Staatsrecht
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Einheit des Reichs aber doch die Vielheit der Staaten zu er-
halten das war die Aufgabe, die die deutsche Seele dem
Erbauer ihres Hauses stellte. Denn die deutsche Seele ist so
beschaffen, daß sie, so sehr sie sich nach der Einheit sehnt, doch
in ihr die Mannigfaltigkeit nicht aufgehoben, sondern aufbewahrt
wiſſen will, daß ihre Philoſophie in die Allgemeinheit der Idee
die Besonderheit der Individualität, ihre Kunſt in die Größe
des Stils die Fülle liebevoll gesehener Einzelheit und so auch
ihre Politik in das kraftvolle Gedeihen des Ganzen den bunten
Reichtum partikulariſtiſchen Sonderlebens mit hinübernehmen
möchte; weshalb denn in Deutſchland widerſpruchs- und viel-
leicht gerade deshalb reizvolle Fragmente häufig, ein rundes
Gelingen selten und nur den Größten beschieden ist. Unsere
Reichsverfassung, die Bismarck in einer Nacht diktiert haben
soll, ist ein solches Gelingen, eine politische Cat von solcher
Eigenheit, daß der juristische Gedanke Mühe gehabt hat, fie
nachzudenken.
Man erachtete nämlich - wir sahen es schon (S. 24)
für eine begriffsnotwendige Eigenschaft jedes Staates die Souve
ränität und vermochte nun von hier aus den Gedanken einer
zu einem Gesamtstaat vereinigten Vielheit von Einzelstaaten, eines
Bundesstaats, den das Deutsche Reich und vor ihm schon die
Schweizerische Eidgenossenschaft und die nordamerikaniſche Union
zu fordern ſchienen, nicht zu faſſen. Zunächst zwar glaubte man
sowohl dem Reich als den Einzelstaaten, jedem für ſein Tätigkeits.
feld, die Souveränität zusprechen zu können, aber die Souveränität
kann begriffsnotwendig nicht von einer einzelnen Staatstätigkeit,
sondern nur von der ganzen Staatsgewalt ausgesagt werden, und
eine auf ein bestimmtes Tätigkeitsfeld beschränkte Souveränität
der Staatsgewalt ist ein Widerspruch in sich: eine von einer
andern Gewalt beschränkte kann nicht die höchste Gewalt ſein.
Es schienen deshalb nur zwei Möglichkeiten zu bleiben: entweder:
das Reich ist souverän dann können die Einzel,,staaten" nicht
als souverän, nicht als Staaten, sondern als bloße Reichs-
provinzen angesehen werden, dann bildet Deutschland nur einen
Staat, einen Einheitsstaat; oder aber: die Einzelstaaten sind
souverän dann können sie keinen andern Staat über sich
haben, dann kann das Reich nicht als ein Staat, ſondern nur
als ein völkerrechtliches Vertragsverhältnis der 25 deutschen
Staaten, nur als ein Staatenbund betrachtet werden, und das