Mathe Ing I
Mathe Ing I
Wintersemester 2013/14
W. Ebeling
2
c Wolfgang Ebeling
Institut für Algebraische Geometrie
Leibniz Universität Hannover
Postfach 6009
30060 Hannover
E-mail: ebeling@[Link]
Literatur
Es gibt sehr viele Bücher zur Mathematik für Ingenieure. Hier eine Auswahl:
Lineare Algebra I
1.1 Zahlen
Zum Abzählen bedient man sich der natürlichen Zahlen:
N = {0, 1, 2, . . .}
bezeichnet die Menge der natürlichen Zahlen. (Man beachte, dass wir die
Null mit hinzunehmen!) Von L. Kronecker (1823-1891) stammt der Aus-
spruch: Die natürlichen Zahlen sind vom lieben Gott gemacht, alles andere
ist Menschenwerk.
Mit
Z = {. . . , −2, −1, 0, 1, 2, . . .}
bezeichnet man die Menge der ganzen Zahlen.
Aus den ganzen Zahlen lassen sich die rationalen Zahlen konstruieren:
p
Q= p, q ∈ Z, q 6= 0
q
ist die Menge der rationalen Zahlen.
Schließlich hat man noch die Menge der reellen Zahlen R, deren Elemente
in ”eineindeutiger” Weise den Punkten einer Geraden entsprechen.
Wie erhält man nun die eineindeutige Korrespondenz zwischen den reellen
Zahlen R und einer Geraden? Dazu wählen wir zunächst zwei Punkte 0 und
1 auf der Geraden und tragen dann äquidistant die übrigen ganzen Zahlen
ab.
0 1
−4 −3 −2 −1 2 3 4
3
4 Kapitel 1. Lineare Algebra I
q = 5 gleiche Teile 0 1
p = −4 p
= −4 q 5
Man sieht dann ein, dass die rationalen Zahlen ”dicht” auf der Geraden
liegen. Das heißt, in jeder noch so kleinen Umgebung eines jeden Punktes
der Geraden findet man eine rationale Zahl (genauer gesagt, einen Punkt,
der eine rationale Zahl repräsentiert). Um einen solchen Punkt zu finden,
muss man q genügend groß und p passend wählen.
Allerdings hat man bisher keineswegs alle Punkte
√ der Geraden erwischt.
Die Diagonale des Einheitsquadrats hat die Länge 2.
0 1 2
√
@
@
2
@
√
Satz 1.1.1 Die Zahl 2 ist irrational (d.h. nicht rational).
Beweis. Dieser Beweis ist ein Beispiel für einen indirekten Beweis. Wir nehmen an, dass
√
2 rational ist, und leiten daraus einen Widerspruch her. Wir nehmen also an
√ p
2= , p, q ∈ Z, q 6= 0.
q
Ohne Einschränkung können wir zusätzlich annehmen, dass dieser Bruch bereits gekürzt
ist. Insbesondere
√ können wir annehmen, dass p und q nicht beide gerade sind.
Aus 2 = pq folgt aber
2q 2 = p2 .
Daraus folgt p2 gerade. Da aber Quadrate ungerader Zahlen wieder ungerade sind, muss
also schon p gerade sein, d.h. p = 2p0 für ein p0 ∈ Z. Setzen wir dies für p in die obige
Gleichung ein, so folgt
2q 2 = 4(p0 )2 .
Teilen wir beide Seiten der Gleichung durch 2, so erhalten wir
q 2 = 2(p0 )2 .
Daraus folgt nun aber, dass auch q 2 und damit q gerade sein muss.
√ Dies ist aber ein
Widerspruch zu unserer Annahme. Also war unsere Annahme, dass 2 rational ist, falsch.
2
1.2 Der Vektorraum Rn 5
Zwischen den bisher genannten Mengen hat man die folgenden Teilmen-
genbeziehungen:
N ⊆ Z ⊆ Q ⊆ R.
ein n-Tupel (n ist hierbei eine beliebige natürliche Zahl). Wir setzen
Man beachte, dass bei einem n-Tupel die Reihenfolge wichtig ist, d.h. zwei Tu-
pel (x1 , . . . , xn ) und (y1 , . . . , yn ) sind genau dann gleich, wenn x1 = y1 , . . . , xn =
yn . Man nennt den Rn auch den reellen Standardvektorraum der Dimension
n und ein Element dieses Raumes auch einen Vektor. Die Zahlen x1 , . . . , xn
heissen die Komponenten von ~x.
Der R1 ist die Zahlengerade, R2 entspricht der Ebene, R3 dem Raum. Für
größere n hat man keine geometrische Vorstellung mehr.
Mit den reellen Zahlen kann man rechnen, man kann sie nach den üblichen
Regeln addieren und multiplizieren. Auch mit n-Tupeln kann man rechnen.
Für (x1 , . . . , xn ) ∈ Rn und (y1 , . . . , yn ) ∈ Rn definieren wir eine Addition
x2 + y2
y2
x2
0 y1 x1 x1 + y 1
~0 := (0, . . . , 0) und Spitze in ~x. Zwei Vektoren ~x und ~y spannen dann ein
Parallelogramm auf (siehe Abbildung 1.1 für n = 2) und dem Vektor ~x + ~y
entspricht dann der Pfeil, der auf der Diagonale mit dem Fußpunkt ~0 liegt
und als Spitze den anderen Eckpunkt hat. Der Multiplikation mit der Zahl
λ entspricht die Streckung des Vektors ~x um den Faktor λ.
(V2) ~x + ~0 = ~0 + ~x = ~x.
(V4) ~x + ~y = ~y + ~x.
~x · ~y := x1 y1 + x2 y2 + · · · + xn yn .
Man beachte, dass ~x · ~y eine reelle Zahl ist. Bei der Multiplikation eines
Vektors ~x mit einem Skalar λ erhält man dagegen einen Vektor λ~x ∈ Rn .
~x · ~y = ~y · ~x.
(~x + ~z) · ~y = ~x · ~y + ~z · ~y ,
(λ~x) · ~y = λ(~x · ~y ),
~x · (~y + ~z) = ~x · ~y + ~x · ~z,
~x · (λ~y ) = λ(~x · ~y ).
~x · ~x = x21 + · · · + x2n ≥ 0.
Daran sieht man auch, dass ~x · ~x genau dann gleich 0 ist, wenn x1 = . . . = xn = 0 , also
~x = ~0 gilt.
Die Formeln von (b) und (c) rechnet man einfach nach. 2
Definition Die Länge oder Norm eines Vektors ~x = (x1 , . . . , xn ) ist defi-
niert durch
√ q
|~x| := ~x · ~x = x21 + · · · + x2n .
|~x · ~y | ≤ |~x||~y |.
Für ~y 6= ~0 gilt |~x · ~y | = |~x||~y | genau dann, wenn es ein λ ∈ R gibt, so dass
~x = λ~y .
Die Norm hat die folgenden Eigenschaften.
|λ~x| = |λ||~x|.
Mit Hilfe der Norm kann man zwischen zwei Punkten ~x, ~y ∈ Rn einen
Abstand erklären:
Satz 1.3.4 (Eigenschaften des Abstands) (a) Für alle ~x, ~y ∈ Rn gilt
~ ∈ Rn gilt
(c) (Dreiecksungleichung) Für alle ~u, ~v , w
Beweis. (a) und (b) folgen direkt aus Satz 1.3.3 (a).
(c) folgt aus Satz 1.3.3 (c) mit ~x := ~v − ~u und ~y := w
~ − ~v , also ~x + ~y = w
~ − ~u. 2
~x 1 1 1
= ~x = ||~x| = |~x| = 1.
|~x| |~x| |~x| |~x|
Nun wollen wir auch Winkel zwischen zwei Vektoren ~x, ~y ∈ Rn mit ~x 6= ~0
und ~y 6= ~0 erklären. Dazu erinnern wir zunächst an die Definition von sin α
und cos α für einen Winkel α. Ist x das Bogenmaß des Winkels α, so gilt:
x α
= .
2π 360◦
Mit einem Winkel wird in Zukunft immer der Winkel im Bogenmaß gemeint
sein. Dann sind sin α und cos α anhand der folgenden Zeichnung definiert:
sin α x
α
cos α 1
Es gilt
−1 ≤ sin α ≤ 1, −1 ≤ cos α ≤ 1.
Ist ein Wert y ∈ R, −1 ≤ y ≤ 1, vorgegeben, so gibt es genau einen Winkel
α mit 0 ≤ α ≤ π mit cos α = y. Es gilt
sin2 α + cos2 α = 1.
Nun betrachten wir zwei Vektoren ~x, ~y ∈ Rn mit ~x 6= ~0 und ~y 6= ~0. Aus
der Cauchy-Schwarzschen Ungleichung folgt dann
~x · ~y
−1 ≤ ≤ 1.
|~x||~y |
Beweis. Diese Eigenschaften folgen unmittelbar aus der Definition und der Cauchy-Schwarzschen
Ungleichung. 2
Wir wollen nun zeigen, dass die Definition des Winkels mit der anschauli-
chen Definition übereinstimmt. Dazu beschränken wir uns auf den Fall n = 2.
Es seien also ~x, ~y ∈ R2 von Null verschiedene Vektoren und
1 1
~x0 := ~x, ~y 0 := ~y .
|~x| |~y |
Aus Satz 1.3.5 (iii) und der Definition des Winkels folgt
Es gilt
also
∠(~x, ~y ) = β − α.
Definition Mit ~a~b bezeichnen wir die orthogonale Projektion von ~a auf ~b
(siehe Abbildung).
12 Kapitel 1. Lineare Algebra I
~a 6
~a~⊥
b
- - ~b
~a~b
~a · ~b~
~a~⊥ = ~a − b
b
|~b|2
Zum Abschluss geben wir noch eine Anwendung.
Übungsaufgabe 1.3.1 Wir wollen die Entfernung zwischen zwei Orten A
und B bestimmen. Wir kennen nur die Entfernung zu einem dritten Ort C
und den Winkel α, den die Verbindungsgeraden AC und BC bilden.
Beweis. Alle Eigenschaften kann man einfach nachrechnen. Wir führen den Beweis von (c)
vor. Es sei ~x = (x1 , x2 , x3 ) und ~y = (y1 , y2 , y3 ). Dann gilt
|~x × ~y |2 = (x2 y3 − x3 y2 )2 + (x3 y1 − x1 y3 )2 + (x1 y2 − x2 y1 )2
= (x1 y2 )2 + (x2 y1 )2 + (x3 y1 )2 + (x1 y3 )2 + (x2 y3 )2 + (x3 y2 )2
−2x1 x2 y1 y2 − 2x1 x3 y1 y3 − 2x2 x3 y2 y3
= (x21 + x22 + x23 )(y12 + y22 + y32 ) − (x1 y1 + x2 y2 + x3 y3 )2
= |~x|2 |~y |2 − (~x · ~y )2 .
2
Beweis.
(a) ⇒ (b): Sind ~x, ~y linear abhängig, so gibt es λ, µ ∈ R mit λ 6= 0 oder µ 6= 0, so dass
λ~x + µ~y = ~0. Ist µ = 0, so muss λ 6= 0 sein. Aus λ~x = ~0 folgt dann aber ~x = ~0. Ist µ 6= 0,
dann gilt
λ
~y = − ~x,
µ
also ~y = ρ~x mit ρ := −λ/µ.
(b) ⇒ (a): Ist ~x = ~0, so gilt 1~x + 0~y = ~0. Ist ~y = ρ~x, so gilt −ρ~x + ~y = ~0. In beiden
Fällen sind also ~x, ~y linear abhängig.
Der Beweis von (a) ⇔ (c) geht analog. 2
Satz 1.4.3 Zwei Vektoren ~x, ~y ∈ R3 sind genau dann linear abhängig, wenn
~x × ~y = ~0 gilt.
Beweis. ⇒: Die Vektoren ~x, ~y ∈ R3 seien linear abhängig. Aus Satz 1.4.2 folgt, dass dann
~x = ~0 gilt oder es ein ρ ∈ R gibt, so dass ~y = ρ~x. Ist ~x = ~0, so gilt
~x × ~y = ~0 × ~y = ~0.
⇐: Es sei ~x × ~y = ~0. Ist ~x = ~0 oder ~y = ~0, so sind ~x, ~y nach Satz 1.4.2 linear abhängig.
Es sei also ~x 6= ~0 und ~y 6= ~0. Nach Korollar 1.4.1 gilt
Ist θ := ∠(~x, ~y ), so folgt sin θ = 0, also θ = 0 oder θ = π. Das bedeutet aber, dass es ein
ρ ∈ R gibt, so dass ~y = ρ~x. Nach Satz 1.4.2 sind ~x, ~y daher linear abhängig. 2
Definition Das Spatprodukt [~a, ~b, ~c] der drei Vektoren ~a, ~b, ~c ∈ R3 ist defi-
niert durch
[~a, ~b, ~c] := ~a · (~b × ~c).
16 Kapitel 1. Lineare Algebra I
Der Betrag des Spatprodukts |[~a, ~b, ~c]| ist das Volumen V des von den Vek-
toren ~a, ~b, ~c aufgespannten Spats:
V = Grundfläche × Höhe
= |~b × ~c| ~a~b×~c
~a · (~b × ~c)~
= |~b × ~c| b × ~c
|~b × ~c|2
= |~a · (~b × ~c)|.
~b × ~c
6
~a
~c*
-
~b
a1 b 1 c 1
b2 c 2 b 1 c1 b1 c 1
a2 b 2 c 2 := a1 − a2 + a3 .
b3 c 3 b3 c 3 b2 c 2
a3 b 3 c 3
Merkregel:
+ + +
aQ
1 b1Q c1Q a1 b1
a2 QbQ
2 c2Q
3
QQa
3
2 b2
Q
3
Q Q Q
a
3 b3 c3 a3 b3
s s s
− − −
1.5 Geraden und Ebenen
Wir betrachten zunächst Geraden im R2 .
1.5 Geraden und Ebenen 17
L = {(x1 , x2 ) ∈ R2 | a1 x1 + a2 x2 = b}.
~ 6= ~0 definieren wir
~ ∈ R2 mit w
Definition Für ~v , w
~ := {~x = ~v + λw
~v + Rw ~ | λ ∈ R}.
Diese Menge heißt Gerade (in Parameterform). Der Vektor ~v heißt Ortsvektor
und w~ Richtungsvektor der Geraden L = ~v + Rw.
~
a1 := w2 , a2 := −w1 , b := w2 v1 − w1 v2 .
18 Kapitel 1. Lineare Algebra I
Dann gilt:
L = {(x1 , x2 ) ∈ R2 | a1 x1 + a2 x2 = b}.
~a · ~x = a1 x1 + a2 x2 + a3 x3 = ~a · ~u.
und
E = {~x ∈ R3 | a1 x1 + a2 x2 + a3 x3 = ~a · ~u}.
~ 6= ~0 definieren wir
~ ∈ R3 mit w
Definition Für ~v , w
~ := {~x = ~v + λw
~v + Rw ~ | λ ∈ R}.
Dann gilt
|(~v − ~y ) × w|
~
d(~y , L) =
|w|
~
20 Kapitel 1. Lineare Algebra I
Es sei E = ~u + R~v + Rw
~ mit linear unabhängigen Vektoren ~v und w
~ und
~y ∈ R3 . Dann definieren wir
d = ~u · ~n.
E = {~x ∈ R3 | ~x · ~n = d}.
C := {x + iy | x, y ∈ R}
(Diese Formeln kann man sich so merken: Man rechnet wie mit Zahlen unter
Beachtung der Regel i2 = −1.)
Die komplexe Zahl a + bi ∈ C kann man mit dem Vektor (a, b) ∈ R2
identifizieren. Dies führt zu der Darstellung der komplexen Zahlen in der
Gaußschen Zahlenebene. Der Addition von komplexen Zahlen entspricht die
Addition der entsprechenden Vektoren. Die Multiplikation deuten wir später
geometrisch.
Ist z ∈ C mit z 6= 0, so bestimmen wir die Zahl z1 : Es sei z = x + iy. Dann
gilt
1 x − iy x − iy
= = 2 .
x + iy (x + iy)(x − iy) x + y2
Also gilt
1 x − iy
= 2
x + iy x + y2
1.6 Komplexe Zahlen 21
(b) z1 + z2 = z1 + z2 .
(c) z1 z2 = z1 · z2 .
Für z ∈ R stimmt der Betrag mit dem Absolutbetrag für reelle Zahlen
überein. Für alle z ∈ C gilt |z| = |z̄|.
Re(z) ≤ |z|.
22 Kapitel 1. Lineare Algebra I
Daraus folgt
Re(z1 z2 ) ≤ |z1 z2 | = |z1 ||z2 | = |z1 ||z2 |.
Also gilt
Definition Es sei z = x + iy, r := |z| und ϕ der Winkel von z mit der
positiven x-Achse. Dann nennt man ϕ das Argument der komplexen Zahl z
und
z = r(cos ϕ + i sin ϕ)
die Darstellung der Zahl in Polarkoordinaten.
Es seien z1 = r1 (cos ϕ1 + i sin ϕ1 ), z2 = r2 (cos ϕ2 + i sin ϕ2 ). Aus den
Additionstheoremen für sin und cos folgt:
z1 z2 = r1 r2 (cos ϕ1 + i sin ϕ1 )(cos ϕ2 + i sin ϕ2 )
= r1 r2 [(cos ϕ1 cos ϕ2 − sin ϕ1 sin ϕ2 ) + i(cos ϕ1 sin ϕ2 + sin ϕ1 cos ϕ2 )]
= r1 r2 (cos(ϕ1 + ϕ2 ) + i sin(ϕ1 + ϕ2 ))
Also gilt:
z1 z2 = r1 r2 (cos(ϕ1 + ϕ2 ) + i sin(ϕ1 + ϕ2 ))
Zwei komplexe Zahlen werden multipliziert, indem man ihre Beträge multi-
pliziert und und ihre Argumente addiert. Es gilt:
1 1
= (cos(−ϕ) + i sin(−ϕ)), z 6= 0
z r
z1 r1
= (cos(ϕ1 − ϕ2 ) + i sin(ϕ1 − ϕ2 )), z2 6= 0
z2 r2
Definition (Eulerformel)
Dabei sind die aij und die bi reelle Zahlen und gesucht ist die Menge der
(x1 , . . . , xn ) ∈ Rn , die alle Gleichungen erfüllen.
Ein solches Schema nennt man eine m × n-Matrix. Wir schreiben auch zur
Abkürzung A = (aij ). Die Matrix A heißt die Koeffizientenmatrix des linearen
Gleichungssystems.
Die Unbekannten x1 , . . . , xn schreiben wir als Spaltenvektor
x1
x2
~x := .. .
.
xn
Die Multiplikation einer Matrix A mit dem Vektor ~x erklären wir durch
a11 a12 · · · a1n x1
a21 a22 · · · a2n x2
A~x = ..
.. . . .. ..
. . . . .
am1 am2 · · · amn xn
a11 x1 + a12 x2 + · · · + a1n xn
a21 x1 + a22 x2 + · · · + a2n xn
:= .
..
.
am1 x1 + am2 x2 + · · · + amn xn
Anschaulich gesprochen bedeutet dies ”Zeile mal Spalte”. Schreiben wir nun
auch noch
b1
b2
~b :=
.. ,
.
bm
so wird unser Gleichungssystem zu
a11 a12 · · · a1n x1 b1
a21 a22 · · · a2n x2 b2
=
.. .. .. .. .. ..
. . . . . .
am1 am2 · · · amn xn bm
oder kurz
A~x = ~b.
Wir sehen, dass es vorteilhaft ist, Vektoren als Spaltenvektoren aufzufassen.
Das werden wir in Zukunft tun. Wir werden von nun an Vektoren als Spal-
tenvektoren schreiben.
1.7 Lineare Gleichungssysteme 25
Wir wollen uns nun mit der Lösung eines solchen Gleichungssystems be-
fassen. Die Lösungsmenge ist gleich
Man kann diese Lösungsmenge mit Hilfe des Gaußschen Algorithmus er-
mitteln. Dieses Verfahren wollen wir nun darstellen.
Gaußscher Algorithmus
Anstelle der Koeffizientenmatrix A betrachtet man die erweiterte Koeffizien-
tenmatrix
a11 a12 · · · a1n b1
a21 a22 · · · a2n b2
(A|~b) := .. .. .
.. .. ..
. . . . .
am1 am2 · · · amn bm
Der Gaußsche Algorithmus basiert darauf, dass die folgenden Umformun-
gen nichts an der Lösungsmenge eines Gleichungssystems ändern:
I. Vorwärtselimination.
III. Rückwärtssubstitution
26 Kapitel 1. Lineare Algebra I
I. Vorwärtselimination
1. Eliminationsschritt
Ist a11 6= 0?
Wenn nein: Suche in der 1. Spalte von A ein Element ak1 6= 0 und vertausche
die k-te Zeile mit der ersten. (Sind alle Elemente der 1. Spalte gleich 0, so
beginne man statt mit der ersten Spalte mit der ersten anderen Spalte, die
nicht nur lauter Nullen enthält.)
Wenn ja:
Subtrahiere das aa11
i1
-fache der 1. Zeile von der i-ten Zeile (i = 2, . . . , m)
Ergebnis:
0 ··· 0 •
∗ ··· ∗ ∗ ··· ∗ ∗
0 ··· 0 0 ···
0 0 ∗ ··· ∗ ∗
• 6= 0
.. . . .. ..
.. . . .... . . .. ..
∗ = beliebig
. . . . . . . . . . .
0 ··· 0 0 0 ··· 0 ∗ ··· ∗ ∗
2. Eliminationsschritt
Wende das gleiche Verfahren auf die eingezeichnete Restmatrix an.
usw.
..
.
0 ··· 0 • ∗ ··· ∗ ∗ ∗ ··· ∗ ∗ ∗ ∗ ∗ · · · ∗ eb1
0 ··· 0 0 0 ··· 0 • ∗ ··· ∗ ∗ ∗ ∗ ∗ · · · ∗ eb2
0 ··· 0 0 0 ··· 0 0 0 ··· 0 • ∗ ∗ ∗ · · · ∗ eb3
.. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. ..
. . . . . . . . . . . . . .
0 ··· 0 0 ··· 0 0 ··· 0 • ∗ · · · ∗ br
0 0 0 0 e
0 ··· 0 0 0 ··· 0 0 0 ··· 0 0 0 0 0 · · · 0 ebr+1
.. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. ..
. . . . . . . . . . . . . .
0 ··· 0 0 0 ··· 0 0 0 ··· 0 0 0 0 0 · · · 0 bme
1.7 Lineare Gleichungssysteme 27
Beispiel 1.7.1
0 0 2 −1 2 1 Zeile 1
1 −2 3 4 2 2 und Zeile 2
(A|~b) =
2 −4 8
9 0 3 vertauschen
−1 2 −5 −6 5 4
1 −2 3 4 2 2
0 0 2 −1 2 1
→
2 −4 8
9 0 3 −2 × Zeile 1
−1 2 −5 −6 5 4 +Zeile 1
1 −2 3 4 2 2
0 0 2 −1 2 1
→
0 0 2 1 −4 −1 − Zeile 2
0 0 −2 −2 7 6 +Zeile 2
1 −2 3 4 2 2
0 0 2 −1 2 1
→
0 0 0 2 −6 −2
0 0 0 −3 9 7 + 32 × Zeile 3
1 −2 3 4 2 2
0 0 2 −1 2 1
→
0 0 0 2 −6 −2
0 0 0 0 0 4
II. Lösbarkeitsentscheidung
(entfällt für ~b = ~0) Ist eine der Zahlen ebr+1 , . . . , ebm von Null verschieden,
etwa nach Zeilenvertauschung ebr+1 6= 0, dann ist das Gleichungssystem nicht
lösbar. Denn die (r + 1)-te Gleichung ergibt den Widerspruch
III. Rückwärtssubstitution
Dazu betrachten wir zunächst wieder das
28 Kapitel 1. Lineare Algebra I
lautet explizit:
x2 = λ1 , x5 = λ2 (λ1 , λ2 ∈ R variabel)
x4 = −1 + 3λ2 ,
1 1 1
x3 = x4 + − λ 2 = λ 2 ,
2 2 2
x1 = −3x3 − 4x4 + 2 + 2λ1 − 2λ2
3
= − λ2 + 4 − 12λ2 + 2 + 2λ1 − 2λ2
2
31
= 6 + 2λ1 − λ2 .
2
Damit sieht die allgemeine Lösung wie folgt aus:
6 + 2λ1 − 31 − 31
x1 2
λ 2 6 2 2
x2 λ1 0 1 0
1
1
x3 = λ2
= 0 + λ 1
0 + λ2
2 2
x4 −1 + 3λ2 −1 0 3
x5 λ2 0 0 1
1.7 Lineare Gleichungssysteme 29
Allgemein:
– Die zu Spalten ohne •-Stelle gehörenden Unbekannten sind die freien
Variablen, sie werden der Reihe nach gleich λ1 , λ2 , . . . , λn−r gesetzt.
– Gleichungssystem nach den zu •-Stellen gehörenden abhängigen Varia-
blen auflösen und der Reihe nach (von unten nach oben) diese Variablen
in Abhängigkeit von λ1 , . . . , λn−r berechnen.
Definition Die Zahl r bezeichnen wir als den Rang der Matrix A.
Satz 1.7.1 (a) Das lineare Gleichungssystem A~x = ~b besitzt genau dann
eine Lösung, wenn gilt
Rang (A|~b) = Rang A.
(b) Das homogene lineare Gleichungssystem A~x = ~0 hat genau dann nur
~x = ~0 (triviale Lösung) als einzige Lösung, wenn Rang A = n gilt (n
= Anzahl der Unbekannten).
(c) Ist die Anzahl der Gleichungen kleiner als die Anzahl der Unbekannten
(m < n), dann besitzt A~x = ~0 stets nichttriviale Lösungen.
Das bedeutet: x3 ist eine freie Variable. Wir setzen x3 = λ. Wir lösen das
Gleichungssystem nach x2 und x1 auf:
1
x2 = λ + 1,
2
3
x1 = − λ − 3.
2
Wir setzen
− 32
−3
1
~v = 1 , w
~ = 2
.
0 1
Dann ist der Lösungsvektor
3
x1 −3 −2
1
~x = x2 = 1 +λ
2
= ~v + λw.
~
x3 0 1
Der Schnitt der beiden Ebenen E1 und E2 ist also die Gerade L = ~v + Rw.
~
(U1) ~x, ~y ∈ U ⇒ ~x + ~y ∈ U .
(U2) ~x ∈ U, λ ∈ R ⇒ λ~x ∈ U .
Bemerkung 1.8.1 Jeder Unterraum von Rn enthält den Nullvektor ~0. Denn
mit ~x ∈ U ist nach (U2) auch ~0 = 0~x ∈ U .
(b) Geraden und Ebenen in R3 durch den Ursprung sind Unterräume von
R3 .
Definition Die Vektoren ~a1 , . . . , ~ak ∈ Rn heißen linear unabhängig, falls für
alle reellen Zahlen x1 , . . . , xk ∈ R gilt:
x1~a1 + . . . + xk~ak = 0 ⇒ x1 = · · · = xk = 0.
so hat das lineare Gleichungssystem A~x = ~0 nur die triviale Lösung ~x = ~0.
Sind ~a1 , . . . , ~ak ∈ Rn nicht linear unabhängig, so heißen sie linear abhängig.
~x = λ1~a1 + . . . + λk~ak .
heißt der Spann (oder die lineare Hülle) von ~a1 , . . . , ~ak .
Satz 1.8.1 Der Spann Spann(~a1 , . . . , ~ak ) von Vektoren ~a1 , . . . , ~ak ∈ Rn ist
ein Unterraum von Rn .
Satz 1.8.2 Ist (~b1 , . . . , ~bk ) eine Basis des Unterraums U ⊆ Rn , so lässt sich
jeder Vektor ~x ∈ U in eindeutiger Weise als Linearkombination der ~bi schrei-
ben, d.h. zu ~x ∈ U gibt es eindeutig bestimmte Zahlen λ1 , . . . , λk ∈ R mit
~x = λ1~b1 + . . . + λk~bk .
32 Kapitel 1. Lineare Algebra I
bilden eine Basis (~e1 , . . . , ~en ) des Rn . Diese Basis heißt Standardbasis des Rn .
(b) Ist ~xs eine Lösung des inhomogenen linearen Gleichungssystems A~x = ~b
(spezielle Lösung), so lautet die allgemeine Lösung des inhomogenen
Systems:
~x = ~xs + ~xh = ~xs + λ1~v1 + . . . + λk~vk .
Je zwei Basen eines Unterraums U des Rn haben gleich viele Elemente.
Definition Die Anzahl der Elemente einer Basis von U heißt die Dimension
von U , in Zeichen dim U .
1.9 Matrizen
Wir behandeln nun allgemein Matrizen. Wir legen zunächst einige Bezeich-
nungen fest.
a11 a12 · · · a1n
a21 a22 · · · a2n
A := .
.. .. .. ..
. . . .
am1 am2 · · · amn
Die Zahlen aij bezeichnet man als die Einträge oder die Elemente der Matrix.
Eine m × 1-Matrix bezeichnet man auch als Spaltenvektor und eine 1 × n-
Matrix als einen Zeilenvektor. Eine n×n-Matrix nennt man eine quadratische
Matrix. In diesem Fall heißen die Elemente a11 , . . . , ann die Diagonalelemente
von A.
a11 · · · a1n b11 · · · b1n
.. . .. .. + ...
. ... ..
A+B = .
.
am1 · · · amn bm1 · · · bmn
a11 + b11 · · · a1n + b1n
:= .. ... ..
.
. .
am1 + bm1 · · · amn + bmn
a11 · · · a1n λa11 · · · λa1n
λA = λ ... ... .. := .. ... .. .
. . .
am1 · · · amn λam1 · · · λamn
34 Kapitel 1. Lineare Algebra I
Das bedeutet,
AB = C = (cij )
und cij erhält man, indem man paarweise die Einträge der i-ten Zeile von
A und der j-ten Spalte von B multipliziert und die entstehenden Produkte
addiert, also
cij = ai1 b1j + ai2 b2j + · · · + air brj .
Sind a1 , a2 , . . . an beliebige Zahlen, so schreibt man abkürzend für die Summe
dieser Zahlen n
X
ak := a1 + a2 + · · · + an .
k=1
Die neue Matrix C ist eine m × n-Matrix. Man merke sich: AB ist nur
erklärt, wenn die Spaltenzahl von A gleich der Zeilenzahl von B ist. Es gilt
die folgende Merkregel:
m × r mal r × n ergibt m × n.
Die Multiplikation einer Matrix mit einem Vektor ist der Spezialfall r = 1.
Beispiel 1.9.1
2 −1
1 5 0 −1 1 14
0 3 2 0 0 3
−4 1 = −8 11 .
−4 0 1 −1 −13 5
1 0
1.9 Matrizen 35
Beweis. Alle Aussagen betreffen die Gleichheit von Matrizen und werden bewiesen, in-
dem man beide Seiten ausrechnet und zeigt, dass die einander entsprechenden Einträge
übereinstimmen. Wir führen dies nur für die Aussage (d) vor.
Es sei A = (aij ) eine m × r-Matrix, B = (bij ) eine r × s-Matrix und C = (cij ) eine
s × n-Matrix. Es gilt
Xr
AB = (αil ) mit αil = aik bkl ,
k=1
also
(AB)C = (dij )
mit !
s
X s
X r
X r X
X s
dij = αil clj = aik bkl clj = aik bkl clj .
l=1 l=1 k=1 k=1 l=1
36 Kapitel 1. Lineare Algebra I
also
A(BC) = (d0ij )
mit !
r
X r
X s
X r X
X s
d0ij = aik βkj = aik bkl clj = aik bkl clj .
k=1 k=1 l=1 k=1 l=1
2
Dann gilt
−1 −1 0 0
AB = , BA = ,
1 1 0 0
also AB 6= BA.
und
5 2 −1 −2 1 0
BA = = = E.
−3 −1 3 5 0 1
1.9 Matrizen 37
AB = BA = E und AC = CA = E.
Also ist die inverse Matrix zu einer Matrix A eindeutig bestimmt und wir
bezeichnen sie mit A−1 . Es gilt also
AA−1 = A−1 A = E.
Satz 1.9.3 (a) Für zwei invertierbare n × n-Matrizen A und B ist auch das
Produkt AB invertierbar und es gilt (AB)−1 = B −1 A−1 .
(b) Mit A ist auch A−1 invertierbar und es gilt (A−1 )−1 = A.
Beweis.
(a) Es gilt
(AB)(B −1 A−1 ) = A(BB −1 )A−1 = AEA−1 = AA−1 = E.
Entsprechend zeigt man (B −1 A−1 )(AB) = E. Daraus folgt, dass AB invertierbar ist und
(AB)−1 = B −1 A−1 gilt.
(b) Wegen A−1 A = AA−1 = E folgt, dass A−1 invertierbar mit (A−1 )−1 = A ist. 2
Satz 1.9.4 Eine n × n-Matrix A ist genau dann invertierbar, wenn ihr Rang
gleich n ist.
Beispiel 1.9.6
1 2 3 1 0 0
2 1 0 0 1 0 −2 × Zeile 1
1 0 2 0 0 1 −Zeile 1
1 2 3 1 0 0
→ 0 −3 −6 −2 1 0
0 −2 −1 −1 0 1 − 23 × Zeile 2
1 2 3 1 0 0 −Zeile 3
→ 0 −3 −6 −2 1 0 +2 × Zeile 3
1
0 0 3 3
− 23 1
1 2 0 23 2
2
3
−1 + 3 × Zeile 2
→ 0 −3 0 − 4 − 1 2
3 3
0 0 3 13 − 23 1
1 0 0 − 92 49 13
→ 0 −3 0 − 4 − 1 2 × − 1
3 3 3
0 0 3 13 − 23 1 × 13
1 0 0 − 29 49 1
3
→ 0 1 0 4 1
− 32
9 9
0 0 1 19 − 29 31
Beispiel 1.9.7
1
2
AT =
A=
3 ,
1 2 3 −1 ,
−1
40 Kapitel 1. Lineare Algebra I
1 2 3 1 4 7
A = 4 5 6 , AT = 2 5 8 .
7 8 9 3 6 9
(a) (A + B)T = AT + B T .
(c) (AT )T = A.
(d) (AB)T = B T AT .
(e) Mit A ist auch AT invertierbar und es gilt (AT )−1 = (A−1 )T .
also
r
X
(AB)T = (cji ) = ( ajk bki ).
k=1
also (AB)T = B T AT .
(e) Es gilt nach (d)
1.10 Determinanten
In §1.4 haben wir bereits Determinanten von 2 × 2- und 3 × 3-Matrizen
betrachtet. Wir wollen nun die Definition der Determinante einer n × n-
Matrix geben.
1.10 Determinanten 41
Definition Es sei A eine n×n-Matrix. Die Matrix Aij entstehe aus A durch
Streichen der i-ten Zeile und j-ten Spalte von A, d.h.
a11 · · · a1,j−1 a1,j+1 · · · a1n
a1j
.. .. .. .. ..
. . . . .
ai−1,1 · · · ai−1,j−1 ai−1,j ai−1,j+1 · · · ai−1,n
Aij = ai1 · · · ai,j−1 aij ai,j+1 · · · ain
ai+1,1 · · · ai+1,j−1 ai+1,j ai+1,j+1 · · · ai+1,n
. .. .. .. ..
.. . . . .
an1 · · · an,j−1 anj an,j+1 · · · ann
lautet
det A = 2 + 0 + (−6) − (−4) − 1 − 0 = −1.
Warnung Die Regel von Sarrus funktioniert nur für 3 × 3-Matrizen, nicht
für größere Matrizen!
ist:
−1 1 2 −1 1 2
det A = − 1 1 0 − 0 2 −1 = 0 − 3 = −3.
−1 0 1 −1 0 1
(a) Ist B die Matrix, die durch Multiplikation einer Zeile (oder Spalte)
von A mit einer Konstanten λ entsteht, so ist det B = λ det A.
(b) Es seien ~a1 , . . . , a~n die Zeilenvektoren von A und ~b ∈ Rn (als
Zeilenvektor aufgefasst). Dann gilt
~a1 ~a1
~a1
.. .. ..
.
.
.
det ~ak + ~b = det ~ak + det ~b .
.. . ..
..
. .
~an ~an ~an
(a) Ist B die Matrix, die aus A durch Vertauschung zweier Zeilen
(oder Spalten) entsteht, so ist det B = − det A.
(b) Kommt in A eine Zeile (oder Spalte) doppelt vor, so gilt det A = 0.
4. Symmetrie
det AT = det A.
5. Für λ ∈ R gilt
det(λA) = λn det A.
und
n
X
det A = (−1)k+j akj det Akj (Entwicklung nach der k-ten Zeile).
j=1
44 Kapitel 1. Lineare Algebra I
Dann gilt det A = 6 6= 0. Nach Satz 1.10.3(b) sind ~a1 , ~a2 , ~a3 linear un-
abhängig. Es gilt Spann(~a1 , ~a2 , ~a3 ) = R3 , denn für jeden Vektor ~b ∈ R3 hat
nach Satz 1.10.3(a) das lineare Gleichungssystem
eine Lösung.
Kapitel 2
Lineare Algebra II
Das Bild f (~x) ist wieder ein Vektor. Wir bezeichnen die Komponenten dieses
Vektors mit f1 (~x) und f2 (~x). Es gilt
f1 (~x) f1 (x, y) −x
= = .
f2 (~x) f2 (x, y) y
Dies können wir auch so ausdrücken:
f1 (x, y) −1 0 x
= .
f2 (x, y) 0 1 y
1
Statt f (~x) = f ((x1 , . . . , xn )) schreiben wir auch f (x1 , . . . , xn ).
45
46 Kapitel 2. Lineare Algebra II
6 f (~x)
~x
θ *
ϕ
- x
Dann gilt
x r cos ϕ
~x = =
y r sin ϕ
und
f1 (x, y) r cos(ϕ + θ)
f (~x) = = .
f2 (x, y) r sin(ϕ + θ)
Durch Anwendung der Additionstheoreme von sin und cos ergibt sich hieraus
f1 (x, y) = r cos ϕ cos θ − r sin ϕ sin θ
f2 (x, y) = r cos ϕ sin θ + r sin ϕ cos θ,
und schließlich
f1 (x, y) = (cos θ)x − (sin θ)y
f2 (x, y) = (sin θ)x + (cos θ)y.
In Matrizenschreibweise lautet dies
f1 (x, y) cos θ − sin θ x
= .
f2 (x, y) sin θ cos θ y
Beispiel 2.1.3 Nun betrachten wir auch Abbildungen des Raumes. Es sei
f : R3 → R3 eine Drehung um die x-Achse um den Winkel θ. Wie im vorigen
Beispiel leitet man her, dass diese Abbildung durch die folgende Vorschrift
gegeben wird:
f1 (x, y, z) 1 0 0 x
f2 (x, y, z) = 0 cos θ − sin θ y .
f3 (x, y, z) 0 sin θ cos θ z
2.2 Eigenwerte und Eigenvektoren 47
Beispiel 2.1.4 Die Beispiele von Abbildungen der Ebene und des Raumes
sind Spezialfälle der folgenden Konstruktion. Einer m × n-Matrix
a11 a12 · · · a1n
a21 a22 · · · a2n
A = ..
.. ... ..
. . .
am1 am2 · · · amn
A~x = λ~x.
Jeder Vektor ~x 6= ~0, der diese Gleichung erfüllt, heißt Eigenvektor von A zum
Eigenwert λ.
Warnung Wichtig ist, dass ~x 6= ~0 gefordert wird. Denn für den Nullvektor
gilt A~0 = λ~0 für jedes λ ∈ R!
48 Kapitel 2. Lineare Algebra II
Dann ist 1 ein Eigenwert von A und der Vektor (1, 0, 0)T ∈ R3 ein Eigenvektor
von A zum Eigenwert 1.
Wie berechnet man nun die Eigenwerte und Eigenvektoren einer Matrix?
Dazu betrachten wir das lineare Gleichungssystem
A~x = λ~x
⇔ (A − λE)~x = ~0.
Ein Eigenwert von A ist eine Zahl λ ∈ R, für die dieses Gleichungssystem
eine nicht triviale Lösung besitzt. Nach Satz 1.10.3 ist dies genau dann der
Fall, wenn
det(A − λE) = 0.
Diesen Ausdruck fassen wir als eine Gleichung für unsere Unbekannte λ auf.
Dieser Ausdruck ist ein Polynom in λ.
gilt:
a−λ b
det(A − λE) =
c d−λ
= (a − λ)(d − λ) − bc
= λ2 − (a + d)λ + ad − bc.
det(A − λE) = 0
heißt die charakteristische Gleichung von A und das Polynom (in der Varia-
blen λ)
PA (λ) := det(A − λE)
heißt das charakteristische Polynom von A.
2.2 Eigenwerte und Eigenvektoren 49
(A − αE)~x = ~0.
Definition Der Unterraum V (α) von Rn heißt der Eigenraum von A zum
Eigenwert α. Die Dimension dim V (α) heißt die geometrische Vielfachheit
des Eigenwertes α.
Nullstellen:
a+d 1p
λ1,2 = ± (a + d)2 − 4(ad − bc).
2 2
2. Schritt: Für λi ( i = 1, 2) ist das Gleichungssystem
a − λi b x 0
=
c d − λi y 0
zu lösen.
(a) λ1 6= λ2 ,
2.3 Koordinatentransformation
Definition Es sei f : Rn → Rm eine lineare Abbildung und (~e1 , . . . , ~en ) die
Standardbasis von Rn . Es sei
A := f (~e1 ) · · · f (~en )
die Matrix, deren Spalten aus den Bildern der Standardbasisvektoren beste-
hen. Man nennt A die Abbildungsmatrix von f bezüglich der Standardbasis.
xn
= A~x.
Satz 2.3.2 Eine lineare Abbildung f : Rn → Rm ist bereits durch die Bilder
der Vektoren einer Basis vollständig festgelegt.
Man kann Abbildungen hintereinanderausführen:
(a) Ist f invertierbar, so ist auch f −1 linear und A−1 ist die Abbildungs-
matrix von f −1 .
AT A = E (also AT = A−1 ).
(c) Eine Basis (~b1 , . . . , ~bn ) heißt orthogonal, wenn die Basisvektoren ~bi paar-
weise orthogonal sind, d.h. wenn
~bi · b~j = 0 für alle i 6= j.
Die Basis heißt orthonormal, wenn sie orthogonal ist und alle Basisvek-
toren Einheitsvektoren sind, d.h.
~bi · b~j = 0 für alle i 6= j und |~bi | = 1.
Beispiel 2.3.1 Die Standardbasis (~e1 , . . . , ~en ) des Rn ist eine Orthonormal-
basis.
det A = ±1.
C = B −1 AB.
Beweis. Es gilt:
C = (A~b1 )B ··· (A~bn )B
= B −1 A~b1 · · · B −1 A~bn (Transformationsformel)
= B −1 A ~b1 · · · ~bn
= B −1 AB.
Die Abbildungsmatrix von C von s bezüglich der Basis B sieht also wie folgt
aus:
−1 0 0
C = 0 1 0 .
0 0 1
Es gilt det C = −1. Die Matrix C hat den Eigenwert λ = −1 mit zugehörigem
Eigenvektor ~a, denn es gilt C~a = −~a und ~a 6= ~0. Außerdem hat C den
Eigenwert λ = 1 und alle ~b ∈ E mit ~b 6= ~0 sind Eigenvektoren zu λ = 1.
Kapitel 3
Funktionen
55
56 Kapitel 3. Funktionen
a0 := 1,
an := a · a · · · · · a (n Faktoren), n ≥ 1.
a0 + a1 x + a2 x 2 + · · · + an x n
mit ai ∈ R. Der Buchstabe x ist hier nur ein Symbol, eine Unbestimmte. Die
ai bezeichnet man als die Koeffizienten des Polynoms. Ist an 6= 0, so heißt n
der Grad des Polynoms a0 + a1 x + · · · + an xn .
Polynome kann man addieren und multiplizieren:
(a0 + a1 x + · · · + an xn ) + (b0 + b1 x + · · · + bm xm )
= (a0 + b0 ) + (a1 + b1 )x + · · · ,
(a0 + a1 x + · · · + an xn ) · (b0 + b1 x + · · · + bm xm )
= a0 b0 + (a1 b0 + a0 b1 )x + (a2 b0 + a1 b1 + a0 b2 )x2 + · · ·
= c0 + c1 x + · · · + cn+m xn+m ,
Jedes Polynom
a0 + a1 x + · · · + an x n
liefert nun eine Funktion f : R → R durch
α ∈ R 7→ f (α) = a0 + a1 α + · · · + an αn ∈ R.
a0 + a1 x + · · · + an x n = b 0 + b 1 x + · · · + b n x n ⇔ ak = b k (0 ≤ k ≤ n).
Satz 3.1.3 Ist α ∈ R Nullstelle des Polynoms f (x), dann gibt es ein Poly-
nom g(x), so dass
f (x) = (x − α) · g(x).
Beweis. Durch Ausmultiplizieren sieht man
f (x) = a0 + a1 x + · · · + an xn − (a0 + a1 α + · · · + an αn )
= a1 (x − α) + a2 (x2 − α2 ) + · · · + an (xn − αn ).
Satz 3.1.4 Ein Polynom vom Grad n hat höchstens n verschiedene Nullstel-
len.
p(x) an x n + · · · + a1 x + a0
f (x) := = (an 6= 0, bm 6= 0)
q(x) bm x m + · · · + b1 x + b0
p(x) r(x)
= h(x) +
q(x) q(x)
mit einem Polynom h(x) (dem ganzen Anteil der rationalen Funktion) und
einem Restpolynom r(x) mit r(x) = 0 oder Grad r(x) < Grad q(x).
Beweis und Rechenverfahren (Polynomdivision mit Rest)
(1) Setze
an n−m
p1 (x) := p(x) − x q(x).
bm
Dann gilt
p(x) an n−m p1 (x)
= x +
q(x) bm q(x)
und Grad p1 (x) < Grad p(x).
(2) Ist p1 (x) = 0 oder Grad p1 (x) < Grad q(x), dann sind wir fertig. An-
dernfalls wiederhole man (1) mit
p1 (x) p(x)
anstelle von .
q(x) q(x)
Beispiel 3.1.2
−2x−3
(x3 + 2x2 + 1) : (x2 + 2) = x + 2 + x2 +2
3
x + 2x
2x2 − 2x + 1
2x2 + 4
− 2x − 3
Definition Das Polynom d(x) heißt Teiler des Polynoms p(x), wenn es ein
Polynom p0 (x) gibt mit Grad p0 (x) ≥ 1 und p(x) = d(x)p0 (x).
Ebenso wie bei normalen Brüchen ist es auch bei rationalen Funktionen
wichtig, die gemeinsamen Teiler des Zählers und des Nenners zu kürzen.
60 Kapitel 3. Funktionen
D := {x ∈ R | q(x) 6= 0}.
a0 , a1 , a2 , a3 , . . . .
Definition Unter einer Folge reeller Zahlen versteht man eine auf N =
{0, 1, 2, . . .} erklärte reellwertige Funktion, d.h.
n ∈ N 7→ an ∈ R.
Bemerkung 3.2.1 Es spielt im Prinzip keine Rolle, mit welchem Index man
beginnt. Es sei n0 ∈ Z. Dann bezeichnet man (an )n≥n0 oder
Beispiel 3.2.1 (1) Es sei an := 1 für alle n ∈ N. Man erhält die konstante
Folge 1, 1, 1, . . ..
(2) an := n1 , (n ≥ 1): 1, 12 , 13 , 14 , . . ..
(3) an := a0 + nd (n ≥ 0, d ∈ R): a0 , a0 + d, a0 + 2d, . . .
(arithmetische Folge)
Zahlenbeispiel: a0 = 1, d = 2: 1, 3, 5, 7, . . ..
3.2 Folgen und Reihen 61
(4) an := a0 q n (n ≥ 0, q 6= 0 fest): a0 , a0 q, a0 q 2 , . . .
(geometrische Folge)
Zahlenbeispiel: a0 = 1, q = 2: 1, 2, 4, 8, 16, . . ..
(5)
4n2 + 2n + 1
an := .
3n3 + 6
(6) Durch
a0 = 2,
1 2
an+1 = an +
2 an
Definition Eine Folge (an )n∈N konvergiert gegen den Grenzwert a (in Zei-
chen limn→∞ an = a oder an → a (für n → ∞)), wenn gilt:
Zu jeder beliebig kleinen vorgegebenen Schranke ε > 0 gibt es einen Index
n0 , so dass für alle n ≥ n0 gilt:
|an − a| < ε.
(a − ε, a + ε) := {x ∈ R | |x − a| < ε}
Definition Eine Folge heißt konvergent, wenn sie einen Grenzwert besitzt,
andernfalls divergent. Jede gegen 0 konvergierende Folge heißt Nullfolge.
Definition Man sagt, eine Folge (an )n∈N divergiert gegen den uneigentli-
chen Grenzwert ∞ (oder strebt gegen ∞) (in Zeichen limn→∞ an = ∞ oder
an → ∞ (für n → ∞)), wenn die Folgenglieder an in positiver Richtung über
62 Kapitel 3. Funktionen
alle Schranken wachsen, d.h. wenn es zu jedem noch so großen K einen Index
n0 gibt, so dass für alle n ≥ n0 gilt:
an > K.
Definition Eine Folge komplexer Zahlen ist eine auf N erklärte komplex-
wertige Funktion
n ∈ N 7→ cn ∈ C.
Eine Folge (cn )n∈N komplexer Zahlen ist genau dann konvergent, wenn die
beiden Folgen (Re(cn ))n∈N und (Im(cn ))n∈N konvergieren. Im Falle der Kon-
vergenz gilt
lim cn = lim Re(cn ) + i lim Im(cn ).
n→∞ n→∞ n→∞
(1)
lim an = 1.
n→∞
(2)
1
lim = 0.
n→∞ n
(3)
∞ für d > 0,
lim (a0 + nd) = a0 für d = 0,
n→∞
−∞ für d < 0.
Bevor wir die anderen Beispiele untersuchen, notieren wir einige einfache
Sätze und Rechenregeln.
Beispiel 3.2.1(5):
4
4n2 + 2n + 1 n
+ n22 + 1
n3
lim = lim = 0.
n→∞ 3n3 + 6 n→∞ 3 + n63
Satz 3.2.3 Es sei limn→∞ an = a, limn→∞ bn = b und an ≤ bn für fast alle
n. Dann gilt a ≤ b.
an ≤ b n ≤ c n .
Warnung Die Umkehrung dieses Satzes gilt nicht, siehe Beispiel 3.2.1 (4)
q = −1.
0, 9̄ = 0, 99999999999999999999 . . . ,
ist monoton wachsend und nach oben beschränkt, konvergiert also nach
Satz 3.2.6. Der Dezimalbruch bezeichnet gerade den Grenzwert dieser Folge.
In unserem Beispiel ist das die Zahl 1. Also stellt der unendliche periodische
Dezimalbruch 0, 9̄ die Zahl 1 dar.
√
r
1 2 2
an+1 = an + ≥ an · = 2.
2 an an
√
Somit ist 2 eine untere Schranke der Folge (an )n∈N . Also gilt
√
an ≥ 2
⇒ a2n ≥ 2
2
⇒ ≤ an
an
1 2
⇒ an+1 = an + ≤ an
2 an
Also ist die Folge (an )n∈N monoton fallend und nach unten beschränkt, also
konvergent nach√Satz 3.2.6. Es sei a = limn→∞ an . Wir berechnen a.
Es gilt an ≥ 2 > 0 für alle n ∈ N, also folgt aus Satz 3.2.3 a > 0. Nach
Satz 3.2.2 gilt somit
1 2 1 2
a = lim an+1 = lim an + = a+ .
n→∞ n→∞ 2 an 2 a
√ √
Daraus folgt aber a = 2. Es gilt√also limn→∞ an = 2. Damit haben wir
ein Iterationsverfahren gefunden, 2 approximativ zu berechnen.
1
Wir haben hier zur Deutlichkeit die Kommas zwischen den Folgengliedern durch
Strichpunkte ersetzt.
3.2 Folgen und Reihen 65
Reihen
Wenn man eine Folge gegeben hat, so kann man auch versuchen, eine ”Sum-
me”
a0 + a1 + a2 + · · ·
zu bilden. Wir wollen nun erklären, was wir darunter verstehen wollen. Zunächst
kann man die ”Partialsummen”
s n = a0 + a1 + · · · + an
betrachten. Konvergiert die Folge der Partialsummen (sn )n∈N , so kann man
den Grenzwert als die ”unendliche Summe”
a0 + a1 + a2 + · · ·
betrachten.
sn := a0 + a1 + · · · + an (Partialsumme)
wird eine Folge (sn )n∈N definiert, die Reihe genannt wird und mit ∞
P
k=0 ak
(bzw. mit a0 + a1 + a2 + . . .) bezeichnet wird.
P∞Konvergiert die Folge (sn )n∈N , soPwird ∞
ihr Grenzwert ebenfalls mit
a
k=0 k bezeichnet. Man sagt auch k=0 k konvergiert. Den Grenzwert
a
nennt man auch die Summe oder den Wert der Reihe.
Das Symbol ∞
P
k=0 ak bedeutet also
Beispiel 3.2.3 (1) Das wichtigste Beispiel einer Reihe ist die geometrische
Reihe ∞
X
qk = 1 + q + q2 + q3 + · · ·
k=0
sn = 1 + q + · · · + q n .
sn = |1 + 1 +{z· · · + 1} = n + 1.
n+1
66 Kapitel 3. Funktionen
Wir erhalten also die sehr wichtige Summenformel für die geometrische Reihe
∞
X 1
qk = für |q| < 1
k=0
1−q
Schreibe
1 1 1
= − .
k(k + 1) k k+1
Damit gilt
1 1 1 1 1 1 1
sn = 1− + − + ··· + − + −
2 2 3 n−1 n n n+1
1
= 1− .
n+1
Daher gilt
∞
X 1 1
= lim sn = lim 1 − = 1.
k=1
k(k + 1) n→∞ n→∞ n+1
Warnung Notwendig für die Konvergenz einer unendlichen Reihe ist, dass
die Glieder eine Nullfolge bilden. Das ist aber im Allgemeinen nicht hinrei-
chend, wie das Beispiel der harmonischen Reihe zeigt.
sn
0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 n
Man leitet leicht die folgenden Rechenregeln für Werte von Reihen ab.
(2) Ist ∞
P P∞
k=0 ak konvergent und c ∈ R, so ist auch k=0 c · ak konvergent
und es gilt
∞
X ∞
X
c · ak = c · ak .
k=0 k=0
Warnung Eine Summe von endlich vielen Zahlen ist unabhängig von der
Reihenfolge. Bei einer Reihe kann jedoch das Umordnen der Glieder zu selt-
samen Resultaten führen: Wir betrachten wieder die alternierende Reihe
∞
X 1
(−1)k+1 .
k=1
k
Nach dem Leibnizkriterium konvergiert diese Reihe gegen eine Zahl s. Wir
3.2 Folgen und Reihen 69
Satz 3.2.9 Jede absolut konvergente Reihe ist konvergent (im gewöhnlichen
Sinne).
Warnung Die Umkehrung ist falsch, wie das Beispiel der alternierenden
harmonischen Reihe ∞ k+1 1
P
k=1 (−1) k
zeigt.
P∞
Satz
P∞ 3.2.10 (Majorantenkriterium) Gegeben seien zwei Reihen k=0 ak ,
(b) r > 1 ⇒ ∞
P
k=0 ak divergent.
so gilt:
P∞
(a) r < 1 ⇒ k=0 ak absolut konvergent.
P∞
(b) r > 1 ⇒ k=0 ak divergent.
konvergiert absolut:
r
p
k k 1 1
|ak | = k
= → 0 für k → ∞.
k k
3.3 Grenzwerte von Funktionen 71
Nur für absolut konvergente Reihen gelten die beiden folgenden Sätze.
Satz 3.2.13
P (Cauchy-Produkt zweier Reihen) Für absolut konvergente
Reihen ∞
P∞
a
k=0 k und b
k=0 k gilt die Produktformel
∞
! ∞
! ∞ m
!
X X X X
ak bk = ak bm−k
k=0 k=0 m=0 k=0
= a0 b0 + (a1 b0 + a0 b1 ) + (a2 b0 + a1 b1 + a0 b2 ) + · · · .
P∞
SatzP 3.2.14 (Umordnungssatz) Ist die Reihe P∞ k=0 ak absolut konvergent
∞
und k=0 ak = s, dann konvergiert jede aus k=0 ak durch Umordnung der
Glieder entstandene Reihe ebenfalls gegen s.
wenn für jede Folge (xn )n∈N aus I mit xn → a und a < xn für alle n (bzw.
xn → a und xn < a für alle n) die Folge (f (xn ))n∈N gegen c konvergiert.
Die Funktion f (x) hat für x gegen a den Grenzwert c, in Zeichen
lim f (x) = c,
x→a
wenn für jede Folge (xn )n∈N aus I mit xn → ∞ (bzw. xn → −∞) die Folge
(f (xn ))n∈N gegen c konvergiert. Hierbei ist auch c ∈ {−∞, ∞} zugelassen.
Notation Andere übliche Notationen:
lim f (x) = c ⇔ f (x) → c für x → a,
x→a
lim f (x) = c ⇔ f (x) → c für x → a, a < x,
x→a+
lim f (x) = c ⇔ f (x) → c für x → a, x < a.
x→a−
72 Kapitel 3. Funktionen
(2)
1
lim+ = ∞,
x→0 x
1
lim− = −∞,
x→0 x
1 1
lim = 0 = lim .
x→∞ x x→−∞ x
(3) f (x) = sin x1 (x 6= 0) hat für x → 0 weder einen linksseitigen noch einen
rechtsseitigen Grenzwert. Dagegen gilt für g(x) = x sin x1 , (x 6= 0):
1
lim x sin = 0.
x→0 x
3.3 Grenzwerte von Funktionen 73
Dann gilt:
Diese Regeln gelten auch für a ∈ {−∞, ∞} (aber nur für c, d ∈ R!).
Anwendungen
Dann gilt
n an−1 a0
lim f (x) = lim an x 1+ + ··· +
x→∞ x→∞ an x an x n
= lim ax xn
x→∞
∞ falls an > 0,
=
−∞ falls an < 0,
p(α) 1
= lim+ ,
q1 (α) x→α (x − α)`
p(α) 1
lim− f (x) = lim− .
x→α q1 (α) x→α (x − α)`
Ferner gilt
an xn + an−1 xn−1 + · · · + a0
lim f (x) = lim
x→∞ x→∞ bm xm + bm−1 xm−1 + · · · + b0
an xn 1 + aan−1
nx
+ · · · + a0
an xn
= lim
x→∞
bm xm 1 + bbm−1
mx
+ · · · + b0
b m xm
an n−m
= lim x
x→∞ bm
Beispiel 3.3.2
x3 + 2
f (x) = .
(x + 1)(x − 1)2
Die Funktion f hat einen einfachen Pol bei x = −1 und einen doppelten Pol
bei x = 1. Es gilt
1 1
lim f (x) = lim − = −∞,
x→(−1) − 4 x→(−1) x + 1
1 1
lim + f (x) = lim + = ∞,
x→(−1) 4 x→(−1) x + 1
3 1 3 1
lim− f (x) = lim− 2
= ∞ = lim+ = lim f (x),
x→1 2 x→1 (x − 1) 2 x→1 (x − 1)2 x→1+
lim f (x) = lim f (x) = 1.
x→∞ x→−∞
3.4 Stetigkeit
Definition Es sei I ⊆ R ein Intervall, x0 ∈ I. Eine Funktion f : I → R
heißt stetig in x0 , falls limx→x0 f (x) = f (x0 ) gilt. (Ist x0 ein Randpunkt von
I, so limx→x0 f (x) = limx→x+0 f (x) oder limx→x0 f (x) = limx→x−0 f (x).)
Die Funktion f heißt stetig auf I, wenn f in jedem x0 ∈ I stetig ist.
Beispiel 3.4.1 (1) Die Größte-Ganze-Funktion f (x) = [x] ist in allen offe-
nen Intervallen (m, m + 1) mit m ∈ Z stetig und in allen m ∈ Z unstetig.
(2) f (x) = x1 ist stetig in allen Punkten x 6= 0 (in 0 nicht definiert).
(3) f (x) = |x| ist überall stetig.
lim f (x) = c
x→x0
existiert und endlich ist. Durch die Festsetzung f (x0 ) := c wird f dann zu
einer in x0 stetigen Funktion fortgesetzt.
76 Kapitel 3. Funktionen
xn −1
Beispiel 3.4.2 (4) f (x) = x−1
ist stetig nach 1 fortsetzbar:
xn − 1
lim = lim (xn−1 + xn−2 + · · · + x + 1) = n.
x→1 x − 1 x→1
1
(5) x
und sin x1 sind nicht stetig nach 0 fortsetzbar, wohl aber x sin x1 .
Aus den Grenzwertregeln (Satz 3.3.1) folgt:
Satz 3.4.3 Für jede auf einem abgeschlossenen Intervall [a, b] stetige Funk-
tion f gilt:
(a) Schrankensatz f ist auf [a, b] beschränkt, d.h. es gibt eine Schranke K
mit |f (x)| < K für alle x ∈ [a, b].
(b) Satz vom Maximum und Minimum f nimmt auf [a, b] Minimum
und Maximum an, d.h. es gibt x0 , x1 ∈ [a, b] mit f (x0 ) ≤ f (x) ≤ f (x1 ) für
alle x ∈ [a, b].
(c) Zwischenwertsatz Jeder Wert zwischen dem Minimum und dem Maxi-
mum von f wird angenommen, d.h. ist m das Minimum und M das Maxi-
mum von f auf [a, b], so gibt es für jedes c mit m ≤ c ≤ M ein x ∈ [a, b] mit
f (x) = c.
Kapitel 4
Differentiation
4.1 Differenzierbarkeit
Es sei I ⊆ R ein Intervall, f : I → R eine Funktion, x0 ∈ I. Den Ausdruck
∆f (x) f (x) − f (x0 ) f (x0 + h) − f (x0 )
:= =
∆x x − x0 h
für x ∈ I, x 6= x0 , h := x − x0 , nennt man Differenzenquotient von f an der
Stelle x0 . Anschaulich gibt der Differenzenquotient die Steigung der Sekante
durch (x0 , f (x0 )) und (x, f (x)) an den Graphen von f an (siehe Abb. 4.1).
f (x0 + h) − f (x0 )
f 0 (x0 ) := lim
h→0 h
die Ableitung von f an der Stelle x0 .
f heißt differenzierbar, wenn f in jedem Punkt x ∈ I differenzierbar ist. In
diesem Fall ist f 0 (x) eine auf I definierte Funktion, die man mit f 0 bezeichnet
und auch die Ableitung von f nennt.
f (x)
f (x) − f (x0 )
f (x0 )
x − x0
x0 x
Abbildung 4.1: Steigung der Sekante von (x0 , f (x0 )) nach (x, f (x))
∆f (x) ∆y dy
lim = lim = ,
x→x0 ∆x x→x0 ∆x dx
Geometrische Deutung
Anschaulich gibt f 0 (x0 ) die Steigung der Tangente an den Graphen von f im
Punkt (x0 , f (x0 )) an. Die Gleichung der Tangente an den Graphen y = f (x)
in (x0 , f (x0 )) lautet also:
Analytische Deutung
f (x) − g(x)
lim = 0.
x→x0 x − x0
4.1 Differenzierbarkeit 79
Also ist die beste lineare Approximation von f nahe x0 die Funktion
Es gilt also
r(x − x0 )
f (x) = f 0 (x0 )(x − x0 ) + f (x0 ) + r(x − x0 ) mit lim = 0.
x→x0 x − x0
Physikalische Deutung
Betrachte die geradlinige Bewegung eines Massenpunktes. Es sei
x = t Zeit
f (x) = s(t) zum Zeitpunkt t zurückgelegte Strecke
(Ohne Einschränkung s(0) = 0).
Dann ist
∆s
∆t
die Durchschnittsgeschwindigkeit im Zeitintervall (t0 , t) (oder (t, t0 )) und
· s(t) − s(t0 )
v(t0 ) = s (t0 ) = lim
t→t0 t − t0
die (momentane) Geschwindigkeit zum Zeitpunkt t0 .
Warnung Die Umkehrung von Satz 4.1.1 gilt nicht! Z.B. ist f (x) = |x| in
0 stetig, aber nicht differenzierbar.
80 Kapitel 4. Differentiation
4.2 Rechenregeln
Satz 4.2.1 (Differentiationsregeln) Es seien f, g : I → R in x0 differen-
zierbar. Dann gilt:
d
f (g(x0 )) = f 0 (g(x0 ))g 0 (x0 )
dx
4.3 Umkehrfunktionen
Definition Eine Funktion f : D → R (D ⊆ R) heißt
(b) streng monoton wachsend (bzw. streng monoton fallend), wenn für alle
x1 , x2 ∈ D mit x1 < x2 die strikte Ungleichung f (x1 ) < f (x2 ) (bzw.
f (x1 ) > f (x2 )) gilt.
Beispiel 4.3.1 f (x) = x2 ist auf (−∞, 0] streng monoton fallend und auf
[0, ∞) streng monoton wachsend.
f −1 : f (D) −→ D
y ∈ f (D) 7−→ eindeutig bestimmte Zahl x ∈ D mit f (x) = y
d.h.
f −1 (y) = x ⇔ y = f (x).
Besitzt f über D eine Umkehrfunktion f −1 : f (D) → D, dann gilt
Beispiel 4.3.2 (a) Für a 6= 0 ist f (x) = ax + b über ganz R umkehrbar mit
Umkehrfunktion
1
f −1 (y) = (y − b), y ∈ R.
a
2
(b) f (x) = x ist nicht über ganz R umkehrbar, wohl aber über R+ = [0, ∞)
√ √
mit f −1 (y) = y und über R− = (−∞, 0] mit f −1 = − y.
Ist f : D → R umkehrbar mit Umkehrfunktion f −1 : f (D) → R, so
erhält man den Graphen von f −1 aus dem Graphen von f durch Spiegelung
an der Geraden y = x. Denn bei dieser Spiegelung geht ein Punkt mit den
Koordinaten (x, y) über in einen Punkt mit den Koordinaten (y, x), also aus
(x, f (x)) wird (f (x), x) = (y, f −1 (y)).
82 Kapitel 4. Differentiation
Satz 4.3.1 Jede streng monoton wachsende oder streng monoton fallende
Funktion f : D → R ist umkehrbar.
Satz 4.3.2 Es sei f eine über einem Intervall I ⊆ R umkehrbare und diffe-
renzierbare Funktion. Dann ist die Umkehrfunktion f −1 : f (I) → R in allen
x0 ∈ f (I) mit f 0 (f −1 (x0 )) 6= 0 differenzierbar und es gilt
1
(f −1 )0 (x0 ) =
f 0 (f −1 (x 0 ))
1
Beispiel 4.3.4 Für die Ableitung von x = y n gilt nach Satz 4.3.2:
dx 1 1 1 1 1 −1
= dy = n−1
= n−1 = yn .
dy nx n
1
dx n yn
d α
(x ) = αxα−1 (x > 0)
dx
Höhere Ableitungen
Es sei f : I → R, I ⊆ R Intervall, eine differenzierbare Funktion. Die Ablei-
tung der Ableitung f 0 von f bezeichnen wir, falls sie existiert, mit f 00 . Andere
Bezeichnungen:
d2
00 d d
f (x) = f (x) = 2 f (x).
dx dx dx
Allgemeiner:
Extremwertberechnung
Definition Es sei D ⊆ R, f : D → R eine Funktion.
Man sagt, f hat in x0 ∈ D ein globales (oder absolutes) Maximum, wenn
f (x) ≤ f (x0 ) für alle x ∈ D gilt.
Man sagt, f hat in x0 ∈ D ein lokales (oder relatives) Maximum, wenn es
ein offenes Intervall I mit Mittelpunkt x0 gibt, so dass f (x) ≤ f (x0 ) für alle
x ∈ I ∩ D gilt.
x0 heißt globale oder lokale Maximumstelle, f (x0 ) das globale oder lokale
Maximum.
Entsprechend sind globales oder lokales Minimum, globale oder lokale
Minimumstelle definiert. Ein Maximum oder Minimum heißt auch ein Extre-
mum (oder ein Extremwert).
Beispiel 4.4.1 Wir betrachten die Aufgabe, die Extremwerte der Funktion
f (x) = x3 − x auf dem Intervall [−1, 2]
zu bestimmen. Es gilt
f 0 (x) = 3x2 − 1,
q q
die kritischen Punkte sind also 13 und − 13 . Beide Punkte liegen in (−1, 2),
also haben wir als Kandidaten für mögliche Extremstellen
4.4 Extremwerte und Mittelwertsatz 85
q q
(1) − 13 , 13 ,
(2) −1, 2.
Es gilt
r r
r r
1 1 2 1 2 1
f (− )= , f( )=− , f (−1) = 0, f (2) = 6.
3 3 3 3 3 3
q q
2
Also nimmt f das Minimum − 3 3 in 13 und das Maximum 6 in 2 an.
1
Die Exponentialfunktion
In §3.2 hatten wir gesehen, dass die Reihe
∞
X xk
k=0
k!
Definition (Exponentialfunktion)
∞
x
X xk x n
e := exp(x) := = lim 1+ (e-Funktion)
k=0
k! n→∞ n
ex+y = ex ey (x, y ∈ R)
e−x = e1x (x ∈ R)
d x
e = ex (x ∈ R)
dx
lim ex = ∞, lim ex = 0
x→∞ x→−∞
Eigenschaften von ln
(1) ln(ex ) = x für alle x ∈ R, eln x = x für alle x > 0.
(2) ln 1 = 0,
ln x < 0, falls 0 < x < 1,
ln x > 0, falls x > 1.
x
ln xy = ln x + ln y, ln = ln x − ln y (x, y > 0)
y
(4) Ableitung: Die ln-Funktion ist auf ihrem Definitionsbereich (0, ∞) dif-
ferenzierbar und es gilt:
1
ln0 x = (x > 0)
x
lim ln x = ∞, lim ln x = −∞
x→∞ x→0+
Allgemeine Potenz
Es sei a > 0, x = ln a. Es gilt für r ∈ Q
x=ln a
(ex )r = erx ⇒ ar = er ln a .
(2) ln(ax ) = x ln a.
d x
(3) dx
a = ax ln a.
Damit ist nun auch die Potenzfunktion f (x) = xα = eα ln x (x > 0) für alle
α ∈ R definiert. Es gilt
d α
x = αxα−1 (x > 0)
dx
Allgemeiner Logarithmus
Die Exponentialfunktion f (x) = ax = ex ln a zu einer Basis a > 0 ist über R
umkehrbar: Für y ∈ f (R) = (0, ∞) gilt:
ln y
y = ex ln a ⇔ x = .
ln a
Definition (Allgemeiner Logarithmus zur Basis a) Für a > 0 und x ∈
(0, ∞) ist der Logarithmus zur Basis a definiert durch
ln x
loga x = , x ∈ (0, ∞)
ln a
Rechenregeln
(1) loga xy = loga x + loga y.
(2) log0a x = 1
x ln a
.
Kreisfunktionen
Die Funktionen sin und cos haben wir schon eingeführt.
1
sin
cos
−2π − 3π
2
−π − π2 π
2
π 3π
2
2π
−1
(4)
1 π
tan0 x = (x 6
= + kπ, k ∈ Z),
(cos x)2 2
1
cot0 x = − 6 kπ, k ∈ Z)
(x =
(sin x)2
Arcusfunktionen
Wir betrachten nun die Umkehrfunktionen der Kreisfunktionen. Sie sind
nicht global umkehrbar, aber über gewissen Teilintervallen, auf denen sie
streng monoton sind.
sin arcsin
Definition (Arcuscosinus) Die Funktion cos ist auf dem Intervall [0, π]
streng monoton fallend. Umkehrfunktion:
arccos : [−1, 1] → [0, π]
y = arccos x ⇔ sin y = x und 0 ≤ y ≤ π.
92 Kapitel 4. Differentiation
cos arccos
Definition (Arcuscotangens) Die Funktion cot ist auf dem Intervall (0, π)
streng monoton fallend. Umkehrfunktion:
arccot : R → (0, π)
y = arccot x ⇔ cot y = x und 0 < y < π.
Der Graph ist in Abbildung 4.5 dargestellt. Ableitung:
1
arccot0 x = − für x ∈ R.
1 + x2
4.5 Elementare Funktionen 93
tan
arctan
cot
arccot
Hyperbelfunktionen
Definition Für alle x ∈ R definiere
ex − e−x
sinh x := (”sinus hyperbolicus”)
2
ex + e−x
cosh x := (”cosinus hyperbolicus”)
2
Bemerkung 4.5.1 Aus der Eulerschen Formel eix = cos x + i sin x folgt
eix − e−ix
sin x = ,
2i
eix + e−ix
cos x = .
2
94 Kapitel 4. Differentiation
cosh
sinh
x
Rechenregeln
(1) sinh(−x) = − sinh x, cosh(−x) = cosh x.
Umkehrfunktionen
f 0 (x)
(b) limx→b− g 0 (x)
existiert (∞, −∞ zugelassen).
Dann gilt
f (x) f 0 (x)
lim− = lim− 0
x→b g(x) x→b g (x)
Kurzgefasst: Ist
f (x) 0 ∞
lim− von der Form bzw. ,
x→b g(x) 0 ∞
so ist
f (x) f 0 (x)
lim− = lim− 0 , falls der letzte Grenzwert existiert.
x→b g(x) x→b g (x)
0 ∞
Ist der letzte Grenzwert wieder von der Form 0
oder ∞
, so ist die Regel
erneut anzuwenden.
Beispiel 4.6.1
sin x cos x
(1) lim = lim = 1.
x→0 x x→0 1
1 √
ln x x x 2
(2) lim √ = lim 1 √1 = lim 2 = lim √ = 0.
x→∞ x x→∞ 2 x
x→∞ x x→∞ x
ex ex
(3) lim = lim = ∞.
x→∞ x x→∞ 1
ex ex ex
lim n = lim = · · · = lim = ∞.
x→∞ x x→∞ nxn−1 x→∞ n!
96 Kapitel 4. Differentiation
denn es gilt
f (x∗ ) = 0 ⇔ g(x∗ ) = f (x∗ ) + x∗ = x∗ .
Jeder Fixpunkt x∗ von f ist Nullstelle der Funktion
denn es gilt
f (x∗ ) = x∗ ⇔ h(x∗ ) = f (x∗ ) − x∗ = 0.
(b) Es gibt eine Konstante 0 ≤ K < 1 mit |f 0 (x)| ≤ K für alle x ∈ [a, b].
Dann gilt:
1. Existenz. Es gibt genau einen Fixpunkt x∗ ∈ [a, b], d.h. genau ein x∗ ∈
[a, b] mit f (x∗ ) = x∗ .
2. Berechnung. Es sei x0 ∈ [a, b] ein beliebiger Startwert. Dann konvergiert
die rekursiv definierte Folge
xn+1 := f (xn ), n = 0, 1, 2, . . . ,
3,0
2,5
2,0
1,5
1,0
0,5
0,0
1,0 1,25 1,5 1,75 2,0
x
f(x)
Tangent lines
Integration
Welchen Inhalt hat diese Fläche? Man kann versuchen, den Flächeninhalt zu
bestimmen, indem man A durch Rechtecke approximiert.
Wir nehmen an, dass f auf [a, b] beschränkt und stetig bis auf höchstens
endlich viele Stellen ist (f ist stückweise stetig).
Wähle n − 1 Teilpunkte
99
100 Kapitel 5. Integration
von [a, b]. Eine solche endliche Folge von Teilpunkten nennt man eine Ein-
teilung En von [a, b]. Dadurch wird [a, b] in n Teilintervalle [xi−1 , xi ] zerlegt.
a b
x1 x2 x3 x4 x5 x6 x7
Die Riemannsche Summe hängt also von der Einteilung En und der Wahl
der Zwischenpunkte ξi ab.
Es sei nun f : [a, b] → R stetig, f (x) ≥ 0 für alle x ∈ [a, b]. Dann ist der
Flächeninhalt I(A) der Fläche A unter dem Graphen von f :
Z b
I(A) = f (x)dx.
a
Gilt f (x) ≤ 0 für alle x ∈ [a, b], dann gilt für den entsprechenden Flächeninhalt
oberhalb des Graphen
Z b Z b
I(A) = (−f )(x)dx = − f (x)dx.
a a
Vereinbarung
Z a
f (x)dx := 0,
a
Z a Z b
f (x)dx := − f (x)dx (a < b).
b a
Beispiel 5.1.1
Z b
(1) cdx = c(b − a).
a
Z b
1 a+b
(2) xdx = (b2 − a2 ) = (b − a).
a 2 2
102 Kapitel 5. Integration
Elementare Integrationsregeln
(f, g : [a, b] → R stückweise stetig)
Rb Rb Rb
(1) a [αf (x) + βg(x)]dx = α a f (x)dx + β a g(x)dx (α, β ∈ R).
Rb Rc Rb
(2) a f (x)dx = a f (x)dx + c f (x)dx (a ≤ c ≤ b).
Rb Rb
(3) f (x) ≤ g(x) für alle x ∈ [a, b] ⇒ a f (x)dx ≤ a g(x)dx.
Rb
(4) m ≤ f (x) ≤ M für alle x ∈ [a, b] ⇒ m(b − a) ≤ a f (x)dx ≤ M (b − a).
Rb Rb
(5) a
f (x)dx ≤ a
|f (x)|dx.
Spezialfall: g(x) = 1
Z b
f (x)dx = f (ξ)(b − a) mit geeignetem ξ ∈ [a, b].
a
Jede andere Stammfunktion von f hat die Form F (x) = Fa (x) + c mit
einer Konstanten c ∈ R.
Notation
b
F (x) a := [F (x)]ba := F (b) − F (a).
Rb
Berechnung von a
f (x)dx
1. Schritt: Stammfunktion F von f ermitteln (Probe: F 0 = f ).
Rb
2. Schritt: Berechne a f (x)dx = F (b) − F (a).
Beispiel 5.2.1
b
|b|
Z
1
dx = ln |b| − ln |a| = ln (0 6∈ [a, b]),
a x |a|
insbesondere
Z x
dt
ln x = (x > 0) (Integraldarstellung von ln)
1 t
5.3 Integrationsregeln
Aufgrund des Hauptsatzes lassen sich die drei Differentiationsregeln Linea-
rität, Produktregel und Kettenregel zu Regeln zur Berechnung unbestimmter
Integrale übertragen.
104 Kapitel 5. Integration
1) Linearität
Z Z Z
[αf (x) + βg(x)]dx = α f (x)dx + β g(x)dx, (α, β ∈ R)
2) Partielle Integration
Es sei I ein Intervall, u, v : I → R differenzierbare Funktionen. Die Produkt-
regel besagt:
(uv)0 = u0 v + uv 0
⇒ uv istZStammfunktion von u0 v + uv 0
⇒ uv = (u0 (x)v(x) + u(x)v 0 (x))dx
Daraus folgt
Z Z
0
u (x)v(x)dx = u(x)v(x) − u(x)v 0 (x)dx
oder
Z b Z b
0
u (x)v(x)dx = u(x)v(x) b
a − u(x)v 0 (x)dx
a a
v(x) u0 (x)
(2)
Z Z
2 2
x sin
|{z} x dx = −x cos x + 2
|{z} x cos
|{z} | {zx} dx
v(x) u0 (x) v(x) u0 (x)
Z
2
= −x cos x + 2x sin x − 2 sin xdx
(3)
Z Z Z
x
ln xdx = 1 dx = x ln x −
ln x |{z} dx = x ln x − x + c.
|{z} x
v(x) u0 (x)
5.3 Integrationsregeln 105
(4)
Z π Z π
2 2
2
cos xdx = | {zx} cos
cos | {zx} dx
0 0
v(x) u0 (x)
Z π
π 2
= [cos x sin x]0 − (− sin x) sin xdx
2
0
Z π Z π
2 2
2
= sin xdx = (1 − cos2 x)dx
0 0
Z π Z π
2 2
= dx − cos2 xdx.
0 0
Was haben wir damit gewonnen? Auflösen nach dem gesuchten Integral liefert
Z π
2 π
cos2 xdx = .
0 4
3) Substitutionsregel
Die Kettenregel besagt
d
F (g(x)) = F 0 (g(x))g 0 (x).
dx
Mit F 0 = f folgt daraus
Z
f (g(x))g 0 (x)dx = F (g(x)) + c
Z b Z g(b)
0
⇒ f (g(x))g (x)dx = F (g(b)) − F (g(a)) = f (t)dt.
a g(a)
Beispiel 5.3.2
Z b
(ln x)2 1
(1) dx Substitution: ln x = t, dx = dt
a x x
Z ln b ln b
1 1 1
= t dt = t3
2
= (ln b)3 − (ln a)3 .
ln a 3 ln a 3 3
Z b
(2) (px + q)n dx Substitution: px + q = t, pdx = dt
a
pb+q pb+q
1 tn+1
Z
1
= tn dt = .
p pa+q p n+1 pa+q
Z b
1
(3) sin(kx + ϕ)dx Substitution: kx + ϕ = t, dx = dt(k 6= 0)
a k
Z kb+ϕ kb+ϕ
1 1
= sin tdt = − cos t .
k ka+ϕ k ka+ϕ
Daraus leitet man die Orthogonalitätsrelationen von sin und cos ab: Für ganze
Zahlen m, n ≥ 0 gilt
Z 2π 0 falls m = n = 0,
sin mx sin nxdx = 0 falls m 6= n,
0
π falls m = n 6= 0.
Z 2π 2π falls m = n = 0,
cos mx cos nxdx = 0 falls m 6= n,
0
π falls m = n 6= 0.
Z 2π
sin mx cos nxdx = 0.
0
5.4 Uneigentliche Integrale 107
Rβ
2. Version: Berechnung von α
f (x)dx
Rβ
1. Schritt: Umbenennung x = t, dx = dt, α f (t)dt.
2. Schritt: Substitution t = g(x), dt = g 0 (x)dx mit einer geeigneten um-
kehrbaren Funktion g.
R g−1 (β)
3. Schritt: Berechnung des Integrals g−1 (α) f (g(x))g 0 (x)dx.
Beispiel 5.3.3
β β
ex et
Z Z
1
(1) dx = dt (Substitution: t = ln x, dt = dx)
α e2x + 1 2t
α e +1 x
Z eβ Z eβ
x 1 1 β
= 2
dx = 2
dx = arctan x|eeα .
eα x + 1 x eα x + 1
Z 1 √
(2) 1 − x2 dx = (Fläche eines Viertelkreises mit Radius 1)
0
Z 1 √
= 1 − t2 dt Substitution: t = sin x, dt = cos xdx
0
Z arcsin 1 p Z π
2 π
= 2
1 − sin x cos xdx = cos2 xdx = .
arcsin 0 0 4
Z 1 Z 1
dx dt 1
(3) = (Substitution: t = tan x, dt = dx)
0 (1 + x2 )2 2
0 (1 + t )
2 cos2 x
Z π/4 Z π/4
dx
= 2 = cos2 xdx
2
sin x
0 cos2 x 1 + cos 0
2x
π/4
1 π 1
= (x + sin x cos x) = + .
2 0 8 4
(a) Integranden, die in der Umgebung eines Punktes nicht beschränkt sind,
Man sagt, ein uneigentliches Integral konvergiert (bzw. divergiert), wenn der
zugehörige Grenzwert existiert und endlich ist (bzw. nicht existiert oder ∞
ist).
Z 1
dx 1 1
= lim −1
0 xα c→0+ α − 1 cα−1
∞, falls α > 1 (divergiert),
= 1
− α−1 , falls α < 1 (konvergiert).
5.4 Uneigentliche Integrale 109
Beispiel 5.4.2
Z ∞ Z 1 Z ∞
sin x sin x sin x
dx = dx + dx
0 x 0 x 1 x
R1
Das Integral 0 sinx x dx ist eigentlich, da sinx x durch den Wert 1 stetig nach 0
fortgesetzt werden kann. Mit partieller Integration folgt:
Z c c Z c
1 1 cos x
sin xdx = − cos x − dx.
1 x x 1 1 x2
Es gilt
c
1
lim − cos x = cos 1.
c→∞ x 1
Rc x
Das Integral 1 cos
x2
dx konvergiert Rnach dem Vergleichskriterium. Also kon-
∞
vergiert das uneigentliche Integral 0 sinx x dx. Nicht berechnen, nur verraten
können wir: Z ∞
sin x π
dx = .
0 x 2
Definition Ein an beiden Grenzen uneigentliches Integral:
Z b Z c Z b
f (x)dx := f (x)dx + f (x)dx (a < c < b)
a a c
Z c Z v
= lim+ f (x)dx + lim− f (x)dx
u→a u v→b c
110 Kapitel 5. Integration
Z ∞ Z c Z ∞
f (x)dx := f (x)dx + f (x)dx (−∞ < c < ∞)
−∞ −∞ c
Z c Z v
= lim f (x)dx + lim f (x)dx
u→−∞ u v→∞ c
R1
(a) 0
e−t tx−1 dt ist uneigentlich für 0 < x < 1. Es gilt
1
e−t tx−1 ≤ tx−1 = , α := 1 − x < 1.
tα
Damit
R ∞folgt die Konvergenz aus dem Vergleichskriterium.
−t x−1
(b) 1 e t dt konvergiert ebenfalls nach dem Vergleichskriterium,
denn es gilt:
et tx−1 1
lim 2 x−1
= ∞ ⇒ t
≤ 2 für großes t.
t→∞ t t e t
Funktionalgleichung:
Γ(x + 1) = xΓ(x).
(Beweis: Partielle Integration) Es gilt
Z ∞ c
e−t dt = lim −e−t 0 = 1.
Γ(1) =
0 c→∞
Daraus folgt
5.5 Partialbruchzerlegung
Eine wichtige Methode zur Bestimmung eines Integrals über eine rationale
Funktion ist die Partialbruchzerlegung.
Wir betrachten eine rationale Funktion
p(x)
f (x) =
q(x)
mit Polynomen p(x), q(x) ohne gemeinsamen Teiler und Grad p(x) < Grad q(x).
Beispiel 5.5.1
x2 + x + 1
f (x) = .
(x − 1)3 (x − 2)
Partialbruchansatz:
x2 + x + 1 A1 A2 A3 B
3
= + 2
+ 3
+ · (x − 1)3 (x − 2)
(x − 1) (x − 2) x − 1 (x − 1) (x − 1) x−2
2 2
x + x + 1 = A1 (x − 1) (x − 2) + A2 (x − 1)(x − 2) + A3 (x − 2)
+ B(x − 1)3 .
112 Kapitel 5. Integration
Einsetzmethode:
x=1 ⇒ 3 = −A3
x=2 ⇒ 7=B
x=3 ⇒ 13 = 4A1 + 2A2 + A3 + 8B
x=0 ⇒ 1 = −2A1 + 2A2 − 2A3 − B
Koeffizientenvergleich: Aus
x2 + x + 1 = (A1 + B)x3 + (−4A1 + A2 − 3B)x2 +
+ (5A1 − 3A2 + A3 + 3B)x + (−2A1 + 2A2 − 2A3 − B)
folgt
0 = A1 + B
1 = −4A1 + A2 − 3B
1 = 5A1 − 3A2 + A3 + 3B
1 = −2A1 + 2A2 − 2A3 − B
Ergebnis:
A1 = −7, A2 = −6, A3 = −3, B = 7,
also
x2 + x + 1 7 6 3 7
= − − − + .
(x − 1)3 (x − 2) x − 1 (x − 1)2 (x − 1)3 x − 2
Die Integration einer rationalen Funktion R(x) geschieht nun in folgenden
Schritten:
1. Schritt: Polynomdivision
p(x)
R(x) = g(x) + ,
(q(x)
p(x), q(x) teilerfremd, Grad p(x) < Grad q(x).
p(x)
2. Schritt: Partialbruchzerlegung von q(x)
(falls p(x) 6≡ 0).
3. Schritt: Integration von g(x) und der Partialbrüche mittels der folgenden
Formeln:
Z
dx
= ln |x − α| + c,
x−α
Z
dx 1 1
k
= − + c (k > 1)
(x − α) k − 1 (x − α)k−1
Z
ax + b
dx = siehe Tabellen in [2].
(x + px + q)k
2
5.5 Partialbruchzerlegung 113
Beispiel 5.5.2
1
R(x) =
1 − x2
1. Schritt: entfällt.
2. Schritt:
1 A B
= + · (1 − x2 )
1 − x2 1−x 1+x
⇔ 1 = A(1 + x) + B(1 − x)
⇔ 1 = (A − B)x + (A + B)
1 1 1 1 1
= + .
1 − x2 21−x 21+x
3. Schritt: Z
1
dx = ln |x ± 1| + c.
x±1
4. Schritt:
Z Z Z
1 1 1 1
dx = dx + dx
1 − x2 2 1−x 1+x
Z Z
1 1 1
= dx − dx
2 x+1 x−1
1
= (ln |x + 1| − ln |x − 1|) + c
2
1 x+1
= ln + c.
2 x−1
Durch Substitution kann man einige Integraltypen auf das Integral über
eine rationale Funktion zurückführen:
Z.B.
1 + et
Z Z Z Z
1+x dx 2dx
dt = dx = +
1 − et (1 − x)x x 1−x
t t
= ln e − 2 ln |1 − e | + c.
Beispiel 5.5.4 Wir bezeichnen mit R(x, y) eine rationale Funktion in den
Variablen x und y. Der Ausdruck R(x, f (x)) bedeutet, das in R(x, y) die
Variable y durch f (x) ersetzt wird. Ein Integral der Form
Z r
px + q
R x, k
dx (ps − qr 6= 0)
rx + s)
t sin 2t 1 − cos t
t = 2 arctan x ⇔ tan =x⇔ t = x ⇔ = x2
2 cos 2 1 + cos t
1 − x2 2x
⇔ cos t = , sin t = ,
1 + x2 1 + x2
5.5 Partialbruchzerlegung 115
also
2x 1 − x2
Z Z
2
R(sin t, cos t)dt = R , dx.
1 + x2 1 + x2 1 + x2
Z.B.
1 + x2 2 1 + tan 2t
Z Z Z
dt 2
= dx = dx = ln +c
cos t 1 − x2 1 + x2 1 − x2 1 − tan 2t
Beispiel 5.5.6
Z √
R(t, t2 + 1)dt Substitution: t = sinh x, dt = cosh xdx
√
t2 + 1 = cosh x
Z √
R(t, t2 − 1)dt Substitution: t = cosh x, dt = sinh xdx
√
t2 − 1 = sinh x
Durch diese Substitutionen werden die Integrale auf Integrale des in Bei-
spiel 5.5.3 behandelten Typs zurückgeführt.
Z √ √
R(t, 1 − t2 )dt Substitution: t = sin x, 1 − t2 = cos x, dt = cos xdx
Durch diese Substitution erhalten wir ein Integral vom Typ wie in Bei-
spiel 5.5.5.
116 Kapitel 5. Integration
Kapitel 6
Potenzreihen
fn : I → R
gegeben; dann nennen wir die Folge (fn )n∈N eine in I erklärte Funktionenfol-
ge.
Für festes x ∈ I entsteht aus der Funktionenfolge (fn ) durch Einsetzen
von x die Zahlenfolge (fn (x)).
Beispiel 6.1.1 Es sei I = [0, 1] und fn (x) = xn . Die Funktionenfolge (fn ) ist
punktweise, aber nicht gleichmäßig konvergent gegen die Funktion f wobei
0 für 0 ≤ x < 1,
f (x) =
1 für x = 1.
117
118 Kapitel 6. Potenzreihen
0 1
Warnung Das obige Beispiel zeigt, dass die punktweise Konvergenz für die
Stetigkeit der Grenzfunktion nicht ausreicht.
Warnung Satz 6.1.2 gilt nicht für punktweise Konvergenz: Für n ≥ 2 sei
fn : [0, 1] → R definiert durch
1
fn (x) := max n − n2 · x − n
,0
1 2
0 n n
1
aber Z 1
0 dx = 0.
0
6.2 Konvergenzradius
In §3.2 haben wir Reihen studiert. Wir wollen nun Potenzreihen betrachten.
Koeffizienten: ak = 1 (k ≥ 0).
(2) Die Exponentialreihe
∞
X xk x2 x3 x4
=1+x+ + + + ....
k=0
k! 2! 3! 4!
1
Koeffizienten: ak = k!
(k ≥ 0).
Die wichtigste Frage ist zunächst, für welche
P x eine kPotenzreihe kon-
vergiert. Wir nehmen an, dass die Potenzreihe ∞ k=0 ak x für x = x1 6= 0
konvergiert. Dann bilden die Glieder eine Nullfolge, sind also insbesondere
beschränkt. Es gibt also eine Konstante C > 0, so dass für alle k ≥ 0 gilt:
ak xk1 ≤ C.
6.2 Konvergenzradius 121
Beispiel
6.2.2 (1) sup[a, b] = b, sup[a, b) = b.
1
(2) sup 1 − n | n ∈ N \ {0}} = 1.
√
(3) sup{x ∈ Q | x2 < 2} = 2.
Es ist nicht selbstverständlich, dass es unter den oberen Schranken einer
nach oben beschränkten Menge eine kleinste obere Schranke gibt. Z.B. hat
die Menge {x ∈ Q | x2 < 2} in Q keine kleinste obere Schranke. Eine der
Grundeigenschaften der reellen Zahlen ist:
Vollständigkeitsaxiom. Jede nicht leere nach oben beschränkte Menge re-
eller Zahlen besitzt ein Supremum.
Es gilt
inf S = − sup{−x | x ∈ S}.
Damit besitzt auch jede nicht leere nach unten beschränkte Menge S ⊆ R
ein Infimum.
P∞
Definition Es sei ak xk eine Potenzreihe. Setze
k=0
( ∞
)
X
M := x ∈ R ak xk konvergiert .
k=0
R = 0, 0 < R < ∞, R = ∞.
Satz P
6.2.2 (Konvergenzverhalten von Potenzreihen) Für eine Potenz-
reihe ∞ k
k=0 ak x mit dem Konvergenzradius R gilt:
R > 0 und x ∈ R mit |x| < R, d.h. x ∈ (−R, R), so ist die Rei-
(b) Ist P
he ∞ k
k=0 ak x absolut konvergent. Auf jedem
P∞abgeschlossenen Intervall
k
[−ρ, ρ] (0 < ρ < R) konvergiert die Reihe k=0 ak x gleichmäßig.
2
Untersuchung der Beispiele
1
(1) R = lim = 1.
k→∞ 1
k+1
(2) R = lim − = 1.
k→∞ k
(k + 1)2
(3) R = lim = 1.
k→∞ k2
124 Kapitel 6. Potenzreihen
∞
X
f (x) := ak xk falls |x| < R.
k=0
Man sagt, die Funktion f wird auf (−R, R) durch die Potenzreihe dargestellt.
Eine weitere wichtige Reihe ist die Binomialreihe. Wir erinnern an die
binomische Formel
n
n
X n k n(n − 1) 2
(1 + x) = x = 1 + nx + x + . . . + xn , n ∈ N.
k=0
k 2!
126 Kapitel 6. Potenzreihen
Eine Verallgemeinerung:
∞
X α α(α − 1) 2 α(α − 1)(α − 2) 3
α
(1 + x) = xk = 1 + αx + x + x + ...
k=0
k 2! 3!
α α(α − 1)(α − 2) · · · (α − k + 1)
wobei := , |x| < 1.
k k!
Spezialfälle:
(1) α = n ∈ N:
α n n(n − 1) · · · (n − k + 1)
= = =0
k k k!
für k > n, da der Zähler den Faktor (n − n) = 0 enthält. Damit erhält man
die binomische Formel.
(2) α = −1: Wegen
−1 (−1)(−1 − 1) · · · (−1 − k + 1)
= = (−1)k
k k!
ergibt sich
∞
1 X
= (−1)k xk für |x| < 1.
1 + x k=0
Die geometrische Reihe ist also ein Spezialfall der binomischen Reihe.
(3) α = 12 :
1 1
1 1 1
2 2
1 2 2 2
−1 1
= 1, = , = =− ,
0 1 2 2 2! 8
1 1
1 1 1
− 1 2 − 2 ··· 2 − k + 1
2 = 2 2
k k!
1 1 · 3 · 5 · · · (2k − 3)
= (−1)k−1 · k ·
2 k!
1 · 3 · 5 · · · (2k − 3)
= (−1)k−1 (k ≥ 2)
2 · 4 · 6 · · · (2k)
Also
√ 1 1 1 5 4
1 + x = 1 + x − x2 + x3 − x ± ... (|x| < 1).
2 8 16 128
6.3 Reihenentwicklung der elementaren Funktionen 127
(4) α = − 12 :
1 1
−2 −2 1 · 3 · 5 · · · (2k − 1)
= 1, = (−1)k (k ≥ 1)
0 k 2 · 4 · 6 · · · (2k)
1 1 3 5 35 4
√ = 1− x + x2 − x3 + x ± . . . (|x| < 1).
1+x 2 8 16 128
Übungsaufgabe 6.3.1 Ermittle daraus durch Integrieren die Potenzreihen-
darstellung von arcsin!
Lösung:
Z Z
dx 1 3 5 35 8
arcsin x = √ = (1 + x2 + x4 + x6 + x + . . .)dx
1 − x2 2 8 16 128
1 3 5 7 35
= x + x3 + x 5 + x + x9 + . . .
6 40 112 9 · 128
Die Potenzreihen, die wir bisher betrachtet haben, sind Potenzreihen mit
dem Entwicklungspunkt 0. Allgemeiner definiert man
Beispiel 6.3.2 Die Darstellung der e-Funktion als Potenzreihe mit Entwick-
lungspunkt a folgt aus ex = ea ex−a :
∞
X ea
ex = (x − a)k , x ∈ R.
k=0
k!
128 Kapitel 6. Potenzreihen
6.4 Taylorreihen
Die Funktion f sei über (a − R, a + R) (R > 0) als Potenzreihe
∞
X
f (x) = ak (x − a)k
k=0
Setzen wir nun x = a, so erhalten wir f (n) (a) = n!an oder umgeformt
f (n) (a)
an = .
n!
Damit erhalten wir
f (k) (a)
ak = b k = (k = 0, 1, 2, . . .).
k!
Wir versuchen nun, eine beliebig oft differenzierbare Funktion f über
einem Intervall (a−R, a+R) (R > 0) als Potenzreihe darzustellen. Satz 6.4.1
besagt: Wenn eine solche Darstellung überhaupt möglich ist, dann nur in der
Form ∞
X f (k) (a)
f (x) = (x − a)k .
k=0
k!
Eine solche Reihe nennt man Taylor-Reihe zu der Funktion f um den Punkt
a (oder mit Entwicklungspunkt a). Gilt
∞
X f (k) (a)
f (x) = (x − a)k für a − R < x < a + R,
k=0
k!
6.4 Taylorreihen 129
so sagt man: f lässt sich um a als Taylor-Reihe darstellen bzw. f lässt sich
um a in eine Taylor-Reihe entwickeln.
Um zu untersuchen, unter welchen Bedingungen sich eine gegebene Funk-
tion f um einen Punkt a als Taylor-Reihe darstellen lässt, betrachten wir die
Approximation von f durch Taylor-Polynome.
bzw.
f (n+1) (ξ)
Rn+1 (x, a) = (x − a)n+1 mit ξ zwischen x und a (Lagrange)
(n + 1)!
Beweis.
Z x
f (x) = f (a) + f 0 (t)dt (Hauptsatz)
a
Z x
0
= f (a) + f (a)(x − a) + (x − t)f 00 (t)dt (Partielle Integration)
a
f 00 (a) 1 x
Z
0
= f (a) + f (a)(x − a) + (x − a) + 2
(x − t)2 f 000 (t)dt
2! 2! a
= usw.
Die Lagrangesche Form des Restglieds ergibt sich durch den Mittelwertsatz
der Integralrechnung. 2
130 Kapitel 6. Potenzreihen
0 f (n) (a)
p(x) = Tn (x, a) = f (a) + f (a)(x − a) + . . . + (x − a)n
n!
bestimmt, das f in einer Umgebung des Punktes x = a gut approximiert:
Das Restglied
Rn+1 (x, a) = f (x) − Tn (x, a)
ist der Fehler, der hierbei gemacht wird.
Durch Kenntnis des Restglieds kann man diesen Fehler abschätzen:
Beispiel 6.4.1
x2 xn eξ
ex = 1 + x + + ... + + xn+1 (a = 0).
2! n! (n + 1)!
Für |x| ≤ 1 ergibt sich die Abschätzung
xn eξ e
ex − 1 − x − . . . − = |x|n+1 ≤ |x|n+1
n! (n + 1)! (n + 1)!
(ξ zwischen 0 und x!)
Dann gilt
f (n) (ξ)
f (x) = f (a) + (x − a)n .
n!
Daraus liest man die Behauptungen des Satzes ab. 2
Es sei nun f eine auf dem offenen Intervall I ⊆ R beliebig oft differenzier-
bare Funktion, a ∈ I. Dann kann man zu f die Taylor-Reihe um a bilden:
∞
X f (k) (a)
(x − a)k .
k=0
k!
Warnung Es ist möglich, dass die Taylor-Reihe nur für für x = a konver-
giert. Es ist auch möglich, dass die Taylor-Reihe eine von f (x) verschiedene
Summe besitzt.
132 Kapitel 6. Potenzreihen
Wegen f (k) (0) = 0 für alle k ≥ 0 ist dieTaylor-Reihe von f um 0 die Nullreihe,
aber f (x) 6= 0 für x 6= 0.
Durch die Taylor-Formel erhalten wir eine notwendige und hinreichende
Bedingung dafür, dass f durch die zugehörige Taylor-Reihe dargestellt wird:
Die Taylor-Formel lautet:
Also gilt
f (x) = lim Tn (x, a) ⇔ lim Rn (x, a) = 0.
n→∞ n→∞
f (n) (ξ)
Rn (x, a) = (x − a)n
n!
mit n → ∞ gegen 0 strebt.
|f (n) (x)| ≤ AB n
Bn
gilt. (Denn dann gilt: |Rn (x, a)| ≤ A (x − a)n → 0 für n → ∞.)
n!
Frage. Wie sieht die Taylor-Reihe eines Polynoms p(x) = a0 +a1 x+. . .+an xn
aus?
6.4 Taylorreihen 133
p(n) (a)
p(x) = p(a) + p0 (a)(x − a) + . . . + (x − a)n
n!
(c) Als Summe oder Produkt von Funktionen mit bekannter Reihenent-
wicklung darstellen.
Beispiel 6.4.4
1 x
cosh x = (e + e−x )
2
x2 x3 x 2 x3
1
= 1+x+ + ... + 1 − x + − ± ...
2 2! 3! 2! 3!
x2 x4 x6
= 1+ + + + . . . (x ∈ R).
2! 4! 6!
Entsprechend
x3 x5 x7
sinh x = x + + + + ... (x ∈ R).
3! 5! 7!
Zum Abschluss wollen wir noch zwei Anwendungsbeispiele darstellen.
Grenzwertberechnungen
x3 x5 x7
sin x x−
+ − ± ...
lim = lim 3! 5! 7!
x→0 x x→0 x
x2 x4 x6
= lim 1 − + − ± . . . = 1.
x→0 3! 5! 7!
134 Kapitel 6. Potenzreihen
Integration
Wir betrachten das elliptische Integral
Z ϕ
dt
F (ϕ, k) = p (0 ≤ k 2 < 1).
0 1 − k 2 sin2 t
Der Integrand besitzt keine Stammfunktion unter den elementaren Funktio-
nen. Wir behelfen uns dadurch, dass wir das Integral näherungsweise berech-
nen. Dazu stellen wir den Integrand als Potenzreihe dar und integrieren dann
gliedweise. Mit x = −k 2 sin2 t ergibt die binomische Reihe mit α = − 12 :
1 1 3 5
p = 1 + k 2 sin2 t + k 4 sin4 t + k 6 sin6 t + . . .
1 − k 2 sin2 t 2 8 16
Z ϕ Z ϕ
5 6 ϕ 6
Z
1 2 2 3 4 4
⇒ F (ϕ, k) = ϕ + k sin tdt + k sin tdt + k sin tdt + . . .
2 0 8 0 16 0
Speziell für ϕ = π2 :
π
π 1 2 9 4 25 6
K(k) := F ,k = 1+ k + k + k + ... , |k| < 1.
2 2 4 64 256
Inhaltsverzeichnis
1 Lineare Algebra I 3
1.1 Zahlen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3
1.2 Der Vektorraum Rn . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
1.3 Das Skalarprodukt im Rn . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6
1.4 Das Vektorprodukt im R3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13
1.5 Geraden und Ebenen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16
1.6 Komplexe Zahlen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20
1.7 Lineare Gleichungssysteme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23
1.8 Basis und Dimension . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30
1.9 Matrizen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33
1.10 Determinanten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40
2 Lineare Algebra II 45
2.1 Lineare Abbildungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45
2.2 Eigenwerte und Eigenvektoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47
2.3 Koordinatentransformation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50
3 Funktionen 55
3.1 Polynome und rationale Funktionen . . . . . . . . . . . . . . . 55
3.2 Folgen und Reihen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60
3.3 Grenzwerte von Funktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71
3.4 Stetigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75
4 Differentiation 77
4.1 Differenzierbarkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77
4.2 Rechenregeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80
4.3 Umkehrfunktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81
4.4 Extremwerte und Mittelwertsatz . . . . . . . . . . . . . . . . . 83
4.5 Elementare Funktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86
4.6 Die Regel von de L’Hospital . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94
4.7 Nullstellen und Fixpunkte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96
135
136 INHALTSVERZEICHNIS
5 Integration 99
5.1 Das bestimmte Integral . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99
5.2 Der Hauptsatz der Differential- und Integralrechnung . . . . . 102
5.3 Integrationsregeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103
5.4 Uneigentliche Integrale . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107
5.5 Partialbruchzerlegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111
6 Potenzreihen 117
6.1 Gleichmäßige Konvergenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117
6.2 Konvergenzradius . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120
6.3 Reihenentwicklung der elementaren Funktionen . . . . . . . . 124
6.4 Taylorreihen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128