Script Philipp
Script Philipp
Integrierter Kurs
für
Physiker, Mathematiker
und Informatiker
Prof. Dr. Reinhold Kleiner
Raum D6 P40
Physikalisches Institut: Experimentalphysik II
Auf der Morgenstelle 14
72076 Tübingen
kleiner@[Link]
Wintersemester 2002/2003
2
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 1
1.1 Raum, Zeit und Koordinatensysteme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1
1.2 Messung von Längen und Zeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
1.2.1 Messgenauigkeit und Messfehler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
1.2.2 Messung mittlerer und kleiner Abstände . . . . . . . . . . . . . . . 10
1.2.3 Messung großer Abstände . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13
1.2.4 Zeitmessung und Messung schneller Vorgänge . . . . . . . . . . . . 14
i
ii INHALTSVERZEICHNIS
3 Vielteilchensysteme 107
3.1 Dynamik zweier oder mehrerer Massenpunkte . . . . . . . . . . . . . . . . 107
3.1.1 Das dritte Newton’sche Axiom . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107
3.1.2 Gesamtimpuls, Schwerpunkts- und Relativbewegung . . . . . . . . . 109
3.2 Volumenintegrale . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117
3.3 Stöße zwischen zwei Körpern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127
3.3.1 Allgemeine Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127
3.3.2 Eindimensionale Stöße . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131
3.3.3 Nicht-zentrale Stöße . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 140
3.4 Der Virialsatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147
4 Rotationen 149
4.1 Drehung eines Koordinatensystems . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149
4.2 Zeitableitung im rotierenden Koordinatensystem . . . . . . . . . . . . . . . 157
4.3 Bewegungsgleichungen im rot. Koordinatensystem . . . . . . . . . . . . . . 161
4.4 Versuche zu Scheinkräften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165
4.4.1 Scheinkräfte im rotierenden Bezugssystem . . . . . . . . . . . . . . 165
4.4.2 Scheinkräfte im linear beschleunigten Bezugssystem . . . . . . . . . 177
Einleitung
In diesem Grundkurs über Physik, der die vormals getrennten Vorlesungen ”Experimen-
talphysik” und ”Theoretische Physik” integriert, wollen wir Sie mit grundlegenden physi-
kalischen Phänomenen vertraut machen und gleichzeitig die theoretischen Methoden zur
Beschreibung und zum Verständnis dieser Phänomene entwickeln. Wir werden dabei mit
so grundlegenden Begriffen wie ”Raum” und ”Zeit” beginnen und uns dann im Detail
der ”Mechanik” widmen, der Lehre von der Bewegung und der Verformung von Körpern
unter dem Einfluss unterschiedlicher Kräfte.
1
2 KAPITEL 1. EINLEITUNG
Das Einheitensystem, auf das man sich international geeinigt hat, ist das SI-System
(Systéme Internationale). In diesem System werden Längen in Meter ausgedrückt. Es sei
hier aber gleich darauf hingewiesen, dass noch eine ganze Reihe weiterer Einheitensysteme
in Gebrauch sind. So werden beispielsweise Längen manchmal in ”Zoll”, ”Fuß”, ”Meilen”
oder auch ”Angström” angegeben. Besondes erwähnenswert ist das ”cgs-System”. Dieses
wird in der Physik häufig verwendet. Es gibt Längen in Zentimeter (”c”), Massen in
Gramm (”g”) und die Zeit in Sekunden (”s”) an. Weitere cgs-Einheiten werden wir im
Verlauf dieses Kurses angeben.
Bleiben wir aber zunächst bei der Definition ”1 Meter”. 1 Meter war bis Ende des 18.
Jh. als der 10−7 -te Teil des (ungenau gemessenen) Meridianquadrants (d. h. der Entfer-
nung Äquator-Pol) festgelegt. Auf der Basis dieser Definition benutzte man später das
Urmeter, einen beim Bureau International des Poids et Mesure in Sèvres bei einer Tem-
peratur1 von 0◦ C aufbewahrten Pt-Ir-Stab. Die Abb. 1.1 zeigt ein Bild dieses Stabs, sowie
des Bureau International des Poids et Mesure.
Abbildung 1.1: Das ”Urmeter” (links) im ”Bureau International des Poids et Mesures”
in Sèvres (rechts)
Mit wachsenden Anforderungen an die Messgenauigkeit wurde das Urmeter durch eine De-
finition ersetzt, die auf der Wellenlänge des roten Lichts basiert, das Cadmium-Atome aus-
senden können. Demnach war 1 Meter ab 1927 das 1553164.13-fache dieser Wellenlänge.
1960 wurde das von Krypton-Atomen ausgesandte Licht als Definition verwendet; präzise
war 1 Meter definiert als das 1650763.73-fache der Vakuumwellenlänge des orangefarbe-
nen Lichts beim Übergang 5d5 → 2p10 des Isotopes 86 Kr.2 Seit 1983 basiert die Definition
des Meters auf der Geschwindigkeit c des Lichts im Vakuum. Diese Geschwindigkeit ist
1
Gegenstände dehnen sich i. allg. mit wachsender Temperatur aus. Deshalb muss die Temperatur sehr
genau spezifiziert werden.
2
Diese Definition ist - ähnlich wie die Definition der Sekunde, die wir weiter unten einführen werden
- an dieser Stelle sicher nur schwer nachvollziehbar. Sie werden aber die zu Grunde liegende Physik bis
zum Ende des 4. Semesters (hoffentlich) beherrschen.
1.1. RAUM, ZEIT UND KOORDINATENSYSTEME 3
eine nach unserem Wissen unveränderliche Naturkonstante. Sie ist mit einer sehr hohen
Genauigkeit messbar. Demnach legt das Licht 299792458 Meter in der Sekunde zurück
und wir erhalten:
1 m = c/299792458 · 1s (1.1)
Die Definition des Meters ist damit über die Lichtgeschwindigkeit c auf die Definition und
die Messgenauigkeit der Sekunde zurückgeführt.
”1 Sekunde” ist die Basiseinheit der Zeit sowohl im SI- als auch im cgs-System.
Seit 1967 ist 1 Sekunde das 9192631770-fache der Periodendauer der elektromagnetischen
Strahlung, die beim Übergang zwischen den beiden Hyperfeinstrukturniveaus des Grund-
zustandes von Atomen des Nuklids 133 Cs ausgesandt bzw. absorbiert wird. Vorher war
die Sekunde als das (1/31556925.9747)-fache des topischen Sonnenjahrs am 1. 1. 1900
definiert. Mit Atomuhren können heute Zeitangaben mit einer relativen Genauigkeit im
Bereich von ±10−13 gemacht werden. Tatsächlich benötigt man diese Genauigkeit für ei-
nige spezielle Anwendungen. Denken Sie aber daran, dass im täglichen Leben genauso wie
bei (fast) allen Messungen Angaben mit einer solchen Genauigkeit völliger Unsinn wären.
Messungen sind immer mit gewissen Messfehlern behaftet, wie wir gleich im Detail sehen
werden. Es macht keinen Sinn, Messgrößen wesentlich genauer als diese Messunsicherheit
anzugeben!
Bevor wir uns Messfehlern und der Art und Weise, wie Längen und Zeiten bestimmt wer-
den können zuwenden, wollen wir hier noch einige allgemeine Anmerkungen machen.
Zunächst wollen wir die dekadische Unterteilung der Grundeinheiten angeben. So
bezeichnen wir beispielsweise den 10−3 -ten Teil eines Meters als 1 Millimeter (1 mm), den
10−3 -ten Teil einer Sekunde als 1 Millisekunde (1 ms) usw. Ganz analog wird das 103 -fache
eines Meters als 1 Kilometer (1 km) bezeichnet. Weitere Einteilungen, die den Bereich vom
10−18 bis zum 1018 -fachen der Grundeinheit abdecken, sind in Tab. 1.1 aufgelistet.
• bei sehr großen Abständen und Zeiten (im Bereich 1010 (Licht-)jahre ≈ Größe d.
Universums)
Abständen versagt die uns bekannte Beschreibung der Physik. Es wird in diesem
Zusammenhang auch diskutiert, ob der Raum mehr als drei Dimensionen hat.
1.2. MESSUNG VON LÄNGEN UND ZEITEN 5
• ”systematischer” Fehler: Er tritt dadurch auf, dass die Messgröße selbst bei genaue-
stem Ablesen des Maßstabs falsch bestimmt wird. Ein einfaches Beispiel hierfür wäre
das Anlegen eines falsch geeichten Maßstabs oder die Zeitbestimmung durch eine
ungenau gehende Uhr. In diesen beiden Fällen kann man beispielsweise zwei unter-
schiedliche Uhren heranziehen, um den Fehler abzuschätzen. Ein weiteres, weniger
triviales Beispiel ist die systematische Verfälschung einer Messung durch den Ein-
fluss nicht berücksichtigter oder falsch berücksichtigter Effekte. Diese Fehler sind,
wie man sich vorstellen kann, oft nur sehr schwer abzuschätzen.
• ”statistischer” Fehler: Der ”statistische” oder ”zufällige” Fehler tritt dadurch auf,
dass eine Messgröße, etwa durch ungenaues Ablesen des Maßstabs oder durch zufälli-
ge Störeinflüsse bei wiederholter Messung mit dem gleichen Maßstab bei jeder Mes-
sung leicht unterschiedliche Ergebnisse liefert. Beispielsweise könnte bei der Messung
eines 1 m langen Gegenstands die erste Messung 99 cm ergeben, die zweite 1,01 m,
die dritte 99,5 usw. Misst man eine Größe sehr häufig und trägt die Messwerte in
einem ”Histogramm” auf, so könnte sich folgendes Bild ergeben:
Abbildung 1.2: Qualitatives Histogramm der Verteilung von Messwerten, wie sie bei wie-
derholter Messung einer Größe x gewonnen worden sein könnten. Der ”wahre” Wert der
Größe sei x0 (z. B. x0 = 1 m). Im Histogramm werden Messwerte, die zwischen dem
Wert x und dem Wert x + ∆x liegen (z. B. zwischen 98 cm und 99 cm) als ein Balken
zwischen x und x + ∆x in das Diagramm eingetragen. Liegen n Messwerte in diesem
Intervall, bekommt der Balken die Höhe n. Es ergibt sich eine Verteilung der Messwerte,
das - solange keine großen systematischen Fehler vorliegen - ein Maximum um den Wert
x0 herum aufweist.
6 KAPITEL 1. EINLEITUNG
Wesentlich ist nun, dieser statistische Fehler durch wiederholte Messung3 verbesserbar ist,
wie man schon aus Abb. 1.2 intuitiv schließen kann.
Wir wollen an dieser Stelle einige grundlegende Größen bei der Bestimmung von Messwer-
ten einführen. Wir nehmen an, eine Größe x (z. B. Länge L eines Gegenstands) werde N
mal gemessen. Der n-te Messwert sei xn , mit n = 1, . . . , N.
Der Mittelwert über alle Messungen ist gegeben durch:
1
N
x = xn (1.2)
N n=1
1
N
2
(δx) = (xn − x)2 (1.3)
N n=1
Man bezeichnet diese Größe δx oft auch als ”Standardabweichung” σ. Man beachte,
dass hierbei über die Quadrate der Abweichungen der einzelnen Messwerte vom Mittelwert
gemittelt wird.
Bei zufälliger Streuung der Messwerte können wir den Ausdruck wie folgt umformen:
1 1 2
N N
σ 2
= = (xn − x) =
2
(x − 2xn x + x2 )
N n=1 N n=1 n
1 2 2x
N N
= x − xn + x2 = x2 − 2x2 + x2
N n=1 n N n=1
= x2 − x2 (1.4)
Das Quadrat der Standardabweichung ist also gegeben durch den Mittelwert von x2
abzüglich des Quadrates des Mittelwerts.
Genauere Aussagen zu treffen ist eine Aufgabe der mathematischen Statistik.
Man kann sich zunächst vorstellen, das sehr viele Messwerte xn aufgenommen wurden
(im Idealfall unendlich viele). Wir können dann ein Histogramm erzeugen, bei dem die
Intervalle ∆x, innerhalb derer die Messwerte zu summieren sind, sehr fein gewählt sind, da
ja sehr viele Messwerte zur Verfügung stehen4 . Im Grenzfall unendlich vieler Messwerte
können wir ∆x sogar gegen null gehen lassen. Wir bezeichnen dieses unendlich kleine
Intervall als ”dx”.
In einem derart fein unterteilten Histogramm ist die Einhüllende der einzelnen Balken
eine kontinuierliche glatte Kurve p(x).
Man kann nun die Einheiten für p(x) so wählen, dass p(x) gerade die Wahrscheinlich-
keit - genauer gesagt, die Wahrscheinlichkeitsdichte - dafür angibt, dass man bei einer
3
Man erfasst dabei Messwerte üblicherweise per Computer, so dass es kein Problem ist, auch sehr viele
Daten aufzunehmen.
4
Hätten wir in Abb. 1.2 die Unterteilung zu fein gewählt, so hätten wir in wahrscheinlich in jedem
Intervall nur einen Messwert erhalten, was nicht sehr hilfreich gewesen wäre.
1.2. MESSUNG VON LÄNGEN UND ZEITEN 7
bestimmten Einzelmessung einen Wert zwischen x und x + dx findet. Hierzu ist wie folgt
vorzugehen:
Es sei P (x) die Einhüllende des Histogramms, die noch nicht geeignet normiert ist. Wir
suchen dann einen Normierfaktor N so, dass p(x) die gesuchte Wahrscheinlichkeit angibt:
p(x) = N · P (x).
Wir wissen nun, dass die Wahrscheinlichkeit gleich 1 (1 = ”sicher”) ist, dass der Messwert
irgendwo zwischen −∞ und ∞ liegt5 . Wären unsere Intervalle ∆x endlich groß, müssten
wir über alle Intervalle aufsummieren und verlangen, dass die Summe gleich 1 ist. Im
Grenzfall unendlich kleiner Intervalle dx gehen wir zur Integration über. Wir verlangen
für p(x):
∞
p(x) · dx = 1 (1.5)
−∞
Man beachte, dass das Produkt p(x) · dx eine dimensionslose Zahl ergibt. Falls x bzw.
dx die Einheit einer Länge hat, hat also p(x) die Dimension 1/Länge. Daher auch die
Bezeichnung Wahrscheinlichkeitsdichte. Wie erhalten mit p(x) = N · P (x) für N die
Bedingung:
∞
N· P (x) · dx = 1 (1.6)
−∞
oder
1
N = ∞ (1.7)
P (x) · dx
−∞
Man findet, dass zufällige Messfehler oft ”normalverteilt” (auch: ”Gauß-verteilt”) sind
und durch die Funktion
1
e−(x−x) /(2σ)
2 2
p(x) = √ (”Gauß-Verteilung” oder ”Normal-Verteilung”) (1.8)
2πσ
beschrieben werden.
Es gilt hierbei zunächst:
∞ ∞
1
e−(x−x)
2 /(2σ)2
p(x) · dx = √ · dx (1.9)
2πσ
−∞ −∞
Um das Integral auswerten zu können, wählen wir anstelle der dimensionsbehafteten Va-
riablen x die Variable ξ = (x − x)/σ (wir könnten auch sagen, wir messen x in Einheiten
von σ).
Es gilt: dx/σ = dξ. Auch die Variable ξ läuft von −∞ bis ∞. Das Integral schreibt sich
damit:
5
Das Symbol ∞ steht für ”unendlich”.
8 KAPITEL 1. EINLEITUNG
∞ ∞
1
e−ξ
2 /2
p(x) · dx = √ · dξ (1.10)
2π
−∞ −∞
∞ √
Das Integral −∞ e−ξ /2 · dξ kann analytisch berechnet werden und liefert den Wert 2π.
2
Einige weitere interessante Eigenschaften der Gauß-Verteilung seien hier nur kurz erwähnt:
Zum Schluss unserer Betrachtungen über Messfehler wollen wir uns mit der Frage be-
schäftigen, wie sich der Fehler einer aus mehreren Messgrößen berechneten Größe ergibt,
etwa dem Verhältnis v = x/t aus den zwei (fehlerbehafteten) Messgrößen x und t. Man
spricht hier auch von Fehlerfortpflanzung bei abgeleiteten Größen.
Im Beispiel sollen die Messungen sowohl von x als auch von t um die Mittelwerte x bzw.
t schwanken. Wie ergibt sich nun der Fehler der berechneten Größe v = x/t?
1.2. MESSUNG VON LÄNGEN UND ZEITEN 9
• Wir nehmen zunächst an, t sei exakt und der gerade gemessene Wert von x wei-
che um ±δx vom Mittelwert x ab. Wir bezeichnen die Abweichung von v vom
”wahren” Wert als δvt . Damit erhalten wir:
• Falls umgekehrt x exakt ist und der Messwert für t um ±δt abweicht, erhalten wir:
x x 1
v ± δvx = = . (1.12)
t ± δt t 1 ± δt/t
Wir wollen nun annehmen, dass das Verhältnis δt/t 1 sei. Die Funktion 1
1±δt/t
schreiben wir wie folgt um:
1 1 ∓ δt/t 1 ∓ δt/t
= = ≈ 1 ∓ δt/t (1.13)
1 ± δt/t (1 ± δt/t) · (1 ∓ δt/t) 1 − (δt/t)2
Im letzten Schritt haben wir die Größe (δt/t)2 vernachlässigt. Sie ist quadratisch
kleiner ist als die schon als klein angenommene Größe δt/t .
Damit erhalten wir:
x δt x δt δt
v ± δvx ≈ (1 ∓ ) = v ∓ = v(1 ∓ ) (1.14)
t t t t t
Den Gesamtfehler können wir nun entweder dadurch abschätzen, dass wir die Beträge
|δvx | und |δvt | addieren:
δx δt
|δv| = |δvx | + |δvt | = + v (1.15)
t t
Beide Varianten werden in der Literatur benutzt. Die erste der beiden Methoden ist etwas
konservativer, da sich alle Fehler addieren. Im Allgemeinen werden sich aber Fehler entge-
gengesetzten Vorzeichens teilweise wegheben. Dem trägt die zweite Methode Rechnung.
1
Es sei hier weiter erwähnt, dass man die Näherung 1±δt/t ≈ 1 ∓ δt/t auch wesentlich
direkter durch die sogenannte Taylor-Entwicklung hätte erhalten können:
Wir nehmen hierzu an, die Funktion f (x) sei beliebig oft differenzierbar und bezeichnen
mit f (n) (x) die n-te Ableitung von f (x). Man kann dann zeigen, dass sich f (x) wie folgt
als Polynom schreiben lässt:
∞
f (n)
f (x) = · (x − x0 )n (1.17)
n=1
n!
10 KAPITEL 1. EINLEITUNG
N 2
2 ∂f
(δy) = δxn (1.19)
n=1
∂xn
∂f
schreiben6 . Bei der Ableitung ∂x n
nach der Variablen xn sind alle anderen Variablen xm
mit m = n konstant zu halten.
Wir wollen hiermit unsere allgemeine Betrachtung von Messfehlern vorläufig abschließen
und uns realen Längenmessungen auf verschiedenen Skalen zuwenden.
Die folgenden Abbildungen geben einige Beispiele für die verschiedenen Verfahren wieder.
Abb. 1.4 zeigt die Aufnahme eines ”Einzelelektronen-Transistor”, der auf Silizium struk-
turiert wurde.
Die kleinsten Abmessungen der Struktur liegen im Bereich weniger nm. Mit derartigen
Strukturen sollen Transistoren auf der Basis der Bewegung einzelner Elektronen realisiert
werden. Im Raster-Elektronenmikroskop selbst wird ein sehr feiner Elektronenstrahl
auf die Probe gebündelt. Von der Probe werden daraufhin Elektronen und auch Rönt-
genstrahlung emittiert, die von entsprechenden Detektoren nachgewiesen werden. Der
Elektronenstrahl wird Punkt für Punkt über die Probe gerastert, so dass schließlich ein
Bild wie das in Abb. 1.4 gezeigte entsteht.
Die Abb. 1.5 zeigt ein Beispiel für eine Aufnahme mit dem Raster-Tunnelmikroskop.
Hier wird eine sehr feine Spitze über die Probenoberfläche bewegt und Punkt für Punkt
der Strom gemessen, der zwischen Spitze und Probenoberfläche fließt. Der Strom hängt
sehr empfindlich vom Abstand zwischen Spitze und Oberfläche ab und liefert somit
stark vereinfacht gesagt ein ”Höhenprofil” der Oberfläche. Mit der Spitze des Raster-
Tunnelmikroskops lassen sich einzelne Atome nicht nur abbilden sondern sogar auf der
Oberfläche hin- und herschieben. Die Abb. 1.5 zeigt dies am Beispiel von Eisenatomen, die
bei sehr tiefen Temperaturen auf einer Kupferoberfläche bewegt wurden. Man hat hierbei
einen Kreis aus diesen Atomen aufgebaut (unten rechts). Die wellenartigen Strukturen
werden durch Elektronen hervorgerufen (auch die Elektronen können sich wie Wellen
verhalten und so die beobachteten Strukturen erzeugen).
In sehr ähnlicher Weise wird beim Raster-Kraftmikroskop die Kraft zwischen Pro-
benoberfläche und Spitze gemessen und zur Abbildung bzw. Manipulation der Oberfläche
benutzt.
Die Abb. 1.6 zeigt eine Aufnahme der Verbindung Bi2 Sr2 CaCu2 O8 (ein so genannter
Hochtemperatursupraleiter), die mittels der Transmissions-Elektronenmikroskopie gewon-
nen wurde. Bei dem Verfahren wird eine sehr dünne Probe von Elektronen durchstrahlt.
In der Abbildung ist sehr schön die regelmäßige Anordung der einzelnen Atome zu sehen.
12 KAPITEL 1. EINLEITUNG
Genauer gesagt sieht man bei dieser Methode ganze ”Zeilen” von Atomen, die senkrecht
zur Bildebene angeordnet sind.
Noch kürzere Längen können nur noch mit indirekten Methoden bestimmt werden. Im
Bereich der Kernradien (fm) und darunter führt man Stoßexperimente durch, bei denen
Elektronen oder andere Atomkerne auf den zu untersuchenden Kern geschossen werden.
Mit Hilfe der Kenntnis der Kräfte zwischen den Stoßpartnern kann dann beispielsweise
auf die Struktur des Atomkerns geschlossen werden. Die Details können dabei allerdings
recht kompliziert sein.
1.2. MESSUNG VON LÄNGEN UND ZEITEN 13
• bis zu Längen von einigen Lichtjahren kann der Effekt der ”Parallaxe” verwendet
werden, der in Abb. 1.7 skizziert ist. Wenn sich die Erde im Verlauf eines Jahres
einmal um die Sonne bewegt, ändert sich die scheinbare Position eines Sterns um
einen Winkel 2ϕ. Bei Kenntnis des Durchmessers der Erdbahn lässt sich daraus der
Abstand des Sterns von der Erde bestimmen.
Abbildung 1.7: Effekt der Parallaxe zur Bestimmung des Abstands eines Sterns von der
Erde
Versuch: Die Parallaxe wird im Hörsaal durch den Schattenwurf von zwei Kugeln,
14 KAPITEL 1. EINLEITUNG
Vorgang überhaupt wahrnehmen zu können, ist es nötig, die ”Uhr” rechtzeitig zu starten
und auch wieder zu stoppen (man spricht von ”triggern”).
Ein einfaches Beispiel für die Zeitmessung eines (noch nicht allzu schnellen) Bewegungs-
vorgangs ist ein 100 m-Lauf, bei dem ein Startschuss eine Uhr und auch den Läufer
startet. Eine 100 m weiter aufgestellte Lichtschranke stoppt die Uhr, sobald der Läufer
die Schranke unterbricht.
Beispiele für optische Hochgeschwindigkeitsaufnahmen sind in Abb. 1.9 bis 1.11
gezeigt. In Abb. 1.9 wurde ein gallopierendes Pferd aufgenommen. Die lange ungeklärte
Frage war, ob ein Pferd während des Gallops vollständig vom Boden abhebt. Die dritte
Aufnahme von links klärte diese Frage. Abb. 1.10 zeigt einen auf einer Flüssigkeit auf-
treffenden Tropfen, Abb. 1.11 schließlich den Schuss durch einen Apfel und einige weitere
schnelle Bewegungsvorgänge.
Mit Hilfe sehr kurzer Laserpulse lassen sich heute sogar Vorgänge bis in den fs-Bereich
erfassen. Ähnlich kurze Zeiten können auch durch die zurückgelegten Wegstrecken bei
bekannter Geschwindigkeit bestimmt werden, z. B. beim Zerfall von Elementarteilchen,
die sich (beinahe) mit Lichtgeschwindigkeit bewegen.
Bei der Messung sehr langer Zeiten kann man sich schließlich auf der Skala von ca.
10000 Jahren der Datierung durch Baumringe oder Eisablagerungen bedienen. Bis hin zur
16 KAPITEL 1. EINLEITUNG
Abbildung 1.9: Beweis, dass Pferd bei Gallop kurzfristig schwebt, siehe drittes Bild (Ed-
ward Muybrigde, 1878)
Im Versuch: Lichtgeschwindigkeit wird die Laufzeit eines Lichtpulses zunächst über eine
∆x = 2 × 7.50m = 15 m lange Laufstrecke gemessen. Hierbei wird ein polarisierter Laser-
strahl durch eine ”Pockelszelle” geschickt, die durch kurzzeitiges, elektrisch ausgelöstes
Drehen der Polarisationsebene für das Laserlicht durchlässig wird. Die Länge der Pulse
beträgt wenige ps. Ein Teil des Laserpulses wird als Referenz mittels einer Lichtfaser von
der Messelektronik (ein Photomultiplier) eingegeben. Der Rest des Pulses durchläuft die
Strecke von 7.5 m, wird an einem Spiegel reflektiert und erreicht mit einer Zeitverzöge-
rung ∆t gegenüber dem Referenzpuls den Photomultiplier. Die Messelektronik mittelt
über einige 100 Pulse und stellt den Mittelwert auf einem Oszillographen dar. Man sieht
den Referenzpuls und den reflektierten Puls. Die Zeitdifferenz ∆t beträgt 50 ns, was sehr
schön dem Wert c = 3·108 m/s entspricht. Ein ”Kontrollexperiment” mit einer Laufstrecke
von 2 × 15 m ergibt ∆t = 100 ns in guter Übereinstimmung.
Die ersten - erfolglosen - Versuche zur Messung der Lichtgeschwindgleit wurden angeblich
bereits von Galileo Galilei (1564-1662) unternommen (vgl. Abb. 1.12). Er wollte die Licht-
18 KAPITEL 1. EINLEITUNG
geschwindigkeit mit Hilfe von Laternenträgern zu bestimmen, die sich in einem gewissen
Abstand voneinander aufgestellt hatten.
Die erste echte Bestimmung von c erfolgte 1676 durch Olaf Rømer durch Beobachtung
der Zeitverschiebung bei der Verfinsterung der Jupitermonde. Bestimmt man deren Um-
laufszeit, während sich die Erde am Jupiternächsten Punkt befindet und berechnet dann
voraus, wo die Monde sein müssten, wenn die Erde ein halbes Jahr später um 2 AE weiter
vom Jupiter entfernt ist, so findet man eine Zeitverschiebung von ca. 20 min. Hieraus
konnte Rømer c zu etwa 3 · 108 m/s bestimmen.
Die erste ”irdische” Messung erfolgte 1840 durch Hippolyte Fizeau (Abb. 1.14). Er be-
nutzte ein sich schnell drehendes Zahnrad, um Lichtpulse zu erzeugen, die nach einer Lauf-
strecke von ca. 8.6 km gespiegelt wurden und zum Zahnrad zurückkehrten. Der Lichtpuls
kann wieder durch das Zahnrad gehen, wenn sich dieses um eine ganze Zahl von Zähnen
weitergedreht hat. Die Messung lieferte c ≈ 3.13 · 108 m/s, hatte also einen systematischen
Fehler von ca. 5%.
Die letzte Methode, die hier erwähnt werden soll ist die Drehspiegelmethode von Jean
Bernhard Foucault (1869). Das Prinzip wird aus Abb. 1.15 klar. Diese Methode lieferte
c ≈ 3 · 108 m/s.
Zum Abschluss sei noch kurz auf die Messmethoden eingegangen, die üblicherweise im
Geschwindigkeitsbereich zwischen 30 km/h und gut 200 km/h eingesetzt werden (s. Abb.
1.16). Beim Radarkasten werden Mikrowellen (typische Frequenzen: f = 34 GHz oder
f = 24 GHz ) am fahrenden Auto reflektiert. Durch den Dopplereffekt ist die Frequenz
des reflektierten Strahls etwas höher als die ausgesandte Frequenz, woraus sich die Ge-
schwindigkeit des Wagens bestimmen lässt. Bei der Laserpistole werden kurze Laserpulse
ausgesandt. Die rückreflektierten Pulse haben eine etwas höhere Rate als die ausgesand-
ten Pulse, da das Auto zwischen zwei aufeinanderfolgenden Pulsen der Laserpistole etwas
entgegengefahren ist.
1.2. MESSUNG VON LÄNGEN UND ZEITEN 19
Wir wollen uns zunächst mit der Bewegung von einzelnen Punktteilchen befassen. Diese
Bewegung wird mathematisch dadurch beschrieben, dass man zu jedem Zeitpunkt t die
Position des Punktteilchens, also den entsprechenden Ortsvektor r(t) angibt. Zur eindeu-
tigen Definition dieses Ortsvektors benötigen wir ein Bezugs- oder Koordinatensystem.
Dies bedeutet insbesondere, dass man einen Koordinatenursprung definiert, so dass
die jeweilige Position des betrachteten Punktteilchens durch den Ortsvektor bezogen auf
diesen Koordinatenursprung eindeutig definiert ist. Dieser Positionsvektor ist der Rela-
tivvektor, der von dem Koordinatenursprung zum Aufenthaltsort des Teilchens zeigt.
Zur Beschreibung dieses Ortsvektors benötigen wir eine Basis für den dreidimensionalen
Vektorraum der Ortsvektoren. Für viele Anwendungen ist es geschickt, drei orthonormale
Basisvektoren êx , êy und êz zu nehmen. Orthonormale Basisvektoren bedeutet ja, dass
diese jeweils senkrecht aufeinander stehen und und auf die Länge 1 normiert sind. Für
das Skalarprodukt von jeweils zwei dieser Basisvektoren gilt also
1, für i = j
êi · êj = δij = (2.1)
0, für i = j
In dieser Gleichung haben wir auch das Symbol δij , das Kroneckersche Deltasymbol ein-
geführt und definiert. Ausserdem soll das System der Basisvektoren rechtshändig sein.
Dies bedeutet, dass die Basisvektoren für die x, y und z Richtung geometrisch in die Rich-
tung der gespreizten Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger einer rechten Hand zeigen.
Den Ortsvektor r(t) unseres Punktteilchens konnen wir nun eindeutig durch die Koordi-
naten in Richtung der x−, y− und z−Achse definieren. Anschaulich bedeutet das, dass
wir, um vom Koordinatenursprung zum Ort des Teilchens zu gelangen, zunächst eine Ent-
fernung x (das entspricht gerade der x−Koordinate) in Richtung der Achse êx dann eine
Strecke y in Richtung êy und schließlich z in Richtung êz zurücklegen (siehe Figur 2.1).
Mathematisch formuliert:
r = xêx + yêy + zêz , (2.2)
21
22 KAPITEL 2. DYNAMIK EINES MASSENPUNKTES
y
x
Es sollen an dieser Stelle nicht alle Regeln des Rechnen mit Vektoren aufgeführt werden,
es sei aber daran erinnert, das das Produkt eines Vektors r mit einer positiven Zahl
(einem Skalar) zum Vektor führt, der in die gleiche Richtung weist, dessen Länge aber
um den Faktor a vergrößert (a > 1) oder auch verkleinert (a < 1) ist. Ist a negativ, so
steht der Ergebnisvektor ar antiparallel (also parallel aber in umgekehrter Richtung) zum
Ausgangsvektor r. Rechnerisch ergibt sich dieses Skalarprodukt in der Schreibweise der
Spaltenvektoren zu
x ax
ar = a y = ay . (2.5)
z az
Die Addition zweier Vektoren r1 (mit Koordinaten x1 , y1 und z1 ) und r2 (mit Koordinaten
x2 , y2 und z2 ) erolgt rechnerisch durch
x1 + x2
r1 + r2 = y1 + y2 . (2.6)
z1 + z2
2.1. VEKTOREN UND KOORDINATENSYSTEME 23
r+r
1 2 r2
r1
Abbildung 2.2: Die Summe zweier Vektoren (siehe Diskussion im Text)
Das Ergebnis ist also ein Skalar, eine Zahl. Geometrisch ergibt sich der Wert dieses Skalar-
produktes auch aus dem Produkt der Längen der beiden Vektoren |ri | und dem Kosinus
des Winkels ϕ, der von den Vektoren eingeschlossen wird (siehe Figur 2.3):
Damit ergibt sich für die Länge oder auch den Betrag eines Vektors r1
|r1 | = r12 = x21 + y12 + z12 . (2.9)
Schliesslich ist auch ein Vektorprodukt zweier Vektoren definiert, bei dem das Ergebnis
eben ein Vektor ist. Die Länge des Vektors r1 × r2 ergibt sich zu
also geometrisch die Fläche des Parallelogramms, das durch r1 und r2 aufgespannt ist. Der
Vektor r1 ×r2 steht senkrecht zur Fläche, die durch r1 und r2 aufgespannt ist entsprechend
der rechten Hand Regel. In der Sprache der Spaltenvektoren ergibt sich für das Vektor-
oder Kreuzprodukt:
y1 z2 − z1 y2
|r1 × r2 | = z1 x2 − x1 z2 . (2.11)
x1 y2 − y1 x2
24 KAPITEL 2. DYNAMIK EINES MASSENPUNKTES
r2
ϕ
r1
Abbildung 2.3: Das Skalarprodukt zweier Vektoren (siehe Diskussion im Text)
Dies besagt aber auch, dass für das Vektorprodukt der Basisvektoren gilt
gilt. Man bezeichnet ein solches rechtshändiges orthonormales Basissystem auch als ein
Kartesisches Koordinatensystem.
Mit diesem Basissystem kann man jeden Ortsvektor eines Punktteilchens eindeutig durch
die Angabe der Entwicklungskoeffizienten für diese Basisvektoren, den Korrdinaten x, y
und z, (vergleiche Gleichung 2.2) identifizieren. Die Bewegung eines solchen Punktteil-
chens wird dann durch die Angabe der Koordinaten als Funktion der Zeit, x(t), y(t) und
z(t) beschrieben.
Die Geschwindigkeit berechnet sich als Quotient aus der Ortsvektors in einem Zeitab-
schnitt ∆t und eben dieser Zeitdifferenz
r(t + ∆t) − r(t)
. (2.13)
∆t
Die Geschwindigkeit ist also ebenfalls ein Vektor, der in die Richtung der Bewegung des
Teilchens zeigt. Der Betrag dieses Vektors entspricht der üblichen Geschwindigkeitsmes-
sung. Diese Definition einer Geschwindigkeit (nach 2.13) macht Sinn, wenn die Richtung
der Bewegung und der Betrag der Geschwindigkeit sich über einen längeren Zeitraum (der
größer als ∆t sein sollte) nicht ändert. Da wir aber auch Vorgänge behandeln wollen, bei
denen sich Geschwindigkeiten schnell ändern können, definiert man die Geschwindigkeit
êi in dem kartesischen Kordinatensystem unabhängig von der Zeit sind. Dami gilt (siehe
Gl.2.2)
d r dx dy dz
v = = êx + êy + êz
dt dt
dt dt
ẋ
= ẏ , (2.15)
ż
dx
ẋ :=
dt
eingeführt haben. An diesem Beispiel haben wir gesehen, wie man die Ableitung eines
Vektors (hier den Ortsvektor) nach einem Skalar (hier die Zeit) berechnen kann. Insbe-
sondere ergab sich, dass das Ergebnis dieser Ableitung wiederum einen Vektor (hier die
Geschwindigkeit) ergibt.
In der Regel wird aber auch die Geschwindigkeit eines Teilchens v von der Zeit abhängen.
Dann ist von Interesse, wie sich die Geschwindigkeit pro Zeiteinheit ändert. Ein Maß dafür
ist die Beschleunigung, die wir definieren durch
d v
a := , (2.16)
dt
was bedeutet, dass auch die Beschleunigung a als Vektor definiert ist.
Nachdem wir gelernt haben einen Vektor abzuleiten, wollen in einem nächsten Schritt die
Integration eines Vektors diskutieren. Wir betrachten dazu das einfache Wegintegral
rE
rE
dr = (êx dx + êy dy + êz dz)
rA
rA
rE dx
= dy
rA dz
xE yE zE
= êx dx + êy dy + êz dz
xA yA zA
= êx (xE − xA ) + êy (yE − yA ) + êz (zE − zA )
= rE − rA . (2.17)
r’
r
R
Abbildung 2.4: Transformation zwischen Koordinatensystemen (siehe Diskus-
sion im Text)
Zeit tA zum Endpunkt rE , den es zur Zeit tE erreicht bewegt. Damit können wir das
Wegintegral von (2.17) schreiben
rE tE tE
dr
dr = dt = v (t)dt . (2.18)
rA tA dt tA
Als ein Beispiel wollen wir nun einen Weg betrachten, bei dem das Teilchen mit einer
Geschwindigkeit v0 am Punkt rA startet und dann seine Geschwindigkeit mit einer kon-
stanten Beschleunigung a verändert, bis es schließlich zur Zeit tE bei rE ankommt. Setzen
wir also
v(t) = v0 + a(t − tA )
in (2.18) ein, so ergibt sich
rE tE tE
dr = v0 dt + a (t − tA )dt
rA tA tA
1
= v0 (tE − tA ) + a(tE − tA )2 . (2.19)
2
Berücksichtgen wir nun noch (2.17) so ergibt sich für den Vektor des Endpunktes
1
rE = rA + v0 (tE − tA ) + a(tE − tA )2 . . (2.20)
2
Wir sind bis zu diesem Punkt immer davon ausgegangen, dass wir nur einen Koordina-
tenursprung haben. Häufig ist es jedoch geschickt einen weiteren Koordinatenursprung
einzuführen, der im ersten Koordinatensystem durch den Ortsvektor R gekennzeichnet
ist. Die Position unseres Punktteilchens werde im ersten Koordinatensystem durch den
Ortsvektor r im zweiten durch r so gilt die Beziehung (siehe Abb. 2.4)
+ r
r = R
2.1. VEKTOREN UND KOORDINATENSYSTEME 27
ez
z eφ
eρ
φ ρ
Abbildung 2.5: Darstellung eines Ortsvektors in Zylinderkoordinaten (siehe
Diskussion im Text)
Bewegt sich der Koordinatenursprung des zweiten Koordinatensystems relativ zum ersten,
zeitabhängig, so sind die Geschwindigkeiten in den beiden Koordinatensystemen
ist also R
unterschiedlich
dR + r
v = = V0 + v (2.21)
dt
Dies gilt für die Berechnung aber auch für die Messungen von Geschwindigkeiten. Bewegen
wir uns z.B. in einem Zug, der mit der Geschwindigkeit V 0 durch die Gegend fährt, so
wird eine Messung der Geschwindigkeit durch einen Beobachter, der auch im Zug sitzt,
ein Egebnis v liefern, das anders ist als das Ergebnis v des Beobachters, der außerhalb des
Zuges steht. Die Geschwindigkeiten auch dieser Messungen sind über (2.21) miteinander
verknüpft. Bewegt sich der zweite Koordinatenursprung mit konstanter Geschwindigkeit
0 so bezeichnet man die Koordinatentransformation als Galileitransformation
V
2.1.1 Zylinderkoordinaten
In vielen Fällen ist es jedoch geschickter, die Ortsvektoren nicht durch die kartesischen
Koordinaten sondern durch andere Koordinaten zu beschreiben. Bewegt sich etwa ein
Punktteilchen auf der Oberfläche eines Kreises oder eines Zylinders mit dem Radius R,
so empfiehlt es sich ein Koordinatensystem einzuführen, bei dem die z-Achse parallel zur
Symmetrieachse des Zylinders ist. Entsprechend der Darstellung in Abb. 2.5 kann man den
Ortsvektor r eindeutig festlegen durch die Angabe der z-Koordinate sowie des Abstandes
des Aufenthaltsortes von der der z-Achse ρ und des Winkels φ, den die Projektion des
Ortsvektors auf die xy-Ebene mit der x-Achse bildet. Die Koordinaten ρ, φ und z lassen
28 KAPITEL 2. DYNAMIK EINES MASSENPUNKTES
x = ρ cos φ
y = ρ sin φ (2.23)
Für das Beispiel des Punktteilchens, das sich auf dem Mantel eines Zylinders bewegt,
vereinfacht sich nun die Beschreibung der Bewegung dadurch, dass die Radialkoordinaten
ρ(t) = R und damit eine Konstante der Bewegung ist.
Die Zylinderkoordinaten sind ein Beispiel für Krummlinige Koordinaten. Diese Be-
zeichnung basiert auf den Eigenschaften der zugehörigen Koordinatenlinien. Beschreibt
man einen Vektor durch Koordinaten qi (i=1,2,3), so sind z.B. die Koordinatenlinien für
die Koordinate q3 definiert
Lq3 (q1 , q2 ) := {Linie aus den Punkten mit q1 und q2 fest} (2.24)
Bei den Kartesischen Koordinaten, (q1 , q2 , q3 ) = (x, y, z) sind z.B. die Koordinatenlini-
en Lz Geraden parallel zur z-Achse. Auch die Koordinatenlinien Lx und Ly sind jeweils
Geraden. Andererseits ist aber im Fall der Zylinderkoordinaten Lφ ein Kreis. Koordina-
tensysteme, bei denen nicht alle Koordinatenlinien geradlinig sind, bezeichnet man als
krummlinige Koordinaten.
Natürlich kann man nach wie vor die kartesischen Basisvektoren êx , êy und êz , bezie-
hungsweise die entsprechenden Spaltenvektoren benutzen um auch unter Benutzung von
Zylinderkoordinaten die Vektoren darzustellen. Wegen (2.22) gilt ja
ρ cos φ
r = ρ sin φ . (2.25)
z
Häufig ist es aber effizienter, mit den gewählten Koordinaten qi auch die zugehörigen
Basisvektoren êqi zu benutzen. Für einen Punkt P im Ortsraum, bezeichnet êqi den Ein-
heitsvektor, der tangential zur Koordinatenlinie Lqi am Punkt P verläuft and dabei in
Richtung der anwachsenden Koordinate qi weist. Aus dieser geometrischen Definition,
ergibt sich die folgende Regel zur Berechnung1
∂r(q1 · q2 · q2 )
êqi = a (2.26)
∂qi
wobei die Normierungskonstante so zu bestimmen ist, dass |êqi | = 1 ist. Man kann leicht
verifizieren, dass für das Beispiel der Zylinderkoordinaten gilt
ρ cos φ cos φ
∂
êρ = ∂ρ ρ sin φ = sin φ
z 0
ρ cos φ − sin φ
∂
êφ = ρ1 ∂φ ρ sin φ = cos φ (2.27)
z 0
Diese 3 Vektoren bilden ebenfalls ein orthogonales Basissystem, ändern sich aber mit dem
jeweiligen Punkt P beziehungsweise dem zugehörigen Ortsvektor. Andererseits vereinfacht
sich aber die Schreibweise des Ortsvektors in dieser Basis zu
r = ρêρ + zêz . (2.28)
Bei der Berechnung der Geschwindigkeit muss in dieser Darstellung beachtet werden,
dass die Basisvektoren êρ und êφ sich mit dem Ortsvektor ändern. Bei der Bewegung
eines Punktteilchens gilt also für die zeitliche Änderung des jeweiligen Basisvektors êρ
− sin φ
d êρ ∂êρ d φ
= = φ̇ cos φ = φ̇êφ
dt ∂φ dt
0
Damit ergibt sich für die Geschwindigkeit als Ableitung von r aus (2.28) nach der Zeit
v = ρ̇êρ + ρφ̇êφ + żêz . (2.29)
Die Geschwindigkeitskomponente in Richtung êρ bezeichnet man häufig als Radialge-
schwindigkeit und die in Richtung êφ als Azimuthalgeschwindigkeit Ganz entsprechend
berechnet sich die Beschleunigung als Zeitableitung dieses Geschwindigkeitsvektors zu
d v
a = = ρ̈ − ρφ̇2 êρ + 2ρ̇φ̇ + ρφ̈ êφ + z̈êz . (2.30)
dt
Radial- Azimuthalbeschl.
Ein weiteres häufig benutztes Beispiel für krummlinige Koordinaten sind die Kugelkoordi-
naten oder Polarkoordinaten r, θ und φ. Dabei bezeichnet r die Länge des Vektors, θ den
Winkel mit der z-Achse und φ, analog zu den Zylinderkoordinaten, den Azimuthwinkel.
Es gilt also die Transformation
x = r sin θ cos φ
y = r sin θ sin φ
z = r cos θ (2.31)
mit den Definitionsbereichen
r ∈ [0, ∞] θ ∈ [0, π] φ ∈ [0, 2π].
Mit dem Einheitsvektor
sin θ cos φ
êr = sin θ sin φ
cos θ
gilt
r = rêr .
30 KAPITEL 2. DYNAMIK EINES MASSENPUNKTES
2.2. 1. UND 2. NEWTON’SCHES AXIOM; SCHWERE UND TRÄGE MASSE 31
”Alle Körper verharren im Zustand der Ruhe oder der gleichförmigen, gerad-
linigen Bewegung, wenn keine äußeren Einflüsse vorhanden sind”
Abbildung 2.6: Aristoteles, 384-322 v. Chr. (links), Sir Isaac Newton, 1643-1727 (rechts)
(aus: [Link] history/[Link]; hier findet man auch die
Biographien sehr vieler Physiker und Mathematiker)
”Wenn eine Kraft F auf einen Körper wirkt, dann beschleunigt sie ihn mit:
F = mta (2.32)
Hierbei ist mt die ”träge Masse”, die durch das Aktionsprinzip definiert wird. Die Größe
a ist der Beschleunigungsvektor. Die träge Masse ist ein Skalar. Damit ist offensichtlich
auch die Kraft F ein Vektor2 .
Wir können an dieser Stelle ebenfalls den Impuls p einführen:
p = mtv (2.33)
Wir müssen nun einige Kräfte explizit einführen. Eine erste Kraft - die Reibungskraft -
hatten wir bereits im Zusammenhang mit dem rollenden Ball kurz angesprochen. Rei-
bungskräfte werden wir etwas später genauer diskutieren.
2
Wir werden die Vektoreigenschaften der Kraft noch an einigen Beispielen demonstrieren.
2.2. 1. UND 2. NEWTON’SCHES AXIOM; SCHWERE UND TRÄGE MASSE 33
Die Kraft, die wir an dieser Stelle betrachten wollen, ist die Gewichtskraft Fg wie
sie auf der Erdoberfläche wirkt und Massenpunkte ”nach unten”, d. h. in Richtung des
Erdmittelpunktes zieht.
Wir wollen diese Kraft zunächst mit Hilfe einer Spiralfeder charakterisieren, an die wir
unterschiedliche Objekte hängen. Wir stellen fest:
1. wenn wir Körper gleichen Materials und gleichen Volumens an die Feder hängen,
wird diese jeweils gleich weit ”nach unten” ausgedehnt.
2. wenn wir N Körper gleichen Materials und gleichen Volumens an die Feder hängen,
wird diese proportional zu N ausgedehnt.
3. Körper gleichen Volumens, aber unterschiedlichen Materials dehnen die Feder i. allg.
unterschiedlich weit aus
Auf der Basis dieser Beobachtung können wir nun die ”schwere Masse” ms eines Körpers
dadurch definieren, dass wir sagen, Körper gleicher Masse sollen die Spiralfeder um gleiche
Abstände in Richtung des Erdmittelpunkts ausdehnen. Die Gewichtskraft ist also propor-
tional zu ms . Wenn wir ms die gleiche Einheit wie für die träge Masse geben, so hat der
Proportionalitätsfaktor, den wir g nennen wollen, die Dimension einer Beschleunigung.
Wir bezeichnen g als die ”Erdbeschleunigung”.
Wir haben also:
Gewichtskraft: Fg = msg (2.34)
• eine Stahlkugel
• eine gleich große Holzkugel, die deutlich leichter ist als die Stahlkugel
Die Stahlkugel und die Holzkugel treffen praktisch gleichzeitig am Boden auf, was zur
Vermutung führt, Körper unterschiedlicher schwerer Masse fallen gleich schnell. Die we-
sentlich größere Fallzeit der Feder scheint allerdings dagegen zu sprechen. Um zu sehen, ob
dies auf Reibungskräfte zurückzuführen ist, bringen wir eine Stahlkugel und eine Daunen-
feder in ein Rohr, evakuieren dieses und lassen Stahlkugel und Feder eine Strecke von 1 m
fallen. Wir beobachten, dass beide Objekte gleichzeitig aufschlagen (die Fallzeit beträgt
ca. 0.45 s).
Wir stellen fest: Die Fallzeit von Körpern ist unabhängig von ihrer schweren Masse. Damit
scheint die Beschleunigung, die auf die Körper wirkt, für alle Massenpunkte die gleiche
zu sein.
Diese Beobachtung wollen wir mit Hilfe des Aktionsprinzips quantitativ auswerten:
Es gilt:
F = mta (Aktionsprinzip) (2.35)
Wir setzten jetzt F = Fg und erhalten: msg = mta Hieraus folgt
ms
a = g . (2.36)
mt
Da a aber für alle Körper gleich ist, folgt hieraus, dass das Verhältnis ms
mt
für alle Körper
gleich ist. Schwere und träge Masse sind also äquivalent; wir können ohne weitere
Einschränkung ms = mt ≡ m setzen.
Nun wollen wir den Fall von Stahlkugel und Daunenfeder weiter auswerten:
Wir integrieren die Bewegungsgleichung m · g = m · a = m · x¨,
die wir, wenn wir den Einheitsvektor ez entgegen der Fallrichtung ”nach oben” zeigen
lassen, auch ohne Vektorpfeile als
Hierbei messen wir die Zeit t von dem Moment, in dem wir den Körper fallen lassen. Die
Startgeschwindigkeit v(0) sei null, die Hohe z(0), aus der der Körper fällt, sei h und der
Aufschlagpunkt habe die Koordinate z = 0. Damit erhalten wir für den Aufschlagpunkt:
1
0 = h − gt2a (2.39)
2
Abbildung 2.7: Wagen der Masse M auf einer Luftkissenfahrbahn, der nahezu reibungsfrei
durch eine Masse m gezogen wird. Die symbolisch gezeichneten Räder des Wagens sind im
Versuch nicht vorhanden. Statt dessen hebt ein von der Fahrbahn ausgehender Luftstrom
den Wagen an (Zeichnung nach: Skript Ihringer).
In einem weiteren Versuch vergleichen wir nun das Verhältnis von träger zu schwerer
Masse unterschiedlicher Körper. Hierzu wird ein Wagen der Masse M auf einer Luftkis-
senfahrbahn so gut wie reibungsfrei von einer Masse m gezogen (s. Abb. 2.7).
Auf die Masse m wirkt nun die Gewichtskraft Fg = msg . Diese wird durch die Rolle
umgelenkt und zieht den Wagen. Beschleunigt werden die Massen mt und Mt . Es gilt
also:
(Mt + mt ) · a = ms · g (2.40)
Im Versuch ist zunächst M ≈ 192 g und m ≈ 4, 6 g. Wir haben, da M m ist:
ms ms
a= ·g ≈ ·g (2.41)
Mt + mt Mt
d. h. wir vergleichen jetzt das Verhältnis schwere/träge Masse verschiedener Körper
Zur Startzeit t = 0 ist die Geschwindigkeit des Wagens v(0) = 0. Wir erhalten für eine
Laufstrecke ∆x:
1 1 ms
∆x = x(t1 ) − x(0) = a(∆t)2 ≈ · g · (∆t)2 (2.42)
2 2 Mt
• Bei einer Änderung der Laufstrecke ∆x von 30 cm auf 1.2 m verdoppelt sich (un-
gefähr) die Laufzeit ∆t
• erhöht man für ∆x = 1.2 m die Masse M um einen Faktor 4, verdoppelt sich
ebenfalls ungefähr die Laufzeit
• erhöht man für ∆x = 1.2 m sowohl M als auch m um einen Faktor 4, erhält man
die gleiche Laufzeit
Auch das Verhältnis träge/schwere Masse unterschiedlicher Körper lässt also keinen Un-
terschied zwischen schwerer und träger Masse erkennen.
36 KAPITEL 2. DYNAMIK EINES MASSENPUNKTES
2.3. ARBEIT UND ENERGIE 37
• Ist die Richtung der Bewegung ∆r antiparallel zu F , so ist die am Körper geleistete
Arbeit negativ, der Körper wird abgebremst.
• Stehen die Vektoren F und ∆r unter einem beliebigen Winkel zueinander, so können
wir (2.44) entweder so interpretieren, dass nur der Anteil F cos ϕ, also der Anteil
von F , der parallel zu ∆r steht, auf den Körper wirkt oder dass lediglich die Weg-
strecke |∆r| cos ϕ zurückgelegt wird.
• Die Arbeit wird angegeben in Einheiten einer Kraft mal den Einheiten einer Länge.
Wir definieren dafür die Einheiten Joule, beziehungsweise Newton-Meter [Nm],
durch
m2
1 Joule = 1 kg 2 = 1 Nm . (2.45)
s
Ändert sich das Kraftfeld als Funktion des Ortes oder ist der Weg, den der Massenpunkt
zurücklegt nicht gradlinig, so müssen wir die Definition der Arbeit in (2.43) auf differen-
ziell kleine Wegstrecken dr zurückführen und für den entsprechenden differnziell kleinen
Beitrag der Arbeit dW schreiben
dW = F (r)dr .
Die Arbeit, die insgesamt an dem Körper geleistet wird, wenn er sich in dem Kraftfeld
von einem Punkt r1 nach einem Punkt r2 entlang eines Weges bewegt, errechnet sich dann
als die Summe dieser Elemente dW , beziehungsweise als Integral
r2 r2
W = dW = F (r)dr . (2.46)
r1 ,Weg
r1 ,Weg
Wie berechnet man aber ein solches Linien- oder Wegintegral? Wie kann ich mathe-
matisch beschreiben über welchen Weg ich mich von r1 nach r2 bewege?
38 KAPITEL 2. DYNAMIK EINES MASSENPUNKTES
y
1
w2
w1
1 x
Abbildung 2.8: Beispiel für Berechnung von Wegintegralen
In diesem Abschnitt soll die Berechnung von Weg- oder Linienintegralen dargestellt und
veranschaulicht werden. Als konkretes Beispiel wollen wir das Wegintegral
r2
r) dr
A( (2.47)
r1 ,Weg
r ) vom Startpunkt r1 zum Endpunkt r2 über einen bestimmten Weg
des Vektorfeldes A(
betrachten. In unserem Beispiel seien
ay 1 0
r) = ax ,
A( r1 = 0 , r2 = 1 , (2.48)
0 0 0
so wie in Abb. 2.8 dargestellt. Als ersten Weg soll die direkte Verbindungslinie von r1
nach r2 betrachtet werden. Diese Gerade wird parameterisiert in der Form
wobei man sich den Parameter t als Zeitparameter veranschaulichen kann und r(t) als
den Aufenthaltsort zur Zeit t. Man realisiert leicht, dass die Funktion r(t) genau die
Verbindungsgerade beschreibt, wobei wir zur Zeit t = 0 am Startpunkt und zur Zeit
t = 1 am Endpunkt des Weges angelangt sind. Damit berechnet sich das Wegintegral
2.3. ARBEIT UND ENERGIE 39
Als Alternativweg W 2 betrachten wir den Kreisbogen in Abb. 2.8, der parameterisiert
wird durch die Vektorfunktion
cos π2 t
r(t) = sin π2 t .
0
Damit berechnet sich das entsprechende Wegintegral
π
r2 1 a sin π2 t − 2 sin π2 t
r) dr =
A( a cos π t · π cos π t dt
2 2 2
r1 ,W 2 0 0 0
1
aπ 2 π 2 π
= − sin t + cos t dt (2.51)
0 2 2 2
Auch in diesem Fall ergibt die Auswertung des Integrals (nach etwas längerer Rechnung)
den Wert 0. Der Wert des Integrals ist also in diesem Fall unabhängig davon, ob man
entlang des Weges W 1 oder entlang des Weges W 2 integriert. Wir werden weiter unten
sehen, dass dieses Ergebnis kein Zufall ist.
• Mathematisch gesehen ist ein Skalarfeld eine Abbildung, Φ(r), die jedem Ortsvektor
r des 3-dimensionalen Raumes einen Skalar, also eine Zahl Φ zuordnet.
• Dementsprechend ist ein Vektorfeld A(
r ) eine Abbildung des 3-dimensionalen Raum-
es nach 3 , jedem Ortsvektor r wird eine Vektor A zugeordnet.
Als ein Beispiel für ein Skalarfeld mit physikalischer Bedeutung kann man das Tempera-
turfeld T (r) betrachten: an jedem Punkt im Raum, r, kann man die lokale Temperatur
feststellen und so die gesamte Temperaturverteilung angeben. Als ein Beispiel für eine
mathematisch definiertes Skalarfeld sei die Funktion
Φ(r) = |r|2 = x2 + y 2 + z 2 (2.52)
40 KAPITEL 2. DYNAMIK EINES MASSENPUNKTES
aufgeführt.
Betrachtet man andererseits die Strömung eines fließenden Gewässers oder auch der uns
umgebenden Luft, so können wir jedem Ortsvektor die lokale Strömung an diesem Ort, also
die Richtung und den Betrag der jeweiligen mittleren Geschwindigkeiten der Wasser- oder
Luftmoleküle angeben. Dieses Geschwindigkeitsfeld V (r) ist ein Beispiel für ein Vektorfeld.
Eine weiteres Beispiel für ein Vektorfeld ist das Kraftfeld F (r), das angibt, welche Kraft
auf ein Testteilchen an einem gegebenen Ort r wirkt.
Für ein beliebiges Skalarfeld Φ(r) können wir nun den Gradienten dieses Skalarfeldes
an einem Punkt r0 definieren. Die geometrisch anschauliche Definition definiert diesen
Gradienten von Φ am Ort r0 , Grad Φ(r0 ), als den Vektor, der in die Richtung weist, in der
das sklare Feld Φ am Punkt r0 am stärksten ansteigt. Die Länge dieses Vektors entspricht
dem Betrag dieses stärksten Anstiegs.
Wir werden nun zeigen, dass aus dieser Definition folgt:
• Mit dem Gradienten-Operator können wir das totale Differenzial dΦ des Skalarfeldes
umschreiben in das Skalarprodukt:
wobei dr der infinitesimale Vektor ist mit den kartesischen Komponenten dx, dy
und dz
∂
∂x := (2.54)
∂x
Zum Beweis dieser Behauptungen betrachten wir die Änderung des Skalarfeldes Φ(r),
wenn man sich um ein kleines Stück ∆r vom Referenzpunkt r0 fortbewegt. Wenn der
Differenzvektor ∆r sehr klein ist, kann man den Wert des Skalarfeldes Φ and der Stelle
r0 + ∆r durch eine Taylorentwicklung von Φ am Punkte r0 bestimmen. Es gilt also:
Dabei haben wir die Terme in zweiter und höherer Ordnung in den Verschiebungen ∆x, ∆y
und ∆z der kartesischen Koordinaten von ∆r nicht explizit aufgeführt (dargestellt durch
. . . ), da wir für kleine Verschiebungen ∆r diese nicht linearen Terme vernachlässigen
können.
2.3. ARBEIT UND ENERGIE 41
Die Differenzialform einer Funktion f (xi ), die von Parametern xi abhängt, ist definiert
als
∂f
df = dxi (2.56)
i
∂x i
Aus dem Vergleich dieser Definition mit der Darstellung von ∆Φ in (2.55) sieht man also,
dass die Differenzialform dΦ (wobei Φ von den Variablen xi = x, y, z abhängt) gerade
dem Grenzfall von ∆Φ entspricht mit ∆x → dx, ∆y → dy und ∆z → dz. In diesem
Grenzfall infinitesimaler Verschiebungen gilt insbesondere, dass die nichtlinearen Terme
in den Verschiebungen vernachlässigbar sind. Damit können wir also dΦ interpretieren als
die Änderungen von Φ, wenn eine infinitesimale Verrückung, dargestellt durch
wobei der Winkel α in der letzten Zeile gerade dem Winkel zwischen den Vektoren ∇Φ
und dr bezeichnet. Bei dem Übergang zur letzten Zeile wurde also benutzt, dass das
Skalarprodukt zweier Vektoren sich als Produkt der Beträge multipliziert mit dem Cosinus
des eingeschlossenen Winkels berechnet. Die Änderung des Skalarfeldes Φ, dΦ, ist also
dann maximal, wenn der Winkel α = 0 ist, wir also eine Änderung des Ortsvektors dr
verläuft. Damit ist also der Vektor ∇Φ
betrachten, die in Richtung des Vektors ∇Φ parallel
zum Vektor Grad Φ. Ausserdem sind auch die Beträge identisch, denn für cos α = 1 gilt
ja
dΦ
= ∇Φ = |Grad Φ|
|dr|
Damit ist also (2.54) bewiesen. Gleichzeitig können wir aber auch aus der dritten Zeile
von (2.57) den Beweis von (2.53) ablesen.
Als einfaches Beispiel für die Berechnung des Gradienten nach (2.54) betrachten wir das
Skalarfeld aus (2.52). Der Gradient berechnet sich in diesem Fall
2x
= 2y = 2r .
Grad Φ = ∇Φ
2z
Der Gradient kann aber natürlich in anderen Koordinaten als den kartesischen Koordina-
ten berechnet werden. Als Beispiel soll hier der Gradient in Zylinderkoordinaten und in
Kugelkoordinaten (auch Polarkoordinaten genannt) angegeben werden.
In Zylinderkoodinaten stellt sich der Gradient dar in der Form
∇Φ
= Oρ êρ + Oφ êφ + Oz êz . (2.58)
42 KAPITEL 2. DYNAMIK EINES MASSENPUNKTES
Dabei sind die Vektoren êρ , êφ und êz die Basisvektoren für die Zylinderkoordinaten, die
wir im Abschnitt 1.1 eingeführt haben. Die Operatoren in (2.58) sind gegeben durch
∂Φ
Oρ =
∂ρ
1 ∂Φ
Oφ =
ρ ∂φ
∂Φ
Oz = . (2.59)
∂z
Im Fall der Kugelkoordinaten soll der Gradient dargestellt werden in der Form
∇Φ
= Or êr + Oθ êθ + Oϕ êϕ . (2.60)
Dabei sind Or , Oθ und Oϕ Ausdrücke, die wir im folgenden bestimmen werden. Die
Einheitsvektoren für die Kugelkoordinaten sind gegeben durch
sin θ cos ϕ cos θ cos ϕ − sin ϕ
êr = sin θ sin ϕ , êθ = cos θ sin ϕ , êϕ = cos ϕ . (2.61)
cos θ − sin θ 0
Zunächst bestimmen wir die Differenzialform für den Ortsvektor dr (vergleiche dazu
(2.56), hier angewandt auf die Komponenten des Vektors r)
Das vollständige Differenzial für Φ, hier als Funktion der Kugelkoordinaten, schreibt sich
∂Φ ∂Φ ∂Φ
dΦ = dr + dθ + dϕ
∂r ∂θ ∂ϕ
= ∇Φ
· dr
= (Or êr + Oθ êθ + Oϕ êϕ ) · (êr dr + rêθ dθ + r sin θêϕ )
= Or dr + Oθ rdθ + Oϕ r sin θdϕ . (2.63)
Dabei haben wir in der zweiten Zeile die Eigenschaft (2.53) ausgenutzt und in den fol-
genden Zeilen die Schreibweisen in (2.60) und (2.62). Aus dem Koeffizientenvergleich der
letzten mit der ersten Zeile in (2.63) werden die in (2.60) gesuchten Koeffizienten bestimmt
zu
∂Φ 1 ∂Φ 1 ∂Φ
Or = , Oθ = , Oϕ = . (2.64)
∂r r ∂θ r sin θ ∂ϕ
= ∇Φ
A ,
2.3. ARBEIT UND ENERGIE 43
so ist das Wegintegral über dieses Vektorfeld unabhängig vom aktuellen Weg und lässt
sich berechnen zu r2
r) dr = Φ(r2 ) − Φ(r1 ) .
A( (2.65)
r1
Der Beweis dieses Satzes ist nach den geleisteten Vorarbeiten sehr einfach. Nach (2.53)
gilt nämlich
r2 r2
A(r) dr = ∇Φ
· dr
r1
r1
= dΦ = Φ(r2 ) − Φ(r1 ) .
Als Anwendung dieses Integralsatzes verifizieren wir, dass das Vektorfeld aus (2.48) dem
Gradienten des Skalarfeldes
Φ = axy
entspricht. Damit ist das entsprechende Wegintegral (2.47) unabhängig vom gewählten
Weg und berechnet sich zu
r2
r ) dr = Φ(r2 ) − Φ(r1 ) = a ∗ 0 ∗ 1 − a ∗ 1 ∗ 0 = 0 ,
A(
r1
was wir ja auch in (2.50) und (2.51) auf etwas mühsamerer Art gefunden haben.
F = −∇V
(r) . (2.66)
1. Die Arbeit, die von einem konservativen Kraftfeld an einem Massenpunkt geleistet
wird, wenn dieser sich von rA nach rE bewegt ist unabhängig vom Weg und gegeben
durch
∆W = V (rA ) − V (rB ) . (2.67)
2. Bei der Bewegung eines Massenpunktes der Masse m in einem konservativen Kraft-
feld bleibt die Summe aus der potenziellen Energie, das ist der Wert des Potenzials
an dem Ort, an demsich der Massenpunkt befindet, und seiner kinetischen Energie
1
T = mv 2 , (2.68)
2
wobei v die aktuelle Geschwindigkeit bezeichnet, erhalten. Wegen dieser Energier-
haltung heisst eben dieses Kraftfeld auch konservativ.
44 KAPITEL 2. DYNAMIK EINES MASSENPUNKTES
Zum Beweis des Punktes 2 nehmen wir an, dass sich der Massenpunkt entlang eines
bestimmten Weges r(t) bewegt und berechnen die zeitliche Änderung der potenziellen
Energie zu
dV ∂V dx ∂V dy ∂V dz
= + +
dt ∂x dt ∂y dt ∂z dt
= ∇V
v = −F v . (2.70)
Andererseits berechnet sich die zeitliche Änderung der kinetischen Energie
dT 1 d 2
= m vx + vy2 + vz2
dt 2 dt
1 dvx dvy dvz
= m 2vx + 2vy + 2vz
2 dt dt dt
dv
= m v = F v , (2.71)
dt
wobei wir in der letzten Zeile die Newtonsche Bewegungsgleichung eingesetzt haben. Ad-
diert man die Ergebnisse von (2.70) und (2.71), so ergibt sich
d
[T + V ] = 0
dt
was wir ja beweisen wollten.
Als ein Beispiel für ein konservatives Kraftfeld wollen wir die Gravitationskraft auf der
Erdoberfläche anführen. Unser Koordinatensystem sei so orientiert, dass die z-Achse senk-
recht zur Erdoberfläche nach oben weist, und ein Potenzial definiert durch
V = mgz (2.72)
wobei m die angezogene Masse sein soll und g für die Beschleunigung der Erdanziehung
steht. Mit dem Gradient Operator in kartesischen Koordinaten aus (2.54) ergibt sich für
die Kraft
F = −∇V = −m g êz
was ja der Erdanziehung entspricht.
Zur Verdeutlichung der Energierhaltung bei der Bewegung in diesem Kraftfeld nehmen
wir an, dass bei dem Start der Bewegung die Masse m sich in Ruhe auf einer Höhe h
oberhalb der Erdoberfläche befindet. Am Ende der Bewegung fällt der Massenpunkt m
mit der Geschwindigkeit v bei z = 0. Es gilt also
1
T + V = 0 + mgh = mv 2 + mg0
2
2.3. ARBEIT UND ENERGIE 45
Abbildung 2.9: Eine Stahlkugel fällt auf eine Stahlplatte oder ein Aluminium-Blech (Zeich-
nung: Skript Ihringer)
Die potentielle Energie der Kugel in der Höhe h beträgt Epot = mgh. Die Startgeschwin-
digkeit der Kugel ist 0, daher ist Epot gleich der Gesamtenergie E.
Beim Aufschlag ist Epot = 0, dafür hat die Kugel eine kinetische Energie Ekin = 12 mvauf
2
.
Den Wert der Aufschlagsgeschwindigkeit vauf können wir unter Benutzung der Energieer-
haltung sofort angeben, da während des gesamten Falls E = Epot + Ekin = const. = mgh
gilt. Wir haben damit beim Aufschlag beim Aufschlag: E = 12 mvauf2
= mgh, woraus sofort
√
vauf = 2gh folgt. Interessant ist nun, was nach dem Aufschlag passiert:
• Beim Fall auf die Stahlplatte springt die Kugel nahezu wieder auf die Anfangshöhe h
zurück; die kinetische Energie kurz nach dem Aufschlag ist also nahezu zu groß wie
kurz vorher; lediglich die Richtung bzw. der Impuls der Kugel hat sich umgekehrt.
Man spricht in diesem Zusammenhang auch davon, dass die Kugel einen elastischen
Stoß mit der Stahlplatte gemacht hat.
• Beim Fall auf die Aluminiumplatte bleibt die Kugel einfach liegen. Offensichtlich ist
die Energie E der Kugel in der Platte geblieben (Tatsächlich wurde die Platte beim
Aufschlag verformt und schließlich etwas erwärmt). Wir sprechen hier von einem
vollkommen inelastischen Stoss.
Im nächsten Versuch wollen wir nun die Fallgesetze nutzen, um herauszufinden, von wel-
chen Höhen wir eine Serie von N Massen fallen lassen müssen, so dass sie in zeitgleichen
Intervallen am Boden aufschlagen (s. Abb. 2.10).
48 KAPITEL 2. DYNAMIK EINES MASSENPUNKTES
Die n-te Masse befinde sich auf der Höhe zn . DieseMasse benötigt nun nach den New-
2zn
tonschen Bewegungsgleichungen eine Zeit ∆tn = g
, um am Boden aufzuschlagen.
Wir wollen, dass die Kugeln dies in gleichen Zeitabständen auftreffen, d. h. wir verlangen
∆tn = n · ∆t1 . Einsetzen liefert:
2 √ 2 √
· zn = n · · z1 (2.73)
g g
oder zn = n2 z1 . Das Verhältnis zn /z1 muss also quadratisch anwachsen. Wir demonstrieren
den Effekt dadurch, dass wir ein Seil von der Decke fallen lassen, an dem in diesem
Abstandsverhältnis Stahlmuttern angebracht sind. Man hört die Aufschläge in zeitgleichen
Abständen.
Die Energie der n-ten Kugel war beim Start E = Epot = mgzn = mgn2 z1 , wächst also
quadratisch mit n.
√ √
Beim Aufschlag gilt: vn = 2gzn = n · 2gz1. Die Aufschlagsgeschwindigkeit nimmt also
proportional zu n zu.
Im nächsten Versuch vergleichen wir den freien Fall und den waagrechten Wurf zweier
Kugeln (s. Abb. 2.11). Kugel 1 wird aus einer Höhe h = 1,5 m fallengelassen. Zeitgleich
wird Kugel 2 aus einer Abschussvorrichtung mit einer Startgeschwindigkeit vx = 5 ms
waagrecht abgeschossen.
Man hört beide Kugeln zeitgleich aufschlagen, obwohl Kugel 2 einen weiteren Weg zurück-
gelegt hat. Wir wollen die Bewegung beider Kugeln nun quantitativ nachvollziehen:
• Kugel 1 fällt senkrecht herunter, wobei gilt: z(t) = h − 12 gt2 . Die Fallzeit beträgt
∆t = 2h/g, was für h = 1,5 m einen Wert von ca. 0,55 s ergibt.
2.4. FALL, WURF UND FEDERKRÄFTE 49
• Kugel 2 wird in z-Richtung mit der Gewichtskraft−mg beschleunigt und fällt ge-
nauso wie Kugel 1: z(t) = h − 12 gt2 , Fallzeit ∆t = 2h/g.
Die Bewegung in x-Richtung ist (nach dem Abschuss) unbeschleunigt mit vx (t) =
vx (t = 0). Man beachte, hierbei, dass sich insgesamt die Bewegungen in x- und
z-Richtung überlagern. Die resultierende Bahnkurve der Kugel 2 können wir wie
folgt bestimmen: Für die Bewegung in x-Richtung gilt: x(t) = vx (t = 0) · t. Nach t
aufgelöst und in z(t) eingesetzt ergibt dies:
2
1 x g
z(t) = h − g (0) =h− x2 (2.74)
2 vx 2vx2 (0)
Wir geben auch noch die Energien und Geschwindigkeiten der beiden Kugeln für t = 0
und beim Aufschlag an:
• Kugel 1 hat beim Start Epot = mgh, Ekin = 0 und daher √ eine Gesamtenergie
E = Epot . Die Geschwindigkeit beim Aufschlag ist v = vz = 2gh, was für h = 1.5
m einen Wert von 5.4 m/s ergibt.
• Kugel 2 hat beim Start Epot = mgh, Ekin = 12 mvx2 (0) und daher eine Gesamtenergie
1
E = Epot + Ekin = mgh + mvx2 (0) (2.75)
2
Beim Aufschlag ist Epot = 0 und Ekin = mgh + 12 mv 2 = 12 m(vx2 + vy2 ) = 12 m(vx2 (0) +
2gh). Die Geschwindigkeit der Kugel beträgt beim Aufschlag also v = vx2 (0) + 2gh
(≈ 7.4 m/s)
Im nächsten Versuch wollen wir die Bahnkurve untersuchen, die sich beim schrägen
Wurf ergibt, d. h. wenn ein Massenpunkt mit einer Anfangsgeschwindigkeit v0 unter
einem Winkel ϕ (wie in Abb. 2.12 gezeichnet) geworfen wird. An Stelle eines einzel-
nen Massenpunktes betrachten wir allerdings einen Wasserstahl, der die entsprechende
Bahnkurve kontinuierlich darstellt.
50 KAPITEL 2. DYNAMIK EINES MASSENPUNKTES
x 1 x2 g
z = v · sin ϕ − g 2 2
= x · tan ϕ − 2 x2 (2.79)
v0 cos ϕ 2 v0 cos ϕ 2v0 cos2 ϕ
Wir haben auch hier eine ”Wurfparabel” vorliegen, die wir nun noch etwas genauer
analysieren wollen:
In Abb. 2.13 ist zunächst die Wurfparabel für den waagrechten Wurf, d. h für ϕ = 0 ge-
zeigt. Wir messen diese Parabel dadurch aus, dass wir eine Reihe von Stäben entlang der
x-Achse anbringen (s. Abb. 2.13 (links)). In Abb. 2.13 (rechts) ist einer dieser Stäbe an der
Position x0 gezeichnet. Die z-Koordinate des Wasserstrahls hat hier den Wert −gx20 /2v02,
die Länge des Stabes also den Wert gx20 /2v02. Man beachte außerdem, dass man bei vor-
gegebenen Stäben, die in Abständen xn angebracht sind und die Länge Ln = ax2n haben,
die ”richtige” Parabel dadurch einstellen kann, dass man die Anfangsgeschwindigkeit v0
so wählt, dass a = g/2v02 gilt.
2.4. FALL, WURF UND FEDERKRÄFTE 51
Abbildung 2.13: Ein waagrecht austretender Wasserstrahl wird durch eine Reihe von
Stäben ausgemessen.
Abbildung 2.14: Der Wasserstrahl und die Messtäbe aus Abb. 2.13 werden um den Winkel
ϕ gekippt.
Wir kippen nun den Wasserstrahl so, dass v0 mit der x-Achse den Winkel j einschließt.
Gleichzeitig kippen wir die Aufhängungspunkte der Stäbe (d. h. die ehemalige x-Achse)
um den gleichen Winkel ϕ (s. Abb. 2.14).
Dabei bekommt der Aufhängungspunkt des Stabes bei x0 die neuen Koordinaten x =
x0 cos ϕ und z = x0 sin ϕ. Der Wasserstrahl wird ganz allgemein durch die Gleichung
z(x) = x tan ϕ − 2v2 cos
g 2
2 ϕ x beschrieben. Wir setzen hier für x den Wert x0 cos ϕ ein und
0
52 KAPITEL 2. DYNAMIK EINES MASSENPUNKTES
erhalten:
g g
z(x0 ) = (x0 cos ϕ) tan ϕ − (x0 cos ϕ) 2
= x0 sin ϕ − . (2.80)
2v02 cos2 ϕ 2v02 x20
Die Länge des Stabes war gx20 2v02 . Der neue Aufhängungspunkt liegt bei z = x0 sin ϕ.
Vergleichen wir dies mit obigem Ausdruck für z(x0 ), so sehen wir, dass das untere Ende des
Stabes wiederum die Wasserstrahlparabel berührt. Wir können also mit unseren Stäben
die Wasserstrahlparabel für alle Winkel ϕ ausmessen. Genau dies ist in Abb. 2.14 gezeigt.
In den beiden Hälften des Seils wirken nun die Kräfte Fs1 bzw. Fs2 , die wie in Abb. 2.15
(rechts) gezeigt parallel zu den Seilstücken gerichtet sind. Aus Symmetriegründen sind
die Beträge dieser Kräfte gleich; |Fs1 | = |Fs2 | = Fs . Nur die Anteile Fs · sin ϕ wirken der
Gewichtskraft mg entgegen.
Wir haben also 2 · Fs · sin ϕ = mg, oder Fs = mg/(2 sin ϕ).
Man beachte hierbei, dass Fs für ϕ → 0 ins Unendliche wächst. Wollten wir also das
Seil wieder waagrecht spannen, würde dies nicht gelingen, sondern das Seil würde schlicht
irgendwann reißen.
Eine quantitative Auswertung für verschiedene Massen m ist in Tab. 2.1 angegeben.
Die Abb. 2.16 zeigt die Funktion 1/(2 sin ϕ), die das Verhältnis Fs /mg angibt. Für ϕ = 90◦
ist die Funktion gleich 1/2; jede Seilhälfte kompensiert mg/2. Für einen Winkel von 30◦
ist 1/(2 sin ϕ) gleich 1, für 5◦ bereits 5.7.
In einem zweiten Versuch betrachten wir die Kräfte, die eine Masse M auf der schiefen
Ebene erfährt. Die Ebene ist um den Winkel ϕ geneigt (s. Abb. 2.17). Auf M wirkt in - z-
Richtung die Gewichtskraft Mg. Die Kraftkomponente senkrecht zur Ebene ist M ·g·cos ϕ,
2.4. FALL, WURF UND FEDERKRÄFTE 53
Tabelle 2.1: Verschiedene Massen m am Stahlseil der Abb. 2.15. Die Länge des Seils ist
2L = 97.5 cm. Die Auslenkung aus der Horizontalen ist z; entsprechend sin ϕ ≈ ϕ ≈ z/L
die Komponente parallel zur Ebene ist M · g · sin ϕ (Hangabtriebskraft). Die Masse M ist
mit einer zweiten Masse m über eine Umlenkrolle verbunden. Durch diese Masse wirkt
eine Kraft m · g auf M, die der Tangentialkomponente M · g · sin ϕ entgegengerichtet
ist. Man findet nun, dass für das Verhältnis M
m
= 21 Kräftegleichgewicht herrscht, wenn
ϕ = 30◦ ist, d. h. für sin ϕ = 12 .
Masse M
Masse m m gC sin j
sin
mg
Mg m g cos j
Abbildung 2.17: Masse M auf der schiefen Ebene. (aus Skript Ihringer)
Es sei hier angemerkt, dass die Kraftkomponente M · g · cos ϕ durch die ”Zwangskraft”
kompensiert wird, die M auf der Auflage, d. h. der schiefen Ebene hält.
54 KAPITEL 2. DYNAMIK EINES MASSENPUNKTES
FFeder = C · ∆z (2.81)
Dies ist das Hooke’sche Gesetz. Die Kraft, die eine Feder auf einen Massenpunkt ausübt,
wächst proportional zur Dehnung der Feder. Die ”Proportionalitätskonstante C ist die
Federkonstante”.
mg
Hieraus folgt: ∆z =
2C
Wir können dies auch sofort auf N Federn mit unterschiedlichen Federkonstanten Ck
(k = 1, . . . , N) verallgemeinern:
N
N
mg = Ck ∆z oder ∆z = mg/ Ck (2.82)
k=1 k=1
Wir wollen zum Abschluss noch die Energie einer Feder mit der Federkonstanten C
berechnen. Wenn wir die Feder um die infinitesimale Länge dz auslenken, verrichten wir
die Arbeit F (z) · dz. Bei Auslenkung von 0 auf ∆z beträgt die gesamte Arbeit:
Diese Arbeit ist (bei Vernachlässigung von Reibungseffekten) als innere Energie in Feder
gespeichert. Die Energie der Feder beträgt damit
C
Epot = (∆z)2 (2.86)
2
wächst also quadratisch mit der Auslenkung ∆z.
2.5. FEDERPENDEL, MATHEMATISCHES PENDEL UND UHREN 57
zz +,z(0)
+
z(0)
z(t)
Zeit
z
2,z z
m
zz--,z(0)
z(0)
Wir wollen nun die Beobachtungen auf der Basis der Newtonschen Gleichungen grob3
analysieren.
Wir stellen zunächst die Bewegungsgleichung auf, wobei wir den Einfluss von Reibung
vernachlässigen.
Zunächst wurde die unbelastete Feder (z-Koordinate des Aufhängepunkts der unbelaste-
ten Feder: z = 0) durch Anhängen der Masse m gemäß dem Hookeschen Gesetz gedehnt,
bis die Ruhelage z0 erreicht wurde. Diese Ruhelage bestimmt sich aus dem Kräftegleichge-
wicht mg = Cz0 . Lenken wir die Feder um eine Distanz −∆z nach unten aus, so vergrößert
sich die Federkraft auf C(z0 + ∆z). Die Summe aus Gewichtskraft und Federkraft wirkt
also in Richtung +z. Lenken wir umgekehrt die Masse um ∆z nach oben, so verringert
sich die Federkraft auf C(z0 − ∆z). Die Summe aus Gewichtskraft mg und Federkraft
wirkt in Richtung −z.
3
Eine genaue theoretische Beschreibung finden Sie in den Theorie-Abschnitten 2.7 bis 2.8.
58 KAPITEL 2. DYNAMIK EINES MASSENPUNKTES
Wenn die Masse m ruht, ist z̈ = 0 und wir erhalten die Ruhelage z0 aus 0 = −Cz0 − mg.
Wir können nun mg aus Gleichung 2.87 unter Benutzung von mg = −Cz 0 eliminieren
und erhalten4 :
mz̈ = −C · (z − z0 ) (2.88)
Unterstellen wir, dass das Pendel auf Grund von Reibungseffekten - die wir in Gleichung
2.88 vernachlässigt haben - wieder zur Ruhe kommt, dann legt die beobachtete Bewegung
der Masse m nahe, einen
zu versuchen. Setzen wir dies in Gleichung 2.88 ein, so erhalten wir mit ż = −∆z ·ω sin ωt,
z̈ = −∆z · ω 2 :
− m · ∆z · ω 2 · cos ωt = −C · ∆z · cos ωt (2.90)
Offensichtlich hat also ω einen ganz bestimmten, durch C und m bestimmten Wert, die
”Eigenfrequenz” des Pendels.
Hätten wir einen Ansatz 2: z(t) = z0 + ∆z · sinωt gewählt, so hätte
auch dieser die Be-
C
wegungsgeleichung Gleichung 2.88 gelöst, wobei wir wiederum ω = m erhalten hätten.
Ebenso hätten wir einen Ansatz 3: z(t) = z0 + ∆z1 · sinωt + z2 · cos ωt oder einen
Ansatz 4: z(t) = z0 + ∆z1 · sin(ωt + ϕ) machen können. Es stellt sich also die Frage,
wie viele Ansätze Gleichung 2.88 lösen.
Es zeigt sich (Näheres siehe Abschnitt 2.5.2):
Eine ”lineare Differentialgleichung zweiter Ordnung” wie die Gleichung Gleichung 2.88
besitzt genau zwei unabhängige Lösungen, z. B. Ansatz 1 und Ansatz 2. Die allgemeine
Lösung ist eine Linearkombination aus diesen beiden Lösungen, etwa in der Form des
Ansatzes 3. Der Ansatz 4 lässt sich in diese Linearkombination umrechnen.
Die Linearkombination des Ansatzes 3 enthält zwei5 noch nicht näher bestimmte Para-
meter ∆z1 und ∆z2 . Diese können wir durch Anfangsbedingungen für z(t = 0) und für
ż(t = 0) festlegen.
Es sei beispielsweise t = 0 am oberen Umkehrpunkt. Wir haben dann: z(t = 0) = z0 +
∆z(0) und z(t = ˙0) = 0.
Ansatz 3 liefert: z(t = 0) = z0 + ∆z2 , sowie z(t = 0)˙ = ω∆z1 .
Wegen z(t = ˙0) = 0 ist ∆z1 = 0 und wegen z(t = 0) = z0 + ∆z(0) ist ∆z2 = ∆z(0).
Im Experiment überprüfen wir einige Eigenschaften des Federpendels:
4
Es liegt an dieser Stelle nahe, den Koordinatenursprung nach z0 zu verlegen. Wir wollen hier aber
darauf verzichten.
5
Die Ruhelage z0 ist kein freier Parameter, sondern durch z0 = −mg/C gegeben.
2.5. FEDERPENDEL, MATHEMATISCHES PENDEL UND UHREN 59
2p
1. Die Unabhängigkeit der Schwingungsdauerdauer T bzw der Kreisfrequenz ω = T
von der Amplitude
√
2. Die Wirkung unterschiedlicher Federkonstanten; Überprüfung ω ∝ C
3. Der Einfluss unterschiedlicher Massen; Überprüfung ω ∝ m1
Zum Abschluss dieses Abschnittes über die ungedämpfte Schwingung eines Federpendels
wollen wir einige Betrachtungen zur Energie des Pendels anstellen.
Abb. 2.21 stellt zunächst die Energie mgz + 21 Cz 2 des Federpendels graphisch dar (genauer
2
Epot z 1 z
gesagt die normierte Energie mg|z 0|
= |z0 |
+ 2 z0
.) Die Energie wächst quadratisch vom
Minimum bei z0 = −mg/C (bzw. z/|z0 | = −1) aus an. Genau in diesem Minimum ist die
Ruhelage der belasteten Feder. Wenn die Masse schwingt, wächst die Energie symmetrisch
um z0 herum an; man erkennt sofort, dass die Schwingung symmetrisch um z0 sein wird.
2
Epot z 1 z
Abbildung 2.21: Normierte Energie mg|z0 |
= |z0 |
+ 2 z0
eines mit einer Masse m bela-
steten Federpendels zusammen mit den beiden Summanden z/|z0 | und (z/z0 )2 /2.
Betrachten wir nun ”zu Fuß” die Energien, die auftreten, wenn wir die Masse m an die
ungelastete Feder hängen und dann loslassen:
• Zunächst müssen wir die Masse m eine gewisse Höhe h (von Tisch bis zum Aufhänge-
punkt z = 0 hochheben, was die potentielle Energie der Masse erhöht.
• Wir hängen jetzt die Masse an die Feder und lassen sie los. Die Masse ”fällt” dann
über die Ruhelage z0 hinaus bis zum unteren Umkehrpunkt z0 − ∆z. Hierbei wird
verliert die Masse die potentielle Energie6 −mg(z0 − ∆z) und spannt dabei die
6
Man beachte, dass z0 − ∆z eine negative Zahl ist.
60 KAPITEL 2. DYNAMIK EINES MASSENPUNKTES
• Die Masse schwingt dann zurück. Bei z = z0 ist die Energie der Feder 12 Cz02 , und
der Verlust an potentieller Energie im Gravitationsfeld gegenüber z = 0 beträgt
−mgz0 . Die Differenz −mgz0 − 12 Cz02 tritt jetzt als kinetische Energie der Masse m
auf. Mit z0 = −mg/C erhalten wir Ekin = 12 Cz02 . Ekin ist bei z = 0 also genauso
groß wie die in der Feder gespeicherte Energie.
• Eine Differenzialgleichung heisst linear genau dann, wenn in jedem Term (Sum-
mand) die gesuchte Funktion oder eine ihre Ableitung linear auftritt. Eine Gleichung
vom Typ
df
− f (t) = 0
dt
wäre also ein Beispiel für eine nichtlineare Differenzialgleichung, da die gesuchte
Funktion in einer Wurzel auftritt.
Nach diesen Kriterien ist das Beispiel (2.93) also eine lineare, homogene Differenzial-
gleichung zweiter Ordnung. Eine etwas allgemeinere Schreibweise für eine solche lineare,
homogene Differenzialgleichung zweiter Ordnung ergibt sich durch
d2 f (t) d f (t)
2
+α + β f (t) = 0 . (2.94)
dt dt
Nehmen wir nun an, dass wir bereits 2 Lösungen f1 (t) und f2 (t) für diese Gleichung
gefunden haben. (Wir werden später sehen, dass es für eine solche Differenzialgleichung
zweiter Ordnung stets 2 voneinander unabhängige Lösungen gibt.) In diesem Fall ist auch
die Linearkombination
f (t) = A f1 (t) + B f2 (t) , (2.95)
mit zwei Konstante A und B, die nicht von der Zeit t abhängen, eine Lösung der Differen-
zialgleichung (2.94). Zum Beweis dieser Behauptung berechnen wir die erste und zweite
Ableitung von f nach der Zeit:
d f (t) d f1 (t) d f2 (t)
= A +B , (2.96)
dt dt dt
d2 f (t) d2 f1 (t) d2 f2 (t)
= A + B . (2.97)
dt2 dt2 dt2
Multipliziert man nun die Gleichung (2.96) mit α, Gleichung (2.95) mit β und addiert
diese beiden Gleichungen zu (2.97), so ergibt sich
d2 f (t) d f (t)
2
+α + β f (t) =
dt dt
d2 f1 (t) d2 f2 (t) d f1 (t) d f2 (t)
A +B +α A +B
dt2 dt2 dt dt
+β [A f1 (t) + B f2 (t)]
2 2
d f1 (t) d f1 (t) d f2 (t) d f2 (t)
= A + + f1 (t) + B + + f2 (t)
dt2 dt dt2 dt
= A0+ B0 = 0, (2.98)
was bedeutet, dass die auch die in (2.95) definierte Funktion f (t) eine Lösung der Glei-
chung (2.94) ist. (Bei dem Übergang zur letzten Zeile in (2.98) wurde ausgenutzt, dass
die Funktion fi Lösungen der Gleichung (2.94) sind).
Dieses Ergebnis lässt sich natürlich sofort erweitern auf lineare homogene Diffeenzialglei-
chungen einer beliebigen Ordnung n.
Dieses allgemeine Ergebnis, dass die Überlagerung von Lösungen homogener linearer Dif-
ferenzialgleichungen, wiederum eine Lösung dieser Gleichung liefern, wollen wir nun auf
das Beispiel der Bewegungsgleichung (2.93) anwenden. Wir wissen oder können uns leicht
davon überzeugen, dass die Funktionen
Lösungen für die Bewegungsgleichung des Harmonischen Oszillators sind. Damit ist aber
auch
x(t) = A sin(ωt) + B cos(ωt) , (2.99)
62 KAPITEL 2. DYNAMIK EINES MASSENPUNKTES
dx
= Aω cos(ωt) − Bω sin(ωt)
dt
= Aω
= 0, (2.101)
t=0
so ergibt sich daraus sofort A = 0. Setzen wir dieses Ergebnis in (2.99) ein und berechnen
x(t = 0), so erhalten wir
x0 = B cos(ω0) = B (2.102)
womit also die beiden Unbekannten A und B in (2.99) durch die Startbedingungen (2.100)
festgelegt worden sind.
An diesem Beispiel sollte demonstriert werden wie man allgemein an die Bestimmung der
gesuchten Koordinatenfunktion x(t) für die Bewegung eines Teilchens herangehen sollte
in den folgenden Schritten:
• Stelle die Bewegungsgleichung für die gesuchte Funktion x(t) auf. Dies ist eine Dif-
ferenzialgleichung zweiter Ordnung in der Zeit. Handelt es sich um eine Bewegung
in 3 Raumrichtungen gibt es ein System von 3 gekoppelten Differenzialgleichungen
für die Koordinaten x(t), y(t) und z(t).
• Sind die Bewegungsgleichungen homogen und linear, so kann die allgemeine Lösung
in Form einer Linearkombination vom Typ (2.95) angesetzt werden und die Unbe-
kannten aus den Anfangsbedingungen bestimmt werden.
Aus diesen Überlegungen ergibt sich auch, dass die Bewegung eines Teilchens eindeutig
für alle Zeiten bestimmt ist, wenn die Bewegungsgleichungen bekannt sind und Ort und
Geschwindigkeit zu einem Zeitpunkt vorgegeben sind. Man bezeichnet diese Angabe von
Ort und Geschwindigkeit auch als Position des Teilchens im Phasenraum, der durch
Orts- und Geschwindigkeitskoordinaten aufgespannt ist.
2.5. FEDERPENDEL, MATHEMATISCHES PENDEL UND UHREN 63
An der Welle greift ein Gewicht an, so dass das Zahnrad sich drehen müsste. Die Drehbe-
wegung wird jedoch durch den Anker blockiert. Würde dieser sich periodisch heben und
64 KAPITEL 2. DYNAMIK EINES MASSENPUNKTES
senken, so würde sich das Zahnrad in jeder Periode um einen Zahn weiterdrehen und über
weitere Zahnräder die Uhrzeiger antreiben. Diese periodische Bewegung des Ankers wird
durch ein Pendel erreicht, das starr mit dem Anker verbunden ist. Hat das Pendel seinen
größten Ausschlag erreicht, gibt der Anker einen Zahn frei und sperrt dann wieder. Bei der
Freigabe des Zahns bekommt das Pendel gleichzeitig einen Stoß, was den Energieverlust
des Pendels durch Reibung kompensiert.
Abb. 2.24 zeigt, wie die Bewegung des treibenden Zahnrads auf die Zeiger übertragen
wird. Das Minutenrad inkl. Minutenzeiger wird vom Triebwerk in einer Stunde um 360◦
gedreht. Über das Wechselrad und den Wechseltrieb wird dabei das Stundenrad und der
Stundenzeiger nur um 1/12 seines Umfangs weitergedreht.
Abb. 2.25 zeigt das Prinzip der Taschenuhr. Hier sorgt ein an einer Spiralfeder angebrach-
tes oszillierendes Rad (die Unruh) für die periodische Bewegung. Auch das Triebrad wird
durch eine Spiralfeder (Aufzugsfeder) angetrieben.
Abbildung 2.24: Bewegung des Minuten- und Stundenzeigers (aus: ”Wie funktioniert das?
Bibliographisches Institut, Mannheim, 1963; Überlassung durch Hrn. Henne).
Abbildung 2.25: Antriebssystem einer Taschenuhr (aus: ”Wie funktioniert das? Biblio-
graphisches Institut, Mannheim, 1963; Überlassung durch Hrn. Henne).
2.5. FEDERPENDEL, MATHEMATISCHES PENDEL UND UHREN 65
Im folgenden listen wir einige Daten zur (europäischen) Geschichte der Uhr auf (aus:
[Link] hier sind noch wesentlich mehr Daten zu finden)
um 1000
Der Mönch Gerbert aus Aurillac / Frankreich, der spätere Papst Silvester II, soll auf den
Gedanken gekommen sein, eine Räderuhr zu bauen oder bauen zu lassen.
1240
Villard de Honnecourgt beschreibt ein Objekt, das später als die Hemmung einer mecha-
nischen Vorrichtung gedeutet wird.
1269
Der Begriff ”Uhrmacher” taucht erstmals in einem Dokument auf.
1345
Die Stunde wird spätestens ab diesem Jahr in 60 Minuten, und diese in 60 Sekunden
eingeteilt.
1410
In Montpellier wird der Turmwächter wegen wiederholter Trunkenheit seines Amtes ent-
hoben und durch eine Uhr mit Schlagwerk ersetzt. Damit wird zum ersten Mal der Ersatz
eines Menschen durch eine Maschine urkundlich erwähnt.
um 1511
Der Nürnberger Schlosser Peter Henlein baut sehr beliebte tragbare Uhren, die 40 Stunden
gehen. Vermutlich gab es aber bereits zuvor tragbare Uhren.
1641 (nach anderen Quellen 1636, 1637)
Der italienische Astronom Galileo Galilei entwickelt die Idee einer Pendeluhr, unternimmt
Versuche und erstellt Zeichnungen, setzt diese aber nicht in die Praxis um (vgl. Abb. 2.26).
Angeblich soll Galileis Sohn Vincenzo diese Uhr gebaut und in einem wahnhaften Anfall
wieder zerstört haben.
1645
(nach anderer Quelle 1656) Christiaan Huygens baut die erste Uhr mit Pendel (vg. Abb.
2.27). Nach einer Quelle sind ihm die Erkenntnisse Galileis bekannt, nach anderer Quelle
hingegen nicht. 1657 meldet Huygens diese Uhr zum Patent an.
66 KAPITEL 2. DYNAMIK EINES MASSENPUNKTES
1691
Clement baut die erste Pendeluhr mit Ankerhemmung.
1730
Anton Ketterer aus Schönwald im Schwarzwald baut die erste Kuckucksuhr.
um 1765
Im Schwarzwald werden die ersten Pendeluhren gebaut anstelle der bis dahin gebräuchli-
chen Waaguhren.
1927
W. A. Marrison entwickelt in den USA die erste Quarzuhr.
(hier wird durch den sog. piezoelektrischen Effekt eine Art ”Stimmgabel” aus Quarz durch
Anlegen einer Wechselspannung zum Schwingen angeregt und elektronisch geregelt.
Als ein Pendel bezeichnet man einen Masse m, die über einen Faden oder eine Stange der
Länge l im Schwerefeld der Erde aufgehängt und dort frei schwingen kann. Unter dem
Begriff “Mathematisches Pendel” versteht man ein Pendel, bei dem man die Masse als
eine punktförmige Masse beschreiben kann und die Masse des Fadens oder der Stange
für die Aufhängung gegenüber m vernachlässigen kann. Zur Behandlung des Mathema-
tischen Pendels, das in Abb. 2.22 dargestellt ist, benutzen wir Zylinderkoordinaten und
zwar in der Form, dass der Koordinatenursprung mit dem Aufhängepunkt des Pendels
definiert ist, und die z-Achse senkrecht zur Schwingungsebene, das ist die Ebene der Dar-
stellung in Abb. 2.22, steht. Die x-Achse zeigt vom Aufhängepunkt nach unten, so dass
der Azimuthwinkel ϕ mit dem Winkel für die Auslenkung des Pendels aus der Ruhelage
identifiziert wird.
Da wir nur eine Bewegung in der Schwingungsebene betrachten wollen, können wir die
z-Komponente aller Vektoren ausser Acht lassen. So ergibt sich also für die Kraft, die auf
2.5. FEDERPENDEL, MATHEMATISCHES PENDEL UND UHREN 67
2.6 Reibungskräfte
Nach diesem Exkurs über Uhren wollen wir uns wieder etwas näher mit der Physik
der Schwingungsvorgänge befassen und als nächstes verschiedene Arten von Reibungs-
kräften vorstellen:
Je nach Art des sich bewegenden Körpers und des Mediums, das seine Oberfläche berührt
werden unterschiedliche Formen von Reibung beobachtet:
• liegt ein fester Körper auf einer Unterlage auf haben wir zunächst die Haftreibung.
Ihr betrag ist proportional zur Kraft (”Normalkraft”), mit der der Körper senkrecht
auf die Unterlage drückt: FH = µH FN , mit µµH 1: Haftreibungskoeffizient
Die Haftreibung wirkt offensichtlich der Kraft entgegen, mit der man an dem Körper
parallel zur Unterlage zieht. Setzt sich der Körper über eine trockene Unterlage
in Bewegung, dann spricht man von ”trockener Reibung” oder ”Coulomb-
Reibung”. Der Körper kann gleiten (”Gleitreibung”) oder rollen (”Rollreib-
ung”). Auch hier gilt: FR = µFN , wobei µ < µH ist.
Die Coulomb-Reibung ist weitgehend von der Geschwindigkeit unabhängig, mit der
sich der Körper über die Unterlage bewegt.
Wir demonstrieren die Haft- und Gleitreibung im Versuch: Ein an einer Federwaage
befestigter Körper wird auf ein Rollband gelegt und dieses dann mit unterschiedli-
chen Geschwindigkeiten bewegt.
• bewegt sich ein Körper durch ein ”Fluid” (Gas oder Flüssigkeit) so liegt
– Stokes’sche Reibung vor, solange sich der Körper nicht zu schnell bewegt
und nicht zu groß ist.
Es gilt: Fr = const. · v,
wobei const. = 6πηr für eine Kugel mit Radius r; η ist hierbei die ”Visko-
sität” des Fluids
– ”Newton’sche Reibung” vor, wen sich ein größerer Körper schnell bewegt.
Diese Reibungskraft ist proportional zu v 2 :
1
Fr = cw ρAv 2 (2.110)
2
mit: ρ: Dichte des Fluids;
A: Querschnitt des Körpers in Bewegungsrichtung;
cw : Widerstandsbeiwert
∂V
(r0 ) = 0 und
∂r
∂2V
(r0 ) = k > 0 . (2.112)
∂r 2
Befinden sich die Atome bei diesem Abstand r0 so wirkt also keine Kraft, da ja die Ab-
leitung des Potenzials nach dem Abstand verschwindet. Bei jeder Auslenkung aus dieser
Ruhelage wirkt eine Kraft, die die Atome auf den optimalen Abstand r0 zurückzuführen
versucht. Eine solche Auslenkung, die z.B. durch die Einstrahlung einer elektromagneti-
schen Welle verursacht werden könnte, würde also zu einer Schwingung des Moleküls um
diesen Gleichgewichtsabstand r0 führen.
72 KAPITEL 2. DYNAMIK EINES MASSENPUNKTES
Potential
Harmon. Approx.
Abstand r
∂V 1 ∂2V
V (r) = V (r0 ) + (r0 )[r − r0 ] + (r0 )[r − r0 ]2 + .....
∂r 2 ∂r 2
1
≈ Konst. + k[r − r0 ]2 . (2.113)
2
In der zweiten Zeile haben wir die Terme dritter und höherer Ordnung vernachlässigt, was
ja bei kleinen Abständen r − r0 gerechtfertigt ist. Ausserdem haben wir die Eigenschaften
des Minimums aus (2.112) übernommen und finden so, dass das Potenzial für kleine
Auslenkungen aus dem Minimum durch das Potenzial eines Harmonischen Oszillators
approximiert wird, da ja eine Konstante im Potenzial irrelevant ist. Diese Harmonische
Oszillatornäherung ist auch in Abb. 2.28) dargestellt.
Die Kraft auf ein Teilchen im Potenzial des Harmonischen Oszillators (2.111) berechnet
sich als negativer Gradient des Potenzials. Identifizieren wir nun die Auslenkung aus der
Ruhelage mit
x = r − r0
und betrachten den Fall einer Bewegung in dieser radialen Raumrichtung x, so erhalten
wir für die Kraft:
∂V
F =− = −k x . (2.114)
∂x
Die Kraft ist also linear in der Auslenkung aus der Ruhelage x und wirkt der Auslen-
kungsrichtung entgegen: bei positiven Werten von x wirkt die Kraft in die Richtung der
negativen x-Achse, bei negativen Werten von x zieht sie das Teilchen parallel zur x-Achse.
Dies entspricht dem Hookeschen Gesetz bei der Feder.
2.8. GEDÄMPFTER HARMONISCHER OSZILLATOR 73
mẍ = −C x − α ẋ . (2.117)
Setzt man diesen Ansatz in die Bewegungsgleichung (2.117) ein, so ergibt sich
!
mλ2 + C + αλ eλt = 0 .
Da die Exponenzialfunktion von Null verschieden ist, muss der Ausdruck in der geschweif-
ten Klammer identisch null sein, was zu der quadratischen Gleichung für die Unbekannte
λ führt
α C
λ2 + λ + =0
m m
74 KAPITEL 2. DYNAMIK EINES MASSENPUNKTES
Imaginärteil
c b
ϕ
Realteil
Abbildung 2.29: Darstellung einer komplexen Zahl durch Real- und Ima-
ginärteil beziehungsweise in der Polardarstellung
Beim Übergang zur zweiten Zeile in dieser Gleichung haben wir ausgenutzt, dass i2 = −1
und die Terme nach Real- und Imaginärteil geordnet. Wir definieren nun die zu c komplex
konjugierte Zahl c∗ dadurch, dass sie den gleichen Realteil wie c besitzt aber einen
Imaginärteil mit umgekehrtem Vorzeichen. Es gilt also für
c = a + ib ist c∗ = a − ib . (2.125)
Damit ist auch klar, dass die zu c∗ komplex konjugierte Zahl c ist. Das Produkt
als Betrag der komplexen Zahl c. Die Bedeutung dieses Begriffes Betrag von c wir
vielleicht aus der Skizze der Abbildung 2.29 deutlich In dieser Darstellung wird jede kom-
plexe Zahl durch einen Punkt in der Ebene, der Ebene der komplexen Zahlen, dargestellt.
Die horizontale Koordinate repräsentiert den Realteil, die vertikale den Imaginärteil. Jede
komplexe Zahl entspricht also einem Vektor in dieser Ebene, den wir entweder durch ho-
rizontale und vertikale Koordinate oder aber auch durch die Länge des Vektors und seine
Richtung definieren können. Diese Richtung ist eindeutig definiert durch den Winkel ϕ des
Vektors mit der horizontalen Achse (siehe Abb. 2.29). Wie man aus dieser Zeichnung auch
entnehmen kann ist die Länge des Vektors zur Darstellung von c gerade der in (2.126)
definierte Betrag und für den Winkel ϕ gilt:
b Imag(c) a Real(c)
sin(ϕ) = = und cos(ϕ) = = .
|c| |c| |c| |c|
Eine elegantere Darstellung ergibt sich hierfür, wenn wir die Eulersche Formel benutzen:
Zum Beweis dieser Eulerschen Formel betrachten wir die Reihenentwicklung der Expo-
nentialfunktion
∞
xn
x
e =
n=0
n!
für das rein imaginäre Argument x = iϕ
∞
(iϕ)n
eiϕ =
n=0
n!
ϕ ϕ2 ϕ3 ϕ4
= 1+i − −i + + ...
1! 2! 3! 4!
ϕ2 ϕ4 3
= 1 − + + . . . + i ϕ − ϕ + . . . .
2! 4! 1! 3
=cos ϕ =sin ϕ
Beim Übergang zur zweiten Zeile dieser Gleichung haben wir die Potenzen in ausmul-
tipliziert und die ersten charakteristischen Glieder der Reihe explizit angegeben. In der
dritten Zeile sind diese Glieder dann nach Real- und Imaginärteil geordnet, wobei man
dann sieht, dass diese eingeklammerten Summen gerade den Reihenentwicklungen für die
Kosinus- bzw. die Sinusfunktion entspechen.
Mit dieser Eulerschen Formel ergibt sich die für die komplexe Zahl c in (2.127) die soge-
nannte Polardarstellung
c = |c|eiϕ . (2.129)
Diese Polardarstellung ist gerade für die Multiplikation zweier komplexer Zahlen sehr
geschickt:
c1 c2 = |c1 |eiϕ1 |c2 |eiϕ2 = |c1 ||c2 |ei(ϕ1 +ϕ2 )
Aj = βj + iγj
ansetzen. Diese Konstanten bestimmen wir aus den Anfangsbedingungen der betrachteten
Bewegung, d.h. den Werten für die Position und die Geschwindigkeit des Teilchens zur
Zeit t = 0, die mit x0 und v0 bezeichnet sein sollen. Setzt man t = 0 in (2.123) ein, so
ergibt sich
x0 := x(t = 0) = A1 + A2 = (β1 + iγ1 ) + (β2 + iγ2 )
2.8. GEDÄMPFTER HARMONISCHER OSZILLATOR 77
Leitet man (2.123) nach der Zeit ab und setzt dann t = 0 so ergibt sich als zweite Gleichung
aus den Anfangsbedingungen
führt.
Die Position des Teilchens x(t) wird also durch eine Kosinus beziehungsweise Sinusfunk-
tion beschrieben. Die Winkelgeschwindigkeit ω0 ist über (2.122) durch die Oszillatorkon-
stante k und die Masse m bestimmt. Die Amplitude und Startphase, ϕ der Schwingung
sind durch die Anfangsbedingungen, x0 und v0 , festgelegt.
Dieser Startpunkt bezeichnet einen Punkt im (in diesem Fall) zweidimensionalen Pha-
senraum mit den Koordinaten x0 und v0 . Zu jedem anderen Zeitpunkt ist die Bewegung
des Teilchens ebenfalls durch die Koordinaten x(t) aus (2.132) und der zugehörigen Ge-
schwindigkeit
festgelegt. Die Bewegung des Teilchens beschreibt also eine Bahn oder Trajektorie im
Phasenraum. Im Fall des ungedämpften Harmonischen Oszillators ist diese Trajektorie
eine Ellipse oder, wenn die Skalierung auf den Achsen geeignet gewählt ist, ein Kreis (siehe
Abb. 2.30), der bei der dort gewählten Anordnung der Koordinaten im Uhrzeigersinn
durchlaufen wird.
Durch den Startpunkt der Trajektorie ist die ganze Bahn eindeutig festgelegt. Dieses Prin-
zip gilt nicht nur für den hier behandelten Fall sondern ganz allgemein für die Lösung
78 KAPITEL 2. DYNAMIK EINES MASSENPUNKTES
α2 2 C
= δ < . (2.134)
4m2 m
In diesem Fall haben die Lösungen in der Gleichung (2.122) die Gestalt
C
λ1,2 = −δ ± i − δ 2 = −δ ± iω1 , (2.135)
m
wobei die Winkelgeschwindigkeit ω1 natürlich kleiner ist als die Winkelgeschwindigkeit ω0
der ungedämpften Schwingung in (2.122). Mit dieser Darstellung der Konstanten λ ergibt
sich die allgemeine Lösung für die Ortskoordinate analog zu (2.123) zu
(−δ+iω )t
x(t) = A1 1
+ A2 e(−δ−iω1 )t
= e−δt A cos(ω1 t + ϕ) . (2.136)
Dabei sind die Konstanten Ai beziehungsweise A und ϕ wieder durch die Anfangsbe-
dingungen festgelegt. Die Schwingung entspricht also einer eventuell phasenverschobenen
2.8. GEDÄMPFTER HARMONISCHER OSZILLATOR 79
x(t)
T
t
Kosinusfunktion, deren Amplitude exponentiell mit der Zeit abnimmt. Dieses Zeitverhal-
ten ist in Abb. 2.31 dargestellt.
Durch die Ableitung dieser Funktion nach der Zeit ergibt sich die Geschwindigkeit zu
Damit kann man auch die zugehörige Trajektorie im Phasenraum bestimmen, so wie
sie in Abb. 2.32 skizziert ist. In diesem Fall erhält man keine geschlossene Kurve. Die
Trajektorie läuft in einer Spiralform auf den Koordinatenursprung zu. Dies reflektiert
das Verhalten des gedämpften Oszillators. Mit zunehmender Zeit t nimmt die jeweilige
maximale Auslenkung einer Schwingung ab, genau so wie die Geschwindigkeiten bei der
Position x = 0. Dies wird fortgesetzt bis das Pendel schließlich am Phasenraumpunkt
x = 0 und v = 0 zur Ruhe kommt. Natürlich bleibt bei dieser gedämpften Bewegung die
Energie des Pendels nicht erhalten.
α2 2 k
= δ > .
4m2 m
In diesem Fall erhalten wir die Konstanten λi nach (2.122) in der Form
λ1,2 = −δ ± δ 2 − ω02 = −δ ± φ
womit sich für die Koordinate und die Geschwindigkeit der allgemeinen Lösung ergibt:
v
v(0)=0
x(0)=0
x(t)
x
0
0 1 2 3 4
Zeit t
In diesem Fall entwickelt sich also keine Schwingung, sondern die Koordinate als Funktion
der Zeit wird durch Exponentialfunktionen beschrieben. Die Konstanten Ai können nun
z.B. so gewählt werden, dass die Geschwindigkeit v oder auch die Position des Teilchens
x zur Zeit t = 0 identisch 0 sind. Die daraus resultierenden Funktionen x(t) und die
entsprechenden Trajektorien im Phasenraum sind in Abb. 2.33 abgebildet.
2.9. ANGETRIEBENER HARMONISCHE OSZILLATOR 81
eine weitere Lösung der inhomogenen Differenzialgleichung (2.139). Zum Beweis setzen
wir diesen Ansatz in die Differenzialgleichung ein
α α α
ẍ2 + ω02 x2 + ẋ2 = ẍ0 + ω02 x0 + ẋ0 + α ẍ1 + ω02 x1 + ẋ1
m m m
=0 wg. (2.140)
F0
= cos(Ωt) ,
m
82 KAPITEL 2. DYNAMIK EINES MASSENPUNKTES
was ja gerade zeigt, dass x2 (t) Lösung der inhomogenen Differenzialgleichung ist. Es gilt
aber noch mehr: Die inhomogene Differenzialgleichung ist in unserem Fall eine lineare
Differenzialgleichung zweiter Ordnung, sie besitzt also 2 linear unabhängige Lösungen.
Dies gilt aber auch für die zugehörige homogene Differenzialgleichung. Damit ist gezeigt,
dass (2.141) auch bereits die allgemeine Lösung für die inhomogene Differenzialgleichung
darstellt. Die allgemeine Lösung einer inhomogenen Differenzialgleichung lässt sich dar-
stellen als die Summe aus einer beliebigen Lösung der inhomogenen Gleichung plus der
allgemeinen Lösung der zugehörigen homogenen Differenzialgleichung.
Wir werden also zur Lösung unseres Problems zunächst einmal eine Lösung der inhomo-
genen Gleichung (2.139) suchen und schreiben sie dazu um in die Form
α F0 −iΩt
z̈ + ω02 z + ż = e . (2.142)
m m
bei der wir komplexe Funktionswerte für die gesuchte Funktion z(t) zulassen und auch
die rechte Seite der Gleichung eine komplexwertige Funktion enthält. Beachte, dass der
Realteil der rechten Seite dieser Gleichung gerade die Kosinusfunktion ergibt, also die
Inhomogenität der Gleichung (2.139). Die Differenzialgleichung (2.139) entspricht also
gerade dem Realteil der Gleichung (2.142). Wir benutzen die komplexe Erweiterung le-
diglich, weil viele Rechenoperationen in der komplexen Darstellung einfacher sind. Für
die gesuchte Funktion z(t) betrachten wir den Ansatz:
mit einer komplexwertigen Amplitude A. Setzt man diesen Ansatz in die zu lösende Glei-
chung (2.142) ein, ergibt sich
α F0
A −Ω + ω0 − i Ω −
2 2
e−iΩt = 0 .
m m
Da diese Gleichung für alle Zeiten t erfüllt sein muss, ist also der Ausdruck in der ge-
schweiften Klammer gleich Null und es ergibt sich für die komplexe Amplitude
F0
A =
m ω02 − Ω2 − i m
α
Ω
= |A|e . iϕ
(2.144)
Damit ist die gesuchte Lösung, der Realteil des Ansatzes von (2.143)
α/m = 0.2
α/m = 0.5
α/m = 0.8
Amplitude [F0/m]
4
0
0 1 2
ω/ω0
Die allgemeine Form der Lösung für den angetriebenen Harmonischen Oszillator erhält
man also dadurch, dass man zu dieser Lösung eine beliebige Lösung von (2.140) hinzu-
addiert, also eine Lösung des Harmonischen Oszillators mit Dämpfung aber ohne externe
Kraft. Die Parameter in dieser allgemeinen Lösung können dann so angepasst werden,
dass die Anfangsbedingungen erfüllt sind.
Dies soll uns aber jetzt gar nicht interessieren, denn wir wissen ja aus der obigen Diskus-
sion, dass die Lösungen des gedämpften Harmonischen Oszillators ohne externen Antrieb
nach einer gewissen Zeit gegen Null gehen. Für solche Zeiten verbleibt also nur noch die
Lösung in (2.146). Das ist eine Harmonische Schwingung mit der Frequenz Ω der antrei-
benden Kraft. Die Amplitude |A| dieser Schwingung ist als Funktion der Frequenz Ω für
verschiedene Werte der Dämpfungskonstante α in Abb. 2.34 dargestellt. Man sieht aus
dieser Darstellung, dass die Amplitude maximal ist, wenn die Dämpfung gering ist und die
Frequenz Ω nahe an der charakteristischen Frequenz ω0 des nicht angetriebenen Systems
ist.
Nehmen wir als Beispiel wieder die Schwingung der Atome eines Moleküls, auf das eine
elektromagnetisches Wechselfeld wirkt, so sehen wir, dass das Molekül besonders dann zu
Schwingungen angeret wird, wenn die Frequenz der Strahlung ω mit der charakteristischen
Frequenz des Moleküls ω0 übereinstimmt. Die antreibende Kraft ist dann resonant mit
dem System.
Die Schwingung des angetriebenen Oszillators ist im Allgemeinen nicht genau in Phase mit
der antreibenden Kraft. Die Phasendifferenz ist durch ϕ gegeben. Zur Diskussion dieser
Phase ϕ betrachten wir noch einmal die komplexe Amplitude A aus (2.144) und zwar
sowohl in der Polardarstellung als auch in der Darstellung über Real- und Imaginärteil:
A = |A|eiϕ
F0 αΩ
= (ω02 −Ω )+i
2
. (2.147)
2
m (ω02 − Ω2 ) + α2 Ω2 m
m2
84 KAPITEL 2. DYNAMIK EINES MASSENPUNKTES
Antriebskraft
Auslenkung
0 0,5 1 1,5
Zeit t/T
Ist also die Winkelgeschwindigkeit der antreibenden Kraft Ω identisch mit der Frequenz ω0
des ungedämpften Oszillators, so ist der Realteil von A identisch 0 und der Phasenwinkel
ϕ = π/2. Dies bedeutet nach (2.145), dass die Auslenkung x(t) der Amplitude um diesen
Winkel π/2 hinterherhinkt (siehe Abb. 2.35). Zu dem Zeitpunkt zu der die Auslenkung des
Massenpunktes aus der Ruhelage 0 ist, ist die Antriebskraft in Richtung der Bewegung
maximal. Wenn die Auslenkung maximal ist, durchläuft die Antriebskraft gerade den
Nullpunkt um anschliessend in die neue Richtung anzutreiben. Es ist klar, dass bei dieser
Phasenlage der Kraftübertrag von der antreibenden Kraft auf den Massenpunkt optimal
ist.
Ist die Frequenz des Antriebs Ω größer als die Frequenz ω0 , so wird der Massenpunkt
der optimalen Antriebsphase nachlaufen. Mathematisch äussert sich das darin, dass der
Realteil von A in (2.147) negativ ist, was einem Phasenwinkel ϕ > π/2 entspricht. Bei
Antriebsgeschwindigkeiten Ω kleiner als ω0 ist der Realteil von A größer als Null. Dies
entspricht einer Phase ϕ < π/2. Physikalisch interpretiert bedeutet dies, dass die Eigen-
frequenz des Oszillators zu schnell ist für den Antrieb. Im Grenzfall Ω=0 verschwindet
der Imaginärteil von A und es gilt ϕ = 0.
2.10. NUMERISCHE LÖSUNG DER BEWEGUNGSGL. 85
Für die Umformung der Differenzialgleichung (2.148) definieren wir die Funktionen
y1 (t) := x(t)
y2 (t) := ẋ(t) . (2.149)
Damit können wir die Differenzialgleichung (2.148) umschreiben auf die Form
ẏ1 (t) = y2 (t) = f1 (y1 , y2, t) ,
ẏ2 (t) = f2 (y1 , y2, t) . (2.150)
Dabei ist die Funktion f2 identisch mit der Funktion f aus (2.148). Wir haben also so ein
System von zwei Differenzialgleichungen erster Ordnung in der Zeit für die 2 gesuchten
Funktionen y1 (t) und y2 (t). Dabei sind die Ableitung der gesuchten Funktionen yi (t) nach
der Zeit durch Funktionen fi gegeben sind, die von allen yj (t) und im Fall von inhomogenen
Differenzialgleichungen auch noch explizit von der Zeit t abhängen können. Zur Lösung
der Differenzialgleichung für y1 muss y2 bekannt sein und entsprechendes gilt umgekehrt
für die Lösung der Differenzialgleichung für y2 . Wir sprechen deshalb von einem System
von zwei gekoppeten Differenzialgleichungen erster Ordnung.
Man kann dieses Verfahren direkt verallgemeinern und aus einer Differenzialgleichung
n-ter Ordnung für eine gesuchte Funktion y1 (t) ein System von n gekoppelten Differenzi-
algleichungen erster Ordnung für entsprechende n Funktionen y1 bis yn generieren.
Wie löst man nun solche Differenzialgleichungen erster Ordnung mit rein numerischen
Metoden. Ziel ist es dabei, die unbekannten Funktionen yi (t) durch ihren Wert an diskreten
Stützstellen der Zeit
tk := k ∗ h für k = 0....N , (2.151)
86 KAPITEL 2. DYNAMIK EINES MASSENPUNKTES
die Terme von quadratischer Ordnung in h und höheren Potenzen getrost vernachlässigen
kann. Das Verfahren enthält also Fehler von der Ordnung O(h2 ). In dieser Näherung kann
man die Zeitableitungen von yi gemäß (2.150) ersetzen und erhält
Ausserdem können wir davon ausgehen, dass die Werte der gesuchten Funktionen yi am
Anfang der zu beschreibenden Bewegung bekannt sind. Dies sind ja gerade die Randbedin-
gungen y1 (0) = x(0) und y2 (0) = v(0), die auch bei einer analytischen Lösung vorgegeben
werden müssen. Daraus können wir dann mit Hilfe von (2.153) berechnen
Damit sind Ort und Geschwindigkeit an der nächsten Stützstelle in der Zeit t1 berechnet
und man kann das gleiche Verfahren benutzen um damit die gesuchten Funktionswerte an
der nächsten Stützstelle t2 zu bestimmen. Nach N Schritten ist man dann am Endpunkt
angelangt.
Um dieses Verfahren konkret vorzuführen ist in Abb. 2.36 das Protokoll einer MAPLE
Sitzung dargestellt, in der mit dem Euler Verfahren zu Testzwecken die Differenzialglei-
chungen für den Harmonischen Oszillator ohne Dämpfung berechnet wird. Zunächst wurde
dabei eine Prozedur harmo1 definiert, die als Input die Größen Schrittweite h, Zahl der
Stützstellen n und die Anfangswerte x0 und v0 benötigt. Die Prozedur berechnet dann
die Werte für x, v und t an den Stützstellen ti = i ∗ h aus und speichert sie als Elemen-
te eines Vektors x[i], v[i] beziehungsweise t[i]. In der Prozedur werden durch die lokalen
Variablen ww = ω = 1 und α = bet = 0 die Eigenschaften des Beispiels festgelegt. Nach
dem Aufruf der Prozedur mit den Werten x0 = 0, v0 = 1, h = 0.01 und n = 700 werden
die Ergebnisse für x(t) und v(t) beziehungsweise die zugehörige Trajektorie geplottet. Die
entsprechenden Ergebnisse sind in Abb. 2.37 dargestellt.
Man sieht insbesondere bei der Trajektorie im Phasenraum, dass das Ergebnis nicht sehr
zufriedenstellend ist. Die Trajektorie schließt sich nicht genau zu einer Ellipse. Die Ur-
sache dafür ist die Ungenauigkeit des benutzten Verfahrens. Man könnte nun die Ergeb-
nisse dadurch verbessern, dass die Schrittweite h verringert wird. Dies führt in der Tat
zu gewissen Verbesserungen, jedoch wird der numerische Aufwand entsprechend größer.
Bei komplizierteren Systemen von Differenzialgleichungen kann eine solche Erhöhung der
Zahl der Stützstellen (also Verkleinerung von h) schließlich dazu führen, dass die Zahl
2.10. NUMERISCHE LÖSUNG DER BEWEGUNGSGL. 87
Abbildung 2.36: MAPLE Protokoll für Das Euler Verfahren, siehe Diskussion
im Text
7
1
6
0.5
5
4
00
1
-1
0.5
-0.5
3
-0.5
2
1
-1
00
1
-1
0.5
-0.5
der benötigten Rechenoperationen so groß wird, dass die Berechnung durch numerische
Rundungsfehler ungenau wird.
Es lohnt sich also offensichtlich den Algorithmus zur numerischen Lösung der Differenzi-
algleichungen zu verbessern. Wir wollen an dieser Stelle eine erste Verbesserung des Euler
Verfahrens diskutieren, das Runge-Kutta Verfahren [Link]. Im Gegensatz zum
Euler Verfahren (2.153) berücksichtigt man dabei auch die Terme quadratischer Ordnung
in der Taylorentwicklung
d yi h2 d2 yi
yi(t + h) = yi(t) + h + 2
+ O(h3 )
dt 2 dt
d yi h2 dfi
= yi(t) + h + + O(h3 ) (2.155)
dt 2 dt
Bei der Berechnung der Zeitableitung der Funktion fi nach der Zeit macht man nun wieder
die lineare Näherung und ersetzt
harmo2 := proc(x0,v0,h,n,x,v,t)
local i,ww,bet,k1,k2;
ww := 1.
bet := .1 ;
x[0] := x0;
v[0] := v0;
t[0] := 0;
for i to n do
t[i] := t[i-1]+h;
k1[1] := h*v[i-1];
k2[1] := -h*(x[i-1]*ww+v[i-1]*bet);
k1[2] := h*(v[i-1]+.5*k2[1]);
k2[2] := -h*((x[i-1]+.5*k1[1])*ww+(v[i-1]+.5*k2[1])*bet);
k1[3] := h*(v[i-1]+.5*k2[2]);
k2[3] := -h*((x[i-1]+.5*k1[2])*ww+(v[i-1]+.5*k2[2])*bet);
k1[4] := h*(v[i-1]+k2[3]);
7
Eine Übersicht über verschiedene numerische Methoden zur Lösung von Differenzialgleichungen und
deren Umsetzung in Programmiersprachen findet man z.B. in W.H. Press, B.P. Flannery, S.A. Teukolsky,
W.T. Vetterling: Numerical Recipes, the art of scientific computing. Dort ist auch dieses Runge Kutta
Verfahren näher beschrieben.
2.10. NUMERISCHE LÖSUNG DER BEWEGUNGSGL. 89
k2[4] := -h*((x[i-1]+k1[3])*ww+(v[i-1]+k2[3])*bet);
x[i] := x[i-1]+1/6*k1[1]+1/3*k1[2]+1/3*k1[3]+1/6*k1[4];
v[i] := v[i-1]+1/6*k2[1]+1/3*k2[2]+1/3*k2[3]+1/6*k2[4]
od
end
Diese verbesserten Verfahren sind sehr viel zuverlässiger als das Euler Verfahren. Die
Testrechnung am Beispiel des Harmonischen Oszillators, die wir in Abb. 2.36 mit dem
Euler Verfahren diskutiert haben, führte bei einer Schrittweite von h = 0.01 nur zu
bedingt zufriedenstellenden Ergebnissen. Eine entsprechende Rechnung mit dem Runge-
Kutta Verfahren [Link] liefert sogar bei einer sehr viel größeren Schrittweite von
h = 0.1 eine nahezu perfekte ellipsenförmige Trajektorie im Phasenraum.
90 KAPITEL 2. DYNAMIK EINES MASSENPUNKTES
2.11. NEWTON, KEPLER UND DIE PLANETEN 91
aM B
Entsprechend unserem Ansatz für Fg können wir das Verhältnis g
schreiben:
α
aM B 1/(rM B )α rE
= = (2.159)
g 1/(rE )α rM B
α
1 α
Wir haben also mit rM B ≈ 60rE : rrMEB ≈ 60 , woraus sich mit unserer Abschätzung
aM B ≈ (602 ) unmittelbar α ≈ 2 ergibt.
g
Wir vergrößern den Mond auf die Größe und Masse der Erde und verkleinern die Erde
auf die Größe und die Masse des Mondes. Mond und Erde haben dann völlig symmetrisch
ihre Rollen vertauscht, was sich auch in der Kraft zwischen den beiden wiederspiegeln
sollte
Es liegt also nahe, dass m und M symmetrisch in gleicher Form in Fg eingehen, d. h. als
Produkt m · M. Wir haben damit endgültig das
M · m r
Newton’sche Gravitationsgesetz: Fg = −G 2 · (2.160)
r r
Bevor wir hier weitermachen, wollen wir zunächst eine Anmerkung über die Gravitations-
kraft zwischen zwei Massen endlicher Ausdehnung machen. Die Massen m und M sind ja
relativ nahe beieinander, so dass wir deren Ausdehnung sicher nicht ignorieren können.
94 KAPITEL 2. DYNAMIK EINES MASSENPUNKTES
Nun zeigt sich aber (die genaue Rechnung werden Sie etwas später kennenlernen), dass
zwischen homogenen kugelförmigen Massenverteilungen die Gravitationskraft genau so
wirkt, als sei die Masse im Mittelpunkt der Kugeln vereinigt. Damit können wir
unsere Massen doch wieder als Punktteilchen auffassen.
Im Experiment bringen wir nun zunächst die Massen M von der Position ”aus” in die
Position ”an”. Die Massen m werden durch die Gravitationskraft zwischen m und M
an die Massen M herangezogen, wodurch sich der Draht etwas verdreht. Der Draht übt
seinerseits eine rückstellende Kraft auf die Massen aus, die (analog zum Hooke’schen
Gesetz) proportional zum Auslenkwinkel ϕ ist: FD = −κϕ.
Im Gleichgewicht haben wir FD = 2 · Fg , wobei der Faktor 2 daher rührt, das zwei Massen
den Draht drehen. Hierbei vernachlässigen wir die Gravitationskraft zwischen der tiefer
(höher) gelegenen Masse M und der höher (tiefer) angebrachten Masse m. Wir bezeichnen
die Differenz der Auslenkwinkel in den Ruhelagen ”an” und ”aus” als ϕ0 . Dieser Winkel
ergibt sich aus der Beziehung
mM
κϕ0 = 2G 2 . (2.161)
r
Aufgelöst nach G ergibt sich:
κϕ0 r 2
G= . (2.162)
2mM
Nun ist die Drehbewegung der Massen m um die Drahtachse nur sehr schwach gedämpft.
Wie wir gleich sehen werden, führen diese Massen deshalb eine Drehschwingung um die
Drahtachse aus. Die Frequenz bzw. Periode dieser Schwingung können wir nutzen, um die
uns unbekannte Größe κ zu eliminieren.
Zur Aufstellung der Bewegungsgleichung für die Drehschwingung betrachten wir nochmals
die Anordnung des Fadenpendels, die Sie schon kennengelernt haben (Abb.2.41).
Beim Fadenpendel hatten wir zunächst Zylinderkoordinaten eingeführt und dann die auf
die Masse m wirkende Schwerkraft in einen radialen und einen azimuthalen Anteil zerlegt.
2.11. NEWTON, KEPLER UND DIE PLANETEN 95
Für die Beschleunigung in azimuthaler Richtung ergab sich für eine konstante Länge l des
Fadenpendels: aϕ = l · ϕ̈ = Fmϕ = −g · sin ϕ.
Wir können dieses Resultat nun unmittelbar übernehmen, um die Drehschwingung der
beiden Massen m zu behandeln. Hierbei ist: Fϕ = − κ2 ϕ. Ersetzen wir noch die Länge l
des Fadenpendels durch den halben Abstand d der beiden Massen, so erhalten wir bei
Vernachlässigung von Dämpfungstermen:
κ
m · d · ϕ̈ + ϕ = 0 (2.163)
2
was eine Schwingungsgleichung für ϕ ist.
Die Eigenfrequenz dieser Drehschwingung beträgt
2π κ
ω= = . (2.164)
T 2md
Mit diesem Ergebnis können wir in Gleichung 2.162 die Größe κ eliminieren und erhalten:
2
r2d 2π
G= · ϕ0 . (2.165)
M T
Für den Auslenkwinkel ϕ0 betrage die Auslenkung des Laserstrahls an der Wand S0 (s.
Abb. 2.40). Der Abbildung entnimmt man: 2ϕ0 ≈ S0 /L, so dass wir schließlich G aus
2
r2d 2π S0
G= · (2.166)
M T 2L
bestimmen können. Für die Oszillationsperiode messen wir T = 7.5 min = 450 s. Das
System schwingt dabei um die Ruhelage S0 = 1 m.
Einsetzen aller Zahlenwerte in 2.166 liefert: G ≈ 7.2 · 10−11 Nm
kg2
.
Der Literaturwert beträgt: G ≈ 6.67 · 10−11 Nm
kg2
.
Unsere Messung ist also nicht allzu weit von diesem Ergebnis entfernt.
Es lohnt hier, nochmals eine genauere Fehlerabschätzung vorzunehmen.
Wir hatten G als Funktion der 6 Messgrößen r, d, M, T, S0 und L bestimmt. Jede dieser
Größen hat einen endlichen (zufälligen) Messfehler. Nach den Regeln der Fehlerfortpflan-
zung haben wir allgemein für eine Größe f (x1 , x2 , . . . , xN ):
N 2
2 ∂f
(δf ) = δxn . (2.167)
n=1
∂x n
∂f
Hierbei ist ∂x n
die partielle Ableitung von f nach xn (alle anderen Variablen xk , k = n, se-
hen wir als fest an) und δxn ist der Messfehler von xn . Angewendet auf G(r, d, M, T, S0 , L)
ergibt dies:
% δr 2 δd 2 δS 2 δL 2 δT 2 δM 2 &
0
(δG) = G ·
2 2
2 + + + + 2 + (2.168)
r d S0 L T M
Nehmen wir an, dass wir jede der Größen auf √ 3% genau bestimmt haben, so addiert sich
der zufällige relative Fehler zu δG/G = 0.03 · 8 ≈10%.
Wir wollen außerdem zwei systematische Fehler diskutieren:
96 KAPITEL 2. DYNAMIK EINES MASSENPUNKTES
Wir haben damit einen zufälligen Fehler von ca. 10 % und einen systematischen Fehler
von ca. 5%. Unser Ergebnis wich um ca. 7% vom Literaturwert ab, liegt also innerhalb
der Fehlergrenzen.
Wir wollen uns nun der Planetenbewegung zuwenden und zunächst einige historische
Anmerkungen geben.
• bereits im 4. Jh. [Link] beschäftigten sich die Babylonier mit den Sternen. Die Vor-
stellung war, dass ”Sphären” um die Erde kreisen, an denen die Sterne bzw. Planeten
angebracht waren.
• dieses geozentrische Weltbild wurde im 2. Jh. [Link]. von Ptolemäus (85-165, Ägyp-
ten) nochmals verfeinert, der die Bewegung der Planeten auf den Sphären durch
zusätzliche ”Epizyklen” beschrieb.
• im 16. Jh. stellte Kopernikus (1473-1543) die Vermutung auf, Erde und Planeten
kreisten auf Kreisbahnen um die Sonne. Dieses heliozentrische Weltbild lieferte al-
lerdings zunächst deutlich schlechtere Vorhersagen als das geozentrische Bild von
Ptolemäus.
• im 17. Jh. führte der dänische Astronom Tycho Brahe (1546-1601) zahlreiche Stern-
und Planetenbeobachtungen durch. Eine seiner Beobachtungen war, dass keine Be-
wegung der Sterne durch den Effekt der Parallaxe zu erkennen war. Um dies zu
erklären, musste entweder die Erde ruhen, oder es mussten die Sterne extrem weit
entfernt sein. Brahe schloss das letztere aus; die Erde musste also ruhen.
• 1610/1611 wurden durch Galilei und Kepler die ersten Fernrohre konstruiert.
• bereits 1610 erkannte Galilei mit seinem Fernrohr, dass Monde um den Jupiter
kreisen (Galilei erkannte 4 Monde). Die Monde kreisten dabei ”hinter” dem Jupiter
hindurch, was im Bild der Sphären sehr problematisch ist.
In der Folgezeit setzte sich trotz heftiger Widerstände mehr und mehr das heliozen-
trische Weltbild durch. Ein wesentlicher Meilenstein waren hierbei
• die Kepler’schen Gesetze (s. unten), die 1609 bzw. 1619 formuliert wurden.
Auf ihrer Basis fand schließlich eine Generation später
2.11. NEWTON, KEPLER UND DIE PLANETEN 97
2. ”Der ’Fahrstrahl’ von der Sonne zu den Planeten überstreicht in gleichen Zeiten
gleiche Flächen” (1609, s. Abb. 2.43).
3. ”Das Verhältnis der Kuben der großen Halbachse a zum Quadrat der Umlaufzeit T
ist für alle Planeten das gleiche”, d. h. a3 /T 2 = const. (1619).
Im nächsten Abschnitt wird gezeigt, wie aus den drei Kepler’schen Gesetzen die New-
ton’sche Gravitationskraft folgt.
Mit Aufbauten wie dem Cavendish-Experiment können wir die Gravitationskraft, die eine
der fundamentalen Naturkräfte ist, auf Längenskalen cm bis m testen (im Prinzip können
wir die Massen m und M, und den Abstand r variieren). Die Planetenbewegung liefert
uns Messdaten auf der Größenskala des Sonnensystems. Wesentlich schwieriger oder gar
unmöglich werden solche Tests aber, wenn wir zu extremen Skalen gehen.
98 KAPITEL 2. DYNAMIK EINES MASSENPUNKTES
• Bei atomaren oder subatomaren Abständen überwiegen andere Kräfte (wie etwa die
elektrostatische Kraft zwischen den Elektronen und dem Atomkern) die Gravitati-
onskraft um viele Größenordnungen. Bis heute ist es nicht gelungen, die Gravitati-
onskraft bei sehr kleinen Abständen mit den übrigen Wechselwirkungen in Einklang
zu bringen. Spätestens bei Abständen im von Bereich 10−35 m (der Planck-Skala)
versagt die heutige Theorie.
• Große Massenansammlungen bewirken eine Änderung der Struktur von Raum und
Zeit, die im Rahmen von Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie verstanden wer-
den kann. Sie liefert ein über das Newton’sche Gravitationsgesetz bzw. die New-
ton’sche Mechanik hinausgehene Beschreibung von Raum, Zeit und Gravitation,
die wichtig wird, wenn wir Effekte der Gravitation in der Nähe sehr großer Massen
oder auf der Größenskala von Galaxien beschreiben wollen.
Die Ellipsenbahn eines Planeten ist in der Abbildung 2.45 dargestellt. Die Ellipse ist
charakterisiert durch die große Halbachse a und die kleine Halbachse b, beziehungsweise
den daraus abgeleiteten Größen Halbparameter P
√
b2 a2 − b2
P := , und ε := Exzentrizität (2.169)
a a
Sind die Halbachsen a und b identisch, so wird die Exzentrizität ε = 0 und die Ellipse zu
einem Kreis mit dem Radius P = a = b. Wir wollen die Planetenbahn in Zylinderkoordi-
naten beschreiben, wobei der Brennpunkt der Ellipse, in dem die Sonne steht, mit dem
Koordinatenursprung identifiziert werden soll die Planetenbahn in der Ebene mit z = 0
liegt und die x-Achse in die Richtung des sonnenfernsten Punktes der Bahn zeigt. Mit
dieser Wahl des Koordinatensystems ergibt sich folgender Zusammenhang zwischen der
Radiuskoordinate ρ und dem Azimuthwinkel ϕ des Ortsvektors für den Planeten
P
ρ =
1 − ε cos(ϕ)
r = ρêρ . (2.170)
Neben der Darstellung des Ortsvektors r in den Zylinderkoordinaten benötigen wir auch
die entsprechenden Ausdrücke für die Geschwindigkeit v und die Beschleunigung a. Nach
unseren Rechnungen im Abschnitt über die Zylinderkoordinaten sind diese gegeben durch
v = ρ̇êρ + ρϕ̇êϕ
a = ρ̈ − ρϕ̇2 êρ + (2ρ̇ϕ̇ + ρϕ̈) êϕ . (2.171)
2.11. NEWTON, KEPLER UND DIE PLANETEN 99
1600: geht auf Einladung Tycho Brahes nach Prag, die Kep-
lerschen Gesetze basieren auf den Beobachtungsdaten
von Tycho Brahe, der selbst allerdings das heliozentri-
sche Weltbild des Kopernikus ablehnte. Nach dem Tode
Tycho Brahes übernimmt Kepler seine Stelle als Kaiser-
licher Mathematiker
1620: nach langem Hin und Her wird die Bewerbung Kep-
lers nach Tübingen wegen theologischer Differenzen
endgültig abgelehnt.
r b
φ
a
Abbildung 2.45: Ellipse als Planetenbahn, die grau Fläche entspricht der vom
Fahrstrahl überstrichenen Fläche, wenn der Planet die Strecke zurückgelegt hat,
die durch den grünen Pfeil angedeutet ist
Dabei haben wir bereits berücksichtigt, dass bei der Planetenbewegung in der Ebene
z = ż = z̈ = 0 gilt.
Wenn der Planet eine Wegstrecke dr zurückgelegt hat (siehe den grünen Pfeil in der Skizze
von Abb. 2.45), so ist die vom “Fahrstrahl überstrichene Fläche”, dF , die im zweiten
Keplerschen Gesetz erwähnt wird, gerade die Hälfte der Fläche des Parallelogramms, das
durch die Vektoren r und dr aufgespannt wird. Damit gilt also für die überstrichene Fläche
pro Zeiteinheit dt
dF 1 d r
= r ×
dt 2 dt
1
= |r × mv |
2m
1
= l . (2.172)
2m
Beim Übergang zur letzten Zeile haben wir die Definition des Bahndrehimpulse l über-
nommen. Andererseits können wir nun aber auch die Ausdrücke für den Ortsvektor r und
die Geschwindigkeit v aus (2.170) und (2.171) übernehmen was zu dem Ausdruck führt
dF 1
= |(ρêρ ) × (ρ̇êρ + ρϕ̇êϕ )|
dt 2
1 2
= ρ ϕ̇
2
1
= l . (2.173)
2m
Das zweite Keplersche Gesetz entspricht also der Beobachtung, dass die Drehimpulse
der Bewegung der Planeten, bezogen auf ein Koordinatensystem mit der Sonne im Ko-
ordinatenursprung, erhalten bleiben. Daraus können wir also schon schliessen, dass sie
Planetenbewegung in einem zentralen Kraftfeld erfolgt mit der Sonne als Kraftzentrum.
2.11. NEWTON, KEPLER UND DIE PLANETEN 101
Andererseits
können wir aus (2.173) entnehmen, dass der Betrag dieses Drehimpulses
durch l = mρ2 ϕ̇ gegeben ist. Die Erhaltung des Drehimpulses bedeutet aber auch, dass
d ρ2 ϕ̇
= 2ρρ̇ϕ̇ + ρ2 ϕ̈ = 0 .
dt
Dies entspricht aber gerade der Azimuthalkomponente der Beschleunigung (vergleiche
2.171), womit wiederum gezeigt ist, dass bei der Planetenbewegung eine Beschleunigung
ausschließlich in radialer Richtung also in Richtung, auf die Sonne erfolgt. Diese Beschleu-
nigung ergibt sich zu
aρ = ρ̈ − ρϕ̇2 . (2.174)
Für die Berechnung dieser Beschleunigung greifen wir auf die Parametrisierung der Ellip-
senbahn in (2.170) zurück und berechnen
∂ρ
ρ̇ = ϕ̇
∂ϕ
Pε sin ϕ
= − ϕ̇
(1 − ε cos ϕ)2
ε sin ϕ 2 ε sin ϕ l
= − ρ ϕ̇ =− , (2.175)
P P m
wobei ja die Masse des Planeten m und sein Bahndrehimpuls l während der Bewegung
konstant bleiben. Damit erhält man
ε cos ϕ l εl2
ρ̈ = − ϕ̇ = − 2 2 cos ϕ .
P m Pρ m
εl2 1 l2
aρ = − cos ϕ −
Pρ2 m2 ρ m2 ρ2
l2
ε cos ϕ 1 − ε cos ϕ
= − 2 2 +
mρ P P
l2 1
= − 2 . (2.176)
m P ρ2
Bei dem Übergang zur dritten Zeile wurde 1/ρ nach (2.170) ersetzt. Bahndrehimpuls l,
Masse m und Halbparameter P der Planetenbahn sind Konstanten der Planetenbewegung.
Aus (2.176) wird also deutlich, dass die radiale Beschleunigung und damit die Kraft, die
von der Sonne auf den Planeten wirkt eine konservative Zentralkraft ist, die proportional
zum Quadrat des Abstandes Planet - Sonne abfällt.
Das dritte Keplersche Gesetz verknüpft nun die Daten der verschiedenen Planetenbahnen
miteinander. Nach dem zweiten Keplerschen Gesetz ist die pro Zeiteinheit vom Fahrstrahl
überstrichene Fläche konstant. Diese Geschwindigkeit ist natürlich berechenbar als die
102 KAPITEL 2. DYNAMIK EINES MASSENPUNKTES
a3 a3l2
=
T2 (2mπab)2
1 l2
= , (2.177)
4π 2 m2 P
(siehe Definition des Halbparameters P in (2.169)). Der Quotient a3 /T 2 ist also bis auf
den Faktor 4π 2 identisch mit der Konstanten in der radialen Beschleunigung des jeweiligen
Planeten (2.176). Das dritte Keplersche Gesetz sagt also aus, dass die radiale Beschleu-
nigung für alle Planeten von der Form
const
aρ = −
ρ2
ist. Das dritte Keplersche Gesetz ist also eine historisch vorweggenommene Bestätigung
für die anziehende Gravitationskraft der Sonne auf die Planeten mit
const
Fρ = maρ = −m
ρ2
m MS
= −γ , (2.178)
ρ2
wobei MS für die Masse der Sonne steht und γ die Konstante der Gravitationskraft
bezeichnet.
Wir haben also hier gezeigt, dass wir aus der experimentellen Beobachtung, die zu den
Keplerschen Gesetzen führte, die Form der Kraft herleiten konnten, die die Planeten auf
ihrer Umlaufbahn hält. Dabei wurde nicht nur gezeigt, dass es sich hier um ein zentra-
les Kraftefeld mit dem Kraftzentrum Sonne handelt. Darüber hinaus konnten wir auch
zeigen, dass diese Kraft die Form der Newtonschen Gravitationskraft hat also mit 1/ρ2
beziehungsweise 1/r 2 abfällt.
Elektronen (mit ihrer negativen Ladung) von einem positiv geladenen Atomkern im Kraft-
zentrum angezogen werden. Bei negativen Werten von α liegt eine abstoßende Kraft vor.
Ein entsprechendes Beispiel ergibt sich durch die Repulsion, die ein elektrisch positiv
geladenes Proton durch einen ebenfalls positiv geladenen Atomkern erfährt.
Für ein solches Kraftfeld betrachten wir die Newtonsche Bewegungsgleichung
d p α
= p˙ = − 3 r . (2.180)
dt r
Hier und im folgenden steht p = mv für den Impuls des Teilchens. Da es sich bei F um
ein zentrales Kraftfeld handelt, ist der Drehimpuls l = r × p eine Konstante der Bewegung
und wir können die Gleichung (2.180) von rechts mit diesem Drehimpuls multiplizieren:
α
p˙ × l = − 3 [r × (r × p)]
r
α 2
= 3 r p − r(rp) . (2.181)
r
Bei dem Übergang zur zweiten Zeile haben wir die allgemein gültige Vektorrelation
α 2 d r
r p
−
r (
r p
) = αm . (2.184)
r3 dt |r|
da ja l konstant ist. Setzt man diese beiden Seiten der Gleichung (2.181) zusammen, ergibt
sich
d
d r
p × l = αm
dt dt |r|
104 KAPITEL 2. DYNAMIK EINES MASSENPUNKTES
beziehungsweise
r
p × l = αm −C
. (2.186)
|r|
wobei der Vektor C, der sogenannte Lenz’sche Vektor konstant, sein muss. Man kann
sich nun davon überzeugen, dass dieser Lenz’sche Vektor senkrecht zu l steht und damit
also in der Ebene der Bewegung liegt. Dazu multiplizieren wir die Gleichung (2.186) skalar
mit dem Vektor l
l p × l = αm lr −lC.
|
r |
=0 =0
Die linke Seite dieser Gleichung ist identisch Null, da der Vektor p × l senkrecht zu l
steht. Der erste term auf der rechten Seite ist Null, da der Ortsvektor r in der Ebene der
Bewegung liegt, die senkrecht zu l ist. Daraus folgt also lC
= 0, was ja bedeutet, dass der
Lenz’sche Vektor C in der Bewegungsebene liegt.
Für die weitere Rechnung multiplizieren wir die Gleichung (2.186) skalar mit r
2
r
r(p × l) = αm − rC
. (2.187)
r
Mit der allgemeinen Vektorbeziehung
wobei ϕ den Winkel zwischen r und C bezeichnet. Da der Lenzsche Vektor C in der Ebene
der Bewegung des Teilchens liegt, können wir C als die x-Achse für diese Ebene annehmen
und ϕ beziehungsweise r = ρ als Zylinderkoordinaten in der Ebene interpretieren. Damit
ergibt sich aus (2.189) die Beziehung
l2 P
ρ= = , (2.190)
αm 1 − C
αm
cos(ϕ) 1 − ε cos(ϕ)
0.8
0.6 1
0.4
0.5
0.2
–0.2
–0.5
–0.4
–0.6 –1
–0.8
beschrieben wird. Die Form der Trajektorie hängt also von der Exzentrizität ε und damit
wegen (2.191) vom Betrag des Lenz’schen Vektors C ab. Beispiele für eine Ellipsenbahn
(ε = 0.8) und eine Hyperbel (ε = 1.4) sind in Abb. 2.46 gegeben.
Was ist also nun die physikalische Bedeutung dieses Lenz’schen Vektors? Um diese Frage
und berechnen
zu beantworten, betrachten wir die Gleichung (2.186) zur Definition von C
2 r
2 2 2
C = p × l + α m − 2αm p × l . (2.193)
r
Der Geschwindigkeits- und damit auch der Vektor des Impulses p = mv sind in der
Ebene der Bewegung und damit senkrecht zum Vektor des Drehimpulse l (das ergibt sich
natürlich auch schon aus der Definition des Drehimpulses l = r × p). Damit ist der Betrag
des Vektors p × l gleich dem Produkt der Beträge p und l. Für das Vektorprodukt im
letzten Term dieser Gleichung benutzen wir die Beziehung (2.188) in der Form
r p × l = l (r × p) = l2 .
2αml2
C 2 = p2 l2 + α2 m2 − (2.194)
r
und mit (2.191) ergibt sich
2
2l2 p α
ε 2
= 1+ 2 −
α m 2m r
2
2l
= 1+ 2E. (2.195)
α
In der Klammer in der ersten Zeile dieser Gleichung steht nämlich mit p2 /(2m) gerade
die kinetische Energie des Teilchens und mit −α/r die jeweilige potenzielle Energie, die
106 KAPITEL 2. DYNAMIK EINES MASSENPUNKTES
als Summe die Energie E ergeben. Für negative Werte der Energie kann das Teilchen
dem attraktiven Potenzial nicht entfliehen: Für r → ∞ geht ja das Potenzial gegen Null
und damit wäre eine negative kinetische Energie erforderlich um die Energieerhaltung
zu bewahren. Dies ist aber wegen der Positivität der kinetischen Energie (mv 2 /2) nicht
möglich. In diesem Fall negativer Energien liefert (2.195) eine Exzentrizität ε < 1, was
bedeutet, dass die Trajektorie eine Ellipse ist.
Für positive Energien ist aber die kinetische Energie so groß, dass das Masseteilchen
sich auch beliebig weit von dem Kraftzentrum entfernen kann. In diesem Fall wird das
Teilchen am Kraftzentrum gestreut und durchläuft die Trajektorie einer Hyperbel. Bei-
spiele für solche Hyperbelbahnen finden sich in der Astronomie, wenn z.B. ein Satellit
mit ausreichender Geschwindigkeit an einem Planeten vorbeifliegt. Die gleichen Trajek-
torien erhalt man aber auch, wenn man die Streuung eines Elektrons an einem Atomkern
beschreibt. In diesem Fall ist das attraktive Zentralfeld durch die Coulomb Anziehung zwi-
schen dem elektrisch positiv geladenen Atomkern und dem Elektron gegeben. Die Bahnen
der gebundenen Elektronen wären auch hier Ellipsen. Man muss jedoch beachten, dass
zur Beschreibung der Phänomene bei diesen extrem kleinen Abständen die Effekte der
Quantenmechanik zu berücksichtigen sind.
Kapitel 3
Vielteilchensysteme
1. Wir ziehen an zwei identischen Federn, die miteinander verbunden sind (Abb. 3.1).
Ziehen wir symmetrisch von beiden Seiten mit jeweils der gleichen Kraft (Abb. 3.1a),
beobachten wir, dass beide Federn gleich weit gedehnt werden. Dieser symmetrische
Fall ist nicht sehr überraschend. Jetzt verankern wir Feder1 und ziehen nur an Feder
2 (Abb. 3.1b). Wiederum werden beide Federn gleich stark gedehnt. Das gleiche
Ergebnis erhalten wir, wenn wir Feder 2 verankern und an Feder 1 ziehen (Abb.
3.1c)
2. Wir drücken auf der Luftkissenbahn zwei Wagen gegeneinander. An jedem Wagen
befinden sich Metallringe, die wie eine Feder wirken (s. Abb. 3.2). Wir lassen dann
die Wagen voneinander weglaufen. Drücken die beiden Metallringe gegeneinander,
bewegen sich die Wagen symmetrisch mit entgegengesetzt gleichen Geschwindigkei-
ten voneinander weg. Das gleiche Ergebnis erhalten wir aber auch, wenn nur einer
der beiden Wagen mit seinem Metallring gegen den anderen Wagen ”drückt”.
107
108 KAPITEL 3. VIELTEILCHENSYSTEME
Abbildung 3.2: Abstoßung zweier identischer Wagen auf der Luftkissenbahn. An den
Wagen befinden sich Metallringe, die durch eine Feder symbolisiert sind.
Offensichtlich waren in beiden Fällen die Kräfte, die die beiden Körper aufeinander aus-
geübt hatten, sehr symmetrisch, auch wenn die Geometrie wie in den Fällen (b) und (c)
der Abb. 3.1 und 3.2 asymmetrisch war.
”Wenn die Kraft F12 , die auf einen Körper 1 wirkt, ihren Ursprung in einem
anderen Körper 2 hat, so wirkt auf diesen die entgegengesetzt gleiche Kraft
−F12 ”.
Dies ist die Ausssage des 3. Newtonschen Axioms, das die Newtonschen Axiome ver-
vollständigt. In kürzerer Form lässt sich dieses Axiom, das auch als ”Reaktionsprinzip”
bezeichnet wird, ”actio” = ”reactio” schreiben. Abb. 3.3 stellt das Reaktionsprinzip
graphisch dar.
Um nun weiterzukommen, zerlegen wir die Kraft Fi , die auf Masse i wirkt, in eine von
(a)
außen wirkende Kraft Fi und in die inneren Kräfte Fik , die von den anderen Massen
k ausgehen (man beachte, dass Fii gleich null ist, da der i-te Körper keine Kraft auf sich
(a)
selbst ausübt1 ). Die äußeren Kräfte Fi können zum Beispiel durch die Schwerkraft der
Erde gegeben sein. Mit dieser Zerlegung schreibt sich die Kraft auf den i-ten Massenpunkt:
(a)
Fi = Fi + Fik (i, k = 1, . . . , N) (3.5)
'N ˙
Nun setzen wir dies in i=1 Fi = P ein:
˙
N N
P = Fi + Fik (3.6)
i=1 i,k=1
Die beiden Indizes unter dem zweiten Summenzeichen auf der rechten Seite der Gleichung
deuten an, dass sowohl über i als auch über j summiert wird (beide laufen von 1 bis N).
Im Fall zweier Massen erhalten wir:
˙ (a) (a)
P = F1 + F2 + F12 + F21 . (3.7)
Nun ist aber nach dem Reaktionsprinzip F12 = −F21 , bzw. Fik = −Fki (i,k=1...N). Wenn
wir also über alle i’s und k’s summieren, so heben sich diese Beiträge gerade auf und wir
erhalten:
˙ (a)
N
P = Fi (3.8)
i=1
1
Dies folgt auch aus dem Reaktionsprinzip: Fii = −Fii , woraus sich Fii = 0 ergibt.
110 KAPITEL 3. VIELTEILCHENSYSTEME
Der Gesamtimpuls wird also nur durch die äußeren Kräfte geändert. Die in-
neren Kräfte haben keinen Einfluss.
Speziell für den Fall, dass diese äußeren Kräfte verschwinden, bleibt der Gesamtimpuls
erhalten, ganz egal, wie kompliziert die inneren Kräfte zwischen den Massenpunkten sind.
Es liegt nun nahe, ganz in Analogie zur Definition des Impulses für einen Massenpunkt,p =
mr˙ , auch für das gesamte Ensemble aus N Teilchen einen Vektor R einzuführen, so dass
˙ 'N
gilt: P = M R. Hierbei ist M =
i=1 mi die Gesamtmasse. Der Vektor R ist die
”Schwerpunktskoordinate” oder kurz der ”Schwerpunkt”.
Mit der Definition des Gesamtimpulses gilt:
N
N
N
P = pi = ˙ =
mir˙i = M R mi ˙
· R. (3.9)
i=1 i=1 i=1
'
N
miri
= i=1
R (3.10)
'N
mi
i=1
Im Englischen nennt man den Schwerpunkt ”center of mass”, was offensichtlich sehr an-
gebracht ist.
˙ = vs auch eine Schwerpunktsgeschwindigkeit vs
Entsprechend können wir durch R
definieren.
Es gilt:
˙ (a) N
¨ =
P = M R Fi (3.11)
i=1
Diese Beziehung ist sehr erstaunlich. Sie besagt nämlich, dass sich der Schwerpunkt
(a)
so bewegt, als ob alle äußeren Kräfte F̃i in ihm angriffen, obwohl der Vektor
möglicherweise einen Punkt zeigt, in dem sich nicht einmal ein Massenpunkt befindet.
Die inneren Kräfte Fik haben dagegen auf die Schwerpunktsbewegung keinen
Einfluss.
Wir wollen nun für zwei Massenpunkte herausfinden, wo sich der Schwerpunkt in Bezug
auf die beiden Massen befindet. Zunächst gilt entsprechend der Definition von R:
= m1r1 + m2r2 .
R (3.12)
m1 + m2
Um die Lage des Schwerpunkts für ungleiche Massen zu finden, führen wir zwei Vektoren
r1,s und r2,s ein via:
+ r1,s
r1 = R (3.13)
+ r2,s
r2 = R (3.14)
Der Vektor r1,s zeigt also vom Schwerpunkt zum Massenpunkt 1, der Vektor r2,s vom
Schwerpunkt zum Massenpunkt 2.
Nun gilt:
Abbildung 3.4: Wurf einer Hantel. Der Schwerpunkt (oben schwarz markiert, unten noch-
mals gegen x aufgetragen) folgt dabei einer Wurfparabel (aus: Brand/Dahmen, Mechanik,
S. 76)
Im Hörsaal demonstrieren wir die Eigenschaften des Schwerpunkts an einer Reihe von
Versuchen:
112 KAPITEL 3. VIELTEILCHENSYSTEME
• schnelle Drehung einer Hantel um eine Achse senkrecht zur Verbindungslinie zwi-
schen den Kugeln (Abb. 3.5(b)). Geht die Rotationsachse durch den Schwerpunkt,
dreht sich die Hantel lediglich um sich selbst. Andernfalls fliegt die Hantel in radialer
Richtung weg.
Abbildung 3.5: (a) Hochheben eines im Schwerpunkt gelagerten Holzstabes, an dem zwei
Massen m1 und m2 hängen; (b) Drehung einer im Schwerpunkt gelagerten Hantel.
• Auf der Luftkissenbahn sind zwei sich bewegende Wagen durch eine Feder verbun-
den. Die Wagen schwingen zwar gegeneinander, der Schwerpunkt (Markierung durch
Pfeilspitze) bewegt sich aber mit konstanter Geschwindigkeit entlang der Bahn.
Wir wollen jetzt untersuchen, welchen Einfluss die inneren Kräfte Fik auf die Bewegung
der Massenpunkte haben. Dazu verwenden wir nochmals die Gleichungen 3.1 und 3.2:
Wir multiplizieren Gleichung 3.1 mit m2 , Gleichung 3.2 mit m1 und bilden die Differenz:
(a) (a)
Nehmen wir weiter an, dass die äußeren Kräfte F1 und F2 verschwinden, so ergibt sich:
Auf Grund des Reaktionsprinzips ist F21 = −F12 und wir erhalten:
oder:
F12 = µr¨ (3.20)
mit: µ = m1 m2
m1 +m2
(”reduzierte Masse”) und: r = r2 − r1 (”Relativkoordinate”).
Gleichung 3.20 hat genau die gleiche Form wie die Gleichungen 3.1 und 3.2.
Man kann also das Zweikörperproblem wie ein Einkörperproblem behandeln
und beispielsweise Lösungen, die wir in vorangegangenen Abschnitten erhalten
haben (z. B. Planetenbewegungen, Schwingungen) direkt verwenden. Man
muss in der Lösung des Einteilchenproblems lediglich die Masse durch die
reduzierte Masse und die Koordinate durch die Relativkoordinate ersetzen.
Vom Schwerpunkt aus betrachtet bewegt sich dann Körper 1 mit der Koordinate r1,s (t) =
−r(t) · m2
m1
und Körper 2 mit r2,s (t) = r(t) · m1
m2
.
Beispielsweise bewegen sich nun sowohl die Planeten als auch die Sonne auf Ellipsenbahnen
um den gemeinsamen Schwerpunkt, der in der Nähe des Sonnenzentrums liegt. Wie nahe,
können wir leicht aus folgenden Daten berechnen:
Masse der Erde: mE ≈ 6 · 1024 kg
Masse der Sonne: mS ≈ 333000 mE
Sonnendurchmesser: 2rS ≈ 1.4 · 106 km
Abstand zwischen Erde und Sonne: rSE ≈ 1.5 · 108 km.
Das Verhältnis der Abstände der Sonne bzw. der Erde vom Schwerpunkt ist r1,s /r2,s =
1/330000 ≈ 3 · 10−6. Mit rSE = r1,s + r2,s ≈ r2,s ergibt dies r1,s ≈ 450 km, was wesentlich
weniger ist als der Radius der Sonne.
Die reduzierte Masse ist µ = mmEE+m
mS
S
= m E 1+mE
1
/mS
≈ mE 1 − mE
m S
≈ mE (1 − 3 · 10−6),
weicht also nur um 3 · 10−6 von der Erdmasse ab.
Es war also eine sehr gute Näherung, die Planetenbewegung so zu behandeln, als wäre
die Sonne unbeweglich. Hätten wir anstelle der Erde den 318 mal schwereren und 5.2 mal
weiter entfernten Jupiter betrachtet, so wäre die reduzierte Masse um ca. 10−3 von der
Jupitermasse abgewichen und der Schwerpunkt wäre etwa 7.5 · 105 km vom Sonnenzen-
trum weg, also etwa am Sonnenrand.
Wir wenden uns nun Prozessen zu, bei denen zwei Körper voneinander weggeworfen bzw.
weggeschossen werden. Hierzu zunächst folgendes Gedankenexperiment:
Ein Astronaut (Masse inkl. aller Gegenstände, die er bei sich trägt: m1 , Geschwindigkeit
v1 = 0) schwebt im Weltall und wirft einen Gegenstand (Masse m2 , Geschwindigkeit
v0 ) von sich weg. Der Schwerpunkt und der Gesamtimpuls ist in Ruhe und bleibt dies
auch, da keine äußeren Kräfte vorliegen. Nach dem Wurf müssen sich also Astronaut und
Gegenstand so voneinander wegbewegen, dass weiterhin P = 0 gilt. Die Geschwindigkeit
des nun um m2 leichteren Astronauten nach dem Wurf sei v1 .
Es gilt also
P = 0 = (m1 − m2 )v1 = m2v0 (3.21)
114 KAPITEL 3. VIELTEILCHENSYSTEME
woraus folgt:
m2
v1 = − v0 . (3.22)
m1 − m2
Nun soll der Astronaut nochmals einen Gegenstand (Masse m2 , Geschwindigkeit v0 relativ
zum Astronauten) von sich wegwerfen. Beobachtet dies ein weiterer Astronaut der sich
mit der gleichen Geschwindigkeit v1 wie der Astronaut vor dem zweiten Wurf bewegt,
so stellt er fest, dass der Astronaut sich mit der Geschwindigkeit v1 = − m1m 2
−2m2 0
v . ent-
gegen der Wurfrichtung bewegt (der Summand 2m2 im Nenner entsteht dadurch, dass
der Astronaut zum zweiten mal um die Masse m2 leichter wurde). Addiert man hier
die Geschwindigkeit v1 hinzu, die der Astronaut schon nach dem ersten Wurf hatte, so
erhält man eine Gesamtgeschwindigkeit von v1 + v1 = −m2 m1 −m
1
2
1
+ m1 −2m 2
v0 . Man
kann diesen Vorgang nun weiter fortsetzen, wobei aber zu beachten ist, dass die Masse
des Astronauten nicht beliebig klein oder gar negativ werden kann. Der Astronaut
kann also durch wiederholtes Wegwerfen von Gegenständen immer schneller
werden. Man beachte aber, dass bei dem Vorgang der Schwerpunkt des Ausgangssystems
(Astronaut + viele Massen m1 ) in Ruhe bleibt.
m · v = m · v + m · dv − dm · v − dm · dv + v · dm − v0 · dm (3.24)
vend
Die linke Seite liefert: 0
dv = vend , die rechte Seite liefert:
Mend
dm M Mend Manf
v0 = v0 ln mMend = v0 · ln = −v0 · ln . (3.27)
Manf m anf Manf Mend
M
Die Endgeschwindigkeit ist also: vend = −v0 · ln Manf
end
. Die Funktion ist in Abb. 3.7 darge-
stellt. Man beachte den logarithmischen Maßstab auf der x-Achse.
4
vend /|v 0|
0
1 10 100 1000
M anf /M end
Für Manf = Mend ist vend = 0. Dies macht auch Sinn, da Manf = Mend bedeutet, dass
keine Masse ausgestoßen wurde. Der Wert vend = −v0 wird für Manf /Mend = e ≈ 2.718
erreicht. Soll die Rakete die 4-fache Austrittsgeschwindigkeit des Treibstoff erreichen, so
müsste Manf /Mend bereits etwa 55 betragen.
Um die Rakete effektiv fliegen zu lassen, sollte also v0 möglichst hoch sein und ein
möglichst großer Teil der Masse abgegeben werden.
Wir demonstrieren den zweiten Effekt - Abgabe eines großen Teils der Anfangsmasse
- dadurch, dass wir die Spielzeugrakete mit Wasser füllen. Den ersten Effekt - hohe
Austrittsgeschwindigkeit - demonstrieren wir anhand eines Go-Carts, das durch den Gas-
austritt aus einer 200 bar Druckflasche angetrieben wird.
Zum Schluss dieses Abschnitts besprechen wir noch kurz ein Experiment, bei dem ein
Pfeil von einer Schaukel geschossen wird. Man findet:
116 KAPITEL 3. VIELTEILCHENSYSTEME
1. Fliegt der Pfeil von der Schaukel weg, so schlägt die Schaukel entgegen der Flugrich-
tung des Pfeiles aus und Pendel gedämpft nach. Die Schaukel hat durch den Schuss
einen Impuls erhalten, der dem Impuls des Pfeils entgegengesetzt gleich ist3 .
2. Schlägt der Pfeil in einem Brett ein, das mit der Schaukel verbunden ist, so ”wackelt”
das System Schaukel/Pfeil kurz während des Schusses, ist dann aber schnell wieder
in Ruhe. Es hat (nach Einschlag) kein Impuls die Schaukel verlassen, so dass diese
in Ruhe bleibt.
3
Aus dem Ausschlag der Schaukel können wir im Prinzip den Impuls bzw. bei bekannter Masse die
Geschwindigkeit des Pfeils bestimmen. Wir werden eine analoge Rechnung im nächsten Abschnitt beim
”ballistischen Pendel” durchführen
3.2. VOLUMENINTEGRALE 117
3.2 Volumenintegrale
Wenn man Systeme von vielen Massenpunkten mα an Positionen rα beschreiben will,
so muss z.B. die Gesamtmasse M des Systems, den Vektor des Schwerpunktes R oder
aber auch die Kraft F ausgerechnet werden, die durch die Gravitationswechselwirkung
all dieser Teilchen auf einen weiteren Massenpunkt µ an der Position r ausgeübt wird. Es
treten also Summen auf vom folgenden Typ auf:
N
M = mα
α=1
'N
= mαrα
α=1
R (3.28)
M
γµmα
N
F (r) = − (r − rα ) (3.29)
α=1
|
r −
r α | 3
Diese Summen kann man leicht ausführen, wenn es sich um N = 3 oder N = 10 Mas-
senpunkte handelt. Es wird jedoch unmöglich, wenn es sich bei den Massenpunkte z.B.
um die Moleküle H2 O in einem Wassertropfen handelt. In einem Mol Wasser, das sind 18
Gramm Wasser, befinden sich nämlich
N = NL ≈ 6 1023 (3.30)
Moleküle, wobei NL die Loschmidtsche Zahl bezeichnet. Wenn man einen modernen
Computer benutzen würde, der in einer Sekunde etwa 1 Millionen Summanden in der
Summe (3.28) aufsummieren könnte, so wäre dieser Computer immerhin etwa 1.9 1010
Jahre beschäftigt. Das ist erheblich länger als das Alter des Universums, der Computer
wäre also sicher kaputt bevor er so eine einfache Aufgabe Berechne den Schwerpunkt eine
Menge von 18 g Wasser erfüllt hätte. Wir müssen uns also nach einer anderen Rechen-
technik umsehen.
Wir könnten z.B. das uns interessierende Volumen V in k kleine Untervolumina der Größe
∆V einteilen (mit V = k∆V ). Dieser Teilvolumina könnten z.B. Quader sein mit einer
Kantenlänge von ∆x, ∆y und ∆z in x−, y− beziehungsweise der z−Richtung sein. Es
gilt also
∆V = ∆x ∆y ∆z . (3.31)
Man kann dann bestimmen, wie viele der Massenpunkte mα typischerweise in dem Teil-
volumen ∆V an der Stelle ri befinden (siehe auch Abb. 3.8). Wir definieren also eine
Teilchendichte mit
ni
ρ(ri ) = , (3.32)
∆V
wobei ni die Zahl der Teilchen in diesem Volumen bezeichnet. Damit könnte man nun
118 KAPITEL 3. VIELTEILCHENSYSTEME
ri
V
Abbildung 3.8: Teilvolumina ∆V zur Berechnung z.B. des Schwerpunktvek-
Hier wird speziell der Beitrag eines Elementes i an der Position ri
tors R.
betrachtet.
berechnen
k
N = ρ(ri )∆V ,
i=1
k
M = m ρ(ri )∆V ,
i=1
m
k
=
R ri ρ(ri )∆V . (3.33)
M i=1
Dabei haben wir angenommen, dass die Massen aller Teilchen gleich sind mα = m. In
diesem Fall ist es für viele Fälle geschickter, an Stelle der Teilchendichte die Massendichte
mni
ρ((ri ) = mρ(ri ) = , (3.34)
∆V
einzuführen. Diese ist auch in der Regel einfach zu bestimmen aus dem Quotienten Masse
in einem Volumen ∆V dividiert durch dieses Volumen.
Eine solche Aufteilung oder Diskretisierung des Volumens ist aber problematisch, wenn
sich die Teilchendichte sehr stark mit dem Ort ri ändert. In diesem Fall müsste man
sehr viele und sehr kleine Teilvolumina definieren, die Kantenlängen würden infinitesimal
klein:
∆V = ∆x ∆y ∆z → dV = dx dy dz
Aus der Summe wird dann ein Integral über die drei Raumrichtungen x, y und z wie z.B.
bei der Summe in (3.33):
k ∞ ∞ ∞
ρ(ri )∆V → ρ(r)dz dy dx . (3.35)
i=1 −∞ −∞ −∞
3.2. VOLUMENINTEGRALE 119
Als ein erstes einfaches Beispiel für die Berechnung eines solchen Volumenintegrals be-
trachten wir den Fall, dass die Massenteilchen auf das Volumen eines Quaders mit den
Kantenlängen a, b und c beschränkt sind. Die Funktion der Teilchendichte ist also definiert
durch
ρ0 für 0 ≤ x ≤ a, 0 ≤ y ≤ b, 0 ≤ z ≤ c
ρ(x, y, z) =
0 sonst.
a b c
ρ dV = ρ0 dz dy dx
0 0 0
a b
= ρ0 cdy dx
0 0
= ρ0 abc = ρ0 V
Die Teilchenzahl ergibt sich also als Produkt der konstanten Teilchenzahldichte ρ und
dem Volumen V des Quaders, ein Ergebnis, das offensichtlich richtig ist. Ganz ähnlich
können wir nun auch den Vektor des Schwerpunktes dieses Quaders berechnen. Als Bei-
spiel betrachten wir hier die Berechnung der x-Komponente dieses Schwerpunktvektors
und berechnen dazu:
a b c
m xρ dV = m x ρ0 dz dy dx
0 a 0 0
= m xρ0 bcdx
0
a2 a
= mρ0 bc = mρ0 V
2 2
Entsprechende Ergebnisse erhält man für die beiden anderen Komponenten, so dass der
Vektor des Schwerpunktes gegeben ist durch
x a
= m y ρ dV = 1 b ,
R
mρ0 V 2
z c
Als ein weiteres Beispiel betrachten wir eine Teilchenverteilung, die eine konstante Dichte
innerhalb des Volumens eines Zylinders besitzt. In diesem Fall ergibt sich
ρ0 für 0 ≤ z ≤ c, 0 ≤ x2 + y 2 ≤ R2 ,
ρ(x, y, z) =
0 sonst.
120 KAPITEL 3. VIELTEILCHENSYSTEME
wobei wir cπR2 als Volumen des Zylinders V identifiziert haben. Einfacher kann man diese
Rechnung in Zylinderkoordinaten durchführen. Dazu müssen wir allerdings zunächst das
Volumenelement dV in Zylinderkoordinaten bestimmen. Dies ergibt sich aus dem Produkt
der 3 Vektoren
∂r
dri = di (3.37)
∂i
wo die Ableitung des Ortsvektors r nach jeweils einer der 3 Koordinaten berechnet wird
(die beiden anderen Koordinaten werden festgehalten) und das Ergebnis dann mit dem
Differenzial dieser koordinate di multipliziert wird. Als Beispiel betrachten wir für den
Fall der Zylinderkoordinaten, wo ja der Ortsvektor dargestellt wird durch
r cos ϕ
r = r sin ϕ
z
den Vektor drϕ , der ja die infinitesimale Änderung des Ortsvektors beschreibt, wenn sich
der Azimuthwinkel ϕ infinitesimal ändert. Dieser berechnet sich nach (3.37) für i = ϕ zu
−r sin ϕ
drϕ = r cos ϕ dϕ = rêϕ dϕ . (3.38)
0
Dabei haben wir wieder auf die Einheitsvektoren êϕ der Zylinderkoordinaten zurückge-
griffe, die wir ja bereits bei der Definition der Zylinderkoordinaten eingeführt hatten.
Entsprechende Rechnungen für die anderen beiden Vektoren dri liefern:
Alle drei Vektoren stehen also senkrecht aufeinander. Deshalb ergibt sich für das Volu-
menelement in Zylinderkoordinaten
dV = r dr dϕ dz (3.40)
^e
y ϕ
^e
r
r
x
Abbildung 3.9: Darstellung eines Vektor in Zylinderkoordinaten und zugehörige
Basisvektoren. Diskussion im Text.
einer Länge zum Quadrat (also z.B. Meter zum Quadrat m2 ) besäße, was aber die Dimen-
sion einer Fläche und nicht eines Volumens wäre (Winkel ϕ werden ja in dimensionslosen
Einheiten gemessen). Der Faktor r in (3.40) “sorgt” also dafür, dass dV die richtige Di-
mension (m3 ) eines Volumens besitzt. Diesen Faktor r können wir aber auch geometrisch
verstehen. Dazu betrachten wir die Skizze der Abb. 3.9. Es ist klar, dass eine Verschiebung
des Ortes r durch eine Vergrösßerung des Winkels ϕ in Richtug des Basisvektors êϕ erfolgt.
Die Länge der Strecke, die die Spitze des Ortsvektors dabei zurücklegt ist proportional
zu der Änderung des Winkels dϕ aber auch proportional zum Abstand vom Koordina-
tenursprung r. Insgesamt ergibt das Produkt dr mal rdϕ eine inifinitesimale Fläche der
Form, wie sie durch die gestrichelten Vektoren in Abb. 3.9 angedeutet ist. Multipliziert
man diese Fläche noch mit einem Vektorelement dz senkrecht zur dargestellten Ebene, so
ergibt sich das gesamte Volumenelement dV .
Wir diskutieren hier nur die Rechenregeln für Volumenelemente im 3-dimensionalen Raum
für den Fall, dass die Basisvektoren der betrachteten Koordinatensysteme êi ein orthogo-
nales Basissystem bilden. Allgemein ergeben sich Volumenelemente bei der Transformati-
on von den kartesischen Koordinaten x, y, z auf Koordinaten u, v, w durch die Beziehung
∂(x, y, z)
dx dy dz = du dv dw . (3.41)
∂(u, v, w)
Dabei steht der Ausdruck zwischen den Betragstrichen für den Betrag der sogenannten
Jakobideterminante.4 Wir werden dies später in dieser Vorlesung behandeln.
Mit Hilfe der Zylinderkoordinaten und dem zugehörigen Volumenelement aus (3.40) kann
man das Volumenintegral aus (3.36) einfacher berechnen mit
R 2π c
ρ dV = r dr dϕ dzρ0
0 0 0
1
= ρ0 c 2π R2 = ρ0 V , (3.42)
2
4
siehe z.B.: H. Fischer, H. Kaul: Mathematik für Physiker I, 23, oder Bronstein - Semendjajew: Ta-
schenbuch der Mathematik, 3.1.11
122 KAPITEL 3. VIELTEILCHENSYSTEME
z
θ
r
y
ϕ
x
Abbildung 3.10: Darstellung eines Vektor in Kugelkoordinaten.
Für eine vollständige Abdeckung des Raumes überstreicht der Winkel ϑ den Bereich [0, π]
und der Winkel ϕ nimmt Werte aus [0, 2π] an. Mit diesen Definitionen und den oben
skizzierten Rechenregeln berechnet sich das Volumenelement in Kugelkoordinaten zu
dV = r 2 dr sin ϑ dϑ dϕ , (3.44)
und ein Volumenintegral schreibt etwa über eine Kugel mit dem Radius R schreibt sich:
R π 2π
2
r dr sin ϑ dϑ dϕ . (3.45)
0 0 0
In diesem dreifachen Integral betrachten wir speziell die Integration über den Winkel ϑ
und definieren
χ = cos ϑ .
Daraus ergibt sich
dχ
dχ =dϑ = − sin ϑ dϑ
dϑ
Das zweite Integral aus (3.45) kann also umgeschrieben werden auf die Form
π cos π 1
sin ϑ dϑ = − dχ = dχ
0 cos(0) −1
3.2. VOLUMENINTEGRALE 123
z z
11
00
00
11
r−r’
r−r’
r’ x
r’
x
was für viele Rechnungen eine sehr geeignete Darstellung ist. Das einfachste Beispiel ist
es wohl, das Volumen der Kugel zu berechnen mit
R 1 2π
2 1
V = r dr dχ = R3 2 2π .
0 −1 0 3
Als eine erste physikalisch motivierte Anwendung betrachten wir jetzt die Berechnung
des Gravitationspotenzials einer ausgedehnte kugelförmigen Masse mit Radius R und
konstanter Dichte auf eine Testmasse µ, die ausserhalb dieser Masse an der Position r
liegt (siehe linkes Teilbild der Abb. 3.11). Dies ist ein Modell z.B. für die Anziehung,
die die Erde (die ja sicher keine Punktmasse ist) auf den Probekörper µ ausübt. Dazu
betrachten wir zunächst einmal den Beitrag, den ein infinitesimales Volumenelement dV
an der Position r dazu leistet. Dieser Beitrag ist gegeben durch
γµρ̃(r )
δU(r) = − dV . (3.47)
|r − r |
Dabei steht ρ̃(r ) für die Massendichte an der Stelle r , so dass ρ̃ dV gleich der Masse im
Volumen dV ist und γ bezeichnet die Newtonsche Gravitationskonstante. Berechnet man
nämlich z.B. die x-Komponente der zu diesem Potenzial zugehörige Kraft
∂ γµρ̃dV
δFx (r) =
∂x (x − x )2 + (y − y )2 + (z − z )2
γµρ̃dV
= − 3 (x − x )
(x − x )2 + (y − y )2 + (z − z )2
124 KAPITEL 3. VIELTEILCHENSYSTEME
also eine Kraft entsteht, eine Anziehung des Punktteilchens µ zur Teilmasse ρdV an der
Position r . Addieren wir nun all diese infinitesimalen Beiträge δU der Volumenelemente
dV in (3.47) auf, so ergibt sich das gesamte Potenzial durch das Volumenintegral
R 1 2π
2 γµρ̃(r )
U(r) = − r dr dχ dϕ
0 −1 0 |r − r |
R 1 2π
2 γµρ̃(r )
= − r dr dχ dϕ . (3.49)
0 −1 0 r 2 + r 2 − 2rr χ
In der zweiten Zeile dieser Gleichung nehmen wir an, dass das Koordinatensystem so
ausgerichtet ist, dass die Testmasse µ auf der z-Achse liegt. Damit wird der Kosinus des
Winkels zwischen r und r gleich der Integrationsvariablen χ = cos(ϑ ). Das Integral über
den Azimuthwinkel ϕ liefert den Faktor 2π. Ausserdem benutzen wir
1
1 (r − r )2 − (r + r )2
dχ =− , (3.50)
−1 r 2 + r 2 − 2rr χ rr
Für den hier relevanten Fall r > r ist dieses Integral gerade 2/r. Damit ergibt sich
insgesamt für das Integral in (3.49)
R
4π 4π 1 γµM
U(r) = − γµρ̃ r 2 dr = −γµρ̃ R3 = − (3.51)
r 0 3 r r
also gerade das Potenzial einer Punktmasse der Masse M (gleich dem Produkt aus Mas-
sendichte ρ̃ und dem Volumen der Kugel mt Radius R) im Koordinatenursprung also im
Zentrum der kugelförmigen Masse. Damit haben wir also jetzt bestätigt, dass wir die Gra-
vitationsanziehung der Erde durch das der entsprechenden Punktmasse im Zentrum der
Erde beschreiben können, so lange wir uns auf Teilchen beschränken, die sich ausserhalb
des Erdradius bewegen.
Welche Gravitationskraft spüren aber Teilchen, die sich im Inneren der Erde befinden. Zur
Beantwortung dieser Frage betrachten wir nun die Berechnung des Gravitationspotenzials
einer kugelförmigen Massenschale auf das Teilchen µ, das sich im inneren Hohlraum dieser
Massenschale befindet (rechtes Teilbild von Abb. 3.11). Auch in diesem Fall betrachten wir
das gleiche Volumenintegral, wir müssen aber die Integration über die radiale Koordinate
r auf den Bereich zwischen dem Radius der inneren Hohlkugel Ri und dem Aussenradius
Ra umschreiben. Ausserdem müssen wir natürlich für das Integral (3.50) annehmen, dass
r > r ist, was zu einem Ergebnis für dieses Integral von 2/r führt. Damit erhalten wir
also in diesem Fall ein Potenzial der Form
Ra 2
r
U(r) = −4πγµρ̃
dr . (3.52)
Ri r
Es ist nicht erforderlich dieses Integral weiter auszuwerten. Wir sehen, dass der Wert
nicht von der Position r des Teilchens µ abhängt. Die Kraft, berechnet als negativer
3.2. VOLUMENINTEGRALE 125
Gradient des Potenzials ist also identisch Null. Die Beiträge der verschiedenen Teilmassen
der Kugelschale zur Gesamtkraft auf die Testmasse im Inneren heben sich also gerade
gegenseitig auf.
Betrachten wir nun also den allgemeinen Fall, dass sich unser Testteilchen µ an einer
beliebigen Position in einer Massenverteilung ρ̃ mit kugelförmiger Symmetrie befindet.
Die Bereiche der Massenverteilung, die einen Abstand vom Zentrum dieser Kugel haben,
die größser ist als der Abstand r des Teilchens µ tragen, wie wir gerade gezeigt haben,
nicht zur Gravitationskraft bei. Der Anteil der Massenverteilung, der innerhalb der Kugel
mit dem Radius r liegt, wir bezeichnen ihn mit der Massenfunktion M(r) übt eine Kraft
aus, als ob diese Masse M(r) im Zentrum der Kugel, also im Koordinatenursprung läge.
Wir erhalten also mit diesen Bezeichnungen für die resultierende Kraft
γµM(r) r
F (r) = − . (3.53)
r2 r
Nimmt man an, dass unser ausgedehnter Körper eine konstante Dichte für 0 ≤ r ≤ R
besitzt, die ausserhalb des Radius R direkt auf Null absinkt, so ergibt sich für M(r)
M r3
R3
für r ≤ R
M(r) =
M für r > R
Damit ergibt sich also für den Betrag der Kraftals Funktion von r
γµM
R3
r für r ≤ R
F (r) = γµM (3.54)
r2
für r > R
Eine interessante Anwendung ergibt sich, wenn wir annehmen, dass die Massenverteilung
einer Galaxie kugelförmig ist. Sterne in dieser Galaxie würden also durch die Anziehung
ihrer Mitsterne, eine anziehende Kraft auf das Zentrum der Galaxie von der Form (3.54)
spüren. Dabei ist r der Abstand des jeweiligen Sterns von diesem Zentrum. Ist die Galaxie
in einem stabilen Zustand, so werden sich die Sterne auf Ellipsen um das Zentrum bewegen
(genau so wie die Planeten um die Sonne). Wir wollen der Einfachheit halber annehmen,
dass es sich hier um Kreisbahnen handelt, bei denen die Anziehung der Gravitation durch
die Zentripetalkraft kompensiert wird:
M(r)
µr ϕ̇2 = γµ . (3.55)
r2
Für die Geschwindigkeit der Sterne auf ihrer Bahn egibt sich also
M(r)
v 2 = r 2 ϕ̇2 = γ . (3.56)
r
Wäre die Massendichte homogen, so sollte diese √ Geschwindigkeit proportional zu r an-
steigen, am Rande der Galaxie aber dann mit 1/ r abfallen. Man beobachtet auch den
linearen Anstieg im Inneren der Galaxie, stellt aber fest, dass im Aussenbereich die Ge-
schwindigkeit einen konstanten Wert v annimmt.
Diese Beobachtung wird als ein Indiz (neben anderen) für die Existenz der sogenannten
dunklen Materie angenommen. Danach besteht der überwiegende Anteil der Materie, die
126 KAPITEL 3. VIELTEILCHENSYSTEME
Gravitationskräfte auf Sterne und Galaxien ausübt, nicht aus Materie von uns bekann-
ter Art (Materie von Sonnen, Planeten, ausgebrannte Sonnen, die zu schwarzen Löchern
kollabiert sind ...) sondern eben aus dieser dunklen Materie, die sich nur durch die Gravi-
tation bemerkbar macht. Ein Halo aus solch dunkler Materie um die leuchtenden Sterne
einer Galaxie könnte diese Daten erklären.
Alternativ kann man diese Geschwindigkeiten auch mit einer modifizierten Newtonschen
Gleichung beschreiben. Diese Parametrisierung hat den schönen Namen MOND für MOdi-
fied Newtonian Dynamics5 . Man nimmt dazu an, dass für sehr schwache Kräfte (unterhalb
einer Minimalkraft) die bekannte Beziehung F = ma ersetzt werden muss durch
F = βma2 . (3.57)
Die Kraft ist also in diesem Fall proportional zur Beschleunigung a zum Quadrat. Für
die Sterne am Rande einer Galaxie sollte die Anziehungskraft so gering sein, dass (3.57)
anzuwenden ist. Aus der Beziehung (3.55) würde also
M(r)
µβr 2ϕ̇4 = γµ .
r2
was das Geschwindigkeitsverhalten erklären könnte. Der Ansatz (3.57) ist natürlich nur
ein Versuch einer Parametrisierung eines beobachteten Effektes, keine wirkliche Theorie,
mit der auch ganz andere Phänomene beschrieben würden. Vielleicht verbirgt sich aber
hinter dieser Parametrisierung eine Theorie, die die Forderung nach der Existenz der
dunklen Materie überflüssig machen könnte
5
Eine allgemeinverständliche Darstellung dieser MOND Beschreibung findet sich in der Zeitschrift
Spektrum der Wissenschaften, Oktober 2002
3.3. STÖSSE ZWISCHEN ZWEI KÖRPERN 127
Wir wollen im folgenden Abschnitt Stossprozesse zwischen zwei Körpern der Masse m1
bzw. m2 betrachten.
• Im ”Anfangszustand” weit weg vom Stoßpunkt sollen die beiden Massen Geschwin-
digkeiten v1 , v2 bzw. Impulse p1 , p2 haben.
• die beiden Körper sollen dann aufeinander zufliegen und wie in Abb. 3.12 skizziert
miteinander stoßen.
• nach dem Stoß entfernen sich die beiden Massen wieder voneinander und haben im
”Endzustand” weit weg vom Stoßpunkt die Geschwindigkeiten v1 , v2 bzw. Impulse
p1 , p2 .
Man kann sich in Bezug auf den obigen Prozess eine Reihe von Grundfragen stellen wie
etwa:
1. wie ist bei gegebenem Anfangszustand (gegeben etwa durch die Impulse p1 , p2 und
dem Stoßparameter b, der den Abstand angibt, an dem Körper 1 ohne Wechselwir-
kung am Körper 2 vorbeifliegen würde) der Ablenkwinkel der beiden Teilchen bzw.
wo treffen die Körper auf?
3. wie war bei bekannten Anfangs- und Endzuständen die Art der Wechselwirkung
zwischen den beiden Körpern; welche Art Körper bzw. Teilchen lagen vor?
4. Wie war die Energie und Masse des einfallenden Teilchens?
Fragestellung 1. ist z. B. beim Billiard interessant, Fragestellung 2 bei der Ermittlung des
Schuldigen bei einem Autounfall.
Die Fragestellungen 3 und 4 sind insbesondere in der Kern- und Teilchenphysik von großen
Interesse. Man untersucht Teilchen der Größe eines Atomkerns und darunter oft dadurch,
dass man Ausgangsteilchen wie Elektronen oder Protonen (aber auch schwerere Teilchen)
mit bekanntem Impuls und bekannter Energie auf die Atomkerne eines ”Targets” schießt.
In einigen Fällen lässt man auch gegenläufige Elektronen- oder Protonenstrahlen gegen-
einanderprallen.
Ein frühes Experiment wurde beispielsweise von Rutherford, Geiger und Marsden 1910
durchgeführt. Sie bestrahlten Atomkerne mit ”α-Teilchen” (He-Kernen) und stellten fest,
dass diese Teilchen die Atome nahezu ungehindert durchdringen. Die beobachteten Ab-
lenkwinkel zeigten im Widerspruch zur gängigen Vorstellung über Atome, dass praktisch
die gesamte Masse des Atoms in einem sehr kleinen Kern konzentriert war.
Bei sehr hochenergetischen Stoßprozessen muss keineswegs die Zahl der Teilchen konstant
bleiben. Werden beispielsweise in großen Beschleunigeranlagen Protonenstrahlen sehr ho-
her Energie bis in den TeV-Bereich6 gegeneinandergeführt, so entstehen beim Stoß eine
Vielzahl neuer Elementarteilchen oder auch angeregte Zustände bekannter Elementarteil-
chen Die Untersuchung dieser Teilchen und der Wechselwirkung zwischen diesen Teilchen
ist eines der wichtigen Themengebiete der Elementarteilchenphysik. Weitere Stoßprozesse,
die hier genannt werden sollten, sind die zwischen sehr schweren Atomkernen (”Schwe-
rionenreaktionen”), in denen beispielsweise neue Zustände der (Kern-)Materie erforscht
werden. Bei diesen Reaktionen entsteht beim Stoß in der Regel eine sehr große Zahl von
Teilchen. Unter geeigneten Bedingungen erlauben Stöße zwischen schweren Ionen aber
auch die Erzeugung neuer Atomkerne und damit die Erweiterung des Periodensystems
der Elemente zu immer schwereren Atomen.
Die Abb. 3.13 zeigt beispielhaft zwei Aufnahmen von Stößen eines α-Teilchens bzw. eines
Protons mit Atomkernen.
Fragestellung 5 ist beispielsweise im Bereich der Astronomie und der Astrophysik wichtig.
Aus dem Weltall treffen ungeheuer energiereiche Teilchen (mit Energien bis zu 1020 eV,
entspricht einem schnellen Tennisball) auf die Atmosphäre und erzeugen dort in einer
Kaskade von Stoßprozessen einen ganzen Schauer von Teilchen, der dann auf der Erde
nachgewiesen werden kann. Eine wesentliche Fragestellung ist, woher diese Teilchen kom-
men bzw. welche Mechanismen sie auf ihre hohe Energie beschleunigt haben. Die Details
solcher Stoßprozesse werden Sie in einer späteren Phase Ihres Studiums kennenlernen. An
dieser Stelle wollen wir uns den Grundprinzipien der Stöße zwischen zwei Körpern wid-
men. Wir werden dabei sehr starken Gebrauch vom Impuls- und Energieerhaltungssatz
machen und außerdem annehmen, dass die Zahl der beteiligten Körper erhalten bleibt.
6
1 Elektronvolt = 1 eV = 1.6 · 10−19 J; dies ist die Energie, die ein Elektron beim Durchlaufen einer
elektrischen Spannung von 1 Volt gewinnt
3.3. STÖSSE ZWISCHEN ZWEI KÖRPERN 129
Abbildung 3.13: Teilchenstöße in der Kernphysik: (a) Stoß eines α-Teilches mit einem
Kern (Pfeil) (b) Erzeugung von 12 Teilchen beim Stoß eines Protons (Energie: 24 GeV)
mit einem Atomkern. Abb. 3.13a wurde in einer ”Nebelkammer” angefertigt. In der Ne-
belkammer befindet sich ein wasserdampfgesättigtes Gas. Der Wasserdampf kondensiert
entlang der Bahn ionisierender Teilchen . Abb. 3.13(b) wurde in einer Blasenkammer an-
gefertigt. Sie enthält eine überhitzte Flüssigkeit, in der sich entlang der Teilchenbahnen
Blasen bilden. (aus: Gerthsen Physik, 21. Auflage: (a) S. 840; (b) S. 849).
Für den Fall von zwei stoßenden Teilchen, die beim Stoß intakt bleiben, reduziert sich
dies zu:
p1 + p2 = p1 + p2 (3.59)
Die Energieerhaltung müssen wir etwas genauer diskutieren. Betrachten wir hierzu
ein System von N wechselwirkenden Massenpunkten, auf die ausschließlich konservative
Kräfte wirken sollen.
Zunächst haben wir die gesamte kinetische Energie der Massenpunkte, die durch die
Summe der kinetischen Energien aller Massenpunkte gegeben ist:
N
1 N
p2i
Ekin = mi vi2 = (3.60)
i=1
2 i=1
2mi
130 KAPITEL 3. VIELTEILCHENSYSTEME
(a)
Die Kraft auf das i-te Teilchen können wir wiederum zerlegen in eine äußere Kraft Fi und
eine innere Kraft Fik , die zwischen Teilchen i und Teilchen k wirkt. Das dritte Newtonsche
Axiom verlangt: Fik = −Fki .
(a) (a) (a) i V (a) (ri )
Die äußeren Kräfte Fi können wir nun aus Potentialen Vi (ri ) via Fi = −∇ i
gewinnen. Der Gradient soll sich dabei auf die Koordinate des Teilchens i beziehen:
(a) ∂V ∂V ∂V
∇Vi =
, , (3.61)
∂xi ∂yi ∂zi
Ganz entsprechend können wir auch die Kräfte Fik aus Potentialen Vik gewinnen. Wir
nehmen hierzu an, dass die Vik von der Differenz der Koordinaten ri und rk abhängt:
Vik = Vik (ri − rk ). Die Kraft Fik ergibt sich dann aus: Fik = −∇ i Vik (ri − rk ). Man
beachte hierbei, dass V nur nach der Koordinate ri differenziert wird. Da das i-te Teilchen
keine Kraft auf sich selbst ausübt, können wir verlangen: Vii = 0. Außerdem wollen wir
verlangen, dass Vik = Vki ist. Damit gilt:
Fik = −∇
i Vik (ri − rk ) = −∇
i Vki (ri − rk ) = +∇
k Vki (ri − rk ) = −Fki (3.62)
Der Faktor 12 vor der Doppelsumme über i und k ist nötig, weil wir bei der Doppelsumme
jedes Potential zwischen i und k doppelt zählen (nämlich vom Körper i aus und vom
Körper k aus). Man macht sich dies leicht für zwei Massenpunkte klar, die durch eine
Feder verbunden sind. Die potentielle Energie Vik = 12 C(ri − rk )2 der Feder dürfen wir
nur einmal zählen!
Wir werden im Folgenden Stoßprozesse bei Abwesenheit äußerer Kräfte, betrachten, d.
(a) 7
h. Prozesse für die die äußeren
'N Potentiale Vi gleich null (bzw. konstant ) sind. Wesent-
1
lich ist aber der Term 2 i,k=0 Vik . Er besagt letztlich, dass die beiden Stoßpartner, die
ja ihrerseits aus sehr vielen Atomen bestehen, beim Stoß innere Energie speichern oder
evtl. auch freigeben können. Die Summe der kinetischen Energien der Stoßpartner vor
dem Stoß ist also auch bei Abwesenheit äußerer Kräfte nicht notwendig gleich der Sum-
me der kinetischen Energien nach dem Stoß. Gilt dies aber, so sprechen wir von einem
elastischen Stoß:
N
p2i N
p 2i
= (3.64)
i=1
2m i i=1
2m i
Andernfalls sprechen wir von einem inelastischen Stoß. Speziell bewegen sich beim voll-
kommen inelastischen Stoß die Stoßpartner nach dem Stoß mit gleichem Impuls weiter
(sie ”kleben” z. B. zusammen).
Wir wollen nun zunächst
7
Wir vergleichen Energien vor und nach dem Stoß. Konstante Terme sind daher nicht von Belang.
3.3. STÖSSE ZWISCHEN ZWEI KÖRPERN 131
Abbildung 3.14: Ein Massenpunkt (Masse m1 ) stößt an eine Wand und wird an dieser
reflektiert.
p2wand p 2wand
Da die Wand unendlich schwer ist, ist 2mwand
= 2mwand
= 0, d. h. es gilt:
p21 p 21
= (3.66)
2m1 2m1
Aus der Energieerhaltung wissen wir im Fall der Reflexion: p1 = −p1 . Damit erhalten
wir für pwand = 0: pwand = 2p1 . Auf die Wand wird also durchaus Impuls übertragen.
Die Geschwindigkeit der (unendlich schweren) Wand nach dem Stoß ist aber gleich 0:
v = pwand /mwand = 0, wie zu erwarten war.
Im Fall eines inelastischen Stoßes ist |p1 | = |p1 |. Speziell bleibt beim vollkommen inela-
stischen Stoß der Massenpunkt an der Wand kleben und verliert dabei vollständig seinen
Impuls und seine kinetische Energie.
Die nächste Situation, die wir betrachten wollen, ist ein
Energieerhaltung:
p21 p2 p 2 p 2
+ 2 = 1 + 2 (3.69)
2m1 2m2 2m1 2m2
Aus 3.68 folgt:
p1 = p2 und p1 = −p2 . (3.70)
p21 p 2
= 1 bzw. |p1 | = |p1 | (3.73)
2µ 2µ
.
Alle Impulse sind damit vom Betrag her gleich. Der Fall p1 = −p1 entspricht gerade
der Reflexion, der Fall p1 = p1 bedeutet, dass die beiden Massen ohne Wechselwirkung
aneinander vorbeilaufen.
Nun ruhe die Masse m2 vor dem Stoß, d. h. p2 = 0 (s. Abb. 3.16) Impulserhaltung:
Energieerhaltung:
p21 p 2 p 2
= 1 + 2 . (3.75)
2m1 2m1 2m1
Wir lösen 3.74 nach p auf und quadrieren:
2p1 2m2
p2 = = p1 (3.79)
1 + m1 /m2 m1 + m2
134 KAPITEL 3. VIELTEILCHENSYSTEME
Setzen wir dies in (I) ein, so erhalten wir p1 als Funktion von p1 :
2m1 2m1 m1 − m2
p1 = p1 − p2 = p1 − p1 = p1 1 − p1 = p1 (3.80)
m1 + m2 m1 + m2 m1 + m2
p2 2 2m
v2 = = m1 v1 = v1
m2 m1 + m2 m1 + m2
m1 − m2
v1 = v1
m1 + m2
1. m2 → ∞:
2. m2 → 0:
2m2 v2 → 2v1
p2 → p1 → 0
m1
v1 → v1
p1 → p1
In diesem Grenzfall stößt ein sehr schwerer Körper elastisch mit einem sehr leich-
ten. Impuls und Geschwindigkeit des schweren Körpers ändern sich praktisch nicht,
der leichte wird dagegen auf die doppelte Geschwindigkeit des stoßenden Körpers
beschleunigt.
3. m1 = m2 :
p2 = p1 v2 → v1
p1 = 0 v1 = 0
Dieses Ergebnis mag etwas überraschen. Die stoßende Masse kommt zur Ruhe, die
vor dem Stoß ruhende Masse läuft mit dem Impuls bzw. der Geschwindigkeit der
stoßenden Masse weiter. Die beiden Massen gaben gewissermaßen ihre Rolle ge-
tauscht.
Dieser Grenzfall, aber auch die Fälle m1 = 2m2 , m2 = 2m1 werden auf der Luftkis-
senbahn vorgeführt.
Für m1 = 2m2 (schwerer Wagen auf leichten) gilt dabei:
4 2 1 1
p2 = p1 v2 = v1 p1 = − p1 v1 = − v1
3 3 3 3
4 2 1 1
p2 = p1 v2 = v1 p1 = − p1 v1 = − v1
3 3 3 3
Energieerhaltung:
2
(ps )2
2
(p s )2
i i
= . (3.82)
i=1
2m1 i=1
2m1
Mit 3.82 folgt weiter, wenn wir hier ps1 = −ps2 und p s1 = −p s2 einsetzen:
Hierbei bedeutet das Vorzeichen ”+” wiederum, dass keine Wechselwirkung stattfand.
Im anderen Fall sehen wir, dass alle Impulse gleichen Betrag haben, wobei die Impulse
der einlaufenden wie der auslaufenden Teilchen gegeneinander gerichtet sind.
Für die Geschwindigkeiten im SPS gilt dann: v1s = −v s1 und v2s = −v s2 .
Wir übertragen jetzt dieses Ergebnis vom Schwerpunktsystem auf das Laborsy-
stem. Hierzu müssen wir zu jeder der Geschwindigkeiten des SPS (d. h. v1s , v2s , v s1 , v s2 ) die
Geschwindigkeit vs des Schwerpunkts wieder hinzuaddieren.
Wir erhalten: v1 = v s1 + vs = −v1s + vs = −(v1 − vs ) + vs = 2vs − v1 .
Hierbei haben wir zunächst das Ergebnis v s1 = −v1s dann v1s = v1 − vs benutzt.
136 KAPITEL 3. VIELTEILCHENSYSTEME
Beim vollkommen inelastischen Stoß bewegen sich die beiden Massen nach dem Stoß
gemeinsam mit der Geschwindigkeit v1 = v2 = v . Nach wie vor gilt die Impulserhaltung:
p1 + p2 = p1 + p2
Wir haben damit m1 v1 + m2 v2 = (m1 + m2 )v :
oder:
m1 v1 + m2 v2
v = , (3.87)
m1 + m2
was genau der Ausdruck für die Schwerpunktsgeschwindigkeit ist. Dies ist nicht weiter
verwunderlich, da sich ja die beiden Massen nach dem Stoß zusammen bewegen. Speziell
gilt im Schwerpunktsystem: v = 0, d. h. die beiden Massen fliegen mit entgegengesetztem
Impuls aufeinander zu und ruhen dann.
Auf der Luftkissenbahn demonstrieren wir diese Effekte mit Massen m1 = m2 , sowie
m1 = 2m2 und m2 = 2m1 .
3.3. STÖSSE ZWISCHEN ZWEI KÖRPERN 137
p 21 p 22 p2s p21
Ekin = + = = (3.91)
2m1 2m2 2(m1 + m2 ) 2(m1 + m2 )
Die Differenz der beiden Energien geht verloren. Für m1 = m2 ist das gerade 50% von
Ekin . Für m1 m2 erhalten wir Ekin = Ekin , d. h. praktisch keinen Verlust an kineti-
scher Energie. Für m2 = m1 ist Ekin ≈ m 1
E ≈ 0, d. h. wir erhalten einen praktisch
m2 kin
vollständigen Verlust der kinetischen Energie. Die beiden letzten Grenzfälle entsprechen
der Situation eines fahrenden Autos, das eine ruhende Fliege prallt, bzw. der Situation
eines ruhenden Autos, gegen das eine Fliege prallt. Im ersten Fall erwarten wir keine
Änderung der kinetischen Energie des Autos, im zweiten Fall dagegen den vollständigen
Verlust der kinetischen Energie (und nicht nur der Energie!) der Fliege.
Die Gesetze des vollkommen inelastischen Stoßes wenden wir nun an beim ballistischen
Pendel, das in Abb. 3.19 schematisch dargestellt ist.
Es besteht wie in Abb. 3.19 angedeutet aus einem Stab (Masse MS = 358 g, Stablänge
lStab = 94.5 cm) und einem würfelförmigen Ende (Masse MW = 581 g, Kantenlänge
d = 9.5 cm). Die Gesamtmasse des Pendels ist MP = Ms + MW = 939 g.
Ein Geschoss (Masse m = 1.0 g, Geschwindigkeit v1 ) trifft auf das ruhende Pendel und
bleibt darin stecken.
Die Impulserhaltung ergibt für diesen Vorgang:
pgeschoss = (m + Mp )v (3.92)
1 1 m2 1 m2
= (m+ Mp ) · v = (m + MP )
2 2
Ekin v = v2 (3.94)
2 2 (m + MP )2 1 2 m + MP 1
Jetzt schlägt das Pendel aus. Bei vernachlässigbarer Reibung kommt das Pendel zur Ruhe,
sobald die anfängliche kinetische Energie in die potentielle Energie im Schwerefeld der
Erde umgewandelt ist. Entscheidend ist hierbei das ”Anheben” des Schwerpunkts.
Hierbei gilt:
1
(m + MP ) · g · h = Ekin (3.95)
2
wobei h die Höhe sei, um die der Schwerpunkt angehoben wurde. Damit ergibt sich die
Geschwindigkeit der Kugel aus:
1 1 m2
(m + MP ) · g · h = Ekin = v2 (3.96)
2 2 m + MP 1
oder:
MP + m
v1 = 2gh. (3.97)
m
Im Experiment wird allerdings nicht die Höhe h direkt gemessen, sondern der Ausschlag
∆x parallel zur Erdoberfläche, der an einem am unteren Ende des Pendels angebrachten
Zeiger (Abstand lges = 1, 12 m von der Stehachse zur Zeigerspitze) abgelesen wird. Im
Experiment ergibt sich ∆x = 13 cm. Wir müssen jetzt zum einen ∆x in Verbindung mit
h bringen und zum andern die Position des Schwerpunkts ermitteln.
Zur Lösung des ersten Problems betrachten wir Abb. 3.20.
Abb. 3.20(a) entnimmt man, dass für kleine Auslenkwinkel ϕ ≈ ∆x/lges ist. Der Schwer-
punkt befinde sich nun in einem Abstand ls von der Drehachse. Bei Auslenkung um den
Winkel ϕ ist h gerade gegeben durch h = ls − ls cos ϕ = ls (1 − cos ϕ) ≈ ls (1 − 1 + ϕ2 /2) =
ls ϕ2 /2.
Damit erhalten wir:
MP + m MP MP MP ∆x
v1 = 2gh ≈ 2gls ϕ2 /2 = · ϕ · gls = · gls . (3.98)
m m m m lges
3.3. STÖSSE ZWISCHEN ZWEI KÖRPERN 139
Nun müssen wir den Abstand ls des Schwerpunkts vom Drehzentrum bestimmen. Allge-
mein gilt für den Schwerpunkt:
s = ρ · r · dV
R (3.99)
Mp
Wir legen den Koordinatenursprung in das Drehzentrum und schreiben die Massendichte
r als Summe über die Massendichte des Stabes rS und der Massendichte rW des unteren
würfelförmigen Teil des Pendels, ρ = ρS + ρW . Die z-Koordinate zeige vom Drehzentum
zur Pendelspitze. Wir erhalten dann:
s = (ρS + ρW ) ·
r · dV ρS ·
r · dV + ρW · r · dV
R = (3.100)
Mp Mp
liegt.
Einsetzen der Zahlenwerte liefert ls = 79 cm.
√
Setzt man alle Größen in v1 ≈ MmP · l∆x
ges
· glS ein, so erhält man v1 ≈ 304 m/s, was im
Rahmen des Messfehlers mit dem direkt gemessenen Wert von 292 m/s (vgl. Einleitung)
gut übereinstimmt.
140 KAPITEL 3. VIELTEILCHENSYSTEME
Energieerhaltung:
p21 p22 p 21 p 22
+ = + +Q (3.103)
2m1 2m1 2m1 2m1
Hierbei haben wir die Änderung der kinetischen Energie mit Q bezeichnet. Es entspricht:
Q = 0 elastischer Stoß
Q = 0: inelastischer Stoß mit
Q > 0: ”endothermer” Stoß (d. h. kinetische Energie geht in innere Energie über)
Q < 0: ”exothermer” Stoß (d. h. innere Energie geht in kinetische Energie über)
Die Energie- und Impulserhaltung stellen jetzt ein System von 4 Gleichungen dar. Dem
stehen die 6 Variablen p1 und p2 gegenüber, die i. allg. unbekannt sind. Es bleiben also
zwei Variablen unbestimmt. Eine der Variablen kann beispielsweise der Streuwinkel ϕ bzw.
der Stoßparameter b sein. Es bleibt dann noch eine freie Variable. Wir hatten bislang noch
nicht berücksichtigt, dass die Vektoren p1 und p2 i. allg. nicht in der gleichen Ebene liegen
müssen wie die Vektoren p1 und p2 . Die letzte freie Variable kann also der Winkel sein,
um den p1 und p2 aus der durch p1 und p2 aufgespannten Ebene herausgedreht sind. In
einigen Bezugssystemen findet aber der Stoß in einer Ebene statt. Dies gilt speziell, wenn
Körper 2 ruht. Dann spannen die Vektoren p1 und p2 eine Ebene auf, in der auch p1 liegt.
Im Schwerpunktsystem ist p1 = −p2 und p1 = −p2 . Auch hier sind damit alle Vektoren
in einer Ebene; allerdings werden p1 und p1 um einen Winkel ϕ1 gegeneinander verdreht
sein.
Bevor wir uns einigen speziellen Stöße zuwenden, wollen wir zunächst betrachten, wie sich
die Energie Q beim Übergang vom Laborsystem zum Schwerpunktsystem ändert. Dort
sei Qs die Differenz der kinetischen Energien vor und nach dem Stoß.
Wir haben also im Laborsystem:
Impulserhaltung:
p1 + p2 = p1 + p2 (3.104)
Energieerhaltung:
p21 p2 p12 p22
+ 2 = + (3.105)
2m1 2m2 2m1 2m2
und im Schwerpunktsystem:
Impulserhaltung:
ps1 + ps2 = p1s + p2s (3.106)
Energieerhaltung:
(ps1 )2 (ps2 )2 (p1s )2 (p2s )2
+ = + + QS . (3.107)
2m1 2m2 2m1 2m2
3.3. STÖSSE ZWISCHEN ZWEI KÖRPERN 141
1
2
p21 − p 21 p22 − p 22
Q= + = m1 (vi2 − vi2 ) (3.108)
2m1 2m2 2 i=1
1 s 1
2 2 2
s s 2
Q= mi (vi −vs ) −(vi −vs ) =
2 2
mi (vi ) −(vi ) −
s 2
mi (vis −vis )vs (3.109)
2 i=1 2 i=1 i=1
'2 '
s 2
Nun ist 1
2
vi ) − (vi ) = QS , während die zweite Summe 2i=1 mi (vis − vis )vs
i=1 mi (
s 2
verschwindet, da sich die Summanden paarweise aufheben (ps1 = −ps2 ; p1s = −p2s ).
Also ist Q = Qs , d. h. die ”Wärmetönung” hängt nicht vom Bezugssystem ab, wie auch
zu vermuten war.
Weiter liefert die Energieerhaltung im Schwerpunktsystem zusammen mit ps1 + ps2 = p1s +
p2s :
Hieraus folgt:
p i =
s
(ps1 )2 − 2µQ (i = 1, 2) (3.112)
Für Q = 0 sind die Beträge aller Impulse gleich, für Q > 0 (Q < 0) sind die Impulsbeträge
nach dem Stoß kleiner (größer) als die vor dem Stoß. Dies ist in Abb. 3.21 dargestellt.
Falls wie beim elastischen Stoß mit der Wand wiederum die Impulskomponente in Rich-
tung der Verbindungslinie der beiden Kugelmittelpunkte beim Stoß ihre Richtung um-
kehrt, erhalten wir ϑ1 = ϑ1 . Die Kugel 2 bleibt auf Grund ihrer unendlichen Masse in
Ruhe.
Energieerhaltung:
p21 p12 p22
= + (3.116)
2m 2m 2m
3.3. STÖSSE ZWISCHEN ZWEI KÖRPERN 143
Abbildung 3.23: Nichtzentraler Stoß zwischen zwei Kugeln (Kugel 1: Masse m1 , Radius
a1 , Impuls p1 ; Kugel 2: Masse m2 → ∞, Radius a1 , Impuls p2 = 0) im Moment des
Zusammenstoßes
Hieraus folgt
2p1 p2 = p1 p2 cos ϕ = 0 (3.119)
mit den Lösungen: cos ϕ = 0 oder p1 = 0 oder p2 = 0.
Interessant ist insbesondere die Lösung cos ϕ = [Link] bedeutet, dass die beiden Teilchen
nach dem Stoß im rechten Winkel auseinanderfliegen. Diese Lösung tritt ein, wenn
die Teilchen nicht zentral aufeinandertreffen Abb. 3.24 zeigt dies für den Stoß von Billi-
ardkugeln, sowie für den Stoß zwischen zwei Protonen. Beim zentralen Stoß gilt die zweite
Lösung p1 = 0 (Masse 1 bleibt stehen, Masse 2 bewegt sich weiter); Lösung 3 schließlich
bedeutet, dass keine Wechselwirkung stattgefunden hat.
Im Experiment demonstrieren wir den nicht-zentralen Stoß gleicher Massen an Hand
einer Kugel, die von einer Schanze herunterläuft und mit variierbarem Stoßparameter
eine ruhende Kugel trifft. Außer beim zentralen Stoß fliegen die Kugeln im rechten Winkel
auseinander. Alle Kugeln liegen anschließend auf einem Kreis, wie in Abb. 3.25 angedeutet.
Im Schwerpunktsystem sind die Impulsbeträge der beiden Stoßpartner vor und nach dem
Stoß gleich p21 . Da die beiden Körper gleiche Masse haben, sind auch die Beträge aller
Geschwindigkeiten im Schwerpunktsystem gleich (= v21 ). Dies ist in Abb. 3.26 (links)
dargestellt. Alle Geschwindigkeitsvektoren liegen auf einem Kreis mit Radius v21 . Um ins
Laborsystem zurückzukehren müssen wir zu jeder Geschwindigkeit die Schwerpunktsge-
schwindigkeit (Ebenfalls gleich v21 ) addieren. Wir erhalten das rechte Diagramm der Abb.
3.26.
Beim Fall von der Schanze ist die Fallzeit für alle Kugeln gleich (tf all = 2h
g
). Sie legen
dann in der (x,y)-Ebene vom Schanzentisch gerechnet den Weg (x, y) = (vx , vy ) · tf all
zurück, so dass die Aufschlagspunkte gerade die Verteilung der Stossgeschwindigkeiten
im Laborsystem abbilden.
144 KAPITEL 3. VIELTEILCHENSYSTEME
Abbildung 3.24: Elastischer Stoß zwischen zwei Protonen (oben) bzw. zwischen zwei
Billiard-Kugeln (unten) [aus: Dransfeld/Kienle/Kalvius, Physik I, S. 139).
Abb. 3.27 skizziert den elastischen Stoß zweier Massen im Schwerpunktsystem. Nehmen
wir wiederum an, dass sich die Bewegung parallel zur Verbindungslinie der beiden Massen
kräftefrei ist, ergibt sich wiederum ϑ1 = ϑ1 .
Wir wollen hier unsere Ausführungen über Stöße zwischen zwei Körpern beenden. Weite-
re Zusammenhänge wie etwa die Umrechnung von Streuwinkeln im Schwerpunktsystem
in die Streuwinkel im Laborsystem oder der Zusammenhang zwischen Streuwinkel und
Stoßparameter werden in Übungsaufgaben behandelt. Es sei aber nochmals darauf hin-
gewiesen, dass insbesondere die Bestimmung des Zusammenhangs zwischen Streuwinkel
und Stoßparameter, aber auch die Bestimmung von Q die Angabe der Kräfte zwischen
den Stoßpartnern (bzw. die Lösung der entsprechenden Bewegungsgleichungen) erfordert.
Im System der Relativkoordinaten (r = r2 − r1 ) ist dies aber äquivalent zur Lösung des
3.3. STÖSSE ZWISCHEN ZWEI KÖRPERN 145
Abbildung 3.25: Nichtzentraler elastischer Stoß zweier Kugeln gleicher Masse. Links:
Seitenansicht des Versuchsaufbaus; rechts: Aufsicht.
Abbildung 3.26: Geschwindigkeiten der Stoßpartner vor und nach dem Stoß: links:
Schwerpunktsystem; rechts: Laborsystem
9
Eine entsprechende Methode zur Behandlung von mehr als zwei Körpern existiert leider nicht.
146 KAPITEL 3. VIELTEILCHENSYSTEME
1
T =− Firi (3.120)
2 i
Der zeitliche Mittelwert einer zeitabhängigen Größe A(t) ist dabei definiert durch
1 τ
A := lim A(t) dt . (3.121)
τ →∞ τ 0
Zum Beweis des Virialsatzes betrachten wir das Produkt aus den Impulsen und den Orts-
vektoren der einzelnen Teilchen, summiert über alle Teilchen
G= piri .
i
Bildet man die Ableitung dieser Grösse nach der Zeit t, so ergibt sich
dG
= ˙ ri +
p pir˙i
i
dt i i
2
= Firi + mir˙i
i i
= Firi + 2 T (3.122)
i
Bei dem Übergang zur zweiten Zeile haben wir die Newtonsche Bewegungsgleichung aus-
genutzt und die Zeitableitung des Impulses pi durch die wirkende Kraft ersetzt. Berechnet
man den Mittelwert dieser Zeitableitung
dG 1 τ dG
= lim dt
dt τ →∞ τ 0 dt
1
= lim [G(τ ) − G(0)]
τ →∞ τ
= 0. (3.123)
Dieser Ausdruck ist null, da nach Voraussetzung die Ortsvektoren ri und damit auch die
Impulsvektoren pi endlich sind, so dass auch G(t) für alle Zeiten endliche Werte annimmt.
Aus (3.122) und (3.123) folgt
dG
= Firi + 2 T = 0
dt i
148 KAPITEL 3. VIELTEILCHENSYSTEME
F = −∇V
= −(n + 1)αr n−1r
T =V (3.126)
während z.B. im Fall des Coulomb oder Gravitations - Potenzial (n = −2) gilt
1
T =− V . (3.127)
2
Kapitel 4
Rotationen
In diesem Kapitel soll untersucht werden, welchen Einfluss ein rotierendes Koordinaten-
system auf die Beschreibung von Bewegungen hat. Jedes Koordinatensytem, das z.B. im
Bezug zur Erde fixiert ist, unterliegt einer solchen Rotataion, da sich ja die Erde mit einer
Geschwindigkeit von ω gleich 2π pro Tag um ihre Rotationsachse dreht. In einem ersten
Schritt wird in diesem Abschnitt behandelt, wie man mathematisch die Rotation eines
Vektors beschreiben kann. Dazu betrachten wir einen Vektor
a
r = b = aê1 + bê2 + cê3 , (4.1)
c
den wir in einem kartesischen Koordinatensystem (ê1 bezeichnet dabei den Einheitsvektor
in x Richtung, ê2 in y und ê3 in z-Richtung) mit den Koordinaten a, b und c eindeutig
festlegen. Wir wollen uns nun ansehen, wie der gleiche Vektor r in einem Koordinaten-
system beschrieben wird, das den gleichen Koordinatenursprung besitzt aber relativ zum
ursprünglichen Koordinatensystem gedreht ist.
Als erstes Beispiel betrachten wir den Fall, dass das gedrehte Koordinatensystem durch
eine Drehung um die z-Achse um einen Winkel α aus dem ursprünglichen Koordinaten-
system hervorgeht. Zur Definition einer solchen Drehung benutzen wir die sogenannte
“rechte-Hand-Regel”. Diese besagt: Positioniere deine rechte Hand so, dass der ausge-
streckte Daumen parallel zur Drehachse steht (also in unserem Beispiel parallel zur z-
Achse). Die leicht gekrümmten Finger dieser Hand zeigen dann an, in welche Richtung
die x- und y-Achse gedreht werden. Bei einer solchen Drehung um die z-Achse behält also
die z-Achse ihre Richtung. Die Richtungen der x- und y-Achse wird bei einer Drehung
um den Winkel α so gedreht, wie das in Abb. 4.1 dargestellt ist.
Als erstes sehen wir uns an, wie der Vektor aê1 in der neuen Basis dargestellt wird. Aus
der Abbildung 4.1 wird deutlich, dass die Projektion von aê1 auf die “neue” x−Achse eine
Koordinate a cos α ergibt, währen die Projektion auf die neue y− Achse, in der Abbildung
mit y bezeichnet den Wert −a sin α liefert. In dem gedrehten Koordinatensystem wird
149
150 KAPITEL 4. ROTATIONEN
y
y’
x’
α
ac
os α
a
as x
in α
also
1 a cos α
aê1 = a 0 ⇒
aê1 = −a sin α
0 Drehung 0
beziehungsweise
1 cos α
ê1 = 0 ⇒
ê1 = − sin α . (4.2)
0 Drehung 0
Bei dem Vektor ê1 handelt es sich also um die Darstellung des Vektors ê1 im gedrehten
Koordinatensystem. Ganz entsprechend gilt für den Einheitsvektor ê2 in Richtung der
y-Achse des ursprünglichen Koordinatensystems
0 sin α
ê2 = 1 ⇒
ê2 = cos α , (4.3)
0 Drehung 0
Mit diesen drei Beziehungen (4.2) - (4.4) und der Darstellung unseres Vektor r aus (4.1)
können wir jetzt die Darstellung des Vektors r im gedrehten Koordinatensystem berech-
4.1. DREHUNG EINES KOORDINATENSYSTEMS 151
nen:
mit
cos α sin α 0
Rz (α) = − sin α cos α 0 . (4.7)
0 0 1
Allgemein hat eine Matrix A mit drei Zeilen und drei Spalten, eine 3 × 3 Matrix, also 9
Einträge:
A11 A12 A13
A = A21 A22 A23 , (4.8)
A31 A32 A33
mit Matrixelementen Aij in der Zeile i und der Spalte j. So ist also das Matrixelement
der zweiten Zeile und ersten Spalte von Rz (α) in (4.7) gegeben durch
z
R21 (α) = − sin(α) .
Bezeichnen wir mit ri und rj die Elemente der Spalten Veltoren r (beziehungsweise r) in
der i-ten (Beziehungsweise j-ten Zeile, so ist die Matrixmultiplikation aus (4.6) definiert
durch
3
z
ri = Rij (α)rj . (4.9)
j=1
Dies bedeutet also z.B. für die erste Zeile unseres Beispiels aus (4.7)
r1 = R11
z z
(α)a + R12 z
(α)b + R13 (α)c = a cos α + b sin α + c0 .
Führen wir dies Matrixoperationen explizit in der Indexschreiweise der (4.9) aus, so er-
halten wir
rk = Rz (β)ki ri
i
= Rz (β)ki (Rz (α)ij rj )
i,j
) *
= Rz (β)kiRz (α)ij rj
j i
= Xkj rj . (4.11)
j
Wir erhalten also die Komponenten rk direkt aus den Komponenten des Ausgangsvektors
rj durch Anwendung der Matrix
Xkj = Rz (β)kiRz (α)ij . (4.12)
i
Wir definieren entsprechend das Produkt von 2 Matrizen A und B als C = AB mit der
Rechenvorschrift
Cij = Aik Bkj . (4.13)
k
Das Hintereinanderausführen von 2 Drehungen wird dann dargestellt durch das Produkt
der beiden zugehörigen Rotationsmatrizen, wobei die Matrix der ersten Drehung rechts
von der der zweiten geschrieben wird.
Als Beispiel rechnen wir das Matrixelement in der ersten Zeile und ersten Spalte von X
gemäß (4.12) aus zu
Bei dem Übergang zur letzten Zeile haben wir eine der trigonometrischen Beziehungen
ausgenutzt. Entsprechend berechnen sich die anderen Matrixelemente von X, so dass wir
insgesamt für (4.12) erhalten
cos(α + β) sin(α + β) 0 cos β sin β 0 cos α sin α 0
X = − sin(α + β) cos(α + β) 0 = − sin β cos β 0 − sin α cos α 0 .
0 0 1 0 0 1 0 0 1
(4.15)
Die resultierende Matrix
X = Rz (α + β)
ist also gerade die Matrix für eine Drehung um die z-Achse mit dem Gesamtwinkel α + β,
wie ja zu erwarten war. An der Darstellung in (4.15) kann man sich auch eine geometrische
Veranschaulichung der Matrixmultiplikation verdeutlichen: Das Matrixelement Xij , das ist
das Element in der i-ten Zeile und j-ten Spalte der Ergebnismatrix, ergibt sich durch die
4.1. DREHUNG EINES KOORDINATENSYSTEMS 153
Multiplikation der i-ten Zeile von Rz (β) mit der j-ten Spalte von Rz (α). Dieses Produkt
einer Zeile mit einer Spalte bedeutet, das das erste Element der Zeile mit dem ersten
Element der Spalte multipliziert wird und dazuaddiert wird das Produkt des zweiten
Elementes der Zeile mit dem zweiten Element der Spalte plus dem Produkt aus drittem
Element der Zeile mit dem dritten Element der Salte.
Ein Spezialfall dieser Hintereinanderausführung von 2 Drehungen ist der Fall β = −α in
(4.15). In diesem Fall ergibt sich
1 0 0
Rz (α − α) = 0 1 0 = Rz (−α)Rz (α) = 1 . (4.16)
0 0 1
Außerdem definieren wir die zu A transponierte Matrix At durch die Beziehung zwischen
den Matrixelementen
t
A ij = Aji . (4.18)
Die transponierte Matrix At ensteht also aus der Matrix A dadurch, dass Zeilen- und
Spaltenindices vertauscht sind. Für Matrizen, R, die Rotationen darstellen, gilt
R−1 = Rt , (4.19)
was man am Beispiel R = Rz (α) leicht verifizieren kann. Aber Achtung diese Beziehung
(4.19) gilt nur für die sogenannten orthogonalen Transformationen, also für die Matrizen,
die Rotationen darstellen.
Bisher haben wir uns auf Drehungen um die z-Achse beschränkt und dabei war es
gleichgültig, ob wir erst um den Winkel α und dann um den Winkel β gedreht haben,
oder umgekehrt. Die Ergebnismatrix ist in beiden Fällen gleich
AB = BA , (4.20)
154 KAPITEL 4. ROTATIONEN
das Kommutativgesetz gilt nicht für die Matrixmultiplikation. Als Beispiel betrachten wir
eine Drehung um die z-Achse um den Winkel π/2
0 1 0
Rz (π/2) = −1 0 0
0 0 1
und eine Drehung um die x-Achse, ebenfalls um den Winkel π/2, die durch
1 0 0 1 0 0
Rx (π/2) = 0 cos(π/2) sin(π/2) = 0 0 1 . (4.21)
0 − sin(π/2) cos(π/2) 0 −1 0
Drehen wir unser Koordinatensytem zunächst um die x-Achse und dann um die z-Achse
ergibt sich
0 0 1
Rz (π/2)Rx (π/2) = −1 0 0 . (4.22)
0 −1 0
Dies können wir experimentell überprüfen, indem wir ein Koordinatensystem genau diesen
Drehungen unterziehen (beachte rechte Hand Regel für die Drehungen). Die Darstellung
des ursprünglichen Basisvektors ê1 (x-Richtng im ungedrehten System) im Koordinaten-
system nach den Drehungen wird durch die Koordinaten gegeben, die in der ersten Spalte
der Matrix von (4.22) zu finden ist. Dieser Basisvektor ê1 ist also antiparallel zur y-Achse
des gedrehten Koordinatensystems. Entsprechend zeigt die 2. Spalte der Matrix in (4.22)
das der ursprüngliche Basisvektor ê2 antiparallel zur z-Koordinate des gedrehten Systems
liegt.
Betrachten wir nun die Drehung des Koordinatensystems, wenn zunächst um die z-Achse
und dann um die x-Achse gedreht wird, so ergibt sich
0 1 0
Rx (π/2)Rz (π/2) = 0 0 1 , (4.23)
1 0 0
eine ganz andere Matrix aber auch ein ganz anders orientiertes Koordinatensystem. Auch
hier können wir die Rechnung durch das “Experiment” überprüfen. Insgesamt sieht man
also aus dem Vergleich (4.22) und (4.23), dass das Ergenis von 2 Drehungen im Allgemei-
nen von der Reihenfolge abhängt, was in der Matrizenrechnung dadurch zum Ausdruck
kommt, dass auch das Ergebnis einer Multiplikation von 2 Matrizen von der Reihenfolge
abhängt, dass also (4.20) gilt.
Neben der Multiplikation zweier Matrizen (4.13) können wir auch die Addition von 2
Matrizen C = A + B definieren durch
z z’
β z’’
y’’’
z’’ y’’ y’’
y’ y’
y x’’’
γ
α
x x’ x’ x’’
a) b) c)
Abbildung 4.2: 3 Schritte zu Drehungen des Koordinatensytems in eine belie-
bige Orientierung zur Definition der Euler Winkel. Siehe Diskussion im Text.
Kehren wir nun von allgemeinen Rechenregeln für die Matrizenrechnung wieder zu den
Rotationen. Wir werden uns nun davon überzeugen, dass eine beliebige Rotation durch 3
Winkel eindeutig charakterisiert werden kann. Dazu wollen wir hier die sogenannten Euler
Winkel heranziehen. Die 3 Rotationen und zugehörigen Winkel, die vom Ausgangssystem
zum gewünschten Endsystem führen, sind in den 3 Teilbildern von Abb. 4.2 dargestellt.
In einem ersten Schritt soll die z-Achse des Koordinatensystems in ihre endgültige Position
gekippt werden. Dazu benötigen wir die Drehung um 2 Winkel: Zunächst eine Drehung
um die z-Achse um einen Winkel α aus dem Intervall [0, 2π]. Dann eine Drehung um die
x-Achse mit einem Winkel β aus dem Intervall [0, π]. Diese beiden Drehungen sind in den
Teilbildern a und b von Abb. 4.2 dargestellt.
Es folgt dann noch eine Drehung um die resultierende z-Achse (siehe Teilbild c von
Abb. 4.2) mit einem Winkel γ aus dem Intervall [0, 2π]. Die Rotationsmatrix, die zu
der gesamten Drehung gehört berechnet sich also zu
ϕ = ωt , (4.28)
gedreht. Betrachten wir nun eine Fliege, die sich auf der x-Achse des rotierenden Systems
befindet in einem Abstand a vom Koordinatenursprung. Aus der Sicht des rotierenden
Systems, also aus der Sicht eines Beobachters, der sich mit dem Koordinatensystem mit-
bewegt, hat die Fliege zu jeder Zeit den Ortsvektor
a
r = 0 . (4.29)
0
Die Fliege ändert ihre Position nicht und daher ist die Geschwindigkeit der Fliege aus der
Sicht des rotierenden Koordinatensystem
d r
= 0 . (4.30)
dt RK
(Der Index RK bei dieser Zeitableitung steht nicht für Reinhold Kleiner, sondern für
Rotierendes Koordinatensystem). Aus der Sicht eines Beobachters, der sich nicht mit
dem Koordinatensystem dreht, also aus der Sicht des Laborsystems hat die Fliege aber
natürlich eine von Null verschiedene Geschwindigkeit. Wir wollen im folgenden zeigen,
dass diese Geschwindigkeit, gemessen aus der Sicht des Laborsystems, sich nach
d r d r
= + ω × r , (4.31)
dt Lab dt RK
berechnet. Dabei steht der Vektor der Winkelgeschwindigkeit ω für den Vektor mit dem
Betrag entsprechend der Winkelgeschwindigkeit ω des rotiernden Systems mit der Rictung
158 KAPITEL 4. ROTATIONEN
parallel zur z-Achse. Zm Beweis der Gleichung (4.31) für unser Beispiel führen wir uns
zunächst vor Augen, dass der Ortsvektor der Fliege im Laborsystem zur Zeit t gegeben
ist durch
cos ϕ − sin ϕ 0 a
rLab (t) = sin ϕ cos ϕ 0 0
0 0 1 0
a cos ϕ a cos(ωt)
= a sin ϕ = a sin(ωt) . (4.33)
0 0
In der ersten Zeile dieser Gleichung haben wir den Ortsvektor der Fliege, der zum Zeit-
punkt t im rotierenden Koordinatensystem durch (4.32) Anwenden der Rotationsmatrix
Rz (−ϕ) ins Laborsystem transformiert. Dabei haben wir berücksichtigt, dass das Labor-
system relativ zum rotierenden System um den Winkel (−ϕ) gedreht ist. In der zweiten
Zeile wird die Zeitabhängigkeit des Ortsvektors im Laborsystem dadurch explizit zum
Ausdruck gebracht, dass wir ϕ = ωt aus (4.28) einsetzen. Wenn wir diesen Ortsvektor
nachh der Zeit ableiten, so ergibt sich
−ωa sin(ωt)
d r
vLab = = ωa cos(ωt)
dt Lab
0
0 a cos(ωt)
= 0 × a sin(ωt) = ω × r . (4.34)
ω 0
In der letzten Zeile haben wir die Darstellung des Vektors der Winkelgeschwindigkeit ω aus
(4.32) und des Ortsvektors der Fliege r aus (4.33) identifiziert. Die Vektoren sind also als
Spaltenvektoren so dargestellt, dass die erste Zeile der x-Komponente des Laborsystems
entspricht. Da in dem gewählten Beispiel die Geschwindigkeit der Fliege im rotierenden
System identisch Null ist (siehe (4.30)) ganz gleich in welchem Koordinatensystem wir
diese 0 darstellen, ist also mit (4.34) die Beziehung (4.31) für das Beispiel der Fliege
verifiziert.
Ganz ähnlich wollen wir die Beziehung (4.31) aber nun auch für den allgemeinen Fall
beweisen. Ohne Einschränkung der Allgemeinheit können wir annehemn, dass die Koor-
dinatensysteme wie gehabt zum Zeitpunkt t = 0 identisch sind und das rotierende System
mit einer Geschwindigkeit ω um die z-Achse rotiert. Eine beliebige Bewegung eines Mas-
senpunktes werde im rotierenden Koordinatensystem durch den Ortsvektor
a(t)
r(t) = b(t) , (4.35)
c(t)
4.2. ZEITABLEITUNG IM ROTIERENDEN KOORDINATENSYSTEM 159
wobei der Punkt in ȧ(t) wie üblich die Ableitung der Funktion a nach der Zeit bezeichnet.
Diesen Vektor können wir natürlich auch in der Basis des Laborsystems beschreiben durch
Anwenden der Transformation Rz (−ϕ):
cos ϕ − sin ϕ 0 ȧ(t)
d r
= sin ϕ cos ϕ 0 ḃ(t)
dt RK
0 0 1 ċ(t)
ȧ cos ϕ − ḃ sin ϕ
= ȧ sin ϕ + ḃ cos ϕ (4.37)
ċ
Andererseits betrachten wir den Ortsvektor aus (4.35) und transformieren ihn ins Labor-
system
cos ϕ − sin ϕ 0 a(t)
r = sin ϕ cos ϕ 0 b(t)
0 0 1 c(t)
a cos(ωt) − b sin(ωt)
= a sin(ωt) + b cos(ωt) (4.38)
ċ
Wenn wir diesen Ortsvektor im Laborsystem nach der Zeit ableiten, so müssen wir sowohl
die Zeitabhängigkeit berücksichtigen, die in den Koordinaten a, b und c steckt als auch die
explizit sichtbare Abhängigkeit vom Typ ωt. Durch Anwenden der Produktregel erhalten
wir
ȧ cos(ωt) − ḃ sin(ωt) − aω sin(ωt) − bω cos(ωt)
d r
= ȧ sin(ωt) + ḃ cos(ωt) + ωa cos(ωt) − ωb sin(ωt)
dt Lab
ċ
ȧ cos(ωt) − ḃ sin(ωt) −aω sin(ωt) − bω cos(ωt)
= ȧ sin(ωt) + ḃ cos(ωt) + ωa cos(ωt) − ωb sin(ωt)
ċ ċ
0 a cos(ωt) − b sin(ωt)
d r
= + 0 × a sin(ωt) + b cos(ωt)
dt RK
ω ċ
0
d r
= + 0 × r . (4.39)
dt RK
ω
Natürlich können wir diesen Beweis nicht nur für die Zeitableitung eines Ortsvektors r
benutzen. Er gilt genau so für jede andere Vektorfunktion, wie z.B. die Geschwindigkeit,
160 KAPITEL 4. ROTATIONEN
Beschleunigung oder auch Kraft. Es gilt also allgemein für jede beliebige zeitabhängige
Vektorfunktion f + , + ,
d f d f
= + ω × f . (4.40)
dt dt
Lab RK
Häufig schreibt man diese Beziehung auch einfach als eine Operatorrelation
d d
= + ω × . (4.41)
dt Lab dt RK
4.3. BEWEGUNGSGLEICHUNGEN IM ROT. KOORDINATENSYSTEM 161
r = Rz (ϕ = ωt)r
cos(ωt) sin(ωt) 0 a
= − sin(ωt) cos(ωt) 0 0
0 0 1 0
a cos(ωt)
= −a sin(ωt) . (4.42)
0
Für einen Beobachter in diesem rotierenden Koordinatensystem bewegt sich der Körper al-
so auf einer Kreisbahn in der xy-Ebene mit dem Radius a. Wenn dieser Beobachter in dem
rotierenden Koordinatensystem davon ausgeht, dass sein Koordinatensystem ein Inertial-
system ist, so kommt er zu dem Schluss, das auf diesen Körper eine Kraft wirkt, denn er
bewegt sich ja nicht auf einer geradlinigen Bahn. Diese scheinbare Kraft ist aber lediglich
die Konsequenz der Rotation des Koordinatensystems und heisst deshalb Scheinkraft.
In diesem Abschnitt wollen wir die Scheinkräfte untersuchen, die wir z.B. auf unserer
Erde deshalb registrieren, weil sich die Erde täglich einmal um ihre Achse dreht. Dabei
wollen wir nicht berücksichtigen, dass sie sich ausserdem natürlich auch noch einmal im
Jahr um die Sonne bewegt, die Sonne sich relativ zur Milchstraße bewegt usw.
Wir unterscheiden dazu drei verschiedene Koordinatensysteme (siehe auch Abb. 4.3):
3. Mitrotierendes System K2: Auch dieses System ist fest mit der Erde verbunden.
Es hat aber seinen Koordinatenursprung hier im Hörsaal in Tübingen.
162 KAPITEL 4. ROTATIONEN
ω
r’
R
r
Wir betrachten zunächst einmal die Geschwindigkeiten eines Massenpunktes aus der Sicht
des Laborsystems, beziehungsweise des Koordinatensystems K1: Nach den Regeln zu
Zeitableitungen in rotierenden Systemen gilt:
d r d r
vLab = = + ω × r . (4.45)
dt Lab dt K1
Analog gilt für die Beschleunigung aus der Sicht des Laborsystems
d vLab
aLab =
dt
Lab
d vLab
= + ω × vLab . (4.46)
dt K1
Setzt man in diese Gleichung vLab aus (4.45) ein, so ergibt sich, wobei nun alle Ableitun-
gen nach der Zeit im Koordinatensystem K1 vorzunehmen sind:
d dr dr
aLab = + ω × r + ω × +ω × r
dt dt dt
d ω dr
= aK1 + × r + 2ω × + ω × [ω × r] . (4.47)
dt dt
4.3. BEWEGUNGSGLEICHUNGEN IM ROT. KOORDINATENSYSTEM 163
Multiplizieren wir diese Gleichung mit der Masse m des beschriebenen Körpers und er-
setzen
maLab = F
duch die real existierende Kraft F , die im Inertialsystem beobachtet wird und stellen
(4.47) um, so ergibt sich
maK1 = F − m ˙
ω× r − 2mω
× v − mω ×
(ω × r) .
(4.48)
(a) (b) (c)
Das Produkt Masse m mal in K1 beobachtete Beschleunigung, also die Kraft, die ein
Beobachter in K1 aus der Bewegung des Teilchens extrahieren würde, enthält neben der
real existierenden Kraft F noch 3 Scheinkräfte, die wir im folgenden diskutieren wollen:
(b): Corioliskraft (Term (b) in (4.48)): Diese Kraft wird immer dann beobachtet, wenn
sich das Teilchen bewegt (v = 0) und die Geschwindigkeit eine Komponente hat, die
senkrecht zur Rotationsachse der Erde steht. Für die Berechnung der Corioliskraft
ist es irrelevant, ob wir die Geschwindigkeit v bezogen auf das Koordinatensystem
K1 angeben, oder bezogen auf K2. Da die Ortsvektoren in diesen beiden rotie-
renden Koordinatensystemen sich nach (4.43) nur um einen konstanten Vektor R
unterscheiden, ist die Geschwindigkeit in K1 und K2 identisch.
(c): Zentrifugalkraft (Term (c) in (4.48)) Wegen der Eigenschaften des Vektorproduk-
tes steht die Zentrifugalkraft senkrecht zu ω und senkrecht zu dem Flächenvektor
der aus ω und r aufgespannten Fläche. Diese Scheinkraft zeigt für einen Punkt auf
der Erdoberfläche senkrecht zur z-Achse nach aussen. Sie ist maximal für einen
Punkt auf dem Äqutor, da hier r und ω einen rechten Winkel bilden:
F(c) = mω 2 r .
Setzt man den Betrag für ω aus (4.44) und für r den Radius der Erde ein, so
ergibt sich ein Zentrifugalbeschleunigung von etwa 0.032 m s− 2. Dies entspricht
einer Reduktion der Erdanziehung um 0.3 Prozent.
164 KAPITEL 4. ROTATIONEN
4.4. VERSUCHE ZU SCHEINKRÄFTEN 165
FRK = maRK = F − mω˙ × rRK − 2mω × vRK − mω × (ω × rRK ) (4.49)
kennengelernt. Hierbei bezeichnet der Index RK Größen in dem mit der Winkelgeschwin-
digkeit ω rotierenden Koordinatensystem (Kräfte, Beschleunigungen und Geschwindigkei-
ten). Die Größen ohne Index beziehen sich auf das ruhende Koordinatensystem.
Der erste Term FW = −mω˙ ×r auf der zweiten Seite von 4.49 tritt bei nicht-konstanter
Winkelgeschwindigkeit auf. Der zweite Term ist die ”Corioliskraft” FC = 2mω × v,
der dritte die ”Zentrifugalkraft” FZ = −mω × (ω × r).
Entsprechend erhalten wir Coriolis- und Zentrifugalbeschleunigung via aC = FC /m =
−2ω × vRK und aZ = FZ /m = −ω × (ω × r).
Wir besprechen nun diese Kräfte für spezielle Geometrien. Zunächst betrachten wir Ex-
perimente, in denen vor allem die
Zentifugalkraft
wesentlich ist. Hierzu betrachten wir rotierende Systeme, in denen die interessierenden
Körper in Ruhe sind. Die Corioliskraft verschwindet dann.
Wenn wir ein Experiment aus dem ruhenden Zustand heraus ”anfahren” lassen, wird
zunächst der Term FW = −mω˙ × r eine Rolle spielen. Er verschwindet aber, sobald die
endgültige Winkelgeschwindigkeit erreicht ist.
(a) Wir beobachten einen rotierenden Balken, auf dem eine Masse m radial reibungs-
frei gleiten kann und gegen eine Feder drückt (Abb. 4.4).
Beim ”Anfahren” des Experiments wirkt zunächst die Kraft FW . Unser Balken ro-
tiert gegen den Uhrzeigersinn. Die Winkelgeschwindigkeit ω zeigt in Richtung +z
aus der Papierebene heraus. Die Kraft FW ist dann senkrecht zu ω gerichtet und
”drückt” die Masse m in der Stellung der Abb. 4.4 nach links (Der Vektor r zeigt in
der Abb. von Drehzentrum nach unten). Dies ist ein sinnvolles Ergebnis; auf Grund
seiner Trägheit versucht die Masse m, in Ruhe zu bleiben; würde sie nicht durch
den Balken ”mitgezogen”, würde sich m relativ zum unteren Balkenende nach links
entfernen.
Betrachten wir den weiteren Vorgang zunächst vom ruhenden System (Hörsaal) aus.
Während des Anlaufens der Anordnung wird die Masse m etwas zunächst nach außen
166 KAPITEL 4. ROTATIONEN
laufen und gegen die Feder schwingen. Nach einiger Zeit kommt m aber in Ruhe. Die
Masse m erfährt dann ständig eine nach außen gerichtete Radialbeschleunigung ar =
−ω 2 r, die von der Feder kompensiert wird. Die Feder ”misst” die Zentripetalkraft
mω 2 r.
Im bewegten Bezugssystem ist die Masse m nach einiger Zeit in Ruhe. Die Feder
misst dennoch die Kraft mω 2 r, die der Beobachter im bewegten System als die radial
nach außen gerichtete Zentrifugalkraft FZ = mω 2 r · er interpretiert.
(b) Wichtig ist die Zentrifugalkraft bei Zentrifugen (oder auch Kettenkarussellen),
deren Prinzip wir als nächstes erklären wollen. Der prinzipielle Aufbau ist in Abb.
4.5 gezeigt.
Betrachten wir die Zentrifuge im ruhenden Koordinatensystem, so wirkt auf diese
die Schwerkraft −mg in -z-Richtung. Das Reagenzglas erfährt eine Beschleunigung
ω 2 ρ in radialer Richtung. Die Gesamtkraft auf die Zentrifuge ist:
fϕ m 0
Fges = Fρ = mω 2 ρ = |Fges | sin α (4.50)
FZ −mg cos α
mit Fges = m g 2 + (ω 2 ρ)2 .
Wir erhalten: sin α = √ ω2 ρ
bzw. tan α = ω2 ρ
g
.
g 2 +(ω 2 ρ)2
Für kleine Drehgeschwindigkeiten ist die rechte Seite dieser transzendenten Glei-
chung 4.51 klein und damit auch tan α. Wir nähern: tan α ≈ α und sin α ≈ α.
ω 2 ρ0 /g
Damit erhalten wir: α ≈ 1−ω 2 l/g . Für ω → 0 geht α gegen null.
Umgekehrt geht für ω → ∞ die rechte Seite von Gleichung 4.51 gegen unendlich.
Der Winkel α geht dann gegen 90◦ .
Im Spezialfall ρ0 = 0 reduziert sich Gleichung 4.51 zu: cos α = ωg2 l . Diese Gleichung
hat erst eine Lösung α > 0 für ω 2 l ≥ g. Für hohe Drehgeschwindigkeiten geht α
auch hier gegen 90◦ .
Auf ein Teilchen (Masse m1 ) im Reagenzglas wirkt die Beschleunigung Fm ges
in
Richtung des Reagenzglasbodens. Auf das Teilchen wirkt also die Kraft Fges · m .
m1
Schwimmt das Teilchen in einer leichteren Flüssigkeit, so wird es unter dem Einfluss
dieser Kraft deutlich schneller auf den Boden sinken als auf Grund der Gewichts-
kraft m1 g allein. Hierin liegt der Vorteil und die Anwendung von Zentrifugen, die bei
hohen Drehgeschwindigkeiten sehr effektiv Stofftrennungen durchführen können.
(c) Als nächstes betrachten wir ein mit Wasser gefülltes zylindrisches Gefäß, das
um seine Längsache rotiert.
Nach einer gewissen Anlaufphase wird das Wasser mit der Winkelgeschwindigkeit
des Gefäßes rotieren. Die Wasseroberfläche ist dann gekrümmt wie in der Abb. 4.6
dargestellt.
Wir interessieren uns nun für die Form der Wasseroberfläche.
Unter dem Einfluss der Zentrifugalkraft werden sich die Wassermoleküle so lange
verschieben, bis die Gesamtkraft Fges senkrecht auf der Wasseroberfläche steht. Dies
ist in Abb. 4.6 angedeutet. Es sei α der Winkel zwischen der Gewichtskraft mg und
2
Fges . Es gilt dann: tan α = ωg ρ . Nun zeichnen wir für diesen Wert von ρ die Tangente
an die Wasseroberfläche. Sie schneidet die ρ-Achse ebenfalls unter dem Winkel α.
2
Aus der Steigung dieser Tangente erhalten wir: tan α = dz dρ
und damit: dz
dρ
= ωg ρ .
168 KAPITEL 4. ROTATIONEN
Abbildung 4.6: Mit Wasser gefülltes zylindrisches Gefäß, das um seine Längsachse rotiert.
Links: schematische Darstellung; rechts: Kräftediagramm an einem Punkt der Wassero-
berfläche.
1 ω2 2
Diese Gleichung können wir integrieren und erhalten: z(ρ) = 2 g
ρ.
Die Wasseroberfläche ist also proportional zu ρ2 gekrümmt. Man bezeichnet dies
auch als ”Rotationsparaboloid”.
(d) Abplattung der Erde Auf eine rotierende Kugel wirken (von einem Beobachter auf
der Kugel aus gesehen) Zentrifugalkräfte wie in Abb. 4.7 dargestellt.
Wenn sich die Kugel verformen kann, wird diese abgeplattet werden (d. h. in eine
elliptische Form übergehen). Der Radius (die kleine Halbachse) in Richtung der
Drehachse (d. h. in Richtung der Pole) betrage R , der Radius in Richtung des
R −R
Äquators sei R⊥ . Im Fall der Erde ist ⊥R ≈ 300
1
, d. h. R⊥ − R ≈ 21 km. Als
Konsequenz der Erdrotation und der Abplattung ist die Schwerebeschleunigung am
Äquator geringer als die am Pol.
Man misst: gAeq = 9.78 m/s2 , gP ol = 9.83 m/s2 , also einen Unterschied von ca. 0.5%.
Am Äquator selbst wirkt zum einen die Zentrifugalkraft ”nach oben” und vermindert
g um den Betrag ω 2 R⊥ = (2π/T )2 · R⊥ . Für T = 24 h ergibt dies einen Beitrag von
4.4. VERSUCHE ZU SCHEINKRÄFTEN 169
etwa gP ol /300. Die restliche Differenz von etwa 0.2% wird durch die etwas geringere
Gravitationskraft am Äquator verursacht.
Wir diskutieren nun Anordnungen, bei denen sich ein Körper im rotierenden System
bewegt. Die Winkelgeschwindigkeit ω sei konstant. Wir haben dann eine von null ver-
schiedene Corioliskraft, die wir neben der Zentrifugalkraft berücksichtigen müssen.
(a) Im ersten Experiment setzen wir einen im Laborsystem ruhenden Stuft auf eine
rotierende Scheibe auf. Die Scheibe rotiere gegen den Uhrzeigersinn um die z-
Achse. Der Abstand des Stifts von der Drehachse sei R. Der Stift ”schreibt” dann
natürlich einen Kreis mit Radius R um die Drehachse. Aus Übungsgründen wollen
wir dies nochmals an Hand der Rotationsmatrix verifizieren. Der Vektor rRK =
xRK
yRK ist für unsere Geometrie mit der Rotationsmatrix Rz (ϕ = ωt) mit dem
zRK
x
Vektor r = y des festen Koordinatensystems verknüpft:
z
xRK cos ϕ sin ϕ 0 x
yRK = − sin ϕ cosϕ 0 · y . (4.52)
zRK 0 0 1 z
ac = −2ω × vRK . Der Stift rotiert für den Beobachter auf der Scheibe im Uhrzei-
gersinn auf einer Kreisbahn mit Radius R. Seine Relativgeschwindigkeit bzgl. der
Scheibe hat den Betrag vRK = ωR und ist in azimuthaler Richtung im Uhrzeigersinn
gerichtet. Die Winkelgeschwindigkeit ω zeigt in Richtung +z, so dass die Coriolis-
beschleunigung ac = −2ω 2 · R(t) · er beträgt, d. h. radial zur Drehachse hin zeigt.
Die Summe aus Zentrifugal- und Coriolisbeschleunigung ergibt
ac + az = − 2ω 2 · R(t) + ω 2 · R(t) · er = −ω 2 · R(t) · er , (4.56)
also genau die Zentripetalkraft, die nötig ist, um den Stift auf seiner Bahn zu halten.
(b) Wir bewegen nun den Stift mit konstanter Geschwindigkeit v = v0ex wie in
Abb. 4.8 gezeichnet.
Anwendung der Rotationsmatrix ergibt zunächst mit x(t) = −R+v0 t, y(t) = z(t) =
0:
Wir wollen die Bewegung des Stiftes nun aus der Sicht des rotierenden Beobachters
beschreiben. Zunächst zerlegen wir die Geschwindigkeit des Stifts in einen Anteil
v parallel zu rRK und einen Anteil v⊥ senkrecht zu rRK . Damit haben wir für die
Coriolisbeschleunigung:
Bei langsamer Bewegung des Stifts ist v ≈ v⊥ und der Term ac2 klein. Der erste
Term liefert wie im Beispiel 1 ac1 = −2ω 2 · r(t) · er . Die Zentrifugalbeschleunigung
beträgt az = ω 2 · r(t) ·er , die Summe aus beiden Termen ist ω 2 · r(t) ·er . Solange sich
der Stift auf das Drehzentrum zubewegt, nimmt r(t) und damit die Zentrifugalkraft
linear mit der Zeit ab. Der Stift beschreibt eine auf des Drehzentrum zugerichtete
Spirale, deren Endpunkt (d. h. die Position des Stifts) sich im Uhrzeigersinn bewegt.
Nach passieren des Drehzentrum nimmt die Zentrifugalkraft mit der Zeit zu; der
Stift schreibt eine nach außen gerichtete Spirale, deren Endpunkt sich gegen den
Uhrzeigersinn bewegt. Die mittels der Rotationsmatrix berechnete Bahnkurve ist in
den Abb. 4.9 und 4.10 illustriert.
4.4. VERSUCHE ZU SCHEINKRÄFTEN 171
1.0 1.0
0.5 0.5
yRK
yRK
0.0 0.0
-0.5 -0.5
-1.0 -1.0
-1.0 -0.5 0.0 0.5 1.0 -1.0 -0.5 0.0 0.5 1.0
xRK xRK
Abbildung 4.9: Schreibspur für den sich langsam bewegenden Stift. links: Stift be-
wegt sich zum Drehzentrum; rechts: Stift bewegt sich vom Drehzentrum. Verwendete
Funktion: links: xRK (t) = (−1 + 0.1t) · cos(πt), yRK (t) = −(−1 + 0.1t) · sin(πt);
rechts: xRK (t) = (0.1t) · cos(πt), yRK (t) = −(−0.1t) · sin(πt); t von 0 bis 10
1.0
0.5
yRK
0.0
(c) Was passiert nun, wenn sich der Stift sehr schnell bewegt?
Natürlich können wir weiterhin die Beziehung
xRK (t) = (−R + v0 t) · cos(ωt), yRK (t) = −(−R + v0 t) · sin(ωt). (4.59)
verwenden und die Bahnkurve auftragen.
Gehen wir aber einen Schritt zurück und betrachten die Kräfte im rotierenden Sy-
stem etwas genauer.
Die dominante Kraft auf den Stift ist jetzt die Komponente mac2 . Die xRK -
Komponente der Geschwindigkeit des Stifts beim Start bei x = xRK = −R ist
nahezu vx,RK = v0 und parallel zur Bahn des Stifts gerichtet. Die Coriolisbeschleu-
nigung ist dann in -y-Richtung gerichtet und hat den Betrag 2ωv0 . Die Bahnkurve
ist ungefähr eine Wurfparabel mit der Startgeschwindigkeit1 v0ex ; der Stift wird
1
Wir könnten hier noch die kleine Komponente ωR in +y-Richtung hinzunehmen.
172 KAPITEL 4. ROTATIONEN
dabei in Richtung -y abgelenkt, siehe Abb. 4.11 (links). Wäre der Stift dagegen von
links nach rechts gewandert, wäre er in Richtung +y abgelenkt worden, siehe Abb.
4.11 (rechts).
Abbildung 4.11: Bahnkurve eines mit im ruhenden System mit hoher Geschwin-
digkeit voex über den Drehteller bewegten Stiftes; (links): Bewegung von links nach
rechts; (rechts): Bewegung von rechts nach links. Verwendete Funktionen: (links):
xRK (t) = (−1 + 5t) · cos(0.2πt), yRK (t) = −(−1 + 5t) · sin(0.2πt); (rechts):
xRK (t) = (1 − 5t) · cos(0.2πt), yRK (t) = −(1 − 5t) · sin(0.2πt); t von 0 bis 2
(d) Was passiert, wenn ein Gegenstand von der Oberfläche einer rotierenden Scheibe
losgelöst wird (s. Abb. 4.12(links))?
Abbildung 4.12: Ein Körper (schwarzer Punkt) wird von einer mit Winkelge-
schwindigkeit ω rotierenden Scheibe (Radius R) losgelassen; (links) Schemazeich-
nung; (rechts) Zusammenhang zwischen der Höhe h des Körpers über der Scheibe
und seinem Abstand x(t) vom ”Startpunkt”.
Von der Warte eines Beobachters im rotierenden System hatte zunächst eine Zen-
tripetalkraft FZP = −mω 2 R · er den Gegenstand (Masse m) am Rand der Scheibe
(Radius R) festgehalten, um die Zentrifugalkraft Fz = +mω 2 R ·er zu kompensieren.
Man hatte: 0 = aRK = FZP + Fz . Wird der Gegenstand losgelassen, ist FZP = 0 und
4.4. VERSUCHE ZU SCHEINKRÄFTEN 173
wir erhalten2 : aRK = Fz . In den ersten Momenten ist diese Kraft ungefähr konstant
und der Gegenstand wird sich gemäß:
1
h(t) ≈ ω 2 R · t2 (4.60)
2
in radialer Richtung um einen Abstand h vom Radius der Scheibe entfernen.
Wie sehen nun diese erstem Momente von der Warte des nicht-rotierenden Beob-
achters aus?
Vor dem Loslassen wirkte auf die Masse die radiale Beschleunigung −mω 2 R · er ,
die wiederum von einer Zentripetalkraft mω 2 R · er kompensiert wurde. Im Moment
des ”Loslassens” sei die Masse in +y-Richtung orientiert. Ihre ”Anfangsgeschwin-
digkeit” ist v0 = ωR · ex . Nach dem Loslassen entfernt sich die Masse mit dieser
Anfangsgeschwindigkeit kräftefrei3 von der Scheibe, d. h. wir haben: x(t) = v(t) · t.
Nun sollte aber die Messgröße h(t) für beide Beobachter die selbe sein. Dies trifft
tatsächlich zu, wie wir Abb. 4.12 (rechts) entnehmen können: Wenn sich die Masse
um die Strecke x(t) entfernt hat, ist der Startpunkt (x, y) = (0, R) ebenfalls ein Stück
weiterrotiert. Es gilt: (h + R) · cos ϕ = R, was für kleine Winkel mit cos ϕ ≈ 1 − 12 ϕ2
ergibt:
hϕ2 Rϕ2
h+R− − = R. (4.61)
2 2
Wir interessieren uns nur für die ersten Momente der Bewegung, so dass sowohl
2
h als auch ϕ klein sind. Wir können damit den Term hϕ2 gegenüber den anderen
2
Termen vernachlässigen und erhalten: h = Rϕ2 .
Nun ist ϕ(t) = ωt und damit h(t) ≈ 12 ω 2Rt2 , was sich mit dem Ergebnis des rotie-
renden Beobachters deckt.
Der weitere Verlauf der Bewegung des Massenpunkts ist für den ruhenden Beob-
achter eine Wurfparabel; für den rotierenden Beobachter krümmt sich die Bahn des
Teilchens zunächst durch den Einfluss der Corioliskraft ”nach links” weg und be-
schreibt schließlich eine gegen den Uhrzeigersinn verlaufende Spirale. Wir können
dies mittels der allgemeinen Koordinatentransformation schreiben als:
Hierbei haben wir berücksichtigt, dass sich im hier dargestellten Beispiel Fall die
Scheibe im Uhrzeigersinn dreht (deshalb der Vorzeichenwechsel der sin-Funktionen).
Wir haben ausserdem x(t) = v0 t = ωRt), y(t) = R − gt2 /2 benutzt. Eine entspre-
chend dieser Transformation berechnete Bahnkurve zeigt Abb. 4.13.
2
Sobald sich der Körper bewegt, wirkt zusätzlich sie Corioliskraft. Sie war null, solange der Gegenstand
im rotierenden System ruhte; nach dem ”Loslassen” wird die Corioliskraft von null auf einen endlichen
Wert anwachsen. Solange wir nur die ersten Momente der Bewegung der Masse verfolgen, können wir Fc
aber vernachlässigen.
3
Wir unterschlagen hier den Einfluss der Schwerkraft; Beziehen wir diese mit ein, beschreibt die
losgelassene Masse eine Wurfparabel.
174 KAPITEL 4. ROTATIONEN
(e) Wir lassen nun ein Pendel über einer sich mit Frequenz ω gegen den Uhrzei-
gersinn drehenden Scheibe schwingen. Im ruhenden System sei die Bahnkurve
x(t) = x0 cos ωt, y = z = 0. Im sich drehenden System beschreibt das Pendel eine
Rosettenbahn (”Hypozykloide”), wie in Abb. 4.14 dargestellt.
Ist die Frequenz des Pendels sehr hoch gegen die Drehfrequenz der Scheibe, so
können wir sagen, die Ebene, in der das Pendel schwingt, dreht sich allmählich. Die
Drehrichtung der Schwingungsebene ist der Drehrichtung der Scheibe entgegenge-
setzt. Im rotierenden System entsteht der Effekt durch die Corioliskraft. Wie im Fall
3 ist die Geschwindigkeit des Pendels relativ zur Scheibe nahezu parallel zu rRK .
Damit haben wir für die Coriolisbeschleunigung:
Die Indizes und ⊥ beziehen sich auf den Anteil der Relativgeschwindigkeit parallel
und senkrecht zur Bahnkurve.
Der Effekt der Drehung der Schwingungsebene eines Pendels im rotierenden Sy-
stem wurde von Foucault 1851 benutzt, um die Drehung der Erde nachzuweisen.
Foucault führte das Experiment in Paris durch.
Um das Prinzip nochmals genauer zu sehen, nehmen wir zunächst an, das Expe-
riment werde am Nordpol durchgeführt. Dies entspricht genau der Situation des
in 5 beschriebenen Drehtellers. Die Erde dreht sich für einen am Nordpol stehen-
den Beobachter gegen den Uhrzeigersinn, die Schwingungsebene des Pendels -
die für den ruhenden Beobachter konstant bleibt - dreht sich im Uhrzeigersinn. In
24 Stunden beträgt die Drehung 360◦ . Wird das Experiment am Südpol durch-
geführt, so dreht sich die Schwingungsebene im Uhrzeigersinn. Auch hier beträgt
die Drehung 360◦ in 24 Stunden. Der Grund für diese Umkehr der Drehrichtung
liegt daran, dass der Südpol-Experimentator und dessen Koordinatensystem bzgl.
seinem Kollegen am Nordpol auf dem Kopf steht. Für ihn dreht sich die Erde rechts
herum.
An einem beliebigen Ort auf der Erde müssen wir das Kreuzprodukt in der Corio-
lisbeschleunigung ac = −2ω × v etwas genauer betrachten. Rein formal erhalten wir
eine Beschleunigung ac = |2ω ·v ·sin ϕ| ≈ |2ω ·v ·sin ϕ|, wobei ϕ der Winkel zwischen
ω und v ist. Im Fall des Foucault-Pendels ist ϕ gerade der Breitengrad des Orts, im
dem das Experiment durchgeführt wird. Wir können dies an Hand der Abb. 4.15
veranschaulichen. Wir betrachten das Pendel an einem Ort der geographischen Brei-
te ϕ. Um die Situation auf die am Nord- bzw. am Südpol zurückzuführen, müssen
wir die Drehachse ωE der Erde auf die z-Achse des Pendels projizieren. Diese Achse
ist um ϕ gegen ω geneigt, die Projektion ist ω = ω · sin ϕ. Man beachte, dass am
Äquator sin ϕ = 0 ist und dort keine Drehung der Pendelebene auftritt.
Abbildung 4.16: links: Hoch- und Tiefdruckgebiet über Europa; rechts: Luftbe-
wegung in der Nähe von Hoch und Tief.
abgelenkt werden, so dass sich insgesamt ein gegen den Uhrzeigersinn drehender
Wirbel ausbildet. Analog rotieren die aus dem Hoch ausströmenden Luftmassen im
Uhrzeigersinn.
Man beachte wiederum, das die Drehrichtungen auf der Südhalbkugel gerade umge-
kehrt sind. Hier drehen Tiefdruckgebiete im Uhrzeigersinn, Hochdruckgebiete ent-
gegen dem Uhrzeigersinn.
Dieser Effekt wird in den Abb. 4.17 und 4.18 veranschaulicht. Abb. 4.17 zeigt Wir-
belstürme und Hurricanes auf der Nordhalbkugel, Abb. 4.18 die entsprechenden
Wirbel auf der Südhalbkugel. Spätestens hier sollte klar sein, dass die Corioliskraft
einen sehr großen Einfluss haben kann.
Abbildung 4.18: Wirbelstürme und Hurricanes auf der Südhalbkugel. Quelle: [Link]
[Link]/˜ muehr/Sat/[Link]
System ist ein in eine feste Richtung beschleunigendes Objekt (z. B. Auto, Rakete, Auf-
zug,. . . ).
Im Fall des beschleunigenden Aufzugs wirkt auf jedes Objekt im Aufzug, sowie auf den
Aufzug selbst, die Erdbeschleunigung −gez . Der Aufzug werde mit der Beschleunigung a
nach oben beschleunigt. Auf eine Masse m im Aufzug wirkt dann die Kraft m(−a − g) · ez
nach unten. Zur Erdbeschleunigung g wir also die Scheinkraft a addiert. Hierbei müssen
a und g nicht notwendig entgegengesetzt gerichtet sein. Im Spezialfall des freien Falls ist
|a| = g und in Richtung -z gerichtet. Die Gesamtkraft auf die Masse m im Aufzug ist null.
Es sei schließlich angemerkt, dass für einen Beobachter im konstant beschleunigten Aufzug
Erdbeschleunigung und Scheinkraft völlig äquivalent sind. Dies ist einer der Ansatzpunkte,
mit der Einstein seine Allgemeine Relativitätstheorie aufgebaut hat.
Kapitel 5
Starre Körper
unverändert bleiben, jedenfalls solange wir den Stein nicht zertrümmern. Wir sprechen
allgemein von einem Starren Körper, wenn wir ein System aus N Massenpunkten vor-
liegen haben, für deren Abstände zueinander eine Bedingung vom Typ (5.1) gilt.
Man könnte also nun annehmen, dass die 3N Koordinaten oder Freiheitsgrade eines sol-
chen starren Körpers durch die N(N − 1)/2 Zwangsbedingungen so eingeschränkt sind,
dass man insgesamt
N(N − 1)
f = 3N − (5.2)
2
179
180 KAPITEL 5. STARRE KÖRPER
Freiheitsgrade hätte. Aber auch diese Abschätzung kann nicht stimmen. Sie würde ja für
N = 7 den Wert Null liefern und für N größer als 7 sogar einen negativen Wert.
Wir wollen uns deshalb dieser Frage nach der Zahl der Freiheitsgrade eines starren Körpers
dadurch annähern, dass wir die verschiedenen Teilchenzahlen N einzeln berachten:
N=1: Besteht der starre Körper aus nur einem Atom, so ist die Zahl der Freiheitsgrade
natürlich gleich f=3, was auch der Formel (5.2) entspricht.
N=2: Ein starrer Körper aus 2 Atomen ist eindeutig dadurch gekennzeichnet, dass man
zunächst einmal die Koordinaten des ersten Teilchens angibt. Wegen der Zwangsbe-
dingung (5.1) kann sich das zweite Atom nur auf der Oberfläche einer Kugel mit dem
Radius c12 und dem ersten Atom im Zentrum aufhalten. Diese Position ist also durch
zwei Winkel (Kugelkoordinaten) festgelegt. Insgesamt hat das Sysem f = 3 + 2 = 5
Freiheitsgrade, was auch durch (5.2) gegeben ist.
N=3: Die Positionen der Atome 1 und 2 mit dem Abstand C12 seien festgelegt. Das drit-
te Atom mit dem geforderten Abstand C1 3 vom Atom 1 muss sich dann auf der
Oberfläche einer Kugel mit Zentrum beim Atom 1 und dem Radius C13 befinden
(siehe Abb. 5.1). Gleichzeitig aber auch auf der Oberfläche der Kugel mit dem Zen-
trum im Atom 2 und dem Radius C23 . In der Abb. 5.1 sind diese Kugeln als Kreise
dargestellt mit zwei Schnittpunkten, die als mögliche Position des [Link] gekenn-
zeichnet sind. Im drei-dimensionalen Raum liegen diese Schnittpunkte der Kugeln
auf einem Kreis um die Verbindungslinie zwischen Atom 1 und 2. Für die Position
des 3. Atoms ergibt sich also unter den Bedingungen des starren Körpers genau
ein weiterer Freiheitsgrad, etwa eine Winkelkoordinate für den Kreisbogen. Auch in
diesem Fall stimmt die Zahl der Freiheitsgrade (f = 6) mit der Abschätzung (5.2)
überein.
N=4: Für die Position des 4. Atoms sind 3 Zwangsbedingungen zu erfüllen. Wenn diese
Bedingungen überhaupt erfüllbar sind, gibt es dafür im allgemeinen genau 2 Lösun-
gen. Für das 4. Atom ergibt sich also kein weiterer kontinuierlicher Freiheitsgrad und
es bleibt bei f = 6 auch für den Fall N = 3, was ja auch mit (5.2) übereinstimmt.
N=5 und mehr: Für das 5. Atom (und das gleiche gilt für jedes weitere Atom), ist
die Position bereits durch die Angabe des Abstandes zu den Atomen 1, 2 und 3
festgelegt. Die Angabe der Abstände zu den weiteren Atomen ist also redundant.
Die Zwangsbedingungen sind nicht unabängig voneinander. Deshalb stagniert auch
die Zahl der Freiheitsgrade bei f = 5 für einen starren Körper mit N = 3 bis hinauf
zu einer beliebig großen Anzahl von Atomen N.
Um die Lage eines starren Körpers mit N = 3 oder mehr Atomen eindeutig anzugeben,
reicht also die Angabe von 6 Koordinaten. Mit 3 Koordinaten können wir die Positi-
on eines Referenzpunktes des starren Körpers angeben. Dies kann z.B. der Schwerpunkt
des starren Körpers oder aber auch ein anderer Punkt sein. Durch diese 3 Koordinaten
ist sozusagen der Aufenthaltsort des Körpers definiert. Wir haben dann noch genau 3
Koordinaten zur Verfügung um die Orientierung des Körpers im Raum zu beschreiben.
Dazu kann man z.B. den Referenzpunkt des Körpers (also etwa der Schwerpunkt) als Ko-
ordinatenursprung für zwei Koordinatensysteme ansehen. Das eine Koordinatensystem
5.1. DEFINITION UND FREIHEITSGRADE 181
mögliche
Positionen für 3
C 12 11
00
00
11
C 13 00
11
C 23
1. 2.
Abbildung 5.1: Position eines dritten Atoms im starren Körper (siehe Diskus-
sion im Text)
hat seine Achsen fest im Raum verankert. Das zweite Koordinatensystem mit dem glei-
chen Koordinatenursprung orientiert seine Achsen aber auf Punkte des starren Körpers.
Wir sprechen von einem körperfesten Koordinatensystem, das sich mit dem Körper
bewegt und rotiert. Die Orientierung des Körpers kann nun durch die 3 Eulerwinkel de-
finiert werden, die erforderlich sind, das raumfeste Koordinatensystem in das körperfeste
Koordinatensystem zu drehen.
Natürlich gibt es auch alternative Möglichkeiten für die Wahl der Kordinaten, die die
Orientierung des Körpers fest legen. Als ein weiteres Beispiel sei genannt, dass wir die
Position von zwei weiteren Referenzpunkten des starren Körpers angeben. Wegen der
festen Abstände dieser weiteren Referenzpunkte zum ersten und untereinander, reichen
auch hier 3 weitere Koordinaten.
182 KAPITEL 5. STARRE KÖRPER
5.2. DREHIMPULS, DREHMOMENT UND TRÄGHEITSTENSOR 183
Im Folgenden soll der Gesamtdrehimpuls L des starren Körpers betrachtet werden, das
ist die Summe der Drehimpulse seiner atomaren Bestandteile:
=
L lα
α
xα ωy zα − ωz yα
= mα yα × ωz xα − ωx zα
α zα ωx yα − ωy xα
yα (ωx yα − ωy xα ) − zα (ωz zα − ωx zα )
= mα zα (ωy zα − ωz yα ) − xα (ωx yα − ωy xα )
α xα (ωz xα − ωx zα ) − yα (ωy zα − ωz yα )
2
y α + z 2
α −x α y α −x α zα ω x
= mα −xα yα x2α + zα2 −yα zα ωy . (5.5)
α −xα zα −yα zα x2α + yα2 ωz
184 KAPITEL 5. STARRE KÖRPER
Der Gesamtdrehimpuls L kann also berechnet werden als Produkt des Vektors der Win-
kelgeschwindigkeit ω mit einer Matrix I, die wir als Trägheitstensor bezeichnen.
= Iω .
L (5.6)
Die Matrixelemente des Trägheitstensors sind identisch, wenn der Zeilen- und Spaltenin-
dex vertauscht sind
Iij = Iji , (5.8)
man nennt deshalb den Trägheistensor einen symmetrischen Tensor oder Matrix.
Der Zusammenhang zwischen Drehimpuls und Winkelgeschwindigkeit ω in (5.6) kann
man ganz analog zur Beziehung zwischen Geschwindigkeit v und Impuls p eines Teilchens
sehen: p = Mv . Der Trägheistensor I ist dabei wie die Masse M ein Charakteristikum
des bewegten Körpers. Es gibt jedoch wichtige Unterschiede: Die Masse M ist eine Zahl,
eine skalare Größe. Deshalb sind die Geschwindigkeit v und der Impuls p auch zueinander
parallel. Da I aber eine Matrix ist, gilt dies im Allgemeinen nicht für Drehimpuls und
Winkelgeschwindigkeit. Sei ω z.B. die Geschwindigkeit einer Drehung um die z-Achse, so
berechnet sich der Drehimpuls nach (5.6)
I11 I12 I13 0 I31 ω
L = I21 I22 I23 0 = I32 ω , (5.9)
I31 I32 I33 ω I33 ω
ist also ein Vektor, der nur im Fall I31 = I32 = 0 parallel zu ω ist.
Warum ist der Drehimpuls eines starren Körpers für uns interessant? Wir sehen uns dazu
an, unter welchen Bedingungen sich der Drehimpuls als Funktion der Zeit ändert und
betrachten (im Laborsystem)
dL d lα
=
dt α
dt
d
= (rα × mαvα )
dt
α
d
= mα (vα × vα ) + rα × mαvα
dt
α α
=0
= rα × Fα . (5.10)
α
5.2. DREHIMPULS, DREHMOMENT UND TRÄGHEITSTENSOR 185
Beim Übergang zur letzten Zeile haben wir die Newtonsche Bewegungsgleichung aus-
genutzt. Das Vektorprodukt aus dem Ortsvektor und der Kraft Fα summiert über alle
Teilchen bezeichnet man als Drehmoment
=
D rα × Fα . (5.11)
α
Mit (5.10) haben wir also gezeigt, dass die Änderung des Drehimpulses mit der Zeit durch
das Drehmoment D gegeben ist
D = dL . (5.12)
dt
Die Kraft, die auf ein Teilchen α wirkt, Fα besteht aus dem Anteil durch externe Ursachen
Fαext und den internen Kräften,
Fα = Fαext + Fαβ
β
die die atomaren Bestandteile des Körpers aufeinander ausüben. Diese internen Kräfte,
die also z.B. das Teilchen β auf das Teilchen α ausübt wirken im Normalfall in Richtung
der Verbindungslinie zwischen den Atomen
Ist diese Bedingung (5.13) erfüllt, so tragen die internen Kräfte nicht zum Drehmoment
bei. Zum Beweis dieser Behauptung berechnen wir
D int = rα × Fαβ
αβ
1
= rα × Fαβ + rβ Fβα
2 αβ
1
= rα × Fαβ − rβ Fαβ
2 αβ
1
= (rα − rβ ) × (rα − rβ ) f (αβ)
2
αβ
= 0. (5.14)
Bei dem Übergang zur dritten Zeile haben wir das Newtonsche Axiom “Actio = Reactio”
(Fβα = −Fαβ ) angewandt und beim Übergang zur vierten Zeile die Voraussetzung (5.13)
eingesetzt, womit die Behauptung bewiesen wurde, dass in diesem Fall Drehmomente nur
durch externe Kräfte generiert werden. Wir haben also die atomaren Kräfte zwischen den
Elementen des starren Körpers nicht zu berücksichtigen.
Wenn wir im folgenden die Drehung des starren Körpers auf eine feste Drehachse redu-
zieren, also z.B. die z-Achse, dann ist für die Winkelgeschwindigkeit, den Drehimpuls und
das Drehmoment auch nur die jeweilige z-Komponente von Interesse. Aus (5.9) sehen wir,
dass in diesem Fall auch nur die Komponente
von Interesse. Allgemein definieren wir das Trägheitsmoment eines starren Körpers um
die Drehachse êω , das ist der Einheitsvektor der in Richtung der Winkelgeschwindigkeit
ω zeigt, durch
Iω = êω (I êω ) . (5.16)
Im Fall êω = êz erhalten wir
Iω = I33 = mα (x2α + yα2 ) , (5.17)
α
wie man aus (5.7) ablesen kann. Jede Masse mα wird also gewichtet mit dem Abstand
von der Drehachse, ∆α , zum Quadrat. Für eine beliebige Drehachse êω ergibt sich also
entsprechend
Iω = mα ∆2α = mα rα2 − (rα êω )2 . (5.18)
α α
Es sollen nun für einige Beispiele die Trägheitsmomente ausgerechnet werden. Als erstes
Beispiel betrachten wir 4 Massenpunkte der Masse m, die auf den Eckpunkten eines
Quadrates der Kantenlänge a angeordnet sind, wie es in Abb. 5.2 dargestellt ist. Die
Drehachse befinde sich in der Mitte des Quadrates (siehe Teilbild a dr Abb. 5.2) und die
Richtung der Winkelgeschwindigkeit sei senkrecht zur Ebene, in der die Massenpunkte
angeordnet sind. Damit
√ ist der Abstand eines jeden dieser Massenpunkte ∆α von der
Drehachse gleich a/ 2 und es ergibt sich insgesamt ein Trägheitsmoment
Als zweites Beispiel betrachten wir die gleiche Anordnung der Massenpunkte, nun aber
mit einer Drehachse, die durch einen der Eckpunkte geht (die Winkelgeschwindigkeit steht
wieder senkrecht zur Ebene der Massenpunkte, sieh Teilbild b der Abb. 5.2). Der Massen-
punkt, der auf der Drehachse liegt liefert in diesem Fall keinen Beitrag zum Trägheitsmo-
ment, da ja der Abstand zur Drehachse, ∆α , identisch √ Null ist. Zwei der Massenpunkte
haben den Abstand ∆α = a und einer den Abstand 2a. Insgesamt ergibt sich also für
das Trägheitsmoment in diesem Beispiel der Wert
√
Iω = 2ma2 + m( 2a)2 = 4ma2 . (5.20)
Wir sehen also, dass der gleiche starre Körper unterschiedliche Werte für das Trägheits-
moment liefert wenn die Drehachse nur verschoben wird.
Der Zusammenhang zwischen den Tägheitsmomenten eines starren Körpers bei zuein-
ander verschobenen Drehachsen wir durch den Satz von Steiner beschrieben. Danach
gilt:
• Das Trägheitsmoment eines starren Körpers um eine Drehachse êω , Iω ist gleich
der Summe des Trägheitsmomentes IωSP des Körpers um die Drehachse, die parallel
zu êω durch den Massenschwerpunkt des Körpers verläuft plus der Masse M des
Körpers multipliziert mit dem Abstand des Schwerpunktes von der Drehachse b
zum Quadrat (siehe auch Abb. 5.3):
a) b)
Abbildung 5.2: Beispiele zur Berechnung von Trägheitsmomenten (siehe Dis-
kussion im Text)
eω
rα
ρα
R
Abbildung 5.3: Illustration des Satzes von Steiner (siehe Diskussion im Text)
Als Beispiel für die Anwendung dieses Satzes können wir die 4 Massenpunkte der Abb. 5.2
heranziehen. Das Beispiel a) liefert gerade IωSP (siehe (5.19)), da ja in diesem Fall die
Drehachse durch den Schwerpunkt verläuft. Der Abstand √ der Schwerpunktes von der
Drehachse des Beispieles b der Abb. 5.2 entspricht a/ 2. Damit liefert der Satz von
Steiner für die Anordnung im Teilbild b:
2
a
2
Iω = 2ma + 4m √ = 4ma2 ,
2
also dem Koordinatensystem mit Ursprung im Schwerpunkt mit dem Ortsvektor R. Be-
zeichnen wir die Koordinate des Massenpunktes α im Schwerpunkt mit ρα , so gilt (siehe
auch Abb. 5.3):
+ ρα
rα = R (5.22)
Damit können wir das Trägheitsmoment um die Drehachse êω nach (5.18) ausrechnen
Iω = mα rα2 − (rα êω )2
α
2 2
= mα + ρα
R − (R
+ ρα )êω
α
= ρα + ρ2 − (Rê
mα R2 + 2R ω )2 − 2(Rê
ω )(ρα êω ) − (ρα êω )2
α
α
2 + 0 +
= MR mα ρ2α − M(Rê
ω )2 − 0 − mα (ρα êω )2
α α
= IωSP + Mb .2
(5.23)
Beim Übergang von der dritten zur vierten Zeile haben wir ausgenutzt, dass
mα ρα = 0 ,
α
da die linke Seite dieser Gleichung gerad die Gesamtmasse multipliziert mit dem Vektor
des Schwerpunktes ergibt und zwar in dem Koordinatensystem der ρα , in dem dieser
Schwerpunkt gerade im Koordinatenursprung liegt. Mit (5.23) ist also der Beweis des
Satzes von Szeiner erbracht.
Als spezielle Anwendunen berechnen wir nun noch das Trägheitsmoment eines Zylinders
der Höhe c und mit Radius R, der eine homogene Massendichte ρ0 aufweist. In diesem Fall
geht natürlich die Summe über die Massenpunkte in das entsprechende Volumeninegral
über. Ist die Drehachse identisch mit der zentralen Längsachse des Zylinders, der z-Achse
des zugheörigen Zylinder koordinatensystems, so berechnet sich das Trägeitsmoment zu:
c 2π R
Iz = dz dϕ ρ0 r 2 r dr . (5.24)
0 0 0
Dabei besteht der Integrand (neben den Anteilen r dr dϕ dz die das Volumenelement in
Zylinderkoordinaten darstellen) aus der Massendicht ρ0 und dem Abstand der Massenele-
mente von der Drehachse zum Quadrat, r 2 . Dieses Integral liefert
R4 2 R2 R2
Iz = c 2π ρ0 = ρ0 π c R
2 = M , (5.25)
4 2
=Volumen
5.3.1 Drehimpulserhaltung
= 0 ist L
Für D = const., der Drehimpuls des Systems bleibt erhalten.
Wir können die Drehimpulserhaltung sehr schön dadurch demonstrieren, dass wir auf
einer um die z-Achse drehbaren Scheibe (”Drehschemel”) ein Rad in Rotation versetzen
bzw. dieses Rad in verschiedene Richtungen drehen (Abb. 5.4).
War der Drehschemel anfangs in Ruhe und starten wir das Rad so, dass die Drehachse in z-
Richtung zeigt, mit L rad = Lradez , dann rotiert der Drehschemel selbst in Gegenrichtung,
so dass die Summe L schemel + L
rad erhalten bleibt (d. h. 0 ergibt). Drehen wir das Rad
◦ rad = −Lradez gilt, so dreht sich auch der Drehschemel gerade in die
um 180 , so dass L
Gegenrichtung. Die Drehung des Rades erfordert einigen Kraftaufwand, da sich dabei L rad
zeitlich ändert, was ein endliches Drehmoment auf das Rad erfordert. Dieses Drehmoment
190 KAPITEL 5. STARRE KÖRPER
wird von der Lagerung des Drehschemels aufgenommen. Steht L rad in (x,y)-Richtung, so
rad keine Komponente in z-Richtung mehr hat.
ist auch der Drehschemel in Ruhe, da L
Wenn wir das Rad außerhalb des Drehschemels in Rotation versetzen und dann auf den
anfänglich ruhenden Drehschemel bringen, so bleibt dieser in Ruhe, solange wir die Ach-
se des Rads nicht ändern. Jede Änderung der Rotationsachse führt jetzt aber zu einer
Rotation des Drehschemels, wobei gilt: L schemel = L
rad + L rad,0 . Hierbei ist L
rad,0 der
anfängliche Drehimpuls des Rades.
und
2 = −m2 gl2 × ez = −m2 gl2 sin ϕ2ey .
D (5.29)
5.3. DREHIMPULS UND DREHMOMENT IM EXPERIMENT 191
d. h. für
− m1 l1 sin ϕ1 = −m2 l2 sin ϕ2 , (5.31)
Wenn - bei obiger Näherung - die Hebelbedingung für einen kontinuierlichen Satz von
Winkeln ϕ1 erfüllt werden kann, so liegt ein ”indifferentes Gleichgewicht” vor.
1
Wenn wir berücksichtigen, dass sich die Massen m1 und m2 unterhalb des Hebelarms befinden, dann
finden wir, dass im Gleichgewicht der Schwerpunkt genau unterhalb der Drehachse liegt. Wir werden
darauf etwas später eingehen.
192 KAPITEL 5. STARRE KÖRPER
Allgemein sprechen wir von einem ”stabilen Gleichgewicht”, wenn ein Körpers nach
Auslenkung aus der Ruhelage wieder in diese zurückkehrt. Beim ”labilen Gleichge-
wicht” entfernt sich der Körper nach der Auslenkung immer weiter vom Gleichgewichts-
wert, während beim ”indifferenten Gleichgewichts” die verschobene Position ebenfalls
stabil ist. Das Prinzip ist in Abb. 5.8 nochmals erläutert. Hier befindet sich eine Kugel in
einem Tal, auf einem Berg bzw. in einer Ebene.
dann so ausrichten, dass der Schwerpunkt unterhalb des Aufhängepunkts liegt. Wiederho-
len wir dies für drei nicht in einer Ebene liegende Aufhängepunkte und ”zeichnen” jeweils
eine Gerade in z-Richtung durch den Aufhängepunkt, so ist der Schwerpunkt gerade der
Kreuzungspunkt der drei Geraden.
Was passiert nun der Körper genau im Schwer-
punkt gelagert wird?
Ganz allgemein gilt:
D = i =
D ri × Fi . (5.33)
i i
Diese Größe bezeichnet man auch als die Empfindlichkeit der Waage (Ausschlag pro
Gewicht ∆m). Sie kann offensichtlich z. B. durch Verkürzung der Zeigerläge lz bequem
gesteuert werden.
111111111
000000000 0000
1111
000000000
111111111
000000000
111111111
000000000
111111111
ρα
0000
1111
0000
1111
0000
1111
000000000
111111111 0000
11111
0
000000000
111111111 0000
1111
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1111111111111
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0000000000000
1111111111111
rα
000000000
111111111
0000000000000
1111111111111
000000000
111111111
0000000000000
1111111111111
000000000
111111111
0000000000000
1111111111111
000000000
111111111
0000000000000
1111111111111
R
000000000
111111111
0000000000000
1111111111111
000000000
111111111
0000000000000
1111111111111
000000000
111111111
0000000000000
1111111111111
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111111111
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000000000
111111111
0000000000000
1111111111111
Abbildung 5.12: Koordinaten zur Berechnung der kinetischen Energie (siehe
Diskussion im Text)
d rα d ρα
dR
= + . (5.42)
dt dt dt Lab
Dabei ist ω die Winkelgeschwindigkeit mit der sich der Körper um die aktuelle Drehachse
dreht und die Geschwindigkeit der Massenpunkte im Referenzsystem des starren Körpers
ist natürlich identisch Null. Damit ergibt sich für die Geschwindigkeit
d rα
dR
= + ω × ρα . (5.43)
dt dt
196 KAPITEL 5. STARRE KÖRPER
Die kinetische Energie des gesamten starren Körpers berechnet sich damit zu
mα d rα 2
TKin =
α
2 dt
2
mα d R
= + ω × ρα
α
2 dt
2
M dR dR 1
= + ω × mα ρα + mα (ω × ρα )2 . (5.44)
2 dt dt α
2 α
Diese kinetische Energie setzt sich also aus 3 Summanden bzw. Komponenten zusammen:
1. Translation Der erste Term in (5.44) entspricht der kinetischen Energie der Gesamtmasse des
Starren Körpers, M vereinigt zu einer Punktmasse am Ort des Referenzpunktes,
Man bezeichnet diesen Beitrag als die ki-
charakterisiert durch den Ortsvektor R.
netische Energie der Translationsbewegung.
2. Rotation Für die Diskussion des dritten Terms in (5.44) betrachten wir den Betrag des Vektors
|ω × ρα |. Der Betrag dieses Vektors entspricht dem Abstand des Massenpunktes α
von der Drehachse multipliziert mit dem Betrag der Winkelgeschwindigkeit. Setzt
man dieses Ergebnis in den dritten Term von (5.44) ein und beachtet die Definition
des Trägheitsmomentes für eine Drehung um die Drehachse Iω , so ergibt dieser dritte
Term:
1
Iω ω 2 (5.45)
2
Wir bezeichnen diesen Beitrag als kinetische Energie der Rotationsbewegung
3. Mischterm Neben diesen beiden Termen tritt im allgemeinen Fall noch der Mischterm, der
zweite Term in (5.44) auf. Dieser Mischterm verschwindet natürlich, wenn der Re-
ferenzpunkt ruht
dR
= 0,
dt
also eine reine Rotation um die Drehachse stattfindet ohne jede Translation. Der
Mischterm verschwindet aber auch, wenn der Schwerpunkt des starren Körpers auf
der Drehachse liegt. In diesem Fall definieren wir den Schwerpunkt als den Koordi-
natenursprung des körperfesten Koordinatensystems und es gilt daher, dass
mα ρα = 0 .
α
5.4. KINETISCHE ENERGIE EINES STARREN KÖRPERS 197
2πR
11111111111111111111111111111
00000000000000000000000000000
00000000000000000000000000000
11111111111111111111111111111
00000000000000000000000000000
11111111111111111111111111111
00000000000000000000000000000
11111111111111111111111111111
h 00000000000000000000000000000
11111111111111111111111111111
00000000000000000000000000000
11111111111111111111111111111
00000000000000000000000000000
11111111111111111111111111111
00000000000000000000000000000
11111111111111111111111111111
Abbildung 5.13: Rollbewegung eines Zylinders auf einer schiefen Ebene (siehe
Diskussion im Text)
198 KAPITEL 5. STARRE KÖRPER
5.5. ABROLLBEWEGUNG 199
5.5 Abrollbewegung
Als Beispiel wollen wir nun die Bewegung eines Zylinders betrachten, der, wie in Abb. 5.13
eine schiefe Ebene herunterrollt. Am Anfang befindet er sich in Ruhe auf der Höhe h und
besitzt also die potenzielle Energie Mgh wobei M die Masse des Zylinders und g die Be-
schleunigung durch die Erdanziehung darstellt. Am Fußpunkt der schiefen Ebene ist diese
potenzielle Energie vollständig in kinetische Energie umgesetzt. Da die Rollbewegung um
die Drehachse erfolgt, die (bei homogener Dichte des Zylinders) durch den Schwerpunkt
des Zylinders verläuft, entfällt der oben diskutierte Mischterm der Bewegung und die
kinetische Energie setzt sich nur aus der Energie der Translation und der der Rotation
zusammen:
1 1
Mgh = Mv 2 + Iz ω 2 . (5.46)
2 2
Dabei bezeichnet v die Geschwindigkeit der Translationsbewegung. Zwischen dieser Ge-
schwindigkeit der Translationsbewegung und der Drehgeschwindigkeit ω gibt es nun noch
eine Verbindung, die Zwangsbedingung für die Rollbewegung. In der Zeit T , in der sich
der Zylinder einmal um die eigene Achse dreht, rotiert er um den Winkel 2π. Gleichzeitig
legt er den Weg 2πR zurück, wobei R der Radius des Zylinders ist. Es gilt also
2π 2πR
ω= und v= .
T T
Hieraus können wir herleiten
v
ω= ,
R
was, eingesetzt in (5.46) liefert
1 Iz
Mgh = M+ v2 . (5.47)
2 R2
Nachdem der Körper die Höhe h abgerollt ist, erhalten wir für seine Geschwindigkeit:
$
2gh
vend = (5.48)
1 + I/(MR2 )
Nun gilt für einen Vollzylinder: I = MR2 /2 und für einen Hohlzylinder I = MR2 .
Wir erhalten für diese beiden Körper:
2gh 2gh
vend = (Vollzylinder) (5.49) vend = (Hohlzylinder) (5.50)
1.5 2
√ √
was einen Faktor 1.5 ≈ 1.225 bzw. 2 ≈ 1.41 geringer ist als die Endgeschwindigkeit
eines nichtrotierenden Körpers.
In unserem Versuch ist h = 21 cm, was für einen nichtrotierenden Körper zu vend ≈
2.03 m/s führt, für den Vollzylinder zu 1.66 m/s und für den Hohlzylinder zu 1.43
m/s.
200 KAPITEL 5. STARRE KÖRPER
Man beachte ferner, dass in die obigen Beziehungen weder der Radius noch die Masse des
Zylinders einging, sondern nur sein ”innerer” Aufbau (d. h. hohl oder voll).
Grundsätzlich kann man nun aus dem Abrollverhalten eines Körpers mit unbekanntem
inneren Aufbau sein Trägheitsmoment bestimmen und daraus gerade auf seinen inneren
Aufbau Rückschlüsse ziehen.
Wir hatten dies an zwei verschlossenen Zylindern gleicher Masse und gleicher äußerer
Form demonstriert. Der langsamere der beiden Zylinder war ein Hohlzylinder, bei dem
schnelleren war der größte Teil seiner Masse in der Näche der Drehachse konzentriert, so
dass er nahezu die Endgeschwindigkeit eines nichtrotierenden Körpers erreicht.
Wir hatten noch zwei weitere Zylinder mit abrollen lassen, die eine sehr seltsame Be-
wegungsform zeigten: Ein Zylinder hatte eine ”Unwucht”, so dass dessen Schwerpunkt
nicht auf der Drehachse lag. Er bewegt sich extrem unregelmäßig die schiefe Ebene herab.
Im zweiten Zylinder war entlang der Rotationsachse ein Gummiband gespannt, an dem
eine Masse m angehängt war. Wenn der Zylinder bei entspanntem Gummiband anrollt,
verdrillt sich das Band und erzeugt ein Drehmoment auf die Masse. Diese bleibt zunächst
in Ruhe, bis ein kritisches Drehmoment erreicht ist und rollt dann im Innern des Zylinders
ab. Als Konsequenz beginnt die Dose, zurückzurollen (s. Abb. 5.14)
Eine weitere ”Spielerei”, die wir kurz angesprochen haben, ist das ”Wackelholz” (Abb.
5.15). Es sieht äußerlich sehr symmtrisch aus, hat aber in seinem Inneren eine Unwucht,
die durch die beiden Kreise (zusätzliche Massen) in Abb. 5.15 angedeutet sind. Bringt man
das Holz entlang seiner Längsachse zum Schaukeln, dann kippt das Holz in der Nähe seiner
Umkehrpunkte in Richtung der zusäztlichen Masse. Als Konsequenz rotiert das Holz im
Uhrzeigersinn. Dreht man das Holz im Uhrzeigersein, so bleibt diese Drehung stabil. Bei
Drehung gegen den Uhrzeigersinn führen immer vorhandene leichte Schaukelbewegungen
zur Abbbremsung der Drehung und schließlich zur Umkehr des Drehsinns.
5.5. ABROLLBEWEGUNG 201
ein Kreuz bilden. Diese Anordnung ist symmetrisch genug, dass das Rad stabil abrollen
kann.
Kreisel
Eine besonders oft genutzte Anordnung rotationsymmetrischer drehender Körper ist der
Kreisel, der um einen Auflagepunkt rotiert. Lagert man den Kreisel im Schwerpunkt, so
spricht man vom ”kräftefreien symmetrischen Kreisel”, andernfalls vom ”schweren
Kreisel”.
Die Symmetrieachse des Kreisels wird Figurenachse genannt. Wir wollen sie mit f be-
zeichnen. Neben dieser Achse sind im Folgenden noch die Rotationsachse ω und die
Richtung des Drehimpulses L wichtig. Die drei Größen f, ω und L
können, müssen
aber nicht in die gleiche Richtung zeigen.
Einen kräftefreien symmetrischer Kreisel kann man beispielsweise durch kardanische
Aufhängung oder durch Luftkissen-Lagerung erhalten (Abb. 5.18).
Lässt man den kräftefreien symmetrischer Kreisel schnell rotieren, so zeigen f, ω und
in die gleiche Richtung. Die Richtung von L
L bleibt aber im Raum erhalten, da keine
Drehmomente auf den Kreisel wirken, so dass auch die Figurenachse unabhängig von der
Rotation des ”Außensystems” immer in die gleiche Richtung weist. Dieses Prinzip wird
in Flugzeugen und Schiffen als ”Künstlicher Horizont” verwendet.
Drückt man nun sanft gegen den Kreisel und bewirkt dadurch eine langsame Änderung
der Richtung des Drehimpulses, so werden f und ω mitgenommen, bleiben also parallel
zu L.
Schlägt man dagegen gegen den Kreisel und bewirkt so eine schnelle Änderung des
Drehimpulses, so sind f, ω und L nicht mehr parallel zueinander. Jetzt rotieren die
Figurenachse und ω um L. Die entsprechende Drehung heißt ”Nutation” oder ”reguläre
Präzession” und erfolgt mit der ”Nutationsfrequenz” ωN , deren Größe wir an Hand
der Abb. 5.19 ableiten können.
5.6. ROTATIONEN UM FREIE ACHSEN; KREISEL 205
Abbildung 5.19: Nutation eines Kreisels, der sich nicht um die Figurenachse dreht.
Wir zerlegen zunächst ω in eine Komponente ω1 parallel zur Figurenachse und in eine
Komponente ω2 senkrecht dazu, ω = ω1 + ω2 . Analog können wir auch L in Komponenten
parallel und senkrecht zur Figurenachse zerlegen, L = L1 + L2 . Nun gilt L 1 = I1 ω1 und
2 = I2 ω2 . Da aber I1 = I2 ist, sind nun ω und L
L nicht mehr parallel. Auf Grund der
Drehimpulserhaltung bleibt L fest im Raum orientiert und ω , sowie f drehen sich um L.
Die Nutationsfrequenz ωN zeigt in Richtung von L. Aus der Abb. 5.19 entnehmen wir:
2
L cos ϕ
L
ωN cos ϕ = ω
2 = = . (5.51)
I2 I2
Hieraus folgt:
L
ω
N = . (5.52)
I2
Man beachte, dass sich auch f relativ zu ω mit der Nutationsfrequenz dreht. Dieser Effekt
lässt sich dadurch demonstrieren, dass eine Scheibe mit 3 unterschiedlichen Farbsegmenten
mit f mitrotiert. Das Auge, das über volle Umdrehungen der Scheibe mittelt, erkennt
jeweils die Farbe, durch die ω gerade zeigt.
Als nächstes wollen wir zum kardanisch aufgehängten Kreisel der Abb. 5.18 zurück-
kehren und Drehachse 2 blockieren. Der Kreisel kann jetzt um seine Figurenachse 1
rotieren und um die Achse 3 kippen. Rotieren wir nun die Aufhängung des Kreisels um
eine Drehachse ωD , die parallel zur Achse 3 sein soll, so wirkt auf den Kreisel ein Drehmo-
ment parallel zu ωD das via L˙ = D eine Änderung von L in Richtung ω
D bewirkt. Da ωD
wesentlich geringer ist als die Drehung ω des Kreisels um seine Figurenachse, bleiben f,
ω und L dabei parallel. Die Figurenachse des Kreisels und dessen Winkelgeschwindigkeit
zeigen nach einiger Zeit parallel zu ωD .
206 KAPITEL 5. STARRE KÖRPER
Wir können uns die Drehung des Kreisels auch dadurch veranschaulichen, dass wir uns in
ein Bezugssystem begeben, das mit ωD rotiert. Dann wirken auf den Kreisel Corioliskräfte,
D hin kippen, siehe Abb. 5.20.
die diesen zu ω
Auf diesem Effekt basiert der Kreiselkompass. Er stellt sich parallel zur Drehrichtung
der Erde ein, zeigt also (bei geeigneter Markierung) nach ”Norden”.
Abbildung 5.20: Kardanisch aufgehängter Kreisel mit blockierter Drehachse 2. Wird der
Kreisel mit ωD rotiert, so stellt sich ω
parallel zu ω
D . Die beiden oberen Bilder sind im
ruhenden Koordinatensysten, die beiden unteren im mit ωD mitrotierenden System. Fc1
und Fc2 seien die zu Drehachse zRK hin- bzw. wegzeigenden Anteile der Corioliskraft.
Es gilt hierbei:
˙ = D
L = −mg(R
× ez ). (5.53)
Abbildung 5.21: Präzedie-
render schwerer Kreisel
ist der Ortsvektor vom Auflagepunkt des Kreisels zum
R
(bei
Schwerpunkt, m sei die Masse des Kreisels. Nun ist L
einer Links-Drehung des Kreisels) parallel zu R. ˙ senkrecht zu L
Damit ist L und zur
5.6. ROTATIONEN UM FREIE ACHSEN; KREISEL 207
als R
z-Richtung. Wir schreiben R = · R und erhalten:
L
L
−Ly −Ly
˙ = − mgR (L
L × ez ) = mgR Lx = ωP · Lx . (5.54)
L L
0 0
• der ”Stehaufkreisel” wird angedreht wie in Abb. 5.22(a) dargestellt. Nach kurzer
Zeit richtet sich der Kreisel auf und rotiert wie in Abb. 5.22(a). Dabei wandert
offensichtlich der Schwerpunkt des Kreisels nach oben, d. h. der Kreisel gewinnt
potentielle Energie. Als Konsequenz muss ω und L abnehmen. Dass gerade die
Anordnung (b) der stabile Zustand ist, lässt sich nur schwer anschaulich erklären.
• Das ”Levitron” ist ein ferromagnetischer Kreisel, dessen ”Nordpol” über dem
”Nordpol” eines Permanentmagneten kreist. Diese Anordnung ist statisch labil; einer
der Magneten würde sofort umklappen, so dass sich Nord- und Südpol gegenüber-
stehen. Die Kreiselbewegung stabilisiert aber in gewissen Grenzen die Anordnung.
Durch die Abstoßung der beiden Magneten schwebt der Kreisel.
4
Wir können aus Lx und Ly auch zu einem komplexen Vektor l = Lx + iLy zusammensetzen, der sich
dann gemäß l(t) = l · exp(iωP t) zeitlich entwickelt.
208 KAPITEL 5. STARRE KÖRPER
• Eine auch statisch stabile Anordnung lässt sich durch einen Supraleiter erreichen,
der auf den Permanentmagneten gebracht wird. Im Supraleiter fließen sehr große
Ringströme, die unabhängig von der Orientierung des Supraleiters so gerichtet sind,
dass das von ihnen erzeugte Magnetfeld dem Feld des Permanentmagneten entgegen
wirkt und dieses aus dem Supraleiter verdrängt. Diese Ströme realisieren letztlich
die Kreiselbewegung, die den Supraleiter schweben lässt.
Kapitel 6
Ein Ideales Gas ist ein System aus N atomaren Teilchen, die elastisch aneinander
stoßen und so miteinander Energie austauschen können. Darüber hinaus sollen sie
aber keine Kräfte aueinander ausüben.
Das Problem besteht also nun darin, dass wir für große Anzahl von Teilchen, wenn wir also
z.B. die Atome in einem Kubickzentimeter Luft betrachten, es praktisch unmöglich ist die
Orte und Geschwindigkeiten so vieler Teilchen (von der Größenordnung der Loschmidt
Zahl N ≈ 6 1023 ) zu registrieren, geschweige denn als Funktion der Zeit zu verfolgen.
Wir müssen also nach anderen charakteristischen Kennzeichen oder Koordinaten für ein
Ideales Gas suchen.
Dabei hilft uns, dass, wie im weiteren Verlauf dieses Abschnittes noch sehen werden,
gerade für eine große Teilchenzahl N statistische Aussagen über Mittelwerte für die Ob-
servablen der einzelnen Atome sehr zuverlässige Ergebnisse liefert.
Als ein Beispiel für solch statistische Aussagen zur Frage wo sich ein Atom aufhält be-
trachten wir ein Volumen V , dass in zwei gleich große Teilvolumina V1 und V2 aufgeteilt
sein soll. Die Beobachtungsgröße (Observable) ist die Teilchenzahldichte
N
ρ= . (6.1)
V
209
210 KAPITEL 6. THERMODYNAMIK UND WÄRMELEHRE
Nehmen wir nun mal an, dass N = 2 Atome auf das Volumen verteilt werden soll. Die
Dichte ist dann
2 1 1
ρ= = = .
V V1 V2
Bei einer Verteilung der 2 Atome auf das Volumen V beziehungsweise die beiden Teilvo-
lumina gibt es 4 Möglichkeite
1) : 1 in V1 , 2 in V1
2) : 1 in V1 , 2 in V2
3) : 1 in V2 , 2 in V1
4) : 1 in V2 , 2 in V2
Von diesen 4 Möglichkeiten sind 2, nämlich Fall 2) und Fall 3), von der Art, dass beide
Teilvolumina die gleiche mittlere Dichte aufweisen. Bei den beiden anderen Möglichkeiten
haben wir aber Abweichungen von der mittleren Dichte und zwar Abweichungen von der
Größe 100 Prozent des Mittelwertes. Wenn nun die Verteilung zufällig erfolgt, so sind
alle 4 Realisierungsmöglichkeiten gleich wahrscheinlich. Wi rbeobachten also für den Fall
N = 2 mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent, dass die Abweichung der einzelnen
Dichten vom satistischen Mittelwert 100 Prozent beträgt.
Wir wollen nun an diesem Beispiel zeigen dass der statistische Fehler bei einer solchen
zufälligen Verteilung mit zunehmender Teilchenzahl geringer wird. Dazu betrachten wir
den etwas allgemeinerenFall, dass das Volumen V in zwei Teilvolumina aufgeteilt ist von
der Größe
V1 = pV und V2 = qV mit p + q = 1 . (6.2)
Bei einer zufälligen Aufteilung der Atome auf die Teilvoumina beträgt also die Wahr-
scheinlichkeit, dass ein Atom in V1 landet p, und die dass es in V2 landet q. Wie es sich
für Wahrscheinlichkeiten gehört sind p und q positive Zahlen und kleiner gleich Eins.
Als nächstes beweisen wir nun den Satz über die Binomialverteilung:
In einem bestimmten System sei die Wahrscheinlichkeit ein Teilchen in einem Zu-
stand zu finden gegeben durch p(p ≤ 1) und damit die Wahrscheinlichkeit diese
Teilchen nicht in diesem Zustand zu finden durch q = 1 − p. In diesem Fall ist
die Wahrscheinlichkeit genau n Teilchen aus einer Gesamtzahl von N Teilchen in
diesem Zustand zu finden gegeben durch die Binomialverteilung:
N!
P (n) = pn q N −n (6.3)
n! (N − n)!
Zum Beweis dieses Satzes stellen wir uns vor, dass alle N Teilchen durchnumeriert sind.
Dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Teilchen 1 bis n in dem bewussten Zustand sind,
gegeben durch pn . Die Wahrscheinlichkeit ausserdem die Teilchen n + 1 bis N nicht in
diesem Zustand zu finden ist gegeben durch das Produkt pn q N −n . Nun soll natürlich die
Wahrscheinlichkeit P (n) von (6.3) nicht nur den Fall erfassen, dass gerade die bestimmten
Teilchen 1 bis n in dem Zustand sind. Vielmehr müssen alle Fälle berücksichtig werden, bei
denen eine beliebige Gruppe von n aus N Teilchen gerade diese Bedingung erfüllt. Damit
ist P (n) gegeben also durch das Produkt von pn q N −n mal die Zahl der Möglichkeiten n
6.1. DEFINITION UND FREIHEITSGRADE 211
Teilchen aus N herauszugreifen. Wenn wir also nun noch beweisen, dass diese Zahl gegeben
ist durch den Binomialkoeffizienten
N N!
= (6.4)
n n! (N − n)!
N N
N
P (n) = pn q N −n
n=0 n=0
n
= (p + q)N = (p + 1 − p)N = 1
N=4
N=10
N=40
Maximum wird also durch den Binomialkoeffizienten bewirkt, d.h. dadurch, dass es eben
sehr viel mehr Möglichkeiten gibt die Teilchen gleichmäßig zu verteilen als etwa die nur
eine Möglichkeit alle Teilchen in das Teilvolumen V1 unterzubringen.
Um nun etwas genauer zu verstehen warum das Maximum der Wahrscheinlichkeitsvertei-
lung mit zunehmendem N immer ausgeprägter wird, beweisen wir noch den Satz über die
Normal- oder auch Gauß-Verteilung:
Zum Beweis dieser Gauß-Verteilung führen wir zunächst einmal die Variable
n n0
x= , x0 = (6.6)
N N
ein und betrachten eine Funktion w(x), die an den diskreten Werten für x, die in (6.6)
definiert sind, mit P (n) identisch ist und für Werte von x dazwischen kontinuierlich fort-
gesetzt ist. Für diese Funktion w(x) betrachten wir die Taylor - Entwicklung von ln w(x)
6.1. DEFINITION UND FREIHEITSGRADE 213
Den Wert für w0 gewinnen wir nun aus der Normierungsbedingung für eine Wahrschein-
lichkeitsverteilung w(x), nämlich
∞
η2
1 = w0 e− 2pqN dη
−∞
= w0 2πpqN
Löst man diese Gleichung nach w0 auf, setzt das Ergebnis in (6.12) ein, so erhält man die
Gauß-Verteilung in (6.5).
Die Approximation der Binomialverteilung durch die Gauß-Verteilung von (6.5) sollte für
große Werte von N gut funktionieren. Denn der Abbruch der Taylorentwicklung (6.7) ist
nur für kleine Werte x − x0 gerechtfertigt. Für große N benötigen wir aber die Verteilung
nur bei kleinen Werten von x − x0 , da bei großen Abweichungen x − x0 die Verteilung auf
Null absinkt. In Figur 6.1 vergleichen wir die Binomialverteilungen (gestrichelte Linien)
für N = 4, 10 und 40 mit den entsprechenden Gauß-Verteilungen (durchegezogent). Dabei
stellt man fest, daß die Näherung aber bereits recht brauchbare Ergebnisse für N = 4
beziehungsweise N = 10 liefert und für N = 40 der Unterschied nicht mehr darstellbar
ist.
Die Breite der Gauß-Verteilung, das heißt der Wert für (x − x0 ) bei dem die Wahrschein-
lichkeit auf den Wert w0 /e abgefallen ist, ist gegeben durch
2pq 2pq
(x − x0 )2 = also (x − x0 ) = . (6.13)
N N
Damit fällt also die relative
√ Breite mit zunehmendem N ab. Genau genommen ist dieser
Abfall proportional 1/ N . Dies erklärt noch einmal, dass die Maxima der betrachteten
Gauß-Verteilungen mit zunehmender Teilchenzahl immer ausgeprägter werden und somit
die Vorhersagen für solche statistischen Beobachtungsgrößen, wie wir sie hier diskutiert
haben, mit wachsendem N immer präziser werden. Dies gilt für Teilchenzahlen aber auch
für andere Beobachtungsgrößen, wie z.B. die mittlere Energie eines makroskopischen Sy-
stems, die sich bei bekannter Wahrscheinlichkeitsverteilung P (i) für die verschiedenen
Zustände i aus den Energien i dieser Zustände ausrechnen lässt zu
¯ = i P (i)
i
Wir wollen nun die Situation betrachten, dass die N Atome eines Idealen Gases sich zum
Beginn unseres Gedankenexperimentes alle im Teilvolumen V1 aufhalten, das durch einen
Schieber vom Teilvolumen V2 getrennt sein soll. Zu einem bestimmten Zeitpunkt t0 soll
nun dieser Schieber geöffnet werden, so dass sich alle Teilchen auf die beiden Volumina
verteilen können (sieeh Abb. 6.2).
Nach einer gewissen Zeit werden sich die Atome gleichmässig auf die beiden Teilvolumina
verteilen. Das bedeutet, dass wir mit großer Wahrscheinlichkeit eine Verteilung der Atome
auf die beiden Volumina erhalten, bei der der Anteil der Atome in V1 sehr nahe an dem
statistischen Anteil n1 = pN ist. Dies gilt insbesondere, wenn die Gesamtzahl der Atom
N sehr groß ist. Wir sagen, das System befindet sich im Statistischen Gleichgewicht.
Man bezeichnet diese Situation auch häufig als Thermisches Gleichgewicht.
Wir wollen dieses Gedankenexperiment heranziehen um einige allgemeine Eigenschaften
des Statistischen Gleichgewichtes zu erläutern:
6.1. DEFINITION UND FREIHEITSGRADE 215
V1 V2
11
00
00
11
1 00
0 11 00
0
1
11 00
11
0
1 0
1
0
1 11
00
11 11
00 00 1
0 00
11
00
11
00
11 00
11
00
11 00
11
00
1100
1100
11
1 0
0 111
0000
11
00
11
00
11 0
1 11
000011
11 00
00 1
11 0 00 0
11 1
1
0
Abbildung 6.2: Ein System bestehend aus N Teilchen in einem Volumen V.
Durch einen beweglichen Schieber kann das Volumen in zwei Teile V1 und V2
unterteilt werden. Zur Zeit t = 0 befinden sich alle Teilchen im Teilvolumen
V1 .
• In unserem Beispiel aus Abb. 6.2 benötigten die Atome eine gewisse Zeit, bis sie
sich gleichmäßig auf die beiden Volumina verteien. Entsprechendes gilt auch für
andere Systeme: In der Regel dauert es eine gewisse Zeit bis sich das Statistische
Gleichgewicht einstellt.
• Der Einstellen des Thermischen Gleichgewichtes ist ein irreversibler Vorgang: Für
eine große Anzahl von Atomen ist die Wahscheinlcihkeit, dass die Ausgangssituati-
on (im Beispiel der Abb. 6.2: alle Teilchen im linken Teilvolumen) wieder erreicht
wird so gering, dass dieser praktisch (während der Lebensdauer unseres Universums)
nicht passieren wird. Man muss von außen in das System eingreifen um den Anfangs-
zustand wieder herzustellen (in dem man etwa unter Aufwendung von Energie alle
Atome zurückschiebt).
• Beim Einstellen des Statistischen Gleichgewichtes wird eine Verteilung realisiert für
die die Anzahl der Realisierungsmöglichkeiten (also im Beispiel die Zahl der Möglich-
keiten die Atome auf die beiden Volumina zu verteilen) größer ist als im Ausgangs-
zustand (bei dem es ja nur die eine Möglichkeit gibt: alle Teilchen in ein Volumen).
Beim Übergang zum Statistischen Gleichgewicht wächst also die Unordnung. Man
kann auch sagen, dass wir weniger Information haben: Wir wissen nicht, welcher
der möglichen Realisierungen umgesetzt wird. Wir werden später diese Unordnung
bzw. die Unkenntnis mit dem Begriff Entropie verknüpfen.
• Das Einstellen des Statistischen Gleichgewichtes ist ein Kennzeichen für die Zeit-
entwicklung. Auf der mikroskopischen Ebene gilt die Zeitumkehrsymmetrie: wenn
wir einen Film über den Stoß zweier Atome sehen würden können wir nicht sagen,
ob dieser Film richtig abgespielt wird oder im Rücklauf. Bei der Einstellung des
Gleichgewichtes (wie im Beispiel der Abb. 6.2) wissen wir aber sehr wohl ob ein
Film von diesem Vorgan in der Richtung Zeitfolge abgespielt wird.
216 KAPITEL 6. THERMODYNAMIK UND WÄRMELEHRE
6.2. TEMPERATUR UND BOLTZMANN VERTEILUNG 217
Nach der Definition eines idealen Gases führen die Atome dieses Gases elastische Stöße
aus etwa in der Form
v1 + v2 → v1 + v2 , (6.16)
was bedeuten soll, dass zwei Atome mit den Geschwindigkeiten v1 und v2 so aneinander
stoßen, dass sie anschliessend die Geschwindigkeiten v1 und v2 haben. Bei einem solchen
Stoß sollte natürlich der Energie erhalten bleiben, es muss also gelten
wobei sich die Energie ε1 auf das Atom mit der Geschwindigkeit v1 bezieht und für die
anderen Energien entsprechendes gilt. Die Zahl der Stöß vom Typ (6.16) ist proportional
zur Zahl der Atomepaare, die die Geschwindigkeiten v1 beziehungsweise v2 besitzen, also
proportional zum Produkt der Wahrscheinlichkeitsdichten f (v1 ) und f (v2 ). Wenn das
System im thermischen Gleichgewicht ist muss es genau so viele Stöße vom Typ (6.16)
wie solche in umgekehrter Richtung
v1 + v2 → v1 + v2 .
Da die Wahrscheinlichkeitsdichte offensichtlich mit der Energie der Teilchen verknüpft ist,
können wir auch schreiben, dass gilt
Diese Bedingung wird für allgemeine Prozesse, bei denen die Energieerhaltung (6.17)
gewährleistet ist gerade erfüllt durch die Verteilung
Dabei können wir annehmen, dass β eine positive Zahl ist. Natürlich ist aus mathemati-
scher Sicht auch die Funktion in (6.19) mit negativem Wert von β eine Lösung. In diesem
Fall würde aber die Wahrscheinlichkeitsdichte für hohe Energien divergieren. Dies scheint
nicht sehr vernünftig, da das ja bedeutet, dass die Zahl der Atome exponentiell mit ihrer
Energie anwächst. Darüber hinaus würde ein solches Verhalten aber auch die Normierung
entsprechend (6.15) unmöglich machen. Mit
f (v) = f0 e−β 2 v ,
m 2
ist also die Form der Wahrscheinlichkeitsverteilung bestimmt. Wir müssen aber noch
die Parameter f0 und β in dieser Verteilung bestimmen, beziehungsweise verstehen. Die
Konstante f0 wird durch die Normierungsbedingung (6.15) festgelegt. Dazu berechnen wir
∞
−β m v 2 2π
1= f0 e 2 dv = f0 ,
−∞ βm
f(v)
Geschwindigkeit v
Dieser Mittelwert berechnet sich dadurch, dass man alle möglichen Geschwindigkeiten
betrachtet, dafür jeweils die kinetische Energie berechnet, multipliziert mit der Wahr-
scheinlichkeitsdichte f (v) ein Atom dieser Geschwindigkeit vorzufinden und dann dieses
Produkt über alle Geschwindigkeiten integriert.
Setzt man also in diese Gleichung (6.21) die Wahrscheinlichkeitsdichte aus (6.20) ein, so
ergibt sich
m ∞ 2 −β m v2 1
ε̄ = f0 v e 2 dv = . (6.22)
2 −∞ 2β
Anders ausgedrückt der Parameter 1/β entspricht der doppelten mittleren Energie ε̄ der
statistischen Bewegung. Diese mittlere kinetische Energie wird durch einen Parameter,
die Temperatur T charakterisiert. Temperaturen werden allerdings im Allgemeinen in
anderen Einheiten (Grad Celsius oder Kelvin) angegeben als die Energie (in Joule). Wir
benötigen daher noch einen Umrechnungsfaktor zwischen diesen verschiedenen Skalen und
definieren
1
kB T = = 2ε̄ . (6.23)
β
Der Umrechnungsfaktor kB , die sogenannte Boltzmann Konstante dient zur Umrech-
nung von Temperaturskalen in Energieskalen und hat den Wert
Joule
kB = 1.381 10−23 . (6.24)
Kelvin
Er erlaubt also die Umrechnung einer Temperatur, die in Kelvin gemessen wird (Defini-
tion siehe unten), in eine Energie, gemessen in Joule. Erhöht sich die Temperatur um ein
Kelvin, das entspricht einem Grad Celsius, so erhöht sich nach (6.23) die mittlere kine-
tische Energie der Teilchen um 2 mal 1.381 10−23 Joule. Dies ist eine Aussage über die
220 KAPITEL 6. THERMODYNAMIK UND WÄRMELEHRE
mittlere kinetische Energie, insgesamt liegt jedoch eine Energieverteilung oder Geschwin-
digkeitsverteilung (6.20) vor, die wir nun umschreiben können in
m − mv
2
f˜
E= N kB T . (6.29)
2
Führen wir also einem solchen System eine bestimmte Energiemenge ∆Q zu in Form von
Wärmeenergie, d.h. in der Form, dass Energie der ungeordneten stochastischen Bewegung
erhöht wird, so ist das mit einer Temperaturerhöhung ∆T verknüpft in der Form
f˜
∆Q = N kB ∆T . (6.30)
2
6.2. TEMPERATUR UND BOLTZMANN VERTEILUNG 221
Dieses Ergebnis können wir nun experimentell überprüfen und definieren dazu die
Wäremkapazität des Systems
∆Q dQ
C = lim = . (6.31)
∆T →0 ∆T dT
In einfachen Worten ausgedrückt misst man die Wärmekapazität eines Systems dadurch,
dass man die Wärmemenge ∆Q bestimmt, die man benötigt, um die Temperatur um
∆T gleich 1 Kelvin oder um 1 Grad Celsius zu erhöhen. Sie wird angegeben in Einheiten
Joule/Kelvin. Nach den oben angestellten Überlegungen (6.30) sollte die Wärmekapazität
gegeben sein durch
f˜
C = N kB . (6.32)
2
Dies kann man relativ einfach überprüfen, beziehungsweise durch die experimentellen
Daten bestimmen, wie viele Freiheitsgrade f˜ für die einzelnen Atome oder Moleküle vor-
liegen. Handelt es sich nämlich um ein Gas von Atomen, bei denen die einzelnen Atome
wirklich als Punktteilchen anzusehen sind, dann sollte f˜ gleich 3 also der Zahl der Transla-
tionsfreiheitsgrade sein. Kann man andererseits die Moleküle eines Gases als einen kleinen
starren Körper ansehen, so sollten neben den 3 Freiheitsgraden der Translation für jedes
Molekül auch noch 3 Freiheitsgarde der Rotation möglich sein. f˜ wäre also in diesem Fall
6.
Für den Vergleich der Theorie in (6.32) mit dem Experiment muss aber noch die Zahl der
Atome N des Systems bestimmt werden. Dies ist natürlich nicht so einfach. Man definiert
deshalb zunächst einmal für jedes Material die spezifische Wärmekapazität c, das ist
die Wärmekapazität pro Kilogramm des Materials
C
c= in Einheiten Joule/(Kelvin · kg) . (6.33)
Masse M in kg
Diese Größe ist experimentell sehr einfach zu bestimmen, sagt aber für den Vergleich mit
der Theorie in (6.32) nicht sehr viel aus, da ja z.B. in einem Kilogramm Blei sehr viel
weniger Atome sind als in einem Kilogamm Wasserstoff. Ein Atomkern des Bleis (genauer
des Isotops 208 Pb) besteht aus 208 Nukleonen und ist damit etwa 208 mal so schwer wie
der Atomkern eines Wasserstoffatoms, das ja nur ein Proton enthält. Deshalb definiert
man die molare Wärmekapazität als die Wärmekapazität eines Mols.
C
C= in Einheiten Joule/(Kelvin · Mol) . (6.34)
Anzahl der Mole
Ein Mol ist dabei die Menge des Materials, das gerade n Gramm wiegt, wobei n das
Atomgewicht bezogen auf Wasserstof ist, also praktisch die Zahl der Nukleonen im ent-
sprechenden Atomkern. Genauer genommen ist dieses Atomgewicht n natürlich ein Mit-
telwert, der berücksichtigt, dass die meisten Elemente in verschiedenen Isotopen vorliegen,
und ausserdem die Massendeffekte durch die Bindungsenergie. Es ist also 2 Gramm Was-
serstoff ein Mole des Molekülgases H2 , bei dem jedes Molekül ja aus 2 H Atomen besteht.
Andererseits liegt z.B. das Edelgas Argon als atomares Gas vor mit einem Atomgewicht
von etwa 40; damit ist also 1 Mol Argon gerade durch 40 Gramm realisiert.
Die Zahl der Atome oder Moleküle in einem Mol ist also identisch für alle Materialien.
Diese Zahl, die sogenannte Loschmidt Zahl oder Avogadro Konstante ist gegeben
222 KAPITEL 6. THERMODYNAMIK UND WÄRMELEHRE
Die Masse der Klötzchen ist deutlich größer als die der Kugeln und damit ist ihre mittlere
”thermische” Geschwindigkeit deutlich kleiner (Die ”Temperatur” des rüttelnden Kugeln
ist natürlich keineswegs gleich der Zimmertemperatur).
Wir wollen nun mittels Gleichung 6.37 berechnen, wie groß vth für reale Moleküle ist. Wir
schreiben die Masse eines beliebigen Moleküls zunächst als µmH , wobei mH = 1.67 · 10−27
kg die Masse eines Wasserstoffatoms ist. Luft besteht zu ca. 20% aus O2 und zu 80% aus
N2 . Der mittlere Wert für µ ist für Luft daher µ ≈ 29 [= (0.8 · 14 + 0.2 · 16) · 2]. Man erhält
dann für eine Temperatur von 20◦ C (=293 K) einen Wert vth ≈ 500 m/s, was ungefähr
das Doppelte der Schallgeschwindigkeit ist.
Für T = 3000 ◦ C ergibt sich für Luft vth ≈ 1600 m/s. Analog ergeben sich für Wasserstoff-
moleküle Werte von 1900 m/s bei 20 ◦ C und von 6000 m/s bei 3000 ◦ C. Wir haben die
Werte für eine Temperatur von 3000 ◦ C deshalb angegeben, weil sie nicht unwesentlich
für die Raketenphysik sind. Die Endgeschwindigkeit, die eine Rakete erreichen kann,
war ja proportional zur Geschwindigkeit des ausgestoßenen Gases, und diese ist letztlich
224 KAPITEL 6. THERMODYNAMIK UND WÄRMELEHRE
durch die Geschwindigkeit der Moleküle in der Brennkammer limitiert (vgl Gleichung
(3.27). Man benötigt als ein möglichst leichtes Gas, das bei möglichst hohen Tem-
peraturen verbrennt. Deswegen wird die Hauptrakete des ”Space shuttle” mit Knallgas
(O2 + 2H2 ) betrieben.
Kehren wir zurück zum Schüttelapparat. Hier wurden die Klötzchen durch die kleinen
Kugeln in eine Zitterbewegung versetzt. Einen ganz analogen Effekt beobachtete 1828 der
Botaniker Robert Brown, als er Pollen einer Pflanzenart unter dem Mikroskop untersuchte.
Er fand, dass die Pollen eine ständige Zitterbewegung durchführten. Heute wissen wir, dass
diese Bewegung dadurch verursacht wird, dass die Pollen ständig durch die Moleküle der
Luft angestoßen werden (”Brown’sche Molekularbewegung”). Man kann den Effekt z.
B. dadurch vorführen, dass man eine Emulsion sehr kleiner Partikel (1-2 µm Durchmesser),
oder auch einen Tropfen homogenisierter Milch, unter dem Mikroskop betrachtet. Wenn
wir annehmen, das Teilchen habe eine Masse von 10−11 kg, so erreicht diese immerhin
eine mittlere thermische Geschwindigkeit um 30 µm/s, was sich unter dem Mikroskop gut
beobachten lässt.
Es sei ferner angemerkt, dass die Brown’sche Molekularbewegung das Auflösungsvermögen
eines Messinstruments begranzen kann. Beispielsweise haben wir beim Cavendish-Experi-
ment die Drehung der Massen durch einen Laserstrahl abgebildet, der an einem am Faden
angebrachten Spiegel abgelenkt wurde. Auf Grund der Brown’schen Bewegung zittert der
Spiegel leicht, was die Auflösung begrenzt. In unserem Experiment war der Effekt zwar
gegenüber allen anderen Fehlerquellen völlig vernachlässigbar; er ist aber wesentlich bei
vielen hochauflösenden Geräten. Auch bei elektronischen Geräten gibt es einen ähnlichen
Effekt. Dort bewegen sich die Elektronen statistisch hin und her. Das daraus resultierende
”Rauschen” einer Größe wie der elektrischen Spannung heisst ”Nyquist-Rauschen”
oder ”weißes Rauschen”.
gegeben. Dieser Nullpunkt ist nicht vollständig erreichbar oder gar unterschreitbar. Man
kann sich ihm aber sehr weit annähern. Die Unterteilung der Kelvin-Skala ist die gleiche
wie bei der Celsius-Skala, d. h. eine Temperaturdifferenz von 1 K ist identisch mit der
Temperaturdifferenz von 1 ◦ C. In Einheiten der Celsius-Skala liegt T = 0 K bei T = -273
◦
C. Die Kelvin-Skala wurde von Lord Kelvin (ehem. William Thomson) 1848 eingeführt.
Bei der vor allem in den USA wird noch immer die Fahrenheit-Skala benutzt. (durch
D. G. Fahrenheit, seit 1714). Ihr Nullpunkt ist durch die Temperatur einer Eis-Wasser-
Salmiak-Mischung bestimmt und liegt bei -17.78 ◦ C. Die Temperatur des menschlichen
Blutes (definiert als 37.7◦ C) wurde als 100 ◦ F festgelegt. Die Umrechnung von Celsius
nach Fahrenheit ist:
5
x ◦ F = · (x − 32)◦ C. (6.39)
9
Die Réaumur-Skala (R. A. Réaumur, seit 1730) - sie wird heute praktisch nicht mehr
verwendet - legt bei 1 bar gefrierendes Wasser als 0 ◦ R und bei 1 bar siedendes Wasser
als 80 ◦ R fest. Damit gilt die Umrechnung:
5
x ◦R = · x ◦ C. (6.40)
4
Für reale Thermometer werden wesentlich mehr als zwei Fixpunkte zur Eichung
benötigt, da im allgemeinen die zur Temperaturmessung herangezogene Größe nicht oder
zumindest nicht völlig linear mit der Temperatur zusammenhängt.
Man verwendet als Fixpunkte beispielsweise die Siede- oder Schmelzpunkte unterschied-
licher Materialien bei einem genau spezifizierten Druck. Beispiele sind in Tab. 6.1 ange-
geben.
Tabelle 6.1: Schmelzpunkte und Siedepunkte einiger Materialien bei einem Druck von
1.013 bar. Diese Werte werden als Fixpunkte zur Eichung von Thermometern herangezo-
gen.
Insbesondere die Siedepunkte der obigen Materialien sind z. T. stark druckabhängig. Die
Eichung des Thermometers setzt also eine genaue Kenntnis des Drucks voraus1 . Eleganter,
1
Umgekehrt kann bei geeichtem Thermometer die Bestimmung des Siedepunkts zur Druckmessung
dienen.
226 KAPITEL 6. THERMODYNAMIK UND WÄRMELEHRE
allerdings technisch oft schwerer zu realisieren, sind ”Tripelpunkte”, bei denen die drei
Phasen fest-flüssig-gasförmig miteinander koexistieren. Hier sind Druck und Temperatur
eindeutig. Für Wasser liegt der Tripelpunkt bei p = 6.1 mbar, T=0.0075 ◦ C. Für CO2
liegt er bei p = 5.1 bar, T=-56 ◦ C.
Beispiele für Thermometer
Wie bereits erwähnt, kann im Prinzip jede physikalische Größe X zur Temperaturmes-
sung ausgenutzt werden, die eindeutig mit der Temperatur verknüpft ist. In der Praxis
wird man für einen gegebenen Temperaturbereich, in dem man messen will, ein möglichst
einfaches bzw. einfach zu handhabendes Thermometer heranziehen. Ein Beispiel für die
Temperaturmessung im Bereich der Raumtemperatur sind Flüssigkeitsthermometer. Ihr
Gültigkeitsbereich ist offensichtlich auf die Temperaturen beschränkt, bei denen der ver-
wendete Stoff (z. B. Alkohol) auch tatsächlich flüssig ist. In ähnlicher Form existiert auch
für jedes andere Thermometer nur ein endliches Temperaturintervall, in dem dieses funk-
tioniert.
Es ist ebenfalls hilfreich, wenn der Zusammenhang zwischen der verwendeten Messgröße
und der Temperatur möglichst linear ist. Dies ist zwar keine notwendige Voraussetzung,
erleichtert aber das Ablesen bzw. die Eichung des Thermometers.
Der erste Thermometertyp, den wir besprechen wollen, basiert auf der thermischen
Ausdehnung von Gasen, Flüssigkeiten oder Festkörpern.
Betrachten wir hierzu zunächst einen Stab, der bei der Temperatur T0 die Länge l0 hat.
Wenn sich die Temperatur um ∆T auf den Wert T = T0 + ∆T ändert, dann ändert sich
dl(T )
die Länge des Stabes um eine Länge ∆l ≈ dT · ∆T . Es gilt also für nicht allzu große
T0
Änderungen ∆T :
lT = l0 (1 + α∆T ). (6.41)
dl(T )
dT
Hierbei ist α = der ”lineare thermische Ausdehnungskoeffizient”. Im all-
T0
gemeinen ist α selbst eine Funktion der Temperatur. Anstelle der linearen Ausdehnung
eines Stabes können wir ebenfalls die Volumenausdehnung eines Stoffes betrachten.
Nehmen wir hierzu bei der Temperatur T0 einen Würfel der Kantenlänge l0 (Volumen:
V0 ). Bei der Temperatur T = T0 + ∆T gilt dann:
Hierbei haben wir angenommen, dass die Längenänderung ∆l wesentlich kleiner ist als l0 .
Wir haben ebenfalls den ”Volumen-Ausdehnungskoeffizienten” γ = 3α eingeführt.
In Tab. 6.2 sind Zahlenwerte für α für einige Festkörper aufgeführt. Die genauen Zahlen
gelten in der nähe der Zimmertemperatur. Typischerweise erhält man aber Werte von
einigen 10−6 pro ◦ C. Ein 1 m langer Stab ändert sich für ∆T = 100 ◦ C also um 0.1 - 1
mm.
Diese Änderung scheint auf den ersten Blick zu klein zu sein, um ihn zur Thermome-
trie zu nutzen. Der Trick besteht darin, zwei unterschiedliche Materialien (i. allg. zwei
Metalle) miteinander zu verbinden wie in Abb. 6.4 dargestellt (”Bimetallstreifen”). Bei
einer Temperaturänderung ∆T dehnt sich das Metall 1 um ∆l1 = α1 ∆T , das Metall 2 um
∆l2 = α2 ∆T aus. Waren die Streifen bei der Temperatur T0 gleich lang, so unterscheidet
6.3. THERMISCHE BEWEGUNG, TEMPERATUR UND WÄRME 227
sich ihre Länge bei der Temperatur T = T0 +∆T um ∆l1 −∆l2 = (α1 −α2 )·∆T . Der Strei-
fen muss sich biegen. Er beschreibt dann annähernd einen Kreisbogen mit Öffnungswinkel
ϕ.
Es sei lT,1 bzw. lT,2 die Länge der beiden Metalle, wenn
sie nicht miteinander verbunden wären. Da die beiden Material α [10−6 /◦ C]
Metalle an der Kontaktfläche gleich lang sein müssen, Quarzglas 8.0
wird Metall 1 zur Kontaktfläche hin gegenüber lT,1 ge- Jenaer Glas 0.5
dehnt, Metall 2 gegenüber lT,2 gestaucht. In der Mitte Kupfer 16.7
der beiden Streifen betragen die Längen lT,1 bzw. lT,2 Aluminium 23.8
(”neutrale Fasern”). Eisen 12.0
Der Abstand vom Kreismittelpunkt zur neutralen Faser
des Metalls 1 sei r, der Abstand zur neutralen Faser des Tabelle 6.2: Linearer ther-
Metalls 2 sei r + d. Es gilt dann: mischer Ausdehnungskoeffizi-
ent für einige Festkörper
lT,1 = rϕ und lT,2 = (r + d)ϕ (6.43)
(α2 − α1 )∆T
lT,2 − lT,1 = (α2 − α1 )∆T = dϕ bzw. ϕ= (6.44)
d
Wenn die beiden Metalle dünn sind, d. h. d sehr klein ist, ist diese Biegung ist groß genug,
um leicht nachgewiesen werden zu können.
Zur thermischen Ausdehnung von Festkörpern ist noch anzumerken, dass sie grundsätzlich
dadurch zustande kommt, dass die regelmäßig angeordneten Gitterbausteine mit einer
mit zunehmender Temperatur wachsenden Amplitude um ihre Ruhelage herumschwingen.
Man muss hier allerdings die Anharmonizität dieser Schwingung berücksichtigen. Ein
harmonischer Oszillator würde unabhängig von seiner Auslenkung immer um die gleiche
228 KAPITEL 6. THERMODYNAMIK UND WÄRMELEHRE
Ruhelage herum schwingen. Die schwingenden Atome des Kristallgitters wären dann im
Mittel immer gleich weit voneinander entfernt. Im realen Festkörper nimmt die abstoßende
Kraft zwischen zwei Atomen aber überproportional zu, wenn diese sich gegenüber ihrer
Ruhelage aufeinander zu bewegen. Die anziehende Kraft nimmt überproportional ab, wenn
sich die Atome voneinander wegbewegen. Als Resultat bleiben die Atome etwas länger bei
großen Abständen als bei kleinen. Der zeitliche Mittelwert des Abstands (die Ruhelage)
vergrößert sich mit wachsender Schwingungsamplitude, und der Festkörper dehnt sich
aus.
Wir können dies gut in einem Energiediagramm darstellen, das die potentielle Energie
eines Atoms gegenüber einem zweiten darstellt. Der Nullpunkt des Koordinatensystems
sei bei Atom 1. Würde die Kraft zwischen beiden Atomen dem Hooke’schen Gesetz folgen,
wäre die potentielle Energie die einer Feder, U = 12 C(x − x0 )2 . Atom 2 würde harmonisch
um die Ruhelage x0 schwingen (Abb. 6.5(a)). Die reale potentielle Energie ist in Abb.
6.5(b) aufgetragen. Sie durchläuft bei x0 ein Minimum und wächst für kleine Abstände
sehr stark an. Für Abstände wesentlich größer als x0 geht U gegen null. Entwickelt man
U(x) um x0 , so erhält man
dU 1 dU 1 dU
U(x) = U(x0 ) + (x − x0 ) + (x − x0 )2 + (x − x0 )3 + . . . . (6.45)
dx x0 2 dx x0 6 dx x0
Der lineare Koeffizient dU dx
verschwindet bei x0 , wie aus Abb. 6.5(b) ersichtlich. Der qua-
dratische Term liefert gerade das Hooke’sche Gesetz. Entscheidend ist der kubische Term.
Er ist das erste Glied der Taylorreihe, das zur thermischen Ausdehnung führt.
Abbildung 6.5: Zur thermischen Ausdehnung von Festkörpern: Potentielle Energie ei-
nes Atoms 2 beim Abstand x gegenüber einem Atom 1 im Ursprung. (a) Harmonische
Näherung, (b) realistische Darstellung.
Gehen wir nun zur thermischen Ausdehnung von Flüssigkeiten und Gasen über. In Tab.
6.3 sind Zahlenwerte für den Volumen-Ausdehnungskoeffizienten γ für einige Flüssigkeiten
angegeben, in Tab. 6.4 die Volumen-Ausdehnungskoeffizienten einiger Gase.
Es fällt im Vergleich zu Tab. 6.2 auf, dass die Ausdehnungskoeffizienten der Flüssigkeiten
um ca. eine Größenordnung höher sind als die der Festkörper. Bei Gasen sind die ent-
sprechenden Werte zum einen nochmals um eine Größenordnung höher, zum anderen für
6.3. THERMISCHE BEWEGUNG, TEMPERATUR UND WÄRME 229
Material γ [10−6 /◦ C]
Quecksilber 181
Benzol 1060
Wasser 230
Gas γ [1/◦ C]
Luft 0.0033675
H2 0.003662
He 0.00366
Ar 0.003676
CO2 0.003726
alle Gase nahezu identisch. Sie werden in Kürze die Eigenschaften des ”idealen Gases”
kennenlernen, in dem die Gasmoleküle als punktförmige Teilchen angesehen werden, die
lediglich über elastische Stöße miteinander wechselwirken.
Für dieses ideale Gas ergibt sich bei festem Druck für die Volumenausdehnung:
T[◦ C]
V = V0 · 1 + . (6.46)
273.2
Das Thermoelement nützt aus, dass die Dichte frei beweglicher Elektronen in unter-
schiedlichen Metallen unterschiedlich ist. Bringt man zwei unterschiedliche Metalle in
Kontakt, treten Elektronen aus dem Metall mit der höheren Konzentration in das andere
Metall über, was zu einer Aufladung bzw. einer elektrischen Spannung (”Thermospan-
nung”) führt (Abb. 6.6(a)).
den Hintergrund bekannter Temperatur. Sobald der Probekörper ”verschwindet”, hat der
die gleiche Temperatur wie der Hintergrund.
Beim Rauschthermometer schließlich wird das Nyquist-Rauschen der Elektronen in
Metallen beobachtet, das wir schon bei der Brown’schen Bewegung kurz angesprochen
haben. Durch das Nyquistrauschen fluktuiert die über einem Draht abgegriffene elektri-
sche Spannung U. Die Rauschleistung (∝ U 2 ) ist dabei proportional zur absoluten Tem-
peratur (Kelvin Skala). Rauschthermometer kommen damit der kinetischen Definition der
absoluten Temperatur sehr nahe.
oder dem Stromfluss im Supraleiter (Paare von Elektronen im gleichen Zustand). Viele
dieser Phänomene werden Siie im Verlauf des Studiums noch detailliert kennenlernen.
In Abb. 6.8 sind schließlich einige Methoden zusammengestellt, wie besonders hohe
oder auch tiefe Temperaturen im Labor realisiert werden können.
Sehr hohe Temperaturen im Bereich 108 K und darüber werden beispielsweise bei Stoß-
prozessen etwa zwischen Schwerionen erreicht (vorausgesetzt, es stellt sich ein thermody-
namisches Gleichgewicht ein, bevor die Streuprodukte auseinanderfliegen!). In der Fusi-
onsforschung erreicht man die notwendigen hohen Temperaturen entweder dadurch, dass
man sehr intensive Laserstrahlen auf eine Probe fokussiert, die dann implodiert, oder
dadurch, dass man Plasmen durch sehr große elektrische Ströme aufheizt.
Im Bereich tiefer Temperaturen können bis herab zu etwa 20 K zyklische Kältemaschinen
verwendet werden (Details: 6.8). Mit speziellen mehrstufigen Kryokühlern erreicht man
Temperaturen um 1 K.
Ein sehr häufig angewandtes Kühlverfahren ist die Kühlung durch siedende Gase3
(Wie man Gase verflüssigt, beschreiben wir in 6.11 ). Bis 77 K verwendet man flüssi-
gen Stickstoff, bis 4.2 K (bei p = 1 bar) flüssiges 4 He. Erniedrigt man den Druck über
der siedenden Flüssigkeit (abpumpen), so sinkt der Siedepunkt der Flüssigkeit weiter ab.
Man kann mit 4 He ca. 1.3 K erreichen, mit dem Isotop 3 He, das nicht frei in der Natur
vorkommt, sondern an Reaktoren hergestellt werden muss, ca. 0.2 K. Bis ca. 10 mK ver-
wendet man 3 He/4 He Mischungskryostaten, in denen aus einer 3 He/4 He 3 He ”verdampft”
wird.
Festkörper lassen sich durch die ”adiabatische Entmagnetisierung” weiter abkühlen
(vgl. 6.11). Hierbei legt man an paramagnetische Materialien zunächst ein hohes Magnet-
feld an. Die magnetischen Momente, der Elektronen, die proportional zu deren Eigen-
drehimpuls (=Spin) sind, werden dann parallel zum Feld geordnet). Man hält in dieser
Phase die Temperatur der Probe durch Ankoppelung an ein Wärmebad konstant. Das
Feld wird dann wieder erniedrigt, wobei die Probe vom Wärmebad abgekoppelt ist. Bei
der Felderniedrigung werden die Elektronenspins wieder ungeordnet. Dieser Prozess kühlt
das Kristallgitter ab. Die erreichbaren Endtemperaturen betragen ca. 30 mK.
Die adiabatische Entmagnetisierung von Elektronen wird meist benutzt, um eine zwei-
te Kühlstufe vorzukühlen, in der dann bei einem ähnlichen Prozess die magnetischen
Momente der Atomkerne erst bei konstanter Temperatur magnetisiert und dann nach
Abkoppelung vom Wärmebad entmagnetisiert werden. Man erreicht ca. 1 µK.
Um Ensembles sehr weniger (einige 103 bis 106 ) Atome zu kühlen, verwendet man die
”Laserkühlung”. Hier werden in allen drei Raumrichtungen je zwei Laserstrahlen ge-
geneinandergerichtet. Deren Wellenlänge ist so eingerichtet, dass Atome, die sich etwas
zu schnell bewegen, dieses Licht absorbieren können, langsame dagegen nicht. Durch die
Absorption eines Photons erhält das Atom einen Rückstoß und hat nach der Absorption
eine geringere kinetische Energie. Mit dem Verfahren lassen sich ca. 30 mK erreichen.
Um die kalten Atome weiterzukühlen, werden sie in einer ”magnetischen Falle” gefan-
gen. Aus dieser Falle können aber die schnellsten Atome entweichen (”verdampfen”), so
3
Man taucht die Probe in die Flüssigkeit, lässt die Probe von abdampfendem N2-Gas umströmen oder
kühlt ein Zwischenelement, das thermisch an die Probe angekoppelt ist.
234 KAPITEL 6. THERMODYNAMIK UND WÄRMELEHRE
dass die mittlere Energie des Ensembles und damit die weiter absinkt. Diese Verdamp-
fungskühlung, das die Kühlung weniger Atome unter 1 nK erlaubt, erlaubt die bereits
erwähnte Herstellung von Bose-Einstein-Kondensaten.
Es fällt auf, dass alle einatomigen Gase molare Wärmen um 12.5 J/(mol·K) haben,
zweiatomige um 20.5 J/(mol·K) und dreiatomige um 26 J/(mol·K).
Betrachten wir zunächst die einatomigen Gase. Jedes Atom kann sich in (x,y,z) Richtung
bewegen. Diese f̃ = 3 Freiheitsgrade tragen je kB /2 zur Wärmekapazität bei. Man
erhält
kB 1
CV,mol = NA · f˜ · = 6 · 1023 (mol)−1 · 3 · · 1.38 · 10−23 J/K = 10.4J/mol · K (6.47)
2 2
236 KAPITEL 6. THERMODYNAMIK UND WÄRMELEHRE
Wir kommen schließlich zur Messung der Wärmekapazität. Ein direktes und oft an-
gewendetes Verfahren besteht darin, einer thermisch gut von der Außenwelt isolierten
Probe eine definierte Wärmemenge ∆Q zuzuführen und die Temperaturerhöhung ∆T zu
messen. Man beobachtet dann ein Anwachsen dieser Temperatur mit der Zeit, da sich das
thermische Gleichgewicht erst allmählich einstellt. Nach Erreichen eines Maximalwertes -
dieser wird zur Bestimmung von ∆T verwendet fällt die Probentemperatur langsam ab,
da durch die üblicherweise nicht vollständige Abkopplung von der Außenwelt allmählich
Energie an diese abgegeben wird.
Ein zweites, sehr einfaches Verfahren be-
nutzt das Mischungskalorimeter. Man
benutzt ein Wasserbad (Wassermasse: m1 )
bei der Temperatur T1 , in das die Probe
(Temperatur T2 , Masse m2 ) eingebracht
wird. Die Wärmekapazität des Gefäßes
bei der Anfangstemperatur T1 sei Cg . Das
Gefäß sollte gut von der Außenwelt iso-
liert sein, so dass Energieverluste an die
Umgebung vernachlässigt werden können.
Nach einiger Zeit stellt sich thermisches
Gleichgewicht zwischen Probe und Bad
ein, die für Gefäß, Bad und Probe gleiche
Temperatur ist die Mischtemperatur Tm .
Bei Vernachlässigung von Energieverlu-
sten muss die von der Probe abgegebene
Wärmemenge ∆Q2 = cm2 (T2 − Tm ) gleich
der vom Bad aufgenommenen Wärmemen- Abbildung 6.9: Temperaturabhängigkeit der
ge ∆Q1 = (c0 m1 + Cg )(T2 − Tm ) sein. Man molaren Wärmekapazität von Pb, Cu und
erhält hieraus Diamant (aus: Gerthsen, 2002, Abb. 5.5)
c0 m1 + Cg Tm − T1
c= · . (6.48)
m2 T2 − Tm
Wir demonstrieren dies experimentell für eine Messing-Kugel, die aus einem kochenden
Wasserbad heraus in ein mit Wasser gefülltes Styroporgefäß geworfen wird. Der nach
obiger Formel ermittelte Wert c liegt knapp unterhalb des Literaturwertes von ca. 370
J/(kgK) für Messing.
In einem zweiten Versuch legen wir drei gleichgroße heiße Kugeln aus Messing, Al und
Pb auf eine Wachsunterlage. Die Kugel schmelzen das Wachs auf, wobei die Messingkugel
am weitesten einsinkt, gefolgt von der Al-Kugel. Die Pb-Kugel sinkt nur wenig ein.
Die spezifischen Wärmen dieser Materialien sind:
Pb: 0.134 J/(kgK); Al: 0.92 J/(kgK); Messing: 0.37 J/(kgK).
Die Massen betragen:
Pb: 0.698 kg; Al: 0.183 kg; Messing: 552.5 kg.
Hieraus folgen die Wärmekapazitäten:
Pb: 93.5 J/K ; Al: 169.2 J/K; Messing: 205 J/K (Messing).
Die Kugeln sanken in der Tat umso weiter ein, je größer deren Wärmekapazität war.
238 KAPITEL 6. THERMODYNAMIK UND WÄRMELEHRE
6.4. IDEALES GAS 239
Im statistischen Mittel sollten wir also gerade v 2 in (6.51) durch diesen Mittelwert ersetzen
und erhalten
1 N
p = ρmv¯2 = ρkB T = kB T , (6.52)
3 V
wobei wir ausgenutzt haben, dass die Teilchendichte sich aus der Teilchenzahl N und dem
Volumen V ergibt zu ρ = N/V . Multipliziert man diese Gleichung mit dem Volumen V ,
so ergibt sich die Zustandsgleichung des Idealen Gases in der Form
pV = NkB T . (6.53)
Betrachtet man nun ein Gas mit ν Molen, so ist die Zahl der Atome gerade N = νNA
mit NA der Avogadro Konstanten. Damit können wir die Zustandsgleichung (6.53) auch
umschreiben auf die Form
pV = νNA kB T = νRT , (6.54)
wobei wir die Gaskonstante definiert haben mit
J
R = NA kB = 8.3 . (6.55)
mol K
Die Zustandsgleichung des idealen Gases (6.53) definiert, bei festgehaltener Anzahl der
Atome N, einen Zusammenhang zwischen der Temperatur T , dem Volumen V und dem
Druck des Gases p. Wenn man nun Änderungen des Systems betrachtet, bei denen jeweild
eine dieser Zustandsgrößen festgehalten wird, ergeben sich also aus (6.53) die folgenden
Beziehungen:
• Wird die Temperatur T konstant gehalten, so spricht man von einer isothermen
Änderung des Systems. In diesem Fall gilt das Gesetz von Boyle und Mariotte
• Bleibt der Druck p konstant, so nennt man diesen eine isobare Änderung des
Systems. In diesem Fall gilt das Gesetz von Gay und Lussac
V ∼T. (6.57)
• Im Falle, dass das Volumen konstant gehalten wird, nennt man dies eine isochore
Änderung des Systems. Hier gilt das Gesetz von Charles
p∼T. (6.58)
dem Druck von etwa 1 bar, den wir etwa auf Meereshöhe vorfinden. In großer Höhe, also
z.B. auf hohen Bergen ist die Höhe der Luftsäule niedriger, dementsprechend auch der
Druck, der dadurch ensteht, und entsprechend dem Gesetz von Boyle und Mariotte (6.56)
das Volumen für eine vorgegebene Anahl von Atomen größer. Dies bedeutet aber das
die Teilchendichte ρ und damit auch die Massendichte ρ̃ entsprechend kleiner sind. Wir
können also eine bestimmten Wert für die Massendichte ρ̃ nur in einer bestimmten Höhe
annehmen.
Deshalb betrachten wir (siehe Abb. 6.10) den Druck über eine
Fläche F in einer Höhe h + ∆h und stellen fest, dass dies dem
Druck p(h) in der Höhe h entspricht minus der Gewichtskraft pro
Fläche, die durch die Luft in dem Volumen F ∆h erzeugt wird
(gekennzeichnetes Volumen in Abb. 6.10). Damit ergibt sich
ρ̃F ∆hg
∆p = p(h + ∆h) − p(h) = − . (6.59)
F
Dabei bezeichnet g wie üblich die Beschleunigungskonstante
durch die Erdanziehung. Die Massendichte entspricht der Volu- ∆h
mendichte ρ multipliziert mit der Masse m der einzelnen Luft-
moleküle
N p h
ρ̃ = m = m
V kB T
wobei wir die Zustandsgleichungg des idealen Gases (6.53) be-
nutzt haben. Damit kann man (6.59) umschreiben in
F
mg Abbildung 6.10: Zur
∆p = − ∆h p . (6.60)
kB T Diskussion der baro-
metrischen Höhenfor-
Dividiert man diese Gleichung durch ∆h und vollzieht den Grenzübergang ∆h → 0, so
mel.
ergibt sich daraus die Differenzialgleichung
dp mg
=− p, (6.61)
dh kB T
zur Bestimmung der unbekannten Funktion Druck als Funktion der Höhe, p(h). Man kann
sich nun leicht davon überzeugen, dass die Funktion
− kmgT
p(h) = p0 e B , (6.62)
die Lösung der Differenzialgleichung (6.61) ist. Dabei entspricht die Konstante p0 dem
Druck bei der Höhe h = 0. Diesen Ausdruck (6.62) bezeichnet man als barometrische
Höhenformel. Sie gilt natürlich nur, wenn die Annahme, dass die Temperatur T kon-
stant, also unabhängig von der Höhe h ist.
Mit der Beziehung
N p
ρ= = ,
V kB T
kann an die barometrische Höhenformel natürlich auch umschreiben in einen Ausdruck,
der die Dichte als Funktion der Höhe angibt:
− kmgT
ρ(h) = ρ0 e B . (6.63)
242 KAPITEL 6. THERMODYNAMIK UND WÄRMELEHRE
6.5. GASGESETZE, DRUCK UND VAKUUM 243
Ändert man die Temperatur eines Gases bei konstantem Volumen, ergibt sich das Ge-
setz von Gay-Lussac5 : p ∝ T . Wir demonstrieren dies mit der in Abb. 6.11 gezeigten
Anordnung. An eine mit Luft gefüllte Glaskugel ist ein Schlauch angebracht, der z. T.
mit Wasser gefüllt ist. Für T = T1 seien die beiden Schenkel der Wassersäule gleich hoch.
5
Die Abhängigkeit V ∝ T für p = const., die wir hier nicht näher untersuchen, wird auch das Gesetz
von Charles genannt.
244 KAPITEL 6. THERMODYNAMIK UND WÄRMELEHRE
Erwärmt man die Glaskugel im Wasserbad, so dehnt sich das Gas aus und drückt das
Wasser im linken Schenkel herunter. Dies wird durch Anheben des Wasserschlauchs aus-
geglichen, bis sich das anfängliche Gasvolumen wieder eingestellt hat. Zwischen beiden
Oberflächen der Wassersäule ist eine Höhendifferenz h, entsprechend der Druckzunahme
im Gas. Für eine Temperaturänderung von 20 ◦ C auf 40 ◦ C ( 293 K auf 313 K) ergibt
sich: T1 /T2 = 1.068. Wir erwarten nach Gay-Lussac eine Druckerhöhung von 1 bar auf
1.068 bar, was 68 cm Wassersäule entspricht (in etwa dieser Wert wird auch gemessen).
Auf diese Weise funktioniert im Prinzip auch das Gasthermometer, wobei i. allg. an Stelle
von Wasser Quecksilber verwendet wird, das über ein U-Rohr ein Gasvolumen abschließt.
Das Anfangsvolumen wird durch einen zweiten Schlauch wiederhergestellt, der mit dem
U-Rohr verbunden ist (Abb. 6.12).
6.5.2 Vakuum
Im folgenden wollen wir uns mit für die Physik interessanten Druckbereichen beschäftigen.
Wir beginnen mit dem ”Vakuum” und besprechen im Anschluss kurz einige Phänomene,
die bei sehr hohen Drücken auftreten.
Historisch wurde das Vakuum bzw. die enorme Kraft, die die Atmosphäre auf eine evaku-
ierte Kugel ausübt, 1654 von Otto von Guericke (Jurist, Bürgermeister von Magdeburg)
auf dem Regensburger Reichstag demonstriert (”Magdeburger Halbkugeln”, Abb.
6.13). Er evakuierte zwei zusammengepresste Halbkugeln (Durchmesser: 33.5 cm) und
benötigte Pferdegespanne, um die evakuierten Halbkugeln zu trennen. Bei der Demon-
stration im Hörsaal hängen wir zwei 25 kg-Gewichte an die Halbkugeln (Durchmesser: 75
cm). Bei einem Innendruck von 0.68 bar werden die Halbkugeln getrennt.
In einem zweiten Versuch evakuieren wir einen Glaskolben und messen dabei sein Gewicht.
Wir finden, dass 1 l Luft bei 20◦ C und p = 1 bar ca. 1.2 g wiegt (ca. 10−3 des Gewichts
von Wasser). Mit µ = 29 für Luft entspricht dies 2.4 · 1022 ”Luftmolekülen”. NA = 6 · 1023
Moleküle (1 mol) nehmen entsprechend ein Volumen von 25 Litern ein. (Für p = 1 bar,
T = 273 K ergibt sich der Wert von 22.4 l/mol).
6.5. GASGESETZE, DRUCK UND VAKUUM 245
Man unterscheidet heute je nach Druckbereich unterschiedliche Vakua, die in Tab. 6.7
aufgelistet sind.
Bei Drücken unterhalb des Feinvakuums sinkt die mittlere freie Weglänge l, die die Gas-
moleküle zwischen zwei Stößen zurücklegen können, auf Werte über 10 cm (H2 bei 10−4
mbar: ca. 3 m). Hierbei ist l umgekehrt proportional zum Druck.
In Vakuumkammern, wie sie etwa zum Aufdampfen dünner Filme6 auf ein Substrat ver-
wendet werden, stoßen dann die Moleküle praktisch nur noch mit den Wänden. Insbeson-
dere bewegen sich abdampfende Moleküle geradlinig zum Substrat, wo sie den Dünnfilm
bilden. In Aufdampfanlagen will man aber in der Regel noch erheblich bessere Drücke
im UHV-Bereich, um Verunreinigungen der aufwachsenden Filme durch die Restgase zu
vermeiden. Drücke im HV - Bereich sind ebenfalls nötig, um etwa in magnetischen Fallen
einzelne Atome zu isolieren, oder um in der Fernsehröhre einen Elektronenstrahl auf einen
Leuchtschirm zu lenken. Auch bei Thermoskannen oder Kryostaten ist ein Innenbehälter
6
Dünnfilme oder auch vielfach geschichtete unterschiedliche Materialien (Multilagen) sind sehr wichtig
in der modernen Forschung und Technik. Mikroelektronische Bauelemente aller Art werden in Dünn-
schichttechnik hergestellt.
246 KAPITEL 6. THERMODYNAMIK UND WÄRMELEHRE
durch Vakuum von einem Außenbehälter getrennt. Damit wird der Wärmetransport7 zwi-
schen den beiden Behältern stark vermindert.
6.5.3 Vakuumpumpen
Zur Erzeugung der verschiedenen Druckbereiche werden unterschiedliche Typen von Va-
kuumpumpen eingesetzt.
Im Bereich des Vor- und Feinvakuums verwendet man rotierende Verdrängerpum-
pen (z. B. ”Drehschieberpumpen” oder ”Wälzkolbenpumpen” (=”Rootspum-
pen”), die in Abb. 6.14 dargestellt sind.
Drücke im HV- und UHV-Bereich können durch die Kombination kinetischer und
gasbindender Pumpen erreicht werden. Sie benötigen bereits Drücke im Feinvaku-
umbereich, um Arbeiten zu können. Kinetische Pumpen sind beispielsweise die Diffusi-
onspumpe, die Turbomolekularpumpe oder die Ionen-Getterpumpe. Bei der Turbomo-
lekularpumpe (Abb. 6.15) dreht sich ein ventilatorartiger Rotor mit hoher Drehzahl
und stößt Gasmoleküle, deren freie Weglänge bereits sehr groß gegen die Pumpendimen-
sionen ist, in Förderrichtung. Bei den Diffusionspumpen (Abb. 6.16) wird zunächst
ein hochvakuumgeeignetes Treibmittel (spezielle Öle) erhitzt und durch den Vakuum-
bereich geströmt. Das kondensierende Öl reißt dabei die Moleküle im Restgas mit sich.
Bei Ionen-Getterpumpen (Abb. 6.17) werden die Luftmoleküle erst ionisiert und dann
mittels angelegter Spannungen ”abgesaugt”.
Gasbindende Pumpen (Kühlfallen, Sorptionspumpen) schließlich nutzen aus, dass
Moleküle bevorzugt an kalten Oberflächen adsorbieren (ähnlich der Kondensation von
7
Wärme wird ebenfalls ganz erheblich durch Wärmestrahlung transportiert. Dieser Mechanismus des
Wärmetransport kann durch Verspiegeln der Behälter oder durch Anbringen metallischer Blenden stark
verringert werden.
6.5. GASGESETZE, DRUCK UND VAKUUM 247
Es sei hier außerdem angemerkt, dass das maximal erreichbare Endvakuum durch die Ba-
lance (Saugvermögen der Pumpe) ↔ (durch Lecks einströmendes Gas) gegeben ist. Bei
sinkendem Druck sinkt auch das Saugvermögen der Pumpe, so dass der Endruck einen
gewissen Endwert nicht unterschreiten kann. Auch von den Oberflächen der Vakuum-
kammern dampfen dort adsorbierte Restgase ab. Bei ”groben” Verschmutzungen (Feuch-
tigkeit, Fingerabdrücke) können kaum Enddrücke unter 10−3 mbar erreicht werden. Im
Bereich des UHV ist selbst bei sehr sauberen Oberflächen das Ausgasen der Oberflächen
sehr problematisch.
6.5.4 Druckmessung
Zur Druckmessung werden eine Reihe von Methoden herangezogen, die z. T. direkter Art
und z. T. indirekter Art sind.
Das Quecksilberbarometer (Abb. 6.18) realisiert die Definition des Torr. Der Aufbau
ist ganz ähnlich wie die Anordnung der Abb. 6.11. Die Höhe h gibt ist proportional zum
Überdruck in dem Gefäß, also proportional zu p2 − p1 . Man kann den rechten Schenkel
des U-Rohrs auch bei p2 ≈ 0 geschlossen halten (Quecksilbermanometer). Die Höhe h
ist dann direkt proportional zu p1 . Um den geschlossenen rechten Schenkel zu evakuieren,
füllt man ihn vollständig mit Hg und dreht dann die Anordnung um. Das Quecksilber
sinkt dann ab und hinterlässt einen evakuierten Bereich (”Toricelli-Vakuum”), in dem
sich lediglich Quecksilberdämpfe befinden.
Beim Aneroidbarometer wird eine evakuierte, wellige Dose durch den Außendruck de-
formiert und diese Deformation auf die Druckanzeige weitergegeben (Abb. 6.19). Beim
Röhrenbarometer (Abb. 6.20) sorgt die Differenz zwischen den verschieden großen Innen-
und Außenflächen des Rohres zu einer mechanischen Verformung.
Beim Pirani-Vakuum-Meter dient die Wärmeleitfähigkeit von Gasen zur Druckmes-
sung bei geringen Drücken. Hier wird ein elektrischer Widerstand oder ein Thermoelement
6.5. GASGESETZE, DRUCK UND VAKUUM 249
durch das Gas gekühlt. Sinkt der Gasdruck, heizt sich der Sensor auf. Aus dessen Tem-
peraturänderung lässt sich dann der Druck bestimmen. Bei der Penning-Röhre und bei
Ionisationsröhren wird das zunächst elektrisch neutrale Gas durch Stöße mit Elektro-
nen z. T. ionisiert und dann die elektrische Leitfähigkeit der Ionen gemessen. Aus dieser
Leitfähigkeit wird der Druck des Gases bestimmt.
Einen interessanten Effekt beobachtet man bei den Lichtmühlen (sie werden allerdings
nicht mehr zur Druckmessung eingesetzt). Die Lichtmühlen bestehen aus frei rotierba-
ren Schaufelrädern, die eine reflektierende und eine absorbierende Seite haben. Bei Gas-
drücken zwischen ca. 10−2 und 10−7 mbar rotieren die Lichtmühlen, sobald sie von einer
Lichtquelle angestrahlt werden. Dabei erfolgt die Rotation in Richtung der reflektierenden
Flächen. Dieser Radiometereffekt kommt dadurch zustande, dass das einfallende Licht
die absorbierenden Flächen stärker erwärmt als die reflektierenden. Moleküle, die auf die
absorbierenden Flächen treffen, werden im Mittel mit etwas höherer kinetischer Energie
zurückgestreut als Moleküle, die auf die spiegelnden Flächen auftreffen. Die resultieren-
de Kraft und damit auch die Rotationsgeschwindigkeit ist proportional zur Fläche der
Schaufelräder, dem Druck in der Vakuumkammer und der Temperaturdifferenz zwischen
der reflektierenden und der absorbierenden Fläche. Damit sich das Rad drehen kann, muss
250 KAPITEL 6. THERMODYNAMIK UND WÄRMELEHRE
die mittleren freien Weglänge der Gasmoleküle größer werden als der Abstand zwischen
den Schaufelrädern, was typisch bei Drücken unter 10−2 mbar der Fall ist. Bei sehr nied-
rigen Drücken sind stoßen dagegen zu wenig Moleküle gegen die Räder, um sie gegen die
Reibungskräfte anzutreiben.
6.6. PHYSIK BEI SEHR HOHEN DRÜCKEN 251
Abbildung 6.21: Aufbau einer Diamantdruckzelle (aus Mao and Hemley, Review of Mo-
dern Physics 66, 671 (1994))
Man hat allerdings metallischen Wasserstoff bereits in Form einer metallischen Flüssig-
keiten bei Drücken oberhalb 1.4 Mbar bei Temperaturen von 2200 K bis 4400 K gesehen
[Physics Today, Mai 1996, S. 17]. Bei solchen Experimente werden bis über 7 km/s schnel-
le Projektile auf eine Probe geschossen und dadurch die hohen Drücke erzeugt. Flüssiger
metallischer Wasserstoff liegt im Inneren von Gasriesen wie Saturn und Jupiter vor.
Im Sonnensystem und im Universum treten noch wesentlich extremere Druckskalen auf.
So herrscht im Sonneninneren ein Druck von ca. 1011 bar. In Neutronensterne herrschen
252 KAPITEL 6. THERMODYNAMIK UND WÄRMELEHRE
Drücke um 1030 bar. Hier sind die Elektronen in die Atomkerne ”gedrückt” worden, so
dass man einen wenige km großen Stern mit der Materiedichte des Atomkerns vorliegen
hat. Dies mag als extremes Beispiel einer Phasenumwandlung dienen.
Wir haben damit an einigen Beispielen gesehen, dass in verschiedenen Temperatur-
und Druckbereichen sehr unterschiedliche physikalische Phänomene beobachtet werden
können. Einige davon werden Sie im Verlauf Ihres Studiums noch detailliert kennenlernen.
6.6.2 Energieerhaltung
Die Energie eines idealen Gases ist mit der Temperatur in eindeutiger Weise verknüpft
durch die Beziehung
f˜
E = N kB T , (6.64)
2
wobei N die Zahl der Atome (bzw. Moleküle) und f˜ die Zahl der Freiheitsgrade für die
einzelnen Atome definiert. Wir nehmen weiter an, dass das Gas unter einem bestimmten
Druck p steht. Dies ist in Abb. 6.22 dadurch dargestellt, dass auf dem Gasvolumen ein
Gewicht angebracht m ist, das auf die Fläche F einen Druck
mg
p= , (6.65)
F
erzeugt. Wir können uns vorstellen, dass diesem Gas nun weitere Energie zugeführt wird,
etwa dadurch dass versucht wir das Gas durch “Aufheizen” weiter zu erwärmen. Diese
Energiezufuhr in der Form von Wärmenergie ∆Q wird zu einer Erhöhung der Temperatur
des Gases führen und damit auch wegen (6.64) zu einer Erhöhung der inneren Energie
des Gases E. Durch diese Temperaturerhöhung wird bei dem konstant gehaltenen Druck
wegen der Zustandsgleichung des Idealen Gases, bzw. des Gesetzes von Gay und Lussac,
auch das Volumen vergrößert. Dies bedeutet aber, dass das Gewicht m in Abb. 6.22 ein
Stück ∆h angehoben wird. Ein Teil der zugeführten Wärme ∆Q kann also bei diesem
Aufbau nicht zur Erhöhung der inneren Energie des Gases genutzt werden sondern muss
in Form von mechanischer Arbeit ∆A an das Gewicht, das für die Aufrechterhaltung des
Druckes sorgt, “weitergereicht” werden. Es gilt also
∆Q = ∆E + ∆A , (6.66)
6.6. PHYSIK BEI SEHR HOHEN DRÜCKEN 253
∆E = ∆Q + ∆W
= ∆Q − p∆V . (6.68)
In dieser Summe spiegelt sich das Gesetz von der Erhaltung der Energie: Dem Gas kann
Energie in Form von Wärme ∆Q oder mechanischer Arbeit ∆W 0 − p∆V zugeführt (bzw.
abgeführt) werden. Wäre das Gas also thermisch isoliert (∆Q = 0), so könnte dem Gas
durch eine Verringerung des Voulmens, ∆V < 0, innere Energie zugeführt werden, was
sich ja in einer Erhöhung der Temperatur (siehe (6.64) niederschlägt. Für infinitesimale
Änderungen wird dieses Gesetz der Energieerhaltung geschrieben
dE = δQ + δW
= δQ − p dV . (6.69)
Diese Darstellung der Energierhaltung, die wir in der ersten Zeile allgemein formuliert
haben und in der zweiten Zeile in der speziellen Form für ein Ideales Gas, bezeichnet
man als den 1. Hauptsatz der Thermodynamik. Dabei wird ganz bewusst unter-
schieden zwischen differenziellen Formen, wie dE und dV , die sich auf Änderungen von
Zustandsgrößen beziehen und infinitesimal kleinen Größen wie δQ und δW , die infinitesi-
mal kleine Änderungen bezeichnet von Größen, die für einen bestimmten Prozess definiert
sind. Während man definieren kann was der Energieinhalt eines Systems ist oder wie groß
254 KAPITEL 6. THERMODYNAMIK UND WÄRMELEHRE
sein Volumen ist, deshalb Zustandsgröße, kann man dem System nicht ansehen, ob diese
Energie in Form von Wärme oder mechanischer Arbeit zugeführt wurde. Diese Unter-
scheidung kann man nur für einen bestimmten Prozess machen, die Frage Wärmezufuhr
oder Zufuhr von Energie in Form von mechanischer Arbeit hängt vom Weg ab, auf dem
diese Energiezufuhr erfolgt.
Wir wollen im folgenden solche verschiedenen Prozesse oder Wege diskutieren.
• Als erstes betrachten wir die Energiezufuhr bei isochoren Prozessen, also solchen
bei denen V konstant bleibt und damit dV = 0 ist. Daraus ergibt sich
dW = −p dV = 0
und
f˜
dE = δQ = N kB dT , (6.70)
2
woraus wir wieder ablesen können, das die Wärmekpazität bei konstantem Volumen
durch
δq f˜
CV = = N kB , (6.71)
dT 2
gegeben ist.
• Als nächstes betrachten wir Prozesse, bei denen der Druck konstant gehalten wird,
also isobare Prozesse. Nach dem ersten Hauptsatz (6.69) ergibt sich für die auf
das Gas übertragene Wärme:
δQ = dE + p dV = CV dT + p dV .
Da der Druck konstant bleiben soll können wir diese Beziehung für infinitesimale
Änderung auch direkt umschreiben auf größere Änderungen der Temperatur und
des Volumens
∆Q = CV ∆T + p ∆V . (6.72)
Dabei soll ∆V = V2 −V1 die Änderung des Volumens vom Startwert V1 zum Endwert
V2 bezeichnen und ∆T = T2 − T1 die entsprechende Änderung der Temperatur.
Sowohl für den Anfangs- als auch den Endzustand gilt die Zustandsgleichung des
Idealen Gases
p Vi = N kB Ti für i = 1 und 2,
und somit
p ∆V = N kB ∆T .
Setzt man diese Beziehung in (6.72 ein, so ergibt sich
∆Q = CV ∆T + N kB ∆T
˜
f
= N kB + 1 ∆T = CP ∆T . (6.73)
2
Daraus ergibt sich also eine Wärmekapazität des Idealen Gases für Prozesse, bei
denen der Druck konstant gehalten wird von:
∆Q f˜
CP = = CV + N k B = N k B +1 . (6.74)
∆T 2
6.6. PHYSIK BEI SEHR HOHEN DRÜCKEN 255
Ausserdem sei angemerkt, das natürlich im Fall eines solchen isobaren Prozesses,
die auf das Gas übertragene mechanische Arbeit gegeben ist durch
∆W = −p ∆V = −N kB ∆T . (6.75)
• Wir wenden uns nun den isothermen Prozessen zu, also solchen bei denen die
Temperatur konstant bleibt. Wegen der konstanten Temperatur ändert sich bei ei-
nem solchen isothermen Prozess die innere Energie des Gases nicht. Es gilt also
dE = 0 = δQ − p dV .
Die auf das Gas übertragene mechanische Arbeit ist also bis auf das Vorzeichen
identisch mit der übertragenen Wärme und berechnet sich zu
V2
∆W = −∆Q = − p dV
V1
V2
1
= −N kB T dV
V1 V
= −N kB T (ln V2 − ln V1 )
V2
= −N kB T ln . (6.76)
V1
(Bei dem Übergang zu zweiten Zeile wurde der Druck p entsprechend der Zustands-
gleichung des Idealen Gases ersetzt.) Wird das Volumen also vergrößert, so ist
V2 > V1 und der Logarithmus des Quotienten aus diesen Volumina positiv, die
am Gas geleistete Arbeit also negativ. Da die Temperatur konstant bleibt, muss das
Gas also Wärme aufnehmen (∆Q > 0).
• Schliesslich betrachten wir noch adiabatische Prozesse. Das sind Prozesse, bei
denen sich Temperatur, Druck und Volumen des Gase ändern können. Diese Ände-
rung soll aber so ablaufen, dass keine Wärmeenergie mit der Umgebung ausgetauscht
werden kann. Dies gilt zum Beispiel für Prozesse, die so schnell ablauen, dass kein
Wärmeaustausch mit der Umgebung möglich ist. Es gilt also
∆W = ∆E = CV ∆T .
f˜ dV
N kB dT = −N kB T
2 V
beziehungsweise
f˜ dT dV
=− .
2 T V
256 KAPITEL 6. THERMODYNAMIK UND WÄRMELEHRE
Integriert man die beiden Seiten dieser Gleichung jeweils vom Anfangzustand zum
Endzustand, so ergibt sich daraus
V2
f˜ T2 dT dV
= −
2 T1 T V1 V
f˜
f˜ T2 T2 2 V2 V1
ln = ln = − ln = ln . (6.78)
2 T1 T1 V1 V2
(bei der Umformung der zweiten Gleichung wurde wieder die Zusatndsgleichung des
Idealen Gases herangezogen). Daraus ergibt sich
f˜+2 f˜+2
f˜ f˜
p1 V1 = p2 V2 . (6.79)
f˜ + 2 Cp
= = κ, (6.80)
f˜ CV
p V κ = konst , (6.81)
Dabei bezeichnet ωi die Wahrscheinlichkeit, dass das System im Zusatnd i realisiert ist.
Das Verhltnis der Wahrscheinlichkeiten lässt sich aber in der Regel bestimmen, ohne dass
ein absolute Normierung der Wahrscheinlichkeit gegeben sein muss. Durch die thermody-
namische Definition (6.83) wurde ja auch nur die Änderung der Entropie bestimmt.
Wir werden weiter unten zeigen, dass diese so unterschiedlichen Definitionen der Entro-
pie (6.83) und (6.85) in der Tat identisch sind. Zunächst sei aber angemerkt, dass die
Einheiten, in denen die Entropie angegeben ist nach der thermodynamischen Definition
(6.83) in Einheiten Energie durch Temperatur, also z.B. Joule durch Kelvin, anzugeben
sind. Dies sind aber auch die Einheiten der Boltzmann Konstanten kB und damit auch
der Entropie gemäß der statistischen Definition (6.85).
Die thermodynamische Definition zeigt, dass die Entropie eine extensive Größe ist, also
eine Größe, die wie die Energie, die Teilchenzahl oder das Volumen eines Systems addiert
wird, wenn zwei Untersysteme zusammengefügt werden. Als Quotient einer extensiven
Größe, die Wärmeenergie, und einer intensiven Größe, die Temperatur T , ist die Entro-
pie nach der Definition (6.83) selbst extensiv. Das gleiche gilt auch für die statistische
Definition. Bringt man nämlich zwei Teilsysteme a und b zusammen, die jeweils in einem
Zustand mit der Wahrscheinlichkeit ωa und ωb realisiert sind, so ergibt sich die Gesamt-
wahrscheinlichkeit als das Produkt
ω = ωa ωb .
Damit ergibt sich die Entropie des zusammengeführten Systems zu
S = kB ln ω = kB ln (ωa ωb )
= kB ln ωa + kB ln ωb = Sa + Sb ,
ist also auch nach der statistischen Definition (6.85) extensiv.
Wir wollen nun zeigen, dass die statistische Definition der Entropie (6.85) das gleiche Er-
gebnis liefert wie die thermodynamische Definition (6.83) und betrachten dazu ein Ideales
Gas, das sich in einem Volumne V befindet und keine Energie mit der Umgebung aus-
tauschen kann. Da die Energie konstant ist, muss auch die Temperatur konstant bleiben,
wir betrachten also isotherme Prozesse.
Wir stellen uns nun vor, dass das Volumen des Gases auf die Hälfte reduziert wird. Die
statistische Wahrscheinlichkeit, dass sich alle N Atome in einer Hälfte des Voulmens
befinden beträgt gerade ω = (1/2)N . Damit ergibt sich also für die statistische Definition
der Entropie eine Änderung der Entropie bei Halbierung des Volumens von
N
1
∆S = kB ln = −kB N ln 2 . (6.87)
2
Die Änderung der Entropie ∆S ist negativ, d.h. die Entropie des Endzustandes ist kleiner
als die des Anfangszustandes, da der Endzustand besser geordnet ist.
Um diesen Endzustand zu erreichen, müssen wir von aussen mechanische Arbeit zuführen
die zu der Kompression des Volumens dient. Dies bedeutet, dass das Gas eine Zufuhr von
mechanischer Energie erfährt im Umfang von (siehe Berechnung der Arbeit bei isothermen
Prozessen in (6.76) im vorhergehenden Abschnitt)
V /2
1
∆W = − p dV = −N kB T ln = N kB T ln 2 . (6.88)
V 2
6.7. DIE ENTROPIE UND DER ZWEITE HAUPTSATZ 259
∆E = ∆Q + ∆W = 0
6.7.2 Wärmekraftmaschinen
Dieser zweite Hauptsatz der Thermodynamik wird auch häufig übersetzt in die Möglich-
keit, Wärmeenergie in mechanische Arbeit umzuwandeln. Es ist relativ einfach, mechani-
sche Energie oder Arbeit in Wärme umzuwandeln. Eine solche Anordnung ist sehr schema-
tisch in Abb. 6.23 dargestellt. Die mechanische Energie liegt in derForm der potentiellen
Energie der Masse M in einer Höhe h vor. Im Anziehungsfeld der Erde (Erdbeschleuni-
gung g) haben wir also eine potentielle Energie, A = Mgh, vorliegen. Das aus der Höhe
h fallende Gewicht M überträgt diese Energie auf das Schaufelrad und setzt dieses in
Bewegung (Kinetische Energie). Das Rad rotiert und heizt durch die dabei entstehende
Reibung das Wasser auf (∆Q > 0). Dem Wasser wird also von außen mechanische Arbeit
zugeführt, die dann in Wärme umgewandelt wird.
Natürlich liegt die Frage nahe, inwieweit es möglich ist, eine Maschine zu bauen, die einem
Wärmereservoir innere Energie in Form von Wärme entzieht und diese in mechanische
Arbeit umwandelt? Mit anderen Worten, ist eine Joule-Thomson-Maschine, so wie sie
schematisch in Abb. 6.24 skizziert ist, realisierbar?
Die Antwort auf diese Frage lautet: Es ist unmöglich eine solche Joule-Thomson
Maschine zu bauen. Die Umwandlung von Arbeit in Wärme ist ein irreversibler Prozess,
weil während dieses Prozesses die Entropie anwächst. Bei dem Umkehrprozess, Umwand-
lung von Wärme in Arbeit würde also die Entopie kleiner, was den Prozess unmöglich
macht. Bei der skizzierten Maschine gilt für die gesamte Entropie:
260 KAPITEL 6. THERMODYNAMIK UND WÄRMELEHRE
Wärmereservoir
T
∆Q
Arbeit
Maschine
Da die Maschine mehrmals verwendbar sein soll, muss sie diesen Prozess unverändert
durchlaufen, sie muss einen sogenannten Kreisprozess vollziehen. (∆SMaschine = 0)
Die Umgebung soll nur Arbeit und keine Wärme aufnehmen, deshalb muss also auch
∆SUmgeb = 0 sein. Das Wärmereservoir schließlich soll Wärmeenergie in abgeben, sodass
wir (6.89) umschreiben zu
∆Q
∆S = ∆[Link] = (6.90)
T
Die Wärme wird aus dem Wärmereservoir abgezogen, ∆Q < 0, außerdem ist natürlich
T > 0. Damit würde aber (6.90) besagen, dass die gesamt Entropieänderung ∆S < 0 sein
muss, was natürlich im Widerspruch zum zweiten Hauptsatz der Thermodynamik steht.
Dieses Ergebnis können wir uns auch mit der folgenden Überlegung zum Beispiel in der
Abb. 6.23 plausibel machen: Das Wärmereservoir ist im thermischen Gleichgewicht d.h.
6.7. DIE ENTROPIE UND DER ZWEITE HAUPTSATZ 261
die Energie ist statistisch über alle mikroskopische Freiheitsgrade verteilt. Prinzipiell be-
steht zwar eine Wahrscheinlichkeit dafür, dass sich die Moleküle des Wassers so bewegen,
dass sie kollektive Arbeit am Schaufelrad leisten, dies in Bewegung setzen und damit
das Gewicht M wieder hochziehen. Doch diese Wahrscheinlichkeit für den Prozess, bei
dem alle Moleküle des Wassers kohärent Arbeit am Schaufelrad leisten, ist so gering, dass
sie ohne weiteres vernachlässigt werden kann. Ein solcher Prozess ist ja auch noch nie
beobachtet worden8 .
Kehren wir zurück zur Entwicklung einer Wärmekraftmaschine. Wir haben festgestellt,
dass die Entropieänderung des Gesamtsystems nicht negativ sein darf. Den zweiten Haupt-
satz können wir aber “austricksen”, indem wir an die Joule-Thomson-Maschine noch ein
Hilfssystem, ein zweites Wärmereservoir, anschließen. Es sollte eine tiefere Temperatur
T2 haben als das erste. Die Entropie dieses zweiten Wärmereservoirs soll bei dem Pro-
zess erhöht werden. Das bedeutet dann, dass die Entropie des einen Teilsystems (die
ursprüngliche [Link]) negativ sein darf, ohne dass die Forderung ∆S ≥ 0 für das
Gesammtsystem gestört wäre. Eine solche Maschine ist schematisch in Abbildund 6.25
dargestellt.
Wärmereservoir
T1
q1
Arbeit q1- q 2
Maschine
q
2
Wärmereservoir
T2
Eine solche Maschine ist aber nicht ideal, weil die vom Wärmereservoir (mit T1 ) abge-
gebene Wärme q1 nicht vollständig in Arbeit umgewandelt werden kann ( A < q1 ). Ein
Teil von q1 wird nämlich vom zweiten Wärmereservoir (mit T2 ) als die von der Maschine
abgegebene Wärmemenge q2 aufgenommen, damit der zweite Hauptsatz erfüllt ist, d.h.
damit gilt: ∆S = ∆S1 + ∆S2 ≥ 0 Wie erfüllen wir uns dann den Wunsch nach maximaler
Arbeit pro eingesetzter Wärmeenergie q1 ?
A T1 − T2
η= = (6.91)
q1 T1
Wenn diese Forderung erfüllt ist, durchläuft diese Maschine den sogenannten Carnot-
schen Kreisprozess und man nennt den maximal erreichbaren Wirkungsgrad (6.91) den
Wirkungsgrad einer Carnot-Maschine.
Zum Beweis der Behauptung stellen wir wieder die Entropiebilanz auf:
• [a) −→ b)] adiabatische Kompression: Das System ist thermisch isoliert (∆Q = 0).
Druck und Temperatur vergrößern sich (pa < pb , Ta < Tb ). Dabei gilt T2 = Ta <
Tb = T1 . Dabei wird Arbeit ∆W am Körper geleistet:
∆W1 = CV (Ta − Tb )
• [b) −→ c)] isotherme Expansion in Kontakt mit dem heißen Wärmereservoir: Der
Druck verkleinert sich (pb > pc ) und die Temperatur bleibt konstant (Tb = Tc = T1 )
auf dem Niveau des Wärmereservoirs. Dabei leistet der Körper selbst die Arbeit:
Vc
−∆W2 = N kB Tb ln
Vb
6.7. DIE ENTROPIE UND DER ZWEITE HAUPTSATZ 263
b)
p
c)
T1
a)
T2
d) V
Abbildung 6.26: Der Carnot-Zyklus in einem schematischen pV Diagramm für
ein ideales Gas als Arbeitsmedium
• [c) −→ d)] adiabatische Expansion: Das System ist thermisch isoliert (∆Q = 0).
Druck und Temperatur verkleinern sich (pc > pd , Tc > Td ). Dabei leistet der
Körper selbst die Arbeit. beziehungsweise gibt er Arbeit ab im Umfang:
−∆W3 = CV (Ta − Tb )
Die adiabatischen Arbeiten ∆W1 und −∆W3 kompensieren sich, so dass die gesammte
Arbeit, die vom Arbeitskörper nach außen verrichtet wird:
Vb
∆A = −∆W = N(Ta − Tb ) ln
Va
beträgt.
Zur Berechnung des Wirkungsquerschnittes η ist es einfacher, den Carnot Prozess im Tem-
peratur - Entropie Diagramm der Abbildung 6.27 anzusehen. Nach dem ersten Haupt-
satz ist die von der Maschine verrichtete Arbeit gleich der Wärmemenge, die insgesamt
während des Kreisprozesses zugeführt wurde:
T b) c)
T1
T2
a) d)
S
Abbildung 6.27: Der Carnot-Zyklus im TS Diagramm
6.8. ZUSTANDSÄND., KREISPROZESSE, KRAFT-WÄRME-MASCHINEN 265
Carnot (Abb. 6.29 links) hatte seine Überlegungen zum Wirkungsgrad im wesentlichen
auf der Basis von Dampfmaschinen angestellt. Die ersten Maschinen dieser Art wurden
von Denis Papin und Thomas Saverin um 1700 konstruiert. Mit der Entwicklung der
Dampfmaschine assoziiert man ebenfalls den Nahmen James Watt (Abb. 6.29 rechts).
Sein wesentlicher Beitrag war die Entwicklung des Kondensors, der den Wasserdampf
außerhalb des Kolbens kondensiert und dort einen starken Unterdruck erzeugt.
9
Es gilt: pV κ = const = (pV ) · Vκ−1 und mit pV ∝ T dann = T · V κ−1 = const.
10
Für Luft ist κ = cp /cv = 1.4 und damit Tanf /Tend = (Vend /Vanf )0.4. Für Vend /Vanf = 0.5 folgt
Tanf /Tend = 0.77. Für Vend /Vanf = 2 folgt Tanf /Tend = 1.3.
266 KAPITEL 6. THERMODYNAMIK UND WÄRMELEHRE
In Deutschland wurde die erste Dampfmaschine Watt’scher Bauart Ende des 18. Jh. in
Mansfeld (König-Friedrich-Schacht) errichtet. Abb. 3 zeigt deren Funktionsprinzip. Die
Maschine arbeitete die Maschine mit dem geringen Dampfüberdruck von ca. 0.3-0.4 bar.
Ihr Wirkungsgrad betrug 2%.
Das Funktionsprinzip von Dampflokomotiven wird sehr schön in einer Animation von
K. Wetzstein gezeigt, ebenso wie Animationen von Otto- und Dieselmotoren und dem
Stirling-Motor, siehe: [Link]
Wir wollen hier noch kurz den Dieselmotor und den Viertakt-Ottomotor ansprechen.
Beim Dieselmotor (R. Diesel, 1892) wird das Gas im Kolben zunächst (angenähert!)
adiabatisch komprimiert. In das erhitzte Gas wird Kraftstoff eingespritzt, der sich so-
fort entzündet. Diese Prozess verläuft auf Grund der ablaufenden chemischen Reaktionen
annähernd isobar. Im anschließenden Arbeitstakt expandiert das Gas annähernd adiaba-
tisch und wird schließlich isochor ausgestoßen.
Beim 4-Takt Ottomotor werden im pV -Diagramm zwei Schleifen durchlaufen, s. Abb
6.31. Zunächst wird annähernd isobar bei niedrigem Druck Gas angesaugt (unterster
Teil der Kurve, von links nach rechts durchlaufend) und dann adiabatisch komprimiert
(Übergang in obere Schleife, von rechts nach links). Die nach der Zündung ablaufende
Verbrennung verläuft hier annähernd isochor. Im anschließenden Arbeitstakt wird das
Gas adiabatisch entspannt und schließlich isobar ausgestoßen. Der Ausstoß schließt die
untere Schleife. Eine weitere Animation des 4-Takt-Ottomotors inkl. pV-Diagramm findet
man unter [Link]
Der Stirling-Motor arbeitet mit einem geschlossenen Gaskreislauf11 . In einem Zylinder
bewegen sich ein Arbeitskolben und ein Verdrängerkolben mit einer Phasenverschiebung
von 90◦ . In dem einen Teil des Zylinders wird das Arbeitsgas durch eine beliebige Wärme-
quelle erwärmt, im anderen abgekühlt. Der Verdränger verschiebt das Arbeitsgas zwischen
den beiden Teilvolumina des Kolbens. Beim Durchtritt des heißen Gases durch den Ver-
dränger gibt das Gas Wärme an diesen ab, beim Durchtritt des kalten Gases nimmt dieses
Wärme vom Verdränger auf (Regeneration). Der Kreisprozess wird gut durch zwei Iso-
thermen (Kompression bzw. Entspannen des Gases) und zwei Isochoren (Verschieben des
Arbeitsgases) beschrieben.
Die oben beschriebenen Motoren sind ”Wärme-Kraft-Maschinen”. Die aus einem Bad
bei hoher Temperatur entnommene Wärme wird z. T. zur Erzeugung mechanischer Ar-
11
Entsprechende Animationen finden Sie unter [Link] oder un-
ter [Link]
6.8. ZUSTANDSÄND., KREISPROZESSE, KRAFT-WÄRME-MASCHINEN 267
Versuchsmotor,
Nikolaus A. Otto, 1876
1831 - 1891
pV-Diagramm,
1876
oder auch
dS = dSSystem + dSU mgebung = 0 ,
beziehungsweise
−δQ δQ
dSSystem = −dSU mgebung = − = . (6.93)
T T
Dabei bezeichnet δQ die Wärmemenge, die dem System zugeführt wird, sodass −δQ
von der Umgebung aufgenommen wird, T ist die Temperatur, und wir haben einfach die
thermodynamische Definition der Entropieänderung (6.83) benutzt.
Im folgenden wollenwir versuchen, die Entropie der Umgebung zu eliminieren und werden
zur Vereinfachung auf den Index “System” bei der Entropie verzichten: dSSystem → dS.
Damit ergibt sich unter Benutzung des ersten Hauptsatzes der Thermodynamik aus (6.93)
dE − δW
dS = ,
T
oder auch
dE − T dS − δW = 0 . (6.94)
Nehmen wir nun als Beispiel wieder ein Gas, dem durch Kompression mechanische Energie
zugeführt wird: δW = −p dV , so ergibt dies
dE + p dV − T dS = 0 . (6.95)
Betrachten wir nun isochore - isotherme Prozesse, also solche bei denen die Temperatur
und das Volumen konstant gehalen werden, so besagt die Gl. (6.95), dass bei solchen iso-
choren - isothermen Pozessen der Zustand eingenommen wird, bei dem die Freie Energie,
definiert durch
F =E −T S, (6.96)
minimal ist. Zum Beweis dieser Folgerung erarbeiten wir uns zunächst einmal die Rechen-
regeln für die infinitesimale Änderung einer Größe, die sich als Produkt zweier Größen,
also z.B. Temperatur T mal Entropie S berechnet. Diese berechnet sich gemäß
Dabei haben wir ausgenutzt, dass das quadratisch kleine Element,dS dT , vernachlässigt
werden kann. Diese Produktregel für die Berechnung von Differenzialformen benutzen wir
nun um auszurechnen
dF = d(E − T S)
= dE − T dS − S dT . (6.98)
Bei isothermen Prozessen (dT = 0) entfällt der letzte Term in (6.98) und bei isochoren
Thermen (dV = 0) der zweite Term in (6.95). Damit ergibt sich also aus dem Vergleich
von (6.95) und (6.98), dass für isochore - isotherme Prozesse das statistische Gleichgewicht
identisch ist mit der Forderung, dass dF = 0, die Freie Energie F also extremal ist. Dass
es sich dabei um ein Minimum handelt wird deutlich, wenn man berücksichtigt, dass T
positiv ist und damit ein Anwachsen der Freien Energie mit einer Reduktion der Entropie
verknüpft ist.
Um die Bedeutung dieses Ergebnisses zu konkretisieren betrachten wir ein System aus
zwei Flüssigkeiten von jeweils unterschiedlichen Atomen oder Molekülen. Die Wechselwir-
kung zwischen Atomen der gleichen Sorte sei attraktiv und von kurzer Reichweite. Bei
niedrigen Temperaturen T , natürlich insbesondere im Grenzfall T = 0 ist das Minimum
der Freien Energie bestimmt durch das Minimum der Energie. Unser System wird also so
realisiert werden, dass die Atome einer Sorte eng beeinander sind. Dies bedeutet, dass die
Flüssigkeiten bei tiefen Temperaturen ungemischt sein werden.
Auf der anderen Seite ist aber die Entropie sehr viel höher, wenn alle Atome sich im ganzen
Volumen aufhalten dürfen, die beiden Flüssigkeiten also durchmischt sind. Deshalb steht
also für dieses System zu erwarten, dass bei hohen Temperaturen, wo der Entropiefaktor
in der Freien Energie an Bedeutung zunimmt, das System im Zustand großer Entropie,
also im gemischten Zustand realisiert wird. Bei der Überganstemperatur T0 gilt für die
Freie Energie Fg , die Energi Eg und die Entropie des gemischten Zustandes im Vergleich
zu den entsprechenden Größen des ungemischten Zustandes (Fu , Eu , Su )
Fg = Eg − T0 Sg = Fu = Eu − T0 Su ,
beziehungsweise
T0 (Sg − Su ) = Eg − Eu . (6.99)
in einer solchen Flüssigkeit oder Festkörper als in einem Gas, wo die Atome über das
ganze Volumen verteilt sind: SF < SG . Bei tiefen Temperaturen wird also das System als
Flüssigkeit realisiert, da
FF = EF − T SF < FG = EG − T SG .
Als anderes Beispiel betrachten wir ein System aus vielen Atomen, das als Flüssigkeit oder
als Gas vorliegen kann. Die Umwandlung von einer Flüssigkeit in ein Gas erfolgt aber in
der Regel nicht in einem isochoren Prozess mit fest vorgegebenem Volumen sondern in
einem isobaren Prozess, bei dem der Druck konstant bleibt.
Für einen isothermen - isobaren Prozess ist aber die Forderung nach minimaler Entropie
von System plus Umgebung, die zur Gl. (6.95) führte gleichbedeutend damit, dass die
Freie Enthalpie
G = E + pV −T S = F +pV , (6.100)
6.9. FREIE ENERGIE UND FREIE ENTHALPIE 271
minimal ist. Zum Beweis dieser Behauptung betrachten wir die Differenzialform
dG = d (E + p V − T S)
= dE + V dp + p dV − T dS − S dT . (6.101)
Bei dem Übergang zur zweiten Zeile haben wir wieder die Produktregel (6.97) für den
T S Term und den pV Term angewandt. In einem isobaren Prozess ist V dp = 0 und in
einem isothermen Prozess gilt S dT = 0. Damit reduziert sich dG für einen isobaren -
isothermen Prozess auf
dG = dE + p dV − T dS , (6.102)
und die Forderung (6.95) ist identisch mit der Forderung nach einem Minimum für die
Freie Enthalpie G.
Vergleichen wir nun die Eigenschaften von Atomen in einer flüssigen und in der gasförmi-
gen Phase, so kann man feststellen, dass
• die Entropie der flüssigen Phase, Sf , niedriger ist als die der gasförmigen Sg , da die
Atome in der flüssigen Phase eine gewisse Nahordnung aufweisen.
• die Energie der flüssigen Phase, Ef , niedriger ist als die der gasförmigen Eg , da die
enge Nachbarschaft der Atome in der Flüssigkeit eine attraktive potenzielle Energie
liefert.
• das Volumen der flüssigen Phase, Vf , kleiner ist als das Volumen der gleichen Anzahl
Atome in der gasförmigen Phase.
Im Vergleich zum Idealen Gas gibt es also hier zwei zusätzliche Terme, charakterisiert
durch die Konstanten a und b, deren Bedeutung kurz erläutert werden soll:
i) Ist der Parameter b > 0, so ist das praktisch gleichbedeutend damit, daß dem idealen
Gas nicht mehr das gesamte Volumen V zur Verfügung steht sondern eben nur noch
das Volumen V − b. Man kann b also so interpretieren, daß die Atome nicht mehr als
Punktteilchen verstanden werden sondern als Teilchen, die insgesamt ein Volumen
b besetzen, das natürlich der Bewegungsfreiheit der anderen Atome entzogen ist.
Dieser Parameter b repräsentiert also die Tatsache, daß das Potential zwischen zwei
Atomen bei sehr kurzen Relativabständen so stark repulsiv ist, dass eine gegenseitige
Durchdringung unmöglich wird.
ii) Ist die Konstante a > 0, so wirkt sich das genau so aus wie eine Vergrößerung
des Druckes: die Atome werden also stärker zusammengehalten. Dies simuliert den
Effekt einer attraktiven Wechselwirkung zwischen den Atomen. Da dieser Beitrag
mit 1/V 2 skaliert, wird diese attraktive Wechselwirkung erst bei kleinen Volumina
V wirksam. Dies ist aber gleichbedeutend damit, dass man durch diesen Term eine
attraktive Wechselwirkung kurzer Reichweite zwischen den Atomen simuliert.
Löst man die van der Waalsche Zustandsgleichung nach dem Druck p auf
NkB T a
p= − 2 (6.104)
V −b V
274 KAPITEL 6. THERMODYNAMIK UND WÄRMELEHRE
p2
p1
VC VB VA V
Abbildung 6.32: Lösung der van der Waalschen Zustandsgleichung für ein rea-
les Gas bei vorgegebener Temperatur. Die resultierende Funktion (6.104 ) gibt
an, welches Volumen sich bei vorgegebenem Druck p einstellt.
so erhält man also eine Funktion p(T, V ), die bei festgehaltener Temperatur angibt, wel-
cher Druck bei vorgegebenem Volumen für das Gas resultiert, beziehungsweise welches
Volumen sich bei vorgegebenem Druck einstellen sollte. Eine solche Funtkion p(V ) für
eine bestimmte Temperatur T und bestimmte Werte für die Teilchenzahl N und die Pa-
rameter a und b ist in Abb. 6.32 dargestellt. Entsprechend dieser Figur können wir drei
Bereiche unterscheiden:
p < p1 : Die Zustandsgleichung liefert in diesem Druckbereich ein eindeutiges Ergebnis für
V . Dies bedeutet, dass die Freie Enthalpie als Funktion von V nur ein Extremum
aufweist. Aus dem Kurvenverlauf p(V ) in Abb. 6.32 ist weiterhin klar, dass es sich
bei diesem Extremum um ein Minimum handelt.
Diese Bedingung für ein Minimum in der Enthalpie ist auch anschaulich eine Be-
dingung für eine stabile Realisierung des Systems. Bedeutet sie doch, daß bei einer
Verkleinerung des Volumens der Druck größer wird. Würde aber der Druck bei einer
Verkleinerung des Volumens kleiner, so würde das zu einer Instabilität des Sytems
führen: Eine kleine Volumenänderung hervorgerufen durch eine exterene Kraft führt
ja dann zu einem reduzierten Gegendruck des Systems, was natürlich eine weitere
Volumenreduktion schließlich also einen Kollaps des Systems zur Folge hätte.
In diesem Druckbereich erhalten wir eine Lösung mit einem großen Volumen. Für
dieses große Volumen V kann man die Korrekturterme in der van der Waalschen
Zustandsgleichung vernachlässigen
a
V b und ≈ 0,
V2
das System verhält sich also wie ein Gas
p > p2 Auch in diesem Druckbereich gibt es nur eine Lösung der Zustandsgleichung: es gibt
also ebenfalls nur ein Extremum für die Freie Enthalpie G(V ). Auch in diesem Fall
6.10. ZUSTANDSGLEICHUNG EINES REALEN GASES 275
G
p < p1
p1 < p < p 2
p > p2
V
flüssig gas
handelt es sich um ein Minimum. Das resultierende Volumen ist aber signifikant
kleiner als in dem Druckbereich p < p1 . In diesem Fall sind die Korrekturterme zum
Idealen Gas relevant: die Wechselwirkung zwischen den Atomen wird wichtig und
wir indentifizieren diese Lösung deshalb mit der flüssigen Phase des Systems.
p1 < p < p2 In diesem Druckbereich gibt es drei Lösungen der Zustandsgleichung, die wir ent-
sprechend der obigen Diskussion mit drei Extrema der Freien Enthalpie G(V ) ver-
binden. Zwei dieser Extrema sind Minima, bei der dritten Lösung handelt es sich
hingegen um eine Maximum.
Für jeweils einen Druck p aus den drei gerade diskutierten Druckbereiche ist in Abb. 6.33
die Funktion G(V ) schematisch dargestellt. Während für p < p1 und p > p2 jeweils nur
ein Minimum in G(V ) auftritt, muß für den Zwischenbereich untersucht werden, welches
der beiden Minima von G, G(VA ) oder G(VC ) das absolute Minimum darstellt. Dazu
berechnen wir A
G(VA ) − G(VC ) = dG . (6.105)
C
Zur weiteren Berechnung betrachten wir die Differenzialform für dG aus (6.101)
dG = dE + V dp + p dV − T dS − S dT
= T dS − p dV + V dp + p dV − T dS − S dT
= V dp − S dT
= V dp (6.106)
Beim Übergang zur zweiten Zeile haben wir dE durch den Wärmebeitrag δQ = T dS und
den Beitrag mechanischer Arbeit δW = −pdV dargestellt und beim Übergang zur letzten
Zeile wurde berücksichtigt, dass die Temperatur konstant ist, also dT = 0. Damit ergibt
276 KAPITEL 6. THERMODYNAMIK UND WÄRMELEHRE
-
+
VC VA V
Grafisch dargestellt entspricht der Beitrag p(VA − VC ) in dieser Gleichung der Fläche
des Rechtecks in Abb. 6.34, die oben durch die Gerade p = const abgeschlossen wird
während links und rechts jeweils
die Begrenzungen durch V = VC beziehungsweise V = VA
gegeben ist. Das Integral p dV entspricht der Fläche unter der Kurve p(V ) bei gleichen
Begrenzungen an den Seiten. Das totale Ergebnis von (6.107) wird demnach durch die
Differenz der beiden in Abb. 6.34 herausgegehobenen Flächen dargestellt.
Wenn der Druck p gerade den Wert p = p0 annimmt, bei dem die Differenz dieser Flächen
gerade identisch null ist, so haben wir den Grenzfall erreicht bei dem beide Minima in
G(V ) gleichen Wert haben: G(VA ) = G(VC ). Ist der Druck kleiner als dieser Wert p0 , so ist
die rechte der beiden Flächen größer, was ja nach (6.107) bedeutet, daß G(VA ) < G(VC )
ist. In diesem Fall p < p0 wird also die gasfärmige Phase mit V = VA realisiert. Ist
andererseits p > p0 , so wird G(VA ) > G(VC ) sein und entsprechend die flüssige Phase
auftreten. Diese gerade beschriebene Konstruktion zur Bestimmung des Druckes p0 (T ),
bei dem gerade bei der vorgegebenen Temperatur T der Phasenübergang “flüssig ⇔ fest”
stattfindet nennt man Maxwell Konstruktion.
Hält man nun für ein System aus wechselwirkenden Atomen die Temperatur konstant und
setzt es unter einen kleinen äußeren Druck p, so wird es ein Gas bilden mit großem Volumen
V . Wird der Druck p stetig erhöht, so wird das Volumen kontinuierlich abnehmen, das
System bleibt aber im gasförmigen Zustand so lange der Druck unterhalb des Druckes
p0 (T ), der durch die Maxwell Konstruktion bestimmt werden kann, liegt. Genau bei dem
6.10. ZUSTANDSGLEICHUNG EINES REALEN GASES 277
p
kritischer Punkt
T
krit
Koexistenz-
bereich
Abbildung 6.35: Lösung der van der Waalschen Zustandsgleichung bei ver-
schiedenen Temperaturen und der kritische Punkt.
Druck p0 koexistieren beide Phasen. Wächst der Druck schließlich über p0 an, so bildet
das System bei kleinem Volumen eine Flüssigkeit.
Bei dem Druck p0 sind die Freien Enthalpien für die gasförmige und die flüssige Phase
identisch. Die Entropie der Flüssigkeit ist kleiner als die Energie des entsprechenden Ga-
ses, da ja in der flüssigen Phase wegen der Wechselwirkung der Atome eine Korrelation
zwischen den Nachbaratomen und damit eine gewisse Nahordnung besteht, während in
der Gasphase alle Atome sich unabhängig voneinander bewegen. Andererseits ist aber die
Energie der Gasphase kleiner als die der flüssigen Phase. Es muß also eine Energiemenge,
die sogenannte Verdampfungsenthalpie aufgebracht werden, um die Flüssigkeit in die
Gasphase zu überführen.12
Die Lösung der van der Waalschen Zustandsgleichung p(V ) nach (6.104) ändert sich mit
der Temperatur T wie es in Abb. 6.34 an Beispielen dargestellt ist. Bei einer gewissen
Temperatur Tkrit verschwindet der Druckbereich, in dem 3 Lösungen für das Volumen
V bei vorgegebenem p gefunden werden können. Bei dieser kritischen Temperatur und
oberhalb T = Tkrit treten keine getrennten Minima für die gasfürmige und die flüssige
Phase auf. Bei diesen hohen Temperaturen exisitiert das System nur noch in einer Phase.
Den Endpunkt des Koexistenzbereiches in dem p(V ) Diagramm, bezeichnet man als den
kritischen Punkt (siehe auch Abb. 6.34). Beispiele für die Temperatur, Tkrit , den Druck
pkrit und dem Verhältnis
pkrit Vkrit
(6.108)
NkB Tkrit
etwa für ein Mol verschiedener Substanzen sind in der Tabelle 6.8 aufgelistet. Daraus
ersehen wir, daß sich z.B. für die Temperatur des kritischen Punktes Tkrit Werte ergeben,
die sich um zwei Größenordnungen unterscheiden. Ähnliches gilt auch für den Druck. Das
Verhältnis aus (6.108) ist jedoch nahezu unabhängig von dem betrachteten Material, hat
also eine eher globale Bedeutung.
12
Im täglichen Leben ist dies z.B. die Energie, die nötig ist um eine Menge Wasser bei 100 Grad Celsius
zu verkochen, also ohne Erhöhung der Temperatur von der Flüssigkeit in die Dampfphase zu überführen.
278 KAPITEL 6. THERMODYNAMIK UND WÄRMELEHRE
Tabelle 6.8: Temperatur und Druck des kritischen Punktes, so wie das Verhält-
nis (6.108) für verschiedene Materialien.
6.11. PHASEN UND PHASENÜBERGÄNGE 279
Abbildung 6.36: Schematische Phasendiagramme von H2 O und von CO2 . Die Skalen sind
nicht maßstäblich.
Es sei hier weiter angemerkt, dass die Unterscheidung fest-flüssig-gasförmig einen Stoff
keineswegs vollständig charakterisiert. Speziell im festen Zustand gibt es oft eine Vielzahl
weiterer Phasen, die sich z. B. in der Kristallstruktur, d. h. der Anordnung der Atome
oder Moleküle im Kristall, oder auch in ihren elektronischen Eigenschaften (z. B. para-
magnetisch/ferromagnetisch) unterscheiden.
Als Beispiel zeigt Abb. 6.37 einige Phasen von Eis. Die 9 gezeigten Phasen unterscheiden
sich alle in ihrer Kristallstruktur.
Den letztgenannten Fall demonstrieren wir mit in einer Kapillare eingeschlossenem CO2 -
Gas, das wir unter hohen Druck setzen. Bei einem Druck in der Gegend von 70 bar bildet
sich in der Kapillare flüssiges CO2 , wobei die Flüssigkeitsmenge mit wachsendem Druck
ansteigt. Wenn der Druck wieder verringert wird, dann siedet die Flüssigkeit (d. h. wir
beobachten Blasenbildung), bis sich schließlich der Gaszustand wieder eingestellt hat.
Verdunsten
In einem zweiten Gedankenversuch füllen wir ein Gefäß teilweise mit Flüssigkeit und ver-
schließen dieses. Das Gefäß soll thermisch gut an die Umgebung angekoppelt sein, also bei
konstanter Temperatur bleiben. Auch jetzt werden Moleküle aus der Flüssigkeit austreten.
Sie können aber nicht entweichen, sondern füllen allmählich den freien Teil des Gefäßes.
Diese Moleküle tragen zum Gesamtdruck über der Flüssigkeitsoberfläche bei (man nennt
den Beitrag einer Molekülsorte
'N zum Gesamtdruck auch Partialdruck, es gilt bei N Mo-
lekülsorten: pges = 1 pn ). Speziell bezogen auf die aus der Flüssigkeit verdampfenden
Moleküle sprechen wir vom Dampfdruck. Mit wachsendem Dampfdruck kehren aber
auch mit wachsender Wahrscheinlichkeit Moleküle aus der Gasphase in die Flüssigkeit
zurück. Man erreicht schließlich ein stationäres Gleichgewicht, bei dem pro Zeiteinheit ge-
nauso viele Moleküle verdampfen wie kondensieren. Hier ist der Sättigungsdampfdruck
pD erreicht. Auch dieser ist proportional zum Boltzmannfaktor, es gilt:
−λ
pD = p0 (T ) · e RT . (6.109)
Bei 20◦ C beträgt pD für H2 O 23.3 mbar, für Hg 1.6×10−3 mbar und für Methylalkohol
125 mbar.
Abb. 6.38 zeigt den Sättigungsdampfdruck von H2 O als Funktion der Temperatur. Einige
Zahlenwerte sind tabellarisch mit abgegeben.
Speziell erreicht bei einer Temperatur von 100◦ C der Sättigungsdampfdruck den Atmo-
sphärendruck von 1013 mbar. Hier beginnt das Wasser zu sieden; H2 O-Moleküle entwei-
chen nicht nur durch die Grenzfläche flüssig/gasförmig sondern bilden auch im Flüssig-
keitsvolumen Gasblasen. Der Druck in den Gasblasen ist gleich dem Außendruck von 1013
mbar.
282 KAPITEL 6. THERMODYNAMIK UND WÄRMELEHRE
Im pT-Phasendiagramm der Abb. 6.36 ist der Gesamtdruck gegen die Temperatur aufge-
tragen. Die Grenzlinie flüssig/gasförmig ist dadurch bestimmt, dass der Sättigungsdampf-
druck gleich dem Außendruck wird. Es gilt also:
−λ
pSiede = pD = p0 (T ) · e RT (6.110)
Pumpt man einen teilweise mit Wasser gefüllten Kolben ab, so findet man, dass das Wasser
bei ca. 23 mbar zu sieden beginnt. Hier ist der Druck im Kolben gleich dem Dampfdruck
bei 20◦ C.
T [◦ C] p [mbar] T [◦ C] p [mbar]
0 6.1 100 1013
10 13.3 110 1432
20 23.3 120 1985
30 42.2 130 2700
40 73.7 150 4760
50 123 170 7919
60 199 190 12549
70 311 300 82894
80 473 350 165330
90 701
Abbildung 6.38: Dampfdruckkurve von H2 O mit einigen Zahlenwerten für pD bei verschie-
denen Temperaturen. Quelle: Gerthsen Physik, Tab. 5.12 und Abb. 5.56
Luftfeuchte
Meist liegt die Konzentration des Wasserdampfs in der Atmosphäre deutlich unterhalb
des Sättigungsdampfdrucks liegen. Das thermodynamische Gleichgewicht hat sich dann
noch nicht eingestellt, das Wasser verdunstet. Man gibt die aktuell vorhandene Menge an
Wasserdampf als Luftfeuchte an. Die absolute Luftfeuchte bezeichnet die Konzentra-
tion des Wasserdampfs in g/cm3 . Die relative Luftfeuchte ist das Verhältnis absolute
Feuchte/Sättigungsfeuchte. Sie wird durch Hygrometer gemessen. Man nutzt dabei in
der Regel indirekte Effekte wie die Eleastizität von Haaren oder die beim Verdunsten
erzeugte Temperaturabsenkung aus. Wenn Luft bei einer relativen Luftfeuchte < 100%
abgekühlt wird, sinkt der Dampfdruck und damit die Sättigungsfeuchte. Der Wasserdampf
muss, wenn der Sättigungswert erreicht ist (”Taupunkt”), aus der Luft auskondensieren.
Dies geschieht beispielsweise als Tau bzw. Nebel.
Clausius-Clapeyron-Gleichung
dampfungswärme λ, der Steigung der Phasengrezlinie und den spezifischen Volumina der
beiden Phasen:
dpD
λ=T · (vD − vfl ) (”Clausius-Clapeyron-Gleichung”) (6.111)
dT
Hierbei ist vf l das ”spezifische Volumen” der Flüssigeit (= 1/Dichte), vD das spezifische
Volumen des Dampfes. Für 1 Mol lautet diese Gleichung:
dpD
Λ=T · (Vmol,D − Vmol,fl) (6.112)
dT
Das Volumen vergrößert sich dabei von VF l auf VD . Hierdurch kann ein Kolben die Arbeit
∆W1 = (p1 + dp) · (vD −vF l ) verrichten. Von ”2” nach ”3” wird das Gas (z. B. adiabatisch)
von T +dT auf T abgekühlt, wobei wieder der Druck p1 erreicht wird. Wir vernachlässigen
wiederum die infinitesimal kleine Änderung von VD . Schließlich wird das Gas von ”4” nach
”1” kondensiert. Der Kolben leistet die Arbeit ∆W2 = −p1 · (VD − Vf l ). Die gesamte vom
Kolben geleistete Arbeit ist ∆W = ∆W1 + ∆W2 = (VD − Vf l )dp. Beim Verdampfen
musste außerdem die Wärme ∆Q = λ · M (M: Masse der Flüssigkeit) einem Wärmebad
entnommen werden. Der Wirkungsgrad ist also:
(T +dT )−T dT
Andererseits gilt für einen Carnot-Prozess: η = T +dT
= T
. Hierbei haben wir die
kleine Größe dT im Nenner vernachlässigt.
(vD −vF l )dp dT
Der Vergleich liefert: λ
= T
, was aufgelöst nach λ die Clausius-Clapeyron-
Gleichung ergibt.
Phasenübergang flüssig-fest:
Schmelzen und Sieden
Auch für den Phasenübergang flüssig-fest lässt sich ganz analog zum Übergang gasförmig-
flüssig durch Betrachten eines infinitesimalen Carnot-Prozesses über die Phasengrenze
hinweg eine Clausius-Clapeyron-Gleichung ableiten:
dps
λ = T (vf l − vf est ). (6.114)
dT
Hierbei ist die Schmelzwärme λ > 0. Jetzt kann aber vf l sowohl größer als auch kleiner
als vf est sein. Für die meisten Stoffe ist vf l > vf est . Dann ist die Schmelzkurve ps (T )
wiederum im pT -Diagramm nach rechts geneigt. Für einige Stoffe (insbesondere H2 O!) ist
6.11. PHASEN UND PHASENÜBERGÄNGE 285
aber vf est < vf l . Dann ist notwendig dps /dT < 0; die Schmelzkurve ist nach links geneigt
(vgl. Abb. 6.36).
Als Konsequenz schmilzt Eis unter Druck. Ein Schlittschuh gleitet deshalb auf einem
Wasserfilm.
Weiter ist anzumerken, dass im allgemeinen die Differenz |vf est − vf l | wesentlich kleiner
ist als die entsprechende Differenz beim Phasenübergang flüssig/gasförmig. Wenn λ und
λ von gleicher Größenordnung sind, ist deshalb dps /dT deutlich größer als dpD /dT , die
Schmelzkurve verläuft im pT -Diagramm sehr steil.
Phasenübergang flüssig-gasförmig:
Sublimation und Deposition
Wir demonstrieren den Prozess der Sublimation durch festes CO2 das wir dadurch her-
stellen, dass wir flüssiges CO2 aus einer Hochdruckflasche (T=20◦ C) ausströmen lassen.
Hierbei wird CO2 zunächst gasförmig und kühlt beim Entspannungsvorgang bis in die
feste Phase ab. Für p = 1 bar hat festes CO2 eine Temperatur von -78.5◦ C und sublimiert
in die Gasphase, was experimentell gut beobachtet werden kann. Der Effekt wird häufig
bei Bühnenshows eingesetzt (”Trockeneis”).
Phasengleichgewicht fest-flüssig-gasförmig;
Gibbs’sche Phasenregel
f = k + 2 − p̃ : (6.115)
Hierbei ist p̃ die Zahl der koexistierenden Phasen (z. B. gasförmig, flüssig, fest).
Für eine Atomsorte ist k = 1. Dies liefert für die Koexistenz gas/flüssig/fest p̃ = 3 und
f = 0. Das System ist eindeutig festgelegt. Für Lösungen zweier Stoffe (wir besprechen
einige Details im nächsten Kapitel) ist k = 2. Die Phasen gas/flüssig/fest können auf
einer ganzen Linie im in einem (p, T -Konzentration)-Diagramm koexistieren.
Sauerstoff siedet bei ca. 90 K, N2 bei 77 K. Hat man bereit flüssigen Stickstoff erzeugt, so
lässt sich fl. O2 dadurch herstellen, dass eine gut wärmeleitfähige Fläche (in unserem Ex-
periment: ein mit fl. N2 gekühlter Cu-Zylinder) auf eine Temperatur unter den Siedepunkt
von O2 gekühlt wird. O2 kondensiert dann aus der Luft aus.
Zur Erzeugung flüssigen Stickstoffs (oder auch flüssiger Luft) verwendet man das ”Linde-
Verfahren”, das in Abb. 6.41 skizziert ist.
286 KAPITEL 6. THERMODYNAMIK UND WÄRMELEHRE
Man setzt zunächst ein Gas unter hohen Druck, wobei die dabei freiwerdende Wärme an
die Umgebung abgeführt wird. Das komprimierte Gas leitet man in ein Gefäß, wo es über
ein Drosselventil entspannt wird. Das Gas kühlt dabei ab (”Joule-Thomson-Effekt”),
ist aber im ersten Zyklus noch nicht flüssig. Jetzt wird das Kaltgas zum Kompressor
zurückgeleitet, wobei es das entgegenströmende noch wärmere Gas vorkühlt. Nach einigen
Zyklen setzt die Verflüssigung ein.
Man kann zeigen (s. unten), dass der Prozess der Gasentspannung durch ein Drosselventil
ein Gas nur dann zur Abkühlung führt, wenn die Ausgangstemperatur unterhalb der
”Inversionstemperatur” Ti liegt, die das 6.75-fache der kritischen Temperatur ist. Für N2
beträgt Ti 851 K, für H2 225 K, für He 35.8 K. Speziell He-Gas muss man durch andere
Kühlverfahren unter35 K kühlen, damit der Joule-Thomson-Effekt zur Abkühlung und
Verflüssigung führt.
Joule-Thomson-Effekt Beim Joule-Thomson-Effekt stellt man sich vor, dass ein Gas
durch eine Drosselstelle wie in Abb. 6.42 gezeigt durchgedrückt wird. Das Gesamtsystem
sei dabei thermisch von der Umgebung isoliert.
Der linke Druckstempel verrichtet die Arbeit p1 V1 am Gas, dieses leistet die Arbeit p2 V2
am rechten Stempel. Die Differenz ändert die innere Energie E des Gases, d. h. E2 − E1 =
p1 V 1 − p2 V 2 .
Die Größe H = E +pV (”Enthalpie”) bleibt also während des Prozesses konstant (”isent-
halpe Zustandsänderung”). Für vorgegebenes p1 , p2 , V1 lässt sich zusammen mit der
6.11. PHASEN UND PHASENÜBERGÄNGE 287
van der Waals-Gleichung p + a
V2
(V − b) = νRT die Temperaturänderung des Gases
berechnen.
Die innere Energie des realen Gases hat wie das ideale Gas zunächst (für 1 Mol, d. h.
˜
ν = 1) den Beitrag f2 RT . Es kommt jetzt aber noch ein weiterer Beitrag −a/V hinzu, da
Arbeit gegen die Kohäsionskräfte zwischen den Molekülen geleistet wird. Der Gradient
dieses Terms liefert gerade den Binnendruck a/V 2 .
Es gilt also (für 1 Mol):
f˜ a
H= RT − + pV. (6.116)
2 V
Man muss jetzt unter Benutzung der van der Waalsgleichung die Größe dT /dp bestimmen,
wobei die Nebenbedingung H = const. zu erfüllen ist.
Wir wollen dies hier nicht im Detail durchführen sondern statt dessen eine vereinfachte
Darstellung wählen, bei der wir annehmen, wir hätten die Volumina V1 und V2 vorgegeben.
Wir berechnen dann die Größe dT /dV unter der Nebenbedingung H = const.
Es gilt: dH = ∂H · dV + ∂H · dT . Hier ist dH das ”totale Differential”. Mit
∂V T =const. ∂T V =const.
ist die partielle Ableitung nach x (x = T, V ) bezeichnet.
Hieraus folgt
dT (∂H/∂V )T =const.
=− (6.117)
dV (∂H/∂T )V =const.
Wir lösen die van der Waals-Gleichung nach p auf und setzen in H ein:
f˜ a RT a f˜ V 2a
H = RT − + − 2 · V = RT + − . (6.118)
2 V V −b V 2 V −b V
Die Größe dT /dV wechselt offensichtlich ihr Vorzeichen bei Ti = 2a/Rb = 6.75Tkrit =
6.75(8a/27Rb). Ti ist die Inversionstemperatur, oberhalb der sich ein durch die Drossel
strömendes Gas erwärmt anstatt abzukühlen. Für ein ideales Gas ist a = b = 0. Dann ist
(dT /dV )H = 0, wie es auch sein muss, da dessen innere Energie nur von der Temperatur
abhängt und sich bei dem Überströmvorgang nicht ändert.
Die Abb. 6.43 zeigt in einem T − p−Diagramm das Ergebnis der vollständigen Rechnung.
Unterhalb der ”Inversionskurve” kühlt das Gas ab, außerhalb erwärmt es sich.
Zum Abschluss dieses Abschnitts wollen wir nochmals auf die adiabatische Entmagneti-
sierung eingehen, die wie bei der Aufzählung verschiedener Kühlverfahren bereits genannt
hatten. Mittlerweile ist der Begriff der Entropie eingeführt, so dass wir den Prozess ge-
nauer beschreiben können.
Elektronen wie viele Atomkerne haben einen Eigendrehimpuls (Spin), der zu einem ma-
gnetischen Moment µ führt. Diese Spins lassen sich durch ein äußeres Magnetfeld B
gegeben.
ausrichten, dabei ist die Energie durch E = µB
Ohne äußeres Feld sind die Spins der einzelnen Elektronen bei hohen Temperaturen völlig
ungeordnet, die Entropie ist hoch. Zu niedrigen Temperaturen hin richten sich die Spins
immer besser aus, die Entropie sinkt und verschwindet für T → 0. Bei endlichen Tempe-
raturen lässt sich die Entropie auch durch Anlegen eines möglichst hohen Magnetfeldes
erniedrigen (vgl. Abb. 6.44).
Man legt nun bei einer hohen Anfangstemperatur zunächt isotherm ein Magnetfeld B1 an,
das viel höher ist als das Feld B0 (”1” → ”2”). B0 selbst ist durch die Wechselwirkungen
zwischen den Elektronen bzw. Atomkernen selbst vorgegeben und materialabhängig.
Anschließend wird die Probe thermisch von der Umgebung isoliert und das Magnetfeld
langsam abgeschaltet. Bei diesem adiabatischen Prozess kühlen zunächst die Elektronen
bzw. Kerne und nach einiger Zeit der gesamte Kristall ab. Die Entropie des Spinsystems
6.11. PHASEN UND PHASENÜBERGÄNGE 289
6.12 Lösungen
Wir haben im letzten Abschnitt die Phasen fest/flüssig/gasförmig eines einkomponentigen
Stoffs (z. B. H2 O, CO2 ) diskutiert. Jetzt gehen wir zu zweikomponentigen Systemen über,
bei denen zwei unterschiedliche Substanzen gemischt sind.
Unter ”Lösung” versteht man eine sehr feine (evtl. molekulare) Durchmischung zweier
Substanzen. Dagegen bezeichnet ein ”Gemenge” eine grobe Durchmischung.
Man charakterisiert Lösungen neben Variablen wie Druck, Temperatur, Volumen zusätz-
lich durch die Konzentation c, die beispielsweise durch die Molarität angegeben wird
(d. h. wie viele Mol einer gelösten Substanz in 1 l Lösung sind).
Hierbei wird der durch die gelösten Moleküle ausgeübte Druck als ”osmotischer Druck”
bezeichnet. Er addiert zum Druck durch die Moleküle des Lösungsmittels.
Eine Konsequenz des osmotischen Drucks ist, dass die Grenzfläche gas/flüssig in der Pfef-
ferzelle höher liegt als die des Lösungsmittels außerhalb. Die Höhendifferenz h ist gerade
durch den zusätzlichen Druck in der Zelle, also den osmotischen Druck bestimmt. Es gilt:
ρf l · g · h = posm , (6.121)
d. h. das Gewicht der Flüssigkeitssäule oberhalb der Grenzfläche des reinen Lösungsmittel
kompensiert den osmotischen Druck.
292 KAPITEL 6. THERMODYNAMIK UND WÄRMELEHRE
Im Experiment sehen wir, dass die Pfefferzelle sich langsam mit Wasser füllt. Je mehr
Salz im Wasser gelöst wird, desto höher steigt die Flüssigkeitssäule.
Der osmotische Druck ist auch dafür verantwortlich, dass Würste manchmal in kochendem
Wasser platzen. Das in der Wurst vorhandene Salz durchdringt deren Haut nicht oder nur
sehr langsam, während das Wasser schnell eindringen kann.
Sehr hohe Bäume benötigen den osmotischen Druck, um Wasser in die oberen Regionen
zu transportieren. Eine reine Wassersäule könnte im Baum maximal 10 m hoch steigen,
da dann der Druck durch die Wassersäule gleich dem Außendruck von 1 bar wird (1 m
Wassersäule ≈ 0.1 bar). Die kalifornischen Mammutbäume schaffen es, bis zu 120 m hoch
zu werden.
6.12.2 Dampfdrucksenkung
Dies ergibt:
ρDampf
∆p = · posm . (6.124)
ρf l
Wir wollen jetzt noch den osmotischen Druck aus dieser Gleichung eliminieren.
6.12. LÖSUNGEN 293
Der gelöste Stoff in der Zelle wie der Dampf im Gasraum gehorchen einer idealen Gas-
gleichung. Die Temperatur soll in der Zelle die gleiche sein wie außerhalb. Dann gilt:
posm ρgel µ·c
= = . (6.125)
pdampf ρf l ρf l
Hierbei haben wir mit ρgel die Dichte des gelösten Stoffes bezeichnet, mit µ seine Masse
pro Mol.
Damit erhalten wir:
µ
∆p = p c (”Raoult’sches Gesetz”). (6.126)
ρf l
Der Dampfdruck der Lösung erniedrigt sich also proportional zur Konzentration des
gelösten Stoffes. Dies gilt, solange c nicht allzu groß wird. Andernfalls ist das Gesetz
von van’t Hoff nicht mehr erfüllt.
Wir demonstrieren die Dampfdrucksen-
kung an Hand einer Lösung von Magne-
siumchlorid in Wasser. Der Aufbau ist in
Abb. 6.47 gezeigt.
Zwei Glaskolben sind durch ein mit Queck-
silber gefülltes U-Rohr (Hg-Barometer)
miteinander verbunden. Parallel zum U-
Rohr verläuft ein zweites Rohr, das durch
ein Ventil verschlossen werden kann. Bei
offenem Ventil ist der Druck über den bei-
den Kolben der gleiche, die beiden Schen-
kel des U-Rohrs sind gleich hoch. Schließt
man das Ventil, so stellt sich auf der linken
Seite des U-Rohrs der Sättigungsdampf-
druck des reinen Wassers ein, auf der rech-
ten Seite der Sättigungsdampfdruck der
Abbildung 6.47: Messaufbau zur Demonstra-
Lösung. Das Quecksilber steht im linken
tion der Dampfdrucksenkung in der Lösung
Schenkel des U-Rohrs höher als im rech-
ten. Die Höhendifferenz der beiden Hg-Oberflächen ergibt direkt den Druckunterschied
und damit die Dampfdrucksenkung ∆p in Torr.
• Der Siedepunkt einer Lösung ist gegenüber dem Siedepunkt des reinen Lösungsmit-
tels erhöht (”Siedepunktserhöhung”).
• Der Gefrierpunkt der Lösung ist gegenüber dem Gefrierpunkt der reinen Lösungs-
mittels erniedrigt (”Gefrierpunktserniedrigung”).
294 KAPITEL 6. THERMODYNAMIK UND WÄRMELEHRE
mit dpD
dTs
→ ∆PD
∆TS
ergibt sich:
∆pD Λ µ0 λ
= 2
· ∆Ts = · Ts (6.128)
pD RTs RTs2
RTg2
∆Tg = − c (6.129)
λ ρf l
Wir wollen diesen Ausdruck hier nicht im Detail herleiten. Qualitativ wird die Siedepunk-
terniedrigung aber aus Abb. 6.49 klar, die die Schmelzlinie zusammen mit der Siedellinie
zeigt.
Man beachte weiter, dass von der Warte des gelösten Stoffes aus zumindest der Schmelz-
punkt erhöht wurde. Der Stoff war ja in reiner Form bei Zimmertemperatur fest und wur-
de durch Zugabe von Wasser flüssig. Siedepunktserniedrigung und Dampfdruckerhöhung
gelten also nur für nicht allzu große Konzentrationen c.
Lösungen zweier Materialien können sich bei hohen Konzentrationen sehr kompliziert
verhalten. Die Abb. 6.50 zeigt einige Beispiele, bei denen die beiden Flüssigphasen z.
T. gemischt und zum Teil entmischt sind. Der Bereich, in dem getrennte Phasen vor-
liegen, wird ”Mischungslücke” genannt. Am linken bzw. rechten Rand liegen die beiden
Substanzen jeweils in reiner Form vor.
6.12. LÖSUNGEN 295
Abbildung 6.50: Mischungen zweier Flüssigkeiten. Nach oben ist jeweils die Tempe-
ratur aufgetragen, nach rechts die Konzentration. Quelle: [Link]
[Link]/scripten/wwwct/[Link]
Diffusion
Wir betrachten jetzt einen geschlossenen Behälter mit eingefügter Trennwand. Im Teil-
volumen 1 befinde sich ein Gas, Teilvolumen 2 sei leer. Öffnet man in der Trennwand ein
Loch (Fläche A), so werden Gasmoleküle in das Teilvolumen 2 fliegen. Die Teilchenzahl
im Volumen 1 nimmt ab, die Teilchenzahl im Volumen 1 zu. Nach einiger Zeit befinden
sich im Mittel gleich viele Moleküle in beiden Teilräumen. Dann bewegen sich gleich viele
Moleküle von 1 nach 2 wie von 2 nach 1. Zu einem früheren Zeitpunkt hat sich dieses
Gleichgewicht noch nicht eingestellt. Wir fragen jetzt danach, wie viele Teilchen in einer
gewissen Zeit ∆t im Mittel durch die Öffnung treten.
Für das Zeitintervall ∆t wählen wir die Stoßzeit τ , über die die Teilchen im Mittel zwischen
zwei Stößen frei fliegen.
In diesem Zeitintervall gelangen vor allem solche Teilchen durch die Öffnung (bei x = x0 ),
die sich etwa eine Streulänge l von der Trennwand entfernt befinden. Diese Teilchen legen
in der Stoßzeit τ gerade die Strecke l = vth · t zurück. Hier ist vth die mittlere thermische
Geschwindigkeit, die gleich der Wurzel aus dem mittleren Geschwindigkeitsquadrat der
Gasmoleküle definiert war. Es war: vth = 3kmB T , wobei m die Masse eines Moleküls ist.
Die Streulänge l sei klein gegen alle anderen Dimensionen des Systems (Durchmesser der
Öffnung, Abmessungen des Behälters). Die Bewegung der Teilchen wird dann durch Stöße
untereinander dominiert. Die Teilchen diffundieren durch die Öffnung.
Die Teilchendichte bei x = x0 − l sei n(x − l). Würden alle Teilchen geradlinig auf die
Öffnung zufliegen, so würden sich n(x − l) · A · vth · l Moleküle in der Zeit ∆t = τ durch
die Öffnung bewegen. Tatsächlich bewegen sich im Mittel aber nur 1/6 dieser Moleküle
in Richtung +x.
Für N1τ 2 ergibt sich also:
1
N1→2 = A · n(x0 − 1) · vth · ∆t. (6.130a)
6
Ganz analog finden wir:
1
N2→1 = A · n(x0 + 1) · vth · ∆t. (6.130b)
6
Streng genommen können sich τ , vth und l rechts und links der Öffnung unterscheiden.
Wir nehmen an dieser Stelle aber an, dass diese Unterschiede gering sind, d. h. dass bereits
viele Teilchen durch die Öffnung getreten sind.
Die Differenz ergibt:
1
∆N = N1→2 − N2→1 = · A n(x0 − 1) − n(x0 + 1) · vth · ∆t (6.131)
6
Da wir annehmen, dass sich die Teilchendichten im Abstand ±l von der Öffnung nicht
allzusehr unterscheiden, können wir n(x0 − l) Taylor-entwickeln:
dn
n(x0 − l) ≈ n(x0 ) − l (6.132a)
dx
D = 13 vth l ist die Diffusionskonstante. Sie hängt über vth von der Temperatur und
der Teilchenmasse ab, sowie über l von der Dichte der Teilchen (je enger die Teilchen
zusammen sind, desto kürzer wird die Zeit zwischen zwei Stößen).
Führt man den Teilchenstrom J = ∆N ∆t
ein (d. h. die Zahl der Teilchen, die pro Zeit durch
die Öffnung ”strömen”), sowie die Stromdichte j = J/A, so erhalten wir:
dn
j = −D · 1. Fick’sches Gesetz. (6.135)
dx
Wir haben hier angenommen, dass die Gasmoleküle nur in x-Richtung diffundieren.
Bei der Diffusion in drei Dimensionen erweitert sich dies zu: j = −D · grad(n).
Das 2. Fick’sche Gesetz beschreibt die zeitliche Änderung der Teilchenzahl in einem klei-
nen Teilvomumen ∆V . Bei Bewegung allein in x-Richtung ist dV gegeben durch A · dx.
Der linke Rand des Volumenelements befinde sich bei x, der rechte bei x + dx. Von
links strömen j(x) Teilchen pro Zeiteinheit in dV hinein, an der rechten Begrenzung
J(x + dx) Teilchen wieder heraus. Die zeitliche Änderung der Teilchenzahl in dV ist also:
dN
dt
= J(x) − J(x + dx). Wir teilen durch dV = A · dx und erhalten:
In 3D müssen wir berücksichtigen, dass aus allen Flächen unseres (würfelförmigen) Volu-
menelements dV Teilchen aus- bzw. eintreten. Es gilt dann:
dn djx djy djz
=− + + ≡ divj (6.137)
dt dx dy dz
Mit ”div” wird die ”Divergenz” bezeichnet, die Sie im Sommersemester noch ausführlich
benutzen werden.
Experimentell demonstrieren wir die Diffusion dadurch, dass wir Wasserstoff in ein mit
Luft gefülltes Tongefäß eindiffundieren lassen. Der Druck im Gefäß wächst zunächst
stark an und fällt dann wieder ab. Quantitativ könnte man diesen Prozess mit Hilfe
der Fick’schen Gleichungen berechnen. Der Prozess ist aber auch qualitativ einsichtig:
Die H2 -Moleküle haben eine weit höhere thermische Geschwindigkeit und damit Diffusi-
onskonstante als die sich im Gefäß befindende Luft. Die H2 -Moleküle diffundieren schneller
ein als die Luftmoleküle entweichen können. Der Druck im Gefäß wächst an. Nach einiger
Zeit stellt sich aber wiederum ein Druckausgleich ein.
Wärmeleitung in Gasen
Ganz analog wie die Diffusion können wir die Wärmeleitung von Gasen behandeln. Hierzu
nehmen wir an, ein geschlossenes langes Rohr sei mit Gas gefüllt und werde auf einer Seite
auf die Temperatur T1 erhitzt. Die Temperatur der anderen Seite sei T2 . Die Gasmoleküle
nahe der erhitzten Stelle haben jetzt eine höhere mittlere kinetische Energie und Tempe-
ratur als die anderen. Diese Moleküle werden sich jetzt durch den Stab bewegen und ihre
kinetische Energie allmählich an die anderen Moleküle abgeben. Der Prozess und auch
298 KAPITEL 6. THERMODYNAMIK UND WÄRMELEHRE
der weitere Rechenweg ist völlig analog zur Diffusion. Wir fragen jetzt nach der Wärme-
energie, die die Elektronen beim Durchtritt durch eine Fläche A bei x = x0 abgeben bzw.
aufnehmen.
Man findet:
∆Q 1 dE
= − · A · vth · 2l · n(x) · . (6.138)
∆t 6 dx
∆Q 1 dU n dT dT
= − Avth 2l · n(x) = Avth l · n(x)f˜kB = −λw A (6.139)
∆t 6 dx 6 dx dx
mit der Wärmeleitfähigkeit λw = 16 f˜kB nvth l. Führt man hier noch die Wärmekapazität
˜
pro Volumeneinheit C = f2 kB n ein, so ergibt sich:
1
λw = Cvth l (6.140)
3
Wärmeleitung in Festkörpern
Abschließend seien hier einige weitere Mechanismen des Wärmetransports angegeben. Be-
reits angesprochen hatten wir den Wärmetransport durch Verdampfen aus einer Flüssig-
keit. In Flüssigkeiten und Gasen ist der Wärmetransport über die Konvektion sehr effek-
tiv. Das warme Gas bzw. die warme Flüssigkeit steigt von der erwärmten Stelle auf, kühlt
beim Aufsteigen allmählich ab und sinkt schließlich wieder zum Gefäßboden herab. Bei
allen Körpern ist der Wärmetransport durch elektromagnetische Strahlung (Photonen)
sehr wichtig. Hierbei steigt die von einem Körper der Temperatur T abgestrahlte Energie
proportional zu T 4 . Das Maximum dieser Wärmestrahlung liegt für einen ca. 30◦ C heißen
Körper im Infraroten und für einen über 1000◦ C heißen Körper im Sichtbaren (Glühen).
Diesen Effekt hatten wir bereits im Zusammenhang mit Pyrometern besprochen.
Eine Anwendung nahezu aller genannten Wärmetransportmechanismen findet man bei
der Thermoskanne bzw. einem Dewar.
• Um den Inhalt des Gefäßes thermisch von der Außenwelt zu isolieren, ist dieses
zunächst aus einem doppelwandigen schlecht wärmeleitenden Festkörper (z. B. Glas)
hergestellt.
• Das Volumen zwischen den beiden Behältern ist evakuiert, um v. a. den Wärme-
transport durch Konvektion zu unterbinden.
• Schließlich sollte ein Deckel die Thermoskanne abschließen. Dadurch wird die Ab-
kühlung durch Verdampfung verringert.
300 KAPITEL 6. THERMODYNAMIK UND WÄRMELEHRE
Kapitel 7
d2 K
2
x(t) = − x(t) , (7.1)
dt m
gebracht werden konnte. Dabei steht K für die Stärke der Rückstellkraft. Diese Differen-
zialgleichung zweiter Ordnung besitzt zwei voneinander unabhängige Lösungen
K
x1 (t) = cos(ωt) und x2 (t) = sin(ωt) mit ω = ,
m
sodass man die allgemeine Lösung schreiben kann in der Form
Die Konstanten A und B können z.B. durch die Anfangsbedingungen x(t = 0) und ẋ(t =
0) festgelegt werden. Alternativ zu den Lösungen cos(ωt) und sin(ωt) kann man auch die
komplexwertigen Exponentialfunktionen als unabhängige Lösungen heranziehen und die
allgemeine Lösung darstellen durch
wobei die komlexen Parameter α und β so zu wählen sind, dass die reellwertigen An-
fangsbedingungen reproduziert werden. Wir bezeichnen solche Bewegungen, bei denen
die Auslenkungen mit einer reinen Kosinsus- oder Sinusfunktion beschrieben werden als
Harmonische Schwingungen (siehe Abb. 7.1). Diese Bezeicnung gilt auch, wenn andere
301
302 KAPITEL 7. SCHWINGUNGEN UND WELLEN
x 0
1 2
Zeit t/T
-1
physikalische Größen sich so verhalten, dass sie als Funktion der Zeit mit einer Kosinus-
oder Sinusfunktion mit einer festen Winkelfrequenz ω beschrieben werden . Als ein Bei-
spiel für solche Harmonische Schwingungen wollen wir an dieser Stelle den Schall (hier
ändert sich der Druck als Funktion der Zeit) und elektromagnetische Schwingungen, bei
denen sich unter anderem die Stärke des elektrischen Feldes als Funktion der Zeit ändert.
Weitere Beispiele werden wir später in diesem Kapitel betrachten.
Wir können die Schwingung (7.3) auch umschreiben auf die Form
x(t) = a Real ei(ωt+δ) = a cos(ωt + δ) (7.4)
Eine solche Harmonische Schwingung ist also definiert durch die Amplitude a die Pha-
senverschiebung δ und die Winkelgeschwindigkeit ω. Diese Winkelgeschwindigkeit drückt
man auch häufig aus durch die Frequenz ν oder die Schwingungsdauer T , das ist die Zeit,
die verstreicht bis das Argument der Kosinusfunktion eine volle Periode 2π durchlaufen
hat. Diese Größen sind zueinander definiert durch
2π
ω= = 2πν . (7.5)
T
Was ergibt sich, wenn man mehrere Harmonische Schwingungen aufaddiert, man nennt
dies auch ein Überlagerung von Schwingungen. Wir wollen dazu zunächst den Fall be-
trachten, dass wir nur zwei Schwingungen haben. Die erste mit der Amplitude a1 = 1 und
der Winkelgeschwindigkeit ω0 . Die zweite mit der Amplitude a2 = α und einer Winkelge-
schwindigkeit, die um δω gegenüber ω0 verschoben ist. Die Überlagerung berechnet sich
am leichtesten durch Aufaddieren der komplexen Darstellungen der Schwingungen und
ergibt
x(t) = eiω0 t + α ei(ω0 +δω)t
= 1 + α eiδωt eiω0 t . (7.6)
7.1. ÜBERLAGERUNG VON SCHWINGUNGEN, FOURIER ZERLEGUNG 303
x 0
1 2
Zeit t/T
-1
Dies entspricht also einer Schwingung der Grundfrequenz ω0 deren Amplitude mit der Zeit
variiert und zwar um den Mittelwert 1 mit einer Winkelfrequenz von δω. Der Realteil
dieser Funktion, und nur der ist ja für physikalische Schwingungen von Interesse, ist
in Abb. 7.2 dargestellt. Man spricht dabei von einer Modulation der Amplitude durch
den Faktor (1 + α cos(δωt) der Grundschwingung mit der Trägerfreqenz ν0 = ω0 /2π.
Diese amplitudenmodulierte Schwingung ergibt sich also durch die Überlagerung von zwei
Schwingungen mit leicht unterschiedlicher Frequenz. Ein Anwendungsbeispiel für solche
Schwingungsüberlagerungen findet man etwa in der Übertragung von Schallwellen mit
Radiowellen. Die Trägerfrequenz ν0 für eine Übertragung im Ultra - Kurz - Wellen (UKW)
Bereich liegt z.B. bei 94 MHz, also 94 Millionen Schwingungen des elektromagnetischen
Feldes pro Sekunde. Hörbare Schallwellen haben eine Frequenz δν von 10 Hz bis etwa
20 KHz. Zur Übertragung solcher Schallwellen benötigt man also Überlagerungen von
Radiowellen mit ν = ν0 ± δν, also nicht nur eine einzige Fequenz sonder ein ganzes
Frequenzband.
Funktion f einer Variablen x, die im Intervall −L ≤ x ≤ L definiert sein soll mit der
Nebenbedingung, dass f (−L) = f (L). Die Länge des Definitionsintervalls, 2L, heisst die
Periodenlänge der Funktion. Eine solche Funktion kann dann periodisch ergänzt werden
für beliebige Argumente durch die Definition
Die Fourier Reihe zur Darstellung dieser Funktion lässt sich dann schreiben in der Form
1 ∞
1 1
f (x) = a0 √ + an √ cos (kn x) + bn √ sin (kn x) . (7.7)
2L n=1 L L
Dabei sind die an und bn Koeffizienten, also Zahlen, die für die Funktion f (x) charakte-
ristisch sind und über deren Bestimmung noch zu reden sein wird. Die Wellenzahlen kn
sind definiert durch
nπ
kn = . (7.8)
L
Damit sind die Funktionen cos(kn x) und sin(kn x) periodische Funktionen auf dem Inter-
vall [−L, L]. Die Gleichung (7.7) sagt aus, dass jede reellwertige periodische Funktion f
durch die entsprechenden periodischen Kosinus- und Sinusfunktionen dargestellt werden
kann. Diese periodischen Funktionen bilden nämlich einen Vektorraum. Dies bedeutet
zunächst einmal, dass jede Überlagerung von periodischen Funktionen f1 (x) und f2 (x) in
der Form
f (x) = af1 (x) + bf2 (x) ,
mit a und b beliebigen reellen Zahlen, selbst wieder ein Element dieses Vektorraumes ist,
wovon man sich leicht überzeugen kann. Ausserdem sind die anderen Voraussetzungen für
einen solchen Vektorraum erfüllt.1
Die Kosinus- und Sinusfunktionen bilden dann eine Basis in diesem Vektorraum und wir
können (7.7) umschreiben auf die Form
∞
|f >= a0 |e0 > + an |en > +bn |(
en > . (7.9)
n=1
In dieser Schreibweise haben wir also die Elemente des Vektorraumes identifiziert mit den
Bezeichnungen
f (x) → |f >
1
√ → |e0 >
2L
1
√ cos(kn x) → |en >
L
1
√ sin(kn x) → |(
en > , (7.10)
L
1
siehe z.B. Kapitel II aus H. Fischer und H. Kaul: Mathematik für Physiker I, Teubner Taschenbücher,
und die entsprechende Vorlesung Mathematik. Eine ausführliche Diskussion der Fourierreihe aus Sicht
der Mathematik findet sich im Kapitel III Paragraph 6 von H. Fischer und H. Kaul: Mathematik für
Physiker II.
7.1. ÜBERLAGERUNG VON SCHWINGUNGEN, FOURIER ZERLEGUNG 305
eine Bezeichnung, die insbesondere in der Quantenmechanik benutzt wird und die wir
deshalb an dieser Stelle auch schon mal einführen wollen. Diese Basiselemente |en > und
|(
en > bilden eine Orthonormalbasis. Zum Nachweis müssen wir aber zunächst einmal de-
finieren, wie das Skalarprodukt zweier Vektoren in diesem Vektorraum der periodischen
Funktionen gebildet werden soll. Dazu führen wir die Definition ein, dass das Skalarpro-
dukt zweier Elemente |f > und |g >, beziehungsweise der entsprechenden Funktionen
f (x) und g(x) berechnet werden soll durch
L
< f |g >:= dx f (x) g(x) . (7.11)
−L
Man muss sich davon überzeugen, dass diese Definitionen die Bedingungen an ein Skalar-
produkt erfüllt. Insbesondere kann man mit dieser Definition den Abstand zweier Funk-
tionen f und g definieren durch
||f > −|g > | = < f − g|f − g > , (7.12)
mit L
< f − g|f − g >= dx (f (x) − g(x))2 (7.13)
−L
Dieser Abstand ist also positiv definit und liefert nur dann den Wert Null, wenn die
beiden Funktionen f und g identisch sind. Mit dieser Definition können wir uns nun davon
überzeugen, dass die in (7.10) aufgeführten Elemente eine Orthonormalbasis darstellen.
Es gilt also zum Beispiel
L
1
< ei |ej > = dx cos(ki x) cos(kj x)
L −L
1, für i = j
= δij =
0 sonst
ei |(
<( ej >= δij und < ei |(
ej >= 0 .
Wir müssen nun noch die Entwicklungskoeffizienten an und bn des Elementes |f > unseres
Vektorraumes nach den Basiszuständen nach (7.9) bestimmen. Wie auch im einfachen
Vektorraum der Ortsvektoren geschieht das dadurch, dass wir das Skalarprodukt der zu
entwickelnden Funktion mit den einzelnen Elementen der Orthonormalbasis bilden. Es
gilt also
L
1
a0 =< f |e0 > √ dx f (x) ,
2L −L
L
1
an =< f |en > √ dx f (x) cos(kn x) ,
L −L
L
1
bn en > √
=< f |( dx f (x) sin(kn x) . (7.14)
L −L
306 KAPITEL 7. SCHWINGUNGEN UND WELLEN
Fourier Reihe
Dreieck-Schwingung
1
f(x)
bis n=1
bis n=9
0,5
0
-1 -0,5 0 0,5 1
x
-0,5
-1
Als Anwendungsbeispiel betrachten wir das Intervall mit L = 1 und darauf die Dreiecks-
funktion, definiert durch
−2(x + 1) für − 1 ≤ x ≤ −0.5
f (x) = 2x für − 0.5 ≤ x ≤ 0.5
2(1 − x) für 0.5 ≤ x ≤ 1
und dargestellt in Abb. 7.3. Für diese Funktion f (x) kann man nun z.B. mit der Hilfe von
MAPLE die Entwicklungskoeffizienten nach (7.14) berechnen. Man findet
a0 = an = 0 (7.15)
0 für n gerade,
bn = n+3
8 (7.16)
(−1) 2 n2 π2 für n ungerade.
Die Ergebnisse dieser Fourierreihe sind ebenfalls in Abb. 7.3 dargestellt. Wenn man die
Fourierreihe (7.7) bei n = 1 abbricht, wird die Funktion f (x) durch eine entsprechend
normierte Sinusfunktion dargestellt, was einer sehr groben Näherung entspricht. Nimmt
man aber alle Terme bis n = 9 mit, so kann man das Ergebnis der Fourierreihe kaum
noch von der exakten Funktion unterscheiden.
Als zweites Beispiel wollen wir die Fourierreihe für die Rechteckschwingung betrachten.
Diese Rechteckschwingung ist definiert durch
−1 für − 1 < x ≤ 0
f (x) =
1 für 0 < x ≤ 1
7.1. ÜBERLAGERUNG VON SCHWINGUNGEN, FOURIER ZERLEGUNG 307
Fourier Reihe
Rechteck-Schwingung
f(x)
bis n=1
bis n=9
-1 -0,5 0 0,5 1
x
und dargestellt in Abb. 7.4. Die Entwicklungskoeffizienten der Fourierreihe berechnen sich
in diesem Fall zu
a0 = an = 0 (7.17)
0 für n gerade,
bn = 4
nπ
für n ungerade.
Auch in diesem Fall sind die Ergebnisse der Fourierreihe in Abb. 7.4 dargestellt. Durch
die Mitnahme weiterer Terme in der Fourierreihe wird die Annäherung an die Rechteck-
schwingung weiter verbessert.
Der akkustische Schall ist ein typisches Beispiel für eine periodische Schwingung. In diesem
Fall ändert sich der Druck als Funktion der Zeit, wie wir im Laufe dieses Kapitels auch
noch diskutieren werden. Die Frequenz dieser Schwingung ist charakteristisch für die Höhe
des Tones. Liegt eine reine Sinusschwingung vor, so sprechen wir von einem Ton. Ein
Klang, hingegen, ist ein streng periodisches Signal, das nicht die Form einer Sinuswelle
hat. Die oben diskutierten Rechteck- und Dreieckschwingungen stellen also, wenn wir sie
als Funktion der Druckabweichung in Abhängigkeit von der Zeit ansehen, einen solchen
Klang dar. In diesem Sinne sind die Töne, die von Musikinstrumenten erzeugt werden als
Klänge zu bezeichnen. Nachdem wir gesehen haben, dass wir solche streng periodischen
Funktionen durch eine Fourierreihe darstellen können, wissen wir, dass auch ein Klang
durch eine Überlagerung von Schwingungen mit Frequenzen nω0 dargestellt werden kann.
Dabei ist ω0 die Winkelfrequenz für die periodische Schwingung und nω0 mit einer ganzen
Zahl n sind die Frequenzen der Obertöne.
308 KAPITEL 7. SCHWINGUNGEN UND WELLEN
7.1.2 Fouriertransformation
Als Ergänzung zur Diskussion der Fourierreihe sollen an dieser Stelle auch einige Bemer-
kungen zur Fouriertransformation einer beliebigen nicht notwendig periodischen Funktion
gemacht werden. Dazu überlegen wir uns, dass man natürlich das Konzept des Vektorrau-
mes von periodischen Funktionen auf einem Intervall [−L, L] erweitern kann auf komplex-
wertige Funktionen. In diesem Fall müssen wir lediglich die Definition des Skalarproduktes
aus (7.11) erweitern für komplexwertige Funktionen zu
L
< f |g >:= dx f ∗ (x) g(x) , (7.18)
−L
wobei die Funktion f ∗ (x) gerade das komplex konjugierte Ergebnis zu f (x) liefert. Durch
diese Definition ist gewährleistet, dass das Skalarprodukt < f |f > einer Funktion mit
sich selbst einen reellen, positiven Wert ergibt.
Für die periodischen komplexwertigen Fuktionen sind die komplexwertigen Exponential-
funktionen eine geeignete Basis und wir können schreiben
∞
1 ikn x ∞
f (x) = cn √ e = cn |en > , (7.19)
n=−∞ 2L n=−∞
mit
nπ
kn = ,
L
wie schon in (7.8). In (7.19) erstreckt sich die Summe aber auch auf negative Werte für n.
Die Entwicklungskoeffizienten cn in (7.8) sind komplexe Zahlen und berechnen sich durch
L
1
cn =< en |f >= √ dx e−ikn x f (x) . (7.20)
2L −L
Wenn wir nun annehmen, dass die Grenzen des Intervalls anwachsen und schließlich gegen
L → ∞ streben, so liegen die disketen Wellenzahlen kn mit wachsendem L immer enger
zusammen. Aus der Summe über alle Wellenzahlen kn wird dann ein Integral über konti-
nuierliche Wellenzahlen. Dies führt zur Fouriertransformation für eine beliebige Funktion
f (x) ∞
1
f (x) = √ dk c(k) eikx . (7.21)
2π −∞
Die Gewichtsfunktion c(k) in dieser Darstellung der Funktion f (x) heisst auch die Fou-
riertransformierte Funktion zu f (x) und berechnet sich durch
∞
1
c(k) = √ dx f (x) e−ikx . (7.22)
2π −∞
Wir werden auf diese Fouriertransformation einer Funktion später zurückkommen.
7.2. WELLENGLEICHUNG 309
7.2 Wellengleichung
Unter Schwingungen verstehen wir die periodische Änderung einer physikalischen Größe
als Funktion der Zeit. Dabei betrachten wir diese Größe aber stets am gleichen Ort. Wenn
sich diese Änderung aber von einem Ort zu einem anderen ausbreitet, so sprechen wir von
einer Welle. Als ein einfaches Modell für die Ausbreitung einer solchen Welle betrachten
wir das Modell einer linearen Kette von Massenpunkten, bei denen die Nachbarpunkte je-
weils über eine Feder miteinander verbunden sind (siehe Abb. 7.5). In der Ruhelage haben
die Massenpunkte jeweils einen Abstand l voneinander, sodass sich der n-te Massenpunkt
an der Position xn = n ∗ l befindet. Betrachten wir den Fall, dass die Massenpunkte aus
dieser Ruhelage in Richtung auf die Nachbarn ausgelenkt werden können. Man spricht
in diesem Fall von einer longitudinalen Auslenkung, beziehungsweise einer longitudinalen
Schwingung, wenn diese Auslenkung sich periodisch mit der Zeit ändert. Bezeichnen wir
diese Auslenkung mit wn (t), so befindet sich also der n-te Massenpunkt zur Zeit t an der
Position
un (t) = xn + wn (t) . (7.23)
Der Abstand zwischen dem Massenpunkt n und dem Massenpunkt n − 1 beträgt also
dann un − un−1 , was einer Auslenkung der verbindenden Feder aus der Ruhelage von
un − un−1 − l entspricht. Dadurch erfährt der Massenpnkt n eine Rückstellkraft vom
Betrag D(un − un−1 − l), mit D der Federkonstanten der verbindenden Feder in Richtung
auf den (linken) Nachbarn n − 1. Hinzu kommt eine Kraft durch die Verbindungsfeder
mit dem Nachbarn n + 1 von der Größe D(un+1 − un − l). Die Gesamtkraft auf den
Massenpunt n mit der Masse m ergibt sich aus der Summe dieser beiden Kräfte, was zu
einer Newtonschen Bewegungsgleichung der Form
d2 u n
m = −D(un − un−1 − l) + D(un+1 − un − l) , (7.24)
dt2
führt. Ersetzt man jetzt die Koordinaten der Massenpunkte un nach (7.23) durch die
jeweiligen Auslenkungen wn so führt dies zu
d2 wn
m 2 = D(wn+1 − wn ) − D(wn − wn−1) . (7.25)
dt
l
Abbildung 7.5: Schematische Darstellung einer Kette für eine longitudianle
Schwingung
Im nächsten Schritt betrachten wir die Auslenkungen wn als eine kontinuierliche Funktion
vom Ort x, an dem sich der betreffende Massenpunkt befindet. Wir ersetzen also z.B.
wn (t) → w(t, x)
wn+1 (t) → w(t, x + ∆x) .
310 KAPITEL 7. SCHWINGUNGEN UND WELLEN
w t=0
t=x0/c
0 x0=ct x
Abbildung 7.6: Beispiel für eine Lösung der d’Alembert Gleichung nach (7.31).
Dargestellt ist die Funktion w(x, t) für t = 0 und t = x0 /cL.
Was bedeutet diese Lösung? Zur Veranschaulichung nehmen wir an, dass die Funktion
w+ (y) durch die einfache Dreieckstruktur aus der Abb. 7.6 dargestellt ist. Zur Zeit t = 0
gilt mit (7.31) y=x und die Funktion w(x, t = 0) hat also das Maximum bei x = y = 0.
Zu einem späteren Zeitpunkt t > 0 ist dieses Maximum an der Stelle x0 , die sich ergibt
aus
y = 0 = x0 − cL t
Dieses Maximum, entsprechendes gilt für die anderen charakteristischen Punkte der Drei-
eckstruktur, die durch w+ definiert ist, wandert also mit der Geschwindigkeit cL in posi-
tiver Richtung der x-Achse (siehe Abb. 7.6). Die Konstante cL , die ja über die Material-
konstanten der Kette gegeben ist (siehe (7.29), ist also die Geschwindigkeit, mit der sich
die Struktur ausbreitet. Man spricht auch von der Gruppengeschwindigkeit oder Phasen-
geschwindigkeit, 2 Geschwindigkeiten, die in diesem Zusammenhang identisch sind.
Neben der Lösung vom Typ (7.31) gibt es aber auch Lösungen der d’Alembert Gleichung
vom Typ
w(x, t) = w− (y) mit y = x + cL t , (7.32)
was man ganz analog zu den oben skizzierten Rechnungen beweisen kann. In diesem Fall
bewegt sich die Struktur, die durch w− beschrieben wird mit der Ausbreitungsgeschwin-
digkeit cL antiparallel zur x-Achse.
Da die d’Alembert Gleichung eine lineare Differenzialgleichung ist, ist aber auch jede
Linearkombination der Lösungen vom Typ (7.31) und (7.32) eine Lösung. Eine solche
Lösung hat also die Form
w(x, t) = αw+ (x − cL t) + βw− (x + cL t) .
Eine ganz spezielle Lösung der d’Alembert Gleichung erhalten wir, wenn wir die Funktion
w+ in (7.31) in Form einer Sinusfunktion angeben, also
w(x, t) = A0 sin (k (x − cL t)) . (7.33)
Wir sprechen in diesem Fall von einer Harmonischen Welle. Es ist klar, dass diese
Harmonische Welle eine Lösung der d’Alembert Gleichung ist.
Wenn wir diese Harmonische Welle zu einem festen Zeitpunkt betrachte, also z.B. t = 0,
so ist w(x) als Funktion des Ortes eine Sinuswelle
w(x, t = 0) = A0 sin (kx) .
312 KAPITEL 7. SCHWINGUNGEN UND WELLEN
p(x) p(x+∆x)
x x+∆x
Abbildung 7.7: Schematische Darstellung einer Flöte zur Diskussion der Aus-
breitungsgleichung für Schallwellen im Text
Diese Funktion durchläuft eine volle Periode zwischen x = 0 und dem Wert x = λ mit
2π
kλ = 2π also λ = . (7.34)
k
Man bezeichnet diese Länge λ als Wellenlänge der Harmonischen Welle mit der Wellenzahl
k. Wir können die Harmonische Welle (7.33) aber auch bei festgehaltenem Wert von x
(z.B. x = 0) als Funktion der Zeit betrachten. Dies entspricht der Wahrnehmung der
Welle für einen Beobachter, der sich an einem festen Ort aufhält. Dies führt zu
Wir haben es auch in diesem Fall mit einer Sinusschwingung zu [Link] volle Periode wird
durchlaufen zwischen t = 0 und t = T mit
2π λ
kcL T = 2π also T = = . (7.35)
kcL cL
Diese Zeit T bezeichnet man auch als Periodendauer. Damit ergibt sich für die Winkel-
geschwindigkeit ω und die Frequenz ν der Schwingung
2π
ω= = 2πν = kcL . (7.36)
T
In der Abbildung 7.5 und in der Diskussion, die zur d’Alembert Gleichung führte haben wir
das Beispiel einer longitudinalen Schwingung der Massenpunkte und die Ausbreitung als
Welle betrachtet. Charakteristisch für dies longitudinale Welle ist, dass die Bewegung der
Massenpnkte in Ausbreitungsrichtung (bzw. antiparallel dazu) erfolgt. Führen die Mas-
senpunkte Schwingungen aus, die senkrecht zur Ausbreitungsichtung der Welle (d.h. der
linearen Kette) verlaufen, spricht man von einer transversalen Welle. Auch die Ausbrei-
tung einer solchen Schwingung führt auf die d’Alembert Gleichung. Allerdings werden die
Materialkonstanten für eine solche transversale Schwingung in der Regel unterschiedlich
sein zu denen der longitudinalen Schwingung (insbesondere die Stärke der Rückstellkraft
D). Dies bedeutet, dass man unterschiedliche Ausbreitungsgeschwindigkeiten für longitu-
dinale Wellen, cL , und transversale Wellen cT im gleichen Material beobachtet.
Als einen weiteren Schwingungsvorgang, der sich in Form einer Welle ausbreitet, wollen
wir den Schall betrachten. Dazu überlegen wir uns die Verteilung des Druckes im Inneren
eines Zylinders, also z.B. einer Blockflöte. Dies ist schematisch in Abb. 7.7 dargestellt.
7.2. WELLENGLEICHUNG 313
Wir betrachten dazu das Gas in einem Volumen V = A∆x, mit A der Grundfläche des
Zylinders und ∆x der Ausdehnung dieses Volumens senkrecht zur Grundfläche, wie in
Abb. 7.7 dargestellt. Auf dieses Gasvolumen wirkt an der Stelle x eine Kraft
F (x) = p(x)A
die sich aus dem Produkt Druck p(x) mal Fläche, A, ergibt. Die Kraft hat ein positives
Vorzeichen, was andeuten soll, dass sie versucht, die Atome im Volumen V parallel zur
x-Achse zur verschieben. An der Stelle x + ∆x wirkt die Kraft
dp
F (x + ∆x) = −p(x + ∆x)A ≈ − p(x) + ∆x A
dx
wobei das negative Vorzeichen bedeutet, dass die Kraft antiparallel zur x-Achse wirkt
und die Taylorentwicklung für p(x + ∆x) für kleine Werte von ∆x gerechtfertigt ist. Die
resultierende Kraft führt zu einer Beschleunigung der Atome im Volumen V der Form
dv dp
M = −A ∆x . (7.37)
dt dx
Dabei ist v die Geschwindigkeit des Volumens und M die Masse, die sich mit der Mas-
sendichte ρ( berechnet zu
M = ρ(A∆x .
Damit ergibt sich aus (7.37) die Beziehung
dv 1 dp
=− . (7.38)
dt ρ( dx
Die mittlere Geschwindigkeit v(x) mit der sich die Atome am linken Rand unseres Vo-
lumens im Mittel bewegen wird im Allgemeinen anders sein, als die Geschwindigkeit am
rechten Rand v(x + ∆x). Es gilt in guter Näherung (Taylorentwicklung)
dv
v(x + ∆x) ≈ v(x) + ∆x
dx
Wenn sich die beiden Ränder mit unterschiedlicher Geschwindigkeit bewegen, so führt
dies zu einer Änderung des Volumens
dv dv
∆V = A ∆x∆t = V ∆t .
dx dx
Im Grenzfall einer infinitesimalen Änderung der Zeit, ∆t → dt, kann man also schreiben
1 dv
dV = dt . (7.39)
V dx
Für die weiteren Rechnungen führen wir an dieser Stelle den Begriff der Kompressibi-
lität ein und definieren ihn durch
1 dV
χ=− . (7.40)
V dp
314 KAPITEL 7. SCHWINGUNGEN UND WELLEN
Die Kompressibilität χ gibt also an, wie sehr sich das Volumen eines Materials ändert,
wenn sich der auf das Volumen wirkende Druck p ändert. Damit die Kennziffer des Mate-
rials durch positive Zahlen angegeben weden kann ist in der Defintion (7.40) ein Minus-
zeichen eingefügt. Der Faktor 1/V berücksichtigt, dass die Änderung eines Volumens dV
natürlich zunächst einmal proportional zum Volumen ist. Diese Definition der Kompres-
sibilität kann man umformen in
11 1 dv
dp = − dV = − dt , (7.41)
χV χ dx
wobei in der zweiten Gleichung die Beziehung (7.39) eingesetzt wurde. Daraus ergibt sich
dp 1 dv
=− .
dt χ dx
Leitet man diese Beziehung nach der Zeit ab, so ergibt sich
d2 p 1 d dv
= − . (7.42)
dt2 χ dt dx
Andererseits ergibt sich aus der Ableitung von (7.38) nach der Position x
d dv 1 d2 p
=− . (7.43)
dx dt ρ( dx2
Die beiden Gleichungen (7.42) und (7.43) können nun zusammengefügt werden zu
d2 p 1 d2 p 2
2d p
= = c . (7.44)
dt2 ρ(χ dx2 dx2
Dies ist eine Differenzialgleichung vom Typ der d’Alembert Gleichung (7.30) zur Bestim-
mung des Drucks p als Funktion von Ort und Zeit. Die Eigenschaften der Lösungen dieser
Gleichung haben wir b ereits diskutiert und können deshalb daraus ablesen, dass sich
Druckänderungen an einer Stelle x zur Zeit t ausbreiten mit der Geschwindigkeit
1
c= . (7.45)
ρ(χ
Da wir die Druckänderungen mit akkustischem Schall identifizieren können, liefert diese
Gleichung also einen Ausdruck für die Ausbreitungsgeschwindigkeit von Schall in einem
Medium mit der Massendichte ρ( und der Kompressibilität χ.
Als ein Beispiel betrachten wir die Schallausbreitung in einem Gas. Wenn wir dzu an-
nehmen, dass die Kompressionen des Gases durch den Schalldruck so schnell vonstatten
gehen, dass ein Austausch von Wärmeenergie unterdrückt wird, die Kompressionen und
Dekompressionen also adiabatisch verlaufen, so gilt für die Beziehung zwischen Druck p
und Volumen V des Gases bei einem solchen adiabatischen Vorgang
cp
pV κ = α = konst. mit κ = ,. (7.46)
cV
Daraus ergibt sich
1
dV d α κ
1V
= =− . (7.47)
dp dp p κp
7.2. WELLENGLEICHUNG 315
Setzt man diese Beziehung in den Ausdruck für die Kompressibilität (7.40) ein, so erhält
man
1
χ= ,
κp
und damit über die Beziehung (7.45) für die Schallgeschwindigkeit
κp
c= . (7.48)
ρ(
Setzt man in diese Beziehung typische Werte für die uns umgebende Luft ein, also insbe-
sondere κ = 7/5 so ergibt sich ein Wert für die Schallgeschwindigkeit von c = 330 Meter
pro Sekunde, was sehr genau den Messergebnissen entspricht.
Bei dieser Berechnung der Schallgeschwindigkeit sind wir davon ausgegangen, dass die
Kompressionen des Gases adiabatisch erfolgen (siehe (7.46)). Hätten wir stattdessen an-
genommen, dass diese Kompressionen so langsam erfolgen, dass sich der Druck isotherm
einstellt, so hätten wir statt (7.46) die isotherme Beziehung pV = konstant benutzt. Die
weiteren Rechnungen zur Bestimmung von c sind analog zu den Gleichungen (7.46) -
(7.47), wir müssen lediglich den adiabatischen Exponenten κ durch 1 ersetzen. Dies führt
zu einer Vorhersage für die Schallgeschwindigkeit von c = 280 Meter pro Sekunde, was
sehr viel schlechter mit dem experimentellen Wert übereinstimmt als die Abschätzung von
(7.48). Aus diesem Vergleich zwischen Theorie und Experiment können wir also schliessen,
dass die Kompressionen der Luft bei der Ausbreitung von Schall adiabatisch ablaufen.
Zum Ende dieses Abschnittes wollen wir uns die Frage stellen: Welche Energie steckt in
einer Welle. Als erstes Beispiel betrachten wir wieder die lineare Kette aus Massenpunkten
fur die Ausbreitung von longitudinalen oder transversalen Wellen. Eine harmonische Welle
wird beschrieben durch die Form
und beschreibt die Auslenkung aus der Ruhelage für den Massenpunkt an der Stelle x
zur Zeit t. Die Amplitude A0 steht für die maximale Auslenkung. Beschränken wir uns
auf einen Massenpunkt etwa am Ort x = 0, so gilt für die Auslenkungsamplitude dieses
Massenpunktes
A(t) = A0 sin (−ωt)
und damit für seine Geschwindigkeit
dA
v(t) = = −A0 ω cos (−ωt) = −v0 cos (−ωt) .
dt
Die Energie dieses Massenpunktes wechselt ständig zwischen kinetischer und potenzieller
Energie. Zur Zeit t = 0 ist die Auslenkung und damit die potenzielle Energie gleich null,
die Energie entspricht also der kinetischen Energie
1 1
E = mv02 = mω 2 A20 .
2 2
Daraus ergibt sich eine Energiedichte, also Energie pro Volumen, von
1
ρE = ρ(ω 2A20 (7.50)
2
316 KAPITEL 7. SCHWINGUNGEN UND WELLEN
wobei ρ( wieder für die Massendichte steht. Als nächstes betrachten wir nun die Intensität
der Welle, das ist die Energie, die diese Welle pro Zeiteinheit ∆t durch eine bestimmte
Fläche ∆F transportiert. Die Intensität I ergibt sich zu
Energie
I =
∆F ∆t
Energie ∆x
=
∆F∆x
∆t
=ρE =c
1
= ρE c = c ρ(ω 2 A20 . (7.51)
2
Die Intensität einer Welle ist also proportional zum Quadrat der Amplitude A0 .
Betrachten wir nun die Ausbreitung einer Kugelwelle, das ist eine Welle, die in einem
Punkt startet und sich gleichmäßig in alle Raumrichtungen (kugelförmig) ausbreitet. Aus
Gründen der Energierhaltung muss die Energie, die diese Welle durch die Oberfläche einer
Kugel mit dem Radius r1 um den Ausgangspunkt der Welle transportiert, identisch sein
mit der Energie, die durch eine zweite Kugel mit dem Raius r2 transportiert wird. Die
Intensität dieser Welle muss also proportional zur Oberfläche der Kugel also proportional
zu 1/r 2 mit dem Radius r der Kugel abnehmen. Da die Intensität nach (7.51) proportional
zum Quadrat der Amplitude ist, muss also die Amplitude proportional zu 1/r abfallen.
Damit hat also eine solche Kugelwelle die Gestalt
A0
A(r, t) = sin (kr − ω) , (7.52)
r
die Amplitude hängt also nur vom Abstand vom Ausgangspunkt r (hier gleich dem Ko-
ordinatenursprung), nicht aber von der Richtung ab.
7.3. SCHWINGUNGEN UND WELLEN 317
Schwebung
Die Überlagerung zweier Schwingungen der Form A(t) = A1 sin(ω1 t) + A2 sin(ω2 t) mit
leicht unterschiedlichen Winkelgeschwindigkeiten bzw. Kreisfrequenzen ω1 , ω2 ist in Abb.
7.8 dargestellt, mit A1 = A2 = 1; ω2 = 1.1ω1 . Die Einhüllende variiert mit der Differenz-
frequenz (ω1 − ω2 ).
Wir demonstrieren den Effekt optisch (Messkurve auf Oszilloskop), sowie akustisch. Im
letzten Fall hört man neben einem hohen Pfeifen die Differenzfrequenz als Brummton.
Generell lässt sich eine periodische Schwingung beliebiger Form A(t) in eine Fourierreihe
entwickeln, wie im Theorieteil gezeigt wird. Die Fourieranalyse ist eine elegante und
vielfach verwendete Methode, eine allgemeine Kurve A(t) zu analysieren.
Das Frequenzspektrum einer schwingenden Saite besteht aus einer Reihe diskreter Fre-
quenzen, die ganze Vielfache einer Grundfrequenz f0 = ω0 /2π sind. Erhöht man den Ton
durch Halbieren der Saite um eine Oktave, so treten nur noch Frequenzen bei Vielfachen
von 2f0 auf. Kratzt man dagegen an einem Mikrofon, so zeigt die Fourieranalyse eine sehr
große Zahl von Frequenzen, die zum Signal beitragen.
Im Oszilloskop wird bei der Fourieranalyse zunächst das zeitabhängige Signal A(t) aufge-
zeichnet. Die Methode der ”schnellen Fouriertransformation” (Fast Fourier Transform,
FFT) erlaubt dabei eine Echtzeit-Darstellung des Frequenzspektrums.
318 KAPITEL 7. SCHWINGUNGEN UND WELLEN
von der Beschaffenheit des Erdinneren ab, so dass durch systematische Beobachtung der
(mittleren) Schallgeschwindigkeit zwischen ”Sender” und ”Empfänger” die Beschaffenheit
des Erdinneren spektroskopiert werden kann. Das Prinzip ist in Abb. 7.10 skizziert.
Im Zusammenhang mit Schallwellen sollten wir noch auf einige Eigenschaften unseres
Gehörs (vgl. Abb. 7.12) eingehen.
Am empfindlichsten ist das menschliche Gehör bei Frequenzen um 1 kHz. Es kann dort
minimale Schallintensitäten von ca. 10−12 W/m2 wahrnehmen, was einer Druckänderung
um 20 µPa bzw. einer Schwingungsamplitude der Luftmoleküle von lediglich 10−10 m ent-
spricht.
Die maximal detektierbare Intensität (Schmerzgrenze) liegt bei ca. 100 W/m2 . Das Gehör
hat damit einen dynamischen Bereich, der 14 Zehnerpotenzen umfasst.
Innerhalb dieses Bereichs besitzt das Ohr ein logarithmisches Lautstärkeempfinden
[Weber-Fechner’sches Gesetz; Lautstärke ∝ log(Intensität)].
Quantitativ wird diese Lautstärke in Phon bzw. in Dezibel (dB) angegeben. Hierbei ist
dB = 10 · log10 (I/I0 ), wobei I0 geeignet zu wählen ist (z. B. Hörschwelle). Die Einheit
dB ist also dimensionslos und misst auf logarithmischer Skala die Schallintensität im
Verhältnis zu einer Normier-Intensität I0 . Man kann wegen I ∝ (Druck)2 dB ebenfalls
durch 20· log10(p/p0 ) ausdrücken. Abb. 7.13 gibt die ”Hörfläche” des menschlichen Gehörs
in dB an. Hierbei ist die Normiereinheit die frequenzabhängige Hörschschwelle I0 (f ). Die
Kurve 0 dB bezeichnet gerade diese Hörschwelle. In Abb. 7.14 sind schließlich typische
Schallpegel aufgetragen.
Oberhalb von 20 kHz beginnt der Frequenzbereich des Ultraschalls bis zu Maximal-
frequenzen von 20 GHz. Der daran anschließende Frequenzberiech heisst Hyperschall,
dessen Maximalfrequenzen bei 20 THz liegen. Bei noch höheren Frequenzen würde die
Wellenlänge des Schalls kürzer als der Atomabstand.
Man erzeugt Ultraschall beispielsweise durch Piezokristalle (z.B. Quarzkristalle). Diese
ändern ihre Form bzw. ihre Dicke durch anlegen einer Spannung. Legt man eine hochfre-
quente Spanung an enen dieser Kristalle, so vibriert dieser mit der angelegten Frequenz
und erzeugt dadurch Ultraschall. Umgekehrt erzeugt ein zur Vibration angeregter Piezo-
kristall auch eine elektrische Spannung, die abgegriffen werden kann. Der Kristall wirkt
dann als Mikrofon (wir demonstieren beide Mechanismen im Experiment, sowie die Wir-
kung des auf eine Wasseroberfläche gerichteten Ultraschalls; auf dieser bildet sich ein
”Springbrunnen”).
322 KAPITEL 7. SCHWINGUNGEN UND WELLEN
Eine zweiter Effekt, der die Erzeugung von Ultraschall ermöglicht, ist die Magnetostrik-
tion. Bei einigen magnetischen Materialien ändert sich der Abstand der Gitterbausteine
bei Anlegen eines Magnetfeldes. Bei Verwendung eines zeitlich oszillierenden Magnetfelds
lässt sich damit wiederum die Vibration des Kristalls erreichen.
Schließlich sollen einige weitere Wellenarten kurz erwähnt werden.
Elektromagnetische Wellen (im Detail: s. Physik II) umfassen ebenfalls einen ex-
trem großen Frequenz- bzw. Wellenlängenbereich. Im Gegensatz zu akustischen Wellen
benötigen sie kein Trägermedium, um sich auszubreiten. Bei Wellenlängen im m- bis km-
Bereich spricht man von Radiowellen. Daran schließen sich Mikrowellen (Wellenlängen:
cm . . . 0.4 mm) an, gefolgt vom Infrarot (0.4 mm . . . 0.4 µm). Das für das Auge sicht-
bare Licht umfasst lediglich die Wellenlängen 0.4 . . . 0.7µm. Zu kürzeren Wellenlängen
folgen das Ultraviolett, für λ < 10 nm schließlich der Röntgen- und Gamma-Bereich.
Nach den Gesetzen der Quantenmechanik kann jeder Welle ein Quant und umgekehrt zu-
geordnet werden (Welle-Teilchen-Dualismus; Elektromagnetische Wellen: Photonen;
Schall: Phononen). Analog besitzen Elektronen, Protonen oder andere Teilchen Wellenei-
genschaften. Generell gilt für Materiewellen die Zuordnung:
(Impuls) p = k (Wellenvektor)
(Energie) E = ω (Kreisfrequenz)
Hierbei ist ≈ 10−34 Js das Planck’sche Wirkungsquantum.
Für ein Elektron mit E = 10eV (typische Bindungsenergie im Atom), m = 9.1 · 10−31
kg ergibt sich eine Geschwindigkeit v = 2E/m ≈ 2 · 106 m/s. Die Wellenlänge ist
λ = 2π/k = /p = /(mv) ≈ 0.36 nm, was ungefähr einem Atomdurchmesser entspricht.
Für ω ergibt sich 2.5 · 1015 Hz. Für ein Proton der Energie 10 MeV (Typische Energie im
Atomkern) findet man mit m = 1.67 · 10−27 kg eine Wellenlänge von ca. 10−14 m, was von
der Größenordnung des Kerndurchmessers ist. Für ein Objekt mit m = 1g, v = 1 mm/s
ergibt sich eine Wellenlänge von ca. 6·10−28 m. Die Wellenlängen makroskopischer Objekte
sind also zu klein, um wahrgenommen werden zu können.
Im folgenden betrachten wir einige ganz allgemeine Eigenschaften von Wellen, die für viele
oder gar alle der oben angesprochenen Typen von Wellen gelten.
Dopplereffekt
Der Dopplereffekt tritt auf, wenn sich ein Sender oder ein Empfänger relativ zueinander
oder relativ zu dem die Wellen übertragenden Medium bewegen.
Wir nehmen zunächst an, sowohl der Sender als auch der Empfänger ruhen. Der
Sender strahle Wellen der Frequenz f0 bzw. der Wellenlänge λ0 aus. Die Ausbreitungsge-
schwindigkeit der Welle im Medium sei c. Damit gilt c = f0 λ0 .
Der ebenfalls ruhende Empfänger hört die Frequenz f0 ; er misst für die Ausbreitungsge-
schwindigkeit der Welle den Wert c.
7.3. SCHWINGUNGEN UND WELLEN 323
Wenn sich der Empfänger mit der Geschwindigkeit u auf die Quelle zubewegt,
misst er eine höhere effektive Schallgeschwindigkeit cef f = c + u. Er hört demnach die
Frequenz
cef f u+c u
f= = = f0 1 + (7.53)
λ0 λ0 c
Die relative Frequenzverschiebung ∆f /f0 = (f − f0 )/f0 beträgt: ∆f
f0
= uc .
Wenn sich der Empfänger mit der Geschwindigkeit u = −u vom Sender wegbewegt,
erhält man genau das selbe Ergebnis ∆f
f0
= uc = − uc . Die Frequenz ist jetzt lediglich zu
niedrigeren Werten verschoben.
Ein etwas anderer Gedankengang muss verwendet werden, wenn der Empfänger ruht
und sich der Sender mit der Geschwindigkeit v auf den Empfänger zu bewegt.
Der Sender bewegt sich jetzt in den von ihm erzeugten Wellenzug hinein. In einer Schwin-
gungsperiode T = 1/f0 legt er dabei den Bruchteil ∆λ = vT = v/f0 der Wellenlänge
λ0 zurück. Die vom Sender ausgesandten Wellenmaxima haben deshalb den Abstand
λef f = λ0 − ∆λ = λ0 − v/f0 . Der Empfänger misst die Schallgeschwindigkeit c. Die
Frequenz, die er jetzt hört, beträgt:
c c
f= = . (7.54)
λef f λ0 − u/f0
Bewegt sich der Sender vom Empfänger weg, so erhält man das selbe Ergebnis, mit v < 0.
Für v c lässt sich das Ergebnis nähern als f = f0 1−v/c
1
≈ f0 1 − vc , bzw: ∆f
f0
≈ vc.
Bei nicht allzu großen Geschwindigkeit erhält man also die gleiche Frequenzverschiebung
wie im Fall des bewegten Empfängers.
Dopplereffekt bei elektromagnetischen Wellen
Bei elektromagnetischen Wellen muss der Dopplereffekkt etwas anders behandelt werden,
da sich diese Wellen einerseits ohne ein Medium ausbreiten, andererseits ein Beobachter
unabhängig von seinem eigenen Bewegungszustand immer die gleiche Lichtgeschwindigkeit
misst.
Die genaue Behandlung benötigt den Formalismus der speziellen Relativitätstheorie, die
Sie im nächsten Semester kennenlernen werden. Wir geben hier nur das Ergebnis für die
Frequenzverschiebung an:
$
1 + v/c
f = f0 . (7.55)
1 − v/c
Hierbei ist v die Relativgeschwindigkeit zwischen Sender und Empfänger (”+”, falls sich
die beiden aufeinander zubewegen.
f −f0
Für v/c 1 erhält man durch Taylor-Entwicklung: ∆f
f0
= f0
≈ vc , was das Ergebnis für
den akustischen Fall für u, v c reproduziert.
Eine Anwendung des Dopplereffekts mit elektromagnetischen Wellen ist der Polizeiradar
oder die Laserpistole (s. Einleitung).
7.3. SCHWINGUNGEN UND WELLEN 325
Wir kehren nun zurück zu akustischen Wellen und betrachten die Schallausbreitung durch
Objekte, die sich mit Überschallgeschwindigkeit bewegen.
Das Objekt erzeuge zur Zeit t = 0 einen Schallpuls. Dieser Puls breitet sich in Form
einer Kugelwelle in den Raum aus und hat zur Zeit t1 = ∆t einen Radius r = c∆t. Das
Geschoss selbst hat in der Zeit ∆t die Strecke v∆t zurückgelegt. Zu Zeit t2 = 2∆t hat der
zur Zeit 0 abgesandte Puls einen Radius 2c∆t erreicht, ein zur Zeit t1 abgesandter Puls
den Radius c∆t. Das Objekt selbst hat die Strecke 2v∆t zurückgelegt. Diese Situation ist
graphisch in Abb. 7.15 veranschaulicht.
t=2,t
t=0
c
v
=
x=0
x=0 x=v ,t ,t
x=2v
Das Geschoss zieht offensichtlich einen Schallkegel, den ”Mach’schen Kegel” nach sich,
dessen Öffnungswinkel sich aus der Abb. 7.15 zu sin α = c/v ergibt. Die Abb. 7.16 zeigt
eine Aufnahme eines überschallschnellen Geschosses. Der Machsche Kegel ist deutlich
erkennbar.
Die Größe M = (sin α) − 1 = v/c wird Machzahl genannt. Man beachte, dass speziell
für M = 1 α = 90◦ ist. Das Geschoss fliegt dann auf gleicher Höhe mit der flachen
”Schallmauer”.
Nahe des Mach’schen Kegels wird die relative Schallamplitude, d. h. die relative Druck-
schwankung
∆p/p sehr groß. Die Schallgeschwindigkeit war ihrerseits proportional zu
p/ρ̃ bzw. proportional zu T 1/2 . In den adiabatisch verdichteten Bereichen sind Druck
und Temperatur deutlich höher als in den dekomprimierten Bereichen. Damit breiten sich
ähnlich wie bei der Brandung im Fall der Wasserwellen die verdichteten Regionen schnel-
ler aus als die dekomprimierten. Dadurch steilt sich die Vorderkante der Schallfront zu
326 KAPITEL 7. SCHWINGUNGEN UND WELLEN
einer Schockfront auf, an der sich Druck und Temperatur enorm rasch auf Distanzen um
0.1 µm ändern. In der Schockfront können Temperaturen von mehreren 1000 K auftreten.
Beispielsweise werden für ein sich mit M = 9 in 16 km Höhe bewegendes Objekt in der
Schockfront Temperaturen um 5000 K erreicht.
In speziell konzipierten Schockrohren (Gaskanonen) lässt man ein unter hohem Druck (z.
B. 40 bar) stehendes Gasvolumen aus H2 rapide in einen praktisch evakuierten Bereich
(Druck: wenige mbar) ausbreiten. Hierbei rast eine Schockwelle durch das Rohr, an deren
Vorderfront Temperaturen von 20.000 K und mehr erreicht werden.
Der erste Term auf der rechten Seite der ersten Zeile entspricht der einlaufenden Welle, der
zweite der reflektierten Welle. Man beachte das ”-”- Zeichen, das den Phasensprung bei
der Reflexion berücksichtigt. Der Ausdruck in der letzten Zeile enthält die Ortsfunktion
sin(kx), die mit der Funktion cos(ωt) multipliziert ist. Jeder Punkt x führt also eine
Oszillation mit der Amplitude y0 sin(kx) aus.
Betrachtet man zwei fest eingespannte Enden einer Saite, einer Feder oder eines Seils der
Länge L, so muss sin(kx) für x = 0 und für x = L verschwinden. Hieraus folgt, dass k die
Werte nπ/L, mit n = 1, 2, 3, . . . annehmen kann. Mit k = 2π/l folgt: L = n λ2 , es ”passen”
also Vielfache einer halben Wellenlängen zwischen die eingespannten Enden.
Genau diese Stehwellen können angeregt werden, wenn man beispielsweise an einer Saite
zupft. Der Grundton etwa des Tons ”A” liegt bei ca. 100 Hz. Die Saite schwingt dabei mit der
Frequenz f0 , bei Obertönen nf0 . Diese Obertöne entsprechen der Bedingung L = n λ2 . Halbiert
man durch Fingerdruck die Saite erhält man Grundschwingungen der beiden Hälften bei 2f0 ,
sowie Obertöne bei 2nf0 . Die Saitenverhältnisse, die gespielt werden müssen, sind z. T. relativ
kompliziert. So entspricht eine kleine Sekunde einem Verhältnis 16:15. Bei der großen Sekunde
ist das Verhältnis 9:8, bei der großen Terz 6:5, bei der Quarte 4:3, der reinen Quinte 3:2 und bei
der großen Sexte 5:3.
Auch bei offenen Enden lassen sich Stehwellen erzeugen. Hierbei schwingen die Enden
maximal durch, man erhält eine Serie cos(kx) von Stehwellen, mit k = π/L. Ist ein
Ende z. B. eines Stabes eingespannt, das andere offen, so ergeben sich Stehwellen für
L = (2n + 1)λ/4, mit n = 0, 1, 2, . . ..
Stehwellen dieser Art können mit dem Quinke-Rohr hörbar gemacht werden. Hier ist am
oberen Ende eines zylindrischen Rohrs ein Lautsprecher angebracht. Im Rohr befindet
sich Wasser. Die Distanz L zwischen Lautsprecher und Wasseroberfläche kann variabel
eingestellt werden. Die Wasseroberfläche entspricht dem offenen Ende (die Amplitude der
Druckschwankungen ist hier nicht fixiert), der Lautsprecher dem geschlossenen Ende.
Auch in zwei bzw. drei Raumdimensionen treten Stehwellen auf. In 2D demonstrieren wir
dies an Hand einer runden Plexiglasscheibe, deren Zentrum durch einen vibrierenden Stab
mit variabler Frequenz angeregt wird. Die Platte ist mit feinkörnigem Pulver bestreut, das
sich in den Minima der Stehwellen ansammelt. Die Stehwellen haben für diese Geometrie
Nullstellen in radialer Richtung, u. U. aber auch in azimuthaler Richtung3 .
Für eine quadratische (2D) bzw. kubische Form (3D) ist die Ortsabhängigkeit der Steh-
wellen von der Form sin(kx x) · sin(ky y) · sin(kz z), wobei die Wellenzahlen in x, y bzw z die
Bedingungen kx = πnx /a, ky = πny /a, kz = πnz /a, mit nx , ny , nz = 0, 1, 2, . . . erfüllen.
Man fasst die Wellenzahlen (kx , ky , kz ) zum ”Wellenvektor” k zusammen. Der Zusam-
menhang zwischen Kreisfrequenz ω und dem Wellenvektor k ist im einfachsten Fall: ω 2 =
c2 k 2 = c2 (kx2 +ky2 +kz2 ). Für den Würfel (Kantenlänge a) erhält man: ω 2 = c2 πa (n2x +n2y +n2z ).
Für die Stehwelle mit der niedrigsten Frequenz ist eine der Zahlen nx , ny , nz gleich 1, die
beiden anderen sind 0.
Wichtig sind solche zwei- oder dreidimensionalen Resonanzen beispielsweise in der Mi-
krowellentechnik. Man verwendet z. B. Hohlleiter (offene Rohre mit rechteckigem Quer-
schnitt). Die elektromagnetische Welle kann sich entlang des Hohlleiters (in z-Richtung)
3
Die mathematische Behandlung würde auf Besselfunktionen führen, die die Amplitude dieser Steh-
wellen beschreiben.
328 KAPITEL 7. SCHWINGUNGEN UND WELLEN
Der einfachste Fall besteht in der Überlagerung zweier ebener, sich in x-Richtung ausbrei-
tender Wellen: z = z1 ei(k1 x−ω1 t) + z2 ei(k2 x−ω2 t+ϕ) . Hierbei haben wir angenommen, dass die
Wellen am Ort x eine Phasenverschiebung ϕ haben. Frequenz, Wellenzahl und Amplitude
a der beiden Wellen seinen gleich, d. h. z1 = z2 = ẑ , ω1 = ω2 = ω, k1 = k2 = k. Die
Intensität der Welle ist dann I = |A|2 = [2a(1 + cos ϕ)]2 . Sind die beiden Teilwellen in
Phase (ϕ = 0) ist I = 4ẑ 2 bzw. z(x, t) = 2ẑei(k1 x−ωt) . Für ϕ = π löschen sich die Wellen
dagegen vollständig aus: z(x, t) = 0.
Im Experiment demonstrieren wir die Überlagerung von Wellen in zwei Dimensionen (Wellen-
wanne). Wir betrachten qualitativ die Überlagerung der von zwei Quellen ausgehenden Kreis-
wellen, die Wellen, die durch einen Spalt durchtreten sowie die Interferenz von Wellen beim
Durchgang durch zwei benachbarte Spalte. In allen Fällen wechseln sich Bereiche maximaler
Amplitude mit Nullstellen in z(x, y, t) ab. Diese Interferenzerscheingungen werden wir im Zu-
sammenhang mit der Behandlung elektromagnetischer Wellen detailliert analysieren.
Schließlich seien einige Wellen erwähnt, die entsprechend dem Welle-Teilchen-Dualismus
aus der kohärenten Überlagerung einer sehr großen Zahl von Quanten gehörenden hervor-
gehen. Hierzu gehören:
Diese Systeme spielen in der modernen Physik eine enorm wichtige Rolle. Sie werden ihre
Eigenschaften in späteren Semestern kennenlernen.
7.4. GEKOPPELTE SCHWINGUNGEN 329
111
000
000
111 11
00
00
11
000
111
000
111 00
11
00
11
000
111 00
11
x1 x2
Abbildung 7.19: Darstellung von 2 gekoppelten Pendeln. Die rote Verbindung-
linie zwischen den beiden Pendelaufhängungen repräsentiert die Feder, die die
beiden Pendel koppelt.
Aus den zwei unabhängigen Pendeln wird ein System von 2 gekoppelten Pendeln, wenn
wir die beiden Massenpunkte oder die zugehörigen Pendelstangen durch eine Feder ver-
binden, so wie es in Abb. 7.19 dargestellt ist. Dabei wollen wir annehmen, dass diese
Feder genau dann keine Rückstellkraft erzeugt, wenn die beiden Pendel sich in ihrer Ru-
helage befinden. Die Rückstellkraft ist also von null verschieden, wenn die Differenz der
beiden Auslenkungen x2 − x1 ungleich null ist. Bezeichnen wir die Federkonstante dieser
Verbindungsfeder mit d, so ergeben sich, wie man sich leicht aus den enstehenden Kräfen
überlegen kann, für die beiden Massenpunkte die folgenden Bewegungsgleichungen
d2 x1
m = −Dx1 + d (x2 − x1 )
dt2
d2 x2
m 2 = −Dx2 + d (x1 − x2 ) . (7.57)
dt
Dabei haben wir zur Vereinfachung der Nomenklatur angenommen, dass die beiden Mas-
sen identisch sind, m1 = m2 = m. Die beiden Bewegungsgleichungen in (7.57) sind ein
330 KAPITEL 7. SCHWINGUNGEN UND WELLEN
System von 2 gekoppelten Differenzialgleichungen, da für den Fall, dass die Verbindungsfe-
der eingebaut ist (also d ungleich null), die gesuchten Funktion xi (t) in beiden Gleichungen
auftauchen. Damit können diese Gleichungen nicht isoliert voneinander behandelt werden.
Trotzdem können wir uns vorstellen, dass es auch im Fall der gekoppelten Pendel Lösun-
gen gibt, bei denen die beiden Massenpunkte im Takt hin und her schwingen und die
Verbindungsfeder nicht ausgelenkt wird. Man spricht in diesem Fall von einer Eigen-
schwingung oder Normalschwingung des Systems. Den Ansatz für solche Normal-
schwingungen schreiben wir in der Form
x1 (t) x10
q(t) = = eiωt . (7.58)
x2 (t) x20
Die Normalschwingung ist als ein Vektor q aus 2 Komponenten (zweidimensional) dar-
gestellt, wobei die obere Komponente durch die Funktion x1 (t) und die untere durch
x2 (t) gegeben ist. Im zweiten Teil der Gleichung wird zum Ausdruck gebracht, dass diese
Funktion durch jeweils eine konstante Amplitude xi0 multipliziert mit der komplexwerti-
gen Exponenzialfunktion, die hier wieder zur Darstellung der harmonischen Schwingung
genutzt wird. Dabei interessiert uns also wieder nur der Realteil dieser Funktionen.
Setzt man diesen Ansatz für die Funktionen xi (t) in (7.57) ein, so ergibt sich daraus
Alle Terme dieser Gleichungen besitzen den Faktor eiωt , den wir deshalb aus diesem Glei-
chungssystem herauskürzen können. Mit kleinen Umfomungen ergibt sich daraus
zwei algebraische Gleichungen, die wir mit Hilfe der Rechenregeln für Vektoren der Di-
mension 2 und zugehörigen 2 × 2 Matrizen auf die Form bringen können
D + d −d x10 2 x10
= mω . (7.60)
−d D + d x20 x20
Diese Gleichung vom Typ
α β q1 q1
=λ , (7.61)
β γ q2 q2
Matrix A Vektor q
bezeichnet man als Eigenwertgleichung der symmetrischen Matrix A. Die Konstante
λ auf der rechten Seite der Gleichung hat den Namen Eigenwert der Matrix λ und den
zweidimensionale Vektor q für den diese Gleichung gilt bezeichnet man als Eigenvektor
zum Eigenwert λ. Für den Ansatz (7.58) reduziert sich das Problem der gekoppelten
Differenzialgleichungen (7.57) auf das algebraische Eigenwertproblem (7.60).
Solche Eigenwertprobleme begegnen uns an vielen Stellen in der Physik. Insbesondere in
der Quantenmechanik stehen Eigenwertprobleme im Zentrum. Aber auch in dieser Vor-
lesung ist uns bereits ein solches Eigenwertproblem begegnet, ohne dass wir dort darauf
7.4. GEKOPPELTE SCHWINGUNGEN 331
hingewiesen haben. Für den Zusammenhang zwischen dem Drehimpuls L und der Rota-
tionsgeschwindigkeit ω eines starren Körpers gilt ja die Beziehung
= Iω ,
L
wobei I für den Trägheitstensor des starren Körpers steht, also durch eine 3 × 3 Matrix
repräsentiert wird. Für Drehungen um Hauptträgheitsachsen, stehen Drehimpuls und Ro-
tationsgeschwindigkeiten parallel zueinander und es gilt
= Iω ,
L
mit einer Zahl I, dem Hauptträgheitsmoment. Daraus ergibt sich also die Bedingung für
Hauptträgheitsachsen
Iω = Iω . (7.62)
Die Bestimmung der Hauptträgheitsmomente und Hauptträgheitsachsen ist also eben-
falls ein Eigenwertproblem hier für Vektoren und Matrizen der Dimension 3: die Haupt-
trägheitsmomente sind die Eigenwerte des Trägheitsensors und die zugehörigen Haupt-
trägheitsachsen liegen parallel zu den Eigenvektoren.
Die Methoden zur Lösung von Eigenwertproblemen werden in der Linearen Algebra dis-
kutiert4 . Wir wollen an dieser Stelle nur auf einige zentrale Ergebnisse hinweisen und ein
“Kochrezept” zur Lösung angeben. Man kann zeigen, dass eine symmetrische N × N Ma-
trix A (mit reellwertigen Matrixelementen) genau N Eigenwerte und jeweils zugehörige
Eigenvektoren besitzt, die zueinander orthogonal sind. Diese Eigenvektoren bilden also ei-
ne Basis des N-dimensionalen Vektorraumes. Das bedeutet, dass man jeden Vektor durch
eine Linearkombination von Eigenvektoren darstellen kann.
Wie bestimmt man aber nun die Eigenwerte und Eigenvektoren einer symmetrischen
Matrix A, so wie das z.B. in (7.61) formuliert ist? In einem ersten Schritt bestimmt
man das Charakteristische Polynom. Dieses Charakteristische Polynom ergibt sich
als Determinante der Matrix (A − λE1 ) wobei E1 die Matrix die “Eins-Matrix” also
mit Einträgen 1 in der Diagonale und Null sonst. Damit ist also die Matrix (A − λE1 )
gegeben durch
α−λ β
(A − λE1 ) = ,
β γ−λ
wenn wir als Beispiel die 2 × 2 Matrix aus (7.61) heranziehen. Die Determinante einer
2 × 2 Matrix berechnet sich als das Produkt der beiden Elemente in der Diagonalen minus
dem Produkt der beiden nichtdiagonalen Elemente. Für die Determinate von (A − λE1 )
ergibt sich also
Die Berechnung von Matrizen einer größeren Dimension als 2 ist etwas aufwendiger und
wir werden diese zu gegebener Zeit diskutieren. Das Ergebnis dieser Rechnung in (7.63) ist
ein Polynom vom Grade 2 in der Variablen λ, die den Namen Charakteristisches Polynom
der Matrix A trägt.
4
siehe z.B. H. Fischer unnd H. Kaul: Mathematik für Physiker I, § 18.
332 KAPITEL 7. SCHWINGUNGEN UND WELLEN
Die Eigenwerte der Matrix A sind gleich den Nullstellen des charakteristischen Polynoms.
Wir bekommen also für unsere Beispielmatrix A die Eigenwerte dadurch, dass wir die
Werte λ1 und λ2 bestimmen, für die der Ausdruck in (7.63) null ergibt. Dies führt zu
α+γ (α + γ)2
λ1,2 = ± − αγ + β 2 . (7.64)
2 4
Ersetzen wir die Matrixelemente von A, also α, β und γ durch die Einträge der entspre-
chenden Matrix in (7.60), so ergibt sich
2
λ1,2 = mω1,2 = D + d ± (D + d)2 − (D + d)2 + d2
= D+d±d
Daraus ergeben sich also für die Winkelgeschwindigkeiten der Normalschwingungen die
Werte
D D + 2d
ω1 = und ω2 = . (7.65)
m m
In einem weiteren Schritt müssen nun die Eigenvektoren bestimmt werden. Dazu setzen
wir zunächst das Ergebnis für ω = ω1 in (7.60) ein und erhalten
D + d −d x10 x10
=D . (7.66)
−d D + d x20 x20
Daraus ergibt sich, dass alle Vektoren mit x10 = x20 = χ Eigenvektoren zu diesem Eigen-
wert sind. Für die Normalschwingung ergibt sich also (siehe (7.58))
x1 (t) = x2 (t) = Real χeiω1 t
= Real (χ (cos(ω1 t) + i sin(ω1 t)))
= u1 cos(ω1 t) + u2 sin(ω1 t) . (7.67)
Die Koeffizienten u1 und u2 dieser Normalschwingung ergeben sich aus den Anfangsbe-
dingungen der Schwingung. Wenn wir etwa den Fall betrachten, dass zur Zeit t = 0 das
System in Ruhe sein soll, so ist u2 = 0 und u1 entspricht der Auslenkung x1 = x2 = u1
der beiden Massenpunkte aus der Ruhelage.
Diese erste Normalschwingung mit der Winkelgeschwindigkeit ω1 entspricht also genau der
Schwingung, die wir bei der Motivation des Ansatzes (7.58) im Auge hatten: Die beiden
Massenpunkte schwingen im Gleichtakt mit der Winkelgeschwindigkeit der ungestörten
Einzelpendel. Da der Abstand der beiden Massenpunkte x2 − x1 stets dem Abstand in der
Ruhelage entspricht, wird durch Verbindungsfeder keine Rückstellkraft hervorgerufen.
Unsere Rechnungen führen aber auch zu einem zweiten Eigenwert bzw. einer zweiten
Winkelgeschwindigkeit ω2 in (7.65). Setzen wir diese Lösung ω = ω2 in (7.60) ein, so
erhalten wir zur Bestimmung des Eigenvektors zu diesem zweiten Eigenwert die Gleichung
D + d −d x10 x10
= (D + 2d) . (7.68)
−d D + d x20 x20
In diesem Fall gilt für die zugehörigen Normalschwingungen x10 = −x20 = χ, also:
Auch hier werden die Koeffizienten w1 und w2 durch die Startbedingungen festgelegt.
Für den Fall, dass die Geschwindigkeiten der Massenpunkte zur Zeit t = 0 identisch
Null sein soll, ergibt sich, dass w2 = 0 und w1 der Auslenkung des Massenpunktes 1 zur
Zeit = 0 entspricht. Bei dieser zweiten Normalschwingung schwingen die beiden Pendel
“gegeneinander”, da ja stets gilt: x1 (t) = −x2 (t).
Es wurde bereits oben gesagt, dass die Eigenvektoren einer Matrix eine orthogonale Basis
des zugehörigen Vektorraumes bilden. In unserem Fall bedeutet das, dass jede beliebige
Lösung der gekoppelten Differenzialgleichungen (7.57) als Linearkombination der Normal-
schwingungen (7.67) und (7.69) darstellen lassen. Beschränken wir uns weiter auf solche
Lösungen, die zur Zeit t = 0 in Ruhe sind, also u2 = w2 = 0) so lautet der Ausdruck für
eine beliebige Lösung von (7.57):
Als Beispiel für eine solche gekoppelte Schwingung sind in Abb. 7.20) solche Auslenkungen
x1 (t) und x2 (t) dargestellt für den Fall, dass D/m = 1 und d = 0.1 ∗ D, also eine relativ
schwache Kopplung vorliegt. Die Anfangsbedingungen sind so gewählt, dass für t = 0 die
Amplitude x1 = 1 maximal ist, während der zweite Massenpunkt sich in der Ruhelage
x2 = 0 befindet. Dies führt auf die Werte u1 = w1 = 0.5 in (7.70). Man sieht an den
Auslenkungen, dass die Energie, die zur Zeit t = 0 vollständig auf den ersten Massenpunkt
konzentriert ist, während des Schwingvorganges auf den zweiten Massenpunkt übertragen
wird, bis bei etwa t = 6∗π der erste Massenpunkt fast zur Ruhe kommt während der zweite
eine maximale Amplitude aufweist. Daraufhin wird die Energie der Schwingbewegung
wieder auf den ersten Massenpunkt übertragen. Dieser Vorgang wiederholt sich periodisch.
Eine etwas andere Darstellung des gleichen Vorganges ist in Abb. 7.21 gegeben. In dieser
Abbildung sind jeweils die Positionen x1 (auf der horizontalen Achse) und x2 (auf der
vertikalen Achse aufgetragen). Während das linke Teilbild, damit der Leser sich mit dieser
Darstellung vertraut machen kann, die Schwingungen für 0 ≤ t ≤ 3 ∗ π widergibt, sind im
rechten Teilbild die Amplituden für 0 ≤ t ≤ 30 ∗ π dargestellt.
334 KAPITEL 7. SCHWINGUNGEN UND WELLEN
x1 0
-1
1
x2 0
-1
0 5 10 15 20 25 30
Zeit t
x2 x2
x1 x1
Abbildung 7.21: Darstellung der 2 gekoppelten Pendel aus der Abb. 7.20. In
dieser Darstellung ist sind x1 , horizontale Achse, und x2 auf der vertikalen
Achse für gleichen Zeitpunkt aufgetragen.
7.5. GEKOPPELTE SCHWINGUNGEN IM KRISTALLGITTER 335
Wir nehmen jetzt an, alle Atome schwingen mit der gleichen Frequenz ω, d. h wir wählen
den Ansatz: un = ûn e−iωt .
Einsetzen in die Bewegungsgleichungen liefert:
−π ≤ ka ≤ π eingeschränkt werden. Dieses Intervall nennt man auch die ”1. Brillouin-
Zone” (eine analoge Definition lässt sich auch in 3 Dimensionen machen). Die Abb. 7.23
zeigt die Funktion ω(k)
Jetzt nutzen wir die Annahme zyklischer Randbedingungen aus. Es gilt: un = uN +n und
damit:
einka = ei[(n+N )ka+2πl] (7.79)
Hierbei ist l eine ganze Zahl. Der Ausdruck 2πl gibt an, dass die Phase nur bis auf
Vielfache von 2π bestimmt ist. Hieraus folgt: Nka = 2πl und daraus:
2π
k= · l. (7.80)
Na
Da ka nur zwischen −π und π zu variieren braucht, kann man l einschränken auf die
ganzen Zahlen zwischen −N/2 und N/2. Dies sind N unabhängige Werte (eigentlich
N + 1; man beachte aber, dass durch die zyklischen Randbedingungen ist aber der erste
und der letzte Wert äquivalent.
Damit nimmt k N Werte an, also genau w
der Zahl der Freiheitsgrade entspricht, die 1/2
(4D/M)
in einer Dimension zu ”vergeben” sind.
Der Wert k = 0 entspricht dabei der
Translation der gesamten Kette.
Die Abb. 7.24 illustriert, dass k-Werte au-
ßerhalb der 1. Brillouin-Zone keine Infor-
mationen an den durch die Atome vorge-
k
gebenen Positionen liefert, die nicht auch -2p/a -p /a p /a 2p /a
durch eine Welle mit |ka| < π geliefert
würde. Abbildung 7.23: Dispersionsrelation ω(k) der
einatomigen linearen Kette.
Abbildung 7.24: Die Welle der durchgezogenen Kurve übermittelt keine Information, die
nicht auch durch die gestrichelte Kurve gegeben wird. Man braucht nur Wellenlängen
größer als 2a, um die Bewegung der Atome wiederzugeben (aus Ch. Kittel, Festkörperphy-
sik, Abb. 4.5)
Wir betrachten jetzt die Lösungen un (t) bei k = ±π/a (d. h. am Zonenrand):
Dies entspricht einer stehenden Welle. Benachbarte Atome schwingen dabei abwechselnd
voneinander weg und zueinander hin.
338 KAPITEL 7. SCHWINGUNGEN UND WELLEN
Diese beiden Gleichungen stellen wiederum ein Eigenwertproblem für die Größen u und
v dar. Kombiniert man (u, v) zu einem Vektor so ergibt sich:
2D − M1 ω 2 −D · [1 + e−ika ] u
· =0 (7.85)
−D · [1 + e ]
ika
2D − M2 ω 2
v
was eine quadratische Gleichung für ω 2 darstellt, also elementar gelöst werden kann. Wir
betrachten aber nur zwei Grenzfälle:
• Lösung für ka 1:
2 1 1
ω = 2D + (”optischer Zweig”) (7.87)
M1 M2
oder
C
ω2 = k 2 a2 (”akustischer Zweig”) (7.88)
2(M1 + M2 )
7.5. GEKOPPELTE SCHWINGUNGEN IM KRISTALLGITTER 339
2D
• Lösung an der Zonengrenze bei k = ±π/a: ω2 = (7.89)
M1
2D
oder ω2 = (7.90)
M2
Die kompletten Lösungen ω(k) sind in Abb. 7.26 aufgetragen.
Für ka 1 schwingen auf dem akustischen Zweig die beiden Atomsorten im wesentli-
chen miteinander. Auf dem optischen Zweig dagegen gegeneinander. An der Zonengrenze
erhält man wiederum eine Stehwelle, wobei bei der ersten Lösung die Atome der Sorte 1
gegeneinander schwingen und die Atome der Sorte 2 in Ruhe sind. Bei der zweiten Lösung
sind die Atome der Sorte 1 in Ruhe, die Atome der Sorte 2 schwingen gegeneinander. In
Abb. 7.27 sind die Schwingungsmoden für ka 1 skizziert.
Durch die beiden Zweige erhält man 2N Werte für die Wellenzahl k. Dies entspricht
wiederum der Zahl der Freiheitsgrade der 2N Atome. Betrachtet man allgemein m̃ un-
terschiedliche Atome, so erhält man insgesamt m̃ Zweige, von denen einer für k = 0 bei
ω = 0 beginnt (akustischer Zweig). Alle anderen Zweige beginnen bei endlichen Werten
von ω (optische Zweige).
transversale Moden und eine longitudinale Mode auf. Hierbei sind die transversalen Mo-
den oft entartet, d. h sie haben für festes k die gleiche Frequenz.
Auch in diesem allgemeineren Fall liegen alle verfügbaren Schwingungsfreiheitsgrade in-
nerhalb der ersten Brillouin-Zone.
Geht man weiter zu dreidimensionalen Atomanordnungen über, so vergrößert sich die
Zahl der Freiheitsgrade bzw. die Zahl der Zweige nicht mehr. Die Wellen können sich
aber in verschiedene Kristallrichtungen ausbreiten, man muss von der Wellenzahl k zum
Wellenvektor k übergehen. Graphisch wird dann ωk entlang besonders symmetrischer
Kristallrichtungen aufgetragen. Die Abb. 7.28 zeigt dies am Beispiel von Germanium.
Hier wurde ω(k) entlang der Raumdiagonalen aufgetragen [”(111)-Richtung”].
Abb. 7.29 zeigt die mit Hilfe von Neutronen-Streuexperimenten gemessene Dispersionsre-
lation von GaAs entlang verschiedener Kristallrichtungen. Das Symbol Γ entspricht dem
Ursprung, d. h. k = 0.
Die Abb. 7.30 zeigt schließlich die berechneten Eigenmoden der supraleitenden Verbindung
Tl2 Ba2 CaCu2 O8 , die 15 Atome in der Einheitszelle enthält. Ensprechend komplex ist die
Zahl der Phononzweige. Man sieht aber sehr schön, dass am Γ-Punkt (k = 0) jeweils
drei akustische Zweige beginnen. Die optischen Zweige sind z. T. entartet. Es sind aber
insgesamt 42 optische Zweige zu jedem k-Wert vorhanden.
Abschließend wollen wir noch kurz erwähnen, dass eine Vielzahl neuer Effekte auftreten,
wenn Schwingungen nichtlinear werden, d. h. die Rückstellkräfte nicht mehr proportional
zur Auslenkung sind (Beim Fadenpendel war die Rückstellkraft ja eigentlich proportional
zum Sinus aus dem Aulenkwinkel).
7.5. GEKOPPELTE SCHWINGUNGEN IM KRISTALLGITTER 341
In vielen Fällen werden die Schwingungen chaotisch. Der Auslenkwinkel ϕ eines chao-
tischen Pendels beispielsweise verläuft dann unperiodisch und vor allem auch unvorher-
sagbar. Jede kleinste Störung ändert den zeitlichen Verlauf völlig. Dieses Verhalten kann
beispielsweise bei Pendeln auftreten, deren Aufhängepunkt selbst durch ein Pendel gege-
ben ist.
Eine weitere Eigenschaft nichtlinearer Pendel ist die Möglichkeit der Phasensynchro-
nisation. So beobachtete Hughens im 19. Jh. dass, zwei an einer Wand befestigte, ur-
sprünglich mit leicht unterschiedlicher Frequenz schwingende Pendeluhren nach einiger
Zeit mit gleicher Frequenz synchron schwingen. Dieser Effekt der Phasensynchronisation
nichtlinearer Oszillatoren wird in der Physik häufig ausgenutzt.
Ein letztes Beispiel ist eine Kette von Pendeln, die durch Gummibänder verbunden sind.
Auch hier ist die durch die Gravitation hervorgerufene Rückstellkraft proportional zum
342 KAPITEL 7. SCHWINGUNGEN UND WELLEN
Sinus des Auslenkwinkels7 . Verdreht man ein Ende der Pendelkette um 360◦ , so kann
sich diese Verdrillung inkl. der daran hängenden Pendel wie ein Teilchen bewegen. Diese
Anregungsform heisst ”Soliton”. Die Bewegung gehorcht den Gesetzen der speziellen
Relativitätstheorie. Die Abb. 7.31 bis 7.33 zeigen abschließend einige Bewegungsformen
einer solchen Pendelkette.
Abbildung 7.31: Durch ein Gummiband verbunde Kette von Pendeln. (aus: ”Wellenma-
schine zur Demonstration harmonischer und anharmonischer Wellenphänomene (Solito-
nen)”, M. Dietrich, H. J. Patt, [Link]
Abbildung 7.32: links: Wellen kleiner Amplitude auf der Pendelkette; rechts:
um 360◦ verdrehte Pendelkette. Die Verdrehung wird auch als ”Soliton” bezeich-
net. (aus: ”Wellenmaschine zur Demonstration harmonischer und anharmonischer
Wellenphänomene (Solitonen)”, M. Dietrich, H. J. Patt, [Link]
[Link]/fak7/patt/[Link]).
7
Die Bewegungsgleichung der Kette, eine nichtlineare Wellengleichung, heisst ”Sinus-Gordon-Glei-
chung”.
7.5. GEKOPPELTE SCHWINGUNGEN IM KRISTALLGITTER 343
Abbildung 7.33: links: ruhendes Soliton von der Seite betrachtet; rechts: Stoß eines sich
von links nach rechts bewegenden Solitons mit einem gegenläufigen ”Antisoliton” mit um-
gekehrten Drehsinn der Verdrillung des Bandes (aus: ”Wellenmaschine zur Demonstra-
tion harmonischer und anharmonischer Wellenphänomene (Solitonen)”, M. Dietrich, H.
J. Patt, [Link]
344 KAPITEL 7. SCHWINGUNGEN UND WELLEN