KAPITEL X
Die Partikularisierung des Westens im frühen Mittelalter
10.1
Osten und Westen um 500: «von fremd zu fremd»
Die Partikularisierung
Osten und Westendesum
Westens im frühen
500: «von zu Kapitel
10.1X
fremd Mittelalter
fremd»
«Denn beleidigt und nicht ernstgenommen zu werden – das können wir ertragen;
aber wir lassen uns nichts befehlen». Mit diesen ebenso markigen wie resignativen
Worten beendete der oströmische Kaiser Anastasios am 11. Juli 517 endgültig eine
höchst unerfreuliche Korrespondenz mit dem Bischof von Rom, die geprägt war
von jahrelangen Querelen, von wechselseitigen Vorwürfen und Beleidigungen und
in deren Verlauf sich allmählich ein Gebirge an Missverständnissen aufgetürmt
hatte, die ihrerseits wachsendes Misstrauen nährten. Als Papst Hormisdas im Jahr
515 seinen Gesandten einen Katalog mit Verhaltensanweisungen (Indiculus) auf
den Weg nach Konstantinopel mitgab, enthielt dieser sogar die Empfehlung, von
den «Griechen» vorsichtshalber nichts zu essen anzunehmen. Schon 493 hatte
Papst Gelasius die oströmische Seite schlicht als «verrückt» (capti mente) und
«geistesgestört» (phrenetici) bezeichnet. Damit hatte er seinerzeit auf eine Anfrage
der Gesandten Theoderichs in Konstantinopel reagiert, die dort des Königs Aner-
kennung als Herrscher über Italien ausverhandeln sollten, stattdessen aber mit der
Forderung konfrontiert worden waren, das Akakianische Schisma zu beenden –
ein kirchenpolitisches Anliegen, das zu erörtern die von Flavius Anicius Faustus
Niger angeführte Senatsdelegation sich weder beauftragt noch befähigt sah, wes-
halb man sich ratsuchend an den Oberhirten wandte; im Osten hingegen galt die
gemeinsame Behandlung kirchen- und profanpolitischer Themen als selbstver-
ständlich. So musste die Faustus-Gesandtschaft, von Gelasius nicht mit allzu sach-
dienlichen Hinweisen ausgestattet, schließlich wieder abziehen, ohne für Theo-
derich irgendetwas erreicht zu haben. Umso offensichtlicher war aber geworden,
dass niemand mehr den anderen verstanden hatte. Missverständnisse zwischen 799
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Kapitel X Die Partikularisierung des Westens im frühen Mittelalter
Vertretern des Ost- und Westteils flackern in den Jahren um 500 als zunehmend
grelles Wetterleuchten über dem ehemals ungeteilten Imperium Romanum auf und
können uns als Indikatoren für einen fortgeschrittenen Entfremdungsprozess die-
nen. Die römische Welt löste sich damals nämlich nicht unmittelbar, wie in der
Regel behauptet wird, in ein Konglomerat frühmittelalterlicher Einzelreiche auf,
sondern zerbrach zunächst einmal – und für zukünftige Entwicklungen nicht min-
der folgenreich – in eine westliche und eine östliche Sphäre. Während Erstere in
den nachfolgenden Dekaden und Jahrhunderten einen noch weiteren Partikulari-
sierungsprozess durchlief, sollte es dem Ostteil, den wir ab dem späteren 6. Jahr-
hundert als ‹Byzantinisches Reich› bezeichnen können, zunächst beschieden sein,
über mehrere Jahrhunderte um seine Existenz und Einheit zu ringen.1
Zahlreich sind die Hinweise auf den west-östlichen Entfremdungsprozess, die
wachsenden Missverständnisse und den durch sie generierten Vertrauensverlust.
Seit mit dem Ende des theodosianischen Kaiserhauses 455 und dem Scheitern der
letzten gemeinsamen militärischen Kraftanstrengung beider Reichsteile gegen die
Vandalen 468 auch die bis dahin noch verbliebenen rostigen Klammern geborsten
waren, traten die unterschiedlichen Traditionen, kulturellen Voraussetzungen und
Prägungen der vorwiegend lateinischen und der weitgehend griechischsprachigen
Sphäre offen zutage. Sie hatten sich nicht erst um 500 ausgebildet, sondern waren
durch die politische Einheit und den übergreifenden kulturellen Firnis des funk-
tionierenden Imperium Romanum lediglich über Jahrhunderte hin eingefroren
gewesen. Doch hatten die Divergenzen zwischen ‹dem› Westen und ‹dem› Osten
etwa schon in den Bürgerkriegen zwischen Octavian (dem späteren Augustus) und
Marcus Antonius (35–31 v. Chr.) eine gravierende Rolle gespielt und blieben für
scharfsinnige Beobachter auch später stets wahrnehmbar. Seit dem frühen 6. Jahr-
hundert jedoch scheinen die letzten Dämme gebrochen zu sein. Wenn Prokop be-
hauptet, Eudoxia, die Witwe Valentinians III., habe sich 455 gegen den machthung-
rigen Petronius Maximus nur deshalb an den Vandalen Geiserich gewandt, weil aus
Byzanz ohnehin keine Hilfe mehr zu erwarten gewesen sei, so spiegelt sich darin
eine im 6. Jahrhundert verbreitete, durch die Einigelungspolitik des Anastasios be-
förderte Haltung, die im Westteil des einst übergreifenden Reiches nur noch einen
glasigen Schemen sah, in den sich eigene Vorstellungen und Konstrukte bequem
hineinprojizieren ließen. Sie bildet, um nur zwei Beispiele zu nennen, den Boden
für die Verwechslung – oder besser Angleichung – des Romeroberers Alarich I. mit
seinem Nachfolger Theoderich I. (418–451) sowie für die Verlegung der ‹Schlacht
auf den Katalaunischen Feldern› (451) von Gallien an die Donau in der Chronik des
Johannes Malalas und ist bereits gegen Ende des 5. Jahrhunderts bei Priskos ange-
legt, der Rom nur noch vage als Region, in der «Könige» regiert hätten, beschreibt.
800 Kaum besser stand es mit dem Wissen, das man im Westen noch über die Verhält-
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Osten und Westen um 500: «von fremd zu fremd» 10.1
nisse im Osten besaß. Avitus († 518), Bischof im burgundischen Vienne, immerhin
aus gallorömischem Adel stammend und überregional bestens vernetzt, verwech-
selte ausgerechnet die Repräsentanten der Extrempositionen im christologischen
Streit, Eutyches und Nestorios, miteinander; von einer Verurteilung des Patriar-
chen Akakios, der als Verursacher des Schismas zwischen Rom und Konstanti-
nopel stigmatisiert wurde, wusste er nichts; den als miaphysitisch gebrandmarkten
Zusatz zum Trisagion-Hymnos (dessen vom Kaiser dekretierte Einführung im
November 512 den großen Staurotheis-Aufstand zu Konstantinopel ausgelöst hatte)
hielt er, vielleicht miaphysitischen Informanten folgend, für ‹orthodox›, und was er
über den sogenannten ersten Staurotheis-Aufstand 510 /11 zu wissen vorgab, gestal-
tet sich bestenfalls konfus. Einem anderen prominenten Bischof des Westens, Nice-
tius von Trier († um 566), erging es nicht anders. Auch er war innerhalb der ihm
verfügbaren Kontexte bestens eingebunden und unterhielt enge Kontakte nicht nur
zu Persönlichkeiten wie dem Dichter und späteren Bischof von Poitiers Venantius
Fortunatus, sondern auch zu den merowingischen Königen; Gregor von Tours
widmete dem umtriebigen Bischof sogar eine eigene Lebensbeschreibung. Von den
kirchenpolitischen Vorgängen im Osten besaß der Gefeierte, dessen Teilnahme an
mindestens vier gallischen Synoden bezeugt ist, dennoch nur ganz diffuse Vorstel-
lungen. In einem wütenden Brief an Justinian, entstanden wohl um 550, bezichtigt
er den Kaiser der Behauptung, Christus sei nur ein Mensch gewesen, und wirft ihm
vor, er habe Bischöfe verfolgen, foltern und töten lassen und sei ein Anhänger der
Lehren des Nestorios und (!) Eutyches. All dies ist selbstverständlich blanker
Unsinn, der uns aber darauf verweist, wie dünn das Rinnsal an Informationen, das
sich vom Osten in den Westen schlängelte, mittlerweile war. Auch die merowin-
gische Historiographie verliert allmählich das Interesse an Ostrom und Byzanz.
«Sie zeugt nicht unbedingt von intimem Wissen, bestätigt aber zumindest, dass
Byzanz keineswegs völlig aus dem Blickfeld geraten ist». Gregors Beschreibung des
Tages von Tours jedenfalls lässt sich, wie gesehen, durchaus auch als Dokument
verwirrender Desinformiertheit interpretieren.2
Dieser Dislokationsprozess war auf unterschiedlichen Ebenen durchaus fol-
genreich. So hätte etwa Gelasius im Jahr 494 seine sogenannte Zweigewaltenlehre,
die im Mittelalter beträchtliche Bedeutung gewinnen sollte (seit dem 11. Jahrhun-
dert in ihrer Fortentwicklung als ‹Zweischwerterlehre›), kaum in der ihr eigenen
Prägnanz entwickeln und formulieren können, wenn der Graben, der Rom und
Konstantinopel inzwischen trennte, nicht bereits entsprechend geweitet gewesen
wäre. Darauf verweist bereits der formale Kontext: Die Gedanken (die weniger
geschärft auch in anderen Schriften des Gelasius anklingen) sind Teil eines Brie-
fes an Kaiser Anastasios, in dem der Papst auf dessen Verstimmung darüber, dass
er keines separaten Schreibens gewürdigt worden war, reagiert und diesen inso- 801
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Kapitel X Die Partikularisierung des Westens im frühen Mittelalter
fern scharf zurechtweist, als er ihm die untergeordnete Position erläutert, die ihm
als Sachwalter der irdischen Angelegenheiten (humana) gegenüber den Priestern
(mit dem Papst an der Spitze) als Obwalter der divina zukomme. Eine derart
radikale Position konnte der Pontifex jedoch nur deshalb formulieren, weil er in
augustinisch-leoninischer Tradition streng ekklesiologisch dachte, innerhalb der
kirchlichen Gemeinschaft sich selbst als Vermittler des kaiserlichen Seelenheils
sah und auf seinen Antagonisten daher herabblicken zu können meinte. Im Osten
hingegen war dieses umfassende Konzept einer Kirche (ecclesia), innerhalb derer
jedem getauften Mitglied feste Rollen und Aufgaben zufielen, unbekannt. Anas-
tasios dürfte also kaum verstanden haben, was sein päpstlicher Antipode ihm
vorhielt – und dementsprechend dürfte nicht zufällig keine Antwort auf dessen
Schreiben überliefert sein. Wie man die Dinge im Osten sah, legte im Jahr 535
indes Kaiser Justinian dar, der den Priestern den Bereich des sacerdotium zuwies,
sich selbst aber das imperium vorbehielt und ganz selbstverständlich davon aus-
ging, dass zum Erhalt einer «gewissen guten Harmonie» zwischen beiden Berei-
chen (consonantia quaedam bona / συμφωνία τις ἀγαθή) der Kaiser die Aufsicht
über die Priester zu führen habe und sich sogar Einfluss auf die dogmata vorbe-
halten müsse; bald wurde er noch konkreter und wies darauf hin, dass die Kirche
sich solange dem herrscherlichen Willen zu fügen habe, wie dieser sie finanziell
ausstatte.3
Justinian hat seine Vorstellungen vom Verhältnis von imperium und sacer-
dotium seit 535 in den Novellen niedergelegt. War die von ihm initiierte Rechts-
kodifikation noch in lateinischer Sprache erfolgt (Codex Iustinianus [1529, 2534]),
so lässt sich an den Novellen das allmähliche Hinübergleiten ins Griechische be-
obachten. Recht, Verwaltung und Militär, traditionell Hoheitsgebiete des Lateini-
schen, wurden jetzt griechisch – ein Prozess, der langen Anlauf genommen hatte:
Die Sprachbarriere zwischen Osten und Westen war nie überwunden, sondern
stets nur überlagert worden. Im 4. Jahrhundert etwa konnte der antiochenische
Rhetor Libanios recht unverhohlen seine Abneigung gegenüber allem Latei-
nischen artikulieren, und auf der Synode zu Serdika (heute Sofia) 342 /43 führten
sprachlich induzierte Verständnisprobleme zu beträchtlicher Verwirrung. Im
Verlauf des 5. Jahrhunderts nahmen die Schwierigkeiten zu. Immer weniger Ge-
lehrte beherrschten beide Sprachen gleichermaßen und waren dazu in der Lage,
als Übersetzer und Vermittler zu wirken (wie etwa Hieronymus, Rufinus, Diony-
sius Exiguus und Boethius) – zumal auch in der griechischen Sphäre regional-
sprachliche Bewegungen an Bedeutung gewannen (syrisch, koptisch, armenisch);
selbst Gestalten vom Format eines Leo I. bedurften eigens beauftragter Überset-
zer, um ihre Briefe ins Griechische übertragen zu lassen – und nicht immer
802 konnte man diesen vertrauen. Dass die lateinische Seite eine vertiefte Auseinan-
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Osten und Westen um 500: «von fremd zu fremd» 10.1
dersetzung mit jenen theologischen Problemen, die so zahlreiche Zeitgenossen
im Osten umtrieben, weitgehend vermied und sich insbesondere während des
Akakianischen Schismas auf personelle und formale Fragen zurückzog, mag
nicht zuletzt auf mangelnde Sprachkenntnisse zurückzuführen sein. Aus dem
Defizit wurde indes seit den Jahren um 500 ein Identitätsmarker, der mit breiter
Brust präsentiert wurde. Papst Gregor I. (590–604) etwa, der mehrere Jahre in
Konstantinopel zugebracht hatte, behauptete stolz, in dieser Zeit kein Griechisch
gelernt zu haben (Ähnliches sollte später für Papst Martin I., † 655, gelten). Der
unter ihm mit besonderer Heftigkeit ausgefochtene Streit um das Epitheton
‹ökumenisch›, das die Patriarchen von Konstantinopel seit dem 6. Jahrhundert
führten und das man in Rom als ungehörige Anmaßung verstand, resultierte
jedenfalls aus einem Übersetzungsfehler; die Kirchenführer am Bosporus hatten
zunächst keineswegs vor, die römische Seite zu beleidigen, sondern wollten – im
Gegenteil – eher die universale Gültigkeit der nachchalkedonischen Kirchenord-
nung sichtbar zum Ausdruck bringen. Im Osten schließlich wurde unter Kaiser
Herakleios (610–641) der lateinische Augustus-Titel durch das griechische basi-
leús ersetzt (erstmals 629 belegt).4
Es wäre indes zu einfach, den Dislokationsprozess schlicht auf eine Verschär-
fung des Sprachproblems zu reduzieren. Zu different gestalteten sich in Ost und
West seit dem ausgehenden 5. Jahrhundert insbesondere die politischen Verhält-
nisse, und dies führte allmählich dazu, dass die traditionell unterschiedlichen kul-
turellen Prägungen nun umso deutlicher hervorbrachen und Gestalt annahmen.
Die gewaltigen Ausmaße und Auswirkungen dieser Entwicklung sind bis heute
kaum systematisch untersucht worden. Ihre Dimension deutet sich indes schon
darin an, dass Osten und Westen selbst in der Eschatologie – also einem zentralen
Nukleus christlicher Theologie und Heilslehre – getrennte Wege gingen: Jene ver-
dichteten Endzeiterwartungen, die wir im Osten für die Jahre um 500 ausgemacht
hatten, werden im Westen erst ein gutes Jahrhundert später, um das Jahr 600,
greifbar. Das Imperium Romanum zerbrach entlang jener uralten ost-westlichen
Trennlinie, die es nie zu überwinden vermochte und die, wie schon angedeutet,
auch heute noch sichtbar ist, so etwa als Grenze zwischen den Staaten Bosnien-
Herzegowina und Serbien und als Barriere zwischen einem katholischen (bzw.
muslimischen) und einem orthodoxen Balkan.5
Die Zeiten eines selbstverständlichen Grenzgängertums endeten an der Wende
zum 6. Jahrhundert. Männer wie Anicius Acilius Glabrio Faustus, der als Konsul
im Jahr 438 dem römischen Senat den Codex Theodosianus übergeben durfte und
sich rühmte, in beiden Reichen hohes Ansehen zu genießen (utriusque inperii
iudicii [sic] sublimitato), begannen auszusterben, und auch das ephemere und
letztlich nur kurzfristig währende Strukturen schaffende Rückeroberungspro- 803
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Kapitel X Die Partikularisierung des Westens im frühen Mittelalter
gramm Justinians blieb Episode, ganz wie das Testament des Maurikios († 602),
das den älteren Sohn als Herrscher über Konstantinopel und den jüngeren als
Sachwalter im «Alten Rom» vorgesehen haben soll – eine ähnlich romantische
Anmutung wie die immerhin noch von handfesten politischen und ökonomi-
schen Interessen begleitete Ankündigung Konstans’ II. (641–668), Rom zu seiner
neuen Hauptstadt zu machen, und sein nachfolgender Aufbruch nach Italien
(661). Konstans wurde 668 in Syrakus ermordet. Damals lagen Italien und der
Westen für den größten Teil der byzantinischen Bevölkerung bereits an der Peri-
pherie der Welt. Der Chronist Georgios Kedrenos jedenfalls konnte im 11. Jahr-
hundert nur noch mit Kopfschütteln auf das Schicksal des ehemals römischen
Westens zurückblicken. Auf das Kaisertum, das er mit Libius Severus (461–465)
zusammenfallen sieht, folgte für ihn die Herrschaft von warlords – während im
Osten ein goldenes Zeitalter angebrochen sei.6
Man wird also festhalten müssen, dass die Jahre um 500 zunehmend alar-
mierende Signale hervorbrachten, die das Auseinanderbrechen des Imperiums
ankündigten. Diese Signale werden auch nicht dadurch relativiert, dass sich
weiterhin zahlreiche Belege für intensive Kontakte zwischen den ehemaligen
Reichshälften beibringen lassen. Denn Kontakte können eine funktionierende
Kommunikation nicht ersetzen, und einer solchen wurde allmählich die Basis
entzogen. Es waren unterschiedliche Faktoren, die für diesen Prozess verant-
wortlich gemacht werden können; unter ihnen wird man der Umgestaltung der
politischen und – damit einhergehend – der sozialen Verhältnisse im Kontext
des ‹Völkerwanderungs›-Geschehens eine prominente Rolle zumessen müssen.
Sie wirkte letztlich wie ein Katalysator und beschleunigte jenen Entfremdungs-
prozess, der im Angriff der oströmischen Flotte auf Unteritalien 507 / 08 paradig-
matische Gestalt gewinnt. Was bereits Marcellinus Comes als «Sieg ohne Ehre»
und blanke «Piratenunternehmung» geißelte, war nichts anderes als der deut-
lichste Ausweis einer neuen Haltung, die das ehemalige Kernland des Imperium
Romanum nun müde achselzuckend zum Kriegsgebiet erklärte und in den nach-
folgenden Jahrzehnten entsprechend grauenhafte Massaker und Verwüstungen
regungslos hinnahm.7
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Geschundenes Land: Italien in postgotischer Zeit 10.2
10.2
Geschundenes Land: Italien in postgotischer Zeit
10.2.1
Das Ende des Ostgotenreichs
Geschundenes Land: Italien in postgotischer10.2
Zeit
Neapel 536: «Und da erfolgte ein gewaltiges Morden» (φόνος τε ἐνταῦθα πολὺς
ἐγεγόνει). Kaum zu bremsen in ihrem rauschhaften Blutdurst fallen die ost-
römischen Soldaten nach der Eroberung der Stadt über die Einwohner her;
Frauen und Kinder werden verschleppt, die Häuser geplündert, selbst die Kir-
chen nicht geschont. Nur mühsam gelingt es dem Feldherrn Belisar, der Raserei
seiner Truppen Einhalt zu gebieten. Die Ereignisse in Neapel stehen emble-
matisch am Beginn des sogenannten Gotenkrieges – eines Vernichtungskrieges,
der nach einem Vierteljahrhundert mörderischen Kampfes mit der Auslöschung
der italischen Ostgoten als selbständigem Verband endete und dem oströmischen
Kaiser ein ausgeblutetes, weithin zerwühltes, von Hunger, Pest und Krieg zer-
fressenes, auf Jahrzehnte hin verarmtes Land in die Hand gab (535 /36–561). Der
ausführliche, ungemein detaillierte Kriegsbericht, den Prokop hinterlassen hat,
liest sich wie eine endlose Kette aus Massakern, Leiden, Heimsuchungen, Greuel-
taten und Verrat. Allein Rom, politisch marginalisiert, symbolisch aber weiter-
hin von eminenter Bedeutung, wechselte zwischen 536 und 552 fünfmal den
Besitzer (536, 546, 547, 550 und 552), teilweise nach mehrmonatigen Belagerun-
gen, die für die Angreifer nicht minder entbehrungsreich waren als für die Ein-
geschlossenen. Gotische Soldaten, die vor der Ewigen Stadt lagen, mussten es
ertragen, dass im Jahr 538 römische Reiterscharen durch die Orte des Picenum
(ein Gebiet an der Adriaküste südlich von Ancona) streiften, ihre Familien mas-
sakrierten und ihre Ländereien verwüsteten. Derweil senkte sich eine Hungers-
not über das gesamte Land, die Freund und Feind gleichermaßen umgriff und
vor allem die Landbevölkerung furchtbaren Belastungen aussetzte. Allein im
Picenum sollen mehr als 50 000 Bauern verendet sein, weit mehr noch in den
Regionen des Binnenlandes. Wie üblich in derartigen Situationen kursierten
bald Gerüchte über Kannibalismus; Prokop, im Gefolge Belisars vor Ort, nutzte
das Grauen für eigene Beobachtungen, um eine kleine Studie über die Phäno-
menologie des verhungernden Menschen zu erstellen. Als die Goten 539 das
zwischenzeitlich an die Römer gefallene Mailand zurückeroberten, töteten sie
alle Männer und verschenkten die Frauen an burgundische Krieger zum Dank
für ihre Waffenhilfe. Im selben Jahr nutzten die Franken unter Theudebert I. 805
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