Recht
Alle Ordnung, die wir in der Buntheit des Daseins vorfinden
oder zu stiften bestrebt sind, hat dem Recht ihren Namen ent-
lehnt: wir sprechen von Naturgeseßen, von Gesezen der
Sittlichkeit und der Sitte, Gesetzen der Logik und der Ästhetik.
Welche Stellung nehmen unter all diesen Gesetzesarten, und da-
mit im Ganzen unserer Welterkenntnis, die Gesetze im ursprüng-
lichen Sinne dieses Wortes, die Rechtsgesetze, ein?
,,Alle Menschen müssen sterben",Du sollst nicht töten":
diese Beispiele veranschaulichen uns die Unterſcheidung zweier
Arten von Gesetzen: Gesezen des Müffens und Gesezen des
Sollens; Gesetzen, die etwas aussagen wollen, was sich unaus-
bleiblich erfüllt, und Gesetzen, die etwas anordnen, was mög-
licherweise unerfüllt bleibt; Gesetzen, die wegen ihrer Überein-
stimmung mit der Tatsächlichkeit des Geschehens, und Gesetzen,
die trotz ihrer Nichtübereinstimmung mit dieser Tatsächlichkeit
gelten; Gesetzen, die den Grundriß der wirklich gegebenen, natür-
lichen Welt, und Gesetzen, die den Bauplan einer besseren, einer
Kulturwelt zeichnen: Naturgeseßen und Kulturgeſetzen oder
Normen. Es wird niemandem zweifelhaft sein, in welche dieſer
beiden Klassen er die Rechtsnormen zu rechnen habe.
Zu den Normen des menschlichen Handelns gehören aber
außer den Rechtsnormen auch die Normen der Sitte und der
Sittlichkeit. Unter ihnen steht geschichtlich an erster Stelle die
Sitte, von ihr haben sich erst später zunächst das Recht und
schließlich die Sittlichkeit losgelöst. Dieser historischen Reihen-
folge der drei Normengruppen entspricht ihre wachsende Kühn-
heit gegenüber der Tatsächlichkeit des Geschehens, der immer
zunehmende Abstand ihrer Ideale von der Wirklichkeit. Die
Sittenvorschrift trägt noch durchaus die Züge dieser Wirk-
lichkeit: das, was bisher immer geschehen, was Herkommen