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Richtertagung in Stift Göttweig, 26. Sept. 1998
Das rechte Rühmen
So spricht der Herr: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner
Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums. Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich
dessen, daß er klug sei und mich kenne, daß ich der Herr bin, der Barmherzigkeit, Recht und
Gerechtigkeit übt auf Erdern; denn solches gefällt mir, spricht der Herr.
Jer 9,22-23
Zachäus
Und er ging nach Jericho hinein und zog hindurch. Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus,
der war ein Oberer der Zöllner und war reich. Und er begehrte Jesus zu sehen, wer er wäre, und
konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt. Und er lief voraus und stieg auf
einen Maulbeerbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen. Und als Jesus an die Stelle
kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muß heute in deinem
Haus einkehren. Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden. Als sie das sahen,
murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt. Zachäus aber trat vor den Herrn
und sprach: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden
betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück. Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Haus Heil
widerfahren, denn auch er ist Abrahams Sohn. Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen
und selig machen, was verloren ist. Lk 19,1-10
Der Maßstab des göttlichen Gerichts
Darum, o Mensch, kannst du dich nicht entschuldigen, wer du auch bist, der du richtest. Denn worin
du den andern richtest, verdammst du dich selbst, weil du ebendasselbe tust, was du richtest. Wir
wissen aber, daß Gottes Urteil recht ist über die, die solches tun. Denkst du aber, o Mensch, der du
die richtest, die solches tun, und tust auch dasselbe, daß du dem Urteil Gottes entrinnen wirst?
Röm 2,1-3
Liebe Schwestern und Brüder!
So möchte ich sie gern ansprechen an diesem Nachmittag, um damit zu verdeutlichen, daß wir in
demselben Boot sitzen als getaufte Christinnen und Christen, als StaatsbürgerInnen dieses Landes,
für die dasselbe Recht gilt, oder zumindest gelten sollte; als Menschen, die leben, lieben und glücklich
sein wollen. Zu unseren Schwestern und Brüdern gehören, ob sie dies wollen oder nicht, auch die, die
heute nicht hier sind, weil sie hinter Gefängnismauern sitzen, heute 23 Stunden in der Zelle und
morgen auch, seit einigen Wochen in U-Haft, seit Monaten in Schubhaft oder seit Jahren in Stein,
Garsten, der Karlau. Sie sind für uns meist die völlig anderen, die Devitanten, die Kriminellen, die
Verbrecher; Menschen, die wir nicht zu unseren Veranstaltungen und Festen einladen, Menschen, mit
denen wir nicht gern gesehen werden und wenn, dann deutlich getrennt durch Schranken oder die
Barrieren des Hohen Gerichts. Zu schnell und leicht vergessen wir, daß es Menschen sind wie du und
ich, mit dem Recht auf Würde und Achtung ihrer Person. Zur Diskussion steht eine Tat, ein Verhalten,
ein Delikt, die gegen unsere gesellschaftlichen Regeln, unsere gesetzlichen Normen verstoßen haben.
Entzogen wird ihnen die Möglichkeit von Beziehung, Begleitung, Zuwendung, Liebe, Gnade,
Barmherzigkeit. All dies scheinen sie verspielt zu haben, mit ihrer Tat, mit ihrem Verbrechen. Sie
haben, wenn sie genügend Geld besitzen, bestenfalls die Chance auf ein gerechtes Urteil, das sie, –
wie hoch immer es ausfällt – im mindesten zu Vorbestraften stempelt, im schlimmsten Fall zu
Verbrechern.
Ärgern sie sich schon? Wie die Blinde von der Farbe, keine Ahnung vom rauhen Alltag, von der
Brutalität des Umgangs im Häfn, von den abgebrühten Betrügern und Schwerverbrechern, die keine
Gnade verdienen. Nicht ganz wie die Blinde von der Farbe, halte ich mir zugute, ist mein Mann seit 23
Jahren im Gefängnis. Nein, keine falschen Schlüsse, als Gefängnispfarrer, als Anstaltsseelsorger und
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einige der sogenannten Verbrecher kommen uns besuchen, sobald sie können. Wir sitzen im selben
Boot, das ist es, was der Apostel Paulus seinen jüdischen Freunden zunächst sagt. Für euch sind die
Heiden, die Unbeschnittenen, die Verbrecher. Er nennt Neid, Mord, Streit, Verleumdung,
Gewalttätigkeit und vieles mehr. Die Auserwählten, das sind die jüdischen Freunde, die Recht und
Gottes Gerechtigkeit für sich allen beanspruchen. Nicht lange danach - kaum wurde das Christentum
zur Staatsreligion erhoben, werden die Juden zu Urhebern alles Bösen erklärt, zu Gottesmördern und
Verrätern, jede Untat wird ihnen zugetraut, bis diese Pauschalverdammung im Holocaust ihren
grausamen Höhepunkt erreicht. Irgend jemand muß ja schließlich verantwortlich sein für das Böse in
der Welt. Was Paulus nun unternimmt, ist der Ärgernis erregende Versuch, seinen Zuhörern einen
Spiegel vorzuhalten, so wie es Jesus unzählige Male getan hat: Vereinfacht ausgedrückt: Glaub nur ja
nicht, du bist ein gerechter, ein guter Mensch, weil du über andere richtest, über andere dein Urteil
fällst. Alles, was du verurteilst, trägst du auch in dir, den Hang zur Lüge, zum Zorn, zur Gewalt, zum
Betrug, ja selbst zum Mord. Mit diesen Gedanken nivelliert er unsere vermeintlich wasserdichten
Trennungen in Gute und Böse, in Verbrecher und Nichtverbrecher und stellt uns alle gemeinsam ohne
Unterschied vor Gott. Gottes Gerechtigkeit beschreibt er mit den Begriffen Güte, Geduld und Langmut,
die in uns den Mut zur inneren Umkehr wecken sollen.
Das ist ja das offene Geheimnis des Wirkens Jesu, der einen Zachäus nicht in einen
Umerziehungsanstalt steckt und erwartet, daß er auf der anderen Seite als frommes Lamm
herauskommt. Das scheint überhaupt nicht in seiner Absicht zu liegen. Er fordert auch keinen
Tatausgleich als Bedingung für sein eigenes Verhalten. Sein Geheimnis - seine nachhaltige und
Menschen verändernde Wirkung - liegen in seiner Zuwendung, im Aufnehmen und Schaffen einer
Beziehung. Du Zachäus, den die anderen als Betrüger und Kollaborateur beschimpfen, du bist mir
wichtig, zu dir will ich kommen, nicht heimlich und verstohlen, nicht in der Hoffnung auf
Gewinnbeteiligung, sondern vor aller Augen, in der Hoffnung, dich kennenzulernen, mit dir ein Stück
Weg gemeinsam zu gehen, zusammen zu essen und zu trinken. “Heute ist deinem Haus Heil
widerfahren, denn auch du bist ein Sohn Abrahams”, auch du bist mein Bruder und du brauchst mich
vielleicht dringender als die vielen anderen, die das große Wort führen.
Was ist das für eine Gerechtigkeit? Es ist Gottes Gerechtigkeit, die mehr schenkt als ein gerechtes
Urteil. Sie stiftet das Angebot von Beziehung, sie begegnet ohne Vorbehalte, sie schenkt Vergebung
und das alles nicht als Folge von Bravsein, sondern als Vorgabe. Erst wo Beziehung gelingt, ist
Veränderung möglich. Bis hinein in unsere ganz private Geschichte ist das nachvollziehbar: “Sei so
wie ich dich haben möchte, dann werde ich dich lieben” - ein solches Ansinnen schafft Abhängigkeit
und Gewaltstrukturen. Wie viel anders klingt: “Weil du mich liebst und mich annimmst wie ich bin,
versuche ich mich zu verändern und meine negativen Seiten in den Griff zu bekommen.” Am Anfang
jeder gelingenden Beziehung zu Gott: So fern der Morgen vom Abend ist, läßt Gott unsere
Übertretungen von uns sein. Er rechnet uns unsere Sünden nicht zu, wer könnte vor ihm bestehen?,
heißt es in Psalm 103. Im gesamten Strafvollzug geht es im wesentlichen auch um uns, um unsere
Beziehungs- und Liebesfähigkeit. Im Talmud heißt es: “Wenn du jemanden strafst, mach ihn zu
deinem Bruder” - setz dich in Beziehung, fühle dich verantwortlich für das, was du jemanden damit
antust. Recht, Rechtsprechung müssen unverzichtbar mit Gerechtigkeit zu tun haben, sie müssen der
Gerechtigkeit dienen. Die Bibel verwendet dafür den Begriff Zedeka. Eine Gerechtigkeit, die vor Gott
bestehen kann, hat sich drei Kriterien zu stellen. Ich beziehe mich dabei auf ein Buch von Hermann
Bianchi, der lange Jahre Univ. Prof. für Kriminologie an der Universität von Amsterdam war. Das Buch
trägt den Titel: Alternative zur Strafjustiz:
1.) Gerechtigkeit erweist sich nicht am ordentlichen Vollzug des gesatzten Rechts, sondern erst im
Nachhinein; erst dann, wenn ein Gesetz, eine Entscheidung, ein Urteil an der Prüfung und
Überprüfung auf Sinnhaftigkeit und Wahrhaftigkeit hin standhält. Österreichische Gesetzgebung landet
da mitunter in einer Aporie: ein straffällig gewordener Tamile kann nach Verbüßung seiner Haftstrafe
von Drogenschmuggel keine Aufenthaltsgenehmigung bekommen. Er kann aber auch nicht
abgeschoben werden, da ihm in Sri Lanka die Todesstrafe droht. Seit 2 Jahren vegetiert er – gehalten
durch kirchliche Hilfe in Österreich – vor sich hin, kein Recht ist für ihn zuständig. Er kann nicht
bleiben, nicht ausreisen, da er keine Papiere besitzt, er kann auch nicht abgeschoben werden. Er
existiert als Mensch nicht, weil er im System nicht vorkommt. Das ist keine Gerechtigkeit nach
biblischem Maßstab.
2.) Die Weisungen der Tora im Alten Testament verstehen sich nicht als objektiv normierte Wahrheiten,
sie sind als Handlungsanweisungen, die zum Ziel haben, unser Zusammenleben menschlicher zu
gestalten. Darum kann Jesus sagen: “Das Gesetz ist für den Menschen gemacht und nicht der
Mensch, um das Gesetz zu erfüllen.” Jesu Umgang mit dem Gesetz zeigt sehr deutlich, daß er sich
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um des Menschen willen über Weisungen der Tora hinwegsetzt. Unser Strafsystem ist in Fortführung
des römischen Rechts entstanden, das ja zunächst nur der Aufrechterhaltung der Staatsmacht diente
und in aller Härte eingesetzt wurde, wenn gegen die Interessen des Imperiums gehandelt wurde. Freie
römische Bürger regelten ihre Konflikte nach dem privatrechtlichen System, eine Strafverfolgung gab
es nicht. Erst im Zuge der Inquisition, die definierte, was Menschen zu denken und wie sie zu leben
hätten, entwickelte sich die moderne Staatsidee. Die Interessen von Staat und Kirche fielen
zusammen, jedes Vergehen, auch Konflikte zwischen Bürgern, wurden als Verbrechen gegen Staat
und/oder Kirche angesehen und bestraft. Das römische Recht ging von einem objektiven
Wahrheitsbegriff aus – in Israel wurde über die Wahrheit ein Dialog geführt, der eigentlich nie endet.
Auch dazu ein Beispiel aus jüngster Vergangenheit:
Zwei mittellose Deutsche (ein Mann, eine Frau) geben auf Anraten ihres Pflichtverteidigers die Absicht
schweren Betrugs zu, damit – so die Verteidiger – kämen sie mit 3 Jahren bedingter Strafe davon.
Würden sie die betrügerische Absicht leugnen, hätten sie mit 5 Monate unbedingter Haft zu rechnen.
Welche Alternative! In Wahrheit standen hinter nicht bezahlten Quartierrechnungen eine Verkettung
selbstverschuldeter Fehlspekulationen und einer unverschuldeten Lungenembolie. Aber wen
interessiert bei uns die Wahrheit? Dem Gesetz wurde Genüge getan. Das geht als Zedeka, als
Gerechtigkeit nicht durch.
Der 3. Anspruch der biblischen Zedeka geht mit Befreiung einher. Hier kommen besonders die Opfer
in den Blick, die in der Regel durch die Haftstrafe eines Täters zwar Genugtuung bekommen, die
aufgrund des ihnen zugefügten Schadens und den damit verbundenen Ängsten jedoch keine wirkliche
Entlastung oder Befreiung erleben. Befreiung von Schuld und Angst läßt sich letztlich nur realisieren,
wenn Menschen wieder selbst in die Regelung ihrer Konflikte einbezogen werden und zwar sowohl die
Täter als auch die Opfer. An dieser Stelle hat das Modell vom außergerichtlichen Tatausgleich seine
ethische und religiöse Verankerung.
Ich bin nicht so blauäugig zu meinen, damit seien alle Probleme zu lösen und alle Menschen zur
Umkehr zu motivieren. Aber, daß es Orte der Reue, der Buße und der Versöhnung braucht, wissen wir
aus unserem eigenen Leben. Das gilt auch für Schwestern und Brüder auf der anderen Seite der
Mauer. Denn Gott will, daß allen Menschen geholfen wird und sie die Wahrheit erkennen können.
Amen.