Recht
21
aber jeder Zeit, den „Beruf zur Gesetzgebung" ab. Freilich hatte
diese Zeit gerade ein Jahr vorher ihren Beruf zur Gesetzgebung
nachdrücklich dargetan: durch das bayerische Strafgesetzbuch von
1813, das der deutſchen Strafgeſeßgebung für ein halbes Jahr-
hundert den Weg gewiesen hat. Es war ein Werk Anselm
v. Feuerbachs (1775 -1833), und er führte denn auch in einem
meisterhaften Aufsatze gegen Savigny die Sache des Gesetzes.
rechts. Feuerbach und Savigny find uns aber nicht nur die
Verkörperungen jener beiden gegnerischen Meinungen über die
Rechtsfortbildung geworden, sondern auch der tieferen Gegen
sätze, die jenen zugrunde liegen. Feuerbach, der durch Kants
Schule gegangene Jünger der Aufklärung, ist der Vertreter der
individualiſtiſchen, Savigny, der Romantiker, der Schwager Bet
tinas, der Vertreter der überindividualiſtiſchen Rechtsanficht. Die
neuere deutsche Rechtswissenschaft darf sich glücklich schätzen, von
so zwei verschiedenartigen und doch gleichwertigen Paten aus der
Taufe gehoben zu sein. Wie um seine ganze Spannweite dar-
zutun, hat der deutsche Geist sich in der goldenen Morgenfrühe
des vergangenen Jahrhunderts in seine entfernteſten Gegensätze
auseinandergelegt, im Gebiete der Rechtswissenschaft nicht anders
als im Reiche der Dichtung, und mit fug hat man den Gegen-
satz Savigny-Feuerbach auf die gleiche Quelle zurückgeführt wie
den Gegensatz Goethe-Schiller und bis in die Stileigentümlich-
keit hinein die Verwandtschaft zwischen Feuerbach und Schiller,
Savigny und Goethe aufgewieſen: dort das rednerische Pathos
der Antithese, das dem dualistischen Gefühl des Widerspruchs
zwischen der Wirklichkeit und dem Ideal zu entspringen pflegt,
hier die in sich selbst ruhende Harmonie derjenigen Menschen,
welche monistisch die Vernunft in den Dingen ſuchen und finden;
Feuerbachs und Schillers Stil gleicht der Brücke, die sich in
kühnen Spannungen von Pfeiler zu Pfeiler schwingt, Savignys
und Goethes Diktion der Majeſtät des darunter ebenmäßig ein-
herziehenden Stromes. Nicht ohne Sehnsucht blicken wir heute
auf eine Zeit zurück, deren Rechtsgelehrte so mit ihren Dichtern
zu vergleichen erlaubt ist, eine Zeit, in der die Rechtswissenschaft
noch an den feinsten Bewegungen des Gedankens teilnahm; und
gerade deshalb sollten die beiden Männer, die am Eingange der
modernen Rechtswissenschaft stehen, den Neuling auch am Ein-
gange dieser Einführung in unsere Rechtswiſſenſchaft mahnend
grüßen.