0% fanden dieses Dokument nützlich (0 Abstimmungen)
7 Ansichten6 Seiten

Ferdinand

Ferdinand II. von Habsburg, ein unnachgiebiger Katholik, führte als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches einen blutigen Konflikt gegen die protestantischen Eliten, was zu weitreichenden Kriegen in Europa führte. Trotz seiner strengen katholischen Erziehung und der Loyalität gegenüber der Kirche, war sein Regieren umstritten, wobei Katholiken ihn als gerechten Herrscher und Protestanten als Despoten betrachteten. Sein Aufstieg zur Macht wurde von politischen Intrigen und dem Widerstand der Böhmen begleitet, was letztlich in den Dreißigjährigen Krieg mündete.

Hochgeladen von

Lesia Malai
Copyright
© All Rights Reserved
Wir nehmen die Rechte an Inhalten ernst. Wenn Sie vermuten, dass dies Ihr Inhalt ist, beanspruchen Sie ihn hier.
Verfügbare Formate
Als PDF, TXT herunterladen oder online auf Scribd lesen
0% fanden dieses Dokument nützlich (0 Abstimmungen)
7 Ansichten6 Seiten

Ferdinand

Ferdinand II. von Habsburg, ein unnachgiebiger Katholik, führte als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches einen blutigen Konflikt gegen die protestantischen Eliten, was zu weitreichenden Kriegen in Europa führte. Trotz seiner strengen katholischen Erziehung und der Loyalität gegenüber der Kirche, war sein Regieren umstritten, wobei Katholiken ihn als gerechten Herrscher und Protestanten als Despoten betrachteten. Sein Aufstieg zur Macht wurde von politischen Intrigen und dem Widerstand der Böhmen begleitet, was letztlich in den Dreißigjährigen Krieg mündete.

Hochgeladen von

Lesia Malai
Copyright
© All Rights Reserved
Wir nehmen die Rechte an Inhalten ernst. Wenn Sie vermuten, dass dies Ihr Inhalt ist, beanspruchen Sie ihn hier.
Verfügbare Formate
Als PDF, TXT herunterladen oder online auf Scribd lesen

STURZ IN DIE KATASTROPHE

Unnachsichtig stritt Ferdinand II. von


Habsburg für den Katholizismus –
obwohl er auch Kaiser der deutschen
Protestanten war. So wurde er zum
Antreiber des mörderischen Konflikts.

Der fromme
Eiferer Porträt Ferdinands
mit 17 Jahren
Zeitgenössisches
Gemälde

44 SPIEGEL GESCHICHTE 4 | 2011


Von ANGELIKA FRANZ Seine Mutter wäre stolz auf ihn ge- innerösterreichischer Nebenlinie Ferdi-
wesen, hätte sie den Krieg noch erlebt. nand entstammte. Die erfolgreiche Hei-
aria von Bayern weiß, Bei Ferdinand – dem 6. von 15 Kindern ratspolitik innerhalb der Sippe barg al-

M was sie will. Ein an-


ständiger Katholik
soll aus ihrem Jungen
werden. Dafür aber
pflegt ihr Mann, Erzherzog Karl II. von
Innerösterreich, einen nach ihrem Ge-
schmack viel zu laxen Umgang mit An-
– war ihre Erziehung ein Erfolg. Aus dem
gut erhaltenen Briefwechsel der beiden
wird deutlich: Der spätere Kaiser war
ein ausgesprochenes Mamakind.
Als Ferdinand fast 20 Jahre alt und
bereits Landesherr ist, vertrödelt er sich
einmal auf der Heimreise von Italien um
lerdings das Risiko inzuchtgeschädigter
Nachkommen. Auch der junge Erzher-
zog war erblich gefährdet. Sein Namens-
pate Ferdinand I. war sein Großvater vä-
terlicher- wie auch sein Urgroßvater
mütterlicherseits.
Zur Ausbildung schickt Mutter Maria
dersgläubigen. einige Tage. „Ich bitt Eure Fürstliche ihren Sohn energisch aus dem heimi-
Gerade haben ihm pro- schen Nest Graz fort: Zu
testantische Adlige ein groß sei hier die Gefahr,
kostbares Gebetbuch über- Grabmal von Ferdinands Eltern dass Protestanten die zarte
reicht, den Landesherrn Karl II. und Maria von Bayern Seele des nunmehr Elfjäh-
gar zu ihrem ketzerischen im Grazer Mausoleumsbau rigen vergiften. Ferdinand
Gottesdienst eingeladen – kommt nach Ingolstadt.
und Karl macht Anstalten, Hier formen die Jesui-
tatsächlich hinzugehen. ten mit fester Hand den
Höchste Zeit, ihm eine adligen Nachwuchs Süd-
Lektion zu erteilen. deutschlands. Am Gymna-
Als der Erzherzog am sium und an den Universi-
Morgen aus seinem Ge- täten herrscht Disziplin;
mach tritt, sieht er seine Alkoholexzesse oder Rau-
Frau, reisefertig angezo- fereien sind streng verbo-
gen, mit dem Sohn im ten. Die Studenten dürfen
Schlepptau. „Wo gehen sich stattdessen an Gottes-
Euer Liebden mit dem Kin- diensten oder Prozessio-
de hin?“ „Nach Bayern in nen erbauen.
meine Heimat“, soll ihm Ferdinand gefällt das.
Maria entgegengegiftet ha- Der Jüngling, den Zeitge-
ben, „denn hier ist in die- nossen als unselbständig,
sem Augenblick sein See- verzagt und grüblerisch be-
lenheil höchst gefährdet.“ schreiben, fühlt sich gebor-
Der Hieb sitzt. Fortan gen in den festen Bahnen je-
macht Karl einen großen suitischer Zucht. Treu hört
Bogen um protestantische er jeden Morgen die Messe
Gotteshäuser. Und aus dem – eine Gewohnheit, die er
Sohn wird tatsächlich ein sich bis zum Tod bewahren
frommer Katholik: Lieber wird. Und da der Knabe
wolle er Land und Leute eine schöne Stimme hat,
verlieren und im bloßen kann ihn die Gemeinde der
Hemde von dannen ziehen, Pfarrkirche St. Mauritius
als der heiligen katholi- sogar öfter als Vorsänger
schen Religion zum Nach- beim Gottesdienst hören.
teil handeln, erklärt Ferdi- Die Liebe zur Musik
nand, kurz bevor er als 18- wird ihm erhalten bleiben.
Jähriger selbst Erzherzog Zwar lernt er nie, ein In-
Innerösterreichs wird. strument zu spielen, doch
[Link] (L.); OLIVER BOLCH / ANZENBERGER (R.)

Sein Leben lang wird er für Hofmusik ist stets Geld


dabei bleiben, als Erzher- da. 1626 wird er für den Un-
zog wie als König von Böh- terhalt seiner Musikkapel-
men, als König von Ungarn, le so viel aufwenden, dass
als König von Kroatien – die Steuern der Steiermark
und schließlich als Kaiser und Kärntens kaum ausrei-
des Heiligen Römischen Reiches Deut- Durchlaucht um Gottes Willen“, schreibt chen, die Kosten zu decken. Die Freude
scher Nation. So sehr hält Ferdinand dar- der Herrscher daraufhin unterwürfig an Musik gibt er auch seinem Sohn Fer-
an fest, dass er ganze Länder ihrer pro- an seine Mutter, „seid halt nicht zornig dinand III. weiter, der sich später sogar
testantischen Eliten und deren Wohl- auf mein Ausbleiben, mir ist von Herzen als Komponist hervortut.
stands beraubt. So sehr, dass er das Reich leid.“ Zur Musik kommen die prunkvollen
immer wieder in Konflikte hineintreibt, Familie wurde traditionell großge- Prozessionen, an denen er mit Hingabe
die Leid und Tod über Europa bringen. schrieben bei den Habsburgern, deren teilnimmt. So schwankt der schwächli-

SPIEGEL GESCHICHTE 4 | 2011 45


STURZ IN DIE KATASTROPHE

che Junge schon einmal, nur mit dem


Büßergewand bekleidet, unter der Last
eines riesigen Kruzifixes durch die Gas-
sen Ingolstadts – seine Art der Vergnü-
gung. Ein großzügiges Taschengeld, das
seine Mutter ihm zu Fasching sendet,
stiftet Ferdinand lieber für einen Altar.
Weder Sohn noch Mutter haben in
den kommenden Jahren viel Interesse
daran, den künftigen Landesherrn nach
Graz zurückzuholen. Denn kaum ist Fer-
dinand in Ingolstadt angekommen, stirbt
daheim sein Vater. Nun machen die Gra-
zer Protestanten, wegen ihrer Unterstüt-
zung gegen die Türken unentbehrlich,
den Katholiken das Leben schwer.
Als Ferdinand endlich in die Erblande
zurückkehrt, hat jedes Lager seine Vor-
stellung davon, wie der junge Herrscher

In vier Stunden
verbraucht der
Scharfrichter fünf
Schwerter.
sein Land zu regieren habe. Der Papst
zum Beispiel würde gern in den inner-
österreichischen Ländern die Inquisi-
tion einführen. „Es ist das Ärgste zu be-
fürchten, wenn das Kinder-, Weiber-
und Pfaffenregiment erst angehen wird“,
sorgt sich prompt der protestantische
Landmarschall von Kärnten, Bartholo-
mäus Khevenhüller.
Protestanten grüßen ihren künftigen
Landesherrn nicht einmal, wenn sie ihm
auf der Straße begegnen. Sich offen gegen
einen Habsburger auflehnen können sie
jedoch auch nicht. Und so schwören die
Stände schließlich am 12. Dezember 1596
im großen Festsaal der Grazer Burg „dem
durchlauchtigsten Fürsten und Herrn Fer-
dinand als dem rechten und natürlichen
Erblandesfürsten Treue und Gehorsam“.
Was wurde Ferdinand für ein Regent?
Lange stritten Historiker: Für die Katho-
liken war er ein großer Herrscher, frei- Habsburger wichtig, Ratssitzungen per- Heimgekehrt, beginnt er sein Gelübde
giebig und gerecht; die protestantische sönlich beizuwohnen. wahr zu machen: Am 23. September 1598
Version schilderte einen Despoten. Die Vor Regierungsantritt macht Ferdi- verfügt er, dass binnen acht Tagen alle
Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwi- nand allerdings erst die standesgemäße protestantischen Prediger, Schulrekto-
schen. Neue Forschungen zeigen etwa: Bildungsreise nach Italien. In Ferrara ren und Schuldiener die Erblande ver-
So tief Ferdinands Handeln im Katholi- trifft er Papst Clemens VIII. und ver- lassen müssen. Unter den 19 Männern,
zismus wurzelte, er überschritt damit bringt eine volle Woche bei ihm. Im Wall- die es in Graz trifft, ist zunächst auch der
nicht die Grenzen üblichen Herrscher- fahrtsort Loreto soll er gelobt haben, alle geniale Mathematiklehrer der Stiftsschu-
verhaltens, selbst wenn viel Blut dabei seine Untertanen wieder zum katholi- le, Johannes Kepler (siehe Seite 80). Lei-
floß. Was wie Abhängigkeit von Bera- schen Glauben zu führen, notfalls mit Ge- der treibe, wie der Herrscher im April
tern wirkt, kann man auch Umsicht nen- walt. Anschließend kauft er als Souvenir 1601 bedauert, sein Befehl „fast die Ver-
BPK

nen. Zeit seines Lebens war es dem für seine Mutter geweihte Rosenkränze. möglichsten“ aus dem Land.

46 SPIEGEL GESCHICHTE 4 | 2011


Tod als Spektakel:
Das Prager Blutgericht
am 21. Juni 1621
Zeitgenössisches Flugblatt

Ferdinands Ehe mit der Cousine Ma- als kaiserlicher Kommissar beiwohnt, thias noch seine männlichen Geschwis-
ria Anna von Bayern, die er dank regel- während sie daheim hochschwanger auf ter Erben haben, wird Ferdinand zum
mäßiger Besuche am Münchner Hof gut die Geburt ihres vierten Kindes, des spä- attraktivsten Anwärter auf die Nachfol-
kennt, gilt sogleich als Zweckbündnis. teren Kaisers Ferdinand III., wartet: ge. Ihm zugunsten verzichten Matthias’
Vier Jahre älter ist sie als er, zudem „lei- „Wenn mir unser Herr die Gnad täte, Brüder Maximilian und Albrecht zu-
besblöd“ – oft kränkelnd und nicht ge- dass ich bei Ihrer Niederkunft sein könn- nächst auf die Kronen Böhmens und Un-
rade eine Schönheit. Doch die beiden te, so wollte ich alsdann gern alle allhie garns, später auch auf die österrei-
bleiben einander treu, bis 1616 der Tod ausgestandene Unlust vergessen.“ chischen Erblande. Nun hat nur noch
sie scheidet; Ferdinand liebt sein „Änne- Sieben Kinder sind der Dank; die Kai- Philipp III. von Spanien – ebenfalls ein
le“ aufrichtig. serkrönung ihres Mannes wird das Än- Enkel Kaiser Maximilians II. – dieselben
So schreibt er ihr beispielsweise vom nele jedoch nicht mehr erleben. Da we- Ansprüche. Für seinen Verzicht muss
Regensburger Reichstag, dem er 1607/08 der der seit 1612 regierende Kaiser Mat- ihm Ferdinand im Vertrag von Oñate das

SPIEGEL GESCHICHTE 4 | 2011 47


STURZ IN DIE KATASTROPHE

Elsass und Reichslehen in Italien über- Trommler heizen die Menge an und ma- jüngste Tochter Vincenzos I., Herzog
lassen. chen solchen Lärm, dass die Todeskan- von Mantua und Montferrat, und der
Erst nach zähen Verhandlungen und didaten keine Abschiedsworte mehr an Eleonora de’ Medici, Prinzessin der Tos-
mehr Zugeständnissen, als ihm lieb ist, ihre Liebsten hinausschreien können. kana. Gesehen hat er die 23-Jährige
wählen die überwiegend protestanti- Vier Stunden lang arbeitet der Scharf- noch nie, als er 1621 anfragen lässt, ob
schen Stände Böhmens Ferdinand am 5. richter. Fünf Schwerter braucht er, so ihr Vater in die Heirat einwillige. Die
Juni 1617 zum König. Ein knappes Jahr schnell werden die Richtwaffen stumpf. beiden begegnen einander zum ersten
später, am 16. Mai 1618, gestehen ihm Ferdinand kniet unterdessen in Maria- Mal am 1. Februar 1622, vor dem Altar.
auch die ungarischen Stände die Krone zell vor einem Bild der Gottesmutter Die Hoffnung auf weitere Kinder soll-
zu. Doch da bricht in Böhmen bereits und betet für die armen Seelen, die vom te sich für den Kaiser zwar nicht erfül-
der Aufstand los. Friedrich von der Pfalz Rathausplatz in die Hölle fahren. Zwölf len. Doch wurde seine Ehe mit Eleonore
lässt sich zum böhmischen König wäh- der Köpfe nageln die Henkersknechte ähnlich glücklich und zärtlich wie die
len. Bald taumelt ganz Mitteleuropa in später an den Brü- erste mit dem Ännele.
den Krieg. ckenturm.
Genießen kann Ferdinand das wie-
Im Winter 1618/19 zieht ein dergefundene häusliche Glück aller-
besonders hell leuchtender dings kaum. Das Reich stöhnt un-
Komet über den Himmel und ter den wachsenden politi-
verbreitet Katastrophenängs- schen Spannungen. Die Natur
te. Kaum ist der Winter vorbei, scheint Leid und Krise zu
stirbt der alte Kaiser Matthias; reflektieren: Der Winter
der Weg ist frei für Ferdinand. 1624/25 ist so unerhört mild,
„Legitime certantibus corona“ dass die Mandelbäume viel zu
ist sein Wahlspruch: Den früh zu blühen beginnen.
rechtmäßig Kämpfenden ge- Doch mit dem Frühjahr kom-
bührt die Krone. Trotz allen men Springfluten und Erdbe-
Widerstands der Böhmen ge- ben; dazu verbreiten Pest-
winnt Ferdinand die Wahl ein- ausbrüche Schrecken. Im
stimmig. Als ihm am 9. Sep- Juni fällt Schnee und ver-
tember in Frankfurt die Bügel- nichtet die Ernte.
krone auf das Haupt gesetzt Und dann bricht eine Flut
und das Reichsschwert umge- der anderen Art aus dem
gürtet wird, hat er die volle Le- Norden über das Heilige Rö-
gitimation, gegen Unruhestif- mische Reich herein. Chris-
ter vorzugehen. tian IV. von Dänemark und die
Auf dem Rückweg von niedersächsischen Stände rüs-
Frankfurt ernennt Ferdinand ten gegen den Kaiser. Der aber
Maximilian von Bayern zum hat kein Heer, das groß genug
uneingeschränkten Befehlsha- wäre, sich der Bedrohung aus
ber über die Katholische Liga dem Norden zu stellen. Auch
und verspricht ihm – wenn die Liga ist nicht mächtig ge-
auch vorerst nur mündlich – nug, den Dänen aufzuhalten.
im Falle eines Sieges über die Da macht der böhmische Ad-
Rebellen die Kurwürde der Gebetbuch Kaiser Ferdinands mit Goldemail-Einband; lige Albrecht Wenzel Eusebius
Pfalz. Auch seinen spanischen das Monogramm MA steht für Maria. von Waldstein, besser bekannt
Vetter Philipp III. und den als Wallenstein, dem Kaiser
sächsischen Kurfürsten Johann Georg Doch damit nicht genug: Wer mit das verlockende Angebot, innerhalb kür-
kann er für seinen Kampf gegen die wi- dem Leben davongekommen ist, verliert zester Zeit eine gewaltige Armee aufzu-
KUNSTHISTORISCHES MUSEUM WIEN, GEISTLICHE SCHATZKAMMER

derspenstigen Böhmen gewinnen – sein Land. Drei Viertel des böhmischen stellen. Ferdinand schlägt ein.
ebenfalls um den Preis territorialer Ver- Bodens wechseln in der Folgezeit den Damit verbünden sich zwei Männer,
sprechungen. Besitzer. Ferdinand verteilt die Besitz- die unterschiedlicher nicht sein könnten.
Der katastrophalen Niederlage Fried- tümer in alle Richtungen; für sich behält Ferdinand glaubt fest an Gott, Wallen-
richs am Weißen Berg bei Prag – wo üb- der Kaiser fast nichts. stein an die Sterne. Ferdinand ist um-
rigens auch der spätere Naturforscher Neben der Machtpolitik wird Ferdi- weht von der Aura uralter Herrscherti-
und Philosoph René Descartes als katho- nand von einem weiteren Anliegen be- tel, Wallenstein hat sich selbst aus einem
lischer Söldner mitkämpfte – folgen dra- herrscht. Seit fünf Jahren ist er nun Wit- kleinen Adelsgeschlecht ins Rampen-
konische Strafen. 28 Todesurteile unter- wer, aber mit 42 noch lange nicht alt ge- licht der Geschichte emporgearbeitet
schreibt Kaiser Ferdinand, angeblich mit nug, um die Hoffnung auf weitere männ- (siehe Seite 72).
zitternder Hand und Tränen in den Au- liche Nachkommen aufzugeben. Der dänische Spuk währt nicht lange.
gen. Am 21. Juni 1621 beginnt das große Unter den Kandidatinnen des euro- Im September des Jahres 1628 ist das
Schlachten auf einer eigens aufgebauten päischen Hochadels erscheint ihm Eleo- Reich von den Küsten im Norden bis
Bühne vor dem Altstädter Rathaus. nore Gonzaga am geeignetsten, die zum Bodensee wieder fest in Ferdinands

48 SPIEGEL GESCHICHTE 4 | 2011


Hand. Der Kaiser steht auf dem Gipfel dadurch in Friedensverhandlungen mit überzeugen Ferdinand, dass der Feld-
seiner Macht. Und doch bleibt er bei al- Frankreich. Obendrein stößt sein Her- herr einen Militärputsch plane, und pro-
lem Glanz der bescheidene, häusliche zenswunsch auf Widerstand: Ferdinand, vozieren so sein Todesurteil. Nach dem
Mensch, der am liebsten daheim bei nun 52 Jahre alt, will allmählich seinem Mord an Wallenstein lässt der Kaiser
Frau und Kindern weilt. Sohn den Weg zur Nachfolge auf den 3000 Messen für sein Seelenheil lesen.
Bezeichnend für seine biedere Gut- Kaiserthron bereiten. Doch das Gremi-
mütigkeit ist eine Anekdote aus jenem um lehnt eine Krönung zum römischen Der Krieg aber geht weiter. Wal-
Jahr: Eines Abends kehrt er nach einem König als Vorbereitung auf die spätere lensteins Nachfolger wird Ferdinands
Jagdausflug heim. Seine Diener lösen Kaiserwahl ab. Die Zeiten seien zu unsi-Sohn, der spätere Ferdinand III. Im Sep-
die Sporen, ziehen ihm die schweren cher, erklären die Kurfürsten. tember 1634 schließlich gelingt es ihm,
Reitstiefel von den Füßen. Doch dann Während dieser Streitigkeiten landen bei Nördlingen die Schweden und ihre
sind plötzlich die Pantoffeln des Kaisers an der Ostseeküste 13 000 Soldaten. Es Verbündeten zu besiegen und anschlie-
nicht zu finden. Ferdinand bleibt ganz ist das Heer des schwedischen Königs ßend ganz Süddeutschland wieder unter
gelassen: „Setzen wir uns zur Tafel. Was Gustav Adolf, der den Protestanten zu kaiserliche Kontrolle zu bringen.
bedarf es der Pantoffeln, ist doch kein Hilfe eilt. Ernst nimmt ihn niemand. Die protestantischen Fürsten haben
kaltes Wetter.“ Spricht’s und streckt sei- Was will der Schwede schon mit diesem nun genug. Sie wollen Frieden mit Fer-
ne nackten Füße unter den Tisch. kleinen Haufen gegen die 100 000 Mann dinand. Doch den lassen sie sich teuer
Doch das ist schon eine der neckischs- starken kaiserlichen Truppen ausrich- bezahlen. Als er am 30. Mai 1635 den
ten Geschichten über sein Privatleben. Prager Frieden unterzeichnet, verpflich-
Keinen Hauch eines Skandälchens leis- tet sich der Kaiser, für 40 Jahre das
tet sich der Kaiser. Seine zweite Frau Restitutionsedikt auszusetzen. Frieden
Eleonore beteuert, ihr Mann sei so treu, im Reich schafft er aber auch damit
dass sie nicht einmal dann etwas Böses nicht. Längst hat der Krieg eine Eigen-
über ihren Gemahl dächte, wenn sie zu- dynamik entwickelt. Anstelle der protes-
fällig in seinem Bett ein junges Mädchen tantischen Fürsten tritt nun Frankreich
fände. Andererseits geht Ferdinands Prü- auf die Seite Schwedens. Und die blu-
derie auch so weit, dass er all jene Ge- tigste Zeit des Krieges wird erst noch
mälde aus der gewaltigen Sammlung sei- beginnen.
nes Vorvorgängers Rudolf II. verbren- Diese Phase jedoch bleibt Ferdinand
nen lässt, auf denen nackte Menschen erspart. In seinem letzten Lebensjahr
dargestellt sind. Kunstwerke von un- gewähren die Kurfürsten dem alten Kai-
schätzbarem Wert gehen dabei in Flam- ser sogar noch die Gunst, seinen Erben
men auf. zum römischen König zu wählen.
Aus Treue zu seinem Glauben begeht Fast hätte Ferdinand diesen festlichen
Ferdinand auch den schwersten politi- Augenblick nicht mehr erlebt. Schon län-
schen Fehler seines Lebens: Am 6. März ger plagt die Wassersucht seinen Körper.
1629 verfügt er, sämtliche nach 1552 in Beine und Unterleib sind unförmig an-
protestantische Hand gelangten Kir- geschwollen. Am 8. November 1636 ver-
chengüter seien den Katholiken zurück- Papst Urban VIII. hatte mit Frank- liert der Kaiser das Bewusstsein – zwei
zugeben. reich-freundlichen Friedensplänen Stunden lang liegt er ohnmächtig da.
Mit der Unterschrift unter dieses Re- kaum Erfolg. Wichtig war ihm Doch dann ist das Koma überwunden.
stitutionsedikt verschiebt sich die die Weihe des Petersdoms 1626. Am 22. Dezember kann Ferdinand im
Machtlage zwischen den beiden Konfes- Porträt von G. L. Bernini, um 1640 Dom zu Regensburg befriedigt dabei zu-
sionen gewaltig. Der Streich geht so weit, sehen, wie seinem Sohn die römische
dass er nicht nur die Protestanten in Er- ten? „Ham ma halt a Feindl mehr“, soll Königskrone aufs Haupt gesetzt wird.
bitterung versetzt. Das Restitutionsedikt Ferdinand in breitem Steirisch die An- Die Nachfolge ist gesichert. An der Spit-
ist seit über 100 Jahren das erste Reichs- kunft des Schweden kommentiert haben. ze des Reiches wird, wie schon seit Ge-
gesetz, das der Kaiser ohne Abstimmung Doch der kleine Haufen wird bald nerationen, ein Habsburger stehen.
mit den Kurfürsten erlassen hat. Selbst zum ausgewachsenen Problem. Bran- In Wien geht es dann mit seinem
die katholischen unter ihnen sehen ihre denburg und Sachsen schließen sich ihm Wohlbefinden rapide bergab. Am Mor-
Rechte nun bedrohlich untergraben. unter Druck an. Im Herbst 1631 fällt gen des 15. Februar schließt der Herr-
In Wallensteins Heer steht Ferdinand Würzburg, im Dezember Mainz, und im scher, der Europa in den Dreißigjähri-
ein Druckmittel zur Verfügung, um seine Mai folgt München. Die Sachsen haben gen Krieg führte, für immer die Augen.
Machtansprüche durchzusetzen. Schon unterdessen im November Prag erobert. In seinen Händen hält er eine geweihte
im Jahr darauf gelingt den Kurfürsten Das riesige kaiserliche Heer aber ist Kerze.
der Gegenschlag: Sie zwingen den Kai- ohne Wallenstein nicht nur kopf- und Seinen Leichnam bestattet man in ei-
ser, Wallenstein zu entlassen. kraftlos, sondern auch noch weit ver- nem Mausoleum in seiner alten Heimat-
Der Verzicht auf seinen Feldherrn ist streut. Ferdinand weiß nur einen Aus- stadt Graz. Nur das Herz wollte Ferdi-
für Ferdinand noch nicht einmal die ein- weg. Er bekniet Wallenstein, zurückzu- nand dort nicht liegen wissen. Es sollte
zige Niederlage. Auch im Erbfolgekrieg kommen. ruhen, wo es zu Lebzeiten für ihn stets
mit Mantua verweigern die Kurfürsten Es bleibt ein Intermezzo. Die alten hingehört hatte – an der Seite seiner
BPK

ihm die Unterstützung und treiben ihn Feinde des selbstherrlichen Aufsteigers Mutter.

SPIEGEL GESCHICHTE 4 | 2011 49

Das könnte Ihnen auch gefallen