Diplomarbeit: Die Eigene Seele Aufgeben" Untersuchungen Der Schauspielkunstmethode Michael Tschechows
Diplomarbeit: Die Eigene Seele Aufgeben" Untersuchungen Der Schauspielkunstmethode Michael Tschechows
verfasst von
Irina Prodeus
Wien, 2015
INHALTSVERZEICHNIS
1. Einleitung 4
1.1 Die Neue Kunst der Jahrhundertwende (1900) als eine neue 6
Konstruktion des Seins
Jahrhundertwende
2.4 Der Anspruch auf das Absolute - Kunst der Moderne als 31
Ersatzreligion
3.1 Kindheit und Jugend: Die Realität als Einheit der Gegensätze 62
in der Gegenwart
6. Schlusswort 117
7. Bibliographie 120
1. Einleitung
Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Schauspieltheorie und den
Schauspieltechniken des bedeutenden russisch-US-amerikanischen
Schauspielers, Regisseurs, Theatertheoretikers und Theaterpädagogen des 20.
Jahrhunderts - Michael Tschechow (1891-1955). Sein Schauspielsystem mit
einem geistig-kontemplativen Ansatz unterscheidet sich gravierend und in
vielen Aspekten von den etablierten Schauspieltheorien des 20. Jahrhunderts.
Der signifikante Unterschied der Schauspielmethode Tschechows liegt darin,
dass sie in ihrer strikten anti-naturalistischen Haltung eine anthroposophische
Weltanschaung1 vertritt, wobei dem Künstlerischen ein übersinnlicher
Ursprung eingeräumt ist. Aufgrund dieser spirituell-philosophischen Gesinnung
entwickelte M. Tschechow eine Methodik, die Herausbildung einer
unabhängigen „schöpferischen Individualität“2 fördert. Die Entwicklung der
spezifischen psycho-physischen Fähigkeiten, die Tschechow gezielt in seinen
Schauspieltechniken entwickelte, ermöglicht dem Schauspieler, sich von
________________________________
1
Anthroposophie ist eine Geisteswissenschaft, die von Rudolph Steiner (1861-1925)
begründet wurde und die versucht, „den nur innerlich erlebbaren Geistesmenschen und die
diesem durch konsequente Bewusstseinsschulung wahrnehmbare geistige Welt rein
empirisch erforschen ohne metaphysische Spekulation und unabhängig von jeglicher
religiösen Dogmatik oder herkömmlichen Mystik.“ In: [Link]
2
,Schöpferische Individualität‘ - ist ein Begriff, den Michael Tschechow in seinem
Buch Die Kunst des Schauspielers für die Bezeichnung eines Bühnenkünstlers einführte,
der sein imaginativen Potential als Inspirationsquelle bei der Rollengestaltung einsetzt.
5
„Im alltäglichen Leben sprechen wir von uns als >>Ich<< […] Dieses eigene
>>Ich<< identifizieren wir mit unserem Leib, mit unseren Gewohnheiten,
unserem Lebensstil […] Ist das dasselbe wie das >>ICH<< eines schöpferischen
Künstlers? […] wie Sie die glückliche Minuten in Ihren Auftritten erlebt haben?
Was geschieht mit Ihrem gewöhnlichen >>Ich<<? Es verblasst, weicht in den
Hintergrund, und an seine Stelle tritt ein anderes, höheres >>ICH<<. Sie
spüren es vor allem als seelisch Kraft, eine Kraft ganz anderer Ordnung als
jene, die Ihnen aus dem Alltag bekannt ist. Sie durchdringt Ihr ganzes Wesen,
strahlt von Ihrem Innern aus in Ihre Umgebung und erfüllt die Bühne und den
Zuschauerraum. Sie stellt die Verbindung mit dem Publikum her und
vermittelt ihm Ihre künstlerischen Ideen und Erlebnisse. Sie spüren, daß diese
Kraft mit ihrem Leib zu tun hat, anders allerdings als die Kraft des
gewöhnlichen >>Ich<<“.3
________________________________
3
Čechov, Michail A., Die Kunst des Schauspielers, Stuttgart: Urachhaus 1990, S. 121.
4
Hier beziehe ich mich auf die wissenschaftlichen Beiträge, die im Rahmen der Tagung zur
<Kunstreligion> im Jahr 2009 und die zweite Tagung vom 29. März bis 1. April 2010 in der
Villa-Vigoni (Italien) stattgefunden haben. Diese wissenschaftlichen Beiträge wurden in zwei
Bänden veröffentlicht: Kunstreligion 01. Der Ursprung des Konzeptes um 1800 (2011) und
Kunstreligion 02. Die Radikalisierung des Konzeptes nach 1850 (2013).
6
1.1 Die Neue Kunst der Jahrhundertwende (1900) als neue Konstruktion
des Seins
„Es ging dabei zunächst um den konzeptuellen wie praktischen Beginn eines
kulturhistorisch weitgreifenden Umbruchs.“5
In diesem Zeitraum entstand eine große Anzahl von neuen Stilrichtungen und
Erscheinungsformen in der Literatur, der Musik, dem Theater und in der
Bildenden Kunst, die trotz aller Differenzen in den weltanschaulichen
Positionen, der theoretischen Ansätze und der praktisch orientierten
Manifesten eine Gemeinsamkeit aufwiesen – die entscheidende Ablehnung des
________________________________
5
Fiebach, Joachim, Von Graig bis Brecht. Studien zu Kunsttheorien in der ersten Hälfte des
20. Jahrhunderts, Berlin: Henschel Verlag 1975, S. 49.
7
________________________________
6
Fiebach, Joachim, Von Graig bis Brecht. Studien zu Kunsttheorien in der ersten Hälfte des
20. Jahrhunderts, Berlin: Henschel Verlag 1975, S. 50.
8
- das Streben nach eine individuelle Freiheit, die von der Doktrin der
Glorifizierung der freien und souveränen Individualität des Friedrich
Nietzsches als Leitmotiv für zahlreiche Kunstwerke übernommen
wurde.7
- ein Lebensmodell des Ästhetizismus, wo Ethik, Religiosität, Erkenntnis
und Selbstverwirklichung nur dem idealisierten Schönen nach- und
untergeordnet war.8
- die Entstehung eines subjektivistischen und psychologisierenden
Zugangs zu der Wirklichkeit, die mit der Entdeckung des Unbewussten
in der Tiefenpsychologie entstand und sich als ein Modell des
menschlichen Weltbildes in der Gesellschaft und in den Künsten im 20.
Jahrhundert verbreitete.9
- ein Modell des neuen Empfindens, Erlebens und Interpretierens des
Seins als eine fließende und veränderbare Wirklichkeit, das durch eine
Studie des Physikers Ernst Mach nicht mehr als eine konstante Realität,
sondern als eine Reihe von Impressionen und Empfindungen präsentiert
wurde. Dieses Modell wurde besonders von der Abstrakten Kunst
übernommen und als eine alternative Weltanschauung thematisiert.10
Es kündigte sich in den Künsten dieser Epoche ein anderes Phänomen an, wo
das Metaphysische zu einem leitenden Orientierungswert avancierte. Diese
bemerkenswerte Erscheinung erbte die Ideen der Romantik und propagierte
ihre Grundvorstellungen von einem metaphysischen Bewusstsein durch einen
ritualisierenden Zugang zum künstlerischen Akt sowie durch die
Verherrlichung der schöpferischen Macht des Unbewussten und der
Idealisierung der Imagination in der Wahrnehmung und in der kreativen
Tätigkeit.
________________________________
7
Vgl. Simhandl, Peter,Theatergeschichte in einem Band, Berlin: Henschel Verlag 1996,
S. 209.
8
Vgl. [Link] (Stand: 30.05.2014).
9
Vgl. Simhandl, Peter, Theatergeschichte in einem Band, Berlin: Henschel Verlag 1996,
S. 210.
10
[Link]., S. 209.
9
“It is hard to write one’s autobiography at the age of thirty-six, when life far
from over and when many of the forces which define one’s soul are just
beginning to develop and come into consciousness as germinal seeds of the
future. But if one has more or less clear consciousness of these burgeoning
________________________________
11
Vgl. Costazza, Alessandro/ Laudin, Gerard/ Meier, Albert, Vorwort, In: Meier, Albert
(Hrsg.): 2012, Kunstreligion: Ein ästhetisches Konzept der Moderne in seiner historischen
Entfaltung. 02. Die Radikalisierung des Konzeptes nach 1850, Berlin; New York: De Gruyter
2012, S. 7-9.
12
MChAT-2 (Moskauer Künstlertheater-2) ist das 1-MChAT Studio, das von Konstantin
Stanislaswki für die Erprobung seines Systems im Jahr 1912 gegründet wurde. 1-MChAT
Studio hat sich im 1922 unter dem Namen MChAT-2 als ein selbständiges Theater vom
Künstlertheater getrennt.
10
Eine zweite wichtige Stütze, die Michael Tschechow aus der Krise
herauszukommen half, war die Eröffnung seines eigenen Schauspielstudios,
welches er im Jahr 1917 in Moskau eröffnete. Mit dem Beginn seiner Tätigkeit
als Schauspiellehrer konnte er sich intensiv praktisch und theoretisch mit den
psychischen und physischen Prozessen in der Schauspielkunst
auseinandersetzen. Den Impuls für diese Tätigkeit gab ihm seine tiefe
Abneigung gegenüber dem Naturalismus und sein Bestreben, neue Wege in der
darstellenden Kunst zu beschreiten, um diese Kunstgattung unabhängig von
den anderen Medien schöpferisch gestalten zu können. Die Beschäftigung
Tschechows mit dem Schauspielsystem Stanislawski, das er von Beginn der
Systementwicklung an leidenschaftlich mit seinem Mentor – Stanislawski – im
________________________________
15
Vgl. Čechov, Michael A., Leben und Begegnungen. Autobiographische Schriften, Aus dem
Russischen von Thomas Kleinbub, Stuttgart: Urachhaus 1992, S. 50-55.
16
Durch den bedeutenden Vertreter des russischen Symbolismus Andrey Belyi (1880-1934),
der Dichter, Schriftsteller und ein glühender Anthroposoph war, kam M. Tschechow zu der
Anthroposophie.
12
________________________________
17
Anm. M. Tschechow veröffentlichte seine Abhandlung Über Stanislaswkis System in der
Zeitschrift “Horn” im Jahr 1919, bevor Stanislawski persönlich sein System ausformulierte
und veröffentlichte, was vom E. Wachtangow und Stanislawski heftig kritisiert wurde.
18
Dem Stanislawski System zufolge muss ein/e SchauspielerIn, um eine glaubhafte
Verkörperung der Figur zu erzielen, auf emotionale Ressourcen seiner persönlich-
biographischen Erinnerungen zurückgreifen.
19
Čechov., Michael A., Leben und Begegnungen. Autobiographische Schriften, Aus dem
Russischen von Thomas Kleinbub. Stuttgart: Urachhaus 1992, S. 46.
20
Čechov, Michael A., Die Kunst des Schauspielers. Moskau Ausgabe. (Hrsg. Veit, Wolfgang),
Stuttgart: Urachhaus 1990, S. 125.
13
Tschechow lehnte jeglichen Naturalismus auf der Bühne ab und nannte diese
Erscheinung als eine große „organized lie“21 (organisierte Lüge) des Theaters.
Im Inneren seiner Gedankenwelt formte sich allmählich eine Vorstellung über
sein „Ideales Theater“, wo der/die SchauspielerIn nicht mehr sein/ihr eigenes
psycho-physisches Material zu benutzen hat, sondern als ein/e freie/r
SchöpferIn in die fremden Welten seine/ihre Figuren eintauchen und komplett
andere Wesen aus sich formen kann. Durch seine Beschäftigung mit der
Anthroposophie und Hatha-Yoga entdeckte er schließlich ein mächtiges
Instrument für die Schauspielkunst – die Imagination. Ab 1922 beginnt er im
Künstlertheater-2 (MchT-2) als Theaterleiter, Schauspieler und
Schauspiellehrer seine neue Vision – ,Theater der Zukunft‘ – umzusetzen und
beschäftigte sich intensiv mit der Ausarbeitung der neuen
Schauspieltechniken. Dabei stützte er sich, wie ich oben erwähnt habe, auf
die Methoden der Anthroposophie und des Hatha-Yogas. Er experimentierte
mit der Eurythmie, die ihn als eine sichtbare und unsichtbare
Bühnenbewegung für die äußere und innere Gestaltung der Figur oder der
Szene überzeugte. In dem anthroposophischen Zugang zu der Sprache
entdeckte Tschechow eine volle Fülle von Nuancen für die darstellende Kunst,
in dem hinter jedem gesprochenen Wort oder dem Laut eine symbolische
Kraft verborgen ist.
„Es gibt keine äußerlichen Verfahren, durch die der Schauspieler die Kunst
des ausdruckvollen Sprechens erlernen kann, hat er nicht zuvor den inneren
Reichtum jedes einzelnen Lautes, jeder Silbe durchdrungen, begreift und
fühlt er nicht im Klang den beseelten Laut.“22
Mit den Techniken aus der Hatha-Yoga ergründete Michael Tschechow die
Macht der Konzentration und die Möglichkeit, die Imagination für die
Erschaffung von Emotionen, Empfindungen und besonderen ,inneren Räumen‘
________________________________
21
Chekhov, Michel, The Path of the actor, Edited by Andrei Kirillov and Bella Merlin, London:
Routedge 2005, S. 13.
22
Čechov, Michael A., Leben und Begegnungen. Autobiographische Schriften, Aus dem
Russischen von Thomas Kleinbub, Stuttgart: Urachhaus 1992, S. 85.
14
In den Jahren seiner Emigration in Europa und in den USA beschäftigte er sich
weiter mit den theoretischen Überlegungen und Ausarbeitungen seiner
Schauspieltheorie. Tschechow suchte eine Universalität in seiner Methode und
aufgrund dessen war es ihm wichtig, sein System nicht auf den Kreis seiner
SchülerInnen einzugrenzen, sondern sein Schauspielsystem für eine breitere
Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Im Mai 1945 verfasste er sein erstes
Buch O technike aktera in seiner Muttersprache. Die darauf folgende
Veröffentlichung des Buches in Englisch verzögerte sich, da Tschechows US-
amerikanischer Verlag sich weigerte, viele Verweise auf die Anthroposophie
aus politischen Gründen zu veröffentlichen. Erst nach den erzwungenen
Korrekturen erschien das Buch in der englischen Version unter dem Titel
To The Actor im Jahr 1953 in New York. Trotz aller Kritik blieb Michael
Tschechow als Person und Künstler bis zum Ende seines Lebens dem
Gedankengut der anthroposophischen Philosophie treu.
15
Nach dem Tod von Michael Tschechow wurde sein Schauspielsystem zwei
Jahrzehnte lang nur in den kleinsten KünstlerInnenkreisen von seinem
ehemaligen Kollegen – George Shdanoff23 – in Hollywood privat unterrichtet.
Erst im Jahr 1980 gründeten Beatrice Straight24 und Deirdre du Prey25 die erste
öffentliche Schauspielschule – das Michael Chekhov Studio – in New York. Eine
weitere öffentliche Wiederentdeckung des Erbes Michael Tschechows löste die
zweibändige Ausgabe Ob iskusstve aktera26 (Über die Schauspielkunst) im Jahr
1986 in Moskau aus. Darauf folgten in den 90er Jahren in Deutschland und
England weitere Veröffentlichungen der Methode Tschechows. Im 21.
Jahrhundert entstanden neben der Veröffentlichung von weiteren Reihen von
Büchern von und über Tschechow zahlreiche Schauspielschulen in den USA,
in Kanada, Australien, Russland und in Europa. Jedes Jahr finden zahlreiche
Schauspielseminare und Workshops weltweit statt, wo Tschechows Methode
als einzigartig propagiert wird.
________________________________
23
George Shdanoff (1905 - 1998) – war Schauspieler, Regisseur und ein Co-Direktor vom
Chekhov’s Theater Players in den USA . Er unterrichtete gemeinsam mit M. Tschechow
seine Methode in Actor's Lab in Hollywood und nach seinem Tod im eigenen Studio.
24
Beatrice Straight (1914 - 2001) – war US-amerikanische Schauspielerin, Oskar Preisträgerin
(1976) und langjährige Schülerin und Kollegin von M. Tschechow.
25
Deirdre du Prey – Schüler von M. Tschechow, der die von Tschechow geführten Workshops
für die Broadway Schauspieler von 1936 bis 1942 transkribierte.
26
Das Buch Tschechow Michail. Ob iskusstve aktera. Literaturnoe nasledie, (Über die Kunst
des Schauspielers. Das Literaturerbe (2 Bände) wurde im Jahr 1986 im Russischen in Moskau
veröffentlicht. Das war die erste Publikation von und über M. Tschechow, die nach seiner
Emigration (1928) in UdSSR veröffentlicht wurde.
16
Michael Tschechow als Person und als Künstler spiegelte unterschiedliche Fas-
setten seiner Epoche wider und versuchte, in seinem persönlichen Leben und
im künstlerischen Schaffen die existentielle Komplexität seiner Zeit und das
Gegensätzliche in der Kunst nicht zu trennen, sondern zu vereinen. Als eine
widersprüchliche Person und verwandlungsfähiger und flexibler Schauspieler
lebte er unterschiedliche Bewusstseinskonstrukte seiner Epoche aus: Er ver-
einte ein unbeschwerliches und oberflächliches Dasein mit einer intensivsten
Suche nach dem Spirituellen; seine wissenschaftlich und philosophisch fun-
dierte Suche nach der Wahrheit und dem Sinn des Lebens existierte neben
seinem metaphysischen Zugang und der Vergöttlichung des Theaters als eine
Art der Religion. Es waren ihm auch eine seelische Leere sowie Hysterie und
die Trunkenheits-Sucht nicht fremd, die er mit einer erschöpfenden, inten-
sivsten künstlerischen Arbeit bewältigen konnte. Michael Tschechow als Per-
son und Künstler fasziniert und inspiriert. Aus diesem Grund ist die zweite
Forschungsfrage auf Tschechow als Person und Künstler ausgerichtet. Im 3.
Kapitel dieser Arbeit versuche ich die Formung seiner Lebensanschauung, die
Entwicklungsphasen seines künstlerischen Schaffens und die Inspirationsquel-
len seiner Schauspielmethode zu ergründen.
Schließlich wird im 4. Kapitel der vorliegenden Arbeit versucht, die letzte For-
schungsfrage zu beantworten, die unmittelbar auf die Methode des Systems
von Michael Tschechows gerichtet ist und zwar aus der Perspektive des
17
Das Schauspielsystem von Michael Tschechow gewann ab den 90er Jahren des
letzten Jahrhunderts an Popularität und ist im modernen Theater des 21.
Jahrhunderts zu einer unverzichtbaren Ausbildungsmethode der modernen
SchauspielerInnen geworden. Aus diesem Grund möchte ich im 5. Kapitel mei-
ner Arbeit einige Adressen von den wichtigsten internationalen Ausbildungsin-
stitutionen zusammenstellen.
Das 19. Jahrhundert neigte sich dem Ende zu. In den europäischen Großmäch-
ten wurde - dank der erfolgreichen und expansiven Kolonialpolitik und der
weltweit vernetzten Wirtschaft – ein noch nie da gewesener Reichtum und
Lebensstandard erreicht: Entwicklung von Schul- und Gesundheitswesen, Ver-
größerung und Neugestaltung der europäischen Metropolen, Vormarsch der
Großindustrie und Elektrizität, Ausbau der Dampfschifffahrt und Eisenbahn.
Die Gesellschaft, die sich in einem fortgeschrittenen Prozess der Säkularisie-
rung befand, glaubte zukunftsfroh an die Macht der technischen Modernisie-
rung. Die institutionalisierte und einflussreich gewordene Wissenschaft liefer-
te neue Beweise für die materialistische Auslegung der Welt. Der technische
Fortschritt überzeugte mit der Geschwindigkeit und Stärke des Kraftwagens.
Die drahtlose Nachrichtenübertragung überwand Distanz und Zeit und verän-
derte die menschliche Kommunikation. Alle diese Novitäten brachten große
Veränderungen in den Alltag des Menschen und griffen in seine Wahrnehmung
ein. Auch der Mensch sollte sich ändern, anpassen und weiterentwickeln, da
er als ein vernünftiges und rationales Wesen angesehen wurde. Das Konzept,
dass der Mensch in seiner Sozialisation die vorteilhaften und nützlichen Fähig-
keiten aneignen und weiter vererben soll, entsprach der damaligen Doktrin
über die Entwicklung und den Fortschritt und kohärierte mit Charles Darwins
Beitrag zur Evolutionstheorie. Aus diesem Konzept heraus übernahmen die
Humanwissenschaften und die Medizin die Verantwortungen für das Innenle-
ben des Individuums. Die Wissenschaft begann, den Menschen physisch und
psychisch zu erforschen, um ihn bei den Sozialisierungsprozessen der
,Umformung‘ und der ,Veredelung‘ zu unterstützen.
19
Durch die rasante Entwicklung der Wissenschaft und die neuen epochalen For-
schungsergebnisse bekam die Fassade des materialistischen und rationalisti-
schen Glaubenssystems die ersten Risse. In der Medizin gelang es den Wissen-
schaftlern, in die neuen Gebiete des menschlichen Verhaltens und der Psyche
vorzudringen. Mit dem neugewonnenen Wissen wurde die herrschende
________________________________
27
URL: [Link] (Stand: 15.09.2014).
20
________________________________
28
URL: [Link] (Stand: 16.09.2014).
29
Vgl. Meyer, Henry Cord, Wandel und Widerspruch der westlichen Gesellschaft, In:
Mann, Golo (Hrsg.)(1960): Propyläen Weltgeschichte, Das zwanzigste Jahrhundert, Band 9,
Frankfurt am Main: Verlag Propyläen 1960, S. 69-70.
21
„Im Jahre 1900 riss der Schleier über den Geheimnissen unserer Welt an zwei
Stellen auf.“30
In der Biologie und Botanik wurde es durch die Untersuchung der Keimzellen
von drei Wissenschaftlern - Carl Correns, Hugo de Vries und Erich Tschermak-
Seysenegg – unabhängig voneinander ein neues Vererbungsgesetz entdeckt.
Dieses Gesetz widerlegte die Annahme der Beeinflussung der „erworbenen
Eigenschaften der Fortpflanzungsgene der Säugetiere“ 31 und somit die Auffas-
sung von den Vererbungsprozessen in der Darwinistischen Evolutionstheorie.
Die Physik nahm seit der Renaissance eine besondere Stellung in der Wissen-
schaft an. Sie wurde als eine akademische Disziplin und vor allem als „letzte
Instanz der Weltbedeutung“32 systematisch aufgebaut. Mit der Newtonschen
Mathematik und Mechanik gab dieses Fach der europäischen Zivilisation eine
detaillierte Beschreibung der Realität und vermittelte eine Gewissheit über
Grundverständnis vom Aufbau der materiellen Welt und ihrer Naturgesetze.
Doch um die Jahrhundertwende stieß die klassische Physik mit „der Beschrei-
bung des Lichts und Aufbaus der Materie“33 auf ihre Grenzen auf. Es wurde
erforderlich, die bestehenden physikalischen Erkenntnisse zu hinterfragen und
radikal neue Ideen zu entwickeln. In dieser Zeit begann sich allmählich die
,Neue Physik‘ zu formieren. Dank der neuen modernen technischen Möglich-
keiten gelang es den Wissenschaftlern, in die tieferen Strukturen der Materie
einzudringen und die Substanz der Atome und der Lichtquanten zu entdecken
und zu untersuchen.
________________________________
30
Gerlach, Walter, Einleitung, Neue Wissenschaft, In: Mann, Golo (Hrsg.)(1960):
Propyläen Weltgeschichte, Das zwanzigste Jahrhundert, Band 9, Frankfurt am Main: Verlag
Propyläen 1960, S. 461.
31
Meyer, Henry Cord, Wandel und Widerspruch der westlichen Gesellschaft, In:
Mann, Golo (Hrsg.)(1960): Propyläen Weltgeschichte, Das zwanzigste Jahrhundert, Band 9,
Frankfurt am Main: Verlag Propyläen, S. 72.
32
Pegatzky, Stefan, Das Poröse Ich, Leiblichkeit und Ästhetik von Arthur Schopenhauer bis
Thomas Mann, Würzburg: Verlag Königshausen: Neumann GmbH 2002, S. 46.
33
URL: [Link] (Stand: 08.10.2014).
22
________________________________
34
Vgl. URL: [Link] (Stand: 08.10.2014).
35
Vgl. Meyer, Henry Cord (1960), Wandel und Widerspruch der westlichen Gesellschaft,
In: Mann, Golo (Hrsg.)(1960): Propyläen Weltgeschichte, Das zwanzigste Jahrhundert,
Band 9, Frankfurt am Main: Verlag Propyläen 1960, S. 72.
36
Kandinsky, Wassily, Die gesammelten Schriften, Bern: Benteli Verlag 2008, S. 33.
23
________________________________
37
Vgl. Alvin Toffler, Future Schock, London 1970, S. 13, 19 In: Webb, James, Das Zeitalter
des Irrationalen. Politik, Kultur und Okkultismus im 20. Jahrhundert, Wiesbaden:
Marixverlag 2008, S. 35.
38
Vgl. Webb, James, Das Zeitalter des Irrationalen. Politik, Kultur und Okkultismus im 20.
Jahrhundert, Wiesbaden: Marixverlag 2008, S. 34-38.
24
den Mensch seit vielen Jahrhunderten vertraut waren: ein immaterieller Raum
der idealistischen Vorstellungen von Güte und Barmherzigkeit; ein Glaubens-
modell, wo ein Seelenheil des Individuums und eine Rettung des Kollektivs als
Lebensgrundlage gelten und ein metaphysisches (Er)Leben.39 Das waren die
Gründe, warum viele Menschen krampfhaft nach neuen Möglichkeiten, Lö-
sungen oder nach einem Ersatz für die vertrauten Glaubensätzen zu suchen
begannen.40 Es war teilweise ein unbewusstes Verlangen der Wiederherstel-
lung der zerrissenen „Einheit und Vollständigkeit der anthropologischen Kon-
stitution des Menschen.“41 Die säkularisierten menschlichen Individuen des
beginnenden 20. Jahrhunderts entschieden sich massenhaft für
Religion ist ein zivilisatorisches und kulturelles Phänomen, das in jeder Ge-
sellschaftsform präsent ist. Die christlichen Staatsreligionen Europas haben
________________________________
39
Vgl. Webb, James, Das Zeitalter des Irrationalen. Politik, Kultur und Okkultismus im 20.
Jahrhundert, Wiesbaden: Marixverlag 2008, S. 36.
40
Vgl. ebd., S. 34.
41
Siani, Alberto L., Eine Kunstreligion für Europa? Heidegger und Holderlin, In: Meier,
Albert (Hrsg.): 2012. Kunstreligion: Ein ästhetisches Konzept der Moderne in seiner histori-
schen Entfaltung. 2. Die Radikalisierung des Konzepts nach 1850, Berlin; New York: de
Gruyter 2012, S. 300.
42
Webb, James, Das Zeitalter des Irrationalen. Politik, Kultur und Okkultismus im
20. Jahrhundert, Wiesbaden: Marixverlag 2008, S. 34-35.
25
________________________________
43
Vgl. URL: [Link] (Stand: 31.10.2014).
44
[Link]: [Link] (Stand: 15.10.2014).
45
Vgl. Webb, James, Das Zeitalter des Irrationalen. Politik, Kultur und Okkultismus im 20.
Jahrhundert, Wiesbaden: Marixverlag, 2008, S. 37.
46
Vgl. ebd., S. 37-38.
47
ebd., S. 37.
48
Vgl. ebd., S. 40-43.
26
Am Ende des 19. Jahrhunderts entstand als „Pfeiler der okkulten Wiederbele-
bung“49 eine neue Theosophische Gesellschaft. Diese Organisation wurde von
den Pionieren der Neuen Mystik – Helena P. Blavatsky50 und Henry S. Olcott 51
-
im 1875 in New York gegründet, nachdem die beiden von einer Reise aus dem
Orient mit einem Paket von mystischem Wissen zurückgekehrt waren. Die Ge-
sellschaft konnte sich nach den ersten Hürden relativ schnell in der Szene
etablieren und mit den niedergelassenen Logen über die ganze Welt verbrei-
ten. Für diesen Erfolg waren zwei Hauptsäulen dieser Lehre verantwortlich:
erstens die moderne, wissenschaftliche Ausrichtung der Bewegung. Die Anhä-
nger der Theosophie waren bestrebt, okkulte Phänomene, verborgene
menschliche Kräfte und ungeklärte Naturgesetze mit den wissenschaftlichen
Methoden zu erforschen. Mit den neugewonnenen Erkenntnissen versuchten
sie, den akademischen Wissenschaften - Philosophie, Religions- und Natur-
wissenschaft - Impulse für weitere Forschungen in den sogenannten
,Grenzgebieten‘ zu geben. Zweitens lag der Erfolg an einem berechtigten,
gemeinschaftsbildenden und universalen Zugang zu der Lehre. Für Mitglieder
und Anwärter der Gesellschaft gab es keine Unterschiede von Herkunft, Glau-
be, Geschlecht oder Nationalität. Die Theosophie als neue Ersatzreligion ver-
fügte über einem soliden Glaubensgebilde und bot seinen Anhänger ein kom-
plexes Wertsystem, eine Reihe von spirituellen Praktiken und sogar einen Mes-
sias an.52 Aber auch eine Verknüpfung von sozialen Reformen mit den okkulten
Prinzipien bildete ein fortschrittliches Gedankengut der Lehre, das sich gegen
Materialismus, Rationalismus und Kapitalismus erfolgreich widersetzen ließ.53
________________________________
49
Webb, James, Das Zeitalter des Irrationalen. Politik, Kultur und Okkultismus im 20.
Jahrhundert, Wiesbaden: Marixverlag, 2008, S. 52.
50
Helena Petrovna Balvatsky (1831-1891) – war eine Okkultistin deutsch-russische Herkunft
und die Begründerin anglo-indische Theosophie.
51
Henry Steel Olcott (1832-1907) – war ein US-amerikanischer Rechtsanwalt, bekennender
Buddhist und der Gründer der modernen Theosophischen Gesellschaft.
52
Jiddu Krishnamurti (1895 - 1986) war ein indischer Philosoph, Autor, Theosoph und
spiritueller Lehrer, der von der TG als Messias stilisiert wurde und sich später davon
[Link]: [Link] 01.11.2014)
53
Vgl. URL: [Link] und Webb, James, Das
Zeitalter des Irrationalen. Politik, Kultur und Okkultismus im 20. Jahrhundert, Wiesbaden:
Marixverlag, 2008, S. 48-94.
27
Eine weitere bedeutende Bewegung der Epoche, die sich von der deutschen
Theosophischen Loge Germania im 1912 abgespalten hat, war die Anthropo-
sophische Gesellschaft. Ihr Begründer und Stifter der Anthroposophischen
Philosophie - Rudolf J.L. Steiner – erhoffte, mit der Gründung dieser gesell-
schaftlichen Institution im Jahr 1923 eine Revolution des Bewusstseins voran-
zutreiben. Rudolf Steiner sammelte seine Erfahrungen als akademischer Ge-
lehrte bei seinen langen Studien der naturwissenschaftlichen Schriften von
Johann von Goethe im Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar, später schloss
er sich der Theosophischen Gesellschaft in Deutschland an und setzte sich mit
dem philosophischen Idealismus und mit der tantrischen Magie der Ordo
Templi Orientis (OTO)-Bewegung54 auseinander. Steiners Suche nach einem
spirituellen Halt war typisch für die damalige Zeit.
Eine Verbreitung von ersatzreligiösen Denksystemen konnte man auch auf dem
politischen Parkett des beginnenden 20. Jahrhunderts feststellen. Eine Befrei-
ung „von der Furcht religiöser oder politischer Repressalien“60 der europäi-
schen Gesellschaft der Jahrhundertwende sowie die Auswirkungen des sozial-
kulturellen Wandels und ein zunehmende Kluft zwischen den armen und rei-
chen Bevölkerungsschichten begünstigten die Entstehung der ideologischen
Neuorientierungen. In Europa entstanden vor und besonders nach dem
________________________________
56
Die Waldorfpädagogik ist eine Reformpädagogik, die auf den Grundlagen der geisteswissen-
schaftlichen Auffassung der Menschenkunde von R. Steiner basiert und in Form der Waldorf
schulen seit dem 1919 in Europa und eine Grund- und Sekundärstufe (Unterstufe/
Oberstufe)anbieten. URL:[Link]
57
Die anthroposophische Medizin ist eine komplementärmedizinische Richtung, welche die
naturwissenschaftlich-akademische Medizin mit der Anthroposophie Rudolf Steiners
verbinden will und heute in etwa 80 Ländern praktiziert wird.
URL: [Link]
58
Unter biologisch-dynamischer Landwirtschaft wird Landbau, Viehzucht, Saatgutproduktion
und Landschaftspflege nach anthroposophischen Grundsätzen verstanden.
URL:[Link]
59
Eurythmie ist eine Bewegungskunst, die R. Steiner zwischen 1911 und 1925 schuf, mit der
Eurythmie eine expressionistische Kunst, eine Gebärdensprache, die dasjenige durch den
ganzen Leib als bewegte Plastik auszudrücken vermag.
URL:[Link]
60
Meyer, Henry Cord (1960), Das Zeit des Imperialismus. In: Mann, Golo (Hrsg.)(1960):
Propyläen Weltgeschichte, Das zwanzigste Jahrhundert, Band 9, Frankfurt am Main: Verlag
Propyläen 1960,S. 30.
29
„Sie sahen den Krieg als die/(28) letzte Bestätigung ihrer These, dass nicht
nur eine Veränderung der sozialen Ordnung, sondern die Veränderung der in-
nersten Natur des Menschen notwendig sei, um das Übel der etablierten Ge-
sellschaft auszumerzen.“ 62
Es war eine Art der Suche nach einem sozial orientierten Glaubensbekenntnis.
Die ökonomischen und sozial-politischen Manifeste dieser Zeit von Social Cre-
dit, Gildensozialismus und den anderen erleuchtenden politischen Bewegun-
gen wiesen teilweise einen religiösen Charakter auf und agierten oft als eine
Art der Sekten, dessen Programme neuen Glaubens-bekenntnissen ähnelten
und von den Menschen partiell eine vollkommene Unterordnung abverlang-
ten.63 Obwohl die politische Szene sich auf ,Links‘ und ,Rechts‘ aufgeteilt hat,
strebten die ideologischen Kontrahenten verdächtigt ähnliche Ziele an:
„neue Moral, neue Werte, neue Menschen“ 64.
________________________________
61
Webb, James, Das Zeitalter des Irrationalen. Politik, Kultur und Okkultismus im 20.
Jahrhundert, Wiesbaden: Marixverlag 2008, S. 53.
62
Ebd., S. 55.
63
Vgl. ebd., S. 55-57.
64
Ebd., S. 39.
30
Hiermit entstand eine neue Art der Religiosität, die der Begründer der Mas-
senpsychologie - Gustave Le Bon - treffend formulierte:
„Eine Person ist nicht nur dann religiös, wenn sie eine Gottheit verehrt,
sondern auch dann, wenn sie all ihre Geisteskräfte, ihren Willen und ihren
von ganzem Herzen kommenden fanatischen Eifer in den Dienst einer Sache
oder Person stellt, die zu Ziel und Führer ihrer Gedanken und Taten wird.”65
Die Postulierung dieser neuen Religiosität kann man durch das gesamte 20.
Jahrhundert in vielen Gesellschaften weltweit beobachten. Diese Art der Reli-
giosität manifestierte sich vor allem in Form eines ideologischen Fanatismus
auf den politischen Bühnen des vergangenen Jahrhunderts und äußerte sich
als ein Massenphänomen. Auch in den anderen Teilbereichen der Gesellschaft
formte sich diese neue Religiosität in verschiedene Subkulturen, sozial-
ökonomische Protestbewegungen oder Fanvereinigungen im Sport und in der
Kunstszene.
________________________________
65
Le Bon, Gustave, Enseignements, Paris, 1916, S. 164, zitiert nach: Webb, James, Das Zeit-
alter des Irrationalen. Politik, Kultur und Okkultismus im 20. Jahrhundert, Wiesbaden:
Marixverlag 2008, S. 38.
31
2.4 Der Anspruch auf das Absolute - Kunst der Moderne als
Ersatzreligion
Die Kunst als Kunstreligion. Diese Idee war nicht neu. Sie wurde im Jahr 1799
von einem protestantischen Theologe und Philosoph - Friedrich Ernst
Schleiermacher67- in seinem Aufsatz Reden über die Religion eingeführt. Mit
der Verwendung dieses Terminus vom Philosophen Wilhelm Friedrich Hegel68
in seinem Hauptwerk Phänomenologie des Geistes (1807) wurde dieser Begriff
________________________________
66
Vgl. Costazza, Alessandro/Laudin Gerard/Meier, Albert, Vorwort, In: Meier, Albert (Hrsg.):
2012. Kunstreligion: Ein ästhetisches Konzept der Moderne in seiner historischen
Entfaltung. 2. Die Radikalisierung des Konzepts nach 1850, Berlin; New York: de Gruyter
2012, S. 8.
67
Friedrich Ernst Schleiermacher (1768 -1834) – war ein deutscher Theologe, Philosoph,
Kirchenpolitiker und Publizist.
68
Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 - 1831) – war deutscher Philosoph und der Vertreter
des deutschen Idealismus.
32
„[…]für Werke der Schrift >>von den schönen Dichtung der Griechen bis zu
den heiligen Schriften der Christen<< (EA 47f.), aber auch für Musik und
bildende Kunst.”72
Sie unterstützen den sinnigen Menschen, sich mit dem Göttlichen und Unend-
lichen zu vereinen. Schleiermacher differenzierte drei Richtungen des Sinnes
folgenderweise:
“Die erste geht (wie bei Fichte) »nach innen zu auf das Ich selbst« (EA 165),
in die mystische Versenkung (von ›Mystizismus‹ spricht Schleiermacher wenig
später; EA 168). Die zweite dagegen geht »nach außen auf
________________________________
69
Vgl. Detering, Heinrich, Was ist Kunstreligion? Systematische und historische Bemerkungen,
In: Meier, Meier, Albert (Hrsg.): 2011. Kunstreligion: 1. Der Ursprung des Konzepts um
1800., Berlin; New York: de Gruyter 2011, S. 11.
70
Ophälders, Markus, >>eine schöne Religion zu stiften<<1 Hegels Kunstreligion als
,moralische Anstalt‘. In: Meier, Albert (Hrsg.): 2011. Kunstreligion: 1. Der Ursprung des
Konzepts um 1800., Berlin; New York: de Gruyter 2011, S. 143.
71
Detering, Heinrich, Was ist Kunstreligion? Systematische und historische Bemerkungen.
In: Meier, Meier, Albert (Hrsg.): 2011. Kunstreligion: 1. Der Ursprung des Konzepts um
1800., Berlin; New York: de Gruyter 2011, S. 14.
72
Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst, Über die Religion. Reden an die Gebildeten
Unter ihren Verächtern, Berlin 1799, S. 47. Zitiert nach: ebd., S. 22.
33
________________________________
73
Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst, Über die Religion. Reden an die Gebildeten
unter ihren Verächtern, Berlin 1799, S.165. Zitiert nach: Detering, Heinrich, Was ist Kunst-
religion? Systematische und historische Bemerkungen, In: Meier, Meier, Albert (Hrsg.):
2011. Kunstreligion: 1. Der Ursprung des Konzepts um 1800, Berlin; New York: de Gruyter
2011, S. 24.
74
Friedrich Wilhelm Joseph Ritter von Schelling (1775-1854)- war ein deutscher Philosophie,
der Hauptvertreter des deutschen Idealismus und der Begründer der Naturphilosophie.
75
Gostazza, Alessandro, Die Vergöttlichung des ästhetischen Erkenntnisses, In: Meier,
Albert (Hrsg.): 2011. Kunstreligion: [Link] Ursprung des Konzepts um 1800, Berlin; New
York: de Gruyter 2011, S. 76.
76
Ebd., S. 76
77
Vgl. ebd., S. 76.
34
Um 1900 versuchte die Welt der Bildenden Kunst, mit einer rebellischen Ent-
schlossenheit den Abschied von ihren klassischen Traditionen zu nehmen. Die
Vertreter der Neuen Kunst suchten mit großem Enthusiasmus neue Wege,
neue Bekenntnisse, neue Ausdrucksmöglichkeiten: Symbolismus, Jugendstil,
Fauvismus, Expressionismus, Futurismus, Kubismus. „Die protestierende Fri-
sche“79 überströmte ganz Europa mit neuen Ideen und Formen, und setzten
sich die Ziele an, die materialistisch-kapitalistische ,Mechanisierung‘ und die
,Vermassung‘ zu hindern und die Welt mit neuen Wahrnehmungskonzepten
radikal zu verändern. Die Malerei des Symbolismus, die sich von der geistlosen
Abbildung der Wirklichkeit des Naturalismus gewandt hat, erhob die Kunst in
einen Rang des Absoluten. Der Symbolismus als eine subjektivistisch-
ästhetizistische Kunstrichtung, deren Wurzel in der Romantik lag,
________________________________
78
Gostazza, Alessandro, Die Vergöttlichung des ästhetischen Erkenntnisses, In: Meier,
Albert (Hrsg.): 2011. Kunstreligion: [Link] Ursprung des Konzepts um 1800, Berlin; New
York: de Gruyter 2011, S. 76.
79
Rurberg, Karl, Jugend macht Tabula rasa. Das Ende der historischen Kunstfassung, In:
Walther, Ingo F. (Hrsg.): 2005. Kunst des 20. Jahrhunderts, Köln: Taschen GmbH 2005,
S.30.
35
„Das Bild wird exklusiv und unabhängig, es interpretiert nur noch sich selbst,
das heißt die subjektive Bildidee seines Schöpfers.”81
Um den Zugang zu dieser „reinen, absolut setzenden Kunst“ 82 mit einem we-
senseigenen Zeichensystem zu bekommen, war es erforderlich, über ein spezi-
fisches Kunstverständnis und über gewisse Kenntnisse in der Symboliklehre zu
verfügen. In dieser Zeit entstanden viele künstlerische Gruppen von
________________________________
80
Rurberg, Karl, Jugend macht Tabula rasa. Das Ende der historischen Kunstfassung, In:
Walther, Ingo F. (Hrsg.): 2005. Kunst des 20. Jahrhunderts, Köln: Taschen GmbH 2005,
S. 22.
81
Ebd. S. 22.
82
Ebd. S. 23.
36
„Ohne den Symbolismus und seinen Umkreis sähe die Malerei von heute
anders aus, gäbe es auch keine autonome Kunst.”84
_______________________________
83
Vgl. Rurberg, Karl, Die Kunst der Eingeweihten. Der Symbolismus und seine Folge, In:
Walther, Ingo F.(Hrsg.): 2005. Kunst des 20. Jahrhunderts, Köln: Taschen GmbH 2005,
S. 22-29.
84
Ebd. S. 22.
85
Meffre, Liliane, Wenn der Künstler zum Demiurgen wird. Der Kubismus und Bebuquin
von Carl Einstein, In: Meier, Albert (Hrsg.): 2012. Kunstreligion: Ein ästhetisches Konzept
der Moderne in seiner historischen Entfaltung. 2. Die Radikalisierung des Konzepts
nach 1850, Berlin; New York: de Gruyter 2012, S. 251.
86
Ebd. S. 251.
87
Ebd., S. 253.
37
Der Künstler des Kubismus „als Demiurg, großer Meister und Schöpfer des Sak-
ralen“88 erschuf eine neue Realität mit eigenen Gesetzen und Beziehungen
und fordert den Betrachter auf, sich von den vorgegebenen Denkmodellen zu
befreien, selbst die Rolle des Schöpfers zu übernehmen und eine neue, eigene
Welt zu kreieren.
„Wir leben zur Zeit der Umwälzung in der Richtung zu den inneren Werten.
89
Daher die abstrakte Kunst.”
Dieser Aussage fasste der Begründer der abstrakten Malerei – Wassily Kandin-
sky – auf, der das Kunstmachen als eine reine intuitive und geistige Tätigkeit
betrachtete. Die Kunst – seinen Überzeugungen nach – soll ausschließlich als
eine ,innere Notwendigkeit‘ entstehen, wobei der Künstler nicht seinen Ge-
danken, sondern seinem ,inneren Klang‘ zu folgen hat.90
________________________________
88
Meffre, Liliane, Wenn der Künstler zum Demiurgen wird. Der Kubismus und Bebuquin
von Carl Einstein, In: Meier, Albert (Hrsg.): 2012. Kunstreligion: Ein ästhetisches Konzept
der Moderne in seiner historischen Entfaltung. 2. Die Radikalisierung des Konzepts
nach 1850, Berlin; New York: de Gruyter 2012, S. 262.
89
Kandinsky, Wassily, Autobiographische Notiz, In: Roethel. K. Hans und Hahl-Koch, Jelena
(Hrsg.): 1980. Kandinsky. Die gesammelten Schriften. Band 1, Bern: Benteli Verlag 1980,
S. 65.
90
Vgl. ebd., S. 66.
38
„Die Theorie Kandinskys ist auf dem Prinzip der inneren Notwendigkeit ge-
gründet, die er für das Hauptprinzip der sämtlichen Gebiete des geistigen Le-
bens erklärt.”91
Für Wassily Kandinsky war die Kunst ein Ort der Begegnung mit dem Absolu-
ten. Er suchte in der Malerei mögliche Berührungsebenen zwischen dem
Sichtbaren und Unsichtbaren, was ihn schließlich zu einer völligen Loslösung
von den realen Formen und Gegenständen führte. Mit der reinen Manifestation
der Form und Farbe, die er in der Abstraktion gefunden hat, strebte er bei
seinen Betrachtern danach, keine gewöhnlichen, materiellen Gefühle anzu-
sprechen, sondern ,empfindsamere Schwingungen‘ auszulösen.92
„Seine Analyse der zeichnerischen und farbigen Form beruht auf der psychi-
schen Wirkung der Form auf den Menschen.“ 93
„Dabei bildet der Künstler nicht mehr die Natur ab, sondern befindet sich mit
dem Ganzen der Natur, mit der Weltseele, in direkter Verbindung. Er inter-
pretiert ihre kosmischen Gesetze und deckt sie auf, schafft dabei jedoch eine
________________________________
91
Kandinsky, Wassily, Selbstcharakteristik. Verfaßt als Beitrag zu einer russischen Enzyklopä-
die. In: Roethel. K. Hans und Hahl-Koch, Jelena (Hrsg.): 1980. Kandinsky. Die gesammelten
Schriften. Band 1, Bern: Benteli Verlag 1980, S. 61.
92
Vgl. ebd., S. 62.
93
Ebd., S. 61.
94
Vgl ebd. S. 102.
95
Vgl. Paleari, Moira, Ästhetischer Gehalt und religiöse Erfahrung bei Ernst Barlach und
Wassily Kandinsky. In: Meier, Albert(Hrsg.): 2012, Kunstreligion: Ein ästhetisches Konzept
der Moderne in seiner historischen Entfaltung. 2. Die Radikalisierung des Konzepts nach
1850, Berlin; New York: de Gruyter 2012, S. 147-148.
39
neue ›reale‹ Kunstwelt, die neben der Naturwelt existiert und in der das
96
Göttliche manifest wird.”
Die Musik war seit Jahrhunderten aufgrund ihrer besonderen Eigenschaften ein
wichtiges Medium der christlich geprägten Zivilisation.
„Unter allen Künsten gilt die Musik als diejenige Kunst, die diese
Vermittlungsfunktion am besten erfüllen kann: Sie führt zur Religion hin.”97
Die besondere Qualität und Wirkung des sakralen Gesangs als religiöses und
gesellschaftliches Bindungsglied wurde noch im frühen Christentum entdeckt.
Daher spielte das Musizieren eine bedeutende Rolle im Formungsprozess des
europäischen, christlich geprägten Bewusstseins. Mit der Entwicklung der
instrumentalen Musik, die seit der Renaissance ihren unaufhaltsamen
Siegerzug im europäischen Kulturraum zu verzeichnen hat, konnte die Musik
besonders in der Anwendung bei den religiösen Ritualen die Begrenztheit des
Sprachlichen überwinden und zur Organon des Metaphysischen emporragen.
Durch die hierarchisch organisierten Tonhöhebeziehungen in der sakralen und
später in der weltlichen Musik wurde nicht nur die christlich geprägte
Gesellschaftsordnung gepriesen, sondern das Mentale und Emotionale im
Menschen durch Rhythmus und wohlklingenden Anreihung von Tönen und
Akkorden organisiert. Die Krönung der weltlichen Tonkunst, die sich in den
________________________________
96
Paleari, Moira, Ästhetischer Gehalt und religiöse Erfahrung bei Ernst Barlach und
Wassily Kandinsky, In: Meier, Albert(Hrsg.): 2012, Kunstreligion: Ein ästhetisches Konzept
der Moderne in seiner historischen Entfaltung. 2. Die Radikalisierung des Konzepts nach
1850, Berlin; New York: de Gruyter 2012, S. 149.
97
Gauthier, Laure, Arnold Schönbergs Moses und Aron Vertiefung oder Aufhebung der
kunstreligiösen Dialektik? In: Meier, Albert (Hrsg.): 2012, Kunstreligion: Ein ästhetisches
Konzept der Moderne in seiner historischen Entfaltung. 2. Die Radikalisierung des Konzepts
nach 1850, Berlin; New York: de Gruyter 2012, S. 168.
40
Rang der Religion erheben konnte, war die musikalische Gattung - Symphonie.
Die göttliche Harmonie, der Wohlklang, die Sakralität des Rhythmus und der
Melodie konnten ihren Höhepunkt besonders in Beethovens Werken erreicht
werden.98
________________________________
98
Vgl. Gauthier, Laure, Arnold Schönbergs Moses und Aron Vertiefung oder Aufhebung der
kunstreligiösen Dialektik? In: Meier, Albert (Hrsg.): 2012, Kunstreligion: Ein ästhetisches
Konzept der Moderne in seiner historischen Entfaltung. 2. Die Radikalisierung des
Konzepts nach 1850, Berlin; New York: de Gruyter 2012, S. 167-169.
99
Ebd., S. 170.
100
Tonalität ist in der Musik ein System der Harmonik, in dem hierarchische Tonhöhen-
beziehungen gelten, die auf einen Grundton (als „Zentrum“ einer Tonleiter)
beziehungsweise eine Tonika (Zentrum einer Tonart) bezogen sind. In:
URL: [Link] (Stand: 05.11.2014)
101
Ebd., S. 170.
102
Arnold Schönberg (1874 - 1951) - war ein österreichischer Komponist, Musiktheoretiker,
Kompositionslehrer, Maler, Dichter und Erfinder. Schönberg war einer der einflussreichsten
Komponisten des frühen 20. Jahrhunderts und eine zentrale Figur in der Entwicklung hin
zur Aufgabe der Dur-Moll-Tonalität und Zwölftontechnik.
41
„Der künstlerische Akt - als irdische Schöpfung begriffen - sei ein Analog der
himmlischen Schöpfung mit dem Unterschied freilich, dass der irdische
Schöpfer, anders als Gott, >>einen beschwerlichen Weg<< zu gehen habe, d.h.
den >>langen Weg zwischen Vision und Ausführung zurücklegen<< und sich mit
dem Materiellen auseinandersetzen müsse.”105
________________________________
103
Atonale Musik oder Atonalität bezeichnet allgemein eine Musik, die auf der chromatischen
Tonleiter gründet, deren Harmonik und Melodik nicht auf ein tonales Zentrum bzw. einen
Grundton fixiert ist – im Gegensatz zur (Dur-Moll-)Tonalität oder Modalität.
In: URL: [Link] 05.11.2014)
104
Vgl. Gauthier, Laure, Arnold Schönbergs Moses und Aron Vertiefung oder Aufhebung der
kunstreligiösen Dialektik? In: Meier, Albert (Hrsg.): 2012, Kunstreligion: Ein ästhetisches
Konzept der Moderne in seiner historischen Entfaltung. 2. Die Radikalisierung des
Konzepts nach 1850, Berlin; New York: de Gruyter 2012, S. 171.
105
Schönber: Kompositionen mit zwölf Tönen (Anm. 17), S. 72, In: Ebd.,S. 171.
106
[Link].,S. 171.
42
Ab dem Beginn des 18. Jahrhunderts drängten sich einerseits die Gattungen
der Literatur – Drama, Roman und Poesie – in den öffentlichen Raum der
europäischen Gesellschaften und eroberten einen großen national-kulturellen
Stellenwert sowie prägten sie die Entwicklung sowohl des nationalen auch wie
des länderübergreifenden europäischen Denkens. Die Literatur wurde zum
Fundament der Bildung erklärt und nahm die würdige Rolle des geistigen
Aufklärers der jeweiligen Nation im nationalen Bildungssystem – in den
Schulen, im universitären Bereich und im öffentlichen Kulturleben - an.107 Die
Literatur als wichtiges Medium der öffentlichen Interaktion reflektierte nicht
nur den Zustand der Gesellschaft, sondern beteiligt sich aktiv an dem
öffentlichen Diskurs und wurde somit zu einer Antriebskraft der sozial-
politischen und religiösen Reformen erklärt. Eine besondere Ausrichtung der
Literatur an den privaten Bereich verhalf ihr nicht nur dazu, einen großen
Publikumszuspruch zu erreichen, sondern sich als ein mächtiges, kulturelles
Instrument der Aufklärung und der Säkularisierung zu positionieren, sowie
eine Machtstellung gegenüber der religiösen Institutionen zu erobern. Dank
dieser Stellung postulierte sich die Literatur im Privatraum der Leser ohne
jeglichen Widerstand, bestimmte ihre Bildung, formulierte ihre Gedanken und
Gefühle und vor allem übernahm sie die Verantwortung für die Formung des
Bewusstseins der säkularisierten Europäern. Die Lebensbereiche, wo die
Religionen noch vor kurzem ihre Kontrolle über das Seelische im Menschen
hatten, wurde von den literarischen Gattungen beherrscht: Das Drama bot
sich als ein ideelles Inszenierungsort der Ideen und des menschlichen Geistes
an, die Lyrik verband die fremden Seelen durch die Verlautbarung des Intimen
und des Subjektiven, die Poesie verführte mit tieferer Bedeutung des Seins
und der Roman bekam die gesellschaftliche Anerkennung als Erklärer der
Welt. Im 19. Jahrhundert wurde die Literatur zu einem Ort des pluralistischen
Austausches.
________________________________
107
Vgl. URL: [Link] (Stand: 13.01.2015).
43
Mit der zunehmenden Kommerzialisierung der Kultur, die als Folge der
Neuordnung des Marktes entstand, konnte auch die Literatur ein
Massenpublikum für sich entdecken. Die unterschiedlichen gesellschaftlichen
Schichten wurden durch die Entstehung von verschiedenen literarischen Stilen
und Genres bestens bedient. Der Themenbereich des Realismus und
Naturalismus war groß und facettenreich - vom akademischen Historismus bis
zu der detaillierten, präzisen Beschreibung des privaten Lebens, von der
Würdigung der bestehenden Gesellschaftsordnung bis zur Revolte gegen die
herrschende Moral und Ästhetik.108
________________________________
108
Vgl. [Link] Jahrhundert, (Stand: 13.01.2015).
109
Zetterholm, Tore/ Quennell, Peter (Hrsg.), Illustrierte Geschichte der Weltliteratur, Köln:
Naumann & Göbel 1991, S. 222.
44
Die neuen Dramatiker versuchten, den Menschen und die von ihm konstruierte
Wirklichkeit nicht mehr mimetisch abzubilden, sondern diesen Mikrokosmos in
eine künstlich erzeugte symbolische Wirklichkeit einzubetten, um die
komplexe Zusammenhänge aus einer metaphysischen Distanz zu erkennen.
Dort erschienen die vielschichtigen Strukturen der menschlichen Psyche und
die Verstrickungen seiner Lebenskonstrukten mehrdeutig, geheimnisvoll und
schwer erfassbar. Die Dramatiker suchten ihre Antworten entweder in der
modern gewordenen Psychoanalyse oder in den Tiefen der Symbole, was die
Entwicklung der neuen dramaturgischen Formen bedurfte. Dafür bot sich die
moderne Bühne als ein idealer Austragungsort an, wo Realität und Traum auf
einander prallten, sich verschmolzen und daraus eine Einheit bilden konnten.
Die Erzeugung von diesen neuen Welten diente dafür um das symbolische
Drama als ein Gegner und als eine Alternative sowohl zu dem positivistischen
Weltbild als auch zu den religiösen Ideologien zu postulieren.
„Den Symbolisten geht es um die Suche nach dem verborgenen Geheimnis und
um dessen Beschwörung durch die suggestive Kraft der künstlerischen Mittel.
________________________________
110
Simhandl, Peter, Theatergeschichte in einem Band, Berlin: Henschel Verlag 1996,
S. 209.
45
Weil man nach ihrer Auffassung durch die Anstrengung der Ratio nie zu einer
gültigen Erkenntnis gelangen kann, muß man sich tragen lassen von der
spontanen Folgen seiner Visionen.“111
Den Anspruch des symbolischen Dramas, die Bühne als ein Gegenmodell zu der
herrschenden Realität zu positionieren, kann man am Beispiel von Werken von
Hugo von Hofmannsthal oder Maurice Maeterlinck sehen, die die Bühne zu
einem ,Tempel des Traumes‘ erhoben haben.112
2.4.4. Das Theater als Ort der Schöpfung von neuen Realitäten
________________________________
111
Simhandl, Peter, Theatergeschichte in einem Band, Berlin: Henschel Verlag, 1996,
S. 213.
112
Vgl. ebd., S. 213.
46
„Die Darsteller sollten nicht spielen, sondern das eigene Leben wirklich leben.
[…] Der Schauspieler sollte nicht nur Illusion von Wirklichkeit darbieten, damit
tendenziell die schauspielerische Kunst zur Natur werden lassen. Sie sollte
Überhöhung, jede auffällige, künstlerisch bezeichnende Gestik, Mimik und
Sprachgestaltung vermeiden.”113
________________________________
113
Fiebach, Joachim, Von Graig bis Brecht. Studien zu Künstlertheorien in der ersten Hälfte
des 20. Jahrhunderts, Berlin: Henschel Verlag, 1975, S. 46.
114
Vgl. ebd., S. 40-48.
47
Einer der bedeutendsten Theaterreformer dieser Zeit war der Schweizer Büh-
nenbildner, Architekt und Theatertheoretiker Adolphe Appia115, der einen ers-
ten und umspannenden Entwurf für die Synthese aller theatralischen Darstel-
lungsmittel in seinem Hauptwerk Die Musik und die Inszenierung (1899) vorge-
legt hat. Als Wagners Verehrer war Adolphe Appia vom kunstreligiösen Kon-
zept des musikalischen Dramas seines Idols inspiriert. In seinen Bühnenskiz-
zen, theoretischen Schriften und Inszenierungen reflektierte er die künstleri-
schen Sehnsüchte seiner Epoche nach eine Postulierung der Kunst als eine
Form des autonomen Lebensraumes und der entfesselten Kreativität.
„Die Fiktion, welche eine Seele durchsättigt, feiert im Traum die intimste
Verwirklichung ihres Daseins. [...] Der Traum, dieser kostbare Zeuge, giebt
uns mehr Aufschluß über die wesentlichsten Wünsche unserer Persönlichkeit,
als es die genaueste und feinste Analyse imstande wäre. Ein geheimnisvoller
Faden durchzieht unser ganzes Schlafleben und schafft darin die verbindende
Einheit, welche in unserem wachen Leben durch Beziehung zwischen Ursache
und Wirkung vollzogen wird.“117
Andererseits erkannte Appia, dass eine irreale, schöpferische Welt des Traums
ein geeignetes Modell für eine phantasievolle theatralische Realität sein
könnte. Auf der Suche nach neuen, geeigneten theatralischen Mitteln und
Strukturen kam er zum Prinzip der Synthese. Das heißt, dass alle theatralische
Mittel - Bühnenbild, Beleuchtung, Musik, Schauspiel, Tanz - seinem Konzept
zufolge aufeinander abgestimmt sein müssen. Somit konnte man eine organi-
sche Einheit kreieren, die eine autonome, vielschichtige, symbolhafte und
kreative Wirklichkeit repräsentierte. Mit diesem Theaterkonzept gab Adolphe
Appia dem Theater wichtige Impulse, sich als ein kreatives, schöpferisches
Geschehen in Form einer vollständigen Ersatzrealität bzw. eines (Offenba-
rungs)-ortes zu stellen.
________________________________
117
Appia, Adolphe, Die Inszenierung als Schöpfung der Musik (1899), In: Brauneck, Manfred,
Theater im 20. Jahrhundert. Programmschriften, Stilperioden, Reformmodelle, Reinbek
bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuchverlag GmbH 1998, S. 44-45.
49
Infolge des Appias Prinzips der Synthese wurde eine besondere Eigenschaft
des theatralischen Raumes entdeckt und zwar als ein unmittelbarer Ort der
Schöpfung von neuen Wahrnehmungsräumen. Edward Gordon Graig – der
radikalster und einflussreicher Anreger des Theaters der Moderne – war einer
der ersten Regisseure des europäischen Theaters, der die Theaterbühne von
der üblichen Dekoration befreite und einen ,kinetischen Raum‘ voller Plastizi-
tät und Expression entdeckte. Dadurch bekam der befreite Theaterraum eine
eigene Wertigkeit, wo ein Regisseur als ein frei handelnder Demiurg die Struk-
turen und die Eigenschaften der Zeit und des Raums erforschen und sie neu
ordnen konnte und daraus eine eigenwillige Wirklichkeit zu kreieren begann.
Diese neu eröffnenden Möglichkeiten der künstlerischen Freiheit effizierten
und beeinflussten die Entstehung des Regietheaters. Dank den theoretischen
und praktischen Bemühungen von Adolphe Appia und Edward G. Graig bekam
ein Regisseur die neuen wirkungsvollen Instrumentarien für sein Schöpfertum
und zwar den Rhythmus und die Montage. Mit diesen Techniken konnte sich
eine Theaterbühne bzw. ein Theaterraum zu einem eigenständigen virtuellen
Lebensmodell organisieren, dessen komplexe Strukturen eine neue Ordnung
der Dinge und der menschlichen Beziehungen formten sowie neue Objekte,
Artefakten, Wahrnehmungsinhalte, Weltbilder und Wertigkeiten erschufen.
Alle Theaterelementen bzw. Künste inklusive das Schauspiel unterwarfen sich
dem Willen des Regisseurs und agierten als Teilelementen eines einheitlichen
Gesamtkunstwerkes. Somit etablierte sich im 20. Jahrhundert eine neue be-
deutungsvolle Theaterprofession – der Theaterregisseur, die sich als ein „geis-
tig-praktischer Hauptschöpfer“118 etablierte. Der Regisseur stellte sich de-
monstrativ gegen die Zeit und der gegebenen Wirklichkeit und bot der Gesell-
schaft eine eigene „artistische oder radikal artifizielle Realität“ 119 als einen
Kommunikationsraum an.
________________________________
118
Fiebach, Joachim, Von Graig bis Brecht. Studien zu Künstlertheorien in der ersten
Hälfte des 20. Jahrhunderts, Berlin: Henschel Verlag 1975, S. 102.
119
Ebd., S.101
50
„Glaube und die Kraft anzubeten – das ist es, was uns fehlt …. Die Kunst ist
nicht eine Tändelei, sie ist eine Kommunikation. Es ist ein erregender, ein
gewaltiger Ort, wo jeder, ob auf der Bühne oder in den Zuschauerreihen, sich
dieser Erregung hingibt – der Erregung des Glaubens.“120
Wie bei den anderen oben genannten Künsten dieser Epoche wurde auch im
Theater der Moderne die Frage nach einem sakralen Anspruch eines Vermitt-
lers gestellt. Unter den zahlreichen verschiedenartigen Experimenten, die im
Regietheater der Moderne unternommen wurden, gab es auch eine Entwick-
lung, wo die Theaterschaffenden sich unmittelbar mit den sakralen Wurzeln
des Theaters bzw. mit der Metaphysik des Theatralischen beschäftigt haben.
Beginnend mit der Suche von Adolphe Appia nach einer Annäherung des Thea-
ters mit der unbewussten Ebene des Traumes hob Edward G. Graig die Wich-
tigkeit des sakralen Charakters des Theaters hervor und suchte in dem Symbo-
lischen den Ausdruck für die metaphysischen Ebenen des Unbewussten und
der Unsichtbaren.121 Aber auch Max Reinhardt und besonders Antonin Artaud
beschäftigten sich mit der metaphysischen Ebene des Theateruniversums. Da-
bei handelte es sich nicht um irgendeine besondere Religion, sondern
Bei diesem Bestreben wurde es besonders wichtig das Rationale im neuen er-
schaffenen Theaterraum auszuschalten, um das Schöpfende und das Imaginäre
in einer zeremoniellen Art zelebrieren zu können. Eine Unterstützung bzw.
eine Inspirationsquelle dafür fanden viele Theaterschaffenden Europas dieser
Epoche im asiatischen und indischen Theater, welches EuropäerInnen um 1900
kennengelernt haben. Die Metaphysik und der Symbolismus der
________________________________
120
Graig, Gordon, Theatre Advancing. S. 42, In: Fiebach, Joachim, Von Graig bis Brecht.
Studien zu Künstlertheorien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Berlin: Henschel
Verlag 1975, S.112.
121
Vgl. ebd., S. 90.
122
Ebd., S.90.
51
„Das reicht von Edward Gordon Graig, dem Protagonisten der antinaturalisti-
schen Theaterreform, über die russischen Avantgardisten Wsewolod
Meyerhold, Sergej Eisenstein und Alexander Tairow bis zu Antonin Artaud,
dessen Vision einer neuen metaphysischen Bühnenkunst vom balinesischen
Tanztheater inspiriert war, und auch bis Bertold Brecht, der in der chinesi-
schen Schauspielkunst schon seinen Verfremdungseffekt vorgebildet sah.“123
Das Theater des Fernen Ostens konnte im Vergleich zum europäischen Theater
eine erstaunliche jahrhundertlange Stabilität in ihren theatralischen Formen
vorweisen. Die vielfältigen Erscheinungen des fernöstlichen und indischen
________________________________
123
Simhandl, Peter, Theatergeschichte in einem Band, Berlin: Henschel Verlag 1996,
S.39.
52
„Aus dem ersten Buch bezog Brahma die Rezitation, aus dem zweiten den Ge-
sang, aus dem dritten die Darstellung und aus dem vierte die Ästhetik“125
________________________________
124
Simhandl, Peter, Theatergeschichte in einem Band, Berlin: Henschel Verlag 1996, S. 40.
125
Ebd., S. 40.
126
Vgl. ebd., S. 39-54.
53
Der großer Theatermacher, der im deutschen Sprachraum das Theater mit den
technischen Neuerungen, Licht und Farbe, Schönheit und Freude zwischen den
Jahren 1901 und 1916 revolutioniert hat, begann am Anfang seiner Kariere,
mit einem Theaterkonzept als ,Welt des Scheins‘ zu experimentieren. Das
Theater bot sich um die Jahrhundertwende als eine Art des Zufluchtsortes an
und war ein organischer Ersatz für die Wirklichkeit. Folgend der Wagnerischen
Konzeption eines kunstreligiös gedachten ,Gesamtkunstwerkes‘ erschuf er mit
Unterstützung von bekannten Vertretern seiner Epoche aus der Bildenden
Kunst, Architektur, Literatur und Musik die theatralischen Gesamt-
kunstwerke.128 Die Genialität Reinhardts lag darin, dass er revolutionäre Ideen
________________________________
127
Reinhardt, Max, Über die Kunst des Theaters (1924), In: Fetting, Max Reinhardt (Anm. 1),
S.455-457, hier S. 455, In: Silhouette, Marielle, Max Reinhardts Theaterreligion, In: Meier,
Albert (Hrsg.): 2012, Kunstreligion: Ein ästhetisches Konzept der Moderne in seiner
historischen Entfaltung. 2. Die Radikalisierung des Konzepts nach 1850, Berlin; New York:
de Gruyter 2012, S. 326.
128
Vgl. Lampart, Fabian, Kunstreligion intermedial. Richard Wagners Konzept des musikali
schen Dramas und seine frühe literarische Rezeption, In: Meier, Albert (Hrsg.): 2012,
Kunstreligion: Ein ästhetisches Konzept der Moderne in seiner historischen Entfaltung. 2.
Die Radikalisierung des Konzepts nach 1850, Berlin; New York: de Gruyter 2012, S. 60.
54
„Als ein genialer Elektriker begründete er, den Gedanken von Edward Graig
folgend, das moderne Regietheater. Nach dem Vorbild von Konstantin Stanis-
lawski befreite er die Schauspieler aus den Rollenfächern in die sie bis dahin
eingezwängt waren, und verschmolz sie zu einem Ensemble. Adolphe Appias
Forderungen entsprechend, ersetzte er die gemalte Kulissenbühne durch die
Raumbühne mit Rundhorizont und Drehscheibe: von den Meiningern übernahm
er das Prinzip der Massenregie und steigerte dessen Wirkungsgrad durch mo-
numentale Vereinheitlichung.”129
Eine Theateraufführung verstand Max Reinhard als ein Mysterium, wo dank des
Vorstellungsvermögens von SchauspielerInnen und ZuschauerInnen der Boden
der Realität verlassen werden konnte und im Inneren des Menschen, in seiner
Imagination erwachten neue Welten.
________________________________
129
Simhandl, Peter, Theatergeschichte in einem Band, Berlin: Henschel Verlag 1996, S. 128.
130
Vgl. Fiebach, Joachim, Von Graig bis Brecht. Studien zu Künstlertheorien in der ersten
Hälfte des 20. Jahrhunderts, Berlin: Henschel Verlag 1975, S. 57.
131
Vgl. ebd., S. 55-57.
55
________________________________
132
Reinhardt, Max, Rede zum 25jährigen Jubiläum der Gründung der Schauspielschule des
Deutschen Theaters Berlin (1930); zitiert nach: Fetting: Max Reinhardt (Anm. 1), S. 432f.,
hier S. 433. In: Silhouette, Marielle, Max Reinhardts Theaterreligion, In: Meier, Albert
(Hrsg.): 2012, Kunstreligion: Ein ästhetisches Konzept der Moderne in seiner historischen
Entfaltung. 2. Die Radikalisierung des Konzepts nach 1850,Berlin; New York: de
Gruyter 2012, S. 326-327.
133
ebd., S. 334-335.
56
Mit der Etablierung der führenden und schöpfenden Kraft des Regisseurs im
theatralischen Prozess stellte sich die Frage nach eine Rangstellung des/der
SchauspielerIn im europäischen Theater der Moderne. Wenn noch im Theater
des Naturalismus eine Vorrangstellung der Schauspielkunst unangefochten galt
und vor allem die künstlerische Individualität134 des/der SchauspielerIn
gefeiert wurde, stellte das Regietheater andere Anforderungen an die Schau-
spielkunst und transformierte sie zu einer Art der Elementarkraft des komplex
gewordenen Universums einer Inszenierung. In der Konsolidierung der einzel-
nen Theaterelemente unter einer einheitlichen künstlerischen Vision und Kon-
zeption des Regisseurs mussten der/die SchauspielerIn nicht nur die Aufgaben
eines semiotischen Zeichens weiter erfüllen, sondern sich komplett den kon-
zeptuellen Regieanforderungen unterstellen.
Es ist wichtig anzumerken, dass ab dem 18. Jahrhundert eine neue Auffassung
über die Körperlichkeit in der Schauspielkunst sich etablierte, wobei der
Körper des/der SchauspielerIn als ein Zeichenaspekt einer Theatervorstellung
in den Vordergrund rückte.
________________________________
134
Anm.: Im 19. Jahrhundert etablierte sich Charakterdarstellung, wobei die eigene
Persönlichkeit des Schauspielers hervorgehoben wurde.
135
Fischer-Lichte, Erika, Der Körper als Zeichen und als Erfahrung. Über die Wirkung von
Theateraufführungen, In: Theater im Kulturwandel des 18. Jahrhunderts, (Hrsg.) Erika
Fischer-Lichte/ Jörg Schönert, Göttingen: Wallstein 1999, S. 55-56.
57
________________________________
136
Fiebach, Joachim, Von Graig bis Brecht. Studien zu Künstlertheorien in der ersten
Hälfte des 20. Jahrhunderts, Berlin: Henschel Verlag 1975, S. 78.
137
Vgl. ebd., S. 98.
138
Ebd., S. 103.
139
Johann Georg Peter Fuchs (1868- 1949) war ein deutscher Schriftsteller und
Theaterleiter.
140
Ebd., S. 122.
58
________________________________
141
Roselt, Jens. (Hrsg.), Seelen mit Methode. Schauspieltheorien vom Barock bis zum
postdramatischen Theater, Berlin: Alexander Verlag 2009, S. 10.
142
Ebd., S.12.
59
„Das Gebot der Nachahmung kann allerdings auch polemisch gegen die
Schauspieler gewendet werden. So stellt Friedrich Nietzsche (1844-1900) fest,
daß >>ihre nachahmende […] Kraft<< zu einer Art Selbstschätzung führt, und
144
hält dagegen, daß der Schauspieler doch nur >>ein idealer Affe<<10 sei.“
Der französische Philosoph und Schriftsteller Denis Diderot145 sah das Problem
der Nachahmung hauptsächlich in der Abhängigkeit des/der SchauspielerIn von
der persönlichen Emotionalität, die auf der Bühne Europas jahrhundertlang
überwiegend herrschte. In seinem Werk Das Paradox über den Schauspieler
stellte D. Diderot eine widersprechende These auf, die in dieser Hinsicht
dem/der SchauspielerIn eine Lösung des Problems anbot und zwar durch eine
gewisse Distanzierung zu seinem/ihrem ,Bühnenwerk‘.
„Schauspieler können Gefühle auf der Bühne nur dann glaubhaft vermitteln,
wenn sie dabei emotional völlig unberührt, also kalt bleiben.“146
Wenn der Aufklärer Denis Diderot die Beherrschung der Emotionalität mehr als
eine Tugend verstand, die durch den Verstand und die entsprechende
________________________________
143
Vgl. Roselt, Jens. (Hrsg.), Seelen mit Methode. Schauspieltheorien vom Barock bis zum
postdramatischen Theater, Berlin: Alexander Verlag 2009, S. 12.
144
Ebd., S. 12.
145
Denis Diderot (1713 - 1784) war ein französischer Schriftsteller, Philosoph und Aufklärer.
146
Ebd., S. 134-135.
60
Johann W. von Goethe brachte in seinem Traktat Regeln für Schauspieler eine
Reihe von Verhaltensregeln und Techniken, die dem/der SchauspielerIn helfen
sollten, sich selbst ,umzuerziehen‘, um sich von der Eigenschaften der eige-
nen Persönlichkeit zu entfernen. Diese Anweisungen Goethes waren eine Art
eines Appells an die SchauspielerInnen für die Leistung einer kontinuierlichen
und anstrengenden geistigen Arbeit. Die Aufwertung der Schauspielkunst als
eine wertvolle und vor allem eine mentale und seelische Arbeit aus der
ästhetischen und ethischen Hinsicht wurde von der philosophischen Größe –
dem Georg W.F. Hegel – verlangt.149 Heinrich Teodor Rötscher150, der den Vor-
lesungen Hegels zu diesem Thema beiwohnte, war von dieser Aufforderung
seines Professors beeindruckt und beschäftigte sich lebenslang mit der
Formulierung, Kategorisierung und Methodenbildung der Schauspielkunst in
Form eines philosophischen Systems. Seine Theorie teilt die Methode auf
,Dreisprung‘ und führte zu der ,unmittelbaren Empfindungen‘ und zu der
,Reflexion‘ eine neue höhere Stufe ein, die sich als dritte Kraft in Form eines
„künstlerischen Schaffen(s) (Versöhnung von Natur und Kunst)“ 151 beteiligt.
________________________________
147
Vgl. Roselt, Jens. (Hrsg.), Seelen mit Methode. Schauspieltheorien vom Barock bis zum
postdramatischen Theater, Berlin: Alexander Verlag 2009, S. 170-171.
148
Ebd., S. 171.
149
Vgl. ebd., S. 192.
150
Heinrich Theodor Rötscher (1803-1871) – deutscher Dramaturg, Kritiker und Ästhetiker.
151
Ebd. S. 193.
61
Unter den Schauspielsystemen des 20. Jahrhunderts, die einen Anspruch auf
ein unabhängiges Schöpfertums in der Schauspielkunst gestellt hat, gehört die
Schauspielmethode von Michael Tschechow. Dieser bemerkenswerter Künstler
hat mit seiner Entwicklung von spezifischen psychophysischen Techniken ver-
sucht, eine erforderliche Distanz zum eigenen ,Ich‘ zu erreichen, um schließ-
lich die Seele und den Körper eines Künstlers auf einen metaphysischen
Schöpfungsakt bzw. auf eine Transformation in ein neues und eigenständiges
,Ich‘ einer Bühnenfigur vorzubereiten.
________________________________
152
Rötscher, Theodor Heinrich, Die Kunst der Dramatischen Darstellung, In: Roselt, Jens
(Hrsg.), Seelen mit Methode. Schauspieltheorien vom Barock bis zum postdra
matischen Theater, Berlin: Alexander Verlag 2009, S. 199-200.
62
3.1 Kindheit und Jugend: Die Realität als Einheit der Gegensätze
„Manchmal schien es mir, als erzählte der Vater nicht nur von Schopenhauer,
Nietzsche und Hartmann, sondern stellte sie dar. Ich sah sie ganz deutlich vor
Augen. Doch spielte er mir nicht nur sie selbst vor, sondern, wie es schien,
auch ihre Gedanken. Wie macht er das nur?“157
________________________________
157
Čechov, Michail A., Leben und Begegnungen. Autobiographische Schriften, Stuttgart:
Verlag Urachhaus Johannes M. Mayer Gmbh 1992, S. 25.
158
Vgl., ebd., S. 25-26.
159
Ebd., S. 12.
64
“Living within the contrast and contradictions, the longing to reconcile these
contradictions outwardly and to resolve them inwardly, and finally my youth-
ful enthusiasm for Dostoyevsky - all this formed in me a certain special feeling
for the life around me and for other people. I perceived the good and the
evil, the right and the wrong, the beautiful and the ugly, the strong and the
weak, the ill and the healthy, the great and the small, as particular indivisi-
ble unities.”160
________________________________
160
Chekhov, Michael, The Path of the actor, Abingdon: Rouledge, 2005, S. 33.
161
Vgl. Ebd., S. 33.
65
„Nether the one nor the other knew what a feeling of true humanity was.
They did not know that to be truly human means to be able to reconcile oppo-
sites.162
Der junge Mischa entdeckte sehr früh den großen Drang zum Schauspiel. Aus
dem ständigen Verkleiden und Improvisieren entstand sein Haustheater. “Ich
nahm das erstbeste Kleidungsstück”, erinnert er sich, “streifte es über und
wusste sofort, wer ich war”.163 Die humoristischen oder ernsthaften Improvi-
sationen wurden immer mit einer Begeisterung und einer äußersten Aufmerk-
samkeit von seiner Mutter und seiner Njanja164 verfolgt. Später als Gymnasiast
nahm der junge Michael an den zahlreichen Amateur-Aufführungen teil und
mit sechzehn ging er an die Suvorin-Schauspielschule.165 Damit war sein
Schicksal, professioneller Schauspieler zu werden, besiegelt.
In seiner Ausbildungszeit, die typisch für die damalige Zeit hauptsächlich aus
dem Zuschauen und Nachahmen bestand, nahm Tschechow einen wichtigen
Zugang zu der Rollengestaltung mit. Später erinnerte er sich in seiner
Autobiographie, dass seine Lehrer, die selber großartige Schauspieler waren,
sich nie auf eine bloße Darstellung bestimmter Rollengestalten begrenzten,
sondern sich auf ein Ganzes im Menschen konzentrierten.
________________________________
162
Chekhov, Michael, The Path of the actor, Abingdon: Rouledge 2005, S. 33.
163
Čechov, Michail A., Leben und Begegnungen. Autobiographische Schriften, Stuttgart,
Verlag: Urachhaus Johannes M. Mayer GmbH 1992, S. 39.
164
Anm.: Njanja ist Bezeichnung für eine Kinderfrau in Russland.
165
Schauspielschule Suvorin beim Theater der Kunst– und Literaturgesellschaft – war eine
private Einrichtung, die vom Dramatiker Aleksej Suvorin erfolgreich geleitet wurde.
66
“Ihr Spiel enthielt stets auch das Urbild der gemeinten Menschen, ihrer Seelen
und Erlebniswelten.”166
Noch als Student trat Michael Tschechow auf der professionellen Bühne des
Suvorin Maly Theaters auf und bewies sein Naturtalent in unterschiedlichsten
Charakterrollen. Das half ihm auch, nach dem Abschluss der Schauspielschule
(1910) sein erstes Engagement im St. Petersburger Malyi Theater zu
bekommen, in dem er noch zwei weitere Jahre erfolgreich gearbeitet hat.
Das Jahr 1912 wurde in Michael Tschechows Leben ein wichtiger Zeitraum der
großen künstlerischen Wende. Als im Frühjahr 1912 das berühmte Moskauer
Künstlertheater (MchT) nach Sankt Petersburg auf Tournee kam, konnte er
dank dem Engagement seiner Tante - Olga Knipper-Tschechowa167 –
ein Vor-
sprechen beim Konstantin S. Stanislawski168 zu bekommen. Das persönliche
Treffen mit dem berühmten Schauspieler, Regisseur und Theaterinhaber war
für Michael Tschechow schicksalhaft und bestimmte seine weitere künstleri-
sche Laufbahn. Konstantin Stanislawski engagierte den jungen Schauspieler
lediglich nach dem Vortragen von zwei Monologen auf der Stelle. Somit ging
ein Herzenswunsch von Michael Tschechow in Erfüllung - er wurde in die
hochangesehene Theatertruppe des Künstlertheaters als Ensemblemitglied
aufgenommen. Tschechow übersiedelte nach Moskau und tauchte in eine neue
Welt der besonderen Theaterkultur ein, wo an der obersten Stelle eine
________________________________
166
Čechov, Michail A., Leben und Begegnungen. Autobiographische Schriften, Stuttgart,
Verlag: Urachhaus Johannes M. Mayer GmbH 1992, S. 39.
167
Olga L. Knipper-Tschechowa (1868 – 1959) – war eine führende Schauspielerin des Moskauer
Künstlertheaters und Gattin von Anton Tschechow.
168
Konstantin S. Stanislawski (1863 – 1938) – war ein russischer Schauspieler, Regisseur,
Theaterreformator und Gründer vom Moskauer Künstlertheater.
67
„Der Saal war sauber. Es herrschte drinnen eine besondere Atmosphäre. [...]
Wir haben durch das Fenster gesehen, wie Konstantin Sergeevitsch (Anm. Sta-
nislawski) mit einem jungen Mann angekommen war. Leopold Antonovitsch
(Anm. Suležickij) kam nach oben, öffnete die Tür und sagte: <<Konstantin
Sergeevitsch mit Michael Tschechow sind angekommen!>> Konstantin
Sergeevitsch kam hinein aufgeregt und mit den Tränen in den Augen [...]
Nachdem Konstantin Sergeevitsch und Leopold Antonovitsch zum Mittagmahl
________________________________
169
Čechov, Michail A., Leben und Begegnungen. Autobiographische Schriften, Stuttgart,
Verlag: Urachhaus Johannes M. Mayer GmbH, 1992, S. 60.
170
Stanislawski System – wurde von K. Stanislawski als eine Schauspielkunsttheorie und
Methode zwischen 1900-1910 entwickelt. Das System unterstützt eine bewusste
Auseinandersetzung mit den schöpferischen Prozessen bei der Rollenausarbeitung und
fördert die Entwicklung eines naturalistischen und psychologischen Schauspielstils.
68
gegangen sind und wir langsam nach den ganzen Ereignissen zu uns kamen,
entdeckten wir eine einsam wirkende Gestalt, die neben dem Fenster saß.
Das war Mischa Tschechow. Ich sagte enttäuschend: <<Na, so ein
Tschechow! >> Jeder von uns hatte das Bild von Anton Tschechow im Kopf.
Schenja (Anm. Vachtangov) zischte zornig zurück: <<Schaut seine Augen an!
Diese strahlenden, wunderbaren Augen! >> Er ging mit seinem typischen
leichten Gang zum Michael Tschechow und umarmte ihn. In wenigen Minuten
diskutierten die beiden sehr aufgeregt über etwas.“171
3.4 Das Erste Studio des Künstlertheaters: Die Entstehung einer neuen
Theaterreligion
Die Erste Studiobühne des Künstlertheaters entstand aus einem reinen Enthu-
siasmus und dank der großen künstlerischen Hingabe von den damaligen
Ersten Studio-Mitgliedern. Leopold Suleržickij, Ewgenij Vachtangov, Michael
Tschechow und eine Reihe von jungen talentierten Menschen unterstützten
mit großem Enthusiasmus Konstantin Stanislawski bei der Entwicklung seines
________________________________
171
Dejkun, L.I. und Blagonravova, A.I., Das Unvergessliche, Museum MchT, S. 40,80, In:
Tschechow, Michail , Ob iskusstve aktera. Literaturnoe nasledie, 2, (Über die Kunst des
Schauspielers. Das literarische Erbe in zwei Bänden), (Hrsg.) Abroskina I.I./ Ivanova M.I./
Krimova N.A., Moskau: Verlag <<Iskusstwo>> 1986, S. 414. (Übersetzung von Verfasserin).
69
Besonders in den ersten Jahren war das Repertoire des Ersten Theaterstudios
mit betonten sozial-ethischen Themen von Leopold Sulezickij geprägt. Er
kümmerte sich auch um eine offene und kameradschaftliche Atmosphäre
des Studios, die allen Mitgliedern das Gefühl eine Gemeinschaft der Gleichge-
sinnten vermittelte. Aus diesem Grund funktionierte das Erste Studiotheater
als eine Art der kunstreligiösen Vereinigung, wo das Verhältnis zum Theater
________________________________
172
Anm.: Das Theaterstudio war ein neuer Typus des russischen Theaters, der in der Ära der
Entstehung der Studiobühnen um das Künstlertheater (MchT-1, MchT-2, MchT-3)
zwischen 1910 – 1925 entstand. Hier handelt es sich üblicherweise um eine Theatergruppe,
die sich als eine Gemeinschaft der Gleichgesinnten um eine künstlerische Idee oder um
einen Theaterregisseur bildet und hauptsächlich als ein experimentales Theater arbeitete.
Diese Bewegung bleibt bis heute in Russland sehr populär.
173
Chekhov, Michael, The Path of the actor, Abingdon: Rouledge 2005, S. 63.
70
und zum künstlerischen Schaffen sakrale Züge einnahm und wo das Stanisla-
wski–System als eine Art Religion gelebt wurde. Nicht umsonst gaben die da-
maligen Gegner der Stanislawski-Theorie dem Ersten Studio einen sarkasti-
schen Namen: ,Der Bund der Gläubigen des Stanislawski Systems‘.
„Also, was hat dieses System an sich? Kann sie etwas Neues einem Künstler
geben? [...] Die Seele des Künstlers duldet keine Gewalt. Das kennt jeder von
euch. Du kannst ihr nicht befehlen: „liebe“, „ freu“, „leide“ oder „ hasse“.
Sie bleibt taub, hört nicht auf Deine Befehle und missachtet die Gewalt. Die
Seele kann man nur verlocken. Und hier leistet das System ihren Dienst. Das
System stellt die Methoden zur Verfügung, die die Seele mit dem Material
verführen können, das ein Künstler sich selber aussucht. Und hier haben wir
wieder eine zauberhafte Kraft in der Hand!“176
________________________________
174
Vgl. Čechov, Michail A., Leben und Begegnungen. Autobiographische Schriften, Stuttgart,
Verlag: Urachhaus Johannes M. Mayer GmbH, 1992, S. 138-140.
175
Anm. Den Begriff ,‘Psychotechnik“ führte K. Stanislavki in seinem Buch Die Arbeit des
Schauspielers an sich selbst. Tagebuch eines Schülers. Die Arbeit an sich selbst im
schöpferischen Prozess des Erlebens ein.
176
Tschechow. Michael, Über das Stanislawski System, In: Moskau: Zeitschrift „Gorn“ (1919),
In: Tschechow, Michail , Ob iskusstve aktera. Literaturnoe nasledie, 2, (Über die Kunst des
Schauspielers. Das literarische Erbe in zwei Bänden), (Hrsg.) Abroskina I.I./ Ivanova M.I./
Krimova N.A., Moskau: Verlag <<Iskusstwo>> 1986, S. 4. (Übersetzung von Verfasserin)
71
________________________________
177
Vgl., Trobisch, Stephan Walter, Theaterwissenschaftliche Studien zu Sinn und
Anwendbarkeit von Verfahren zur Schauspiel-Ausbildung (mit einer besonderen
Berücksichtigung der Lehr-Methoden von Richard Boleslavsky, Lee Strasberg, Uta Hagen
und Michael Tschechow), Dissertation: Universität Wien 1987, S. 8-10.
72
1. ,Emotionales Gedächtnis‘
Da der vom Naturalismus geprägte Stanislawski die Wahrheit auf der Bühne zu
einem Mittelpunkt seiner Theorie gestellt hat, setzte er das ,emotionale
Gedächtnis‘ zu der zentralen Methode seiner Psychotechnik.
Das Ergebnis dieses Prozesses wird als eine Art des Psychomaterials bei der
psychophysischen Formung des seelisch-emotionalen Gebildes einer Bühnen-
figur verwendet. Diese psychophysischen Methoden – die Emotionen
analysieren, kontrollieren und nach Bedarf mit einer konstante Authentizität
wiederholen zu können - stellte sich dem Stanislawski zufolge als eine
Voraussetzung des professionellen Könnens eines/einer SchauspielerIn des
modernen Theaters dar.
2. ,Als ob ... ‘
Die Phantasie als ein Instrument für die Hervorrufen der inneren und äußeren
Handlungsimpulsen spielte in der Psychotechnik eine wichtige Rolle, um eine
psychophysische Identifikation des/der SchauspielerIn mit seiner/ihrer
Bühnenfigur zu erreichen. Dieser Verschmelzungsprozess zwischen dem/der
SchauspielerIn und der Rolle sollte nach Stanislawski einer mentale Technik
,Als ob...‘ dienen. Bei dieser Technik lernte die SchauspielerIn ein ,imaginäres
Leben‘, seine/ihrer Bühnenfigur mit der Anregung seiner/ihrer künstlerischen
Fantasie in seinem/ihrem Geiste zu kreieren und sich persönlich in die Rolle
zu versetzen. Hier stellte und beantwortete der/die SchauspielerIn alle
74
„(1) Der Schauspieler spielt in dem von seiner Phantasie erdachten Leben
keine Rolle und bleibt lediglich dessen Zuschauer.
3.,Öffentliche Einsamkeit‘
________________________________
182
Trobisch, Stephan Walter, Theaterwissenschaftliche Studien zu Sinn und Anwendbarkeit
von Verfahren zur Schauspiel-Ausbildung (mit einer besonderen Berücksichtigung der Lehr-
Methoden von Richard Boleslavsky, Lee Strasberg, Uta Hagen und Michael Tschechow),
Dissertation: Universität Wien 1987, S. 72.
75
Zu einem offenen Streit mit Konstantin Stanislawski kam es im Jahr 1917 bei
den Proben der berühmten Inszenierung des Künstlertheaters Die Möwe, wo
Tschechow die Hauptrolle von Treplev spielen sollte. Bei den Proben kam es
zu einer heftigen Auseinandersetzung mit seinem Mentor, da Tschechow sich
erlaubte, dem Regisseur Stanislawski öffentlich zu widersprechen sowie seine
Probenmethodik und die einpolige Regie-Interpretation seiner
________________________________
185
Vgl. Kirillov, Andrey, Das Theater und das theatralische System von Michael Tschechow,
Dissertation: Russisches Institut der Kunstgeschichte, Sankt Petersburg 2008, S. 37.
77
Das Jahr 1917 gestaltete sich in Tschechows Leben als ein Jahr der großen
Krisen und Katastrophen: der Streit mit Stanislawski, die Scheidung188, die
schwere Krankheit der Mutter, die bolschewistische Revolution und der Beginn
eines drastischen sozial-politischen Wandels. All dies vertiefte die persönliche
und künstlerische Krise des sensiblen Künstlers, der auch jahrelang unter
Trübsinn litt und der ihn immer wieder zu den anhaltenden Depressionen und
zu den beängstigten Panikattacken brachte. Hier muss man erwähnen, dass
Tschechow nicht nur ein Leben des engagierten und erfolgsverwöhnten
Künstlers führte. Sein zweites, verstecktes, geheimes Leben eines
________________________________
186
Vgl. Kirillov, Andrey, Das Theater und das theatralische System von Michael Tschechow.
Dissertation: Russisches Institut der Kunstgeschichte, Sankt Petersburg, 2008, S. 45-53.
187
Ebd., S. 53. (Übersetzung von Verfasserin).
188
M. Tschechow war zwischen 1914 und 1917 mit der deutschen Schauspielerin, russisch-
deutscher Herkunft, Olga Tschechowa (ursprünglich Olga von Knipper), (1897-1980)
verheiratet.
78
intellektuellen Materialisten, der die Welt von einem hohen Podest der
europäischen Philosophie und des naturwissenschaftlichen Materialismus
betrachtete, gehörte auch zu seiner gespaltenen Natur.
Charles Darwin überzeugte ihn, dass das Leben ein grausamer Kampf ist. Von
diesem großen Meister der Evolutionstheorie lernte der Künstler auch, dass
der Mensch nur ein Körper ist und daher keiner einem Irrweg der Religion oder
der Mystik trauen soll. Sein zweiter Lehrmeister – Sigmund Freud – bekannte
sich doch zu einer Existenz der Seele, setzte aber einen wissenschaftlichen
Umgang mit ihr voraus, da das Unbewusste der menschlichen Psyche, die
ausschließlich aus Unreinheiten und den sexuellen Trieben bestand, nur durch
eine wissenschaftliche Objektivität verstanden werden kann. Auch eine dritte
geheime Leitfigur Tschechows – Arthur Schopenhauer – betörte ihn mit seinem
schwermütigen Pessimismus und bot kein Ziel für die menschlichen Existenz
an.190 Tschechow vertiefte sich wissbegierig und leidenschaftlich in alle diese
Ideologien und Positionen seiner Lehrmeister, konnte aber oft diese
Schwerlast des Materialismus und des Pessimismus nicht verkraften und
zerbrach innerlich. Immer wieder suchte er die Rettung bei seinen
Seelenheilern - dem Güte suchenden Lew Tolstoi190 und dem Logiker,
191
Mystiker und Theosophen Vladimir Solovjov -, die ihn allerdings nicht lange
mit ihren Predigten halten konnten. Um seine schmerzhafte seelische
Schaukel aushalten zu können, versuchte er alles im Alkoholrausch
________________________________
189
Čechov, Michail A., Leben und Begegnungen. Autobiographische Schriften, Stuttgart:
Verlag Urachhaus Johannes M. Mayer Gmbh, 1992, S. 50.
190
Lev N. Tolstoi (1828 – 1910) – war ein russischer Schriftsteller und der Verfasser von
Romanen Krieg und Frieden, sowie Anna Karenina. Ab 1881 beschäftigte er sich intensiv
mit den moralisch-religiösen Fragen und entwickelte eine Ideologie des christlichen
Anarchismus und Pazifismus.
191
Wladimir S. Solowjow (1853 – 1900) – war ein russischer einflussreicher Religionsphilosoph
und Dichter, der die wichtigsten Vertreter des russischen literarischen Symbolismus stark
beeinflusst hat.
79
“Ich würde Ihnen raten, stellen Sie die Philosophie und Psychologie einmal
zurück, und beschäftigen Sie sich mit religiösen Fragen.“192
Dieses Gespräch mit Prof. Čelpanov berührte etwas in der Seele des labilen
Künstlers und gab ihm einen subtilen Impuls, seine innere Haltung des
überzeugten Materialstes zu besinnen. Langsam musste er lernen, sein Leben
wieder in den Griff zu bekommen und sich von den Fesseln seines Pessimismus
zu befreien. Der erste Schritt an diesem Wege war für ihn eine
freudebringende Neubeschäftigung und zwar die Eröffnung seines eigenen
Schauspielstudios, das trotz der gefährlichen und hungrigen Revolutionszeit
einen großen Zuspruch bei den jungen SchauspielschülerInnen bekam. Ab
diesem Zeitpunkt fing Tschechow an, sich ernsthaft und konsequent als
Pädagoge theoretisch und praktisch mit der Schauspielkunst
auseinanderzusetzen.
________________________________
192
Čechov, Michail A., Leben und Begegnungen. Autobiographische Schriften, Stuttgart:
Verlag Urachhaus Johannes M. Mayer Gmbh, 1992, S. 73.
80
Diese Tätigkeit brachte für ihn eine Art der seelischen Heilung mit sich, da sie
ihm nicht nur eine große künstlerische Freude bereitete, sondern sein
menschliches Wachstum und seine innere Stabilität förderte. Aber eine
endgültige Wende in seinem seelischen Leben kam von einer unerwarteten
Seite und zwar von der Philosophie des Yoga.
Tschechows Reise in die Welt der Metaphysik begann mit einem Buch der
Hindu-Philosophie. Yoga und ihre Lebensanschauung lernte er vor Jahren
durch Leopold Suleržickij kennen. Der erste Studioleiter - Suleržickij - war ein
wissbegieriger und umtriebiger Mensch, der vor seiner künstlerischen Tätigkeit
im Künstlertheater das Leben eines geistigen Wanderers führte. Dank seinen
guten Sprachkenntnissen hat er in seinen langen Reisen nach Japan, China,
Singapur und Indien die buddhistische Lehre und den Hinduismus kennen- und
schätzengelernt. Er verfügte über die entsprechende spirituelle Literatur,
auch kannte er sich bei den Meditationspraktiken aus, die er dann im Ersten
Studio als stützende Techniken für die Weiterentwicklung des künstlerischen
Potentials vorschlug.
Obwohl Michael Tschechow die Literatur über Yoga vor Jahren bereits
gemeinsam mit Evgenij Vachtangov als Studio Pflichtlektüre gelesen hat,
konnte er damals noch nicht wirklich etwas mit diesem Wissen anfangen. Erst
________________________________
193
Gordon, The Stanislawski Technique: Russia 31, In: Ashperger, Cynthia, The Rhythm of
Space and the Sound of Time. Michael Chekhov‘s Acting. Technique in the 21st Century,
Amsterdam - New York: Editions Rodopi B.V. 2008, S. 46.
81
„Ich kam zu einem Begriff für die Grundtendenz des Yoga: Kunst des Lebens.
Die Kunst des Lebens! Das also war die neue Nuance, die mein Inneres immer
mehr durchdrang. […] Und schließlich war da noch ein Gedanke - ein Gefühl,
das mich zunehmend beherrschte. Es war das Gefühl, Kunst sei ein Potential
im Inneren. Die Persönlichkeit als Ort der Kunst.“195
„In addition, Sulerzhitsky taught the actors in the First Studio to believe in
their ability to communicate in an unspoken language. To this end, he
introduced the Hindu concept of prana, the invisible life force that streams
through all living things. Sulerzhitsky convinced Stanisalvsky that „prana was
another name for the Creative State of Mind […]“197
_________________________________
194
Čechov, Michail A., Leben und Begegnungen. Autobiographische Schriften, Stuttgart:
Verlag Urachhaus Johannes M. Mayer GmbH 1992, S. 94.
195
Ebd., S. 95.
196
Prana - bedeutet im Hinduismus Leben, Lebenskraft oder Lebensenergie. Prana ist
vergleichbar mit Qi im alten China und Ki in Japan bzw. dem tibetischen Lung. In:
[Link] (Stand: 15.02.2015).
197
Gordon, The Stanislawski Technique: Russia 31, In: Ashperger, Cynthia, The Rhythm of
Space and the Sound of Time. Michael Chekhov‘s Acting . Technique in the 21st Century,
Amsterdam - New York: Editions Rodopi B.V. 2008, S. 46.
82
dem Regisseur Evgenij Vachtangov, der ähnlich wie er die Starrheit des
Naturalismus ablehnte und nach neuen künstlerischen Formen strebte.
Vachtangov übernahm nach dem frühzeitigen und tragischen Tod von Leopold
Sulerhizki (1916) die Leitung des Studios. Mit seiner Entdeckung der neuen
theatralischen Ausdrucksformen, die in ihrer Multidimensionalität eine ganz
andere Darstellungsweise von SchauspielerInnen abverlangten, kamen auch
die neuen Erkenntnisse in der Schauspielkunst. Michael Tschechow war einer
der wichtigsten Impulsgeber für die Entwicklung dieser neuen Techniken, da
er leidenschaftlich und mit einer großen Geschicklichkeit, aber noch rein
intuitiv, diese neue innere Multidimensionalität auch in der Schauspielkunst
entdeckte. In seinem Wagnis, den Grundprinzipien des Stanislawski-Systems
zu widersprechen, versuchte er auf eine übliche psychologische Logik sowie
auf eine Identifikation mit der Figur durch die Anwendung des ,emotionalen
Gedächtnisses‘ zu verzichten. Bei seinen Experimenten gelang es ihm, ein
impressionistisch aufgebautes Innenleben seiner Bühnenfiguren zu entwickeln
und die entsprechenden Techniken für eine neue darstellerische Umsetzung
zu finden.200
Der Genius von Evgenij Vachtangov, der als Regisseur und Schauspielkunst-
Pädagoge die Entwicklung des Ersten Studios MchT am meisten geprägt hat,
beeinflusste Michael Tschechow in vielerlei Hinsicht.
“Von Vachtagov habe ich viel gelernt. Er war ein denkender Künstler, und das
reizte mich an ihm. […] Seine Begabung als Regisseur kennt man aus seinen
Inszenierungen. Das ist aber nur die eine Seite, die andere zeigte sich in der
genialen Art, wie er mit den Schauspielern während des
Inszenierungsprozesses zusammenarbeitete. Vachtangov besaß die Fähigkeit,
dem Schauspieler zu demonstrieren, worin sich die Wesenszüge einer Rolle
___________________________________
200
Vgl. Kirillov, Andrey, Das Theater und das theatralische System von Michael Tschechow,
Dissertation: Russisches Institut der Kunstgeschichte, Sankt Petersburg 2008, S. 33-35.
84
Der Vektor seiner eigenen Schauspielmethode begann sich in der Rolle von
Kobus in Untergang der Hoffnung von J.H. Heijermans zu zeigen, die er
gemeinsam mit Evgenij Vachtangov ausgearbeitet hat. Vachtangov
unterstützte Tschechows Experiment, seine plastischen Bühnenfiguren
dermaßen äußerlich grotesk und symbolisch zu gestalten, dass sie zu den
eigenständigen theatralischen Kunstwerken wurden, die sowohl die realen
________________________________
201
Čechov, Michail A., Leben und Begegnungen. Autobiographische Schriften, Stuttgart:
Verlag Urachhaus Johannes M. Mayer Gmbh, 1992, S. 66-67.
202
Vgl. Kirillov, Andrey, Das Theater und das theatralische System von Michael Tschechow,
Dissertation: Russisches Institut der Kunstgeschichte, Sankt-Petersburg, 2008, S. 25-29.
203
Chersonskij, Chrisanf., L. Sulerzisky, E. Vachtangov, M. Tschechow, In: Izvestij,
28.02.1923. In: ebd., S. 29. (Übersetzung von Verfasserin).
85
Tschechows phänomenalen Erfolge in den Rollen von Chlestakow und von Erik
XIV destruierten die gewöhnlichen Vorstellungen und die Traditionen der
Schauspielkunst. Bei der Prämiere von Erik XIV am 29 März 1921 im Ersten
Studio erschütterte Tschechow das Publikum mit seiner Tragik. Die
Theaterkritiker schrieben:
„In dieser Inszenierung des Ersten Studios in einem Raum ohne gewöhnliche
Bühne litt, schrie und wälzte sich von unerträglichen seelischen Schmerzen
nicht ein Schauspieler in einem historischen Kostüm. Nein, es war ein
bebender menschlicher Körper mit den entblößten Muskeln und Nerven und
mit einem offenen pulsierenden Herzen, der das Publikum erschütterte. Sogar
seine verwirrten Gedanken, die durch ein bald explodierendes Gehirn eilten,
konnte man ablesen. Es schien, dass noch eine kleinste Bewegung und der
__________________________________
208
Vgl. Kirillov, Andrey, Das Theater und das theatralische System von Michael Tschechow,
Dissertation: Russisches Institut der Kunstgeschichte, Sankt Petersburg, 2008, S. 72.
209
Ebd., S. 72. (Übersetzung von Verfasserin).
88
Schauspieler überschreitet die Grenze der Kunst und es beginnt eine klinische
Psychopathologie. Doch, der Schauspieler hat in keinem Moment seiner
210
Darstellung diese verhängnisvollen Grenze überschritten.“
„Es scheint so, dass zum ersten Mal in den letzten 80 Jahren der
Bühnentradition von Revisor ein echter Chlestakow auf die russische Bühne
kam, den Nikolaj Gogol tatsächlich erschaffen hat. […] Bei der Inszenierung
scheint es so, dass fast alle darstellerischen Möglichkeiten erschöpft sein
müssen, um die Überlebungsstrategien von dieser kleinlichen und knauserigen
Gestalt zu zeigen. Indessen werden jede Minute neue und neue Details auf der
Bühne erschaffen, als ob es keine schöpferische Grenze gibt. Und
tatsächliche, es gab kein Ende von diesem Einfallsreichtum und der
schöpfenden Improvisation. Es ist unmöglich das ganze im Voraus
auszudenken. Es wird hier, im Prozess der Darstellung und gerade vor den
211
Augen des Publikums geboren.“
________________________________
210
Alpers, B.V., Theatralische Essays, In 2 Bänden, Band 2. Moskau: Iskusstwo, 1977, S. 52,
In: Tschechow, Michail , Ob iskusstve aktera. Literaturnoe nasledie, 2, (Über die Kunst des
Schauspielers. Das literarische Erbe in zwei Bänden), (Hrsg.) Abroskina I.I./ Ivanova M.I./
Krimova N.A., Moskau: Verlag <<Iskusstwo>> 1986, S. 442. (Übersetzung von Verfasserin).
211
Theaterkritik In:<<Vestnik Theatra>> Nr.91/92, S. 11-13, In: ebd., S. 445. (Übersetzung von
Verfasserin).
89
seiner Arbeit und suchte bewusst für seine zukünftige Theorie weiter die
Antworten auf die schöpferischen Phänomene der Schauspielkunst.
________________________________
212
Čechov, Michail A., Leben und Begegnungen. Autobiographische Schriften, Stuttgart:
Verlag Urachhaus Johannes M. Mayer Gmbh 1992, S. 99.
213
Andrei Bely (1880 – 1934) – war ein russischer Dichter, Theoretiker des Symbolismus und
Anthroposoph. Sein Roman Petersburg gehört zu den größten Romanen des 20.
Jahrhunderts.
214
ebd., S. 181.
215
ebd., S. 180.
90
Auch das persönliche ,Ich‘ – als ein zivilisatorischer Ausdruck der Individualität
- betrachtete Anthroposoph Andrey Bely nicht als ein Ausdruck der Trennung,
sondern als eine Immanenz und eine Repräsentation des Ganzen. Bely war
überzeugt, dass der Mensch sein getrenntes und abgegrenztes ,Ich‘ dank der
modernen Kunst und Wissenschaft befreien kann:
Mit dieser Freundschaft tauchte Michael Tschechow in die Welt der anthropo-
sophischen Lehre von Rudolf Steiner ein und begann sich hingebend mit dieser
Geisteswissenschaft auseinanderzusetzen und Steiners Werke zu studieren.
„Diese meine Begegnung mit der Anthroposophie war die glücklichste Periode
meines Lebens“219
___________________________________________________________
218
Čechov, Michail A. Leben und Begegnungen. Autobiographische Schriften. Stuttgart:
Verlag Urachhaus Johannes M. Mayer Gmbh 1992, S. 180.
219
Čechov, Michael,>>Zizni i vstreci<<(Das Leben und die Begegnungen), russische Ausgabe,
Novyj Zurnal (New Review), Nr.6, New York 1944, S. 24-25, In: Fedjuschin, Victor B.,
Rußlands Sehnsucht nach Spiritualität. Theosophie, Anthroposophie, Rudolf Steiner und
die Russen. Eine geistige Wanderschaft, Schaffhausen: Novalis Verlag AG 1988, S. 279.
92
_________________________________________________________
220
Vgl. Fedjuschin, Victor B., Rußlands Sehnsucht nach Spiritualität. Theosophie,
Anthroposophie, Rudolf Steiner und die Russen. Eine geistige Wanderschaft, Schaffhausen:
Novalis Verlag AG 1988, S. 269.
221
Vgl. ebd., S. 279.
93
Das Jahr 1923 brachte viele Erneuerungen in das Leben der jungen sowjeti-
schen Republik. Mit der Beendigung des schrecklichen Bürgerkrieges begann
sich in Russland eine neue politischen Herrschaft der bolschewistischen Räte
endgültig zu etablieren. Somit hat eine neue sozial-politische Epoche begon-
nen, die sich auf eine Ideologie des Marxismus-Bolschewismus stützte und
natürlich auf alle Lebensbereiche ausbreitete. Die neue gesellschaftliche und
kulturelle Situation im Lande der Bolschewiken war von einem zunehmenden
Materialismus und von der kommunistischen Propaganda geprägt, die schließ-
lich die pulsierende Kraft der revolutionären Freiheit im Leben und in der
Kunst zum Erwürgen gebracht haben. Auch die Theaterkunst bekam von dieser
Kulturpolitik zu spüren und war von einer Flut der plump geschriebenen Agita-
tionsstücke ergriffen, wo nur revolutionäre Phantome sowie materialistische
Ideale und Grundsätze des Klassenkampfes gepriesen wurden.
„ Auf den Bühnen von Moskau und Petersburg erschienen Agitations- und Pro-
pagandastücke – ein Produkt der Anfangsepoche der Revolution. Der einzig
mögliche >>Stil<< solcher Aufführungen war eine naturalistische Einfachheit
>>wie im Leben<<, die photographisch-exakte Wiedergabe des aktuellen
Geschehens. Die schauspielerische Qualität ließ nach, die Elemente der
schöpferischen Phantasie, der theatralischen Erfindungskraft und Originalität
traten in den Hintergrund.“ 222
_________________________________________________________
222
Čechov, Michail A., Leben und Begegnungen. Autobiographische Schriften, Stuttgart:
Verlag Urachhaus Johannes M. Mayer Gmbh 1992, S. 191.
94
Auch der Betrieb des Künstlertheaters samt den Studios mussten damit kon-
frontiert werden und, um nicht als eine unbrauchbare ideologische ,Last‘ des
zaristischen Russland abgestempelt zu sein, waren die Theaters gezwungen,
sich in ihrer Repertoirepolitik auf neue Erfordernisse der Zeit anzupassen. Mi-
chael Tschechow beklagte sich, dass das Erste Studio nach dem Tod von
Evgenij Vachtangov ihren künstlerischen Halt verloren hat und sich ohne eine
,feste Hand‘ schwer dem Druck der Kulturpolitik des Landes entgegensetzen
kann. Um diese Situation retten zu können, sah Tschechow keinen anderen
Ausweg, als die Leitung des Studios persönlich zu übernehmen.
„Da ich nur eines unter anderen Mitgliedern der Studioleitung war, konnte ich
nicht all das tun, was mir zur Erhaltung des künstlerischen Lebens am Studio
notwendig erschien. Da entschloß ich mich, die Leitung selbst zu übernehmen
und erklärte mich zum >>Diktator<<.“223
____________________________________________________________
223
Čechov, Michail A., Leben und Begegnungen. Autobiographische Schriften, Stuttgart:
Verlag Urachhaus Johannes M. Mayer Gmbh 1992, S. 194.
224
Ebd., S. 194.
225
Anm.: Die gesamte Inszenierung von Hamlet war eine gemeinschaftliche Arbeit von vier
Regisseuren - V.S. Smyshljajev, B.N: Tatarinov, A.I. Tschaban inkl. M. Tschechow. Dieses
Experiment hielt Tschechow als einen wichtigen Beitrag, um eine Begrenztheit der
Individualität eines Regisseurs zu überwinden und um zu einem höheren gemeinschaftlichen
Schöpfertum zu gelangen.
95
„So fanden wir beispielweise einen neuen Zugang zum Text: über die
Bewegung. Ich rede [...] von einer neuartigen Sprechtechnik auf der Bühne.
Wir untersuchten das Wort unter dem Aspekt des Lautlichen als Laut
gewordene Bewegung. [...] Wir arbeiteten auch viel an der Imagination. Der
Regisseur gab uns Anweisungen, und unter seiner Anleitung spielten wir in der
Phantasie ganze Szenen durch, probierten sozusagen imaginativ jeder für sich
und für seine Mitspieler. [...] Wir waren begeistert von der Freiheit und
Leichtigkeit, die das >>körperlose<< Probieren uns ließ.“ 226
Er begann seine eigene Interpretation von Hamlet mit der Suche von einer
speziellen körperlich-rhythmischen Partitur der Rolle, die er schließlich in
einer Koppelung aus verschiedenartigen physischen Zuständen seines
Protagonisten fand, wo eine absolute Unbeweglichkeit neben einer gewaltigen
physischen Explosion existierte und somit auf die Zuschauer beinah hypnotisch
wirkte.227
_________________________________
226
Čechov, Michail A., Leben und Begegnungen. Autobiographische Schriften, Stuttgart:
Verlag Urachhaus Johannes M. Mayer Gmbh 1992, S. 198.
227
Vgl. Kirillov, Andrey, Das Theater und das theatralische System von Michael Tschechow,
Dissertation: Russisches Institut der Kunstgeschichte, Sankt Petersburg 2008, S. 81.
96
„Man braucht eine unglaubliche innere Spannung, um das “Gewaltige“, das sie
in Hamlet ausstrahlen zu verstehen: Das ist ein Impuls des Lebens!“ 229
„Es ist für mich unmöglich als ein einfacher Schauspieler im Theater zu
bleiben, der nur eine Reihe von bestimmten Rollen zu spielen darf. Das
Stadium, wo ich mich nur für die bestimmten Rollen begeistern konnte, habe
ich schon längst hinter mir. Jetzt kann ich mich nur für die kreative Arbeit
begeistern, die eine große Idee hat: so wie die Idee eines neuen Theaters
oder eine neue Theaterkunst.“232
Michael Tschechow ging mit einer festen Entschlossenheit ins Exil, um das,
was er als Schauspieler, Regisseur und Anthroposoph im Künstlertheater-2
angefangen hat, fortzusetzen. Schon im Herbst 1928 bekam er einige
Engagements im Film und im Theater. Der große Meister der deutschen Bühne
– Max Reinhardt – schickte ihm ein langes Telegramm mit einer Einladung und
bot Tschechow die Rolle des Clowns Skid in seiner Wiener Inszenierung
Artisten von Watters-Hopkins an. In dieser Arbeit, die natürlich mit enormen
___________________________________________________________
231
Vgl. Fedjuschin, Victor B., Rußlands Sehnsucht nach Spiritualität. Theosophie,
Anthroposophie, Rudolf Steiner und die Russen. Eine geistige Wanderschaft, Schaffhausen:
Novalis Verlag AG 1988, S. 291.
232
Tschechow, Michail, Ob iskusstve aktera. Literaturnoe nasledie, 2, (Über die Kunst des
Schauspielers. Das literarische Erbe in zwei Bänden), (Hrsg.) Abroskina I.I./ Ivanova M.I./
Krimova N.A., Moskau: Verlag <<Iskusstwo>> 1986, S. 498. (Übersetzung von Verfasserin).
98
„Ich fing an. Die ersten Phrasen des Skids hörten sich für mich seltsam an. […]
Und wie einfach er spricht, ganz anders als auf der Probe. […] Meine
Erschöpfung und innere Ruhe machten mich zum Zuschauer meines eigenen
Spiels. […] Ich beobachtete Skid aufmerksam. […] Ich blickte auf den Boden
sitzenden Skid und mir schien, als könnte ich >>sehen<<, was er fühlt, leidet,
was ihn bewegt. […] Die bissig-prägnanten, heftigen Worte des Monologs
flogen durch den Saal, schwebten ins Parterre, zu den Logen, hoch auf die
Galerie. Was ist los? Wie denn das? So habe ich nicht einstudiert! Die
Mitspieler erhoben sich von ihren Plätzen und traten an die Wände des
Pavillons […] Auf einmal war das ganze Wesen – meines und das des Skid – von
einer furchtbaren, beinah unerträglichen Kraft erfüllt! Sie hatte keine
Grenzen, durchdrang alles und vermochte alles! Mir wurde unheimlich.“233
Zwei lange Jahre arbeitete Tschechow mit dem letzten „Vertreter des >>The-
aters von Gottes Gnaden<<“235 - Max Reinhard – und schätze das Talent und
ein feines Gespür dieses großen Regisseurs. Aber er persönlich strebte nach
einem eigenen ,Theater der Zukunft‘, wo er seine ambitionierten, künstleri-
schen Visionen als Regisseur und Schauspielkunst-Pädagoge verwirklichen
kann. Er strebte nach einem lebendigen Theaterorganismus der Gleichgesinn-
ten, die mit ihm nach den von ihm entwickelten und von der Anthroposophie
geprägten Methoden eine andersartige Theaterkunst kreieren können. Nach
seiner kürzeren, aber erfolgreichen Tätigkeit als Regisseur und Leiter des jü-
dischen Theaters Habima in Berlin ging er im Jahr 1930 mit einer idealisti-
schen Vorstellung nach Paris, ein Theater und eine Schule für die dramatische
Kunst zu gründen. In einem Interview in der Pariser Zeitung Quotidien
__________________________________
234
Vgl. Čechov, Michail A., Leben und Begegnungen. Autobiographische Schriften. Aus dem
Russischen von Thomas Kleinbub, Stuttgardt: Urachhaus Johannes M. Mayer GmbH 1992,
S. 268 - 272.
235
Ebd., S. 273.
100
Im Jahr 1935 bekam M. Tschechow eine Einladung für ein Gastspiel in den
USA, wo er mit den ehemaligen SchauspielerInnen des Künstlertheaters Gogols
Stück Revisor spielen sollten. Auch bei dieser Tournee bekam sein Spiel so-
wohl einen großen Zuspruch beim Publikum sowie bei der amerikanischen
Presse, die ein großes Lob für den Tschechows schauspielerischen Genius aus-
sprach.
_______________________________
236
Vgl. Tschechow, Michail, Ob iskusstve aktera. Literaturnoe nasledie, 2, (Über die Kunst
des Schauspielers. Das literarische Erbe in zwei Bänden), (Hrsg.) Abroskina I.I./ Ivanova
M.I./ Krimova N.A., Moskau: Verlag <<Iskusstwo>> 1986, S. 518-521.
101
„Wir dürfen uns nicht nur auf eine ,Eingebung‘ verlassen. […] Begabung, Ta-
lent, Inspiration und Intuition – dies alles wird früher oder später kommen,
aber nur, wenn wir fleißig arbeiten werden. […] Das wichtigste, was Schau-
spieler nicht vergessen darf und zwar, dass er nie aufhört in den Herzen der
Zuschauer weiter zu spielen. Auch dann, wenn er bereits die Bühne verlassen
239
hat."
Im Jahr 1938 musste das Studio wegen der instabilen politischen Lage in Euro-
pa nach New York übersiedeln, wo es sich offiziell zum Ensemble The Chekhov
Theatre Players formierte. Die Familie Straight bereitete auch in den USA ei-
ne
__________________________________
237
Anm. Englischer Banker und Diplomat Willard Dickerman Straight und seine US–
amerikanische Frau Dorothy Payne Whithey Straight waren Eltern der Oskar-
Preisträgerin Beatrice Straight.
238
Vgl. Tschechow, Michail, Ob iskusstve aktera. Literaturnoe nasledie, 2, (Über die Kunst
des Schauspielers. Das literarische Erbe in zwei Bänden), (Hrsg.) Abroskina I.I./ Ivanova
M.I./ Krimova N.A., Moskau: Verlag <<Iskusstwo>> 1986, S. 522-523.
239
Ebd., S. 523. (Übersetzung von Verfasserin).
102
hervorragende Infrastruktur für das Theater sowie für die dazu anschließende
Drama-Schule. Aus diesem Grund war es möglich, im Oktober 1939 die erste
Inszenierung auf dem Broadway herauszubringen. Dieses Mal entschied sich
Tschechow als Regisseur für eine moderne Interpretation von Dämonen, die
George Shdanoff nach den Dostojewski Werken konzipierte. Diese Inszenie-
rung unterschied sich gravierend von den üblichen kommerziellen Broadway-
Produktionen und löste eine Furore aus. Sie brachte beinahe die New Yorker
Theatergemeinde zu einem heftigen Aufruhr. Es führte zum Anlass, dass die
renommierten amerikanischen Theaterschaffenden ein großes Interesse an
seine Methode bekamen und ihn im November 1941 zu einem Workshop einlu-
den. Es war auch der Beginn seiner großen pädagogischen Karriere in den USA,
wo Tschechow außerhalb seines eigenen Theater-Studios zahlreiche USA-
amerikanischen Theater- und FilmschauspielerInnen ausbildete.240
________________________________________
242
Vgl. Fedjuschin, Victor B., Rußlands Sehnsucht nach Spiritualität. Theosophie,
Anthroposophie, Rudolf Steiner und die Russen. Eine geistige Wanderschaft, Schaffhausen:
Novalis Verlag AG 1988, S. 297-298.
243
Vgl. Ashperger, Cynthia, The Rhythm of Space and the Sound of Time. Michael Chekhov‘s
Acting Technique in the 21st Century, Amsterdam - New York: Editions Rodopi B.V. 2008,
S. 65-67.
104
Michael Tschechow beginnt sein Buch To the actor mit folgenden Worten:
„This book ist the result of prying behind the curtain of the Creative Process –
prying that began many years ago in Russia at the Moscow Art Theater, with
which I was associated for sixteen years. […] In my capacity as actor,
director, teacher and, finally, head of the Second Moscow Art Theater, I was
able to develop my methods of acting and directing and formulate them into
a definite technique, of which this book is an outgrouth.“244
Auch 60 Jahre nach dem Tod dieses großen Mystikers und Zauberers der
Theaterbühne nimmt das Interesse an seiner Methode nicht ab. Im Gegenteil,
sie bleibt auch im 21. Jahrhundert mit einer steigenden Tendenz bei vielen
Theater- und Filmschaffenden hochaktuell. Weltbekannte SchauspielerInnen
wie Anthony Hopkins, Clint Eastwood, Jack Nicholson, Marisa Tomei, Anthony
Quinn oder Helen Hunt schwören auf die Techniken von Michael Tschechow
wie zum in dem Beispiel ,Psychologische Gebärde‘ (Psychological Gesture) zu
erkennen ist.245 Unzählige SchauspielerInnen des aktuellen Jahrhunderts
versuchen weltweit, in zahlreichen Workshops oder mehrjährigen
Ausbildungen die ,Geheimnisse‘ des Systems von Tschechow zu erlernen. Hier
stellen sich berechtigte Fragen: Was ist am System Tschechows so speziell?
Warum verlieren ihre Prinzipien mit der Zeit nicht an ihrer Aktualität? Was
macht sie so einzigartig?
Die Antwort auf diese Fragen muss man in einem universalen und zeitlosen
schöpferischen Potential suchen, das in der Natur jedes Menschen und
___________________________________
244
Michael Chekhov, TO THE ACTOR, London: Rouledge 2002, S. LI.
245
Vgl. ebd., S. XXV.
105
besonders jedes/jeder KünstlerIn vorhanden ist und nur, laut Tschechow, auf
ihre ,Entdeckung‘ und ,Entfaltung‘ wartet. Daher ist dieses Potential eine
unverzichtbare Grundlage jeder schöpferischen Arbeit, das mit den richtigen
Techniken erschlossen werden kann. Besonders in der Schauspielkunst ist es
wichtig, diese Kraftreserve ,anzapfen‘ zu können, da diese Kunst so sensibel
und von ihren einzigen Instrumentarien – Geist und Körper - abhängig ist.
Michael Tschechow als ein beispielhafter Vertreter seiner Zeit, die besonders
in der Moderne durch den Einfluss des metaphysischen Denkens geprägt war,
konnte in seiner Kunst durch eine besondere Haltung und Offenheit gegenüber
der Nutzung des schöpferischen ,inneren Potentials‘ einen direkten ,Zugang‘
zu diesem seelisch-geistigen Reservoir finden. In seiner langjährigen Suche
nach den Ursprüngen der Inspiration kam er dank seiner spirituell-
philosophischen Lebensanschauung zur Erkenntnis, dass in jedem/jeder
SchauspielerIn ein ewiger Kampf zwischen einem ,höheren‘ und einem
,niederen‘ ,Ich‘ stattfindet.246 Unter dem sogenannten ,niederen Ich‘
verstand Tschechow eine alltägliche Personalität, die sich in einem täglichen
Überlebungskampf durch Egoismus und Ehrgeiz mittels Körpersprache und
Emotionen äußert. Sie bildet und formt quasi von ,innen‘ das Physische und
Seelische eines Menschen aus. Wenn sich der/die SchauspielerIn nur von
diesem ,niederen Ich‘ bedient, kann er/sie sich ausschließlich in den
psychophysischen Grenzen der eigenen Person bewegen. Und dieser
ichbezogene Narzissmus, laut Tschechow, hat nichts mit einer echten
schöpfenden Bühnenkunst zu tun.247 Aus diesem Grund war es für den großen
Künstler des Theaters des 20. Jahrhunderts äußerst wichtig, die
entsprechenden universell wirkenden Techniken zu finden, welche der/die
SchauspielerIn von den Einschränkungen der eigenen Persönlichkeit befreien
und sie am Weg zu seinem/ihrem ,höheren Ich‘ begleiteten können, wo er/sie
__________________________________
246
Anm.: Hier spricht M. Tschechow zwei zentrale Begriffe der Anthroposophie - >>Niederes<<
und >>Höheres Ich<<, die gegenüber einander als ein alltägliches EGO und eine höhere
Bewusstseinsstufe stehen.
247
Vgl. Čechov, Michail A., Leben und Begegnungen. Autobiographische Schriften. Aus dem
Russischen von Thomas Kleinbub, Stuttgart: Urachhaus Johannes M. Mayer GmbH 1992,
S. 269.
106
„Es erweitert und bereichert sich. Sie fangen an, in sich drei, in gewissem
Maß voneinander unabhängige Wesenheiten, sozusagen drei
Bewusstseinsstufen zu unterscheiden. Jeder davon kommen bestimmte
Wesensmerkmale und besondere Aufgaben im schöpferischen Prozess zu. Mit
Ihren seelischen Regungen, mit Körper, Stimme und der Fähigkeit zur
Bewegung sind Sie ja selbst das >>Material<<, das Sie für die Realisierung
Ihrer künstlerischen Gestalten brauchen. >>Material<< können Sie indessen
nur werden, wenn der schöpferische Impuls die Herrschaft über Sie ergreift,
d.h. wenn Ihr höheres >>ICH<< aktiviert wird. Es nimmt das >>Material<< in
Besitz und verwendet es für die Verwirklichung seiner künstlerischen
248
Intention.“
__________________________________
248
Čechov, Michail A., Die Kunst des Schauspielers, Stuttgart: Urachhaus 1990, S. 121-122.
249
Vgl. Ashperger, Cynthia, The Rhythm of Space and the Sound of Time. Michael Chekhov‘s
Acting Technique in the 21st Century, Amsterdam - New York: Editions Rodopi B.V. 2008,
S. 3-4.
107
,mitfühlende/r SchöpferIn‘ zwischen der Rolle und dem eigenen ,höheren Ich‘
auf der Bühne agiert.250 Somit ist das Konzept des schöpferischen Aktes von
Michael Tschechow eine praktische und umsetzbare Antwort sowohl auf die
paradoxe, kunstphilosophische These von Dennis Diderot über dem ,kalten
Schauspieler‘, sowie auch auf den philosophischen Entwurf des
Schauspielkunst-Systems des ,Dreisprung‘ von Heinrich Rötscher.
_______________________________
250
Vgl. Čechov, Michail A., Leben und Begegnungen. Autobiographische Schriften. Aus dem
Russischen von Thomas Kleinbub, Stuttgart: Urachhaus Johannes M. Mayer GmbH 1992,
S. 269 - 270.
251
Ebd., S. 269.
252
Vgl. Trobisch, Stephan Walter, Theaterwissenschaftliche Studien zu Sinn und
Anwendbarkeit von Verfahren zur Schauspiel-Ausbildung (mit einer besonderen
Berücksichtigung der Lehr- Methoden von Richard Boleslavsky, Lee Strasberg, Uta Hagen
und Michael Tschechow), Dissertation: Universität Wien 1987,S. 70.
108
So wie die Yogis versuchen, mit dieser Übung ihren Geist zu neutralisieren,
um in einen meditativen Zustand entgleiten zu können, bereitet auch Michael
Tschechow mit dieser Technik den/die SchauspielerIn zu einem komplexen
Prozess der Imagination. Was versteht Tschechow unter Imagination? In erster
Linie nicht als eine Art der Gehirntätigkeit, wo versucht wird, rein photogra-
phisch die Dinge nachzuahmen bzw. zu kopieren, sondern er schlägt vor, sich
auf eine phantasievolle Reise zu ,begeben‘, um die Grenzen der sinnlichen
Wahrnehmung überwinden zu können.255
_______________________________
253
Vgl. Čechov, Michail A., Die Kunst des Schauspielers, Stuttgart: Urachhaus 1990, S. 13-24.
254
Muktibodhananda, Swami. Hatha Yoga Pradipika. Light on Hatha Yoga. New Delhi: Thomson
Press 2006, S. 208.
255
Vgl. Čechov, Michail A., Die Kunst des Schauspielers, Stuttgart: Urachhaus 1990, S. 15.
109
„Wollte ein moderner Schauspieler den alten Meistern seine Zweifel an dem
Eigenleben ihrer Schöpfungen mitteilen, so würden sie ihm antworten: >> Du
irrst dich in dem Glauben, du könntest ausschließlich aus dir selbst heraus et-
was schaffen. Dein materialistisches Zeitalter hat dich gar zu dem Gedanken
verführt, dein Werk sei ein Produkt deiner Gehirntätigkeit. Und das nennst du
Inspiration? Unsere Inspiration hat uns über die Grenzen der sinnlichen Wahr-
nehmung hinweg geleitet. Sie hat uns aus der Enge des Persönlichen heraus-
gebracht. […] Wir sind bei der Verfolgung unserer Gestalten in neue, uns
bisher unbekannte Sphären vorgedrungen. Für uns sind Schaffen und Erkennen
eins!<<“256
mit den anderen Techniken – wie zum Beispiel mit der ,Erschaffung der
Atmosphäre‘, der ,Psychologischen Gebärde‘ sowie speziellen
anthroposophischen Übungen mit Lauten und Sprachen – vorbereiten. Da die
genaue Beschreibung von diesen komplexen Techniken den Rahmen dieser
Arbeit sprengen würde, wird hier nur versucht, kurz auf die Prinzipien von
diesen vielschichtigen Techniken einzugehen, um in erster Linie ihre
Verkoppelungen mit den anthroposophischen Praktiken und anderen
metaphysischen Phänomenen festzustellen.
Der Atmosphäre räumt Tschechow eine große Bedeutung ein, da sie als eine
Art des imaginären Raumes ein Fundament aller anderen szenischen Prozesse
darstellt. Für Tschechow bedeutet die Atmosphäre nicht das szenische
Hörbare oder Sichtbare, sondern ist eine eigene faszinierende und packende
Welt einer ,Bühnenzauberei‘.259 Daher ermutigt er den/die SchauspielerIn,
aktiv diese Kraft des theatralischen Geschehens zu erkennen und
anzuwenden:
„Sie brauchen diese Theateratmosphäre. Sie gibt ihnen die Kraft und die
Inspiration für die Zukunft. In ihr fühlen sie sich als Künstler, selbst wenn der
Zuschauerraum leer ist und auf der nächtlichen Bühne Dunkelheit
260
herrscht.“
____________________________________
259
Vgl. Čechov, Michail A., Die Kunst des Schauspielers, Stuttgart: Urachhaus 1990, S. 25.
260
ebd., S. 25-26.
111
„ >>A<<, >>E<<, >>I<<, >>O<< und >>U<< sind selbständige Einzelwesen mit
einer individuellen Seele und einem Lautgehalt, der ihnen allein gehört. All
diese Individualitäten wirkten über Jahrtausende hinweg auf den Menschen
ein und gaben seinem Sprechapparat Gestalt. Sie alle lebten in der Umgebung
264
des Menschen und suchten Ausdruck durch die menschliche Sprache.“
„Besondere Hilfe leisteten mir die theologischen Werke, die durch die geistes-
wissenschaftlichen Forschungen Rudolf Steiners ins Leben gerufen worden wa-
ren. […] Ich begann nachzudenken, wie die Geste, die so stark auf die Seele
wirkt, in der Theaterkunst angewendet werden kann. Und ich sah: jedes
Theaterstück, jede Bühnengestalt, Kostüm, Dekoration, Sprache (durch die
Geste der Eurythmie), mit einem Wort: alles was der Zuschauer auf der Bühne
sieht und hört, kann man wie eine lebende, erregende >Geste< mit ihren
>Eigenschaften< gestalten, deren Kombinationen dem Theaterstück und dem
Spiel des Schauspielers eine kompositionelle Harmonie geben können“ 265
Michael Tschechow strebte sein ganzes Leben in der Kunst nach einem – wie
er es nannte - ,Theater der Zukunft‘. Damit meinte er ein Theater, das von
den Zwängen des Materialismus befreit und voller Poesie, Fantasie und
schöpferischer Energie durchtränkt ist. Der/die SchauspielerIn soll in dieser
Formation eine zentrale Rolle übernehmen und als ein lebendiger Motor – der
imstande ist, die gesamte metaphysische Wirklichkeit auf die Bühne zu ziehen
– mit seiner/ihrer schöpferischen Energie eine Inszenierung zum Leben selbst
erheben.
“ Es gibt immer ein gewisses <<Was>>, das Stück ist das <<Was>>, und wir
müssen unsere Rollen als <<Was>> angehen. In der Wissenschaft ist alles
<<Was>>. Bei diesem <<Was>> eröffnen sich zwei Wege. Der eine führt zum
<<Warum>> und ist eine reine Wissenschaft. […] Der andere Weg ist das
<<Wie>>, und er ist der richtige für uns als Schauspieler. […] Wenn Sie fragen,
wie ich wissen kann <<wie>> etwas zu tun ist, wenn ich nicht <<warum>>
weiss, antworte ich, das sei eine sehr materialistische Frage, denn <<wie>>
ist das Geheimnis der Kunst, das Geheimnis des Künstlers, der immer das
<<Wie>> weiss – ohne Erklärung, ohne Beweis, ohne Analyse oder psychologi-
sche Fähigkeiten. […] Wir müssen alle nur möglichen Versuche unternehmen,
um diese Beschränkungen unserer professionellen Arbeit zu durchbrechen.
Das <<Wie>> ist unsere Angelegenheit und das <<Warum>> diejenige der Wis-
senschaftler.“ 268
____________________________________
268
Tschechow, Michael, Lektionen für den professionellen Schauspieler, Nach Notizen
transkribiert und zusammengestellt von Deirdre Hurst du Prey, Köln/Berlin: Alexander
Verlag 2013, S. 144-145.
115
United States:
1. MICHA, the Michael Chekhov Association (NYC).
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2. Actors Movement Studio (NYC).
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3. Chekhov Studio International (LA).
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4. Michael Chekhov Actors Studio Boston’s (Boston).
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5. Great Lakes Michael Chekhov Consortium
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CANADA
6. University of Toronto
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IRLAND
7. The National Theatre School/The Gaiety School of Acting
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8. Michael Chekhov Studion (Dublin).
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116
UK
9. Michael Chakhov UK
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DEUTSCHLAND
10. Michael Chekhov Europe e.V. (Frankfurt a.M.)
[Link]
11. Michael Tschechow Studio Berlin
[Link]
117
6. Schlusswort
In dem Einführungsteil meiner Diplomarbeit habe ich die These gestellt, dass
die Schauspieltheorie und die Methoden des russisch-US-amerikanischen
Schauspielers, Regisseurs, Theatertheoretikers - Michael Tschechow - die Idee
des Konzeptes ,Kunstreligion‘ vertritt und als ein beispielhafter Repräsentant
dieses kunsthistorischen Phänomens der europäischen Moderne zu betrachten
ist.
Aus dieser These heraus habe ich mich zu Beginn meiner Arbeit mit der
Forschungsfrage zum Phänomen der ,Kunstreligion‘ auseinandergesetzt. Es
war mir sehr wichtig, im 2. Kapitel der Arbeit den sozial-ökonomischen,
politischen sowie kulturellen Hintergrund dieses Phänomens zu untersuchen,
um die historischen Ursachen und Zusammenhänge aus der globalen
gesellschaftlichen Perspektive zu ergründen. Infolge meiner Untersuchungen
bin ich zur Erkenntnis gekommen, dass die Wurzeln dieses Phänomens der
Moderne tief in den vergangenen Jahrhunderten liegen und mit dem
Säkularisierungsprozess, der seit der Epoche der Aufklärung die gesamte
europäische Gesellschaft ergriffen hat, verbunden sind. Im Laufe meiner
Analyse hat sich herausgestellt, dass die europäische Gesellschaft trotz dem
Vormarsch des materialistischen Denkens im 18. und besonders im 19.
Jahrhundert nicht bereit war, ihre metaphysische Grundfeste aufzugeben.
Aufgrund dieses unbewussten Verlangens nach einer verlorengehenden
geistigen Führung wurde es möglich, dass die unterschiedlichen
(Ersatz)Religionen ihre gesellschaftliche Akzeptanz erlangt haben. Auch die
Kunst der Moderne übernahm mit voller Entschlossenheit die Funktion eines
Ortes der Offenbarung, wo den Menschen neben den zahlreichen anti-
materialistischen Konzepten die transzendenten Erlebnisse angeboten
wurden. Die Kunst als ,Kunstreligion‘ stellte den Anspruch auf ihre Rolle des
geistigen Vermittlers und erhob den/die KünstlerIn zu einem unabhängigen
Schöpfer, dessen Kunstwerke als Manifestation der intuitiven Offenbarung
eingestuft wurden. Anhand von diesen Postulaten konnte man im Prozess der
118
Mit der weiteren Forschungsfrage meiner Arbeit, die auf den persönlichen und
künstlerischen Werdegang von Michael Tschechow ausgerichtet war, habe ich
im 3. Kapitel die künstlerische Entwicklung dieses Schauspiel-Genies des 20.
Jahrhunderts analysiert und festgestellt, dass Tschechow als Vertreter seiner
Epoche eine beispielhafte und große persönliche Entwicklung von einem
überzeugten Materialisten zum Anhänger einer spirituellen Gesinnung
durchgemacht hat. Dieser persönliche Wandlungsprozess schlug sich auf seine
Entwicklung als Künstler nieder und mündete in einem metaphysisch
ausgerichteten Schauspielsystem, das er infolge seiner zahlreichen
Theatererfahrungen und metaphysischen Forschungen entwickelt hat.
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URL: [Link] (Stand: 30.05.2014).
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125
A.I. Abstrakt
Das Konzept der ,Kunstreligion‘ vertrat die These der neuen Religiosität, die
sich mit der zunehmenden Säkularisierung der europäischen Gesellschaft um
die Jahrhundertwende (1900) entwickelt hat. In diesem Zusammenhang stellte
sich die Kunst als eine (Ersatz)Religion zur Verfügung und übernahm die Rolle
eines transzendenten Vermittlungsortes. Der/Die KünstlerIn wurde im Prozess
der vollkommenen Befreiung von allen gesellschaftlichen Konventionen zum
eigenständigen Schöpfer erhoben, der in dem freigewordenen künstlerischen
Raum eine neue und eigenständige (Erstaz)Realität zu kreieren begann.
[Link] Abstract
The idea Art As Religion proclaims the thesis of the new religiousness that
was developed with the increasing secularization of the European society
around the turn of the century (1900). The context of it is that the art
substitutes religion and accepts the role of the transcendent sanctuary. The
artist frees himself from all social bonds, grows up to the level of Creator and
can produce his own independent reality.
[Link] LEBENSLAUF
Ausbildung
1981 Abschluss der Mittelschule/ Matura (UdSSR)
1986 Abschluss des Schauspielstudiums/ Moskauer Staatsinstitut für
Theaterkunst
1991 Beginn der Übersetzer- und Dolmetscherausbildung/ Uni Wien
(1994 - wegen der Berufstätigkeit abgebrochen)
2001 Beginn des Studiums/ Publizistik – und Kommunikationswissenschaft
Theaterwissenschaft/Uni Wien
2008 Diplomstudium Theater-, Film und Medienwissenschaft/Uni Wien