Prometheus – Goethe -Inhaltsangabe, Analyse und Interpretation
In den verschiedenen Schöpfungsmythen der frühen Hochkulturen gibt es unterschiedliche
Mythen, die das Werden des Menschen erklärten. Die alten Ägypter erhielten ihren ersten
Pharao, Horus, durch Isis und Osiris, die ersten Menschen wurden von Thot geschaffen. Eine
weitere Auffälligkeit der verschiedenen Schöpfungsgeschichten ist, dass sie untereinander
Parallelen aufweisen. So wird in der christlichen Version Adam aus Lehm geformt, genauso
erklärten sich auch einige nordamerikanische Indianerstämme und die Griechen das Entstehen
der Menschen. Prometheus, der nach dem griechischen Mythos die ersten Menschen schuf, ist
den meisten nur aus der Herakles-Saga bekannt, wo er von dem gleichnamigen Helden befreit
wird. Beim Lesen des Gedichtes „Prometheus“ von Goethe erhält man den Eindruck, dass der
Titan gerade dabei ist die Menschen zu erschaffen. Es wird dem Leser, oder auch Zeus erklärt,
weshalb dies geschieht.
Interessant ist auch das Entstehungsjahr des Werkes: 1774, Goethe ist zu dieser Zeit 25 Jahre alt
und ein Vertreter des Sturm und Drangs. 1774 – In diesem Jahr erscheinen die „Leiden des
Jungen Werthers“, die Grundgedanken dieser beiden Werke müssten einige Parallelen
aufweisen. Vor der Betrachtung der einzelnen Strophen sollten jedoch zunächst die
„Hauptfiguren“ des Gedichtes – Zeus und Prometheus – besser betrachtet werden. Diese beiden
griechischen Götter stellen einen Gegensatz dar. Prometheus entspringt dem alten
Göttergeschlecht, den Titanen. Zeus hingegen gehört den „neuen“ Göttern an, zwar hat
Prometheus an Zeus Seite gegen sein eigenes Geschlecht gekämpft, trotzdem bleiben beide
Gegenspieler.
So rebelliert Prometheus schon in dem ersten Vers der ersten Strophe: „Bedecke deinen Himmel,
Zeus/ Mit Wolkendunst“. Diese Aufforderung des Titanen ist sehr gewagt, wendet er sich doch
gegen den Obersten der Götter. „Bedecke“, dieses Verb spielt einerseits auf die Wolken selbst
an, andererseits aber auch auf Zeus, dessen Reich der Äther ist. Er soll sich hinter „seinen“
Wolken verstecken. Das Wort „Wolkendunst bekommt in diesem Zusammenhang eine neue
Bedeutung. Wolken bestehen aus Dunst, allerdings ist auch Dunst die Bezeichnung für etwas,
was nur zu sein scheint, aber nicht ist. Hiermit wird inhaltlich der Weg für die nächste
Aufforderung geebnet: „[…] übe eines Knaben gleich/ Der Disteln köpft/ An Eichen dich […]“
Dieser Vergleich setzt Zeus einem unreifen Kind gleich, dass man zunächst seine Kräfte proben
lässt, bevor es in Aktion treten darf. Interpretierte man diese Zeilen freier, so wird das Wort
„Dunst“ zur Metapher1 für das Verhalten Zeus. Er gibt vor stark zu sein, lässt sich aber
unüberlegt von seinem Zorn leiten. Wie ein „Knabe“ soll er seine Scheingefechte führen und
seinen Zorn an „Eichen und Bergeshöhn“ auslassen. Hier ist bezeichnend, dass Prometheus ihn
auffordert einen Baum zu zerstören, der anders als die auch in Griechenland wachsenden Oliven-
und Zitrusfruchtbäume, dem Menschen keinen Nutzen bringt. Zeus, das Oberhaupt der Götter,
soll seinen ungerechtfertigten Zorn, der dem Neid entspringt, nicht an dem, was Prometheus
geschaffen hat, auslassen. Vielmehr noch weist der Titan ihn daraufhin, „[…] Musst mir meine
Erde/ Doch lassen steh’n […]“, mit diesen Worten wird verdeutlicht, dass Zeus zwar die Gewalt
über den Himmel und seinen „Wolkendunst“ hat, nicht aber über die Erde, auf der Hütte und
Herd Prometheus stehen. Der Parallelismus „Und meine Hütte die [Zeus] nicht gebaut/ Und
meinen Herd“ zentrieren den Blick auf das Schöpfertum Prometheus, das Zeus in seine
Schranken versetzt. Der Titan wagt es ihm zu verdeutlichen, dass Zeus Macht nur in seinem
ursprünglichen Gefilde – der Luft und dem Himmel – Wirkung hat.
Schon in dieser ersten Strophe klingt eine leise Verachtung des lyrischen Ichs für Zeus mit, in
der zweiten wächst diese. Prometheus distanziert sich mit ihr von den anderen Göttern. Teilweise
könnte man sogar meinen, er verspotte sie. Diese Gefühle werden unter anderem durch die
Verwendung des Satzes „Ich kenne nichts Ärmeres/ Unter der Sonn’ als euch Götter!“ deutlich.
Das Wort „Sonn’“, das eigentlich an etwas Strahlendes, Großes, Anbetungswürdiges anzeigt,
verkleinert mit dem Zusatz „Ärmeres […] unter“ die Macht der Götter. Sie verdanken ihre
Herrlichkeit und Wesen nicht ihrer eigenen Leistung, sondern sie leben und „nähren“ sich
„kümmerlich“ von „Opfersteuern/ Und Gebetshauch“. Diese Beschreibung ist auch eine
versteckte Anspielung auf die christliche Kirche. Zum Zeitpunkt der Entstehung des Gedichtes
leben Kirche und Klerus von dem Zehnt, der hier mit „Opfersteuern“ angedeutet wird, und
weiteren Abgaben, die die Bevölkerung zu leisten hat. Der dritte Stand finanziert mit ihnen das
ausschweifende Leben der ersten beiden Stände, die selbst keine Steuern zu zahlen haben und
viele Privilegien, wie zum Beispiel das Jagdrecht, besitzen. Ähnlich verhält es im Gedicht mit
den Göttern, die durch die Opfer von „Kindern“, „Bettlern“ und „hoffnungsvollen Toren“ leben.
Die Aufzählung nennt drei Gruppen von unmündigen Personen, die sich auf die Autorität
verlassen und warten, anstatt selbstständig zu denken.
In der dritten Strophe folgt ein weiterer Anklagepunkt Prometheus. Die Götter haben ihre
Aufgabe, sich um die, die zu ihnen beten, zu kümmern, nicht erfüllt. Sie haben die Opfergaben
entgegengenommen, aber die Hilfesuchenden im Stich gelassen. Das lyrische Ich hat eine Art
Rückblende. Als Kind war es noch nicht selbstständig und unabhängig, sondern brauchte
jemanden, der es angeleitet hätte in seiner Hilflosigkeit, die wie folgt beschreiben wird: „Nicht
wußte, wo aus, wo ein“. Die natürliche Reaktion des Kindes Prometheus war, dass es sich an
reifere, ältere Autoritäten wendet. Auch in dieser Strophe findet man das Motiv der Sonne
wieder. Anders als zuvor wirkt sie nun aber durch die Augen des Kindes als strahlend, weise und
unnahbar. Doch das Besondere an diesen Versen ist, dass das lyrische Ich den Konjunktiv und
die Wendung „mein verirrtes Auge“ benutzt. Mit diesen zwei Mitteln enttarnt es die göttliche
Sonne als Schwindel. Durch diese Erkenntnis bestürzt versucht es nach Verständnis, wird aber
erneut enttäuscht, es findet „[k]ein Herz wie [seins]“.
In der darauf folgenden vierten Strophe führt Prometheus die Anklage weiter, indem er vier
Fragen stellt. Die erste spielt auf die griechische Mythologie an. „Der Titanen Übermut“ meint
die Schlacht zwischen dem alten Göttergeschlecht der Titanen und dem neuen des Zeus, wobei
die Titanen letztendlich verloren. Die zweite Frage ist ähnlich gehalten wie die erste, auch sie ist
rhetorisch gemeint und lässt sich schlicht mit „niemand“ beantworten. Interessant ist auch die
Wortwahl „Sklaverei“ im vierten Vers der Strophe. Diese Bezeichnung ist nicht nur wortwörtlich
zu nehmen. Betrachtet man das lyrische Ich, so kann durch auch eine „geistige“ Sklaverei
gemeint sein. Die Unfreiheit Prometheus spiegelt sich in den Dogmen und Zwängen wieder, die
die neue Ordnung des Zeus ihm auferlegt und ihn gefangen halten. Hier lässt sich auch eine
Parallele zu den Leiden des jungen Werthers erkennen. In dem fast zeitgleich entstandenen Werk
befindet sich der Hauptprotagonist in einer ähnlichen Situation. Aber Prometheus ist nicht so
determiniert wie Werther. Er besitzt die Kraft sich aus seinem Zustand der Hilflosigkeit und
somit Unmündigkeit zu befreien. Die folgenden zwei Fragen verdeutlichen dies. Auch sie sind
rhetorisch gestellt und lassen sich beide mit einem klaren, einfachen „Ja“ beantworten. In dem
fünften und sechsten Vers der Strophe findet man erneut das Wort „glühen“ vor, auch dieses
Motiv aus der ersten Strophe wiederholt sich. Die „Glut“ symbolisiert hier nun eine ideelle des
Herzens. Dadurch, dass Zeus als Autorität und höhere Instanz seine Pflicht Prometheus
beizustehen nicht erfüllt hat, schwindet auch die Anerkennung des lyrischen Ichs für den
obersten Gott. Es ist von ihm „betrogen“ worden.
Die fünfte Strophe nimmt einen besonderen Stellenwert ein. Hier kündigt Prometheus –
stellvertretend für die Vertreter des Sturm und Drangs – den Autoritäten die Gefolgschaft auf.
Was sich in den vorhergehenden Strophen schon angedeutet hat, wird hier zusammengefasst. Die
Beziehung zwischen Zeus und Prometheus ist einseitig geworden. Die Autorität hat eigentlich
mit ihren „Untergebenen“ einen ungeschriebenen Pakt: Sie leitet und schützt die Schwächeren
und diese ehren und dienen ihr dafür. Das Achten, Verehren und Opfern ist geblieben, jedoch
kommt es nicht mehr zu einer Gegenleistung Zeus. Dadurch sieht sie Prometheus nicht mehr
verpflichtet noch zu dienen, er sagt sich los. Diese Einseitigkeit wurde schon im vorhergehenden
Text erwähnt. Im 18. Jahrhundert leben Adel und Klerus auf Kosten des dritten Standes, sie
selbst als der zweite und erste Stand aber vernachlässigen ihre Aufgaben.
In der fünften Strophe erkennt Prometheus, dass es Instanzen gibt, die höher sind als Zeus. Als
Metapher, für weitere Faktoren, die das Leben des lyrischen Ichs formen werden die
„allmächtige Zeit“ und das „ewige Schicksal“ genannt. Die Attribute „allmächtig“ und „ewig“
werden meist dem christlichen Gott beigefügt. Goethe zeigt hiermit an, dass dieser eine Gott
über den absoluten Herrschern dieser Zeit steht. Vor ihm sind alle Stände gleichberechtigt, so
wie Prometheus und Zeus vor Zeit und den Schicksalsgöttinnen, den Moiren, gleich sind, diese
beiden sind ihre „Herrn“. Der „Herr“, „Monseigneur“ oder auch „Lord“ steht im kirchlichen
Wortfeld für Gott oder Jesus Christus.
Die sechste Strophe ist als 5-Zeiler gehalten und wirft Fragen auf, die erneut an Zeus gerichtet
sind. Fasst man ihre Aussagen zusammen, so ergibt sich, dass das lyrische Ich trotz fehlender
Unterstützung, die teilweise durch „Knabenmorgen/ Blütenträume“ verdeutlicht wird, nicht
aufgegeben hat und zerbrochen ist. Es ist aus der „Wüste“, hier als Metapher für
Orientierungslosigkeit zu sehen, zurückgekommen. Die Wüste hat gegen das Leben, gegen die
Selbstbestimmung und das Schöpfertum verloren, wie in der letzten Strophe der Hymne
erkennbar wird.
Nach einer langen Anklage und Warnung Prometheus an Zeus ergibt sich ein Resultat des Prozesses, den
Prometheus durchlaufen hat. Er ist nun ein selbstständiges Individuum und wird selbst zum Schöpfer.
Dadurch ersetzt er Zeus Funktion als Autorität, indem er mit seiner Schöpfung einen neuen Pakt eingeht,
den er nach der griechischen Saga auch erfüllt hat. Er formt Menschen nach seinem Bilde. Auch hier
erscheint die Formulierung Goethe ambivalent. Menschen formen bedeutet, dass man sie lehrt
selbstständig zu werden. Außerdem spielt dieser Term ein letztes Mal auf den christlichen Gott an „[der]
Adam nach seinem Bilde [schuf] und […] ihm den Odem des Lebens [einblies]“. Auch Prometheus
Menschen gleichen ihrem Schöpfer, sie „leiden, „weinen“, „genießen“ und „freuen“ sich wie er. Sie
achten die alte Autorität nicht mehr und sind selbst frei und mündig. Er schenkt ihnen die Freiheit selbst
entscheiden zu dürfen. Er schenkt ihnen die Freiheit, die er sich erkämpfen musste. Das Werk
„Prometheus“ ist eine Hymne an die Freiheit des Einzelnen und seine Fähigkeit selbst zu entscheiden. In
dem Sinne ist es auch noch heute, nach mehr als 200 Jahren aktuell.