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Chapter 4

Kapitel 4 behandelt die Morphologie, definiert als die Lehre von der internen Struktur von Wörtern und deren Bildung. Es werden grundlegende Begriffe wie Wort, Morphem und verschiedene Wortarten sowie deren Eigenschaften und Kategorien erläutert. Zudem werden Konzepte wie Flexion, Derivation und Komposition behandelt, um die Struktur und Bildung von Wörtern zu verstehen.

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Chapter 4

Kapitel 4 behandelt die Morphologie, definiert als die Lehre von der internen Struktur von Wörtern und deren Bildung. Es werden grundlegende Begriffe wie Wort, Morphem und verschiedene Wortarten sowie deren Eigenschaften und Kategorien erläutert. Zudem werden Konzepte wie Flexion, Derivation und Komposition behandelt, um die Struktur und Bildung von Wörtern zu verstehen.

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Kapitel 4

Morphologie

4.1 Definition
Definition 162 MorphologieM . Theorie der internen Struktur der Wörter.

Anmerkung 23 Morphologie. Etwas genauer könnten wir die Morphologie


auch charakterisieren als die Lehre von den Formen der Wörter und der Wortbil-
dung. Damit wären bereits beide Hauptbereiche der Morphologie erwähnt: die
Flexionsmorphologie (“Formen der Wörter”) und die Wortbildungsmorphologie.

Definition 163 MorphologieO . Menge der Regeln einer Sprache zur Bil-
dung von Wörtern und Wortformen.

4.2 Grundbegriffe der Morphologie


Definition 164 Wort. (Frei nach [22]:) Durch Muttersprachler intuitiv er-
kennbare Basiseinheit des Lexikons.

4.2.1 Wann ist etwas ein Wort?


Kriterien nach Bußmann:
a) phonetisch-phonologische Ebene: Grenzsignale
1. Akzent (bei Sprachen mit festem Akzent)
2. Pause
3. Knacklaut (P)
b) graphemische Ebene: Leerstellen und andere Separatoren
c) morphologische Ebene:
1. Flektierbarkeit (Wenn etwas flektiert werden kann, ist es ein Wort.
Aber nicht alles, was ein Wort ist, kann auch flektiert werden.)
2. Untrennbarkeit
d) syntaktische Ebene: relativ freie Verschiebbarkeit im Satz

47
48
Abbildung 4.1: Wortarten

+ konjugierbar Verb

+ komparierbar Adjektiv

+ flektierbar + artikelfähig Substantiv


− konjugierbar
− komparierbar + satzgliedfähig Pronomen
− artikelfähig
− satzgliedfähig Determinator
Wort

KAPITEL 4. MORPHOLOGIE
+ satzgliedbildend Adverb

− satzbildend + kasusregierend Präposition


− flektierbar − satzgliedbildend
− kasusregierend Konjunktion

+ satzbildend Interjektion
4.2. GRUNDBEGRIFFE DER MORPHOLOGIE 49

4.2.2 Wortarten
Die Frage, welche Arten von Wörtern es gibt, bzw. welche Arten von Wör-
tern man postulieren sollte, ist bis heute nicht gelöst. Verschiedene linguistische
Theorien bieten verschiedene Listen von Wortarten an, die jeweils nach ver-
schiedenen Kriterien definiert sind. Abbildung 4.1 zeigt eine Klassifikation der
Wortarten.

Beispiele 25 Wortarten.

Verben wohnen, bleiben, sein, sterben, fallen, morden,


essen, analysieren
Substantive Haus, Katze, Krankheit, Analyse, Mord, Tod
Adjektive schnell, schön, analysierbar, französisch, schu-
lisch, tödlich
Personalpronomina ich, du, er, sie, es, wir, ihr, sie
substantivisch gebr. De- dieser, diese, dieses, diese
monstrativpronomina
substantivisch gebr. Pos- meiner, deiner, seiner ...
sessivpronomina
Artikel der, die, das, den, des
attributiv gebr. Demon- dieser .., diese .., dieses ..; jener .., jene .., jenes
strativpronomina ..
attributiv gebr. Possessiv- mein .., dein .., etc.
pronomina
Adverbien schnell, schön, französisch, gestern, besonders,
probeweise
Präpositionen in, an, auf, trotz, gegen
Ambipositionen wegen ( vgl. des schlechten Wetters wegen –
wegen des schlechten Wetters)
Postpositionen halber (der Deutlichkeit halber)
Zirkumpositionen um .. herum, um .. willen
Konjunktionen und, oder, weil, trotzdem, aber
Partikeln wohl, ja (unbetontes ja wie in Das weißt du
ja), já (betontes ja wie in Geh mir já nicht auf
die Straße!), doch, halt, eben

Anmerkung 24 Partikel. Partikeln wären nach Abbildung 4.1 eine Un-


terklasse der Adverbien. Es ist sehr schwierig, unumstrittene und eindeutige
Kriterien für die Abgrenzung von Partikeln gegen Adverbien zu finden. Ich schla-
ge folgendes Kriterium vor: Im Gegensatz zu Adverbien modifizieren Partikeln
nicht den propositionalen Gehalt, sondern die Gesamtbedeutung von Sätzen.
Um diese Behauptung zu präzisieren, müssten wir eigentlich jetzt schon in die
Semantik und Pragmatik einsteigen. Wir präzisieren sie nur ganz grob.

Definition 165 Proposition (eines Satzes). propositionaler Gehalt


eines Satzes. Das, was konstant bleibt, wenn man den Modus des Sat-
zes ändert. Beispiel für Änderung des Satzmodus: aus einem Behauptungssatz
einen Frage- oder Aufforderungssatz machen.

Beispiele 26 Proposition. Partikel.


50 KAPITEL 4. MORPHOLOGIE

a) Du fährst schnell nach München.


Behauptungssatz, Verbmodus: Indikativ; Satzmodus: Deklarativ, proposi-
tionaler Gehalt: schnell(fahren(du, nach München))

b) Fährst du schnell nach München?


Fragesatz, Verbmodus: Indikativ; Satzmodus: Interrogativ, propositionaler
Gehalt: schnell(fahren(du, nach München))

c) Fahr schnell nach München!


Befehlssatz, Verbmodus: Imperativ; Satzmodus: Jussiv, propositionaler
Gehalt: schnell(fahren(du, nach München))

d) Du fährst ja nach München.

e) *Fährst du ja nach München?

f) *Fahr ja nach München.

g) *Du fährst já nach München.

h) *Fährst du já nach München.

i) Fahr já nach München.

Wir sehen, dass sich die Gesamtbedeutung von Sätzen nicht in ihrem propo-
sitionalen Gehalt erschöpft. Um Fahr nach München! vollständig zu verstehen,
muss ich nicht nur verstehen, von welcher Proposition die Rede ist, sondern
auch, dass der Sprecher will, dass ich diese Proposition wahr mache.

Aufgabe 22 Anmerkung: In den Beispielen 26 b) und c) ist schnell ambig.


Worin besteht diese Ambiguität?

Anmerkungen 25 Wortart.

a) Manche Leute (z.B. die Autoren der Duden-Grammatik) gebrauchen Par-


tikel als Oberbegriff für alle nichtflektierbaren Wörter außer Interjektio-
nen.

b) Offenbar gibt es systematische Zusammenhänge zwischen Wörtern ver-


schiedener syntaktischer Kategorien: vgl. z.B. Mord – ermorden – mör-
derisch; schnell (Adj.) – schnell (Adv.). Wir kommen später auf diese
Zusammenhänge zurück.

c) Heute gebrauchen viele Leute Nomen (Plural Nomen oder Nomina) syn-
onym mit Substantiv. In der traditionellen — am Lateinischen orientierten
— Grammatik war Nomen ein Oberbegriff für Substantiv und Adjektiv.

d) Die Wortartbegriffe die hier vorgestellt wurden, stammen aus der europäi-
schen Grammatiktradition und sind in Auseinandersetzung mit europäi-
schen Sprachen entwickelt worden. Für (von Europa aus gesehen) exotische
Sprachen sind sie oft nicht adäquat. Vgl. Aufgabe 23 auf Seite 58.
4.2. GRUNDBEGRIFFE DER MORPHOLOGIE 51

4.2.3 Minimale und komplexe morphologische Einheiten


Definition 166 Morphem. Klasse von Morphen mit derselben Bedeutung;
Morpheme werden in geschweiften Klammern notiert: {schiff}, {bar}, {haus}.

Definition 167 Morph. Minimale (= nicht weiter segmentierbare) bedeu-


tungstragende Einheit. Morphe werden in geschweiften Klammern notiert:
{denk}, {dach}, {t}, {e}, {haus}.

Definition 168 Allomorph. Wenn Morphe M1 , M2 , ... Mn Elemente des-


selben Morphems M sind, dann sind M1 , M2 , ... Mn Allomorphe voneinander.

Anmerkung 26 Allomorph. freie Variation. komplementäre Distri-


bution. Allomorphe können wie Allophone in freier Variation stehen oder
komplementär distribuiert sein. Beispiel für freie Variation: span. habl {ara},
habl {ase} (“ich/er, sie, es spräche”); Beispiel für komplementäre Distribution:
{denk}e , {dach}te.

Definition 169 freies Morphem. Morphem mit mindestens einem Allo-


morph, das ohne zusätzliche Morpheme isolierbar ist (nach [34, 143] (= Mor-
phem, das selbständig ein Wort bilden kann). Beispiel: {haus}.

Definition 170 gebundenes Morphem. Morphem, von dem kein Allophon


ohne zusätzliche Morpheme isolierbar ist ([34, 143] (= Morphem, das nicht selb-
ständig ein Wort bilden kann). Beispiel: {ig}.

Definition 171 diskontinuierliches Morphem. Morphem M, das aus


mindestens zwei Teilen besteht, die durch Segmente, die nicht zu M gehören,
unterbrochen sind. Beispiel: {ge}sag {t}.

Definition 172 lexikalisches Morphem. Wurzel. Morphem, das einem


Lexem entspricht. Beispiele: {les} wie in hat gelesen, lbracehaus} wie in das
schöne Haus.

Definition 173 grammatisches Morphem. Morphem, das nicht einem Le-


xem entspricht und rein grammatische Funktion hat. Beispiele: In hat gesagt ist
{hat} ein freies grammatisches Morphem, und {ge- -t} ein gebundenes gram-
matisches Morphem.

Definition 174 Flexionsmorphem. Gebundenes grammatisches Morphem.

Definition 175 Derivationsmorphem. Morphem, das nicht einem Lexem


entspricht, sondern zur Bildung neuer Lexeme dient. Beispiele: {ung} und {heit}
dienen zur Bildung der Lexeme Achtung und Menschheit (aus den Wurzeln
{acht} und {mensch}).

Definition 176 Lexem. Ein Lexem ist eine Wortgestalt oder eine Folge von
Wortgestalten mit disambiguierter, d.h. einer und genau einer Bedeutung, die
nicht aus anderen Bedeutungen zusammengesetzt ist. Formaler ausgedrückt ist
ein Lexem ein Paar < G, B >, wo G die Gestalt und B die (atomare) Bedeutung
des Lexems ist.
52 KAPITEL 4. MORPHOLOGIE

Beispiele 27 Lexem. Bank1 und Bank2 sind verschiedene Lexeme, da sie


verschiedene Bedeutung haben: Bank1 = <Bank, “Sitzgelegenheit”>, Bank2
= <Bank, “Geldinstitut”>. Lift und Aufzug sind verschiedene Lexeme, weil
sie verschiedene Gestalten haben: lift = <Lift, “Lift”>, Aufzug = <Aufzug,
“Lift”>. Ins Gras beißen ist ein einziges Lexem, da sich seine Bedeutung nicht
aus der Bedeutung seiner Teile ergibt: Wenn man weiß, was in, Gras und beißen
bedeutet, weiß man noch nicht, was ins Gras beißen bedeutet.

Definition 177 Lexikon. Das Lexikon einer Sprache ist die Menge seiner
Lexeme.

Definition 178 Stamm. (Sehr frei nach [65]): Lexikalisches Morphem oder
Verbindung aus lexikalischen Morphemen oder Verbindung aus lexikalischen und
Derivationsmorphemen.

Definition 179 Affix. Gebundenes und reihenbildendes Morphem, d.h.


Morphem, das viele Stämme mit ungefähr demselben semantischen oder gram-
matischen Effekt modifiziert. Man unterscheidet nach der Stellung des Affixes
zu seinem Stamm Suffixe (nach dem Stamm), Präfixe (vor dem Stamm), In-
fixe (im Stamm) und Zirkumfixe (um den Stamm herum). Beispiele: Präfix:
{auf}merksam; Suffix: aufmerk {sam}; Infix: [Link]{m}po (“ich zerbreche”, {m}
bedeutet “Präsens”); Zirkumfix: {ge}sag{t}.

Definition 180 Affixoid. Morphem von dem es zwei Lesarten gibt: In ei-
ner Lesart ist das Morphem ein freies lexikalisches Morphem, in der anderen
ein Affix. Zwischending zwischen Affix und lexikalischem Morphem. Nach der
Stellung von Affixoiden unterscheidet man Präfixoide, Suffixoide usw. Beispiel
für Affixoid: {wesen}; vgl. Das Wesen der Sprache vs. Bauwesen.

Anmerkung 27 Affix. Die gewöhnliche Karriere von Affixen: 1. freies le-


xikalisches Morphem, z.B. ahd./mhd. heit (“Wesen, Beschaffenheit, Art”). 2.
Affixoidstatus, z.B. mhd. künfticheit (“Zukunft”). 3. Wandel zum Affix: nhd.
{heit, keit}.

Definition 181 Flexion. Zusammensetzung (Vorgang) eines Stammes mit


einem grammatischen Morphem.

Definition 182 Derivation. Ableitung. Zusammensetzung (Vorgang) ei-


nes Stammes und eines Derivationsmorphems.

Definition 183 Derivat. Ableitung. Das Ergebnis einer Derivation. Mit


Ableitung (aber nicht mit Derivat!) wird auch auf den Vorgang referiert, vgl.
Definition 182.

Definition 184 Komposition. Zusammensetzung (Vorgang) von Wurzeln.

Definition 185 Kompositum. Das Ergebnis einer Komposition. Plural: Kom-


posita.
4.2. GRUNDBEGRIFFE DER MORPHOLOGIE 53

Definition 186 Fugenelement. Fugenmorphem. Gebundenes Morphem,


das zwischen den Gliedern von Komposita steht, ohne dort eine grammatische
oder semantische Funktion zu erfüllen. (Streng genommen sind also Fugenmor-
pheme keine Morpheme: Sie tragen ja keine Bedeutung. Deswegen nennen sie
manche Leute auch Fugenelemente.) Beispiele: Kind {er}schnitzel, Rind {er}schnitzel,
Rind {s}schnitzel, Weihnacht{s}bier,

Definition 187 Transparenz vs. Opazität. Wortbildungen (und andere


Syntagmen) heißen transparent, wenn man die Bedeutung des gesamten Wortes
(Syntagmas) aus den Bedeutungen seiner Glieder erschließen kann, sonst opak.
Transparenz von Wörtern (nicht aber von Mehrwortsyntagmen) heißt auch Mo-
tiviertheit. Üblicherweise unterscheidet man Grade von Transparenz bzw. Opa-
zität. Völlig transparent sind natursprachliche Ausdrücke fast nie.

Definition 188 Produktivität. Ein Affix heißt produktiv, wenn es in vielen


Wörtern vorkommt.

Definition 189 Pseudomorphem. (Lexikalisches) Morphem, das nur in ei-


nem einzigen Wort vorkommt und das dieses Wort opak macht.

Definition 190 unikales Morphem. Pseudomorphem, das in einem Kom-


positum auftritt, dessen anderes Glied ein freies Morphem ist. Beispiele: {Him}-
beere, {Brom}beere.

Beispiel 28 Flexion. Wortbildung. Vgl. Abbildung 4.2.

Definition 191 Lexikalische Kategorie. Wortart. Klasse von Wör-


tern, die durch die Fähigkeit, bestimmte grammatische (und damit semantische)
Funktionen zu erfüllen, definiert ist.

Definition 192 morphosyntaktische Kategorie. Merkmalsdimension der


Mitglieder mancher lexikalischer Kategorien. Beispiel: Die Mitglieder der lexika-
lischen Kategorie “Nomen” weisen die morphosyntaktischen Kategorien “Genus”,
“Kasus” und “Numerus” auf.

Definition 193 morphosyntaktische Eigenschaft. Merkmalsausprägung


der Mitglieder mancher lexikalischer Kategorien. Beispiel: Die Mitglieder der
syntaktischen Kategorie “Nomen” können in der Kategorie “Kasus” (im Deut-
schen) die Eigenschaften “Nominativ”, “Genitiv”, “Dativ” oder “Akkusativ” auf-
weisen.

Definition 194 Grammatik. Unter Grammatik wurde früher die gesam-


te Theorie der Sprache verstanden. Heute gebraucht man das Wort häufig als
Oberbegriff für Syntax und Morphologie oder synonym mit Syntax.

Definition 195 Flexion. (Abstrakt definiert:) Realisierung eines Wortes in


einer bestimmten morphosyntaktischen Form, d.h. mit Kodierung bestimmter
morphosyntaktischen Eigenschaften.
54 KAPITEL 4. MORPHOLOGIE

Definition 196 Deklination. Flexion von Substantiven, Adjektiven, Prono-


mina, Numeralen und Artikeln; d.h. Realisierung eines Wortes mit Kodierung
von morphosyntaktischen Eigenschaften in einigen der folgenden Kategorien:
Genus, Numerus, Kasus.

Definition 197 Konjugation. Flexion von Verben; d.h. Realisierung eines


Wortes mit Kodierung von morphosyntaktischen Kategorien: Person, Numerus,
Tempus, Modus, Genus Verbi (bzw. Diathese) und (falls in der fraglichen Spra-
che vorhanden) Aspekt.

Definition 198 Komparation.


Flexion von Adjektiven und manchen Adverbien in der morphosyntakti-
schen Kategorie Grad.; Beispiel: schön (Positiv), schöner (Komparativ), am
schönsten (Superlativ bzw. relativer Superlativ). Manche Sprachen wei-
sen morphosyntaktische Formen für den absoluten Superlativ oder Elativ auf.
Bedeutung des Elativs, grob gesagt: “Zutreffen der Eigenschaft in sehr hohem
Maß (ohne Vergleichsinstanzen)”. Beispiel: span. guapísimo “äußerst hübsch”.
4.2. GRUNDBEGRIFFE DER MORPHOLOGIE
Abbildung 4.2: Flexion und Wortbildung
Wortform
©©HHH
©© H
© HH
©© H
© ©© HH
H
© ©© HH
H
© ©© HH
H
Stamm Flexionssuffix
©HH
{s}
© ©
HH
© ©© H
© HH
©© H
HH
©
©© H
HH
©
©© H
HH
©
©© H
HH
©
©© H
HH
©
©© H
HH
©© H
Stamm Fugenelement Suffixoid
©H
© HH
© ©
HH {s} {wesen}
©
©© H
HH
©
©© H
HH
©
©© H
HH
©
Stamm Fugenelement Stamm
©H ©©HH
©© HH
Wurzel Wurzel {s} ©© HH
© H
Derivationsmorphem Pseudomorphem
{schiff} {fahrt}
{ge- -schaft} {sell}

55
56 KAPITEL 4. MORPHOLOGIE

Definition 199 Flexionsklasse. Klasse von Lexemen einer Kategorie mit


ähnlicher Flexion. Beispiel: singen und binden gehören in dieselbe Flexionsklas-
se: binde – band – gebunden; singe – sang – gesungen.

Anmerkung 28 Flexion. So wie wir Flexion und ihre Unterarten Deklina-


tion und Konjugation definiert haben, müssen wir streng genommen sagen, dass
flektierbare Wörter im wohlgeformten Satz immer flektiert, d.h. mit kodierten
morphosyntaktischen Eigenschaften auftreten. Beispiel: In Fritz sah den Mann
weisen nur sehen und der eine von der Grundform abweichende Form (nämlich
sah bzw. den) auf. Dennoch hat beispielsweise in der Kategorie “Kasus” “Fritz”
in diesem Satz den Wert “Nominativ” und “Mann” den Wert “Akkusativ”. “No-
minativ” und “Akkusativ” werden hier morphologisch (d.h. abgesehen von dem
syntaktischen Mitteln der Stellung) dadurch angezeigt, dass man die Substan-
tive unverändert lässt, oder — wie manche Leute sagen — dadurch, dass man
ein Nullmorphem an sie anhängt.

Einige weniger bekannte morphosyntaktische Kategorien:

Definition 200 Modus. Verbmodus. Morphosyntaktische Kategorie des


Verbs, mit deren Ausprägungen man Bedeutungen folgender Art kodiert: Satz-
modus (liegt eine Frage, eine Behauptung, eine Aufforderung, ... vor?), Quo-
tativität (stammt der Satz vom Sprecher, oder ist er zitiert?), (der durch den
Satz ausgedrückte Sachverhalt besteht nicht) usw. Modi des Deutschen: Indi-
kativ, Konjunktiv und Imperativ. Weitere Modi (nur in manchen Sprachen):
Adhortativ, Debitiv, Energicus, Habitualis, Inhibitiv, Injunktiv, Involuntativ ...
(vgl. [22, 450]).

Definition 201 Genus Verbi. Diathese. Morphosyntaktische Kategorie


des Verbs, mit deren Ausprägungen man einen Sachverhalt mit verschiedenen
Partizipantenkodierungsreihenfolgen (und mit verschiedenen morphosyntakti-
schen Strukturen) kodieren kann. Genera Verbi des Deutschen: Aktiv und Pas-
siv. Weiteres Genus Verbi: Mediopassiv bzw. Medium. Beispiel für Medium:
span. no se sabe nada (wörtl. “nicht sich weiß nichts”= “man weiß nichts”).

Definition 202 Aspekt. Morphosyntaktische Kategorie des Verbs, mit de-


ren Ausprägungen man Ereignisse von verschiedenen zeitlichen Blickpunkten
aus darstellen kann. Beispiele: Perfektiv und Imperfektiv (s.u.). Nicht alle Spra-
chen haben Aspekt. Sprachen mit Aspekt: Russisch, Tschechisch u.a slawische
Sprachen.

Beispiel 29 Aspekt. (Nach [22, 64]:)

a) včerá my otremontírovali [Perfektiv] lift


“Gestern haben wir den Aufzug repariert (daraus folgt, dass er jetzt funk-
tioniert).”

b) včerá my remontírovali [Imperfektiv] lift


“Gestern beschäftigten wir uns mit der Reparatur des Aufzugs (daraus
folgt nicht, dass er jetzt funktioniert)”
4.2. GRUNDBEGRIFFE DER MORPHOLOGIE 57

Definition 203 Aspekt vs. Aktionsart. Werden aspektuelle Bedeutungen


wie “Perfektiv” (die Bedeutung, nicht die morphosyntaktische Eigenschaft) nicht
morphologisch, sondern (auf systematische Weise) lexikalisch kodiert, so spricht
man von Aktionsart. Allerdings gibt es in der Aspekt- und Aktionsartforschung
verschiedene miteinander unvereinbare Terminologien. Vgl. hierzu Beispiel 30

Beispiel 30 Aktionsart.

a) Fritz schrieb letztes Jahr ein Buch über Aspekt.


(Daraus folgt, dass das Buch jetzt geschrieben ist.)

b) Fritz schrieb letztes Jahr an einem Buch über Aspekt. (Daraus folgt nicht,
dass das Buch jetzt geschrieben ist.)

4.2.4 Arten von morphologischen Prozessen


In den Abschnitten 4.4 und 4.5 geht es um die beiden Hauptfunktionen morpho-
logischer Prozesse, nämlich die Kodierung morphosyntaktischer Eigenschaften
(Flexion, im weitesten Sinne) und die Bildung neuer Lexeme (Wortbildung).
Zunächst wollen wir uns aber fragen, welche Arten von morphologischen Pro-
zessen es überhaupt gibt. Die Antwort liegt auf der Hand: Ein morphologischer
Prozess führt per definitionem zu einer Veränderung der Gestalt eines Wortes
oder Morphems. Man kann Gestalten verändern a) indem man etwas hinzutut b)
indem man etwas weglässt, oder c) indem man eine oder mehrere Komponenten
verändert.

Definition 204 additiver morphologischer Prozess. Addition.


Gestalterweiternder morphologischer Prozess. Additive Prozesse sind: Kompo-
sition, Derivation, Reduplikation.

Definition 205 subtraktiver morphologischer Prozess. Subtrakti-


on. Gestaltverkürzender morphologischer Prozess.

Definition 206 mutativer morphologischer Prozess. Mutation. Mor-


phologischer Prozess, bei dem die Gestalt des fraglichen Wortes oder Morphems
weder verkürzt, noch erweitert, aber in irgendeiner Weise modifiziert wird.

Definition 207 O-Prozess. Prozess, bei dem das fragliche Wort oder Mor-
phem neue inhaltliche Eigenschaften bekommt ohne eine Gestaltveränderung zu
erfahren. Beispiel: Konversion ist ein 0-Prozess.

Definition 208 Konversion. Überführung eines Wortes in eine andere Wort-


art ohne morphologische Kennzeichnung.

Definition 209 Alternation. (regelmäßige) Mutation. Beispiel: Ablaut: bin-


de – band – gebunden; singe – sang – gesungen.

Definition 210 Suppletion. Weitgehende oder vollständige Mutation. Bei-


spiele: sein, bin, war (*ich seie, ich seite); gut, besser (*guter, *güter ).
58 KAPITEL 4. MORPHOLOGIE

Abbildung 4.3: Ausschnitt aus dem Paradigma von tsch. ryba, “Fisch”
Singular Plural
Nominativ ryba ryby
Genitiv ryby ryb
Dativ rybě rybám
Akkusativ rybu ryby
Vokativ rybo ryby
Lokativ rybě rybách
Instrumental rybou rybami

4.3 Aufgaben
Aufgabe 23 Im Riau-Indonesischen bedeutet gigisaya “mein Zahn” und saya
gigi bedeutet “Ich bin ein Zahn”. Wie würdest du gigi und saya übersetzen? Zu
welchen Wortarten gehören gigi und sayajeweils?

Aufgabe 24 a) Für Leute, die ihre Muttersprache ohne weiteres lateinisch


transkribieren können: Nenne fünf Morpheme aus deiner Muttersprache,
zu denen es Allomorphe gibt. Gib die Bedeutung der Morpheme an. Be-
stimme und begründe mit Beispielen, ob die Allomorphe freie Varianten
oder komplementär distribuiert sind.

b) Für Leute, die ihre Muttersprache nicht ohne weiteres transkribieren kön-
nen: Löse Aufgabe a) mit deutschen oder englischen Beispielen.

Aufgabe 25 Bestimme die Wortarten der Wörter des folgenden Satzes: Dass
dieser Aufsatz über die Bedeutung von Bedeutung, dessen Autor ein berühmter
Philosoph ist, das Problem höchstens präzisieren konnte, musste ja wohl doch
allen klar sein.

4.4 Flexionsmorphologie
Der Terminus Wortform oder Form eines Wortes kann leicht zu Missverständ-
nissen führen. Wir verstehen darunter eine morphosyntaktische “Ausprägung”
(Schnorbusch) eines Worttyps:

Definition 211 Wortform. Wort in einer bestimmten morphosyntaktischen


Ausprägung, d.h. mit bestimmten morphosyntaktischen Eigenschaften; Teil ei-
nes Paradigmas. Beispiel: gebe, gäbest, gaben und geben sind Formen des Wortes
geben.

Definition 212 Paradigma2 eines Wortes W. Die Menge aller morpho-


syntaktischen Ausprägungen von W .

Beispiele 31 Paradigma. Die Abbildungen 4.3, 4.4 und 4.5 zeigen Aus-
schnitte aus Paradigmen.
4.4. FLEXIONSMORPHOLOGIE 59

Abbildung 4.4: Ausschnitt aus dem Paradigma von span. hablar, “sprechen”
Indikativ Subjunktiv Indikativ Subjunktiv
Präsens Präsens Imperfekt Imperfekt
1 hablo hable hablaba hablara/hablase
Sing. 2 hablas hables hablabas hablaras/hablases
3 habla hable hablaba hablara/hablase
1 hablamos hablemos hablábamos habláramos/hablásemos
Plur. 2 habláis habléis hablabais hablárais/habláseis
3 hablan hablen hablaban hablaran/hablasen

Abbildung 4.5: Ausschnitt aus dem Paradigma von gotisch haitan, “heißen”
(nach Schnorbusch)
Präsens Präteritum
1 haita [hE:ta] haihait [hEhE:t]
Singular 2 haitis [hE:tis] haihaist [hEhE:st]
3 haitiþ [hE:tiþ] haihait [hEhE:t]
1 haitos [hE:to:s] haihaitu [hEhE:tu]
Dual 2 haitats [hE:tats] haihaituts [hEhE:tuts]
3 haitand [hE:tand] haihaitun [hEhE:tun]
1 haitam [hE:tam] haihaitum [hEhE:tum]
Plural 2 haitiþ [hE:tiþ] haihaituþ [hEhE:tuþ]
3 haitand [hE:tand] haihaitun [hEhE:tun]

Definition 213 finite vs. infinite Verbform. (Nach [8, 243]:) Eine
Verbform heißt finit, wenn sie hinsichtlich der Kategorien Tempus, Modus, Ge-
nus Verbi, Person und Numerus morphologisch gekennzeichnet ist, sonst infinit.
Beispiele für finite Verbformen: gehe, geht, ging, ginge; weiß, wüsste, wusste.
Beispiele für infinite Verbformen: gehen (Infinitiv), gegangen (Partizip Perfekt),
gehend (Partizip Präsens).

Definition 214 defektives Paradigma. Paradigma, das für eine oder meh-
rere (Kombination(en) von) morphosyntaktischen Eigenschaften keine eigenen
Gestalten aufweist (= Paradigma mit Nullmorphemen, falls man von Nullmor-
phemen sprechen möchte).

Wenn man ein flektierbares Wort in ein Lexikon aufnimmt, schreibt man
natürlich nicht sein gesamtes Paradigma hinein. Man wählt gewöhnlich eine
seiner morphosyntaktischen Formen, um das Wort zu benennen: Wir sprechen
vom Wort Haus und meinen damit auch seine Formen Hauses, Häuser etc.
Statt Wort in der eben gebrauchten Bedeutung, sagen wir auch Lexem.

Definition 215 Lexem. Ein Lexem ist eine Wortgestalt oder eine Folge von
Wortgestalten mit disambiguierter, d.h. einer und genau einer Bedeutung, die
nicht aus anderen Bedeutungen zusammengesetzt ist. Formaler ausgedrückt ist
ein Lexem ein Paar < G, B >, wo G die Gestalt und B die (atomare) Bedeutung
des Lexems ist.
60 KAPITEL 4. MORPHOLOGIE

Beispiele 32 Lexem. Bank1 und Bank2 sind verschiedene Lexeme, da sie


verschiedene Bedeutung haben: Bank1 = <Bank, “Sitzgelegenheit”>, Bank2
= < Bank, “Geldinstitut”>. Lift und Aufzug sind verschiedene Lexeme, weil
sie verschiedene Gestalten haben: lift = < Lift, “Lift”>, Aufzug = < Aufzug,
“Lift”>. Ins Gras beißen ist ein einziges Lexem, da sich seine Bedeutung nicht
aus der Bedeutung seiner Teile ergibt: Wenn man weiß, was in, Gras und beißen
bedeutet, weiß man noch nicht, was ins Gras beißen bedeutet.

Definition 216 Lexikon. Das Lexikon einer Sprache ist die Menge seiner
Lexeme.

4.5 Aufgaben
Aufgabe 26 Stelle die vollständigen Paradigmen für mager und mein (= das
deutsche Possessivpronomen) zusammen.

Aufgabe 27 Analysiere folgende Wörter (in der Art von Beispiel 4.2 auf Seite
55):

Mitgiftjäger, Weinachtsbescherung, Liebesbrief, papierne, zur, mehrjähriger,


Gezeitenkraftwerksangestellter, genauestens, Münchner, chemotechnisch, Sport-
ler.

Problematische Fälle bitte kommentieren.

Aufgabe 28 Zähle alle morphosyntaktischen Eigenschaften der folgenden Wort-


formen auf. Wie heißen die zugehörigen morphosyntaktischen Kategorien?

wüsste, würde gegangen sein, hätte gewusst, hat gewusst, wusste, werden in-
formiert worden sein, würden informiert, wären informiert worden, wirst erwar-
tet, seien gegangen, werde misshandelt, würde misshandelt, der Männer, dieses
Korpus, diesen Korpora, eines schönen Tages, der fleißigeren Linguisten

4.6 Wortbildungsmorphologie
4.6.1 Additive Wortbildung
Komposition (frei nach Zaefferer)
Definition 217 Komposition. Vorgang der Wortbildung durch Zusammen-
fügung von zwei oder mehr Stämmen.

Definition 218 Kompositum. Ergebnis einer Komposition (vgl. Definition


184).

Determinativkomposita

Definition 219 Determinativkompositum. Kompositum, dessen semanti-


sche Kategorie mit der semantischen Kategorie seines Kopfes, d.h. seines deter-
minierten Gliedes zusammenfällt.
4.6. WORTBILDUNGSMORPHOLOGIE 61

Definition 220 Determinans. Kopf (eines Determinativkompositums).


Das determinierende Glied eines Determinativkompositums; d.h. Kopf des
Determinativkompositums.

Definition 221 Determinatum. Das determinierte Glied eines Determina-


tivkompositums.

Beispiele 33 Determinativkompositum. Rinderschnitzel, Kinderschnitzel,


Fassbier, Bierfass, Wandschrank, Schrankwand, it. caffè latte, fr. café crème,
denkfähig, kennenlernen, seiltanzen.

Anmerkungen 29 Determinativkompositum.

a) Heuristik zur Erkennung von Determinativkomposita: Ein Rinderschnitzel


ist eine Art Schnitzel, ein Bierfass ist eine Art Fass ...

b) Die letzten drei Wörter aus Beispiele 33 sind von Zaefferer. Nach der
Terminologie anderer Linguisten können nur Substantive Komposita sein.

Definition 222 Heuristik. Theorie der Verfahren zur Gewinnung von Er-
kenntnissen bzw. zur Lösung von Problemen.

Definition 223 Fugenelement. Segmente oder Segmentfolgen, die in Kom-


posita zwischen Stämmen auftreten; Fugenelemente sind synchron nicht als Mor-
pheme analysierbar.

Possessivkompositva

Definition 224 Possessivkompositum. Kompositum K, das sein Denotat


als Besitzer desjenigen Attributs charakterisiert, das K bezeichnen würde, wenn
es kein Possessivkompositum wäre. Synonym: Bahuvrihi.

Beispiele 34 Possessivkompositum. Milchgesicht, Langbein, Spitzbauch,


Schwarzgurt, Kindskopf.

Kopulativkomposita

Definition 225 Kopulativkompositum. Dvandva. Additivkompositum.


Kompositum, dessen Glieder alle das Denotat direkt charakterisieren.

Beispiele 35 Kopulativkompositum. Dichterkomponist, Fürstbischof,


nasskalt, süßsauer, spritzgießen, mähdreschen.

Anmerkung 30 Kopulativkompositum. Heuristik zur Erkennung von


Kopulativkomposita: Ein Dichterkomponist ist ein Dichter und ein Komponist.
Wer mähdrischt, der mäht und der drischt ...
62 KAPITEL 4. MORPHOLOGIE

Explizite Derivation
Definition 226 Derivation. Vorgang der Wortbildung durch ein Derivati-
onsmittel, d.h. durch eine Entität, die für sich genommen weder ein selbständiges
Wort, noch semantischer Kopf eines selbständigen Wortes sein kann. Derivati-
onsmittel: Affixe und (Ergebnisse der Anwendung von) Mutationsregeln

Definition 227 Derivat. Derivativum. Ableitung. Ergebnis einer Deri-


vation.

Definition 228 explizite Derivation. Vorgang der Wortbildung durch Zu-


sammenfügung (mindestens) eines Stammes mit (mindestens) einem Affix, d.h.
mit einem Präfix, Suffix, Infix oder Zirkumfix.

Beispiele 36 explizite Derivation.

a) Suffigierung: Achtung, Menschheit, arbeitsam, einheitlich, analysieren

b) Präfigierung: Missachtung, riesengroß, aufessen

c) Zirkumfigierung: Gerede

d) Infigierung: ???

Reduplikation
Definition 229 Reduplikation. Partielle oder totale Verdoppelung eines
Morphems oder allgemein: einer Segmentfolge.

Anmerkung 31 Reduplikation.

a) Reduplikation spielt in der deutschen Wortbildung nur eine marginale Rol-


le: Hopphopp, Techtelmechtel, Schnickschnack, Kuckuck, Wauwau.

b) Reduplikation wird in manchen Sprachen in der Flexion eingesetzt: Indo-


nesisch: kursi – “Stuhl”; kursikursi – “Stühle”; vgl. auch Abbildung 4.5 auf
Seite 59.

4.6.2 Subtraktive Wortbildung (frei nach Schnorbusch)


Rückbildung
Definition 230 Rückbildung. Vorgang und Ergebnis der Bildung von Wör-
tern durch Weglassung von Teilen ihrer Gestalt bei gleichzeitigem Wortartwech-
sel.

Beispiele 37 Rückbildung.

a) Zwangsräumung > zwangsräumen

b) Kurpfuscher > kurpfuschen

c) ferngelenkt > fernlenken


4.6. WORTBILDUNGSMORPHOLOGIE 63

Kürzung

Definition 231 Kürzung. Vorgang und Ergebnis der Bildung von Wörtern
durch Weglassung von Teilen der Gestalt. Beispiele: Prof , Lok , SPD.

Definition 232 Akronym. Aus Buchstaben oder Buchstabenfolgen zusam-


mengesetztes Wort. Beispiele: FDP, GmbH, BAföG.

4.6.3 Mutative Wortbildung


Implizite Derivation

Definition 233 implizite Derivation. Konversion. Nullableitung. Über-


führung eines Wortes in eine andere Wortart ohne morphologische Kennzeich-
nung.

Stamm-zu-Stamm-Konversion

Beispiele 38 Stamm-zu-Stamm-Konversion.

a) Schau < schau-

b) Treff < treff-

c) filter- < Filter

d) fühstück- < Frühstück

e) Weiß < weiß

f) trockn- < trocken

Form-zu-Stamm-Konversion

Beispiele 39 Form-zu-Stamm-Konversion.

a) das Schreiben < schreiben

b) der Reisende < reisende

c) reizend (Adj.) < reizend (Part.)

d) der Hohe (< hohe)

e) das Hoch (< hoch)

f) das Für und Wider (< für und wider)


64 KAPITEL 4. MORPHOLOGIE

Wurzelmodifizierende Derivation

Beispiele 40 Wurzelmodifizierende Derivation.


a) Sprung < spring-
b) Trank < trink-
c) Bruch < brech-
d) Wurf < werf-
e) Hieb < hau-
f) Flug < flieg-

4.7 Morphologische Sprachtypologie


4.7.1 Synthese vs. Analyse
Definition 234 Synthese. Bildung komplexer Wortformen mit morphologi-
schen Mitteln. Gegenteil: Analyse.

Definition 235 synthetische Sprache vs. analytische Sprache. Eine


Sprache ist umso synthetischer (analytischer), je mehr (weniger) sie zur mor-
phologischen Kodierung von (lexikalischen oder grammatischen) Bedeutungen
neigt. (Grob gesagt: Je mehr Morphologie, desto synthetischer; je mehr Syntax,
desto analytischer.)
Berüchtigt für ihre hochgradige Synthetizität sind Eskimosprachen. Synthe-
tischer als das Deutsche sind z.B. Türkisch, Finnisch, Latein und die baltischen
und slawischen Sprachen. Deutsch nimmt eine mittlere Position auf der Syn-
thetizitätsskala ein. Weniger synthetisch als Deutsch sind die skandinavischen
Sprachen (außer Isländisch) und Englisch. Chinesisch und Vietnamesisch sind
hochgradig analytische Sprachen.

Beispiele 41 synthetische Sprache vs. analytische Sprache.


a) Eskimo: Einwortsätze

angya- -ghlla- -ng- -yug- -tuq


Boot- -aug- -erwerb- -desid- -3sg
“Er möchte ein großes Boot kaufen.”
b) Deutsch: teils Analyse, teils Synthese:
1. ich ginge Konjunktiv II, synthetisch
2. ich würde gehen periphrastischer Konjunktiv II, analytisch
c) Vietnamesisch: für jede Bedeungskomponente ein eigenes Wort

khi tôi d’èn nhà tôi chúng tôi bát dâu làm bài
als 1p komm Haus 1p pl 1p anfangen tun Übung
“Als ich zum Haus meines Freundes kam, begannen wir, Übungen zu machen.”
4.7. MORPHOLOGISCHE SPRACHTYPOLOGIE 65

Stammbildung vs. Wurzelseparierung


Definition 236 Stammbildung vs. Wurzelseparierung. Synthese vs.
Analyse bei der Stammbildung. Eine Sprache ist desto stammbildender (wurzel-
separierender ), je mehr (weniger) sie dazu neigt, lexikalische Bedeutungen mit
morphologischen Mitteln zu kodieren, d.h. komplexe Stämme zu bilden.

Hochgradig stammbildend sind Eskimosprachen. Eine mittlere Position hin-


sichtlich des Stammbildungsparameters haben alle Sprachen, die Derivation und
Komposition aufweisen (z.B. Deutsch). Ein hoher Grad von Wurzelseparierung
liegt beim Vietnamesischen vor.

Beispiele 42 Stammbildung vs. Wurzelseparierung. (nach [65])

a) Tschuktisch: hoher Grad von Stammbildung


t- -e- -meynge- -levte- -pegt- -e- -rken
[Link] -lnk- -groß - -Kopf- -Schmerz- -lnk- -imp
“Ich habe große Kopfschmerzen”.

b) Deutsch: mittlerer Grad von Stammbildung: Derivation und Komposition

1. Misch-wald
2. Misch-ung

c) Vietnamesisch: minimaler Grad von Stammbildung bzw. höchster Grad


von Wurzelseparierung
bát dâu
fassen Kopf
“beginnen”

Flexion vs. Isolation


Definition 237 Flexion vs. Isolation. Synthese vs. Analyse bei der
Wortbildung. Eine Sprache ist desto flektierender (isolierender ), je mehr (weni-
ger) sie dazu neigt, grammatische Bedeutungen mit morphologischen Mitteln zu
kodieren, d.h. komplexe Wortformen zu bilden. Beispiele für hochgradig flektie-
rende Sprachen: Tschuktschisch und Eskimo. Beispiele für hochgradig isolierende
Sprachen: Thai und Vietnamesisch.

4.7.2 Fusion vs. Kollokation


Definition 238 Fusion vs. Kollokation/Konkatenation. Fusion
ist lautliche Veränderung der Bestandteile von synthetisch gebildeten Formen.
Eine Sprache ist desto fusionierender (kollozierender), je mehr (weniger) sie zu
Fusion neigt. Grade von Fusion (nach [65]):

a) Maximaler Grad von Fusion: starke Suppletion: go – went (keinerlei


Ähnlichkeit)

b) Intermediärer Grad von Fusion: schwache Suppletion: denke – dachte (alle


Formen der schwachen Suppletion: Segmentwechsel, Akzentwechsel, Ton-
wechsel)
66 KAPITEL 4. MORPHOLOGIE

Abbildung 4.6: Variationsdimensionen der morphologischen Typologie

¡ ¡
¡ ¡
¡ ¡
¡ ¡
¡ ¡
C¡ ¡
6

+Synthese
µ
¡ ¡

ie
¡ ¡

as
se
m
¡ ¡
¡ ¡
ly
Po

¡ ¡
+

A¡ -¡B
+Fusion

A perfekt analytische und konkatenierende Sprache: Keine Morphologie,


nur Syntax.
B ubiquitäre Suppletion: für jede grammatische Form eines Wortes eine
eigene Gestalt; keine Gestaltähnlichkeit semantisch verwandter Wörter.
C perfekt synthetische Sprache: Jeder Satz ist zugleich ein Wort. Keine
Syntax, nur Morphologie.

c) Minimaler Grad von Fusion: reine Konkatenation: lege – legte, blau, grau –
blaugrau (reine Komposition, reine Affigierung, reine Reduplikation, reine
Subtraktion (= “negative Konkatenation”))

4.7.3 Monosemasie vs. Polysemasie


Definition 239 Monosemasie vs. Polysemasie. Eine Sprache ist umso
monosematischer (polysematischer, je mehr (weniger) sie zu neigt.

Beispiele 43 Monosemasie vs. Polysemasie. (nach [65])

a) Hoher Grad von Monosemasie: Türkisch:

ev- -ler- -in- -iz- -den


Haus pl 2poss pl abl
“aus euren Häusern”

b) Hoher Grad von Polysemasie: -s an englischen Verben kodiert [Link],


Singular, Indikativ, Aktiv.

4.7.4 Variationsdimensionen der morphologischen Typo-


logie
Abbildung 4.6 zeigt die Hauptvariationsdimensionen der morphologischen Ty-
pologie: [±] Synthese, [±] Polysemasie und [±] Fusion.
4.7. MORPHOLOGISCHE SPRACHTYPOLOGIE 67

Anmerkung 32 Synthese. Polysemasie. Wenn man Sätze nicht als oberste


Grenze für Syntax und Morphologie annimmt, dann ist dem Grad der Synthese
von sprachlichen Ausdrücken selbstverständlich keine Grenze gesetzt. Es könnte
ja auch eine Sprache geben, in der die gesamte Bibel durch ein einziges Wort
kodiert wird.) Da die Menge der zu enkodierenden Bedeutungen grundsätzlich
offen ist, können Sprachen im Prinzip auch beliebig polysematisch sein.

4.7.5 Die wichtigsten morphologischen Sprachtypen


Definition 240 agglutinierende Sprache. Eine Sprache heißt agglutinie-
rend, wenn sie monosematisch und synthetisch ist. Beispiele für agglutinierende
Sprachen: Türkisch, Ungarisch, Finnisch, Mongolisch, Koreanisch.

Definition 241 polysynthetische Sprache. Eine Sprache heißt polysyn-


thetisch, wenn sie starke polysematischer Synthese (im lexikalischen und gram-
matischen Bereich) aufweist. Beispiele für polysynthetische Sprachen: Irokesisch
und nordamerikanische Sprachen.

Definition 242 inkorporierende Sprache. Eine Sprache heißt inkorporie-


rend, wenn sie Wörter mit Satzcharakter bildet, indem lexikalische Formen um
das Verb herum gruppiert werden (= ins Verb “inkorporiert” werden). Unter-
schied zu polysynthetischen Sprachen: Die Formen können auch frei vorkommen.
(Nach [8], andere gebrauchen polysynthetisch und inkorporierend synonym). Bei-
spiele: Eskimosprachen.

Definition 243 flektierende Sprache. Eine Sprache heißt flektierend,


wenn sie polysematische Synthese im grammatischen Bereich aufweist. Beispiele
für flektierende Sprachen: slawische Sprachen, baltische Sprachen, Isländisch,
Deutsch (in geringerem Ausmaß).

Definition 244 isolierende Sprache. Eine Sprache heißt isolierend, wenn


sie analytisch und konkatenierend ist. (= Sprachen, die in Abbildung 4.6 um
A herum angesiedelt sind.) Beispiele für isolierende Sprachen: Thai, Vietname-
sisch, klassisches Chinesisch, Hawaianisch, Englisch (in geringerem Ausmaß).

4.7.6 Morphologischer Wandel (nach [65])


Beispiele 44 Morphologischer Wandel.

a) Morphologisierung phonologischer Regularitäten Beispiel: Im Deutschen


heute Plural durch Umlaut kodiert: Gast – Gäste. Ahd.: gast – gesti : /a/
durch /i/ aufgehellt;

b) Morphologisierung syntaktischer Strukturen Beispiel: cantare habeas >


span. cantarás (“Today’s morphology is yesterday’s syntax”, Givón, zitiert
nach [65].)

c) Analogischer Ausgleich Beispiel: Span.: hablar – hablaron (’sprechen’ inf


– 3. pl perf), andar – anduvieron (’gehen’ inf – 3. pl perf: Tendenz:
anduvieron> andaron.
68 KAPITEL 4. MORPHOLOGIE

4.8 Aufgaben
Aufgabe 29 Finde für jede Art der hier vorgestellten Wortbildungstypen mög-
lichst drei Beispiele aus deiner Muttersprache (falls transkribierbar, sonst aus
einer anderen Sprache). Analysiere die Wörter in der Art von Abbildung 4.2
und kommentiere ihre Bedeutung. Es gibt einen Joker.

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