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Recht
dem Recht und der Sitte: jener das Innenleben des Menschen,
diesen sein Leben nach außen, ſein Zuſammenleben mit andern
Menschen; Sitte und Recht dienen dem Frieden der Menschen
miteinander, die Sittlichkeit dem Frieden jedes Menschen mit sich
selbst, seiner Selbstachtung, religiös gesprochen: seinem Frieden mit
Gott. Deshalb haben wir sittliche Pflichten nicht nur gegen andere,
sondern auch gegen uns selbst, etwa die Pflicht nicht nur andere,
sondern auch uns selbst nicht zu belügen, ja, genau genommen,
sind alle ſittlichen Pflichten Pflichten gegen uns ſelbſt: die ſchein-
baren Pflichten gegen den Nächsten sind ja nicht so gemeint,
daß wir ihre Erfüllung ihm, sondern daß wir sie uns, unserm
besseren Selbst, religiös: Gott schuldig sind. „So dir jemand
einen Streich gibt auf den rechten Backen, dem biete den andern
auch dar, und so jemand mit dir rechten will und deinen Rock
nehmen, dem laß auch den Mantel!" diese Gebote wollen
nicht dem Nächsten einen Anspruch auf den Backenstreich und
auf den Mantel geben, sondern auf solche Weise sich in Demut
zu üben, soll der Christ nur sich selbst und Gott schuldig sein.
Kennt somit die Sittlichkeit keine Ansprüche, sondern nur Pflichten,
so sind umgekehrt dem Recht Pflichten gegen uns selbst gänzlich
unbekannt: die Pflicht des einen ist hier immer nur da um eines
Rechts des andern willen: der Schuldner soll zahlen, weil der
Gläubiger fordern darf. Es ist bezeichnend, daß das Recht im
Sinne der Rechtsordnung von dem Rechte im Sinne der
Berechtigung seinen Namen herleitet, während die Ver-
pflichtung, soll sie nicht als sittliche verstanden werden, aus-
drücklich als Rechtspflicht bezeichnet werden muß. Dadurch, daß
somit das Recht überall Verhältnisse zwischen mehreren Personen,
Berechtigten und Verpflichteten, zum Gegenstande hat, ist die
Notwendigkeit seiner Feststellung durch eine höhere Gewalt, durch
den Gesetzgeber und für den einzelnen Fall durch den Richter,
bedingt: würde nicht durch sie ein etwaiger Widerstreit zwischen
der Ansicht des Berechtigten über Bestand und Maß seines
Anspruchs und des Verpflichteten über Bestand und Maß seiner
Schuldigkeit gehoben werden können, so könnte nur die Kraft
der Fäuste zwischen ihnen entscheiden. Der Äußerlichkeit des
Inhalts gesellt sich also als weiterer Unterschied des Rechts und
der Sitte von der Sittlichkeit die Äußerlichkeit der Quelle ihrer
Normen: in der Sitte gebieten alle jedem einzelnen, im Recht
ein einzelner Wille allen in der Sittlichkeit jeder nur sich
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