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CI InsurTech-Booklet

Die deutsche InsurTech-Landschaft wuchs 2020 um 42% auf 160 Unternehmen, wobei Nordrhein-Westfalen als neuer Hotspot auftritt, während Hamburg an Bedeutung verliert. Die Mehrheit der InsurTechs setzt auf Kooperationen mit etablierten Versicherern, und nur 9% agieren als Full Carrier, wobei die meisten noch in frühen Entwicklungsstadien sind. Die Covid-19-Pandemie beschleunigt die Digitalisierung und zeigt gleichzeitig die Herausforderungen in der Zusammenarbeit zwischen InsurTechs und traditionellen Versicherern auf.

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CI InsurTech-Booklet

Die deutsche InsurTech-Landschaft wuchs 2020 um 42% auf 160 Unternehmen, wobei Nordrhein-Westfalen als neuer Hotspot auftritt, während Hamburg an Bedeutung verliert. Die Mehrheit der InsurTechs setzt auf Kooperationen mit etablierten Versicherern, und nur 9% agieren als Full Carrier, wobei die meisten noch in frühen Entwicklungsstadien sind. Die Covid-19-Pandemie beschleunigt die Digitalisierung und zeigt gleichzeitig die Herausforderungen in der Zusammenarbeit zwischen InsurTechs und traditionellen Versicherern auf.

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DIE

DEUTSCHE
INSURTECH
L ANDSCHAFT
2020
Erkenntnisse aus der Capgemini Invent
InsurTech Datenbank

1 Die deutsche InsurTech Landschaft 2020


Liebe Leserinnen und Leser,
wir freuen uns, Ihnen heute unsere Ausgabe der Capgemini Invent InsurTech Studie präsentieren zu können.
Covid-19 dominiert momentan die Berichterstattung und führt uns vor Augen, wie schnell sich Gewohntes und Bewährtes
ändern kann: Versicherer mussten in rasanter Geschwindigkeit auf einen Remote-Betrieb umstellen, der sämtliche
Arbeitsweisen und Prozesse einer digitalen Feuerprobe unterzieht.
Der Einfallsreichtum und die Entscheidungsgeschwindigkeit der Versicherer in dieser Situation sind für mich persönlich eines
der wenigen Highlights der letzten Monate. Trotzdem bleibt viel zu tun und diese gemeinsame Ausnahmeerfahrung befördert
auch deutlich bestehende Digitalisierungslücken zu Tage. Genau an dieser Stelle können InsurTechs Innovation und
Expertise beisteuern.
Seit der ersten Ausgabe war, ist und bleibt das Ziel, die InsurTechs in ihrer Breite und Vielfalt besser zu verstehen. Daher werten
wir Merkmale aus, die über wesentliche Unternehmenskennzahlen hinausgehen. Was für einen Hintergrund haben die Gründer?
Ist das InsurTech grundsätzlich an Kooperationen mit Versicherern interessiert und kooperiert es gegebenenfalls schon mit
etablierten Unternehmen? Wie steht es um die regionale Vielfalt und welchen Einfluss haben InsurTech Initiativen in
Deutschland auf die Szene?
Herausgekommen ist eine Datenbank mit über 30 Merkmalen je InsurTech, die wir nun in dieser zweiten Studie ein weiteres Mal
auswerten und unsere Erkenntnisse mit Ihnen teilen möchten. Besonders freut es mich, dass wir in dieser Ausgabe einen ersten
Blick auf zwei weitere, wichtige InsurTech-Märkte werfen können: Großbritannien und Frankreich.
Viel Spaß beim lesen und bleiben Sie gesund!

Thomas Hillar
Vice President
Head of Insurance DACH

2 Die deutsche InsurTech Landschaft 2020


3
EXECUTIVE SUMMARY
LAGEBILD DEUTSCHLAND 2020 GESCHÄFTSMODELLE
INSURTECH SZENE WÄCHST, NRW BOOMT
• ENABLER ALS WACHSTUMSTREIBER
Die Anzahl der InsurTechs ist seit unserer letzten Erhe- Die Digitalisierungspartner der Versicherer und Makler sind
bung im Jahr 2018 um 42 Prozent auf 160 gestiegen. mit 51 Prozent der InsurTechs die mittlerweile größte
Kategorie der InsurTech-Szene in Deutschland. Dabei
Während Berlin und München – auf Platz 1 und 2 der Stand- dienen InsurTech-Initiativen wie das InsurLab in Köln,
orte – ihren Anteil halten, wächst die Szene insbesondere in der InsurTech Hub in München oder die InsurTech Werft
Nordrheinwestfalen. Hamburg verliert an Boden und verlässt in Hamburg als Katalysator: Jedes zweite InsurTech
die Top 5 der InsurTech-Standorte. Die Konsolidierung auf wurde über eine dieser Initiativen in die
große Städte setzt sich fort: Nur noch 15 Prozent der Versicherungsbranche gelockt.
InsurTechs sind außerhalb der Ballungsräume großer • FULL CARRIER MIT DURCHWACHSENER BILANZ
Städte angesiedelt. Die Full Carrier stellen einen Anteil von 9 Prozent der
InsurTechs in Deutschland. Ihre Bilanzen sind durchwach-
Kooperative InsurTechs dominieren die Szene: Knapp 85
sen: Trotz großangelegter Werbekampagnen beliefen sich
Prozent der InsurTechs setzen auf Kooperationen mit Ver- die Brutto-Prämieneinnahmen im Jahr 2019 meist auf einen
sicherungshäusern und Maklern. nur einstelligen Millionenbetrag. Die Kunden-Akquise zu
Der Großteil der InsurTechs in Deutschland befinden sich noch halbwegs tragfähigen Kosten ist eines der beherrschenden
Themen dieser InsurTechs; zu einer wirklichen Gefahr für
in frühen Entwicklungsstadien : 68 Prozent der InsurTechs
etablierte Versicherer werden sie mittelfristig wahr-
sind in der Seed- und Start-Up-Phase, erst 3 Prozent haben
scheinlich nicht.
Reife erlangt, konnten sich also nachhaltig im Markt etablie-
• DISTRIBUTOREN VERLIEREN AN BEDEUTUNG
ren und sind ein stabilisiertes, etabliertes und profitables
Neugründungen von Distributoren verfolgen immer häufi-
Mitglied der deutschen Versicherungslandschaft.
ger einen spezialisierten B2B-Ansatz oder vertreiben in
enger Zusammenarbeit mit einem Versicherungspartner
neue Versicherungsprodukte. Der digitale Makler-Ansatz
B2C spielt bei den Neugründungen kaum noch eine
Rolle: Wefox, Clark und die dominanten Vergleichsportale
rund um Check24 lassen nur Luft zum Atmen für Geschäfts-
ansätze, die gezielt Nischen ansprechen.

4 Die deutsche InsurTech Landschaft 2020


EXECUTIVE SUMMARY
EUROPÄISCHE PERSPEKTIVE WEITERE ENTWICKLUNG
BERLIN WEIT HINTER PARIS UND LONDON COVID-19 BESCHLEUNIGT DIE VERÄNDERUNG DER SZENE

• Deutschland ist im Vergleich mit Frankreich und Groß- Bei vielen Start-Ups führen aufgrund der Coronakrise pausierte
britannien eine europäische Full-Carrier-Hochburg. Fast bzw. gestoppte Projekte kurzfristig zu Cashflow-Herausforde-
ein Zehntel der deutschen InsurTechs treten mit Versiche- rungen. Dies wird einige InsurTechs zur Geschäftsaufgabe
rungslizenz in den direkten Wettbewerb mit bringen. Allerdings offenbart die Pandemie auch Digitalisie-
etablierten Versicherern. rungsrückstände bei etablierten Versicherungshäusern: Hier
• In Frankreich und Großbritannien geht lediglich ein Prozent entsteht großes Geschäftspotenzial für Enabler, die weiter an
der InsurTechs diesen Weg. Dort dominieren Bedeutung gewinnen werden.
kooperative Geschäftsmodelle. KOOPERATION BLEIBT EINE HERAUSFORDERUNG
• Mit 125 Versicherungs-Start-ups ist Paris der größte
70 Prozent der InsurTechs arbeiten schon heute mit Versiche-
InsurTech-Standort Europas. Die Finanzmetropole
rern zusammen. Doch die Zusammenarbeit gestaltet sich
London folgt mit 76 InsurTechs; Berlin – mit 37 InsurTechs
weiterhin schwierig und erfordert ein Umdenken auf beiden
der größte Standort Deutschlands – ist nur halb so bedeu-
Seiten. Damit Versicherer von InsurTechs grundlegend profi-
tend.
tieren können, müssen sowohl kulturell als auch in der IT-Infra-
• Bei ihrer Standortentscheidung setzen InsurTechs auch auf struktur noch einige Voraussetzungen geschaffen werden. So
das Netzwerk vor Ort und den Erfahrungsaustausch. Um im fehlt es bei Versicherern immer noch vielerorts an Schnittstel-
internationalen Wettbewerb um vielversprechende Insur- lenfähigkeit. Lange Entscheidungszyklen und Anlaufzeiten für
Techs langfristig mithalten zu können, müssen deutsche gemeinsame Projekte in der Versicherungsbranche bringen
Standorte jeweils thematische Akzente setzen, indem Start-Ups zudem schnell in Liquiditätsprobleme.
branchenübergreifende Communities sich gemeinsam
lokal positionieren. NEUE INSURTECHS ALS MITTELSTAND

Neugründungen bedienen überwiegend Marktnischen oder


lösen spezifische Herausforderungen entlang der Wertschöp-
fungskette der Versicherer, die hochspezifisch und oftmals
nicht direkt über Landesgrenzen hinweg skalierbar sind. Dass
sich einer dieser neuen Akteure zum „Unicorn“ (Start-Up mit
einer Unternehmensbewertung von über einer Milliarde US-
Dollar) entwickelt, ist auf absehbare Zeit unwahrscheinlich. Die
neue Cohorte InsurTechs wird den Versicherungsmarkt eher
als mittelständische Akteure bereichern.

5
6 Die deutsche InsurTech Landschaft 2020
DIE DEUTSCHE
INSURTECH-SZENE 2020

Vorgehen & Methodologie S. 8

InsurTech-Szene 2020 S. 10

Geschäftsmodelle S. 18

Spartenspektrum S. 22

Megathemen der InsurTechs S. 24

Rückblick & Ausblick S. 26

EXKURS: InsurTechs in Frankreich & S. 30


Großbritannien

7
VORGEHEN &
METHODOLOGIE

8 Die deutsche InsurTech Landschaft 2020


U N S E R V E R S TÄ N D N I S V O N
INSURTECHS
InsurTech Datenbank: Vorgehen & Klassifizierung

INSURTECH DEFINITION
Abb. 1: InsurTech Buzzwords
InsurTechs sind in aller Munde. Spätestens seit dem Geld-
segen für Wefox ist der Begriff auch über die Versicherungs-

RegTech

Start-Up
branche hinweg bekannt. Jedoch variiert die Definition von
InsurTech stark: Wie verhält es sich mit FinTech versus Car-
rierTech, HealthTech oder LegalTech? Healthtech
Um eine saubere Basis für unsere Studie zu schaffen, haben
wir uns 2018 auf eine Definition festgelegt, die einerseits
FinTech InsurTech
den Versicherungsfokus unterstreicht und andererseits den
BrokerTech CarrierTech
Start-Up Charakter hochhält. „InsurTech“ wird entlang seiner © Capgemini Invent 2020

Bestandteile definiert (siehe Abb. 1): Es muss einen Bezug


Da dieses Jahr zum ersten Mal auch eine Erhebung und
zur Versicherungsbranche geben – entweder durch spezi-
Auswertung in Frankreich und Großbritannien stattfand,
fische Adressierung von Teilen der Versicherungswertschöp-
wurden kleinere Anpassungen an den Kategorien vorgenom-
fungskette oder durch einen expliziten Fokus auf Heraus-
men, um eine Analyse in den doch teilweise unterschied-
forderungen der Branche. Gleichzeitig ist auch der Tech-Teil
lichen Märkten vorzunehmen. Dies trifft insbesondere auf die
entscheidend: Die Lösung des InsurTechs muss auf (digitaler)
Geschäftsmodellkategorisierung zu: Die Oberkategorisierung
Technologie basieren.
haben wir beibehalten, diese aber gemeinsam mit unseren
Doch wann sprechen wir noch von Start-Up, wann von etab- Kollegen weiter ausdetailliert.
lierten Unternehmen? Zählt eine HUK24 als InsurTech weil sie,
CAPGEMINI INVENT & INSURTECHS
ähnlich wie Nexible, Produkte auch digital vertreibt? In unse-
rer Logik lautet die Antwort „nein“. Wir haben uns entschie- Für uns ist die strukturierte Erfassung der InsurTech-Szene
den, eine strenge Altersgrenze zu ziehen: Einzig InsurTechs wichtige Grundlage für unsere tägliche Arbeit mit unseren
die weniger als 10 Jahre alt sind werden geführt. Kunden. Versicherer müssen eine Herangehensweise an die
Thematik formulieren, sich gegenüber InsurTechs positionie-
VORGEHEN
ren, Chancen erkennen und sich für mögliche Herausforde-
Die Grundlage unserer Studie bildet die InsurTech Datenbank rungen wappnen. Gleichzeitig bieten InsurTechs uns auch die
von Capgemini Invent, die regelmäßig aktualisiert wird. Die Möglichkeit – nach eingehender Prüfung – in Zusammen-
Auswertungen dieser Studie beruhen auf dem Stand von arbeitsmodellen unser Leistungsangebot für Versicherungs-
Januar 2020. Neben der Auswertung der gesammelten Daten unternehmen zu erweitern.
fließen auch Hintergrundgespräche mit wesentlichen Akteu-
Mit dieser Studie wollen wir die Ergebnisse unserer Analysen
ren der Branche in unsere Analysen mit ein.
und unsere Gedanken zur InsurTech-Szene einer breiteren
Öffentlichkeit verfügbar machen. Neben unserer Recherche
Abb. 2: Unsere InsurTech Definition
und Studien engagieren wir uns auch seit der Gründung in
der InsurTech Werft Hamburg.
Insur Tech
Bezug zu Versicherung, Ab- Geschäftsmodell/Idee
deckung mindestens eines basierend auf neuen,
Teilbereichs der digitalen Technologien
Wertschöpfungskette

© Capgemini Invent 2020

9
DIE DEUTSCHE
INSURTECH-
SZENE 2020

10 Die deutsche InsurTech Landschaft 2020


DIE INSURTECH-SZENE
WÄCHST WEITER
Die deutsche InsurTech- Szene in 2020

Anfang 2020 zählt die InsurTech Landschaft in Deutsch- Abb. 3 : Anzahl deutsche InsurTechs
land 160 InsurTechs, ein Wachstum von 42% seit unserer
letzten Erhebung Anfang 2018 (Abb. 3). Dabei war ins-
besondere 2018 wieder ein starkes Gründungsjahr für die

160
Branche, das Gründungshoch von 2015 konnte jedoch nicht
noch einmal erreicht werden. 112
2018
2019 zeichnet sich als gründungsschwaches Jahr für die 2020
+42%
deutsche InsurTech-Szene ab. Für 2019 konnten wir bisher
nur 7 neugegründete InsurTechs identifizieren (Abb. 4).
Jedoch muss hier von einer erheblichen Dunkelziffer an © Capgemini Invent 2020

Gründungen ausgegangen werden, die 2019 initiiert wurden, Viele externe Investments in deutsche InsurTechs. Start-
aber bisher mit ihren Ideen und Produkten nicht an die Ups wie WeFox, Ottonova oder Friday dominieren mit neun-
Öffentlichkeit getreten sind: Viele dieser InsurTechs im bis zehnstelligen Unternehmensbewertungen die Bericht-
„Stealth“-Modus entgehen somit einer Erfassung in unserer erstattung. Doch auch die anderen Marktteilnehmer finden
Datenbank. Trotzdem sind die Zahlen bisher auffällig niedrig Finanzierungspartner: Knapp 70% aller InsurTechs in unserer
im Vergleich zu den vorherigen Jahren. Datenbank konnten Investoren von sich überzeugen.
Knapp 30% der Newcomer sind branchenfremd gegrün- Die großen Finanzierungsrunden gehen an InsurTechs,
dete Start-Ups, welche in den letzten 2 Jahren die Ver- die Versicherungsprodukte an Endkunden vertreiben:
sicherungsbranche neu für sich entdeckt haben. Diese Eine Mehrheit der deutschen InsurTechs ist mittlerweile
InsurTechs waren schon in den vorherigen Jahren aktiv, abseits des Versicherungsvertriebs anzutreffen. Trotzdem
nehmen nun aber die Versicherungsbranche für ihre Lösun- sind die fünf bestfinanzierten InsurTechs in Deutschland
gen ins Visier. Dabei spielen InsurTech Initiativen eine wich- ausschließlich junge Versicherungsunternehmen oder Ver-
tige Rolle als Leuchtturm der Versicherungsbranche: Über sicherungsmakler. Ausschlaggebend hierfür ist einerseits die
50% dieser branchenfremden Unternehmen durchliefen das (vermeintliche) Skalierbarkeit der Lösung. Aber auch die
InsurLab in Köln, das InsurTech Hub in München oder die immensen Werbekosten für den initialen Kundenaufbau am
InsurTech Werft in Hamburg und konnten diese Angebote umkämpften deutschen Markt machen solche Summen erst
nutzen, um ihre Lösungen für die Versicherungsindustrie notwendig.
zu schärfen.

Abb. 4: Gründungsjahre der InsurTechs

32 29
28
24
16
7 7 10 7

2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019

© Capgemini Invent 2020

11
D E TA I L B E T R A C H T U N G

EINTRITTE IN UNSERE
D AT E N B A N K
Abb. 5: Neue InsurTechs in der Datenbank nach Aufnahmegrund

NEU GEGRÜNDET NEUER VERSICHERUNGSFOKUS


Start-Ups mit Versicherungsfokus, die Start-Ups, die seit unserer letzten
seit unserer letzten Erhebung neu Erhebung ihre Produkte auf die
gegründet wurden Versicherungsbranche neu auslegen

EINTRITTE 35 12 18
UNTERM RADAR
InsurTechs, die vor unserer letzten
Erhebung gegründet wurden, die uns 2018
jedoch nicht ins Netz gegangen sind

© Capgemini Invent 2020

GESCHÄFTSMODELL Wenig überraschend: Branchenfremde Start-Ups mit neuem


Versicherungsfokus werden überwiegend von branchen-
Die häufigste Form des Geschäftsmodells ist die des Ena-
fremden Geschäftsführern geleitet. Nur 22% von ihnen
blers: Ganze Zweidrittel der „neuen“ InsurTechs sind in dieser
weisen einen Geschäftsführer mit einschlägiger vorheriger
Kategorie erfasst, während es in der gesamten 2019er
Versicherungserfahrung auf.
Kohorte nur 50% sind. Schwer ins Gewicht fallen hier die
Start-Ups mit neuem Versicherungsfokus, die fast alle als Diese Branchenneulinge sind zunächst einmal technologie-
Enabler eingeordnet sind: Die Geschäftsmöglichkeiten im getrieben: Eine in anderen Branchen entwickelte Expertise in
Themenumfeld Digitalisierung als Dienstleister für Versiche- Themen wie zum Beispiel Automatisierung, KI oder digitaler
rer werden von den Gründern besonders gut bewertet. Die Kundenkommunikation wird nun in versicherungsspezi-
Full Carrier zählen ganze fünf neue InsurTechs, während es fischen Use-Cases für Versicherer schmackhaft gemacht. Die
vergleichsweise wenige neue Distributoren (14) gibt. Versicherungsexpertise steuert in möglichen kollaborativen
Projekten jedoch der Versicherer bei.
VERSICHERUNGSHINTERGRUND DER GESCHÄFTSFÜHRER
POSITIONIERUNG GGÜ. VERSICHERERN
In den Neugründungen der letzten Jahre ist viel Versiche-
rungsexpertise vertreten. In insgesamt 71% der neuen Insur- Insgesamt weisen die neu erfassten InsurTechs eine kollabo-
Techs haben die Geschäftsführer Versicherungserfahrung, rativere Ausrichtung auf: Mit 86% (83% Gesamtanalyse 2020)
in 43% sind sogar ehemalige Führungskräfte von Versiche- kooperativ und 10% (13% Gesamtanalyse 2020) kompetitiv
rern unterwegs. Ineffizienzen und Innovationsstau aus dem ist der Unterschied jedoch gering.
ehemaligen Berufsalltag sind somit Katalysator für Insur-
Techs.

12 Die deutsche InsurTech Landschaft 2020


D E TA I L B E T R A C H T U N G

AUSTRITTE AUS UNSERER


D AT E N B A N K
Abb. 6: Ausgeschiedene InsurTechs nach Grund für Ausscheiden

INAKTIV ZU ALT
InsurTechs bei denen seit InsurTechs, die das
geraumer Zeit keine Aktivität 10. Lebensjahr
mehr zu verzeichnen ist überschritten haben

AUSTRITTE 3 9 1 5
INSOLVENZ / AUFGABE PIVOT
InsurTechs deren Insolvenz oder InsurTechs mit neuer
Geschäftsaufgabe öffentlich Geschäftsausrichtung
bekanntgegeben wurde auf andere Branchen

© Capgemini Invent 2020

GESCHÄFTSMODELL POSITIONIERUNG GGÜ. VERSICHERERN

Distributoren sind überdurchschnittlich von Insolvenz, Über alle Austrittsgründe hinweg ergibt sich eine ähnliche
Geschäftsaufgabe oder Inaktivität betroffen. Die Kosten- Verteilung wie in der Gesamtmasse der InsurTechs in unserer
intensität der Neukundenakquise am deutschen Markt for- Datenbank. Mit einem Anteil von 92% sind die kooperativen
dert einen hohen Tribut und führt neben Pivots in Geschäfts- Geschäftsmodelle jedoch bei Insolvenz, Geschäftsaufgabe
modellen (siehe S. 16 „Distributoren vermarkten ihren oder Inaktivität überrepräsentiert. Ein kollaboratives
Technologiestack“) zu vermehrten Austritten. Geschäftsmodell ist, wie zu erwarten, an und für sich kein
Erfolgsgarant.
Enabler hingegen sind überrepräsentiert bei den „Graduier-
ten“, also jenen InsurTechs, die seit mittlerweile 10 Jahren in VERSICHERUNGSHINTERGRUND DER
der Versicherungsbranche aktiv sind. 4 der 5 Senioren sind GESCHÄFTSFÜHRER
Dienstleister der Versicherer und Makler. Die Hürden für ein
Mit 50% stellen InsurTechs mit vorheriger Berufserfahrung in
tragfähiges Geschäftsmodell sind hier deutlich niedriger als
der Versicherungsbranche einen etwas größeren Anteil an
bei InsurTechs mit Endkundenfokus: Mit 1-2 ausgebauten
Versicherungsaustritten gegenüber dem Gesamtbestand dar.
Kundenbeziehungen zu Versicherern können Enabler zum
Ein Erklärungsansatz ist der Kundenfokus dieser InsurTechs:
Teil schon gut wirtschaften und müssen nicht das Vertrauen
Wie schon in unserer vorherigen Studie aufgezeigt, richten
tausender Endkunden gewinnen, um schwarze Zahlen
sich diese InsurTechs in größerer Anzahl an Endkunden.
zu schreiben.
Damit setzen diese Gründer zumeist auf kapitalintensivere
Ideen, die den Trial & Error Spielraum deutlich verkürzen
– man „scheitert schneller“.

13
K O O P E R AT I O N M I T V E R -
SICHERERN WEIT VERBREITET
Reifegrad & Kooperation

Zwei Drittel der InsurTechs befinden sich in der Grün- Abb. 7: Lebenszyklusphase der InsurTechs
dungsphase (Abb. 7). Fast die Hälfte der InsurTechs hat diese
Gründungsphase bereits hinter sich gebracht und startet
durch: Sie verfügen über erste Produkte und Kunden und Seed / Pre-seed 20%
versuchen sich am Markt zu behaupten. 45 InsurTechs sind
schon einen Schritt weiter: Diese Unternehmen sind im Markt
angekommen, operieren zumeist kostendeckend und skalie- Start-up 48%
ren ihr Angebot.

Nur vier InsurTechs haben die Reifephase erreicht und


Expansion 29%
konnten sich nachhaltig in der Versicherungsbranche
etablieren. Hierzu trägt sicherlich auch unsere Auslegung
des InsurTech-Begriffs bei: Nur Unternehmen, die vor nicht
mehr als 10 Jahren gegründet wurden, werden als InsurTech Reife 3%
bezeichnet, um den Start-Up-Charakter sowie die Aktualität © Capgemini Invent 2020

und Innovation der Unternehmen sicherzustellen. Trotzdem


klassische Dienstleister auf, genau wie Anbieter von Software
zeigt sich: Nur wenige Unternehmen schaffen es in dem
für den Versicherungsbetrieb. Andere versuchen sich als
10-Jahres-Fenster zur Reifephase. Zu diesen InsurTechs
Partner auf Augenhöhe und entwickeln gemeinsam mit Ver-
zählen wir unter anderem Schutzklick, die mit ihrer Point-of-
sicherern Lösungen für spezifische Kundensegmente
Sale-Lösung mittlerweile sehr breit in Deutschland
und Marktnischen.
aufgestellt sind.
Knapp 85% der kooperativen InsurTechs verfügen schon
Versicherern gegenüber kooperativ eingestellte Insur-
über mindestens einen Kooperationspartner. Diese Insur-
Techs zeigen den größten Zuwachs auf (Abb. 8). Schon in
Techs konnten schon Versicherer oder Makler von ihrer
unserer 2018er Studie haben wir auf die Potentiale für
Lösung überzeugen und ihre Produkte mit
kooperative InsurTechs hingewiesen, die gezielt Problem-
Partnern verproben.
stellungen der Versicherer angehen und Know-how in die
Branche tragen, das bei Versicherern spärlich gesät ist. Bei den InsurTechs auf Konfrontationskurs mit Versiche-
rern finden sich neben jungen Digitalversicherern auch
Dabei kann die Kooperation völlig unterschiedliche Züge
erste LegalTechs. Start-Ups wie Helpcheck greifen rechtliche
annehmen: Technologie- und Datenexperten treten als
Regelungen im Versicherungsmarkt auf und vertreten Kun-
deninteressen gegenüber Versicherern mit digitalen und
Abb. 8: Positionierung ggü. Versicherern weitestgehend automatisierten Prozessen. Durch eine Betei-
ligung an etwaigen Rückzahlungen entsteht Raum für ein
durchaus lukratives Geschäftsmodell.
133

94

14 21
4 6

Kooperativ Konfrontativ Neutral

InsurTech Datenbank 2018


InsurTech Datenbank 2020
© Capgemini Invent 2020

14 Die deutsche InsurTech Landschaft 2020


BERLIN WEITERHIN
I N S U R T E C H - H A U P T S TA D T
Standorte der InsurTechs

Im Standortrennen um InsurTechs ist Berlin weiterhin


unangefochten vorne (Abb. 9). Fast jedes vierte InsurTech ist Abb. 9: Wachstum der Top 6 Städte
in der Hauptstadt angesiedelt. Doch auch München kann
seine Position als zweite InsurTech-Hochburg halten. Mit den Berlin +42 %
vielen globalen und regionalen Versicherern in München ist
die Stadt attraktives Pflaster für InsurTechs. München +44 %
Konzentration der InsurTechs auf Großstädte schreitet Frankfurt +50 %
voran (Abb.9). Insgesamt wachsen die InsurTech-Szenen in
Großstädten schneller als im ländlichen Raum. Mittlerweile Köln +86 %
befinden sich über 85% der InsurTechs in Ballungsräumen
großer deutscher Städte. Düsseldorf +150 %
Besonders stark wachsen die InsurTech-Szenen in Köln Hamburg -11 %
und Düsseldorf. Gemeinsam kommen die beiden Rheinmet-
© Capgemini Invent 2020
ropolen nun auf 23 InsurTechs. In Düsseldorf lag das Wachs-
tum bei 150%, in Köln immerhin bei 86%. Dies sind sicherlich
auch erfreuliche Nachrichten für das InsurLab Köln, das als Insgesamt zeigen sich zwei größere Treiber in der Standortwahl:
Brancheninitiative auch den Versicherungsstandort NRW
stärken möchte. 1. Zugriff auf Start-Up Netzwerke / Versicherungsferne
Städte wie Berlin und Frankfurt zeigen, dass in der Stand-
ortwahl das Netzwerk die entscheidende Rolle spielt.
Abb. 10: Top 6 InsurTech Standorte
Berlin als Start-Up Hauptstadt und Frankfurt mit einer
starken FinTech-Szene bieten Gründern exzellente Aus-
tauschmöglichkeiten mit Gleichgesinnten, einen frucht-
baren Boden für neue Ideen und den Zugang zu Talenten.

8 2. Nähe zu Entscheidern der Versicherungsindustrie


Insbesondere Hamburg, als zweitgrößter Versicherungs-
Hamburg

10 Düsseldorf
37 standort Deutschlands, spielt in der InsurTech-Szene eine
untergeordnete Rolle. Hier arbeiten zwar besonders
viele Menschen für Versicherer, die Chefetagen sind
zumeist aber in München, Düsseldorf oder Köln. Dies ist
13 Berlin in zweierlei Hinsicht problematisch. Zum einen leben in
Köln
21 Hamburg vergleichsweise wenig potentielle Gründer
(Manager in Versicherungsunternehmen). Zum anderen
Frankfurt a.M. ist die Kontaktlage für InsurTechs für Kooperationen mit
Versicherern in den Hochburgen mit Stabsabteilungen
deutlich besser.

26
München
© Capgemini Invent 2020

15
ZUWACHS IN ALLEN
GESCHÄFTSMODELLEN
Geschäftsmodelle (I/II)

Weiterhin verzeichnet die InsurTech-Szene Neuzugänge vereint jedoch ein Versicherungspartner im Hintergrund,
in allen wesentlichen Geschäftsmodellen (Abb. 11). der die Produkte in seine Bücher schreibt.
Grundsätzlich lassen sich die InsurTechs in drei größere • Die letzte Gruppe, die Enabler, richten sich mit ihren
Cluster entlang ihrer Geschäftsmodelle einteilen: Produkten und Dienstleistungen an Versicherer und adres-
sieren spezifische Herausforderungen – von Add-On-Servi-
• Die Full Carrier treten als digitale Versicherer mit BaFin-
ces an der Kundenschnittstelle bis zur operativen Effizienz.
Segen in den direkten Wettbewerb zu den etablierten
Versicherungsunternehmen. Sie decken alle wesentlichen Dabei ist das Wachstum bei den Enablern mit 36 neuen
Teile der Wertschöpfungskette ab. InsurTechs mit Abstand am stärksten. Hierzu zählen viele
• Die Distributoren agieren als Intermediatoren im Ver- der zuvor erwähnten branchenfremden Gründungen, die
trieb zwischen Versicherer und Kunde. Vom digitalen einen Pivot in die Versicherungswirtschaft mit ihren
Makler bis zur zielgruppenspezifischen Produktentwick- Lösungen vollzogen haben.
lung nehmen sie dabei unterschiedlichste Rollen ein. Sie

Abb. 11: Anzahl InsurTechs je Geschäftsmodell

Versicherungsunternehmen mit eigener


Lizenz oder Niederlassung eines
etablierten Versicherungsunternehmens.
14
Full Carrier
+41 Abdeckung der kompletten
Wertschöpfungskette.
BEISPIELE

Digitaler Vertrieb von Versicherungs-


produkten auf Basis existierender oder
neuer Versicherungsprodukte von
etablierteren Versicherern. Operative
64 +81

Distributoren
Arbeit meist auf Basis einer
Vermittlerlizenz.
BEISPIELE

Dienstleistungsunternehmen, die mit


neuesten Technologien Probleme der
Branche adressieren. Software wird
lizenziert oder als zusätzliche
78
Enabler
+361 Dienstleistung angeboten.
BEISPIELE

1 Nettozuwachs im Vergleich zur 2018 Studie © Capgemini Invent 2020

16 Die deutsche InsurTech Landschaft 2020


ENABLER SIND DIE NEUEN
P L AT Z H I R S C H E
Geschäftsmodelle (II/II)

Der Anteil an Distributoren in der deutschen Szene ist Abb. 12: Entwicklung Anteil Geschäftsmodelle
rückläufig. Das starke Wachstum bei den Enablern führt
auch zu einer Schwerpunktverschiebung in der gesamten
Szene: Distributoren stellen zum ersten Mal nicht mehr die Full Carrier
Carrier 9%
Full 9%
Mehrheit der InsurTechs und wurden auf Platz zwei
verdrängt (Abb. 12).
50%
Distributor
Distributor 40%
Hier zeigt sich eine gewisse Bereinigung am Markt: Schon in
unserer 2018er Studie sprachen wir vom Ende der
Goldgräberstimmung rund um den digitalen Vertrieb von 41%
Enabler
Enabler 51%
Versicherungsprodukten, der mit großen Gründungs-
wellen in den 2010er Jahren einherging. Die letzten Jahre
InsurTech Datenbank 2018
haben diese Einschätzung noch einmal untermauert. InsurTech Datenbank 2020
Neugründungen können nur vereinzelt gesichtet werden.
© Capgemini Invent 2020
Viele der noch existierenden Distributoren setzen auf den
Vertrieb ihres Technologie-Stacks an etablierte Versicherer Die Diversifizierung der Geschäftsmodelle der InsurTechs
oder Makler und haben die kostenintensive Jagd auf wird beim Blick auf den Kundenfokus deutlich. So
Endkunden für ihre Plattformen heruntergefahren. entwickeln unter anderem Full Carrier auch Lösungen für
Versicherer (Abb. 13), Distributoren wenden sich mit ihrem
Eine der spannenden Ausnahmen ist Wefox. Das InsurTech
Technologie-Stack an Versicherer sowie Makler und versuchen
konnte als ehemals klassischer Distributor vermutlich in die
diesen zu monetarisieren (siehe S, 16 „Distributoren
Welt der Unicorns vordringen – Start-Ups mit einem
vermarkten ihren Technologiestack“).
10-stelligen Marktwert. Jedoch basiert die Einschätzung nicht
zuletzt auf den Synergien mit One, dem hauseigenen Gemeinsam mit unseren Versicherungsexperten in Frankreich
Digitalversicherer, sowie der anvisierten und Großbritannien wurden die Überkategorien in InsurTech-
Schnittstellenfunktion für die gesamte Branche. Typen ausdetailliert. Diese werden auf den folgenden zwei
Seiten vorgestellt.

Abb. 13: Kundenfokus der InsurTechs


Mehrfachnennung möglich

Full Carrier Distributor Enabler

Versicherer 1 Versicherer 8 Versicherer 69

Vertrieb Vertrieb Vertrieb


5 12 27
& Makler & Makler & Makler

Gewerbe 2 Gewerbe 11 Gewerbe 6

Endkunde 11 Endkunde 55 Endkunde 13

© Capgemini Invent 2020

17
HINTERGRUND

GESCHÄFTSMODELLE

FULL CARRIER TYPEN

DIGITAL CARRIER | 12
Versicherungsunternehmen mit digitalem Geschäftsmodell. InsurTechs decken die gesamte Wertschöpfungskette ab und bieten
„konventionelle“ Versicherungsprodukte über digitale Kanäle an. Coya ist ein Beispiel für einen Digitalen Carrier – das InsurTech
bietet flexible Hausrat-, Haftplicht- und Fahrradversicherungen über die digitalisierte Kundenschnittstelle an.

P2P INSURER | 1
Peer-to-Peer Versicherungen werden aktuell nur von einem deutschen InsurTech angeboten. Elinor bietet die Möglichkeit,
Smartphone, Fahrrad und Krankentagegeld in einer Gruppe abzusichern – komplett digital.

USAGE BASED INUSERER | 1


InsurTechs, die die komplette Wertschöpfungskette abdecken und die Produkte entsprechend des Verhaltens oder des Nutzens
der Versicherungsnehmer konzipieren und kalkulieren. In der deutschen InsurTech Landschaft nutzt bisher lediglich Friday mit
ihrer kilometergenau abgerechneten KFZ-Versicherung diesen Ansatz in Kombination mit einer Versicherungslizenz.

DISTRIBUTOR TYPEN

MARKETPLACE, COMPARISON & OPTIMIZATION | 7


InsurTechs dieses Distributor-Typens agieren vorrangig als Transparenz-Layer auf dem Versicherungsmarkt. Sie helfen Kunden
Versicherungsprodukte zu finden, Versicherungsprodukte zu vergleichen oder ihren persönlichen Versicherungsschutz zu
optimieren. Nachdem sich Check24 und Verivox den Vergleichsmarkt mehr oder weniger vollständig aufgeteilt haben, setzen
heutige Plattformen auf Nischen und versuchen sich dort zu etablieren. Beispiele hierfür sind bessergruen (Fokus auf
Sustainability) und Covomo (Fokus auf Zusatzversicherungen).

DIGITAL BROKER | 9
Als digitale Makler tragen Digital Broker die Maklerarbeit ins 21. Jahrhundert. Sie vertreiben Produkte verschiedener Versicherer
über digitale Kanäle und agieren ausnahmslos mit einer Maklerlizenz. Prominente Vertreter dieses Typs sind Clark (B2C) und
Finanzchef 24 (B2B).

PERSONAL FINANCIAL ASSITANTS | 8


Finanzassistenten begegnen den Kundenanforderungen an moderne, digitale Interaktion mit einem ganzheitlichen Ansatz, der
neben Versicherungen auch Banking und zum Teil Investment beinhaltet. Treefin, mittlerweile Teil der W&W-Gruppe, war hier einer
der ersten Akteure. Neue Player besetzen hier meist Themencluster wie Altersvorsorge oder Geldanlage mit einem breiten Ansatz,
der unter anderem auch Versicherungen beinhaltet.

VALUE ADDING INTERMEDIARY | 40


Value-Adding Intermediaries bilden den breitesten und größten Distributor-Typus. Im Unterschied zu den vorhergenannten Typen
setzen diese InsurTechs nicht auf den Vertrieb von bestehenden Versicherungsprodukten, sondern entwickeln (zum Teil gemeinsam
mit ihren Partnern) auf bestimmte Zielgruppen zugeschnittene Angebote. Diese können spezialisierte Versicherungen oder aber
auch Zusatzservices als Bundle mit bestehenden Versicherungsprodukten beinhalten.

18 Die deutsche InsurTech Landschaft 2020


HINTERGRUND

GESCHÄFTSMODELLE

ENABLER TYPEN

OPERATIONS | 47
InsurTechs, die im Versicherungsbetrieb ansetzen: Von der Kundenschnittstelle über die Produktentwicklung und das
Produktmanagement bis hin zum Schadenmanagement. Typische Beispiele sind Nect (Digitalisierung der Authentifizierung von
Kunden), hepster business (Produktentwicklung für digitale Nischenprodukte) und claimsforce (digitales und kundenorientiertes
Schadenmanagement).

DATA & TECHNOLOGY SPECIALIST | 29


Enabler mit Kernkompetenz in spezifischen Technologien oder Data Science. Die Bandbreite unterschiedlicher Angebote ist groß:
Von omni:us mit Fokus auf Data Analytics über Ubirch als digitaler Notar auf Blockchain-Basis und picsure mit ihrer Bilderkennung
bis hin zu RYSKEX mit ihrer Plattform zur alternativen Absicherung von Risiken.

END-TO-END TECHNOLOGY SOLUTION | 2


Technologische Lösungen, die über die ganze Versicherungs-Wertschöpfungskette reichen. Tech11, zum Beispiel, bietet ein
Kernsystem für die Kompositversicherung und ermöglicht damit die Abwicklung der nahezu kompletten Wertschöp-
fungskette eines Versicherers.

ADD ON SERVICES | 4
InsurTechs in dieser Kategorie bieten den Versicherern Lösungen an, die an die Wertschöpfungskette „andocken“ und den
Endkunden zusätzliche, versicherungsnahe Lösungen bieten. Dentolo beispielsweise bietet ein Ökosystem aus Zahnärzten,
über das reguläre Leistungen und Zusatzleistungen einfach orchestriert und direkt mit dem Versicherer abgerechnet werden
können.

19
DISTRIBUTOREN VERMARK TEN
I H R E N T E C H N O LO G I E - S TA C K
Trend: Monetarisierung der Technologie-Assets (I/II)

InsurTechs diversifizieren ihre Geschäftsmodelle und arbeiten bereits mit etablierten Versicherungsunternehmen
suchen nach neuen Absatzmöglichkeiten. Bei unserer zusammen, primär im vertrieblichen Kontext. Auch
Erhebung 2018 war es noch die Norm, dass ein InsurTech ein ausnahmslos alle Geschäftsführer haben einen Versicherungs-
Geschäftsmodell verfolgt und dass Marke und Produkt hintergrund, drei der sieben InsurTechs haben ehemalige
synonym verwendet werden. Hier zeichnet sich ein Wandel Führungskräfte aus der Vericherungsbranche in ihrer
ab (Abb. 14): Friendsurance bietet mit friendsurance business Führungsetage. Fast alle InsurTechs können der Expansions-
Banken die Möglichkeit, einfach und digital Bankassurance zu phase zugeordnet werden: Ihre ursprünglichen Lösungen sind
integrieren, hepster hilft mit seiner hepster business Lösung, marktreif, es gibt wieder Zeit und Raum für neue Ansätze.
schnell und digital Nischenprodukte zu entwickeln und in die
Die neuen Geschäftsaktivitäten finden allesamt im
bestehenden Vertriebskanäle zu integrieren. Insgesamt
Bereich Enabler statt. Die InsurTechs bieten ihre
sieben InsurTechs suchen in solchen Ansätzen nach neuen
Technologielösungen etablierten Versicherern oder
Absatzpotenzialen: Neben der ursprünglich fokussierten
Vermittlern als White-Lable an und monetarisieren damit
Endkunden-Vertriebslösung monetarisieren diese nun ihr
einen Teil ihrer Assets. Fünf InsurTechs haben die
Know-how und ihre Technologie-Assets.
Diversifikation ihres Geschäftsmodells in 2018 vorgenommen,
Alle diversifizierten InsurTechs sind Distributoren. Sie lediglich zwei waren bereits davor zweigleisig unterwegs.
fokussieren sich auf die vorderen Bereiche der Wertschöp-
Die diversifizierten Geschäftsmodelle sind weiterhin
fungskette, insbesondere auf die Produktentwicklung und den
kooperativ eingestellt, allerdings meist nicht mit Fokus auf
Vertrieb, und kooperieren mit Versicherern für die
Endkundenvertrieb, sondern als Digitalisierungspartner für
Bereitstellung von Produkten auf ihren Plattformen. Alle
etablierte Versicherer und Makler.

Abb. 14: Diversifizierte Geschäftsmodelle


Technologie

7 Distributoren … und monetarisieren


haben ihr Geschäfts- Distributor Enabler als Enabler ihre
modell differenziert… Technologie-Lösungen

© Capgemini Invent 2020

20 Die deutsche InsurTech Landschaft 2020


VERSICHERER PROFITIEREN
VON DEM SHIFT
Trend: Monetarisierung der Technologie-Assets (II/II)

Die Motive für die Verfolgung eines weiteren Mit der Monetarisierung der Technologie-Assets treffen
Geschäftsmodells sind möglicherweise unterschiedlich. die InsurTechs den Zahn der Zeit und adjustieren ihre
Die Daten in unserer Datenbank erklären dieses Phänomen Positionierung in der Branche.
nicht abschließend und bieten Raum für Interpretationen.
Die InsurTechs haben mit dem Einsatz ihrer Technologie
Eindeutig ist, dass diese InsurTechs einen Vorsprung in ihrer
unter eigener Marke die Erfahrung gemacht, dass ihre
Technologie und Infrastruktur sehen, den etablierte Player
digitalen Lösungen zwar oftmals gut funktionieren und einen
am Versicherungsmarkt dringend einholen müssen. Der
existierenden Kundenbedarf adressieren. Jedoch fehlt ihnen
Schritt zum zusätzlichen Geschäftsmodell für Versicherer und
die benötigte Schlagkraft und Traktion um Momentum zu
Makler könnte aber auch auf einer pessimistischeren
generieren. Das Standing der Versicherer und ihre
Einschätzung der Wachstumschancen im umkämpften
etablierten Vertriebskanäle kombiniert mit der Digital-
Endkundengeschäft beruhen: Zur Stabilisierung der
expertise und Technologie der InsurTechs erscheinen hier
Einkünfte werden somit neue Einnahmequellen entwickelt.
entsprechend attraktiv. Für InsurTechs bedeutet diese
Interessant ist, dass diese InsurTechs ursprünglich ihre Kooperation aber oftmals die Aufgabe der direkten
Unternehmensbewertungen an ihr Potenzial geknüpft haben, Kundenschnittstelle und einer klar definierten, eigen-
möglichst viele Endkunden an sich zu binden. Entscheidend ständigen Markenidentität in der Kundenwahrnehmung Der
war der zu entwickelnde Kundenstamm, die Technologie Versicherungspartner besetzt den Kundenkontakt mit seiner
eher ein Mittel zum Zweck. Mit der Vermarktung des Marke und schränkt entsprechend die Weiterentwicklungs-
Technologiestacks scheint ein „Reality-Check“ einzusetzen möglichkeiten des Geschäftsmodells des InsurTechs ein.
- insbesondere für die InsurTechs, die es bisher nicht geschafft
haben sich nachhaltig am Markt zu etablieren. Damit zeigt
sich, ähnlich wie bei den Neugründungen der letzten zwei
Jahre, auch bei den existierenden InsurTechs der Trend zu
B2B bzw. B2B2C Ansätzen: Im Fokus steht die Digitalisierung
der etablierten Player.

21
I N S U R T EC H S S TA R T E N I N
KO M P O S I T
Spartenspektrum (I/II)

Die verschiedenen Versicherungssparten werden unter- Abb. 16: Anzahl durchschnittlich abgedeckter Sparten
schiedlich stark von den InsurTechs aufgegriffen. Kompo- nach Geschäftsmodell
Distributoren sind aufgeteilt in Value Adding Intermediaries (VAI)
sit wird mit Abstand am meisten adressiert, Kranken- und und die restlichen Distributoren-Typen (siehe S. 14)
Lebensversicherung meist nur als Zusatz zu
bestehendem Kompositfokus.
Full Carrier 1.3
Die Komposit-Sparte – mit vergleichsweise geringerer

Distributoren
Komplexität und kürzerer Laufzeit – wird von nahezu Value Adding
1.2
allen InsurTechs bedient (Abb. 15). Gute 40% bedienen die Intermediary
Kompositversicherungen sogar ausschließlich (bspw. Friday, Andere Distributoren 2.5
insurninja, Schutzklick, Coya), während sich lediglich 9% exklu-
siv auf Leben (bspw. VANTIK, Penseo) und 4% auf Kranken Enabler 2.2
(bspw. ottonova, DOCYET) fokussieren. Neben der vergleichs-
weise geringen Komplexität der Kompositversicherung ist Durchschnitt 1.9
die wahrgenommene Glaubwürdigkeit oder das Vertrauen,
© Capgemini Invent 2020
das Endkunden dem InsurTech gegenüber für einen
Abschluss aufbringen müssen, eine kleinere Hürde als in der
Lebens- oder Krankenversicherung. Die Spartenabdeckung variiert stark mit den Geschäfts-
modellen (Abb. 16). Die klassischen Distributoren bieten am
Die Produktpalette von Lebensversicherungs-InsurTechs ist
häufigsten Allspartenlösungen an (bspw. Wefox ted, Clark,
sehr klein und heterogen. Sofern ein InsurTech ein Lebens-
asuro) – die wenigsten Vergleichsportale haben sich auf eine
versicherungsprodukt anbietet (bzw. eine Lösung in diesem
spezifische Sparte fokussiert. Ausnahmen bilden hier unter
Bereich), fokussiert es sich meist auch nur auf eine spezi-
anderem Gewerbeversicherung24 oder Bürgschaft24.
fische Produktdeckung, wie bspw. VANTIK auf die Altersvor-
sorge. Full Carrier bieten den Gegenpol zu den klassischen Distribu-
toren mit starkem Fokus auf eine Sparte bzw. (zu Beginn)
auch nur ein Produkt. Treiber für diesen Fokus sind insbeson-
dere auch technische und aufsichtsrechtliche Gründe. Lösun-
gen von Enablern sind meist nicht spartenspezifisch.
Abb. 15: Spartenabdeckung
Mehrfachnennung möglich

Komposit-
versicherungen 138

Kranken-
versicherungen 84

Lebens-
versicherungen 83

© Capgemini Invent 2020

22 Die deutsche InsurTech Landschaft 2020


S PA R T E N A B D EC K U N G
WÄCHST MIT REIFE
Spartenspektrum (II/II)

Je ausgeprägter die Versicherungserfahrung der Gründer,


Abb. 17: Anzahl abgedeckter Sparten nach
desto stärker der Fokus auf eine spezifische Sparte (Abb. Lebenszyklusphase
18). Gründer mit starker Versicherungsexpertise zielen häufi-
ger auf spezifische, fokussierte Herausforderungen der 2.3
3 1.8 1.9 2
Versicherer ab und sind somit meist innerhalb einer einzel-
2
nen Sparte unterwegs. Diese Versicherungs-Alumni fungie-
1
ren sowohl als Ideengeber und Gründer sowie als hinzugezo-
0
gene Experten im Aufbau der Unternehmen. Branchen-

ife
fremde Gründer hingegen fokussieren ihr Angebot weniger

io
ee

t-U

Re
ns
-s

ar
entlang der Sparten, ihre Lösungen sind oft allgemeinerer

pa
re

St
/P

Ex
Natur und lassen sich somit auf die meisten Versicherungs-

ed
produkte und -prozesse anwenden. Se
© Capgemini Invent 2020

Mit der Entwicklung der InsurTechs und zunehmender


Reife steigt die Anzahl der abgedeckten Sparten (Abb. Spartenprodukt und erweitern dann im Laufe ihres Lebens-
17). Hierzu führen zwei unterliegende Faktoren: Produkt- zyklus ihre Produktpalette. Andererseits sind bei den reifen
basierte Start-Ups starten oftmals zunächst mit einem InsurTechs insbesondere auch jene InsurTechs vertreten, die
es mit einem spartenagnostischen Ansatz geschafft haben
sich in der Versicherungsbranche zu etablieren.
Abb. 18: Anzahl abgedeckter Sparten nach Versi-
cherungserfahrung der Geschäftsführer

Keine Erfahrung in der


Versicherung 2.2

Erfahrung in
Versicherung 1.9

Management-
erfahrung in der 1.7
Versicherung
© Capgemini Invent 2020

23
DIE PR ÄGENDEN THEMEN DER
I N S U R T EC H S
Megathemen (I/II)

PREDICTIVE MODELLING

SUSTAINABILITY /
RegTech
Concierge

AFFINITY INSURANCE
Services
Protection-as-a-

Marketplace /

ETHICS
Aggregator /
Drones
DATA SCIENCE /

Blockchain
Comparator
Service

Smart City /
Usage-Based-Insurance / Smart Building
On-Demand PEER-TO-PEER INSURANCE
E-Health
PARAMETRIC
OPEN INSURANCE /
INSURANCE
API CHATBOT / VOICEBOT
Robo Advisor
MOBILE FIRST /
Low-cost
EMERGING DIGITAL FIRST
RISKS Automation / Robotization
Connected Device / IoT
© Capgemini Invent 2020

Abb. 19: Wordcloud Megathemen

24 Die deutsche InsurTech Landschaft 2020


D I G I TA L I S I E R U N G H O T,
S U S TA I N A B I L I T Y N O T
Megathemen (II/II)

In Zusammenarbeit mit unseren Insurance-Kollegen aus Die Themen Sustainablity und Ethics spielen hingegen
Großbritannien und Frankreich wurden übergreifende Mega- keine nennenswerte Rolle bei den InsurTechs. Nur 4% der
themen entwickelt, um plakativere Trendthemen auszuma- InsurTechs bespielen derzeit den Themenkomplex Nach-
chen. Diese wurden mit den Geschäftsmodellen und Kern- haltigkeit in Deutschland. Ein Beispiel ist hier der P2P Ver-
themen der InsurTechs abgeglichen und ausgewertet. Der sicherer elinor, der mit einem innovativen Konzept und nach-
Ansatz ist subjektiver als unsere anderen Auswertungen, haltigen Finanzpartnern wie GLS versucht das Thema zu
erlaubt aber trotzdem eine gute grundsätzliche Einordnung besetzen. Trotzdem fällt hier ein bemerkenswerter Unter-
der treibenden Themen der InsurTech-Szene. schied zur FinTech-Szene auf: Mit viel Medienrummel und
guter Kapitalausstattung ist Tomorrow im Bankensektor mit
Die Digitalisierung der Kundenschnittstelle ist immer
einem grünen Hochglanzimage auf Kundenjagd gestartet. In
noch beherrschendes Thema der InsurTech-Szene. Am
der Popkultur thematisiert die Serie Bad Banks das Thema
häufigsten arbeiten InsurTechs an Themen rund um Mobile
Nachhaltigkeit in der Finanzindustrie – wenn auch
First und Digital First. Als Digital Carrier, als digitaler Makler
wenig schmeichelhaft.
oder als Technologiegeber für eine digitale Kundeninter-
aktion steht der Austausch mit Endkunden über Online- Vor dem Hintergrund von Fridays for Future und einer gene-
Kanäle im Vordergrund. Dass dieses Thema in 2020 immer rellen gesellschaftlichen Zuwendung zu nachhaltigen
noch oben auf der InsurTech Agenda steht, weist deutlich auf Themen ist diese Lücke in der InsurTech-Szene auf den ersten
Nachholbedarf bei den etablierten Playern hin. Blick erstaunlich. Gleichzeitig ist eine für den Endkunden
verständliche Verknüpfung von Versicherung mit Nachhaltig-
Starker Fokus auf (Technologie-)Themen außerhalb der
keit herausfordernd. Als „virtuelles“ Produkt ohne Produk-
Kernkompetenzen der Versicherer. Sehr häufige Trend-
tion in Entwicklungsländern und langen Lieferketten sind die
themen der InsurTechs sind Technologien und Expertisen, die
Ansatzpunkte für Nachhaltigkeit weniger offensichtlich. Hier
nicht klassisch zu den Stärken der Versicherer gehören. Etwa
braucht es kreative Ansätze, z.B. in enger Kooperation mit
20% der InsurTechs haben Data Science und Predictive Model-
nachhaltigen Playern anderer Branchen.
ling als wesentliches Thema auf ihrer Agenda. An der Schnitt-
stelle zu AI oder Automation und Robotization: 18% setzen auf Spannend bleibt, inwiefern Lemonade es schaffen wird einen
diese Megathemen. Teil dieser Nachfrage durch ihren P2P-Ansatz mit wohltätigen
Organismen einzufangen. Die notwendige Finanzausstattung
Jedes fünfte InsurTech richtet sein Geschäftsmodell auf
für eine langanhaltende, flächendeckende PR-Offensive hat
Open Insurance aus. Diese InsurTechs setzen auf Produkte,
das mit über 2 Mrd. US Dollar bewertete InsurTech auf jeden
die nur in einem Open Insurance Ansatz funktionieren oder
Fall. Ob dies zu nachhaltigem Kundenwachstum und Profita-
bieten direkt Dienstleistungen wie APIs und Plattforminfra-
bilität führt, bleibt offen.
struktur für ein durchlässigeres Insurance Ökosystem an. Dies
verdeutlicht die Annahme vieler Branchenplayer, dass die
Entwicklung hin zu einer offeneren Brancheninfrastruktur
nur eine Frage der Zeit ist.

25
RÜCKBLICK
&AUSBLICK

26 Die deutsche InsurTech Landschaft 2020


UNSERE SICHT

1 INSURTECHS WERDEN BESSER, FOKUSSIERTER

Die Lösungen der InsurTechs in 2020 sind ausgereifter und adressieren gezielt
spezifische Branchenprobleme. Entsprechend erwarten wir in den kommenden
Jahren eine weitere Bereinigung bei wenig fokussierten InsurTechs,
insbesondere Distributoren aus dem Umfeld „Digital Broker“.

2 ENABLER BLEIBEN WACHSTUMSMOTOR DER SZENE

Die Enabler als potentielle Partner für Versicherer bieten zukunftsfähige Techno-
logielösungen und helfen Versicherern ihre Digitalisierungsstrategie umzu-
setzen: Von internen Prozessen über die Kundenschnittstelle bis hin zu Öko-
systemansätzen. Die fortlaufende Digitalisierung eröffnet immer wieder neue
Betätigungsfelder für Gründer. Vor dem Hintergrund von COVID-19 entstehen
für Start-Ups, insbesondere im Umfeld virtuelle Arbeit und dezentrale Prozesse,
neue Spielräume. Grund genug für einen positiven Ausblick auf die Entwicklung
dieses InsurTech-Typens.

3 KLARER NISCHENFOKUS ERFOLGVERSPRECHEND FÜR


DISTRIBUTOREN

Nischen-InsurTechs sprechen eine bestimmte Kundengruppe an, die bisher nicht


oder besonders ineffizient von Versicherern bedient wurde. Dabei setzen die
InsurTechs oftmals auf innovative, digitale Ansätze um kostengünstig diese Kun-
dengruppe zu adressieren. Dieser Fokus auf schlecht oder unterversorgte Ver-
sicherungsbereiche birgt das Potential mit vergleichbar niedrigen Akquisitions-
kosten in kurzer Zeit eine nachhaltige Kundenbasis aufzubauen. Hier schlummert
zwar höchstwahrscheinlich nicht das nächste „Unicorn“1, jedoch attraktive
Geschäftsmodelle mit vergleichsweise hohem Margenpotential.

1
Start-Ups mit einer Unternehmensbewertung über 1 Milliarde US-Dollar

27
4 SUSTAINABILITY WIRD PRÄGENDES THEMA FÜR FULL
CARRIER & DISTRIBUTOREN
Im hartumkämpften Markt um Versicherungskunden bietet ein klares Sustainability-
Branding große Chancen vergleichbar günstig größere Kundenkreise anzusprechen.
Nachhaltig orientierte Kunden sind oftmals jung, gut vernetzt und bieten die Chance
teure Kundenakquisition über einen großen „Word of Mouth“ Anteil zu umgehen. Darü-
ber hinaus ist dieses Kundensegment weniger preissensibel – vorausgesetzt das
Produkt ist überzeugend. Da auch aus der Versicherungsbranche selbst ein Bedarf
besteht, der nicht zuletzt durch die BaFin mit ihrer Nachhaltigkeitsinitiative getriggert
wird, stehen die Sterne für Gründungsideen mit Sustainability-Fokus gut.

5 SKALIERUNG DER ZUSAMMENARBEIT IST NÄCHSTE


HÜRDE FÜR KOOPERATION
Die Phase der anfänglichen und testweisen Zusammenarbeit haben viele InsurTechs und
Versicherer hinter sich gelassen und einen Modus Operandi gefunden, in dem Projekte
umgesetzt werden können. Um das volle Potential zu heben und beispielsweise ein Öko-
system aufzubauen, müssen nun die Weichen gestellt werden. Neben kulturellen Hürden
stehen insbesondere Versicherer vor großen, technologischen Herausforderungen: Sie
müssen mit einem strapazierten IT-Budget ihre Schnittstellenfähigkeit vorantreiben.
Dabei werden sich viele Versicherer auch grundsätzlich mit ihrer strategischen Positionie-
rung bezüglich Ökosystem und Kooperation noch einmal beschäftigen müssen. Wohl-
kalkulierte „Bets“ auf Zukunftsthemen und entsprechende gezielte Infrastruktur-
investitionen können hier ein Ansatz sein.

6 DIE COVID-19-KRISE WIRD DIE ENTWICKLUNG DER


INSURTECH-SZENE BESCHLEUNIGEN

Die Umstellung auf eine weitreichende virtuelle Zusammenarbeit in vielen Versiche-


rungshäusern ist auch für InsurTechs eine Feuerprobe: Viele etablierte Versicherer prio-
risieren angesichts der Herausforderungen im Betrieb ihre Projekte neu und schieben
zum Teil Innovationsthemen auf unbestimmte Zeit. Für betroffene InsurTechs kann dies
zur existenziellen Krise werden – Start-Ups sind notorisch illiquide und geprägt von
kurzen Finanzierungszyklen. Daher vermuten wir kurzfristig leichte Bereinigungs-
tendenzen in der Szene, mit Fusionen und Austritten. Mittelfristig ergibt sich aus der
Krise aber vor allem großes Potential für InsurTechs, die Versicherer genau dort zu
unterstützen, wo Digitalisierungsrückstände herrschen. Wir erwarten neben ein paar
schönen Erfolgsgeschichten auch wieder einen Gründungsschub im Bereich Enabler. Es
bleibt spannend!
28 Die deutsche InsurTech Landschaft 2020
29
EXKURS:
INSURTECHS IN
FRANKREICH &
G R O S S B R I TA N N I E N

30 Die deutsche InsurTech Landschaft 2020


F R U N D G B M I T S TA R K E M
K O O P E R AT I O N S F O K U S
Vergleich InsurTech-Szenen in Deutschland, Frankreich und UK (I/II)

Anfang des Jahres konnten unsere Versicherungsexperten in


Abb. 20: Anteil InsurTech Typen je Land
Frankreich und Großbritannien ihre lokalen InsurTech-Erhebun- Stand Anfang 2020

gen abschließen. Damit verfügt Capgemini Invent nun über eine


ENABLER DISTRIBUTOREN
harmonisierte InsurTech-Datenbank der drei wesentlichen FULL
CARRIER
InsurTech-Märkte in Europa. Initiale Ergebnisse dieser Erhebun- GB 45% 54% 1%
gen wurden Anfang des Jahres im Rahmen des Paris FinTech
Forums vorgestellt, weitere Auswertungen wurden auch im
World InsurTech Report von Capgemini und EFMA aufgegriffen. FR 52% 47% 1%

Mit der Erweiterung unserer InsurTech Datenbank auf


Frankreich und Großbritannien kann erstmals ein ver- DE 51% 40% 9%
gleichender Blick auf die drei europäischen InsurTech-
© Capgemini Invent 2020
Landschaften geworfen werden.

Frankreich verfügt mit 169 InsurTechs Anfang 2020 über Auch in Frankreich sind mittlerweile Enabler die größte
die größte InsurTech-Szene in den drei betrachteten InsurTech Kategorie. Mit 52% ist ihr Anteil ähnlich groß wie
Ländern. Unsere Auswertung in Großbritannien kommt auf in Deutschland. In Großbritannien hingegen sind Distributo-
90 InsurTechs. ren weiterhin die stärkste InsurTech Fraktion. Mit 45% spie-
len die Enabler aber auch hier eine wichtige Rolle.
Deutschland ist klarer Vorreiter im Kontext Full Carrier:
Nur 1% der InsurTechs in Großbritannien und Frankreich sind Versicherern gegenüber kooperativ eingestellte Insur-
mit eigener Versicherungslizenz am Start. Sowohl in Frank- Techs sind die mit Abstand größte Gruppe. In allen drei
reich als auch in Großbritannien hat sich eher das Modell des Märkten stellen diese InsurTechs über 80% der betrachteten
Assekuradeurs oder Managing General Agent für InsurTechs Unternehmen. Damit zeigt sich auch über Deutschland
durchgesetzt. Mit einem starken (Rück-) Versicherungspart- hinaus, dass InsurTechs etablierte Versicherer als notwendige
ner werden eigene Produkte oder Produktvarianten ent- Partner und Kunden sehen: Sie richten ihre Produkte und
wickelt. Der jeweilige Versicherungspartner steht mit seiner Lösungen für Versicherer aus oder binden sich in ihre
Bilanz und Kompetenz im Hintergrund und verringert so Wertschöpfungskette ein.
drastisch die regulatorischen Hürden und Kapital-Bedürf- InsurTechs in Großbritannien sind besonders kooperativ
nisse. eingestellt. 98% der InsurTechs streben eine Form der
Zusammenarbeit mit etablierten Versicherern an. In Frank-
reich liegt dieser Anteil mit 88% etwas niedriger. Deutsch-
Abb. 21: Anteil kooperativer InsurTechs land, getrieben unter anderem durch einen deutlich höheren
Anteil an Full Carriern, weist hier mit 83% den niedrigsten
GB FR DE
Wert auf.

98% 88% 83%


kooperativ kooperativ kooperativ

© Capgemini Invent 2020

31
PA R I S U N D LO N D O N S I N D EU
I N S U R T EC H H A U P T S TÄ DT E
Vergleich InsurTech-Szenen in Deutschland, Frankreich und UK (II/II)

Paris und London dominieren als InsurTech Standort ihre InsurTechs in Paris und 76 InsurTechs in London bieten beide
Länder. Der große Fokus der wirtschaftlichen Tätigkeit auf Standorte einfachen Zugang zu den wesentlichen Playern der
die Hauptstädte in Frankreich und Großbritannien zieht sich Länder. Zusätzlich stehen InsurTechs die wichtigen Player der
auch bei den InsurTechs durch. Paris allein steht für 74% der Branche vor Ort zur Verfügung: Das Eingehen von Koopera-
französischen InsurTechs, London beheimatet sogar 85% der tionen oder eine intensive Zusammenarbeit beinhaltet keine
InsurTechs in Großbritannien. Die Innovation der Versiche- schwierigen Abwägungen zu Standortverlagerungen oder
rungswirtschaft geht somit größtenteils an anderen Teilen kostenintensiver Reisetätigkeit.
der Länder vorbei. In Deutschland sieht es genau umgekehrt
Eine stärkere thematische Profilierung der deutschen Insur-
aus: 77% der InsurTechs sind nicht in Berlin, dem größten
Tech-Städte könnte helfen, trotz wesentlich kleinerer Stand-
InsurTech Standort des Landes. Neben dem zweiten, großen
orte globale Relevanz zu erlangen und auch Player aus dem
InsurTech-Knoten München können auch diverse weitere
Ausland anzuziehen. Jedoch sind die InsurTech-Initiativen
Städte eine signifikante Anzahl an InsurTechs vorweisen.
bisher vor allem regional geprägt und fungieren überwie-
Die Dominanz von Paris und London vereinfacht die gend als „Kontaktbörse“ für Versicherer.
Vernetzung und den Kontakt zu Investoren. Mit 125

Abb. 22: Vergleich InsurTech Hauptstädte

P RIS L NDON BERL N

125
Insur
Techs
76
Insur
Techs
37
Insur
Techs

26% 15% 77%


Restliches Restliches
Restliches
Frankreich Großbritannien
Paris London Berlin Deutschland
74% 85% 23%

© Capgemini Invent 2020

32 Die deutsche InsurTech Landschaft 2020


33
I H R E A N S P R EC H PA R T N E R
Gerne erstellen wir auch individuelle Auswertungen der InsurTech Datenbank für Ihre Bedürfnisse

Thomas Hillar Jan-Thomas Schmale


Vice President Manager
Head of Insurance DACH Lead InsurTech Studie & Datenbank-
[Link]@[Link] [Link]@[Link]
+49 (0) 151 4025 2165 +49 (0) 151 1137 4274

Sarah Maria Paessens


Weitere Autorin

34 Die deutsche InsurTech Landschaft 2020


35
Über
Capgemini Invent
Capgemini Invent ist die weltweite Beratungseinheit der Capgemini-Gruppe für digitale
Innovation und Transformation. Sie hilft CxOs dabei, die Zukunft ihrer Unternehmen zu planen
und zu gestalten. Das Team vereint Strategie, Technologie, Data Science und kreatives Design mit
fundierter Branchenexpertise, um neue digitale Lösungen und die Geschäftsmodelle der Zukunft
zu entwickeln. Capgemini Invent beschäftigt über 7.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an
mehr als 30 Standorten sowie in 25 Kreativstudios weltweit.

Capgemini Invent ist integraler Bestandteil von Capgemini, einem der weltweit führenden
Anbieter von Management- und IT-Beratung, Digitaler Transformation sowie Technologie- und
Ingenieursdienstleistungen. Als ein Wegbereiter für Innovation unterstützt das Unternehmen
seine Kunden bei deren komplexen Herausforderungen rund um Cloud, Digital und Plattformen.
Auf dem Fundament von mehr als 50 Jahren Erfahrung und umfangreichem branchenspezifischen
Know-how hilft Capgemini seinen Kunden, ihre Geschäftsziele zu erreichen. Hierfür steht
ein komplettes Leistungsspektrum von der Strategieentwicklung bis zum Geschäftsbetrieb
zur Verfügung. Capgemini ist überzeugt davon, dass der geschäftliche Wert von Technologie
durch Menschen entsteht und agiert als ein multikulturelles Unternehmen mit 270.000
Mitarbeiterinnen sowie Mitarbeitern in fast 50 Ländern. Einschließlich Altran beläuft sich der
Umsatz für das Jahr 2019 auf 17 Milliarden Euro.
People matter, results count.

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[Link]/de-de/invent

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