hans
wartet auf Fritz repräsentiert das Syntagma Hans die Bedeutung “Hans” (was
immer das sein mag) und die Bedeutung “Hans” besetzt die erste Argumentstelle
5.12. SYNTAKTISCHE FUNKTIONEN 91
des Prädikats warten(1, 2). Deswegen ist Hans im Satz Hans wartet auf Fritz
eine Ergänzung. In Hans wartet im Flur auf Fritz repräsentiert das Syntagma
im Flur die Bedeutung “im Flur” und die Bedeutung “im Flur” ist ein Operator
von warten(1, 2), der Bedeutung von warten. Deswegen ist im Flur in dem
Satz Hans wartet im Flur auf Fritz eine Angabe. (Die semantische Struktur
dieses Satzes könnte man wiefolgt skizzieren: im-Flur(warten(1, 2))).
Semantische Rollen
Definition 298 semantische Rolle. Menge von semantischen (und prag-
matischen) Bedingungen einer Menge von Prädikaten1 für die Besetzung einer
ihrer Argumentstellen.
Wenden wir diese Definition an, um sie besser zu verstehen:
Beispiele 60 semantische Rolle.
Beispiele Prädikat1 Bedingungen für
die Besetzung der
Argumentstelle
Hans verkauft sein Auto. verkaufen(1, 2) +Person
Die Wurzer AG verkaufte sämt- +Verursachung
liche Maschinen
?? Unser Dackel hat seine Leine
verkauft
?? Dieser Baum verkauft Honig
??? Die Ungleichheit von 4 und
5 verkauft Honig.
Herr Meier jagt gern Wild- jagen(1, 2) +Bewegung
schweine im Schwarzwald.
Der Löwe jagt die Antilope. + Vorsatz
Der Löwe jagt die Antilope +Verursachung
nicht, er läuft nur zufällig in die-
selbe Richtung.
? Der Löffel jagte alle Tassen in
den Schrank.
Fritz erkennt Hans wieder. erkennen(1, 2) +Bewusstsein
Fritz erkennt die Struktur wieder
? Die Struktur erkennt Fritz wie-
der
??? Monikas Schönheit erkennt
den Pianisten wieder
Wenn ich einen Satz der Art X verkauft Y äußere, dann impliziere ich, dass
die Entität, auf die ich mit X referieren möchte, zur Klasse der Personen ge-
hört. Wenn ich einen Satz der Art X jagt Y äußere, dann impliziere ich, dass
die Entität, auf die ich mit X referieren möchte, zur Klasse der beweglichen
Entitäten und zur Klasse der Entitäten gehört, die etwas absichtlich oder un-
absichtlich tun können. Wenn ich einen Satz der Art X erkennt Y wieder äuße-
re, dann impliziere ich, dass die Entität, auf die ich mit X referieren möchte,
92 KAPITEL 5. SYNTAX
zur Kategorie der Entitäten mit Bewusstsein (oder Intelligenz, Vernunft, oder
wie man’s nennen möchte) gehört. Die erläuterten semantischen Bedingungen
(+Person, +Bewegung, +Vorsatz, +Bewusstsein) sind typische Definientia der
Agens-Rolle. Ihr Nichtzutreffen für eine Argumentstelle (−Person, −Bewegung,
−Vorsatz, −Bewusstsein) ist ein Indiz dafür, dass die fragliche Argumentstel-
le ihrem “Inhaber” die Patiens-Rolle vorschreibt: Um wiedererkannt werden zu
können, muss man weder Bewusstsein haben, noch in der Lage sein, etwas ab-
sichtlich zu tun, noch ...
Definition 299 Agens. Semantische Rolle mit folgenden typischen Definien-
tia (frei nach [14, 572]):
a) volitionale Involviertheit in die fragliche Situation
b) Bewusstsein/Wahrnehmung
c) Verursachung eines Ereignisses
d) Bewegung (relativ zu den anderen Partizipanten
Definition 300 Patiens. Semantische Rolle mit folgenden typischen Defini-
entia (frei nach [14, 572]):
a) Zustandswechsel
b) kausale Affiziertheit
c) in Ruhe relativ zu anderen Partizipanten
d) kommt durch das fragliche Ereignis in die oder aus der Existenz
Anmerkung 41 Agens. Patiens. Dowty vertritt in [14] die Ansicht, dass
man Grade des Vorliegens einer semantischen Rolle, d.h. z.B. Grade von Agen-
tivität bzw. Patientivität unterscheiden sollte.
Semantische und grammatische Rollen
Nachdem wir semantische Rollen kennengelernt haben, bekommen wir einen
neuen Blick auf die grammatischen Rollen oder syntaktischen Funktionen: Gram-
matische Rollen vertreten sozusagen die semantischen Rollen an der syntakti-
schen Oberfläche. Damit helfen sie uns herauszufinden, wer in einer sprachlich
dargestellten Situation was mit wem tut. Argumente mit der Rolle Agens wer-
den — im Deutschen — typischerweise durch die grammatische Rolle Subjekt
bzw. den Kasus Nominativ markiert. Argumente mit der Rolle Patiens werden
— im Deutschen — typischerweise durch die grammatische Rolle Objekt bzw.
den Kasus Akkusativ (oder einen anderen casus obliquus) markiert.
Allerdings gibt es von dieser groben Regel viele Ausnahmen: Einstellige Ver-
ben haben nur eine semantische Rolle zu vergeben. Oft handelt es sich dabei um
die Patiensrolle (wie bei schlafen, sterben, erschrecken, nießen). Dennoch wer-
den die Argumente dieser Verben meist im Nominativ kodiert. Der Nominativ
ist eben der “normale” Kasus des Deutschen, oder, linguistisch ausgedrückt, der
unmarkierteste Kasus des Deutschen.
5.12. SYNTAKTISCHE FUNKTIONEN 93
Sprachtypologie nach der Rollenmarkierung
Nach dem Kriterium, wie semantische Rollen syntaktisch kodiert werden, lassen
sich drei Haupttypen von Sprachen unterscheiden: Ergativsprachen, Akkusativ-
sprachen und Aktivsprachen. Um diese Sprachtypen knapp definieren zu können,
müssen wir zunächst den Begriff der Transitivität definieren.
Definition 301 Transitivität. Ein Verb heißt transitiv, wenn es mehr als
eine Ergänzung fordert, sonst intransitiv (minimaler Transitivitätsbegriff ).
Anmerkung 42 Transitivität. Viele verstehen unter einem transitiven
Verb eines, das mindestens zwei Ergänzungen hat, wobei eine der Ergänzungen
ein Agens- und eine andere ein Patiensargument kodiert (starker Transitivitäts-
begriff ).
Definition 302 Ergativsprache. Sprache, in der Ergänzungen von in-
transitiven Verben ungeachtet ihrer semantischen Rolle im selben Kasus wie die
Patiensergänzungen von transitiven Verben, nämlich im Absolutiv stehen, und
in der die Agensergänzungen von transitiven Verben in einem eigenen Kasus,
nämlich im Ergativ stehen.
Definition 303 Akkusativsprache. Sprache, in der Ergänzungen von
intransitiven Verben ungeachtet ihrer semantischen Rolle im selben Kasus wie
die Agensergänzungen von transitiven Verben, nämlich im Nominativ stehen,
und in der die Patiensergänzungen von transitiven Verben in einem anderen
Kasus, nämlich im Akkusativ stehen.
Definition 304 Aktivsprache. Sprache, in der es (ungeachtet der Transi-
tivität oder Intransitivität von Verben) je einen eigenen Kasus für Agensergän-
zungen und Patiensergänzungen gibt: Agensergänzungen stehen im Aktiv und
Patiensergänzungen stehen im Inaktiv.
Akkusativsprache Agens kodiert im ... Patiens kodiert im ...
intransitives Verb Nominativ Nominativ
transitives Verb Nominativ Akkusativ
Ergativsprache Agens kodiert im ... Patiens kodiert im ...
intransitives Verb Absolutiv Absolutiv
transitives Verb Ergativ Absolutiv
Aktivsprache Agens kodiert im ... Patiens kodiert im ...
intransitives Verb Aktiv Inaktiv
transitives Verb Aktiv Inaktiv
Beispiele 61 Ergativsprache. Ergativsprachen sind: Baskisch, Georgisch
u.a. kaukasische Sprachen, Tonga, Dyirbal, Maya-Sprachen.
94 KAPITEL 5. SYNTAX
Beispiele 62 Akkusativsprache. Akkusativsprachen sind: alle europäi-
schen Sprachen außer Baskisch.
Beispiele 63 Aktivsprache. Aktivsprachen sind: Dakota (nordam. India-
nersprache), Lhasa-Tibetisch (Tibeto-Burmanisch).
Beispiele 64 Akkusativsprache vs. Ergativsprache. Deutsch vs. Bas-
kisch . (Nach [8, 220].)
a) ich [Nominativ] habe den Mann [Akkusativ] gesehen.
b) ni-k gizona ikusi dut
ich [Ergativ] Mann [Absolutiv] gesehen habe
c) Ein Mann [Nominativ] ist gekommen.
d) gizona etorri da
Mann [Absolutiv] ist gekommen
5.13 Satzstellungsmuster und Stellungsfelder im
Deutschen
Man unterscheidet nach der Stellung des finiten Verbs folgende Arten von Sätzen
im Deutschen:
Definition 305 Stirnsatz. Verberstsatz. Kopfsatz. Satz des-
sen finites Verb an erster Satzgliedposition steht. Beispiele: Entscheidungsfra-
gen (Kommst du mit? ), Ausrufesätze (Ist das ein Wetter ), Aufforderungssätze
(Komm mit! ), irreale Wunschsätze (Hätte ich mir doch ihre Nummer aufge-
schrieben! ) und uneingeleitete Nebensätze (Hätte ich mir ihre Nummer aufge-
schrieben, könnte ich sie jetzt anrufen) sind Stirnsätze.
Definition 306 Kernsatz. Verbzweitsatz. Satz dessen finites Verb an
zweiter Satzgliedposition steht. Beispiele: Deklarativsätze (Fritz hat ihn gese-
hen), Konstituenteninterrogativsätze (Wer hat ihn gesehen? ) und uneingeleite-
te oder mit Konjunktion eingeleitete Nebensätze (Ich glaube, es regnet, oder Es
regnet und die Sonne scheint.) sind Kernsätze.
Definition 307 Spannsatz. Verbletztsatz. Satz dessen finites Verb an
letzter Satzgliedposition steht. Beispiele: Ausrufesätze (Wie schön sie ist! ), ir-
reale Wunschsätze (Wenn ich nur Zeit hätte! ) und durch Subjunktion eingeleitete
Nebensätze (Ich glaube, dass er Zeit hat) sind Spannsätze.
Das finite Verb ist auch aussschlaggebend für die Identifikation der sog. Stel-
lungsfelder:
Definition 308 Vorfeld (eines Satzes). Der Bereich vor dem finiten Verb
bzw. vor der Satzklammer (siehe Definition 310).
5.14. BIBLIOGRAPHIE 95
Definition 309 Mittelfeld (eines Satzes). Der Bereich innerhalb der
Satzklammer (siehe Definition 310).
Definition 310 Satzklammer.
a) finites Verb + trennbares Präfix (z.B. hörte ... auf ) oder
b) finites (Modal- oder Hilfs-) Verb + infinite Form (z.B. musste ... kommen)
oder
c) finites (Stützverb) Verb + nominaler Prädikatsteil (z.B. bekamen ... unter
Kontrolle).
Definition 311 Nachfeld (eines Satzes). Der Bereich nach der Satzklam-
mer (siehe Definition 310).
5.14 Bibliographie
Joachim Jacobs et al. Syntax. Ein internationales Handbuch zeitgenössischer
Forschung. de Gruyter, Berlin 1994/95.
Robert D. VanValin and Randy J. LaPolla. Syntax: Structure, Meaning and
Function. Cambridge, 1997.
Armin von Stechow and Wolfgang [Link] syntaktischen Wissens.
Ein Lehrbuch der generativen Grammatik. Wiesbaden, 1988.
5.15 Aufgaben
Aufgabe 37 Bestimme bei den folgenden Sätzen Wortarten und (traditionelle)
Satzglieder:
a) Wer hätte gedacht, dass Bruckner erst mit 40 zu komponieren begann?
b) Dass du das immer noch weißt, wundert mich wirklich sehr.
c) Ein Kernsatz ist ein Satz, dessen finites Verb an zweiter Satzgliedposition
steht.
d) Bevor er fortfuhr, gedachte er der Opfer des zweiten Weltkriegs.
Aufgabe 38 Finde in folgenden Sätzen mittels der Tests von Lühr heraus, was
Angaben und was obligatorische oder fakultative Ergänzungen sind.
a) Hans kommt aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Regensburg.
b) Paul fährt nächstes Jahr nach Alaska.
c) Hans schrieb ihr damals einen langen Brief.
d) Dieses Mal hattest du mit deiner Anmerkung wirklich recht.
96 KAPITEL 5. SYNTAX