Recht
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"I
Ihr habt ge.
Bruder zürnet, der ist des Gerichts schuldig
höret, daß zu den Wten gesagt ist: du sollst nicht ehebrechen.
Ich aber sage euch: wer ein Weib ansiehet, ihrer zu begehren,
der hat schon die Ehe gebrochen in seinem Herzen." Diese
Worte setzen neben das bisher ermittelte Unterscheidungsmerkmal
von Recht und Sitte einer und Sittlichkeit andrerseits den
verschiedenen Spannungsgrad zwischen Ideal und Wirklichkeit
ein zweites: die Innerlichkeit der Sittlichkeit im Gegensatze zu
der Äußerlichkeit des Rechts und der Sitte. Der alttestamen-
arischen „Gerechtigkeit", der mit der Vornahme oder Unter-
laſſung bestimmter Handlungen Genüge getan iſt, tritt die Sitt-
lichkeit gegenüber mit Anforderungen an die Gesinnung, der
Norm: Du sollst nicht töten! die Norm: Du sollst nicht hassen!
Danach scheint zunächſt die Sittlichkeit nicht einen anderen, ſon-
dern nur einen weiteren Pflichtenkreis zu begründen, als Recht
und Sitte Gesinnungspflichten neben den alten Handlungs-
pflichten, scheint sie sich zu Recht und Sitte wie ein Mehr
zum Weniger, das Recht sich zu ihr wie das ethische Minimum"
(Jellinek) zu verhalten, wie denn auch, gerade im Sinne deſſen,
der das Gesetz nicht auflösen, sondern erfüllen wollte, die Zehn
Gebote und unter ihnen jenes „Du sollst nicht töten!" noch heute als
Grundstock der christlichen Ethik gelehrt werden. Aber in Wahr.
heit hat jenes Gebot, als fittliches Gebot verstanden, einen ganz
andern Inhalt angenommen, als es als Rechtsgebot besaß: dem
Rechtsgebote war genügt, wenn des fremden Lebens geschont
war, gleichviel ob aus Mitleid, Feigheit, Furcht vor Strafe oder
welchem Grunde immer; dem gleichlautenden sittlichen Gebote
ist nur dann entsprochen, wenn es um seiner ſelbſt willen, aus
Ehrfurcht vor dem Gebot und dem Gebieter, aus Selbſtachtung
oder, in religiöser Sprache, um Gottes willen befolgt wurde.
Es zeigt sich also, daß der Sittlichkeit, auch wo fe eine bestimmte
Handlungsweise verlangt, dabei in Wahrheit nur gelegen ist an
. einer bestimmten Gesinnung, einer bestimmten Willensrichtung:
„Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer
derselben zu denken, was ohne Einschränkung für gut könnte
gehalten werden, als allein ein guter Wille" (Kant) —, wäh-
rend umgekehrt das Recht, wo es an die Gesinnung Rechts-
folgen knüpft, dies ausschließlich um der daraus zu gewärtigenden
Handlungen willen tut: fürs Denken kann man niemand henken".
Damit ist der Sittlichkeit ein ganz anderes Reich zugewiesen, als