Dipl
Dipl
Universität Szeged
Diplomarbeit
Dozent: Dr. Katona Tünde
Verfasserin
Sámi Anna Krisztina
1
Inhaltverzeichnis
1. Einleitung...........................................................................................................................3
2. Überlieferung, Ursprünge des Nibelungenlieds.................................................................4
2.1 Geschichtlichkeit des Textes............................................................................................6
2.2 Handschriften...................................................................................................................9
2.3 Die Gattung, Gattungsfragen........................................................................................13
2.4 Die politische Verhältnisse im Reich um 1200..............................................................14
3. Das Epos, Epik.................................................................................................................14
3.1 Mythos und Märchen.....................................................................................................14
3.2 Minne und Myhos..........................................................................................................15
3.3 Das Beziehungsgeflecht.................................................................................................15
3.4 Siegfried.........................................................................................................................15
3.5 Drache und Jungfrau......................................................................................................18
3.6 Höfische Verhaltung mythische Einfluss.......................................................................18
3.7 Brünhild..........................................................................................................................18
4. Zusammenfassung Öszefoglaló.....................................................................................18
5. Ehrenwörtliche Erklärung................................................................................................19
6. Literaturverzeichnis..........................................................................................................20
6.1. Primärliteratur..........................................................................................................20
6.2. Sekundärliteratur......................................................................................................20
2
1. Einleitung
Ich habe mich schon immer dafür interessiert, Ereignisse wie Hochzeiten oder ritterliches
Verhalten in der mittelalterlichen höfischen Literatur zu analysieren. Deshalb wollte ich
meine Kenntnisse über die mittelhochdeutsche Dichtung vertiefen. Besonders faszinierend
finde ich das romantisierte Mittelalter mit seinen ursprünglichen Lebensformen, sozialen
Strukturen, Kreuzzügen und der Hexenverfolgung. Die höfischen und archaischen Elemente
von dem Nibelungenlied ist ein häufig diskutiertes Thema. Es gibt sehr viele
Wissenschaftlichen Arbeiten, die den gegenseitigen Einfluss von heroischen Sagen und
höfische Kultur analysieren.
Diese Arbeit befasst sich mit dem Nibelungenlied und gliedert sich in zwei Hauptteile. Der
erste Teil behandelt den literaturgeschichtlichen sowie Ursprünge, Gattung theoretischen
Hintergrund, während der zweite eine detaillierte Analyse des Gedichts enthält.
Im ersten Teil wird der sozialgeschichtliche Kontext des Mittelalters sowie die in dieser Zeit
entstandene Literatur betrachtet. Dabei wird ein Blick auf die historischen und politischen
Ereignisse geworfen, unter deren Einfluss das Nibelungenlied entstand.
Ein zentraler Untersuchungsaspekt ist die Autorenschaft: Wer verfasste das Gedicht, und
welche Ideologien und Ideale spiegeln sich darin wider? Der mündlich überlieferte Mythos
um die Nibelungen, die Burgunder und Siegfried wirft viele Fragen auf. Warum verhalten
sich die Protagonisten und Nebenfiguren des Epos genauso, wie sie es tun? Welche Absichten
und Motive stehen hinter der Schreibweise des Verfassers?
Aufbauend auf diesen literaturgeschichtlichen Überlegungen wird der erste, eher theoretische
Teil der Arbeit auch gattungstheoretische Aspekte behandeln. Hierbei erfolgt zunächst eine
kurze Einführung in die Entstehung der epischen Gattung und ihre spezifischen Merkmale,
um anschließend ihre Besonderheiten im Nibelungenlied herauszuarbeiten.
Es wird in dieser Arbeit auch die Entwicklung in der mittelhochdeutschen Dichtung die
Umwandlung germanischer Heldenfiguren in höfische Persönlichkeiten näher untersucht.
Letztlich lädt diese Auseinandersetzung mit dem Mittelalter dazu ein, sich auf eine
literarische Zeitreise zu begeben, in eine Welt voller Mythen und Legenden – eine Welt, die
es ermöglicht, für einen Moment die moderne Realität hinter sich zu lassen. Dabei nehmen
3
wir an einer jahrhundertelangen Arbeit am Mythos teil, die von historischen und
gesellschaftlichen Bedingungen geprägt ist.
Das Nibelungenlied ist ein faszinierendes Werk, das die mündliche Tradition mit schriftlicher
Literatur verbindet, das sowohl von archaischer Heldendichtung als auch von höfischer
Kultur geprägt ist.
Das Gedicht spielt auf zwei Ebenen, von denen eine den Untergang der Burgunder behandelt
– ein zentrales Ereignis, das historisch bis in die Zeit der Völkerwanderung im 5. Jahrhundert
zurückreicht. Vor über 800 Jahren war dieses Thema ein fester Bestandteil höfischer
Unterhaltung.
Otfried Ehrismann konstatiert, dass der Verfasser des Epos im 12. Jahrhundert einen Mythos
verarbeitete, der von den Regeln, Bedingungen der feudalen Gesellschaft des
Hochmittelalters geprägt ist. 1
Das Epos erzählt von heldenhaften Kriegern, schönen Frauen, Liebe, Verrat, Eifersucht und
Treue – Motive, die bis heute in Filmen und Geschichten unserer Zeit lebendig sind.
Otfried Ehrismann schreibt, dass die Sage, die Atli betrifft, findet man außer dem
Nibelungenlied in der Dietrichssage und zahlreichen Liedern wie Ältere Atlilied, codex
Regius der Älteren Edda, eine Prosa-Nacherzählung der Eddalieder. Das Atlilied zeigt, dass
Träume als Botschaften des Schicksals verstanden wurden, wenn sie nicht beachtet werden,
kommt es zur Katastrophe. Frauen in der nordischen Mythologie haben oft prophetische
Träume, in denen sie das kommende Unglück sehen. Zum bei Spiel die Szene aus dem
Atlakviða (dem Atli-Lied) der Poetischen Edda, in dem Gudrun, die Frau von Atli einen
bösen Traum hat. Sie ahnt das kommende Unglück: Sie träumt von einer großen Gefahr für
1
Ehrismann, Otfried (2002): Nibelungenlied: Epoche- Werk- Wirkung. 2., neu bearb. Auflage. München: Beck-
Verlag 2002 (= Arbeitsbücher zur Literaturgeschichte). (S. 10)
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ihre Brüder Gunnar und Högni, wenn sie Atli besuchen. Sie warnt ihre Brüder, aber die
Brüder nehmen die Warnung nicht ernst und gehen trotzdem zu Atli, der tötet die Brüder. Das
Atlilied zeigt die Themen Rache, Verrat und grausames Schicksal. Es ist ein typisches
Beispiel für die Geschichten der nordischen Mythologie, in denen es allgemein um belegte
Schätze und blutige Familienfehden geht. Högni stirbt grausam, als ihm das Herz
herausgeschnitten wird. Gunnar wird in eine Schlangengrube geworfen. Gudrun, die Atli
eigentlich nicht liebt, will Rache für ihre Brüder. Sie tötet ihre eigenen Söhne, die sie mit Atli
hat, kocht ihr Fleisch und setzt es Atli als Mahl vor. Erst nachdem er es gegessen hat, sagt sie
ihm, dass er seine eigenen Kinder gegessen hat. Gudrun tötet Atli im Schlaf, indem sie ihn
ersticht. Danach setzt sie sein Haus in Brand, sodass alle in den Flammen sterben. Es greift
auch das Atreus-Motiv auf, bei dem jemand unwissentlich seine eigenen Kinder isst – genau
wie in der griechischen Mythologie mit Atreus und seinem Bruder Thyestes. Der Epiker
verarbeitet einen aus skandinavischen Quellen stammenden Mythos.2
Die gemeinsame Sage, die alle vier Werke verbindet, ist die Geschichte von Atli (Attila) und
den tragischen Konflikten und Racheakten, die zwischen den Hauptfiguren auftreten. Diese
Erzählungen teilen Motive wie familieninternen Konflikten, die zu tragischen Enden und dem
Untergang von Reichen führen. Auch die Vater-Sohn-Konflikte und die
Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Generationen sind in allen vier Werken
präsent.
In alle vier Werken finden wir gemeinsamen Motiven, die Namen unterscheiden sich
Krimhild heißt in Eddalieder Gudrun, für Siegfried steht Sigurd, für Etzel Atli, für Gunter
Gunnar, für Hagen Högni. Diese Texte wurden in christlicher Zeit verschriftet.
Der Nibelungenepiker befreit die Personen des Werkes nicht von dem mythischen und
heroischen Verhalten, er beschreibt eine höfisch und ein anderes barbarisch geprägtes
Verhalten, beide sind Erscheinungsformen einer eigen entwickelten Kultur.
Im 13. Jahrhundert suchten die von König Haakon V geführten Norwegen den Anschluss an
die höfische Kultur von Süden. Zeichnete ein Mann in Bergen die Geschichte Dietrichs von
Bern auf, wie er die Lieder und Erzählungen von Kaufläute gehört hatte. Gleichzeitig haben
dieselben Geschichten auch Männer aus Bremen, Münster erzählt.
2
Ehrismann, Otfried (2002): Nibelungenlied: Epoche- Werk- Wirkung. 2., neu bearb. Auflage. München: Beck-
Verlag 2002 (= Arbeitsbücher zur Literaturgeschichte). (S. 11 ff)
5
Dietrich von Bern ist ein legendärer Held, der oft mit der Nibelungensage verbunden wird. In
einem Kampf wird Sigurd von Dietrich besiegt. Danach wird Sigurd Ratgeber von König
Isung, einem weiteren Helden aus der Dietrich-Sage. In Weritza, Gunnars Königreich heiratet
Sigurd und Grimhild. Gunnar wird Brünhild heiraten. Brynhild ist misstrauisch, weil ihr
Sigurd einst die Ehe versprach. In der Hochzeitsnacht fesselt sie Gunnar und knüpft ihn an
ein Seil, weil sie ihn für zu schwach hält. Sigurd zähmt sie, er nimmt ihr den Gürtel und Ring
als Zeichen seines Sieges. Brünhild sinnt mit Högni auf Rache. Auf einer Jagd ersticht Högin
Sigurd. Grimhilds Rache hat viele Ähnlichkeiten mit dem Nibelungenlied, aber es gibt auch
viele Unterschiede in den Details. Die Geschichte ist ähnlich, aber einige Ereignisse oder
Personen anders dargestellt sind. Wie die Ereignisse um Sigurd und die Rache von Grimhild
zeigen Parallelen zu den Erzählungen im Nibelungenlied. Der Kampf zwischen Sigurd und
Dietrich, die Rolle von Brynhild und Högni sind Themen, die in dieser Heldenepik behandelt
werden.
Die Szene findet sich in einer Sammlung von mittelalterlichen Erzählungen, Heldenlieder
über Dietrich von Bern (oft mit Theoderich dem Großen identifiziert) und seine Gefährten,
die in einem ähnlichen kulturellen Kontext wie das Nibelungenlied entstanden sind.
Von Otfried Ehrismanns Analyse kommt zu dem Schluss, dass in der Forschung
unterschiedliche Meinungen darüber es gibt, wie das Verhältnis zwischen Lied (z. B. die
Edda-Lieder) und Saga (die erzählenden altnordischen Prosatexte) zu bewerten ist. Die Saga
übernimmt märchenhafte Elemente, die im Lied nicht unbedingt vorkommen. Gleichzeitig
bewahrt die Saga ältere, "barbarische" Motive (wahrscheinlich bezieht sich auf vorchristliche
Themen, Darstellungen von Gewalt und Ehre), mit deren Kenntnisse der Verfasser rechnen
muss3. Im Nibelungenlied wird die höfische Welt, die von Zivilisation geprägt ist, durch
emotionale Kontrolle gekennzeichnet, während die barbarische Welt sich durch Spontanität
und Rohheit auszeichnet. Der Autor verarbeitet einen Mythos, der teilweise aus
skandinavischen Quellen stammen.
Es wird oft angenommen, dass das Hildebrandslied und das Nibelungenlied ähnliche
Ursprünge haben und dass sie aus einer gemeinsamen mündlichen Tradition hervorgegangen
sind. Beide Lieder wurden durch mündliche Überlieferung verbreitet und über Jahrhunderte
hinweg immer wieder erzählt, bis sie schließlich niedergeschrieben wurden.
3
Ehrismann, Otfried (2002): Nibelungenlied: Epoche- Werk- Wirkung. 2., neu bearb. Auflage. München: Beck-
Verlag 2002 (= Arbeitsbücher zur Literaturgeschichte). (S. 20 ff)
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2.1 Geschichtlichkeit des Textes
Der Nibelungenmythos hat reale historische Wurzeln, insbesondere im Untergang der
Burgunder. Über die Jahrhunderte wurde die Sage mit weiteren historischen Ereignissen
verknüpft und schließlich in verschiedenen literarischen Werken festgehalten.
Aus Otfried Ehrismanns Beschreibung erfahren wir, dass der historische Kern der Sage die
Vernichtung des Burgunden Reiches von Worms um 436 durch den römischen Hof mit Hilfe
hunnischer Truppen sei. Das Hildebrandslied (frühes 9. Jahrhundert) ist die älteste bekannte
literarische Aufzeichnung aus dieser Epoche. Viele Lieder dieser Art sind verloren gegangen.
Im 13 Jahrhundert forderte das Publikum von Marner, einem Sänger, ein Lied über
Kriemhilds Verrat an ihren Brüdern. Später griff der zum weltlichen Klerus gehörenden
Bamberger Lehrer Hugo von Trimberg in seinem Epos „Der Renner“ diese Geschichte auf
und erzählte von „Kriemhilden Tod“. Manchmal wurde der Wunsch nach einem Lied über
Siegfrieds Abendteuer laut. Ein Lied über Siegfrieds Tod wurde im 16. Jahrhundert
aufgezeichnet, doch die Ursprünge dieses Liedes reichen bis ins 13. Jahrhundert zurück.
Zur Zeit des Verfassers des Nibelungenliedes gab es weitere Nibelungenerzählungen, die
unabhängig von der Rezeption des Nibelungenliedes existierten. Diese Erzähltraditionen
waren eng mit der germanischen Erinnerungskultur verbunden. Ein Beispiel für diese
Verbindung ist die Figur Hagen, der in den norwegisch-isländischen Texten als Verwandter
der Königsfamilie dargestellt wird. Sein Vater wird dort Gibich genannt, was dem nordischen
Namen Gjuki entspricht. Diese verschiedenen Erzähltraditionen konnten sich überschneiden.
So erscheint die Figur Gibich nicht nur in späteren Dichtungen wie dem „Der Rosengarten zu
Worms“, sondern auch in bestimmten Handschriften. „Der Rosengarten zu Worms“ ist eine
mittelalterliche Dichtung, die mit dem Nibelungenstoff verwandt ist. Es erzählt von einem
Kampf zwischen Siegfried und Dietrich von Bern sowie anderen Helden.
Die Wormser Nibelungentradition des späten Mittelalters knüpft wohl eher an diese
alternative Erzählgemeinschaft an als an das eigentliche Nibelungenlied. Ein Beispiel dafür
ist das Volksbuch „Von dem gehörnten Siegfried“, das im spätbarocken Stil als eine
angebliche Übersetzung aus dem Französischen präsentiert wird. Tatsächlich handelt es sich
7
jedoch um eine satirische Darstellung der modischen Kavaliersreisen des Adels und ihrer zur
Schau gestellten melancholischen Haltung.4
Otfried Ehrismann schreib, dass in diesem Kunstwerk ihre Spuren Burgunder, Hunne,
Franken, Goten, Beiern hinterließen. Hunnen hatten Ihr Reich an der Theiß, wo 441 Etzel
Alleinherrscher war. Der Ostgote Theoderich wuchs als Geisel im Oströmischer Hof
(Byzanz) und 488 führte er Kriege gegen Otacher (Odowaker), der damals germanischen
König war und usurpierte das weströmische Reich. Odowaker wurde ermordet und
Theoderich wurde 493-526 Herrscher in Italien. Diese Schlacht spielt in der Dietrichsage ein
zentrales Motiv und heißt „Rabenschlacht“. Sie steht symbolisch für den Untergang einer
Heldenwelt und für den ewigen Kampf zwischen Treue, Rache und Schicksal. Theoderich
versuchte einen Germanisches Bündnissystem aufzubauen, aber weil der Frankenkönig
Chlodwig selbst Herrscher in Westeuropa aufsteigen wollte, widersetzte sich Theoderichs.
Theoderich versuchte, eine Machtbalance zwischen den germanischen Reichen
aufrechtzuerhalten. Die religiösen Unterschiede (Arianer vs. Katholiken) verstärkten den
Konflikt. Der Stadt Verona gab ihm, dem Ditrich der Heldensage nach der allgemeiner
Konsens Seinen Beinamen von Bern. Dietrich von Bern wird als Held und König dargestellt,
der zahlreiche Abenteuer und Kämpfe besteht. Dietrich ist also die literarische oder legendäre
Figur, die oft mit Theoderich dem Großen (dem historischen Ostgotenkönig) assoziiert wird.
In den Heldensagen wie den Dietrichsagen, wird Dietrich als der große Held von Bern.
Die Epiker von Nibelungenlied erzählten, dass die Burgunden im 5. Jahrhundert ein Reich im
Mainz-Wormer Raum gründeten. Sie wollten ihr Herrschaft nach der römischer Provinz
Belgica ausdehnen, deswegen wurden sie 436 von Hunnen vernichtet.5
Otfrid Ehrismann geht davon aus, dass eine gute Theorie über das Nibelungenlied immer
auch die Leistung des Dichters berücksichtigen muss. Wer das Nibelungenlied erforscht, darf
nicht nur den Inhalt betrachten, sondern muss man auch überlegen, wie der Epiker selbst
gedacht hat und welche Vorstellungen von Kunst und Dichtung zu seiner Zeit herrschten. In
[Link] befinden wir uns literaturgeschichtlich in einem Übergang aus der
Mündlichkeit der Erzähltradition in eine organisierende Schriftlichkeit. Das Nibelungenlied
zu seiner Zeit wurde oft mit homerischen „Ilias“ verglichen. Otfried Ehrismann beschreibt
eine Debatte über die Entstehung des Nibelungenlieds und die Aufgabe der Textwissenschaft,
4
Ehrismann, Otfried (2002): Nibelungenlied: Epoche- Werk- Wirkung. 2., neu bearb. Auflage. München: Beck-
Verlag 2002 (= Arbeitsbücher zur Literaturgeschichte). (S. 22 ff)
5
Ehrismann, Otfried (2002): Nibelungenlied: Epoche- Werk- Wirkung. 2., neu bearb. Auflage. München: Beck-
Verlag 2002 (= Arbeitsbücher zur Literaturgeschichte). (S. 29 ff)
8
den ursprünglichen Text zu rekonstruieren. Der Gelehrte Karl Lachmann meinte, das
Nibelungenlied bestehe eigentlich aus mehreren kürzeren Liedern (ähnlich wie einzelne
Romanzen), die später zu einem großen Epos zusammengefügt wurden. Er identifizierte 20
solcher Lieder – jeweils 10 für die beiden Hauptteile des Werkes. Dabei stützte er sich auf die
Münchener Handschrift des Nibelungenlieds. Lachmann entfernte Strophen, die er für spätere
Ergänzungen hielt. Am Ende betrachtete er etwa die Hälfte des Gesamttextes als nicht
ursprünglich. Lachmanns Vorgehen war von der „klassizistischen Ästhetik“ (also einem
bestimmten Kunstverständnis seiner Zeit) beeinflusst. Jacob Grimm merkte an, dass die von
Lachmann identifizierten Lied-Einheiten oft eine Strophenzahl hatten, die durch 7 teilbar war.
Es gab andere Forscher, die an die einmalige Leistung eines einzelnen großen Dichters
glaubten, anstatt an Lachmanns Theorie von vielen kleineren Liedern. Zur Zeit des Forschers
Andreas Heusler (20. Jahrhundert) wurde diese Frage weitgehend als geklärt angesehen:
Viele akzeptierten, dass das Nibelungenlied eher das Werk eines einzelnen Dichters als eine
bloße Zusammenstellung einzelner Lieder war. Ob der Nibelungenepiker der erste
Verschrifter des Epos war, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Manche Forscher vermuten,
dass es bereits vor der um 1200 entstandenen höfischen Version schriftliche Aufzeichnungen
in einer anderen Form gab – etwa in Klöstern oder durchfahrende Sänger, die sich Notizen
machten. Beweise dafür gibt es aber nicht. Der Dichter des Nibelungenlieds hat vermutlich
verschiedene Quellen genutzt und daraus eine einheitliche Geschichte in höfischer Sprache
geformt. Ob er dabei schon vorhandene schriftliche Vorlagen hatte oder nur auf mündliche
Traditionen zurückgriff, bleibt unklar.6
2.2 Handschriften
Ohne diese Handschriften wäre das Nibelungenlied heute vielleicht verloren. Die
Unterschiede zwischen A, B und C zeigen, dass das Nibelungenlied nicht als fester,
unveränderlicher Text, sondern als eine lebendige Überlieferung existierte, die von
Schreibern an ihre jeweilige Zeit angepasst wurde.
Obwohl das Nibelungenlied schon vorher in mittelalterlichen Handschriften existierte, war es
über Jahrhunderte weitgehend in Vergessenheit geraten. Erst durch Bodmers Veröffentlichung
und literarische Studien im 18. Jahrhundert wurde es wieder bekannt.
Johann Jakob Bodmer spielte eine entscheidende Rolle bei der Wiederentdeckung des
Nibelungenliedes als literarisches Meisterwerk. Er entdeckte die Handschrift C des
Nibelungenliedes (aus dem 14. Jahrhundert) nicht direkt, sondern hatte Zugang zu einer
6
Ehrismann, Otfried (2002): Nibelungenlied: Epoche- Werk- Wirkung. 2., neu bearb. Auflage. München: Beck-
Verlag 2002 (= Arbeitsbücher zur Literaturgeschichte). (S. 35 ff)
9
Kopie dieser Handschrift, die zu dieser Zeit in der Hofbibliothek in Wien aufbewahrt wurde.
Seine Arbeit führte später dazu, dass sich Romantiker und Germanisten im 19. Jahrhundert
intensiv mit dem Nibelungenlied beschäftigten. Dadurch wurde es schließlich als deutsches
Nationalepos anerkannt. Ohne Bodmer wäre das Nibelungenlied vielleicht noch länger
unbekannt geblieben!
Johann Jakob Bodmer (1698–1783) und Karl Lachmann (1793–1851) beschäftigten sich
beide mit dem Nibelungenlied, aber in ganz unterschiedlichen Kontexten und Zeiten.
Johann Jakob Bodmer (18. Jahrhundert) – Der Wiederentdecker
Bodmer war einer der ersten, der das Nibelungenlied wieder bekannt machte. 1757
veröffentlichte er eine moderne Nacherzählung des Nibelungenlieds in Prosa, um es einer
breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Er sah das Werk als Beispiel für deutsche
Heldenepik und stellte es gegen französisch geprägte höfische Literatur.
Karl Lachmann (19. Jahrhundert) – Der Philologe gilt als der erste wissenschaftliche
Herausgeber des Nibelungenlieds. 1826 veröffentlichte er eine kritische Edition des Textes, in
der er die Handschriften A, B und C systematisch verglich. Er versuchte, durch eine
rekonstruktive Methode die ursprünglichste Fassung des Textes zu ermitteln. Seine
Forschung legte die Grundlage für die moderne Nibelungenlied-Philologie. Bodmer war der
erste, der sich mit einer Handschrift (C) beschäftigte und das Werk wieder bekannt machte.
Lachmann war der erste, der die Handschriften systematisch analysierte und wissenschaftlich
editierte. Friedrich August Wolf (1759–1824) war ein Vertreter der philologischen Methode
und hatte sich vor allem mit Homer beschäftigt. Er argumentierte, dass die homerischen Epen
ursprünglich aus einzelnen Liedern bestanden, die erst später zu einem zusammenhängenden
Werk vereint wurden. Diese Hypothese beeinflusste auch seine Sicht auf das Nibelungenlied.
Lachmann entwickelt Wolfs Methode weiter. Während Wolf die Liedertheorie primär auf
Homer anwandte, übertrug Lachmann sie konsequent auf das Nibelungenlied. Lachmanns
Arbeit wurde später selbst kritisiert, da neuere Forschungen zeigen, dass das Nibelungenlied
wahrscheinlich doch als einheitliches Werk konzipiert wurde. Dennoch bleibt sein Ansatz ein
wichtiger Meilenstein in der germanistischen Mediävistik. Adolf Holtzmann (1810–1870),
einen deutschen Germanisten, der sich intensiv mit dem Nibelungenlied beschäftigte. Er
vertrat eine Theorie, die sich von Lachmanns Liedertheorie unterschied. In seinem Werk
Untersuchungen über das Nibelungenlied (1854) entwickelte er die sogenannte Kern- und
Schalentheorie und argumentierte, dass das Nibelungenlied ursprünglich aus einem
historischen Kern bestand, der später mit literarischen und mythischen „Schichten“ überlagert
10
wurde. Sein Ansatz unterschied sich von Karl Lachmanns, der das Werk als eine Sammlung
von 20 einzelnen Liedern betrachtete.7
Die wichtigsten Handschriften wurden in St. Gallen, Wien und Berlin gefunden. Handschrift
C des Nibelungenliedes war eine der wichtigen mittelalterlichen Versionen, die das Gedicht
überlieferte. Sie war in der Hofbibliothek der Habsburger (heute Österreichische
Nationalbibliothek) aufbewahrt und befand sich dort bereits zu Beginn des 16. Jahrhunderts.
Bodmer nutzte sie vielmehr als eine Quelle, um Teile des Nibelungenliedes zu publizieren
und der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dank Bodmer und anderen Gelehrten
begann das Nibelungenlied im 18. Jahrhundert seine Wiederentdeckung und seine
Renaissance in der europäischen Literatur.
Die drei Handschriften stammen aus dem 13. Jahrhundert und sind die wichtigsten
Überlieferungen des mittelalterlichen Heldenepos. Sie weisen teils erhebliche Unterschiede
im Text auf, wobei B oft als die "ursprünglichste" und C als die "erzählfreudigste" Fassung
gilt.
Dass die drei Haupthandschriften des „Nibelungenliedes“ im Jahr 2009 von der UNESCO
zum Weltdokumentenerbe erklärt wurden, unterstreicht jedoch gerade auch ihre Bedeutung
auf übernationaler Ebene. In der germanistischen Mediävistik ist die Fokussierung auf die
angeblich wichtigsten Texte, auf die, Höhenkammliteratur
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Karl Bartsch (1832–1888) ist einer der ersten Philologen, der eine wissenschaftliche Ausgabe
des Nibelungenliedes erstellte. Seine Edition basierte auf Handschrift C, da diese besonders
vollständig ist. Er machte den Text für ein breiteres Publikum zugänglich und beeinflusste
spätere Editionen.
Helmut de Boor (1891–1976)- brachte eine maßgebliche kritische Ausgabe des
Nibelungenliedes heraus. Seine Edition basiert auf Handschrift B, die oft als die
"ursprünglichste" gilt. Er lieferte umfangreiche Analysen und Kommentare, die bis heute für
die Germanistik relevant sind.
Beide Forscher haben dazu beigetragen, den Text zu standardisieren und wissenschaftlich zu
erfassen. Ihre Arbeiten ermöglichen es, das Nibelungenlied in einer gut lesbaren Form zu
studieren. Sie halfen, den Text in der Literaturwissenschaft und im Schulunterricht zu
etablieren. Bis heute sind ihre Editionen Referenzwerke für die Forschung zum
Nibelungenlied.
12
Sie beginnt mit den wenigen Überlebenden des Nibelungenlieds, darunter Etzel (Attila),
Dietrich von Bern und Hildebrand.
Die Klage konzentriert sich nicht auf Heldentaten oder Rache, sondern auf die Trauer und
politische Konsequenzen der Geschehnisse.
Boten reisen durch die Länder, um den Tod der Burgunden (Günther, Hagen, Kriemhild usw.)
zu verkünden.
Besonders betont wird das Gedenken an die Verstorbenen sowie die Organisation der
Begräbnisse und Erbfolgen.
Die Klage ist keine Heldendichtung, sondern eher eine historische Reflexion und moralische
Betrachtung.
Der Ton ist ernster und weniger dramatisch als im Nibelungenlied.
Sie zeigt, dass die Gewalt und das Blutvergießen nicht einfach glorifiziert, sondern kritisch
betrachtet werden.
Sie ergänzt das Nibelungenlied und macht deutlich, dass das Epos nicht nur als Abenteuer-
oder Heldenlied, sondern auch als Tragödie verstanden werden kann.
Sie spiegelt eine mittelalterliche Verarbeitung von Gewalt und Verantwortung wider.
Sie zeigt, wie mittelalterliche Dichter mit den Konsequenzen von Heldensagen umgingen.
Trotz ihrer Bedeutung ist die Klage weit weniger bekannt als das Nibelungenlied, da sie keine
actionreiche Handlung, sondern eine eher reflektierende Perspektive bietet.
Die Lieder-Edda (auch Poetische Edda) wurde anonym überliefert und stammt vermutlich aus
dem 9. bis 12. Jahrhundert. Sie wurde um 1270 in einer Handschrift namens Codex Regius
auf Island niedergeschrieben. Snorri Sturluson (1179–1241) schrieb die Prosa-Edda (auch
Snorra-Edda genannt), ein Lehrbuch über die nordische Mythologie und Dichtung.
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Otfrid Ehrismann bietet in Nibelungenlied: Epoche – Werk – Wirkung (1987) einen
umfassenden Überblick über die historische und literarische Entstehungssituation des
Nibelungenlieds. Er beleuchtet die Vorgeschichte des Nibelungenstoffes, die handschriftliche
Überlieferung und analysiert zentrale Themen sowie die wichtigsten Akteure des Epos.
Zudem diskutiert er die wechselvolle Rezeptionsgeschichte des Werkes.
Beide Autoren tragen somit wesentlich zum Verständnis und zur Interpretation des
Nibelungenlieds bei, indem sie dessen historische Hintergründe, literarische Strukturen und
die Wirkungsgeschichte detailliert analysieren.
das Nibelungenlied ist ein Epos. Genauer gesagt, handelt es sich um ein mittelhochdeutsches
Heldenepos, das um 1200 verfasst wurde. Es gehört zur Gattung der höfischen Epik, weist
aber auch viele Elemente der älteren Heldendichtung auf.
Ein Epos ist eine erzählende Dichtung in Versform, die von großen Helden und ihren Taten
berichtet. Das Nibelungenlied erfüllt diese Merkmale, da es die Geschichte von Siegfried,
Kriemhild, Hagen und dem Untergang der Burgunder in kunstvoller, gereimter Form erzählt.
Es ist eines der bedeutendsten Werke der deutschen Literatur des Mittelalters und
vergleichbar mit anderen großen Heldenepen wie dem Beowulf oder dem Rolandslied.
2.4 Die politische Verhältnisse im Reich um 1200.
Das Nibelungenlied entstand zu einer Zeit, die von politischen Wirren im Reich geprägt war.
14
Zivilisation – und kann im Laufe einer Erzählung durch Läuterung und Integration
überwunden werden.
Die Entwicklung Siegfrieds zum höfischen Protagonisten im Nibelungenlied ist ein zentraler
literarischer Prozess: Der ursprünglich mythische, fast „wilde“ Held mit übermenschlichen
Kräften wird allmählich in die höfische Welt integriert und übernimmt deren Werte.
Siegfried wird im Nibelungenlied als eine mythische Figur mit Merkmalen eines
mythologischen Wesens dargestellt. Er hat übermenschliche Kräfte, gilt als nahezu
unverwundbar und wird als berühmter Drachentöter geschildert. Seine Unverwundbarkeit
erhält er, indem er im Blut eines von ihm getöteten Drachen badet; dadurch bildet sich auf
seiner Haut eine „Hornhaut“, die ihn fast unverwundbar macht.
Manche Forschung sieht in Siegfried Relikte uralter Mythen und heidnischer Vorzeit – etwa
Parallelen zu Götter- oder Heldenfiguren anderer Kulturen, auch wenn der konkrete Ursprung
der Figur unbekannt bleibt.
Siegfrieds „wilde“, fast tierhafte oder übernatürliche Seite zunehmend durch höfische
Tugenden und ritterliches Verhalten überlagert, wodurch aus dem mythischen Wesen mehr
und mehr eine Persönlichkeit des mittelalterlichen Ideals entsteht. den Heldenepen wie dem
Nibelungenlied bezeichnet Hornhaut eine magische, fast undurchdringliche Schutzhülle, die
außergewöhnliche Unverwundbarkeit verleiht und als Zeichen übermenschlicher Kraft gilt.
Diese „Hornhaut“ ist kein medizinischer Begriff, sondern ein literarisches Motiv:
Beispielsweise erhält Siegfried diese Eigenschaft, nachdem er im Drachenblut badet,
wodurch sein Körper – außer an einer kleinen Stelle – mit einer harten, schützenden Schicht
überzogen und für Waffen unverwundbar wird. Prüfung gesellschaftlicher Regeln: In den
Epen zeigt sich oft, dass auch diese Unverwundbarkeit Lücken hat (bei Siegfried das
Lindenblatt), was die Verwundbarkeit selbst außergewöhnlicher Helden und die Grenzen der
individuellen Stärke betont. Erzähltechnisches Mittel: Die Hornhaut dient als
Erklärungsmodell für „unbesiegbare“ Heldenfiguren und ist Teil der fantastischen
Ausstattung der Heldenerzählung, ähnlich wie Drachen oder Zaubergegenstände.
Das Motiv taucht dabei vor allem im deutschsprachigen Raum auf, teilweise ersetzt durch
magische Rüstungen bei anderen Figuren. Sie unterstreicht den dramatischen Kontrast
zwischen wilder, mythischer Herkunft und späterer Einbindung in die höfisch-zivilisierte
Welt.
3.2 Minne und Myhos
3.3 Das Beziehungsgeflecht
3.4 Siegfried
Siegfried stammt von königlicher Abstammung (Sohn von Siegmund und Sieglinde) und
erhält am Hof in Xanten eine sorgfältige, höfische Erziehung. Seine Jugend ist von
außergewöhnlicher Stärke, aber auch von edlem und sozialem Verhalten geprägt.
Trotz seines mythischen Ursprungs wächst Siegfried am Hof auf und erhält eine
standesgemäße Erziehung. Er eignet sich die Tugenden des Rittertums an: Tapferkeit,
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Anstand, Höflichkeit und Loyalität, Edelmut und höfisches Verhalten. Dieser
Transformationsprozess zeigt, wie die Heldenfigur gesellschaftlich gezähmt und in das
höfisch-zivilisierte System eingebettet wird.
Aus der dritte Avetiure erfahren wir, dass Siegfried Schilbung und Nibelung, die beiden
Königsöhne, besiegt, die nach dem Tod ihres Vaters den Schatz der Nibelungen erben. Sie
streiten sich aber über die Aufteilung. Daraufhin rufen sie Siegfried als unparteiischen
Richter, der allerdings selbst in den Konflikt verwickelt wird. In diesem Zusammenhang
besiegt Siegfried die Brüder und deren Gefolge.
Nach seinen Abenteuern – Drachentöten, Gewinn des Nibelungenschatzes, Erwerb der
Tarnkappe – begibt sich Siegfried an den Hof der Burgunden. Dort verhält er sich sofort
ritterlich: Er dient den Burgunderkönigen, insbesondere Gunther, als Vasall, Heerführer und
Berater – trotz seiner Überlegenheit sucht er nicht die offene Herrschaft, sondern integriert
sich freiwillig in die höfische Ordnung.
Er verkörpert Elemente eines fantastischen, wilden Wesens, das außerhalb der normalen
Gesellschaft steht. Seine Integration zeichnet sich durch Selbstdomestizierung aus – der
„wilde“ Drachentöter wird Vorbild ritterlichen Verhaltens
Obwohl Siegfried mythische Kräfte besitzt, bemüht er sich um angemessenes höfisches
Verhalten. Er respektiert die gesellschaftlichen Regeln, hilft etwa Gunther, Brünhild zu
gewinnen, ohne selbst im Vordergrund zu stehen. Seine Heirat mit Kriemhild ist nicht nur
Ausdruck von Liebe, sondern auch ein Akt höfischer Allianz und Integration.
Am Hof von Worms und später in Xanten führt er ein Leben nach höfischem Vorbild – bis zu
seinem Tod bleibt er „das höfische Ideal eines Ritters“. Die Verwandlung Siegfrieds zum
höfischen Protagonisten ist kein Bruch, sondern eine Überformung der mythischen Wurzeln
durch die Normen des höfischen Lebens im Mittelalter: Der Drachenblut-Held wird zum
mustergültigen Vasallen, Ehemann und wahren Hofmann – und genau dadurch steigert sich
letztlich auch seine tragische Fallhöhe. Der Wandel der Heldenfigur im Nibelungenlied ist ein
zentrales literarisches Motiv – insbesondere am Beispiel Siegfrieds zeigt sich, wie im
mittelhochdeutschen Epos der ursprüngliche mythisch-wilde Held allmählich in einen
höfischen Idealritter überführt wird.
Das Epos transformiert Siegfried systematisch von diesem „wilden“ Helden zum höfischen
Idealritter.
Siegfried ist anfangs als Drachenkämpfer und Besitzer von Zauberobjekten (Tarnkappe,
Nibelungenhort) eine Gestalt der germanischen Heldensage, äußerlich durch die Hornhaut
und Taten als „wild“ und übermenschlich beschrieben.
Im Nibelungenlied wird Siegfried wächst am königlichen Hof auf, wo er Umgangsformen
und das Verhalten eines idealen Ritters [Link] nimmt höfische Rollen wahr, wird von allen
wegen seiner Tugenden geschätzt und ist erfolgreich in ritterlichen Spielen.
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Die Hornhaut hebt den Helden körperlich aus der normalen Menschlichkeit
(„menschenunmögliche Merkmale“), macht ihn exorbitant und verleiht ihm mythologische
Größe.
Der Dichter des Nibelungenliedes verbindet also die wilden, mythischen Elemente mit den
zeitgenössischen Werten des Rittertums: Aus dem unzähmbaren Helden mit magischer
Hornhaut wird eine Persönlichkeit, die alle Tugenden des höfischen Ideals verkörpert.
Gerade durch die vollständige Übernahme höfischer Werte und seinen Platz in der
Gesellschaft wird Siegfrieds Tod zum tragischen Höhepunkt. Das Epos macht sichtbar: Die
Heldenfigur ist weder völlig wild noch ausschließlich höfisch, sondern ein Ergebnis der
spannungsreichen Vermittlung beider Sphären.
Der Wandel der Heldenfigur im Nibelungenlied zeigt exemplarisch die literarische
Auseinandersetzung mit alten, mythischen Elementen und deren Umdeutung im Geiste des
höfischen Mittelalters. Aus einem „wilden“ Übermenschen entsteht eine Persönlichkeit, die
alle Werte der höfischen Welt verkörpert und deren Fall umso tragischer wirkt, weil sie zum
Muster der höfischen Gesellschaft geworden ist.
Die Sachsen und Dänen gelten als alte Feinde des Burgundenhofes in Worms. Im Kampf wird
Liudeger von Siegfried gefangen genommen. Ebenso nimmt Gernot den Dänenkönig
Liudegast gefangen. Nach der Schlacht werden beide Könige nach Worms gebracht. Dort
lässt König Gunther sie nach dem üblichen mittelalterlichen Ehrenkodex gegen ein Lösegeld
wieder frei. Dieser Sieg in der vierten Aventiure ist Siegfrieds erster großer öffentlicher
Kriegsdienst für die Burgunden. Er festigt dadurch seine Ehre, Ruhm und Anerkennung am
Hof in Worms. Politisch: Er beweist seine Loyalität gegenüber Gunther, was später wichtig
wird, als er um Kriemhilds Hand anhält. Es zeigt auch seine militärische Überlegenheit über
gleich zwei Königreiche.
In der fünfte Avetiure 271 ist es Pfingstmorgen, die Königinnen und Edelfrauen gehen in die
Kirche. Siegfried sieht Kriemhild zum allerersten Mal bewusst, in feierlichem Rahmen. Er
wird von ihrem Anblick tief bewegt – hier beginnt die eigentliche Liebesgeschichte.
Pfingsten ist in der mittelalterlichen Vorstellung nicht nur ein hoher kirchlicher Feiertag,
sondern hat mehrere Bedeutungsschichten. Pfingsten feiert die Herabkunft des Heiligen
Geistes (Apostelgeschichte). Es symbolisiert Erneuerung, Inspiration und göttliche Führung.
Für Siegfried: Sein Leben nimmt mit diesem Augenblick eine neue Richtung – seine Taten
bekommen nun ein Ziel (Kriemhild). Pfingsten galt im Mittelalter auch als „Liebes- und
Maienfest“: Frühling, Blütezeit, Hochzeitssaison. Dass Siegfried Kriemhild gerade am
Pfingstmorgen erblickt, legt nahe: ihre Liebe ist wie ein göttlich gesegneter Neubeginn, ein
Aufblühen. Die erste Begegnung geschieht in der Kirche, an einem heiligen Tag. Dadurch
wird ihre Beziehung von Anfang an mit einem Hauch von göttlicher Ordnung versehen, im
Gegensatz zu Siegfrieds früheren wilden Heldentaten (Drachenkampf, Schatzraub).
Kriemhild erscheint wie eine himmlische, fast unerreichbare Gestalt. Dramaturgisch trennt
Pfingsten den alten Siegfried (Held, Schatzräuber, Drachenbezwinger) vom neuen Siegfried
(ritterlicher Liebhaber, Diener einer Frau, höfischer Held). Es markiert also einen
Lebenswandel: vom ungebundenen Abenteurer zum Mann mit einem Ziel – Kriemhild.
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Der Pfingstmorgen in Aventiure 5, 271 symbolisiert Neubeginn, göttliche Segnung und das
Aufblühen einer heiligen Liebe. Mit dieser ersten Begegnung in der Kirche wandelt sich
Siegfrieds Lebensaufgabe: von Heldentaten im wilden Reich zur ritterlichen Werbung um
Kriemhild.
3.5 Drache und Jungfrau
3.6 Höfische Verhaltung mythische Einfluss
3.7 Brünhild
4. Zusammenfassung Öszefoglaló
Diese alten Texte faszinieren und geben wertvolle Einblicke in die Welt des Mittelalters. Sie
spiegeln die gesellschaftlichen Strukturen, Wertvorstellungen, Heldenideale und politische
Machtverhältnisse wider. Das Nibelungenlied etwa zeigt den Wandel von einer höfischen zu
einer kriegerischen Kultur.
Diese Werke gehören zum kulturellen Erbe Europas und haben spätere Literatur, Kunst und
Musik maßgeblich beeinflusst. Besonders das Nibelungenlied hatte eine große Wirkung auf
deutsche Identitätsvorstellungen und wurde oft rezipiert, etwa von Richard Wagner in seiner
Oper Der Ring des Nibelungen.
Mittelalterliche Handschriften sind für Linguisten wertvoll, da sie die Entwicklung der
deutschen Sprache und Dialekte nachzeichnen. Die Erforschung des Nibelungenlieds hilft
dabei, die Entwicklung des Mittelhochdeutschen zu verstehen
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5. Ehrenwörtliche Erklärung
Hiermit versichere ich, dass ich die vorliegende Arbeit selbständig und ohne die Verwendung
anderer als die angegebenen Hilfsmittel verfasst habe. Alle Stellen, die wörtlich oder
sinngemäß aus schriftlichen oder elektronischen Quellen übernommen wurden, habe ich
ordnungsgemäß unter Angabe der Quelle kenntlich gemacht.
Mir ist bewusst, dass im Falle einer falschen Erklärung die Arbeit „nicht ausreichend“
bewertet wird. Zudem erkläre ich mich damit einverstanden, dass meine Arbeit zum Zweck
eines Plagiats-Abgleichs in elektronischer Form gespeichert und versendet werden kann.
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6. Literaturverzeichnis
6.1. Primärliteratur
Das Nibelungenlied: Mittelhochdeutsch/ Neuhochdeutsch. Nach dem Text von Karl Bartsch
und Helmut de Boor, ins Neuhochdeutsche übersetzt und kommentiert von Siegfried Grosse.
Stuttgart: Reclam Verlag 1997
Das Nibelungenlied: Übersetzt, Eingeleitet und erläutert von Felix Genzmer: Stuttgart:
Reclam Verlag 1987
6.2. Sekundärliteratur
Ursula Schulze (2008): Das Nibelungenlied, Stuttgart: Reclam Verlag
Ehrismann, Otfried (2002): Nibelungenlied: Epoche- Werk- Wirkung. 2., neu bearb.
Auflage. München: Beck-Verlag 2002 (= Arbeitsbücher zur Literaturgeschichte).
Max Wehrli (1998): Literatur im deutschen Mittelalter, Eine Poetologische Einführung,
Stuttgart: Reclam Verlag
Die deutsche Literatur in Text und Darstellung. Mittelalter II herausgegeben von Otto F. Best
und Hans Jürgen Koch (1976): Reclam Verlag
Walkó György (1984): Nibelungok. Középkori költészet és európai valóság. Budapest:
Magvető Verlag
A Nibelung-ének. Ó-német hősköltemény übersetzt von Sász Károly. Máriabesenyő -
Gödölő: Attraktor Verlag 2004
Die Nibelungensage. Siegfrieds Leben und Tot. Krimhilds Rache. Dem mittelalterlichen
Nibelungenliede nacherzählt von alfred Carl Groeger. Husum, Nordsee: 137 Hamburger
Leseheft Verlag
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