12
Recht
Ordnung des Zusammenlebens zu finden, ist bisher nicht ge-
lungen.
"
Durch die begriffliche Unterscheidbarkeit des Rechts von Sitte
und Sittlichkeit dürfen wir uns aber nicht täuſchen laſſen über
ſeine weitreichende tatsächliche Abhängigkeit von ihnen. Ein
Rechtssat gilt" - wir sahen es schon (S. 8) - nur dann,
wenn er in der überwiegenden Mehrzahl seiner Anwendungsfälle
darauf rechnen kann, auch tatsächlich befolgt zu werden: ein
obrigkeitlicher Wille, deſſen Beachtung nur durch Zwang oder
Furcht vor Zwang erzielt würde, würde damit „Geltung" ebenso
wenig erlangen, wie ein wertloses Papier dadurch, daß es
jemand mit der Pistole in der Hand einem andern als Zahlungs-
mittel aufnötigte (Merkel). Jene freiwillige Unterwerfung, jene
‚Anerkennung“ (Bierling) darf aber ein Rechtssag nur dann
gewärtigen, wenn er entweder der tatsächlichen Übung, der Sitte,
inhaltlich entspricht, oder in den ſittlichen Forderungen der Mehr-
heit eine Stütze findet, entweder um seines besonderen Inhalts
willen oder ohne Rücksicht auf seinen Inhalt wegen seines Ur-
sprungs aus einem Willen, dem zu gehorchen der Mehrheit als
Pflicht erscheint, etwa im Sinne jenes Paulus-Worts: „Jeder-
mann ſei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat, denn
es ist keine Obrigkeit, ohne von Gott." So wird die Geltung
des Rechts getragen, der Inhalt des Rechts bestimmt von der
Sitte und von der (durchſchnittlichen) Sittlichkeit, jener ist es mit
ſeiner gewohnheitsrechtlichen, dieſer mit seiner gesetzesrechtlichen
Seite zugewendet, und der Erdenschwere, die es ganz zur Sitte
hinabziehen will, wirkt als idealer Auftrieb die Sittlichkeit ent-
gegen.
Immerhin bleiben, schon weil das Recht die von den Sittlich
keitsanschauungen des Durchschnitts abweichende Gewiſſensgeſtal-
tung des Einzelnen nicht beachten kann, schon weil das Recht
gerade im Namen der Sittlichkeit der Sitte abſagen kann, Fälle
übrig, in denen an der Geltung des Rechts, der rechtlichen Ver-
pflichtung des Betroffenen kein Zweifel ist, obgleich ihr eine
sittliche oder Sitten-Pflicht entgegensteht. Man denke an den
Gegensatz zwischen Duellstrafe und Duellsitte, zwischen rechtlicher
Zeugnispflicht und ſittlicher Verſchwiegenheitspflicht der Redakteure.
Hier treten einander mehrere Normengruppen entgegengesetzten
Inhalts gegenüber, keine willens, hinter der andern zurück-
zutreten, jede unbedingt, kategorisch", befehlend. In solchem