Ringen Um Existenz Und Einheit Im Osten: Das 6. Jahrhundert: Vom Oströmischen Zum Byzantinischen Reich
Ringen Um Existenz Und Einheit Im Osten: Das 6. Jahrhundert: Vom Oströmischen Zum Byzantinischen Reich
11.1
Das 6. Jahrhundert: Vom Oströmischen zum Byzantinischen Reich
11.1.1
Kaiser und Katastrophe: Das Oströmische Reich im 6. Jahrhundert
Das 6. Jahrhundert: Vom Ringen um Existenz
Oströmischen zum Byzantinischen Kapitel
und Einheit im Osten
11.1
Reich XI
Ein letztes Mal wurden die auseinanderdriftenden Hälften des ehemaligen Impe-
rium Romanum im 6. Jahrhundert zusammengeführt. Aber es war lediglich eine
gemeinsame Leidenserfahrung, die Osten und Westen, zudem zahlreiche weitere
Regionen der nördlichen Hemisphäre, noch einmal kurzfristig vereinte. Wir hat-
ten bereits gesehen, dass im Jahr 536 ein gewaltiger Vulkanausbruch das globale
Gleichgewicht erschüttert haben muss; infolge dieses Ereignisses besetzten
Asche- und Staubpartikel die Atmosphäre – und wie in jüngerer Zeit beim Aus-
bruch des Tambora (Indonesien, 1815), dem 1816 ein ‹Jahr ohne Sommer› folgte,
bei der Eruption des Krakatau (Indonesien, 1833) oder zuletzt des Eyjafjallajökull
(Island, 2010) waren die Folgen verheerend: Düster-nebelige Schleier legten sich
vor das Sonnenlicht und verdunkelten über 18 Monate hin den Himmel. Daraus
resultierten Wetteranomalien, Temperaturstürze, Missernten, Versorgungseng-
pässe und Hungerkrisen. Mindestens drei strenge Winter plagten den Mittel-
meerraum und die Britischen Inseln, das Perserreich wurde von einer Dürre,
China von Hungersnöten heimgesucht; während in Mesopotamien Schnee fiel,
blieben die Sommer in Skandinavien ungewöhnlich kühl; selbst in Nordamerika
wurde das Wachstum von Bäumen beeinträchtigt. Neuere Datenauswertungen
deuten darauf hin, dass die 530er und 540er Jahre die kältesten innerhalb des ge-
samten Holozäns, mindestens aber der letzten 2000 Jahre waren. Die durch-
schnittlichen Sommertemperaturen fielen in Europa nach 536 um bis zu 2,5 Grad, 953
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Kapitel XI Ringen um Existenz und Einheit im Osten
nach weiteren mutmaßlichen Vulkanausbrüchen 539 /40 und 547 noch einmal um
bis zu 2,7 Grad. Diese vulkanisch bedingten Temperaturstürze verstärkten jedoch
lediglich einen vermutlich auf temporär nachlassende Sonnenaktivität zurück-
gehenden Effekt, der ebenfalls um 530 einsetzte und bis etwa 680 nachweisbar ist:
den Übergang zur Kernphase der sogenannten Kleinen Eiszeit der Spätantike (ca.
450–700), deren Auswirkungen in den unterschiedlichen Regionen des Mittel-
meerraums ganz verschiedene Gestalt annehmen konnten – von zunehmenden
Flutkatastrophen (Kleinasien) bis hin zu verstärkter Trockenheit (Nordafrika,
Levante) –, insgesamt aber für eine agrarisch geprägte Gesellschaft verheerend
war. Insbesondere angesichts der plötzlichen Sonnenverfinsterung standen Zeit-
genossen jedenfalls vor einem Rätsel, selbst gebildete Köpfe wie Cassiodor:1
Was hat das zu bedeuten, frage ich, den Ersten unter den Sternen [= die Sonne] zu
erblicken und sein gewohntes Licht nicht zu sehen? Den Mond, die Zierde der
Nacht, in seinem vollen Umfang anzublicken, doch ohne seinen natürlichen Glanz?
Wir alle sehen die Sonne bis jetzt gleichsam bläulich: Wir wundern uns, dass mitten
am Tag die Körper keine Schatten werfen und dass jene Kraft der stärksten Hitze
nur bis zu einer äußerst lauen Mattigkeit gelangt ist, was – so viel steht immerhin
fest – nicht durch den augenblicklichen Schwund einer Sonnenfinsternis, sondern
im Verlauf fast eines gesamten Jahres verursacht worden ist. Welche Angst bewirkt
es daher, etwas länger ertragen zu müssen, was sogar, wenn es sich äußerst rasch
vollzieht, Völker in Schrecken versetzt? Wir hatten also einen Winter ohne Stürme,
einen Frühling ohne mildes Wetter, einen Sommer ohne Hitze.
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syrisch-palästinischen Raum sowie der Kaukasusregion, die unter den Folgen der
römisch-persischen Kriege ächzten, welche der Kaiser zwar zu führen und zu
prolongieren in der Lage war, die er aber nicht zu einem entscheidenden Erfolg
zu bringen vermochte; denn ihm fehlten letztlich die nötigen Mittel, um dem
Sāsānidenreich unter seinem Großkönig Chosroes I. (531–579), der nicht minder
ambitioniert agierte als sein «Bruder» und Rivale in Konstantinopel, den ent-
scheidenden Schlag zu versetzen – mit dem Ergebnis, dass das 6. Jahrhundert,
ganz im Gegensatz zu den voraufgehenden Dekaden, nahezu durchgängig von
blutigen, ermattenden Kriegen im Osten durchtränkt war (525 /26–531; 540–562;
572–590).3
Vor allem aber – und dies machte den anfangs noch zupackenden Kaiser letzt-
lich selbst zum Getriebenen – senkte sich im 6. Jahrhundert eine Serie desas-
tröser Katastrophen über das Oströmische Reich, die von Zeitgenossen als bis-
lang beispiellos wahrgenommen wurden. Erdbeben, Brand- und Flutkatastrophen,
Sonnenfinsternisse, Heuschreckenplagen, Missernten, ungewöhnliche Himmels-
erscheinungen (z. B. Kometen), Seuchen und Kriege suchten die leidgeprüfte Be-
völkerung in einem bis dahin nicht gekannten Ausmaß heim. Antiocheia etwa,
die blühende Metropole des Ostens, wurde durch einen Stadtbrand (525) und
zwei direkt aufeinanderfolgende Erdbeben (526 /28) nahezu völlig zerstört – die
Opferzahlen werden in der (notorisch unzuverlässigen) Überlieferung auf meh-
rere Hunderttausend beziffert, die Überlebenden flohen zunächst verängstigt in
die Berge; mühsam wieder aufgebaut, wurde die Stadt im Jahr 540 Opfer eines
sāsānidischen Plünderungszuges und abermals in Trümmer gelegt, große Teile
der Bevölkerung mussten sich damals der Deportation in das Perserreich fügen.
Nicht nur Antiocheia wurde von seismischen Eruptionen niedergelegt; zahlrei-
che andere Städte und Landschaften des Ostens erlitten im 6. Jahrhundert, vor
allem während der Herrschaft Justinians, ein ähnliches Schicksal (so etwa Neo-
kaisareia 502 / 03 [?], Rhodos 516 [?], Dardanien und Skoupoi 518, Dyrrhachion,
Korinth, Anazarbos ca. 522 /25, 560 / 61, Pompeiopolis 528 [?], Laodikeia 529, Kyzi-
kos 543, Nikomedeia 554) – und nicht zuletzt Konstantinopel, wo wiederholt der
Boden schwankte (z. B. 525, 526, 533, 540 /41, 542, 545 /46, 547 /48, 551, 554, 555) und
im Jahr 557 sogar die Kuppel der Hagia Sophia, stolzes Symbol des frühjustinia-
nischen ‹Könnensbewusstseins›, zusammenstürzte. Verheerend muss auch jener
Erdstoß gewirkt haben, der im Jahr 551 zahlreiche Städte Griechenlands (u. a.
Chaironeia, Koroneia, Patras, Naupaktos) und des östlichen Mittelmeerraums
(u. a. Tyros, Sidon, Berytos, Tripolis, Byblos, Botrys, Kos, Antiocheia) in Trüm-
mer legte. Bereits im Jahr 548 hatte eine ungewöhnliche Nilflut in Ägypten die
Ernte vernichtet, während man gleichzeitig vor der Hauptstadt ein geheimnis-
956 volles Seeungeheuer gesichtet zu haben wähnte. In den Jahren 562 / 63 führte
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dass auch das heutige Süddeutschland nicht verschont blieb, während für Skandi-
navien vor allem archäologische Indizien auf Seuchenzüge seit dem 7. Jahrhun-
dert hinweisen.5
Trotz der gravierenden Schwierigkeiten und methodischen Probleme, die
retrospektive Diagnosen historischer Krankheitseinheiten grundsätzlich belas-
ten – denn sowohl Erreger als auch die menschliche Physis haben im Verlauf der
Jahrhunderte Veränderungen durchlaufen, die Rückschlüsse aus (literarisch über-
formten!) Symptombeschreibungen in den meisten Fällen unhaltbar erscheinen
lassen –, kann im Fall der ‹Justinianischen Pest› mittlerweile als wahrscheinlich
gelten, dass die Epidemie auf das Bakterium Yersinia pestis zurückgeht – wenn-
gleich möglicherweise einen anderen Stamm als jener, der den spätmittelalter-
lichen ‹Schwarzen Tod› oder die jüngste Pandemie (1894) ausgelöst hat. Seit den
1990er Jahren konnte der Erreger jedenfalls in zahlreichen historischen Gräbern
nachgewiesen werden – auch in solchen, die jenseits des Verbreitungshorizontes
liegen, den die Schriftzeugnisse abdecken (z. B. Süddeutschland) –, und die exak-
ten zeitgenössischen Beschreibungen der Pestbeulen lassen sich (im Gegensatz zu
anderen Teilen der erhaltenen Berichte, s. u.) auch nicht als Imitatio klassischer
literarischer Vorbilder entlarven, da solche bis dahin nicht existiert hatten. Für
historische Fragen spielt die exakte biochemische Bestimmung des Erregers aller-
dings ohnehin eine untergeordnete Rolle; lediglich dann, wenn sich zeigen ließe,
dass spezifische Krankheitsausbrüche jeweils differente Handlungen, soziale oder
kulturelle Folgen bewirken oder Vergleiche mit späteren, besser dokumentierten
Gesellschaften in besonderer Weise (de-)legitimieren, wäre diese Frage für uns
von Belang. Bis dahin gilt, dass Zeitgenossen von einem Massensterben unge-
heuren Ausmaßes eingeholt wurden, dessen medizinischen Hintergrund zu be-
stimmen sie noch unfähig waren. «Die Pest», so ein jüngeres Fazit, «war das, was
ihre Opfer in ihr sahen – nicht mehr, nicht weniger».6
‹Massensterben› war in der Tat die beherrschende Kategorie, in der das Ge-
schehen wahrgenommen wurde, und die von Überlebenden präsentierten Opfer-
zahlen illustrieren diesen Eindruck. Während jener vier Monate, in denen Kons-
tantinopel sich Prokop zufolge im Würgegriff der Seuche befand, sollen zunächst
täglich 5000, schließlich sogar 10 000 oder mehr Menschen elend verendet sein.
Johannes von Ephesos berichtet ebenfalls von rasant steigenden Opferzahlen: zu-
nächst 16 000 pro Tag, beim Stand von 230 000 Toten hätten die kaiserlichen Be-
amten resiginiert das Zählen aufgegeben. Schätzungen dieser Dimension sind
selbstverständlich weit übertrieben; würde man aus ihnen die Gesamtbevölke-
rung Konstantinopels kalkulieren, käme man auf fantastische, nachgerade ab-
surde Werte. Doch reflektieren sie die Qualität, die dem Unheil beigemessen
958 wurde. Und tatsächlich müssen die Zustände, so viel geht aus den überlieferten
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541 /42 das von der Pest gelähmte Oströmische Reich und konnte dabei Material
für seinen emotional aufgeladenen Bericht zusammentragen. Die auf alttesta-
mentlicher Straftheologie beruhende Jeremiade, wohl zunächst als eigenständiges
Werk konzipiert, ging später in Johannes’ syrischsprachige Kirchengeschichte ein,
wo sie einen ausgedehnten Erzählzusammenhang in deren fragmentarisch erhal-
tenem zweiten Teil über die Jahre 450 bis 571 konstituiert. Nahezu zeitgleich mit
Johannes wirkte in Antiocheia der fromme Rechtsgelehrte Euagrios († um 600),
durch dessen Lebensweg die Pest grausame Furchen gezogen hatte: Als Kind
selbst erkrankt, hatte Euagrios zunächst überlebt, verlor aber als Erwachsener
mehrere Kinder, eine Frau, weitere Verwandte, einige Sklaven und später noch
einmal eine Tochter und einen Enkel. Niemand wusste also besser als dieser
greise Sekretär des antiochenischen Patriarchen, worum es tatsächlich ging, als er
das Pest-Kapitel seiner Kirchengeschichte niederschrieb.8
Mit Händen ist in all diesen und weiteren Berichten das Elend zu greifen, das
die Pest über die Bevölkerung der betroffenen Gebiete gebracht haben muss – in
einem solchen Maße, dass moderne Historiker misstrauisch wurden und nach
Überformungen, Wandermotiven, Verzerrungen und Topoi zu suchen begannen;
ermutigt wurden sie dabei durch scheinbar eindeutige Nebenbefunde: Denn we-
der archäologisch noch im Bereich der Inschriften, Papyri und Münzwirtschaft
hat die Epidemie greifbare Spuren hinterlassen; nur zweimal wird sie epigra-
phisch erwähnt – ansonsten Schweigen. Jüngere Studien haben jedoch auf die
Komplexität auch eines derartigen Befundes hingewiesen. Keineswegs lässt sich
die epigraphische, papyrologische und archäologische (Nicht-)Evidenz nämlich
eindeutig als Argument für eine Relativierung des Sachverhalts verstehen; sie re-
flektiert vielmehr eine Vielzahl von Faktoren, die vorschnelle Gesamturteile ver-
bietet. So ist die Pest etwa in der Gesetzgebung durchaus präsent. Vor allem aber
lässt sich – von den Gesetzen ausgehend – aufweisen, dass durch die Epidemie
das gesamte Reich in eine ökonomische Schieflage geriet. Diese manifestiert sich
vornehmlich in gewichtsreduzierten Goldmünzen, deren Emission Prokop zwar
dem betrügerischen Gebaren des Petros Barsymes, comes sacrarum largitionum
(‹Finanzminister›) in den Jahren 542 /43 und 547–550, zur Last legt, die aber doch
wohl eher gravierenden Zwängen in Form drastisch gesunkener Einnahmen
Rechnung trug, welche sich auch im Bereich der Kupferprägungen, die ebenfalls
ihre Stabilität verloren, niederschlugen. Die akute finanzielle Notlage resultierte
offenbar aus dramatischen Verlusten in der Landbevölkerung, deren Folge war,
dass Ackerfluren nicht mehr bebaut werden konnten und ganze Landstriche ver-
ödeten, was wiederum zu bedrohlichen Rückgängen der Steuereinnahmen (bei
gleichzeitiger Aufrechterhaltung der Steuerkalkulationen und -forderungen)
960 geführt haben muss. Und tatsächlich beobachtete Johannes von Ephesos genau
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dieses Phänomen auf seinen Reisen durch das pestverheerte Reich: brachliegende
Gefilde, verödete Dörfer, verendetes Vieh. Paulus Diaconus sollte später dieselben
Verhältnisse für das ländliche Italien (Ligurien) im 6. Jahrhundert beschreiben,
und auch Prokop merkt pathetisch an, dass keine Insel, keine Höhle, kein Berg-
gipfel verschont geblieben sei. Theophanes zufolge wurde durch die Pestwelle des
Jahres 747 gerade auch die ländliche Umgebung Konstantinopels schwer in Mit-
leidenschaft gezogen, und ähnliche Beobachtungen wurden für die Pyrenäen-
halbinsel gemacht. Die ‹Justinianische Pest› war also mitnichten ein rein urbanes
Phänomen, sondern sie traf vor allem auch die ländlichen Regionen, in denen
lebenswichtige Güter angebaut und erwirtschaftet wurden – das ökonomische
Rückgrat des Imperiums. Kein Wunder daher, dass auch in den Städten das
öffentliche Leben phasenweise zum Erliegen kam. Folgerichtig versuchte Jus-
tinian den desaströsen Entwicklungen entgegenzusteuern, bemühte sich 544 um
Begrenzung der Preissteigerungen und traf im Jahr 545 Maßnahmen zur Neu-
regelung der epibolé, der Zuweisung von – mutmaßlich aufgrund von Pestverlus-
ten – verlassenem Land an bestimmte Personen, die dadurch auch die auf den
Grundstücken liegende Steuerlast zu tragen hatten; Prokop, Sprachrohr der Inte-
ressen grundbesitzender Milieus, hat sich darüber ebenfalls bitter beklagt. Frei-
lich vermochte auch kaiserliche Gesetzgebung die durch das Sterben auf dem
Land eingeleiteten dramatischen Ausfälle nicht mehr aufzufangen. Und so ver-
wundert es nicht, dass für die Phase nach dem Ausbruch der Pest vielerorts von
Nahrungsmittelmangel und Hungerkrisen berichtet wird.9
Es waren dies ebenjene Jahre, in denen die gotische Reconquista unter Totila
und die sāsānidischen Kriegszüge dem Reich wachsende Investitionen wertvoller
Ressourcen in die Kriegführung abverlangten und Justinians hoffnungsvolle An-
griffskriege sich in kostspielige Defensiv- und Abnutzungsschlachten verwandel-
ten; ausgerechnet in dieser Phase brachen die ökonomischen Grundlagen sukzes-
sive fort. Die wachsende Finanznot der oströmischen Regierung manifestiert sich
in den ausbleibenden Verstärkungen für die Durchführung militärischer Opera-
tionen (worunter vor allem Belisar in Italien litt), aber auch in mangelnden Sold-
zahlungen, die vielfach angemahnt und beklagt wurden. Vermutlich reduzierte
sich auch die Rekrutierungsbasis des Heeres insgesamt, jedenfalls musste Justi-
nian bereits im April 542 gesetzlich verbieten, dass Soldaten die Streitkräfte ver-
ließen und sich in private Beschäftigungsverhältnisse begaben. Generell müssen
die demographischen Folgen der Pest verheerend gewesen sein, wenngleich sich
aus den Zahlenangaben der antiken Gewährsleute keine konsistenten Rechen-
modelle ableiten lassen. Auf eine Phase, in der die Forschung fantastische Zahlen
mit Mortalitätsraten von insgesamt bis zu 60 Prozent kalkulierte – nahezu analog
zu Prokops Aussage, wonach die Hälfte der Menschheit Opfer der Seuche gewor- 961
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soll dies erst nach einem Jahr gelungen sein. Die ‹Massenhysterie› von Amida
lässt sich indes mitnichten als Form eines kollektiven ‹Wahnsinns› interpretieren.
Vielmehr ist deutlich das Bestreben der Betroffenen erkennbar, geltende religiöse
Gebote, soziale Normen und Gesetze provokativ auszuhebeln; das gesamte Ge-
schehen lässt sich geradezu als Inversion gesellschaftlich akzeptierten Verhaltens
beschreiben, als Verarbeitung religiösen, sozialen und politischen Konfliktpoten-
tials, gipfelnd in der Schändung von Gotteshäusern sowie der Ankündigung
neuer herrscherlicher Autoritäten, das heißt letztlich in Andeutungen hochver-
räterischer Umtriebe. In der ‹Massenhysterie von Amida›, in mancherlei Hinsicht
mit dem spätmittelalterlichen Phänomen der ‹Tanzwut› vergleichbar, führte die
durch eine geradezu endlos wirkende Katastrophenkette zugespitzte Anspan-
nung also schließlich zu einer radikalen Infragestellung der gegenwärtigen reli-
giösen, politischen und sozialen Ordnung – dies sicherlich auch Folge der Erfah-
rung, dass traditionelle Nothelfer, also staatliche Autoritäten und Instanzen bis
hinauf zum Kaiser sowie insbesondere auch die gemeinhin vor Ort als Integra-
tionsfiguren wirkenden Asketen und Holy Men, vor der Fülle des Unheils kapitu-
lieren mussten und somit versagt hatten. Diese Verlagerung von Deutungs- und
Erklärungsansätzen für gegenwärtiges Geschehen in die Sphäre des politischen
und sozialen Protests verdeutlicht in besonderem Maße, welch heikles Gefahren-
potential die Pest und die um sie herum gelagerten Katastrophen letztlich für das
Oströmische Reich insgesamt bargen.12
Vergegenwärtigen wir uns an dieser Stelle noch einmal den Umstand, dass das
6. Jahrhundert insgesamt von einer beispiellosen Kette schwerster Katastrophen
gezeichnet war und dass die erste Pestepidemie der Jahre 541 /42 lediglich deren
Kulmination markierte – orchestriert von der Plünderung Antiocheias durch die
Perser (540) und dem neu belebten gotischen Widerstand in Italien. Seine beson-
dere Wucht gewann dieser Geschehniszusammenhang dadurch, dass die bereits
angedeuteten Endzeitängste, die große Teile der Bevölkerung in jenen Jahren be-
gleiteten, eine ganz spezifische Erwartungshaltung vorgaben, die – so die allmäh-
lich um sich greifende Erkenntnis – überdies noch enttäuscht wurde. Denn jene
Katastrophen, die man zunächst noch plausibel als Vorzeichen des unmittelbar
drohenden Weltendes (das man, wie gesehen, auf die Jahre um 500 kalkuliert
hatte) zu interpretieren und damit einzuordnen und hinzunehmen vermochte,
setzten sich auch dann noch fort, als die Erkenntnis Gestalt gewann, dass das
Weltende nicht eintreten würde. Damit aber brach die gesamte christliche Chro-
nologie und Eschatologie aus den Fugen, die allgemeine Unsicherheit erhielt eine
zusätzliche, gewaltige Dynamik. Mentalitätengeschichtlich war dies der Boden,
auf den die Pest im Jahr 541 als finale Erweiterung des Katastrophenclusters fiel.
964 Ihre ohnehin grauenhaften Auswirkungen wurden also durch die unerfüllten
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Bußgang zelebriert wurde. Wie wir gesehen hatten, galt dieses Vorgehen später
immerhin als so erfolgreich, dass der designierte Papst Gregor I. es angesichts der
schweren Pestepidemie in Rom 590 kopierte. Bezeichnenderweise führte ja auch
der ‹Schwarze Tod› im Spätmittelalter zu einer Intensivierung und Ausdifferen-
zierung der Marienverehrung. Die tiefe Verehrung der Gottesmutter (theotókos)
durch die Bevölkerung der Hauptstadt und des Reiches, die auch in anderen
Zeugnissen hervortritt (z. B. in der Errichtung von Theotokos-Kirchen, wie die
543 geweihte Nea in Jerusalem), unterscheidet das mittelalterlich-byzantinische
Konstantinopel jedenfalls markant von seinem spätantiken Vorgänger.14
Nicht viel anders steht es mit der Bilderverehrung, einem weiteren Bereich, der
auf signifikante Veränderungen in der religiösen Praxis als Brennspiegel tiefgrei-
fender kultureller und gesellschaftlicher Transformationsprozesse verweist. Noch
heute gehört die Ikone, das religiöse Kultbild, zu den zentralen Elementen ortho-
doxer Frömmigkeit; ihr wird wunderwirkende Kraft zugeschrieben, gilt sie doch
als Abbild eines Urbildes der jeweils dargestellten Person, ausgestattet mit all je-
nen außergewöhnlichen Fähigkeiten, die auch die im Bild verehrte Person selbst
besitzen soll. Die Anfänge dieser Bilderverehrung verweisen einmal mehr in die
katastrophischen Kontexte des 6. Jahrhunderts. Damals wich die anfängliche Ab-
lehnung jeglicher Form der Bilderverehrung durch die Christen – man argwöhnte
darin das Fortleben paganer Praktiken – einer grundsätzlich revidierten Haltung.
Allenthalben erscheinen seit der Jahrhundertmitte verehrte Ikonen, sowohl im
privaten wie auch im öffentlichen Bereich. So soll im Jahr 544 ein Christusbild –
das Mandylion – Edessa vor den Persern gerettet haben; eine weitere Ikone
tauchte im kleinasiatischen Ort Kamulianai auf, sich bald auf wundersame Weise
vervielfältigend. Große Berühmtheit genoss zudem das Marienbild von Sozo-
polis – und man könnte noch weitere Beispiele nennen. Ganze Gemeinden fühl-
ten sich nun durch wundertätige Bilder vor auswärtigen Angriffen beschützt, so
vor allem Edessa. Insbesondere feindliche Überfälle und Attacken scheinen dem
Bilderkult entscheidende Impulse gegeben zu haben, aber auch die Pest dürfte
nicht ohne Relevanz gewesen sein. Der Heilige Theodoros von Sykeon etwa soll
während der Epidemie der Jahre 541 bis 544 durch eine Ikone von der Krankheit
geheilt worden sein.15
Wie angedeutet, müssen wir Entwicklungen wie die Zunahme der Marienver-
ehrung oder die Entfaltung des Bilderkultes als Teilmanifestationen eines über-
greifenden gesellschaftlichen Transformationsprozesses interpretieren, den wir
unter den Begriff der ‹Liturgisierung› fassen. Das Phänomen selbst ist analytisch
nur schwer greifbar; sichtbar wird es in dem Umstand, dass Religion seit den
540er Jahren offenkundig eine wesentlich wichtigere Rolle spielte als zuvor, und
966 zwar in allen gesellschaftlich relevanten Belangen. Freilich lässt sich der Grad
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Augen führen: Die Unberechenbarkeit der Pest, die ohne jede erkennbare Logik
das eine Dorf vollkommen auslöschte, das Nachbardorf aber unbehelligt ließ,
muss die Zeitgenossen zur Verzweiflung getrieben haben. Johannes von Ephesos
fragte sich jeden Morgen, ob er den Abend noch erleben werde. Auch die unter-
schiedlichen Geschwindigkeiten, mit denen die Krankheit ihre Opfer auslöschte – 969
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man wusste ja nichts über die verschiedenen Formen der Pest (Beulenpest, Lun-
genpest und Pestsepsis) mit ihren differierenden Letalitätsraten –, führte zu
tiefster Beklemmung. Hinzukamen die weiterhin anhaltenden Erdbeben, Flut-
katastrophen, Kometenerscheinungen, Hungerkrisen, Kriegsgreuel und unge-
klärten eschatologischen Fragen. Allenthalben zeigen sich in den Quellen daher
verzweifelte Rationalisierungs- und Plausibilisierungsstrategien. Sie verbergen
sich hinter den bereits angesprochenen Repaganisierungsakten ebenso wie hinter
Vorstellungen von Gespenstern und Versuchen, im Vordringen der Krankheit be-
rechenbare Gesetzmäßigkeiten zu entdecken.19
Wie tief die Verunsicherung während jener Dekaden offenbar gedrungen
war, erschließt sich nicht zuletzt aus signifikanten Entwicklungen, welche die
Geschichtsschreibung als traditionelles Medium der Gegenwarts- und Vergan-
genheitsdeutung seit justinianischer Zeit durchlief: Die klassische griechische
Profanhistoriographie, wie sie uns in den Werken Prokops noch einmal ebenso
plastisch wie formvollendet entgegentritt, begann zu zerfallen und mit der Kir-
chengeschichtsschreibung zu konvergieren, in die sie in der ersten Hälfte des
7. Jahrhunderts einmündete. Untersucht man die betreffenden Texte näher, so
zeigt sich, dass die Autoren – angefangen mit Agathias – an ihrem aus der bis
auf Herodot und Thukydides zurückreichenden Tradition abgeleiteten An-
spruch, historisches Geschehen durch Kausalketten plausibel zu erklären, ver-
zweifelten. Insbesondere Agathias macht dabei deutlich, dass die Zusammen-
hänge, die sich vor ihm abzeichneten, schlichtweg nicht mehr erklärbar waren.
Alles war eben, wie Euagrios festhielt, dem Walten Gottes überantwortet. Wer
aber dieser Logik folgte, benötigte die klassizistische Profanhistoriographie mit
ihren kühl kalkulierenden Analysen nicht mehr. Sie endet dementsprechend,
ebenfalls als Konsequenz der Katastrophen im 6. Jahrhundert, vorerst im frü-
hen 7. Jahrhundert mit dem Werk des Theophylakt Simokates. Zu diesem Zeit-
punkt jedoch hatte die Liturgisierung längst alle Bereiche des Lebens der Byzan-
tiner, sogar die Kriegführung, zutiefst durchdrungen. Sie hatte, wie bereits
skizziert, aus den frommen Byzantinern ein Volk von Heiligen, aus ihrem Reich
einen sakralen Raum, aus ihrer Kapitale die Stadt der Gottesmutter geformt.
Eine Entwicklung, die, wie gesehen, mit verstärkten Einkapselungsbestrebun-
gen und Identitätsbildungsprozessen in den Jahren um 500 einsetzte, die
wesentliche Impulse im von Rückschlägen und Katastrophen geprägten 6. Jahr-
hundert – von Agathias nicht ohne Grund als eine Art Zeitalter der Angst
gefasst – erhielt und zur Auskristallisierung der byzantinischen Gesellschaft des
frühen 7. Jahrhunderts führte, hatte dem Reich neue Stabilität verliehen, um
auch die zukünftigen Herausforderungen zu bestehen. Sie hatte eine Gesell-
schaft geschaffen, deren Angehörige in weitaus präziserer Weise zwischen innen 971
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Das 6. Jahrhundert: Vom Oströmischen zum Byzantinischen Reich 11.1
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Kapitel XI Ringen um Existenz und Einheit im Osten
Skoten Nordsee
Ostsee
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Sueben Gepiden
Po Aquileia
Ravenna LAZIKA
REICH DER Marseille
Schwarzes Meer
WESTGOTEN Sinope
Barcelona Korsika
Toledo
Rom Adria Adrianopel
Trapezunt
Konstantinopel
Thessalonike Nikaia
Córdoba Balearen Sardinien
OSTRÖMISCHES REICH
Pergamon
Caesarea Smyrna Ikonion
Athen Ephesos Euphrat
Sizilien
Karthago Sparta Antiocheia
M A U R E TA N I E N
NUMIDIEN
Kreta
Zypern
Mittelmeer
Jerusalem
Kyrene
T R I P O L I TA N I E N
LIBYEN Alexandreia
Memphis
ÄGYPTEN
Ausdehnung des N
il
Ro
te
Byzantinischen Reiches 527 Diospolis
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11.1.2
Die frühen Slawen
Die in den 530er Jahren durch spektakuläre Erfolge gegen Perser, Vandalen und
Goten gefestigten Ansprüche und allmählich gewachsenen Anmutungen neuer
imperialer Größe einerseits (manifest in einer forcierten Missionierungstätigkeit
jenseits der oströmischen Grenzen sowie in verstärkten militärischen Interven-
tionen), sodann die Erfahrung permanenter Katastrophen und Rückschläge, die
sich insbesondere seit etwa 540 nochmals erheblich verdichteten, sowie schließ-
lich die alles überwölbenden eschatologischen Naherwartungen, ihre zuneh-
mende Enttäuschung und daraus resultierende Angst und Orientierungslosigkeit
974 bilden das komplexe Hintergrundgefüge, vor dem wir den Umgang Ostroms mit
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