Selbstbehauptung in Zeiten Der Bedrohung: Der Osten Des Im 5. Jahrhundert
Selbstbehauptung in Zeiten Der Bedrohung: Der Osten Des Im 5. Jahrhundert
9.1
Perser und Hephthaliten
«Der gute und milde König Yazdgird I., ein Christ, gesegnet unter den Königen»;
«er liebte die Römer und begrüßte ihre Freundschaft» – kaum jemand hätte es im
3. Jahrhundert wohl für denkbar gehalten, dass Römern einmal derartige Aus-
sagen zu einem Herrscher der Sāsāniden über die Lippen gleiten könnten. Im
5. Jahrhundert jedoch erschien dies möglich. Grund war die außergewöhnlich
lange Friedenszeit, die – unterbrochen lediglich von zwei kleineren Konflikten
(s. u.) – über das gesamte Jahrhundert hin anhielt. Nach der Beilegung der nahezu
endlosen Auseinandersetzungen um Armenien und der Festlegung der beider-
seitigen Einflusssphären im Jahr 387 gestalteten sich, wie bereits angedeutet, die
Beziehungen zwischen beiden Großreichen, den «strahlenden Augen» der Welt,
phasenweise geradezu freundschaftlich. Glaubt man einigen Zeugnissen des
6. Jahrhunderts – und in diesem Fall spricht nichts dagegen –, so hatte Kaiser
Arkadios 408 auf dem Sterbebett sogar den persischen Großkönig Isdigerdes /
Yazdgird I. (399–420) zum «Aufseher» (ἐπίτροπος / epítropos) für seinen noch un-
mündigen Sohn Theodosios II. bestimmt, und der Sāsānide soll seinen Pflichten
vorbildlich nachgekommen sein, nicht zuletzt dadurch, dass er mehr als 1300 rö-
mische Gefangene entließ, die 395 in die Gewalt der Hunnen geraten und von den
Persern ‹befreit› und interniert worden waren. Sein Wohlwollen gegenüber dem
Imperium Romanum reichte so weit, dass er den Bischof Marutha mit Märtyrer-
reliquien aus einer zurückliegenden Christenverfolgung unter Shapur II. (309–
379) ausstattete; Marutha gelang es damit, seinen Bischofssitz, der nun den klang- 731
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Perser und Hephthaliten 9.1
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Kapitel IX Der Osten des Imperium Romanum im 5. Jahrhundert
und insbesondere in Sogdien und Baktrien in die Städte eingerückt seien. Dazu
fügen sich weitere Indizien, die auf entsprechende Akkulturationsprozesse ver-
weisen, so etwa die Übernahme der Polyandrie, die früher als entscheidendes
Distinktionscharakteristikum der Hephthaliten galt, mittlerweile aber als eine in
Baktrien längst zuvor etablierte Praxis erwiesen ist. Eine ausgeprägte Affinität
zur Stadtkultur scheinen indes bereits die Kidariten besessen zu haben, als deren
Zentrum Priskos Balaam (Baktra / Balch [?], Nordafghanistan) nennt.7
Ansonsten steht es um die Hephthaliten trotz besserer Dokumentation ähn-
lich wie um die Hunnen in Europa: Über ihre Alltagswelt und soziale Ordnung
besitzen wir kaum Informationen; selbst ihre Sprache, möglicherweise ein tür-
kisches oder – wahrscheinlicher – ostiranisches Idiom, bleibt rätselhaft; chine-
sische Beobachter notierten, dass die Sprache der Hephthaliten sich von jenen
anderer als ‹hunnisch› angesehener Gruppen unterschied. Ihre Schrift (Münz-
legenden) zeigt immerhin deutliche gräko-baktrische Einflüsse, verweist also
einmal mehr auf geschmeidige Anpassungsfähigkeit. Wie schon unter den
Kidariten scheinen unter den Hephthaliten insbesondere die an zentralen Ver-
kehrsknotenpunkten gelegenen Handelsstädte prosperiert zu haben; gleich-
zeitig entwickelte sich unter ihrem Regime eine rege Kunstproduktion, die sich
in Wandgemälden, vor allem aber in den monumentalen Buddha-Statuen von
Bamiyan (Zentralafghanistan), die 2001 von Taliban-Terroristen blindwütig
zerstört wurden, manifestiert.8
Für das Großreich der Sāsāniden stellten die reiternomadischen Machtbildun-
gen in Zentralasien, die sich in rascher, kaum noch entwirrbarer Folge ablösten
und überlagerten, eine existenzielle Gefahr dar. Perozes I. (459–484) erbte die er-
bitterten Auseinandersetzungen mit den Hephthaliten von seinem Vater Yazd-
gird II. In mehreren Feldzügen versuchte er der von ihnen ausgehenden Gefahr
Herr zu werden und musste nach anfänglichen Erfolgen – zwischenzeitlich ge-
lang selbst die Rückeroberung Baktriens (467) – einige empfindliche Niederlagen
hinnehmen. Nach der ersten geriet er in Gefangenschaft, war sogar gezwungen,
sich vom römischen Kaiser Zenon freikaufen zu lassen – eine Demütigung ge-
radezu kosmischen Ausmaßes. Nicht minder unglücklich verlief eine nachfolgende
Kampagne (wohl 474), die erneut mit der Gefangennahme des Großkönigs en-
dete, der nur deshalb entlassen wurde, weil er im Gegenzug seinen Sohn Kabades
(Kavād) als Geisel zur Absicherung weiterer Silberzahlungen zurückließ; das
damit einhergehende Eingeständnis der persischen Tributpflichtigkeit hinterließ
bei Zeitgenossen einen Donnerhall, der selbst im fernen Gallien bei Sidonius
Apollinaris noch nachklang, während die Hephthaliten als Zeichen ihrer Supre-
matie das Kronensymbol des Perozes übernahmen. Der letzte Feldzug im Jahr
738 484, der das – aus sāsānidischer Sicht – natürliche Gleichgewicht der Kräfte wie-
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Perser und Hephthaliten 9.1
Abb. 31 Buddha-Statue aus dem Tal von Bamiyan (vor der Zerstörung 2001)
derherstellen sollte, kostete Perozes und einen großen Teil seiner Familie sowie
seiner Soldaten schließlich das Leben.9
Es waren aber nicht nur die Niederlagen gegen die Hephthaliten und damit
einhergehende territoriale Verluste und militärische Katastrophen, die in jenen
Jahren zur inneren und äußeren Zerrüttung des Perserreiches beitrugen. Die Be-
völkerung wurde von Missernten und Hungerkrisen geschüttelt, Spannungen
zwischen den militärisch erfolglosen Großkönigen und dem machtvollen Adel
verschärften sich, Separationsbestrebungen gewannen Konturen. Erst kurz vor
Perozes’ verhängnisvollem letzten Hephthalitenfeldzug war in Armenien und im
Kaukasus zum zweiten Mal nach 451 eine gefährliche Adelsrevolte ausgebrochen
(482), in deren Verlauf die Insurgenten sich auch auf hephthalitische Söldner ge-
stützt hatten. Nach Perozes’ Ende erfassten Nachfolgekämpfe das Reich, und der
jüngere Sohn Kabades (488–497; 499–531) gelangte schließlich ausgerechnet mit
Hilfe jener Hephthaliten auf den Thron, denen sein Vater vier Jahre zuvor erlegen
war. Die desolate Lage erhöhte den Unmut unter Teilen der adeligen Magnaten,
die nochmals den Druck auf den König erhöhten. Als dieser Unterstützung bei
den Mazdakiten suchte, einer nur schwer fassbaren, wohl dem Manichäismus
nahestehenden religiös-sozialrevolutionären Gruppierung, die Besitzgleichheit
und möglicherweise sogar Frauentausch gepredigt haben soll, reagierten einige 739
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Adelige im Verbund mit zoroastrischen Priestern in aller Härte: Sie setzten den
Großkönig im Jahr 496 / 97 ab und internierten ihn in einem abgelegenen Kerker,
dem «Ort des Vergessens». Und einmal mehr wandte Kabades sich an die Heph-
thaliten, die ihm die Flucht und eine Rückkehr auf den Thron ermöglichten
(498 / 99). Größere Handlungsfreiheiten gewann er dadurch indes nicht, denn
seine Verbündeten ließen sich ihre Unterstützung großzügig entlohnen und er-
höhten kontinuierlich ihre Forderungen, die angesichts des hephthalitischen
Drohpotentials durchaus ernstzunehmen waren.10
Dass es den Sāsāniden dennoch gelang, sich aus dieser prekären Lage herauszu-
winden und ihr Reich im 6. Jahrhundert unter Chosroes I. (531–579) sogar noch
einmal zu neuer Machtentfaltung zu führen, ist einer Reihe von Maßnahmen des 5.
und frühen 6. Jahrhunderts zu verdanken, die auf ganz unterschiedlichen Ebenen
angelagert sind. An erster Stelle wird man wohl eine religiöse und ideologische
Erneuerung nennen dürfen, die vor allem von den Großkönigen vorangetrieben
wurde und aus einem Rückgriff auf das Avesta – die zoroastrische Sammlung hei-
liger Schriften – neue Bewältigungsenergien gewann, indem die aktuellen Gefah-
ren in mythischen Exempla gespiegelt und somit zu archetypischen Konflikten
überhöht und mit Erfolgsgeschichten verkoppelt wurden; auf diese Weise wurde
sāsānidische ‹Reichsideologie›, die ähnlich den Vorstellungen im Hintergrund des
Imperium Romanum keine territorialen oder ideellen Beschränkungen kannte, den
aktuellen Realitäten, also den schmerzhaften Gebietsverlusten und Destabilisie-
rungen weiter Grenzräume, angepasst. Die Könige stärkten durch die Neujus-
tierung der kosmologisch-ideologischen Fundamente des Reichs von neuem ihre
labile Verbindung zu den Adeligen, auf deren Panzerreiterheeren die Verteidigung
des sāsānidischen Kosmos letztlich aufruhte. Hinzukamen handfeste Defensiv-
maßnahmen, allen voran die Errichtung der ‹Großen Mauer von Gorgān›, nach der
‹Chinesischen Mauer› das längste Befestigungswerk der Welt. Die 6 bis 10 Meter
breite Wallanlage, die wohl im 5. / 6. Jahrhundert (und nicht, wie lange vermutet,
bereits in parthischer Zeit) angelegt wurde, zog sich im heutigen nordöstlichen
Iran vom Kaspischen Meer durch die Tiefebene von Gorgān bis zum Kopet-Dag-
Gebirge – über eine Strecke von insgesamt 195 Kilometern. Etwa 15 000 bis 30 000
Soldaten lagen in den mindestens 33 Kastellen, die den Verlauf der Mauer säumten,
weitere 50 000 bis 60 000 Mann ließen sich im Hinterland rasch mobilisieren. Zu-
sätzliche Lehmziegelwälle wurden damals, flankiert von befestigten Orten, auch an
den Kaukasusrouten westlich des Kaspischen Meeres bei Derbent (Dagestan) und
Gilgilçay (Aserbaidschan) errichtet, um die traditionellen Einfallstore reiternoma-
discher Plündererscharen abzusichern – ein Einigelungsprozess, den das Imperium
Romanum an der Wende des 6. Jahrhunderts dann seinerseits, und ebenfalls
740 orchestriert von einer ideologischen Neufindung, nachvollzog (s. u.).11
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So wie Zenon, der vor mir herrschte, nichts sandte, werde auch ich nichts senden, bis
dass du mir Nisibis zurückgegeben haben wirst. Unbedeutend sind nämlich auch
diejenigen Kriege nicht, die ich gegen die Barbaren führe, die Germanen genannt
werden, sowie gegen die, die Blemmyer genannt werden, und gegen viele andere. Ich
werde aber die Heere der Römer nicht im Stich lassen und das Deinige ernähren.
Kabades indes konnte das Problem nicht auf sich beruhen lassen, denn seine
hephthalitischen Verbündeten, die ihm den Thron gesichert hatten, forderten mit
wachsendem Nachdruck den versprochenen Lohn ein. «Kurze Zeit darauf», so
hält Prokop fest, «schuldete Kabades dem Hephthalitenkönig Geld», und fährt
fort:14
Da er nicht bezahlen konnte, bat er den römischen Kaiser Anastasios, ihm den Be-
trag zu leihen. Der beriet sich daraufhin mit einigen Vertrauten und befragte sie, ob
er dem Wunsche entsprechen solle, fand sie aber der Gewährung des Darlehens ab-
geneigt. Es sei, wie sie meinten, schädlich, wenn man mit eigenem Geld die Freund-
schaft der Feinde zu den Hephthaliten stärke. Beide möglichst miteinander zu ver-
feinden, bringe hingegen den Römern größeren Vorteil.
In diesen Überlegungen sah Kabades einen Kriegsgrund – und es blieb ihm auch
kaum eine andere Wahl, so er denn seinen mühsam erkämpften Thron behaupten
wollte. Hungerkrisen, Adelsaufstände, Revolten der rätselhaften (arabischen?)
Tamurāye und Qadišāye, Plünderungszüge arabischer Stämme, Unruhen in
Persarmenien – und dazu das kontinuierliche Drohgebaren der Hephthaliten. All
dies verlangte nach einem wuchtigen Befreiungsschlag, einem erfolgreichen,
finanziell einträglichen Beutezug, der den Großkönig, gerade erneut im Begriff,
allmählich von seinem Thron zu gleiten, rasch wieder stabilisieren würde. Ange-
führt von einem Getriebenen, brachen die persischen Truppen daher im August
des Jahres 502 in das Römische Reich ein. Glaubt man dem Zeugnis unserer Ge-
währsleute (zu ihnen s. u.), so folgte dem Angriff einer der brutalsten und men-
742 schenverachtendsten Kriege der Spätantike.15
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Römer und Perser: Ein folgenreicher Krieg (502–506) 9.2
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Römer und Perser: Ein folgenreicher Krieg (502–506)
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Römer und Perser: Ein folgenreicher Krieg (502–506)
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