Kapitel 1
Linguistik
1.1 Definition
Definition 1 Linguistik. Theorie der natürlichen Sprache(n).
Definition 2 Sprache. System von konventionellen Zeichen und Regeln zur
Mitteilung von Bedeutungen.
Definition 3 natürliche Sprache vs. künstliche Sprache. Man nennt
eine Sprache künstlich, wenn sie nicht “von selbst” entstanden ist, sondern er-
funden wurde.
Beispiele 1 natürliche Sprache vs. künstliche Sprache. Natür-
liche Sprachen sind Deutsch, Englisch, Chinesisch, Tagalog. Unter den künstli-
chen Sprachen sind die bedeutendsten Haupttypen Plansprachen (= Welthilfs-
sprachen, Programmiersprachen und Logiksprachen. Beispiele für Programmier-
sprachen: C++, Perl, Prolog, Pascal, Cobol, Algol. Beispiele für Logiksprachen:
Aussagenlogik, Prädikatenlogik, Modallogik, intensionale Logik. Beispiele für
Welthilfssprachen: Esperanto, Volapük.
Definition 4 Plansprache. Sprache, die zum Zweck der leichteren Ver-
ständigung von Sprechern verschiedener Sprachen erfunden wurde. Beispiele für
Plansprachen: Esperanto, Volapük, Interlingua, Universal, Ido. Auf folgender
Webseite kann man sich einen Eindruck verschaffen, wie Plansprachen so aus-
sehen: [Link]
Definition 5 Anzeichen. natürliches Zeichen. Wenn wir sagen, dass Z
ein Anzeichen für X ist, dann meinen wir damit: Aufgrund des Vorliegens von
Z darf geschlossen werden, dass X.
Definition 6 konventionelles Zeichen. Zeichen Z, das jemand bewusst
gebraucht, um den Schluss nahezulegen, dass X, wobei der Schluss von Z auf
X nur aufgrund gewisser Konventionen über den Gebrauch einer Menge von
Zeichen, zu denen auch Z gehört, möglich ist.
3
4 KAPITEL 1. LINGUISTIK
Definition 7 Konventionalität und Arbitrarität natursprachlicher
Zeichen. Dass ein Zeichen Z die Bedeutung B hat, ist im Allgemeinen nicht
aufgrund von Eigenschaften von Z vorhersagbar. In der fraglichen Sprechergrup-
pe hat sich eben die Konvention durchgesetzt, Z zu gebrauchen, wenn man B
meint. (So wie sich in England die Konvention durchgesetzt hat, links zu fahren
und in Deutschland die Konvention, rechts zu fahren.) Man hat Z B willkürlich
zugeordnet.
Anmerkung 1 Konventionalität und Arbitrarität natursprachlicher
Zeichen. Eine Ausnahme von der (völligen) Arbitrarität (aber nicht von
der Konventionalität) ist Onomatopöie Gebell von Hunden etwa wird in ver-
schiedenen Sprachen verschieden nachgeahmt: Deutsch: wau wau , Französisch:
ouah ouah, Russisch: gav gav, Thai: hoang hoang, Japanisch: kyankyan, In-
donesisch: gongong usw. (Vgl. [Link]
[Link].)
Anmerkung 2 Arbitrarität. Aus der Tatsache, dass die Zuordnung ele-
mentarer Zeichen(gestalten) zu elementaren Bedeutungen arbiträr ist, folgt nicht,
dass es bei der Zusammensetzung elementarer Zeichen zu komplexen Zeichen
(mit komplexer Bedeutung) arbiträr zuginge. Wenn das so wäre, dann müsste
man ja jedes sprachliche Zeichen (ob komplex oder elementar) auswendig ler-
nen. Auswendig lernen wir aber — etwa beim Studium einer Fremdsprache —
nur Vokabeln und Regeln. Mit deren Hilfe erzeugen und interpretieren wir dann
Sätze.
1.2 Teilgebiete der Linguistik
Definition 8 Phonologie. Theorie des Lautsystems einer (oder der) Spra-
che(n); linguistische Lautlehre.
Definition 9 Morphologie. Theorie der internen Struktur der Wörter.
Definition 10 Syntax. Theorie der internen Struktur der Sätze; Satzlehre.
Definition 11 Semantik. Theorie der Bedeutung sprachlicher Ausdrücke.
Definition 12 Pragmatik. Theorie des Gebrauchs sprachlicher Ausdrücke.
1.3 Hilfswissenschaften der Linguistik
Zu den wichtigsten Hilfswissenschaften der Linguistik
a) Phonetik
b) (Sprach-) Philosophie
c) Logik
d) Mathematik
e) Informatik
1.4. WICHTIGE BEGRIFFE UND PRINZIPIEN DER LINGUISTIK 5
Anmerkung 3 Phonetik und Phonologie. Die Phonetik ist von so großer
Bedeutung für die Linguistik, dass sie oft einfach zu den linguistischen Diszipli-
nen gerechnet wird. Phonologie zu betreiben hat praktisch keinen Sinn, wenn
man nicht auch wenigstens ein bisschen Phonetik betreibt. Vgl. hierzu Kapitel
2.
1.4 Wichtige Begriffe und Prinzipien der Lingui-
stik
1.4.1 Gestalt vs. Inhalt
Offenbar haben sprachliche Zeichen zwei Seiten: eine Gestalt und einen Inhalt.
Beweis: tschechisch to (“das”) und englisch to (die Präposition) sind zwei ver-
schiedene, aber (in ihrer grafischen Erscheinungsform) gestaltgleiche Zeichen.
Fahrstuhl und Aufzug sind zwei gestaltverschiedene, aber inhaltsgleiche Zeichen.
Definition 13 Gestalt eines Zeichens Z. Das, was an Z sinnlich
wahrnehmbar ist. Synonyme: Signifiant, Signifikant, Bezeichnendes.
Definition 14 Inhalt eines Zeichens Z. Die Bedeutung von Z. Syn-
onyme: Signifié, Signifikat, Bezeichnetes.
Anmerkung 4 Signifiant, Signifié. Diese Begriffe stammen von Ferdinand
de Saussure (1857-1913).
Anmerkung 5 Ferdinand de Saussure. Ferdinand de Saussure (1857-
1913) ist der Vater der strukturellen bzw. strukturalistischen Vorgehensweise
(vgl. Anmerkung 48) in der Linguistik. Als sein einflussreichstes Werk gilt der
Cours de Linguistique Générale [13].
1.4.2 Erscheinungsformen von Zeichen
Sprachliche Zeichen können verschieden realisiert sein: akustisch, visuell oder
taktil (Blindenschrift). Wir würden nicht sagen, dass jemand, der das Wort
Schaufenster mündlich äußert, ein anderes Zeichen gebraucht als jemand, der
es schriftlich äußert. Er gebraucht dasselbe Zeichen in einer anderen Form.
1.4.3 Zeichentypen vs. Zeichenvorkommnisse
Wenn ein und dasselbe Zeichen (z.B. Schaufenster ) einmal visuell und einmal
akustisch gebraucht wird, dann liegen zwei Vorkommnisse desselben Zeichentyps
vor.
Definition 15 Zeichenvorkommnis. Sinnlich wahrnehmbares, mündlich
oder schriftlich geäußertes Zeichen. Englisch: token.
Definition 16 Zeichentyp. Klasse sinnlich wahrnehmbarer Zeichen. Eng-
lisch: type.
Zur Erläuterung eine Aufgabe (aus [65]):
6 KAPITEL 1. LINGUISTIK
Aufgabe 1 Welcher der folgenden Sätze ist wahr?
a) Dieser Satz hat 23 Buchstaben.
b) Dieser Satz hat 13 Buchstaben.
1.4.4 Meta- vs. Objektsprache bzw. Gebrauch vs. Erwäh-
nung
Definition 17 Metasprache vs. Objektsprache. Wird in der Sprache
L1 über die Sprache L2 , bzw. über Ausdrücke der Sprache L2 gesprochen, so
heißt L1 Metasprache und L2 Objektsprache.
Definition 18 Gebrauch vs. Erwähnung. Ein sprachliches Zeichen, über
das gesprochen wird, nennt man erwähnt, ein sprachliches Zeichen mit dessen
Hilfe über etwas gesprochen wird, nennt man gebraucht.
Zur Erläuterung eine Aufgabe:
Aufgabe 2 Welche Wörter sind in den folgenden Sätzen erwähnt, welche ge-
braucht?
a) Welche Bedeutung hatte dieser Aufsatz über die Bedeutung von Bedeu-
tung für den Wandel der Bedeutung von Bedeutung?
b) Es ist fraglich, ob Hans ein guter Name für das Kind ist.
c) Es ist fraglich, ob Hans ein guter Vater für das Kind ist.
Aufgrund ihres Zusammenhangs mit der Dichotomie1 “Meta- vs. Objekt-
sprache” sind viele linguistische (und sonstige wissenschaftliche) Begriffe auf
systematische Weise mehrdeutig: Sie weisen eine Meta- und eine Objektlesart
auf.
Definition 19 Meta- vs. Objektlesart von Begriffen. Wenn ein
Begriff T in der Objektlesart die Bedeutung B hat, dann hat er in der Metalesart
die Bedeutung “die Theorie des/der B”. Wenn ein Begriff T in der Metalesart
die Bedeutung “die Theorie des/der B”hat, dann hat er in der Objektlesart die
Bedeutung B.
Anmerkungen 6 Meta- vs. Objektlesart von Begriffen.
a) Im Deutschen sind “Meta- und Objektlesart” von Begriffen manchmal lexi-
kalisiert: vgl. sprachlich vs. linguistisch bzw. Sprache vs. Linguistik, psy-
chisch vs. psychologisch, physisch vs. physikalisch, physiologisch bzw. das
Psychische vs. die Psychologie , das Physische vs. die Physik /die Physio-
logie; vgl. dagegen biologisch vs. ?.
b) Wenn Tn der Metabegriff zu Tn−1 ist, dann kann es ohne weiteres einen
Begriff Tn+1 geben, der Metabegriff zu Tn ist. Er bedeutet dann eben “die
Theorie der Theorie ...” usw.
1 vgl. Definition 345
1.4. WICHTIGE BEGRIFFE UND PRINZIPIEN DER LINGUISTIK 7
Abbildung 1.1: Arten von Zeichen
Zeichen(komponente)
©H
©© HH
© H
lexikalisch grammatisch
©©HH
gebunden frei
c) Wir werden in diesem Kurs — wo es zur Disambiguierung nötig ist — die
Objektlesart von Begriffen durch ein tiefgestelltes O und die Metalesart
durch ein tiefgestelltes M kennzeichnen.
Zur Erläuterung der Begriffe eine Aufgabe:
Aufgabe 3 In welcher Lesart sind die unterstrichenen Wörter zu verstehen?
a) Ihr Aufsatz über Semantik und Pragmatik von konzessiven Konjunktionen
hat mir gut gefallen.
b) Wenn man die Philosophie des Geistes wirklich verstehen möchte, muss
man sich mit Philosophie der Biologie befassen.
c) In this chapter we will consider linguistic signs.
1.4.5 Arten von Zeichen
Beispiel 2 Lewis Carroll: Behind the Looking Glass (zitiert nach [65])
Jabberwocky Der Zipperlake
’Twas brillig, and the slithy toves Verdaustig wars, und glasse Wieben
Did gyre and gimble in the wabe; Rotterten gorkicht im Gemank;
All mimsy were the borogoves, Gar elump war der Pluckerwank,
And the morne raths outgrabe. Und die gabben Schweisel frieben.
Abbildung 1.1 zeigt die Arten von Zeichen, die es nach Zaefferer gibt. Dazu
eine Aufgabe:
Aufgabe 4 Welche Zeichen(komponenten) sind in Carrolls Gedicht lexikalisch,
welche grammatisch, welche gebunden, welche frei, welche sind Konfigurationen?
1.4.6 Das Zeichen und sein Kontext
Manche Leute gebrauchen Kontext und Äußerungssituation synonym. Wir de-
finieren diese Begriffe für diesen Kurs wie folgt:
Definition 20 Kontext eines Zeichenvorkommnisses Z. Die sprachliche
Umgebung von Z; (in geschriebener Sprache:) das, was links und rechts von Z
steht; in mündlicher Sprache: das, was zeitlich vor und nach Z kommt).
Definition 21 Äußerungssituation eines Zeichenvorkommnisses Z.
Der Kontext von Z zusammen mit der nichtsprachlichen Umgebung von Z.
8 KAPITEL 1. LINGUISTIK
Abbildung 1.2: Syntagmatische vs. paradigmatische Beziehungen
6
Auf der Wiese saß ein Vogel
paradig-
Am Bach lag Fritz
matische
Im Hörsaal sprach der Professor
Beziehungen
....... ....... ...... .............
-
syntagmatische Beziehungen
Von Äußerungssituationen werden wir erst wieder am Ende dieses Kurses
sprechen. Mit dem Begriff des Kontexts eng zusammen hängt der Begriff der
Distribution:
Definition 22 Distribution eines Zeichens Z. Verteilung eines Zei-
chens Z. Die Menge der Kontexte, in denen Z vorkommt.
Definition 23 Paradigma1 eines Zeichens Z (im seinem Kontext K).
Die Menge der Zeichen Z 0 , so dass gilt: Z kann (in K) durch Z 0 ersetzt werden.
Meistens spricht man nicht vom Paradigma1 von Z, sondern von den para-
digmatischen Beziehungen von Z. Das Gegenteil von paradigmatischen Bezie-
hungen sind syntagmatische Beziehungen.
Definition 24 paradigmatische Beziehungen eines Zeichens Z. Bezie-
hungen von Z zu Zeichen aus seinem Paradigma1 .
Definition 25 syntagmatische Beziehungen eines Zeichens Z. Bezie-
hungen von Z zu Zeichen aus seinem (möglichen) Kontext.
Definition 26 Syntagma. Folge von sprachlichen Zeichen.
Definition 27 Paradigma2 eines Wortes W . Die Menge aller morpho-
syntaktischen Ausprägungen von W . Ausschnitt aus einem Paradigma2 : ich,
meiner, mir, mich ; du, deiner, dir, dich; ... (Vgl. auch Beispiele 3)
1.4.7 Wohlgeformtheit
Eigentlich ist die obige Definition von Paradigmen1 nicht besonders gut: Was
soll das kann in “Z kann (in K) durch Z 0 ersetzt werden”bedeuten? Vgl.:
Beispiele 3 Paradigma1 .
a) Eigentlich ist die obige Definition nicht besonders gut.
b) *Eigentlich ist die obige Definition nicht besonders ist.
1.4. WICHTIGE BEGRIFFE UND PRINZIPIEN DER LINGUISTIK 9
In b) wurde gut durch ist ersetzt. Doch b) ist im Gegensatz zu a) kein
wohlgeformter Satz des Deutschen. Er wurde deswegen — gemäß linguistischer
Konvention — mit einem Stern versehen. Wir revidieren unsere Definition des
Begriffes Paradigma1 :
Definition 28 Paradigma1 eines Zeichens Z in einem wohlgeformten
Syntagma S. Die Menge der Zeichen Z 0 , so dass gilt: Z kann durch Z 0 ersetzt
werden, ohne dass S dadurch seine Wohlgeformtheit verliert.
Definition 29 Wohlgeformtheit. Ein sprachlicher Ausdruck A aus einer
Sprache L heißt wohlgeformt, wenn er (laut den Intuitionen der Sprecher von
L) ein gültiger Ausdruck von L ist.
So wie wir verschiedene Aspekte von Zeichen getrennt betrachten können,
nehmen wir auch verschiedene Aspekte der Wohlgeformtheit an Zeichen wahr.
Sätze können hinsichtlich ihrer Bedeutung sehr merkwürdig sein und dennoch
Grammatizität, d.h. grammatische Wohlgeformtheit aufweisen. Der berühmte-
ste grammatische (und dabei unsinnige) Satz stammt von Noam Chomsky: Er
wollte mit ihm seinen Begriff der Grammatizität illustrieren. Vergleiche Choms-
kys Satz a) mit dem ungrammatischen Satz b):
Beispiel 4 Wohlgeformtheit.
a) Colourless green ideas sleep furiously.
b) *Ideas green sleep colourless furiously.
Definition 30 Grammatizität. Syntaktische und morphologische Wohlge-
formtheit.
Anmerkung 7 Noam Chomsky. Chomsky (*1928) ist wohl der einflussreichs-
te Linguist des 20. Jahrhunderts. Er ist der Begründer der Generativen Trans-
formationsgrammatik. Charakteristisch für Chomsky und seine Anhänger sind
u.a. folgende Auffassungen:
a) Man kann (und soll) syntaktische Probleme völlig unabhängig von anderen
linguistischen Problemen betrachten.
b) Es gibt eine angeborene und universelle, d.h. sprachunabhängige syntak-
tische Kompetenz. Ziel der Syntax soll es sein, diese Kompetenz formal zu
beschreiben.
c) Alle natürlichen Sprachen folgen denselben syntaktischen Prinzipien. Un-
terschiede sind auf verschiedene Parameter zurückzuführen.
Wegen c) heißt Chomskys Schule auch Prinzipien- und Parametertheorie.
Zu seinen bedeutendsten Arbeiten gehören Syntactic Structures [9], Apects of
the Theory of Syntax [10] und Lectures on Government and Binding [11]. Neben
Chomskys linguistischen Büchern sind auch seine (linken) gesellschaftskritischen
Schriften weithin bekannt geworden.
10 KAPITEL 1. LINGUISTIK
1.4.8 Synchronie vs. Diachronie
Definition 31 Synchronie vs. Diachronie.
Eine linguistische Untersuchung heißt synchron(isch), wenn sie sich auf den
Zustand einer Sprache zu einem bestimmten Zeitpunkt bezieht. Eine linguisti-
sche Untersuchung, die sich auf die Zustände einer Sprache zu verschiedenen
Zeitpunkten bezieht, nennt man diachron(isch).
1.4.9 Deskriptivität vs. Präskriptivität
Definition 32 Deskriptivität vs. Präskriptivität. Eine Theorie heißt
deskriptiv, wenn sie beschreibt, was der Fall ist. Eine Theorie heißt präskriptiv,
wenn sie vorschreibt, was der Fall sein soll.
Die Linguistik versucht heutzutage deskriptiv zu sein.
1.5 Sprachen
1.5.1 Arten von Typologien
Sprachen lassen sich zunächst nach Gesichtspunkten der einzelnen linguisti-
schen Disziplinen klassifizieren: nach phonetisch-phonologischen, nach morpho-
logischen, nach syntaktischen und im Prinzip auch nach semantischen und prag-
matischen. Wir werden später auf Möglichkeiten der Klassifikation von Sprachen
nach phonologischen, morphologischen und syntaktischen Kriterien zurückkom-
men. (Für die Klassifikation von Sprachen nach semantischen oder pragmati-
schen Kriterien gibt es meines Wissens noch keine unumstrittenen Begriffe.)
Weiterhin lassen sich Sprachen nach genetischen, d.h. Abstammungskriterien
und nach arealen, d.h. Verbreitungskriterien klassifizieren.
Definition 33 genetische Klassifikation von Sprachen. Klassifikation
nach der Abstammung.
Definition 34 areale Klassifikation von Sprachen. Klassifikation nach
der Verbreitung.
1.5.2 Sprachfamilien und Sprachbünde
Definition 35 Sprachfamilie. Klasse von Sprachen mit gemeinsamer Ab-
stammung.
Definition 36 Sprachbund. Klasse von Sprachen, die sich lange gegenseitig
beeinflusst haben, und deswegen Ähnlichkeiten aufweisen (ob sie miteinander
verwandt sind, oder nicht).
Beispiel 5 Sprachbund. (Umstrittenes Standardbeispiel:) Der Balkansprach-
bund: Albanisch, Bulgarisch, Makedonisch, Rumänisch, Moldauisch, Serbokroa-
tisch, Neugriechisch. Gemeinsame Merkmale dieser Sprachen (nach [65]): Mit-
telzungenvokal, suffigierter Artikel, kein Infinitiv.
1.5. SPRACHEN 11
1.5.3 Sprachvarianten
Definition 37 Idiolekt. Für einen bestimmten Sprecher charakteristische
Sprachvariante.
Definition 38 Dialekt. (Frei nach [8, 177]:) Regional gebundene Varian-
te Vm einer Sprache L, die zu allen anderen Varianten Vn (6= Vm ) von L so
große Ähnlichkeit aufweist, dass sich die Sprecher von Vm und Vn gegenseitig
verstehen.
Definition 39 Soziolekt. Für eine bestimmte Gruppe der Gesellschaft cha-
rakteristischer Sprachgebrauch.
Definition 40 Fachsprache. Von einer bestimmten, über ihre Beschäftigung
definierte Gruppe gesprochene Sprachvariante.
Definition 41 Standardsprache. Überregionale, u.U. durch gewisse prä-
skriptive Maßnahmen aktiv stabilisierte Sprachvariante.
1.5.4 Die siebzehn großen Sprachfamilien (Phyla) der Welt
nach Ruhlen
Vergleiche zu den folgenden beiden Abbildungen [50] und [Link]
com/[Link].
Sprachfamilie Sprachen Sprecher Beispiele
1. Khoisan-Sprachen 31 120.000 Nama (Hottentottisch)
2. Niger-Kordofanische 1.164 181 Mio. Swahili, Fula, Igbo,
Sprachen Yoruba, Zulu
3. Nilo-Sahara-Sprachen 138 11 Mio. Massai, Nubisch, Tur-
kana
4. Afroasiatische Sprachen 241 175 Mio. Haussa, Somali, Ara-
bisch, Hebräisch
5. Kaukasische Sprachen 38 5 Mio. Georgisch, Abchasisch,
Lezgi
6. Indo-Hethitische Spra- 144 2 Mia. Armenisch, Hindi-
chen Urdu, Persisch,
Deutsch, Englisch
7. Uralisch-Jukagirische 24 22 Mio. Ungarisch, Finnisch,
Sprachen Estnisch
8. Altaische Sprachen 63 250 Mio. Türkisch, Aserbei-
dschanisch, Korea-
nisch, Japanisch
9. Tschuktschi-Kamtschatka 5 23.000 Tschuktschisch
Sprachen
10. Eskimo-Aleutische Spra- 9 85.000 Grönländisch
chen
11. Elamo-Dravidische Spra- 28 145 Mio. Kannada, Tamil, Ma-
chen layalam
12. Sino-Tibetische Sprachen 258 1 Mia. Mandarin, Tibetisch,
Burmesisch
12 KAPITEL 1. LINGUISTIK
13. Austrische Sprachen 1.175 293 Mio. Laka, Vietnamesisch,
Thailändisch, Tagalog,
Fiji, Hawaiianisch
14. Indopazifische Sprachen 731 2,735 Mio. Kobon, Eipo
15. Australische Sprachen 170 30.000 Walpiri, Dyirbal,
Nunggubuyu
16. Na-Dene-Sprachen 34 202.000 Navajo, Kiowa, Apa-
che, Haida
17. Amerind-Sprachen 583 18 Mio. Dakota, Nahuatl, Que-
chua, Aymara, Gua-
raní
1.5.5 Ausschnitt aus dem Stammbaum der Indo-Hethitischen
Sprachen
6. Indo-Hethitische Sprachen
I. Anatolische Sprachen †Hethitisch
II. Indoeuropäische (indogermanische) Sprachen
A. Armenische Sprachen Armenisch
B. Tocharische Sprachen †Tocharisch A
C. Indoiranische Sprachen
1. Indische Sprachen
a. Sanskritsprachen Sanskrit
b. Zigeunersprachen Romani
c. Singhalesisch-Maledivische Maledivisch
Sprachen
d. Nordindische Sprachen Hindi, Urdu
2. Nuristanische Sprachen Ashkun
3. Iranische Sprachen Persisch
D. Albanische Sprachen Albanisch
E. Griechische Sprachen Griechisch
F. Italische (romanische) Sprachen †Latein, Spanisch
G. Keltische Sprachen †Gälisch
H. Germanische Sprachen
1. Ostgermanische Sprachen
a. Gotische Sprachen †Gotisch
b. Vandalische Sprachen †Vandalisch
c. Burgundische Sprachen †Burdungisch
2. Nordgermanische Sprachen
a. Ostnordgermanische Sprachen Dänisch, Schwedisch
b. Westnordgermanische Sprachen Norwegisch,
Isländisch,
Färöisch
3. Westgermanische Sprachen Deutsch,
Jiddisch,
Luxemburgisch,
Niederländisch,
Afrikaans,
Friesisch,
1.6. AUFGABEN 13
Englisch
I. Balto-Slavische Sprachen
1. Baltische Sprachen Lettisch
2. Slavische Sprachen Russisch
1.6 Aufgaben
Aufgabe 5 Sind die unterstrichenen Wörter gebraucht oder erwähnt? Lässt
sich diese Frage in allen Fällen ohne weiteres beantworten? Falls nein, warum
nicht?
a) Paul behauptet, Lügen sei eine schlimme Sache.
b) Paul behauptet, Lügen sei ein schlimmes Wort.
c) Das letzte Wort dieses Satzes ist obszön.
d) Das letzte Wort dieses Satzes ist wirklich hübsch.
e) Blau hat vier Buchstaben.
f) Blau ist eine Farbe.
g) Blau ist Professor für Logik.
Aufgabe 6 Sind die unterstrichenen Ausdrücke in der Type- oder in der Token-
lesart gemeint? Lässt sich diese Frage in allen Fällen ohne weiteres beantworten?
Falls nein, warum nicht?
a) Das erste a auf dieser Seite ist das schönste.
b) A ist ein schöner Buchstabe.
c) Maria kann mit kyrillischen Buchstaben nichts anfangen.
d) Buchstabe ist ein Nomen.
e) Dieser Satz enthält zweimal das Wort Satz.
Aufgabe 7 Sind die unterstrichenen Wörter in der Meta- oder in der Objekt-
lesart gemeint? Lässt sich diese Frage in allen Fällen ohne weiteres beantworten?
Falls nein, warum nicht?
a) Several linguists attempted to construct a formal linguistic language.
b) We need a formal linguistic language to be able to account for linguistic
phenomena.
c) This is a very interesting linguistic problem.
d) Though he knows a lot, he is not able to express his knowledge linguistically.
e) Paul befasst sich mit der Semantik von Farbadjektiven.
14 KAPITEL 1. LINGUISTIK
f) Pauls Brief zeigt, dass er Probleme mit der deutschen Grammatik hat.
g) Paul interesseiert sich sehr für Probleme der Grammatik.
h) Um Freud zu verstehen, müsste man sich mit seiner Psychologie ausken-
nen.
Aufgabe 8 Zerlege die Sätze a) bis c) aus Aufgabe 7 in Konstituenten und
klassifiziere diese nach 1.4.5 in lexikalische und grammatische Zeichen. Klassi-
fiziere die grammatischen Zeichen in freie und gebundene. (Vernachlässige die
Konfigurationen.)
Aufgabe 9 Denke darüber nach, was man mit Sprachen (natürlichen und künst-
lichen) alles machen kann. Wie müsste man “Bedeutung” definieren, damit un-
sere Definition von “Sprache” befriedigend wäre?
1.7 Bibliographie
1.7.1 Lehrwerke
Adrian Akmajian, Richard A. Demers and Robert M. Harnish. Linguistics. An
Introduction to Language and Communication. MIT Press, Cambridge,
MA, 1984
Renate Bartsch and Theo Vennemann. Grundzüge der Sprachtheorie: Eine lin-
guistische Einführung. Niemeyer, Tübingen, 1982.
Günther Grewendorf, Fritz Hamm and Wolfgang Sternefeld. Sprachliches Wis-
sen. Eine Einführung. Suhrkamp, Frankfurt a.M., 1987.
Guido Ipsen. Linguistics for Beginners.
[Link]
html.
Rosemarie Lühr. Neuhochdeutsch. Eine Einführung in die Sprachwissenschaft.
Wilhelm Fink, München, 1996.
1.7.2 Nachschlagewerke
Summer Institute of Linguistics. Linguistic Glossary.
[Link]
Helmut Glück, editor. Metzler Lexikon Sprache. J.B. Metzler, Stuttgart, 1993.
Hadumod Bußmann, editor. Lexikon der Sprachwissenschaft. Kröner, Stutt-
gart, 1990.
R.E. Asher, editor. The Encyclopedia of Language and Linguistics. Pergamon,
Oxford, 1994.