Themenbereiche:
1. Sitzung: Gegenstand und Grundbegriffe der Morphologie; Klassifizierung der Morpheme;
Abgrenzung von Flexion und Wortbildung; Wortbildung: Typen der Ableitung, Zusammensetzung;
Möglichkeiten der Erweiterung des Wortschatzes (Lexikons)
2. Sitzung: Flexionssystem des Deutschen; Wortartenlehre
Leistungsnachweis:
Hausaufgaben, Prüfungstest
1.1. Morphologie als linguistische Ebene und Disziplin; Gegenstandsbestimmung
1 Begriff „Morphologie“: wird Johann Wolfgang von Goethe geprägt; sie"soll die Lehre von der
Gestalt, der Bildung und Umbildung der organischen Körper enthalten„
2 gr. morphé‚Form, Gestalt‘ + logos
3 Lehre von Gestalten, Formenlehre
4 1859 A. Schleicher: Lehre von sprachlichen Formen
1. Grundlegendes zur Morphologie
-Morphologie ‚Gestaltlehre’, ‚Formlehre’
1. eine Ebene der Sprache;
2. eine sprachwissenschaftliche Teildisziplin
3. die Gesamtheit der morphologischen
Ausdrucksmittel einer Sprache als linguistische Disziplin –Eisenberg (2004: 209)
•„Die Morphologie beschäftigt sich mit dem Aufbau von Wortformen und Wörtern aus kleinsten
›Wortbausteinen‹, sie fragt nach der Kombinatorik von Einheiten wie Stämmen und Affixen, sie leitet
die Bedeutungen komplexer Wörter her und macht verständlich, aufgrund welcher Mechanismen
neue Wörter entstehen.“
•Gegenstände: a) nur Flexionsmorphologie; b) auch Wortbildung, interne Struktur der Wörter,
Beziehungen zwischen Morphemen; c) Wortartenlehre; Schnittstellen: Morphosyntax,
Morphopragmatik, Morphophonologie
Lexikon und Grammatik als Kontinuum
1.2. Grundbegriffe der Morphologie
Morphem und Morph
- Morph (kleinste bedeutungstragende segmentierbare Einheit im Redefluss), Morphem – kleinste
bedeutungstragende Einheit der Sprache (vgl. Phon – Phonem)
Allomorph – konkret realisierte Variante eines Morphems, Allomorphie (vgl. Allophonie)
z.B.:
haus (Haus)
haus- (etwa in Hauses)
häus- (etwa in Häuser, häuslich)
Pluralmarkierung (abstraktes Morphem):
Umlaut; –; -e, -er, -en, -n, -s (+ mit Komposita: Regenfälle aber vgl. Weine)
Affixe
- nach Funktion: Flexive (Inflexionsmorpheme) und Derivationsaffixe:
- nach Stellung:
Präfix,
Suffix,
Zirkumfix (diskontinuierlich; nur: gebildet; Getöse),
Pseudosuffix ein (scheinbar) nicht zum Wortstamm gehörender morphologischer Rest eines Wortes,
der kein Allomorph eines Morphems ist, aber die Form eines Affixes hat wie "-e" in "Möw-e", "Blum-
e";
Infix lat. vi-n-co, ru-m-po (Nasale im Präsens)
Transfix (Arabisch k.t.b – kataba ‚er schrieb’ katib ‚ein Buch’ kutub ‚Bücher’ kitab ‚Schreiber,
geschrieben haben’, maktab ‚Büro’, maktaba ‚Bibliothek’ usw.…)
- Interfix o. Fugenelement: v.a. bei Nominalkomposita auftretende Verbindungselemente, die keine
Bedeutung tragen, sondern prosodische Funktion haben: Kind-er-garten, Herz-ens-Wunsch;
Lösung-s-vorschlag, Hühnerei, Zungenspitze, Freundeskreis => nicht als Flexionsmorphem
analysierbar; – kann auch bedeutungsunterscheidend sein: Wassernot (Wassermangel) vs.
Wassersnot (Überschwemmung); Kindbett (Wochenbett) vs. Kinderbett
Suppletion – eine nichtkonkatenative (nicht segmentierbare) Formbildung, z.B. sein - bin - war
Klitika – z.B. hab‘s
1 - Affixoide (halb grammatikalisiert, zwischen lexikalischen und grammatischen Morphemen;
abstraktere Bedeutung, aus freiem Morphem): Halbpräfix, Halbsuffix, z.B. hochkomplex,
hochmotiviert…; wartungsfrei,glutenfrei; Konfix (reihenbildend, aber keine Entsprechung unter den
freien Morphemen; meist griechisch-lateinische Herkunft); Präkonfixe: Schwieger-, Sozio-, homo-;
Postkonfixe -burger, -gen, -log, -phil…
2 - Unikale Morpheme: fest an ihren Wortkontext gebunden Schorn-stein, Him-beere, Brom-
beere
Spezielle Begriffe und Erscheinungen
5 - Fusion (kumulative Bedeutungsträger) – Markierung mehrerer (grammatischer) Kategorien,
z.B. komm-t –t: Plural, 2. Person
6 - Synkretismus (v.a.: Kasus-, aber auch in der Verbalflexion): dieselbe Form für verschiedene
Funktionen, z.B. –en in kommen – für 1. Ps. Pl. und 3. Ps. Pl. oder –er in schöner (Frau) Dat. und
Gen. Fem.; Synkretismusfelder (Eisenberg 2004: 170)
7 -- Markiertheit vs. Merkmalhaftigkeit; Unmarkiertheit vs. Merkmallosigkeit
8 - Homonyme und polyseme Morpheme
1.3. Der Wortbegriff
Wie vielefarblichhinterlegte Wörter enthalten diese Sätze?
(a) Die Türme der Burg waren schon von weitem zu sehen.
(b)Auf den Türmen wehten bunte Fahnen.
(c) Der eine Turm war vierzig Meter hoch.
(d) Der andere Turm war nur etwa dreißig Meter hoch.
(e) Wir sind auf den Turm geklettert.
(f) Auf dem Turm hatten wir eine prächtige Aussicht.
(g) Die Mauern des Turms bestanden aus dicken Quadern
(a) Siebenmal das Wort Turm.(b)Einmal das Wort Türme, einmal das Wort Türmen, viermal das
Wort Turm ...(c) Zweimal das Wort Turm im Nominativ, einmal das Wort Turm im Dativ ...(d) Einmal
ein Wort mit sechs Buchstaben, zweimal ein Wort mit fünf Buchstaben ...
phonologisches Wort (Akzent, Pause, Gliederungssignale wie Knacklaut)
- orthographisches Wort – zwischen Leerzeichen; aufgrund vs. auf Grund; anbauen vs. baut an
- morphologisches Wort – strukturell stabile, nicht trennbare, minimale freie Einheit, mit der eine
Frage beantwortet werden kann
- syntaktisches Wort – Verschiebbarkeit, Substituierbarkeit (Ersetzbarkeit); laut Duden (2005: 129)
syntaktisches Wort = Textwort, Wortform; Flexionsform (eines Lexems)
„Wortform ist konkret realisierte grammatische Form eines Wortes im Kontext eines Satzes.”
(Bussmann 2002: 754); „parole-Ebene”
„ein Lexem, das so weit mit Merkmalen ausgerüstet ist, dass man damit syntaktische Ausdrücke –
Phrasen und Sätze – bauen kann.“ (Linke et al. 2004: 65);“jede spezifische Ausprägung eines
Wortes“ (ebd. S. 63)
(Linke et al.: Verhältnis zwischen Wortform und syntaktischem Wort: Wortform ist die Ausdrucksseite
des syntaktischen Wortes, vgl. Homonymie)
- lexikalisches Wort (Lexem); laut Duden (2005: 129 f.) = Lexikon-Wort; dahinter steckt eine
Menge von Wortformen; „langue-Ebene“
„Lexeme sind Zusammenfassungen von syntaktischen Wörtern unter Neutralisierung von
bestimmten ihrer Merkmale (wie ‚Kasus und ‚Numerus’ beim Substantiv/Nomen oder ‚Person’,
‚Numerus’, ‚Tempus’ beim Verb)“ (Linke et al. 2004: 64)
Nennform/Zitierform: eine besonders häufige Wortform des betreffenden Lexems (in
Wörterbüchern)
Lexemverband (Wortfamilie): neutral u.a. gegenüber dem Merkmal Wortart; Abstraktion, Lexeme mir
der gleichen Wurzel; z.B. schau-en, an-schau-en, Schau; Nerv, nerv-en, nerv-ös, ge-nerv-t
Paradigma des Lexems Turm
Singular Nominativ (der) Turm (= Nennform des Lexems)Singular Akkusativ (den) TurmSingular
Dativ (dem) TurmSingular Genitiv (des) TurmesPlural Nominativ (die) TürmePlural Akkusativ (die)
TürmePlural Dativ (den) TürmenPlural Genitiv (der) Türme
9 auch in der Korpuslinguistik verwendete Begriffe: Type (im ‚System’ vorhandenes Muster)
und Token (Textwort; einmalig auffindbare Verwendung, Exemplar)
10 => Lexem-Type (o. Lemma-Type), (Wortform-Type: in der Korpuslinguistik), Wortform-Token
11 Wenn hinter Fliegen eine Fliege fliegt, fliegt eine Fliege Fliegen nach.
12 Wortform-Type:
13 Wortform-Token:
14 Lexem:
1.4. Das Lexikon
Lexembestand
•- aktiver Wortschatz, passiver Wortschatz – ein Sprecher ca. 50.000–250.000 Wörter
•- ein routinierter Schreiber benutzt mindestens 10.000 Wörter
•- Gesamtwerk von Storm: gut 20.000, Goethe knapp 100.000
•- passiver WS eines Durchschnittsprechers: mind. 50.000 Wörter
•- ›das Deutsche‹: Grundwortschatz / Kernwortschatz (ohne Ableitungen u. Zusammensetzungen):
(laut Eisenberg): 12.000-15.000 Einheiten (laut Meibauer et al.: 10.000); Rechtschreibwörterbücher:
120.000 Einträge; + Fachwortschätze (sogar sechsstellig, aber international); allgemeiner
Wortschatz: 300.000–400.000
•Grammatiken, Wörterbücher: 150.000–180.000 Wörter
Lexikon – Bedeutungen
•Lexikon1 = Wörterbuch (im herkömmlichen Sinn), das systematisch Auskunft über die Wörter gibt.
•=> Einträge im Lexikon1 nennt man Stichwörter (Lemmata) =>alphabetisch geordnet.
•Lexikon2 = Komponente eines theoretischen Modells der menschlichen Sprachfähigkeit.
•=>Einträge im Lexikon2 nennt man Lexikoneinträge (Informationen zu einem Lexem)
•=>nicht alphabetisch geordnet.
•Lexikon3 = mentales Lexikon => psychische Aspekte der Speicherung und Verarbeitung von
•Lexikoninformationen im menschlichen Gehirn.
•Lexikon4: neuroanatomisches Lexikon; ›Sitz‹ des mentalen Lexikons im Gehirn
2. Typologie des deutschen Morphembestandes
2.1. Interne Wortstruktur
•- Simplizia (das Simplex)
•- komplexe Wörter Stamm/Basis
1. Wurzel/primärer Stamm: eine Basis, die aus einem (lexikalischen) Morphem besteht
2.
2.2. Segmentierung
15 a) linear
16 unfruchtbarkeitsgottheiten
17 NEG FRUCHT??+Adj??+Subst ?? GOTT ??+Subst PLURAL
18 un – frucht – bar – keit – s – gott – heit – en
19 Modifizierung des Morphembegriffs: „Das Morphem ist die kleinste lautliche oder graphische
Einheit mit einer Bedeutung oder grammatischen Funktion“ (Linke et al. 2004: 66)
b) UK-Analyse (Unmittelbare Konstituenten)
Stammbaumdarstellung:
unfruchtbarkeitsgottheiten
unfruchtbarkeitsgottheit en Stamm Flexionssuffix FLEXION
unfruchtbarkeit s gottheit Stamm Stamm KOMPOSITION unfruchtbar keit gott heit Stamm [Link]. Stamm
DerSuff DERIVATION un fruchtbar DerPräf Stamm DERIVATION frucht bar Stamm DerSuff DERIVATION
Klammerdarstellung:
[[[[un[[frucht]bar]]keits][gott]heit]en]
Erklärung von strukturellen Ambiguitäten (= mehrere Lesarten):
Stadtautofahrerin N N Naf N N N N V Naf Stadt auto fahr er in N N Naf N N N N V Naf Stadt auto
fahr er in
2.3. Morphemtypologisierung
20 a) Freiheit/Gebundenheit
21 freie Morpheme: Morpheme, die als eigenständige Wortform auftreten können (frucht, gott) –
nicht nötig!
22
23 gebundene Morpheme: treten nie als selbstständige Wortform, sondern immer nur
zusammen mit anderen Morphemen in einer Wortform; z.B. -bar, -heit
24
25 b) nach Bedeutung: lexikalische (Grund-, Kern-, Basis- Wurzel-) Morpheme: Bedeutung im
engeren Sinne; „sie referieren auf Außersprachliches“
26 [Bemerkungen: 1. referieren kann eigentlich nur der Sprecher; 2. Bedeutung ≠ Referenz]
27
28 grammatische Morpheme: innersprachliche/grammatische Bedeutung; z.B.
Flexionsmorpheme wie Kasus- Numerus..-Morpheme; Derivationsmorpheme
29 - Korrelation mit Autosemantika vs. Synsemantika; + Deiktika
30 - Wurzel (repräsentiert durch ein lexikalisches Morph, Simplex) vs. Stamm (auch komplexe
Wörter)
frei gebunden
lexikalisch Basismorpheme: Stämme:
Tisch, Kind, rot geh-, schreib-, Sprach-
grammatisch
Funktionswörter: Flexionsmorpheme: -en, -st, -n
von, denn, der
Deiktika:
ich, hier, jetzt Wortbildungsmorpheme:
-schaft, ver-, -bar
Knipf-Komlósi (2000: 33)
31 - das Nullmorphem
32 a) ergibt sich aus „Strukturzwang“: leg-Ø-e vs. leg-t-e (Sg. vs. Pl.); Haus- Ø vs. Haus-es;
„theoretische Stipulation“ (‚Vereinbarung’)
33 b) Unmarkiertheit (bzw. Merkmallosigkeit) z.B. Tisch vs. Tisch-e, Tisch-e-n; (ich) lag, (er)
lag (Nichtadressat, unmarkiert) vs. lag-st (Adressat, markiert); typologisch: oft der Nominativ, der
Indikativ, das Präsens, die 1. oder 3. Ps., das Singular
34 (Tisch – asztal aber Tische, asztalok, asztalt; lát aber látott, látok, látnék usw.)
Wortbildung und Flexion: zur Abgrenzung
Als Flexion bezeichnet man die Bildung der einzelnen Wortformen (= Flexionsformen) eines
bestimmten Lexems. Im Wörterbuch bilden Flexionsformen gewöhnlich keine eigenen Einträge.
(Manchmal wird von einer ganz unregelmäßigen Verbform wie wäre auf den Infinitiv verwiesen.)
(Typen: Konjugation, Deklination, Komparation)
– Zur Wortbildung (oder Lexembildung) gehören alle Veränderungen, mit denen man neue Lexeme
bildet. Im Wörterbuch sind alle Wortbildungsprodukte natürliche Kandidaten für eigene Einträge.
Beispiel:Flexion: finden → (ich) finde, (du) findest, (er/sie) findet, (er/sie) fand, gefunden
Wortbildung: finden → der Fund (→ fündig, Fundgrube), findig (→ Findigkeit),erfinden (→ Erfindung,
erfinderisch), befinden
Flexionsmittel/Flexive
(i)Flexionssuffixder Tag → des Tages, die Tage
(ii)Flexionspräfix(beiVerben)fahren → gefahren; rufen → gerufen
(iii)innere Abwandlung:Ablaut: sprechen → (ich) sprach; laufen → (ich) liefUmlaut: (der) Nagel →
(die) Nägel; (die) Tochter → (die) Töchter
(iv)ÄnderungenbeidenKonsonantenbring-en → ich brach-te; denken → (ich) dach-tehoch → höh-er;
nah → (am) näch-stender Atlas → die Atlant-en
(v)Suppletionsein → (ich) wargut → bess-er
(vi) Kombinationvon diesender Storch → die Störche; lang → länger; finden → (du) fandest; rufen →
(sie) riefen; sprechen → gesprochen; treiben → getrieben; stellen → gestellt; tragen → getragen;
Kind + -er (Plural) + -n (Dativ Plural) → den Kind-er-n
(vii) Formgeichheit; Synkretismus(der) Balken → (die) Balken; (das) Muster → (die) Muster
Wortbildungsmittel
– Suffixe in der Wortbildung (Wortbildungssuffixe)Fenster → Fensterchen; dunkel → Dunkelheit;
sprechen → Sprecher;Sprecher → Sprecherin– Präfixe in der Wortbildung
(Wortbildungspräfixe)schreien → Geschrei; trauen → misstrauen; klar → unklar; alt → uralt
– Innere Abwandlung in der Wortbildungsprechen → Spruch; stechen → Stich– Kombination
mehrerer VerfahrenFigur → figürlich; Motor → Motörchen; tosen → Getöse– Keine sichtbare
Veränderung (Konversion)blau → das Blau; stau(en) → der Stau–nurin derWortbildung: Bildungvon
Kurzwörtern(der) Akkumulator → (der) Akku; der Sozialdemokrat → (der) Sozi;(der) Technische
Fberwachungsverein → (der) TFV
Flexion vs. Derivation
Flexion
35 klassenerhaltend
36 begriffserhaltend
37 syntaktisch relevant
38 obligatorisch
39 nicht durch Simplex ersetzbar
40 semantisch regelmäßig
41 relativ abstrakte Bedeutung
42 wird am Wortrand realisiert
43 kumulative Realisierung möglich
44 unbegrenzt anwendbar
45 nicht iterierbar
Derivation
3 potentiell klassenverändernd
4 begriffsverändernd
5 nicht syntaktisch relevant
6 optional
7 durch Simplex ersetzbar
8 semantisch weniger regelmäßig
9 relativ konkrete Bedeutung
10 nahe an der Basis realisiert
11 keine kumulative Realisierung
12 begrenzt anwendbar
13 iterierbar