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darf das Manuskript / Funkhaus Berlin
nur mit Genehmigung benutzt werden. Kultur benutzt
von Deutschlandradio
werden.

Deutschlandradio Kultur
Nachspiel - 16.9. 2007
„Der Berg ruft – Wandern, der lange Weg zur Meisterschaft“
Von Franziska Schiller

Wandern

Bezeichnung für vielfältige Formen der aktiven Erholung - zu Fuß... Es dient der
Gesundheit, ist ein Naturereignis und wird aus sozialen und kulturellen Gründen
betrieben.

Wandern – auf den Spuren einer Leidenschaft.

„Wandern? Weil man das braucht, um fit zu bleiben. In meinem Alter, wenn
man mal siebzig ist. Sa kann man sich nicht niedersetzen. Natur, Bewegung,
alles was dazu gehört. Freiheit, Bewegung, frische Luft, Natur. Ich hab noch
immer schöne Sachen beim Wandern gesehen. Ja klar, logo. Erstmal sind die
guten Wanderfreunde, die netten hier alle - und dann sind ja noch viele mehr
und erst mal Spaß, gute Laune und anschließend noch was für die Gesundheit
tun, na was soll man noch mehr im Leben! Für mich ist das eben laufen an der
frischen Luft, durch die Botanik- ich sage immer, wenn wir mit dem Bus
rausfahren, das sind zum Teil Dörfer, da würde ich nie hinfahren, aber so lerne
ich wenigstens Deutschland kennen“

Jeder zweite Erwachsene in Deutschland wandert gerne in seiner Freizeit. Seit 1883 gibt
es den Deutschen Wandertag, bei dem in jedem Jahr eine andere Gegend als
Veranstaltungsort ausgesucht wird. Vom Harz bis in die Schwäbische Alp: Wanderland
Deutschland.

Leidenschaftliche Wanderer gibt es nicht nur in Deutschland, sondern auch in Österreich.


Wandern gehört in Österreich einfach zum Leben dazu wie Essen oder Trinken.

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Tourismusverbände und Österreichischer Volkssportverband kümmern sich jedes
Wochenende um Hunderte Wandertouristen, die an den organisierten

Wanderveranstaltungen der kommunalen Wanderklubs teilnehmen. Österreich ist auch


Austragungsort der Wander-Weltmeisterschaft. Sie findet abwechselnd in verschiedenen
Regionen Österreichs statt: Abwechslung soll sein. Für die Tourismusbranche
eine willkommene Einnahmequelle in der Nebensaison. Für Wanderer: Der Höhepunkt
des Wanderjahres. Drei Tage Wanderlust, mit schwindelerregenden 1100 Höhenmetern
und 42 Kilometern, die am Tag bewältigt werden wollen. Aber es gibt auch kurze
Strecken – fünf bis sieben Kilometer lang - die von der ganzen Familie erwandert werden
können. Dabei sein ist alles. Und als Trophäe nimmt jeder Teilnehmer, der drei
verschiedene Routen absolviert hat, seine persönliche Wander-Weltmeister-Urkunde mit
nach Hause. Wandern! Leicht gemacht.

Mit von der Partie sind Teilnehmer aus 17 Nationen: Von Australien bis Südkorea. Die
Welt kann kommen, meint Walter Ziehlinger vom Österreichischen Volkssportverband -
der die Wander-WM organisiert:

“Ja, das ist die Wanderweltmeisterschaft. Und in diesen 3 Tagen versuchen die
Wanderer soviel als möglich zu wandern. Wir vergeben dann die Urkunde und
meist auch einen Pokal an den Wanderweltmeister. Der Wanderweltmeister ist
aber keine Einzelperson, sondern ist ein Wanderverein oder eine
Wandergruppe, die sich gebildet hat, die die meisten Teilnahmen und Kilometer
in diesem Zeitraum erreicht. Der Wanderer geht mit dem stolzen Gefühl nach
Hause, weil er zumindest 3 Mal gewandert ist. Er hat aber dabei auch die
schöne Gegend kennen gelernt, die er vielleicht noch nie gesehen hat und hat
das stolze Gefühl der eigene Wanderweltmeister zu sein. Und man wird sich
dann selbst bemühen, diesen Titel wieder zu verteidigen.“

Walter Ziehlinger, geboren in der malerisch gelegenen Donaustadt Linz, ist Jahrgang
1943 und überzeugt sofort als Wanderer: drahtige Figur; beweglich, schlank und ein
gewinnendes Lächeln im Gesicht. Der Musikliebhaber ist ehrenamtlich Presseobmann und
Autor der Verbandszeitung des ÖVV - das Kürzel für den Österreichischen
Volkssportverband. Der ÖVV will Volkssport anbieten, Bewegung und Hobby für jedes
Alter von fünf bis 99 – auch, aber eben nicht nur bei der Weltmeisterschaft. Die lokalen
Wandervereine machen Wander-Angebote für Kinder und Familien. Für den
kulturinteressierten Wanderer werden seit einigen Jahren Städtewanderungen
angeboten. Es gibt sogar sogenannte Gourmet- Wanderungen, bei denen

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Wandervergnügen und kulinarischer Genuss zusammenkommen. Und das alles ohne
Karte und Kompass.

„Es ist ja mal so, dass Wanderstrecken suchen für manche eine Schwerarbeit
ist, also Wanderkarte lesen, Wanderführer lesen. Und so bietet man bei den
Wanderveranstaltungen den Wanderern eine vormarkierte Strecke. Das ist
natürlich die Arbeit des Vereins, der die Veranstaltung organisiert. Das ist das
eine. Also man braucht sich also keine Gedanken zu machen, wo geht’s hin, man
geht dann einfach den Markierungen nach. Und das zweite, ist natürlich ein
besonderer Reiz ist, dieses Volkssportabzeichen zu bekommen. Vor allen Dingen
der Reiz, dass auf der Karte ja nicht nur die Stempeln zum Beispiel aus
Österreich drinnen, sondern und Stempel aus anderen Ländern. Also dann ist
natürlich noch ein zusätzlicher Reiz, dort zu wandern, wo ich sonst vielleicht
nicht hinkomme.“

Der Wanderer als Jäger und Sammler: Kilometer, Bergesgipfel, Naturgenuss und eben
die Vereinsabzeichen. Denn wenn sich im persönlichen Wanderbüchlein genügend
Wanderstempel und Kilometer angesammelt haben, gibt es vom Internationalen
Wanderdachverband IVV eine Anstecknadel: Bronze, Silber, Gold und viele
Zwischenstufen, um die Wanderer immer wieder auf die Piste zu locken, sagt Ziehlinger.
Der IVV ist 1968 von Wanderverbänden aus Deutschland, der Schweiz, Österreich und
Liechtenstein gegründet worden und hat sich stetig erweitert. Nach den politischen
Umwälzungen der 80er und 90er Jahre sind nun auch Staaten des ehemaligen Ostblocks
dabei, wie Tschechien, Polen, Ungarn und Slowenien.

„Diese Idee hat sich weiter fortgesetzt und heute gibt es Wanderverbände in
Amerika, Australien, in China, in Japan; Korea ist sehr stark. Man kann also
sagen, diese Idee ist weltumspannend und international“

Unterwegs nach Pregarten, Stadtgemeinde im Mühlviertel in Oberösterreich. Wir fahren


zum jährlichen Vereinswandertag, der hier traditionell in den Sommermonaten
stattfindet. Ursprünglich bedeutete Wandern Strecke machen, per pedes von Ort zu Ort
zu gelangen, die eigenen zwei Beine waren die Pferdekutsche für arme Leute.
Auf die Wanderschaft gehen war notwendiges Übel in Zeiten fehlender Motorisierung.
Heute geht es kaum noch ohne Auto.

12 Uhr 30. Ankunft in Pregarten. Wir kommen spät. Die ersten Wanderer sind schon vor
fünf Stunden losgewandert. Trotzdem ist jede Menge los. In Pregarten herrscht
Volksfeststimmung. Das Vereins-Festzelt fasst rund 500 Menschen und die Bänke sind bis

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auf den letzten Platz besetzt. Die Wöckies spielen auf. Jedermann ist zum Tanze
eingeladen.

Der Wandertag Pregarten ist mit fast 2000 Startern eine der größten
Wanderveranstaltungen in Österreich. Sogar ein Kamel hat der Verein organisiert:
Kamelreiten für Kinder auf dem Wandertag, das gehört zum Gesamtpaket, als bleibende,
gute Erinnerung. Spätestens in 20 Jahren wird man die Kleinen, dann mit ihren eigenen
Kindern wieder hier treffen. Für den Wanderverein Pregarten ist das eine ´Investition in
die eigene Zukunft. Immerhin ist der Klub Wander-Weltmeister. Im Vereinslokal steht der
erste Wander-Weltmeister Pokal, der überhaupt vergeben wurde. Das war 2003.
Mitgewandert sind Gerhard Lehner und seine Vereinskollegen:

„Ja wir sind 1. Weltmeister 2003 in Saalbach Hinterglemm geworden. Wir


waren mit über 40 Leute dorten. Wir haben jeden Tag an den Wanderungen
teilgenommen. Wurden dann mit dem goldenen Wanderschuh ausgezeichnet.
Wir wollten von Anfang an gewinnen. Das hat jeder gewußt und darum haben
wir es geschafft. Wollen muss man es und durchhalten auch, auch bei
schlechtem Wetter wie in Saalbach Hinterglemm. Es hat drei Tage
durchgeregnet. Gleich am ersten Tag hatten wir wirklich sehr schlechtes
Wetter, aber wir sind auf auf die Mittelstation und wieder runter. Wir werden
noch immer angesprochen, dass wir Wanderweltmeister sind.“

Erfinder der Wander-Weltmeisterschaft ist Andreas Lehner. Er war langjähriger Präsident


des Österreichischen Volkssportverbandes und wurde sogar zum Vizepräsidenten des
Internationalen Volkssportvereins gewählt. Seine Weltmeister-Marke „WWM“ hat sich seit
2003 zum BMW unter den internationalen Wanderveranstaltungen gemausert; gedacht
war sie als Jungbrunnen für die Wanderkultur in Österreich. Aus einer fixen Idee, die am
Vereinsstammtisch entstand, ist mittlerweile eine ernst zu nehmende Konkurrenz zur
internationalen Wander-Olympiade geworden. Andreas Lehner:

„Wander-Weltmeisterschaft bedeutet für mich ein Stück von mir. Ich war der
Erfinder der Weltmeisterschaft. Wir in Österreich haben gesagt, wir brauchen
wieder was Neues, was andere Gäste anspricht, was andere noch nicht haben.
Saalbach Hinterglemm war ja der Austragungsort der alpinen
Weltmeisterschaft, da habe ich gesagt, wir könnten ja eine Wander-
Weltmeisterschaft gründen. So eine Vorbereitungszeit beläuft sich doch auf
einige Monate, bei der ersten so circa acht Monate: Ob es die Strecken sind , die
Höhenmeter, die ganzen Medien und PR-Geschichterln. Das ist einfach ganz
wichtig, dass man das unter Dach und Fach bringt. Aber im Großen und Ganzen,

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bis am am Tag X war alles bestens und wir haben pünktlich die
Eröffnungszeremonie beginnen können. Die Gäste waren zufrieden und so
kommen die Teilnehmer immer wieder gerne in unser Wanderland Österreich.
Österreich sage ich, ist ja auf der Welt die Nummer Eins im Wandern.“

Andreas Lehner ist ein Wander-Mensch. Wandern ist für ihn lebenswichtig, nicht nur als
Ausgleich zu seinem Beruf als Krankenpfleger. Die Familie mit zwei erwachsenen Söhnen
lebt mit dem Wandern. Fast jedes Wochenende geht es auf die Walz.
„Das Wandern zu mir und ich zum wandern? Das ist mir glaube ich in die
Wiege gelegt worden. Wandern für mich ist eine Leidenschaft, eine Sucht, ist
ein Teil meiner Gesundheit, aber auch ein Teil von Freundschaft. Gerade in der
heutigen Zeit, wo es wirklich immer wieder auch vor den Türen Europas zu
Ausschreitungen kommt, ist es wichtig, den Frieden und die
Völkerverständigung rund um den Erdball zu tragen.“

Mitgewandert bei der Wander-Weltmeisterschaft ist auch Manuel Andrack: bekannt


geworden als Partner und Stichwortgeber von Harald Schmidt. Er ist Jahrgang 1965,
bekennender Fußballfan – und natürlich seinem Heimatverein, dem 1. FC Köln treu
ergeben. Daneben ist Andrack passionierter Freizeitwanderer und Autor mehrerer Bücher
übers Wandern. Die Wanderlust hat er quasi mit der Muttermilch aufgesogen.

„Das war so eine Laune der Natur. Ich bin vorbelastet, genetisch, meine Eltern
sind auch immer gerne gewandert und ich bin erstaunlicherweise auch gerne
mitgewandert als Kind und sogar noch als Jugendlicher, aber natürlich, wenn
irgendwann die Pubertät durch Leben rauscht, dann werden andere Sachen
wichtiger als das Wandern. Ich sage immer, wer zwischen 15 und 30 wandert,
hat einen an der Klatsche. Aber wenn man ein bisschen älter wird, ein bisschen
ruhiger, dann ist das irgendwie ein Spitzenhobby.“

Zur Wander-Weltmeisterschaft fuhr Andrack 2006 nach Österreich -


mit einem klaren Ziel: Gewinnen.

„Das war natürlich etwas, als ich das im Internet entdeckt habe, dass es so
einen Wanderweltmeisterschaft gibt, das hat mich natürlich unglaublich gereizt,
weil ich ja natürlich von Natur schon ein kleiner Ehrgeizling bin. Und wenn ich
zu einer Wanderweltmeisterschaft fahre, dann ist es keine normale Wanderung
für mich oder ein Wandertag, sondern da möchte ich da schon eine gewisse
Rolle bei dieser Weltmeisterschaft spielen und nicht schon in der Vorrunde
ausscheiden.“

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Rückblickend überwiegt für ihn die Skepsis, ob Wandern und Weltmeisterschaft eigentlich
zusammenpassen. Lange Wanderergespräche, ein kühles Bier, saftige Steaks und
Naturgenuss kann er nicht mit dem Gedanken der Wander-WM verbinden. Ein Fan ist
Manuel Andrack nicht geworden. Wie hat er die Weltmeisterschaft empfunden?

„Als Stress. Als Wanderhölle. Teilweise gingen diese Wanderwege an


wunderschönen Landschaften vorbei, aber man hatte überhaupt keinen Blick,
weil man ständig auf die Uhr geguckt hat, schaffe ich meinen Kilometerschnitt,
schaffe ich jetzt noch diese Wanderung zu vollenden, um dann noch 8 km
draufzuhauen und das ist eben nicht dieser Entspannungseffekt, dieser
Erholungseffekt, den Wandern meiner Meinung nach haben sollte, oder auch
Naturgenuss oder zur Ruhe kommen, sondern das war einfach nur Hetze. Und
das wird dann zum Leistungssport. Am ersten Tag habe ich in 8 Stunden 54 Km
geschafft und das habe ich aber auch an den nächsten beiden Tagen an
sämtlichen Knoch und Gelenken gespürt. Und der Sieger ist in drei Tagen 194
Km gelaufen, teilweise auch gejoggt, sonst schafft man das ja gar nicht, mit
einem Schnitt von 65 km am Tag. Also das ist schon ziemlich irrsinnig.“

Mit dieser Kritik kann man in Österreich wenig anfangen. ÖVV-Vizepräsident Franz
Kirchweger sieht die Weltmeisterschaft als gelungene Werbung für Österreich und als
willkommene Möglichkeit für Gäste aus aller Welt, gleich drei Tage am Stück auf schönen
Wanderstrecken zu wandern.

„Die Wanderweltmeisterschaften hat ist glaube ich eine gute Idee, dass die
Länder also die Wanderfreunde dorten alle zusammen kommen, und dass man
sich gegenseitig besser kennen lernt. Leistungssport findet nicht statt. Es gibt
keine Zeitlimits. Die vorgeschriebenen Startzeiten sind größtenteils von 6 bis 12
Uhr. Zielschluss 16:00 Uhr. Und jeder hat die Möglichkeit, nach seinem besten
Wissen und seinen Fähigkeiten verschieden lange Strecken zu wandern. Und je
nachdem, was er glaubt, was er kann, macht er entweder die großen Tour oder,
wenn es körperlich nicht mehr so gut geht zum Beispiel, dann wandert man
eben die kleine Strecke.“

Wesentlich kritischer Töne kommen aus Tirol, dem Austragungsort der


Wanderweltmeisterschaften 2007. Jeder nach seiner Façon, hört man dort. Heinz Sillober
spricht als Privatmann, nicht als Tourismusmanager, der sein Produkt verkauft. Über zwei
Jahrzehnte lang hat er den Tourismus-Verband Innsbruck in Tirol geleitet, mit Sitz im
malerischen Wandergebiet Igls:

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„Wandern und Meisterschaft. Ja diese Wandermeisterschaften sind ja eigentlich
etwas, was nicht ganz zusammen passt. Ich finde, alles was mit Leistungssport
zu tun ha, passt nicht zum geselligen Leben. Das ist Anstrengung, große
Leistungsbereitschaft, aber hat nichts mit Geselligkeit zu tun – und Wandern
soll doch primär etwas sein, das Geselligkeit bringt, was Freude bringt, aber
nicht nur schweißtreibend ist.“

Ob Extremsportfans oder gemütliche Wanderkameraden anreisen, ist rein rechnerisch


allerdings irrelevant. Unter finanziellen Gesichtspunkten ist die Wander-Weltmeisterschaft
für den Austragungsort schon im Vorhinein ein Gewinn.

„Wir rechnen mit circa Drei- bis 5000 Teilnehmern. Das ist natürlich für die
Region in einem Zeitraum, wo ja der große Tourismus schon vorbei ist, eine
unwahrscheinliche Aufwertung für die Hotellerie und Gastronomie. Wenn
Dreitausend Leute hier in der Nächtigen nächtigen. Wanderer sind ja keine
schlechten Kundschaften, die essen gerne gut, die trinken auch gerne was
Gutes, und daher ist es wirtschaftlich sicher ein großer Erfolg für die
Region. Jeder zu uns kommt, ist genauso willkommen, ob es in der
Jugendherberge oder im 5-Sterne Hotel wohnt. Das ist ja eigentlich eine
logische Sache. Auch ich war jung und bin in die Jugendherbergen gereist. Und
wenn’s mir in dem Gebiet gefallen hat, komme ich hier wieder und schau mir es
mir auch dann an, wenn ich mir vielleicht ein Drei -, Vier oder vielleicht sogar
ein Fünf-Sterne Hotel leisten kann. Das hat schon Zukunftsperspektive auch.
Umsonst heißt es nicht. Kinder sind die Gäste von morgen.“

Wandern und Österreich: Das ist für Außenstehende ein Mysterium. Nichts scheint so
sehr zur österreichischen Seele zu gehören wie das Wandern: Einen Schritt vor den
anderen zu setzen, einzukehren oder eins zu werden mit der Natur. Wandern ist mit dem
kulturellen Gedächtnis Österreichs verwoben. Selbst mitten in der Woche laufen einem hi
und da fidele Wandergruppen über den Weg. Österreichs Wandervereine haben
Nachwuchssorgen, ja. Tennis ist die neue Trendsportart der Kids, und in Innsbruck lockt
eine riesige Kletterhalle schon die Kleinsten. Aber viele kehren zurück. Immer mehr
beruflich erfolgreiche, aber stressgeplagte Mittvierziger kommen auf den Geschmack.
Motto: Wandern Walken Wohlfühlen. Je mehr der Stresspegel steigt und je mehr
technologische Neuheiten zum Alltag gehören, desto intensiver scheint gleichzeitig die
Sehnsucht nach Einfachheit zu sein. Gehen, um Bodenhaftung zu bewahren, die eigene
Kraft, den eigenen Rhythmus zu spüren. Wandern als Pilgern –
zum eigenen inneren „ich“:

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“Für mich ist Wandern ein Teil meines Lebens. Ich wandere, seit ich ein Kind
bin. Ich bin in Innsbruck aufgewachsen, es war normal, dass man mit den
Eltern als Kinder schon in den Bergen war. Ich bin hier in Innsbruck geboren
und aufgewachsen. Und ich bin eigentlich immer auf den Bergen; Sommer wie
Winter, es macht keinen Unterschied. Wandern ist für mich den Kopf frei
bekommen, Wandern ist Gymnastik, körperliche Ertüchtigung. Wandern ist auch
teilweise vielleicht ein bisschen Meditation. Wenn ich allein am Berg bin, kann
ich alle belastenden Dinge in meinem Kopf wegkriegen. Ich kann mich frei
machen für neue Dinge, um wieder anderen Menschen offen zu begegnen. Ich
habe einfach das Gefühl, wie wenn ich zum Beispiel einem guten Musikstück
zuhöre, einer guten klassischen Musik, dass ich hier auch einfach Stress
abbauen kann und das hilft mir wieder offen zu sein .“

Tirol ist das österreichische Bundesland, das seinem internationalen Wanderpublikum


einen besonders ausgeprägten touristischen Service zur Verfügung stellen kann. Grund
ist die sogenannte Tourismus-Steuer, die ganz selbstverständlich zur Erweiterung der
Infrastruktur für die Reisenden genutzt wird. Das sind im Sommer hauptsächlich
Wanderer; wie Horst Rauchdobler, 25 Jahre lang Obmann des Innsbrucker
Wandervereins. Er ist knapp 1´90 groß, durchtrainiert, und zünftig nach Wander-
Dresscode gekleidet: Mit Laufschuh, Wanderhose und rustikalem Wandershirt. Die
Regenjacke und eine Flasche Wasser liegen griffbereit auf dem Autorücksitz.

„Wie ich das Wandern begonnen habe, das war reiner Zufall. Jemand nimmt
einen mit und sagt: Schau dir das an. Man ist ja voreingenommen. Man sagt
sich: Das ist wie Herden, die gehen da, alle hinter einander, nebeneinander.
Aber man geht ein Mal mit. Und wie es halt so ist, mir hat´s gefallen. Von
Herden gehen keine Spur. Es war gerade diese Zeit des Wanderbooms. Es hat
Märsche gegeben, wo 6-7000 Leute teilgenommen haben an einem Sonntag,
und das nicht nur an einem Ort, sondern an vielen. Das war in den Jahren 1973-
75.“

Ortswechsel. Berlin-Spandau.

Beim Wanderverein „Waldhaus“ herrscht Hochstimmung. Acht Berliner – der harte Kern
der 55 Wanderfreunde – halten Vereinsrat bei Ingrid und Herbert Reinsch in der
gemütlichen Laube. Die letzten Vorbereitungen für die Wanderweltmeisterschaft werden
getroffen. Ein Vereinsbus soll noch organisiert und möglichst viele Wanderfreunde
müssen zusammengetrommelt werden. Denn je mehr Wanderer der Verein mitbringt,

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desto größer die Chancen, bei der Wander-WM aufs Treppchen zu gelangen. Und: Ein
Vereins-T-Shirt muss her.

„Da steht drauf, dass die –Wanderweltmeisterschaft in Österreich – stattfindet


und unten das Emblem vom Verein und der Name noch mal. Dann die
Österreichischen Nationalfarben und dann die Deutschen Nationalfarben. Das
ist wie bei Schiffen: Einmal der Heimathafen und einmal der Gasthafen.“

Ein T-Shirt muss sein! Das ist klar, man will erkannt werden in der weiten Welt, meint die
Erste Vorsitzende Ingrid Reinsch, Jahrgang 1939. Sie ist pensionierte
Verwaltungskauffrau und wandert seit über 20 Jahren.

„Weil ick bin Berliner. Ich bin eigentlich Spandauerin, in erster Linie und dann
Berlinerin, genau. Aber wenn ich im Ausland bin, dann repräsentiere ich einfach
Berlin. Ich sage mal, Nach Österreich fährt man eigentlich sehr gerne. Die Berge
sind das. Und das ist der Reiz, meistens schönes Wetter Und man kennt so viele
Leute und freut sich: Ach, die Berliner sind ja auch da. Weil wir unsere T-Shirts
anhaben. Und da steht Berlin drauf. Dann fragen sie: Kommt ihr extra zum
Wandern aus Berlin und dann sagen wir klar – So etwas ist wichtig. Wir tun
gleich was für unser Berlin.“

Ob mit oder ohne Vereinshemd, das Wichtigste bleibt dennoch das Wandern mit
Freunden. Darin ist man sich einig: Ohne Wandern fehlt dem Leben die Würze.

„Sie sehen beim Wandern viele Dinge ganz anders . Ob Ihnen ein Frosch ganz
oben am Berg über den Weg läuft und so Kleinigkeiten. Sie haben einfach die
Zeit, die Sie sonst im normalen Leben nicht haben, Dinge in der Natur zu
beobachten und das finde ich eigentlich das Schöne dabei.“

Also Wandern ist Streß. Aber positiver Streß. Für mich ist Wandern das
Ausleben der natürlichsten Fortbewegungsart, die wir Menschen eigentlich
haben. Nämlich auf unseren eigenen Füßen, auf unseren beiden Beinen. Ohne
Benzin, Verkehrszeichen. Ohne alles. Man muss nicht immer überall erreichbar
sein. Das kommt auch noch dazu. Man ist einfach mal für sich alleine. Man kann
auch bei einer großen Wanderung für sich alleine sein.“

meint Wilfried Sperling, der gern gesehener Gast und Mitwanderer, aber nicht Mitglied im
Wanderverein ist. Seit rund 30 Jahren gibt es den Wanderverein „Waldhaus“ bereits.

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Vor dem Mauerfall war Wandern für den Berliner aus den Westsektoren ein Abenteuer für
sich, erzählt er aus seiner Zeit als Wander-Eleve.

„Mein eigentlicher Bewegungsdrang ist auf die Teilung Berlins zurückzuführen.


Ja, hier war ich doch eingeengt. - Ich kam von Neu-Westend bis hin zur Gliniker
Brücke und dann war Schluss. Also hat man sich ins Auto gesetzt, hat die
Transitstrecke auf sich genommen, ist 400 Kilometer mit dem Auto gefahren,
um 10 km wandern zu können. Ein Anderer würde sagen: Verrückt! Kann der
doch zu hause machen. Aber im Grunewald kennt man ja schon fast jeden Baum
mit Vornamen. Und deshalb geht man raus.“

Zu Zeiten der Berliner Mauer kamen umgekehrt bis zu 4000 Wanderer am Wochenende
nach Berlin. Heute sind es weit weniger: 300 am Tag – wenn die Sonne lacht. Draußen
hat es inzwischen angefangen, wie aus Gießkannen zu schütten.

„Mensch, das schüttet, ich wird´ ja verrückt. Es hagelt. Eine gute Jacke und
ein stabiler Schirm, dann ist alles nicht so schlimm. Da freuen wir uns immer,
wenn so ein Wetter ist und wir laufen dann los und kommen dann so schön
pitschenass bis auf den Slip zurück. Aber trotzdem bleiben wir immer froh und
munter. Wir lassen uns durch nichts unterkriegen. An sich tut uns der Regen ja
nichts, wir werden ja wieder trocken. Wir sind ja nicht aus Zucker.“

Solch ein Wetter bei der Wander-WM? Das schreckt die Berliner „Waldhäusler“ nicht. Sie
haben noch jedes Wetter gut gelaunt überstanden.

„Das kann man. Wenn wir um 8:00 Uhr starten, hat man bis 17:00 Zeit um seine
5 oder 10 oder 20 km zu laufen. - Man kriegt eine Startkarte, die wird
abgestempelt, dass man das auch wirklich gelaufen ist. Wir haben extra
Wertungshefte, wo das eingeschrieben ist. Das ist die Krönung vom Wandern.
Zu einer Wanderweltmeisterschaft zu fahren ist doch was Supertolles, finde ich
jedenfalls. Wir laufen bundesweit, und im Prinzip laufen wir auch weltweit. Wir
waren in Zypern, in der Türkei, in Griechenland, Portugal, Malta und kommen
überall rum.“

Und während andere unermüdlich Kilometer um Kilometer laufen, gehen die


Wanderfreunde es etwas gelassener an. Für sie ist klar: Weltmeister im Herzen werden
sie ohnehin.

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„Manche die rennen jeden Tag - durch die Botanik, um recht viele Kilometer
zusammenzukriegen, damit sie ein Mal um die Welt schaffen. Ja, es gibt so was.
Andere machen das eben gemütlicher wie wir. Wir laufen aus Lust und Freude,
bleiben auch mal stehen: „Da ist ein Blümchen, ach guck mal wir schön das
aussieht.“ Und macht mal einen Plausch mit den Leuten übern Zaun. Das gehört
dazu.“

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