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Ringen Um Existenz Und Einheit Im Osten: Das 6. Jahrhundert: Vom Oströmischen Zum Byzantinischen Reich

völkerwanderung

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KAPITEL XI

Ringen um Existenz und Einheit im Osten

11.1
Das 6. Jahrhundert: Vom Oströmischen zum Byzantinischen Reich

11.1.1
Kaiser und Katastrophe: Das Oströmische Reich im 6. Jahrhundert
Das 6. Jahrhundert: Vom Ringen um Existenz
Oströmischen zum Byzantinischen Kapitel
und Einheit im Osten
11.1
Reich XI

Ein letztes Mal wurden die auseinanderdriftenden Hälften des ehemaligen Impe-
rium Romanum im 6. Jahrhundert zusammengeführt. Aber es war lediglich eine
gemeinsame Leidenserfahrung, die Osten und Westen, zudem zahlreiche weitere
Regionen der nördlichen Hemisphäre, noch einmal kurzfristig vereinte. Wir hat-
ten bereits gesehen, dass im Jahr 536 ein gewaltiger Vulkanausbruch das globale
Gleichgewicht erschüttert haben muss; infolge dieses Ereignisses besetzten
Asche- und Staubpartikel die Atmosphäre – und wie in jüngerer Zeit beim Aus-
bruch des Tambora (Indonesien, 1815), dem 1816 ein ‹Jahr ohne Sommer› folgte,
bei der Eruption des Krakatau (Indonesien, 1833) oder zuletzt des Eyjafjallajökull
(Island, 2010) waren die Folgen verheerend: Düster-nebelige Schleier legten sich
vor das Sonnenlicht und verdunkelten über 18 Monate hin den Himmel. Daraus
resultierten Wetteranomalien, Temperaturstürze, Missernten, Versorgungseng-
pässe und Hungerkrisen. Mindestens drei strenge Winter plagten den Mittel-
meerraum und die Britischen Inseln, das Perserreich wurde von einer Dürre,
China von Hungersnöten heimgesucht; während in Mesopotamien Schnee fiel,
blieben die Sommer in Skandinavien ungewöhnlich kühl; selbst in Nordamerika
wurde das Wachstum von Bäumen beeinträchtigt. Neuere Datenauswertungen
deuten darauf hin, dass die 530er und 540er Jahre die kältesten innerhalb des ge-
samten Holozäns, mindestens aber der letzten 2000 Jahre waren. Die durch-
schnittlichen Sommertemperaturen fielen in Europa nach 536 um bis zu 2,5 Grad, 953

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Kapitel XI Ringen um Existenz und Einheit im Osten

nach weiteren mutmaßlichen Vulkanausbrüchen 539 /40 und 547 noch einmal um
bis zu 2,7 Grad. Diese vulkanisch bedingten Temperaturstürze verstärkten jedoch
lediglich einen vermutlich auf temporär nachlassende Sonnenaktivität zurück-
gehenden Effekt, der ebenfalls um 530 einsetzte und bis etwa 680 nachweisbar ist:
den Übergang zur Kernphase der sogenannten Kleinen Eiszeit der Spätantike (ca.
450–700), deren Auswirkungen in den unterschiedlichen Regionen des Mittel-
meerraums ganz verschiedene Gestalt annehmen konnten – von zunehmenden
Flutkatastrophen (Kleinasien) bis hin zu verstärkter Trockenheit (Nordafrika,
Levante) –, insgesamt aber für eine agrarisch geprägte Gesellschaft verheerend
war. Insbesondere angesichts der plötzlichen Sonnenverfinsterung standen Zeit-
genossen jedenfalls vor einem Rätsel, selbst gebildete Köpfe wie Cassiodor:1

Was hat das zu bedeuten, frage ich, den Ersten unter den Sternen [= die Sonne] zu
erblicken und sein gewohntes Licht nicht zu sehen? Den Mond, die Zierde der
Nacht, in seinem vollen Umfang anzublicken, doch ohne seinen natürlichen Glanz?
Wir alle sehen die Sonne bis jetzt gleichsam bläulich: Wir wundern uns, dass mitten
am Tag die Körper keine Schatten werfen und dass jene Kraft der stärksten Hitze
nur bis zu einer äußerst lauen Mattigkeit gelangt ist, was – so viel steht immerhin
fest – nicht durch den augenblicklichen Schwund einer Sonnenfinsternis, sondern
im Verlauf fast eines gesamten Jahres verursacht worden ist. Welche Angst bewirkt
es daher, etwas länger ertragen zu müssen, was sogar, wenn es sich äußerst rasch
vollzieht, Völker in Schrecken versetzt? Wir hatten also einen Winter ohne Stürme,
einen Frühling ohne mildes Wetter, einen Sommer ohne Hitze.

Nicht auszuschließen, vielmehr sogar sehr wahrscheinlich, dass die Anomalien


der Jahre seit 536 /37 und die durch sie bedingte physische Schwächung der Bevöl-
kerung der Pest den Weg ebneten, die 541 erstmals ausbrach und innerhalb weni-
ger Monate ihren zerstörerischen Zug durch die Mittelmeerwelt und angrenzende
Gebiete antrat. Das freilich war 537, als die Sonne nicht mehr aufging, noch nicht
abzusehen. Unter ihrem trüben, matten Schimmer brach damals Kaiser Justinian
an der Spitze einer frommen Prozession von der Anastasia-Kirche zu Konstanti-
nopel auf, um gemeinsam mit Patriarch Menas und dem Volk das gewaltigste
Gotteshaus einzuweihen, das die Christenheit bis dahin hatte bestaunen dürfen:
Innerhalb einer nur knapp sechsjährigen Bauzeit hatte sich aus den Trümmern
ihres Vorgängerbaus die Hagia Sophia erhoben; das ältere Gotteshaus war wäh-
rend des Nika-Aufstandes, den der Kaiser vermutlich selbst provoziert hatte, um
oppositionelle Gruppen zu identifizieren und auszuschalten, niedergebrannt
(532). Mit dem neu errichteten Monument, das in seiner verwegenen Kuppel-
architektur und einer alle Vorstellungskräfte sprengenden Dimension die über-
954 ragende Pracht und Sieghaftigkeit des christlichen Römerreiches unter seinem

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tatkräftig-frommen Herrscher spiegelte, gedachte Justinian nicht nur die von


Anicia Iuliana gestiftete Polyeuktoskirche zu übertreffen, sondern vermutlich
wohl den Tempel Salomons selbst. Während in dem glanzvollen Gotteshaus erst-
mals die Messe zelebriert wurde, hungerten in der alten Hauptstadt des Imperium
Romanum die kaiserlichen Soldaten an der Seite der Restbevölkerung Roms, von
Witigis’ Goten belagert; in Afrika hatten sich große Teile der justinianischen
Armee gegen ihre Führung erhoben und kämpften einen zermürbenden Abnut-
zungskrieg; religiöse Spannungen zwischen Chalkedon-Anhängern und -Geg-
nern erschütterten Ägypten und den syrischen Osten, nachdem Theodosios,
Patriarch von Alexandreia, und die miaphysitische Galionsfigur Severos im Jahr
536 verurteilt und exiliert worden waren. Damals begann der Merowinger Theu-
debert I. das Frankenreich in imperialen Kategorien neu zu vermessen, während
die Westgoten um Theudis darum bemüht waren, auf der Pyrenäenhalbinsel zu
Einheit und Stabilität zu finden, und die Langobarden ihre Position in Pannonien
festigten. Es ist dies aber auch jenes Jahr, für das die Annales Cambriae den letz-
ten Kampf des ‹Königs Artus›, begleitet von einem Massensterben in Britannien
und Irland, ‹bezeugen›. Schlaglichter zerbrochener Einheit unter dem schatten-
losen Licht der eingetrübten Sonne.2
Das ‹Zeitalter Justinians›, das uns in den Handbüchern als letzte glanzvolle
Epoche der römischen Geschichte entgegentritt, gekennzeichnet von der territo-
rialen Wiederherstellung großer Teile des vergangenen Imperium Romanum, der
Rechtskodifikation und einer imposanten Baupolitik, die in der Hagia Sophia ihr
wirkmächtigstes Symbol fand, besaß gespenstische Schattenseiten, mit denen wir
bereits mehrfach konfrontiert worden sind – so vor allem in den mittelfristig er-
nüchternden Ergebnissen und langfristigen Folgen der justinianischen Kriege in
Italien, Nordafrika und auf der Iberischen Halbinsel. Dieses ‹andere Zeitalter Jus-
tinians› manifestierte sich für Mitlebende freilich noch in weiteren Zusammen-
hängen: in kaiserlichem Uniformierungsdruck, der insbesondere im Bereich der
Religions- und Kirchenpolitik rigide, mitunter harsche Verfolgungsmaßnahmen
gegen Altgläubige und Häretiker und letztlich all jene Gruppen, die als Abweich-
ler betrachtet wurden, nach sich zog; im Versuch, alte Eliten zu marginalisieren
und durch neue, dem Kaiser loyal verpflichtete Aufsteiger zu ersetzen; in einer
gesetzlichen Forcierung der Umgestaltungsprozesse provinzialer Städte, die lang-
fristig mit einem Autoritäts- und Bedeutungsverlust lokaler Eliten zugunsten
eines bischöflichen Regiments einhergingen und das Bild der Städte im Osten
während des 6. und 7. Jahrhunderts nachhaltig verändern sollten; in Steuerdruck
und den Folgen ressourcenzehrender, zermürbender Kriege, die nicht nur jenen
Regionen entsetzliche Belastungen auferlegten, in die Justinians Armeen sieges-
gewiss einmarschierten, sondern auch den oströmischen Kerngebieten im 955

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syrisch-palästinischen Raum sowie der Kaukasusregion, die unter den Folgen der
römisch-persischen Kriege ächzten, welche der Kaiser zwar zu führen und zu
prolongieren in der Lage war, die er aber nicht zu einem entscheidenden Erfolg
zu bringen vermochte; denn ihm fehlten letztlich die nötigen Mittel, um dem
Sāsānidenreich unter seinem Großkönig Chosroes I. (531–579), der nicht minder
ambitioniert agierte als sein «Bruder» und Rivale in Konstantinopel, den ent-
scheidenden Schlag zu versetzen – mit dem Ergebnis, dass das 6. Jahrhundert,
ganz im Gegensatz zu den voraufgehenden Dekaden, nahezu durchgängig von
blutigen, ermattenden Kriegen im Osten durchtränkt war (525 /26–531; 540–562;
572–590).3
Vor allem aber – und dies machte den anfangs noch zupackenden Kaiser letzt-
lich selbst zum Getriebenen – senkte sich im 6. Jahrhundert eine Serie desas-
tröser Katastrophen über das Oströmische Reich, die von Zeitgenossen als bis-
lang beispiellos wahrgenommen wurden. Erdbeben, Brand- und Flutkatastrophen,
Sonnenfinsternisse, Heuschreckenplagen, Missernten, ungewöhnliche Himmels-
erscheinungen (z. B. Kometen), Seuchen und Kriege suchten die leidgeprüfte Be-
völkerung in einem bis dahin nicht gekannten Ausmaß heim. Antiocheia etwa,
die blühende Metropole des Ostens, wurde durch einen Stadtbrand (525) und
zwei direkt aufeinanderfolgende Erdbeben (526 /28) nahezu völlig zerstört – die
Opferzahlen werden in der (notorisch unzuverlässigen) Überlieferung auf meh-
rere Hunderttausend beziffert, die Überlebenden flohen zunächst verängstigt in
die Berge; mühsam wieder aufgebaut, wurde die Stadt im Jahr 540 Opfer eines
sāsānidischen Plünderungszuges und abermals in Trümmer gelegt, große Teile
der Bevölkerung mussten sich damals der Deportation in das Perserreich fügen.
Nicht nur Antiocheia wurde von seismischen Eruptionen niedergelegt; zahlrei-
che andere Städte und Landschaften des Ostens erlitten im 6. Jahrhundert, vor
allem während der Herrschaft Justinians, ein ähnliches Schicksal (so etwa Neo-
kaisareia 502 / 03 [?], Rhodos 516 [?], Dardanien und Skoupoi 518, Dyrrhachion,
Korinth, Anazarbos ca. 522 /25, 560 / 61, Pompeiopolis 528 [?], Laodikeia 529, Kyzi-
kos 543, Nikomedeia 554) – und nicht zuletzt Konstantinopel, wo wiederholt der
Boden schwankte (z. B. 525, 526, 533, 540 /41, 542, 545 /46, 547 /48, 551, 554, 555) und
im Jahr 557 sogar die Kuppel der Hagia Sophia, stolzes Symbol des frühjustinia-
nischen ‹Könnensbewusstseins›, zusammenstürzte. Verheerend muss auch jener
Erdstoß gewirkt haben, der im Jahr 551 zahlreiche Städte Griechenlands (u. a.
Chaironeia, Koroneia, Patras, Naupaktos) und des östlichen Mittelmeerraums
(u. a. Tyros, Sidon, Berytos, Tripolis, Byblos, Botrys, Kos, Antiocheia) in Trüm-
mer legte. Bereits im Jahr 548 hatte eine ungewöhnliche Nilflut in Ägypten die
Ernte vernichtet, während man gleichzeitig vor der Hauptstadt ein geheimnis-
956 volles Seeungeheuer gesichtet zu haben wähnte. In den Jahren 562 / 63 führte

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Wasserknappheit infolge längerer Dürre zu Unruhen in Konstantinopel. Und


dazwischen immer wieder Barbareneinfälle: Bulgaren 502, 517 (?), 528 /29, Kutri-
guren / Bulgaren 539 /40, 544 /45, 551, 559, Tzanen 505 / 06 (?), Hunnen 515, 531,
Slawen 545, 548, 549–551, 562 (?), Anten 545 /46, Araber 529, Perser 540–542, 544.
Tatsächlich könnte man noch einige Seiten füllen mit der Aufzählung der
Schrecknisse und Katastrophen, von denen für das 6. Jahrhundert berichtet wird
und die teilweise auch jenseits der Schriftquellen nachweisbar sind. Sie alle wur-
den indes seit 541 /42 überlagert vom unerreichbaren Grauen der Pest.4
Wo die ‹Justinianische Pest› ihren Ursprung genommen haben könnte, wird
kontrovers diskutiert. Argumente sprechen nicht nur für die eurasische Steppe,
das Himalaya-Gebiet oder China, sondern auch für Zentralafrika, wiewohl Euag-
rios’ Behauptung, die Krankheit sei aus Äthiopien eingeschleppt worden, nicht
allzu hoch gewichtet werden sollte, da sie möglicherweise schlicht als Reminis-
zenz an Thukydides’ stilbildende Beschreibung der großen Seuche in Athen
(430–426 v. Chr.) und dort geäußerte Herkunftsspekulationen zu verstehen ist.
Inwieweit ein in den Kontext der ‹Völkerwanderung› einzuordnendes Migra-
tionsgeschehen die Verbreitung der Pest in der antiken Oikoumene beeinflusst
haben mag, lässt sich nach derzeitigem Kenntnisstand nicht eruieren – Flöhe, die
(Über-)Träger des Pest-Bakteriums, wandern mit Menschen und Nagetieren
(Ratten), aber durchaus auch mit Gütern und Waren. Für den weiteren Fortgang
der Ereignisse dürften die demographischen Folgen der Epidemie jedoch nicht
ganz unerheblich gewesen sein (s. u.). Der erste für uns fassbare Ausbruch er-
folgte jedenfalls 541 in der ägyptischen Hafenstadt Pelusion im Osten des Nildel-
tas. Von dort aus breitete sich die Epidemie west- und ostwärts (nordafrikanische
Küste; Palästina, Levante) über den gesamten Mittelmeerraum aus. Entgegen
dem Zeugnis Prokops dürfte sie nicht erst im Frühjahr 542, sondern spätestens
Ende 541 Konstantinopel erreicht haben; bis 543 hatte sie praktisch das gesamte
Reichsgebiet erfasst, weshalb Prokop behaupten konnte, die Seuche habe sich
über «die ganze Erde» (τὴν γῆν σύμπασαν) ausgebreitet. Mit dem Seuchenzug
der Jahre 541 bis 544 wurde die ‹Pest› im Mittelmeerraum (und darüber hinaus)
endemisch und flackerte in verschiedener Intensität an unterschiedlichen Or-
ten – so etwa mit besonderer Heftigkeit in Konstantinopel 558, danach dort noch-
mals in den Jahren 573, 586, 599, 619 (?), 698, 747 – immer wieder auf, bis sie um
750 auf geheimnisvolle Weise verschwand. Nicht nur das Imperium Romanum
(einschließlich Nordafrika) wurde von einem Massensterben erfasst; auch im
Sāsānidenreich in Arabien, im Donauraum sowie in den westlichen Mittelmeer-
regionen (in Gallien und Italien spätestens ab 543, von dort aus auf die Iberische
Halbinsel gelangend) verbreitete sich die Infektionskrankheit; um 544 erreichte
sie die Britischen Inseln; jüngere (a)DNA-Analysen deuten zudem darauf hin, 957

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dass auch das heutige Süddeutschland nicht verschont blieb, während für Skandi-
navien vor allem archäologische Indizien auf Seuchenzüge seit dem 7. Jahrhun-
dert hinweisen.5
Trotz der gravierenden Schwierigkeiten und methodischen Probleme, die
retrospektive Diagnosen historischer Krankheitseinheiten grundsätzlich belas-
ten – denn sowohl Erreger als auch die menschliche Physis haben im Verlauf der
Jahrhunderte Veränderungen durchlaufen, die Rückschlüsse aus (literarisch über-
formten!) Symptombeschreibungen in den meisten Fällen unhaltbar erscheinen
lassen –, kann im Fall der ‹Justinianischen Pest› mittlerweile als wahrscheinlich
gelten, dass die Epidemie auf das Bakterium Yersinia pestis zurückgeht – wenn-
gleich möglicherweise einen anderen Stamm als jener, der den spätmittelalter-
lichen ‹Schwarzen Tod› oder die jüngste Pandemie (1894) ausgelöst hat. Seit den
1990er Jahren konnte der Erreger jedenfalls in zahlreichen historischen Gräbern
nachgewiesen werden – auch in solchen, die jenseits des Verbreitungshorizontes
liegen, den die Schriftzeugnisse abdecken (z. B. Süddeutschland) –, und die exak-
ten zeitgenössischen Beschreibungen der Pestbeulen lassen sich (im Gegensatz zu
anderen Teilen der erhaltenen Berichte, s. u.) auch nicht als Imitatio klassischer
literarischer Vorbilder entlarven, da solche bis dahin nicht existiert hatten. Für
historische Fragen spielt die exakte biochemische Bestimmung des Erregers aller-
dings ohnehin eine untergeordnete Rolle; lediglich dann, wenn sich zeigen ließe,
dass spezifische Krankheitsausbrüche jeweils differente Handlungen, soziale oder
kulturelle Folgen bewirken oder Vergleiche mit späteren, besser dokumentierten
Gesellschaften in besonderer Weise (de-)legitimieren, wäre diese Frage für uns
von Belang. Bis dahin gilt, dass Zeitgenossen von einem Massensterben unge-
heuren Ausmaßes eingeholt wurden, dessen medizinischen Hintergrund zu be-
stimmen sie noch unfähig waren. «Die Pest», so ein jüngeres Fazit, «war das, was
ihre Opfer in ihr sahen – nicht mehr, nicht weniger».6
‹Massensterben› war in der Tat die beherrschende Kategorie, in der das Ge-
schehen wahrgenommen wurde, und die von Überlebenden präsentierten Opfer-
zahlen illustrieren diesen Eindruck. Während jener vier Monate, in denen Kons-
tantinopel sich Prokop zufolge im Würgegriff der Seuche befand, sollen zunächst
täglich 5000, schließlich sogar 10 000 oder mehr Menschen elend verendet sein.
Johannes von Ephesos berichtet ebenfalls von rasant steigenden Opferzahlen: zu-
nächst 16 000 pro Tag, beim Stand von 230 000 Toten hätten die kaiserlichen Be-
amten resiginiert das Zählen aufgegeben. Schätzungen dieser Dimension sind
selbstverständlich weit übertrieben; würde man aus ihnen die Gesamtbevölke-
rung Konstantinopels kalkulieren, käme man auf fantastische, nachgerade ab-
surde Werte. Doch reflektieren sie die Qualität, die dem Unheil beigemessen
958 wurde. Und tatsächlich müssen die Zustände, so viel geht aus den überlieferten

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Zeugnissen hervor, zeitweise chaotisch gewesen sein. So konstituiert das immer


wieder angesprochene Bestattungsproblem zwar einen verbreiteten Topos der
Pestliteratur, besitzt aber sicherlich realhistorische Bezugspunkte. Wenn der
Chronist Theophanes für die zweite Pestwelle in Konstantinopel (558) festhält, die
Lebenden hätten nicht mehr ausgereicht, um die Toten zu beerdigen, so wird
diese Aussage jedenfalls durch die Tatsache gestützt, dass Justinian sich bereits im
Jahr 541 /42 gezwungen sah, einen eigenen Amtsträger – einen gewissen Theodo-
ros – einzusetzen, um die Entsorgung der Leichen zu koordinieren. Glaubwürdig
ist auch die Behauptung des Johannes von Ephesos, die Menschen hätten wäh-
rend der Pestepidemie, so sie ihre Häuser verließen, Armbänder mit Namens-
schildern angelegt, um im Fall eines plötzlichen Pesttodes nicht in einem anony-
men Massengrab versenkt zu werden oder einfach auf den Straßen zu verwesen.
Niemand konnte damals vorausahnen, ob und wann es ihn hinraffen würde.
Unsicherheit allerorten.7
Dass wir uns überhaupt ein Bild von der Situation während der Pestjahre
machen können, verdanken wir wenigen Historiographen, die teils aus eigenem
Erleben heraus, teils auch auf älteres Material rekurrierend, Darstellungen der
Geschehnisse hinterlassen haben. Der prominenteste unter ihnen ist einmal mehr
Prokop von Kaisareia, der in seine Kriegsgeschichte einen ausführlichen Exkurs
eingeschoben hat, welcher vor allem die Lage in der Hauptstadt beleuchtet und
aufzeigen soll, dass trotz all der Wirrnisse im Gefolge der Epidemie die politische
und soziale Ordnung des christlichen Römerreiches nicht zusammengebrochen
ist – ganz anders als im klassischen Athen, wo Thukydides den Seuchenzug zum
Anlass nahm, einen Zustand vollkommener Ordnungslosigkeit (anomía) zu ent-
werfen; Letzteres gelang ihm in einer Eindringlichkeit, die bis heute ihresgleichen
sucht und bereits in der Antike zahlreiche Nachahmer aufgerufen hat. Auch Pro-
kop, der ebenso wie Thukydides die Pestepidemie selbst erlebt hat, gehört zu
jenen, die sich intensiv mit dem klassischen Vorbild auseinandergesetzt, partiell
auch gegen dieses angeschrieben haben und sich letztlich doch nicht von dessen
übermächtiger Wirkung zu emanizipieren vermochten. Diese Form der litera-
rischen Imitatio und Aemulatio (Wetteifer) prägt einen großen Teil der erhaltenen
antiken (und nachantiken) Pestliteratur – und erschwert ihre historische Inter-
pretation ungemein, da jeder dieser Texte nur vor dem Hintergrund der Tradi-
tion ausgewertet werden kann. Weniger dem klassischen als vielmehr dem bib-
lischen Vorbild und syrischer historischer Literatur verpflichtet ist der klagende
Bericht des Johannes von Ephesos, eines ursprünglich aus Amida (Diyarbakır)
stammenden miaphysitischen Mönches, der sich nach langen Reisen an der Seite
verfolgter Glaubensbrüder zu Beginn der 540er Jahre in Konstantinopel nieder-
ließ und 558 zum Bischof von Ephesos geweiht wurde. Johannes durchreiste 959

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541 /42 das von der Pest gelähmte Oströmische Reich und konnte dabei Material
für seinen emotional aufgeladenen Bericht zusammentragen. Die auf alttesta-
mentlicher Straftheologie beruhende Jeremiade, wohl zunächst als eigenständiges
Werk konzipiert, ging später in Johannes’ syrischsprachige Kirchengeschichte ein,
wo sie einen ausgedehnten Erzählzusammenhang in deren fragmentarisch erhal-
tenem zweiten Teil über die Jahre 450 bis 571 konstituiert. Nahezu zeitgleich mit
Johannes wirkte in Antiocheia der fromme Rechtsgelehrte Euagrios († um 600),
durch dessen Lebensweg die Pest grausame Furchen gezogen hatte: Als Kind
selbst erkrankt, hatte Euagrios zunächst überlebt, verlor aber als Erwachsener
mehrere Kinder, eine Frau, weitere Verwandte, einige Sklaven und später noch
einmal eine Tochter und einen Enkel. Niemand wusste also besser als dieser
greise Sekretär des antiochenischen Patriarchen, worum es tatsächlich ging, als er
das Pest-Kapitel seiner Kirchengeschichte niederschrieb.8
Mit Händen ist in all diesen und weiteren Berichten das Elend zu greifen, das
die Pest über die Bevölkerung der betroffenen Gebiete gebracht haben muss – in
einem solchen Maße, dass moderne Historiker misstrauisch wurden und nach
Überformungen, Wandermotiven, Verzerrungen und Topoi zu suchen begannen;
ermutigt wurden sie dabei durch scheinbar eindeutige Nebenbefunde: Denn we-
der archäologisch noch im Bereich der Inschriften, Papyri und Münzwirtschaft
hat die Epidemie greifbare Spuren hinterlassen; nur zweimal wird sie epigra-
phisch erwähnt – ansonsten Schweigen. Jüngere Studien haben jedoch auf die
Komplexität auch eines derartigen Befundes hingewiesen. Keineswegs lässt sich
die epigraphische, papyrologische und archäologische (Nicht-)Evidenz nämlich
eindeutig als Argument für eine Relativierung des Sachverhalts verstehen; sie re-
flektiert vielmehr eine Vielzahl von Faktoren, die vorschnelle Gesamturteile ver-
bietet. So ist die Pest etwa in der Gesetzgebung durchaus präsent. Vor allem aber
lässt sich – von den Gesetzen ausgehend – aufweisen, dass durch die Epidemie
das gesamte Reich in eine ökonomische Schieflage geriet. Diese manifestiert sich
vornehmlich in gewichtsreduzierten Goldmünzen, deren Emission Prokop zwar
dem betrügerischen Gebaren des Petros Barsymes, comes sacrarum largitionum
(‹Finanzminister›) in den Jahren 542 /43 und 547–550, zur Last legt, die aber doch
wohl eher gravierenden Zwängen in Form drastisch gesunkener Einnahmen
Rechnung trug, welche sich auch im Bereich der Kupferprägungen, die ebenfalls
ihre Stabilität verloren, niederschlugen. Die akute finanzielle Notlage resultierte
offenbar aus dramatischen Verlusten in der Landbevölkerung, deren Folge war,
dass Ackerfluren nicht mehr bebaut werden konnten und ganze Landstriche ver-
ödeten, was wiederum zu bedrohlichen Rückgängen der Steuereinnahmen (bei
gleichzeitiger Aufrechterhaltung der Steuerkalkulationen und -forderungen)
960 geführt haben muss. Und tatsächlich beobachtete Johannes von Ephesos genau

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dieses Phänomen auf seinen Reisen durch das pestverheerte Reich: brachliegende
Gefilde, verödete Dörfer, verendetes Vieh. Paulus Diaconus sollte später dieselben
Verhältnisse für das ländliche Italien (Ligurien) im 6. Jahrhundert beschreiben,
und auch Prokop merkt pathetisch an, dass keine Insel, keine Höhle, kein Berg-
gipfel verschont geblieben sei. Theophanes zufolge wurde durch die Pestwelle des
Jahres 747 gerade auch die ländliche Umgebung Konstantinopels schwer in Mit-
leidenschaft gezogen, und ähnliche Beobachtungen wurden für die Pyrenäen-
halbinsel gemacht. Die ‹Justinianische Pest› war also mitnichten ein rein urbanes
Phänomen, sondern sie traf vor allem auch die ländlichen Regionen, in denen
lebenswichtige Güter angebaut und erwirtschaftet wurden – das ökonomische
Rückgrat des Imperiums. Kein Wunder daher, dass auch in den Städten das
öffentliche Leben phasenweise zum Erliegen kam. Folgerichtig versuchte Jus-
tinian den desaströsen Entwicklungen entgegenzusteuern, bemühte sich 544 um
Begrenzung der Preissteigerungen und traf im Jahr 545 Maßnahmen zur Neu-
regelung der epibolé, der Zuweisung von – mutmaßlich aufgrund von Pestverlus-
ten – verlassenem Land an bestimmte Personen, die dadurch auch die auf den
Grundstücken liegende Steuerlast zu tragen hatten; Prokop, Sprachrohr der Inte-
ressen grundbesitzender Milieus, hat sich darüber ebenfalls bitter beklagt. Frei-
lich vermochte auch kaiserliche Gesetzgebung die durch das Sterben auf dem
Land eingeleiteten dramatischen Ausfälle nicht mehr aufzufangen. Und so ver-
wundert es nicht, dass für die Phase nach dem Ausbruch der Pest vielerorts von
Nahrungsmittelmangel und Hungerkrisen berichtet wird.9
Es waren dies ebenjene Jahre, in denen die gotische Reconquista unter Totila
und die sāsānidischen Kriegszüge dem Reich wachsende Investitionen wertvoller
Ressourcen in die Kriegführung abverlangten und Justinians hoffnungsvolle An-
griffskriege sich in kostspielige Defensiv- und Abnutzungsschlachten verwandel-
ten; ausgerechnet in dieser Phase brachen die ökonomischen Grundlagen sukzes-
sive fort. Die wachsende Finanznot der oströmischen Regierung manifestiert sich
in den ausbleibenden Verstärkungen für die Durchführung militärischer Opera-
tionen (worunter vor allem Belisar in Italien litt), aber auch in mangelnden Sold-
zahlungen, die vielfach angemahnt und beklagt wurden. Vermutlich reduzierte
sich auch die Rekrutierungsbasis des Heeres insgesamt, jedenfalls musste Justi-
nian bereits im April 542 gesetzlich verbieten, dass Soldaten die Streitkräfte ver-
ließen und sich in private Beschäftigungsverhältnisse begaben. Generell müssen
die demographischen Folgen der Pest verheerend gewesen sein, wenngleich sich
aus den Zahlenangaben der antiken Gewährsleute keine konsistenten Rechen-
modelle ableiten lassen. Auf eine Phase, in der die Forschung fantastische Zahlen
mit Mortalitätsraten von insgesamt bis zu 60 Prozent kalkulierte – nahezu analog
zu Prokops Aussage, wonach die Hälfte der Menschheit Opfer der Seuche gewor- 961

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den sei –, folgte bald eine relativierende Gegenbewegung. Vorsichtige aktuelle


Schätzungen gehen davon aus, dass die Bevölkerung des Mittelmeerraumes durch
die Epidemie um etwa ein Viertel reduziert worden sein und sich bis zum 8. Jahr-
hundert halbiert haben könnte. Konstantinopel jedenfalls, das immerhin noch im
Jahr 539 den Zuzug vom Land durch einen eigens eingesetzten Amtsträger
(quaesitor) regulieren musste, erreichte bis zum Ende der byzantinischen Zeit
nicht mehr die Bevölkerungszahl der Jahre unmittelbar vor der Pest. Nicht auszu-
schließen, ja sogar sehr wahrscheinlich ist, dass die Reduktion der oströmischen
Bevölkerung durch die Seuchenzüge und andere Katastrophen des 6. Jahrhun-
derts mit zu den raschen Expansionserfolgen der Araber, die von den Infektionen
wohl in weitaus geringerem Maße betroffen waren, beitrugen. Mancherorts waren
schlichtweg nicht mehr genügend Menschen vorhanden, um noch wirksame
Verteidigungsaufgaben zu erfüllen. Die Bedeutung der Pest als gravierender
Zäsurmarker zwischen Spätantike und frühem Mittelalter sollte daher keinesfalls
unterschätzt werden.10
Wie aber mussten Zeitgenossen «das große Sterben» (τὸ μέγα θανατικόν) ein-
ordnen, das zudem Teil eines noch weitaus umfassenderen Katastrophengesche-
hens war? In unseren Zeugnissen, namentlich dem Bericht des Johannes von
Ephesos, nimmt die straftheologische Deutung eine wichtige Rolle ein. Justinian
bezeichnet die Pest in seinem Preisgesetz als «Erziehungsmaßnahme gemäß der
Menschenfreundlichkeit Gottes des Herrn» und präzisiert andernorts, dass «gott-
lose Verhaltensweisen» (ἀσεβεῖς πράξεις) wie etwa Homosexualität oder Gottes-
lästerung Hunger, Erdbeben und Pest (καὶ λιμοὶ καὶ σεισμοὶ καὶ λοιμοί) ausgelöst
hätten – ein wohlfeiler Vorwand zur Umsetzung rigider Regelungen; der Chro-
nist Johannes Malalas spricht mit Blick auf die Seuche gar vom «Erbarmen Got-
tes»; selbst Prokop, bekannt für seine Nüchternheit in religiösen Fragen, legt sich
darauf fest, dass das Unheil einzig von Gott gesandt worden sein könne. Doch
angesichts der gewaltigen Dimensionen des allgegenwärtigen Leides scheinen die
traditionellen Deutungsmechanismen nicht mehr überall gegriffen zu haben.
Ausgerechnet der fromme Euagrios jedenfalls begann an der Gerechtigkeit Got-
tes zu zweifeln, als er sein eigenes Schicksal mit dem Wohlleben eines heidnischer
Praktiken verdächtigen Nachbarn verglich – erst die Intervention des Asketen
Symeon Stylites vermochte die Zweifel des mit seinem Glauben hadernden His-
toriographen wieder einzuhegen. Von vereinzelten Repaganisierungsakten (die
Gott natürlich grausam bestraft habe) berichtet indes auch Johannes von Ephe-
sos, und er bezeugt offenbar keine Einzelfälle. In Antiocheia sollen sich, so die
Symeon-Vita, einige Personen zusammengerottet haben, um das Christentum zu
attackieren: Nicht Gott, sondern bestimmte Sternenkonstellationen seien die Ur-
962 sache für Erdbeben, Unzucht, Mord und eben auch die Pest. Quälend suchte man

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Das 6. Jahrhundert: Vom Oströmischen zum Byzantinischen Reich 11.1

nach Erklärungen für das unkalkulierbare Vordringen einer tödlichen Krankheit,


die den einen packte und den anderen auf geheimnisvolle Weise verschonte: Von
Gespenstern, die ihre Opfer durch Schläge ansteckten, war die Rede, andere
wollten Geisterschiffe, bemannt mit kopflosen Gruselgestalten, gesichtet haben.
Prokop bemüht sich um eine Nachrationalisierung, wenn er die Pest als planvoll
handelndes Wesen imaginiert, das durch die Lande ziehe und nach eigenem Gut-
dünken von jeder Region den ihm zustehenden Tribut einfordere. Der Historio-
graph Agathias dagegen hält die Suche nach Gründen für die letztlich doch
unerklärliche Katastrophe für müßig, und Euagrios kann abschließend nur das
resignative Fazit ziehen, dass der weitere Verlauf der Dinge eben ungewiss bleibe,
denn einzig Gott kenne die Ursachen und alles Weitere.11
Die in derartigen Aussagen zutage tretende allgemeine Verunsicherung konnte
indes mitunter Steigerungsdynamiken entwickeln, die sich in veritablen Massen-
hysterien entluden. Auf die Ankündigung eines Überlebenden hin, die Pest werde
Konstantinopel verlassen, so man nur hinreichend Tongefäße aus den Fenstern
werfe, sollen die verängstigten Stadtbewohner drei Tage lang ohne Unterbrechung
Schalen und Becher auf die Straßen geschleudert haben. Wenig später ging das
Gerücht um, hinter Mönchen und Klerikern verberge sich der leibhaftige Tod, so
dass die Menschen in der Hauptstadt nun jedes Mal, wenn sie einer dieser Perso-
nen begegneten, laut aufheulten, die Gottesmutter, Märtyrer und die Apostel als
Beschützer anriefen und die Flucht ergriffen. Dieses Verhalten habe, so Johannes
von Ephesos, ganze zwei Jahre angedauert. Noch schlimmer traf es im Jahr 560 / 61
die von auswärtigen Angriffen, Pest und anderen Katastrophen geplagte, zudem
von innerchristlichen Spannungen zerrissene Stadt Amida: Auf die falsche Nach-
richt eines drohenden persischen Angriffs hin seien sämtliche Bewohner dem
‹Wahnsinn› verfallen. Menschen hätten sich in Tierlauten geäußert, Männer und
Frauen seien wahllos übereinander hergefallen; Horden von ‹Befallenen› seien
nachts durch die Region gezogen, hätten Friedhöfe bevölkert, gesungen und all
jenes getan, was Normen und Gesetze untersagten. Menschen bissen einander,
imitierten militärische Signalinstrumente, redeten wie in Trance, erlitten hyste-
rische Lachanfälle, ergingen sich, gerne auch in Kirchenräumen, in obszönen
Äußerungen und Flüchen; man sprang herum, bestieg Wände und Dächer, an-
dere hängten sich kopfüber auf oder wälzten sich nackt auf dem Boden; sein eige-
nes Haus habe niemand mehr erkannt. Nicht zuletzt die Ankunft neuer Herr-
scher und Könige wurde prophezeit. Die wenigen ‹Gesunden› hätten sich darum
bemüht, die ‹Befallenen› in Kirchen zu bringen und zu ‹heilen› – durch Verabrei-
chung ausgewählter trockener Nahrungsmittel und Eindämmung der sexuellen
Exzesse. Asketische Bußmaßnahmen und Pilgerfahrten sollen schließlich dazu
beigetragen haben, dass dem ‹Wahnsinn› Einhalt geboten werden konnte – doch 963

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soll dies erst nach einem Jahr gelungen sein. Die ‹Massenhysterie› von Amida
lässt sich indes mitnichten als Form eines kollektiven ‹Wahnsinns› interpretieren.
Vielmehr ist deutlich das Bestreben der Betroffenen erkennbar, geltende religiöse
Gebote, soziale Normen und Gesetze provokativ auszuhebeln; das gesamte Ge-
schehen lässt sich geradezu als Inversion gesellschaftlich akzeptierten Verhaltens
beschreiben, als Verarbeitung religiösen, sozialen und politischen Konfliktpoten-
tials, gipfelnd in der Schändung von Gotteshäusern sowie der Ankündigung
neuer herrscherlicher Autoritäten, das heißt letztlich in Andeutungen hochver-
räterischer Umtriebe. In der ‹Massenhysterie von Amida›, in mancherlei Hinsicht
mit dem spätmittelalterlichen Phänomen der ‹Tanzwut› vergleichbar, führte die
durch eine geradezu endlos wirkende Katastrophenkette zugespitzte Anspan-
nung also schließlich zu einer radikalen Infragestellung der gegenwärtigen reli-
giösen, politischen und sozialen Ordnung – dies sicherlich auch Folge der Erfah-
rung, dass traditionelle Nothelfer, also staatliche Autoritäten und Instanzen bis
hinauf zum Kaiser sowie insbesondere auch die gemeinhin vor Ort als Integra-
tionsfiguren wirkenden Asketen und Holy Men, vor der Fülle des Unheils kapitu-
lieren mussten und somit versagt hatten. Diese Verlagerung von Deutungs- und
Erklärungsansätzen für gegenwärtiges Geschehen in die Sphäre des politischen
und sozialen Protests verdeutlicht in besonderem Maße, welch heikles Gefahren-
potential die Pest und die um sie herum gelagerten Katastrophen letztlich für das
Oströmische Reich insgesamt bargen.12
Vergegenwärtigen wir uns an dieser Stelle noch einmal den Umstand, dass das
6. Jahrhundert insgesamt von einer beispiellosen Kette schwerster Katastrophen
gezeichnet war und dass die erste Pestepidemie der Jahre 541 /42 lediglich deren
Kulmination markierte – orchestriert von der Plünderung Antiocheias durch die
Perser (540) und dem neu belebten gotischen Widerstand in Italien. Seine beson-
dere Wucht gewann dieser Geschehniszusammenhang dadurch, dass die bereits
angedeuteten Endzeitängste, die große Teile der Bevölkerung in jenen Jahren be-
gleiteten, eine ganz spezifische Erwartungshaltung vorgaben, die – so die allmäh-
lich um sich greifende Erkenntnis – überdies noch enttäuscht wurde. Denn jene
Katastrophen, die man zunächst noch plausibel als Vorzeichen des unmittelbar
drohenden Weltendes (das man, wie gesehen, auf die Jahre um 500 kalkuliert
hatte) zu interpretieren und damit einzuordnen und hinzunehmen vermochte,
setzten sich auch dann noch fort, als die Erkenntnis Gestalt gewann, dass das
Weltende nicht eintreten würde. Damit aber brach die gesamte christliche Chro-
nologie und Eschatologie aus den Fugen, die allgemeine Unsicherheit erhielt eine
zusätzliche, gewaltige Dynamik. Mentalitätengeschichtlich war dies der Boden,
auf den die Pest im Jahr 541 als finale Erweiterung des Katastrophenclusters fiel.
964 Ihre ohnehin grauenhaften Auswirkungen wurden also durch die unerfüllten

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Naherwartungen noch einmal erheblich potenziert, mögliche Deutungs- und Er-


klärungsmuster dadurch ausgehebelt. Das gesamte religiöse System als Interpre-
tationsfolie gegenwärtigen Geschehens drohte seine Angelpunkte zu verlieren.
Nichts erschien mehr so, wie man es hätte erwarten können. Erst in Kombina-
tion mit dieser mentalen Ausgangslage entfaltete die ‹Justinianische Pest› also
ihre makabre Wucht. Sie war nicht nur einfach eine – zweifellos ungewöhnliche,
besonders brutal zuschlagende – Seuche; in der Situation des Jahres 541 /42 war
sie das Verhängnis schlechthin, denn nach dem Zusammenbruch der auf das
unmittelbare Eschaton ausgerichteten religiösen Orientierungsmarker entzog sie
sich jeglichem Erklärungsversuch. Diese Situation gemeistert zu haben, stellt
eine der monumentalsten Leistungen der spätrömischen Gesellschaft dar. Aber
die Neuorientierung, die an elementaren Knotenpunkten gemeinsamen (Selbst-)
Verständnisses wie der Neukonfiguration einer allgemein verbindlichen Zeit-
rechnung anzusetzen hatte, konnte nicht erfolgen, ohne bleibende Spuren zu
hinterlassen. Diese spiegeln sich in einer tiefgreifenden kulturellen, insbeson-
dere religiösen Neuformierung der römischen Gesellschaft, von der nach dem
weitgehenden Abschluss dieses Prozesses im späten 6. bzw. frühen 7. Jahrhun-
dert als byzantinische Gesellschaft gesprochen werden kann. Wichtigste Kenn-
zeichen des rasanten kulturellen Wandels sind die Zunahme der Marienvereh-
rung, die Entfaltung des Bilderkultes, die nochmals gesteigerte Sakralisierung des
Kaisers sowie – all diese Phänomene überwölbend, bedingend und integrierend –
der bereits mehrfach erwähnte Prozess der Liturgisierung. Wirkmächtigste Kon-
sequenz dieser tiefgehenden religiösen Durchdringung aller Lebensbereiche
wiederum war, wie noch zu zeigen sein wird, die Entstehung des Islam und die
Expansion arabischer Kriegergruppen seit den 630er Jahren.13
Die Grundlinien dieser für die Stabilisierung des Oströmischen Imperiums
und seine Transformation in jenes Gebilde, das wir Byzantinisches Reich nennen,
fundamentalen Entwicklungen haben wir bereits zu Beginn dieses Buches knapp
nachgezeichnet: Erinnern wir uns zunächst an die Entwicklung Marias zur wich-
tigsten Beschützerin Konstantinopels – ein Prozess, der sich seit den Kontrover-
sen um Nestorios sowie dem Konzil von Ephesos (431) nachverfolgen lässt, der
aber seinen entscheidenden Beschleunigungsimpuls im Kontext der ‹Justinia-
nischen Pest› erfuhr. Exemplarisch mag die von Justinian im Pestjahr 542 einge-
leitete Verlegung der Hypapante (eines Feiertages, der heute als Mariä Lichtmess
oder Darstellung des Herrn bekannt ist) vom 14. auf den 2. Februar diesen Sach-
verhalt illustrieren. Die Festverlegung ging, vereinfacht gesagt, mit der Umwand-
lung eines ursprünglichen Christusfestes in ein Marienfest einher und erfolgte,
wie aus einer späteren, darauf bezugnehmenden Marienlegende hervorgeht, aus-
drücklich als Maßnahme zur Beschwichtigung der Pest, indem ein kollektiver 965

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Bußgang zelebriert wurde. Wie wir gesehen hatten, galt dieses Vorgehen später
immerhin als so erfolgreich, dass der designierte Papst Gregor I. es angesichts der
schweren Pestepidemie in Rom 590 kopierte. Bezeichnenderweise führte ja auch
der ‹Schwarze Tod› im Spätmittelalter zu einer Intensivierung und Ausdifferen-
zierung der Marienverehrung. Die tiefe Verehrung der Gottesmutter (theotókos)
durch die Bevölkerung der Hauptstadt und des Reiches, die auch in anderen
Zeugnissen hervortritt (z. B. in der Errichtung von Theotokos-Kirchen, wie die
543 geweihte Nea in Jerusalem), unterscheidet das mittelalterlich-byzantinische
Konstantinopel jedenfalls markant von seinem spätantiken Vorgänger.14
Nicht viel anders steht es mit der Bilderverehrung, einem weiteren Bereich, der
auf signifikante Veränderungen in der religiösen Praxis als Brennspiegel tiefgrei-
fender kultureller und gesellschaftlicher Transformationsprozesse verweist. Noch
heute gehört die Ikone, das religiöse Kultbild, zu den zentralen Elementen ortho-
doxer Frömmigkeit; ihr wird wunderwirkende Kraft zugeschrieben, gilt sie doch
als Abbild eines Urbildes der jeweils dargestellten Person, ausgestattet mit all je-
nen außergewöhnlichen Fähigkeiten, die auch die im Bild verehrte Person selbst
besitzen soll. Die Anfänge dieser Bilderverehrung verweisen einmal mehr in die
katastrophischen Kontexte des 6. Jahrhunderts. Damals wich die anfängliche Ab-
lehnung jeglicher Form der Bilderverehrung durch die Christen – man argwöhnte
darin das Fortleben paganer Praktiken – einer grundsätzlich revidierten Haltung.
Allenthalben erscheinen seit der Jahrhundertmitte verehrte Ikonen, sowohl im
privaten wie auch im öffentlichen Bereich. So soll im Jahr 544 ein Christusbild –
das Mandylion – Edessa vor den Persern gerettet haben; eine weitere Ikone
tauchte im kleinasiatischen Ort Kamulianai auf, sich bald auf wundersame Weise
vervielfältigend. Große Berühmtheit genoss zudem das Marienbild von Sozo-
polis – und man könnte noch weitere Beispiele nennen. Ganze Gemeinden fühl-
ten sich nun durch wundertätige Bilder vor auswärtigen Angriffen beschützt, so
vor allem Edessa. Insbesondere feindliche Überfälle und Attacken scheinen dem
Bilderkult entscheidende Impulse gegeben zu haben, aber auch die Pest dürfte
nicht ohne Relevanz gewesen sein. Der Heilige Theodoros von Sykeon etwa soll
während der Epidemie der Jahre 541 bis 544 durch eine Ikone von der Krankheit
geheilt worden sein.15
Wie angedeutet, müssen wir Entwicklungen wie die Zunahme der Marienver-
ehrung oder die Entfaltung des Bilderkultes als Teilmanifestationen eines über-
greifenden gesellschaftlichen Transformationsprozesses interpretieren, den wir
unter den Begriff der ‹Liturgisierung› fassen. Das Phänomen selbst ist analytisch
nur schwer greifbar; sichtbar wird es in dem Umstand, dass Religion seit den
540er Jahren offenkundig eine wesentlich wichtigere Rolle spielte als zuvor, und
966 zwar in allen gesellschaftlich relevanten Belangen. Freilich lässt sich der Grad

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der religiösen Durchdringung einer Gesellschaft, des Ausgreifens der sakralen


Sphäre, methodisch sauber kaum quantifizieren; es besteht jedoch die Möglich-
keit, auf Umwegen näheren Aufschluss zu gewinnen, so etwa über den Vergleich
literarischer Produkte derselben Gattung jeweils aus der früh- und aus der spät-
justinianischen Phase. Signifikante Unterschiede treten dann rasch hervor. Wäh-
rend die früheren Texte (bis ca. 540) noch deutliche Orientierungen am klassisch-
antiken Erbe aufweisen und vom Bemühen getragen sind, christlich-religiöse
Inhalte mit diesem in Einklang zu bringen (so etwa in Agapets Ekthesis), geraten
in den späteren Werken diejenigen Elemente, die noch in antiker Tradition ver-
ankert sind, zunehmend zugunsten christlicher Symbolik in den Hintergrund
(z. B. in der Ekphrasis der Hagia Sophia des Paulos Silentiarios). Ähnliche Ten-
denzen zeigen sich auch jenseits der Literatur, in besonderer Eindrücklichkeit
etwa bei einer Gegenüberstellung des Triumphzeremoniells nach dem oströmi-
schen Sieg über die Vandalen (534) und des Einzugs in die Hauptstadt (adventus),
den Justinian ein Vierteljahrhundert später (559) zelebrierte. Im Jahr 534 besaß
die Anlehnung an klassische Traditionen einen geradezu programmatischen
Charakter. Prokop, ein Augenzeuge der Feierlichkeiten, hebt sogar eigens hervor,
dass man versucht habe, mit der Zeremonie an die Triumphzüge aus den Zeiten
der Republik anzuknüpfen (was freilich aufgrund der übertriebenen Fokussie-
rung auf den Kaiser nicht ganz gelungen sei). Dementsprechend wurde der fest-
liche Zug Belisars durch Konstantinopel, von seinem Haus bis zum Hippodrom
führend, eingebettet in einen weiteren Kontext von Maßnahmen, mit denen der
Kaiser in ganz herkömmlicher Manier seine eigene Sieghaftigkeit zelebrierte: Der
Gelehrte Johannes Lydos etwa erhielt den Auftrag, ein panegyrisches Geschichts-
werk über den zurückliegenden römisch-persischen Krieg zu verfassen, im Hip-
podrom wurde eine Reiterstatue Justinians errichtet. Ganz anders hingegen der
adventus des Jahres 559: Wir treffen hier auf eine zutiefst religiös geprägte Zere-
monie. Der «gottesfürchtige Kaiser» (εὐσεβὴς βασιλεύς), der bei Selymbria (Sili-
vri) die Instandsetzungsarbeiten an den ‹Langen Mauern› persönlich beaufsich-
tigt hatte, passierte im Morgengrauen des 11. August 559 zu Pferd das Charisios-Tor
im nördlichen Teil der Stadtmauer, wo er von Senatoren und dem Stadtpräfekten
feierlich empfangen wurde. Von dort aus schritt die Prozession zur Apostelkirche,
der kaiserlichen Grablege; Justinian hielt inne, betete und entzündete Kerzen am
Sarkophag seiner Frau Theodora († 548). Erst danach bewegte sich der Zug,
nunmehr eine stetig anwachsende Menschenmenge, zu der sich weitere Würden-
träger, Paradetruppen (mit Lichtern und in weißen Mänteln) und natürlich die
Stadtbevölkerung einfanden, zum Kapitol und von dort über die Mése (die
Hauptstraße) zum Kaiserpalast. Als Justinian den prachtvollen Torbau der Palast-
anlagen (die Chalke) durchritt, hallte ihm der rituelle Triumphgesang entgegen 967

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(ἔκραξεν τὸ θριαμβευτάλιον). Die Geschehnisse lassen sich – gerade im Vergleich


mit der traditionell ausgerichteten Zeremonie des Jahres 534 – sinnbildlich für die
tief religiös geprägte Atmosphäre der spätjustinianischen Zeit verstehen: Der Ein-
zug in die Stadt, dessen Höhepunkt das stille Gebet des Kaisers in der Apostel-
kirche darstellt, verweist auf die mitunter demonstrativ zur Schau getragene
Frömmigkeit von Herrscher, Eliten und Volk und markiert einen Kulminations-
punkt innerhalb jenes religiösen Verdichtungsprozesses, der kennzeichnend ist
für die Liturgisierung.16
Bestätigt wird dieses Bild durch die kaiserliche Gesetzgebung: Die Konstitutio-
nen der 530er Jahre wirken mitunter gar wie Kompositprodukte aus Anspielun-
gen und Bezugnahmen auf die ruhmreiche Vergangenheit der Römer, doch seit
den 540er Jahren lösen sich diese Traditionselemente allmählich auf. Sogar in der
Kunst lassen sich entsprechende Tendenzen beobachten. Kunsthistoriker haben
darauf hingewiesen, dass die Herrschaftszeit Justinians auch aus der Perspektive
ihrer Disziplin in zwei deutlich voneinander abgrenzbare Phasen zerfällt: Wäh-
rend zunächst noch das Ringen um eine Synthese klassizistischer und christlicher
Ideale erkennbar ist, treten gegen Ende der justinianischen Zeit zunehmend
starre, religiös überformte christliche Ausdrucksformen hervor. Und tatsächlich
dürfte schon ein kurzer vergleichender Blick etwa auf das sogenannte Barberini-
Diptychon als Beispiel für die Kunst des frühen 6. Jahrhunderts – die Darstellung
des sieghaften Kaisers unter Verwendung traditioneller ikonographischer Ele-
mente – und auf die tief religiösen, verklärten Ikonen, die im Katharinenkloster
(Sinai) seit dem späteren 6. Jahrhundert produziert wurden, genügen, um die sig-
nifikanten, geradezu extremen Differenzen aufzuzeigen.17
Ihren deutlichsten Ausdruck findet die so skizzierte Entwicklung indes in
einem Akt, der mehr als nur symbolische Bedeutung besaß: Nach dem Jahr 541
wurde das Konsulat, das zentrale Amt des altrömischen Gemeinwesens, nicht
mehr besetzt – eine markante Zäsur, die von traditionalistisch gesinnten Kreisen
sicherlich auch als solche wahrgenommen wurde. Ganz offensichtlich hatten die
Pest und die mit ihr einhergehenden Neuorientierungen das Interesse am ehr-
würdigen Konsulat in den Hintergrund gedrängt.18
Aus heutiger Perspektive betrachtet, mutet die Liturgisierung wie die Einkrus-
tung, ja Erstarrung einer ganzen Gesellschaft an. Für die Fortexistenz Ostroms
bzw. des Byzantinischen Reiches war sie aber von elementarer Bedeutung, denn
sie stabilisierte eine ins Taumeln geratene Gesellschaft und rüstete sie – was da-
mals noch nicht absehbar war – zugleich für den Überlebenskampf gegen Perser
und Araber im 7. Jahrhundert (deren Ausgreifen sie freilich selbst mitverursacht
hatte). Man muss sich dabei noch einmal die Orientierungslosigkeit, das Ge-
968 worfensein der oströmischen Bevölkerung um die Mitte des 6. Jahrhunderts vor

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Abb. 35 Sogenanntes Barberini-Diptychon mit dem siegreichen Kaiser (Anastasios I. oder


Justinian I.)

Augen führen: Die Unberechenbarkeit der Pest, die ohne jede erkennbare Logik
das eine Dorf vollkommen auslöschte, das Nachbardorf aber unbehelligt ließ,
muss die Zeitgenossen zur Verzweiflung getrieben haben. Johannes von Ephesos
fragte sich jeden Morgen, ob er den Abend noch erleben werde. Auch die unter-
schiedlichen Geschwindigkeiten, mit denen die Krankheit ihre Opfer auslöschte – 969

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970 Abb. 36 Ikone aus dem Sinai-Kloster, 6. / 7. Jahrhundert

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man wusste ja nichts über die verschiedenen Formen der Pest (Beulenpest, Lun-
genpest und Pestsepsis) mit ihren differierenden Letalitätsraten –, führte zu
tiefster Beklemmung. Hinzukamen die weiterhin anhaltenden Erdbeben, Flut-
katastrophen, Kometenerscheinungen, Hungerkrisen, Kriegsgreuel und unge-
klärten eschatologischen Fragen. Allenthalben zeigen sich in den Quellen daher
verzweifelte Rationalisierungs- und Plausibilisierungsstrategien. Sie verbergen
sich hinter den bereits angesprochenen Repaganisierungsakten ebenso wie hinter
Vorstellungen von Gespenstern und Versuchen, im Vordringen der Krankheit be-
rechenbare Gesetzmäßigkeiten zu entdecken.19
Wie tief die Verunsicherung während jener Dekaden offenbar gedrungen
war, erschließt sich nicht zuletzt aus signifikanten Entwicklungen, welche die
Geschichtsschreibung als traditionelles Medium der Gegenwarts- und Vergan-
genheitsdeutung seit justinianischer Zeit durchlief: Die klassische griechische
Profanhistoriographie, wie sie uns in den Werken Prokops noch einmal ebenso
plastisch wie formvollendet entgegentritt, begann zu zerfallen und mit der Kir-
chengeschichtsschreibung zu konvergieren, in die sie in der ersten Hälfte des
7. Jahrhunderts einmündete. Untersucht man die betreffenden Texte näher, so
zeigt sich, dass die Autoren – angefangen mit Agathias – an ihrem aus der bis
auf Herodot und Thukydides zurückreichenden Tradition abgeleiteten An-
spruch, historisches Geschehen durch Kausalketten plausibel zu erklären, ver-
zweifelten. Insbesondere Agathias macht dabei deutlich, dass die Zusammen-
hänge, die sich vor ihm abzeichneten, schlichtweg nicht mehr erklärbar waren.
Alles war eben, wie Euagrios festhielt, dem Walten Gottes überantwortet. Wer
aber dieser Logik folgte, benötigte die klassizistische Profanhistoriographie mit
ihren kühl kalkulierenden Analysen nicht mehr. Sie endet dementsprechend,
ebenfalls als Konsequenz der Katastrophen im 6. Jahrhundert, vorerst im frü-
hen 7. Jahrhundert mit dem Werk des Theophylakt Simokates. Zu diesem Zeit-
punkt jedoch hatte die Liturgisierung längst alle Bereiche des Lebens der Byzan-
tiner, sogar die Kriegführung, zutiefst durchdrungen. Sie hatte, wie bereits
skizziert, aus den frommen Byzantinern ein Volk von Heiligen, aus ihrem Reich
einen sakralen Raum, aus ihrer Kapitale die Stadt der Gottesmutter geformt.
Eine Entwicklung, die, wie gesehen, mit verstärkten Einkapselungsbestrebun-
gen und Identitätsbildungsprozessen in den Jahren um 500 einsetzte, die
wesentliche Impulse im von Rückschlägen und Katastrophen geprägten 6. Jahr-
hundert – von Agathias nicht ohne Grund als eine Art Zeitalter der Angst
gefasst – erhielt und zur Auskristallisierung der byzantinischen Gesellschaft des
frühen 7. Jahrhunderts führte, hatte dem Reich neue Stabilität verliehen, um
auch die zukünftigen Herausforderungen zu bestehen. Sie hatte eine Gesell-
schaft geschaffen, deren Angehörige in weitaus präziserer Weise zwischen innen 971

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und außen, zwischen Zugehörigkeit und Fremdheit, zwischen Römern und


Barbaren differenzierten, als es in der vorausgegangenen Spätantike, zumal im
Westen, geschehen war. Sie verstanden ihr Reich und insbesondere die Haupt-
stadt als Festung im permanenten Belagerungszustand, deren Fall mit dem
Ende der irdischen Welt gekoppelt wurde und deren Gottvertrauen, demonst-
riert im beständigen religiösen Vollzug, innere Kohäsion sowie Überlegenheit
gegen äußere Feinde versprach.20
An der Spitze dieses Reiches stand ein Herrscher, dessen Imago seit dem 6. Jahr-
hundert ihrerseits zum Gegenstand eines religiösen Verdichtungsprozesses im
Gefolge der Liturgisierung geraten war. Hatte der römische Kaiser seit jeher durch
die ihm eigene sakrale Aura Distanz zu seinen Untertanen gehalten, so musste
sich seine Sakralität in dem Maße noch einmal steigern, in dem nunmehr auch die
Bevölkerung an Heiligkeit gewann. Wir hatten bereits gesehen, dass die Bedro-
hungssituationen des ausgehenden 5. Jahrhunderts namentlich unter Anastasios
nicht zuletzt durch eine nochmalige Sakralisierung der Herrschergestalt aufgefan-
gen worden waren. Anastasios’ Nachfolger Justin I. und Justinian beschritten die-
sen Weg konsequent weiter und schufen dabei Vorbilder für die sakrale Rahmung
und Begründung von Herrschaft, an die später von Westgoten, Franken und auch
den islamischen Kalifen angeknüpft werden konnte. Die ungeheuren Katastro-
phen des 6. Jahrhunderts gingen indes auch am Kaiser nicht spurlos vorüber. Zu-
nehmender Kritik ausgesetzt, forcierte Justinian den Sakralisierungsprozess ein
weiteres Mal und suchte sich mit dem Panzer der Heiligkeit gegen Anwürfe von
außen zu immunisieren. Dabei inszenierte er sich nicht nur als wunderwirkender
Asket und Holy Man, sondern spitzte überdies auch die seit jeher vom christlichen
Kaiser eingeforderte imitatio Christi zu einer direkten Parallelisierung des irdi-
schen mit dem himmlischen Herrscher zu. Ein Konsuldiptychon aus dem Jahr 540
zeigt das Kaiserpaar erstmals auf derselben Ebene wie den Gottessohn, und dieser
erscheint in der Literatur bald (562 / 63) als «Mithelfer» bzw. «Kollege» (σύνεργος)
Justinians (und nicht etwa umgekehrt!). Auch der Körper des Kaisers erfährt nun
eine zunehmend sakrale Aufladung; Hinweise auf dessen Heiligkeit und Unver-
sehrbarkeit mehren sich, letztlich erscheint er bereits zu Lebzeiten Justinians als
wunderwirkende Reliquie. Derart radikale Ansprüche auf religiöse Fundierung
der eigenen Herrschaft, die ich als ‹Hypersakralisierung› bezeichne, erwiesen sich
indes im Alltag als nicht mehr einholbar und verloren bald vor der Bevölkerung
ihre Plausibilität. Denn jeder wusste, dass auch der Kaiser weiterhin ein sterblicher
Mensch blieb. Er konnte tödlich vom Pferd stürzen wie Theodosios II. (450), man
konnte ihn mit einfachen Steinwürfen in das Kathisma verletzen und über jedem
Herrscher schwebte das Damoklesschwert eines möglichen Attentats. Als Justi-
972 nian im Jahr 542 ernsthaft an der Pest erkrankte, wurde er jäh auf den Boden alles

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Das 6. Jahrhundert: Vom Oströmischen zum Byzantinischen Reich 11.1

Irdischen zurückverwiesen, und Zeitgenossen mussten registrieren, dass auch der


entrückte Kaiser an derselben Seuche laborierte, die gerade Zehntausende seiner
einfachen Untertanen hinwegfegte. Sein Nachfolger Justin II. musste aufgrund
einer psychischen Erkrankung faktisch zurücktreten. Zwischen Anspruch und
Realität tat sich ein weithin klaffender Abgrund auf.21
Folgerichtig regte sich Widerstand; wir können ihn literarisch fassen in ver-
einzelten Äußerungen bei Prokop, dem Verfasser des Dialogs Perí politikês epis-
témês und Euagrios. Vor allem aber lassen sich die bestialischen und innerhalb
der spätrömischen Geschichte erratisch wirkenden Ermordungen der Kaiser
Maurikios (602) und Phokas (610) wohl nur vor dem Hintergrund der Hyper-
sakralisierung angemessen einordnen: als massive Gegenreaktion gegen die
Konzeption eines Sakralkaisertums, das jegliche Plausibilität eingebüßt hatte.
Auch der Gebieter über die römische Welt, so wurde nun wieder deutlich, war
nicht mehr als ein sterblicher Mensch mit verwundbarem, ja gewaltsam zerleg-
barem Körper. Bemerkenswert ist, dass Maurikios, der immerhin als Inbegriff
der Frömmigkeit galt und später sogar in die Hagiographie einging, ebenso
wenig wie Phokas von seiner demonstrativen Frömmigkeit zu profitieren ver-
mochte. Im Moment ihres Sturzes spielte diese Legitimationsform, die in den
vorangegangenen beiden Jahrhunderten die oströmische Kaiserherrschaft ganz
wesentlich getragen hatte, plötzlich keine Rolle; selbst der demonstrative Erweis
tiefster Demut verfing nicht mehr. Als Maurikios im Februar 602 als barfüßiger
Büßer die Hypapante-Prozession anführte, flogen dennoch Steine, das Volk ver-
höhnte den Kaiser. Verschiedene Faktoren kamen dabei zusammen. Zum einen
beobachten wir, dass das hauptstädtische Bedingungsgefüge, in das sich die
oströmische Monarchie seit den Zeiten des Arkadios (395–408) eingefügt hatte,
allmählich erodierte – mit der Usurpation des Phokas im Jahr 602 melden sich
erstmals wieder die Truppen als handlungsmächtige Größe zurück. Zum ande-
ren – und mit dieser Entwicklung eng verflochten – hatten die kaiserliche Fröm-
migkeit und die daraus von den Herrschern abgeleiteten Ansprüche seit der
Mitte des 6. Jahrhunderts offenbar ihre Plausibilität und Überzeugungskraft ver-
loren. So brach zu Beginn des 7. Jahrhunderts das ‹Akzeptanzsystem› als Funda-
ment der Kaiserherrschaft im Osten zusammen. Das war letztlich der Preis, den
die Byzantiner für die tiefgreifenden Restabilisierungsprozesse zu zahlen hatten,
mit denen sie existenzielle Bedrohungsphasen im ausgehenden 5. sowie während
des 6. Jahrhunderts überwunden hatten. Ausgerechnet in einer religiös zutiefst
überformten und integrierten Gesellschaft versagte Religion als entscheidender
Faktor der Herrschaftslegitimation. Die Notwendigkeit einer grundlegenden
Neukonzeption von Herrschaft zeichnete sich ab, und diese nahm bereits unter
Herakleios (610–641) Gestalt an.22 973

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Kapitel XI Ringen um Existenz und Einheit im Osten

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Sueben Gepiden
Po Aquileia

Ravenna LAZIKA
REICH DER Marseille
Schwarzes Meer
WESTGOTEN Sinope
Barcelona Korsika
Toledo
Rom Adria Adrianopel
Trapezunt
Konstantinopel
Thessalonike Nikaia
Córdoba Balearen Sardinien
OSTRÖMISCHES REICH
Pergamon
Caesarea Smyrna Ikonion
Athen Ephesos Euphrat
Sizilien
Karthago Sparta Antiocheia
M A U R E TA N I E N
NUMIDIEN
Kreta
Zypern
Mittelmeer
Jerusalem
Kyrene
T R I P O L I TA N I E N
LIBYEN Alexandreia
Memphis

ÄGYPTEN
Ausdehnung des N
il
Ro
te
Byzantinischen Reiches 527 Diospolis
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Eroberungen Justinians I. 0 200 400 600 km


ee
r

Karte 34 Das Oströmische Reich nach dem Tod Justinians (565)

11.1.2
Die frühen Slawen

Die in den 530er Jahren durch spektakuläre Erfolge gegen Perser, Vandalen und
Goten gefestigten Ansprüche und allmählich gewachsenen Anmutungen neuer
imperialer Größe einerseits (manifest in einer forcierten Missionierungstätigkeit
jenseits der oströmischen Grenzen sowie in verstärkten militärischen Interven-
tionen), sodann die Erfahrung permanenter Katastrophen und Rückschläge, die
sich insbesondere seit etwa 540 nochmals erheblich verdichteten, sowie schließ-
lich die alles überwölbenden eschatologischen Naherwartungen, ihre zuneh-
mende Enttäuschung und daraus resultierende Angst und Orientierungslosigkeit
974 bilden das komplexe Hintergrundgefüge, vor dem wir den Umgang Ostroms mit

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