Deutsch GK Q2 Böh, Bec, Rei September 2025
Thema: Aspekte der Entwicklung von Erzählstrategien in Romananfängen vom Epochenumbruch 19./20. Jh bis zur Moderne
Text: Rainer Maria Rilke Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge (1910)
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Rainer Maria Rilke Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge (1910)
Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge ist der Titel eines 1910 veröffentlichten Romans in Tagebuchform von Rainer Maria Rilke.
Das Werk besteht aus 71 Aufzeichnungen, die meist unverbunden aufeinander folgen. Seine äußere Form bildet das Tagebuch einer Figur
namens Malte. Man begegnet ihm in der Gestalt des 28-jährigen Tagebuchschreibers aus einem mit ihm aussterbenden Adelsgeschlecht,
der, nach dem frühen Tod der Eltern heimat- und besitzlos geworden, in Paris als Dichter zu leben versucht. Die Aufzeichnungen lassen sich
grob in drei Teile zusammenfassen: 1. Maltes Pariser Erlebnisse, 2. Maltes Kindheitserinnerungen und 3. Maltes Bearbeitung von
historischen Begebenheiten und Geschichten
11. September, rue Toullier.
So, also hierher kommen die Leute, um zu leben, ich würde eher meinen, es stürbe sich hier. Ich bin
ausgewesen. Ich habe gesehen: Hospitäler. Ich habe einen Menschen gesehen, welcher schwankte und
umsank. Die Leute versammelten sich um ihn, das ersparte mir den Rest. Ich habe eine schwangere Frau
5 gesehen. Sie schob sich schwer an einer hohen, warmen Mauer entlang, nach der sie manchmal tastete,
wie um sich zu überzeugen, ob sie noch da sei. Ja, sie war noch da. Dahinter? Ich suchte auf meinem Plan:
Maison d'Accouchement1. Gut. Man wird sie entbinden – man kann das. Weiter, rue Saint-Jacques, ein
großes Gebäude mit einer Kuppel. Der Plan gab an Val-de-grâce, Hôpital militaire2. Das brauchte ich
eigentlich nicht zu wissen, aber es schadet nicht. Die Gasse begann von allen Seiten zu riechen. Es roch,
10 soviel sich unterscheiden ließ, nach Jodoform3, nach dem Fett von pommes frites, nach Angst. Alle Städte
riechen im Sommer. Dann habe ich ein eigentümlich starblindes4 Haus gesehen, es war im Plan nicht zu
finden, aber über der Tür stand noch ziemlich leserlich: Asyle de nuit5. Neben dem Eingang waren die
Preise. Ich habe sie gelesen. Es war nicht teuer.
Und sonst? ein Kind in einem stehenden Kinderwagen: es war dick, grünlich und hatte einen deutlichen
15 Ausschlag auf der Stirn. Er heilte offenbar ab und tat nicht weh. Das Kind schlief, der Mund war offen,
atmete Jodoform, pommes frites, Angst. Das war nun mal so. Die Hauptsache war, dass man lebte. Das
war die Hauptsache.
Dass ich es nicht lassen kann, bei offenem Fenster zu schlafen. Elektrische Bahnen rasen läutend durch
meine Stube. Automobile gehen über mich hin. Eine Tür fällt zu. Irgendwo klirrt eine Scheibe herunter,
20 ich höre ihre großen Scherben lachen, die kleinen Splitter kichern. Dann plötzlich dumpfer,
eingeschlossener Lärm von der anderen Seite, innen im Hause. Jemand steigt die Treppe. Kommt, kommt
unaufhörlich. Ist da, ist lange da, geht vorbei. Und wieder die Straße. Ein Mädchen kreischt: Ah tais-toi, je
ne veux plus6. Die Elektrische rennt ganz erregt heran, darüber fort, fort über alles. Jemand ruft. Leute
laufen, überholen sich. Ein Hund bellt. Was für eine Erleichterung: ein Hund. Gegen Morgen kräht sogar
25 ein Hahn, und das ist Wohltun ohne Grenzen. Dann schlafe ich plötzlich ein.
Das sind die Geräusche. Aber es gibt hier etwas, was furchtbarer ist: die Stille. Ich glaube, bei großen
Bränden tritt manchmal so ein Augenblick äußerster Spannung ein, die Wasserstrahlen fallen ab, die
Feuerwehrleute klettern nicht mehr, niemand rührt sich. Lautlos schiebt sich ein schwarzes Gesimse vor
oben, und eine hohe Mauer, hinter welcher das Feuer auffährt, neigt sich, lautlos. Alles steht und wartet
30 mit hochgeschobenen Schultern, die Gesichter über die Augen zusammengezogen, auf den schrecklichen
Schlag. So ist hier die Stille.
Ich lerne sehen. Ich weiß nicht, woran es liegt, es geht alles tiefer in mich ein und bleibt nicht an der
Deutsch GK Q2 Böh, Bec, Rei September 2025
Thema: Aspekte der Entwicklung von Erzählstrategien in Romananfängen vom Epochenumbruch 19./20. Jh bis zur Moderne
Text: Rainer Maria Rilke Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge (1910)
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Stelle stehen, wo es sonst immer zu Ende war. Ich habe ein Inneres, von dem ich nicht wusste. Alles geht
jetzt dorthin. Ich weiß nicht, was dort geschieht.
35 Ich habe heute einen Brief geschrieben, dabei ist es mir aufgefallen, dass ich erst drei Wochen hier bin.
Drei Wochen anderswo, auf dem Lande zum Beispiel, das konnte sein wie ein Tag, hier sind es Jahre. Ich
will auch keinen Brief mehr schreiben. Wozu soll ich jemandem sagen, dass ich mich verändere? Wenn
ich mich verändere, bleibe ich ja doch nicht der, der ich war, und bin ich etwas anderes als bisher, so ist
klar, dass ich keine Bekannten habe. Und an fremde Leute, an Leute, die mich nicht kennen, kann ich
40 unmöglich schreiben.
Habe ich es schon gesagt? Ich lerne sehen. Ja, ich fange an. Es geht noch schlecht. Aber ich will meine Zeit
ausnutzen. [...]
Anmerkungen
1) Maison d'Accouchement Entbindungsanstalt
2) Val-de-grâce, Hôpital militaire Militärkrankenhaus mit dem Namen „Gnadental“
3) Jodoform stark riechendes Desinfektionsmittel
4) starblindes Haus starblind: eigentl. durch Augenkrankheit erblindet
5) Asyle de nuit Nachtasyl für Obdachlose
6) Ah tais-toi, je ne veux plus. Schweig, ich will nicht mehr.