Geschem
Ich muss unter dem Maulbeerbaum eingeschlafen sein, wo ich mich am
späten Nachmittag, als die Hitze unerträglich wurde, zum Ausruhen
hingelegt hatte, denn ich wurde von Schreien geweckt. Es waren hohe,
schrille Schreie, und ich hob unwillkürlich die Hände, um meine Ohren zu
schützen. Erst verstand ich nicht, dass es ein Mensch war, der da schrie.
Doch dann sah ich sie, Daja, die Herrin, wie sie sich drehte und wand und
versuchte, sich aus dem Griff der Köchin zu befreien, ich sah ihr verzerrtes
Gesicht und den aufgerissenen Mund. »Recha!«, schrie sie. »Recha!
Recha!« Doch Zipora und eine Magd hielten sie fest und lockerten den
Griff auch nicht, als Daja wie wild um sich schlug und schrie: »Lasst mich
los, ich muss zu Recha! Nathan ist nicht da! Gott steh uns bei, wenn Recha
etwas passiert.« Ihre Schreie übertönten das Prasseln der Flammen.
Ich wollte aufspringen, ich wollte mich in die Flammen stürzen, ich
wollte der tapfere Held sein, der die Tochter des Herrn rettet, ich, ich, ich!
Das war die Gelegenheit, die Gott mir bot, Gott oder Allah, um meinen Mut
zu beweisen. Alle sollten es erfahren, vor allem er, Nathan, der Herr, dass
ich mehr war als nur ein armseliger Krüppel. Aber die Hitze des Feuers
drang bis zu meinem Platz unter dem Maulbeerbaum, und in meinem
Körper brach der altbekannte Schmerz auf, ein stechender Schmerz, der mir
von der linken Seite durch den ganzen Körper fuhr. Ein Schmerz, den ich
eigentlich nicht fühlen durfte, denn längst vernarbte Wunden schmerzen
nicht mehr, warum taten es meine dennoch?
Ich kauerte unter dem Maulbeerbaum und hatte nur einen Gedanken: Ich
muss die Herrin herausholen, ihr Vater ist nicht da, es ist meine Pflicht, sie
zu retten. Aber als ich aufspringen wollte, gehorchte mir mein Körper nicht,
die Narben brannten, mein linker Arm und mein linkes Bein krümmten
sich, wie sich verkohlende Äste im Feuer krümmen, sie wurden steif und
unbeweglich. Das Hundezahngras zerkratzte meine Haut, als ich anfing zu
kriechen, Rauch drang mir in Nase und Mund, meine Augen brannten und
ein schrecklicher Husten schüttelte meinen Körper. Mir wurde schwarz vor
den Augen.
Doch bevor es mir gelang, in die ersehnte Bewusstlosigkeit zu versinken,
tauchte plötzlich eine hohe Gestalt vor dem Feuer auf. Scharf hob sich ein
breiter, weißer Rücken gegen die Flammen ab, die Arme bewegten sich
aufwärts, die Ärmel fielen auseinander, schwangen wie die Flügel eines
riesigen weißen Vogels auf und ab. Der Fremde zögerte nur kurz, aber lange
genug, dass ich das große, rote Kreuz auf seinem Gewand erkennen konnte,
dann machte er einen Satz, hinein in das Feuer, und wurde von den
Flammen verschluckt.
Schlaf senkte sich auf mich, ein hässlicher, bedrohlicher Schlaf mit
einem hässlichen, bedrohlichen Traum. Das Erste, was ich sah, war der
Rauch, immer sieht man zuerst nur den Rauch. Er drang aus der Tür,
kletterte als dünner Faden an der Hauswand nach oben, kräuselte sich,
verdichtete sich zu Schwaden, stieg in den Himmel, sammelte sich zu einer
drohenden Wolke. Ich brauchte nicht zu überlegen, was der Rauch
bedeutete, ich wusste es, und noch bevor ich mich gegen den Schmerz
wappnen konnte, züngelten bereits die ersten Flämmchen unter dem Rauch
hervor und wurden schnell zu lodernden Flammen, die sich mit dem Rot der
untergehenden Sonne mischten, sodass es aussah, als brenne der Himmel.
Und dann kam sie endlich, die Bewusstlosigkeit.
Als ich das nächste Mal aufwachte, stand der Mond hoch über der Zitadelle.
Erst war ich ganz verwirrt, wusste nicht, wo ich war, ich spürte nur, dass ich
nicht auf meinem üblichen Fell in der Küche lag, unter dem Tisch, auf dem
Zipora Hühner und anderes Fleisch koscher1) macht, schneidet und zum
Kochen herrichtet. Der Boden unter mir war uneben, ich spürte Steine, die
mich in den Rücken drückten, und meine Finger ertasteten raues
Hundezahngras. Erschrocken riss ich die Augen auf und sah die Krone des
Maulbeerbaums über mir. Durch das Blätterdach blitzten Sterne, und der
Mond, der fast voll war, schien hell genug, dass ich drüben, vor dem Haus,
eine Gruppe Menschen zusammensitzen sah, Menschen, deren Stimmen
mich geweckt hatten. Die Stimmen wurden lauter, über mir im Baum schrie
ein Nachtvogel, in den Olivenhainen hinter der Stadtmauer heulten
Schakale, Ameisen krabbelten über meine Hand. Der bittere Geruch von
verbranntem Holz stieg mir in die Nase. Aber ich brauchte diesen Beweis
nicht, um zu wissen, dass ich nicht geträumt hatte. Ein Schauer lief mir über
den Rücken, die Haut in meinem Nacken zog sich zusammen, eine
Erkenntnis stieg in meiner Kehle auf und erfüllte meinen Mund mit
Bitterkeit: Es war wirklich passiert. Und mit dieser Erkenntnis packten
mich die Scham und die Reue darüber, dass ich meine Herrin nicht gerettet
hatte, dass ich versagt hatte. Ich war ein Nichts, nur ein armseliger
Schwächling, ein Krüppel, zu nichts zu gebrauchen. Unfähig, eine große Tat
zu vollbringen, sogar unfähig, Dankbarkeit zu beweisen. Nicht wert, das
Brot zu essen, das ihm gewährt wurde. Recha war tot, die Tochter des
Herrn, sie war ein Opfer der Flammen geworden, während ich untätig und
nutzlos unter dem Baum gelegen hatte. Und wie ein Blitz traf es mich, dass
dies nur eines bedeuten konnte: Ich musste das Haus Nathans verlassen, das
mir seit über zwei Jahren zur Heimat geworden war.
1) Fremde Wörter sind am Ende des Buches in einem Glossar kurz erläutert.
Und dann erst drang es mir langsam ins Bewusstsein, dass die Stimmen,
die ich von dort drüben hörte, zwar laut und erregt waren, aber niemand
schrie, niemand weinte und klagte, niemand zerriss sich die Kleider und rief
Gott zum Zeugen seines Leides an. Hoffnung stieg in mir auf, eine zaghafte
Hoffnung, dass der Todesengel an unserem Haus vorbeigeflogen sein
könnte. Außerdem fiel mir auf, dass ich Männerstimmen hörte, und vorhin,
bevor mir die Sinne schwanden, waren nur Frauen da gewesen, Daja,
Zipora, die Mägde. Der einzige Mann war der Fremde gewesen …
Vorsichtig hob ich den Kopf. Drüben, vor dem Haus, hatte man offenbar
ein Lager aufgeschlagen, Öllichter brannten, Fackeln, und in ihrem Schein
konnte ich erkennen, dass ein Diener etwas aus einem Krug in einen Becher
goss und ihn einem Mann reichte. Mein Herz begann wie wild zu klopfen.
Ich kroch über die trockene Erde ein Stück näher, bis zum Rand des
gepflasterten Vorplatzes, spürte die vom vergangenen Tag noch warmen
Steine unter meinen Händen und Knien und konnte den Blick nicht von
dem Mann wenden, der den Becher an den Mund hob und trank. Er war es
wirklich, Nathan, der Herr. Er musste nach Hause zurückgekehrt sein,
während meine Seele sich vor Angst in einem Mauseloch verkrochen hatte.
Nathan saß auf einer purpurfarbenen Decke und hielt Recha im Arm,
Recha, seine Tochter, die ich tot geglaubt hatte. Ihr Gesicht konnte ich nicht
sehen, sie hatte den Kopf an der Schulter ihres Vaters vergraben, aber ihre
hellen Haare flimmerten im flackernden Licht der Lampe wie das rötliche
Gold der Brokatdecke, in die sie gehüllt war. Nathan hatte den einen Arm
um sie gelegt, mit der anderen Hand streichelte er immer wieder ihren
Kopf. Ihnen gegenüber saßen Daja und al-Hafi, der Derwisch, Nathans
Freund. Ich wunderte mich nicht darüber, ihn zu sehen, er taucht immer auf,
wenn unser Herr von einer Reise zurückkommt. Er scheint die baldige
Ankunft der Kamele schon zu spüren, wenn diese beim Anblick der
Stadtmauern ihre Tritte beschleunigen. Er saß da, mit überkreuzten Beinen,
die offenen Hände auf den Knien. Mir fiel auf, dass er ein neues Gewand
und einen neuen Turban trug, prächtiger, als der alte gewesen war,
eigentlich viel zu prächtig für einen Derwisch, und als er den Kopf zu Daja
drehte, sah ich, dass sich seine vollen Lippen zu einem Lächeln verzogen.
Inzwischen war ich auch nahe genug, um zu verstehen, was sie sprachen.
»Beruhige dich, Daja«, sagte Nathan. »Was bedeuten schon diese kleinen
Unbequemlichkeiten, was bedeuten schon die paar verbrannten Möbel? Das
Wichtigste ist doch, dass meiner geliebten Recha nichts passiert ist. Bald
haben die Diener so weit Ordnung geschaffen, dass wir schlafen gehen
können. Beruhige dich, Daja, keiner darf heute weinen, wir müssen Gott
danken, dass er Recha gerettet hat. Sie lebt. Was macht es schon, dass ihre
Haare angesengt sind, Haare wachsen nach. Was macht es schon, dass ihr
Kleid zerrissen und voller Brandlöcher ist, ich kaufe ihr neue Kleider,
schönere und kostbarere als dieses da. Auch die Wunde an ihrem Arm wird
mit Gottes Hilfe heilen, jung und gesund, wie sie ist. Mich bedrückt etwas
ganz anderes. Hast du den Mann wirklich nicht erkannt, der sie aus dem
Feuer gerettet hat?«
Recha hob den Kopf. »Es war ein Engel, Vater«, sagte sie mit einer
zittrigen Stimme, der die Todesangst noch anzuhören war. »Es war kein
Mensch, es war ein Engel des Herrn.«
Nathan strich ihr beruhigend über die Haare und zog die Brokatdecke
höher über ihre Schultern.
Daja beugte sich vor. »Das Mädchen ist nicht bei Sinnen«, rief sie. »Das
Feuer hat ihren Verstand verwirrt. Höre, Nathan, ich habe dir doch gesagt,
es war ein Tempelritter.«
Nathan nahm einen Schluck aus dem Becher, der vor ihm auf der Decke
stand, stellte ihn wieder ab und wischte sich mit dem Handrücken über den
Mund, bevor er nachdenklich sagte: »Es gibt keine Tempelritter mehr in
Jerusalem. Der Sultan hat sie alle töten lassen, manche sagen sogar, er habe
sie eigenhändig umgebracht.«
Jetzt mischte sich al-Hafi ein. »Du irrst dich, Nathan, mein Freund. Er
hat sie umbringen lassen, das stimmt, aber nicht alle. Einen nicht. Ich weiß
es, ich war dabei, und ich habe gesehen, wie er diesen einen angestarrt hat
und ganz blass wurde. Diesen einen hat er am Leben gelassen.«
Nathan hob den Kopf. »Wirklich?«, fragte er ungläubig. »Er hat einem
Tempelritter das Leben geschenkt? Warum?«
Al-Hafi zuckte mit den Schultern. »Woher soll ich das wissen? Muss der
allmächtige Herrscher der Gläubigen jemandem Rechenschaft über das
ablegen, was er beschließt?«
»Es war ein Tempelritter«, sagte Daja laut.
Dann brach das Gespräch ab, denn nun wurden die Kamele
herbeigeführt. Vor den Eingängen zu den unterirdischen Lagerräumen
entstand Gedränge, die Treiber schnalzten mit den Zungen und stießen
Befehle aus, die Vorderbeine der Kamele knickten ein, ihre Knie berührten
den Boden, und bis sie endlich auf dem Bauch lagen, schwankte die Ladung
auf ihrem Rücken gefährlich hin und her. Elijahu und Jakob, die Gehilfen
des Herrn, die ihn auf seiner Reise begleitet hatten, lösten die Riemen und
Schnüre und machten sich daran, die Ballen und Packen abzuladen. Stück
für Stück schleppten sie ihre Last hinunter in die Keller. Die Kameltreiber,
in schwarze Gewänder gehüllt und mit glänzenden Krummschwertern
bewaffnet, standen bewegungslos und schweigend daneben. Erst wenn alles
abgeladen war, würden sie, nach einer kurzen Verneigung vor dem Herrn,
ihre Tiere zu den Zelten vor der Stadt führen.
»Was hast du mitgebracht, Nathan?«, fragte al-Hafi. »War deine Reise
erfolgreich?«
»Gott hat es gewollt, dass mir jeder Handel zum Nutzen geriet«, sagte
Nathan. »Mit seiner Hilfe bin ich reicher denn je zuvor. Mit Olivenöl und
duftenden Essenzen aus Jericho bin ich nach Damaskus gezogen, mit
Damast, Brokat und Gold komme ich zurück.«
»Gott ist groß in seiner Güte«, sagte al-Hafi, »und dem Gerechten gelingt
alles zum Segen.«
Dem Gerechten, dachte ich, ja, ihm schon. Der Gott der Juden liebt den
Gerechten. Auch Allah, der Gott der Muslime, liebt ihn. Dann fiel mir der
Tempelritter ein, und ich dachte, bestimmt liebt auch der Gott der Christen
den Gerechten. Es kann gar nicht anders sein. Jeder Gott muss ihn lieben,
Nathan, den Herrn, der für seine Gerechtigkeit bekannt ist.
Zwei Diener trugen einen halb verkohlten Sessel aus dem Haus und
stellten ihn auf einen Haufen Gerümpel, den sie in gebührender Entfernung
aufgeschichtet hatten, dann holten sie weitere vom Feuer zerstörte
Möbelstücke. Als sie die vom Rauch schwarze, an einer Ecke angebrannte
Tischplatte herausschleppten, war ihr Keuchen bis zu mir zu hören. Die
Platte fiel krachend zu Boden, das Splittern zerberstenden Holzes zerriss die
nächtliche Stille. Recha hob die Hände und legte sie schützend auf ihre
Ohren. Die beiden Männer richteten sich auf, dehnten ihre Körper und
schauten zu, wie andere immer wieder Krüge anschleppten und Wasser über
die rauchenden Gegenstände kippten, um vielleicht noch vorhandene
verborgene Funken zu löschen und ein erneutes Ausbrechen des Feuers zu
verhindern. Zipora fegte mit einem groben Besen Asche und Ruß vor die
Tür und über den Vorplatz bis hin zu dem Stück Brachland mit dem
Maulbeerbaum.
Ich lag noch immer am Rand des Vorplatzes, unschlüssig, was besser
wäre, hinüberzugehen und zu bestätigen, dass der Fremde wirklich ein
Tempelritter gewesen war, oder mich unauffällig den Helfern
anzuschließen. Während ich noch mit mir kämpfte, sah ich, wie Daja sich
erhob und ihre Kleidung glatt strich. »Ich werde Zipora beauftragen, uns
noch ein leichtes Essen herzurichten, damit wir uns nicht mit hungrigen
Mägen niederlegen müssen«, sagte sie. »Geduldet euch noch eine Weile.«
Sie verschwand im Haus.
Damit war klar, dass ich Zipora helfen musste. Ich stand auf und ging,
noch immer mit zittrigen Beinen, auf das Haus zu. Dabei merkte ich, dass
ich stärker hinkte als sonst, mein linkes Bein schmerzte und wollte sich
nicht strecken. In der Tür blieb ich stehen und betrachtete die von Lampen
nur schwach erhellte Eingangshalle. Hier hatte das Feuer gewütet, von den
kostbaren Möbeln waren nur verkohlte Trümmer zurückgeblieben, und da,
wo die Tür zum Seitenflügel war, in dem sich auch Rechas und Dajas
Zimmer befinden, gähnte ein schwarzes Loch, und der Lichtschein reichte
nicht aus, um zu sehen, ob das Feuer auch dort etwas angerichtet hatte. Der
Gestank war schrecklich. Daja kam aus der Küche, ich trat einen Schritt zur
Seite, in den Schatten einer Säule, und sie lief an mir vorbei, ohne mich zu
bemerken.
»Wo hast du denn die ganze Zeit gesteckt, Junge?«, fragte Zipora, als ich
die Küche betrat. Sie stand am Tisch und zerschnitt Zwiebeln und
Knoblauch. »Gut, dass du hier bist. Reinige den Tisch im Innenhof und
bring Datteln, Feigen, Nüsse und Käse hinaus. Und vergiss nicht die Krüge
mit Sauermilch und Wein. Und Becher, hörst du, Junge? Und pflücke etwas
Ysop und Minze, Junge, hörst du, sie werden helfen, unseren Geist zu
reinigen und zu beleben.«
Ich beeilte mich, alles zu tun, was Zipora mir aufgetragen hatte, dann
zündete ich noch zwei Öllampen an und stellte sie auf den Tisch. Zipora
brachte Brot und eingelegte Oliven und mischte die zerrupften
Kräuterblätter unter die Sauermilch. Dann bat sie die Herrschaften zu Tisch.
Wir, das Gesinde, aßen in der Küche, auch Elijahu und Jakob, die sonst
oft mit der Familie ihre Mahlzeit einnehmen. Es war spät, alle waren
ausgehungert und fielen gierig über das Essen her, besonders Elijahu und
Jakob. Ich sah, wie sie sich Brot und Zwiebeln in den Mund stopften und
ihre Becher hoben, hörte, wie sie kauten und schluckten, und bekam selbst
keinen Bissen hinunter. Meine Kehle war noch immer wie zugeschnürt.
Zipora warf mir einen prüfenden Blick zu. »Warum isst du nicht,
Junge?«, fragte sie. Ich wich ihrem Blick aus.
»Lass ihn in Ruhe, Zipora«, sagte Elijahu und trank einen Schluck Wein.
»Dem armen Jungen sitzt noch der Schreck in den Gliedern, das sieht man
doch.« Er lächelte mir zu, dieses gutmütige Lächeln, das seine Augen so
schmal werden lässt wie die einer schnurrenden Katze, ein Lächeln, bei
dem es mir immer ganz warm ums Herz wird. Ich versuchte
zurückzulächeln, spürte aber genau, dass ich nur eine Grimasse zustande
brachte. Immerhin ließ Zipora mich nun in Frieden.
Ich half ihr noch, den Tisch im Innenhof abzuräumen und die
Nahrungsreste in der Speisekammer zu verstauen, dann gingen endlich alle
zu Bett, und ich blieb allein in der Küche zurück, in der es fast ganz dunkel
war, denn Zipora hatte alle Lampen gelöscht. Nur das schwache Licht des
Mondes drang durch das Fenster. Ich ertastete mir meinen Weg unter den
Tisch, breitete mein zusammengerolltes Fell aus und wickelte mich hinein.
Ich war so müde, dass mir alle Muskeln wehtaten, trotzdem konnte ich
nicht einschlafen. Sobald ich die Augen schloss, loderten wieder Flammen
hinter meinen Lidern auf und das Prasseln des Feuers erfüllte meine Ohren.
Ich versuchte, an etwas Schönes zu denken, schließlich wusste ich genau,
dass sich schlimme Gedanken in schlimme Träume verwandeln, das sagte
ich mir immer wieder vor, jeden Abend. Aber der Gedanke an das Feuer
ließ mich nicht los, weckte andere Erinnerungen an ein anderes Feuer, und
mein Bein fing wieder an, sich zu krümmen, als hätten sich die
Erinnerungen in meinen Muskeln und meiner Haut festgekrallt.
Schließlich stand ich auf, nahm mein Fell und schlich mich zum
Innenhof. Dort, unter dem Feigenbaum, hatte ich schon oft die ersehnte
Ruhe gefunden, wenn ich nicht schlafen konnte. Unter dem nächtlichen
Himmel und den Sternen fühlte ich mich irgendwie sicherer als im Haus.
Ich breitete mein Fell auf dem Boden aus, wickelte mich hinein und schloss
die Augen. Doch dann hörte ich plötzlich eine Stimme und fuhr
erschrocken hoch. Die Stimme fragte: »Was tust du hier, Junge? Kannst du
auch nicht schlafen?«
Es war der Herr. Er saß unter dem Feigenbaum, mit dem Rücken an den
Stamm gelehnt, vollkommen verschluckt vom Schatten.
Ich zitterte am ganzen Körper, und ohne nachzudenken, stieß ich hervor:
»Es war doch ein Tempelritter, ich habe ihn gesehen.«
»Komm, setz dich zu mir«, sagte Nathan. Seine Stimme klang freundlich.
»Wenn wir beide Mühe haben, Schlaf zu finden, können wir uns ebenso gut
ein wenig unterhalten.«
Unterhalten? Worüber? Er hatte noch nie mit mir gesprochen, höchstens
um mir einen Auftrag zu erteilen. »Hol Brot, Junge« oder »ich brauche
Wasser, Junge« oder »lauf und bring diese Nachricht zu al-Hafi, Junge«.
Was wollte er von mir? Seine Worte machten mir Angst, aber er war mein
Herr, also stand ich auf und setzte mich in ehrerbietigem Abstand neben ihn
unter den Feigenbaum.
»Wie heißt du eigentlich, Junge?«, fragte er.
Es gibt Fragen, bei denen mir das Blut aus dem Kopf strömt und mein
Mund so trocken wird, dass mir die Zunge am Gaumen klebt. Diese Fragen
sind: Wie heißt du? Wer ist dein Vater? Aus welcher Stadt stammst du?
Wenn mir jemand solche Fragen stellt, tue ich, als hätte ich sie nicht gehört,
oder ich drehe mich um und laufe weg. Aber vor meinem Herrn konnte ich
nicht davonlaufen, ihm musste ich antworten. Ich senkte den Kopf. »Ich
heiße Jeled«, sagte ich, »Junge.«
»Das ist doch kein Name«, sagte er. »Welchen Namen hat dir dein Vater
gegeben?«
Ich zuckte mit den Schultern und wagte nicht, den Kopf zu heben.
»Nun?«, wiederholte er, als ich schwieg.
Die Stimme kam mir nur mühsam aus der Kehle und die Worte brannten
in meinem Mund wie Feuer. »Ich habe keinen Vater und keine Mutter«,
sagte ich. »Ich habe keine Familie und keinen Namen. Ich weiß nicht, wer
ich bin.«
Nun schwieg Nathan ebenfalls. Nach einer Weile fragte er: »Wie bist du
in mein Haus gekommen?«
Ich hob den Kopf. »Elijahu hat mich gefunden, als ich krank war«, sagte
ich. »Er war es, der mich gefunden und zu Zipora gebracht hat.«
Ich weiß so vieles nicht, aber daran erinnere ich mich genau. Es war vor
zweieinhalb Jahren, an einem kalten Abend im Winter, ich lag krank in
einer Nische neben der Stadtmauer und glaubte schon, die Schwingen des
Todesengels zu spüren, die sich über mich senkten. Tatsächlich ging es mir
so schlecht, dass ich mir nichts sehnlicher wünschte, als zu sterben, damit
das Elend endlich vorbei wäre. Ich fieberte, ich hatte seit Tagen nichts
gegessen und getrunken und konnte mich kaum mehr rühren. Da beugte
sich auf einmal ein Mann über mich und fragte etwas, aber ich verstand
nicht, was er sagte, ich wollte nur, dass er wegging und mich sterben ließ.
Doch er bückte sich, hob mich einfach hoch und trug mich durch die
Gassen bis zu diesem Haus. Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf einem
weichen Lager, in ein Fell gewickelt. Neben mir saß eine Frau und fütterte
mich mit Hühnersuppe. Ich wusste sofort, dass es Hühnersuppe war, ich
roch es, ich spürte es, ich schluckte und schluckte und war unfähig, mich zu
bedanken. Dann schlief ich wieder ein. Und jedes Mal, wenn ich aus dem
Schlaf oder der Ohnmacht auftauchte, saß Zipora neben mir und fütterte
mich, und irgendwann spürte ich, dass meine Kräfte zurückkehrten. Ich
würde nicht sterben, diesmal noch nicht.
»Zipora hat mich in der Küche behalten«, sagte ich. »Ich gehe ihr zur
Hand, ich begleite sie auf den Markt, ich fege die Küche, ich schlachte die
Hühner, ich hole Wasser aus der Zisterne, ich … ich …« Mehr fiel mir nicht
mehr ein. Demütig und beschämt senkte ich vor Nathans forschendem Blick
den Kopf.
»Gott möge es Elijahu und Zipora ins Buch des Lebens schreiben, was
sie an dir getan haben«, sagte Nathan und legte mir die Hand auf den Arm.
Ich zuckte zusammen, aber er zog seine Hand nicht zurück. Im Gegenteil,
sein Griff wurde fester. Ich spürte die Wärme seiner Hand durch meinen
Ärmel und ein seltsames Gefühl ergriff mich. So hatte mich noch nie
jemand berührt. Mein erster Impuls war zu fliehen, aber ich blieb sitzen,
überließ mich diesem Gefühl.
»Möchtest du einen Namen haben?«, fragte Nathan auf einmal mit einer
sehr sanften Stimme.
Ich erschrak. »Was für einen Namen?«, fragte ich.
Er lachte leise. »Such dir einen aus.«
Ich zog meinen Arm aus seiner Hand und drehte verlegen das Gesicht zur
Seite. »Ich weiß noch nicht einmal, ob ich Hebräer oder Muslim bin«, brach
es aus mir heraus. »Oder vielleicht sogar Christ.«
Wieder lachte Nathan. »Christ wohl nicht«, sagte er. »Aber egal, wer
deine Eltern waren, ein Mensch braucht einen Namen. Such dir etwas aus,
was dir besonders viel bedeutet. Den Namen eines Baums oder eines
starken Tieres. Oder lieber Glück? Frieden? Was magst du denn am
liebsten?«
»Regen«, sagte ich. »Wasser, das vom Himmel fällt. Wasser, das jedes
Feuer löscht.«
Diesmal lachte er lauter. »Gut«, sagte er, stand auf und legte mir die
Hand auf den Kopf, als wolle er mich segnen. »Dann wirst du in Zukunft
also Geschem heißen, Regen. Und weil wir alle Abrahams Söhne sind,
heißt du Geschem Ben Abraham oder Geschem Ibn Ibrahim, je nachdem,
wer dich nach deinem Namen fragt.« Er strich mir über die Haare, flüchtig,
wie Elijahu mir manchmal über die Haare strich, eine Berührung, bei der es
mir die Tränen in die Augen trieb und ich mich wie ein kleines Kind fühlte.
Irgendwie getröstet und doch besonders verlassen. Ich senkte den Kopf
noch tiefer, und Nathan sagte: »Ich muss mich jetzt hinlegen, Geschem, ich
bin nicht mehr der Jüngste und ich habe eine anstrengende Reise hinter mir.
Und dazu der Schreck, dass ich fast meine Tochter verloren hätte. Schlaf
gut, Geschem, Gott bewahre dein Herz und gebe dir morgen früh deine
Seele zurück.«
Er drehte sich um und ging mit müden Schritten und gebeugten Schultern
auf das Haus zu. Ich schaute ihm nach, bis er in der Tür verschwunden war.
Dann lag ich auf meinem Fell und starrte hinauf in den Himmel, an dem
die Sterne glitzerten, und lauschte dem leisen Säuseln der Blätter über mir.
Ab und zu schrie ein Nachtvogel oder es bellte ein Hund und in der Ferne
heulten Schakale, sonst war es still. Ich war aufgewühlt, und es dauerte
lange, bis ich einen klaren Gedanken fassen konnte. So einfach war das
also. Ich hatte einen Namen. In Zukunft würde ich antworten können, wenn
mich jemand nach meinem Namen fragt. »Ich heiße Geschem«, würde ich
sagen. »Geschem Ben Abraham.«
Es brauchte ja niemand zu wissen, dass es nicht mein Vater war, der mir
diesen Namen gegeben hatte, sondern Nathan, mein Herr, den man in
Jerusalem auch den Weisen nennt.