Staatsrecht
Die Ordnung des Zusammenlebens kann, so sahen wir (oben
S. 10), nicht dem Gewiſſen der zuſammenlebenden Einzelnen
überlassen bleiben, das den verschiedenen Menschen möglicher
weise entgegengesetzte Weisungen erteilt, sie bedarf vielmehr der
Regelung durch eine überindividuelle Macht. Welches ist diese
Macht?
Eine überhaupt übermenschliche Macht, sagte eine frühere
Denkrichtung, die Natur. Die Naturwissenschaft, die vom Rechte
ihren Grundbegriff entlehnt hatte, den des Naturgefeßes (oben
S. 7), revanchierte sich jetzt mit der Gegengabe des Natur.
rechts. Wie das Naturgesetz, soll auch das Rechtsgesetz vom
Menschen nicht erzeugt, sondern nur entdeckt, nicht festgesetzt,
sondern nur festgestellt werden; wie das Naturgesetz ist es für
alle Zeiten und Völker dasselbe; und wie die Geltung des
Naturgesetzes („Und sie bewegt sich doch!"), so steht auch die
Geltung des Rechtsgesetzes über der Willkür menschlicher Geſetz-
geber: vor dem vom Philosophen erkannten Naturrecht muß die
Geltung abweichender Saßung menschlicher Gesetzgeber erlöschen,
wie in der Wissenschaft der Jrrtum vor der Wahrheit. In der
Cat vermag man nun aber Rechtsgesetze aus der Natur nicht
abzuleiten: „Natur" ist jegliches Geschehen, das Verbrechen
ebensowohl wie seine Bestrafung, selbst das „Widernatürliche",
fie sagt uns immer nur, was iſt, nie, was von Rechts wegen
sein sollte. Der Gedanke des Naturrechts war also ein Jrrtum;
aber er war der denkbar fruchtbarste Irrtum: es ist eine alte
„List der Weltgeſchichte“, das Recht, das sie zur Geltung bringen
will, für bereits in Geltung, und das Recht, das sie außer
Kraft setzen möchte, für schon außer Kraft auszugeben, und so
hat das 18. Jahrhundert unter der falschen Fahne des ewig