DSFA Risikoanalyse
DSFA Risikoanalyse
Risikoanalyse
und Datenschutz-
Folgenabschätzung
Systematik, Anforderungen,
Beispiele
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2
Vorwort
Vorwort
Der rationale Umgang mit Risiken für die Rechte und Freiheiten natürlicher Personen bei der
Verarbeitung ihrer personenbezogenen Daten ist ein Kernanliegen des Datenschutzrechts. In
einer Risikoanalyse werden Risiken identifiziert und bewertet. In vielen Fällen genügt dies
nicht: Dann müssen Verantwortliche technisch-organisatorische Maßnahmen treffen, um
eine Verarbeitung datenschutzkonform durchführen zu können – oder diese Verarbeitung gar
einmal unterlassen, wenn das Risiko auch mit solchen Maßnahmen nicht auf ein grundrechts-
verträgliches Niveau abgesenkt werden kann. Eine Risikoanalyse ist nicht nur Kern jeder Da-
tenschutz-Folgenabschätzung. Der Verantwortliche wird eine Risikoanalyse oftmals auch
vorzunehmen haben, um seine Verpflichtungen aus Art. 24, Art. 25 und Art. 32 Datenschutz-
Grundverordnung (DSGVO) adäquat erfüllen zu können.
Bayerische öffentliche Stellen erhalten so das nötige Wissen, um Risikoanalysen selbst erfolg-
reich planen und durchführen zu können sowie erforderliche technisch-organisatorische
Maßnahmen entwickeln und implementieren zu können. Wer sich mit dem Thema „Risiko-
analyse“ auseinandersetzen möchte, dem sei für die erste Orientierung – auch zum Aufbau
dieser Orientierungshilfe sowie zum Überblick über die weiterhin bereitgestellten Materia-
lien – zunächst die Lektüre der Einführung (ab Seite 7) empfohlen.
– Wenn Sie Rückfragen oder Verbesserungsvorschläge haben, nutzen Sie bitte das dafür
eingerichtete Postfach orientierungshilfen@[Link].
3
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
Vorwort ........................................................................................................................................................................... 3
Inhaltsverzeichnis....................................................................................................................................................... 4
I. Einführung ........................................................................................................................................................... 7
1. Schwachstelle .............................................................................................................................................29
a) Verfügbarkeit ........................................................................................................................................29
b) Vertraulichkeit .......................................................................................................................................30
c) Integrität ..................................................................................................................................................31
aa) Datenintegrität .............................................................................................................................31
bb) Konzepteinhaltung ....................................................................................................................31
cc) Richtigkeit ......................................................................................................................................32
d) Datenminimierung ..............................................................................................................................32
e) Intervenierbarkeit ................................................................................................................................32
f) Transparenz ...........................................................................................................................................33
g) Nichtverkettung ...................................................................................................................................33
2. Risiko- und Gefährdungsquellen .......................................................................................................33
3. Szenario.........................................................................................................................................................34
4. Bewertung der Risiken ...........................................................................................................................36
5. Technische und organisatorische Maßnahmen (TOMs).........................................................37
4
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung ................................................................................................................................................... 64
2. Erforderlichkeitsprüfung ....................................................................................................................... 65
3. Durchführung ............................................................................................................................................. 66
a) Mindestanforderungen und Vorgehensschritte.................................................................... 67
b) IT-Unterstützung für den DSFA-Bericht .................................................................................. 68
c) IT-Unterstützung für das Maßnahmenmanagement .......................................................... 70
4. Zusammenspiel DSFA und Verzeichnis von Verarbeitungstätigkeiten ............................ 70
5. Weitere Aspekte zur DSFA................................................................................................................... 71
a) Zusammengesetzte DSFA ............................................................................................................. 71
b) Gesetzliche DSFA .............................................................................................................................. 71
5
VIII. Anwendungsfall 2: „Risikoanalyse-Allgemein“ ..................................................................................74
X. Glossar .................................................................................................................................................................78
6
I. Einführung
I. Einführung
Bereits vor der Datenschutzreform 2018 waren die bayerischen öffentlichen Stellen ver-
pflichtet, technische und organisatorische Maßnahmen zu treffen, um Risiken bei der Verar-
beitung personenbezogener Daten entgegenzuwirken. 3 Nun ist nach der DSGVO jeder Ver-
antwortliche (und grundsätzlich auch jeder →Auftragsverarbeiter) verpflichtet, mittels der
wirksamen Umsetzung von TOMs ein dem Verarbeitungsrisiko angemessenes Schutzniveau
zu gewährleisten und hierbei grundsätzlich eine risikobasierte Methodik (das heißt insbeson-
dere eine Bewertung von Eintrittswahrscheinlichkeit und Schwere des Schadens) zu wählen.
Welche TOMs dem Risiko entsprechend wirksam umgesetzt werden müssen, richtet sich
nach der jeweiligen Risikoanalyse.
1
Z. B. eine IT-Risikoanalyse auf der Basis von IT-Grundschutz oder eine Gefährdungsbeurteilung nach dem Ar-
beitsschutzgesetz.
2
Vgl. Datenschutzkonferenz, Risiko für die Rechte und Freiheiten natürlicher Personen, Kurzpapier Nr. 18, S. 3,
Internet: [Link]
3
Vgl. Art. 7 Bayerisches Datenschutzgesetz in der bis zum 24. Mai 2018 geltenden Fassung.
7
I. Einführung
In dieser Orientierungshilfe wird zusammen mit weiteren Arbeitshilfen (siehe Punkt IX.) eine
Vorgehensweise zur Durchführung solcher Risikoanalysen unter Anwendung der folgenden
Leitgedanken aufgezeigt:
– Risikoorientierung. – Wie ein roter Faden zieht sich das Prinzip der Risikoorientierung
durch die gesamte DSGVO. Dadurch geprägt werden im Einzelfall die Mindestanforde-
rungen und die mögliche Skalierbarkeit einer Risikoanalyse.
Obwohl bei der folgenden Darstellung der Fokus unter anderem auf das Wesentliche, die
Mindestanforderungen und auf eine möglichst hohe Verständlichkeit gelegt wird, kann eine
gewisse Komplexität, die der Thematik innewohnt, nicht vermieden werden.
Um einen raschen Überblick und ein klares Verständnis von der Thematik zu erhalten, wird
die folgende Herangehensweise mit fünf aufeinander aufbauenden Schritten zur Nutzung
dieser Orientierungshilfe empfohlen:
1 Beispiele sichten
Unter dem Punkt IX. wird auf anschauliche Beispiele verwiesen. Nach dem Erfahrungs-
grundsatz „Lernen am Beispiel“ lohnt es sich daher, in einem ersten Schritt die veröffent-
lichen Beispiele näher zu betrachten.
2 Unklarheiten nachschlagen
Sollten bei den Beispielen Unklarheiten oder Fragen auftauchen, können diese durch
Nachschlagen in den relevanten Bereichen dieser Orientierungshilfe beantwortet werden.
Dies ist sehr einfach möglich, da insbesondere unter Punkt IV. alle einzelnen Bausteine
der Risikoanalyse übersichtlich beschrieben werden.
8
I. Einführung
3 Anwendungsfälle unterscheiden
Je nach der zu bewertenden Verarbeitung kann eine Risikoanalyse-Allgemein (vgl. Punkt
VIII.) ausreichen oder eine Risikoanalyse-DSFA (vgl. Punkt VII.) erforderlich sein.
Diese Orientierungshilfe ersetzt vollständig die folgenden schon zuvor veröffentlichten Ar-
beitshilfen:
Wer sich bisher schon intensiver mit diesen Arbeitshilfen beschäftigt hat, für den werden ins-
besondere die folgenden neuen Aspekte von besonderem Interesse sein:
– Systematisierung der Schwachstellen bei digitalisierten Verarbeitungen (vgl. Punkt IV. 1.),
– diverse operative Hinweise, die sich bislang aus einer umfangreichen Beratungspraxis er-
geben haben (z. B. Skalierbarkeit der Risikoanalyse, zweigeteilte Risikoanalyse, typische
Fehler usw., vgl. Punkt VI.).
Aus Gründen der Lesbarkeit wird im Folgenden auf das Gendern von Personengruppen ver-
zichtet. Die Verwendung des generischen Maskulinums schließt ausdrücklich alle Geschlech-
terformen mit ein.
9
II. Kontext der Risikoanalyse
II. Kontext der Risikoanalyse
Zuerst ist ein Blick auf den Zweck einer Verarbeitung zu werfen, also warum Daten von na-
türlichen Personen überhaupt verarbeitet werden sollen (vgl. Art. 5 Abs. 1 Buchst. b DSGVO).
Dieser Zweck kann vom Verantwortlichen selbst festgelegt oder beispielsweise auch durch
Gesetz vorgegeben werden. Der hinreichend bestimmte Zweck muss legitim sein und hat
Auswirkungen auf diverse wichtige Verarbeitungsaspekte, etwa auf die Identifizierung des da-
tenschutzrechtlichen Verantwortlichen (vgl. Art. 4 Nr. 7 DSGVO), auf die Datenbandbreite,
also welche personenbezogenen Daten für die Verarbeitung erforderlich sind (vgl. Art. 5
Abs. 1 Buchst. c DSGVO), und auf den Zeitraum, während dem die personenbezogenen Da-
ten verarbeitet werden dürfen (vgl. Art. 5 Abs. 1 Buchst. e DSGVO).
Als nächste Säule der Verarbeitung ist neben dem Zweck eine tragfähige →Rechtsgrund-
lage für die Verarbeitung zu identifizieren, welche die Verarbeitung umfassend abdeckt und
trägt. Fehlt einem Verarbeitungsvorgang die Rechtsgrundlage, so ist die Verarbeitung nicht
rechtmäßig. 4
Als dritte Säule sind die →Mittel, also die Art und Weise der Verarbeitung zu betrachten.
Hierzu gibt es im Datenschutzrecht zahlreiche Anforderungen, die größtenteils als Grund-
sätze für die Verarbeitung in Art. 5 DSGVO zu finden sind. Das Standard-Datenschutzmodell
(→SDM) 5 strukturiert diese datenschutzrechtliche Anforderungen in einen Katalog von sie-
ben →SDM-Gewährleistungsziele (siehe Punkt III. 2.). Aus den Ausführungen im SDM geht
hervor, dass der Kanon der SDM-Gewährleistungsziele vollständig alle DSGVO-Anforderun-
gen im Hinblick auf das „Wie“ der Verarbeitung abdeckt.
Insgesamt können die drei Säulen „Zweck“, „Rechtsgrundlage“ sowie „Art und Weise“ an-
schaulich als „Dreiklang des Datenschutzes“ aufgefasst werden. Die Prüfung der Rechts-
grundlage (Rechtmäßigkeit) und des Zwecks sind einer datenschutzrechtlichen Risikoana-
lyse vorgelagert und damit nicht originärer Inhalt einer Risikoanalyse.
4
Vgl. Art. 6 Abs. 1 UAbs. 1 Satz 1 DSGVO; zudem wird die „Rechtmäßigkeit“ parallel zu anderen Grundsätzen der
Verarbeitung in Art. 5 Abs. 1 Buchst. a DSGVO genannt.
5
Das Standard-Datenschutzmodell beschreibt eine Methode zur Datenschutzberatung und -prüfung auf der
Basis einheitlicher Gewährleistungsziele; weiterführende Informationen zu diesem Modell sind zu finden unter
[Link]
10
1. Zweck, Rechtsgrundlage und Mittel
Abb. 1: Zweck, Rechtsgrundlage und Mittel als Dreiklang der datenschutzrechtlichen Rechtskonformitätsprüfung
Methodisch kann die Umsetzung einer DSGVO-Anforderung zum Mittel, also dem „Wie“, in
Form von Datenschutz-Prozessen dargestellt werden. Der Begriff „Mittel der Verarbeitung“
umfasst insbesondere den Umfang der Datenverarbeitung, die Speicherdauer, die genutzten
Betriebsmittel usw., ist also relativ weit zu verstehen. Alle diese Einzelaspekte müssen festge-
legt und wirksam umgesetzt werden. Beides, die Festlegung sowie die Umsetzung, erfolgt in
organisatorischen Abläufen, die mittels Prozessen beschrieben und dokumentiert werden
können. Jeder Prozess hat zu Beginn einen Auslöser („Input“), daran anschließend beliebig
viele Aktivitäten und führt am Ende zu einem Ergebnis.
Beispiel: Macht eine →betroffene Person ihren nach Art. 15 DSGVO zustehenden Aus-
kunftsanspruch gegenüber einem Verantwortlichen geltend, so ist das Auskunftsersuchen
der Auslöser. Die einzelnen Schritte, die der Verantwortliche anschließend durchführt (z. B.
Identitätsfeststellung der antragstellenden Person, Angebot eines Dialogs zur Konkretisie-
rung, Zusammenstellung der relevanten Informationen) stellen die Aktivitäten dar, die zur Be-
antwortung des Auskunftsersuchen führen. Die finale Beantwortung des Auskunftsersuchens
stellt das abschließende Ergebnis des Auskunftsprozesses dar.
11
II. Kontext der Risikoanalyse
Die Implementierung der Datenschutz-Prozesse, die für eine Institution notwendig sind, ge-
währleisten insbesondere der datenschutzrechtliche Verantwortliche und gegebenenfalls der
Auftragsverarbeiter.
Die einzelnen Anforderungen der DSGVO und die davon ableitbaren Datenschutz-Prozesse
sind teilweise mit unterschiedlichen Abstraktionsniveaus in der DSGVO verankert. Besonders
detailliert ist etwa die Benennung eines Datenschutzbeauftragten festgelegt (siehe
Art. 37 DSGVO). Deutlich abstrakter und unbestimmter sind hingegen die Durchführung ei-
ner DSFA und die Auswahl geeigneter technischer und organisatorischer Maßnahmen (siehe
Punkt V.) geregelt.
2. Betriebsmittel
2. Betriebsmittel
Wie gerade dargestellt (siehe Punkt II. 1.), sind die Mittel, die für eine Verarbeitung genutzt
werden, eine wesentliche Komponente der Verarbeitung. Zu den Mitteln der Verarbeitung ge-
hören insbesondere die Organisation für die Verarbeitung, die Unterstützung durch Technik
(Betriebsmittel) sowie die konkrete Festlegung des verarbeiteten Datenbestands (Datenba-
sis).
Bei der Auswahl angemessener Mittel sind unter anderem auch der Verarbeitung zugrunde
liegende Zweck und die Rechtsgrundlage zu berücksichtigen. Insgesamt ergibt sich somit fol-
gendes Gesamtbild.
12
3. Aufwand
3. Aufwand
3. Aufwand
Der erforderliche Aufwand für die erstmalige Durchführung sowie die gegebenenfalls an-
schließenden Aktualisierungen einer Risikoanalyse ist eine viel diskutierte Frage und kann mit
der nötigen Klarheit regelmäßig nur im Einzelfall beantwortet werden. Denn auch wenn die
unterschiedlichen Ausbaustufen und Skalierungen für die Risikoanalyse beachtet und optimal
angewendet werden (vgl. Punkt VI.4), gibt es weitere Faktoren, die im Einzelfall aufwandssen-
kend oder aufwandserhöhend wirken können.
– Organisation optimieren. – Bei der Durchführung einer Risikoanalyse sind die allgemein
gültigen organisatorischen Grundsätze anwendbar. So sind etwa ein nachvollziehbares
und systematisches Vorgehen, eine fortgeschrittene Standardisierung, die Bereitstellung
des benötigten Know-how, ein gut funktionierendes →Maßnahmenmanagement, eine
geeignete Förderung durch die Behördenleitung sowie eine bedarfsgerechte Digitalisie-
rung mögliche Optimierungspotenziale.
13
II. Kontext der Risikoanalyse
– Erhöhtes Risiko. – Für die Risikohöhe existieren im Datenschutz die drei Stufen „gerin-
ges Risiko“, „(normales) Risiko“ und „hohes Risiko“ (vgl. Punkt III. 3.). Nach dem DSGVO-
Grundsatz des risikoorientierten Vorgehens gehen Verarbeitungen mit einem höheren
Verarbeitungsrisiko grundsätzlich mit einem höheren Durchführungsaufwand einher.
Ausdruck dieses Grundsatzes ist die DSFA, die bei Hochrisikoverarbeitungen verpflich-
tend ist und mittels erhöhten Mindestanforderungen (vgl. Punkte VIII. 1. und VII. 3. a))
durchgeführt sowie nachgewiesen werden muss.
– Lücken schließen. – In der Beratungspraxis gibt es nicht wenige Fälle, in denen durch die
systematische und umfassende Analyse etwa bei einer DSFA-Durchführung bestehende
Lücken identifiziert und geschlossen werden mussten (z. B. unzureichendes Löschkon-
zept, unzureichendes Berechtigungsmanagement, fehlende oder lückenhafte Dokumen-
tationen). Diese Aufwandspositionen können erheblich sein, sollten aber nicht dem origi-
nären Aufwand der Risikoanalyse zugeschlagen werden. Denn durch die Durchführung
einer Risikoanalyse sind solche Handlungsbedarfe, die unabhängig von einer Risikoana-
lyse nicht bestehend dürften, nur aufgedeckt worden.
Dem zu erbringenden Aufwand gegenüber stehen die Erfüllung der Nachweispflicht sowie
weitere wichtige Vorteile. Neben der Erfüllung der gesetzlichen Anforderungen ist besonders
die deutliche Erhöhung der Wahrscheinlichkeit zu nennen, potenzielle Datenschutzverstöße
erst gar nicht zu ermöglichen bzw. diese bereits vor ihrem Entstehen zu erkennen und zu ver-
hindern. Zudem werden mittels der Risikoanalyse wichtige eigene Prozesse qualitätsgesi-
chert und insbesondere Schutzmaßnahmen systematisch auf Vollständigkeit und Wirksam-
keit überprüft.
14
III. Methode der Risikoanalyse
III. Methode der Risikoanalyse
Ein wichtiger Aspekt, der mit der DSGVO im Datenschutz verankert wurde, ist die im Vergleich
zur Zeit vor der Datenschutzreform 2018 deutlich umfangreichere Rechenschafts- und
Nachweispflicht (vgl. Art. 5 Abs. 2 DSGVO). Diese Pflicht liegt primär beim Verantwortlichen
(vgl. Art. 5 Abs. 2 und 24 DSGVO). Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie der Ver-
antwortliche die ordnungsgemäße Art und Weise seiner Verarbeitungsvorgänge daten-
schutzkonform nachweisen kann.
Der Nachweis für eine datenschutzkonforme und damit angemessene Mittelauswahl besteht
darin, dass der jeweils betrachtete Verarbeitungsvorgang die gesetzlichen Anforderungen,
die durch die sieben SDM-Gewährleistungsziele strukturiert werden, durchgängig erfüllt. Die-
ser Brückenschlag zwischen den DSGVO-Vorgaben („Soll“ der Verarbeitung) und der tat-
sächlichen Durchführung („Ist“ der Verarbeitung) kann – wie in der folgenden Abbildung dar-
gestellt – auf unterschiedliche Art und Weise erfolgen.
Abb. 3: Nachweismöglichkeiten für die rechtskonforme Art und Weise eines Verarbeitungsvorgangs
Zum einen kann die Erfüllung der SDM-Gewährleistungsziele durch eine Überprüfung etwa
im Rahmen eines Audits 6 nachgewiesen werden, das beispielsweise durch eine interne Stelle
(z. B. Datenschutzbeauftragter, interne Revision) oder durch einen externen Spezialisten
6
Ein Audit in diesem Sinn ist eine Prüfung mit einem Abschlussbericht, mittels der untersucht wird, ob eine be-
stimmte Verarbeitung in den untersuchten Bereichen datenschutzkonform ist.
15
III. Methode der Risikoanalyse
durchgeführt werden kann. In aller Regel ist diese Nachweisform jedoch nur punktuell und
anlassbezogen.
Zum anderen können Zertifizierungsverfahren (vgl. Art. 24 Abs. 3 DSGVO) als Gesichts-
punkte herangezogen werden, dass ein Verantwortlicher seine datenschutzrechtlichen
Pflichten erfüllt. Da auch diese Nachweismöglichkeiten derzeit nur punktuell genutzt werden,
ist der Blick wie folgt auf das Standard-Instrument der DSGVO zu richten, das dem Verant-
wortlichen für seine Nachweiserbringung immer zur Verfügung steht.
Die DSGVO stellt die Rechte und Freiheiten der betroffenen Personen – also derjenigen, de-
ren personenbezogene Daten verarbeitet werden – in den Vordergrund der Sicherheitsbe-
trachtungen.
Art. 24 Abs. 1 Satz 1 und Art. 32 Abs. 1 DSGVO legen jeweils fest, dass die Erforderlichkeit von
TOMs unter Berücksichtigung „der unterschiedlichen Eintrittswahrscheinlichkeit und
Schwere der Risiken (bzw. des Risikos) für die Rechte und Freiheiten natürlicher Personen“
geprüft werden muss. Ein Risiko ist dabei ein datenschutzwidriges →Szenario mit seinen
Konsequenzen für die betroffenen Personen, das grundsätzlich bezüglich seiner Eintritts-
wahrscheinlichkeit und seiner Schwere beurteilt wird. 7
Ähnlich wie im Bereich der IT-Sicherheit 8 muss daher regelmäßig bei der Einführung einer
neuen Verarbeitung eine Risikoanalyse durchgeführt werden. Kriterien für die Risikoanalyse
lassen sich vor allem den Erwägungsgründen 75 und 76, 89 bis 91 sowie 94 der DSGVO ent-
nehmen.
Der Begriff „Risikoanalyse“ bezeichnet in einschlägigen Empfehlungen 9 jedoch oft nur einen
Schritt im Rahmen einer „Risikobeurteilung“, die regelmäßig aus den folgenden Schritten be-
steht:
Im deutschen Sprachgebrauch hat sich allerdings der Begriff „Risikoanalyse“ für den kom-
pletten Prozess der Risikobeurteilung und Risikobehandlung etabliert. 10 Daher wird in dieser
7
Vgl. Artikel 29-Datenschutzgruppe, Leitlinien zur Datenschutz-Folgenabschätzung (DSFA) und Beantwortung
der Frage, ob eine Verarbeitung im Sinne der Verordnung 2016/679 ‚wahrscheinlich ein hohes Risiko mit sich
bringt, WP 248 Rev. 01, S. 6; die vom Europäischen Datenschutzausschuss gebilligten Leitlinien sind im Inter-
net auf [Link] unter der Rubrik „DSFA“ abrufbar.
8
Z. B. eine IT-Risikoanalyse auf der Basis von IT-Grundschutz oder eine Gefährdungsbeurteilung nach dem Ar-
beitsschutzgesetz.
9
Z. B. ISO-Normen.
10
Vgl. Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik, Risikoanalyse auf Basis von IT-Grundschutz, Stan-
dard 200-3, Kapitel 1.3, Internet: [Link]
nen/Standards-und-Zertifizierung/IT-Grundschutz/BSI-Standards/BSI-Standard-200-3-Risikomanage-
ment/bsi-standard-200-3-risikomanagement_node.html.
16
1. Gegenstand der Risikoanalyse
Orientierungshilfe – wie auch im IT-Grundschutz des Bundesamts für Sicherheit in der Infor-
mationstechnik (→BSI) –weiterhin der Begriff „Risikoanalyse“ für den umfassenden Prozess
benutzt.
Die Festlegung der Methode, die für die Durchführung der Risikoanalyse Anwendung findet,
ist ein besonders wichtiger Schritt. Die DSGVO nennt an mehreren Stellen (vgl. Art. 24
Abs. 1, 25 Abs.1, 32 Abs.1 und 35 Abs. 7 DSGVO) hinsichtlich dieser Methode nur die beiden
Bausteine „unterschiedliche Eintrittswahrscheinlichkeit und Schwere“ der Risiken (Risikobe-
wertung) und „geeignete technische und organisatorische Maßnahmen“ (TOMs). Daher ist
die Methode anhand der Zielsetzung der datenschutzrechtlichen Risikoanalyse vor einer
Durchführung weiter zu konkretisieren.
Gegenstand einer Risikoanalyse ist ein hinreichend beschriebener und von anderen Verar-
beitungsvorgängen klar abgegrenzter Verarbeitungsvorgang (im Folgenden als „→Zielver-
arbeitung“ bezeichnet). Die Zielverarbeitung kann jede Form einer Verarbeitung von perso-
nenbezogenen Daten haben, also insbesondere sein
– die Verarbeitung von personenbezogenen Daten durch ein Betriebsmittel (vgl. Punkt II.2),
Beim Zuschnitt der Zielverarbeitung ist stets zu gewährleisten, dass keine Lücken und damit
„blinde Flecken“ hinsichtlich der notwendigen Risikobetrachtung entstehen. Eine Prüfung auf
Vollständigkeit der Risikoanalyse setzt zum einen voraus, dass alle Verarbeitungen
– inklusive die spezifische Verarbeitungen von Betriebsmitteln (siehe Punkt II.2 und Punkt VI.
3. a) aa)) – im Verzeichnis von Verarbeitungstätigkeiten dokumentiert sind. Zum anderen
muss jede Verarbeitungstätigkeit von einer Risikobetrachtung vollständig umfasst sein und
damit eine Zuordnung der einzelnen Verarbeitungstätigkeit zu der bzw. den einschlägigen Ri-
sikoanalyse(n) klar und eindeutig möglich sein.
Trotz des grundsätzlich bestehenden hohen Freiheitsgrads bei der Auswahl und dem Zu-
schnitt der Zielverarbeitung sind folgende Rahmenbedingungen zu beachten:
– Transparenz. – Immer zu gewährleisten ist, dass die Risikoanalyse transparent bleibt, also
auch für Dritte verständlich und nachvollziehbar ist. Einen wichtigen Einfluss auf die Trans-
parenz hat die Komplexität der Zielverarbeitung.
17
III. Methode der Risikoanalyse
den speziellen rechtlichen Schutzanforderungen sowie auf die dort vorhandenen Verar-
beitungsrisiken. In aller Regel sind dabei Grenzziehungen zu beachten, die sich schon aus
dem Zuschnitt von Geschäftsprozessen, der Festlegung von „Produkten“ für die Leis-
tungserbringung oder aus anderen einheitlichen Lebenssachverhalten ergeben.
2. Gewährleistungsziele
2. Gewährleistungsziele
Die Grundsätze des Art. 5 DSGVO sowie weitere, diese Grundsätze konkretisierende
DSGVO-Anforderungen können in einzelne Datenschutz-Ziele überführt werden. Dies macht
etwa das Standard-Datenschutzmodell (SDM) 11, indem es datenschutzrechtliche Anforde-
rungen in einen Katalog von insgesamt sieben SDM-Gewährleistungszielen abbildet. Das
SDM ist als Standard-Methode im Datenschutz anerkannt und wird insbesondere von folgen-
den Stellen zitiert:
– IT-Planungsrat. – Der →IT-Planungsrat empfiehlt seinen Mitgliedern, das SDM bei Pla-
nung, Einführung und Betrieb von personenbezogenen Verarbeitungen anzuwenden. 14
Aus den Ausführungen im SDM geht hervor, dass der Kanon der SDM-Gewährleistungsziele
vollständig alle technischen und organisatorischen Anforderungen der DSGVO abdecken.
Damit ist der Erfüllungsgrad der sieben Gewährleistungsziele hinsichtlich der Zielverarbei-
tung eine anerkannte „Messmethode“ für den Nachweis, dass der Mitteleinsatz bei einer Ver-
arbeitung die DSGVO-Anforderungen einhält.
11
Siehe hierzu Fn. 5.
12
Siehe hierzu Fn. 7.
13
Internet: [Link]
PDFs_2021/03_CON_Konzepte_und_Vorgehensweisen/CON_2_Datenschutz_Edition_2021.html.
14
Internet: [Link]
18
2. Gewährleistungsziele
Die sieben SDM-Gewährleistungsziele besitzen in aller Kürze und auf das Wesentliche redu-
ziert folgenden inhaltlichen Umfang:
Das SDM-Gewährleistungsziel „Integrität“ spielt eine Sonderrolle, da es nach dem SDM fol-
gende Teilaspekte besitzt: 15
15
Vgl. SDM (Fn. 5), S. 32.
19
III. Methode der Risikoanalyse
– Konzeptionseinhaltung: Anforderung, dass Prozesse und Systeme die für sie gültigen
Vorgaben kontinuierlich einhalten (Gleichklang von Betrieb als Ist und der Konzeption als
Soll).
– Richtigkeit: Anforderung, dass zwischen der rechtlich normativen Anforderung und dem
Betrieb eine hinreichende Deckung besteht.
Die Risikoanalyse weist die Erfüllung der SDM-Gewährleistungsziele nach und ist somit Basis
für die Beantwortung der Frage, ob die eingesetzten Mittel der Zielverarbeitung die Anforde-
rungen der DSGVO einhalten.
Vor diesem Hintergrund kommt für die Risikoanalyse der SDM-Schutzbedarfsziele ein spezi-
elles Zielerfüllungsmanagement zur Anwendung (siehe Punkt III. 4.), woraus sich folgendes
Gesamtbild ergibt: 17
16
Siehe Commission Nationale de l’Informatique et des Libertés, Privacy Impact Assessment (PIA) – Methodo-
logy, Stand Februar 2018, S. 3, im Internet abrufbar unter [Link]
ment-en.
17
Vgl. Bitkom e. V., Risk Assessment & Datenschutz-Folgenabschätzung, Leitfaden, 2017, S. 8.
20
3. Risikoanalyse der SDM-Datensicherheitsziele
Die Aufspaltung in unterschiedliche Risikoanalysen birgt auf der Maßnahmen-Ebene nicht die
Gefahr, dass gleiche TOMs in beiden Risikobereichen parallel und gegebenenfalls unter-
schiedlich behandelt werden müssten. Denn beide Bereiche erfordern grundsätzlich unter-
schiedliche Maßnahmen zur Risikoeindämmung.
Beim klassischen Risikomanagement für den Datenschutz werden die Risiken aus Sicht der
betroffenen Personen betrachtet. Dieselbe Methode wird oft auch im Bereich der IT-Sicher-
heit mit dem wichtigen Unterschied eingesetzt, dass dort primär der Schwerpunkt auf die Ri-
siken für die jeweilige Institution gelegt wird (siehe Punkt VI. 3. b)).
– die →Schwachstelle,
– die →Risikoquelle,
– das Risiko-Szenario,
– der ampelfarbene, mit Freitext begründete Risikoindex bei Wirksamkeit der TOMs.
Folglich kann die Risikoanalyse mittels klassischen Risikomanagements wie folgt schema-
tisch dargestellt werden:
21
III. Methode der Risikoanalyse
Aus der Abbildung geht hervor, dass das Risiko-Szenario der eigentliche Gegenstand für die
Risikobewertung ist. In jedem Szenario wird möglichst differenziert ein Ereignis beschrieben,
durch das der betrachtete Verarbeitungsvorgang den normativen DSGVO-Rahmen verlassen
würde und das es daher zu vermeiden gilt.
Für eine einfachere Herleitung aller relevanten Risiko-Szenarien dient die Betrachtung der
Schwachstellen und der Risikoquellen (siehe Punkt IV. 3.). Schwachstellen sind dabei als Ei-
genschaften des betrachteten Verarbeitungsvorgangs definiert, die geeignet sind, bei hinzu-
treten einer bestimmten Risikoquelle ein Szenario mit Schadwirkung für die Rechte und Frei-
heiten natürlicher Personen auszulösen. Das Zusammenspiel der vier Aspekte Schwach-
stelle, Risikoquelle, Risiko-Szenario und Risikoindexierung soll kurz an einem Beispiel des All-
tags veranschaulicht werden:
Beispiel: Falls das Alter der Reifen eines Autos mehr als zehn Jahre beträgt, sind die Reifen
eine Schwachstelle des Autos. Solange das Auto etwa nur auf einem Schrottplatz steht, stellen
die alten Reifen mit verschlechterten Grip-Eigenschaften kein Risiko dar. Wird das Auto aber
gefahren und tritt „Regen“ als Risikoquelle zur Schwachstelle hinzu, so stellt der Sachverhalt
„Auto fährt mit alten Reifen im Regen“ ein Risiko-Szenario dar, das hinsichtlich Eintrittswahr-
scheinlichkeit und prognostizierten Schadensausmaß, also insgesamt mit dem Risikoindex
„hoch“ bewertet werden kann.
Ein Risiko im Sinne der DSGVO ist folglich das Bestehen der Möglichkeit des Eintritts eines
Szenarios, das selbst einen Schaden (einschließlich ungerechtfertigter Beeinträchtigung von
Rechten und Freiheiten natürlicher Personen) darstellt oder zu einem weiteren Schaden für
eine oder mehrere natürliche Personen führen kann.
22
3. Risikoanalyse der SDM-Datensicherheitsziele
Beim Risikomanagement hat ein Risiko grundsätzlich zwei Dimensionen: Erstens die
Schwere des Schadens und zweitens die Wahrscheinlichkeit, dass das Ereignis und die Fol-
geschäden eintreten. 18
Bei der hier empfohlenen Risikobewertung werden die Eintrittswahrscheinlichkeit und die
Schwere/der Schaden wie folgt abgestuft:
18
Vgl. Fn. 2, S. 1.
23
III. Methode der Risikoanalyse
Aus den festgelegten Einstufungen für die Eintrittswahrscheinlichkeit und für die Schwere der
Auswirkung ergibt sich im Ergebnis folgende Risikomatrix, die im Wesentlichen der Empfeh-
lung der Datenschutzkonferenz folgt: 20
Für den Risikoindex existieren im Datenschutz genau drei Stufen. Denn die DSGVO kennt die
Begriffe „Risiko“ und „hohes Risiko“, wobei „Risiko“ auch als „normales Risiko“ bezeichnet
werden kann. Daneben verwendet die DSGVO die Formulierung „voraussichtlich nicht zu ei-
nem Risiko“ führend (Art. 27 Abs. 2 Buchst. a und Art. 33 Abs. 1 DSGVO). Da es vollständig
risikolose Verarbeitungen nicht geben kann, wird die Formulierung „nicht zu einem Risiko“
von ihrem Sinn und Zweck ausgehend als „nur zu einem geringen Risiko“ führend verstan-
den. 21
Bei der Risikoanalyse der SDM-Schutzbedarfsziele steht das Risiko im Vordergrund, dass ein
fundamentales DSGVO-Prinzip nicht vollständig eingehalten werden kann. Um Vermischun-
19
Vgl. des BSI-Standard 200-3 (Fn. 11), Kapitel 5.1
20
Vgl. Datenschutzkonferenz, Risiko für die Rechte und Freiheiten natürlicher Personen (Fn. 2).
21
Vgl. Fn. 2.
24
4. Risikoanalyse der SDM-Schutzbedarfsziele
gen mit dem Risikomanagement zu vermeiden, wird im Folgenden von der Gefährdung ge-
sprochen, dass ein Zielerfüllungsgrad von 100% nicht dauerhaft erreicht werden kann. Somit
ergibt sich folgendes Bild:
Für eine einfachere Herleitung aller relevanten Gefährdungs-Szenarien dient die Betrach-
tung der Schwachstellen und der Gefährdungsquellen. Schwachstellen sind dabei als Eigen-
schaften des betrachteten Verarbeitungsvorgangs definiert, die geeignet sind, bei hinzutreten
einer bestimmten Gefährdungsquelle die vollständige Zielerreichung zu verhindern.
1 Gefährdung
Anstelle einzelner Risiken werden im Abstrahierungsgrad grundsätzlich frei wählbare Ge-
fährdungen der SDM-Schutzbedarfsziele betrachtet. Naheliegend für das SDM-Gewähr-
leistungsziel „Intervenierbarkeit“ wäre etwa ein Gefährdungsprofil, das sich aus den Ge-
fährdungen im Hinblick auf die einzelnen DSGVO-Betroffenenrechte (Auskunft, Lö-
schung, Berichtigung usw.) zusammensetzt.
2 Gefährdungsbewertung
Die Gefährdungsbewertung, ebenfalls in Ampelfarbe kodiert, kann abgestuft folgende Er-
gebnisse haben:
25
III. Methode der Risikoanalyse
3 Sicherstellungsmaßnahme
Anstelle des Begriffs „Abhilfemaßnahme“ wird hier der Begriff „Sicherstellungsmaß-
nahme“ verwendet. Aus der unterschiedlichen Maßnahmenbezeichnung soll nur hervor-
gehen, dass im Kontext des Zielerfüllungsmanagements die Maßnahmen dazu dienen, die
vollständige Erfüllung des betroffenen Ziels lückenlos sicherzustellen. Da beim klassi-
schen Risikomanagement die Maßnahmen das Einzelrisiko auf ein vertretbares Maß re-
duzieren bzw. ganz beseitigen, wurden die Maßnahmen dort – wie in der DSGVO – als Ab-
hilfemaßnahmen bezeichnet. Letztendlich dienen beide Maßnahmentypen dem gleichen
Ziel, als TOMs das Risiko für die Rechte und Freiheiten natürlicher Personen im Rahmen
der DSGVO zu halten.
26
5. Durchführung der Gesamtbewertung
Abb. 12: Ermittlung der Bewertung eines SDM-Gewährleistungsziels mittels des Maximum-Ansatzes
Um einen Zweifel an der gleichen Aussagekraft der Ergebnisse der beiden verwendeten Me-
thoden (Risikomanagement für die SDM-Datensicherheitsziele und Zielerfüllungsmanage-
ment für die SDM-Schutzziele) erst gar nicht aufkommen zu lassen, sollten die Bewertungs-
ergebnisse der beiden unterschiedlichen Methoden nicht mittels des Maximal-Ansatzes „zu-
sammengerechnet“ werden.
27
IV. Bausteine einer Risikoanalyse
IV. Bausteine einer Risikoanalyse
– die Quelle(n), die zusammen mit der Schwachstelle das konkret betrachteten Szenario
verursacht/en,
– das Szenario, also das Ereignis oder der Zustand, der bei der Verarbeitung zu vermeiden
ist,
– die Bewertung des einzelnen Szenarios ohne die Berücksichtigung von TOMs (→Aus-
gangsrisiko 22 bzw. →Ausgangsgefährdung),
– die geplanten und vor Durchführung der Zielverarbeitung wirksam umgesetzten TOMs,
die das Ausgangsrisiko bzw. die Ausgangsgefährdung auf ein vertretbares und angemes-
senes Niveau reduzieren, sowie
22
Siehe Datenschutzkonferenz, Risiko für die Rechte und Freiheiten natürlicher Personen (Fn. 2).
28
1. Schwachstelle
– die Bewertung des einzelnen Szenarios, bei der die wirksame Umsetzung der zugeordne-
ten TOMs unterstellt wird (Restrisiko bzw. Restgefährdung).
Vor diesem Hintergrund werden die elementaren Bausteine einer Risikoanalyse genauer be-
schrieben.
1. Schwachstelle
1. Schwachstelle
a) Verfügbarkeit
Hinsichtlich der Verfügbarkeit („personenbezogene Daten müssen relevante Geschäftspro-
zesse ermöglichen!“) sind insbesondere die beiden folgenden Schwachstellen relevant.
29
IV. Bausteine einer Risikoanalyse
IT-Systeme haben zudem Personen, die sie nutzen und betreuen. Der Zugriff auf die IT-
Systeme erfolgt grundsätzlich über die eingerichteten IT-Arbeitsplätze. Da IT-Systeme
zum Beispiel nicht ohne elektrischen Strom auskommen und in aller Regel auch mit der
Außenwelt – etwa über das Internet – vernetzt sind, sind die verwendeten Anschlüsse
ebenfalls zu berücksichtigen.
b) Vertraulichkeit
Schwachstellen für die Vertraulichkeit (Kenntnis und Weitergabe von personenbezogenen
Daten nur für befugte Personen) stellen in der Praxis zumeist einen Schwerpunkt der Be-
trachtung dar. Auch in diesem Bereich können typische Schwachstellen unter die folgenden
vier Gesichtspunkte subsumiert werden.
30
1. Schwachstelle
c) Integrität
aa) Datenintegrität
Die Datenintegrität („personenbezogene Daten nur rechtskonform ändern!“) kann insbeson-
dere aufgrund folgender Schwachstellen verletzt werden.
– Änderung Datensatz. – Bei der Bearbeitung eines einzelnen Datensatzes können digi-
tale personenbezogene Daten unerwünscht geändert werden.
bb) Konzepteinhaltung
Die Anforderung, dass Prozesse und IT-Systeme die für sie gültigen Vorgaben kontinuierlich
einhalten (Gleichklang von Betrieb als „Ist“ und der Konzeption als „Soll“), führt zu folgenden
Schwachstellen.
– Einhaltung der Vorgaben. – Die Prozesse und sie unterstützende IT-Systeme, welche
die Verarbeitung der personenbezogenen Daten unterstützen, können von den einschlä-
gigen Vorgaben unerwünscht abweichen.
31
IV. Bausteine einer Risikoanalyse
– Aktualität der Konzepte. – Die einschlägigen Vorgaben für die Prozesse und sie unter-
stützende IT-Systeme, die für die Verarbeitung der personenbezogenen Daten genutzt
werden, können veralten und damit nicht mehr gültig sein.
cc) Richtigkeit
Für die Anforderung, dass die von einer Verarbeitung betroffenen personenbezogenen Daten
sachlich richtig und erforderlichenfalls auf dem neuesten Stand sein müssen, sind folgende
Schwachstellen von Relevanz.
– Sachliche Richtigkeit. – Daten können nicht den sachlichen Anforderungen an die Rich-
tigkeit entsprechend erhoben und weiter verarbeitet werden.
d) Datenminimierung
Der wichtige Grundsatz, dass nur die für die Zielverarbeitung erforderlichen personenbezo-
genen Daten verarbeitet werden dürfen (Datensparsamkeit), kann durch zwei Schwachstel-
len konterkariert werden.
e) Intervenierbarkeit
Betroffenen Personen müssen die ihnen zustehenden Datenschutzrechte bei Bestehen der
gesetzlichen Voraussetzungen unverzüglich und wirksam gewährt werden. Schwachstellen
sind demnach in der Verhinderungsmöglichkeit der Rechtsausübung zu suchen.
– Auskunft. – Betroffene Personen können ihr Recht auf Auskunft nicht wahrnehmen
(Art. 15 DSGVO).
– Berichtigung. – Betroffene Personen können ihr Recht auf Berichtigung nicht wahrneh-
men (Art. 16 DSGVO).
32
2. Risiko- und Gefährdungsquellen
– Löschung. – Betroffene Personen können ihr Recht auf Löschung nicht wahrnehmen
(Art. 17 Abs. 1 DSGVO).
– Einschränkung. – Betroffene Personen können ihr Recht auf Einschränkung der Verar-
beitung nicht wahrnehmen (Art. 18 DSGVO).
– Widerspruch. – Betroffene Personen können ihr Recht auf Widerspruch nicht wahrneh-
men (Art. 21 Abs. 1 Satz 1 DSGVO).
– Automatisierte Entscheidung. – Betroffene Personen können ihr Recht auf Abwehr au-
tomatisierter Entscheidungen im Einzelfall nicht wahrnehmen (Art. 22 DSGVO).
f) Transparenz
Ein Verarbeitungsvorgang muss für die betroffenen Personen als solcher erkennbar, nach-
vollziehbar und prüfbar sein. Aus dieser Anforderung können folgende Schwachstellen abge-
leitet werden.
– Information. – Die Informationspflichten nach Art. 13, 14 DSGVO werden nicht (vollstän-
dig) erfüllt.
g) Nichtverkettung
Im Hinblick auf die Nichtverkettung existiert die Schwachstelle, dass personenbezogene Da-
ten rechtswidrig für andere als für den Verarbeitungsvorgang festgelegte Zwecke verarbeitet
werden können.
Risiko- und Gefährdungsquellen sind insbesondere Akteure oder Umweltereignisse, die auf-
grund einer der Zielverarbeitung innewohnenden Schwachstelle zu einem unerwünschten
33
IV. Bausteine einer Risikoanalyse
Szenario führen können. Somit sind Quellen zum einen als „Angriffe auf den Verarbeitungs-
vorgang“ durch Personen (z. B. Straftäter, Besucher, Beschäftigte des Verantwortlichen) oder
durch die Umwelt (z. B. Unwetter, Überschwemmung, Streiks) zu verstehen. Zum anderen
können Quellen aber auch nur Fehler sein, bei denen Menschen oder Technik von den ein-
schlägigen Vorgaben abweichen; auf den Vorsatz von Individuen kommt es dabei nicht an.
Auch die Möglichkeit einer bloßen Unbedachtheit kann zu berücksichtigen sein.
Im Bereich „menschliches Verhalten“ können die Quellen noch detaillierter unterteilt und be-
schrieben werden. In diesem Bereich können durch eine weitergehende Analyse der ver-
schiedenen Angreiferkategorien (z. B. Straftäter, interner Mitarbeiter, Besucher, Geheim-
dienst) verschiedene Aspekte dieser Kategorien, wie etwa „Attraktivität eines unbefugten Da-
tenzugriffs“ und „zur Verfügung stehende Ressourcen“, in einem sogenannten Angreifermo-
dell vertieft dargestellt und Rückschlüsse auf das bei diesen Quellen bestehende Risiko her-
geleitet werden. Ein Angreifer ist dabei eine Institution oder Person, welche absichtlich eine
unbefugte Verarbeitung anstrebt, die beim beabsichtigten Erfolg zur Verletzung der Sicher-
heit der Verarbeitung führt. Ein Angreifermodell beschreibt daher neben den Attributen an-
genommener Angreifer insbesondere auch die zu erwartenden Angriffswerkzeuge und -mo-
dalitäten.
3. Szenario
3. Szenario
Ein Szenario kann während der Durchführung der Zielverarbeitung eintreten und ist die Be-
schreibung für ein denkbares Ereignis oder einen denkbaren Zustand. Jedes Szenario führt
zu einer (zeitweisen) Nichterfüllung von DSGVO-Anforderungen hinsichtlich der Art und
34
3. Szenario
Weise der Verarbeitung und ist daher im Zusammenhang mit der Zielverarbeitung uner-
wünscht und zu vermeiden. Beim Eintritt eines Szenarios liegt regelmäßig ein Datenschutz-
verstoß mit potenziellen Schaden für betroffene Personen vor, der je nach seiner konkreten
Ausprägung auch eine meldepflichtige Verletzung des Schutzes personenbezogener Daten
sein kann (vgl. Art. 33 DSGVO).
Das Szenario ohne Berücksichtigung von TOMs ist Gegenstand für die Bewertung des Aus-
gangsrisikos. Das Szenario mit den hierzu wirksam umgesetzten TOMs ist Gegenstand für die
Bewertung des Restrisikos (siehe Punkt IV. 4.).
Nach dem Erfahrungssatz „Gefahr erkannt – Gefahr gebannt“ ist unverzichtbar, dass alle für
den Zielvorgang relevanten Szenarien identifiziert und einer anschließenden Bewertung zu-
geführt werden. In der Vergangenheit haben diverse Datenpannen gezeigt, dass nicht selten
einzelne Szenarien, die vom Verantwortlichen übersehen wurden und damit nicht mit geeig-
neten TOMs abgesichert waren, später Ursache für einen schwerwiegenden Datenschutzver-
stoß waren.
Für eine systematische Herleitung von relevanten Szenarien dient die Betrachtung der
Schwachstellen und der Quellen als Arbeitshilfe. Das Zusammenspiel der drei Aspekte
Schwachstelle, Quelle und Szenario soll kurz an einem Beispiel des Alltags veranschaulicht
werden.
Beispiel: Das Dach eines Hauses hat eine begrenzte Dachtraglast, die als generelle
Schwachstelle von Häusern verstanden werden kann. Nur wenn starker Schneefall oder
Sturm als mögliche Quellen hinzukommen und auf diese Schwachstelle einwirken, ergibt sich
das Szenario „Dach stürzt wegen zu großer Schnee- bzw. Windlast ein.“ Die Bewertung des
Ausgangsrisikos für dieses Szenario wird insbesondere nach der geografischen Lage des
Hauses unterschiedlich ausfallen und kann etwa mit der Maßnahme reduziert werden, dass
ab einer bestimmten Schneelast der Schnee vom Dach entfernt wird.
Durch die Kombination der unter Punkt IV. 1. aufgeführten Schwachstellen mit den unter
Punkt IV. 2. genannten Quellen können systematisch Szenarien gebildet und deren Relevanz
bezüglich des Zielvorgangs anschließend beurteilt werden.
Die Detaillierung und Granularität der Szenarien sollten sich insbesondere an dem verbunde-
nen Ausgangsrisiko und der vorliegenden Verarbeitungskomplexität orientieren. Somit kön-
nen Zielverarbeitungen unterschiedliche Analyseschwerpunkte erfordern.
35
IV. Bausteine einer Risikoanalyse
Beispiel: Ist für eine Zielverarbeitung etwa eine einfach operationalisierbare und kurze Auf-
bewahrungsfrist zu beachten, wodurch eine automatisierte Löschung als TOM einfach um-
setzbar ist, muss das Gewährleistungsziel „Datenminimierung“ in dieser Hinsicht nicht so ver-
tieft behandeln werden wie bei einer Zielverarbeitung mit einem komplexen, teilweise mit ma-
nuellen Tätigkeiten ausgestalteten Löschkonzept und langer Speicherdauer.
Die Strukturierung und Sortierung der Szenarien ist mit besonderer Rücksicht auf die gege-
bene Komplexität, die Verständlichkeit sowie die Transparenz zu wählen. So kann sich die
Struktur der Szenarien orientieren
– an den Gewährleistungszielen,
Bei einer Strukturierung der Szenarien nach den Gewährleistungszielen ist zu beachten, dass
nicht alle Szenarien sich auf genau einen Bereich eines Gewährleistungsziels abbilden lassen.
Vielmehr gibt es Szenarien, die mehreren Gewährleistungszielen gleichzeitig zugeordnet
werden können.
Beispiel: Ein erfolgreicher Schadsoftware-Angriff kann sowohl Auswirkungen auf die Ver-
traulichkeit, Verfügbarkeit und Datenintegrität haben. In einem solchen Fall sollte das be-
troffene Einzelszenario nur einmal in der Risikoanalyse gegebenenfalls mit entsprechenden
Verweisungen behandelt werden, um insbesondere die Gefahr von Inkonsistenzen und von
unnötiger Komplexität in der Risikoanalyse zu vermeiden (siehe Punkt VI. 3. a) bb)).
Bei den unterschiedlich denkbaren Strukturierungen der Szenarien wird jedoch die Trennung
der Szenarien nach ihrer jeweiligen Bewertungsmethode (z. B. Risiko- und Zielerfüllungsma-
nagement) in aller Regel durchgehend erhalten bleiben.
Gegenstand einer einzelnen Risikobewertung ist ein Szenario, für welches das Risiko abge-
schätzt wird. Dabei wird das Szenario zum einen ohne Berücksichtigung der TOMs als soge-
nanntes Ausgangsrisiko und zum anderen mit Berücksichtigung der TOMs als sogenanntes
Restrisiko bewertet. 23 Mögliche Methoden für die Ermittlung dieser beiden Risiken wurden
schon unter den Punkten III. 3. und III. 4. vorgestellt.
23
Siehe Datenschutzkonferenz, Risiko für die Rechte und Freiheiten natürlicher Personen (Fn. 2).
36
5. Technische und organisatorische Maßnahmen (TOMs)
Erst durch die wirksame Umsetzung der TOMs, die durch die Risikoanalyse ermittelt wurden,
wird für die Zielverarbeitung ein dem Risiko angemessenes Schutzniveau gewährleistet.
TOMs reduzieren Risiken auf ein angemessenes Niveau bzw. gewährleisten, dass Gewähr-
leistungsziele dauerhaft erfüllt werden. Im Datenschutz ist nur eine Risikoreduktion bis hin zu
angemessenen Restrisiken oder Risikovermeidung, also insbesondere kein Transfer von Ri-
siken – etwa auf Versicherungen – möglich.
Obwohl die Auswahl potenzieller TOMs für viele, insbesondere auch die IT-Sicherheit betref-
fende Bereiche groß ist, bleibt die besondere Herausforderung, für eine konkrete Zielverar-
beitung risikoorientiert effektive Einzelmaßnahmen zu identifizieren und einen geeigneten
Abstrahierungsgrad für das Maßnahmenprofil zu finden.
Da das wesentliche Ziel der datenschutzrechtlichen Risikoanalyse darin besteht, auf Basis der
gewonnenen Erkenntnisse geeignete TOMs nachhaltig umzusetzen, werden weitere Aspekte
zu den TOMs ihrer Bedeutung entsprechend im nächsten Kapitel behandelt.
24
Siehe Fn. 8.
25
Die Orientierungshilfe ist auf [Link] in der Rubrik „DSFA“ abrufbar.
37
V. Systematik der TOMs
V. Systematik der TOMs
TOMs sind an verschiedenen Stellen der DSGVO verankert. So finden sich an folgenden Stel-
len Aussagen dazu:
– Art. 5 Abs. 1 Buchst. f DSGVO „Grundsätze für die Verarbeitung personenbezogener Da-
ten“,
Nach diesen Vorgaben müssen TOMs durch den Verantwortlichen und/oder den Auf-
tragsverarbeiter wirksam umgesetzt werden und sind dazu bestimmt, dauerhaft ein dem Ri-
siko angemessenes Schutzniveau bei jeder Verarbeitung personenbezogener Daten zu ge-
währleisten. Damit die TOMs dieser Bestimmung nachkommen können, müssen sie ver-
schiedene Anforderungen erfüllen.
Die TOMs können entsprechend ihrer Bezeichnung grundsätzlich in folgende zwei Gruppen
unterteilt werden.
Beispiel: Die Regelung in einer Dienstanweisung, bestimmte Daten nicht mündlich an Dritte
zu kommunizieren, sowie die Schulung oder andere Sensibilisierung von Beschäftigten sind
organisatorische Maßnahmen.
38
1. Anforderungen an TOMs
Folglich existieren Bereiche, in denen TOMs nicht durch Technik abgesichert werden können
und damit ausschließlich organisatorische TOMs implementierbar sind. Da der Begriff „tech-
nische und organisatorische Maßnahmen“ jedoch beider Ausgestaltungsformen der TOMs
umfasst, gehört die Abgrenzung regelmäßig nicht zu den wesentlichen Herausforderungen
bei einer Risikoanalyse.
1. Anforderungen an TOMs
1. Anforderungen an TOMs
a) Umfassende Betrachtung
Bei digitalisierten Verarbeitungsvorgängen werden personenbezogene Daten durch un-
terschiedliche Komponenten verarbeitet. Das Standard-Datenschutzmodell (SDM) unter-
scheidet dabei die drei Komponenten „Daten“, technische „Systeme und Dienste“ sowie tech-
nische, organisatorische und personelle „Prozesse“ der Verarbeitung. 26 Diese Unterschei-
dung berücksichtigend können die unterschiedlich möglichen Anknüpfungspunkte von
TOMs im Folgenden schematischen Schichtenmodell identifiziert werden, bei dem die ein-
zelnen Schichten von unten nach oben aufeinander aufbauen.
Mit der systematischen Betrachtung und Dokumentation von Geschäftsprozessen kann die
Ablauforganisation einer Institution lückenlos und mit einem beliebigen Detailierungsgrad
dargestellt werden. Die Verarbeitungsvorgänge sind in der Ablauforganisation integriert und
können auch innerhalb der Geschäftsprozessmodellierung umfassend dargestellt werden.
Die vollständige Darstellung der Geschäftsprozesse in einer Prozesslandkarte ist dabei ein
26
Vgl. SDM (Fn. 5), S. 14.
39
V. Systematik der TOMs
Instrument, um den Überblick über alle Geschäftsprozesse einer Institution bzw. Stelle und
damit auch über alle in den Geschäftsprozessen integrierten Verarbeitungstätigkeiten zu
schaffen.
Beispiel: TOMs, die auf der Ebene des Geschäftsprozesses „Personal verwalten“ verankert
sind, sind beispielsweise
– die Anweisungen, beim Verlassen des Büros die Zimmertür abzusperren, und
– Personen, die keinen Dienstausweis in der Dienststelle tragen, nach ihrem Zielort zu fra-
gen.
Die IT-Infrastruktur mit ihren Rechnern, Servern, Netzwerken, Diensten aus der Cloud (z. B.
Infrastructure-as-a-Service) usw. ist die Basis des IT-Gesamtsystems.
Beispiel: TOMs, die unmittelbar an den personenbezogenen Daten anknüpfen, sind bei-
spielsweise
– die Verschlüsselung von personenbezogenen Daten und
– die Pseudonymisierung von personenbezogenen Daten (vgl. Art. 32 Abs. 1 DSGVO).
Es gibt TOMs, die genau einer Schicht zugeordnet werden können (z. B. Festplattenver-
schlüsselung als TOM auf der Ebene IT-Infrastruktur), und andere TOMs, die auf mehreren
Schichten Wirkung entfalten und daher relevant sind.
27
Vgl. Baustein 51 „Zugriff auf Daten, Systeme und Prozesse erteilen“ des Standard Datenschutzmodells (SDM,
Fn. 5) .
40
1. Anforderungen an TOMs
– eine Sensibilisierung/Schulung,
– eine Protokollierung der Zugriffe auf personenbezogene Daten und
– ein Änderungs- und Zugriffsmanagement.
b) Risikoorientierung
Das Risiko einer Verarbeitung muss mittels TOMs auf ein angemessenes Niveau reduziert
werden. Die Auswahl geeigneter TOMs richtet sich dabei nach dem Risiko, das einer Zielver-
arbeitung noch ohne Berücksichtigung von Schutzmaßnahmen innewohnt. Das Ausgangsri-
siko wird insbesondere durch die verarbeiteten Daten, die weiteren Umständen der Verarbei-
tung und die sich daraus ergebenden risikobehafteten Szenarien geprägt. Die Geeignetheit
von TOMs bemisst sich danach, ob nach einer wirksamen Umsetzung der TOMs das verblei-
bende Restrisiko bezüglich des betrachteten Szenarios angemessen ist.
Die Identifikation geeigneter TOMs erfolgt in der Regel schrittweise und iterativ. Bei diesem
Vorgehen sind insbesondere folgende Fragestellungen und Prüfungen zu berücksichtigen:
– Werden alle Einzelaspekte des betrachteten Szenarios durch die zugeordneten TOMs ab-
gedeckt?
– Ergibt sich durch das Zusammenwirken der TOMs ein wirksames Ganzes?
Ungeeignete TOMs sollten verworfen und noch fehlende angemessene TOMs ergänzt wer-
den.
Zu jeder TOM muss grundsätzlich auch ihr Wirkmechanismus, mittels dessen jeweils die Risi-
kominderung erreicht werden soll, verständlich in der Risikoanalyse dargestellt werden. Bei
einer Überprüfung des Wirkmechanismus vergleichbarer TOMs kann risikoorientiert dieje-
nige TOM angemessen und auszuwählen sein, die bei Berücksichtigung des Stands der Tech-
nik (vgl. Punkt V. 1. e)) den auf dem Markt wirkungsvollsten Schutz bietet.
Die bloße Nennung von Begriffskategorien, wie z. B. „Einsatz von Verschlüsselung“, genügt
nicht. Denn hierbei fehlen etwa die Angaben zu der Verschlüsselungsart (z. B. Transportver-
schlüsselung, Ende-zu-Ende-Verschlüsselung), zum Verschlüsselungsalgorithmus sowie die
Beschreibung der Verschlüsselungsparameter, wie beispielsweise die Schlüssellänge und
Methoden zur sicheren Verwahrung privater Entschlüsselungsschlüssel.
Zudem muss aus der Maßnahmenbeschreibung ebenfalls hervorgehen, auf welche Kompo-
nente(n) die TOM wirkt (z. B. Virusschutz für Client, Virusschutz für Server). Insgesamt muss
41
V. Systematik der TOMs
plausibilisiert werden, inwiefern die identifizierten TOMs geeignet sind, die Risiken so zu min-
dern, dass nur noch ein angemessenes Restrisiko übrigbleibt.
d) Datenschutzfreundliche Voreinstellungen
Die Voreinstellungen von datenschutzrechtlich relevanten Funktionen der Betriebsmittel und
anderen Einstellungen der Verarbeitungsmittel sollten so gestaltet sein, dass sie die Grund-
prinzipien des Datenschutzes und der IT-Sicherheit von vornherein berücksichtigen (Bei-
spiele: Eingabe von schwachen Standard-Passwörtern nicht möglich, Verschlüsselung akti-
viert, Beschränkung der Berechtigungen von Benutzern, Ortungsdienste ausgeschaltet).
Diese gesetzliche Anforderung ist auch auf den organisatorischen Aspekt von TOMs auszu-
weiten, so dass die TOMs insbesondere auch den Stand der Organisation zu berücksichtigen
haben. Im Hinblick auf die Organisation, bei der insbesondere durch „good practice“ in be-
stimmten Bereichen ebenfalls von einem „Stand der Organisation“ ausgegangen werden
kann, existieren zwar nicht annähernd so viele Hinweise wie zum Stand der Technik. 29 Im Hin-
blick auf bestehende Beschreibungen und Bedeutung rein organisatorischer Maßnahmen
(z. B. Sensibilisierung von Beschäftigten) ist aber auch hier ein entsprechender Maßstab an-
zulegen.
28
Beispielsweise im Rahmen des Vergabeverfahrens.
29
Siehe jedoch beispielsweise das Arbeitspapier „Datenschutz bei der Nutzung von Telefax-Diensten“, das den
Stand der Organisation beim Faxen darstellt und das auf [Link] in der Rubrik
„Datenschutzreform 2018“ abrufbar ist.
42
1. Anforderungen an TOMs
Da das Sicherheitsniveau „Stand der Technik und Organisation“ in der DSGVO nicht weiter-
gehend konkretisiert wird, lohnt sich ein Blick auf die Rechtsprechung. Nach der Rechtspre-
chung wird beim Stand der Technik nach nationalem Verständnis der rechtliche Maßstab für
das Gebotene an das neuere Angebot der technischen Entwicklung verlagert, da die allge-
meine Anerkennung und die praktische Bewährung allein für den Stand der Technik nicht
ausschlaggebend sind. Nicht hingegen umfasst sind Maßnahmen, die neusten Entwicklungen
aus Laboren und Forschung entspringen. 30
Abb. 18: Drei-Stufen-Theorie für die Anforderungen an die Technik nach Kalkar-Entscheidung
Für die Prüfung, ob eine konkrete technische und organisatorische Maßnahme angemessen
ist, müssen grundsätzlich die Implementierungskosten mit den Ergebnissen der Risikoana-
lyse abgewogen werden (siehe Abbildung 18). Je sensibler die personenbezogenen Daten 31
und je höher die Risiken für die betroffenen Personen sind, desto umfassendere TOMs sind
regelmäßig angemessen. In Einzelfällen ist auch denkbar, dass nur TOMs nach dem Stand der
Wissenschaft und Forschung ein bestehendes hohes Verarbeitungsrisiko auf ein angemes-
senes Niveau reduzieren können.
Bestehende Orientierungshilfen zum Stand der Technik verdeutlichen, dass das Festlegen
eines Mindeststandards für eine bestimmte Branche von vielen einzelnen Faktoren abhängt.
Eine genaue Bestimmung des Mindeststandards muss daher vor dem Hintergrund eventuell
30
Vgl. die drei gerichtlichen Abstufungen „allgemein anerkannten Regeln der Technik“, „Stand der Technik“ und
„Stand von Wissenschaft und Technik“ in BVerfGE 49, 89, 1978, „Kalkar I“.
31
Siehe etwa besondere Kategorien personenbezogener Daten nach Art. 9 DSGVO.
43
V. Systematik der TOMs
Der Stand der Technik ist dynamisch und muss laufend auf neue Entwicklungen und Reife-
grade hin überprüft werden. Relativiert wird diese Anforderung allerdings insbesondere durch
die grundsätzlich zu berücksichtigenden Implementierungskosten für die Maßnahmen 33 und
die Ausprägung sowie das Ausgangsrisiko der Zielverarbeitung. So erfordert die Auswahl der
TOMs im Einzelfall eine nachvollziehbare Abwägung der im Art. 32 DSGVO genannten As-
pekte, die gesondert zu dokumentieren ist.
Diese Pflicht, dass der Verantwortliche vor der eigentlichen Verarbeitung sich mit deren ge-
nauen Ausgestaltung beschäftigen muss, hat zum einen das Ziel, möglichst zeitnah erkennen
zu können, ob eine Verarbeitung trotz geplanter TOMs ein hohes Risiko zur Folge hat. In ei-
nem solchen Fall muss der Verantwortliche vor der Verarbeitung die zuständige Datenschutz-
Aufsichtsbehörde konsultieren (Art. 36 Abs. 1 DSGVO).
Zum anderen benötigen manche TOMs für ihre wirksame Umsetzung längere Zeiträume
(z. B. Netztrennung, indem interne IT-Netzsegmente restriktiv mit Netzwerkkomponenten
voneinander getrennt werden). Zudem führt die rechtzeitige Analyse und Vorplanung einer
Verarbeitung auch dazu, dass auf dem Weg bis hin zur eigentlichen Durchführung der Verar-
beitung wichtige Aspekte und TOMs nicht vergessen werden.
Beispiel: Bei der Beschaffung eines neuen IT-Systems, das die Verarbeitung unterstützen
soll, können sogenannte Ausschlusskriterien bei der Durchführung der Vergabe aus dem Da-
tenschutz stammen. In diesem Zusammenhang zu denken wäre beispielsweise an unver-
zichtbare Löschfunktionen und die Umsetzbarkeit des erforderlichen Zugriffsschutzes. Bei
der Beschaffung vergessene und später auch nicht anderweitig umsetzbare Funktionen kön-
nen im schlechtesten Fall dazu führen, dass ein beschafftes IT-System nicht datenschutzkon-
form betrieben werden kann.
32
Vgl. Bundesverband IT-Sicherheit e.V. (TeleTrusT), IT-Sicherheitsgesetz und Datenschutz-Grundverordnung:
Handreichung zum „Stand der Technik“, Technische und organisatorische Maßnahmen, Internet:
[Link]
33
Im Zusammenhang mit der DSFA ist der Aspekt der Implementierungskosten bzgl. der TOMs nicht ausdrück-
lich genannt, vgl. Punkt VIII.1.
44
1. Anforderungen an TOMs
g) Wirksamkeitsüberwachung
Nachdem die erforderlichen TOMs zumeist iterativ in mehreren Schritten festgelegt wurden
(siehe Punkt V. 2.), müssen diese wirksam umgesetzt werden, das heißt sie müssen beauf-
tragt, umgesetzt und dauerhaft aktiviert werden. Diese Umsetzung kann, je nach Komplexität
der Maßnahme, auch in Form eines Vorhabens oder Projekts durchgeführt werden. Nach der
Umsetzung sind die TOMs erforderlichenfalls hinsichtlich ihrer Wirksamkeit zu überprüfen
und gegebenenfalls zu aktualisieren (vgl. Art. 24 Abs. 1 Satz 2, Art. 25 Abs. 1, 32 Abs. 1
Buchst. d, 35 Abs. 11 DSGVO).
Die Wirksamkeit einer TOM muss von ihrer Wirkungsweise und Schutzwirkung schon begriff-
lich unterschieden werden. Die Wirksamkeit einer TOM liegt vor, wenn die TOM genauso, wie
sie spezifiziert wurde, dauerhaft umgesetzt ist.
Die Wirkungsweise und Schutzwirkung hingegen gehören zu der Spezifikation einer TOM,
also zu der Fragestellung, ob die TOM überhaupt geeignet ist, dass für sie einschlägige Ver-
arbeitungsrisiko angemessen zu reduzieren (siehe Punkt V. 1. b)).
Die Prüfung der Wirksamkeit von TOMs kann unterschiedlich aufwändig sein.
– Sind die TOMs für die Mitarbeiter und andere Adressaten leicht verständlich und transpa-
rent?
– TOMs, die von den Adressaten nicht akzeptiert werden, werden oft „umgangen“. Es sollten
praktikable Lösungen erarbeitet werden, die die Adressaten möglichst wenig einschrän-
ken oder behindern.
– Ist zeitnah ersichtlich, wenn eine TOM ausfällt und damit nicht mehr wirksam ist?
45
V. Systematik der TOMs
Beispiel: Die Datensicherung als wichtige TOM verarbeitet regelmäßig sowohl die personen-
bezogenen Daten des Verarbeitungsvorgangs, dessen Daten gesichert werden, als auch spe-
zifische Betriebsmitteldaten, wie z. B. Protokollierungsdaten und Daten zu den Benutzern des
Backup-Systems (Benutzerverwaltung).
Werden ausnahmsweise Dritte als ausführende Akteure für risikomindernde TOMs benannt,
so ist dies nur möglich, wenn ein vertragliches oder sonstiges Weisungs- und Kontrollrecht
besteht, mittels dessen der Verantwortliche bzw. der Auftragsverarbeiter die Durchsetzung
der TOMs gewährleisten kann.
TOMs können aus unterschiedlichen Quellen hergeleitet werden, die wie folgt unterschieden
werden können.
a) Vorgaben
In den für die Institution einschlägigen Normen und Vorgaben können bestimmte TOMs aus-
drücklich festgelegt und eine Implementierung gefordert werden.
1 Rechtsvorschriften
Die DSGVO und andere Normen, wie Fachgesetze mit Rechtsgrundlagen für die Verar-
beitung von Daten, geben bestimmte TOMs teilweise verbindlich oder nur empfehlend
vor. Die DSGVO sieht zwar keine Auflistung von Datensicherheitsmaßnahmen mehr vor,
wie sie Art. 7 BayDSG in der bis zum 24. Mai 2028 geltenden Fassung enthielt („Zehn Ge-
bote“). Insbesondere in Art. 25 und Art. 32 DSGVO werden jedoch einige Maßnahmen und
Schutzziele in Bezug auf die Technik und Sicherheit der Datenverarbeitung aufgeführt.
Diese beziehen sich teils unmittelbar auf die Daten, teils aber auch auf die IT-Systeme, die
im Zusammenhang mit der Datenverarbeitung eingesetzt werden (vgl. insbesondere Art.
32 Abs. 1 DSGVO).
46
2. Quellen und Fundstellen von TOMs
Beispiel: Als Beispiele hierfür sind die Richtlinie der Kassenärztliche Bundesvereinigung
nach § 75b Fünftes Buch Sozialgesetzbuch – Gesetzliche Krankenversicherung – (SGB
V) über die Anforderungen zur Gewährleistung der IT-Sicherheit zu nennen.
2 Selbstregulierung
Zudem sind TOMs in Verhaltensregeln (Art. 40 DSGVO), sonstigen Vorgaben und Min-
deststandards, die von gesellschaftlichen Gruppen, Verbänden und Organisationen für ih-
ren Wirkungskreis geschaffen werden, verankert. 34 Zu beobachten ist, dass berufsspezifi-
sche Verhaltensregeln immer häufiger genutzt werden bzw. deren Erstellung gesetzlich
vorgesehen werden.
Beispiel: Als Beispiele genannt werden können die geplanten und noch in Abstimmung
befindlichen Verhaltensregeln der Bundesnotarkammer zu technischen und organisato-
rischen Maßnahmen der Notarinnen und Notare im Hinblick auf deren elektronische Auf-
zeichnungen und Hilfsmittel nach § 6 Notar-Akten- und Verzeichnisse-Verordnung.
3 Interne Vorgaben
Viele Institutionen bzw. Stellen geben sich im Rahmen ihres Datenschutzmanagement
selbst weitere interne Vorgaben etwa in der Form einer „Datenschutz-Geschäftsord-
nung“, die auch TOMs enthalten. 35
b) Risikoanalyse
TOMs sind zudem vom Verantwortlichen im Rahmen der jeweils notwendigen Risikoanalyse
selbst herzuleiten (vgl. zum Beispiel Art. 35 Abs. 7 Buchst. d DSGVO). Die Risikoanalyse ist
entweder im Kontext einer Risikoanalyse-Allgemein (siehe Punkt VIII.) oder im Kontext einer
Risikoanalyse, die im Zusammenhang mit einer DSFA stets durchgeführt wird (Risikoanalyse-
DSFA, siehe Punkt VII.), ein wichtiger Generator für TOMs.
Die Risikoanalyse-DSFA und die Risikoanalyse-Allgemein haben als wesentliches Ziel, geeig-
nete TOMs für die Zielverarbeitung zu identifizieren und wirksam umzusetzen, um ein dem
Verarbeitungsrisiko angemessenes Schutzniveau zu gewährleisten.
34
Z. B. Deutsche Krankenhausgesellschaft, Branchenspezifischer Sicherheitsstandard für die Gesundheitsver-
sorgung im Krankenhaus, Internet: [Link]
heit-und-technischer-datenschutz/informationssicherheit-im-krankenhaus/.
35
Beispielsweise hat das Bayerische Staatsministerium des Innern, für Sport und Integration ein Muster für eine
Datenschutz-Geschäftsordnung unter [Link]
form_arbeitshilfen veröffentlicht.
47
V. Systematik der TOMs
– Behörden für die IT-Sicherheit. – Im Bereich der TOMs für die IT-Sicherheit sind die
Veröffentlichungen des BSI und des LSI zu nennen.
Neben den oft zu findenden TOM-Katalogen, die teilweise unterschiedliche Zeitstände und
sehr unterschiedliche Konkretisierungsgrade bezüglich der Beschreibung der einzelnen
TOMs aufweisen, wurden auch Arbeitshilfen für die Herleitung von TOMs veröffentlicht. 37
Beispiel: Die Verschlüsselung von personenbezogenen Daten ist eine Schutzmaßnahme mit
dem typischen Hauptziel, die Wahrscheinlichkeit eines unbefugten Datenzugriffs zu reduzie-
ren. Die Umsetzung eines Notfallkonzepts hingegen ist eine Maßnahme, die nach einer auf-
getretenen Datenpanne auf die Minderung des Schadens und der Folgen für die betroffenen
36
Siehe etwa Zentralarchiv für Tätigkeitsberichte der Bundes- und der Landesdatenschutzbeauftragten sowie
der Aufsichtsbehörden für den Datenschutz (ZafTDa), Internet: [Link]
37
Z. B. Prozess zur Auswahl angemessener Sicherungsmaßnahmen (ZAWAS), Internet: [Link]
[Link]/startseite/themen/technik_und_organisation/orientierungshilfen_und_handlungsempfehlungen/za-
was/[Link].
48
3. Weitere Besonderheiten von TOMs
Personen abzielt. Je nach Gestaltung der Schulung von Beschäftigten, die an Verarbeitungen
beteiligt sind, kann diese Sensibilisierung kombiniert sowohl die Eintrittswahrscheinlichkeit
als auch die Schadenshöhe reduzieren.
b) Implementierungskosten
Die einzelnen TOMs sind unter der Berücksichtigung von mehreren Aspekten einzurichten.
Davon umfasst sind auch grundsätzlich 38 die Implementierungskosten (vgl. Art. 32 Abs. 1
DSGVO). Zu diesen Kosten gehören die Kosten für die Einrichtung und Umsetzung einer
TOM sowie die Kosten für deren Betrieb und späteren Deaktivierung. Obwohl die Implemen-
tierungskosten ein Auswahlkriterium für angemessene TOMs sind, werden mit bloßen Kos-
tenargumenten keine unzureichenden TOMs zu rechtfertigen sein.
Wie beim Abwägungsaspekt „Stand der Technik“ (siehe Punkt V.1.e)) handelt es sich auch
bei den Kosten um einen Faktor, der in die Einzelfallabwägung zum Feststellen der Verhält-
nismäßigkeit und Angemessenheit einer bestimmten TOM eingeht. Art. 24 Abs. 1 DSGVO,
der einen wichtigen Maßstab für den Handlungsbedarf des Verantwortlichen regelt, nennt die
Implementierungskosten jedoch nicht. Der Verantwortliche könnte sich also bei einem Ver-
zicht auf angemessene TOMs nicht darauf berufen, dass ihm die finanziellen oder personellen
Mittel fehlen: Er muss stets in der Lage sein, seiner Verantwortung nach Art. 24 Abs. 1 DSGVO
sowie seiner Rechenschaftspflicht nach Art. 5 Abs. 2 DSGVO nachzukommen. 39
c) Beschäftigtendatenschutz
Da durch TOMs regelmäßig auch etwa Benutzerdaten als spezifische Betriebsmitteldaten
verarbeitet werden (siehe Punkt V. 1. h)), ist im Fall der Verarbeitung von Beschäftigtendaten
der Beschäftigtendatenschutz sowie gegebenenfalls die Wahrung der Mitbestimmungs-
rechte der Personalvertretung zu beachten.
38
Im Zusammenhang mit der DSFA ist der Aspekt der Implementierungskosten bzgl. der TOMs nicht ausdrück-
lich genannt, vgl. Punkt VIII.1.
39
Vgl. Hansen, in: Simitis/Hornung/Spiecker gen. Döhmann, Datenschutzrecht, 2019, Art. 32 DSGVO Rn. 26.
49
VI. Praxishinweise für Risikoanalysen
VI. Praxishinweise für Risikoanalysen
1. Adressatengerechte Gestaltung
1. Adressatengerechte Gestaltung
Die „Rechenschaftspflicht“ trifft den Verantwortlichen (vgl. auch Punkt V. 1. i)). Dieser muss
nachweisen können, dass eine Verarbeitung gemäß den Vorgaben der DSGVO erfolgt (vgl.
insbesondere Art. 5 Abs. 2, Art. 24 Abs. 1 Satz 1 DSGVO). Im Rahmen dieses Nachweises
kann auf eine Risikoanalyse-Allgemein zurückgegriffen werden (siehe Punkt VIII.). Im Rah-
men einer DSFA ist eine Risikoanalyse gemäß Art. 35 Abs. 7 Buchst. c und d DSGVO ver-
pflichtend (siehe Punkt VII.).
Adressat einer durchgeführten DSFA bzw. einer Risikoanalyse-Allgemein ist zunächst die
verantwortliche Stelle selbst. So müssen beispielsweise alle für die Wirkung von TOMs unver-
zichtbaren Informationen an die relevanten Beschäftigten und sonstigen Personen weiterge-
geben werden. Dabei ist zu gewährleisten, dass diese Informationen dauerhaft, also auch bei
einem Wechsel von Zuständigkeiten und nach längerem Zeitablauf ohne Anwendung dieser
Informationen, in der Organisation fest verankert bleiben und gelebt werden. Die Informati-
onsweitergabe muss daher adressatengerecht (z. B. Checklisten, Schulung, Einzelanwei-
sung) und in Teilbereichen auch wiederholend erfolgen.
Die Rechte und Freiheiten betroffener Personen stehen zwar im Mittelpunkt der datenschutz-
rechtlichen Risikoanalyse. Dieser Personenkreis hat jedoch allenfalls bei Erfüllung bestimm-
ter Bedingungen ein Einsichtsrecht in die Risikoanalyse, da insbesondere ein solches nicht
allgemein in Art. 15 DSGVO verankert ist. In tatsächlicher Hinsicht können jedoch DSFAs und
allgemeine Risikoanalyse vollständig oder zumindest auszugsweise
40
Siehe z. B. den Bericht zur Datenschutz-Folgenabschätzung für die Corona-Warn-App der Bundesrepublik
Deutschland unter [Link]
50
2. Organisation der Durchführung
– in Form einer gesetzlichen DSFA als Teil der Gesetzesbegründung 41 (vgl. auch Punkt VII.
5. b)) und
kommuniziert werden.
Bei der Offenlegung einer Risikoanalyse können Bedenken des Verantwortlichen bezüglich
der Sicherheit der Verarbeitung aufkommen. Neben einer auszugsweisen Offenlegung ist
auch an die Möglichkeiten zu denken, die unter dem Schlagwort „Spannungsverhältnis zwi-
schen Nachweispflicht und Sicherheit“ unter dem Punkt VI. 5. dargestellt werden.
a) Team
Bayerische öffentliche Stellen sollten frühzeitig entscheiden, welche Methodik für die Risiko-
analyse verwendet wird. Nach der Festlegung des methodischen Ansatzes kann es auch sinn-
voll sein, organisatorische Rahmenbedingungen für die Durchführung von Risikoanalysen zu
bestimmen. Diese Rahmenbedingungen werden insbesondere durch die Größe der verant-
wortlichen Stelle, die Komplexität der jeweils betrachteten Zielverarbeitung sowie die beste-
henden Nutzungsmöglichkeiten von Standardisierungen und Synergien (vgl. Punkt VI. 3. c))
beeinflusst. Daher kann die organisatorische Spannweite im Einzelfall von „eine Person führt
die DSFA bzw. die Risikoanalyse-Allgemein durch“ bis hin zur „Durchführung im Rahmen ei-
nes (Teil-)Projekts durch ein interdisziplinäres Team“ reichen.
Festes Teammitglied ist zunächst ein Vertreter des Verantwortlichen, der die Risikoanalyse
durchführt (vgl. z. B. Art. 24 Abs. 1 DSGVO). Weitere Teammitglieder sollten Fachkunde für
die Themen „Prozesse der Verarbeitung“, „technische Systeme“ sowie „verarbeitete perso-
nenbezogene Daten“ einbringen. Daher sollten vertreten sein: das Sachgebiet, das den be-
troffenen Geschäftsprozess inklusive der darin verarbeiteten personenbezogenen Fachdaten
verantwortet, das Sachgebiet, das für die IT-Unterstützung des betroffenen Geschäftsprozes-
ses zuständig ist, sowie gegebenenfalls ein Sachgebiet mit besonderer Fachkunde im Daten-
schutzrecht. Soweit im Einzelfall – besonders zu prüfen bei der Durchführung einer DSFA
(vgl. Art. 35 Abs. 9 DSGVO) – angebracht, sollten auch Beschäftigte mit nutzbringender Fach-
kunde, betroffene Personen, ihre Vertreter (dies umfasst auch die Personalvertretung und
weitere Interessenvertretungen) und externe Experten befragt bzw. beteiligt werden.
41
Siehe z. B. Gesetz zur digitalen Modernisierung von Versorgung und Pflege (DVPMG), Anlage zu § 307
Absatz 1 Satz 3 SGB V.
51
VI. Praxishinweise für Risikoanalysen
Der behördliche Datenschutzbeauftragte kann im Einzelfall ein Mitglied des Teams sein oder
nur bei Bedarf zugezogen werden. Dabei kann seine Beratungsleistung unterschiedlich aus-
geprägt sein. Zu beachten ist, dass der behördliche Datenschutzbeauftragte entsprechend
seines gesetzlichen Auftrags nur eine Beratungsleistung erbringt. Die Arbeit eines Risikoana-
lyse-Teams darf nicht darauf hinauslaufen, dass der behördliche Datenschutzbeauftragte die
für eine Risikoanalyse erforderlichen Dokumente entwirft und die übrigen Teammitglieder
nur Meinungsäußerungen dazu abgeben. Die Risikoanalyse ist Sache des Verantwortlichen;
die Mitwirkung des behördlichen Datenschutzbeauftragten dient der Qualitätssicherung. Da-
von abgesehen ist der behördliche Datenschutzbeauftragte bei entsprechenden offenen Fra-
gestellungen Verbindungsperson zur jeweils zuständigen Datenschutz-Aufsichtsbehörde
(vgl. Art. 39 Abs. 1 Buchst. d und e DSGVO).
Daher ist es wichtig, die in einem Bericht zur Risikoanalyse dokumentierten TOMs mit den
entsprechenden Maßnahmen im Maßnahmenmanagement zu verbinden. Dies kann bei-
spielsweise mittels eindeutigen Maßnahmen-Identifikatoren erfolgen, die jeweils sowohl im
Risikoanalyse-Bericht als auch im Maßnahmenmanagement für die TOMs verwendet wer-
den.
Für eine eindeutige Bezugnahme sollten auch weitere zentrale Komponenten eindeutig ge-
kennzeichnet werden. Hierzu können ebenfalls eindeutige Identifikatoren genutzt werden
(z. B. Dok-ID für Dokumente, Szenario-ID für Szenarien). In den Arbeitshilfen zu dieser Orien-
tierungshilfe wird die Verwendung solcher Identifikatoren anschaulich gezeigt (siehe Punkt
IX.).
Die Dokumentation einer TOM kann einzeln, aber auch im Rahmen von anderen TOMs zu-
sammengefasst in umfangreicheren Unterlagen oder Spezifikationen erfolgen („TOM-Kom-
pendium“, wie z. B. Sicherheitskonzept, Konzept der IT-Infrastruktur, Schulungskonzept). Im
Bericht zur Risikoanalyse (siehe Punkte VII. 3. b)) kann es daher notwendig sein, bei einer
TOM auf eine oder mehrere Unterlagen zu verweisen. Bei solchen Verweisen sollten die im
jeweiligen TOM-Kontext relevanten Abschnitte der verwiesenen Unterlage konkret referen-
ziert werden, damit etwa bei verteilten Risikoanalysen bei Bedarf der Verantwortliche berech-
tigte weitergehende Informationen zu TOMs gezielt von der Stelle, welche die Zentral-Risiko-
analyse verwaltet, zielgerichtet einholen kann (siehe Punkt VI. 5)).
Im Hinblick auf die Dokumentation ist allgemein zu beachten, dass derselbe Aspekt nur an
einer Stelle der Gesamtdokumentation („Ankerstelle“) genauer beschrieben und erläutert
52
3. Typische Optimierungspotenziale
werden sollte. Sollte der Aspekt auch in anderen Bereichen der Gesamtdokumentation rele-
vant sein, so sollte grundsätzlich aus Konsistenzgründen dort nur auf die Ankerstelle verwie-
sen werden.
Die Transparenz und das Verständnis fördern zudem die konsequente Verwendung einheit-
licher Begriffe, wobei die Verwendung von Glossaren hilfreich sein kann.
Zudem muss die Dokumentation adressatengerecht sein (siehe Punkt VI. 1).
3. Typische Optimierungspotenziale
3. Typische Optimierungspotenziale
Aus der langjährigen Beratungstätigkeit zu Risikoanalysen und den damit gemachten Erfah-
rungen werden im Folgenden einige Gesichtspunkte dargestellt, in denen typischerweise oft
noch Optimierungspotenziale realisierbar sind.
Hilfreich bei der Durchführung von Risikoanalysen separat für Betriebsmittel ist, bei diesen
Risikoanalysen zusätzlich die berücksichtigten Verarbeitungskonstellationen als schon „ge-
prüfte und berücksichtigte Anwendungsfälle“ für das jeweilige Betriebsmittel mit anzugeben.
Durch die Angabe derartiger Anwendungsfälle kann, wenn eine Verarbeitungstätigkeit ein
neues Betriebsmittel nutzen soll, rasch entschieden werden, ob ein bereits existierendes re-
levantes Betriebsmittel ohne Anpassung seiner Risikoanalyse verwendet werden kann.
53
VI. Praxishinweise für Risikoanalysen
– Gruppe der „speziellen TOMs“. – Darunter sind TOMs zu verstehen, deren Implemen-
tierung (fast) nur bei der betrachteten Zielverarbeitung sinnvoll ist. Bei neuartigen Zielver-
arbeitungen können zeitnahe Veröffentlichungen dieser speziellen TOMs für verantwort-
liche Stellen eine große Hilfe beispielsweise bei der Beschaffung neuer IT-Systeme sein.
– Gruppe der „adaptiven TOMs“. – Darunter sind TOMs zu verstehen, die für mehrere
Zielverarbeitungen nach einer verarbeitungsspezifischen Ausgestaltung geeignet sind,
das Risiko angemessen zu reduzieren. Der Nutzen dieser Gruppe ist darin zu sehen, dass
bei den adaptiven, also immer wieder erneut anzupassenden und umzusetzenden TOMs
eine Standardisierung, beispielsweise durch Erstellung von Mustern mit Vorgabe der Min-
destinhalte und einer Basisstruktur, angeraten sein kann.
Beispiel: Bei vielen digitalen Zielverarbeitungen sind insbesondere die TOMs „Techni-
sches Rollen und Berechtigungskonzept implementieren“, „Protokollierungskonzept im-
plementieren“, „Testkonzept implementieren“ und „Löschkonzept implementieren“
adaptive TOMs.
– Gruppe der „übergreifenden TOMs“. – Darunter sind TOMs zu verstehen, die für zahl-
reiche Zielverarbeitungen ohne nennenswerte Anpassung an die jeweilige Zielverarbei-
tung geeignet sind, das Risiko angemessen zu reduzieren. In diesem Kontext ist es regel-
mäßig sinnvoll, diese TOMs jeweils in separaten Unterlagen zu spezifizieren und nachzu-
weisen. Die einzelne Risikoanalyse braucht damit nur noch auf diese entsprechenden Un-
terlagen zu verweisen.
– Wirksamkeit von TOMs. – Szenarien, die überwiegend Aspekte der Unwirksamkeit von
TOMs beinhalten (z. B. fehlende, unzureichende Implementierung oder Störung von
TOMs), sollten nicht in die Risikoanalyse mit aufgenommen werden. Die Risiken der un-
54
3. Typische Optimierungspotenziale
Beispiel: Beim klassischen Beispiel der TOM „Protokollierung von IT-Benutzeraktivitäten“ ist
es oft Ziel der IT-Sicherheit, möglichst langfristig und umfangreiche Protokolldaten zu verar-
beiten, um die IT-Systeme stabil betreiben und Fehler finden zu können. Der Datenschutz
fragt hingegen konsequent mit Blick auf die von der Protokollierung betroffenen Personen
insbesondere nach der Erforderlichkeit und der Nichtverkettung.
42
Vgl. Thomas Petri, Kai Engelbrecht: „Meine Daten, die Verwaltung und ich“, S. 1, 2019, veröffentlicht unter
[Link]
43
Vgl. Kapitel „E1 Zusammenwirken von SDM und BSI-Grundschutz“ im SDM (Fn. 5).
55
VI. Praxishinweise für Risikoanalysen
Mit Blick auf die Risikoanalyse, wie diese das BSI in seinem Standard „200-3: Risikoanalyse
auf Basis von IT-Grundschutz“ beschreibt, existieren folgende Berührungspunkte:
– Methode. – Im Datenschutz wie auch in der IT-Sicherheit kann grundsätzlich die Methode
des Risikomanagements im Rahmen der Risikoanalysen eingesetzt werden.
– Szenarien. – In der Sicherheit der Verarbeitung und der IT-Sicherheit sind die betrachte-
ten Szenarien, die das BSI begrifflich als „Gefährdungen“ 44 bezeichnet, größtenteils de-
ckungsgleich.
– Ausgangs- und Restrisiko. – Auf beiden Gebieten wird in einem ersten Schritt das Aus-
gangsrisiko und nach Zuordnung der einschlägigen TOMs das Restrisiko bestimmt. 45
– TOMs. – TOMs, die identifizierten Szenarien zugeordnet sind, sind der eigentliche Antrieb
für die beiden Gebiete Sicherheit der Verarbeitung und IT-Sicherheit. Bei den TOMs be-
steht grundsätzlich ein sehr hoher Überdeckungsgrad, auch wenn bestimmte TOMs aus
Datenschutzgründen anders ausgestaltet werden müssen (z. B. restriktivere Aufbewah-
rungsdauer von Protokollierungen).
Diese Berührungspunkte haben bereits die eine oder andere Institution dazu gebracht, eine
Risikoanalyse der IT-Sicherheit auch als datenschutzrechtliche Risikoanalyse ohne Beach-
tung der folgenden wesentlichen Unterschiede zu verwenden:
44
Der im BSI verwendete Begriff „Gefährdung“ ist nicht deckungsgleich mit dem im Zusammenhang des Ziel-
erfüllungsmanagements genutzten, gleichlautenden Begriff (vgl. Punkt III.4).
45
Vgl. BSI-Standard 200-3 (Fn. 11), S. 34 und Kapitel 6.2.
56
3. Typische Optimierungspotenziale
– Schutzgegenstand. – In der IT-Sicherheit sind alle Objekte von Interesse, die im Zusam-
menhang mit der IT-Nutzung stehen. Im Datenschutz ist die Verarbeitung von personen-
bezogenen Daten der Schutzgegenstand der Risikoanalyse.
– Höhe des Schadens. – Die Folgen beim Eintritt eines Szenarios bzw. einer Gefährdung
und damit auch die Schadenshöhe sind aufgrund einer anderen Schutzausrichtung unter-
schiedlich zu betrachten und nicht selten unterschiedlich zu bewerten. Allerdings sind re-
levante Schadenspositionen im Sinn des Datenschutzes, die durch IT-Systeme verursacht
wurden, stets auch mit relevanten Folgen für die IT-Sicherheit verbunden. Denn techni-
sche Datenschutzpannen beeinflussen zumindest auch das Image einer Institution.
Beispiel: Ein „Imageverlust der Institution“ kann zwar als Schadensposition bei einer Risi-
koanalyse für die IT-Sicherheit aufgeführt werden. Bei der datenschutzrechtlichen Risiko-
analyse mit dem Blick auf betroffene Personen stellt der Imageverlust der Institution je-
doch keine Schadensposition dar.
c) Weitere Optimierungspotenziale
Bei datenschutzrechtlichen Risikoanalysen können insbesondere folgende Optimierungspo-
tenziale und Fehler beobachtet werden:
46
Vgl. BSI-Standard 200-3 (Fn. 11), S. 27.
57
VI. Praxishinweise für Risikoanalysen
Dazu sollten sich die betroffenen Bereiche – eventuell unter Einsatz einer intern koordi-
nierenden Stelle – hinsichtlich der verwendeten Grundmethode und dem konkreten Vor-
gehen abstimmen.
Beim Angebot von „good practice“-Unterlagen, Vorlagen und sonstigen Mustern würde
ein besonders hoher Mehrwert geschaffen werden, wenn TOMs eingebettet in einer da-
tenschutzrechtlichen Risikoanalyse dargestellt werden. Denn dann bräuchten Verant-
wortliche diese Muster nur noch auf ihre konkrete Zielverarbeitung anpassen und verifi-
zieren sowie die Risikoanalyse um die Risiken ergänzen, die für die jeweilige verantwortli-
che Stelle technik- und organisationsspezifisch sind.
4. Skalierbarkeit
4. Skalierbarkeit
Nach Art. 24, 25 und 32 DSGVO bzw. Art. 35 DSGVO trifft den Verantwortlichen die Pflicht,
für grundsätzlich alle Verarbeitungsvorgänge nachzuweisen, dass ein dem Risiko angemes-
senes Schutzniveau bei der Verarbeitung besteht. Da sich Zielverarbeitungen insbesondere
mit Blick auf ihr Risikoprofil und auf ihr jeweils angemessenes Schutzniveau deutlich unter-
scheiden können, stellt sich die Frage, ob und, wenn ja, wie eine Risikoanalyse entsprechend
ihrem Kontext unterschiedlich tiefgehend gestaltet und skaliert werden kann.
58
4. Skalierbarkeit
Wie ein roter Faden zieht sich das Prinzip der Risikoorientierung durch die gesamte DSGVO
(vgl. Punkt V. 1. b)). Die Risikoorientierung hat grundsätzlich auch Einfluss auf die Mindestan-
forderungen der zu erbringenden datenschutzrechtlichen Nachweise. Folglich steigen die
Mindestanforderungen an die Risikoanalyse zusammen mit der jeweiligen Höhe des Aus-
gangsrisikos. Da eine Risikoanalyse zudem hinreichend klar, verständlich, systematisch und
für ihre Adressaten (siehe Punkt VI. 1.) auch gut nachvollziehbar sein muss, hat die jeweilige
Komplexität sowohl der Zielverarbeitung als auch der Risikoanalyse-Bausteine ebenfalls Ein-
fluss auf die Mindestanforderungen.
Die Ausbaustufe „L–Large“ ist jedenfalls dann zu wählen, wenn hohe Ausgangsrisiken be-
stehen und/oder die Zielverarbeitung und/oder die zu betrachtenden Szenarien eine hohe
Komplexität aufweisen. Bei der Ausbaustufe „L–Large“ enthält die Risikoanalyse alle fünf
schon beschriebenen Bausteine (siehe Punkt IV.). Daher kann die Risikoanalyse dieser Aus-
baustufe durch den inhaltlichen Detaillierungsgrad der einzelnen Bausteine punktuell vergrö-
bert und verfeinert werden sowie durch weitere optionale Bausteine (z. B. „Angreifermodell“,
vgl. Punkt IV. 2.) ergänzt werden.
59
VI. Praxishinweise für Risikoanalysen
Die Auswahl der Granularität der Bausteininhalte ist ein Skalierungsmittel, das stets risiko-
und komplexitätsorientiert genutzt werden sollte und bei allen Risikoanalysen in jeder Aus-
baustufe zur Verfügung steht. Ein Beispiel hierfür ist die Aggregation im Einzelfall zusammen-
hängend zu betrachtender Einzelszenarien zu einem Hauptszenario, etwa im Bereich der In-
tervenierbarkeit das Szenario „Betroffenenrechte können insbesondere aufgrund interner
Organisationsabläufe nicht rechtzeitig und wirksam ausgeübt werden“. Bei effektiver Nutzung
dieser Skalierungsmöglichkeit kann eine Risikoanalyse ohne unnötigen Dokumentationsauf-
wand erstellt werden. Denn die in den Bausteinen dokumentierbaren Inhalte sind grundsätz-
lich unverzichtbarer Analyseschritte bei jeder Risikoanalyse. Insbesondere bei größeren Insti-
tutionen kann aus Einheitlichkeitsgründen angeraten sein, alle Risikoanalysen in dieser Aus-
baustufe zu erstellen.
Bei den beiden kleineren Ausbaustufen „M–Medium“ und „S–Small“ muss das Ausgangsri-
siko der Zielverarbeitung so dargestellt werden, dass daraus auch die getroffene Wahl der
Ausbaustufe begründet und plausibel wird.
Bei der Ausbaustufe „M–Medium“ werden nur das generelle Ausgangs- und Restrisiko so-
wie die relevanten Szenarien zusammen mit den ihnen zugeordneten TOMs dargestellt. Da-
bei dürfen die einschlägigen Szenarien sowie die Zielverarbeitung maximal eine mittlere
Komplexität aufweisen und die risikoreduzierende Wirkungsweise der jeweils zugeordneten
TOMs klar erkennbar und einschätzbar sein.
Bei der Ausbaustufe „S–Small“ werden nur das generelle Ausgangs- und Restrisiko sowie
die TOMs dargestellt (diese können etwa bei der Beschreibung der Verarbeitungstätigkeit im
Bereich „Allgemeine Beschreibung der TOMs“ gemäß Art. 32 Abs. 1 DSGVO aufgelistet und
konkretisiert werden). Diese deutliche Verkürzung der Dokumentation darf nur erfolgen,
wenn die einschlägigen Szenarien sowie die Zielverarbeitung eine geringe Komplexität auf-
weisen und die risikoreduzierende Wirkungsweise der jeweils zugeordneten TOMs klar er-
kennbar und einschätzbar sein. Zudem müssen auf Grundlage der beschriebenen TOMs klar
und eindeutig die Szenarien hervorgehen, die bei der Risikoanalyse berücksichtigt wurden.
5. Verteilte Risikoanalyse
5. Verteilte Risikoanalyse
Wirken bei einer Verarbeitungstätigkeit oder bei einer sonstigen, in einem engen fachlichen
Sachzusammenhang stehenden Verarbeitung mehrere Stellen unmittelbar oder nur mittel-
bar zusammen, kann die formale Aufteilung der Risikoanalyse nach Wissens- und Zuständig-
keitssphären sowie aus Effizienz-, Konsistenz- und Aktualitätsgründen im Einzelfall sinnvoll
sein. Ein solches Zusammenwirken kann insbesondere bei einem Verantwortlichen-Auf-
tragsverarbeiter-, bei einem Verantwortlichen-Hersteller-Verhältnis und bei einer gemeinsa-
men Verantwortlichkeit beobachtet werden. Derartigen Konstellationen zeichnen sich oft
dadurch aus, dass verwendete Verarbeitungsmittel von einer der beteiligten Stelle besonders
aus faktischen oder wissensbasierten Gründen betreut, weiterentwickelt und „beherrscht“
werden.
IT-Systeme werden immer komplexer und ändern nicht selten dynamisch ihre Unterstützung
von Verarbeitungen (z. B. agile Softwareentwicklung). Zudem entfernen sich IT-Systeme,
etwa in der Form von Cloud-Diensten, immer weiter weg aus dem direkten Einflussbereich
60
5. Verteilte Risikoanalyse
des Verantwortlichen. Daher liegt nahe, das relevante, oft sehr spezielle Know-how externer
IT-Systemhersteller, IT-Systembetreiber und IT-Diensteanbieter direkt in die Risikoanalyse
mit einfließen zu lassen.
Bei zentralen IT-Systemen, die mehrere Verantwortliche gleichzeitig einsetzen, kann zudem
aus Effizienz-, Konsistenz- und Aktualitätsgründen eine sachgerechte Aufteilung der Risiko-
analyse geboten sein.
Typischerweise kann die Risikoanalyse in solchen Konstellationen in zwei Teile aufgeteilt und
diese Teile mit entsprechenden Verweisungen fest miteinander verbunden werden.
Die „Zentral-Risikoanalyse“ (Teil 2 der Risikoanalyse) betrachtet und umfasst die Risiken des
zentralen IT-Systems bzw. der Verarbeitungsmittel, für deren Risikoanalyse nach entspre-
chender Vereinbarung der Hersteller von genutzten Verarbeitungsmitteln oder der System-
betreiber zuständig ist.
Die Zentral-Risikoanalyse wird durch den Teil der Risikoanalyse, den der Verantwortliche
selbst erstellt und pflegt (Teil 1 der Risikoanalyse), ergänzt. Darin behandelt der Verantwortli-
che insbesondere die bei ihm spezifisch vorliegenden Risiken, die sich aus den vom Verant-
wortlichen dezentral genutzten Betriebsmitteln (z. B. IT-unterstützte Arbeitsplätze, Drucker)
und aus seiner Organisation (z. B. Ausprägung der Geschäftsprozesse) ergeben.
Der Teil 1 muss eindeutig auf den Teil 2 der Risikoanalyse verweisen, um beide Teile zur voll-
ständigen Risikoanalyse zusammensetzen zu können.
61
VI. Praxishinweise für Risikoanalysen
Auch bei einer verteilten Risikoanalyse muss der Verantwortliche den Nachweis in Form einer
DSFA oder einer Risikoanalyse-Allgemein gesamtheitlich erbringen (vgl. Art. 24 Abs. 1 und
Art. 35 Abs. 1 DSGVO). Daher ist immer zu gewährleisten, dass der Verantwortliche bedarfs-
gerechten Zugriff auch auf die Zentral-Risikoanalyse, und zwar sowohl auf deren Dokumen-
tation (Risikoanalyse-Bericht) als auch auf die Information hat, aus der sich die wirksame Um-
setzung aller darin enthaltenen TOMs ergibt.
Der Verantwortliche bleibt jedoch verantwortlich. Das gilt auch dann, wenn er sich Leistungen
in der Form einer Risikoanalyse von Anbietern zunutze macht. Die Gesamtdokumentation
muss daher so beschaffen sein, dass der Verantwortliche seiner Rechenschaftspflicht nach-
kommen kann. Zumindest gegenüber der Datenschutz-Aufsichtsbehörde können Ge-
schäftsgeheimnisse die Kontrolldichte nicht verringern. 48
– Granularität und Verweisung. – Der Bericht zur Zentral-Risikoanalyse stellt die Bau-
steine zwar vollständig und nachvollziehbar, aber in einem Detaillierungsgrad dar, der
keine Bedenken bezüglich der Wahrung von Geschäftsgeheimnissen auslöst. Dabei muss
allerdings auf die weiterführenden Unterlagen des Zentral-Risikoanalyse-Erstellers so
verwiesen werden, dass im Fall eines überwiegenden berechtigen Interesses des Verant-
wortlichen die relevanten und eindeutig zitierten Unterlagen diesem zur Verfügung ge-
stellt werden können (siehe Punkt VI. 2. b)).
Vor dem dargestellten Hintergrund sollte vor IT-Beschaffung grundsätzlich die sachgerechte
Zuarbeit zur Risikoanalyse der künftigen Auftragnehmer betrachtet und gegebenenfalls diese
47
Siehe WP 248 (Fn. 8) S. 8.
48
Eine Grenze gibt es hier allenfalls bei Art. 16 Abs. 2 Satz 2 BayDSG, der aber keine Geschäfts-, sondern Staats-
geheimnisse betrifft.
62
6. Aktualisierung
6. Aktualisierung
6. Aktualisierung
Eine Risikoanalyse ist nicht statisch, sondern muss dynamisch bei wesentlichen Änderungen
der Zielverarbeitung oder ihres Kontextes angepasst werden (vgl. insbesondere Art. 24 Abs. 1
Satz 2 DSGVO).
Darüber hinaus erfordert die Überprüfungs- und Aktualisierungspflicht, auch bestehende IT-
Systeme regelmäßig in Augenschein zu nehmen, insbesondere im Hinblick auf geänderte
Rechtsvorschriften, auf wesentliche Verfahrensänderungen (etwa durch Hinzunahme neuer
Datenarten), auf veränderte Zuständigkeiten sowie auch auf Weiterentwicklungen hinsicht-
lich des Standes der Technik (beispielsweise geänderte Anforderungen an Verschlüsse-
lungsverfahren). Der notwendige regelmäßige Überprüfungsturnus – also nicht anlassbezo-
gen – ist risikoorientiert zu bestimmen, jedoch spätestens als Zwei- bis Fünf-Jahres-Rhyth-
mus auszugestalten. Die insoweit durchgeführten Prüfungen müssen schriftlich dokumen-
tiert werden.
63
VII. Anwendungsfall 1:
Datenschutz-Folgenabschätzung (DSFA)
VII. Anwendungsfall 1: Datenschutz-Folgenabschätzung (DSFA)
1. Einführung
1. Einführung
Als ersten Anwendungsfall für die vorgestellte Methode einer datenschutzrechtlichen Risiko-
analyse wird die Risikoanalyse für Verarbeitungsvorgänge betrachtet, die (voraussichtlich)
eine Hochrisikoverarbeitung darstellen. Denn bei Verarbeitungsvorgängen mit einem voraus-
sichtlich hohen Risiko für die Rechte und Freiheiten natürlicher Personen ist die DSFA
(Art. 35 DSGVO) das vorgegebene Nachweis-Instrument. Mit Hilfe der DSFA sind Verarbei-
tungsvorgänge, die voraussichtlich ein hohes Risiko für die persönlichen Rechte und Freihei-
ten natürlicher Personen mit sich bringen, grundsätzlich vor ihrem Beginn auf ihr mögliches
Schadenspotenzial zu prüfen und zu bewerten. Wesentliches Ziel der DSFA ist es, auf Basis
der gewonnenen Erkenntnisse geeignete technische und organisatorische Maßnahmen
(TOMs) nachhaltig umzusetzen, um die ermittelten Risiken auf ein angemessenes Maß zu re-
duzieren.
Im Unterschied zu der Risikoanalyse-Allgemein (siehe Punkt VIII.) ist die DSFA nach der Kon-
zeption der DSGVO ein spezielles und formalisiertes Verfahren für Hochrisikoverarbeitungen.
Dies bedeutet, dass der Verantwortliche grundsätzlich 49 eine DSFA für jeden Verarbeitungs-
vorgang nachweisen muss, der voraussichtlich ein hohes Risiko für die Rechte und Freiheiten
natürlicher Personen zur Folge hat.
Generelle Ausführungen zur DSFA, wie etwa die Erforderlichkeit einschließlich eines Prüf-
schemas, sind ausführlich in meiner Orientierungshilfe „Datenschutz-Folgenabschätzung“
dargelegt. 50
Nach der Sichtung bereits bestehender DSFA-Methoden folgte die Erkenntnis, dass die
Kombination verschiedener, schon bestehender DSFA-Ansätze zielführend erscheint.
49
Zur DSFA-Erforderlichkeitsprüfung und insbesondere zu den Ausnahmen, eine eigene DSFA durchzuführen,
siehe den folgenden Punkt VII.2.
50
Die Orientierungshilfe ist auf [Link] in der Rubrik „DSFA“ abrufbar.
51
Vgl. Datenschutzkonferenz, Datenschutz-Folgenabschätzung nach Art. 35 DS-GVO, Kurzpapier Nr. 5, Internet:
[Link]
52
Vgl. Fn. 2.
64
2. Erforderlichkeitsprüfung
Auch wenn SDM und PIA insbesondere die Schutzziele des Datenschutzes teilweise etwas
anders gruppieren und PIA die Methode des klassischen Risikomanagements für die soge-
nannten „Fundamentalen Prinzipien“ als eine Teilmenge der Schutzziele ausdrücklich aus-
schließt, 53 ist die eigentliche Zielrichtung und das angestrebte Ergebnis beider Methoden
identisch: Die betrachtete Datenverarbeitung soll mit Hilfe von identifizierten und wirk-
sam umgesetzten TOMs nachweislich die DSGVO einhalten.
Die von mir empfohlene Methode, die auf bereits Bestehendes und Anerkanntes Bezug
nimmt und dieses kombiniert, erscheint auch in der Praxis als ausreichend verständlich, flexi-
bel und skalierbar. So dienten meine Empfehlungen bereits als Basis für die DSFA von einfa-
cheren und komplexeren folgenabschätzungspflichtigen Verarbeitungsvorgängen sowie als
Grundlage für eine gesetzliche DSFA nach Art. 14 Abs. 1 Nr. 2 BayDSG.
Die im Folgenden aufgezeigte DSFA konzentriert sich auf die Mindestanforderungen (siehe
Punkt VII.3.a)) und kann in fast beliebigem Maße weiter ausgebaut sowie detailliert werden.
2. Erforderlichkeitsprüfung
2. Erforderlichkeitsprüfung
Die Prüfung, ob für eine bestimmte Verarbeitungstätigkeit oder ein sonstiger Verarbeitungs-
vorgang eine DSFA erforderlich ist, ist ein eigenständiger wichtiger Prüfschritt. Falls eine
Pflicht zur Durchführung einer eigenen DSFA bestehen und die betroffene Stelle keine ent-
sprechende DSFA vorab durchgeführt haben sollte, kann die zuständige Aufsichtsbehörde
wegen Verstoßes gegen Art. 35 Abs. 1 DSGVO von ihren Abhilfebefugnissen gemäß Art. 58
53
Siehe Fn. 16.
65
VII. Anwendungsfall 1: Datenschutz-Folgenabschätzung (DSFA)
Abs. 2 DSGVO Gebrauch machen, indem sie beispielsweise die wirksame Umsetzung be-
stimmter unverzichtbarer TOMs gegenüber dem Verantwortlichen anweist.
Generelle rechtliche Ausführungen zur DSFA, wie etwa die Erforderlichkeit einschließlich ei-
nem Prüfschema oder der Umgang mit Bestandsverfahren, sind ausführlich in der Orientie-
rungshilfe „Datenschutz-Folgenabschätzung“ dargelegt. 54
3. Durchführung
3. Durchführung
Die DSGVO selbst gibt mit den relativ abstrakt formulierten Anforderungen an die DSFA keine
Antworten auf wichtige Methodenfragen und konkrete Vorgehensschritte. Die Entscheidung
für eine bestimmte DSFA-Methode, die dann auch praxisgerecht durchführbar ist, ist für den
einen oder anderen Verantwortlichen noch mit Schwierigkeiten verbunden.
Da eine veröffentlichte DSFA oder auch nur veröffentlichte Ausschnitte einer DSFA immer
noch recht schwer zu finden sind, werden die von mir publizierten Arbeitshilfen, die einzelne
DSFA-Arbeitsschritte anhand von konkreten Beispielen veranschaulichen und erleichtern, als
Arbeitsgrundlage für bayerische öffentliche Stellen und weitere Einrichtungen gerne bereit-
gestellt. Dabei hilft die darin enthaltene Fokussierung auf das Wesentliche und die Konkreti-
sierung der Mindestanforderungen an eine DSFA.
54
Siehe Fn. 25.
66
3. DSFA-Bericht
3. DSFA-Bericht
Die beiden Positionen „Bewertung der Risiken“ und „Maßnahmen & Garantien“ im DSFA-Be-
richt weisen auf die Durchführung einer datenschutzrechtlichen Risikoanalyse im Rahmen ei-
ner DSFA hin. Folglich sind auch hier die bezüglich der sieben SDM-Gewährleistungsziele
bestehenden Risiken und die zur Reduzierung festgelegten TOMs in Form einer datenschutz-
rechtlichen Risikoanalyse grundsätzlich mittels der schon dargestellten Bausteine (siehe
Punkt IV.) zu dokumentieren. Auch die anderen Aspekte, die bereits für eine datenschutz-
rechtliche Risikoanalyse generell angesprochen wurden (siehe Punkt II. bis Punkt VI.), sind
ebenfalls im Rahmen einer DSFA anwendbar. Wichtige Zusatzaspekte, die eine DSFA gegen-
über einer allgemeinen Risikoanalyse aufweist, werden in der Abbildung 28 vergleichend ge-
zeigt (siehe Punkt VIII.1).
67
VII. Anwendungsfall 1: Datenschutz-Folgenabschätzung (DSFA)
Im Hinblick auf die Skalierbarkeit der Risikoanalyse einer DSFA wird regelmäßig die Ausbau-
stufe „Large“ angeraten sein (siehe Punkt VI.4). Nur ausnahmsweise, etwa bei einer geringen
Verarbeitungskomplexität, ist auch die Ausbaustufe „Medium“ vorstellbar.
Insgesamt ergibt sich danach folgendes Bild zum DSFA-Bericht und dem dazugehörigen
Maßnahmenmanagement. Die darin aufgezeigten Schritte der Risikobewertung und die da-
rauf basierende Maßnahmenauswahl erfolgen so oft iterativ, bis das gewünschte Schutzni-
veau erreicht wird.
Abb. 25: DSFA, die sich aus dem DSFA-Bericht und dem Maßnahmenmanagement zusammensetzt
Nicht selten wird es jedoch sinnvoll sein, vor einer größeren Beschaffung von IT-Systemen
die Anforderungen an eine IT-Unterstützung für die betroffene Institution genau zu kennen.
Diese Kenntnis kann sich aus einer pilothaft durchgeführten DSFA ergeben. Hierzu kann es
hilfreich sein, die „Pilot-DSFA“ mit Hilfe einfacher, sofort zur Verfügung stehender und leicht
anpassbarer IT-Werkzeuge durchzuführen.
68
3. DSFA-Bericht
Auf entsprechende Nachfragen hin habe ich einen „Werkzeugkasten“ für die Durchführung
der DSFA und der Risikoanalyse-Allgemein auf meiner Homepage veröffentlicht, den ich be-
darfsgerecht auch weiterhin ergänzen werde (vgl. Punkt IX.). Beim Einsatz meiner veröffent-
lichten Arbeitshilfen ergibt sich folgendes Gesamtbild für die verwendeten allgemein vorhan-
denen IT-Werkzeuge (Formulare aus Textverarbeitungsprogrammen und Tabellen aus Ta-
bellenkalkulationsprogrammen).
Abb. 26: Bausteine bei der Verwendung der veröffentlichten Arbeitshilfen für den DSFA-Bericht
Neben meinen veröffentlichten Arbeitshilfen zum DSFA-Bericht, deren Nutzung ich grund-
sätzlich für bayerische öffentliche Stellen empfehle, weise ich auch auf folgende öffentlich und
frei zugänglichen IT-Werkzeuge hin:
55
Vgl. [Link]
69
VII. Anwendungsfall 1: Datenschutz-Folgenabschätzung (DSFA)
– ENISA-Tool. – Die Agentur der Europäischen Union für Cybersicherheit ENISA stellt auf
ihrer Homepage ein Online-Tool mit zusätzlichen Unterlagen für die Sicherheit der Verar-
beitung personenbezogener Daten zur Verfügung. 56 Schwerpunkt dieser IT-Anwendung
ist die Bewertung des Risikoniveaus einer Verarbeitung personenbezogener Daten.
Da diese Tools sowie deren Unterlagen ständig weiterentwickelt werden und teilweise schon
Bewertungen hierzu existieren, 57 wird an dieser Stelle auf eine Bewertung verzichtet.
Eine besonders enge Verknüpfung hat die DSFA mit dem „Verzeichnis von Verarbeitungstä-
tigkeiten“. Denn die Beschreibung einer Verarbeitungstätigkeit umfasst Informationen, die
auch für die DSFA benötigt werden. Um mögliche Inkonsistenzen zu vermeiden, ist bei der
nachträglichen Durchführung einer DSFA, etwa im Fall von „Bestandsverfahren“, eine gegen-
seitige Verweisung, wie im folgenden Schema gezeigt, gut denkbar.
56
Vgl. [Link]
57
Z. B. Bock/Gonscherowski/Schlehahn, Das PIA-Tool der CNIL im aufsichtsbehördlichen Praxistest, PinG
2019, 138 ff.; Hessischer Beauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit, 47. Tätigkeitsbericht, Nr.
4.10.3.
70
5. Weitere Aspekte zur DSFA
Abb. 27: Verweisungen zwischen der Beschreibung einer Verarbeitungstätigkeit und der DSFA
Grundsätzlich ist die DSFA jedoch vor dem Beginn des betrachteten Verarbeitungsvorgangs
zu erstellen, also zu einem Zeitpunkt, zu dem der entsprechende Eintrag im Verzeichnis von
Verarbeitungstätigkeiten noch fehlen könnte. In diesem Fall empfiehlt es sich aus Konsistenz-
gründen ebenfalls, an mehreren Stellen verwendete gleiche Informationen an einer „führen-
den“ Stelle zu pflegen, etwa, indem der (zukünftige) Eintrag in das Verzeichnis von Verarbei-
tungstätigkeiten bereits im Vorfeld mit erstellt wird.
a) Zusammengesetzte DSFA
Wie schon beschrieben, kann auch eine DSFA grundsätzlich in zwei oder mehrere Teile auf-
geteilt werden (siehe Punkt VI. 5.).
b) Gesetzliche DSFA 58
Der bayerische Gesetzgeber kann unter den Voraussetzungen des Art. 35 Abs. 10 DSGVO
eine DSFA durchführen und dadurch die Verantwortlichen entlasten (vgl. hierzu auch Art. 14
Abs. 1 Nr. 2 BayDSG).
58
Die Ausführungen zur gesetzlichen DSFA entstammen dem im Auftrag des Bayerischen Staatsministeriums
des Innern, für Sport und Integration erstellten Papier von Roßnagel u. a., Datenschutz-Folgenabschätzung
Notfallregister, Version 1.2, Stand: 3/2021, im Internet abrufbar auf [Link]
ell/archiv/2021/210506rettungsdienstgesetz/ unter „Downloads“.
71
VII. Anwendungsfall 1: Datenschutz-Folgenabschätzung (DSFA)
Die Ausnahmeregelung des Art. 35 Abs. 10 DSGVO greift für den Verantwortlichen nur dann,
wenn die Verarbeitung nach Art. 6 Abs. 1 UAbs. 1 Buchst. c und e DSGVO auf einer Rechts-
grundlage im nationalen oder europäischen Recht beruht, der er unterliegt, und wenn diese
Rechtsgrundlage den konkreten Verarbeitungsvorgang regelt.
Die gesetzliche DSFA muss nach Art. 35 Abs. 10 DSGVO ferner „im Rahmen der allgemeinen
Folgenabschätzung im Zusammenhang mit dem Erlass dieser Rechtsgrundlage“ erfolgen.
Für die Ausgestaltung der gesetzlichen DSFA sind grundsätzlich die gleichen Maßstäbe an-
zulegen wie für eine vom Verantwortlichen selbst durchgeführten DSFA. Nur indem er sich an
diesen Vorgaben zur Durchführung einer DSFA orientiert, kann der Durchführende die mit
Art. 35 DSGVO verfolgten Schutzziele erreichen.
Allerdings ist der Unterschied zwischen der gesetzlichen Regelung eines Datenverarbei-
tungsvorgangs und der konkreten Durchführung eines Datenverarbeitungsvorgangs in der
Realität zu berücksichtigen. Auch wenn die gesetzlichen Regelungen Anforderungen an die
Gestaltung des Datenverarbeitungsvorgangs enthalten und bestimmte Schutzvorkehrungen
vorsehen, bleibt eine entscheidende Differenz in der DSFA dieses Gesetzes zur DSFA einer
realen Datenverarbeitung. Eine gesetzliche DSFA kann daher nur auf einer abstrakten Ebene
die prinzipiellen Risiken erfassen und nur grundsätzlich geeignete Schutzvorkehrungen vor-
sehen. Sie kann nicht alle Risiken umfassend berücksichtigen, die in den konkreten Verarbei-
tungsvorgängen im Einzelfall auftreten können.
Da die Regelung des Art. 35 Abs. 10 DSGVO keine Absenkung des Niveaus der DSFA an-
strebt, muss sich nachweislich aus dem Gesetzgebungsverfahren ergeben, dass der Gesetz-
geber die potentiellen Risiken für die Grundrechte und Freiheiten der betroffenen Personen
erkannt und bewertet hat sowie Abhilfemaßnahmen bezogen auf die erkannten Risiken ver-
anlasst hat. Dies ist nur möglich, wenn eine methodisch abgesicherte DSFA auf Basis des Ge-
setzentwurfs erfolgt ist.
Bei der gesetzlichen DSFA ist zu berücksichtigen, dass gesetzliche Regelungen die Daten-
verarbeitungsvorgänge regelmäßig nicht umfassend konkret gestalten können, um allein auf
der Grundlage dieser Regelungen die Risiken der Datenverarbeitung und ihre Bewältigung
exakt beschreiben und bewerten zu können. Daher liegt es nahe, auch im Bereich der SDM-
Datensicherheitsziele ausnahmsweise das Zielerfüllungsmanagement als Methode zu ver-
wenden (siehe Punkt III. 4.). Dabei kann der Brückenschlag zum konkret ausgestalteten Risi-
komanagement der einzelnen verantwortlichen Stelle über eine spezielle TOM erfolgen, die
in der gesetzlichen DSFA verankert ist. Eine solche TOM könnte beispielsweise die „Einrich-
tung eines Risikomanagements, das die technik- und organisationsspezifischen Risiken der
jeweiligen verantwortlichen Stelle behandelt“ sein.
72
5. Weitere Aspekte zur DSFA
Die gesetzliche DSFA ist abzugrenzen von dem Fall des Art. 14 Abs. 1 Nr. 1 BayDSG. Bei
Art. 14 Abs. 1 Nr. 1 BayDSG führt das Ressort „nur“ die DSFA für den nachgeordneten Be-
reich durch, um diesen zu entlasten. Die Vorschrift knüpft an das alte Freigabeverfahren an, 59
ist losgelöst von einem etwaigen Gesetzgebungsvorgang und liegt thematisch näher bei den
von Art. 14 Abs. 2 BayDSG erfassten Konstellationen.
Durch die Regelungen des Art. 14 BayDSG und Art. 35 Abs. 1 Satz 2 DSGVO entfällt also nicht
das Erfordernis einer DSFA als solches. Vielmehr wurde diese bereits im Gesetzgebungsver-
fahren (Art. 14 Abs. 1 Nr. 2 BayDSG) beziehungsweise durch eine andere Stelle (Art. 14 Abs.
1 Nr. 1, Abs. 2 BayDSG) durchgeführt, oder es kann eine DSFA für einen ähnlichen Verarbei-
tungsvorgang mit ähnlich hohen Risiken verwendet werden (Art. 35 Abs. 1 Satz 2 DSGVO).
Eine weitere DSFA durch den Verantwortlichen kann somit grundsätzlich unterbleiben, wenn
dieser eine bereits entsprechend durchgeführte DSFA „als eigene“ übernimmt. Allerdings
werden nicht selten zusätzliche organisationsspezifische Risiken vom Verantwortlichen zu be-
rücksichtigen sein, so dass häufig eine zusammengesetzte DSFA (siehe Punkt VII.5.a)) in der
Praxis erforderlich sein wird.
59
Vgl. Bayerischer Landtag, LT-Drs. 17/19628, S. 38.
73
VIII. Anwendungsfall 2:
„Risikoanalyse-Allgemein“
VIII. Anwendungsfall 2: „Risikoanalyse-Allgemein“
Die Risikoanalyse außerhalb einer DSFA wird zwar an unterschiedlichen Stellen erwähnt, 60
jedoch noch sehr überschaubar in der Literatur und Datenschutzpraxis behandelt. Diese da-
tenschutzrechtliche Risikoanalyse wird im Folgenden als „Risikoanalyse-Allgemein“ bezeich-
net.
Die Risikoanalyse-Allgemein unterscheidet sich von der DSFA in wesentlichen Aspekten wie
in der folgenden Abbildung dargestellt.
60
Vgl. z. B. Datenschutzkonferenz, Risiko für die Rechte und Freiheiten natürlicher Personen (Fn. 2), S. 6.
74
2. Durchführung
Einklang steht. Die Einhaltung dieser Pflicht muss bei Fehlen eines alternativen Nachweisin-
struments (siehe Punkt III) durch den Verantwortlichen angemessen mittels einer Risikoana-
lyse-Allgemein dokumentiert werden.
2. Durchführung
2. Durchführung
Bei der Risikoanalyse-Allgemein sind die beiden aufeinander aufbauenden Bereiche „Kon-
zeption“ und „Umsetzung“ wie folgt zu unterscheiden:
75
VIII. Anwendungsfall 2: „Risikoanalyse-Allgemein“
Bei wesentlichen Änderungen der Zielverarbeitung oder ihres Kontextes muss die Risikoana-
lyse-Allgemein entsprechend angepasst werden (siehe Punkt VI. 6.). Eine Aufteilung der Ri-
sikoanalyse in mehrere Teile ist grundsätzlich möglich (siehe Punkt VI. 5.).
76
IX. Arbeitshilfen und Beispiele
IX. Arbeitshilfen und Beispiele
Zu der Frage, wie ein Bericht zu einer DSFA (DSFA-Bericht) und zu einer Risikoanalyse-All-
gemein (Risikoanalyse-Allgemein-Bericht), die eine öffentliche Stelle durchgeführt hat,
grundsätzlich aussehen kann, sind aktuell kaum Beispiele veröffentlicht. Daher wurde ein
Werkzeugkasten mit Arbeitshilfen bereitgestellt, die einzelne Arbeitsschritte der DSFA und
der Risikoanalyse-Allgemein erleichtern sollen. 61 Dieser Werkzeugkasten harmoniert mit
dem IT-Grundschutz-Baustein „CON.2 Datenschutz“ des Bundesamts für Sicherheit in der
Informationstechnik (BSI) sowie mit dem SDM.
Dieser Werkzeugkasten wird bedarfsgerecht weiter ausgebaut. Eine Übersicht und erläu-
ternde Hinweise zu den aktuellen Modulen enthält das Dokument „Modulhinweis“, das eben-
falls Teil des Werkzeugkastens ist.
61
Siehe auf [Link] die Rubrik „DSFA“.
77
X. Glossar
X. Glossar
betroffene Person Die betroffene Person ist das Gegenüber des Verantwortli-
chen. Ihre personenbezogenen Daten sind Gegenstand der
Verarbeitung. Die DSGVO führt diese „Rolle“ zusammen mit
der Begriffsbestimmung der personenbezogenen Daten ein
(Art. 4 Nr. 1 DSGVO).
DSB Datenschutzbeauftragter.
78
gemeinsam für seine Fortentwicklung einzutreten. Dies ge-
schieht namentlich durch Entschließungen, Beschlüsse, Ori-
entierungshilfen, Standardisierungen, Stellungnahmen,
Pressemitteilungen und Festlegungen. Internet:
[Link]
mittelbares Betriebsmit- Betriebsmittel können in der Form von technischen und or-
tel ganisatorischen Maßnahmen der Verarbeitungstätigkeit mit-
telbar dienen, indem sie diese hinsichtlich bestehender Risi-
ken absichern (z. B. Backup-System, Firewall, Anti-Schad-
software-System).
79
X. Glossar
80
beschreibt eine Methode zur Datenschutzberatung und -prü-
fung auf der Basis einheitlicher Gewährleistungsziele und
befindet sich in der hier verwendeten Fassung in der Version
2.0b vom April 2020, Näheres im Internet unter
[Link]
modell/.
81
X. Glossar
82