PartDiffGleich Skript
PartDiffGleich Skript
Stuttgart
Partielle Differentialgleichungen
Vorlesung im Wintersemester 2005/2006
Prof. Dr. Anna-Margarete Sändig
Vorlesungsskript 2005/xxx
Universität Stuttgart
Partielle Differentialgleichungen
Vorlesung im Wintersemester 2005/2006
Prof. Dr. Anna-Margarete Sändig
Vorlesungsskript 2005/xxx
Institut fur
¨ Angewandte Analysis und Numerische Simulation (IANS)
¨ Mathematik und Physik
Fakultat
Fachbereich Mathematik
Pfaffenwaldring 57
D-70 569 Stuttgart
E-Mail: ians-preprints@[Link]
WWW: [Link]
ISSN 1611-4176
Einführende Begriffe 9
1 Mathematische Modellierung 15
1.1 Modellierung von Fließ- und Transportvorgängen . . . . . . . . . . . . . . . . 15
1.2 Modellierung von Diffusionsprozessen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20
1.3 Modellierung von Schwingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23
1.4 Modellierung von stationären Prozessen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
1.5 Anfangs- und Randbedingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26
1.6 Korrekt gestellte Probleme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29
4 Schwache Lösungen 79
4.1 Schwache Ableitungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79
4.2 Stationäre Randwertprobleme und ihre schwache Formulierung . . . . . . . . 87
4.3 Bilinearformen und Lax-Milgram Lemma . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88
4.3.1 Fortsetzung vom Rand ins Gebiet . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96
4.4 Allgemeine Randwertprobleme für die Poissongleichung . . . . . . . . . . . . 97
4.5 Anfangs- Randwertprobleme und ihre schwache Lösung . . . . . . . . . . . . 104
5
6 INHALTSVERZEICHNIS
• Was ist über die Lösbarkeit (Existenz und Eindeutigkeit) einiger Klassen von partiel-
len Differentialgleichungen bekannt? Analysis
• Was versteht man unter schwachen Lösungen? Analysis mit numerischen Aspekten
Zunächst wird gezeigt, wie man in Zeit und Raum ablaufende Prozesse in Form von parti-
ellen Differentialgleichungen bzw. Systemen partieller Differentialgleichungen mit Rand-
und Anfangsbedingungen mathematisch modelliert. Dies soll durch Beispiele, wie Mo-
dellierung von Fließ- und Transportvorgängen, Verformungen, Diffusionen und Wellen il-
lustriert werden. Um die partiellen Differentialgleichungen systematisch untersuchen zu
können wird eine Klassifizierung (Ordnung und Typ, linear und nichtlinear) vorgenom-
men. Wir beginnen mit dem Lösen von partiellen Differentialgleichungen erster Ordnung
mit Hilfe der Charakteristikenmethode und beschreiben schwache L ösungen. Danach wer-
den lineare Differentialgleichungen zweiter Ordnung behandelt. Dabei konzentrieren wir
uns auf typische Beispiele: Randwertprobleme für die Poissongleichung (elliptische Glei-
chung) und Rand-Anfangswertprobleme
für eine Wellengleichung (hyperbolische
Gleichung) sowie für die Wärmeleitungsgleichung (parabolische Gleichung). Am Ende der
Vorlesung werden so genannte schwache Formulierungen von Differentialgleichungen zwei-
ter Ordnung hergeleitet. Diese sind grundlegend, um mit Hilfe von Galerkinverfahren (z.B.
Finite-Elemente-Methoden) die entsprechenden Probleme numerisch l ösen zu können.
7
Einführende Begriffe
Bei der mathematischen Modellierung von in Raum und Zeit ablaufenden Prozessen wer-
den häufig partielle Differentialgleichungen hergeleitet. In diesen Gleichungen bzw. Glei-
chungssystemen treten unbekannte Funktionen von zwei und mehr Variablen und ihre par-
tiellen Ableitungen auf.
Die Funktion
k k−1
F : Rn × Rn × · · · × Rn × R × Ω −→ R.
ist gegeben (die Reihenfolge der Differentationen wird berücksichtigt) und
u : Ω −→ R
ist die Unbekannte.
Die Lösungsmenge ist i.a. sehr reichhaltig und wird häufig durch Randbedingungen bzw.
Anfangsbedingungen eingeschränkt.
Definition 2
(i) Die partielle Differentialgleichung (1) ist linear, falls sie die Gestalt
X
aα (x)D α u = f (x) (4)
|α|≤k
hat, wobei die Koeffizienten aα (x) gegebene Funktionen sind. Ist f (x) = 0, so spricht man
von einer homogenen Gleichung.
(ii) Sie heißt semilinear, falls sie in der Form
X
aα (x)D α u + a0 (∇k−1 u, ..., ∇u, u, x) = 0 (5)
|α|=k
gegeben ist.
9
10 Einführende Begriffe
beschrieben wird.
(iv) Die Gleichung (1) ist stark nichtlinear, falls sie nichtlinear bis zu den höchsten Ableitungen
ist.
Definition 3 Ein System von m partiellen Differentialgleichungen k-ter Ordnung hat die Gestalt
wobei
k k−1
F : Rmn × Rmn × ... × Rmn × Rm × Ω → Rm .
Systeme können auch aus weniger oder mehr als m Gleichungen bestehen. Die Definition 2
klassifiziert in entsprechender Weise auch Systeme von partiellen Differentialgleichungen.
Charakteristisch für partielle Differentialgleichungen ist, dass es keine einheitliche allge-
meine Theorie gibt, die Existenz und Eindeutigkeit der L ösungen in geeigneten Funktio-
nenräumen beschreibt. Daher konzentriert man sich zumeist auf partielle Differentialglei-
chungen, die eine Rolle in Anwendungen spielen. Wir f ühren im Folgenden eine Reihe von
Beispielen an, um zunächst verschiedene grundlegende partielle Differentialgleichungen
kennenzulernen. Woher sie kommen wird exemplarisch im n ächsten Kapitel ausgeführt.
Einführende Begriffe 11
Skalare Gleichungen
(i) Laplace- und Poissongleichung
n
X n
X
∂2u
∆u = = uxi xi = 0, (8)
i=1
∂x2i i=1
Xn
∂2u
−∆u = = f. (9)
i=1
∂x2i
Hier ist die Unbekannte u = u(x) z.B. ein Potential, eine (station äre) Temperatur, eine
Konzentration oder ein Druck. (8) und (9) sind lineare partielle Differentialgleichun-
gen zweiter Ordnung.
(ii) Wärmeleitungsgleichung
∂u
− a2 ∆u = f. (10)
∂t
Die Unbekannte u = u(x, t) hängt vom Ort x und der Zeit t ab. Sie beschreibt z.B.
die Temperatur bzw. die Konzentration von Substanzen. a 2 = cρ k
ist eine Konstan-
te, wobei ρ die Massendichte, c die spezifische Wärme und k die Wärmeleitfähigkeit
bezeichnen.
(iii) Wellengleichung
∂2u
− c2 ∆u = f. (11)
∂t2
u = u(x, t) beschreibt die Auslenkung eines Stabes (n = 1), einer Membran (n = 2)
bzw. die Ausbreitung von Schall oder elektromagnetischen Wellen (n = 3); c bezeich-
net die Wellenausbreitungsgeschwindigkeit.
(iv) Helmholtzgleichung
f0
∆u0 + k 2 u0 = − = f. (12)
a2
Man erhält sie aus der Wellengleichung, in dem man f (x, t) = f0 (x)eiωt annimmt und
periodische Lösungen der Form u(x, t) = u0 (x)eiωt sucht. (Übung!)
∂u ~2
i~ + ∆u = 0, (13)
∂t 2m
wobei u = u(x, t) die Wellenfunktion eines Quantenpartikels der Masse m ist und ~
die Plancksche Konstante bezeichnet.
f
∆2 u = . (14)
D
u = u(x) bezeichnet die Durchbiegung, D die Dicke der Platte.
12 Einführende Begriffe
(vii) Transportgleichung
∂ρ
+ div(ρv) = 0.
∂t
Hier ist ρ = ρ(x, t) die Dichte, v = v(x, t) das Geschwindigkeitsfeld. Entweder muss
v bekannt oder als Funktion der Dichte gegeben sein.
(viii) Konvektion-Diffusionsgleichungen
∂u
+ v · grad u = k∆u.
∂t
u = u(x, t) bezeichnet
Pn die Konzentration eines Stoffes, v = v(x, t) die Geschwindig-
keit, a · b = i=1 ai bi ist das Skalarprodukt im n-dimensionalen Euklidischen Raum.
Systeme
(i) Lamé-Gleichungen (lineare Elastizität)
Lu = µ∆u + (λ + µ)∇(div u) = −f .
∂2u
− Lu = f .
∂t2
Die Felder u = u(x, t) beschreiben elastische Wellen, L ist in (i) definiert.
(iii) Stokes-Gleichungen
−ν∆u + grad p = f ,
div u = 0.
Hier ist u = u(x, t) die Geschwindigkeit einer kompressiblen Str ömung, p bezeichnet
den Druck, ν ist der Viskositätsparameter.
(iv) Maxwell-Gleichungen
Nichtlineare Gleichungen
(i) Nichtlineare Poissongleichung
−∆u = f (u).
(ii) p-Laplace-Gleichung
ut + div f (u) = 0.
ut + u ux = 0.
(vi) Reaktions-Diffusions-Gleichung
ut − ∆u = f (u).
Nichtlineare Systeme
(i) Euler Gleichungen für inkompressible Flüsse
ut + u> ∇u = −∇p ,
div u = 0.
p bezeichnet das Druckfeld, u das vektorielle Geschwindigkeitsfeld und ν ist der Vis-
kositätsparameter.
Kapitel 1
Mathematische Modellierung
In diesem Kapitel untersuchen wir, wie Fließ- und Transportvorg änge, Diffusionen, Wellen
und einige stationäre Prozesse mathematisch modelliert werden, d.h. woher die entspre-
chenden partiellen Differentialgleichungen mit Rand- bzw. Anfangsbedingungen kommen.
Wir betrachten die Strömung einer Flüssigkeit oder eines Gases, d.h. eines Fluids. Wir neh-
men an, das Fluid sei ein 3-dimensionales Kontinuum, das eine offene Teilmenge Ω ⊆ R 3
füllt. Jeder Punkt x ∈ Ω ist ein infinitesimales Teilchen des Fluids. In der Physik wird ein
reales Fluid als endliche Menge von Molekülen beschrieben. Die Strömungsbewegungen
der Teilchen im Kontinuumsmodell (makroskopische Skala) sind zwar verschieden von
den Molekülbewegungen in einem Fluid (mikroskopische Skala), erfassen jedoch sehr gut
vielfältige Strömungsphänomene.
Um eine mathematische Beschreibung der Teilchenbewegung vornehmen zu k önnen, be-
nötigen wir eine Zeitvariable t ∈ R+ := {t ∈ R : t ≥ 0} und Ortskoordinaten
x = (x1 , x2 , x3 ) bezüglich einer orthogonalen Basis.
Wir beschreiben die Bewegung durch eine Abbildung
φ : R+ × R3 → R3 ,
φ(t, x) = y,
φ(0, x) = x.
Für festes t sei φt (·) = φ(t, ·)|t f est : R3 → R3 eine eineindeutige Abbildung; siehe Abbil-
dung 1.1.
φ(t, ·)
PSfrag replacements
Ω(0) Ω(t)
15
16 KAPITEL 1. MATHEMATISCHE MODELLIERUNG
eine Kurve:
φx (t) = y(t).
Diese Kurve wird als Bahnkurve oder Trajektorie des Teilchens bezeichnet, das zum Zeit-
punkt t0 = 0 am Ort x war; siehe Abbildung 1.2.
y
6
xq
- t
Definition 4
∂ dy
v(t, φx (t)) = v(t, y(t)) = φ(t, x) = (t)
∂t dt
bezeichnet das Geschwindigkeitsfeld des Teilchens x, das sich zum Zeitpunkt t am Ort y(t) befindet.
Ist v(t, y) bekannt, dann können die Bahnkurven als Lösung eines Systems von gewöhnli-
chen Differentialgleichungen mit Anfangsbedingungen berechnet werden:
dy(t)
= v(t, y),
dt
y(0) = x.
Beispiel: Es sei
ty1
v(t, y) = y2 .
0
dy1
= ty1 ,
dt
dy2
= y2 ,
dt
dy3
= 0, y(0) = x.
dt
1 2
Die Lösung lautet y(t) = (x1 e 2 t , x2 et , x3 ).
1.1. MODELLIERUNG VON FLIESS- UND TRANSPORTVORGÄNGEN 17
Um nun eine partielle Differentialgleichung für den Fluss bzw. Transport herzuleiten, grei-
fen wir auf den Massenerhaltungssatz zurück. Wir betrachten eine stetige Dichtefunktion ρ
(Massendichte) in den Koordinaten: ρ = ρ(t, y(t)) = ρ(t, y) der aktuellen Konfiguration.
Zum Zeitpunkt t = 0 betrachten wir ein Kontrollvolumen Ω(0). Ω(t) sei das weiterge-
strömte Kontrollvolumen zum Zeitpunkt t ∈ R+ .
d.h.
Z
d
ρ(t, y)dy = 0 (1.2)
dt
Ω(t)
ist.
d
F (t, x) = F (t, x)divv.
dt
Daher wird
Z Z · ¸
d ∂ρ
ρ(t, y)dy = + ∇y ρ · v + ρ∇y · v F (t, x)dx
dt ∂t
Ω(t) Ω(0)
Z µ ¶
∂ρ
= + ∇y · (ρv) dy
∂t
Ω(t)
Z µ ¶
∂ρ
= + div(ρv) dy.
∂t
Ω(t)
Folgerung
Falls der Integrand stetig ist, erhält man aus der Tatsache, dass das Reynoldsche Transport-
theorem für beliebige Volumina Ω(t) gilt,
∂ρ
+ div(ρv) = 0. (1.3)
∂t
Diese partielle Differentialgleichung [Link] bezeichnet man als Kontinuit ätsgleichung,
sie ist eine Erhaltungsgleichung in Divergenzform. Um die Differentialgleichung zu l ösen,
muss die Geschwindigkeit v bekannt, bzw. als Funktion der Dichte gegeben sein.
Bemerkung
Im Folgenden ändern wir die Bezeichnung, y wird durch x ersetzt, um mit den in der
Literatur häufig benutzten Variablen konform zu sein.
1.1. MODELLIERUNG VON FLIESS- UND TRANSPORTVORGÄNGEN 19
Beispiele
1. Lineare Advektionsgleichung
Es sei v(x, t) = a = const. Dann ist
∂ρ ∂ρ
+ div(aρ) = + a · ∇x ρ = 0. (1.4)
∂t ∂t
Für x = x1 (eindimensionaler Ort) erhalten wir
∂ρ ∂ρ
+a = 0.
∂t ∂x
Fügen wir das Anfangsdatum ρ(x, 0) = ρ0 (x) hinzu, dann ist die Lösung
v = v(ρ(x, t)).
∂ρ ∂ ρ2 ∂ρ ∂ρ
+ = +ρ = 0.
∂t ∂x 2 ∂t ∂x
Diese nichtlineare Differentialgleichung heißt Burgers Gleichung.
Sollen noch viskose Effekte erfasst werden, so erhält man [2]
∂ρ ∂ρ ∂2ρ
+ρ − ν 2 = 0, ν>0 Viskositätsparameter.
∂t ∂x ∂x
3. Verkehrsströmung
Sei ρ = ρ(x, t) die lokale Autodichte auf einer einspurigen Straße (x = x 1 ) und v die
Geschwindigkeit. Es sei 0 ≤ ρ ≤ ρmax , wobei ρmax die maximale Dichte (Stoßstange
an Stoßstange) bezeichne. Da die Autos erhalten bleiben, muss die Erhaltungsglei-
chung
∂ρ ∂
+ (ρv) = 0
∂t ∂x
gelten. Wir nehmen an, dass v = v(ρ) ist. Bei ρ = 0 (leere Straße) m öchte man mit
der maximalen Geschwindigkeit vmax fahren, je größer ρ ist, desto kleiner muss die
Geschwindigkeit sein
ρ
v = v(ρ) = vmax (1 − ).
ρmax
Damit erhalten wir
· µ ¶¸
∂ρ ∂ ρ
+ ρvmax 1 − = 0.
∂t ∂x ρmax
20 KAPITEL 1. MATHEMATISCHE MODELLIERUNG
Bemerkung
Eine allgemeinere Formulierung von Systemen von Erhaltungsgleichungen wird durch fol-
gende Definition gegeben.
Der Vektor u(x, t) = (u1 (x, t), ..., um (x, t))> , mit
u : Rn × Rt 3 (x, t) → u(x, t) ∈ S ⊂ Rm
ist die gesuchte Lösung; die Elemente aus S heißen Zustände.
Die Abbildungen f i : S 3 u(x, t) → f i (u(x, t)), i = 1, ..., n, sind Flussfunktionen.
Die Bewegung des Farbstoffes innerhalb des Intervalls (x 0 , x1 ) kann folgendermaßen be-
schrieben werden: Es sei m(t, x) die Farbstoffmasse zum Zeitpunkt t und am Ort x. Die
Gesamtmasse der Teilchen über dem Intervall (x0 , x1 ) bezeichnen wir mit m(t, (x0 , x1 )).
Es ist
Zx1
m(t, (x0 , x1 )) = c u(t, x) dx ,
x0
Sei q die Stromdichte, d.h. die transportierte Masse pro Zeiteinheit. Ein Zusammenhang
zwischen der Massenänderung pro Zeit, der Stromdichte und dem Konzentrationsgef älle
im Intervall (x0 , x1 ) liefert das 1. Ficksche Gesetz:
1.2. MODELLIERUNG VON DIFFUSIONSPROZESSEN 21
1. Ficksches Gesetz
Es gibt eine Proportionalitätskonstante (Diffusionskonstante) k, so dass für die Stromdichte
q die Beziehungen
Zx1
1 dm ∂u
(t, (x0 , x1 )) = (t, x) dx = −q(t, x1 ) + q(t, x0 ) (1.5)
c dt ∂t
x0
und
∂u(t, x)
q(t, x) = −k (1.6)
∂x
gelten. Setzen wir (1.5) in (1.6) ein, dann erhalten wir
Zx1
∂u ∂u(t, x1 ) ∂u(t, x0 )
(t, x) dx = k −k
∂t ∂x ∂x
x0
Zx1
∂ 2 u(t, x)
= k dx . (1.7)
∂x2
x0
Da die Integrationsgrenzen x0 und x1 beliebig sind, folgt aus (1.7) die Differentialgleichung
∂u ∂2u
=k 2. (1.8)
∂t ∂x
(1.8) wird auch als 2. Ficksches Gesetz bezeichnet.
Sei Ω0 eine beliebige Teilmenge eines Gebietes Ω (für n = 1 war Ω0 = (x0 , x1 )). Es ist
Z
m(t, Ω0 ) = m(t) = c u(x, t)dx
Ω0
und
Z
1 dm(t)
= ut (x, t)dx.
c dt
Ω0
PSfrag replacements Ω0
n
Der Farbstoff diffundiert von Bereichen höherer Konzentration zu Bereichen niederer Kon-
zentration. Die Diffusion erfolgt über den Rand ∂Ω0 in Normalenrichtung n (siehe Abbil-
dung 1.4) und kann mit Hilfe der Stromdichte q ausgedrückt werden
22 KAPITEL 1. MATHEMATISCHE MODELLIERUNG
Z Z
ut (x, t)dx = − q · n dσ.
Ω0 ∂Ω0
q = −k∇u,
Sind Quellen (hineinfließen) oder Senken (hinausfließen) des Farbstoffes vorhanden, be-
schrieben durch die Quelldichten f (x, t), dann ergibt sich die inhomogene Diffusionsglei-
chung
ut − k∆u = f (x, t).
Wärmeleitungsgleichung
Die Wärmeleitungsgleichung hat eine ähnliche Gestalt wie die Diffusionsgleichung. Sei
u(x, t) die Temperatur, H(t) die gesamte Wärmemenge eines Bereiches Ω0 ⊂ Ω (gemessen
in Kalorien), dann gilt
Z
H(t) = cρu dx,
Ω0
wobei c die spezifische Wärme und ρ die Dichte (Masse pro Volumeneinheit) ist. Es gilt
Z
dH(t)
= cρut dx.
dt
Ω0
Nach dem Fourierschen Gesetz (vorher Ficksches Gesetz) fließt die W ärme von wärmeren
zu kälteren Bereichen proportional zum Temperaturgradienten:
q = Wärmestromdichte = −k grad u.
Die Wärmeleitfähigkeit hängt i.a. von u ab; k = k(u). In Ω0 kann keine Wärme verloren
gehen, sie tritt nur über den Rand ∂Ω0 aus. Die Änderung der Wärmemenge ist deshalb
Z Z
dH(t)
=− q · n dσ = k∇u · n dσ,
dt
∂Ω0 ∂Ω0
1.3. MODELLIERUNG VON SCHWINGUNGEN 23
und damit
cρut = div(k(u)∇u).
Ist k = const, erhalten wir wieder die Diffusionsgleichung:
k
ut = ∆u. (1.9)
cρ
Konvektion-Diffusions Gleichung
Tritt ein Transport und eine Diffusion eines Stoffes in einer Fl üssigkeit auf (z.B. Schadstoff
im Grundwasser), dann genügt die Konzentration u(x, t) einer Differentialgleichung
∂u
+ v · grad u = k∆u. (1.10)
∂t
Der Transport wird durch die Gleichung (1.3)
∂u
+ div(uv) = 0
∂t
beschrieben. Da für die skalare Größe u
div(u v) = u div v + grad u · v
gilt und unter der Annahme, dass div v = 0 ist (inkompressible Stoffe), erhalten wir die
linke Seite der Gleichung (1.10). Die Bilanzgleichung (1.10) bezieht die Diffusion (Ficksches
Gesetz) mit ein.
Reaktion-Diffusions Gleichungen
Bei der Modellierung chemischer Reaktionen treten Systeme partieller Differentialgleichun-
gen auf, z.B. [1]
ut = ∆u − φ2 R(u, v),
vt = ∆v + βR(u, v),
wobei u die Stoffkonzentration, v die Temperatur, R die Reaktionsgeschwindigkeit (be-
kannt) und φ, β Konstanten sind.
Elastische Schwingungen
Wir betrachten einen Körper Ω = Ω(0) ⊂ Rn , n = 1, 2, 3, der durch eine Abbildung
~ : Ω(0) × (t0 , T ) ⊂ Rn × R+ → Rn
ϕ
abgebildet wird. Im aktuellen Gebiet Ω(t) wirken auf den K örper Volumenkräfte F , die
durch stetige vektorwertige Dichtefunktionen f beschrieben werden k önnen:
Z
F (Ω(t), t) = f (y, t) dy .
Ω(t)
dy(t)
v(y, t) = , y(t) = ϕ(x, t)
dt
ist. Um ein Gleichgewicht zwischen den angreifenden Kr äften und der zeitlichen Impulsände-
rung ausdrücken zu können, wurde das folgende Axiom aufgestellt:
Gleichgewicht liegt vor, falls ein Spannungsvektor t = t(y, t, n) existiert, so dass
Z Z
d
l(ω(t), t) = f (y, t) dy + t(y, t, n) dσ (1.12)
dt
ω(t) ∂ω(t)
für alle Kontrollvolumina ω(t) ⊂ Ω(t) gilt. Man kann beweisen, dass t(y, t, n) = T (y, t)n
dargestellt werden kann, wobei n der äußere Normalenvektor an die Oberfläche ∂ω(t) ist,
T ist eine n × n Matrix. Unter der Voraussetzung, dass das Massenerhaltungsgesetz gilt,
kann man (1.12) berechnen. Hierbei wird das Reynolds’sche Transporttheorem und der
Divergenzsatz angewandt. Man erhält eine Gleichung für das Kräftegleichgewicht:
Links tritt die Beschleunigung auf, %v̇ ist die Trägheitskraft, rechts steht eine rücktreibende
Kraft, div T und die äußere Anregung f . Die n × n Matrix kann bei elastischen K örpern für
kleine Schwingungen ausgedrückt werden:
∆u = −f (x).
Beispiele
1. Bei einer stationären Strömung einer inkompressiblen Flüssigkeit ist
divv = 0.
∆u = 0.
2. Für die elektrische Feldstärke E eines durch eine elektrostatische Ladung mit der
Dichte ρ erzeugten Feldes gilt nach dem Coulombschen Gesetz
ρ
divE = (ε − Dielektrizitätskonstante).
ε
Falls E wirbelfrei ist, existiert ein elektrostatisches Potential, so dass E = −gradu und
ρ4π
div gradu = ∆u = −
ε
ist.
∆u = −ρc,
Helmholtz-Gleichung
Die stationäre Gleichung
∆u + k 2 u = 0
mit periodischer Störung, der Frequenz ω und der Amplitude f0 (x), so erhält man durch
den Ansatz
w(x, t) = u(x)eiωt
die Helmholtz-Gleichung
f0 (x) ω2
∆u + k 2 u = − , k2 = .
a2 a2
Anfangsbedingungen
Definition 7 Eine Anfangsbedingung legt den physikalischen Zustand eines Prozesses zu einem
bestimmten Zeitpunkt t0 fest.
Beispiel
Bei der Transportgleichung (1.3) wird die Dichte zum Zeitpunkt t 0 als gegeben betrachtet
ρ(t0 , x) = ρ0 (x).
Bei der Wärmeleitungsgleichung (1.9) wird die Temperatur zum Zeitpunkt t 0 vorgeschrie-
ben
u(t0 , x) = u0 (x).
In beiden Gleichungen treten erste Ableitungen nach der Zeit auf. Bei der Wellengleichung
(11), in der eine 2. Ableitung nach der Zeit auftritt, werden sowohl Anfangslage, als auch
Anfangsgeschwindigkeit vorgeschrieben:
u(t0 , x) = u0 (x),
∂u(t0 , x)
= u1 (x).
∂t
1.5. ANFANGS- UND RANDBEDINGUNGEN 27
Randbedingungen
Die Ortsvariable variiert oft in einem beschränkten Gebiet, z.B. wird die schwingende Saite
durch ein Intervall der Länge l modelliert, die Membran durch einen ebenen Bereich, die
diffundierende chemische Substanz durch einen Beh älter. Der Schall wird sich je nach Si-
tuation in einem endlichen Bereich oder im unendlichen Raum ausbreiten, gleiches gilt f ür
die Wärme.
Definition 8 Eine Randbedingung legt den physikalischen Zustand am Rand, bzw. an Teilrändern
eines beschränkten räumlichen Gebietes fest. Durch sie wird auch das Verhalten der Lösung für
|x| → ∞ beschrieben.
(N ) ∂u
∂n bzw. die Normalspannung σn wird auf dem Rand vorgegeben (Neumann Beding-
ung, 2. Randwertproblem). Zum Beispiel wird ein gelenkig gelagertes Saitenende,
transversal ohne Widerstand, in einer Spur geführt, durch die Bedingung
∂u
(l, t) = 0
∂n
modelliert.
(R) ∂u
∂n + au wird vorgegeben (Robin Bedingung oder Newton Bedingung, 3. Randwert-
problem). Ein Beispiel dazu wäre ein Saitenende, welches frei in einer Spur schwingt,
aber durch eine Feder, bzw. ein Gummiband in die Gleichgewichtslage zur ückgeführt
wird.
Wir erläutern an weiteren Beispielen, wann welche Randbedingungen physikalisch sinn-
voll sind.
Diffusion
Ist die diffundierende Substanz mit der Konzentration u in einem Beh älter Ω eingeschlos-
sen, d.h. es kann nichts hinzukommen, bzw. entweichen, dann muss nach dem Fickschen
Gesetz gelten:
∂u
−k = q · n = 0 auf ∂Ω.
∂n
Ist der Behälter durchlässig und wird die austretende Substanz sofort weggesp ült, dann ist
Wärmeleitung
Vollständige Isolation des Körpers lässt keine Wärme über den Rand austreten, d.h.
∂u
=0 auf ∂Ω.
∂n
Befindet sich der Körper in einem großen Behälter mit der Temperatur g(x, t) = g(t) (siehe
Abbildung 1.5) und findet vollständige Wärmeleitung statt, dann lautet die Randbedin-
gung
u(x, t) = g(t) auf ∂Ω.
PSfrag replacements
u = g(t)
Stellen wir uns einen isolierten Stab vor, der bei x = 0 in einen Beh älter der Temperatur g(t)
ragt (siehe Abbildung 1.6).
PSfrag replacements
g
0
Dann ist
∂u ∂u
− (0, t) = (0, t) = −a[u(0, t) − g(t)].
∂x ∂n
Bedingung im Unendlichen
Wenn wir Schall- oder Lichtwellen betrachten, die nach außen (ins Unendliche) strahlen, so
ist die ’Sommerfeldsche Ausstrahlungsbedingung’
µ ¶
∂u ∂u
lim r − = 0,
r→∞ ∂r ∂t
eine physikalisch sinnvolle Randbedingung im Unendlichen. Hier ist r = |x|.
1.6. KORREKT GESTELLTE PROBLEME 29
Transmissionsbedingungen
Besteht das Gebiet Ω aus zwei Teilgebieten, Ω = Ω1 ∪ Ω2 , unterschiedlicher Materialien, so
treten an den gemeinsamen Randstücken (interfaces) so genannte Sprungbedingungen auf.
Es sei z.B. ein Stahl-Beton Verbund gegeben (siehe Abbildung 1.7).
PSfrag replacements
Ω2 Γ12 Ω1
q i = −ki ∇ui in Ωi
u1 − u 2 = 0,
σ1 n1 + σ 2 n2 = 0,
u 1 − u2 = 0,
(σ1 − σ2 )n1 = [k1 (3λ1 − 2µ1 )T1 − k2 (3λ2 + 2µ1 )T2 ]n1 ,
QT
PSfrag replacements
Die Zusatzbedingungen (Anfangs- und Randbedingungen) fassen wir als Operator B zu-
sammen
Das Problem lautet: Man finde eine Lösung u aus einem Funktionenraum X für rechte
Seiten f ∈ Y, g ∈ Z, so dass
A = (A, B) : X → Y × Z,
A u = (f, g)T .
Das Problem heißt im Hadamardschen Sinne (1902) korrekt gestellt, falls folgende funda-
mentale Eigenschaften gelten:
Man erwartet, dass physikalisch sinvolle Modellierungen auf korrekt gestellte Probleme
führen. Dies ist nicht immer der Fall.
Beispiel
Wir betrachten das Neumann Problem für die Poisson-Gleichung (stationäre Diffusions-
gleichung in einem geschlossenen Behälter)
−∆u = f in Ω,
∂u
= g auf ∂Ω.
∂n
Die Eindeutigkeit ist verletzt. Wäre u eine Lösung, dann ist auch u + const eine Lösung.
ut + F (u)x = 0.
Es treten i.A. Schockwellen (Unstetigkeitskurven der L ösung u) auf, die natürlich keine
klassischen Lösungen sind. Das Konzept schwacher oder verallgemeinerter L ösungen (Lösun-
gen im Distributionensinn) erfasst auch diese.
Kapitel 2
Differentialgleichungen erster
Ordnung
Wir hatten bereits die lineare Advektionsgleichung (1.4) kennen gelernt (jetzt setzen wir
ρ = u) :
∂u ∂u
+a = 0. (2.1)
∂t ∂x
Diese Gleichung kann als Richtungsableitung interpretiert werden
µ ∂u ¶ µ ¶ µ ¶
∂u 1 t
= ∇u · n = 0, ∇u = ∂t
∂u , n = = ,
∂n ∂x
a x
d.h. u ist einerseits in Richtung von n konstant und andererseits ist ∇u orthogonal zu n.
Damit ist ∇u auch orthogonal zu Geraden, die zu n parallel verlaufen.
x
PSfrag replacements
t
33
34 KAPITEL 2. DIFFERENTIALGLEICHUNGEN ERSTER ORDNUNG
Die Lösung u ist konstant auf jeder Charakteristik, d.h. dort gilt
f (x) = sin x.
Es folgt:
Die Lösung u(t, x) wird in Abbildung 2.2 dargestellt. Der Transport der Anfangsdaten er-
folgt längs der Charakteristiken.
PSfrag replacements t
Wir greifen diese Idee auf und untersuchen jetzt allgemeiner das lokale L ösungsverhalten
einer quasilinearen Differentialgleichung [Link] mit Anfangsbedingungen.
2.1. LOKALE KLASSISCHE LÖSUNGEN 35
Definition 9 Als Cauchy Problem bezeichnet man ein Anfangswertproblem für eine partielle Dif-
ferentialgleichung, die in Rn × R+ definiert ist.
wobei a, b, c ∈ C 1 (Ω3 ), Ω3 ⊂ R3 , und K(s) = {(x0 (s), y0 (s), u0 (s))} eine differenzierbare
Kurve in Parameterdarstellung im R3 bezeichnet; 0 ≤ s ≤ l. Gesucht ist eine Funktion
u = u(x, y) ∈ C 1 (Ω2 ), Ω2 ∈ R2 , so dass gilt (x, y, u) ∈ Ω3 , d.h. u = u(x, y) beschreibt eine
glatte Fläche, die durch die Kurve K(s) verläuft.
Ist u eine Lösung von (2.2), dann kann man die linke Seite von (2.2) als Richtungsableitung
entlang einer Kurve C˜ auffassen.
Sei
C(τ ) = {(x(τ ), y(τ ), u(τ ))} eine Kurve in Parameterdarstellung im R 3 ,
˜ )
C(τ = {(x(τ ), y(τ ))}.
˜
Dann ist für u(x, y) = u(x(τ ), y(τ )) = ũ(τ ) auf C:
d ∂u dx ∂u dy
ũ(τ ) = + .
dτ ∂x dτ ∂y dτ
Wir setzen
dx
= a(x(τ ), y(τ ), ũ(τ )),
dτ
dy
= b(x(τ ), y(τ ), ũ(τ )), (2.4)
dτ
dũ
= c(x(τ ), y(τ ), ũ(τ )).
dτ
Definition 10 Die Differentialgleichungen (2.4) bezeichnet man als charakteristische Differential-
gleichungen, die Kurve C˜ als Charakteristik bzw. als charakteristische Kurve.
für (x0 , y0 , u0 ) ∈ Ω3 .
Wenn man die Charakteristiken von der Anfangskurve ausgehend verfolgt, erh ält man eine
Fläche (siehe Abbildung 2.3).
C(τ, s)
K(s)
Dabei darf der Fall, dass die Kurven C und K parallel verlaufen, nicht auftreten.
Satz 2 Sei K(s) = {(x0 (s), y0 (s), u0 (s))0≤s≤l } eine reguläre C 1 -Kurve in Ω3 mit
¯ ¯
¯ a(x0 (s), y0 (s), u0 (s)) b(x0 (s), y0 (s), u0 (s)) ¯
¯ ¯ 6= 0. (2.6)
¯ dx0 (s) dy0 (s) ¯
ds ds
x(τ = 0) = x0 (s),
y(τ = 0) = y0 (s),
ũ(τ = 0) = u0 (s).
Nach dem Satz von Picard-Lindelöf existieren Lösungen
x = X(τ, s), (2.7)
y = Y (τ, s), (2.8)
u = U (τ, s), (2.9)
2.1. LOKALE KLASSISCHE LÖSUNGEN 37
die eine Fläche beschreiben. Können wir (2.7), (2.8) nach τ = T (x, y), s = S(x, y) auflösen,
dann erhalten wir u(x, y) = U (T (x, y), S(x, y)). Da
¯ ¯ ¯ ¯
¯ Xτ Y τ ¯ ¯ a(x0 (s), y0 (s), u0 (s)) b(x0 (s), y0 (s), u0 (s)) ¯
¯ ¯ ¯ ¯ 6= 0
¯ Xs Ys ¯ τ =0 = ¯ dx0 (s) dy0 (s) ¯
0≤s≤l ds ds
ist, liefert uns der Satz über implizite Funktionen (Satz über lokale Invertierbarkeit) das
gewünschte Resultat.
Es bleibt noch zu zeigen, dass u(x, y) = U (τ, s) = U (T (x, y), S(x, y)) L ösung des Cauchy-
problems ist:
dx dy
aux + buy = (Uτ Tx + Us Sx ) + (Uτ Ty + Us Sy )
dτ dτ
∂X ∂Y
= (Uτ Tx + Us Sx ) + (Uτ Ty + Us Sy )
∂τ ∂τ
= Us (Sx Xτ + Sy Yτ ) + Uτ (Tx Xτ + Ty Yτ )
∂ ∂
= Us S(X(τ, s), Y (τ, s)) +Uτ T (X(τ, s), Y (τ, s))
∂τ | {z } ∂τ | {z }
=s =τ
∂s ∂τ
= Us + Uτ
∂τ ∂τ
= 0 + Uτ = c(x, y, u(x, y)).
Die Anfangsbedingung ist erfüllt: u(x0 (s), y0 (s)) = U (τ, s)|τ =0 = u0 (s).
Wir betrachten jetzt ein Anfangswertproblem für eine Differentialgleichung in Raum
(n = 1) und Zeit
ut + a(x, t, u)ux = c(x, t, u),
u(x, 0) = u0 (x).
In den vorherigen Betrachtungen setzen wir y = t ∈ R+ und b(x, y, u) = b(x, t, u) = 1
(eventuell nach Division durch b(x, t, u) zu erreichen).
Die Anfangskurve lautet für x0 (s) = s = x :
K(s) = K(x) = {(x, 0, u0 (x)), 0 ≤ x ≤ l} (2.10)
und ist damit der Graph von u0 über dem Intervall 0 ≤ x ≤ l.
Die charakteristischen Differentialgleichungen lauten
dx
= a(x(τ ), τ, ũ(τ )), (2.11)
dτ
dy dt
= , (2.12)
dτ dτ
dũ
= = c(x(τ ), τ, ũ(τ )). (2.13)
dτ
Die Anfangsbedingung (2.10) kann geschrieben werden, als
x(τ = 0) = x0 , y(τ = 0) = t(τ = 0) = 0 (2.14)
ũ(0) = u(x(0), 0) = u0 (x(0)) = u0 (x0 ) für x0 ∈ [0, l]. (2.15)
Aus (2.12) und der Anfangsbedingung t(τ = 0) = 0 folgt, dass t = τ ist. (2.13),(??) zusam-
men mit den Anfangsbedingungen (2.14), (2.15) ist ein Anfangswertproblem f ür ein System
von gewöhnlichen Differentialgleichungen zur Bestimmung der Unbekannten
x = x(t) und ũ = ũ(t). Durchläuft x0 das Intervall [0, l], so erhalten wir ũ(t) = U (x0 , t) und
x(t) = X(x0 , t). Eine Auflösung der Beziehung x(t) = X(x0 , t) nach x0 = x0 (x, t) liefert die
Lösung u(t, x).
38 KAPITEL 2. DIFFERENTIALGLEICHUNGEN ERSTER ORDNUNG
Beispiel
Wir betrachten ein Anfangswertproblem für eine skalare Erhaltungsgleichung:
∂u ∂f (u) ∂u ∂f (u)
+ ux = + = 0 für (x, t) ∈ [0, l] × (0, T ], (2.16)
∂t ∂u ∂t ∂x
u(x, 0) = u0 (x) für x ∈ [0, l]. (2.17)
dx(t) ∂f (ũ)
= , (2.18)
dt ∂ ũ
dũ
= 0, (2.19)
dt
x(0) = x0 , (2.20)
ũ(0) = u(x(0), 0) = u0 (x0 ). (2.21)
d.h. die Lösung ist konstant entlang der charakteristischen Kurven. x(t) muss nun so be-
stimmt werden, dass
dx(t) ∂f
= (u0 (x0 )), x(0) = x0 .
dt ∂ ũ
Damit ist
x(t) = f 0 (u0 (x0 ))t + x0 . (2.23)
Ist eine Auflösung nach x0 möglich, so erhalten wir u(x, t) = U (x0 , t).
Wir fassen diese Überlegungen in einem Lemma zusammen.
Lemma 1 Die Charakteristiken für das Anfangswertproblem (2.16),(2.17) sind Geraden (2.23) durch
x0 mit dem Anstieg f 0 (u0 (x0 )). Jede C 1 -Lösung ist konstant entlang dieser Geraden.
2.1. LOKALE KLASSISCHE LÖSUNGEN 39
b) f (u) = 21 u2 .
Dies liefert uns Burgers Gleichung
∂u ∂u
+u = 0. (2.24)
∂t ∂x
Sei u(x, 0) = u0 (x).
Wir bestimmen x(t) als Lösung von (2.18), (2.20):
dx(t)
= ũ(t) = u0 (x0 ),
dt
x(0) = x0 .
Es folgt
x = x(t) = u0 (x0 )t + x0 , (2.25)
d.h. die charakteristischen Kurven {(x(t), t)} sind einfach zu berechnen. Durch die
Bedingung, dass die Lösung konstant entlang der Charakteristiken ist, kann man den
”Transport” charakterisieren.
x u0 (x0 )t + x0
PSfrag replacements l
2.0
1.0
PSfrag replacements
Der Anstieg ist positiv für 0 < x0 < 1 und negativ für 1 < x0 < 2. Zum Zeitpunkt t∗ = π1
beginnen sich die Charakteristiken zu schneiden, eine Unstetigkeit entsteht und es gibt
mehrere Lösungen. t∗ wird dabei folgendermaßen bestimmt. Eine Charakteristik schneidet
die Gerade x(t) ≡ 1, falls x0 + (sin πx0 )t ≡ 1,
1 − x0 −1 1
t∗ = lim = lim = .
x0 →1 sin πx0 x 0 →1 π cos πx0 π
Nur für t < t∗ existiert eine klassische Lösung, die durch das Verfolgen der Charakteristiken
konstruiert werden kann.
Zum Schluss betrachten wir noch ein Beispiel, dessen Charakteristiken keine Geraden sind.
Es sei
ut + xux = 0 für x ∈ R, t > 0,
(2.26)
u0 (x, 0) = u0 (x) für x ∈ R, t = 0,
dx(t)
= x(t),
dt
x(0) = x0 , x0 ∈ R.
Damit ist
2.2. SCHWACHE LÖSUNGEN VON ERHALTUNGSGLEICHUNGEN 41
x0
x 0 et
1
1
2
− 21
PSfrag replacements
−1
falls
Z∞ Z∞ µ ¶ Z∞
∂v ∂v
u + f (u) dx dt = − u0 (x)v(x, 0)dx (2.30)
∂t ∂x
0 −∞ −∞
42 KAPITEL 2. DIFFERENTIALGLEICHUNGEN ERSTER ORDNUNG
loc (R × R ) ist der lineare Raum aller auf beschr änkten Mengen Ω ⊂ R × R Lebesgue-
L∞ + +
Lemma 2 Ist u ∈ C 1 (R × R+ ) eine klassische Lösung von (2.28),(2.29), dann ist u auch schwache
Lösung.
Beweis
Wir betrachten eine beliebige Funktion v ∈ C01 (R × R+ ). Sei r genügend groß, so dass
supp v ⊆ Br (0, 0) ∩ R × R+ . Sei S = {(x, t) : −r ≤ x ≤ r, 0 ≤ t ≤ r}, d.h. supp v ⊂ S. Wir
multiplizieren (2.28) mit v und integrieren:
Z∞ Z
+∞ Z Z
[ut v + f (u)x v]dx dt = [ut v + f (u)x v]dx dt =
0 −∞ S
Z Z Z+r Zr
= [−uvt − f (u)vx ]dx dt + u(x, t)v(x, t)|t=0 dx + f (u)v(x, t)|+r
r
x=−r dt
S −r 0
Z∞ Z
+∞ Z
+∞
da
v(x, r) = 0 f.ü. für − r ≤ x ≤ r,
v(r, t) = v(−r, t) = 0 f.ü für 0 ≤ t ≤ r, vgl. Abbildung 2.7, ist.
v(x, r)
PSfrag replacements
v(−r, t) v(r, t)
x
−r +r
Lemma 2 garantiert, dass schwache Lösungen existieren, falls es stetig differenzierbare klas-
siche Lösungen gibt, siehe auch Satz 2. Wir untersuchen nun, wie sich schwache L ösungen
auf einer Unstetigkeitskurve verhalten, die in links- und rechtsseitigen Umgebungen dieser
Kurve klassiche Lösungen sind.
44 KAPITEL 2. DIFFERENTIALGLEICHUNGEN ERSTER ORDNUNG
n
C
PSfrag replacements Vr
Vl
Satz 3 Eine schwache Lösung u von (2.28), die klassische Lösung in Vl und Vr ist, einen Sprung
[u] = ur − ul auf C besitzt, wobei u entlang C stetig ist, genügt der Rankine-Hugoniot-Bedingung:
Hier ist ṡ = ds
dt die Geschwindigkeit der Kurve C.
supp v
x
n
PSfrag replacements Vr
C
Vl
Z∞ Z
+∞ Z Z Z Z
0 = (uvt + f (u)vx )dx dt = (uvt + f (u)vx )dx dt + (uvt + f (u)vx )dx dt.
0 −∞ Vl Vr
2.2. SCHWACHE LÖSUNGEN VON ERHALTUNGSGLEICHUNGEN 45
da ut + f (u)x = 0 in Vl ist. Hier ist n = (n1 , n2 )> die Einheitsnormale an die Kurve C, die
von Vl nach Vr zeigt.
Analog gilt
Z Z Z
[uvt + f (u)vx ]dx dt = − (ur n1 + f (ur )n2 )v dl.
Vr C
Folglich ist
Z
0= [(ul − ur )n1 + (f (ul ) − f (ur ))n2 ]v dl
C
und daher (ul −ur )n1 +(f (ul )−f (ur ))n2 = 0 auf C, da auf C Stetigkeit vorausgesetzt wurde.
Weiterhin ist
µ ¶ µ ¶
n1 1 − ds
n= =q dt
n2 1
1 + ( ds
dt )
2
und damit
[u]ṡ = [f (u)].
Beispiel 1
Wir betrachten die Burgers Gleichung
x0 x=t
0 1+t
x(t) = 2
x0 = 1 x0 = 1
1
PSfrag replacements
x t=1 t
Bis zum Zeitpunkt t = 1 existiert eine eindeutige, stetige L ösung, dann kreuzen sich die
Charakteristiken.
Für t ≤ 1 lautet die Lösung
1 für x ≤ t, 0 ≤ t ≤ 1,
u(x, t) = 1−x
1−t für t ≤ x ≤ 1, 0 ≤ t ≤ 1,
0 für x ≥ 1, 0 ≤ t ≤ 1.
Im Bereich t ≤ x ≤ 1, 0 ≤ t ≤ 1 gilt nämlich: Die Lösung der charakteristischen Gleichung
x(t) = X(t, x0 ) = (1 − x0 )t + x0 = t − x0 t + x0 = t + x0 (1 − t)
kann nach x0 aufgelöst werden:
x−t
x0 = .
1−t
Damit wird u(x, t) = U (x0 , t) = u0 (x0 ) = 1 − x0 = 1 − x−t
1−t = 1−x
1−t .
Für t > 1 definieren wir eine Lösung, die der Rankine-Hugoniot Bedingung genügt. Dazu
ziehen wir eine Mittellinie C = {(t, 1+t
2 = s(t))} und setzen
½
1 für x < s(t), t > 1,
u(x, t) =
0 für x > s(t), t > 1.
Für diese Lösung gilt:
1 2 1 2 1
ur = 0, ul = 1, f (ur ) = u = 0, f (ul ) = ul =
2 r 2 2
und somit
1 1
−[u]ṡ = (ul − ur ) = = −[f (u)] = f (ul ) − f (ur ).
2 2
2.2. SCHWACHE LÖSUNGEN VON ERHALTUNGSGLEICHUNGEN 47
Man spricht in diesem Fall auch von einer Schockwelle, die sich entlang der Kurve C for-
miert.
Wir betrachten nun ein weiteres Beispiel, das zeigt, dass aus dem Erf ülltsein der Rankine-
Hugoniot Bedingung nicht notwendig die Eindeutigkeit der L ösung folgt.
Beispiel 2
Wir betrachten Burgers Gleichung mit den Anfangsdaten
ut + uux = 0,
½
0 für x < 0,
u(x, 0) = u0 (x) =
1 für x > 0.
x0
u=1
C
PSfrag replacements
t
u=0
Damit ist
½
1 für x > t,
u(x, t) =
0 für x < 0,
Wir haben keine Information im Keil 0 < x < t. Wir führen wieder die Mittellinie
C = {(t, 12 t = s(t))} ein und definieren
½
0 für x < 2t ,
u1 (x, t) =
1 für x > 2t .
u1 genügt außerhalb der Kurve C Burgers Gleichung und der Rankine-Hugoniot Bedin-
gung. In diesem Fall haben wir eine nicht physikalische Schockwelle eingef ührt.
48 KAPITEL 2. DIFFERENTIALGLEICHUNGEN ERSTER ORDNUNG
Wir können jedoch den Keil (0 < x < t) auch stetig auffüllen durch einen Verdünnungsfächer
(siehe Abbildung 2.12), in dem wir definieren:
1 für x > t,
u2 (x, t) = x
t für 0 < x < t,
0 für x < 0.
x0
u=1
PSfrag replacements
u=0
u2 (x, t) genügt Burgers-Gleichung im Bereich 0 < x < t und der Rankine-Hugoniot Bedin-
gung (kein Sprung).
Wir haben gesehen, dass die Rankine-Hugoniot Bedingung eine notwendige Bedingung
für schwache Lösungen des Problems (2.28),(2.29) ist, jedoch keine Eindeutigkeit garan-
tiert. Wir werden jetzt eine zusätzliche Bedingung formulieren, die die Existenz schwacher
Lösungen sichert.
Entropie-Bedingung
Wir nehmen zusätzlich an, dass f gleichmäßig konvex ist, d.h. f 00 (u) ≥ const > 0. Dann ist
f 0 strikt anwachsend und (f 0 )−1 = g existiert. Die Existenz der inversen Funktion (f 0 )−1
kann genutzt werden, um eine schwache Lösung von Problem (2.28), (2.29) mit Hilfe der
Lax-Oleinik-Formel zu konstruieren:
x − x0 (x, t)
u(x, t) = (f 0 )−1 ( ). (2.33)
t
2.2. SCHWACHE LÖSUNGEN VON ERHALTUNGSGLEICHUNGEN 49
wobei x0 (x, t) eine nicht abnehmende Funktion bezüglich x ist. Für diese Lösung ist eine
Entropie-Bedingung erfüllt:
c
u(x + z, t) − u(x, t) ≤ z ∀t > 0, x, z ∈ R, z > 0 , (2.34)
t
wobei c eine Konstante ist. Es gilt folgendes Ergebnis
Definition 12 [4, S. 150] Eine schwache Lösung u ∈ L∞ (R × (0, ∞)) des Anfangswertproblems
1
u(x + z, t) − u(x, t) ≤ C(1 + )z (2.36)
t
für fast alle x, z ∈ R, z > 0, t > 0 gilt.
Beispiel
Wir betrachten das folgende Riemann Problem für die Burgers Gleichung:
1. Fall: ul > ur
x0
1
2 (ur + ul )
ur
PSfrag replacements
ul
t
u2 u2
r
− 2l
f (ur )−f (ul )
wobei ṡ = ur −ul = 2
ur −ul = 21 (ur + ul ) ist.
Die konstanten Lösungen sind durch eine Schockwelle voneinander getrennt.
Die Bedingung (2.34) ist erfüllt da,
½
0 für ṡ < xt und xt < ṡ − zt ,
u(x + z, t) − u(x, t) =
ur − ul < 0 für ṡ − zt < xt < ṡ.
2. Fall: ul < ur
x0
ur
PSfrag replacements
t
ul
Auch hier ist die Entropie-Bedigung (2.34) erfüllt. Es gilt nämlich folgendes
(siehe Abbildung 2.15):
IV
III
ur
ul II
PSfrag replacements I
t
ur ul
z
Für x
t t < ul gilt
> ur , x+z
u(x + z, t) − u(x, t) = 0.
Für x
t t > ur (Gebiet I) gilt
< ul , x+z
x+z x z
u(x + z, t) − u(x, t) = ur − ul ≤ − = .
t t t
Für x
t < u l , ul ≤ x+z
t < ur (Gebiet II) gilt
x+z x+z x z
u(x + z, t) − u(x, t) = − ul ≤ − = .
t t t t
Für x+z
t > u r , ul < x
t < ur (Gebiet III) gilt
x x+z x z
u(x + z, t) − u(x, t) = ur − < − = .
t t t t
x+z x z
u(x + z, t) − u(x, t) = − = .
t t t
Kapitel 3
Differentialgleichungen zweiter
Ordnung
3.1 Typeinteilung
Wir betrachten semilineare Differentialgleichungen 2. Ordnung im R n , in denen die 2. Ab-
leitungen linear auftreten:
X
aα (x)Dα u(x) + F (x, u, ux1 , ..., uxn ) = 0 für x ∈ Ω ⊂ Rn .
|α|=2
2 2
Wir suchen Lösungen mit der Eigenschaft, dass ∂x∂j ∂x
u
k
= ∂x∂k ∂x
u
j
ist. Daher können wir
annehmen, dass Ajk (x) = Akj (x) ist. Die symmetrische Koeffizientenmatrix des Hauptteils
besitzt nur reelle Eigenwerte. Eine Klassifikation wird nach den Vorzeichen der Eigenwerte
von A(x) vorgenommen.
53
54 KAPITEL 3. DIFFERENTIALGLEICHUNGEN ZWEITER ORDNUNG
Klassifikation
Definition 13 Die Differentialgleichung (3.1) ist im Punkt x ∈ Ω vom Typ (α, β, γ), falls die
Koeffizientenmatrix A(x), α - positive Eigenwerte, β - negative Eigenwerte und γ - Null-Eigenwerte
besitzt. Gleichungen vom Typ
• (n, 0, 0) bzw. (0, n, 0) sind elliptisch im Punkt x (d.h. alle Eigenwerte sind nicht Null und
haben dasselbe Vorzeichen).
• (n−1, 0, 1) bzw. (0, n−1, 1) sind parabolisch im Punkt x (oder etwas allgemeiner, mindestens
ein Eigenwert muss gleich Null sein).
Bemerkung
Eine zu dieser Definition äquivalente ist folgende. Sei
n
X
Q(ξ1 , ..., ξn ) = Ajk (x)ξj ξk
j,k=1
die formal zum Hauptteil (3.1) zugeordnete quadratische Form im Punkt x und
n
X
Q∗ (η1 , ..., ηn ) = λi (x)ηi2 (3.3)
i=1
die durch die Hauptachsentransformation gewonnene Form. Dann wird der Typ (α, β, γ)
der Gleichung (3.1) im Punkt x durch die Anzahl der positiven, negativen und verschwin-
denden Koeffizienten λi (x) der Form (3.3) bestimmt.
Bemerkung
Der Typ kann im Gebiet Ω wechseln. Die Gleichung (3.1) wird vom Typ (α, β, γ) in Ω ge-
nannt, falls sie vom Typ (α, β, γ) für alle x ∈ Ω ist. Besitzt der Hauptteil konstante Koeffizi-
enten, dann ist (3.1) im Rn vom gleichen Typ.
Zweidimensionaler Fall
Im zweidimensionalen Fall, x = (x, y) = (x1 , x2 ), lautet (3.1):
Lemma 3 Sei D(x, y) = b2 (x, y) − a(x, y)c(x, y). Die Differentialgleichung (3.4) ist im Punkt
(x, y) für
< 0 elliptisch
D(x, y) = 0 parabolisch
> 0 hyperbolisch.
3.1. TYPEINTEILUNG 55
Beweis
Die Matrix des Hauptteils ist µ ¶
a(x, y) b(x, y)
A(x) = .
b(x, y) c(x, y)
Nach dem Wurzelsatz von Vieta ist λ1 λ2 = −D. Daraus folgt die Behauptung.
Beispiele
• Wir betrachten die Laplace Gleichung
n
X ∂2u
4u = = 0, x = (x1 , ..., xn ).
i=1
∂x21
Da
1 0 ··· 0
..
0 1 .
A(x) = A =
..
..
. . 0
0 ··· 0 1
Definition 14 (Normalform) Eine Gestalt einer Differentialgleichung zweiter Ordnung mit ei-
nem linearen Hauptteil mit konstanten Koeffizienten und ohne gemischte Ableitungen heißt Nor-
malform.
Satz 6 Der Typ einer partiellen Differentialgleichung (3.1) ändert sich nicht bei einer zulässigen
Variablentransformation.
Beweis
Für einen festen Punkt x kann A(x) in eine Diagonalform transformiert werden,
A(x) = A = HDH T .
Durch die Zulässigkeit der Transformation T x = y ist eine lokale Aufl ösbarkeit nach x
gesichert:
x = x(y).
Sei u(x) = u(x(y)) = w(y). Dann gilt:
n
X ∂w ∂yl
∂u
= ,
∂xi ∂yl ∂xi
l=1
n
X n
∂2u ∂ 2 w ∂yl ∂yk X ∂w ∂ 2 yl
= + .
∂xi ∂xj ∂yl ∂yk ∂xi ∂xj ∂yl ∂xi ∂xj
k,l=1 l=1
Ersetzen der 2. Ableitungen in (3.1) führt auf einen transformierten Hauptteil mit der Koef-
fizientenmatrix
à = Ã(y) = JAJ T .
Damit ist à = JHDH T J T = JHD(JH)T .
kann in
4n v + c̃v = 0 im elliptischen Fall,
4n−1 v − vyn yn + c̃v = 0 im hyperbolischen Fall,
4n−1 v − b̃vyn + c̃v = 0 im parabolischen Fall
transformiert werden.
3.1. TYPEINTEILUNG 57
Beweis
Seien λi die Eigenwerte der Matrix A und ei die enstprechenden Eigenvektoren, die eine
Matrix H bilden. Mit y = H T x erhalten wir aus (3.5) für u(x) = w(y):
n
X n
X
λ i w yi yi + b̂i wyi + cw = 0.
i=1 i=1
gilt:
λi wyi yi = λi c2i ŵzi zi .
Mit
√1
λi
für λi > 0,
ci = √1
−λi
für λi < 0,
1 für λi = 0
folgt:
n
X n
X
εi ŵzi zi + b̃i ŵzi + cŵ = 0, (3.6)
i=1 i=1
Da µ ¶
∂ ŵ(z) Pn ∂v
= e k=1 αk zk + αi v ,
∂zi ∂zi
µ ¶
∂ 2 ŵ Pn ∂2v ∂v 2
2 = e k=1 αk zk + 2α i + α i v ,
∂zi ∂zi2 ∂zi
b̃i
αi = − ,
2εi
dann verschwinden die ersten Ableitungen.
2. Hyperbolischer Fall: Da εi 6= 0 für alle i ist, liefert das obige Vorgehen ebenfalls die
Behauptung.
3. Parabolischer Fall: Sei εn = 0, εi 6= 0 für i = 1, ..., n − 1. In diesem Fall bleibt nur eine
erste Ableitung erhalten.
Satz 8 (n=2) Es gibt zulässige Transformationen ξ = ξ(x, y), η = η(x, y) (durch charakteristische
Kurven beschrieben), die Differentialgleichungen mit variablen Koeffizienten in folgende Normalfor-
men überführen:
Beweis
Sei u(x, y) = w(ξ, η). Die Differentialgleichung
wobei
sind.
3.1. TYPEINTEILUNG 59
mit
√ √
−B + B 2 − AC −B − B 2 − AC
µ1 = µ1 (x, y) = , µ2 = µ2 (x, y) = .
A A
Hyperbolischer Fall
Es ist B 2 − AC > 0 und µ1 , µ2 sind reelle Funktionen. Unser Ziel ist ξ = ξ(x, y), η = η(x, y)
so zu bestimmen, dass à = C̃ = 0 ist. Wir setzen
ξx − µ1 (x, y)ξy = 0,
ηx − µ2 (x, y)ηy = 0.
Dies sind zwei partielle Differentialgleichungen 1. Ordnung zur Bestimmung von ξ und
η. Die charakteristischen Kurven werden durch die gew öhnlichen Differentialgleichungen
(x = τ -Parameter)
dy
= −µ1 (x, y), (3.9)
dx
dy
= −µ2 (x, y) (3.10)
dx
beschrieben. Auf C˜ = (x, y(x)) sind die Lösungen ξ(x, y) = const = C1 bzw.
η(x, y) = const = C2 . Die in den Lösungen von (3.9) bzw. (3.10) auftretenden Konstanten
C1 bzw. C2 sind daher als Funktionen von x und y ausdrückbar. Dies führt zu
2B̃wξη + φ̃(w, wξ , wη , ξ, η) = 0.
ξ+η ξ−η
ξ˜ = , η̃ = (ξ = ξ˜ + η̃, η = ξ˜ − η̃)
2 2
erhalten wir
˜ η̃) 1
Â(ξ, = 2B̃(ξ, η)ξ˜ξ ξ˜η = B̃(ξ, η),
2
˜ η̃)
B̂(ξ, = B̃(ξ, η)[ξ˜ξ η̃η + ξ˜η η̃ξ ] = 0,
˜ η̃) 1
Ĉ(ξ, = 2B̃(ξ, η)η̃ξ η̃η = − B̃(ξ, η).
2
˜ η̃) folgt für w̃(ξ,
Nach Division durch Â(ξ, ˜ η̃) = w(ξ, η)
∂ 2 w̃ ∂ 2 w̃
− + φ̃(w̃, w̃ξ̃ , w̃η̃ ) = 0.
∂ ξ˜2 ∂ η̃ 2
60 KAPITEL 3. DIFFERENTIALGLEICHUNGEN ZWEITER ORDNUNG
Parabolischer Fall
Wir bestimmen ξ und η so, dass C˜ = B̃ = 0 ist. Da AC − B 2 = 0, folgt µ1 = µ2 = − B
A,
vorausgesetzt A 6= 0. Weiterhin ist:
C˜ = A(ηx − µ1 ηy )2 = 0,
falls
ηx − µ1 ηy = 0.
Daraus erhalten wir η(x, y) = c1 und setzen (willkürlich!) ξ(x, y) = x. Für B̃ muss bei jeder
zulässigen Transformation gelten ÃC̃ − B̃ 2 = 0. Eine zulässige Transformation liegt vor,
wenn gilt:
¯ ¯ ¯ ¯
¯ ξx η x ¯ ¯ 1 η x ¯
¯ ¯=¯ ¯
¯ ξy ηy ¯ ¯ 0 ηy ¯ = ηy 6= 0.
Da
Ã(ξ, η) = A(x, y) und A(x, y) 6= 0
folgt:
∂2w
+ φ̃(w, wξ , wη ) = 0.
∂ξ 2
Elliptischer Fall
Unser Ziel ist, ξ und η so zu bestimmen, dass B̃ = 0 und à = C̃ sind. Da B 2 − AC < 0 ist,
wird µ1 komplex sein und µ2 = µ1 . Die Beziehung
und schließlich B̃ = 0. Die Beziehung (3.11) können wir als komplexe Differentialgleichung
schreiben
ξx + iηx − µ1 (ξy + iηy ) = 0,
∂v ∂v
− µ1 = 0, v = ξ + iη = v(x, y).
∂x ∂y
Dies führt auf eine komplexe charakteristische Differentialgleichung
dy
= −µ1
dx
und auf eine komplexe Lösung
v(x, y(x)) = const.
3.1. TYPEINTEILUNG 61
Beispiele
1. Wir betrachten die Differentialgleichung
dy
= −1 − i.
dx
Deren Lösung ist y = −x − ix + const, was zu
∂2w ∂2w
+ = 0.
∂ξ 2 ∂η 2
dy
= −3,
dx
dy
= −1,
dx
woraus y + 3x = c1 , y + x = c2 folgt. Die neuen Koordinaten sind damit
ξ = y + 3x,
η = y + x.
62 KAPITEL 3. DIFFERENTIALGLEICHUNGEN ZWEITER ORDNUNG
Satz 9 Seien g1 und g2 2π-periodische Funktionen aus L2 (0, 2π), deren Fourierreihen bzgl. des
orthonormierten trigonometrischen Funktionssystems punktweise g1 bzw. g2 darstellen. Dann ist
Z2π " ∞
#
1 X rn
ũ(x1 , x2 ) = u(r, φ) = g1 (ψ) 1 + 2 cos n(ψ − φ) dψ (3.18)
2π rn
n=1 0
0
Z2π µ ¶
1 r02 − r2
= g1 (ψ) 2 2
dψ (3.19)
2π r0 + r − 2r0 r cos(ψ − φ)
0
Z
1 1 r02 − |x|2
= g̃1 (y) dσy (3.20)
2π r0 |x − y|2
|y |=r0
die eindeutig bestimmte Lösung des Dirichlet Problems. Hierbei ist y = (y1 , y2 ).
Gilt für g2 die Lösbarkeitsbedingung
Z2π
g2 (φ)dφ = 0,
0
dann ist
Z2π " ∞
#
1 rnX
ũ(x1 , x2 ) = u(r, φ) = C+ g2 (ψ) cos n(ψ − φ) dψ
π n=1
nr0n−1
0
Z2π Ã !
r0 1
= C+ g2 (ψ)ln 1 dψ
π [r02 + r2 − 2r0 r cos(ψ − φ)] 2
0
Z µ ¶
1 1
= C+ g̃2 (y)ln dσy (3.21)
π |x − y|
|y |=r0
die bis auf eine Konstante eindeutig bestimmte Lösung des Neumann Problems. Die Formel (3.20)
heißt Poissonformel, (3.21) heißt Dinische Formel.
64 KAPITEL 3. DIFFERENTIALGLEICHUNGEN ZWEITER ORDNUNG
Bemerkung
Die folgende Dirichlet Bedingung sichert die punktweise Konvergenz der Fourierreihe ei-
ner Funktion f ∈ L2 (0, 2π).
(a) Lässt sich der Definitionsbereich von f in endlich viele Intervalle zerlegen, in denen
die Funktion stetig und monoton ist,
dann konvergiert die Fourierreihe von f punktweise in den Stetigkeitsstellen und an den
Unstetigkeitsstellen zum Grenzwert f (x+0)+f 2
(x−0)
. Eine Verschärfung wäre die Bedingung:
Ist f stetig und f stückweise stetig im Intervall [0, 2π], dann konvergiert ihre Fourierreihe
0
punktweise.
u(r, φ) = R(r)Φ(φ).
1 1
[R00 (r) + R0 (r)]Φ(φ) + 2 R(r)Φ00 (φ) = 0.
r r
Dies führt zu
r2 R00 (r) + rR0 (r) Φ00 (φ)
=− = λ,
R(r) Φ(φ)
Die Randbedingungen √ (3.24) bzw. (3.25) fordern eine 2π-Periodizit ät von Φ(φ), was zur
Parameterwahl λ ≥ 0, λ = n, n = 0, 1, 2, ... führt. Damit erhalten wir eine abzählbare
Menge von möglichen Lösungen der Form
Da Rn (r) im Nullpunkt beschränkt sein soll (inneres Dirichlet bzw. Neumann Problem)
folgt c20 = c4n = 0 für alle n > 1. Die Lösungen des Ausgangsproblems lauten daher:
a0
u0 (r, φ) = R0 (r)Φ0 (φ) = C 1 A0 = , (3.26)
2
un (r, φ) = Rn (r)Φn (φ) = (c3n An cos nφ + c3n Bn sin nφ)r n ,
= (an cos nφ + bn sin nφ)r n , (3.27)
mit unbestimmten Koeffizienten a0 , a1 , ..., b1 , b2 , ... . Diese Koeffizienten werden jetzt so be-
stimmt, dass die Randbedingungen erfüllt werden.
Dirichlet Problem
Da g1 (φ) in eine Fourierreihe entwickelbar ist, und u(r 0 , φ) = g1 (φ) sein soll, erhalten wir
die Relation
∞
a0 X
u(r0 , φ) = + (an cos nφ + bn sin nφ)r0n = g1 (φ)
2 n=1
∞
α0 X
= + (αn cos nφ + βn sin nφ)
2 n=1
mit
Z2π
1
αn = g1 (ψ) cos nψ dψ für n = 0, 1, 2, ... , (3.29)
π
0
Z2π
1
βn = g1 (ψ) sin nψ dψ für n = 1, 2, ... . (3.30)
π
0
Es folgt, dass
αn βn
a0 = α 0 , an = , bn = ist.
r0n r0n
Dies führt zur formalen Darstellung der Lösung
∞ µ ¶n
α0 X r
u(r, φ) = + (αn cos nφ + βn sin nφ) . (3.31)
2 n=1
r0
Wir überlegen, ob die Reihe (3.31) für r < r0 konvergiert und dort genügend oft gliedweise
differenziert werden kann. Da
66 KAPITEL 3. DIFFERENTIALGLEICHUNGEN ZWEITER ORDNUNG
¯ 2π ¯ 2π 12
¯ Z ¯ Z
¯1 ¯ 1
|αn | = ¯¯ g1 (ψ) cos nψ dψ ¯¯ ≤ kg1 kL2 (0,2π) | cos nψ|2 dψ
¯π ¯ π
0 0
1√
≤ kg1 kL2 (0,2π) π < kg1 kL2 (0,2π)
π
und |βn | < kg1 kL2 (0,2π) sind, erhalten wir
X∞
r
|u(r, φ)| ≤ C ( )n .
r
n=0 0
Damit stellt (3.31) für festes φ eine konvergente Potenzreihe für r < r0 dar, die gliedwei-
se nach r differenziert werden kann. Für festes r < r0 kann ebenfalls gliedweise nach φ
differenziert werden, da die k-ten Ableitungen der Reihenelemente
µ ¶n µ ¶n µ ¶n
∂k r k r k r
k
(α n cos nφ + β n sin nφ) ≤ n (|α n | + |β n |) < 2kg k
1 L2 (0,2π) n
∂φ r0 r0 r0
eine gleichmäßig konvergenten Reihe bilden. Wegen der punktweisen Konvergenz der Fou-
rierreihe für r = r0 werden die Randdaten im klassischen Sinn angenommen, genauer gilt
nach dem Satz von Abel
X X
lim u(r, φ) = lim ··· = lim · · · = g1 (φ)
r→r0 r→r0 r→r0
n n
für festes φ.
Nach dem Satz von Lebesgue ist die Reihenfolge von Summation und Integration f ür r < r0
vertauschbar und wir erhalten
Z2π ∞ µ ¶n Z 2π
1 1X r
u(r, φ) = g1 (ψ) dψ + g1 (ψ)[cos nφ cos nψ + sin nφ sin nψ]dψ
2π π n=1 r0
0 0
Z2π ∞ µ
X ¶n
1 r
= g1 (ψ)(1 + 2 cos n(ψ − φ)) dψ.
2π n=1
r0
0
Z2π Ã ∞ µ ¶n !
1 X r in(ψ−φ) −in(ψ−φ)
u(r, φ) = g1 (ψ) 1 + (e +e ) dψ
2π n=1
r0
0
Z2π Ã r i(ψ−φ) r −i(ψ−φ)
!
1 r0 e r0 e
= g1 (ψ) 1 + + dψ
2π 1 − rr0 ei(ψ−φ) 1 − rr0 e−i(ψ−φ)
0
Z2π · ¸
1 r02 − r2
= g1 (ψ) 2 dψ.
2π r0 − 2r0 r cos(ψ − φ) + r 2
0
4. Schritt: Eindeutigkeit
Die Lösung des Dirichlet Problems
1 2πR r02 −r 2
2π g1 (ψ) r2 −2r0 r cos(ψ−φ)+r 2 dψ für r < r0 ,
u(r, φ) = 0 0
g1 (φ) für r = r0
ist eindeutig.
Sei v = u1 −u2 , wobei u1 , u2 ∈ C 2 (Ω)∩C 1 (Ω) bzw. u1 , u2 ∈ W 2,2 (Ω) Lösungen des Dirichlet
Problems sind. Dann ist
Z Z Z Z
∂v
4vv dx = − ∇v · ∇v dx + v dv = − |∇v|2 dx = 0,
∂n
Ω Ω ∂Ω Ω
d.h. ∇v = 0 in Ω f.ü. und v = const in Ω. Da v ∈ C 1 (Ω) bzw. v ∈ C(Ω) und v = 0 auf ∂Ω ist,
muss v = 0 in Ω sein.
Neumann Problem
Wir betrachten die formale Reihe (3.28) und beachten, dass folgende Relation gelten soll:
X∞
∂u(r0 , φ)
= (an n cos nφ + bn n sin nφ)r0n−1
∂r n=1
∞
α0 X
= + αn cos nφ + βn sin nφ = g2 (φ).
2 n=1
erhalten wir
1 1
a0 = C, a n = αn , bn = β n für n ≥ 1.
nr0n−1 nr0n−1
∞
X Z2π
rn 1
u(r, φ) = C + g2 (ψ)[cos nφ cos nψ + sin nφ sin nψ] dψ.
n=1
nr0n−1 π
0
Durch Änderung der Reihenfolge der Integration und Summation f ührt dies analog zum
Dirichlet Problem zur Darstellung
Z2π X∞ µ ¶n
r0 r 1
u(r, φ) = C+ g2 (ψ) cos n(ψ − φ)dψ
π n=1
r 0 n
0
Z2π X∞ µ ¶n
r0 1 r
= C+ g2 (ψ) (ein(ψ−φ) + e−in(ψ−φ) )dψ.
2π n=1
n r 0
0
P∞ n
Nun ist n=1 zn = ln 1−z
1
für |z| < 1. Für r < r0 folgt die Dini Formel (beachte
R
2π
g2 (ψ)dψ = 0!)
0
Z2π " Ã ! Ã !#
r0 1 1
u(r, φ) = C+ g2 (ψ) ln + ln dψ
2π 1 − rr0 ei(ψ−φ) 1 − rr0 e−i(ψ−φ)
0
Z2π · µ ¶¸
r0 r02
= C+ g2 (ψ) ln 2 dψ
2π r0 − 2rr0 cos(ψ − φ) + r 2
0
Z2π Ã !
r0 1
= C+ g2 (ψ)ln p dψ.
π r02 − 2r0 r cos(ψ − φ) + r 2
0
Bemerkungen
• Dirichlet Problem in der Kugel
Durch Einführen von Kugelkoordinaten und einen Separationsansatz
erhält man eine Eulersche Differentialgleichung zur Bestimmung von R(r) und ei-
ne partielle Differentialgleichung zur Bestimmung der Kugelfunktionen Y (φ, θ). Die
letztere kann wiederum separiert werden. Die Poissonformel zur L ösung des Dirich-
let Problems lautet in Kugelkoordinaten:
Z2πZπ
1 r0 (r02 − r2 ) sin θ 0
u(r, φ, θ) = g1 (θ0 , φ0 ) 3 dθ0 dφ0
4π (r2 − 2rr0 cos γ 0 + r02 ) 2
0 0
3.2. DIE FOURIERMETHODE 69
• Greensche Funktionen
Die Formeln (3.20),(3.21) und (3.34) lassen die Vermutung aufkommen, dass die L ösung
des Dirichlet Problems (bzw. des Neumann Problems) mit Hilfe einer Funktion von
zwei Variablen auch in allgemeineren Gebieten beschrieben werden kann:
Z
∂GD (x, y)
u(x) = − g̃1 (y) dσy Dirichlet Problem,
∂ny
∂Ω
Z
u(x) = g̃2 (y)GN (x, y)dσy Neumann Problem.
∂Ω
E2 (x, y) bzw. E3 (x, y) sind die Fundamentallösungen des zwei- bzw. dreidimensio-
nalen Laplace-Operators, d.h.
−4u = f in Ω,
u = g1 auf ∂Ω.
• Maximum-Prinzip
Es sei Ω ⊂ Rn ein zusammenhängendes beschränktes Gebiet, 4u ≥ 0 bzw. 4u ≤ 0
und u ∈ C 2 (Ω) ∩ C(Ω). Wenn u in einem inneren Punkt von Ω ihr Maximum (oder
Minimum) annimmt, so ist u(x) = const.
Harmonische Funktionen nehmen daher ihr Maximum bzw. Minimum auf dem Rand
des Gebietes an. Daraus folgt wiederum die Eindeutigkeit der L ösung des Dirichlet
Problems.
Wir betrachten als Modellfall das Dirichlet Anfangswertproblem f ür die Wärmeleitungs-
gleichung in einem Stab der Länge l. Gesucht ist die Temperatur, bzw. Teilchenkonzentrati-
on u = u(x, t), so dass
∂u(x, t) a2 ∂ 2 u(x, t)
− = f (x, t) für 0 < x < l, t > 0,
∂t ∂x2
u(0, t) = u(l, t) = 0 für t ≥ 0,
(3.35)
u(x, 0) = u0 (x) für 0 ≤ x ≤ l.
∞
X X ∞
∂f
f (x, t) = ck (t)Xk (x), (x, t) = c0k (t)Xk (x)
∂t
k=1 k=1
und
∞
X ∞
X
|ck (t)| ≤ c̃k < C̃, |c0k (t)| ≤ C ∀t ∈ [0, T ], k = 1, 2, ... .
k=1 k=1
P∞ P∞
Weiterhin sei u0 (x) = k=1 βk Xk (x) und k=1 |βk | < ∞. Dann ist
r
∞ Zt
2X 2 2 2 2
u(x, t) = sin λk x βk e−a λk t + ck (τ )e−a λk (t−τ ) dτ
l
k=1 0
l
Z Zt Z l
= G(x, ξ, t)u0 (ξ)dξ + G(x, ξ, t − τ )f (ξ, τ )dξdτ
0 0 0
mit Zl Zl
βk = u0 (x)Xk (x), ck (τ ) = f (x, τ )Xk (x)dx
0 0
aus C 2,1 ([0, l] × (0, T ]) ∩ C([0, l] × [0, T ]) eine Lösung des Problems (3.35). Hierbei ist G(x, ξ, t) =
P∞ −a2 λk2 t
k=1 e Xk (ξ)Xk (x).
Bemerkung
P∞ P∞
Die Bedingung k=1 |ck (t)| < k=1 c̃k < C̃ ist erfüllt, falls ∂f (x, t) einer Dirichletschen
P∞ ∂x
Bedingung bezüglich x genügt [13, S. 417]. Ebenso ist k=1 |βk | < ∞, falls ∂u ∂x einer Di-
0
∂T (t)
X(x) − a2 T (t)X 00 (x) = f (x, t),
∂t
T (t)X(0) = 0,
T (t)X(l) = 0,
T (0)X(x) = u0 (x).
Die grundlegende Idee ist, ein Rand-Eigenwertproblem zu betrachten, das gestattet, X 00 (x)
durch ein Vielfaches von X(x) zu ersetzen und das die Annahme der Randbedingungen
garantiert:
was nach den Voraussetzungen über f und u0 sinnvoll ist. Multiplizieren wir (3.40) und
(3.41) mit Xm (x) und integrieren über dem Intervall (0, l), dann ergibt sich wegen der Or-
thonormiertheit
Zl
dTm (t)
+ a2 λ2m Tm (t) = f (x, t)Xm (x) dx = cm (t),
dt
0
Zl
Tm (0) = u0 (x)Xm (x) dx = βm .
0
Damit wird
∞ ∞ r Zt
X 2X −a2 λ2k t a2 λ2k τ
u(x, t) = Xk (x)Tk (t) = sin λk xe βk + ck (τ )e dτ
l
k=1 k=1 0
r ∞
Z t
2X 2 2 2 2
= sin λk x βk e−a λk t + ck (τ )e−a λk (t−τ ) dτ . (3.42)
l
k=1 0
2. Schritt: Konvergenzuntersuchungen
a) Die Reihe (3.42) konvergiert gleichmäßig für t ∈ [0, T ], x ∈ [0, l]. Wir schätzen den
Koeffizienten vor Xk (x) ab:
¯ ¯
¯ Zt ¯ Zt
¯ ¯
2 2 2 2
¯βk e−a λk t + ck (τ )e−a λk (t−τ ) dτ ¯ ≤ |βk | + |ck (τ )|e−a2 λ2k (t−τ ) dτ
¯ ¯
¯ ¯
0 0
Zt −a2 λ2k t
2
λ2k (t−τ ) 1−e C̃
≤ |βk | + C̃ e−a dτ = |βk | + C̃ ≤ |βk | + .
a2 λ2k a2 λ2k
0
Damit ist eine konvergente Majorante gefunden worden und (3.42) konvergiert abso-
lut und gleichmäßig. Es ist u(x, t) ∈ C([0, l] × [0, T ]).
b) Wir zeigen, dass die nach t gliedweise differenzierte Reihe f ür x ∈ [0, l], t ∈ [ε, T ],
ε > 0 gleichmäßig
q konvergiert. Die nach t gliedweise differenzierte Reihe lautet (oh-
ne Faktor 2
l ):
∞
X Zt
2
λ2k t 2
λ2k (t−τ )
sin λk x −a2 λ2k βk e−a + ck (t) − a2 λ2k e−a ck (τ )dτ .
k=1 0
Damit haben wir eine Majorante gefunden und die gleichm äßige Konvergenz ist ge-
sichert. Hierbei haben wir genutzt, dass
ex ≥ x für x ≥ 0 ist.
Es folgt, dass
e−x ≤ x−1 und xe−x ≤ 1 für x = a2 λ2k ε ist.
Zl Zt Z l
= G(x, ξ, t)u0 (ξ)dξ + G(x, ξ, t − τ )f (ξ, τ )dξdτ,
0 0 0
wobei gilt:
∞
X 2
λ2k t
G(x, ξ, t) = e−a Xk (ξ)Xk (x).
k=1
G(x, ξ, t) heißt auch in diesem Fall Greensche Funktion f ür die Wärmeleitungsgleichung
mit Dirichlet Randbedingungen.
74 KAPITEL 3. DIFFERENTIALGLEICHUNGEN ZWEITER ORDNUNG
Bemerkungen
• Inhomogene Randbedingungen
Wir betrachten das Problem
∂u ∂2u
− a2 2 = f (x, t), (3.43)
∂t ∂x
u(0, t) = u1 (t), (3.44)
u(l, t) = u2 (t), (3.45)
u(x, 0) = u0 (x), (3.46)
wobei u1 (t) und u2 (t) nach t genügend oft differenzierbar sind. Sei v = v(x, t) eine
neue unbekannte Funktion mit
x
v(x, t) = u(x, t) − (u1 (t) + [u2 (t) − u1 (t)]).
l
v(x, t) genügt den homogenen Randbedingungen.
v(0, t) = u(0, t) − u1 (t) = 0,
v(l, t) = u(l, t) − u2 (t) = 0.
Weiterhin ist
∂v ∂u x
=− (u01 (t) + [u02 (t) − u01 (t)]),
∂t ∂t l
∂2v ∂2u
= ,
∂x2 ∂x2
x
v(x, 0) = u(x, 0) − (u1 (0) + [u2 (0) − u1 (0)]).
l
Damit lautet das Rand-Anfangswertproblem für v:
∂v ∂v x 0
− a2 2 = f (x, t) − (u01 (t) + [u (t) − u01 (t)]) = F (x, t),
∂t ∂x l 2
v(0, t) = 0,
v(l, t) = 0,
x
v(0, x) = u0 (x) − (u1 (0) +
[u2 (0) − u1 (0)] = v0 (x).
l
Falls F und v0 den Voraussetzungen des Satzes 10 genügen, dann existiert eine klas-
sische Lösung.
• Maximumprinzip
Es sei
QT = {(x, t) : 0 < x < l, 0 < t < T },
QT = {(x, t) : 0 ≤ x ≤ l, 0 ≤ t ≤ T },
Q̂T = {(x, t) : 0 < x < l, 0 < t ≤ T }.
Sei u(x, t) ∈ C(QT ) ∩ C 2,1 (Q̂T ) und genüge in QT der homogenen Wärmeleitungs-
gleichung
∂u ∂2u
− a2 2 = 0.
∂t ∂x
Dann nimmt die Funktion u(x, t) im abgeschlossenen Gebiet Q T sowohl ihren größten
als auch kleinsten Wert auf QT \ Q̂T an.
• Eindeutigkeit
Das gemischte Problem (3.43) bis (3.46) besitzt in der Klasse
C([0, l] × [0, T ]) ∩ C 2,1 ((0, l) × (0, T ]) höchstens eine Lösung.
3.2. DIE FOURIERMETHODE 75
PSfrag replacements T
l x
bT
Abbildung 3.1: Das Gebiet QT \Q
Beweis
Angenommen, es gäbe zwei Lösungen u1 und u2 . Die Differenz w = u1 −u2 nimmt ih-
ren größten und kleinsten Wert auf QT \ Q̂T an. Dort ist w = 0 aufgrund der Anfangs-
und Randbedingungen. Es folgt w ≡ 0 in QT .
• Mehrere Raumdimensionen
In diesem Fall lautet das Rand-Anfangswertproblem für die Wärmeleitungsgleichung
∂u
∂t − a2 4u = f in Ω × (0, ∞),
u(x, 0) = u0 (x) für x ∈ Ω,
u(x, t) = 0 für (x, t) ∈ ∂Ω × (0, ∞).
4X + λ2 X = 0 in Ω,
X = 0 auf ∂Ω.
• Andere Randbedingungen
Sind andere Randbedingungen an den Intervallenden gegeben, dann ist das Rand-
Eigenwertproblem (3.36), (3.37) entsprechend zu modifizieren. Die dadurch berech-
neten Eigenwerte λk und Eigenfunktionen Xk sind im Fourierverfahren analog ein-
zusetzen.
Wir betrachten auch in diesem Fall ein räumlich-eindimensionales Modellproblem für eine
eingespannte schwingende Saite:
Das Vorgehen ist ähnlich wie bei der Wärmeleitungsgleichung. Zunächst wird eine Se-
paration der Variablen vorgenommen. Dazu betrachten wir das Rand-Eigenwertproblem
(3.36),(3.37) und stellen die Lösung dar als
∞
X
u(x, t) = Xk (x)Tk (t).
k=1
76 KAPITEL 3. DIFFERENTIALGLEICHUNGEN ZWEITER ORDNUNG
q
Hierbei ist Xk (x) = 2
l sin λk x und die Funktionen Tk (t) sind so zu bestimmen, dass
∞ µ ¶
∂2u ∂2u X ∂ 2 Tk
2
− a2 2 = Xk (x) − a2 Xk00 (x)Tk (t) = f (x, t),
∂t ∂x ∂t2
k=1
∞
X
Tk (0)Xk (x) = u0 (x),
k=1
X∞
Tk0 (0)Xk (x) = u1 (x).
k=1
wobei
Zl
ck (t) = f (x, t)Xk (x)dx,
0
Zl
βk = u0 (x)Xk (x)dx,
0
Zl
αk = u1 (x)Xk (x)dx
0
Sind u0 , u1 und f genügend glatt, dann ist die formale Lösung auch klassische Lösung, d.h.
u(x, t) ∈ C 2,2 ((0, l), (0, T )) ∩ C 0,1 ([0, l], [0, T ]).
Bemerkung
Es gibt höchstens eine klassische Lösung. Für die Wellengleichung gilt das Maximum Prin-
zip nicht, und der Beweis erfolgt mit Hilfe der Energiemethode. Wir nehmen an, es g äbe
3.2. DIE FOURIERMETHODE 77
Es ist
Zl · ¸
dE(t) 1 ∂ ∂
= (wt )2 + a2 (wx )2 dx
dt 2 ∂t ∂t
0
Zl
= (wt wtt + a2 wx wxt ) dx
0
Zl
= wt (wtt − a2 wxx )dx + a2 wx wt |l0 .
0
Da
w(l, t + h) − w(l, t)
wt (l, t) = lim = 0,
h→0 h
w(0, t + h) − w(0, t)
wt (0, t) = lim =0
h→0 h
für t ≥ 0 ist, folgt
Zl
dE(t)
= wt (wtt − a2 wxx )dx = 0.
dt
0
Schwache Lösungen
Wie wir im dritten Kapitel festgestellt haben, ist die Existenz von klassischen L ösungen nur
unter recht einschneidenden Voraussetzungen sicher zu stellen. Eine Verallgemeinerung
der klassischen Differentiation in Form eines schwachen Ableitungsbegriffs bzw. als distri-
butionelle Ableitung wird in diesem Zusammenhang hilfreich sein. Weiterhin gestattet die
Abschwächung des Ableitungsbegriffes die Differentialgleichungen in Hilbertr äumen bzw.
reflexiven Banachräumen zu behandeln und numerische Methoden zur nährungsweisen
Berechnung der Lösung zu entwickeln.
Wir beginnen mit einer kurzen Einführung des schwachen Ableitungsbegriffes und ent-
sprechender Sobolvräume und diskutieren die schwache Lösbarkeit der Poisson-, Wärme-
leitungs- und Wellengleichung.
Bemerkung: In diesem Kapitel heben wir die vektoriellen Gr ößen nicht durch Fettdruck
hervor.
Definition 16 Sei Ω eine nichtleere, offene Menge im Rn , n ≥ 1. L2 (Ω) bezeichnet die lineare
Menge von Äquivalenzklassen von in Ω messbaren Funktionen u : Ω → R mit
Z
|u(x)|2 dx < ∞.
Ω
R
Zwei Funktionen u und v gehören zu einer Äquivalenzklasse, falls |u − v|2 dx = 0, d.h.
Ω
u(x) = v(x) fast überall (f.ü.) in Ω.
Einige Eigenschaften:
• In L2 (Ω) ist ein Skalarprodukt definiert
Z
(u, v)0 = (u, v)L2 (Ω) = u(x)v(x)dx,
Ω
79
80 KAPITEL 4. SCHWACHE LÖSUNGEN
• L2 (Ω) ist ein Hilbertraum (vollständig in Bezug auf die Normkonvergenz, d.h.
un → u ⇔ kun − uk0 → 0.)
• Die Teilmengen C0∞ (Ω) und C(Ω) sind dicht in L2 (Ω). Hierbei ist C0∞ (Ω) die Men-
ge aller beliebig oft differenzierbaren Funktionen mit kompaktem Tr äger in Ω. Der
Träger einer Funktion u ist definiert als supp u = {x : u(x) 6= 0}.
Der Schlüssel zur Verallgemeinerung des Ableitungsbegriffs liegt in der Anwendung der
partiellen Integration. Wir erinnern, dass für eine beschränkte meßbare Menge Ω ∈ Rn und
stetig differenzierbare Funktionen u, v ∈ C 1 (Ω) gilt:
im Fall n = 1, Ω = (a, b):
Zb Zb
u(x)v 0 (x)dx = − u0 (x)v(x)dx + u(x)v(x)|ba ;
a a
im Fall n > 1, Ω ⊂ Rn , ∂Ω glatt, n äußerer Normalenvektor der Fläche ∂Ω, x = (x1 , ..., xn ):
Z Z Z
∂v(x) ∂u
u(x) dx = − (x)v(x)dx + u(x)v(x) cos(n, xi )dσ.
∂xi ∂xi
Ω Ω ∂Ω
wobei α = (α1 , ..., αn ) für αi ∈ N0 ein Multiindex und |α| = i=1 αi ist, erhalten wir:
Z Z Z
∂ |α| v ∂u ∂ |α|−1 v ∂ |α|−1 v cos(n, x1 )
u dx = − dx + u dσ (4.1)
∂x1 ...∂xα
α1
n
n
∂x1 ∂x1 1 −1 ...∂xα
α
n
n
∂x1α1 −1 ...∂xα
n
n
Ω Ω ∂Ω
Z |α| Z
∂ u
= (−1)|α| αn v dx + R(u, v)dσ. (4.2)
∂xα
1
1
...∂x n
Ω ∂Ω
R hängt von Ableitungen von u und v bis zur Ordnung |α| − 1 ab. Mit der Bezeichnung
|α|
Dα = ∂xα1∂...∂xαn können wir (4.2) auch wie folgt schreiben:
1 n
Z Z Z
α |α| α
uD v dx = (−1) D uv dx + R(u, v) dσ.
Ω Ω ∂Ω
|α|
Es sei C0 (Ω) = {v ∈ C |α| (Ω) : supp v beschränkt, supp v ⊂ Ω}, das heißt, die Funktionen
v ∈ C |α| (Ω) verschwinden in einem Randstreifen und damit verschwindet das Oberfl ächen-
integral in (4.2) für diese Funktionen.
4.1. SCHWACHE ABLEITUNGEN 81
Definition 17 (Schwache Ableitungen) Es sei Ω ⊂ Rn und u, w ∈ L1loc (Ω), das heißt, u und
w sind über jedem beschränkten inneren Teilgebiet von Ω integrierbar. w = uα = Dα u ist die
schwache α-te Ableitung von u im Gebiet Ω (nicht punktweise definiert !), falls gilt:
Z Z
uDα v dx = (−1)|α| wv dx ∀v ∈ C0∞ (Ω) . (4.3)
Ω Ω
Durch Überschiebung der Differentiation auf die so genannten Testfunktionen wird durch
die Formel (4.3) die schwache Ableitung eingeführt. Diese Idee wird in der Distributionen-
|α|
theorie weiter ausgebaut, das heißt C0 (Ω) wird durch C0∞ (Ω) ersetzt, die Distributionen
werden als lineare Funktionale über dem Raum C0∞ (Ω) definiert.
Die schwachen Ableitungen sind in L1loc (Ω) eindeutig bestimmt (Lemma von Du Bois-
Reymond) und stimmen mit den klassischen Ableitungen überein, falls diese existieren und
sich in L1loc (Ω) befinden.
Es gilt:
Beispiel
Es sei Ω = (−1, 1) und u(x) = |x|, siehe Abbildung 4.1.
u
x
−1 1
Z+1 Z+1
0
uv dx = − wv dx für alle v ∈ C01 ((−1, +1)).
−1 −1
Für u = |x| und nach partieller Integration über den Teilintervallen (−1, 0) und (0, 1) erhal-
ten wir
Z+1 Z0 Z1 Z0 Z1
|x|v dx = − xv dx + xv 0 dx
0 0
= v dx − v dx
−1 −1 0 −1 0
Z+1 Z+1
= − sgn(x)v dx = − wv dx.
−1 −1
Aus dem Lemma von Du Bois-Reymond folgt, dass u0 (x) = w(x) = sgn(x) ist;
Abbildung 4.1.
u0
PSfrag replacements −1
Die zweite Ableitung von u(x) = |x| (bzw. die erste Ableitung von sgn x) ist durch
Z+1 Z0 Z1
sgn(x)v 0 dx = − 0
v dx + v 0 dx = −v(0) + v(−1) + v(1) −v(0)
| {z } |{z}
−1 −1 0 =0 =0
= −2v(0) ∀v ∈ C01 ((−1, +1))
definiert.
Wir untersuchen nun die Frage, ob es eine integrierbare Funktion w ∈ L(−1, +1) gibt, so
dass
Z+1
2v(0) = w(x)v(x) dx
−1
ist.
4.1. SCHWACHE ABLEITUNGEN 83
Wir nehmen an, dass es ein solches w ∈ L(−1, +1) gibt und betrachten eine beliebige Funk-
tion v ∈ C01 ((−1, +1)). Da sich auch xv in C01 ((−1, +1)) befindet, muss
Z1
w(x)xv(x)dx = 2v(0) · 0 = 0
−1
gelten.
Aus dem Lemma von Du Bois-Reymond folgt, dass w(x)x = 0 f.ü. ist und daher w(x) = 0
f.ü.. Damit wäre
Z1
w(x)v(x)dx = 0 = 2v(0)
−1
Folgerung
Sprungfunktionen besitzen keine schwachen Ableitungen. Jedoch existiert eine Ableitung
im Distributionensinn.
◦
Die Räume H k (Ω) und H k (Ω), k ∈ N0
Definition 18 Sei k ∈ N ∪ {0}. Der lineare Raum
H k (Ω) = {u ∈ L2 (Ω) : Dα u ∈ L2 (Ω) für |α| ≤ k},
versehen mit dem Skalarprodukt
X
(u, v)k = (u, v)H k (Ω) := (Dα u, Dα v)0
|α|≤k
Für 1 ≤ p < ∞ führen wir den Sobolev-Raum W k,p (Ω) ein, der für p = 2 mit H k (Ω)
übereinstimmt.
µ ¶ p1
R
heißt Sobolevraum. Hierbei ist kvkLp (Ω) = |v|p dx .
Ω
◦
Definition 20 H k (Ω) ist die Abschließung von C0∞ (Ω) bezüglich der Norm (4.4).
◦
W k,p (Ω) ist die Abschließung von C0∞ (Ω) bezüglich der Norm (4.5).
4.1. SCHWACHE ABLEITUNGEN 85
◦
• Es sei Ω ein beschränktes Gebiet. In H k (Ω) gilt die Poincaré-Friedrichs Ungleichung
• Der Rand ∂Ω sei Lipschitz-stetig, Γ ⊂ ∂Ω, mes Γ 6= 0, wobei mes Γ das Maß des Flächenstücks
ist. Dann gilt ∀u ∈ H 1 (Ω)
¯ ¯ 21
¯Z ¯ Z X n ¯ ¯2
¯ ¯ ¯ ∂u ¯
kuk1 ≤ C ¯¯ u dσ ¯¯ + ¯ ¯
¯ ∂xi ¯ dx , (4.8)
¯ ¯ i=1
∂Ω Ω
¯ ¯ 12
¯Z ¯ Z X n ¯ ¯2
¯ ¯ ¯ ¯
kuk1 ≤ C ¯¯ u(x)dx¯¯ + ¯ ∂u ¯ dx , (4.9)
¯ ∂xi ¯
¯ ¯ i=1
Ω Ω
12
Z n ¯
Z X ¯2
¯ ∂u ¯
kuk1 ≤ C |u|2 dσ + ¯ ¯ (4.10)
¯ ∂xi ¯ dx .
Γ Ω i=1
Beweis
Wir beweisen nur die Friedrichs’sche Ungleichung. Sei u zun ächst ein Element aus C0∞ (Ω).
Da Ω beschränkt ist, gibt es eine Kugel KR (0), so dass Ω ⊂ KR (0) ist.
Für jeden Punkt x = (x1 , ..., xn ) ∈ Ω gilt, dass x1 ∈ [−R, R] und wir haben
¯ x ¯2
¯Z 1 ¯
¯ ∂u ¯
|u(x)|2 = ¯ (ξ, x2 , . . . , xn )dξ ¯¯
¯ ∂x1
¯ ¯
−R
Zx1 ¯ ¯2
Schwarz-Ungleichung ¯ ∂u ¯
≤ (x1 + R) ¯ ¯
¯ ∂x1 (ξ, x2 , . . . , xn )¯ dξ
−R
Z+R¯ ¯2
¯ ∂u ¯
≤ 2R ¯ (ξ, x , . . . , x ) ¯
n ¯ dξ.
¯ ∂x1 2
−R
Z Z Z+R¯ ¯2
¯ ∂u ¯
2
|u(x)| dx = kuk20 ≤ 2R ¯ ¯
¯ ∂x1 (ξ, x2 , ..., xn )dξ ¯ dx
Ω Ω −R
° °
° ∂u °2
= 4R2 ° ° 2 2
° ∂x1 ° ≤ 4R |u|1 .
0
86 KAPITEL 4. SCHWACHE LÖSUNGEN
Nun ist
Allgemeiner gilt:
|u|2j−1 ≤ 4R2 |u|2j j = 1, 2, ..., k,
k
X
kuk2k = |u|2j ≤ ((4R2 )k + (4R2 )k−1 + ... + 4R2 + 1)|u|2k
j=0
µ ¶
(4R2 )k+1 − 1
= |u|2k .
4R2 − 1
◦
Wir betrachten nun ein u ∈ H k (Ω). Zu jedem ε > 0 finden wir ein Element ũ ∈ C0∞ (Ω) mit
ku − ũkk < ε.
Es ist
kukk ≤ ku − ũkk + kũkk
≤ ε + C|ũ|k
≤ ε + C|ũ − u|k + C|u|k
< ε(1 + C) + C|u|k
Bemerkungen
◦
• In H k (Ω) sind Norm und Seminorm äquivalent.
• Die Friedrichs-Ungleichung bleibt richtig, falls Ω nur in einer Richtung beschr änkt ist.
Die Anwendung von F auf u wird auch als duale Paarung in der Form < F, u >= F (u) geschrie-
ben.
Die Elemente aus H −k (Ω), k = 1, 2, ... können wie folgt charakterisiert werden:
4.2. STATIONÄRE RANDWERTPROBLEME UND IHRE SCHWACHE FORMULIERUNG87
Lemma 4 [7, S.294] F ist aus H −k (Ω) genau dann, wenn eine Familie {fα }|α|≤k von Funktionen
fα ∈ L2 (Ω) existiert, so dass
X
F = (−1)|α| Dα fα ,
|α|≤k
Folgerung
Deltadistributionen als Dichte von Punktlasten gehören zu H −1 (Ω).
Au = f A : X → Y. (4.12)
Dabei werden die Randbedingungen durch die Wahl des Raumes X realisiert (z.B. gen ügen
◦
die Elemente u aus H 1 (Ω) homogenen Dirichletbedingungen auf dem Rand). Falls X ein
Hilbertraum ist und Y = X 0 der Dualraum ist (Raum der linearen stetigen Funkionale auf
X) dann ist (4.12) äquivalent zu
hAu, vi = hf, vi ∀v ∈ X.
Es sei a(u, v) := hAu, vi eine Bilinearform auf X × X. Die schwache Formulierung von
(4.12) lautet:
Finde ein Element u ∈ X, so dass
a(u, v) := hf, vi ∀v ∈ X.
Beispiel
Wir betrachten das Dirichletproblem für die Poissongleichung
−4u = f in Ω (4.13)
u = 0 auf ∂Ω, (4.14)
Definition 22 Sei V ein Hilbertraum. Die Abbildung a(·, ·) : V × V → R wird reelle Bilinearform
genannt, wenn
a(u, α1 v1 + α2 v2 ) = α1 a(u, v1 ) + α2 a(u, v2 ),
a(α1 u1 + α2 u2 , v) = α1 a(u1 , v) + α2 a(u2 , v)
für alle u, v, u1 , u2 , v1 , v2 ∈ V, α1 , α2 ∈ R gilt. Die Bilinearform ist stetig (beschränkt), falls ein
C > 0 existiert, so dass
|a(u, v)| ≤ CkukV kvkV ∀u, v ∈ V. (4.17)
Lemma 5 [5, S.127], [4, S. 298] Jedem linearen stetigen Operator A : V → V 0 kann eine stetige
Bilinearform a(·, ·) zugeordnet werden, so dass
a(u, v) = hAu, vi ∀u, v ∈ V (4.18)
ist. Umgekehrt entspricht jeder stetigen Bilinearform ein linearer stetiger Operator
A : V → V 0 , so dass (4.18) gilt (kurz A ∈ L(V, V 0 )).
Lemma 6 (Lax-Milgram) [9, S. 38], [4, S. 297] Sei f ∈ V 0 und a(·, ·) eine Bilinearform auf V ×V ,
so dass
a(u, v) = hf, vi ∀v ∈ V. (4.19)
Falls Konstanten C1 , C2 > 0 existieren, so dass gilt
|a(u, v)| ≤ C1 kukV kvkV , (4.20)
a(u, u) ≥ C2 kuk2V ∀u, v ∈ V, (4.21)
dann besitzt (4.19) eine eindeutig bestimmte Lösung u ∈ V und es gilt die Abschätzung
1
kukV ≤ kf kV 0 .
C2
4.3. BILINEARFORMEN UND LAX-MILGRAM LEMMA 89
Beweis
• Die Eindeutigkeit folgt aus der Ungleichung (4.21). Seien u 1 und u2 schwache Lösun-
gen, dann ist
a(u1 − u2 , v) = h0, vi = 0 ∀v ∈ V
• Wir beweisen die Existenz einer Lösung u ∈ V für ein beliebiges f ∈ V 0 . Dazu benöti-
gen wir den Banachschen Fixpunktsatz und den Rieszschen Darstelungssatz.
Der Banachsche Fixpunktsatz lautet:
Sei M eine abgeschlossene nichtleere Teilmenge eines Banachraumes X, T : M ⊆ X → M
sei eine Kontraktion, d.h. für ein q ∈ [0, 1) gilt
kτ f kH = kf kH 0 (4.23)
hf, vi = (τ f, v)H für alle v ∈ H . (4.24)
Wir betrachten jetzt die Bilinearform a(·, ·) auf V × V und den linearen stetigen Ope-
rator A : V → V 0 , der durch
a(u, v) = hAu, vi
definiert ist. Aus (4.24) folgt für f = Au
Daraus folgt
kτ ◦ Ak ≤ kAk, c2 ≤ kAk (4.26)
und
c2
0< ≤ 1. (4.27)
kAk
T (u) := u − k(τ Au − τ f ),
wobei k eine reelle Zahl ist. Wir sehen sofort, u∗ ist Fixpunkt von T , falls gilt
τ Au∗ = τ f . (4.28)
90 KAPITEL 4. SCHWACHE LÖSUNGEN
Da
(4.24) (4.28) (4.24)
a(u∗ , v) = hAu∗ , vi = (τ Au∗ , v)V = (τ f, v)V = hf, vi
ist der Fixpunkt u∗ schwache Lösung von a(u, v) = hf, vi und die Existenz der Lösung
wäre gezeigt.
Wir überlegen nun, dass T bei einer bestimmten Wahl der Konstanten k einen Fix-
punkt besitzt. Dazu überprüfen wir die Kontraktionseigenschaft (4.22):
kT u1 − T u2 k2V = ((u1 − u2 ) − kτ A(u1 − u2 ), (u1 − u2 ) − kτ A(u1 − u2 ))V
= ku1 − u2 k2V − 2k(τ A(u1 − u2 ), u1 − u2 )V + k 2 kτ A(u1 − u2 )k2V
(4.25)
= ku1 − u2 k2V − 2ka(u1 − u2 , u1 − u2 ) + k 2 kτ A(u1 − u2 )k2V
(4.26)
= ku1 − u2 k2V − 2kc2 ku1 − u2 k2V + k 2 kAk2 k(u1 − u2 )k2V
= ku1 − u2 k2 (1 − 2kc2 + k 2 kAk2 ) .
(4.27) c22
Für k = c2
kAk2 ist q 2 = 1 − 2kc2 + k 2 kAk2 = 1 − kAk2 ∈ [0, 1).
Spezialfall
Ist a(·, ·) symmetrisch, d.h. a(u, v) = a(v, u), dann folgt aus (4.21), dass a(·, ·) auch ein Ska-
larprodukt auf V × V ist. In diesem Fall sprechen wir von einem energetischen Skalarpro-
dukt und dem entsprechenden Energie-Raum. Da lineare stetige Funktionale aus V 0 auch
lineare stetige Funktionale über dem Energie-Raum sind, ist der Satz von Riesz auf dem
Energie-Raum anwendbar: zu jedem f ∈ V 0 existiert ein Element τ f ∈ V , so dass
hf, vi = a(τ f, vi
ist. Die Existenz einer schwachen Lösung ist in diesem Fall sehr einfach gezeigt worden.
Bemerkungen
• Die Voraussetzung (4.21) wird auch als V-Elliptizität bezeichnet.
• Unter den Voraussetzungen (4.20) und (4.21) besitzt der durch (4.18) zugeordnete
Operator A eine stetige Inverse A−1 ∈ L(V 0 , V ).
Beispiel
◦
Wir kehren zum obigen Beispiel (4.16) zurück. Wir suchen ein u ∈ H 1 (Ω), so dass für ein
f ∈ H −1 (Ω) gilt
Z ◦
a(u, v) = ∇u · ∇v dx = hf, vi ∀v ∈ H 1 (Ω).
Ω
Wir überlegen, dass (4.20) und (4.21) erfüllt sind. Die Bilinearform ist beschränkt. Mit Hilfe
der Schwarzschen Ungleichung kann man folgende Absch ätzung zeigen:
¯ ¯ ¯ ¯ ¯ ¯
¯Z ¯ ¯Z X n ¯ ¯X Z ¯
¯ ¯ ¯ ¯ ¯ n ¯
¯ ∇u · ∇v dx¯ = ¯ ¯ ¯
∂i u∂i v dx¯ = ¯ ∂i u∂i v dx¯¯
¯ ¯ ¯
¯ ¯ ¯ i=1 ¯ ¯ i=1 ¯
Ω Ω Ω
n
à n ! 12 à n ! 21
X X X
≤ k∂i ukL2 (Ω) k∂i vkL2 (Ω) ≤ k∂i uk2L2 (Ω) k∂i vk2L2 (Ω)
i=1 i=1 i=1
= |u|H 1 (Ω) |v|H 1 (Ω) ≤ kukH 1 (Ω) kvkH 1 (Ω) .
4.3. BILINEARFORMEN UND LAX-MILGRAM LEMMA 91
Die Bilinearform ist V-elliptisch. Dies folgt unmittelbar aus der Poincar é-Friedrichs Unglei-
chung (4.7)
Z X
n
a(u, u) = (∂i u)2 dx = |u|21 ≥ C2 kuk21 .
Ω i=1
Galerkin Lösungen
Sei VN ⊂ V ein endlichdimensionaler Teilraum von V; z.B. kann V N als Raum von stetigen,
stückweise linearen Funktionen gewählt werden.
ist.
Die Berechnung von uN kann durch Lösen eines linearen Gleichungssystems vorgenom-
men werden.
Sei {e1 , ...eN } eine Basis in VN , z.B. sind ei stetige stückweise lineare Funktionen mit ei (xk , yk ) =
δik , wobei (xk , yk ) Knotenpunkte (Eckpunkte) eines Dreieck-Gitters sind.
Jedes Element w ∈ VN kann eindeutig dargestellt werden
N
X
w= w i ei
i=1
Lemma 7 Sei M = (a(ei , ej ))i,j die Matrix und f~ = hf, ei ii=1...N der Vektor, die durch die
Basiselemente beschrieben werden. Die Probleme
a) finde ein w
~ ∈ RN , so dass
~ = f~,
Mw
a(w, v) = hf, vi ∀v ∈ VN
sind äquivalent.
Beweis
a) w ~ = f~, d.h.
~ sei Lösung von M w
a(e1 , e1 ) .... a(eN , e1 ) w1 hf, e1 i
.. .. .. ..
. . . = . ,
a(e1 , eN ) .... a(eN , eN ) wN hf, eN i
Bemerkung
Es existiert eine eindeutig bestimmte Galerkin Lösung uN , falls die Voraussetzungen des
Lemmas von Lax-Milgram im Raum V erfüllt sind. Man beachte, dass VN ⊂ V .
Der Fehler zwischen der schwachen Lösung u ∈ V und seiner Galerkin Lösung w = uN ∈
VN kann mit Hilfe des folgenden Lemmas abgeschätzt werden.
Beweis
Es gilt:
a(u, v) = hf, vi ∀v ∈ VN ,
a(uN , v) = hf, vi ∀v ∈ VN
und daher
a(u − uN , v) = 0 ∀v ∈ VN . (4.34)
Damit können wir abschätzen
(4.32) 1 (4.34) 1
ku − uN k2V ≤ a(u − uN , u − uN ) = a(u − uN , u − vN )
C2 C2
(4.31) C1
≤ ku − uN kV ku − vN kV .
C2
Division durch ku − uN kV 6= 0 liefert die Behauptung (4.33).
4.3. BILINEARFORMEN UND LAX-MILGRAM LEMMA 93
Fehlerabschätzungen
Die Abschätzung (4.33) können wir auch in der Form
ku − uN kV ≤ C inf ku − vN kV
vN ∈VN
schreiben. Das heißt die Galerkin Lösung uN ist eine ”beste“ Approximation der Lösung u
im Raum VN .
V1 ⊂ V2 ⊂ ... ⊂ VN ⊂ ... ⊂ V
S∞
mit i=1 Vi dicht in V , dann konvergiert
ku − uN kV → 0 für N → ∞.
Diese Fehlerabschätzung kann präzisiert werden, wenn wir die Räume VN genauer be-
schreiben.
Lemma 9 [5, S. 169, Satz 8.4.4] Sei VN der Raum der stetigen, stückweise linearen Funktionen
bezüglich einer zulässigen Triangulierung eines Polygons Ω ⊂ R2 . Sei α0 > 0 der kleinste Öff-
nungswinkel und h die längste Seite der Dreiecke. Dann ist
Bemerkung
In diesem Lemma wurde angenommen, dass u glatt genug ist, d.h. u ∈ H 2 (Ω). Diese Be-
dingung gilt für das Dirichlet Problem für den Laplace Operator, wenn f zu L2 (Ω) gehört
und das Polygon Ω konvex ist. Für ein Polygon mit einspringenden Ecken gilt nur, dass
π
u ∈ H 1+ ω0 −ε (Ω) ist, wobei ω0 > π der größte innere Winkel ist.
Im nächsten Abschnitt beschreiben wir Sobolevräume mit reeller Ableitungsordnung.
Es gilt C k+1 (Ω) ⊂ C k,λ (Ω) ⊂ C k (Ω) und damit nimmt C k,λ (Ω) eine Zwischenposition ein.
Diese Idee wird auf Sobolevräume übertragen, um nicht ganzzahlige Differentiationsord-
nungen zu erklären.
94 KAPITEL 4. SCHWACHE LÖSUNGEN
24 Der Raum
Definition
ZZ
|Dα u(x)−D α u(y)|p
s,p k,p
W (Ω):= u∈W (Ω):Iα (u)= dxdy < ∞ für alle α mit|α| = k
|x − y|n+pλ
ΩΩ
Beispiel
Die Sprungfunktion einer reellen Variablen (siehe Abbildung 4.3)
½
1 für x ∈ [−1, 1] ,
u(x) =
0 sonst
gehört nicht zu W 1,2 (−2, 2), da u0 (x) = δ−1 (x) + δ+1 (x) im Distributionensinne ist. Jedoch
ist u ∈ W s,2 (−2, 2) für 0 ≤ s < 12 .
PSfrag replacements
−1 1
Negative Ableitungsordnung
◦
Definition 25 Sei 1 < p < ∞, s < 0, 1
p + 1
q = 1. W s,p (Ω) ist der Dualraum von W −s,q (Ω), das
heißt
◦
W s,p (Ω) = (W −s,q (Ω))0 ,
|F (u)|
kF kW s,p (Ω) = sup .
u6=0 kukW −s,q (Ω)
◦ −s,q
u∈W (Ω)
4.3. BILINEARFORMEN UND LAX-MILGRAM LEMMA 95
Spurräume
so dass
µ ¶
∂u ∂lu
Tl u = u, , ..., l ∀u ∈ C ∞ (Ω)
∂n ∂n
ist.
Hierbei ist ~n der äußere Einheitsnormalenvektor an ∂Ω, Tl wird Spuroperator genannt.
Folgerung für p = 2:
(i) Sei Ω ∈ C 0,1 . Die Abbildungen
1
T0 : W 1,2 (Ω) → W 2 ,2 (∂Ω) ,
1 1
T0 : W σ+ 2 (Ω) → W σ,2 (∂Ω), 0<σ≤ ,
2
sind stetig und surjektiv.
Bemerkungen
• Insbesondere gilt für Gebiete mit einem Lipschitz Rand (k = l = 0, s = 1)
1
T0 : W 1,p (Ω) → W 1− p ,p (∂Ω) ,
1
bzw. T0 : W s,p (Ω) → W s− p ,p (∂Ω) für 1
p < s ≤ 1.
96 KAPITEL 4. SCHWACHE LÖSUNGEN
Satz 13 (Fortsetzungssatz) Es seien die Voraussetzungen von Satz 12 erfüllt. Dann existiert ein
stetiger linearer Operator l
Y 1
Fl : W s−j− p ,p (∂Ω) → W s,p (Ω) ,
j=0
1
so dass für jedes Tupel (u0 , u1 , ..., ul ) ∈ Πlj=0 W s−j− p ,p (∂Ω) mit Fl (u0 , u1 , ..., ul ) = v die Rela-
tionen
∂j v
= uj auf ∂Ω, j = 0, 1, 2, ..., l
∂nj
gelten.
Bemerkungen
• Ein zu Tl rechtsinverser Operator Fl ist durch die Relation Tl Fl = IY definiert, wobei
Y der Bildraum und IY der identische Operator in Y sind. Er ist nicht eindeutig be-
stimmt. Die Stetigkeit besagt, dass eine Konstante C > 0 und Elemente v ∈ W s,p (Ω)
existieren, so dass
Xl ° j °
°∂ v°
kFl (u0 , ..., ul )kW s,p (Ω) = kvkW s,p (Ω) ≤ C ° °
° ∂nj ° s−j− p1 ,p
j=0 W (∂Ω)
l
X
= C kuj k s−j− 1 ,p
p
W (∂Ω)
j=0
Q
l 1
für alle Elemente (u0 , u1 , ..., ul ) ∈ W s−j− p ,p (∂Ω) ist.
j=0
4.4. ALLGEMEINE RANDWERTPROBLEME FÜR DIE POISSONGLEICHUNG 97
Sei Ω ⊂ Rn ein beschränktes Gebiet mit Lipschitz-Rand, d.h. Ω ∈ C 0,1 . So kann Ω z.B. ein
Polygon sein.
Klassische Formulierung
Die klassische Formulierung des Dirichletproblems f ür die Poissongleichung lautet:
Für f ∈ C(Ω), g ∈ C(∂Ω) finde ein u ∈ C 2 (Ω), so dass:
−∆u = f in Ω , (4.35)
u = g auf ∂Ω (4.36)
Schwache Formulierung
Wir wollen eine schwache Formulierung für das Randwertproblem (4.35), (4.36) angeben.
Dazu überführen wir zunächst (4.35), (4.36) in ein Randwertproblem mit homogenen Di-
1
richletdaten in geeigneten Sobolevräumen. Sei f ∈ W −1,2 (Ω), g ∈ W 2 ,2 (∂Ω). Nach dem
Fortsetzungssatz existiert ein ĝ ∈ W (Ω), so dass die Spur von ĝ auf ∂Ω mit g überein-
1,2
◦
stimmt. Wir stellen für die Funktion w = u − ĝ, u ∈ W 1,2 (Ω), w ∈ W 1,2 (Ω) ein neues
schwaches Randwertproblem auf:
◦ ◦
Finde ein w ∈ W 1,2 (Ω) = H 1 (Ω) = V , so dass gilt
Z
a(w, v) = ∇w · ∇v dx = hf, vi − a(ĝ, vi ∀v ∈ V .
Ω
Dieses Problem ist sinnvoll, da die rechte Seite durch ein Funktional F ∈ H −1 (Ω) beschrie-
ben werden kann:
Die Voraussetzungen des Lemmas von Lax-Milgram sind erf üllt und es existiert eine ein-
deutig bestimmte Lösung w ∈ V . Setzen wir u := w + ĝ, dann gilt
a(u, v) = hf, vi ∀v ∈ V ,
u|∂Ω = g im Spursinn .
Wir beginnen mit der klassischen Formulierung: Gesucht ist ein u ∈ C 2 (Ω), so dass für
f ∈ C(Ω), g ∈ C(∂Ω) −∆u(x) = f (x) in Ω , (4.37)
∂u(x)
= g(x) auf ∂Ω (4.38)
∂n
98 KAPITEL 4. SCHWACHE LÖSUNGEN
R R R
gilt. Aus der ersten Greenschen Formel (− ∆uv = ∇u · ∇v − ∂u
∂n v) folgt, dass dieses
Ω Ω ∂Ω
Problem nur lösbar ist, falls:
Z Z
f (x) dx + g(x) dσ(x) = 0 . (4.39)
Ω ∂Ω
Weiterhin gilt: falls eine Lösung aus C 2 (Ω) existiert, so ist diese nur bis auf eine additive
Konstante eindeutig bestimmt.
Diese Existenz- und Eindeutigkeitsaussagen werden auch bei der Untersuchung des schwach
formulierten Problems eine Rolle spielen.
Schwache Formulierung
1 1
Sei f ∈ (W 1,2 (Ω))0 , g ∈ W − 2 ,2 (∂Ω) = (W 2 ,2 (∂Ω))0 , Ω ∈ C 0,1 .
Die schwache Formulierung lautet: Finde ein u ∈ W 1,2 (Ω), so dass gilt
Z
a(u, v) = ∇u · ∇v dx = hf, viΩ + hg, T vi∂Ω ∀v ∈ W 1,2 (Ω) . (4.40)
Ω
1
Hierbei ist T0 : W 1,2 (Ω) → W 2 ,2 (∂Ω) der Spuroperator und hg, T0 vi∂Ω ist als Anwendung
1 1
des Funktionals g ∈ W − 2 ,2 (∂Ω) auf T0 v ∈ W 2 ,2 (∂Ω) zu verstehen. Die rechte Seite ist insge-
samt durch ein lineares und stetiges Funktional aus (W 1,2 (Ω))0 darstellbar. Es gilt nämlich
nach dem Spursatz
Die Bilinearform a(·, ·) ist stetig auf W 1,2 (Ω)×W 1,2 (Ω). Sie ist jedoch nicht W 1,2 (Ω)-elliptisch.
Um dies zu sehen, betrachte man u = c ≡ const 6= 0. Es ist:
Z Z
a(c, c) = ∇c · ∇c dx = 0 6≥ c2 kck2W 1,2 (Ω) = c2 |c|2 dx > 0 .
Ω Ω
Um die V − Elliptizität zu retten, muss der Raum W 1,2 (Ω) durch den Faktorraum
W 1,2 (Ω)/{R} = V ersetzt werden.
Die Elemente aus V sind Äquivalenzklassen, deren Elemente sich durch konstante Funk-
tionen c(x) ≡ c, c ∈ R, unterscheiden, d.h. v(x) ∼ u(x) ⇔ u(x) = v(x) + c.
Lemma 10
a) In
R den Äuqivalenzklassen aus V gibt es genau einen Vertreter v, so dass
v(x) dx = 0 ist.
Ω
b) Jede
R Äquivalenzklasse aus V enthält genau einen Vertreter w, so dass
w(x) dσ = 0 ist.
∂Ω
4.4. ALLGEMEINE RANDWERTPROBLEME FÜR DIE POISSONGLEICHUNG 99
Beweis
a) Wir betrachten eine Äquivalenzklasse aus V und greifen ein Element v0 heraus. Es
gibt eine Konstante c, so dass gilt
Z
v0 (x) dx = cµ(Ω) .
Ω
Beweis
¯ ¯2 12
Z Xn ¯ ¯2 ¯ Z ¯
¯ ∂u ¯ ¯ ¯
kukW 1,2 (Ω) ≤ c ¯ ¯ ¯ u dx¯¯ ,
¯ ∂xi ¯ dx + ¯
i=1 ¯ ¯
Ω Ω
¯ ¯2 12
Z Xn ¯ ¯2 ¯ Z ¯
¯ ∂u ¯ ¯ ¯
kukW 1,2 (Ω) ≤ c ¯ ¯ ¯ u(x) dσ ¯¯ .
¯ ∂xi ¯ dx + ¯
i=1 ¯ ¯
Ω ∂Ω
Folgerung
Das schwach formulierte Neumannproblem ist eindeutig l ösbar in VΩ bzw. V∂Ω :
Finde ein u ∈ VΩ , bzw. u ∈ V∂Ω , so dass
Z
∇u · ∇v dx = hf, viΩ + hg, T0 vi∂Ω (4.41)
Ω
für alle v ∈ VΩ (bzw. für alle v ∈ V∂Ω ), für jedes Paar f ∈ VΩ0 , g ∈ (T0 VΩ )0 bzw. f ∈ V∂Ω
0
,g ∈
(T V∂Ω ) . Hier ist T0 der Spuroperator.
0
100 KAPITEL 4. SCHWACHE LÖSUNGEN
Bemerkung
Im allgemeinen ist die Spur ∂n∂u
für Elemente aus W 1,2 (Ω) nicht definiert. Jedoch kann ge-
1
zeigt werden, dass für Lösungen des Neumannproblems ∂n ∂u
∈ W − 2 ,2 (∂Ω) ist und in diesem
Sinn die Randwertannahme gesichert ist.
Z Z
∂u
∇u · ∇v dx = T0 v dσ + hf, viΩ
∂n
Ω ∂Ω
Dg E Z
β
= , T0 v + hf, viΩ − u v dσ .
α ∂Ω α
∂Ω
ist.
Es gilt:
¯ ¯
¯ Z ¯
¯ ¯ Schwarz
¯ uv dσx ¯ ≤ kukL2 (∂Ω) kvkL2 (∂Ω)
¯ ¯
¯ ¯
∂Ω
≤ kuk 1 ,2
2 (∂Ω)
kvk 1 ,2
2 (∂Ω)
≤ CkukW 1,2 (Ω) kvkW 1,2 (Ω) .
W W
4.4. ALLGEMEINE RANDWERTPROBLEME FÜR DIE POISSONGLEICHUNG 101
Γ1
PSfrag replacements Ω
Γ2
Definition 26 Es sei
1 1 1
H 2 (Γ1 ) = W 2 ,2 (Γ1 ) = {u = T0 v|Γ1 , T0 v ∈ W 2 ,2 (∂Ω)}
Weiterhin sei
1 1
H̃ 2 (Γ1 ) = {u ∈ W 2 ,2 (∂Ω) : supp u ⊂ Γ1 }
kuk 1 = kũk 1 ,2 ,
H̃ 2 (Γ1 ) W 2 (∂Ω)
Wir formulieren jetzt das schwache Randwertproblem (4.44), (4.45) und (4.46) f ür die Funk-
tion w = u − G1 :
1 1
Für f ∈ V 0 , g1 ∈ H 2 (Γ1 ), g2 ∈ H − 2 (Γ2 ), finde ein w ∈ V , so dass:
Z
a(w, v) = ∇w · ∇v dx = hf, viΩ − a(G1 , v) + hg2 , viΓ2 ∀v ∈ V
Ω
ist.
Wir überprüfen die Voraussetzungen des Satzes von Lax-Milgram:
Sei Ω ein Gebiet des Rn , das aus zwei Teilgebieten Ω1 ∈ C 0,1 und Ω2 ∈ C 0,1 besteht, welche
im Allgemeinen aus unterschiedlichen Materialien sind und es gilt:
Ω = Ω1 ∪ Ω2 , Ω1 ∩ Ω 2 = ∅ .
Es sei Γ = ∂Ω1 ∩ ∂Ω2 die Grenzlinie (interface) zwischen Ω1 und Ω2 und Γ1 = ∂Ω1 \ Γ,
Γ2 = ∂Ω2 \ Γ die äußeren Randstücke von Ω1 bzw. Ω2 .
Wir suchen Lösungen ui , so dass
PSfrag replacements
Γ
Γ1
Ω1
Ω2
n
Γ2
Für
gilt
Z Z
∂u1 ∂u2
aΩ (u, v) = hf, vi + g2 v2 dσ + (a1 v1 − a 2 v2 ) dσ
∂n ∂n
Γ2 Γ
= hf, vi + hg2 , v2 iΓ2 .
Um nun einen gemeinsamen Ansatz- und Testraum zu haben, gehen wir zu homogenen Di-
1
richletranddaten über. Sei g1 ∈ H 2 (Γ1 ). Dann existiert eine Fortsetzung G ∈ W 1,2 (Ω), Ω =
Ω1 ∪ Ω1 ∪ Γ. Sei w = u − G. Dann gilt
ist.
aΩ (·, ·) genügt den Voraussetzungen des Satzes von Lax-Milgram.
Wir überprüfen die V -Elliptizität:
(4.9)
aΩ (w, w) = |w|2H 1 (Ω) ≥ kwk2H 1 (Ω) .
Die rechte Seite von (4.54) stellt ein lineares stetiges Funktional auf V dar.
Wärmeleitungsgleichung
Wir betrachten zunächst ein Anfangs-Randwertproblem für die Wärmeleitungsgleichung
im Gebiet QT = Ω × (0, T ), Ω ⊂ Rn , T > 0 beliebig:
∂u(x, t)
− a2 4u(x, t) = f (x, t) in QT = Ω × (0, T ) (4.55)
∂t
u(x, t) = 0 auf ∂Ω × (0, T ) (4.56)
u(x, 0) = u0 (x) auf Ω. (4.57)
QT
PSfrag replacements
Wir nehmen für einen Moment an, dass für festes t > 0 (t spielt die Rolle eines Parameters)
∂t (·, t), 4u(·, t), u0 Funktionen aus L2 (Ω) sind. Wir multiplizieren (4.55) und (4.56)
f (·, t), ∂u
◦
mit einer Testfunktion v ∈ H 1 (Ω) = V und integrieren über Ω. Nach partieller Integration
erhalten wir
Z Z Z
∂u
(x, t)v(x)dx + a2 ∇u(x, t)∇v(x) dx = f (x, t)v(x)dx, (4.58)
∂t
Ω Ω Ω
Z Z
u(x, 0)v(x)dx = u0 (x)v(x)dx. (4.59)
Ω Ω
(4.58) und (4.60) können ’abstrakt’ formuliert werden: Suche ein u, so dass
¿ À
∂u(t)
, v + a(t, u, v) = hf (t), vi ,
∂t
◦
hu(0), vi = hu0 , vi ∀v ∈ H 1 (Ω).
4.5. ANFANGS- RANDWERTPROBLEME UND IHRE SCHWACHE LÖSUNG 105
R
In unserem Fall der Wärmeleitungsgleichung ist a(t, u, v) = a2 ∇x u(t, x)∇x v(t, x) dx.
Ω
Im allgemeinen Fall ist
Z n
X n
X
a(t, u, v) = aji (x, t)uxi vxj + bi (x, t)uxi v + c(x, t)uv dx.
Ω i,j=1 i=1
Diese ’abstrakte’ Formulierung wird mathematisch korrekt, wenn wir geeignete Funktio-
nenräume, in denen sich u, f und u0 befinden, einführen.
Dazu ist es vorteilhaft, u als Abbildung aufzufassen, die jedem t ∈ [0, T ] ein Element aus
◦
H 1 (Ω) zuordnet
◦
u : [0, T ] → H 1 (Ω) = V,
u(t)(x) := u(x, t).
Diese Betrachtungsweise besagt, dass die Zeit t als Parameter aufgefasst wird und u eine
Funktion des Parameters t ist mit Werten im Funktionenraum V .
Das Anfangswertproblem kann dann auch als Operatorgleichung
du
− A(t)u = f (t) für t ∈ (0, T ), (4.60)
dt
u(0) = u0 (4.61)
geschrieben werden. In unserem PnFall ist A(t) = A = a2P 4 ein Operator von V in V 0 , im
n
allgemeinen Fall ist A(t) = − i,j=1 ∂xj (aji (x, t) ∂xi ) + i=1 bi (x, t) ∂x
∂ ∂u ∂u
i
+ c(x, t)u, sowie
f (t) ∈ V für ein festes t. Um das Verhalten der Daten f und u0 und der Lösung u auch
0
bezüglich der Zeit beschreiben zu können, führen wir geeignete Funktionenräume ein.
Hierbei hängen die Kostanten C1 , C2 und C3 nicht von t ab. Dann hat das schwache Problem (4.63)
genau eine Lösung. Diese befindet sich sogar in C([0, T ], L2 (Ω)) = {u : [0, T ] → L2 (Ω), u ist
stetig bezüglich t und kukC([0,T ],L2 (Ω)) = supt∈[0,T ] ku(t)kL2 (Ω) < ∞}.
Bemerkung
R
In unserem Beispiel ist A(t) = a2 4 und a(t, u, v) = a2 grad u · grad v dx.
Ω
◦ N
X
uN : [0, T ] → H 1 (Ω) = V, uN (t) := wN,j (t)ej , (4.64)
j=1
XN
d
wN,k (t) + a(t, ej , ek )wN,j (t) = fk (t),
dt j=1
wN,k (0) = u0k .
4.5. ANFANGS- RANDWERTPROBLEME UND IHRE SCHWACHE LÖSUNG 107
Mit den Bezeichnungen w ~ N (t) = (wN,1 (t), ..., wN,N (t))T , f~N (t) = (f1 (t), f2 (t), ..., fN (t))T ,
~u0N = (u01 , ..., u0N )T und AN (t) = (a(t, ej , ek ))j,k=1,...,N lautet das Anfangswertproblem in
Vektor-Matrix-Schreibweise:
d
w
~ N (t) + AN (t)w
~ N (t) = f~N (t),
dt
w
~ N (0) = ~u0N .
Dieses System besitzt eine eindeutige Lösung in [H 1 (0, t)]N und damit ist uN sinnvoll durch
(4.64) definiert. Führen wir den endlichdimensionalen Raum VN als lineare Hülle der Ba-
siselemente e1 , ..., eN ein, dann ist uN Galerkin Lösung in VN . Aus (4.65) und (4.66) folgt
nämlich
µ ¶
duN
,v + a(t, uN , v) = hf, vi , (4.67)
dt L2 (Ω)
(uN (0), v)L2 (Ω) = (u0 , v)L2 (Ω) ∀v ∈ VN . (4.68)
Satz 15 Es existiert eine Konstante C > 0, die nur von Ω, T und den Konstanten C1 , C2 , C3 in (i)
und (ii) abhängt, so dass für N = 1, 2, . . .
∂uN
max kuN (t)kL2 (Ω) + kuN kL2 ((0,T ),V ) + k kL2 ((0,T,V 0 ))
0≤t≤T ∂t
£ ¤
≤ C kf kL2 ((0,T ),L2 (Ω)) + ku0 kL2 (Ω) . (4.69)
Beweis
a) Wir starten mit der Gronwallschen Ungleichung:
Sei η = η(t) ≥ 0 eine absolut stetige Funktion auf [0, T ], d.h. η̇(t) existiert f. ü. und
ist integrierbar. Weiterhin seien φ(t) ≥ 0, ψ(t) ≥ 0 integrierbare Funktionen auf [0, T ].
Falls
Rt Zt
φ(s) ds
η(t) ≤ e0 [η(0) + ψ(s) ds] . (4.71)
0
Falls gilt
Rt
Integrieren wir diese Ungleichung . . . ds, so erhalten wir
0
Zt Rs Rt Zt Rs
d − φ(r) dr − φ(r) dr − φ(r) dr
(η(s)e 0 ) ds = η(t)e 0 − η(0) ≤ |e
0
{z } ψ(s) ds .
ds
0 0 ≤1
Es folgt
Rt Zt
− φ(r) dr
η(t)e 0 ≤ η(0) + ψ(s) ds .
0
b) Wir zeigen
£ ¤
max kuN (t)kL2 (Ω) ≤ C kf kL2 ((0,T ),L2 (Ω)) + ku0 kL2 (Ω) .
0≤t≤T
duN
( , uN )L2 (Ω) + a(t, uN , uN ) = (f, uN )L2 (Ω) . (4.73)
dt
Nach Voraussetzung (ii) gilt
Daher ist
(f ± uN , f ± uN )L2 (Ω) = (f, f )L2 (Ω) ± 2(f, uN )L2 (Ω) + (uN , uN )L2 (Ω) ≥ 0 (4.76)
2|(f, uN )L2 (Ω) | ≤ (f, f )L2 (Ω) + (uN , uN )L2 (Ω) . (4.77)
duN
2( , uN )L2 (Ω) + 2C2 kuN k2V ≤ kf k2L2 (Ω) + (1 + 2C3 )kuN k2L2 (Ω) . (4.78)
dt
4.5. ANFANGS- RANDWERTPROBLEME UND IHRE SCHWACHE LÖSUNG 109
Da 2( du
dt , uN )L2 (Ω) =
N d 2
dt kuN kL2 (Ω) ist, gilt für η = kuN (t)k2L2 (Ω)
(4.78)
η 0 (t) ≤ kf k2L2 (Ω) + C4 η(t) .
Die Gronwallsche Ungleichung (4.71) liefert (setze φ(s) = C 4 , ψ(t) = kf (t)k2L2 (Ω) )
Zt
η(t) ≤ eC4 t (η(0) + kf (s)k2L2 (Ω) ds) . (4.79)
0
N
X
uN (t) = wN,j (t)ej
j=1
N
X
uN (0) = wN,j (0)ej
j=1
und daher
N
X
kuN (0)k2L2 (Ω) = 2
wN,j (0) ≤ ku0 k2L2 (Ω) .
j=1
und
max η(t) = max kuN (t)k2L2 (Ω) ≤ C[ku0 k2L2 (Ω) + kf k2L2 ((0,T ),L2 (Ω)) ] . (4.80)
0≤t≤T 0≤t≤T
kuN kL2 ((0,T ),V ) ≤ C(kf kL2 ((0,T ),L2 (Ω)) + ku0 kL2 (Ω) .
d) Es ist
∂uN
k kL2 ((0,T ),V 0 ) ≤ c(kf kL2 ((0,T ),L2 (Ω)) + ku0 kL2 (Ω) ) . (4.82)
∂t
Wir betrachten ein v ∈ V mit kvkV ≤ 1. Wir können v aufspalten als
Es gilt
kv1 kV ≤ kvkV ≤ 1 .
und es wird
ZT ZT
duN 2
k k 0 dt ≤ c̃ (kf k2L2 (Ω) + kuN k2V ) dt
dt V
0 0
(4.81)
≤ C(kf kL2 ((0,T ),L2 (Ω)) + ku0 k2L2 (Ω) )
u Nl * u in L2 ((0, T ), V ),
(4.83)
duNl
dt * du
dt in L2 ((0, T ), V ).0
d.h. für alle linearen stetigen Funktionale F ∈ (L2 ((0, T ), V ))0 gilt |F (uNl ) − F (u)| → 0 und
∂u
für alle G ∈ (L2 ((0, T ), V 0 ))0 gilt |G( ∂tNl ) − G( ∂u
∂t )| → 0. Es folgt
ZT ZT
£ ¤
hu0Nl , ṽi + a(t, uNl , ṽ) dt → [hu0 , ṽi + a(t, u, ṽ)] dt (4.84)
0 0
4.5. ANFANGS- RANDWERTPROBLEME UND IHRE SCHWACHE LÖSUNG 111
wobei vk (t) beliebige, glatte Funktionen sind, dann erhalten wir durch Multiplikation von
(4.65) mit vk (t), anschließender Summation sowie Integration, dass
ZT ZT
£ ¤
hu0Nl , ṽm i + a(t, uNl , ṽm ) dt = hf, ṽm idt (4.86)
0 0
gilt.
Da die Menge der Funktionen (4.85) dicht in L2 ((0, T ), V ) ist, folgt aus der Relation (4.86)
ZT ZT
0
[hu , ṽi + a(t, u, ṽ)] dt = hf, ṽidt ∀ṽ ∈ L2 ((0, T ), V ). (4.87)
0 0
ZT ZT
[hu0 , vi + a(t, u, v)] h(t)dt = hf, vih(t)dt.
0 0
für fast alle t ∈ [0, T ] und für alle v ∈ V . Damit ist u schwache Lösung von (4.62),(4.63).
gilt.
112 KAPITEL 4. SCHWACHE LÖSUNGEN
Für ein ṽ ∈ C 1 ([0, T ], V ) betrachten wir nun eine approximierende Folge ṽ m . Unter Be-
achtung der schwachen Konvergenz (4.83) und der Relation (4.90) konvergiert (4.88) f ür
l, m → ∞ zum Grenzwert
ZT ZT
[−hu, ṽ 0 i + a(t, u, ṽ)]dt = hf, ṽidt + hu0 , ṽ(0)i.
0 0
5. Schritt: Eindeutigkeit
Sei u = u1 − u2 die Differenz zweier Lösungen. Dann ist
µ ¶
d 1
hu0 , ui = kuk2L2 (Ω) = −a(t, u, u).
dt 2
Aus den Voraussetzungen (Koerzitivität) folgt
a(t, u, u) ≥ c2 kuk2V − c3 kuk2L2 (Ω) ≥ −c3 kuk2L2 (Ω)
und daher
µ ¶
d 1
kuk2L2 (Ω) ≤ c3 kuk2L2 (Ω) . (4.91)
dt 2
Die Ungleichung (4.91) kann geschrieben werden als
η 0 (t) ≤ 2c3 η(t) = cη(t)
mit η(t) = ku(t)k2L2 (Ω) .
Wir betrachten jetzt eine beliebige Basis e1 , ..., eN in VN , die nicht orthonormal in L2 (Ω) zu
sein braucht.
Definition 28 uN : [0, T ] → VN ist Galerkin Lösung des schwachen Problems (4.62),(4.63), falls
uN die folgende Form besitzt
N
X
uN (x, t) = ak,N (t)ek (x), ak,N ∈ H 1 (0, T )
k=1
Das Problem (4.92), (4.93) ist äquivalent zu einem System gewöhnlicher Differentialglei-
chungen erster Ordnung mit Anfangsbedingungen. Wählen wir vN = ei , i = 1, ..., N , dann
lautet (4.92), (4.93)
ÃN ! ÃN !
X X
0
ak,N (t)ek , ei +a ak,N (t)ek , ei = hf, ei i , (4.94)
k=1 L2 (Ω) k=1
à N
!
X
ak,N (0)ek , ei = (u0 , ei )L2 (Ω) . (4.95)
i=1 L2 (Ω)
(e1 , e1 ) ··· (eN , e1 ) (u , e )
.. .. a 1,1 (0) 0 1
. . a2,2 (0) (u 0 , e2 )
=
..
.
.. .. ··· .
. .
aN,N (0) (u0 , eN )
(e1 , eN ) ··· (eN , eN )
Kurz geschrieben lautet dieses System zur Bestimmung der Koeffizienten a i (t) :
d
M ~aN (t) + A~aN (t) = f~(t), (4.96)
dt
M~aN (0) = u~0 .
M heißt Massenmatrix, A Steifigkeitsmatrix. Die symmetrische Matrix M ist regul är, da die
Basiselemente ei linear unabhängig sind.
Wellengleichung
Wir betrachten das folgende Rand-Anfangswertproblem f ür die Wellengleichung:
∂ 2 u(x, t)
− a2 4u(x, t) = f (x, t) in QT ,
∂t2
u(x, t) = 0 auf ∂Ω × [0, T ], (4.97)
u(x, 0) = u0 (x) auf Ω,
∂u(x, 0)
= u1 (x) auf Ω.
∂t
Das Vorgehen ist ähnlich wie im Fall der Wärmeleitungsgleichung und wir formulieren nur
das Hauptergebnis [10, S. 385 ff], [4, S. 377ff]. Dazu definieren wir zun ächst, was wir unter
einer schwachen Lösung verstehen.
114 KAPITEL 4. SCHWACHE LÖSUNGEN
Satz 16 [18, S. 422, Satz 29.1], [10, Theorem 10.8, S. 385], [4, S. 384] Für die parameterabhängige
Bilinearform gelte: ∀t ∈ [0, T ], ∀u, v ∈ V
Variationsmethoden für
nichtlineare Probleme
In diesem Kapitel geben wir eine Einführung in Variationsmethoden, die zu Lösungen li-
nearer und nichtlinearer partieller Differentialgleichungen f ühren.
Die grundlegende Idee ist folgende:
Sei ein Differentialoperator A gegeben. Wir betrachten das nichtlineare bzw. lineare Rand-
wertproblem
A[u] = 0 in Ω ,
(5.1)
u = g auf ∂Ω .
I 0 [u] = 0
und u = g
Skalare Gleichungen
Sei Ω ⊂ Rn eine beschränkte offene Teilmenge mit glattem Rand ∂Ω. Wir betrachten zun ächst
glatte Funktionen w ∈ C 2 (Ω)
w : Ω → R,
w=g auf ∂Ω .
115
116 KAPITEL 5. VARIATIONSMETHODEN FÜR NICHTLINEARE PROBLEME
Bezeichnung
Wir schreiben L = L(~
p, z, x), wobei Dw = ∇w =: p~ ∈ Rn , w =: z ∈ R sind. Weiterhin sei
Wir definieren jetzt, wann das Funktional I auf einer Teilmenge X eines Funktionenraums
(setze z.B. M = X ⊂ C 2 (Ω)) ein Minimum besitzt.
I(w) ≥ I(u) ∀w ∈ X .
Beispiel
R1
Sei X = {w ∈ C 1 ([0, 1)), w(0) = 0, w(1) = a} und I(w) = (1 − w02 )2 dx. Für a = 1 wird das
0
Minimum in u(x) = x angenommen. u ist ein globales Minimum. F ür a < 1 existiert kein
2 .
Minimierer in X. Sei xa = a+1
x in [0, xa − n1 ]
un = −x + 1 + a in [xa + n1 , 1]
stetig differenzierbar ergänzt in [xa − n1 , xa + n1 ] .
Es ist
Satz 17 Besitzt I einen Minimierer in M, dann ist dieser eine Lösung einer quasilinearen partiellen
Differentialgleichung 2. Ordnung in Divergenzform, der sogenannten Euler-Lagrange Gleichung
Beweis
Wir betrachten Funktionen v ∈ C0∞ (Ω) und führen die Funktion i = i(τ ), i : R → R, ein:
i(τ ) := I[u + τ v] ,
wobei u ein Minimierer von I[·] ist. Es folgt sofort, dass τ = 0 ein Minimum von i realisiert.
Dabei gilt die notwendige Bedingung i0 (0) = 0. Wir betrachten i0 (τ ) (auch erste Variation,
bzw. Richtungsableitung, genannt)
Z
i(τ ) = L(Du + τ Dv, u + τ v, x) dx .
Ω
woraus
Z Z
i0 (0) = Lp~ (Du, u, x) · Dv dx + Lz (Du, u, x)v dx = 0 (5.2)
Ω Ω
Bemerkung
Die Biform (5.2)
Z
a(u, v) = (Lp~ (Du, u, x) · Dv + Lz (Du, u, x)v) dx
Ω
Beispiele
1◦ Sei L(Du, u, x) = L(~ p|2 . Dann ist Lp~ = p~R und Lz = 0. Daher lautet die
p, z, x) = 12 |~
Euler-Lagrange Gleichung zum Funktional I[w] := 21 |Dw|2 dx
Ω
−div~
p = −div(Du) = −∆u = 0 .
118 KAPITEL 5. VARIATIONSMETHODEN FÜR NICHTLINEARE PROBLEME
2◦ Sei L(~ p · p~ − zf (x), wobei A eine Matrix ∈ Rn×n ist. Dann ist Lp~ = A~
p, z, x) = 21 A~ p,
Lz = −f (x). Das Funktional
Z
1
I[w] = (ADw · Dw − wf (x)) dx
2
Ω
−div(A∇u) = f .
Rz
3◦ Sei F (z) = f (y) dy genügend glatt. Wir betrachten das Funktional
0
Z
1
I[w] = ( |Dw|2 − F (w)) dx .
2
Ω
−∆u = f (u) ,
ein. Es ist
1 q
Lp~ (~
p, z, x) = |~
p|
q
und
Systeme
Sei Ω ⊂ Rn eine beschränkte offene Teilmenge mit glattem Rand ∂Ω und w ~ : Ω → Rm , w(x)
~ =
~ 1 , x2 , . . . , xn ) = (w1 (x), . . . , wm (x)) . Weiterhin sei R
w(x > m×n
der Raum aller (m × n)-
Matrizen mit reellen Einträgen.
Wir betrachten zunächst die Menge
~ = ~g auf ∂Ω} .
~ ∈ [C 2 (Ω)]n : w
M = {w
wobei Dw
~ die Frechetableitung (Jacobi-Matrix) des Vektorfeldes w
~ ist:
∂w1 ∂w1
∂x1 ··· ∂xn
Dw
~ = .. .. ..
. . . .
∂wm ∂wm
∂x1 ··· ∂xn
und
∂L
Lz 1 ∂z1
D~z L = ... = ..
. .
∂L
Lz m ∂zm
Auch hier gilt ein entsprechender Satz, der das Funktional I mit einem System partieller
Differentialgleichungen verbindet.
Satz 18 Besitzt das Funktional (5.4) einen Minimierer ~u in M, dann ist ~u Lösung eines nichtlinea-
ren Systems von partiellen Differentialgleichungen (System der Euler-Lagrange-Gleichungen)
Hierbei ist
∂1 Lp11 + ∂2 Lp12 + · · · + ∂n Lp1n
divDP L = ···
∂1 Lpm1 + ∂2 Lpm2 + · · · + ∂n Lpmn
Beweis
Wir betrachten ein ~v ∈ C0∞ (Ω, Rm ) und führen die reelle Funktion i einer reellen Variablen
τ ein
Die Elemente ~u + τ~v sind aus M und i(τ ) ist wohl definiert. Da ~u Minimierer ist, muss
i0 (0) = 0 sein.
Nach der Kettenregel ist
Z Z
i0 (τ ) = LP (D~u + τ D~v , ~u + τ~v , x) : D~v dx + L~z (D~u + τ D~v , ~u + τ~v , x) · ~v dx ,
Ω Ω
Pm Pn
wobei A : B = i=1 k=1 aik bik ist. Daraus folgt
Z Z
i0 (0) = LP (D~u, ~u, x) : D~v dx + L~z (D~u, ~u, x) · ~v dx
Ω Ω
Z Z
part. Int
= − divLP (D~u, ~u, x) · ~v dx + L~z (D~u, ~u, x) · ~v dx = 0 .
Ω Ω
Beispiel
6◦ Wir betrachten das Funktional
Z
1
I[w]
~ = σ(w)
~ : ε(w)
~ dx ,
2
Ω
wobei
1 1
ε(w)
~ = (∇w ~ > ) = (Dw
~ + (∇w) ~ >)
~ + (Dw)
2 2
der linearisierte Verzerrungstensor und
σ(w)
~ = λ tr ε(w)I
~ + 2µε(w)
~
1 1
L(P ) = λ (trP )2 + µ(P + P > ) : (P + P > ) .
2 4
Wir erhalten
µ ¶
P + P>
LP (P ) = λ tr P I + 2µ
2
LP (Dw)
~ = λ tr DwI
~ + 2µε = σ
−divσ = 0 .
5.2. EXISTENZ VON MINIMIERERN 121
Koerzitivität
Wir erinnern daran, dass glatte Funktionen f : R → R, die von unten beschr änkt sind, ihr
Infimum nicht immer annehmen. Betrachten wir zum Beispiel f (x) = e x oder f (x) = 1+x1
2.
Es ist
0 ≤ inf ex = lim ex = 0
x∈R x→−∞
1 1
0 ≤ inf 2
= lim =0
x∈R 1 + x x→± 1 + x2
Stellen wir jedoch eine Bedingung, wie schnell f w ächst für |x| → ∞, z.B. f (x) ≥ c1 |x|q −c2 ,
dann wird das Infimum durch einen endlichen Wert realisiert. Dieses Herangehen wird auf
die Lagrange-Funktionen übertragen.
p|q − β̂
p, z, x) ≥ α̂|~
L(~ p ∈ Rn , z ∈ R, x ∈ Ω
∀~ (5.5)
mit
n
X
kDwkqLq (Ω) = k∂i wkqLq (Ω)
i=1
Bemerkung:
(5.6) folgt aus (5.5), da
à n
! q2 n
X X q
p2i ≥ |p2i | 2 für q ≥ 2
i=1 i=1
à n
! q2 n
X q X
und p2i ≥ n 2 −1 |pi |q für q < 0 .
i=1 i=1
122 KAPITEL 5. VARIATIONSMETHODEN FÜR NICHTLINEARE PROBLEME
mit
n X
X n
~ qLq (Ω) =
kDwk k∂j wi kqLq (Ω) ,
i=1 j=1
Bemerkung:
Im skalaren Fall (5.6) und im Vektorfeld (5.8) gilt I[w] → ∞ für kDwkLq (Ω) → ∞.
Beispiele
Wir sehen uns die skalaren Beispiele aus Abschnitt 5.1 an und überprüfen, ob die Unglei-
chung (5.5) erfüllt ist.
2◦ Falls L(~ p, z, x) = 12 A~ p|2 ist, d.h. f (x) = 0 und A positiv definit ist, dann gilt
p · p~ ≥ α̂|~
(5.5) für q = 2.
3◦ In diesem Fall ist L(~ p|2 − F (z) und (5.5) gilt, falls F (z) ≤ β̂ für alle z ∈ R.
p, z, x) = 12 |~
1
4◦ Für L(~ p| ist q = 1 wählbar. Wir werden später sehen, dass q > 1
p|2 ) 2 ≥ |~
p, z, x) = (1+|~
sein muss, damit ein reflexiver Banachraum vorliegt. Dieses Beispiel passt deshalb
nicht in unsere Theorie.
Zulässige Funktionenmenge
Die Ungleichungen (5.6) und (5.8) legen es nahe, die Minimierer in W 1,q (Ω) zu suchen.
Deshalb führen wir die Menge der zulässigen Funktionen wie folgt ein:
1
X := {w ∈ W 1,q (Ω) : w = g ∈ W 1− q ,q (∂Ω)} .
Neben der Koerzitivität betrachten wir nun die Konvexität der Lagrangefunktion, bzw. des
Funktionals I.
5.2. EXISTENZ VON MINIMIERERN 123
Konvexität
Bisher haben wir die notwendige Bedingung i0 (0) = 0 betrachtet, die erfüllt sein muss, falls
u ein Minimierer von I[·] und die Lagrange-Funktion differenzierbar ist.
Wir erinnern jetzt daran, dass i = i(τ ) in τ = 0 ein Minimum besitzt, falls i 00 (0) > 0 ist, d.h.
i ist in einer Umgebung von 0 konvex. Dies folgt sofort aus der Taylor-Entwicklung
τ 2 00 τ3
i(τ ) − i(0) = i (0) + i000 (0) + . . .
2 3
Für reelle Funktionen von mehreren Variablen lautet die hinreichende Bedingung f ür ein
lokales Minimum in x0 :
Sei f : Ω ⊂ Rn → R in einer Umgebung von x0 ∈ Ω zweimal stetig differenzierbar und
∇f (x0 ) = 0. Falls die quadratische Form
n
1 X ∂2f
Q(h1 , . . . , hn ) = (x0 )hi hk = ~h> H~h
2 ∂xi ∂xk
i,k=1
Z
d2
i00 (τ ) = L(Du + τ Dv, u + τ v, x) dx .
dτ 2
Ω
Hierbei ist wieder v ∈ C0∞ (Ω) eine feste, aber beliebige Funktion.
Es gilt
Z ÃXn
00 d 0 d ∂L(Du + τ Dv, u + τ v, x)
i (τ ) = i (τ ) = ∂i v
dτ dτ i=1
∂pi
Ω
¶
∂L
+ (Du + τ Dv, u + τ v, x) dx
∂z
Z X n X n
∂ 2 L(Du + τ Dv, u + τ v, x)
= ∂i v∂j v
i=1 j=1
∂pi ∂pj
Ω
n
X ∂ 2 L(Du + τ Dv, u + τ v, x)
+2 ∂i v v
i=1
∂pi ∂z
2
¶
∂ L(Du + τ Dv, u + τ v, x) 2
+ v dx .
∂z 2
124 KAPITEL 5. VARIATIONSMETHODEN FÜR NICHTLINEARE PROBLEME
Es folgt
Z Xn X n
00 ∂2L
i (0) = (Du, u, x)∂i v∂j v
i=1 j=1
∂pi ∂pj
Ω
Xn
∂2L
+2 (Du, u, x)∂i vv
i=1
∂pi ∂z
∂ 2 L(Du, u, x) 2
+ v dx für alle v ∈ C0∞ (Ω) . (5.9)
∂z 2
Wir überlegen nun, falls i00 (0) ≥ 0 für alle v ∈ C0∞ (Ω) ist, dann gilt für die quadratische
Form
Xn X n
∂2L
(Du, u, x)ξi ξj ≥ 0 für alle ξ ∈ Rn , x ∈ Ω
i=1 j=1
∂pi ∂pj
%(t)
PSfrag replacements 1 t
2
xξ
ρ ist schwach differenzierbar und für t = ε gilt
∂v ∂ρ ∂t ∂ṽ
= ε ṽ(x) + ερ
∂xi ∂t ∂xi ∂xi
dρ ∂ṽ
= ξi ṽ(x) + ερ .
dt ∂xi
Damit wird
Z X
n µ ¶2
00 ∂ρ
0 ≤ i (0) = Lpi pj (Du, u, x) ξi ξj ṽ 2 dx + O(ε) .
∂t
Ω i,j=1
5.2. EXISTENZ VON MINIMIERERN 125
Da | dρ
dt | = 1 f.ü. folgt für ε → 0
Z X
n
0≤ Lpi pj (Du, u, x)ξi ξj ṽ 2 dx ∀ṽ ∈ C0∞ (Ω) .
Ω i,j=1
Damit haben wir erhalten: ist u ein genügend glatter Minimierer und i00 (0) > 0, dann gilt
n
X
Lpi ,pj (Du, u, x)ξi ξj ≥ 0 ∀ξ~ ∈ Rn , x ∈ Ω . (5.10)
i,j=1
Wir sehen uns den Zusammenhang zwischen (5.11) und (5.12) an.
p) ≥ L(~q) + Dp L(~q) · (~
L(~ p − ~q) p, ~q ∈ Rn .
∀~ (5.13)
Beweis
a) Sei g(τ ) = L(τ p~ + (1 − τ )~q). Dann lautet die Konvexitätsungleichung
Lemma 13 Sei L : Rn → R konvex. Dann existiert für jedes ~q ∈ Rn ein ~r ∈ Rn , so dass für alle
p~ ∈ Rn
p) ≥ L(~q) + ~r · (~
L(~ p − ~q)
ist.
Definition 34 L ist konvex an der Stelle u bezüglich des ersten Arguments p~, falls
n
X
Lpi pj (Du, u, x)ξi ξj ≥ 0 ∀ξ~ ∈ Rn , x ∈ Ω .
i,j=1
Beispiele
1◦ Für L(~ p|2 gilt, dass die Hessematrix mit der Einheitsmatrix übereinstimmt.
p, z, x) = 21 |~
Daher ist L bezüglich p~ konvex.
2
2◦ Es ist L = 21 A~ ∂L
p · p~, ∂p i
p)i und ∂p∂i ∂p
= (A~ L
j
= aij . In diesem Fall ist L konvex bezüglich
des ersten Arguments, falls die Zahlenmatrix A positiv definit ist.
3◦ Da L = L(~ p|2 − F (z) ist, folgt wie im Beispiel 1◦ die Konvexität.
p, z, x) = 12 |~
Die Überprüfung der Konvexität der Lagrangefunktionen zu den Beispielen 4◦ und 5◦ auf
Seite 122 wird als Übung empfohlen.
Wir wollen nun zeigen, dass aus der Koerzitivität und Konvexität von L die Existenz eines
Minimierers von I[·] in der zulässigen Menge X folgt. Dabei ist es notwendig, den Begriff
einer minimierenden (infimierenden) Folge zu diskutieren und eine gewisse Stetigkeit“
”
des Funktionals zu garantieren.
Schwache Unterhalbstetigkeit
Es sei
d.h. die Elemente uk der minimierenden Folge besitzen beschränkte Ableitungen in Lq (Ω).
Außerdem können wir garantieren, dass
Daher ist die minimierende Folge (uk ) in W 1,q (Ω) beschränkt. Für q > 1 ist W 1,q (Ω) ein
reflexiver Banachraum, d.h.:
es gibt eine schwach konvergente Teilfolge {ukj } von {uk } mit
¾
limk→∞ = m
⇒ I[u] = m .
ukj * u
Beispiel
Es sei
Z1
1 1
I(u) = ( (1 − (u0 )2 )2 + u2 ) dx ,
4 2
0
◦
wobei u ∈ X = W 1,4 ((0, 1)) ist.
1◦ Es ist inf u∈X I[u] = 0. Um dies zu sehen, konstruieren wir eine minimierende (besser
infimierende Folge) (un )n=1,... , un ∈ X, mit limn→∞ I[un ] = u. Wir unterteilen das
Intervall (0, 1) in n Teilintervalle
1 1 2 n−1
(0, 1) = (0, ) ∪ [ , ) ∪ ··· ∪ [ , 1)
n n n n
und setzen
0 in x = nk , k = 0, . . . , n ,
un (x) = 1
2n in x = 2k+1
2n , k = 0, . . . , n − 1
linear ergänzt sonst .
1
PSfrag replacements 2n
1 z
0 n n 1 x
Es ist
◦
½
1 +1
0 ≤ un (x) ≤ , un ∈ W 1,4 ((0, 1)), u0n (x) =
2n −1
und
Z1
1 1 1
I[un ] = ( (1 − (u0n )2 )2 + (un (x))2 ) dx ≤ →0
4 2 8n2
0
128 KAPITEL 5. VARIATIONSMETHODEN FÜR NICHTLINEARE PROBLEME
2◦ Es gilt I[u] > 0 für alle u ∈ X. Wäre I[u] = 0, dann hätten wir
Z1
1
(1 − (u0 )2 )2 dx = 0 (5.19)
4
0
Z1
1 2
und u dx = 0. (5.20)
2
0
Aus (5.20) folgt u0 = ±1 f.ü. und aus (5.20) u = 0 f.ü., was nicht sein kann.
3◦ Es ist
Z1 Z1
4
kun k ◦ = |u0n |4 dx + |un |4 dx
W 1,4 ((0,1)) 0 0
1
≤ 1+ , (5.21)
16n4
◦
d.h. (un )n ist eine beschränkte Folge in W 1,4 ((0, 1)) und es existiert damit eine schwach
konvergente Teilfolge (unj )j , unj * u. Wir setzen
a) limn→∞ I[un ] = 0
◦
b) unj * u ∈ W 1,4 (Ω)
c) I[u] 6= 0.
I[u] ≤ m ,
m = inf I[w] ≤ I[u] ,
w∈X
Definition 35 Das Funktional I[·] ist schwach unterhalb folgenstetig in W 1,q (Ω), falls aus
uk * u W 1,q (Ω)
folgt
Satz 19 Sei die differenzierbare Lagrange-Funktion L von unten beschränkt und die Abbildung
p → L(p, z, x) konvex für alle z ∈ R, x ∈ Ω. Dann ist I[·] schwach unterhalb folgenstetig in
W 1,q (Ω).
5.2. EXISTENZ VON MINIMIERERN 129
Beweis
Wir betrachten eine Folge (uk )k=1,2,... die schwach in W 1,q (Ω) konvergiert:
uk * u in W 1,q (Ω) .
Wir setzen
Durch die Wahl einer geeigneten Teilfolge, die ebenfalls mit (u k ) bezeichnet wird. Sei l =
limk→∞ I[uk ]. Wir zeigen, dass I[u] ≤ l ist.
kompakt
[Link] Es gilt W 1,q (Ω) ,→ Lq (Ω), d.h. aus uk * u in W 1,q (Ω) folgt uk → u in Lq (Ω).
Daraus folgt uk → u f.ü. in Ω und somit
Sei
1
Fε = {x ∈ Ω : |u(x)| + |Du(x)| ≤ }. (5.24)
ε
|Ω − Fε | → 0 fürε → 0 .
|Ω − Gε | → 0 für ε → 0 . (5.25)
[Link] Sei
Dann ist
Z (5.26)
Z
I[uk ] = L(Duk , uk , x) dx ≥ L(Duk , uk , x) dx
Ω Gε
(5.12)
Z
≥ (L(Du, uk , x) + Dp~ L(Du, uk , x) · (Duk − Du)) dx (5.27)
Gε
glm
Da Lp~ (Du, uk , x) → Dp~ L(Du, u, x) in Gε und Duk * Du in Lq (Ω, Rn ) erhalten wir
Z
lim Dp (Du, uk , x) · (Duk − Du) dx = 0 . (5.28)
k→∞
Gε
130 KAPITEL 5. VARIATIONSMETHODEN FÜR NICHTLINEARE PROBLEME
[Link]
Wir erhalten aus (5.27) und (5.28)
Z
l = lim I[uk ] ≥ L(Du, u, x) dx ∀ε > 0 (5.29)
k→∞
Gε
Z
l ≥ L(Du, u, x) dx = I[u] . (5.30)
Ω
Bemerkung
Dieser Satz gilt auch, falls keine Differenzierbarkeit vorausgesetzt wird. Die Konvexit ät
kann folgendermaßen charakterisiert werden:
Beweis
1. Auswahl einer minimierenden Folge.
Sei m = inf w∈X I[w]. Wir wählen eine minimierende Folge (uk )k=1,2...
I[uk ] → m . (5.31)
Da uk ∈ X können wir wie im Beweis von Satz 19 folgern, dass kuk kLq (Ω) ≤ c. Daher
ist die minimierende Folge (uk )k=1,2,... in W 1,q (Ω) beschränkt.
3. Schwache Konvergenz einer Teilfolge
Eine beschränkte Folge in einem reflexiven Banachraum besitzt eine schwach konver-
gente Teilfolge
ukj * u in W 1,q (Ω) .
u ∈ X, d.h. u|∂Ω = g.
◦
Da für ein w ∈ X, ukj − w ∈ W 1,q (Ω) und diese Menge schwach abgeschlossen ist,
◦
muss u − w ∈ W 1,q (Ω) sein. Das bedeutet u|∂Ω = g.
5.2. EXISTENZ VON MINIMIERERN 131
4. Konvexitität, Satz 19
Theorem 19 sichert, dass I[u] ≤ limj→∞ inf I[ukj ] = m und daher
Eindeutigkeit
Im allgemeinen können mehrere Minimierer auftreten. Betrachten wir das Beispiel
Z1 ◦
I[u] = (1 − (u0 )2 )2 dx in W 1,4 ((0, 1)) = X .
0
u1 u2
PSfrag replacements
1
2
1
4
0 1 1 x 0 1 x
2
Es ist
inf I[u] = 0
u∈X
◦
I[u1 ] = 0, u1 ∈ W 1,4 ((0, 1)) siehe Abbildung 5.2
◦
I[u2 ] = 0, u1 ∈ W 1,4 ((0, 1)) siehe Abbildung 5.2
R
Satz 21 Sei I[u] = L(Du, x) dx, d.h. die Lagrange-Funktion hängt nicht von z = u ab. Außer-
Ω
dem existiere eine Konstante c > 0, so dass
n
X
~2
p, x)ξi ξj ≥ c|ξ|
Lpi pj (~ ∀ p~, ξ~ ∈ Rn , x ∈ Ω . (5.33)
i,j=1
Dann gilt:
Falls ein Minimierer von I[u] in X = {u ∈ W 1,q (Ω) : u = g, q > 1} existiert, dann ist er
eindeutig.
Beweis
Seien u1 und u2 zwei Minimierer von I[u] in X und ũ = u1 +u
2
2
. Die gleichmäßige Konve-
xitätsbedingung (5.33) besagt, dass die Lagrange-Funktion
p| 2
|~
L̃ = L − c
2
132 KAPITEL 5. VARIATIONSMETHODEN FÜR NICHTLINEARE PROBLEME
Es folgt
p| 2
|~ |~q|2
p, x) − c
L(~ ≥ L(~q, x) − c + Dp~ L(~q, x) · (~
p − ~q) − c~q · (~
p − ~q)
2 2
und damit
p| 2
|~ |~q|2
p, x) ≥ L(~q, x) + Dp~ L(~q, x) · (~
L(~ p − ~q) + c [ − + |~q|2 − p~ · ~q] .
| 2 2 {z }
= 21 |~ q |2
p−~
Wir erhalten
c
L(~ p − ~q|2
p − ~q) + |~
p, x) ≥ L(~q, x) + Dp~ L(~q, x) · (~ p, ~q ∈ Rn , x ∈ Ω .
∀~ (5.34)
2
und
I[u1 ] + I[u2 ]
I[ũ] ≤ = I[u1 ] = I[u2 ] . (5.38)
2
Da
I[u1 ] = I[u2 ] = min I[w] ≤ I[u1 ] = I[u2 ]
w∈X
muss Du1 = Du2 f.ü. in Ω sein, d.h. u1 und u2 unterscheiden sich nur durch eine Konstante.
Da u1 = u2 = g auf ∂Ω folgt u1 = u2 f.ü. in Ω.
Beispiele
Pn ~ 2.
1◦ Sei L(~ p|2 (Au = 0 in Ω, u = g auf ∂Ω). Dann ist i=1 Lpi pj ξi ξj = |ξ|
p, z, x) = 21 |~
Pn
2◦ Für L(~
p, z, x) = 21 A~p · p~ ist i=1 Lpi pj ξi ξj = ξ~> Aξ~ ≥ ckξk
~ 2 , falls A positiv definit ist.
5.2. EXISTENZ VON MINIMIERERN 133
p) = |~
Lpi pj (~ p|2 + (q − 2)pi pj )
p|q−4 (δij |~
L(τ p~1 + (1 − τ )~
p2 , τ z1 + (1 − τ )z2 , x) < τ L(~
p1 , z1 , x) + (1 − τ )L(~
p2 , z2 , x)
Bemerkung
Ist L differenzierbar nach p~ und z, dann ist die strikte Konvexit ät äquivalent zu
L(~
p1 , z1 , x) > L(~ p2 , z2 , x) · p~1 − p~2 ) + Dz L(~
p2 , z2 , x) + Dp~ L(~ p2 , z2 , x)(z1 − z2 )
pi , zi ) ∈ Rn+1 , (~
∀(~ p1 , z1 ) 6= (~
p2 , z2 ), ∀x ∈ Ω . (5.39)
Lemma 14 Ist L : (~ p, z) → L(~ p, z, x) für alle x ∈ Ω strikt konvex und besitzt I[·] einen Minimie-
rer in X, dann ist dieser eindeutig bestimmt.
Beweis
R
Seien u1 und u2 zwei Minimierer von I[w] = L(Dw, w, x) dx, u1 6= u2 . Dann folgt aus
Ω
(5.38)
und
Z
I[u1 ] > I[u2 ] + Dp~ L(Du2 , u2 , x)(Du1 − Du2 ) + Dz L(Du2 , u2 , x)(u1 − u2 ) dx
Ω
◦
v = u1 − u2 befindet sich in W 1,q (Ω). Da u2 Minimierer ist, verschwindet notwendigerweise
das Integral auf der rechten Seite. Damit ist I[u1 ] > I[u2 ] und u1 ist kein Minimierer.
134 KAPITEL 5. VARIATIONSMETHODEN FÜR NICHTLINEARE PROBLEME
Definition 37 Ein Element u ∈ X = {w ∈ W 1,q (Ω) : w = g auf ∂Ω} ist schwache Lösung des
Randwertproblems
falls gilt
Z ◦
Dp~ L(Du, u, x) · ∇v + Dz L(Du, u, x)v dx = 0 ∀ v ∈ W 1,q (Ω) . (5.41)
Ω
für alle p~ ∈ Rn , z ∈ R, x ∈ Ω. Dann ist ein Minimierer u ∈ X = {w ∈ W 1,q (Ω) : w = g auf ∂Ω}
von I[·],
eine schwache Lösung von (5.40), d.h. die Relation (5.41) gilt.
Beweis
◦
Die Bedingung (5.42) sichert, dass für ein beliebiges v ∈ W 1,q (Ω)
Weiterhin ist
Z Z
0 i(τ ) − i(0) τ Lebesgue
i (0) = lim = lim L (x) dx = lim Lτ (x) dx
τ →0 τ τ →0 τ →0
Ω Ω
Z
= Dp~ (Du, u, x) · Dv + Dz (Du, u, x)v dx
Ω
R R
wohl definiert. Die Vertauschbarkeit lim = lim folgt aus dem Satz von Lebesgue, da
Lτ (x) durch integrierbare Funktionen majorisiert wird:
Zτ
τ 1 d
L (x) = L(Du + sDv, u + sv, x) ds
τ ds
0
Zτ
1
= (Lp~ (Du + sDv, u + sv, x) · Dv + Lz (Du + sDv, u + sv, x)v) ds
τ
0
Zτ
1
≤ (|Lp~ (Du + sDv, u + sv, x)||Dv| + |Lz (Du + sDv, u + sv, x)||v|) ds
τ
0
q0
ab≤ aq0
q
+ bq Zτ Ã 0
1 |Lp~ (Du + sDv, u + sv, x)|q |Dv|q
≤ + +
τ q0 q
0
0
!
|Lz (Du + sDv, u + sv, x)|q |v|q
+ + ds
q0 q
(5.43),(5.44)
Zτ ³ ´
1 0 0
≤ c |Du + sDv|q (q−1) + |u + sv|q (q−1) + 1 + |Dv|q + |v|q ds
τ
0
q 0 (q−1)=q
Zτ
1
≤ c (|Du|q + sq |Dv|q + |u|q + sq |v|q + 1 + |Dv|q + |v|q ) ds
τ
0
τ klein
≤ c[|Du|q + |u|q + |Dv|q + |v|q + 1] .
Umgekehrt kann man jedoch nicht garantieren, dass jede schwache L ösung ein Minimierer
des entsprechenden Funktionals ist. Es gilt jedoch:
Beweis
Sei u schwache Lösung, d.h.
Z ◦
(Dp~ L(Du, u, x) · Dv + Dz L(Du, u, x)v) dx = 0 ∀v ∈ W 1,q (Ω) . (5.46)
Ω
Bemerkung
Die direkte Methode der Variationsrechnung befasst sich damit, direkt nachzuweisen, dass
ein gegebenes Funktional I = I[w] ein Minimum in X besitzt. Ist dieses Minimum gen ügend
glatt und die Lagrange-Funktion genügend oft differenzierbar, dann wird es eine Lösung
der Euler-Lagrange-Gleichung sein.
Die indirekte Methode der Variationsrechnung geht von einer Euler-Lagrange-Gleichung
aus. Diejenigen Lösungen sind herauszusuchen, die Minimum eines zugeordneten Funk-
tionals sind.
Direkte Methode
R
Sei I[w] = L(Dw, w, x) dx.
Ω
|L(~ p|q − β̂ .
p, z, x)| ≥ α̂|~ (5.48)
Ist die Lagrange-Funktion L differenzierbar nach p~ und z und gen ügt Wachstumsbedingun-
gen
|L(~p, z, x)| p|q + |z|q + 1)
≤ c(|~
|Lp~ (~
p, z, x)| + |Lz (~
p, z, x)| p|q−1 + |z|q−1 + 1) ,
≤ c(|~
dann ist ein Minimierer von I[·] schwache Lösung der Euler-Lagrange Gleichung, d.h.
Z ◦
Lp~ (Du, u, x) · Dv + Lz (Du, u, x)v dx = 0 ∀ v ∈ W 1,q (Ω) .
Ω
5.2. EXISTENZ VON MINIMIERERN 137
Indirekte Methode
Ist die differenzierbare Lagrange-Funktion L : (~ p, z, x) konvex in (~
p, z) → L(~ p, z), dann ist
eine schwache Lösung u ∈ X ein Minimierer des entsprechenden Funktionals.
a(u, v) = hF, vi ∀v ∈ V
ist, d.h.
Beweis:
[Link] Wir formulieren die strikte Konvexität für Funktionale
Satz 24 (Konvexität und Ableitungen) [19, S.247,S.249ff] Sei J : K → R ein Funktional über
einer konvexen Teilmenge K ⊂ V eines normierten Vektorraums V . J sei differenzierbar auf K.
Dann gilt
[Link] Um den Satz 23 zu beweisen, benutzen wir Satz 24 und zeigen zun ächst die Rela-
tion (5.49). Dazu berechnen wir J 0 (u)(v − u): Es ist
J(u + h) = J(u) + J 0 (u)h + o(khk). (5.50)
Wir erhalten
1
J(u + h) = a(u + h, u + h)− < F, u + h >
2
1 1
= a(u, u) + a(u, h) + a(h, h)− < F, u > − < F, h >
2 2
1 1
= a(u, u)− < F, u > +a(u, h)− < F, h > + a(h, h) (5.51)
2 2
= J(u) + J 0 (u)h + o(khk) ,
(5.50)
mit J (u)h
0
= a(u, h)− < F, h > . (5.52)
Wir verifizieren nun die Relation (5.49). Aufgrund von (5.52) ist f ür h = v − u
1
J(u) + J 0 (u)(v − u) = a(u, u)− < F, u > +a(u, v − u)− < F, v − u > (5.53)
2
1
= − a(u, u) + a(u, v)− < F, v > (5.54)
2
und
1
J(v) = a(v, v)− < F, v >
2
1
> − a(u, u) + a(u, v)− < F, v >
2
(5.53)
= J(u) + J 0 (u)(v − u) ,
da
1 1 1
a(v, v) + a(u, u) − a(u, v) = a(u − v, u − v) > 0 ∀ u 6= v .
2 2 2
[Link] Die Relation (5.49) kann wie folgt bewiesen werden.
Wir nehmen zunächst an, dass a(u, v) =< F, v > ist für alle v ∈ V .
Dann ist
1
J(u + tv) = J(u) + t[a(u, v)− < F, v >] + t2 a(v, v)
2
1 2
= J(u) + t a(v, v) ≥ J(u) ∀ t ∈ R.
2
5.3. SYSTEME 139
Es folgt
J(u) = min J(v) .
v∈V
Nun nehmen wir an, dass J(u) = min J(v). Das Minimum eines strikt konvexen Funktio-
nals ist eindeutig bestimmt. Ist g(t) = J(u + tv) minimal für t = 0, dann ist
(5.52)
g 0 (0) = J 0 (u)v = a(u, v)− < F, v >= 0
Bemerkung
Betrachten wir eine konvexe Teilmenge K ⊂ V statt des ganzen Vektorraums V , so bekom-
men wir eine äquivalente Variations-Ungleichung.
Lemma 16 Sei die Bilinearform a(·, ·) V -elliptisch (positiv definit). Sei K ⊂ V eine konvexe
Teilmenge. Dann gilt für u ∈ K
5.3 Systeme
Wir haben bereits im Abschnitt 5.1 Funktionale I = I[w]
~ und entsprechende Systeme von
Euler-Lagrange Gleichungen betrachtet. Die Unterschiede zu den skalaren Gleichungen
waren nur technischer Natur. Die Aussagen des Abschnitts 5.2 k önnen deshalb ohne Schwie-
rigkeiten auf Systeme übertragen werden. Wir formulieren daher nur die wichtigsten Be-
griffe und Ergebnisse.
Konvexität
Sei
Z
I = I[w]
~ := L(Dw,
~ w,
~ x) dx ,
Ω
wobei w
~ : Ω → Rn , L : Rm×n × Rm × Ω → R. L ist konvex bezüglich P = Dw,
~ falls
Koerzitivätsungleichung
Die entsprechende Koerzitivätsungleichung zu (5.5) lautet:
Es existieren Konstanten α̂ > 0, β̂ ≥ 0 und ein q ∈ (1, ∞), so dass
~ = ~g auf ∂Ω} .
~ ∈ [W 1,q (Ω)]m : w
X = {w (5.57)
140 KAPITEL 5. VARIATIONSMETHODEN FÜR NICHTLINEARE PROBLEME
Satz 25 Sei L konvex in der Variablen P und genüge der Koerzitivätsungleichung (5.56). Die Men-
ge X, definiert in (5.57), sei nicht leer. Dann existiert ein ~u ∈ X, so dass
I[~u] = min I[w]
~ .
w
~
Polykonvexität
Es gibt Systeme von Euler-Lagrange Gleichungen, bzw. Lagrange-Funktionen, die z.B. das
Verhalten nichtlinearer elastischer Materialien beschreiben, die nicht konvex sind. Trotz-
dem können die Methoden der Variationsrechnung angewandt werden. Bisher hatten wir
gezeigt, dass aus der Konvexität die schwach unterhalb Folgenstetigkeit folgt. Die Konve-
xität wird durch den Begriff der Polykonvexität ersetzt.
Definition 39 (Polykonvexität) Sei m = n und L(P, ~z, x) = F (P, det P, ~z, x) = F (P, r, ~z, x),
wobei P ∈ Rn×n , ~z ∈ Rn , r ∈ R, x ∈ Ω. Die Lagrange-Funktion L ist polykonvex, falls für jedes
feste ~z und x die Abbildung
F : (P, r) → F (P, r, ~z, x)
konvex ist.
Satz 27 [4, S.456] Sei n < q < ∞. Sei L von unten beschränkt und polykonvex. Dann ist
Z
I[w]
~ = L(Dw, ~ det(Dw),
~ w,
~ x) dx
Ω
Satz 28 [4, S.457] Sei n < q < ∞ und L genüge der Koerzitivätsungleichung (5.48) und sei
polykonvex. Die Menge X = {w ~ = ~g auf ∂Ω} sei nicht leer. Dann existiert ein
~ ∈ [W 1,q (Ω)]n , w
~u ∈ X, so dass
I[~u] = min I[w]
~ .
w∈X
~
5.3. SYSTEME 141
Beispiele
1◦ Lineare Elastizität
Es ist L(P ) = 12 σ(P ) : ε(P ), wobei ε(P ) = 12 (P + P > ) und σ(P ) = λtrε(P )I + 2µε(P )
sind. Wir untersuchen, ob die Lagrange-Funktion L konvex ist, indem wir überprüfen,
wann
L(P1 ) ≥ L(P2 ) + LP (P2 ) : (P1 − P2 ) ∀P1 , P2 ∈ Rn×n , P1 6= P2
gilt. Da LP (P2 ) = σ(P2 ) ist, folgt
1 1
L(P1 ) − L(P2 ) + LP (P2 ) : (P2 − P1 ) = σ(P1 ) : ε(P1 ) − σ(P2 ) : ε(P2 )
2 2
+σ(P2 ) : (P2 − P1 ) .
Beachten wir, dass ε der symmetrische Anteil von Du ist und σ symmetrisch ist, dann
ergibt sich
L(P1 ) − L(P2 ) + LP (P2 ) : (P2 − P1 )
1 1
= σ(P1 ) : ε(P1 ) + σ(P2 ) : ε(P2 ) − σ(P2 ) : ε(P1 )
2 2
1
= [λ(tr ε(P1 )) + 2µ(ε(P1 ))2 + λ(tr ε(P2 ))2 + 2µ(ε(P2 ))2 ]
2
2
−λtr ε(P1 )tr ε(P2 ) − 2µε(P2 ) : ε(P1 )
µ ¶2
tr ε(P1 ) tr ε(P2 )
= λ √ − √ + µ|ε(P1 ) − ε(P2 )|2 ≥ 0
2 2
für λ, µ ≥ 0. Konvexität liegt vor, wenn ε(P1 − P2 ) 6= 0 bzw. tr ε(P1 − P2 ) 6= 0, d.h.
wenn die Differenz P1 − P2 keine schiefsymmetrische Matrix ergibt. In der Konve-
xitätsungleichung werden Randbedingungen nicht beachtet.
Unter Beachtung von Randbedingungen erhalten wir folgende Aussage. Die dem ho-
mogenen Dirichletproblem der linearen Elastizität zugeordneten Bilinearform
Z ◦
a(u, v) = σ(u) : ε(u) dx u, v ∈ (H 1 (Ω))n = V
Ω
genügt den Voraussetzungen des Satzes von Lax-Milgram und das Funktional
◦
I : [H 1 (Ω)]n → R
1
I[u] = a(u, u) − hF, ui
2
mit F ∈ V 0 ist nach Satz 23 strikt konvex.
2◦ Wir betrachten die Lagrange-Funktion
q
L = L(P ) = [tr (P P > )] 2 , q ≥ 1 .
Es ist tr (P P > ) = P : P und
q
LP (P ) = q[tr (P P > )] 2 −1 P = q|P |q−2 P .
Wir prüfen, ob L konvex ist.
L(P1 ) − L(P2 ) + LP (P2 ) : (P2 − P1 )
= |P1 |q − |P2 |q + q|P2 |q−2 (|P2 |2 − P2 : P1 ) (5.58)
q q q−2
= |P1 | + (q − 1)|P2 | − q|P2 | (P2 : P1 ) (5.59)
≥ |P1 |q + (q − 1)|P2 |q − q|P2 |q−1 |P1 | . (5.60)
142 KAPITEL 5. VARIATIONSMETHODEN FÜR NICHTLINEARE PROBLEME
q q0
Wir wenden die Youngsche Ungleichung an: ab = aq + bq0 , 1q + q10 = 1, und erhalten
à 0
!
q |P2 |(q−1)q |P1 |q
rechte Seite ≥ |P1 | + (q − 1)P2 − q
q
+ = 0,
q0 q
[1] Aris, R. The Mathematical Theory of Diffusion and Reaction in Permeable Catalysts. Vol.
2, Oxford, 1975.
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[16] Vladimirov, V.S. Euqations of Mathematical Physics. Mercel Dekker, Inc., New York,
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143
144 LITERATURVERZEICHNIS
¨
Prof. Dr. Anna-Margarete Sandig
Pfaffenwaldring 57
70569 Stuttgart
Germany
E-Mail: saendig@[Link]
WWW: [Link] ˜saendig/