V050401 Gekoppelte Pendel
5.4.1 Gekoppelte Pendel ******
1 Motivation
Zwei gekoppelte Pendel schwingen je nach Anfangsbedingungen im Gleichtakt oder im Gegen-
takt. Bei der Überlagerung der beiden Normalschwingungen ergibt sich eine Schwebung. Ein
sehr schöner und wichtiger Versuch!
2 Theorie
2.1 Fadenpendel
` S
s m
Fk
F⊥
mg
Abbildung 1: Mathematisches Pendel.
Wir betrachten einen Massenpunkt der Masse m, welcher über einen masselosen Faden der
Länge ` an einem Punkt drehbar aufgehängt ist. Reibungskräfte am Drehpunkt sowie Luftwi-
derstand vernachlässigen wir. Damit wirken die Schwerkraft mg und die Seilkraft S auf den
Massenpunkt. Einen solchen idealisierten Aufbau nennt man das mathematische Pendel (sie-
he Abb. 1). Sei ϕ der Winkel zwischen dem Faden und der Vertikalen. Zur Herleitung der
Schwingungsgleichung setzten wir die Tangentialkomponenten der Kraft (Rückstellkraft) und
der Beschleunigung in die Newtonsche Bewegungsgleichung ein (die radiale Komponente spielt
für die Bewegung keine Rolle, da sie in Richtung des Fadens wirkt):
F k = mak (1)
Der Massenpunkt m wird vom Faden auf eine Kreisbahn mit Radius ` gezwungen. Die radiale
Komponente F⊥ der Schwerkraft und die Seilkraft S addieren sich zur Zentripetalkraft, welche
die Masse auf der Kreisbahn hält.
Sei s die vom Tiefpunkt des Pendels aus gemessene Bogenlänge, dann ist
d2 s
ak = . (2)
dt2
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Über das Kräfteparallelogramm finden wir
Fk = −mg sin ϕ , (3)
Insgesamt ergibt sich daher
d2 s
m = −mg sin ϕ , (4)
dt2
und, da die Bogenlänge s = `ϕ ist,
d2 ϕ
m` = −mg sin ϕ (5)
dt2
d2 ϕ g
⇒ + sin ϕ = 0 (6)
dt2 `
Für kleine Auslenkungen gilt die Näherung sin ϕ ≈ ϕ, so dass man schliesslich die Differential-
gleichung
d2 ϕ g
+ ϕ=0 (7)
dt2 `
erhält. Es fällt auf, dass die Bewegung des Pendels unabhängig von der Masse m ist, die sich
ja aus aus der Gleichung herausgekürzt hat! Es handelt sich hier um eine homogene lineare
Differentialgleichung 2. Ordnung mit konstanten Koeffizienten.
Dies ist die Gleichung des harmonischen Oszillators:
r
2 g
ϕ̈ + ω ϕ = 0 mit ω = (8)
`
Die allgemeine Lösung lautet:
ϕ(t) = A sin(ωt + δ). (9)
Die Amplitude A und der Nullphasenwinkel δ werden aus den Anfangsbedingungen bestimmt.
Lenken wir das Pendel um den Winkel ϕ0 aus und lassen es zum Zeitpunkt t = 0 los, so ist
A = ϕ0 und δ = π/2, sodass ϕ(t) = ϕ0 cos(ωt) ist.
Das Pendel beschreibt also eine harmonische Schwingung mit der Periode
r
2π `
T = = 2π (10)
ω g
Die Periode ist demnach unabhängig von der Masse des Pendels!
2.2 Gekoppelte Pendel
p
Zwei identische Pendel (Masse m) mit Eigenfrequenz ω0 = g/` seien durch eine Feder mit
Federkonstante k miteinander verbunden (siehe Abb. 2). Für kleine Auslenkungen xi , i = 1, 2
kann die Schwingung als rein horizontal angenähert werden.
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ϕ1 ` ϕ2 `
m m
x1 x2
Abbildung
Abbildung6.1: Zweigekoppelte
2: Zwei gekoppeltePendel.
Pendel.
Dann lauten die Bewegungsgleichungen:
k
ẍ1 + ω02 x1 + (x1 − x2 ) = 0 (11)
m
k
ẍ2 + ω02 x2 − (x1 − x2 ) = 0 (12)
m
Dies sind zwei gekoppelte Differentialgleichungen 2. Ordnung. Zur Lösung machen wir den An-
satz mit den sogenannten Normalkoordinaten:
z1 := x1 − x2 (13)
z2 := x1 + x2 (14)
Durch Bildung der Summe bzw. der Differenz der Gleichungen (11) und (12) ergeben sich die
beiden neuen Differentialgleichungen
z̈2 + ω02 z2 = 0 (15)
k
z̈1 + ω02 z1 + 2 z1 = 0 (16)
m
Diese Gleichungen sind nun entkoppelt und stellen beide ungedämpfte Schwingungen dar, und
zwar mit den Kreisfrequenzen
ω2 = ω0 (17)
r
k
ω1 = ω02 + 2 (18)
m
Die allgemeine Lösung folgt aus der Rücktransformation zu den Ortskoordinaten x1 und x2 :
1
x1 (t) = 2 (z1 + z2 ) (19)
1
x2 (t) = 2 (z1 − z2 ) (20)
Im allgemeinen Fall erhält man demnach wegen der Überlagerung dieser beiden Frequenzen eine
Schwebung. Man kann aber auch durch geeignete Anfangsbedingungen Schwingungen mit nur
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einer dieser Frequenzen erzeugen:
a) Gleichläufige Schwingung
Falls x1 (t) = x2 (t) , ∀t, dann gilt:
z1 (t) ≡ 0 und z2 (t) = 2x1 (t) . (21)
In diesem Fall ist nur die Normalschwingung z2 (t) mit der Eigenfrequenz ω2 = ω0
angeregt (siehe Abb. 3).
Physik II, Prof. W. Fetscher,
ω = ω0 FS 2008 1
ϕ ` ϕ `
m m
x1 x2 = x1
Abbildung 6.1:
Abbildung 3: Zwei gekoppeltePendel
Zwei gekoppelte Pendelmit
mitgleichläufiger
gleichläufiger Schwingung.
Schwingung.
b) Gegenläufige Schwingung
Falls dagegen x1 (t) = −x2 (t) , ∀t, dann gilt:
z1 (t) = 2x1 (t) und z2 (t) ≡ 0 . (22)
In diesem Fall ist nur die Normalschwingung z1 (t) mit der Eigenfrequenz ω1 angeregt
(siehe Abb. 4).
r
k
ω= ω02 + 2
m
` ϕ −ϕ `
m m
x1 x2 = −x1
Abbildung 6.1:
Abbildung 4: Zwei gekoppeltePendel
Zwei gekoppelte Pendelmit
mitgegenläufiger
gegenläufiger Schwingung.
Schwingung.
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c) Allgemeiner Fall
Zum Schluss untersuchen wir noch den Fall, bei dem beide Normalschwingungen gleich-
zeitig auftreten. Als Beispiel wählen wir die folgenden Anfangsbedingungen:
Das Pendel Nr. 1 sei um A ausgelenkt, das Pendel Nr. 2 dagegen in Ruhelage, und beide
seien bis zur Zeit t = 0 festgehalten und dann gleichzeitig losgelassen.
Die Anfangsbedingungen in den Koordinaten xi lauten damit:
x1 = A x2 = 0 (23)
ẋ1 = 0 ẋ2 = 0 (24)
Für die Normalkoordinaten bedeutet das:
z1 = A z2 = A (25)
ż1 = 0 ż2 = 0 (26)
Die allgemeine Lösung der Differentialgleichung lautet:
z1 = C1 cos (ω1 t + δ1 ) z2 = C2 cos (ω2 t + δ2 ) (27)
Mit den Anfangsbedingungen Gl. 23-24 folgt daraus:
z1 = A cos ω1 t z2 = A cos ω2 t (28)
Die beiden Normalschwingungen haben demnach die gleiche Amplitude und die gleiche
Phase zur Zeit t = 0. Nun kann man aber nicht die Normalschwingungen beobachten,
sondern nur die Schwingungen der beiden Pendel getrennt. In den Koordinaten xi lautet
die Lösung:
ω1 + ω2 ω1 − ω2
x1 (t) = A cos t cos t (29)
2 2
ω1 + ω2 ω1 − ω2
x2 (t) = A sin t sin t (30)
2 2
Wir nehmen nun an, dass die Kopplung zwischen den Pendeln nur gering sei, dass also
k
ω02 (31)
m
>
gilt. Dann ist ω1 ≈ ω2 und
ω1 + ω2 ω1 − ω2 (32)
Es liegt also in diesem Fall wieder eine Schwebung vor (siehe Abb. 5).
Die Periode T der kleinen (modulierenden) Frequenz ist gleich
4π 4π
T = =p 2 (33)
ω1 − ω2 ω0 + 2k/m − ω0
4π 1 4π 1
= p ≈ · (34)
2
ω0 1 + 2k/(mω0 ) − 1 ω0 1 + k/(mω02 ) − 1
4πmω0
⇒ T ≈ (35)
k
Man beachte auch den Phasensprung beim Nulldurchgang der Modulationsfrequenz, der
durch deren Vorzeichenänderung zustande kommt.
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4π
x1 /A T =
ω1 − ω2
1
1
2
t
− 12
−1
x2 /A
1
1
2
t
− 12
−1
4π
T =
ω1 − ω2
Abbildung 6.1:
Abbildung 5: Schwebung bei22schwach
Schwebung bei schwachgekoppelten
gekoppelten identischen
identischen Pendeln.
Pendeln.
Von ganz besonderem Interesse ist die Tatsache, dass zu bestimmten Zeiten eines der
Pendel in Ruhe ist, während das andere die gesamte Energie übernommen hat. Diese
Situation kehrt sich nach der Zeit ∆t = T /4 derart um, dass dann das andere Pendel die
Energie übernommen hat. Die Kopplung der beiden Pendel bietet also die Möglichkeit,
Energie vollständig von einem Oszillator auf einen benachbarten Oszillator zu übertragen!
3 Experiment
Der Versuchsaufbau ist in Abb. 6 wiedergegeben. Die Auslenkung jedes Pendels wird durch
eine Widerstandsmessung ermittelt und simultan auf einem Computer wiedergegeben. Die drei
verschiedenen Schwingungsmodi werden wie folgt erreicht:
a) Gleichläufige Schwingung
Beide Pendel werden in die gleiche Richtung und gleich weit ausgelenkt und dann losge-
lassen.
b) Gegenläufige Schwingung
Die Pendel werden zwar gleich weit, aber in entgegengesetzte Richtung ausgelenkt.
c) Allgemeiner Fall
Es wird nur ein Pendel ausgelenkt. Es ergibt sich eine Schwebung.
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Abbildung 6: Versuchsaufbau Gekoppelte Pendel“
”
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